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Kitabı oku: «Die Herrin und ihr Knecht», sayfa 11

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»Fritz!« sprang sie empor.

Er hob das Haupt und sah sie an.

Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.

Wirklich Vergangenheit?

Pah – sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.

In die Höhe.

Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags emporschlängelten.

Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.

Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende Helligkeit.

Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.

Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.

Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön, einfangend schön.

Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser – der Zar – Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.

Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.

»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«

Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie gesehen.

»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.

»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«

»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«

Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:

»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«

»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, – Sie wissen schon, Herr Leutnant – die Nachricht überbrachte, können Sie sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie – wie – Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«

»Bei einem fremden Herrn?«

»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«

Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren Krähenton nach:

»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu, sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen. Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«

Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen Freude an.

»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal anschauen.«

Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die Schulter.

»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute kommst! Du ahnst gar nicht, was –«

»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend, »doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«

»Nein, Onkel.«

»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«

»Auch das nicht, obwohl –«

»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, – wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du krank?«

Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden Waffenrock herum.

»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«

Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:

»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses Fieber überwunden.«

Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.

»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er eindringlich.

»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein Wort.«

»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, – da mir Heimlichkeiten auf der Seele brennen – daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat halten.«

Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, – seine Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.

VI

Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften. Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel, Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte, wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.

Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte, sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren Kolonnen.

Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien, trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.

Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht. Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.

Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst geglaubt?

An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche, die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen erzählten sich Gräßliches:

»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand, liegt ein Kohlenhaufen.«

»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«

»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch. Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her, was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«

»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«

»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«

»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«

»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und Brote hingelegt.«

»Herr Jesus, ist sie noch da?«

»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«

»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«

In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.

Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.

»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«

Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.

»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul Bark –«

»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es sieht aus, als ob es regnen wollte.«

Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.

Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.

»Was wollen Sie, Fräulein?«

»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«

Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.

»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«

»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«

Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.

»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand, spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen. »Vorwärts, vorwärts,« trieb er.

Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren der Wipfel.

»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im Schwung erschrak er und hielt ein.

»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.

»Ja – jawohl – wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«

Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken, krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.

O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!

»Baumgartner, sind wir bald da?«

»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde – aber –«

Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur Geduld, es dauert nicht mehr lange.«

Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße, nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.

»Baumgartner, sagten Sie etwas?«

»Ja, Fräulein.«

Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an ihrer Wange spürte.

»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«

Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.

Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.

Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch das Gehölz. Und jetzt – nein, sie täuschte sich nicht – da und dort blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die aufgleißenden grünen Nadelzweige.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
11 ağustos 2017
Hacim:
460 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain