Kitabı oku: «Gedancken von Schertzen»
Georg Friedrich Meier
Gedancken von Schertzen

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066113049
Inhaltsverzeichnis
Vorrede.
§. 1.
§. 2.
§. 3.
§. 4.
§. 5.
§. 6.
§. 7.
§. 8.
§. 9.
§. 10.
§. 11.
§. 12.
§. 13.
§. 14.
§. 15.
§. 16.
§. 17.
§. 18.
§. 19.
§. 20.
§. 21.
§. 22.
§. 23.
§. 24.
§. 25.
§. 26.
§. 27.
§. 28.
§. 29.
§. 30.
§. 31.
§. 32.
§. 33.
§. 34.
§. 35.
§. 36.
§. 37.
§. 38.
§. 39.
§. 40.
§. 41.
§. 42.
§. 43.
§. 44.
§. 45.
§. 46.
§. 47.
§. 48.
§. 49.
§. 50.
§. 51.
§. 52.
§. 53.
§. 54.
§. 55.
§. 56.
§. 57.
§. 58.
§. 59.
§. 60.
§. 61.
§. 62.
§. 63.
§. 64.
§. 65.
§. 66.
§. 67.
§. 68.
§. 69.
§. 70.
§. 71.
§. 72.
§. 73.
§. 74.
§. 75.
§. 76.
§. 77.
§. 78.
§. 79.
§. 80.
§. 81.
§. 82.
§. 83.
§. 84.
§. 85.
§. 86.
§. 87.
§. 88.
§. 89.
§. 90.
§. 91.
§. 92.
§. 93.
§. 94.
§. 95.
§. 96.
§. 97.
§. 98.
§. 99.
§. 100.
§. 101.
§. 102.
§. 103.
§. 104.
§. 105.
§. 106.

Vorrede.
Inhaltsverzeichnis

Die Verbesserung des Geschmacks ist eine so edle Beschäftigung, daß sich jederzeit, die erhabensten Geister eines Volcks, derselben unterzogen haben. Dadurch unterscheiden sich, unter andern, die Patrioten eines Landes, von dem übrigen Hauffen ihrer Mitbürger, daß sie entweder selbst an der Reinigung des Geschmacks, es sey nun in was für Stücken es wolle, arbeiten; oder doch dieses lobenswürdige Unternehmen gerne sehen, wünschen, und befördern helfen. Ich habe mich daher, auf eine lebendige Art, zu überzeugen gesucht, daß es die Pflicht eines redlich gesinten Deutschen mit sich bringe, sich zur Parthey dieser Patrioten zu schlagen, und so viel sein Vermögen ihm erlaubt, auf alle mögliche Art, den Geschmack seiner Landsleute feiner zu machen. Unser Vaterland kan sich in unsern Tagen glücklich schätzen, daß es seinen Nachbarn, auch in diesem Stücke, die Wage zu halten anfängt, und das rühmliche Beyspiel so vieler schönen Geister, die sich um den deutschen Geschmack so sehr verdient machen, ist so reizend, daß es nothwendig Nachahmungs Begierde verursachen muß.
Ich bin so eitel oder so dreist, zu bekennen, daß ich seit geraumer Zeit einen heftigen Trieb in mir empfunden, diesen erwehnten Vorgängern zu folgen. Ich habe aber denselben bisher nur durch einem blossen Wunsch stillen, oder vielmehr unterhalten und verstärcken können. Und jetzo wage ichs in diesen Blättern, meiner Begierde den Ausbruch zu verstatten. Ich kan nicht läugnen, daß ichs mit einiger Bangigkeit thue. Der Geschmack unserer deutschen Kunstrichter ist schon so zart und edel, daß ich zu sehr mit meiner eigenen Arbeit zufrieden seyn müste, wenn ich diese Bogen, ohne alle Furchtsamkeit, ans Licht treten liesse. Ich unterstütze mich, durch das Vertrauen auf die Gütigkeit meiner Geehrtesten Leser, daß sie wenigstens meinen guten Willen nicht mißbilligen werden, wenn auch meine Kräfte zu matt gewesen seyn solten, eine Arbeit zu liefern, die des Beyfalls der Kunstrichter völlig werth wäre.
Ich habe verschiedene Gründe gehabt, warum ich eben von Schertzen meine Gedancken habe drucken lassen. Ich stehe in der Meinung, daß der verdorbene und pöbelhafte Geschmack am häuffigsten noch in den Schertzen herrsche. Man mag nun die Schertze verstehen, die in dem täglichen Umgange vorkommen; oder diejenigen, die unter den Vortrag, es sey derselbe ein mündlicher oder schriftlicher, gemengt werden; oder diejenigen Spasse, die auf der Schaubühne vorgetragen werden. Ich glaube, daß der gantze vernünftige Theil meiner Landesleute überzeugt ist, daß es zu wünschen wäre, daß die Deutschen, auch im spassen, den feinen Geschmack herrschen liessen. Und ich kan mich nicht besinnen, daß eine ausführliche Abhandlung der Schertze in unserer Muttersprache schon vorhanden wäre. Das letzte kan ein Irrthum seyn, und so ists eine Unwissenheits-Sünde, die mir also um so viel eher vergeben werden wird. Dazu kömmt noch, daß eine jede andere Materie, die in das Reich des Geschmacks gehört, und die ich hätte ausführen können, mir jetzo entweder zu schwer oder zu weitläuftig gewesen, und ich halte es für eine vernünftige Maxime eines Schriftstellers, wenn er eine Materie erwehlt, durch die er sich völlig ausdehnen kan.
Ich habe hin und wieder, in diesen Blättern, meine Betrachtungen, eine Critik der Schertze, genennt. Ich weiß nicht, ob alle meine Leser diese Benennung werden genehm halten. Sie haben vielleicht einen andern Begriff von der Critik, als ich mir gemacht habe, und ich kan mich zwar in diesem engen Raume einer Vorrede, nicht weitläuftig in die Untersuchung des Begriffs der Critik einlassen, doch fodert die Rechtfertigung meines Gebrauchs dieses Worts, daß ich meine Begriffe von der Critik überhaupt mit wenigen vortrage. Die Critik, im allerweitesten Umfange, ist die Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen. Sie erstreckt sich über alle mögliche Dinge, und alle Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten derselben. Diese Critik theilt sich in zwey Hauptäste. Der erste ist die Kunst, den Geschmack zu bilden, und lehrt von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, auf eine sinnliche Art, urtheilen. Diese Kunst erstreckt sich über alle sinnliche Vorstellungen, aller Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, aller Dinge. Sie fängt von den Heldengedichten an und geht bis auf die Haarlocken der Stutzer, und Schminckpflästerchen auf den Wangen der Schönen herunter. In hunderttausend Dingen, von dieser Art, kan ein edler und pöbelhafter, ein feiner und grober, ein reiner und verdorbener Geschmack herschen, und man darf sich also nicht wundern, daß diese Kunst ihre Grenzen so weit ausdehnt. Der andere Haupttheil der Critik, lehrt die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten aus deutlichen Begriffen beurtheilen, und bekommt so viele besondere Theile, als es Arten der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gibt. Andere schrencken den Begriff der Critik enger ein, und verstehen darunter, die Wissenschaft historische und vermischte Schriften zu beurtheilen. Im engsten Verstande versteht man darunter die Wissenschaft, die alten Schriftsteller zu beurtheilen, ob sie bis auf unsere Zeiten unverfälscht gekommen, und die eingeschlichenen Fehler zu entdecken und zu verbessern. Diese beyden letzten Begriffe, verhalten sich zu dem meinigen, wie ein Theil zum gantzen. Ich unterscheide von meiner Critik einmal, die Anwendung derselben auf einzelne Fälle, wenn man gewisse Gegenstände, nach den critischen Regeln, würcklich untersucht; und hernach die Wissenschaft der Regeln, von dem Verhalten eines Kunstrichters. Diese letzte würde die Logik der Critik seyn. Die allgemeine Critik könnte man die Metaphysik der Critik nennen. Sie wäre eine Wissenschaft von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten überhaupt und den allerhöchsten Gattungen derselben zu urtheilen. Ich kan meine Begriffe nicht rechtfertigen, ich habe nichts weiter im Sinne gehabt, als den Grund zu zeigen, warum ich meine Gedancken von Schertzen, in diesen Blättern, zur Critik gerechnet habe.
Ich schmeichele mir nicht, daß meine Abhandlung so gut, noch vielweniger so schön gerathen, daß sie untadelhaft. Solche Abhandlungen sind Unternehmungen, dazu gerade ein grösserer Geist erfodert wird, als der meinige ist. Ich mercke es selbst, daß diese Blätter viele Stellen enthalten, die meinen Wunsch nicht zu erfüllen vermögend sind. Und ich sehe es von selbst ein, daß sie in hundert Stellen verbessert werden könnten. Man könnte mir daher, vielleicht nicht ohne allen Grund, einwenden, daß man vernünftiger handele, wenn man eine Schrift von dieser Art, die nicht überwiegend schön und in ihrer Art vortrefflich ist, lieber ungedruckt liesse, als die Anzahl solcher Schriften zu vermehren, die voller Mängel sind. Ich habe aber irgendswo gelesen, daß es Leute gegeben, die niemals Schriftsteller geworden sind, weil sie gar zu gute Schriftsteller haben werden wollen; und, die Wahrheit zu bekennen, ich bin viel zu starck gewesen als daß ich unter dieser Versuchung hätte erliegen sollen. Wenn meine geneigten Leser das schwache dieser Beantwortung übersehen werden, so habe ich das wichtigste erlangt, was ich mir von ihnen, in dieser Vorrede, ausbitten kan.

§. 1.
Inhaltsverzeichnis

Ich begreiffe mit leichter Mühe, daß die mehresten meiner geneigten Leser in den Gedancken stehen, als wenn ein Schriftsteller, der seine Betrachtungen über das Schertzen ihnen vorträgt, ein schöner Geist, und selbst ein spaßhafter Kopf seyn müsse. Ich bin weder das eine, noch das andere, und unterstehe mich dem ohnerachtet von Schertzen zu schreiben. Ich bin der Meinung, daß ein witziger Kopf von dem witzigen, sinreichen, scharfsinnigen, schertzhaften, und wie es sonst heissen mag, nicht deswegen urtheilen könne, weil er vielen Witz besitzt; sondern weil er ausserdem ein Weltweiser ist, der seinen Geschmack nach den Regeln der gesunden Critik ausgebessert hat. Diese Eigenschaften können jemanden zukommen, der auf einen feurigen Witz sehr wenige Ansprüche hat. Man kan von der Schönheit eines Gemähldes, von den erhabenen Zügen eines Gedichts, und der Vollkommenheit einer Rede urtheilen, und Regeln geben, ohne selbst ein Mahler, Dichter, und Redner zu seyn. Es kan jemand ein geistreicher und belebter Kopf seyn, er kan sich in seinen Gedancken mit der kühnsten und angenehmsten Stärcke heben, und sein Feur durch Proben an den Tag legen, die den Beyfall aller Kunstrichter verdienen. Weil er aber zu wenig Wissenschaft von seinen eigenen Kräften, und den Vollkommenheiten derselben besitzt, so ist er nicht im Stande, aus deutlichen Gründen die Regeln herzuleiten, durch deren Beobachtung seine sinnreichen Einfälle so viel Geist und Leben bekommen. Er fühlt und schmeckt die Schönheit seiner Gedancken, er begreift aber selbst nicht, warum sie so reitzend sind. Man thue hinzu, daß derjenige, der selbst ein aufgeweckter Kopf ist, mehrentheils viel zu ohnmächtig ist, als daß er alle Partheilichkeit in seinen Urtheilen über das sinnreiche zu vermeiden im Stande seyn solte. So wenig von einem Frauenzimmer, so sichs einmahl in den Kopf gesetzt hat, schön zu seyn, zu erwarten ist, etwas anders für reizend zu halten, als was sie selber besitzt; so wenig ists von manchen witzigen Köpfen zu hoffen, daß sie die Einfälle für schön halten solten, die der Art ihres Witzes nicht gemäß zu seyn scheinen. Der Witz vieler feurigen Köpfe bekommt einen gewissen Schwung, der über ihre Beurtheilungskraft zum Tyrannen wird. Ihnen eckelt vor alle dem, so ihrem Geschmacke, der nun einmal an gewisse Speisen gewöhnt ist, nicht gemäß ist. Diese Köpfe müsten sich zu viel Gewalt anthun, unpartheiisch von einem Schertze zu urtheilen, bey dem sie nicht absehen können, wie sie selbst denselben hätten vortragen können. Man lasse den Cicero, der nach Quintilians Zeugniß keine Maß im schertzen halten können, von einem Spasse, der auf einer blossen Anspielung der Worte beruht, urtheilen. Ich will verlohren haben, wenn er ihn nicht bewundern wird. Das befremdet mich im geringsten nicht. Cicero selbst bediente sich mehr, als einem so grossen Geiste anständig war, dieser Schertze. Ich habe das Vertrauen zu der Billigkeit meiner Leser, daß sie aus dem, was ich bisher gesagt, nicht schliessen werden, als wenn ich glaubte, daß kein witziger Kopf von Schertzen gesunde Urtheile fällen könne. Noch vielweniger, daß ein Mensch ohne allen Witz sich dergleichen unterfangen dürfe. Ich behaupte nur, daß es nicht unumgänglich nothwendig sey, daß derjenige, der von Schertzen vernünftige Gedancken haben will, selbst glücklich im spassen seyn müsse. Ein Mensch der einen gereinigten Geschmack besitzt, aber nicht schertzen kan oder will, besitzt eine Gleichgültigkeit gegen die Schertze, die ihn unpartheiisch macht. Er tadelt und lobt das schertzhafte, ohne daß sich eine schmeichelnde oder empfindliche Eigenliebe unter die Gründe seiner Urtheile mengt.
Ergo fungar vice cotis, acutum
Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.
Horat. de art. poet.
§. 2.
Inhaltsverzeichnis
Es gibt eine Art ernsthafter Leute, welche es überhaupt zur Sünde machen will, wenn man schertzet und lachet. Solten diese Blätter das Schicksal haben, in die Hände dieser Leute zu gerathen, so kan ich mir schon zum voraus einbilden, was sie, bey der Erblickung derselben, vor saure Minen machen werden. Sie werden mirs als ein sittliches Verbrechen anrechnen, daß ich von einer Materie schreibe, die sich mit der Tugend nicht reimen will. Ich gebe diesen Gegenfüssern muntrer und aufgeweckter Köpfe zu, daß viele Schertze unmöglich mit der Tugend bestehen können. Nur werden sie mir auch im Gegentheil zugestehen, daß nicht eine jede Ernsthaftigkeit zum Character der wahren Tugend gehört.
Multum ringitur otiosa virtus.
Sidon.
Es kan manchmal ein tugendhafter zugleich ein schläffriger und niedergeschlagener Kopf seyn, der noch dazu von einem schwartzen Geblüthe durchschwämt wird. Der würde sich augenscheinlich betrügen, wenn er seine natürlich nothwendige Traurigkeit für eine Wirckung der Tugend halten wolte. Aergert er sich nun, wenn andere frölich sind und schertzen, weil er selbst nicht anders als immer misvergnügt zu seyn das Unglück hat, so muß er so viel Menschenliebe in seinen Urtheilen blicken lassen, diejenigen nicht gleich für lasterhaft zu halten, die nicht so ernsthaft seyn können, wie er selbst ist. Ich werde keine sündliche Schertze billigen, ich will mich bemühen zu zeigen, daß ein vollkommener Schertz, der ohne allen Fehler ist, einen sehr grossen Witz und Scharfsinnigkeit, zwey grosse Vollkommenheiten der Seele, zum Grunde habe, und also unmöglich Sünde seyn könne.
§. 3.
