Kitabı oku: «Verfallen & Vergessen»

Yazı tipi:


Georg Lux

Helmuth Weichselbraun



Fotos: © fotoquadr.at/​Helmuth Weichselbraun

Außer: S. 30 u. Postkarten Mehner & Maas, S. 37 Kinomuseum Klagenfurt, S. 90 u. Gemeinde St. Margareten im Rosental, S. 122 Cimitero Monumentale delle Vittime del Vajont, S. 177 First in the World – 150 Years of Rijeka‘s Torpedos

ISBN: 978-3-990-40450-8


Wien – Graz – Klagenfurt

© 2017 by Styria Verlag in der

Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Alle Rechte vorbehalten

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop www.styriabooks.at

Lektorat: Nicole Richter

Covergestaltung: Florian Zwickl

Buchgestaltung: designation e. U., Klagenfurt

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort und wichtige Hinweise

GRENZGÄNGE

Endstation

U-Bahn in den Krieg

Die vergessenen Seelen

Filmreifer Abgang

Tödliches Versteckspiel

KÄRNTEN

Ein Scherbenhaufen

Baden verboten

Die verschwundene Höhle

Kesseltreiben

Tiefer Fall

Ätzende Erinnerung

Das versunkene Dorf

Ewige Blutspur

Steinreich

ITALIEN

Kriegsrelikte

Einmal Jenseits und zurück

Tschernobyl der Wasserkraft

Schweigen im Wald

Mit Volldampf

Der verblasste Diamant

Verfahren

SLOWENIEN UND KROATIEN

Limbo-Dance

Im Abseits

Abwasser

Verheerende Innovationskraft

Volle Kraft zurück

Dekadenz in Beton

Alcatraz in der Adria


Begriffserklärungen

Verwendete Quellen und weiterführende Literatur

Fußnote


Autor Georg Lux (links) und Fotograf Helmuth Weichselbraun

VORWORT
EINE FRAGE DER ZEIT

Die Menschen hoffen aus verständlichen Gründen darauf, aber in Wahrheit ist alles nur ein Trugbild: Es gibt keine zeitlose Schönheit. Auch heilt die Zeit nicht alle Wunden, im Gegenteil. Sie reißt oft neue auf. Das haben Orte und Beziehungen gemeinsam, wenn sich keiner mehr darum kümmert.

Sie haben ein Buch über Lost Places zur Hand genommen und wir kommen Ihnen mit Beziehungskram?! Ja. Über die Jahre hinweg haben wir eine Beziehung zu diesem Thema aufgebaut, um uns am Ende der Arbeit an diesem Buch (ein Vorwort schreiben die meisten Autoren zum Schluss) selbst die Frage zu stellen: Wie und warum sind wir da hineingestolpert?

Das Wie ist mit einem Blick auf unsere bisherigen, meist „unterirdischen“ Publikationen1 leicht erklärt. Im Alpen-Adria-Raum gilt seit Jahrzehnten die wirtschaftliche Gleichung: Bergbau = Lost Place. Das hat generell unser Interesse an Orten geweckt, denen man attestiert, zwar eine Vergangenheit, aber keine Zukunft zu haben.

Und das Warum? Natürlich spielt der raue Charme der Vergänglichkeit eine Rolle, optisch vor allem. Inhaltlich wollen wir aber nichts schönreden, nichts weichzeichnen, nichts lackieren: Es geht in diesem Buch um Verlassenes, das unserer Meinung nach nicht vergessen werden sollte.

Der größte Feind ist dabei nicht die Zeit, sondern der Mensch. Die Zerstörungswütigen mit krimineller Energie meinen wir damit ebenso wie die Nichtstuer unter Investoren, Spekulanten, Behörden und Politikern. Das gilt für jedes Land, das in diesem Buch vorkommt.

Zum Glück gibt es aber auch die anderen: Viele Vereine und Privatpersonen versuchen, verlassenen Orten ihrer näheren Umgebung neues Leben einzuhauchen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Diesen engagierten Menschen ist unser Buch als Dankeschön und Unterstützung gewidmet, indem wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, einladen, die Augen dafür zu öffnen.

Begleiten Sie uns auf spannende und manchmal unterhaltsame Expeditionen durch einen historisch vernetzten Raum, den man nicht oft genug neu entdecken kann. Folgen Sie unseren Abenteuern, wo dies gefahrlos möglich ist. Und vor allem: Nehmen Sie sich die Zeit, bevor manche vergessenen Orte für immer verschwinden.

Georg Lux, Autor

Helmuth Weichselbraun, Fotograf

PS: Mehr über das „Making of“ dieses Buchs sowie über unsere aktuellen und zukünftigen Projekte erfahren Sie im Internet. Unter www.facebook.com/​geheimnisvolle.unterwelt berichten wir – mitunter live – von verschiedenen Lost Places. Zusätzliche Hintergrundinformationen und Tipps finden Sie in unserem Blog unter www.erlebnis.net/​unterirdisch.


Ein Kunstobjekt? Nein. Folge einer Katastrophe: Stecker in einer ausgebrannten Diskothek bei Bibione


WICHTIGE HINWEISE

Bitte unbedingt beachten:

 Abgesperrt bedeutet: abgesperrt. Wer sich trotzdem zu einem Gelände oder Gebäude Zutritt verschafft, gerät mit dem Gesetz in Konflikt.

 Warnhinweise befolgen. Die Schilder hängen nicht zur Dekoration da.

 Immer in Begleitung unterwegs sein.

 Respektieren Sie fremdes Eigentum. Zerstören/​beschädigen Sie nichts.

 „Souvenirs“ sind tabu. Auch wenn ein Gelände offen steht, gilt das nicht als Einladung zum Diebstahl, der einen strafrechtlichen Tatbestand darstellt.

 Das Vorhandensein von Decke und Fußboden in einem Raum heißt nicht, dass diese auch „halten“.

 Gutes (vor allem festes) Schuhwerk, Taschenlampe und Helm gehören zur Standardausrüstung.

Sämtliche Öffnungszeiten und Adressen der im Buch angeführten Einrichtungen wurden gründlich recherchiert, trotzdem sind die Angaben ohne Gewähr. Ein zusätzlicher Blick ins Internet oder ein Anruf können letzte Gewissheit bringen, damit ein Ausflug gut gelingt. Die Wege wurden von uns begangen und nach bestem Wissen und Gewissen beschrieben. Für deren Benützung im Zusammenhang mit diesem Buch kann dennoch keine Haftung übernommen werden.


