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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 42
Wie liebenswürdig, wie aufrichtig das alles klang, und wie war sie bei dem feurigen Eifer, der sie beseelte, so reizend befangen.
Der Pädagogin wurde das Herz weit, die scheltenden Worte erstarben ihr auf den Lippen, und es war ihr zum erstenmal, als sei dies elternlose Kind ihr eigenes, als fiele sein Wohl und Wehe mit dem ihren zusammen, als sei sie, die ein Leben lang nur an sich selbst und an das eigene Beste gedacht und die Erziehung Marias bis dahin als Gegenleistung für Sold und Unterhalt betrachtet hatte, als sei sie im stande, für dies Kind sich selbst und ihr letztes zu opfern.
Und wie nun die Kleine ihr die Arme um den Hals schlang und sie anflehte, sie nicht zu verraten, sondern ihr vielmehr bei ihrem guten Werk zu helfen, das ja nichts Geringeres bezwecke, als Paula und Orion, die gefährdeten Unglücklichen, zu retten, begannen ihre trockenen Augen feucht zu glänzen, und sie küßte die glühenden Wangen Marias von neuem und sagte ihr, daß sie ihr liebes, liebes Töchterchen sei.
Das stärkte dieser den Mut, und mit pathetischer Würde, die auf den Lippen der Erzieherin ein Lächeln erweckte, nahm sie die Bibel Eudoxias vom Pulte, und legte sie auf den Tisch und sagte, indem ihr flehender Blick das Auge der Griechin suchte: »Schwöre mir — nein, Du mußt ganz ernst bleiben; denn etwas Wichtigeres kann es nicht geben — schwöre mir, keiner Seele zu verraten, auch nicht der Mutter Johanna, was ich Dir anvertrauen möchte.«
Das versprach Eudoxia, doch einen Eid wollte sie nicht leisten. »Ja, ja, nein, nein,« sei nach dem Gebote des Herrn der beste Schwur eines Christen; aber Maria klammerte sich an sie, streichelte ihr die hageren Wangen und versicherte endlich, nicht reden zu können, wenn Eudoxia ihr den Willen nicht thue, und dieser süßen Schmeichelei konnte die Griechin in dieser Stunde nicht widerstehen und duldete es, daß Maria über ihre, der so viel Aelteren, Hand verfügte und sie auf die Bibel legte, und als dies einmal geschehen, that Eudoxia ihr auch weiter den Willen und leistete mit lebhaftem Kopfschütteln und wie gezwungen den Eid, den ihr Zögling ihr vorschrieb.
Darauf warf sich die Erzieherin wie erschöpft und erschreckt über die eigene Schwäche auf den Diwan, und die Kleine benützte ihren Sieg, und kauerte sich sogleich zu ihren Füßen nieder und erzählte ihr alles, was sie von Paula und den Gefahren wußte, die sie und Orion bedrohten; und dabei war sie, die längst bemerkt hatte, in wie großer Gunst der Jüngling bei der Griechin stand, listig genug, die Gefahr, in der dieser schwebte, lebhaft hervorzuheben.
Bis dahin hatte Eudoxia nicht aufgehört, ihr die Locken zu streicheln und allem, was sie sagte, beizupflichten; doch als sie hörte, Maria habe im Sinn, den Botendienst selbst zu übernehmen, fuhr sie entsetzt in die Höhe und erklärte bestimmt, solchem Wagnis, solcher unseligen Thorheit nie und nimmer beizupflichten.
Nun aber führte Maria alles ins Feld, was ihr an Ueberredungs- und Schmeichelkünsten zu Gebot stand. Es war kein anderer passender Abgesandter zu finden, und es handelte sich doch um Orions, um Paulas Leben.
War denn solch ein Ritt über die Berge etwas so Großes?
Wie gut verstand sie ihr Tier zu lenken, wie wenig litt sie unter der Hitze! War sie nicht mehr als einmal von Memphis auf die Güter im Seeland geritten? Und der treue Rustem, der war doch bei ihr, und auf der Straße über die Berge, der sichersten im Lande, gab es Stationen mit Unterkunft für die Fremden. Und fanden sie den Feldherrn, so wußte sie über alles besser Auskunft zu erteilen als irgend eine andere Menschenseele auf Erden.
Aber die Griechin ließ sich nicht erweichen, wenn sie auch zugab, Marias Vorhaben sei so unsinnig nicht, wie es ihr anfänglich erschienen.
