Kitabı oku: «Philosophie der Wissenschaft»
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Georg Römpp
Philosophie der Wissenschaft
Eine Einführung
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Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
UTB-Band-Nr. 5048 | ISBN 978-3-8463-5048-5
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1Wissenschaft und Philosophie
1.1Wissen und Begründen
1.2Der Regress des Begründens und der Beginn der Wissenschaft
1.3Wissen und wissenschaftliches Erklären
1.4Das Erklären und die Welt
1.5Vorschau: Wissenschaft und Wissenschaftsphilosophie
2Wahrnehmung in der empirischen Wissenschaft
2.1Beobachtung, Induktion und Deduktion
2.1.1Beobachtung als Kontakt zur Wirklichkeit
2.1.2Induktion und Deduktion
2.1.3Verifizierung und Falsifizierung
2.2Die Grundlagen des Empirismus
2.2.1Eindrücke und Vorstellungen als Basis des Wissens
2.2.2Abstrakte Ideen und das Prinzip der Assoziation
2.2.3Wahrnehmungen und die Gewissheit der Wissenschaft
2.2.4Ein Beispiel: Hume und das newtonsche Gravitationsgesetz
2.3Sprache und Beobachtung: der Logische Empirismus
2.3.1Der Logische Empirismus
2.3.2Beobachtungssätze und das Basisproblem
2.3.3Der Logische Empirismus und das Problem theoretischer Begriffe
2.4Die Kritik am ‚Mythos des Gegebenen‘
2.4.1Der ‚Mythos des Gegebenen‘
2.4.2Begriffe und ‚Gegebenheit‘
2.4.3Auf dem Weg zu einem sprachgebundenen Empirismus
2.5Die Unbegrenztheit der sprachlichen Welt
2.5.1Die Begrifflichkeit von Wahrnehmungen und ihre ‚Natürlichkeit‘
2.5.2Kritik am Kohärentismus und die rationale Beziehung zur Welt
2.5.3Begriffliche Wahrnehmung und die Identität von Denken und Welt
2.5.4Von der Erfahrung zum Urteilen
2.6Von der Wahrnehmung zum Wahrnehmenden
2.6.1Inferentialismus und das Problem der Objektivität
2.6.2Das Prinzip der Verlässlichkeit
2.6.3Ein neuer Begriff von Beobachtung in der Wissenschaft
2.7Fazit
2.7.1Wahrnehmen in der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie
2.7.2Beobachtung in der fortgeschrittenen Wissenschaftsentwicklung
2.7.3Das Problem mit der Kausalität der Wahrnehmung
3Das Experiment und das wissenschaftliche Wissen
3.1Das Experiment als ‚Eingreifen‘ in die Natur
3.1.1Von der Beobachtung zum Experiment
3.1.2Der Beginn der experimentellen Methode
3.1.3Theorienerzeugende und theorienprüfende Experimente
3.2Experimente und die Entscheidung über Theorien
3.2.1Das Experiment als Frage und die Natur als Antwort
3.2.2Das Experiment zwischen altem und neuem Wissen
3.2.3Das ‚experimentum crucis‘
3.3Analytische Urteile und ihre Bedeutung für das Experiment
3.3.1Das Problem
3.3.2Quines Kritik am Gedanken der Analytizität
3.3.3Analytizität und Übersetzungsunbestimmtheit
3.3.4Holismus und Experiment
3.4Fazit
3.4.1Was ein Experiment voraussetzt
3.4.2Das Experiment als ‚Kontakt‘ mit der Natur?
3.4.3Der Status des Experiments in der Wissenschaft
4Wissenschaft, Sprache und Welt
4.1Gegenstandstheorie der Bedeutung
4.1.1Eigennamen
4.1.2Allgemeinbegriffe
4.1.3Prädikate
4.2Mentalistische Theorie der Bedeutung
4.2.1Das Problem mit den Wörtern und ihren Bedeutungen
4.2.2John Locke und die Bedeutungen im Kopf
4.2.3Von den Begriffen zu Sätzen
4.3Bedeutung durch den Gebrauch der Sprache
4.3.1Kommunikative, strategische und repräsentierende Sprache
4.3.2Bedeutung, Sprachspiele und Lebensformen
4.3.3Verwendungsbedeutung und ‚Weltverlust‘
4.4Bedeutung durch Regeln und das Problem des Regelfolgens
4.4.1Das Problem
4.4.2Rigidität und Freiheit im Regelfolgen
4.4.3Regeln und Regelinterpretieren
4.5Unterbestimmtheit von Bedeutung und von Theorien
4.5.1Quines empiristischer Ansatz
4.5.2Bedeutungszuschreibung für eine radikal fremde Sprache
4.5.3Unbestimmtheit der Übersetzung
4.6Bedeutungen als Ansprüche und Verpflichtungen
4.6.1Die normative Grundlage von Bedeutung
4.6.2Die Regeln des Spiels
4.6.3Regel und Regelveränderung
4.7Bedeutung über ‚Bedeutungen‘ hinaus
4.7.1McDowells Einwand gegen die Bedeutungstheorie
4.7.2Unmittelbares Verstehen jenseits des cartesischen Weltbildes
4.7.3Verstehen ohne Interpretieren
5‚Realismus‘ und die Erfolge der Wissenschaft
5.1Realismus und Wissenschaft
5.1.1Von Wahrnehmung und Sprache zur ‚Realismus‘-Frage
5.1.2‚Realismus‘ in der Wissenschaft
5.1.3Realismus auf der Basis des ‚Erfolgsarguments‘
5.1.4Ein wissenschaftstheoretisches Gegenargument
5.2Wissenschaftsphilosophie und Erfolgsargument
5.2.1Der Begriff des Erfolgs
5.2.2Erklärung und Wahrheit
5.2.3Intuition und Begründung im Erfolgsargument
5.2.4Realismus, Anti-Realismus und die Wissenschaftsphilosophie
6Wissenschaft und wissenschaftsphilosophische Reflexion
6.1Wissenschaft und ‚alternative‘ Wissenschaft
6.2Verschiedene Perspektiven auf die gleiche Welt?
6.3Wissenschaft und Differenz
6.4Das Gelten der Naturgesetze
7Literaturhinweise
8Register
Vorwort
Die empirische Wissenschaft beeinflusst unser Leben weniger durch die technischen Apparaturen und Behandlungsmethoden zur Lösung von Problemen, in denen sich ihr Fortschritt mit zunehmender Veränderungsgeschwindigkeit darstellt. Es ist weit mehr die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens zum Orientierungsmodell alles Denkens, das unser Selbstverständnis und unser Verständnis der Welt und damit unser Leben prägt.
Diese Entwicklung hat ihre Grundlage in einer bestimmten Auffassung von Wissenschaft, der zufolge sie einen exklusiven Zugang zur Welt besitzt, die sich in der wissenschaftlichen Sprache so darstellen kann, dass wir uns mit ihr miteinander und über die Welt verständigen können.
Die folgende Einführung zeichnet an den für den Weltbezug der empirischen Wissenschaft zentralen Stellen die Entwicklung der Wissenschaftsphilosophie seit Mitte des 20. Jahrhunderts hin zu einer fundamentalen ‚Kritik‘ an der Wissenschaft nach. Eine solche Philosophie wollte und will aber kein besseres Wissen als die Wissenschaft entwickeln, sie will der Wissenschaft nicht sagen, wie sie zu forschen hat, und sie will die empirische Wissenschaft auch nicht als ein schlechtes Wissen kennzeichnen.
Auch dadurch unterscheidet sich die Philosophie der Wissenschaft von der Wissenschaftstheorie. In diesem Buch wird aber auch nicht das übliche Quartett der Wissenschaftstheorie vorgestellt: Popper, Lakatos, Kuhn und Feyerabend. In das, was Wissenschaftsphilosophie heute ist, wird stattdessen durch eine Untersuchung der zentralen Grundlagen für einen Erfahrungsgehalt in der empirischen Wissenschaft eingeführt: die Wahrnehmung als ‚Kontaktstelle‘ mit der Welt, das Experiment als konstruierte Wahrnehmungsmöglichkeit, und die wissenschaftliche Sprache, in der sich die in Wahrnehmung und Experiment zur Erfahrung werdende Welt in wissenschaftlichen Theorien darstellt.
‚Kritik‘ ist die Philosophie der Wissenschaft deshalb, weil sie an der Grenzbestimmung des wissenschaftlichen Denkens arbeitet. Sie stellt also gedankliche Grundlagen zur Verfügung, um die rechtmäßigen Wissensansprüche der empirischen Wissenschaft von einer Verabsolutierung ihres Denkens zum alleinigen Orientierungsmodell alles Denkens unterscheiden zu können.
Damit arbeitet sie an der Freiheit, sich die Erfolge der empirischen Wissenschaft zunutze machen zu können, ohne sich auf ihre gedanklichen Grundlagen auch jenseits der wissenschaftlichen Erarbeitung eines technisch verwertbaren Wissens verpflichten zu müssen. Deshalb stellt Wissenschaftsphilosophie das sich in der Wissenschaft darstellende Denken in den weiteren Zusammenhang der Entwicklung des Denkens, Sprechens und Kooperierens in unserer Spezies, die uns – und nicht die Skorpione oder Kängurus – zur Herrschaft über diesen Planeten führte.