Grenzübergang an der alten Loiblstraße. Die Obelisken wurden 1728 errichtet.


TARVISIO CENTRALE

ENDSTATION

Für Tarvisio Centrale ist der Zug abgefahren. der Grenzbahnhof ohne Anschluss ist seit der Jahrtausendwende dem Verfall preisgegeben. Wo einst Luxuszüge haltgemacht haben, kommen heute nur mehr Radfahrer vorbei.


Wenn es stimmt, dass die Kaffeemaschine das Allerheiligste einer italienischen Bar ist, dann hat man diesen Ort entweiht. Das Gerät der Marke „La San Marco“ wurde brutal aufgerissen und regelrecht ausgeweidet. Ein einsames Kabel baumelt aus seinem verchromten Bauch. Wie viele schnelle „caffè“ haben Reisende und Bahnmitarbeiter hier getrunken? Insgesamt werden es wohl „ein paar“ Hektoliter gewesen sein, bis am 26. November 2000 endgültig Sperrstunde war. Nicht nur für die Bar in der Halle, sondern für den gesamten Grenzbahnhof Tarvisio Centrale. Er wurde geschlossen, weil die Züge nun auf einer neuen Trasse durchs Kanaltal rollen.

Schienen und Schwellen der alten Strecke sind verschwunden. „Rückgebaut“, wie man es im österreichischen Amtsdeutsch nennen würde. Der Bahnhof ist, weil deutlich sperriger, geblieben. Und mit ihm ein Teil des Inventars. Was in der Bilanz der italienischen Staatsbahn längst abgeschrieben war, ließ man beim Auszug anno 2000 einfach stehen und liegen. Eine nichts besonders brillante Idee, wie wir eineinhalb Jahrzehnte danach auf den ersten Blick feststellen: Unbekannte Besucher haben eine Spur der Verwüstung durch das verlassene Gebäude gezogen. Keine Fensterscheibe, keine Glastür ist mehr heil. Den Boden bedecken Zollpapiere, die aus Aktenordnern und Kanzleikästen gefetzt wurden. Ein Kopierer liegt – ähnlich geplündert wie die Kaffeemaschine – auf dem ehemaligen Bahnsteig 1.


Noch verhältnismäßig „fit“: der Fernschreiber im Postamt

Manchmal war das Material allerdings stärker als die Aggression. Der Tresor im Bahnhofspostamt hat sich keinen Millimeter bewegt, das obere Fach ist sogar noch verschlossen. Auch der Fernschreiber macht, obwohl der Fußboden des Schalterraums nicht sein Stammplatz gewesen sein dürfte, einen beinahe unversehrten Eindruck. Und der sicherste Ort des Areals hat sich ebenfalls bewährt: Die Tür zur Arrestzelle im alten Wachzimmer der Bahnhofspolizei lässt sich keinen Millimeter öffnen. Durch das vergitterte Fenster sehen wir, dass der Raum leer ist – ein Glück für den letzten Insassen, wenigstens ihn hat man mitgenommen. Im Wachzimmer selbst waren Scherzbolde oder vielleicht sogar ehemalige Einsitzende mit Schadenfreude am Werk. Ausgerechnet auf dem vormals polizeilichen Schreibtisch steht nun eine leere Flasche Wein. Ein „Doppler“ – es gab offenbar etwas zum Feiern.

Früher geschah das innerhalb dieser Mauern mit mehr Stil. Dafür bürgte schon der ursprüngliche Name der vorbeiführenden Strecke. Es war die Kronprinz-Rudolf-Bahn, kurz Rudolfsbahn. Die zunächst privat betriebene und später verstaatlichte Linie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Sie verband die Kaiserin-Elisabeth-Bahn (später Westbahn) über Selzthal, St. Veit, Feldkirchen und Villach mit Laibach ebenso wie mit dem damaligen Königreich Italien. Dem zu diesem Zeitpunkt noch österreichischen Tarvis kam als Kreuzung eine Schlüsselrolle zu. Hier ging es entweder links nach Laibach weiter oder geradeaus über die bis heute so genannte Pontebbana nach Udine. Dementsprechend groß war der 1873 eröffnete Bahnhof inklusive Hotel und „Restauration“. In Zeitungsannoncen wurde dafür ordentlich die Werbetrommel gerührt: „Comfortabel eingerichtete Fremdenzimmer, zu jedem Zuge frische Küche, echte Getränke, mässige Preise.“


Auch im Postamt wurden Akten zurückgelassen.

Auf der Strecke verkehrten Güter-, Personen- und ab 1895 auch Luxuszüge. Sie verfügten über Schlaf-, Speise- und Salonwagen und wurden hauptsächlich im Fernverkehr eingesetzt. Ohne umzusteigen konnte man mit ihnen von Wien-West nach Nizza und später nach Cannes reisen. Ab 1898 wurde die Verbindung einmal wöchentlich ab St. Petersburg geführt. Der Luxuszug quer durch Europa, in dem es ausschließlich Wagen erster Klasse gab, bekam den klingenden Namen „St. Petersburg – Wien–Nizza – Cannes Expreß“. Die Fahrzeit von der damaligen russischen Hauptstadt über Tarvis bis an die Côte d’Azur betrug 64 Stunden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete 1914 das Aus für die Luxuszüge und dennoch eine vorübergehende Aufwertung des Bahnhofs Tarvis. Weil Österreich den baldigen Kriegseintritt Italiens befürchtete, der im Mai 1915 tatsächlich erfolgen sollte, zog man tonnenweise Kohle und Wasser aus dem damaligen Grenzbahnhof Pontafel (heute Pontebba) ab. Bei einem Angriff sollte den Feinden so wenig wie möglich in die Hände fallen. „Von Tarvis wurden Dampfloks und Tender nur mehr mit der für die kurze Strecke notwendigen Kohle nach Pontafel geschickt, um dort randvoll beladen zu werden und so wieder zurückzufahren“, erklärt uns der Kärntner ÖBB-Pressesprecher Christoph Posch in seiner „Privatfunktion“ als begeisterter und belesener Eisenbahnhistoriker.


Die Flasche dürfte erst nach der Schließung ihren Weg auf den Schreibtisch im Wachzimmer gefunden haben.


Keine Fensterscheibe ist mehr heil.


Verschlossen, aber leer: die Arrestzelle


Die Natur erobert die Bahnsteige zurück.

Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Siegermächte Österreichs Grenzen neu. Das Kanaltal sprach man Italien zu, aus Tarvis wurde Tarvisio und aus dem Bahnhof Tarvisio Centrale. Bis zur Schließung im Jahr 2000 wickelte man nun hier den Grenzverkehr ab. Dazu gehörte neben Kontrollen und Zollformalitäten vor allem das Wechseln der Loks: Züge nach Italien bekamen italienische, Züge nach Österreich österreichische. An der Bar in der Halle standen deshalb – natürlich nur in den Pausen und offiziell bei einem „caffè“ – Eisenbahner aus beiden Ländern. Einen letzten Modernisierungsschub gab es 1969 mit dem Totalumbau des Bahnhofsgebäudes zu der Form, in der es jetzt verlassen herumsteht.

Warum die Schienen mittlerweile auf der anderen Talseite und dort hauptsächlich in Tunnels verlaufen, hat vor allem geologische Gründe: Auf die alte Pontebbana gingen immer wieder Murenabgänge oder Steinschläge nieder. Völlig „verkehrsfrei“ ist die frühere Bahntrasse aber nicht. Teile wurden zur „Ciclovia Alpe Adria“ ausgebaut, jenem Radweg also, der in Salzburg beginnt und in Grado endet. Die asphaltierte Strecke führt direkt am Lost Place Tarvisio Centrale vorbei. Von den verlassenen Gebäuden nehmen allerdings die wenigsten Radfahrer Notiz, die gen Süden strampeln. Wer den Weg kennt, freut sich schon auf die Küche von Lucia Mischkot. Die hervorragende Köchin betreibt im alten Bahnhof des 11 Kilometer entfernten Örtchens Ugovizza die beliebte „Trattoria Alla Vecchia Stazione“. Ein Musterbeispiel dafür, wie – im Unterschied zu Tarvis – eine gelungene Nachnutzung aussehen kann.

AM RANDE

Auf dem Hügel östlich des ehemaligen Bahnhofs thront unübersehbar das 1909 errichtete Denkmal für die in den napoleonischen Kriegen in Kärnten gefallenen Soldaten. Das Monument liegt an einem Wanderweg, der in seinem weiteren Verlauf auf Stegen und Treppen durch die malerische Slizza-Schlucht führt. Slizza ist der slowenische Name für den Fluss Gailitz, der sich hier tief ins Gestein gegraben hat.


Ausgangspunkt für die rund eineinhalbstündige Rundwanderung ist der Parkplatz in der Via Bamberga unterhalb des Bahnhofs Tarvisio Boscoverde (dem „Nachfolger“ von Tarvisio Centrale). Von dort folgt man dem Radweg nach Kranjska Gora – er verläuft hier ebenfalls entlang der alten Bahntrasse – zirka 200 Meter in nördlicher Richtung, bis eine Tafel links den Weg zum Kriegerdenkmal und zur Slizza-Schlucht weist.

Wichtig ist gutes Schuhwerk. Nach Niederschlägen sind die Holzstege noch rutschiger als sonst.

Die Trattoria Alla Vecchia Stazione befindet sich in Ugovizza direkt am Ciclovia Alpe Adria, ist aber auch mit dem Auto erreichbar (Via Stazione). Küche von 12 bis 19 Uhr, Mittwoch Ruhetag.


LOST PLACE

➜ Der verlassene Bahnhof Tarvisio Centrale liegt zwischen der Staatsgrenze und Tarvis direkt an den Staatsstraße SS13 beziehungsweise, wenn man mit dem Fahrrad kommt, unmittelbar an der Ciclovia Alpe Adria. Das Betreten des Gebäudes ist verboten. Einblicke sind aber von den nicht abgesperrten ehemaligen Bahnsteigen möglich, die sich auf der Ostseite des Areals befinden.

➜ Weitere Informationen über den Radweg: www.alpe-adria-radweg.com


CAVE DEL PREDIL

U-BAHN IN DEN KRIEG

Tief unter dem Predilpass verbindet ein fünf Kilometer langer Stollen Italien und Slowenien. Gebaut und als geheime unterirdische Verkehrsverbindung genutzt haben ihn aber einst Österreicher.


Neubauten sucht man in Cave del Predil vergeblich. Das Straßenbild prägen Industrieruinen und Wohnhäuser, die unübersehbar in die Jahre gekommen sind. Viele stehen leer. Noch mehr stehen zum Verkauf. Der Ort im Val del Rio del Lago (ursprünglich: Seebachtal) südlich von Tarvis ist, höflich formuliert, das Gegenteil von urban. Und doch hat es in Cave del Predil einst eine Art U-Bahn gegeben.

Wie Aufstieg und Fall des Dorfes hat dieser Umstand mit dem Bergbau zu tun, der nachweislich seit dem 14. Jahrhundert in der Gegend betrieben wurde. Bis das Gebiet zusammen mit dem Kanaltal 1918 Italien zugesprochen wurde, hieß die Siedlung Raibl. Unbestätigten Überlieferungen zufolge hat man sie nach einem der ersten hier tätigen Mineraliensucher, einem gewissen Herrn Rabl, benannt. Tatsache ist, dass er und seine „Nachfolger“ in den Stollen, die sie ins Gestein trieben, haufenweise fündig wurden. Raibl zählte rasch zu den bedeutendsten Bleibergwerken im gesamten Alpenraum.


Unterwegs in alten Stollen


Maschinenraum in der Tiefe des Bergwerks

1905 nahm man ein ehrgeiziges Projekt in Angriff. Zur Entwässerung der tiefsten Gruben wurde der 5 Kilometer lange Kaiser-Franz-Josef-Hilfsstollen gebaut. Er unterquerte, ausgehend vom Bergwerk in Raibl, den 1156 Meter hohen Predilpass und endete in Unterbreth, das heute Log pod Mangartom heißt und in Slowenien liegt. Ab 1915 wurde diese unterirdische Verbindung zu einer Hauptverkehrsader des Ersten Weltkriegs. Die Österreicher erweiterten den Stollen, verlegten Schienen und setzten eine elektrische (U-)Bahn drauf. Fast 600 000 Soldaten der kaiserlichen Armee brachte man auf diesem Weg bis einschließlich 1917 von Raibl auf die andere Bergseite, die an die heftig umkämpfte Isonzofront grenzte.