Inhaltsverzeichnis
Eine wohlgerathene Untersuchung der Schertze kan nicht ohne Nutzen seyn, und man hat keine Ursach sich die Zeit gereuen zu lassen, die man entweder auf die Ausarbeitung, oder aufs Durchlesen derselben verwendet. Ich bin nicht willens alle Nutzen, die eine solche Schrift haben kan, in ihrer völligen Ausdehnung auszuführen. Ich begnüge mich mit zweyen oder dreyen, die ich für die grösten halte. Den ersten haben die witzigen Köpfe davon zu erwarten. Ein feuriger Witz ist eine zu unruhige Kraft der Seele. Sie läßt ihrem Besitzer nicht beständig Zeit genug, seine spaßhaften Einfälle gehörig zu prüfen und zu beurtheilen. Alles was ihm einfält, hält er für witzig und sinnreich, und wer wolte ihm auch wohl das Recht dazu streitig machen? Seine Zunge ist viel zu dienstfertig, als daß sie schweigen solte. Nein, ein witziger Kopf nimt sich die Freyheit zu schertzen, wenn, wo, mit wem, und womit er will. Er thut das mit so vielen Vertrauen auf sich selbst, daß er sich unmöglich mit den verdrießlichen Gedancken herumschlagen kan, als wenn es ihm an Bewundern seiner Schertze fehlen würde. Ich gebe einem jedweden zu bedencken, ob ein solcher plauderhafter Verschwender seines Witzes wo nicht den Frost seines Gehirns mehr als zu oft verrathen, doch wenigstens in den mehresten Fällen ein unerträglicher Gesellschafter werden müsse. Wie kan man diesem Uebel wohl anders abhelfen, als durch eine gründliche Ueberzeugung, daß zu einem guten Schertze mehr erfodert werde, als man gemeiniglich denckt, und daß der sinnreichste und witzigste Kopf öfters sehr schläffrige Einfälle haben könne. Cicero beweißt das zur genüge, so ein schöner Geist er auch gewesen ist, so ist sein Witz doch sehr oft gesuncken und ohnmächtig geworden. Solte meine Abhandlung gerathen, so rathe ich einem jeden witzigen Kopfe dieselbe zu lesen. Er wird dadurch auf eine heilsame Art furchtsam gemacht werden, so oft als er schertzen will. Er wird dadurch seinen Geschmack verbessern, und viele Schertze in ihrer Geburth ersticken, die ihm wo nicht Schande, doch wenig Ehre zuwege bringen würden.
§. 4.
Inhaltsverzeichnis
Man kan den armseeligen Vorrath seines Witzes nicht nur verrathen, wenn man selbst auf eine erbärmliche Art schertzet, sondern auch wenn man elende Schertze bewundert. Man gibt dadurch einen pöbelhaften Geschmack zu erkennen, der jederzeit von einem matten Witze begleitet wird. So wenig ein vortreflicher Schertz bey einem kriechenden Witze einen Eindruck verursachen kan, so sehr wird der elendeste Spaß von denselben bewundert. Ein elender Kopf schertzet nicht nur auf eine elende Art, sondern er wird auch bey den schlechtesten Einfällen vor Freuden ausser sich gesetzt. In den Versamlungen des Pöbels, macht der frostigste Einfall seinen Erfinder zum angenehmsten und lustigsten Gesellschafter. Das wissen die kleinen witzigen Köpfe, auf eine listige Art, zu ihrem grossen Troste anzuwenden. Wollen sie grosse Geister nicht bewundern, so thun sie ihnen den Possen, und theilen ihre sinnreichen Einfälle Leuten mit, die sie gütiger, und auf eine ihnen gefälligere Art, aufzunehmen wissen. So furchtsam ich bin selber zu schertzen, so sehr nehme ich mich in acht über einen schlechten Schertz zu lachen, ich müste es denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit thun müssen. Dieses halte ich vor einen ansehnlichen Nutzen, den man, von einer gründlichen Critik der Schertze, erwarten kan. Man lernt dadurch einen feurigen Schertz, von einem frostigen unterscheiden, man lacht über den ersten, und bleibt bey dem letzten unempfindlich, und beweißt sich dadurch als einen Menschen von gereinigten und feinen Geschmacke.
§. 5.
Inhaltsverzeichnis
Ein gut gerathener Schertz bringt uns die Gewogenheit und Bewunderung der Zuhörer zuwege. Wir werden für scharfsinnig, aufgeweckt, höflich gehalten, und für geschmeidige Köpfe. Durch einen wohlangebrachten Spaß, kan man seinen Gegner in Verwirrung setzen, ihn zaghaft machen und wiederlegen. Man mäßiget dadurch die gar zu grosse und traurige Ernsthaftigkeit, das Gemüth wird aufgeheitert, und man setzt seine Zuhörer in den Zustand, die verdrießlichsten Dinge, die man ihnen zu sagen hat, gelassen, und nicht ohne Vergnügen anzuhören. Das sind Stücke die einem Redner unentbehrlich sind. Ich könnte noch mehr hinzu thun, wenn das angeführte nicht schon hinreichend wäre, zu beweisen, daß ein Redner zu seinem grossen Vortheile bisweilen schertzen müsse. Mit weniger Veränderung, kan man eben das von einem Dichter sagen. Dieser muß fast noch öfter schertzen als der erste. Wie oft hat ein Dichter nicht nöthig seiner Muse zuzuruffen?
Sed ne relictis musa procax iocis
Ceæ retractes munera næniæ:
Mecum Dionæo sub antro
Quære modos leviore plectro.
Hor. Carm. L. II. od. 1.
Man kan daher die Untersuchung der Schertze als eine Materie ansehen, die zur Rede und Dichtkunst gehört. Cicero und Quintilian sind mit mir einig. Sie haben beyde in ihren Schriften, darinn sie die Redekunst abgehandelt haben, auch eine Betrachtung über die Schertze angestellt. Dieser Nutzen allein wäre hinreichend, meine gegenwärtige Bemühung nicht für unnütz zu halten.
§. 6.