Da unterbrach sie die Kleine, und diesmal erinnerte sie Eudoxia noch einmal an ihren Schwur und machte sie dann zur Vertrauten der Gefahr, welcher sie, Maria, sich selbst durch ihren Botenritt zu entziehen hoffte.
Und nun erzählte sie der Griechin von ihrer Begegnung mit dem Prälaten, und wie auch Frau Johanna für sie und ihre Zukunft besorgt sei. Ach, das Leben hinter Mauern, hinter Schloß und Riegel erschien ihr so furchtbar, und sie wußte ihr Grauen davor, ihre Liebe zur Freiheit und für frisches, rüstiges, thätiges Leben unter Menschen und Freunden, und ihre Hoffnung, daß der Feldherr Amr, wenn sie sich unter seinen Schutz stelle, sie vor dem allem bewahren werde, so lebhaft, so warm, so rührend zu schildern, daß der Widerstand der Griechin hinschmolz, und das alternde Mädchen mit den Händen vor den in Thränen schwimmenden Augen ausrief:
»Es ist gräßlich, es ist unerhört, doch vielleicht ist es dennoch das Beste. Reite dem Feldherrn entgegen, reite nur, reite!«
Und als das warme, liebe, daseinsfrohe junge Geschöpf darauf an ihrem Halse hing, freute sie sich ihrer Schwachheit; denn diese schöne, frische, lebensvolle Menschenblume sollte nicht in Zwang und Gefangenschaft verkümmern, sollte glücklich bleiben und glücklich machen, sollte, ihr und allen Guten zur Freude, sich zu voller, schöner Blüte entfalten.
Und Eudoxia kannte die Witwe und wußte, daß sie sie verstehen lernen werde, wenn sie dem Kinde beistand, freilich unter übler Fährnis, sich vor der schwersten Gefahr zu retten, die einer Menschenseele drohen kann, der Gefahr, in stetem Widerstreit mit sich selbst etwas anderes sein zu müssen als das, wozu sie durch Begabung und Neigung bestimmt ist.
Mit einem schmerzenden Seufzer empfand Eudoxia, was sie selbst, von einem grausamen Schicksal genötigt, in Unfreiheit und Unlust, aus einem warmblütigen, großsinnigen jungen Wesen geworden, und sie, die engherzige Pädagogin, gab dem wunderlichen und kühnen Verlangen eines Kindes nach, das größere Frauenseelen belächelt, verurteilt, abgewiesen haben würden.
Nachdem es Tag geworden, verrichtete Eudoxia selbst, was sie sonst der Zofe überlassen: sie ordnete Maria das Haar, und dabei sprach sie mit ihr und hörte ihr zu, als sei in dieser Nacht aus dem Kinde eine Jungfrau geworden.
Dann begleitete sie die Schülerin in den Garten, und wo es nur anging, blieb sie an ihrer Seite.
Frau Johanna und Pulcheria wunderten sich beim Frühmahl über ihr eigentümliches Verhalten, doch es mißfiel ihnen nicht, zumal auch Maria vor Glückseligkeit strahlte.
Ohne Widerrede ließ die Witwe das Mädchen in die Stadt, um dort den geheimnisvollen Auftrag für seinen Oheim auszurichten. Rustem begleitete es ja, und was dies Kind so fröhlich machte, konnte sicher nur recht und erlaubt sein. Orions Karten und Tabellen waren ihm zeitig in den Kerker geschickt worden, und bevor die Kleine mit ihrem großen Begleiter aufbrach, kehrte Gibbus mit dem Briefe des gefangenen Jünglings an den Feldherrn zurück.
Unterwegs wurde verabredet, Maria solle beim Einbruch der Nacht in der Herberge des Nesptah zu Rustem stoßen. In dieser Zeit des Futtermangels und Sterbens waren Reittiere jeder Art samt ihren Pflegern und Führern in Ueberfluß zu haben, und der Perser, der mit diesen Dingen vertraut war, hielt es für das Beste, nur schnelle Dromedare zu erwerben, und ein leichtes Zelt für die »kleine Herrin« mit sich zu führen.
Bei der Wohnung des Juweliers Gamaliel hieß Maria ihn warten, und der heitere Goldschmied empfing sie mit ungeheuchelter Freude.
Was war aus dem Hause des großen Mukaukas geworden. Feuer hatte diesen Wohnsitz der Gerechtigkeit vernichtet wie die ägyptischen Städte, denen der Prophet das gleiche Schicksal vor tausend Jahren verkündet.
Gamaliel wußte, in wie großer Gefahr Orion schwebte und was die edle Jungfrau bedrohte, die ihm einmal die kostbarste aller Gemmen geschenkt und ihm dann einen Teil ihres Vermögens anvertraut hatte.