1918 begann die zivile Nutzung des Stollens. Im nun italienischen Bergwerk arbeiteten Dutzende Männer aus dem nun jugoslawischen Log pod Mangartom. Sie kurvten natürlich nicht über den Pass nach Cave del Predil, sondern fuhren einfach mit der betriebseigenen U-Bahn unten durch. Auch ihre Ehefrauen und Kinder nutzten die Verbindung, wenn sie zum Beispiel den Betriebsarzt aufsuchen mussten. Und der hatte vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts ordentlich zu tun: In den 1950er-Jahren waren im Bergwerk mehr als 1 100 Menschen beschäftigt. Langsam, aber konsequent kamen dann wirtschaftliche Probleme auf. Die Mine wurde wegen der weltweit sinkenden Rohstoffpreise immer unrentabler und 1991 – trotz erbitterter Proteste der letzten 140 Beschäftigten – geschlossen.


Im Bergwerk herrscht eine konstante Temperatur von 6 bis 8 Grad …

Zurück blieb ein gigantisches Stollensystem. Es ist etwa 120 Kilometer lang und auf 19 Sohlen (so nennt man im Bergbau halbwegs horizontale Ebenen) mit einem enormen Höhenunterschied verteilt. Der tiefste Gang im Berg verläuft mehr als 450 Meter unter dem Ort, der höchste mehr als 480 Meter über der Talsohle. Ein vergleichsweise klitzekleiner Teil kann als Schaubergwerk im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Das schafft jeder. Mario und Tiziano, unsere Freunde aus dem Kanaltal, haben deshalb eine Gruppe ehemaliger Bergarbeiter organisiert, die uns abseits der „öffentlichen“ Pfade durch das unterirdische Labyrinth führen soll.


… bei einer extrem hohen Luftfeuchtigkeit.

Der legendäre Kaiser-Franz-Josef-Hilfsstollen steht allerdings nicht auf dem Programm. Er kann zwar bis Log pod Mangartom problemlos begangen werden (U-Bahn fährt natürlich keine mehr), allerdings ist dafür eine eigene, pro Kopf 700 Euro teure Versicherung notwendig. Wir fragen nicht genauer nach und begnügen uns mit der Begründung unserer italienischen Freunde, die allein aufgrund ihrer Herkunft frei von Vorurteilen sein sollten: „Typisch italienisch!“ Dasselbe bekommen wir ein paar Minuten später zu hören. Dem Fotografen ist aufgefallen, dass in den feuchten Stollen alle 100 bis 150 Meter ein Feuerlöscher hängt. „Es tropft aus allen Ecken. Was soll denn da brennen?“, fragt er fröhlich. Unsere Guides antworten: „Die Feuerlöscher sind Vorschrift.“ Nachsatz: „Typisch italienisch!“

Man führt uns in eine Sackgasse. Der Stollen geht zwar weiter, ist aber durch ein Gitter versperrt. Und das nicht aus bloßen Versicherungs-, sondern aus echten Sicherheitsgründen. Der Gang führt in einen Teil der Grube, der nach routinemäßigen Sprengungen am 8. Jänner 1910 eingestürzt ist. Mit fatalen Folgen: Der dadurch entstandene Krater „verschluckte“ das Krankenhaus von Raibl. Von den 8 Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Gebäude befanden, überlebte die Katastrophe nur der damals 14-jährige Schlosserlehrling Ernst Bierkopf. Er berichtete später von einem sonderbaren Knistern und Ächzen. „Ich drehte mich um und sah, wie sich der Verputz über dem Herd löste. Im nächsten Moment krachte es ohrenbetäubend und vor meinen Augen spaltete sich die Mauer so weit, dass man hätte hindurchgehen können“, wird Bierkopf in einem Zeitungsbericht zitiert.


In diesem unterirdischen Raum waren Sprengstoff und Zünder gelagert. Um sie trocken zu halten, wurde er mit Holz ausgekleidet.


Ein Denkmal in Cave del Predil erinnert an die Opfer des Unglücks von 1910.


Gespenstisch einsame Montur in der Kleiderkaue

Wir verlassen die Mine. Die alten Bergmänner führen uns in ihr Vereinslokal, das gleichzeitig ein kleines Museum ist. Es befindet sich in einem ehemaligen Betriebsgebäude. Hier haben sich die Arbeiter früher umgezogen. Raus aus dem Alltag, rein in die wasserabweisende und nie restlos saubere Spezialkleidung. Zum Trocknen kam sie nach jeder Schicht in die sogenannte Kleiderkaue, einen platzsparenden, an der Decke hängenden Riesenschrank. Über unseren Köpfen baumelt gespenstisch eine einsame Montur. Keine teure Kunstinstallation könnte den Niedergang von Cave del Predil treffender und beklemmender symbolisieren.

1968 lebten 2 100 Menschen im Ort. Heute sind es noch knapp 400. Touristen kennen den Lost Place, wenn überhaupt, nur von der Durchreise. Sie zieht es zum idyllischen Raibler See (Lago del Predil) oder auf den Predilpass. Die alten Bergmänner haben sich damit abgefunden. Von ihrer U-Bahn träumen sie schon lange nicht mehr. Ihnen würde ein Reisebus genügen, der vor dem kleinen Schaubergwerk hält.

AM RANDE


Direkt an der Straße über den Predilpass (SS54) befindet sich unmittelbar vor der Grenze auf italienischer Seite ein militärischer Lost Place. Die von der österreichisch-ungarischen Armee Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Batteriestellung ist recht gut erhalten und – mit entsprechend vorsichtigen Schritten – frei zugänglich. Taschenlampe mitnehmen! Das gilt auch für einen Blick in die vergleichsweise nicht ganz so spektakulären Reste des ebenfalls österreichisch-ungarischen Raibler Seeforts. Um zu dieser Befestigungsanlage zu gelangen, muss man direkt am See die Abzweigung nach Sella Nevea nehmen (SP76).

Auf der slowenischen Seite des Predil-Passes können Ruinen einer weiteren Befestigungsanlage aus der Zeit der Donaumonarchie besichtigt werden. Ein monumentales Denkmal erinnert an österreichische Helden, die gegen Napoleon gekämpft haben.


LOST PLACES

➜ Im Zentrum von Cave del Predil gibt es neben dem Schaubergwerk (Parco Internazionale geominerario del Raibl) zwei gut ausgeschilderte Museen: Das Museo storico militare Alpi Giulie erzählt die Geschichte der Kämpfe in der Region von den napoleonischen Kriegen bis zum Zweiten Weltkrieg, während das Mineria Lab ausschließlich dem Bergbau gewidmet ist. Alle drei Einrichtungen sind von Anfang Mai bis Ende September täglich von 9.30 bis 13 und von 14.30 bis 18.30 Uhr geöffnet. Das Schaubergwerk kann nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Vor allem Besucher, die nicht fließend Italienisch sprechen, sollten sich ankündigen, indem sie ihre Tickets vorab reservieren. Das ist über die Kontaktdaten auf der gemeinsamen Internetseite der Institutionen möglich: www.polomusealecave.coop

➜ An das Unglück von 1910 erinnert ein Denkmal in der Via delle Miniere in Cave del Predil. Es steht genau dort, wo das Krankenhaus in die Tiefe gerissen wurde.