Inhaltsverzeichnis
Die Untersuchung der Schertze ist eine Materie, die als ein Stück der so genannten Aesthetik anzusehen ist. Die Aesthetik ist eine Wissenschaft der sinnlichen Erkenntniß und dem Vortrage derselben. Sie untersucht die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten ihres Vorwurfs. Sie gibt Regeln jene zu erlangen, und diese zu vermeiden. Keine untere Erkenntniß Kraft der Seele ist von dem Gegenstande der Aesthetik ausgeschlossen. Man besehe die Psychologie des Herrn Professor Baumgartens, so wird man daselbst hin und wieder den gantzen Grundriß dieser Wissenschaft antreffen. Ich werde in dem folgenden darthun, daß ein Schertz durch den sinnlichen Witz und Scharfsinnigkeit gewürckt werde. Folglich ist der Schertz eine sinnliche Vorstellung und Rede, und gehört in das Feld der Aesthetik, dieses merckwürdigen Theils, ja ich will sagen, dieses gantzen Inbegriffs der schönen Wissenschaften.
§. 7.
Inhaltsverzeichnis
Die sinnliche Beurtheilungskraft, oder der Geschmack, ist das Vermögen von den Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten zu urtheilen, doch so, daß man weder die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten selbst deutlich erkennt, noch auch seine Urtheile von ihnen philosophisch aus deutlich erkannten Gründen, auf eine deutliche Art herleitet. Vollkommenheiten, in so fern sie undeutlich und auf eine sinnliche Art erkannt werden, sind Schönheiten und die Unvollkommenheiten werden in eben dieser Absicht Häßlichkeiten genennet. Der Geschmack ist demnach das Vermögen von den Schönheiten und Häßlichkeiten zu urtheilen, und dieselben gewahr zu werden. Ein Schertz ist eine sinnliche Vorstellung und Rede, und seine Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind Schönheiten und Häßlichkeiten. Man ist also genöthiget die Beurtheilung eines Schertzes, vor den Richterstuhl des Geschmacks zu verweisen. Wenn ein Kunstrichter überhaupt derjenige genennet wird, der von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten urtheilen kan, so muß derjenige der einen Spaß beurtheilen will ein Kunstrichter seyn. Die Untersuchung der Schertze gehört demnach auch in denjenigen Theil der Aesthetik, den man den critischen nennt.
§. 8.
Inhaltsverzeichnis
Man hat es bey nahe als eine Regel angenommen, daß man über den Geschmack mit niemanden streiten dürfe. Diese Regel ist gegründet, so lange man nicht weiter gehen will, als auf den Geschmack. Alsdenn beruhiget man sich in einer bloß sinnlichen und undeutlichen Erkenntniß, davon man die Gründe einem andern weder angeben noch erklären kan. O elendes disputiren! wo die streitenden Partheien nicht durch Schlüsse wider einander zu Felde gehen! So lange man also mit dem Geschmacke nicht die höhere Beurtheilungskraft, das Vermögen aus deutlicher Erkenntniß eine Sache zu beurtheilen, verknüpft, so lange ists eine vergebliche Arbeit, über Schönheiten und deren Gegentheil, sich mit jemanden in einen Streit einzulassen.
Trahit sua quemque voluptas.
Virgil.
Weil aber alle Schönheiten und Häßlichkeiten, Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind, und diese, an sich betrachtet, insgesamt deutlich können vorgestellet werden, so bleibt es zwar ausgemacht, daß man von dem Geschmacke, in so fern er ein Geschmack ist, wenig sagen könne, aber man muß ihn, wenn ich so reden darf, entwickeln. Man muß die Gegenstände des Geschmacks, auch nach der höhern Beurtheilungskraft, untersuchen, und da erkennt man ob der Geschmack gegründet sey oder nicht. Die verworrenen Vorstellungen können nicht anders richtig seyn, als wenn sie uns dasjenige, was in den deutlichen unterschieden wird, mit einemmal, und unter einander geworffen, vorstellen. Folglich kan man den Geschmack selbst beurtheilen, und gewisse Regeln geben wonach sich derselbe, auf eine ihm selbst unbekante Art, zu richten hat. Wenn das alle Kunstrichter beobachteten, so würden sie nicht Geschmack dem Geschmack entgegen setzen, und dadurch Streitigkeiten verewigen, die vielleicht kürzer ausgemacht werden könnten. Ob nun gleich die Beurtheilung der Schertze ein Werck des Geschmacks ist (§. 7.) so kan man doch Regeln geben, wonach die Schönheiten und Häßlichkeiten eines Schertzes beurtheilet werden können.
§. 9.
Inhaltsverzeichnis
Es gibt Regeln wonach die Schertze beurtheilt und eingerichtet werden können. Man würde also ohne Ursach zweiffeln, ob auch Gründe vorhanden wären, woher diese Regeln fliessen. Nein, alles hat seinen Grund, sollten wohl die Regeln des Geschmacks eine Ausnahme von dieser Regel machen, welcher das gantze Reich der Möglichkeiten und Würcklichkeiten, nach seinem gantzen Umfange, unterworffen ist? Ich rechne zu diesen Gründen, die Beschaffenheit der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten überhaupt. Insbesondere die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten unserer Erkenntniß, und des Vortrages derselben. Und endlich die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten der sinnlichen Erkenntnißkräfte der Seele, insonderheit des sinnlichen Witzes und Scharfsinnigkeit. Aus diesen Quellen müssen die Regeln, der Beurtheilung und Einrichtung eines Spasses, erwiesen werden. Ich begnüge mich mit der blossen Benennung und Anführung dieser Gründe. Ich müste meinen Lesern zu wenig Einsicht zutrauen, wenn ich sie beweisen wolte, da mein Zweck nicht darinn besteht, den Geschmack überhaupt in diesen Blättern zu bilden und einzurichten.
§. 10.