Die folgende Einführung in die Philosophie der Wissenschaft soll für studierende und studierte Naturwissenschaftler und Philosophen einen Beitrag zur Entwicklung der Freiheit in diesem Prozess leisten und unter diesem Vorzeichen den Dialog zwischen empirischer Wissenschaft und Philosophie fördern, der seit zwei Jahrhunderten nur noch fragmentarisch geführt wird.
1Wissenschaft und Philosophie
1.1Wissen und Begründen
Die Wissenschaft erklärt uns die Welt. Sie tut dies, indem sie zunächst aufgrund von Beobachtungen Theorien über Ereignisse und Zusammenhänge in der Welt aufstellt. Diese Theorien werden dann durch Experimente auf ihre Übereinstimmung mit der Erfahrung geprüft. In Experimenten können wir die Wahrheit von Theorien durch gezielte Wahrnehmungen feststellen. Im Falle der Bestätigung entstehen daraus Gesetze, die das Geschehen in der Welt präzise beschreiben. Solche an der Erfahrung geprüften Gesetze gibt es in erster Linie in den Naturwissenschaften, obwohl auch die empirische Psychologie, die empirischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und andere Disziplinen bis hin zur empirischen Sprachwissenschaft auf diese Weise vorgehen, wenn sie nach Erfahrungswissen suchen. Auf diese Weise entwickelt die Wissenschaft ein immer besseres Wissen von der Welt. Es kann vorkommen, dass sich manche Gesetze als falsch erweisen, so dass sie aus dem Bereich des wissenschaftlichen Wissens ausgeschieden werden müssen. Aber dies geschieht aufgrund einer besseren und genaueren Prüfung auf deren Übereinstimmung mit dem Geschehen in der Welt, so dass sich der Wert der wissenschaftlichen Methode damit durch ein weiteres Fortschreiten im Wissen bestätigt.
Weil die Wissenschaft uns die Welt erklärt, können wir die Welt immer besser nach unseren Wünschen verändern und gestalten. Die Fortschritte in Medizin und Technik sind die besten Beweise dafür, dass die Wissenschaft die gesetzmäßigen Zusammenhänge in der Welt richtig erklärt. Wenn dabei unerwünschte Folgeprobleme entstehen, so suchen wir auf politischem Wege durch den Einsatz von mehr finanziellen Mitteln nach einem besseren wissenschaftlichen Wissen, das unseren Zielen besser entspricht. Auf diese Weise beeinflussen wir die Wissenschaft, weil wir Erklärungen wünschen, die uns interessieren, und technische Anwendungen wissenschaftlicher Erkenntnisse erwarten, die unseren Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Das ändert aber nichts daran, dass die Wissenschaft die Welt mithilfe der Erfahrung beschreibt und Wissen anhand von Beobachtungen und Experimenten gewinnt. Dies ist sogar der Garant dafür, dass neue Erkenntnisse sich unseren Wünschen entsprechend in technische Anwendungen umsetzen lassen.
Die beiden letzten Absätze enthalten eine Beschreibung dessen, was Wissenschaft ist, indem angegeben wird, was sie tut. Es gibt sicher auch andere Beschreibungen, aber für das Alltagswissen wären sie im Großen und Ganzen äquivalent mit der gerade gegebenen. Offenbar verfügt die Alltagssprache über ein tief eindringendes und umfangreiches Wissen über die Wissenschaft. Es bezieht sich nicht nur auf das Vorgehen und den Fortschritt der Wissenschaft, sondern auch auf die Beziehung zwischen dem wissenschaftlichen Wissen und der Welt, von der es uns nützliche Erkenntnisse zur Verfügung stellt. Wir könnten ein solches Wissen über die Wissenschaft als ‚Wissenschaftstheorie‘ bezeichnen. Sie genügt zwar sicherlich nicht den Ansprüchen der Wissenschaft selbst an eine wissenschaftliche Theorie, aber es handelt sich doch um eine Theorie insofern, als sie allgemeine und dem Anspruch nach wesentliche Strukturen eines Wirklichkeitsbereiches beschreibt, nämlich dessen, den wir als ‚Wissenschaft‘ bezeichnen.
Deshalb sollte jene Beschreibung der Wissenschaft zumindest dem Begriff des Wissens genügen können, der für das Wissen der Wissenschaft selbst gilt. Diese Standard-auffassung von ‚Wissen‘, auf der das Wissen der ‚Wissenschaft‘ beruht, ist sehr einfach mithilfe von drei Kriterien zu beschreiben. (1) Die Person, die beansprucht, etwas zu wissen, muss etwas über die Welt glauben. Das genügt aber natürlich nicht, denn bekanntlich glauben wir Vieles, was wir nicht wissen. Aber diese Beziehung zwischen der Person und einem Sachverhalt ist nichtsdestoweniger ein wichtiger Bestandteil eines jeden Wissens. (2) Das, was geglaubt wird, muss wahr sein. Damit unterscheidet sich Wissen vom Glauben und Meinen. Nun könnte es aber sein, dass eine Person etwas glaubt und dass das, was sie glaubt, zufällig auch wahr ist. Etwa könnte jemand in Deutschland zu einem bestimmten Zeitpunkt glauben und diesen Glauben auch aussprechen: ‚Heute regnet es in San Francisco‘. Wenn wir den Wetterbericht für diesen Tag konsultieren, dann stellen wir vielleicht fest, dass dies tatsächlich der Fall ist. Aber würden wir auch sagen, dieser Jemand wisse dies, wenn er keinen einzigen nachvollziehbaren Grund für seinen Glauben angeben kann? (3) Deshalb müssen wir für Wissen noch ein weiteres Kriterium heranziehen. Wer etwas glaubt, muss seinen Glauben auch begründen bzw. rechtfertigen können, damit wir ihm wirklich ein Wissen im Falle des Bestehens des betreffenden Sachverhaltes zuschreiben können. Solche Begründungen können besser oder schlechter sein. Der Glaube, heute regne es in San Francisco, lässt sich leicht durch den Hinweis auf ein Telefongespräch mit einem Menschen, der eben dort lebt, begründen. Er lässt sich aber nicht begründen durch den Verweis auf die gerade gesehene Episode einer Fernsehserie, deren Handlung in einem San Francisco im Dauerregen spielt.
Wir könnten dies auch so ausdrücken, dass mit dem Anspruch auf Wissen drei Dimensionen tangiert sind: (1) die subjektive Dimension des Glaubens bzw. des ‚Fürwahr-haltens‘, (2) die objektive Dimension des Wahrseins, (3) die intersubjektive Dimension der Gründe – in der amerikanischen Gegenwartsphilosophie wird hier regelmäßig vom ‚space of reasons‘ gesprochen. Diese dritte Dimension des Wissens wurde und wird sehr häufig ignoriert, obwohl sie schon in unserem alltäglichen Sprachgebrauch enthalten ist. Wir bezeichnen etwa einen Glauben, der durch falsche Prämissen begründet wird, auch dann nicht als Wissen, wenn er ‚zufällig‘ wahr ist. Sagt jemand ‚Haie sind Fische‘, so sind wir geneigt, ihm einen wahren Glauben zuzuschreiben. Aber sagen wir immer noch, er wisse dies, wenn er seinen Glauben so begründet: ‚Alle schwimmenden Tiere sind Fische, Haie sind schwimmende Tiere, also sind Haie Fische‘? Rein logisch ist dieser Zusammenhang korrekt, aber bekanntlich sind Wale keine Fische, so dass der Obersatz falsch ist, weshalb die Konklusion so nicht begründet werden kann.
Diese Analyse des Begriffs des Wissens, die zu drei Kriterien für dessen richtige Verwendung führt, ist dennoch nicht ganz unbestritten. Dies gilt weniger für die beiden ersten Kriterien – dass Wissen wahr und von jemandem geglaubt sein muss – als vielmehr für das dritte Kriterium. Dass das Wissen wahr sein muss, führt nur dann zu Problemen, wenn wir nach der Bedeutung dieses Adjektivs fragen und darüber hinaus noch danach, welche Kriterien denn erfüllt sein müssen, um etwas als wahr bezeichnen zu dürfen. Dieses Problem lassen wir hier auf sich beruhen, weil es weit besser gelingen wird, den Stand der Philosophie der Wissenschaft zu verdeutlichen, wenn wir uns auf den Aspekt des Begründens in jedem Wissen konzentrieren, als dies bei einer Beschäftigung mit dem Begriff der Wahrheit der Fall wäre, der in der Wissenschaft sowieso fast nirgends verwendet wird. Dass Wissen nicht als Gegenstand in der Welt vorhanden ist wie Steine, Bäume oder Kängurus, sondern von jemandem geglaubt bzw. für wahr gehalten werden muss, ist sicherlich einleuchtend.
Es wurden allerdings Beispiele gefunden, die es weniger selbstverständlich machen, dass Wissen auch begründet sein muss. Wir müssen uns hier aber auf die Behauptung beschränken, dass diese Beispiele nicht ausreichen, um den Aspekt der Begründung aus dem Begriff des Wissens auszuschließen. Etwa wird das bekannteste Beispiel so oder ähnlich beschrieben: Jemand schreibt in einer Prüfung von dem neben ihm sitzenden Kandidaten ab, und zwar von jemandem, von dem er weiß, dass er in diesem Fach ein Star ist, und was abgeschrieben wurde, ist unbezweifelbares Wissen des Prüfungsfaches. Der Schummler erfüllt also eigentlich alle drei Kriterien des Wissens: er glaubt, dass seine nur abgeschriebenen Kenntnisse gelten, sie sind auch tatsächlich wahr, und er kann gerechtfertigt glauben, dass diese Kenntnisse wahr sind, denn sich auf Autoritäten zu stützen, ist eine Form der Rechtfertigung, wenn auch nicht immer eine gute. Sagen wir in diesem Fall aber, dieser Prüfling verfüge über Wissen? Intuitiv könnten wir dies verneinen. Dann sind wir aber nicht ganz konsequent, denn der größte Teil unseres Wissens wird nur durch Autoritäten gerechtfertigt. Dass ‚to look forward to‘ in der englischen Sprache ein nachfolgendes Gerundium fordert (‚I am looking forward to seeing you‘), wissen Kontinentaleuropäer ebenso nur durch Autoritäten – etwa durch die Verfasser englischer Grammatiken – wie wir die fundamentalen Sätze der Quantenmechanik nur durch die rechtfertigende Vermittlung durch Physiklehrer und -professoren kennen, obwohl kaum jemand ohne ein Studium der theoretischen Physik eine ausreichende Begründung dafür geben kann.
Aber die Frage, welche Art von Begründung denn vorliegen muss, damit wir von ‚Wissen‘ sprechen können, weist uns auf eine weitere wichtige Struktur unserer Auffassung des Wissens hin, das wir der Wissenschaft zuschreiben, wie wir dies oben skizziert haben, und von dem eine ‚Wissenschaftstheorie‘ ein Wissen beansprucht, auch wenn es nur so einfach ist, wie wir es eingangs dem Alltagsverständnis zugeschrieben haben. Jene Beschreibung, die wir als eine einfache Form von ‚Wissenschaftstheorie‘ bezeichnen könnten, gibt einen Begriff von Wissenschaft an, der nicht unabhängig ist von der Bedeutung, die wir mit dem Begriff des Wissens verbinden, und wenn wir in diesen Begriff die Begründbarkeit einschließen, dann wird der gewusste Begriff des Wissens des Weiteren abhängig von der Bedeutung, in der wir bereit sind, von Begründung zu sprechen. Offensichtlich wird das Wissen von der Wissenschaft und das Wissen der Wissenschaft selbst verschieden sein, je nachdem, ob wir eine Begründung durch Autoritäten als ausreichend für diesen Begriff erachten oder nicht. Und selbst wenn wir dazu bereit sind, so werden sich weitere Fragen stellen wie: Wie viele Autoritäten benötigen wir? Genügt es, dass 95 % aller Klimatologen der Welt bestätigen, dass der Klimawandel wirklich und menschengemacht ist, oder müssen es 99 % sein? Welche Qualifikationen müssen die Autoritäten aufweisen? Genügt eine Promotion, müssen sie eine Professur haben, oder dürfen sich auch gewöhnliche Schullehrer einmischen? Und wenn das erstere oder das zweitere gilt, wo müssen sie studiert haben – in Stanford, am MIT, in Harvard/Yale/Princeton, oder darf es auch eine Universität in der bayerischen Provinz sein?
Wir haben zunächst einen Begriff von Wissenschaft skizziert, der heute weitgehend akzeptabel sein dürfte – außer vielleicht dort, wo die wilden Kerle der Philosophie wohnen. Wir haben dann den Begriff des Wissens nach einer Auffassung beschrieben, die man heute als Standardauffassung ansehen kann: jemand weiß etwas, wenn er es glaubt (‚für wahr hält‘), wenn es wahr ist und wenn er es begründen kann. Nun haben wir gesehen, dass der Begriff des Wissens in noch unabsehbare weitere Probleme führt, wenn wir ihn näher bestimmen wollen. Dies gilt nicht nur für den Begriff des Wissens, das die Wissenschaft von der Welt gewinnen kann, sondern auch für den Begriff des Wissens, den wir mit jenem Begriff von der Wissenschaft beanspruchen müssen. Die Antwort auf die Frage, ob und wie weit wir jenen Begriff von Wissenschaft nach einer genaueren Prüfung akzeptieren können, und ob und wie weit das Wissen der Wissenschaft wirklich so ist, wie es in jener Auffassung beschrieben wird, hängt also offenbar von einigen schwergewichtigen Begriffen und deren näherer Bedeutung ab.
Deshalb werden für die Prüfung der Angemessenheit jener Begriffe von Wissen und von Wissenschaft Fragen nach der Herkunft, der Richtigkeit und der Bedeutung von Begriffen eine zentrale Stelle einnehmen müssen. Wir haben bereits eine gut begründete Entscheidung darüber getroffen, welchem Begriff aus der Standarddefinition von Wissen wir im Folgenden in erster Linie nachgehen wollen: der Begriff des ‚Glaubens‘ (also der Subjektbeziehung des Wissens) wirft nur wenige Probleme auf, der Begriff der ‚Wahrheit‘ (der lange Zeit als die Objektbeziehung des Wissens bezeichnend aufgefasst wurde) ist in der Wissenschaft unbedeutend und würde Probleme aufwerfen, die weit über die Gegenwart der Philosophie hinausgreifen, wie etwa eben die Frage nach einer ‚Objektbeziehung‘ des Wissens selbst. Also zeigt sich der Begriff der Begründung als derjenige, dessen Untersuchung den besten Zugang dazu bietet, wie wir das Wissen von und das Wissen der Wissenschaft auffassen müssen.
1.2Der Regress des Begründens und der Beginn der Wissenschaft
Möglicherweise wurde und wird das Begründen und Rechtfertigen als die dritte Dimension des Wissens gerade deshalb so leicht außer Acht gelassen, wenn von Wissen die Rede ist, weil wir damit in ein folgenreiches Problem geraten. Wenn das Vorliegen von Wissen von Begründungen abhängt, so müssen diese Begründungen offenbar selbst die Kriterien für ‚Wissen‘ erfüllen, sonst können wir mit ihrer Hilfe kein Wissen erzeugen. Das zeigte sich schon in dem obigen Hai-Beispiel sehr deutlich: wenn der Obersatz, mit dessen Hilfe der Schluss durchgeführt wurde, falsch ist, dann kann mit ihm die Konklusion offenbar nicht begründet werden, und es handelt sich nicht um ein Wissen, obwohl die Konklusion wahr ist. Ganz ähnlich würde man den Glauben, dass Zeitreisen möglich sind, nicht als Wissen ansehen, wenn als Begründung deren Vorkommen in Hollywood-Filmen angegeben wird, obwohl diese Möglichkeit durch die Relativitätstheorie begründet werden kann und dann ein Wissen darstellen würde. Das Problem ist offenbar, dass Wissen anderes Wissen voraussetzt, damit ersteres begründet werden kann, wobei letzteres folglich selbst begründungspflichtig ist durch wieder anderes Wissen. Das Problem ist also das eines unendlichen Regresses.
Können wir diesen Regress nicht stoppen, so sind wir nicht berechtigt zu behaupten, dass wir überhaupt etwas wissen – weder in der Wissenschaft, noch über die Wissenschaft. Stoppen wir ihn aber auf eine falsche Weise, so können wir ebenfalls keinen Anspruch auf Wissen erheben. Etwa könnten wir uns entschließen, nach einigen Begründungsschritten bei unbegründeten Annahmen stehen zu bleiben. Das ist die häufigste Lösung, die wir im Alltag anwenden, wenn wir nach Begründungen – und nach Begründungen für Begründungen – gefragt werden. Damit kann man es sehr weit bringen und sehr überzeugend wirken; man muss nur solche unbegründeten Annahmen finden, die wir selbst und unsere Gesprächspartner als selbstverständlich unterstellen, d. h. an die sie glauben. Das mag für viele Zwecke ausreichen, aber von Wissen können wir dann natürlich nicht sprechen, denn jene Begründbarkeit, die zu den Kriterien für Wissen gehört, endet dann bei einem Glauben als einem ‚Fürwahrhalten‘, womit das zu begründende Wissen selbst nur einen Glauben darstellt – und dies auch dann, wenn es wahr ist.
Eine andere Möglichkeit zum Stoppen des Regresses der Begründung stellt eine zirkelhafte Begründungsweise dar, d. h. wir wiederholen einige Behauptungen, die wir bereits angeführt hatten. Das Ergebnis in Bezug auf den Begriff des Wissens wäre in diesem Fall aber nicht besser, und in der Regel findet sich bald ein Cleverle, das hier ‚Zirkel!‘ schreit. In der Geschichte des Wissens war es deshalb in der Tat das Stoppen des Regresses bei Glaubensüberzeugungen, mit dem das Kriterium der Begründungspflichtigkeit von Wissen zu erfüllen versucht wurde. Diese Methode war über viele Jahrhunderte hinweg allgemein anerkannt und wurde in allen Institutionen zur Erzeugung und Verarbeitung von Wissen eingesetzt. In grober Vereinfachung könnte man sagen, dass es der Glaube der christlichen Buchreligion in Verbindung mit dem Glauben an die unbezweifelbare Wahrheit der aristotelischen Philosophie war, der den Regress aus der Begründungspflichtigkeit des Wissens an ein unbezweifeltes Ende brachte.