Wenigstens ein Mitglied des Hauses seines verstorbenen Gönners wohlbehalten vor sich zu sehen, hob ihm das Herz. Eine teilnehmende Frage nach der andern richtete er an Maria, und seine Frau wollte ihr von ihren guten Aprikosentörtchen bringen, sie aber bat Gamaliel, ihr sogleich eine geheime Unterredung zu bewilligen; und nun führte sie der Juwelier in seine kleine Werkstatt und bat sie, gutes Zutrauen zu haben; denn was die Enkelin des Mukaukas Georg auch immer von ihm begehre, das sei im voraus gewährt.
Da löste sie verlegen und errötend Orions Ring aus der Umhüllung, reichte ihn dem Juden und bat ihn, ihr dafür zu geben, was recht sei.
In der festen Zuversicht, der freundliche Mann werde ihr ungesäumt Goldstück auf Goldstück hinzählen, schaute sie ihn mit den hellen Augen fragend an; er aber nahm ihr den Ring nicht einmal aus der Hand, berührte ihn nur mit einem flüchtigen Blicke und sagte dann ernst:
»Nein, mein Mädchen; mit Kindern machen wir keine Geschäfte.«
»Aber ich brauche das Geld, Gamaliel,« rief sie dringend. »Ich muß es haben!«
»Muß?« versetzte er lächelnd. »Das ist freilich ein Nagel, der durch das Holz geht; aber stößt er auf Eisen, so krümmt er sich manchmal. Nicht als ob ich hart wär’! Aber ›Geld! Geld! Geld!‹ Von welchem Geld sprichst Du denn eigentlich, Mädchen? Brauchst Du das meine für Brot oder für Kuchen, was wahrscheinlicher aussieht, so mach’ ich die Augen zu und greife getrost in den Beutel; doch irr’ ich mich nicht, so bist Du bei dem Griechen Rufinus, bei dem es an nichts fehlt, gut untergekommen, und ich habe selbst ein hübsches Stück Geld in Verwahrung, das Dein Großvater mir vor zwei Jahren auf Zins gab mit dem Vermerk, es sei eine Erbschaft, die Dir zugekommen sei von Deiner Patin, und auf Deinen Namen lautet die Quittung; so sieht denn Deine Not dem Dinge, das andere Wohlstand nennen, recht ähnlich.«
»Not, Not! Ich habe ja keine,« unterbrach ihn Maria. »Aber das Geld brauch’ ich dennoch, und wenn ich selbst welches besitze und Du hast es vielleicht dort im Kasten, so gib mir davon, was ich brauche.«
»Was Du brauchst?« lachte der Juwelier. »Ja, das geht nicht so schnell, mein Mädchen. Bis dergleichen zu stande kommt, bedarf man in Aegypten viel Zeit und Papyrus und Tinte, eine große Behörde, sechzehn Zeugen, einen Kyrios...«
»Nun, so kaufe den Ring! Du bist so ein freundlicher Mann, Gamaliel. Thu mir den Gefallen! Daß ich Kuchen naschen will, glaubst Du ja selbst nicht.«
»Nein, aber das weiche Herzchen treibt es wohl in dieser schweren Zeit, in der so viele hungern, zu irgend einer andern Thorheit.«
»Gewiß nicht! Kaufe den Ring! Und thust Du mir den Gefallen...«
»So ist der Gamaliel ein Schuft und Schwachkopf in einer Person. Erinnerst Du Dich noch des grünen Smaragds? Den kaufte ich auch, und eine schöne Geschichte hat es gegeben. ‘s ist nichts mit dem Ringe, mein Mädchen.«
Da zog Maria die Hand zurück, und die Enttäuschung und der Kummer, die aus ihren großen, feuchten Augen sprachen, waren so rührend und schmerzlich, daß der Jude sich selbst unterbrach und ernst und herzlich fortfuhr:
»Ich möchte ja lieber den eigenen alten Kopf zum Amboß hergeben, als Dir weh thun, liebes Kind, und, Adonai, ich sage auch gar nicht — warum sollt’ ich’s denn sagen — daß Du in jedem Fall ohne Geld von dem Gamaliel fortgehen sollst! Er hat’s ja, und wenn er auch gern nimmt, so gibt er doch auch nicht ungern, wo es am Platz ist. Den Ring kann ich freilich nicht kaufen, doch nur nicht verzagt und mir recht aufmerksam ins Gesicht geschaut, kleines Fräulein. ‘s ist viel verlangt, und ich habe weit schönere Dinge auf Lager, doch wenn Du darin etwas findest, was Dir Zutrauen einflößt, dann heraus mit der Sprache, und dann sage dem Manne, auf den auch Dein Großvater ein kleines Stückchen gehalten, ins Ohr: ›So viel brauch’ ich, und dazu‹ — wie hast Du gesagt? — ›dazu muß ich es haben!‹«
Und Maria fand in dem munteren, vollen Gesicht des Juden etwas, das ihr Vertrauen einflößte, und in ihrem kindlichen Glauben an der Unverbrüchlichkeit des Eides ließ sie den dritten Menschen, und diesmal das Mitglied einer dritten Glaubensgenossenschaft, schwören, nichts zu verraten, und wunderte sich, daß es auch hier mit der Eidesabnahme, in der sie schon förmliche Uebung besaß, so leicht ging. — Auch erwachsene Leute erkaufen sich ja so gern mit einem billigen Schwur eines andern teures Geheimnis. Und nachdem sie sich so der Verschwiegenheit des Israeliten versichert, vertraute sie ihm an, daß sie in Orions Auftrag dem Feldherrn einen Boten entgegen zu schicken habe, damit er ihn und Paula rechtzeitig vom Tode errette.