➜ Auf der heute slowenischen Seite kann man einen Blick in den verschlossenen Kaiser-Franz-Josef-Hilfsstollen werfen. Er befindet sich südlich von Log pod Mangartom und ist „indirekt“ beschildert: Auf der Straße nach Bovec steht nach dem Friedhof rechts eine kleine Kapelle, davor ein Hunt. Wer hier rechts abbiegt, kommt direkt zum Stollen, vor dem eine kleine Open-Air-Ausstellung über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg und den Bergbau informiert.


KARAWANKENBAHNTUNNEL

DIE VERGESSENEN SEELEN

Was blieb von der Jahrhundertbaustelle auf der Kärntner Seite des Karawankenbahntunnels? Der Friedhof ist verschwunden, die Kapelle zerschossen und im alten Krankenhaus hat der Teufel Einzug gehalten.


Es heißt, dass man den Teufel nicht an die Wand malen soll. Aber was, wenn doch? Vor uns hängt er an der Wand, in gleich zweifacher Ausfertigung, und spielt gegen sich selbst Karten. „Ist der da schuld?“, frage ich Peter Knes und zeige auf das Bild. Der Hausbesitzer schüttelt belustigt den Kopf: „Die Bude ist einfach alt.“ So kann man es natürlich auch sagen. Aber schöner klingt: Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte.

Das verlassene Haus ist Überbleibsel einer Großbaustelle der Donaumonarchie. Es wurde als Krankenhaus für die Männer errichtet, die wenige Hundert Meter entfernt zwischen 1901 und 1906 den Karawankenbahntunnel bauten. Sie hatten einen gefährlichen Job. Immer wieder gab es Steinschläge oder Wassereinbrüche, manchmal mit tödlichen Folgen, obwohl das Spital gleich ums Eck war. Die Verunglückten wurden auf einem eigens angelegten Friedhof beerdigt, er befand sich auf der Anhöhe hinter dem Krankenhaus. 1903 errichtete man dort eine Kapelle.

Allein auf Kärntner Seite arbeiteten mehr als 2 000 Menschen auf der Jahrhundertbaustelle. Sie kamen aus ganz Europa und wurden, vorsichtig formuliert, von der einheimischen Bevölkerung nicht immer willkommen geheißen. Außerdem berichten Chroniken aus der Zeit, dass die Fremden, vom Volksmund „Baraber“ genannt, durch ihre „Wesensart“ das bisher ruhige Dorfleben „beeinflussten“. Mit schlimmen Folgen: „Die Moral der Einheimischen sank, was man verdiente, verbrauchte man wieder, viele verfielen der Trunksucht.“


Das Gasthaus ist längst geschlossen, aber vor dem Glücksspiel wird weiterhin gewarnt.

Nach der Eröffnung 1906 wurde es – wahrscheinlich auch zur Freude mehrerer Chronisten – vorübergehend ruhig um den 7,9 Kilometer langen Karawankenbahntunnel, wenn man von den Zügen absieht, die zwischen Rosenbach und Aßling (heute: Jesenice) immer öfter durchrauschten. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war das eine innerösterreichische Verbindung, danach standen sich hier plötzlich zwei Staaten mit überschneidenden Gebietsansprüchen gegenüber. Am 25. November 1918 drangen 400 Soldaten des späteren Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat) durch den Tunnel nach Kärnten ein und besetzten das obere Rosental bis zum Südufer der Drau.

Kärnten startete mit freiwilligen Verbänden eine Gegenoffensive: den sogenannten Abwehrkampf. Zu heftigen Gefechten kam es vor allem um Arnoldstein, Ferlach und den Karawankenbahntunnel, der am 4. Mai 1919 wieder von den Kärntnern eingenommen werden konnte. Vorher rangen die Gegner um jeden Meter. Sie kämpften auch auf dem Areal des Friedhofs für die verstorbenen Tunnelarbeiter oberhalb des inzwischen aufgelösten Krankenhauses. Die Kapelle wurde dabei schwer beschädigt und danach nie mehr wieder aufgebaut.


Allein auf der Kärntner Seite des Tunnels waren mehr als 2 000 Arbeiter im Einsatz.


Das Kranken- und spätere Gasthaus in einer alten Ansicht


Das Gebäude heute: unbewohnt und „schwer vermittelbar“

Es sollte fast 100 Jahre dauern, bis dieser Lost Place wieder ins öffentliche Interesse rückte. 2016 wurden die Mauern der Ruine konserviert, um sie vor einem weiteren Verfall zu bewahren. Vom Friedhof fehlte zu diesem Zeitpunkt bereits jede Spur – die Natur hat die Gräber zurückerobert. Weil es nur schlichte und mittlerweile längst verrottete Holzkreuze gab, lässt sich die Lage der Gräber nicht mehr feststellen. „Wir wissen, dass der Friedhof zweigeteilt war: in einen Bereich für die Katholiken und einen für die Toten anderer Konfessionen“, erklärt uns Grundbesitzer Peter Janežič. Von ihm und seinem Vater Franz Janežič, der 2014 in unmittelbarer Nähe der Kapelle bei Forstarbeiten tödlich verunglückte, ist die Initiative zur Konservierung derselben ausgegangen.


1918 und 1919 tobten um den Karawankenbahntunnel heftige Kämpfe zwischen SHS-Truppen und Kärntnern.

Unterstützt wurden sie vor allem vom Bundesdenkmalamt, das besonderen Wert darauf gelegt hat, den „Ruinencharakter“ zu erhalten. Die Mauern sollen auch ein Denkmal für den Frieden sein. Das ist gelungen, wie wir an Details feststellen: In einigen Einschusslöchern, die aus den 1919 geführten Kämpfen stammen, stecken tatsächlich noch die Projektile. Im Inneren der Kapelle hat man eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert zweisprachig an die 22 hier beerdigten Menschen, bei denen es sich nicht nur um Tunnelarbeiter gehandelt hat, sondern auch um verstorbene Angehörige. Unter ihnen befanden sich vier Totgeborene und drei Opfer von Gewalttaten wie Messerstechereien.