Man versteht die neuzeitliche Naturwissenschaft in ihrem Wissensanspruch nicht ausreichend, wenn man sich nicht verdeutlicht, welchen Bruch das Aufkommen der wissenschaftlichen Denkweise in Bezug auf die Beendigung des Regresses darstellte, der aus der Begründungspflichtigkeit des Wissens entsteht, die ein Bestandteil der Bedeutung darstellt, die wir mit dem Begriff ‚Wissen‘ verbinden. Man könnte geradezu sagen, dass die Wissenschaft mit einer neuen Auffassung darüber begann, wie sich jener Regress verhindern lasse. Jeder weiß, wie diese neue Auffassung lautete: es kommt auf die Erfahrung an – genauer: auf die Erfahrung durch die Sinne, weshalb man auch von empirischer bzw. Erfahrungswissenschaft spricht, wenn man die neuzeitliche Methode der Wissenschaft bezeichnen will. Durch das Zeugnis unserer Sinneswahrnehmungen können wir nach dieser Auffassung auf etwas ‚Gegebenes‘ kommen, das der Frage ein Ende bereitet, ob die Begründung für ein Wissen denn selbst ein Wissen darstelle, das selbst begründet werde müsste mithilfe von Wissen, woraus die gleiche Frage wieder entstehen würde.
Man macht es sich in vielen Büchern über diesen Umbruch in den Auffassungen über unser Wissen im Entstehungsprozess der Naturwissenschaft zu leicht, wenn man auf neue Erkenntnisse verweist, die durch die Erfindung von Messinstrumenten möglich wurden; und man macht es sich auch zu leicht, wenn man darauf verweist, dass die Ausrichtung des Wissens an den Erfahrungen unserer Sinne sich so leicht durchsetzen konnte, weil sie erheblich erfolgreicher war als die alte Orientierung an einem geglaubten Buchwissen. Man könnte diese Veränderungen plausibler so beschreiben: Weil man nun bereit war, in unserem Wissen über die Welt den Regress der Begründung nicht mehr durch heilige Bücher, sondern in erster Linie durch das Zeugnis der Sinneserfahrung zu beenden, deshalb wurden Messinstrumente erfunden, die uns eine Sinneserfahrung auch dort ermöglichen, wo die Sinne, die uns mit unserer anatomischen und organischen Ausstattung zur Verfügung stehen, nicht mehr ausreichen können. Warum hätte man sich sonst die Mühe machen sollen, solche Instrumente zu erfinden, wenn die Sinneserfahrung doch sowieso nicht als Beendigung des Regresses der Begründung akzeptabel war?
Auch mit dem Argument, dass die Sinneserfahrung als letzte Begründungsgrundlage für unser Wissen deshalb den Siegeszug antreten konnte, weil sie weit erfolgreicher war als die ältere Orientierung an einigen mehr oder weniger heiligen Schriften und an rein vernünftigen Erörterungen ohne jeden Bezug zur Erfahrung, geraten wir in Schwierigkeiten. Dagegen lässt sich etwa einwenden, dass die Erfolge des neuen Denkens zunächst auf Spezialprobleme beschränkt waren, die winzig kleine Wissenschaftlergemeinden beschäftigten. Wenn wir heute an die Erfolge der Wissenschaft denken, dann kommt uns in der Regel der Fortschritt der Medizin in den Sinn und darüber hinaus die technische Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse von der Mondlandung über die Erfindung von CD- und DVD-Playern bis hin zur Entwicklung von Nuklearwaffen. Diese Anwendungen sind aber eine Erscheinung erst aus der jüngsten Geschichte, und selbst die medizinische Verwertbarkeit der Wissenschaft begann eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Erfolge zu zeigen. Vor der Entdeckung von Antibiotika, Anästhetika und den Erkenntnissen der Virologie und Bakteriologie hatten Ärzte nicht viel mehr Möglichkeiten zur Heilung von Krankheiten als in den vorangegangenen Jahrhunderten.
Es könnte deshalb plausibler sein, die Veränderungen in der Auffassung des Wissens und seiner Begründbarkeit weg von einem Buchwissen hin zum Erfahrungswissen nicht durch den besseren Erfolg des letzteren zu erklären, sondern durch eine neue Definition von Erfolg, die mit der neuen Orientierung des Wissens an der Sinneserfahrung untrennbar verbunden war. Das alte Wissen wies sich im Grunde überhaupt nicht dadurch aus, dass es Erfolge in der Veränderung und Verbesserung der Welt des Menschen ermöglichte. Es fand seine Beglaubigung vielmehr schon darin, dass es sich auf den Willen Gottes, wie er in als heilig angesehenen Büchern niedergeschrieben war, und auf rein vernunftgegründete Argumentationen stützte, wie sie von den scholastischen Philosophen und Theologen auf der Grundlage des aristotelischen Denkens ausgearbeitet worden waren. Ein Erfolg des Wissens in unserem Sinne war in dieser Konzeption des Wissens überhaupt nicht vorgesehen, sondern ein solcher Erfolg wurde durch Kriterien bestimmt, die im Denken der Wissenschaft heute überhaupt nicht mehr vorkommen.
1.3Wissen und wissenschaftliches Erklären
Die Wissenschaft beendet den Regress des Begründens, indem sie ihr Wissen durch seinen Bezug auf die Erfahrung ausweist, weshalb neuzeitliche Wissenschaft gleichbedeutend ist mit empirischer Wissenschaft. Diese Minimaldefinition von Wissenschaft im Sinne von ‚science‘ wird heute nur an dem Rand der Wissenschaft nicht als selbstverständlich angesehen, wo die sog. ‚string theory‘ sich in der theoretischen Physik berechtigt sieht, ein kosmologisches Modell zu entwerfen, dessen Aussagen prinzipiell keine empirische Bestätigung oder Widerlegung zulassen. Eine solche ‚nicht-empirische‘ Wissenschaft wird überall sonst als ein Begriff angesehen, der dem eines ‚schwarzen Schimmels‘ gleicht. Möglicherweise ist der Hinweis nicht überflüssig, dass dies natürlich auch für die Quantenphysik und die Relativitätstheorie gilt. Die erfahrungsgeleitete Wissenschaft begründet ihr Wissen ‚letztlich‘ durch den Kontakt unserer Sinne mit der Welt, also durch Wahrnehmung. Ihre Grundlage ist die Annahme, dass unsere fünf Sinne in der Wahrnehmung eine solche Beziehung zur Welt aufnehmen, dass wir eine Grundlage für solche Aussagen und Aussagensysteme über sie finden, die der Definition von ‚Wissen‘ genügen.
Wir haben zu Beginn dieses Kapitels einen einfachen Begriff von ‚Wissenschaft‘ als ‚science‘ skizziert, der auf weite Akzeptanz Anspruch erheben kann, um diesen Begriff dann mit Blick auf die Philosophie der Wissenschaft durch denjenigen des ‚Wissens‘ zu erläutern und im ‚Begründen‘ zentrieren zu lassen. Auf dieser Grundlage können wir das Problem, das sich einer Wissenschaftsphilosophie stellt, nun dadurch erläutern, dass wir das Begründen in den Zusammenhang des Begriffs des Wissens zurückstellen. Dazu müssen wir einige Beziehungen zwischen dem ‚Begründetsein‘, dem ‚Für-wahr-halten‘ (Glauben) und dem ‚Wahrsein‘ als den Elementen des Wissens verdeutlichen.
Das Wissen der Wissenschaft liegt in der Form von Sätzen und Zusammenhängen von Sätzen vor, für die Geltung beansprucht wird. Niemand kann behaupten, über wissenschaftliches Wissen zu verfügen, wenn er es nicht sprachlich zum Ausdruck bringen kann. Ein solches Wissen muss also selbst als ein Teil der Welt darstellbar sein, sei es auf Papier oder anderen Materialien, mithilfe elektrochemischer Zustandsveränderungen auf einem Bildschirm oder als akustische Ereignisse in der gesprochenen Sprache. Als wissenschaftliches muss das Wissen mithilfe von Objekten in der Welt repräsentierbar sein. Eine solche Repräsentation muss es erlauben, das Wissen zu reproduzieren. Die Reproduktion muss nach zwei Richtungen möglich sein: zum einen muss sich das Wissen aufbewahren lassen, so dass es mithilfe von Objekten in der Welt, die als Zeichen fungieren, im Prinzip jederzeit als Wissen in einem Subjekt des Wissens wiederhergestellt werden kann; zum anderen muss es sich übertragen lassen, so dass andere Menschen es durch das Verstehen von Zeichen als ihr eigenes Wissen ansehen können, obwohl sie es nicht selbst erzeugt oder gewonnen haben. Ein wissenschaftliches Wissen muss dauerhaft sein und es muss intersubjektiv gelten.