Der Goldschmied hörte ihr aufmerksam zu, und bevor sie noch völlig geschlossen, machte er sich an dem eisernen, in den Boden eingemauerten Kasten zu schaffen und unterbrach sie mit der Frage: »Wie viel?«
Da nannte sie die von Nilus bezeichnete Summe, und kaum war ihr Bericht zu Ende, als der Jude, der den Griff, mit dem er die Kasse öffnete, sogar vor seinem Weibe geheim hielt, ihr zurief:
»Nun schau doch einmal zum Fenster hinaus, Du Wunder von einem Abgesandten und Gelderheber, und wenn Du drunten im Hofe nichts siehst, so denke Dir, da stünde einer, der wie der alte Gamaliel aussieht, und der kriegte Dich am Kopfe und gäbe Dir einen tüchtigen Kuß. Und stelle Dir auch vor, er dächte dazu ganz still bei sich: ›Gott im Himmel, wenn mein Töchterchen, das Ruthchen, doch würde wie die kleine Maria, das Großkind des gerechten Mukaukas!‹«
Dabei sprang der dicke, lebhafte Mann, der sich auf die Kniee niedergelassen, keuchend in die Höhe, ließ den Deckel der Truhe offen, eilte auf das Kind zu, welches längst zum Fenster hinaus sah, drückte ihm von hinten her einen Kuß aus die Locken und lachte dabei: »Das, kleines Gelderheberchen, das soll mein Zins sein. Aber weiter hinausgeschaut, bis ich Dich wieder rufe!«
Behend eilte er sodann mit den kurzen Beinen zu der Kasse zurück, wischte sich die Augen, entnahm ihr einen kleinen Beutel mit Gold, dessen Inhalt die geforderte Summe um ein weniges überbot, schloß die Truhe wieder zu, blickte dabei mit einem Gemisch von Mißtrauen und herzlichem Wohlgefallen auf Maria und rief sie endlich zu sich heran.
Darauf schüttete er den Beutel vor ihr aus, zählte die Summe, welche sie gefordert, ab, steckte die übrig gebliebenen Goldstücke zu sich, reichte dem Kinde den Beutel und ersuchte es dann, während er das Zimmer verließ, mit einem listigen Schmunzeln, seinen »Vorschuß« in das Säckchen zurückzuzahlen und auf ihn zu warten.
Als er wieder kam, war sie mit der Arbeit fertig und bemerkte schüchtern: »Es fehlt doch wohl ein Goldstück.«
Da schlug er sich mit beiden Händen vor die Brust, schaute gen Himmel und rief: »Gott, welch ein Mädchen! Da ist der Solidus, Kind; laß Dir sagen von einem erfahrenen Mann! Was Du unternimmst, das wird glücken. Du weißt, was Du thust, und wenn Du einmal groß bist und einer wird kommen, um Dich zu freien, der wird auf einen Markt gehen, der gut ist. Und nun noch Deine Unterschrift hieher. Zwar mündig bist Du nicht, und der Zettel — Gott verhüte das Schlimmste — ist wohl nicht viel mehr wert, als eben ein Zettel, die Tinte mit inbegriffen, doch es ist wegen der Ordnung.«
Nun griff Maria zur Feder, und während sie zuerst überflog, was Gamaliel geschrieben, rief dieser in einem neuen Ausbruch warmer Begeisterung:
»Ein Mädchen, ein Kind! Und es liest, es prüft, es überzeugt sich, bevor es die Unterschrift leistet! Gott segne Dich, Kind! Und da kommen die Törtchen, und Du wirst sie kosten, bevor Du... Gott, gerechter! Ein Kind, und solche wichtige Sachen!«
Sechsundvierzigstes Kapitel.