Inhaltsverzeichnis
Wenn es Regeln zu schertzen gibt, wenn diese Regeln aus Gründen können bewiesen werden, so müste man ohne Grund an der Möglichkeit einer Wissenschaft der Schertze zweiffeln. Ich bin überzeugt, daß eine Wissenschaft möglich sey, in welcher gezeigt wird, wie man einen Schertz erfinden, und bis zur Grentze seiner Vollkommenheit erheben kan. Cicero und Quintilian scheinen mir zu widersprechen. Allein ihre Gründe beweisen nicht, daß diese Wissenschaft unmöglich sey, und daß man nicht auf eine Kunstmäßige Art ein spaßhafter Mensch werden könne. Beyde glauben, daß die Natur und Gelegenheit das meiste zu einem glücklichen Schertze beytragen müssen. Ich glaube es auch. Aber so wenig man sagen kan, daß es keine künstliche Vernunftlehre gebe, weil zur Ausübung derselben ein guter Mutterwitz erfodert wird; eben so wenig wird die Wissenschaft der Schertze, und die Theorie derselben, geläugnet werden können, weil man mit allen Regeln keinen Menschen zu einen schertzhaften Kopfe machen kan, der keine natürliche Geschicklichkeit zu schertzen empfangen hat. Ein anders ist die Regeln zu schertzen verstehen, und dieselben geschickt ausüben können. Ich behaupte nur, daß ein Mensch der ein gutes Naturell zu schertzen besitzt, durch die Kunst, leichter, eher und besser, eine Fertigkeit zu schertzen bekommen könne, wenn sich überdies gute Gelegenheiten dazu an die Hand geben, als ein anderer, der sich mit der blossen Natur behelfen will. Die Natur arbeitet ihre Wercke nur aus den groben heraus, sie überliefert uns ihre Kunststücke roh, und überläßt unserer Geschicklichkeit den Ausputz. Der letzte wird vielmehr frostige Schertze erzeugen, als der erste, er mag sich auch noch so sehr in acht nehmen wollen.
In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.
Horat. de art. poet.
Ich gebe noch mehr zu. Ich behaupte daß derjenige, der schertzen will, wenn er bey einem jeden Schertze sich erst auf die Regeln besinnen, und seinen Schertz mit Fleiß kunstmäßig einrichten will, besser thut wenn er gar stille schweigt. Ein Schertz muß unvermuthet vorgetragen werden, und ein Schertz, auf den man sich vorbereitet, muß unglücklich gerathen, wie ich das in dem folgenden darthun will. Nichts desto weniger hat die Wissenschaft zu schertzen ihren Nutzen. Es verhält sich hier eben so, wie bey der künstlichen Vernunftlehre. Das würde ein erbärmlicher Philosoph seyn, der bey einer jeden Erklärung, bey einem jeden Schlusse, sich der Regeln der Vernunftlehre deutlich erinnern wolte. Man muß eine Fertigkeit in der Vernunftlehre erlangen, man muß seine Vernunft und Verstand gewöhnen, die Regeln der Vernunftlehre zu beobachten, ohne unser Wissen. Eben das sage ich von der Wissenschaft der Schertze. Sie muß unserm Witze und Scharfsinnigkeit den gehörigen Schwung und Einrichtung geben, daß wir nach ihren Regeln schertzen können ohne uns derselben bewust zu seyn.
Simul ac durauerit ætas
Membra animumque tuum, nabis sine cortice.
Horat.
Wer demnach von Natur ein feuriger und aufgeweckter Kopf ist, wer die Gelegenheit gut in acht nehmen, und zu seiner Absicht geschickt anwenden kan, und die Wissenschaft zu schertzen versteht, dem bin ich gut davor, daß er glücklich im schertzen seyn wird.
§. 11.
Inhaltsverzeichnis
Ich will nicht mehr versprechen, als ich zu halten mir getraue. Ich will nicht sagen, daß ich willens sey, eine Wissenschaft der Schertze zu schreiben. Sondern meine Absicht ist hauptsächlich, Regeln fest zu setzen, wonach die Schönheit und Häßlichkeit eines Schertzes beurtheilet werden kan. Diese Regeln machen entweder die Wissenschaft der Schertze aus, oder die letzte wird doch mit geringer Mühe, und einigen kleinen Veränderungen und Zusätzen, daraus fliessen. Meiner Einsicht nach glaube ich, daß die Regeln, wonach die Vollkommenheit einer Sache beurtheilt werden muß, einerley sind mit den Regeln, die beobachtet werden müssen, wenn eine Sache zu ihrer Vollkommenheit soll erhoben werden.
§. 12.
Inhaltsverzeichnis
Weil ich zu furchtsam bin selbst zu schertzen, so werde ich mich sehr hüten, wenn ich ein Exempel anführen soll, welches doch selten genug geschehen wird, selbst zu spassen. Ich könnte zwar aus dem gemeinem Leben dergleichen erwählen, da man mehr als zu viel antrift, die fast zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden. Allein da dieselben gröstentheils zu frostig und abgeschmackt sind, so würde ich meinen Lesern Verdruß erwecken, wenn ich sie ausdrücklich anführen wolte. Ich werde mich begnügen, meinen Eckel vor solchen ungeschickten Schertzen von weiten zu bezeugen. Noch eins habe ich zu erinnern. Wenn ich an einem Schertze was loben werde, so werden meine Leser die Gütigkeit haben, und nicht glauben, daß ich den gantzen Schertz billigte. Ein Schertz kan viele Vollkommenheiten haben. Die eine kan er besitzen, eine andere kan ihm fehlen. Ja ein Spaß kan mehr gut als böse seyn, und mehr böse als gut, jene können gebilliget werden, weil man doch in dem Reiche der Natur nichts findet das durch und durch gut wäre.