Auf diese Weise stellt es sich als eine besondere Form des Erklärens dar. Eine wissenschaftliche Erklärung unterscheidet sich also von alltäglichen Erklärungen. Für eine wissenschaftliche Erklärung genügt das subjektive Gefühl nicht, dass etwas für den Augenblick und die gegebene Situation befriedigend klar geworden ist. Eine wissenschaftliche Erklärung soll also nicht nur (1) für gerade den oder die Menschen gelten, denen (2) hier und (3) jetzt in der gegebenen Situation etwas so klar wird, dass es ihnen genügt. Sie soll vielmehr (a) für alle Menschen und (b) überall und (c) immer gelten. Sie soll nicht ein bestimmtes Gefühl beschreiben und sie soll nicht den Zustand eines bestimmten Menschen in einer bestimmten Situation angeben.
Solche Erklärungen sind nicht beliebig durch andere Erklärungen ersetzbar. Im Alltag können wir die beklagenswerte Tatsache, dass der Champagner zu warm ist, wahlweise dadurch erklären, dass er zu lange auf dem Tisch stand, oder, wenn wir der Unzufriedenheit mit den schlechten Leistungen des Hauspersonals Ausdruck geben wollen, auch dadurch, dass der Butler nachlässig war. Natürlich sind diese beiden Erklärungen kompatibel. Aber für eine Alltagserklärung kommt es nur darauf an, dass ein ausreichendes Gefühl für das Klarwerden eines Ereignisses oder eines Phänomens entsteht, und dafür können wir zwischen der einen und der anderen Erklärung (und sicher noch vielen anderen) wählen. Es gibt hier eigentlich keine richtigen und falschen Erklärungen, sondern eine Erklärung gelingt, wenn sie uns das befriedigende Gefühl des genügenden Klarwerdens verschafft, und sie misslingt, wenn sie uns in dieser Hinsicht unbefriedigt lässt.
Wissenschaftliche Erklärungen sind also deshalb nicht beliebig ersetzbar durch andere Erklärungen, weil ihr Gelingen nicht durch das Kriterium der Erzeugung eines subjektiven Gefühls oder Zustandes beim Adressaten der Erklärung (der auch derjenige selbst sein kann, der die Erklärung gibt) bestimmt wird. Es mag viele Menschen geben, deren subjektiver Erklärungsbedarf dadurch befriedigt wird, dass der im Vergleich zu Menschen, die schon länger in Deutschland leben, geringere Bildungserfolg von Migranten auf genetische Faktoren zurückgeführt wird. Die wissenschaftliche Erklärung dagegen, welche die Ursache für diese Tatsache im vergleichsweise geringeren Bildungsstand der Herkunftsfamilien erkennt und weiß, dass der Bildungsstand der Eltern der wichtigste Faktor für die Prognose von Bildungserfolg darstellt, mag für eben diese Menschen gerade keine befriedigende Erklärung liefern, d. h. sie versetzt sie nicht in den entsprechenden Zustand, in dem sie ein Gefühl des ‚Klarwerdens‘ bzw. des ‚Erklärtseins‘ erleben. Aber solche Beispiele lassen sich auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft finden. Wer die kontraintuitive Idee eines Raum-Zeit-Kontinuums zum Besten gibt und dafür – wissenschaftlich korrekt – die Relativitätstheorie als Erklärung heranzieht, wird bei den meisten Menschen keinen Zustand des ‚Klarwerdens‘ mit dem Gefühl einer zufriedenstellenden Erklärung erreichen.
Diese fundamentalen Ansprüche an eine wissenschaftliche Erklärung, mit der wissenschaftliches Wissen sich von anderem und nicht wissenschaftlich erklärendem Wissen unterscheidet, werden in der Wissenschaft auf verschiedene Weise eingelöst. Hauptsächlich lassen sich vier verschiedene Typen der wissenschaftlichen Erklärung unterscheiden:
1) Die deduktiv-nomologische Erklärung, bei der die Ereignisse aus einem allgemeinen Gesetz abgeleitet werden. Der Erklärungserfolg hängt hier von der Geltung deterministischer Gesetze und von der richtigen Subsumtion einzelner Ereignisse ab. Es ist allerdings nicht richtig zu sagen, dass damit kausale Erklärungen vorgenommen werden. Eine kausale Erklärung beruht auf einem Unterschied in der Zeit nach früher und später, weshalb sie nur auf irreversible Vorgänge anzuwenden ist. Dagegen spielt die Verlaufsrichtung bei sehr vielen deterministischen Vorgängen wie etwa in der klassischen Mechanik oder Elektrodynamik keine Rolle. Für eine solche Erklärung hat es keine begründende Bedeutung, ob das Sonnensystem aus einem Materiewirbel entstanden ist, oder ob sich das Sonnensystem in den Materiewirbel zurückentwickelt. Man kann also deduktiv-nomologische Erklärungen nicht einfach mit Kausalerklärungen gleichsetzen. In der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts galten deduktiv-nomologische Erklärungen lange Zeit als die Standardform wissenschaftlicher Erklärungen.
2) Man kann gegen eine solche Auffassung jedoch auf das – ältere – Verfahren der kausalen Modellierung verweisen. Dabei muss für die Erklärung eines Ereignisses nicht unbedingt ein einzelnes anderes Ereignis herangezogen werden, das die Ursache des ersteren ist. Eine Kausalerklärung kann erheblich komplexere Formen annehmen, wenn einzelne Faktoren identifiziert werden, die nur ‚kausal relevant‘ sind. Das entspricht der Alltagserfahrung, dass die meisten Ereignisse auf eine sehr komplizierte Weise Bedingungen erfordern, um überhaupt zustande zu kommen. Eine kausale Modellierung versucht dann ein solches Gefüge von Bedingungen aufzufinden, in dem die einzelnen Faktoren kausal relevant sind. Eine Kausalerklärung muss also nicht monokausal vorgehen, sondern kann ganz unterschiedliche deterministische und sogar probabilistische Gesetzmäßigkeiten heranziehen. Um eine Lawine auszulösen, müssen sehr viele verschiedene Faktoren zusammenkommen.
3) Darüber hinaus gibt es in der Wissenschaft aber auch probabilistische Erklärungen, die man in manchen Fällen als Spezialform von deduktiv-nomologischen Erklärungen auffassen kann. Aber erklärt werden kann auch mithilfe von statistischen Zusammenhängen, bei denen man nicht von Gesetzlichkeit und Kausalität sprechen kann. Dabei werden zur Erklärung Korrelationen herangezogen. Ein Beispiel dafür stellt der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs dar, der grundsätzlich probabilistischer Natur ist, obwohl über die Kausalzusammenhänge Theorien bekannt sind, die aber weder im deduktiv-nomologischen noch im kausalen Sinne zur Erklärung ausreichen können. Mit einem probabilistischen Gesetz kann kein einzelnes Ereignis vorausgesagt werden, sondern es lassen sich nur Ereignisse für statistische Gesamtheiten prognostizieren.
4) Schließlich kann als Erklären in der Naturwissenschaft aber auch ein Verfahren bezeichnet werden, das zu einer Vereinheitlichung der Theorie führt. Das Erklären gilt dann als gelungen, wenn ein Ereignis in eine einheitliche und umfassende Theorie eingebettet werden kann. Etwas ist dann erklärt, sobald man es in einen umfassenden und kohärenten Wissenshorizont stellen kann. Das setzt natürlich voraus, dass diese ‚Grand Theory‘ selbst als gut bestätigt gilt und ihre wissenschaftliche Erklärungsfähigkeit nicht bezweifelt werden kann.
1.4Das Erklären und die Welt
Die Wissenschaft erklärt und diese Erklärungen können nach verschiedenen Modellen ablaufen. Aber die Wissenschaft erklärt uns auch die Welt, d. h. die Erklärungen und der dadurch erreichte subjektive Zustand der Befriedigung durch Erklärungen sind nur wissenschaftlicher Natur, wenn sie von der Welt gelten, über die Welt etwas aussagen, und die Welt intersubjektiv geltend beschreiben. Damit stellt sich die Frage, was es denn genauer bedeutet, dass die Wissenschaft uns (a) die Welt beschreibt, wie sie ist, und uns (b) die Ereignisse der Welt erklärt. Wie kommen wir in der Wissenschaft also zur Welt? ‚Wissenschaft‘ ist offenbar ein Zusammenhang von Aussagen/Sätzen/Behauptungen über die Welt. Dieses ‚über‘ müssen wir aus wissenschaftsphilosophischer Perspektive also genauer untersuchen, wenn wir den Wissensanspruch der empirischen Wissenschaft (‚science‘) verstehen wollen. Es könnten sich folgenreiche Probleme daraus ergeben, dass ‚die Welt‘ kein Zusammenhang von Aussagen/Sätzen/Behauptungen ist, und hier können die Philosophen bei den Forschern aus den empirischen Wissenschaften auf Zustimmung hoffen. Aber aus philosophischer Perspektive stellt sich darüber hinaus die Frage, was es denn heißen solle, dass die Aussagen und Gesetze der Wissenschaft sich in der Weise des ‚über‘ oder auch des ‚von‘ auf die Welt beziehen.