Womit wir wieder beim Teufel sind, der unten im alten Krankenhaus hängt. Er gehört zur Dekoration der seit Jahren geschlossenen Jausenstation, die das Gebäude zuletzt beherbergt hat. Zuvor waren in der „Bude“ mehrere Wohneinheiten untergebracht, auch Hausbesitzer Knes ist hier aufgewachsen. Er zeigt uns, wo er sich als Kind mit bunt bemalten Händen auf der Außenmauer verewigt hat. Um das leer stehende Haus kümmert er sich, so gut er kann. Käufer war und ist keiner in Sicht. Es liegt nicht nur am Alter des Gebäudes, meint Knes und fasst dann die Geschichte von Tunnel, Krankenhaus und Friedhof mit einem Satz zusammen: „Mir persönlich ist es da zu kalt.“


LOST PLACE

➜ Die Kapellenruine ist frei zugänglich. Man erreicht sie, wenn man von der Rosenbacher Straße (L56) beim Schloss unterhalb des Bahnhofs Richtung Bahntunnel abbiegt. Nach etwas mehr als einem Kilometer zweigt auf Höhe des Hauses Rosenbach 73 ein Forstweg links von der Straße ab. Wenn man ihm zu Fuß folgt (Fahrverbot) und sich bei der Weggabelung rechts hält, ist man in zirka 15 Minuten bei der Kapelle. Wer das Tunnelportal sehen will, fährt auf der Straße einfach bis zum Ende weiter.


ALTE LOIBLSTRASSE

FILMREIFER ABGANG

Stille statt Stau, Atemholen statt Autokolonne: Die alte Loiblstraße darf seit 1964 nur mehr von Wanderern und Mountainbikern genutzt werden.


Ausgerechnet der wahrscheinlich schönste Kärntner Grenzübergang ist gleichzeitig einer der einsamsten, weil er nur mehr zu Fuß oder mit dem Mountainbike passiert werden kann. Autos um- und unterfahren den alten Loiblpass seit 1964 durch den Tunnel. Vom aktiven Dienst verabschiedet hat sich die historische Straße medienwirksam: mit einem großen Auftritt im britischen Kinofilm „Der gelbe Rolls-Royce“.

In dem Episodenfilm geht es – wenig überraschend – um einen gelben Rolls-Royce und die Menschen, die ihn gerade fahren. Auf der alten Loiblstraße ist das Weltstar Ingrid Bergman. Die schwedische Oscar-Preisträgerin verkörpert eine reiche amerikanische Witwe, die einen jugoslawischen Partisanen, der von Omar Sharif gespielt wird, im Kofferraum des Autos in dessen Heimatland schmuggelt. Bei der Grenzkontrolle droht alles aufzufliegen, schließlich geht die Aktion doch noch gut aus. Die weitere Handlung des Films (und da zitieren wir jetzt Klaus Pertl, den Leiter des Klagenfurter Kinomuseums): schwere Kost.

Zu Kulissen-Ehren kam die alte Loiblstraße 1964 wegen des beeindruckenden Bergpanoramas und der Obelisken. Die monumentalen Grenzsteine auf der Passhöhe wurden 1728 von den Krainer Landständen als Erinnerung an die Durchreise von Kaiser Karl VI. errichtet. Von ihm wird erzählt, dass er sich in der Gegend damals mit den Einheimischen unterhalten wollte. Sie sprachen jedoch nur Windisch, ihren slowenischen Dialekt. Man schickte den Kaiser und sein Gefolge deshalb zum damals kleinen Gasthof Katruschnig auf der Kärntner Seite des Loibls, dessen Wirt Peter Tschauggo als Einziger fließend Deutsch sprach. Karl VI. unterhielt sich erfreut mit ihm, nannte Tschauggo am Ende „Deutscher Peter“ und erlaubte ihm, diesen Beinamen an seine Nachfahren weiterzugeben. Seither heißt das Gasthaus „Deutscher Peter“.


Ein Bunker auf der slowenischen Seite der alten Loiblstraße


Auch die „Leitschienen“ sind in die Jahre gekommen.


Hüttenwirte mit Humor: Ljubelj - Loibl.

Nicht nur Sprachbarrieren wollen die Betreiber der Hütte überwinden, die sich im alten Zollhaus auf der slowenischen Seite der Passhöhe in 1369 Meter Seehöhe befindet. Sie nennen sie deshalb „Haus der Begegnung“. Wir haben leider einen Ruhetag erwischt, stellen aber fest, dass die Wirtsleute Humor haben dürften. Ihr Auto (das einzige, das herauffahren darf) hat ein Fantasiekennzeichen: „LJ“ für Ljubljana, danach die Buchstabenkombination „UBELJ“, was zusammen Ljubelj ergibt, das slowenische Wort für Loibl. Dass sie regelmäßig mit dem Wagen heraufkurven müssen, dürfte übrigens der Grund sein, warum die alte Straße auf slowenischer Seite in einem so viel besseren Zustand als auf der österreichischen ist.

„Da hat sich seit den Römern nicht viel getan“, knurrt der Fotograf und übertreibt damit natürlich. Was den ungefähren Streckenverlauf betrifft, hat er allerdings recht: Die Römer haben sich, wie archäologische Funde belegen, tatsächlich in diesem Bereich über die Karawanken geschleppt. Mit dem Untergang ihres Reichs verlor die Strecke an Bedeutung, wurde aber auf alten Saumpfaden weiter genutzt. Einen ersten Ausbau gab es ab 1560 durch die Kärntner Landstände, die wirtschaftlich großes Interesse an einer günstigen Verbindung zum Hafen in Triest hatten.


Die Loibl-Szenen in „Der gelbe Rolls-Royce“. Der Film mit Ingrid Bergman und Omar Sharif wurde 1964 gedreht.


Seit dem 18. Jahrhundert ist das Hospiz Alt St. Leonhard dem Verfall preisgegeben.

Zurück geht’s für uns auf der Kärntner Seite, wo der Weg an einer ebenso schönen wie beeindruckenden Ruine vorbeiführt: Alt St. Leonhard. Unmittelbar neben der Straße befand sich hier schon um 1200 eine Kirche. Sie wurde vom Zisterzienserstift Viktring um ein Hospiz erweitert, in dem Reisende Schutz suchen konnten. Von der Anlage sind noch einige Grundmauern und sogar ein eingestürztes Gewölbe zu sehen. Das Hospiz bestand bis ins 18. Jahrhundert, das später durch die Kirche Neu St. Leonhard im Tal ersetzte alte Gotteshaus bis Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dass „Reisende“ in dieser Gegend mittlerweile Selbstversorger sind, beweisen einige leere Bierdosen. Dem Verrostungsgrad nach könnten sie Ingrid Bergman und Omar Sharif 1964 aus dem gelben Rolls-Royce geworfen haben. Aber das schließen wir aus, denn die hatten noch Stil.