Während Rustem, dem Maria das Gold des Juweliers anvertraut hatte, die Vorbereitungen zur Reise mit der Umsicht des geübten Karawanenführers traf und Maria und ihre Erzieherin die Perserin Mandane trösteten und ihr vorstellten, daß Rustems Reise bestimmt sei, Paula das Leben zu retten, fand im Gerichtssaal eine neue Sitzung statt.
Diesmal war Orion der Angeklagte. Kaum hatte er sich in die Pläne und Listen zu vertiefen begonnen, deren er für seine Arbeit bedurfte, als man ihn vor die Schranken berief.
Die Zusammensetzung des Gerichtshofs war dieselbe wie gestern.
Zu den Zeugen waren außer Paula der neue Bischof Johannes, sowie auch der Juwelier Gamaliel gekommen, welcher, bald nachdem ihn Maria verlassen, einen Ruf vor Gericht erhalten.
Der Ankläger beschuldigte den Sohn des Mukaukas, einen kostbaren Smaragd, der von seinem Vater der Kirche vermacht worden sei, trotz der Mahnung des Patriarchen unterschlagen zu haben.
Orion übernahm seine Verteidigung selbst, wiederholte alles, was er dem Kirchenfürsten gegenüber im Arbeitszimmer seines Vaters zu seiner Rechtfertigung vorgebracht hatte, und erklärte darauf, dieser widrigen Sache dadurch ein schnelles Ende machen zu wollen, daß er den Stein herausgebe und ihn den Richtern zur Verfügung stelle.
Damit übergab er Paulas Smaragd dem Kadhi, und dieser händigte ihn dem Bischof ein. Doch Johannes zeigte sich noch nicht befriedigt, sondern verlas das schriftliche Zeugnis der Witwe Susanna, welche zugegen gewesen war, wie der verstorbene Mukaukas Georg im Beisein seines Sohnes sämtliche in dem persischen Teppich enthaltenen Juwelen als sein Geschenk an die Kirche bezeichnet hatte. Orion sei also einer Hinterziehung verdächtig, und es werde schwer halten, festzustellen, ob der schöne Stein dort auf dem Tische derjenige sei, auf welchen die Kirche Anspruch besitze.
Das alles ward mit großer Lebhaftigkeit vorgebracht und trug den Stempel feindseliger Gesinnung.
Gehorsam und Ueberzeugung zwangen den eifrigen Prälaten zu diesem Verhalten; denn dieselbe Taubenpost, durch welche der Patriarch ihn zum Bischof ernannt hatte, forderte ihn auf, die Bestrafung Orions durchzusetzen, der ein Dorn sei im Fleische der jakobitischen Kirche, ein räudiges Schaf, das die gesunden anzustecken drohe. Wenn der Jüngling einen Smaragd ausliefern werde, so sei genau zu prüfen, ob es der rechte oder ein untergeschobener Stein sei.
Daraufhin hatte der Bischof seinem Mißtrauen Ausdruck gegeben, und wenn dies auch unter den arabischen Richtern ein unwilliges Gemurmel hervorrief, ging der Kadhi doch auf den Argwohn des Prälaten ein, indem er erklärte, daß gestern Abend ein Brief seines Oheims, des Kaufherrn Haschim, aus Dschidda bei ihm eingelaufen sei, in dem auch des Smaragds Erwähnung geschehe. Sein Sohn habe den Stein ohne sein Wissen vor seinem Aufbruch nach Aegypten gewogen, und hier sei die genaue Angabe des Gewichtes. Der Juwelier Gamaliel sei mit der Wage hieher beschieden worden und möge sie zur Beruhigung des Bischofs in Thätigkeit setzen.
Ungesäumt ging der Jude ans Werk, und der alte Horus Apollon, der sich auf diese Dinge aufs genaueste verstand, rückte ihm dabei ganz nahe, um jede seiner Bewegungen argwöhnisch zu überwachen.