Der Umgang mit dieser Frage wird seit langer Zeit durch die Auseinandersetzung zwischen zwei verschiedenen Wahrheitstheorien geprägt. In der traditionellen oder klassischen Theorie wird ‚Wahrheit‘ als Übereinstimmung zwischen einem wissenschaftlich behaupteten Sachverhalt und seinem wirklichen Bestehen in der Welt aufgefasst. Eine solche Theorie stößt sehr bald auf das Problem, wie denn ein sprachlich ausgedrückter und damit mental existierender Sachverhalt mit einem Ausschnitt der wirklichen Welt ‚übereinstimmen‘ könne. Wie kann die Sprache denn so zur Welt kommen, dass die Welt sich in ihr darstellen lässt? Dieses ungelöste Problem führte zur Ausarbeitung radikal anderer Auffassungen von Wahrheit. Etwa wurde vorgeschlagen, um eine Aussage als ‚wahr‘ bezeichnen zu dürfen, könne es schon ausreichen, dass eine ausreichende Kohärenz zwischen ihr und dem bereits geltenden Wissen sowie den sprachlich beschreibbaren Beobachtungen im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung nachgewiesen werden könne. Wichtiger aber ist in der Gegenwart des philosophischen Denkens eine andere Auffassung geworden. Ihr zufolge kann es für die Behauptung der Wahrheit des wissenschaftlichen Wissens genügen, dass innerhalb der Wissenschaft ein Konsens über die Richtigkeit von Beschreibungen und Gesetzen besteht.
Eine Spezialform einer Konsenstheorie entsteht dann, wenn wir nicht einen wirklichen, sondern einen vernünftigen Konsens verlangen, um von ‚Wahrheit‘ reden zu können. Wir verlangen von wissenschaftlichen Aussagen dann nur, sie müssten vernünftig akzeptierbar sein und ihre Geltung hängt davon ab, dass sie eine vernünftig begründete Zustimmung finden. In der Regel geht es dabei um die Zustimmung derjenigen Wissenschaftler, die im gleichen Spezialgebiet arbeiten. Wissenschaftliche Aussagen gelten in diesem Fall also deshalb, weil sie für die ‚scientific community‘ akzeptabel sind, weil in ihr nicht per Abstimmung über die Akzeptanz von Theorien entschieden wird, sondern weil sie das Ergebnis vernünftiger Argumentationszusammenhänge darstellen.
Das schließt die Notwendigkeit von Kohärenz jedoch nicht aus, denn die vernünftige Abwägung bezieht sich vor allem auf die Frage, ob sich neue Theorien an das anschließen lassen, was bereits in gerade dieser Gemeinschaft der Wissenschaftler als geltend anerkannt ist. Es kommt nur selten vor, dass eine zunächst nicht anschließbare Theorie mithilfe umfangreicher Änderungen im bisherigen Wissensbestand akzeptiert wird. Müsste der bisherige Wissensbestand aber als vollständig falsch gelten, um eine neue Theorie akzeptieren zu können, so würde kein Wissen mehr vorhanden sein, um die vernünftige Akzeptierbarkeit einer neuen Theorie überprüfen zu können. Die newtonsche Mechanik koexistiert mithilfe einer Korrektur ihres Anwendungsbereiches auch mit der Quantenmechanik und subatomare Strukturen werden mithilfe der alten Begriffe von ‚Wellen‘ und ‚Partikeln‘ verstanden, obwohl keiner der beiden zu ihrer Beschreibung ausreicht.
Wenn wir für wissenschaftliche Aussagen beanspruchen, sie könnten/müssten ‚wahr‘ sein, dann können wir den zunächst als selbstverständlich angenommenen Weltbezug der Wissenschaft offenbar in radikal unterschiedlichen Weisen auffassen. Folgen wir einer Konsenstheorie, so gibt es keine Möglichkeit, sich gegen die herrschende Meinung abzusetzen und zu behaupten, ein Satz sei wahr, auch wenn alle anderen ihm nicht zustimmen. Eine solche Möglichkeit wird jedoch vor der Auffassung bewahrt, wissenschaftliche Aussagen müssten ‚wahr‘ im Sinne einer Übereinstimmung mit der Welt sein. Hier bleibt es im Prinzip immer offen, ob sich nicht vielleicht alle irren, die der gerade herrschenden wissenschaftlichen Theorie über ein bestimmtes Sachgebiet folgen, und eventuell gerade die Auffassung Geltung beanspruchen könne, die von allen Wissenschaftlern zu einer bestimmten Zeit abgelehnt wird. Vergleichbar ist die Lage dann, wenn wir vernünftige und nicht nur tatsächliche Zustimmung verlangen. Auch dann bleibt stets die Möglichkeit offen, dass sich alle irren, die sich einer bestimmten wissenschaftlichen Theorie verschrieben haben, und dass der eine, der eine andere Auffassung vertritt, insofern recht hat, als seine Theorie mit besserem – weil vernünftigerem – Recht Geltung beanspruchen kann.
Allerdings sind die Argumentationsstrategien in den beiden Fällen unterschiedlich. Verlangen wir, dass wissenschaftliche Aussagen ‚wahr‘ sein sollen, so müssen wir deren Übereinstimmung mit der Realität/der Welt nachweisen, und damit geraten wir in alle Probleme, die mit einer solchen Forderung verbunden sind. Grundsätzlich müssen wir eine Antwort auf die Frage haben, wie denn die Dinge und die Sachverhalte in der Welt in unsere sprachlichen Aussagen über die Welt kommen. Wir müssen uns der ‚Antinomie des Realismus‘ entledigen, d. h. des Problems, dass die Welt in einer realistischen Konzeption als von unserem Geist, unserem Denken und unserer Sprache unabhängig aufgefasst wird, wir aber gleichzeitig doch über einen so merkwürdigen Kontakt mit ihr verfügen, der eine kognitive Beziehung enthält, die uns ein Wissen von der Welt erlaubt.1 Die Welt muss also so sein, dass sie in sich das Potential enthält, in unserem Denken und unserer Sprache beschrieben zu werden, was eine vor aller Erfahrung anzunehmende Möglichkeitsbedingung des wissenschaftlichen Wissens von der Welt einschließt. Nur dann kann sich unser Denken sprachlich so zum Ausdruck bringen, dass sich darin die Welt selbst darstellen kann.
Hegel hatte dieses Problem von der Welt her gedacht so auf den Punkt gebracht: das ‚Absolute‘ muss bei uns sein wollen, wenn wir eine solche Auffassung durchführen wollen. Das Problem dabei ist offenbar, dass wir mit einer solchen Konzeptualisierung des Sich-zur-Sprache-Bringens der Welt in unseren Sprachen beträchtliche metaphysische Verpflichtungen eingehen müssen, die wir vermutlich nicht ohne Weiteres auf uns nehmen werden. Von der Sprache her gedacht hat Ludwig Wittgenstein im ‚Tractatus logico-philosophicus‘ ausführlich dargelegt, wie wir uns eine Sprache denken müssen, in der die Welt und ihre Sachverhalte sich selbst zum Ausdruck bringen können. Das dabei entstehende Problem, ob unsere wissenschaftliche Sprache dieser idealen Sprache entspricht oder entsprechen kann, hat Wittgenstein in seinem späteren Werk ‚Philosophische Untersuchungen‘ eingehend erörtert, und das Ergebnis war negativ. Unsere Sprachen sind durchaus nicht so, dass wir uns eine solche Angepasstheit an die Welt als solche vorstellen könnten, und wollten wir eine Sprache entsprechend konstruieren, damit sie diese Bedingung erfüllt, so würden wir sie nicht mehr verstehen, denn sie würde gegen fundamentale Voraussetzungen der Verwendung der Sprache zur Verständigung verstoßen.
In dieser Lage könnten wir also doch versucht sein, uns mit der rationalen Akzeptierbarkeit unserer wissenschaftlichen Aussagen zu bescheiden, die gegenüber einer bloßen Konsenstheorie den Vorteil hat, dass stets die Möglichkeit offen gehalten wird, dass jeder faktische Konsens in der Gemeinschaft der Wissenschaftler sich als falsch herausstellen könnte. Aber in diesem Fall können wir das wissenschaftliche Wissen gegenüber anderen Wissensformen nicht mehr mit einer besseren Einsicht in unsere Beziehungen zur Welt rechtfertigen. Allerdings können wir auch auf der Grundlage der Behauptung, wissenschaftliche Aussagen könnten sich nur durch ihre Übereinstimmung mit Sachverhalten in der Welt ausweisen, nicht auf das Argumentieren und damit auf das Gründegeben verzichten. In der Wissenschaft müssen für jede Behauptung über eine bessere Einsicht Gründe angegeben werden. Darin verwandelt sich die vermeintlich bessere ‚Einsicht‘ in die Welt auf jeden Fall in ein Argumentieren. Das gilt auch dann, wenn der Verteidiger einer nach seiner Vermutung besseren Einsicht eigentlich für die Wahrheit seiner Weisheit nur seine exklusive Beziehung zur Welt, wie sie an sich selbst ist, heranziehen wollte. In der Wissenschaft transformiert sich seine Vorstellung von selbst, indem sie Wirklichkeit nur durch den Eintritt in das Bemühen um rationale Überzeugung gewinnt.