LOST PLACE

➜ Die alte Loiblstraße kann man sowohl von Kärnten als auch von Slowenien hinaufmarschieren, auf slowenischer Seite gibt es direkt an der neuen Straße aber mehr Parkplätze (gleich nach dem Tunnel links). Die Wanderung auf die Passhöhe und zurück dauert in beiden Fällen zirka 3 Stunden. Im Winter wird die alte Straße auf slowenischer Seite als Rodelbahn genutzt. Die Hütte „Haus der Begegnung“ ist ganzjährig von Mittwoch bis Sonntag und auch an Feiertagen geöffnet. www.stari-loibl.eu

Die Abzweigung zu den Ruinen von Alt St. Leonhard befindet sich im unteren Drittel der alten Loiblstraße auf Kärntner Seite und ist beschildert.

AM RANDE

Szenenfotos aus „Der gelbe Rolls-Royce“ und zahlreichen anderen in Kärnten gedrehten Streifen sind im Klagenfurter Kinomuseum zu sehen. Es hat im Juli und August samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Kinomuseum Klagenfurt, Wilsonstraße 37, 9020 Klagenfurt, www.kinogeschichte.at

Der Loibltunnel wurde im Zweiten Weltkrieg von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen gebaut. 40 Menschen starben unmittelbar an den Folgen der harten Arbeit oder durch Steinschläge. An die Opfer der NS-Zeit erinnern auf österreichischer Seite zwei Steintafeln am Tunnelportal. In Slowenien steht ein Denkmal. Es befindet sich zirka einen Kilometer hinter der Staatsgrenze neben der Straße.


Dem Verkehr anno dazumal ist das Technikmuseum Historama am Fuß des Loiblpasses in Ferlach gewidmet. Auf 2 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind historische Fahrzeuge aller Größen zu bewundern – bis hin zu Straßenbahngarnituren und Graf Khevenhüllers ausschließlich mit Muskelkraft betriebener Flugmaschine aus dem Jahr 1913. Geöffnet hat das Museum nur in den Sommerferien (Anf. Juli – Anf. September): Di – Fr 13–17 Uhr, Sa und So 11–17.15 Uhr.


EINZIEDLARCA, TURŠKA JAMA, TÜRKENSCHANZE

TÖDLICHES VERSTECKSPIEL

Dies- und jenseits der heutigen Grenze zu Slowenien zogen im 15. Jahrhundert plündernde türkische Reiterhorden von Dorf zu Dorf. Die Bevölkerung versteckte sich vor ihnen – nicht immer erfolgreich – in zugemauerten Höhlen.


Von den unzähligen grausigen Geschichten, die sich um die sogenannten Türkeneinfälle Ende des 15. Jahrhunderts ranken, ist jene über die Entstehung des Kufenstechens im Kärntner Gailtal wohl eine der blutrünstigsten. Der Sage zufolge soll es beherzten Einheimischen gelungen sein, einen Anführer der plündernden Osmanen gefangen zu nehmen. Sie brachten ihn nach Feistritz, wo sie den Fremden auf dem Dorfplatz an einen Pfahl banden. Dann ritten die Bauern einer nach dem anderen auf ihren Pferden im wilden Galopp auf den Mann zu, jeder mit einer Keule in der Hand. So erschlugen sie ihn am Ende gemeinsam und die Türken, die davon hörten, verließen fluchtartig die Gegend, um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden.

Mittlerweile weiß man, dass das Kufenstechen einen ganz anderen Ursprung hat. Der Brauch im unteren Gailtal, bei dem bis heute Männer aus dem Ort an einem Pfahl vorbeireiten und mit Eisenkeulen auf ein verkehrt aufgehängtes Holzfass eindreschen, geht laut Forschungen des Historikers Peter Wiesflecker auf mittelalterliche Ritterspiele zurück. Die über Jahrhunderte weitererzählte und wahrscheinlich zusätzlich dramatisierte Geschichte vom erschlagenen Gefangenen hat dennoch einen kleinen wahren Kern. Sie ist ein Beispiel dafür, wie groß die Angst vor den Türken war. Um das Trauma zu bekämpfen, musste eine Heldensage her.


„Schutzraum“ zur Zeit der Türkeneinfälle: die Turška jama bei Jesenice

Solche Märchen finden sich auch in der offiziellen Geschichtsschreibung des ausgehenden Mittelalters. Meist wurden sie von Adeligen in Auftrag gegeben, um die Biografie des eigenen Stammbaums zu „pimpen“. Erst im 20. Jahrhundert haben Historiker durch mühsame Faktenchecks herausgefiltert, was tatsächlich passiert ist. Übrig bleiben – bei der Bedrohung wurde ebenfalls gerne übertrieben – immerhin noch fünf Türkeneinfälle in Kärnten und in der heute slowenischen Region Krain zwischen 1473 und 1483. Es handelte sich dabei um keine Eroberungsfeldzüge im klassischen Sinn, sondern um Überfälle mit einem, wie man es im 21. Jahrhundert nennen würde, terroristischen Hintergrund. Das Osmanische Reich hatte sich damals gerade Teile des Balkans einverleibt und verbreitete, um seine Position langfristig zu festigen, mit kleineren Raubzügen über die Grenzen hinaus bewusst Furcht und Schrecken.

Die Taktik ging auf. Ihr brutales Vorgehen und ihre Geländegängigkeit brachten den türkischen Reiterscharen rasch den Beinamen „Renner und Brenner“ ein. Was ihnen an Vorräten oder Wertgegenständen in die Hände „fiel“, wurde geplündert. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder versklavt. Die Mehrheit der Bevölkerung war den Osmanen – und da lügen die Sagen nicht – hilflos ausgeliefert. Der Adel hatte sich hinter den Mauern seiner mächtigen Burgen verschanzt, die von den mit Speeren, Säbeln und Bogen bewaffneten Räubern nicht angegriffen wurden. Befestigte Gotteshäuser, sogenannte Wehrkirchen, boten nur zum Teil Schutz. Manchmal gingen sie ebenfalls in Flammen auf.