Vbi plura nitent - - non ego paucis
Offendar maculis, quas non incuria fudit,
Aut humana parum cauit natura.
Horat. de art. poet.
§. 13.
Inhaltsverzeichnis
Ich könnte mich noch länger bey solchen allgemeinen Betrachtungen, diesen angenehmen Materien, aufhalten, wenn ich überhaupt von dem Geschmacke handeln wolte. Ich habe aber meinen jetzigen Gedancken überaus enge Schrancken gesetzt. Ich will nur von Schertzen handeln, und gewisse Regeln fest setzen, wonach sie beurtheilt werden können. Ich muß, meine Beurtheilungsgründe ungezweifelt zu erweisen, ein paar Erklärungen zum voraus untersuchen. Es sollen das nicht alle diejenigen seyn, die in meine Betrachtung einen nähern Einfluß haben, sondern ich will mich begnügen, den Witz, die Scharfsinnigkeit und den scharfsinnigen Witz, nur in so fern zu untersuchen, als es zur Beurtheilung der Schönheiten eines Schertzes nöthig seyn wird. Ich würde sonst meinen Lesern beschwerlich fallen, und mich des Fehlers eines Schriftstellers theilhaftig machen, der zu weit ausholt und von dem man sagen kan
Gemino bellum troianum orditur ab ovo.
Hor. de art. poet.
§. 14.
Inhaltsverzeichnis
Wir haben ein Vermögen die Uebereinstimmung der Dinge gewahr zu werden. Die Fertigkeit in diesem Vermögen nennet man den Witz. Zu den Uebereinstimmungen der Dinge, muß man die Aehnlichkeit, die Gleichheit und die Proportionen rechnen. Der Witz ist demnach die Fertigkeit die Aehnlichkeit, Gleichheit und Proportion der Dinge zu erkennen. Ist diese Erkenntniß deutlich, so kan man den Witz einen höhern, obern oder vernünftigen Witz nennen. Ist sie aber undeutlich, so heißt es der sinnliche und untere Witz. Die Vorstellungen und Reden, die durch den Witz gewürckt werden, sind sinnreiche oder witzige Vorstellungen und Reden.
§. 15.
Inhaltsverzeichnis
Wir besitzen ein Vermögen die Verschiedenheit der Dinge zu erkennen. Wer eine Fertigkeit in demselben hat, wird scharfsinnig genennt. Man muß zu der Verschiedenheit nicht nur die Unähnlichkeit rechnen, sondern auch die Ungleichheit, und das Gegentheil der Proportion. Die Scharfsinnigkeit besteht also in der Fertigkeit, die Unähnlichkeit und Ungleichheit, nebst der Verschiedenheit der Grössen-Verhältnisse zu erkennen. Diese Erkenntniß ist entweder deutlich, oder undeutlich. Die erste ist ein Werck der höhern und vernünftigen Scharfsinnigkeit, und die andere gehört für die untere und sinnliche Scharfsinnigkeit. Vorstellungen und Reden die durch die Scharfsinnigkeit gewürckt werden heissen scharfsinnig. Die Fertigkeit die aus dem Witze und der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, will ich den scharfsinnigen Witz nennen, welcher demnach entweder ein sinnlicher oder vernünftiger ist. Ich thue nicht ein Wort zu diesen Erklärungen mehr hinzu. Ich hätte sie bey nahe gantz ausgelassen, wenn ich nur gewust, ob die Eintheilung des scharfsinnigen Witzes in den sinnlichen und vernünftigen so sehr bekannt wäre, als ich sie bey meiner Abhandlung werde nöthig haben. Es kan zwar scheinen, als wenn ich ein freyer Schöpffer dieser Erklärungen sey. Allein man wird sich der Mühe überheben können, von meinen künftigen Beweisen viel abzuziehen, wenn man bedenckt, daß meine Erklärungen, der Sache nach und im Grunde, verschieden sind, man mag nun die erklärten Sachen mit einem Namen ausdrucken, mit welchem man es vor gut befindet.
§. 16.
Inhaltsverzeichnis
Eine Vorstellung ist um so viel vollkommener, je mehr das Vermögen, wodurch sie gewürckt worden, bey ihrer Hervorbringung, seine Vollkommenheit bewiesen hat. Die Stärcke und Vortreflichkeit der würckenden Ursach, breitet sich bis in die Würckung aus; und wie die Ursach beschaffen ist, in so fern sie würckt, so ist auch die Würckung beschaffen, in so fern sie von ihrer Ursach abhänget. Die Vollkommenheiten der Vorstellungen, haben also ihren Grund in den Vollkommenheiten des Vermögens, die es zu ihrer Hervorbringung angewendet hat. Ich will die Vollkommenheiten der Schertze fest setzen. Diese sind Vorstellungen, die durch den scharfsinnigen Witz gewürckt werden. Es ist demnach nöthig, daß ich die Vollkommenheiten des scharfsinnigen Witzes bestimme. Die Vollkommenheiten eines Vermögens sind von zweyfacher Art. Die ersten entstehen aus dem Vorwurffe des Vermögens, und die letzten befinden sich in der Einrichtung des Vermögens selbst. Ich habe es jetzo bloß mit der letzten Art zu thun. Wenn ich von der Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes rede, so verstehe ich dieselbe, wie man zu reden pflegt, formaliter betrachtet. Und in dieser Absicht besteht sie in der Grösse und Stärcke desselben. Je grösser ein Vermögen ist, desto mehr verschiedenes ist in demselben befindlich, folglich ist die Anzahl der übereinstimmigen Stücke in dem Vermögen um so viel grösser. Die Vollkommenheit wächst aber, durch die Vermehrung der übereinstimmigen Stücke. Wenn ich also die formelle Vollkommenheit des scharfsinnigen Witzes den Stuffen nach bestimmen will, so darf ich nur die Grade des Witzes und der Scharfsinnigkeit ausmachen.