Auf dieser Grundlage kann die Wissenschaftsphilosophie etwa gegen eine evolutionäre Auffassung des Wissens darauf verweisen, dass die Erklärungsansprüche der Naturwissenschaften sich nicht nur durch Anpassungserfolge und damit durch die biologische Selbsterhaltung ausweisen. Sie sind Leistungen eines sprach- und vernunft-begabten ‚Tieres‘, das zugleich ein ‚politisches‘ Lebewesen ist, weil es mit anderen Menschen zusammenlebt und mit ihnen Wissen erwirbt. Es lebt im Raum der Gründe, wo es anderen gegenüber nicht nur sein Handeln, sondern auch sein Wissen begründet. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften stützen sich deshalb keinesfalls nur auf die Beziehung des Menschen zur Natur, sondern ebenso auf die Begründungszusammen-hänge zwischen Menschen. Der Mensch ist ein Wesen mit Gründen, die er in seinen Handlungen realisiert, und diese Gründe verweisen auf ein Selbstverständnis in der Auseinandersetzung mit anderen sich selbst verstehenden Wesen. Wissen, wie die Naturwissenschaft es beansprucht, ist also nur in einem sozialen Raum möglich, in dem der Mensch als ein soziales Lebewesen lebt.
Wenn wir also Gründe geben, um uns für oder gegen eine bestimmte wissenschaftliche Theorie zu entscheiden, so halten wir uns nicht einfach an die ‚Sachen an sich‘, sondern an einen Prozess des Gründegebens, der im Dialog bzw. im Gespräch zwischen Menschen stattfindet. Wir halten uns dabei auch nicht an eine Vernunft an sich, die unabhängig vom Dialog irgendwo in der Welt herumliegen würde und uns sagen könnte, was für uns ‚Gründe‘ sind. Das soll keineswegs heißen, dass die Vernunft keine Rolle spielt. Aber wir müssen auf den Begriff der ‚Vernunft‘ den gleichen Gedanken anwenden wie auf den Begriff der ‚Wahrheit‘. Dann können wir nicht sagen, es gebe so etwas wie ‚Vernunft‘, wie es Katzen, Verkehrshindernisse oder Überschwemmungen gibt. Es ist nicht etwas ‚da draußen in der Welt‘, sondern es handelt sich um einen Begriff, der mit Gründen und Gegengründen bestimmt wird. Der Begriff der ‚Vernunft‘ erhält gerade durch diesen Prozess des Begründens eine gute Bestimmung, die freilich wieder mit Gründen in Frage gestellt werden und mit Hilfe von anderen Gründen gestützt werden kann.
Wie geht dieser Prozess des Dialogs zwischen Menschen vor sich, in dem wir begründen? Üblicherweise versuchen wir dabei andere Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich unserer eigenen Auffassung anschließen sollen, und die anderen gehen genauso vor, d. h. sie versuchen, für ihre Gedankengänge bei uns zu werben. Das hört sich sehr einfach an, aber diese Beschreibung des Vorgangs des Begründens enthält eine wichtige Grundsatzentscheidung darüber, wie wir das Begründen auffassen wollen. Wenn dieser Dialog so vor sich geht, dann gibt es keine letzte Instanz für die Entscheidung darüber, was als ‚begründet‘ und was als ‚unbegründet‘ oder als ‚nicht ausreichend begründet‘ gelten soll. Man könnte auch sagen: es gibt keine letzte Instanz außerhalb des Dialoges selbst. Wenn wir im Dialog zu einer Definition – allgemein: zu einer Einigung über ein bestimmtes Verständnis – gekommen sind, so gilt sie.
Natürlich kann diese Einigung immer wieder revidiert werden. Etwa können andere Teilnehmer zu diesem Dialog kommen und andere Gründe und Gegengründe vorbringen. Es gibt Teilnehmer, die neue Erkenntnisse vorbringen, d. h. sich auf bestimmte bereits als geltend anerkannte Teile des Wissens stützen. Dann kann der Prozess des Begründens neu einsetzen. Es kann auch sein, dass einem Teilnehmer etwas Neues einfällt, was dazu führt, dass die diskutierte Angelegenheit in einem ganz neuen Licht gesehen wird und der Prozess des Begründens neu beginnen kann. Wie ein solcher Prozess des Begründens ganz genau aussieht, kann man im Grunde vorher nie genau wissen. Aber die Begründung endet nie bei einer ‚Sache selbst‘ oder bei einem Machtspruch einer Instanz, die ‚die Vernunft‘ genannt werden könnte und unabhängig von diesem Prozess des Begründens besteht. Wir können also den folgenden Begriff der Vernunft formulieren: als Vernunft können wir eben dieses Geschehen der Begründung in einem offenen und dialogischen Prozess zwischen sprachfähigen Lebewesen auffassen.
1.5Vorschau: Wissenschaft und Wissenschaftsphilosophie
Wir haben mit einem einfachen und weithin akzeptablen Begriff von Wissenschaft begonnen und daraus einige Probleme entwickelt, die nicht mehr selbst als wissenschaftlich bezeichnet werden können. Sie betreffen in erster Linie das Begründen, ohne das wir keinen Begriff von Wissen formulieren können. Wissenschaft beansprucht, den Regress des Begründens stoppen zu können. Empirische Wissenschaft beansprucht, diesen Regress durch die Berufung auf Erfahrung als sinnliche Wahrnehmung beenden zu können. Damit hat es die Wissenschaftsphilosophie zunächst mit dem Problem der Wahrnehmung zu tun, d. h. mit der Frage, ob und wie das sinnliche Wahrnehmen zur begründenden Grundlage für das Wissen der empirischen Wissenschaft werden kann. Mit dieser Frage beschäftigen wir uns im 2. und 3. Kapitel. In ersterem geht es um die Frage, wie das Wahrnehmen zum Begründen werden kann und was das für den Anspruch der Wissenschaft bedeutet, Aussagen und Theorien über die Welt machen zu können, wie sie wirklich ist. In letzterem wird die Frage nach dem Wahrnehmen in Bezug auf das Experiment gestellt, das heute als die entscheidende Instanz für die Begründung wissenschaftlichen Wissens gilt.
Von den unter den Titeln ‚Wahrnehmung‘ und ‚Experiment‘ aufgeworfenen Fragen führt der gedankliche Weg notwendig auf die Problematik des Zusammenhanges von Sprache, Bedeutung und Welt. Unsere fragmentarische Untersuchung einer weitgehend akzeptablen Beschreibung von Wissenschaft zeigte bereits eine durchgehende Problematik, auch wenn wir sie nicht immer explizit ausgeführt haben. Es ist das Problem Sprache und Welt, das die wissenschaftsphilosophische Frage nach der Erklärbarkeit der Welt in der Wissenschaft (‚science‘) seit der Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmt. Sollen wissenschaftliche Feststellungen und Theorien die ‚Welt‘ und Sachverhalte in ihr so beschreiben können, dass sich darin nicht subjektive Vorstellungen und Gedanken der Wissenschaftler darstellen, sondern objektive und universell geltende Gesetze, dann muss die wissenschaftliche Sprache die Möglichkeit einer solchen Darstellbarkeit der Welt in sich selbst enthalten. Dieses Problem wurde rasch das Zentrum der Frage nach dem Geltungsstatus der Wissenschaft. Die Wendung der Philosophie zur Sprache (‚linguistische Wendung‘) bot zur gleichen Zeit die Grundlage für eine solche philosophische Auffassung der Wissenschaft, und die folgende Wendung zum sozialen Zusammenhang unseres Denkens, Wissens und Handelns (‚pragmatische Wendung‘) verstärkte diese Richtung des Denkens weiter. Umgekehrt war es gerade die Untersuchung der Fähigkeit einer wissenschaftlichen Sprache, die szientifischen Ansprüche auf Darstellbarkeit der Welt in der Sprache zu erfüllen, die wesentlich zu jener Wendung zur Sprache und nachfolgend zur Wendung zur Pragmatik der Sprachverwendung beigetragen haben.
Wir untersuchen dieses Problem von Sprache und Welt im Folgenden anhand der leitenden Fragestellung, wie Wörter und Sätze einer Sprache ihre Bedeutung erhalten (4. Kapitel). Das hat den Vorteil, dass auf diese Weise die Beziehung der wissenschaftlichen Sprache zur Welt dort deutlich wird, wo wir beanspruchen, die Welt zur Sprache zu bringen. Auf der Ebene von Wörtern oder auch Sätzen als sprachlicher Ereignisse, die wie andere Gegenstände auch in der Welt vorkommen, sei es in der Gestalt von Tinte oder Druckerschwärze auf Papier oder elektrochemischer Vorgänge auf einem Bildschirm oder akustischer Ereignisse in der gesprochenen Sprache, können wir offenbar noch nicht nach einer solchen Beziehung fragen. Erst wenn wir solche Gegenstände als Zeichen auffassen, gewinnen wir eine sprachliche Beziehung zur Welt und zu uns selbst. Damit ist aber auch schon das Problem der Bedeutung gegeben, weil die Zeichen uns nicht von sich her sagen, wofür sie Zeichen sind. Wir müssen sie deshalb erklärt bekommen.