Mit fiebernden Pulsen hingen Orion und Paula, scharf gespannt alle übrigen Anwesenden an den Händen und Lippen des Juweliers, welcher der ersten Wägung bald eine zweite folgen ließ. Die dritte unternahm der Greis mit scharfem Blick, doch leise bebenden Fingern, und alle drei lieferten das gleiche Ergebnis: dieser Stein war um einige Durrakörner schwerer als derjenige, welchen der Sohn des Kaufherrn gewogen, und dennoch erklärte der Juwelier, daß sich unter allen Smaragden der Welt kein reinerer, tadelloserer und schönerer befinde.
Erleichtert atmete Orion auf, und unter den Richtern erhob sich die Frage, ob der junge Araber sich einer Ungenauigkeit schuldig gemacht habe oder ob hier in der That eine Vertauschung vor sich gegangen. Doch daran war schwer zu denken; denn sie hätte ja dem Angeklagten zum Nachteil, der Kirche zum Vorteil gereicht.
Der billig denkende Bischof sagte sich nun, das Mißtrauen des Kirchenfürsten gehe in diesem Falle doch wohl zu weit, und öffnete in dieser Angelegenheit nicht wieder die Lippen.
Der Wekil Obada hatte sich während dieser ganzen Verhandlung Schweigen auferlegt, doch der herausfordernde, siegesgewisse Blick, mit dem er bald Paula, bald Orion maß, stellte das Schlimmste in Aussicht.
Nachdem der Ankläger den Jüngling auch der Teilnahme an der vielbesprochenen blutigen Flucht beschuldigt, beteuerte dieser seine Unschuld und hob hervor, daß er sich während des verhängnisvollen Kampfes zwischen den Arabern und den Beschützern der Nonnen in Gesellschaft des Feldherrn Amr befunden habe, wie dieser bestätigen werde. Durch eine unerhörte That der Willkür sei er auf einen bloßen falschen Verdacht hin seines Besitzes und der Freiheit beraubt worden, und er hoffe zunächst auf einen gerechten Spruch der Richter, dann aber auch auf Schutz und Genugtuung von seiten seines Herrn, des Chalifen.
Dabei blickte er mit flammenden Augen auf den Wekil, doch der Schwarze wußte auch jetzt die Ruhe zu bewahren, und dies steigerte die Besorgnis derer, die es wohl mit dem Jünglinge meinten.
Obada, dies ging aus allem hervor, mußte überzeugt sein, seinem Opfer die Schlinge sicher um den Hals geworfen zu haben, und bald zeigte sich auch, was ihn dazu bestimmte; denn nachdem Orion seine Verteidigung kaum geschlossen, erhob er sich und überreichte dem Kadhi mit einem hämischen Grinsen das Täfelchen, welches der Alte ihm gestern überlassen, nannte es ein an die Damascenerin gerichtetes Schreiben und ersuchte den Kadhi, Kenntnis davon zu nehmen. Die Hitze habe zwar manches im Wachs auf der Tafel verwischt, doch die meisten Buchstaben seien immer noch erkennbar. Der würdige Horus Apollon habe sie schon entziffert und sich bereit erklärt, den Richtern vorzulesen, was der Angeklagte, den die eigene Rede ja als weiße Taube hinstelle, in seiner Unschuld und Wahrhaftigkeit für seine schöne Braut niedergeschrieben.
Dabei winkte er dem Greise und unterstützte ihn, als er sich mühsam erhob; doch der Kadhi ersuchte ihn, zu warten, ließ sich durch den Dolmetscher von dem Inhalt des Briefes unterrichten und wandte sich, nachdem dieser mit vieler Mühe seine Pflicht erfüllt, nicht an den Greis, sondern an Obada und fragte ihn, woher dies Schriftstück stamme.
»Ans dem Pult der Damascenerin,« versetzte der Schwarze. »Mein alter Freund dort hat es darin entdeckt.«
Dabei wies er auf Horus Apollon, und dieser bestätigte seine Aussage durch einen beistimmenden Wink.
Nun erhob sich der Kadhi, schritt auf die Jungfrau zu, der das Blut vor Entrüstung aus den Wangen gewichen, wies ihr das Täfelchen und fragte sie, ob sie es als das ihre anerkenne, und Paula erwiderte, nachdem sie sich von seinem Zustand genau überzeugt, mit einem Blick auf den Alten, aus dem ihm Verachtung und Abscheu entgegenflammten:
»Ja, Herr, es ist das meine. Dieser unwürdige Greis nahm es mit ruchloser Hinterlist aus meinen Schriften.«
Einen Augenblick stockte ihr die Stimme, dann aber wandte sie sich den Richtern zu und rief:
»Wenn unter euch einer ist, dem Hilflosigkeit und Unschuld heilig und Arglist und Tücke verhaßt sind, so begibt er sich zu der Gattin des Rufinus, über deren Schwelle dieser da wie der Marder in den Taubenschlag geschlichen, aus keinem andern Grunde geschlichen ist, als um gastliche Güte mit Füßen zu treten, ihr Haus zu durchstöbern und zu entwenden, was ihm nützen kann zu seinen bübischen Zwecken, und warnt die verlassene Frau vor dem verräterischen Auskundschafter und Diebe!«
Da hob der Alte schnaufend und keines Wortes mächtig den dürren Arm, die christlichen Richter flüsterten einander gar verschiedene Meinungen zu, der Jude Gamaliel aber schob den runden Körper auf der Zeugenbank hin und her, pochte sich lebhaft und unablässig mit den Fingerspitzen an die Brust und suchte bald Paulas, bald Orions Augen auf sich zu ziehen, um anzudeuten, daß er der Mann sei, die Frau des Rufinus zu warnen. Doch ein Faustschlag des Wekil, der seine Schulter unerwartet traf, brachte ihn zur Ruhe, und während er sich leise wimmernd die schmerzende Stelle rieb und es nicht wagte, den mächtigen Mann wegen seiner Gewaltthat zurechtweisen zu lassen, übergab der Kadhi dem Greis die Tafel und forderte ihn auf, den Brief zu verlesen.
Doch die furchtbare Anklage, welche diesem von der verhaßten Patriciustochter ins Gesicht geschleudert worden war und seiner Uebersiedlung in das Haus des Rufinus Beweggründe unterschob, die ihr in Wirklichkeit fern gelegen, hatten ihn so tief erregt und empört, daß ihm seine alte, ohnehin schwer atmende Lunge den Dienst versagte.
Ein neues Unrecht war ihm von diesem Weibe zugefügt worden; denn die freundlichste Absicht hatte ihn zu den Frauen geführt, und nur ein Zufall ihm das Täfelchen in die Hand gespielt. Dennoch mußte der Witwe des Rufinus die Beschuldigung, er sei als Spion in ihr Haus gedrungen, heute noch zu Ohren kommen, und dann war es wohl auf immer aus mit den köstlichen letzten Tagen, von denen er geträumt, und sogar sein Philipp konnte im stande sein, mit ihm zu brechen.
Alles, alles durch die Schuld dieses Weibes!
Er fand keine Worte, doch wie er sich auf die Zeugenbank zurücksinken ließ, traf Paula ein Blick, so gesättigt von Haß, so übervoll von Gift und Groll, daß sie leise zusammenschauderte und sich sagte, dieser Mann sei bereit, selbst unterzugehen, um ihr den Untergang zu bereiten.
Doch der Dolmetscher begann schon Orions Brief zu verlesen und ihn den Arabern zu übersetzen, und während er stammelnd und mit der Versicherung, kein Buchstabe sei deutlich zu erkennen, seine Pflicht erfüllte, erlangte sie die volle Sammlung zurück, und kurz bevor der Hermeneut seine Arbeit vollendet, flog es wie Sonnenschein über ihre reinen Züge. Ein schöner, großer, erfreulicher Gedanke mußte in ihrem Haupte aufgeblitzt sein, und man sah ihr an, daß es ihr gelungen, ihn festzuhalten und sich an ihm zu weiden.
Orion, der ihr gegenüber saß, bemerkte es wohl, doch er verstand noch nicht, was ihr flehender Blick ihm zu sagen hatte, was sie von ihm verlangte, als sie die Hand auf die Brust drückte und ihm dabei so dringlich bittend ins Auge schaute, daß es ihm tief ins Herz drang.
Jetzt schwieg der Dolmetsch, und was er gelesen, hatte tief auf die Richter gewirkt.
Aus den wohlwollenden Zügen des Kahdi sprach ernste Besorgnis, und der Inhalt des Briefes schien wohl geeignet, solche zu erwecken. Sein Wortlaut war dieser:
»Nachdem ich lange vergeblich auf Dich gewartet, muß ich mich endlich zum Aufbruch entschließen, und wie vieles hatte ich Dir doch noch zu sagen. Ein schriftliches Lebewohl...«
Hier waren einige Zeilen verwischt, dann aber folgte der verhängnisvolle, lesbare Schluß:
»Wie anders hatte ich gewähnt, diesen Tag zu beschließen, der zum größten Teil den Vorbereitungen für die Flucht der Nonnen geweiht war, und es ist mir eine Freude gewesen, für die guten, unschuldigen und ungerecht verfolgten Schwestern das Meine zu thun. Ihnen wollen wir das Beste wünschen, uns beiden aber auf morgen ein ungestörteres Wiedersehen und einen Abschied, der Erinnerungen in uns zurückläßt, an denen wir lange zehren können. Wie es unter den Aegyptern derjenige war, den wir beide betrauern, ist es unter den Arabern der herrliche Feldherr Amr...«
Hier schloß der Brief, und an seinem Ende fehlten nicht volle drei Zeilen.