Weil Not erfinderisch macht, begannen die Bauern mit dem Bau eigener „Schutzräume“. Man wählte dafür Höhlen, die in der Nähe der Dörfer, jedoch immer abseits bekannter Wege lagen. Ihre Spur hat sich im Lauf der Jahrhunderte verloren – mit ein paar Ausnahmen wie dem „Schutzraum“ im 725 Meter hohen Tabor, einer Anhöhe östlich des Faaker Sees. Grundbesitzer Hansi Mikl führt uns zu dem Versteck. Der Landwirt und Touristiker hat sich intensiv mit der Geschichte der Gegend auseinandergesetzt. Lange vor den Türkeneinfällen sollen in der Höhle der Überlieferung nach „weiße weise Frauen“ gelebt haben, denen Mikl attestiert, dass sie zu Recht einen guten Ruf hatten: „Sie waren heidnische Priesterinnen, die für die einfachen Menschen sorgten, indem sie zum Beispiel den Lauf der Gestirne deuteten oder Kranken mit ihrem Wissen um die heilende Kraft der Kräuter halfen. In der slowenischen Mundart wird der Ort deshalb bis heute Einziedlarca genannt: die Einsiedlerin.“


Die Turška jama von außen. Zu ihr führt ein Wanderweg.

Die nach Süden ausgerichtete Höhle beziehungsweise Halbhöhle (so werden Löcher dieser Art bezeichnet, die schon nach wenigen Metern enden) ist tatsächlich ein perfekter Platz – für die „Ordination“ einer Druidin ebenso wie für eine kleine Fluchtburg. Sogar eine Quelle sprudelt hier. Als die Türken im Sommer 1478 plündernd durch die Gegend zogen, flüchteten die Bewohner des nahen Dorfes Petschnitzen „mit ihrer besten Habe und dem Vieh“, wie es in verschiedenen Chroniken heißt, in den Unterschlupf. Die Höhle war damals zugemauert und mit einer Eisentür versehen. Den armen Menschen, die sich darin verschanzt hatten, half das leider wenig. Sie wurden von den Osmanen entdeckt und im wahrsten Sinn des Wortes „ausgeräuchert“.


In der Türkenhöhle im Tabor sprudelt eine Quelle. Die Mauer wurde abgetragen, man benutzte die Steine als Baumaterial.

Vom „Schutzraum“ sind nur bescheidene Reste erhalten geblieben. „Neben der natürlichen Erosion hat vor allem die Bautätigkeit meines Großvaters an den Felsen genagt“, gibt Mikl zu. Große Mengen des Konglomeratgesteins wurden in den 1920er-Jahren aus der Wand gesprengt, weil die Bauern der Umgebung preiswertes Baumaterial brauchten. Um zu erfahren, wie die Einziedlarca zur Zeit der Türkeneinfälle ausgesehen haben könnte, muss man von Petschnitzen zirka 30 Minuten mit dem Auto Richtung Süden fahren – durch den Karawankentunnel nach Slowenien. Südöstlich von Jesenice gibt es noch ein halbwegs unversehrtes Versteck aus der Zeit der Türkeneinfälle.

Auf Slowenisch nennt man es Turška jama (Türkenhöhle). Das Loch, ebenfalls eine Halbhöhle, liegt in 835 Meter Seehöhe und strategisch äußerst günstig. Aus den Öffnungen der Mauer, die hier weitgehend erhalten geblieben ist, kann man das ganze Tal bis zum Bleder See überblicken. Der einzige Zugang führt durch steiles Gelände und war ebenso gut wie einfach zu verteidigen. Hier soll sich die Bevölkerung im 15. Jahrhundert vor den osmanischen Plünderern erfolgreicher als am Faaker See versteckt haben. Heute ist die Turška jama durch einen befestigten Wanderweg erschlossen und eine kleine Touristenattraktion. 2016 wurden im hinteren Bereich der rund 18 Meter breiten Halbhöhle archäologische Grabungen durchgeführt. Ergebnisse konnten wir nicht in Erfahrung bringen.

Eine andere und im Alpen-Adria-Raum einzigartige Variante, um sich vor den Reiterhorden zu schützen, wählte man im Südkärntner Bad Eisenkappel. Bauern und Dorfbewohner errichteten – ohne Hilfe von Adel oder Kirche – eine spektakuläre Befestigungsanlage: An der engsten Stelle des Vellachtals riegelten sie den Zugang zu ihrem Ort mit Mauern und Wachtürmen ab. Im Endeffekt verfehlte die Türkenschanze genannte Talsperre allerdings ihren Zweck. 1473 griffen die „Renner und Brenner“ nicht von Norden an, wo der Ort durch das Bauwerk geschützt war, sondern von Süden. Bad Eisenkappel wurde in Schutt und Asche gelegt. Andere hätten einen so fatalen strategischen Irrtum unter den Teppich gekehrt, aber in dieser Gegend bekennt man sich dazu: Die auf den Felsen links und rechts der heutigen Bundesstraße erhalten gebliebenen Mauern und Türme der Türkenschanze stehen unter Denkmalschutz. Damit sie sichtbar bleiben, lässt die Marktgemeinde Bäume und Gestrüpp regelmäßig schneiden. Man überlegt sogar, die historische Anlage in der Nacht zu beleuchten.


Die Mauer der Türkenschanze verschloss einst das Vellachtal vor Bad Eisenkappel.

Im ausgehenden und angeblich finsteren Mittelalter war die öffentliche Hand nicht so bemüht. Bis auf Sondersteuern, die man dem Volk wegen der Bedrohung abpresste, blieb die Obrigkeit untätig. Militärisch stellten sich den Osmanen in all den Jahren nur rebellierende Kärntner Bauern entgegen, die genug von ihren Herren auf der einen und den türkischen Plünderern auf der anderen Seite hatten: 1478 mobilisierten die Aufständischen rund 3 000 Bewaffnete, die sich den über das Kanaltal erneut ins Land eindringenden Reiterhorden bei Goggau (heute Coccau) entgegenstellen sollten. Vor der Schlacht verließ die meisten Freiwilligen jedoch der Mut. Sie flüchteten. Die 600 unerschrockenen Bauern und Bergarbeiter, die geblieben waren, wurden wenige Stunden später von den Soldaten des Sultans überrannt.

Nur wenige Rebellen überlebten. Um sie „kümmerten“ sich später die heimischen Behörden. Der Bauer Peter Wunderlich, der den Aufstand angeführt hatte, wurde durch Vierteilen hingerichtet. Nach dem tragischen Helden sind heute Straßen in Klagenfurt und Spittal/​Drau benannt.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
301 s. 253 illüstrasyon
ISBN:
9783990404508
Yayıncı:
Telif hakkı:
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