§. 17.
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Die Grösse eines Vermögens wird bestimmt 1) durch die Grösse der Würckungen 2) durch die Menge derselben. Je grössere und mehrere Würckungen ein Vermögen hervorbringt, desto grösser ist es. 3) durch die Schwierigkeit der Würckungen. Je leichter die Würckung hervorgebracht werden kan, desto kleiner ist das Vermögen. Je schwerer aber die Würckung ist, je mehr Hindernisse in den Weg gelegt werden, desto mehr Kraft muß angewendet werden, und um so viel grösser muß das Vermögen seyn, welches dem ohnerachtet die Würckung geleistet hat. Diese Sätze entlehne ich aus der Dynamik, in welcher man bemüht ist, die Kräfte überhaupt auszumessen.
§. 18.
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Der sinnliche Witz ist um so viel grösser und vollkommener 1) je mehr Dinge mit einander verglichen werden. Wenn Dinge in eine Vergleichung gesetzt werden, so müssen sie vorgestellt werden. Ein Witz, der demnach nur zwey Dinge mit einander vergleicht, stelt sich nicht so viel vor, als derjenige so mehrere in Vergleichung setzt. Die Anzahl der Würckungen des letztern ist also grösser, mithin muß der Witz selber grösser seyn §. 17. n. 2. 2) Je unbekannter die Dinge sind, die mit einander verglichen werden. Dinge die man sich unzählige mahl schon vorgestellet hat, und die uns dadurch überaus bekannt geworden, stellen wir uns mit leichter Mühe vor, weil wir eine Fertigkeit dieselben vorzustellen erlangt haben. Sind sie uns aber noch nicht sehr bekannt, so ist ihre Vorstellung schwerer, und ihre Vergleichung erfodert also einen grössern Witz §. 17. n. 3. 3) Je verschiedener die Dinge sind, deren Uebereinstimmung der Witz erkennet. Denn alsdenn ist die Uebereinstimmung schwerer zu entdecken, weil sie nicht nur sehr versteckt und geringe ist, sondern weil durch die augenscheinliche Verschiedenheit unsere Aufmercksamkeit stärcker auf das verschiedene gezogen wird, dadurch unserm Witze eine Hinderniß bey der Entdeckung der Uebereinstimmung in den Weg gelegt wird. §. 17. n. 3. 4) Je mehr Uebereinstimmungsstücke erkannt werden. In diesem Falle, ist die Menge der Würckungen des Witzes grösser, und folglich muß der Witz selber grösser seyn §. 17. n. 2. 5) Je grössere Uebereinstimmungen entdeckt werden. Alsdenn ist die Grösse der Würckungen des Witzes ansehnlicher, welche eben deswegen seine eigene Grösse vermehrt §. 17. n. 1. 6) Je stärcker die Vorstellungen gewesen, die vor der Uebung des Witzes vorhergegangen, ja je stärcker die Vorstellungen sind, welche bey seiner Uebung zugleich in der Seele angetroffen werden, wenn diese Vorstellungen von anderer Art, als die Vorstellungen des Witzes, sind. Aus der Lehre von unserer Seele ist bekannt, daß eine sehr starcke Vorstellung uns verhindert, gleich nachher, auf etwas anders zu dencken; und wenn wir den Kopf sonst voller starcken Vorstellungen haben, so ist es ungemein schwer, zu gleicher Zeit auf etwas anders zu dencken. Ein Witz der mitten unter diesen grossen Hindernissen dennoch würcksam seyn kan, muß grosse Hindernisse übersteigen, und demnach groß seyn §. 17. n. 3. 7) Je klärer, richtiger, gewisser und lebendiger, doch aber auf eine undeutliche Art, die Uebereinstimmung vorgestelt wird. Denn der Grad der Deutlichkeit gehört für den vernünftigen Witz, davon ich nicht rede. Eine klare, richtige, gewisse und lebendige Vorstellung ist allezeit grösser, als eine dunckele, unrichtige, ungewisse, matte und todte Vorstellung, wenn man die übrigen Stücke derselben als gleich annimmt. Ein Witz der klärere, richtigere, gewissere und lebendigere Vorstellungen würckt, bringt also grössere Wirckungen hervor, als derjenige, dessen Vorstellungen nach allen diesen Stücken kleiner sind. Jener ist demnach grösser und vollkommener. §. 17. n. 1.
§. 19.
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Ich will mich bey den Graden der Vollkommenheit, in der Scharfsinnigkeit nicht aufhalten. Die Scharfsinnigkeit ist von dem Witze nicht unterschieden, als nur dem Gegenstande nach. Man nehme den vorhergehenden Absatz. Wo das Wort Uebereinstimmung steht, da setze man Verschiedenheit, und an statt dieses setze man jenes, so hat man die Regeln wodurch die Grösse der Scharfsinnigkeit bestimmt wird. Da nun der scharfsinnige Witz eine Fertigkeit ist, die aus dem Witze und der Scharfsinnigkeit zusammengesetzt ist, so versteht sich von selbst, daß, je grösser und vollkommener diese beyden Fertigkeiten sind, desto grösser und vollkommener der scharfsinnige Witz seyn müsse.
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