Nachdem der Kadhi das Täfelchen kurze Zeit in der Hand gewogen, schlug er den gesenkten Blick wieder zu der in großer Spannung harrenden Versammlung auf und begann:
»Wenn auch der Angeklagte nicht zu denen gehörte, welche meuterisch gegen unsere bewaffnete Macht die Hände erhoben, so geht doch unanfechtbar aus dem Verlesenen hervor, daß er nicht nur um die Flucht der Nonnen gewußt, sondern ihr auch eifrig Vorschub geleistet. — Wann hast Du dies Schreiben empfangen, edle Jungfrau?«
Da preßte Paula die Hände fest zusammen und entgegnete mit leicht gesenktem Haupt und zu Boden gerichtetem Blick:
»Wann ich es empfangen? Niemals; denn der Brief ist von mir selbst. Ich hab’ ihn geschrieben.«
»Du?« fragte der Kadhi erstaunt.
»Von mir ward er an Orion gerichtet,« erwiderte Paula.
»Von Dir an ihn? Doch wie kommt er dann in Dein Pult?«
»Auf sehr einfache Weise,« erklärte sie, immer noch mit gesenktem Blick. »Nachdem ich den Brief an meinen Bräutigam gerichtet, warf ich ihn zu den anderen Täfelchen, sobald er unnötig geworden; denn er erschien selbst, und ich brauchte ihn nicht lesen zu lassen, was man besser mündlich bespricht.«
Dabei flog ein eigentümliches Lächeln um ihre Lippen, ein lautes Gemurmel ging durch den Saal, Orion blickte in wachsender Verwirrung bald auf das Mädchen, bald auf den Kadhi; der Schwarze aber sprang auf, schlug auf den Tisch, daß es dröhnte, und schrie:
»Nichtswürdige Ränke! Wer von euch läßt sich hier von elender Weiberlist foppen?«
Horus Apollon, der die Ruhe wieder erlangt, kicherte ihm heiser und schadenfroh ins Antlitz, die Richter schauten einander verlegen an, doch als der Schwarze weiter zu wettern fortfuhr, unterbrach ihn der Kadhi und erteilte Orion das Wort, der mit heiß glühenden Wangen ihn schon zum zweitenmal angerufen und nun, der Sprache kaum mächtig, hervorstieß:
»Nein, nein, Othman; nein, nein, ihr Herren, glaubet ihr nicht. Nicht sie... ich, ich habe den Brief...«
Aber Paula fiel ihm ins Wort:
»Er? Fühlt ihr’s denn nicht: Er will mich nur retten und nimmt darum meine Schuld auf sich! Aus Edelmut, aus Liebe thut er’s. Glaubt, glaubet ihm nicht! Laßt euch nicht von ihm hintergehen!«
»Ich? Nein, sie, gerade sie,« hob Orion wiederum an, doch bevor er fortfahren konnte, rief ihm Paula mit leuchtenden Blicken zu, das sei eine schlechte Liebe, die sich selbst aus falschem Edelmut mutwillig opfere. Und als sie dabei wiederum die Hand mit flehender Bitte auf die Brust drückte, schwieg er plötzlich still und warf sich, indem er tief ergriffen gen Himmel schaute, auf die Bank der Angeklagten zurück.
Und nun jubelte Paula: »Er hat sich eines Bessern besonnen und läßt ab von dem thörichten Versuch, meine Schuld auf sich zu nehmen. Du siehst es, Othman, ihr seht es alle, würdige Herren. Was ich für die armen Schwestern gethan, laßt es mich büßen!«
»Dein Wille geschehe,« kreischte der Alte, und der Schwarze rief:
»Ein höllisches Lügengespinnst, ein Betrug ohnegleichen! Aber trotz des Schildes, das ein Weib Dir vorhält, komme ich Dir doch an den Hals, verräterischer Bube! Ist es glaublich, ihr Richter, daß man einen vollendeten Brief wochenlang, nachdem er geschrieben, bei dem Schreiber findet und nicht bei dem, an den er gerichtet?«