Das kann etwa dadurch geschehen, dass wir für die Erscheinung eines bestimmten Tieres das akustische Ereignis ‚Hase‘ zu verwenden lernen. Wir werden sehen, dass ein Verständnis von Bedeutung nach diesem Muster viel zu kurz greift, um die Beziehung der Sprache zur Welt aufklären zu können. Das zeigt sich bei Wörtern für ‚intangible‘ Gegenstände wie Liebe, Hass, Wohlwollen, Furcht, es zeigt sich aber auch bei Wörtern wie ‚Universität‘, ‚Staat‘, ‚Wirtschaft‘ oder ‚Attraktivität‘. Hier müssen wir erklären, was sie bedeuten, d. h. andere Wörter an ihre Stelle setzen. Damit wird aber angenommen, dass wir verschiedene Wörter austauschbar gebrauchen können. Das ist ebenfalls die Annahme bei einer Übersetzung zwischen verschiedenen Sprachen. Die Zeichen ‚Hase‘ und ‚hare‘ können wir ebenso identisch gebrauchen wie ‚Hass‘ und ‚hatred‘. Was ist dieses Identische? Nun, so pflegen wir zu sagen: ihre Bedeutung. Wie wir die Bedeutung aber näher verstehen können, und wie wir damit das Verhältnis von Sprache und Welt näher aufklären können, das stellt eines der Probleme dar, das die Philosophie seit Mitte des 20. Jahrhunderts in Atem hält.
Wenn es mithilfe der Frage nach der Bedeutung gelungen ist, die Problematik der Frage nach dem zu verstehen, wovon die wissenschaftliche Sprache handelt, dann können wir besser informiert auf die Frage zurückkommen, die sich in dieser einleitenden Reflexion auf den Begriff der Wissenschaft schon sehr deutlich meldete. Wie geht die Wissenschaftsphilosophie auf ihrem gegenwärtigen Stand mit der Frage nach dem Realismus in Bezug auf wissenschaftliche Aussagen und Theorien um? Dieser Stand ist offenbar fundamental durch die Reflexion auf Bedeutung in der Sprache geprägt. Wir werden sehen, wie sich aus dieser Perspektive das sog. ‚Realismus-Problem‘ in Bezug auf die empirische Wissenschaft darstellt (5. Kapitel).
Es sollte bereits jetzt deutlich sein, dass die Philosophie der Wissenschaft kein Konkurrenzunternehmen zur Wissenschaft darstellt. Sie will also auf keine Weise ein ‚besseres‘ Wissen von der Welt entwickeln oder auch nur beschreiben, wie ein solches besseres Wissen auszusehen hätte. In der Regel geht sie davon aus, dass die Wissenschaften uns das gegenwärtig ‚beste‘ Wissen über die Welt zur Verfügung stellen. Aber sie belässt es nicht dabei, sondern stellt die Frage, was ein solcher Superlativ denn bedeuten solle, m. a. W.: nach welchen Kriterien sagen wir, es handle sich bei der Wissenschaft um das ‚beste‘ verfügbare Wissen? Wenn wir darauf antworten, es sei deshalb das ‚beste‘ Wissen, weil wir damit am erfolgreichsten in der Welt solche Zwecke erreichen können, die uns Vorteile bringen, so stellt die Philosophie der Wissenschaft eine andere Frage: was bedeutet dabei ‚erfolgreich‘ und sogar ‚erfolgreicher‘ als andere Ansprüche auf Wissen wie etwa aus älteren Wissensformen wie Erkenntnis aus reiner Vernunft, Interpretation heiliger Schriften oder auch aus Wissensansprüchen, die auch heute noch im Rahmen von Esoterik und sog. ‚alternativen‘ Erkenntnissen etwa in der Medizin auftreten? Und dann stellt sich die weitere Frage, in welchem Zusammenhang dieses Kriterium des Erfolgs mit dem Bezug der Wissenschaft zur Realität – also zur Wirklichkeit unserer Erfahrung – steht, man könnte auch sagen: mit dem Wahrheitsanspruch der Wissenschaft.
Die Philosophie der Wissenschaft will auch nicht den Wissenschaftlern vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben und wie sie ‚gute‘ von ‚schlechter‘ Wissenschaft unterscheiden können. In der Regel sind Wissenschaftler relativ intelligente Menschen und können solche Fragen unter sich regeln. Mit dem Entwerfen von Vorschriften für ‚richtiges‘ Arbeiten in den Wissenschaften geben sich wohl noch einige Wissenschaftstheoretiker im engeren Sinne ab, während die Philosophie der Wissenschaft davon Abstand hält. Sie beschäftigt sich stattdessen mit ‚Wissenschafts-reflexion‘, d. h. sie verlässt die Haltung der Wissenschaft, die in Richtung der Dinge und Ereignisse in der Welt abzielt, und wendet sich zurück auf eben das Tun der Wissenschaft selbst. Dazu gehört zunächst die Rekonstruktion dessen, was Wissenschaftler tun, und an dieser Stelle wird noch sehr wenig bis überhaupt keine Philosophie eingesetzt, anders gesagt: eine empirische Beschreibung von Wissenschaft ist zwar eine wichtige Grundlage für die Philosophie der Wissenschaft, aber sie ist selbst noch keine Philosophie.
Wo die Philosophie beginnt, beschrieb Wilfrid Sellars so: „The ideal aim of philosophizing is to become reflectively at home in the full complexity of the multi-dimensional system in terms of which we suffer, think, and act.“2 Das entscheidende Wort für die Unterscheidung der Philosophie von anderen Formen des Denkens, Wissens oder der Überzeugungen über die Welt und das Leben der Menschen hat Sellars selbst kursiv setzen lassen: ‚reflectively – auf eine reflektierte Weise‘. Mit der Welt bekannt sein können wir offenbar auch auf andere Weise, etwa durch das Wissen der Naturwissenschaft, mithilfe unserer Alltagsüberzeugungen, mit denen wir in der Regel ganz gut zurechtkommen, oder auch auf der Grundlage von umfassenden Zusammenhängen von Gedanken über die Welt, wie wir sie in religiösen Systemen finden können. Aber keine dieser Wissens- und/oder Glaubensformen genügt dem Kriterium ‚reflektiv‘, das Sellars für die Philosophie reserviert.
Ein sehr allgemeines Verständnis für dieses Kriterium könnte so beschrieben werden. In der Wissenschaft ebenso wie in Systemen von Glaubensüberzeugungen geht es um Beschreibungen und Erklärungen für die Welt der Tatsachen bzw. der Dinge – was sie sind, wie sie sind, warum sie so sind, und auf welche Weise wir sie am besten nach unseren Wünschen beeinflussen können. In der Philosophie dagegen wird ‚zurück-beugend‘ – ‚reflektiert‘ wörtlich übersetzt – gedacht, d. h. das hier gesuchte Wissen bezieht sich auf eben die Beschreibungen und Erklärungen für die Welt der Tatsachen und Dinge, über die wir in der Wissenschaft ebenso wie in Systemen von Glaubensüberzeugungen und im alltäglich-lebensweltlichen Wissen Auskunft gewinnen wollen. Das philosophische Wissen bezieht sich also auf die begrifflichen und gedanklichen Mittel, mit denen wir nach einem ‚direkten‘ Wissen von der Welt streben. Man könnte die Unterscheidung deshalb auch mithilfe der Ausdrücke ‚intentio recta‘ und ‚intentio obliqua‘ beschreiben. Die erstere Intention richtet sich direkt auf die Dinge und Tatsachen, die letztere dagegen auf die Gedanken und Begriffe, mit denen wir uns in der intentio recta auf die Welt beziehen.
Auf dieser Grundlage lässt sich der gegenwärtige Stand des Denkens der Wissenschaftsphilosophie gut anhand der Unterscheidung zwischen Realismus und Anti-Realismus verdeutlichen, wie ihn Ian Hacking formuliert: „Der wissenschaftliche Realismus besagt, dass die von richtigen Theorien beschriebenen Gegenstände, Zustände und Vorgänge wirklich existieren.“3 Der ‚wissenschaftliche Realismus‘ erhebt also einen bestimmten Anspruch. Die ältere Wissenschaftsphilosophie hätte diesen in einem Satz formulierten Anspruch nach seinem Aussagewert aufgefasst und für diese Position oder für die entgegengesetzte Position des Anti-Realismus oder ‚Idealismus‘ argumentiert. Auf dem gegenwärtigen Stand dagegen wäre ein solches Argumentieren hoffnungslos veraltet.
Der neue Zugang zu einer solchen Position, wie Hacking sie hier beschreibt, stützt sich vielmehr auf ein Argumentieren, das sich auf die verwendeten Begriffe ‚wirklich‘ und ‚existieren‘ und auf ähnliche Ausdrücke wie ‚wirklich richtig‘ oder ‚wahr‘ oder ‚es gibt‘ richtet. Was ist damit gemeint und was meinen wir, wenn wir uns mit diesem Meinen auf ‚die Welt‘ beziehen? Natürlich würde die Position eines Anti-Realismus die gleiche Behandlung vonseiten der modernen Wissenschaftsphilosophie erfahren. Was soll es heißen, dass es so etwas wie Elektronen ‚nicht gibt‘ oder dass sie nicht ‚etwas Wahres‘ darstellen? Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Positionen wäre deshalb eine Position, die heute nicht mehr eingenommen werden kann. Wohl aber kann man danach fragen, wie solche Ausdrücke wie ‚richtig‘, ‚wahr‘, ‚existieren‘ oder ‚es gibt‘ verwendet werden, was zwischen einem Sprecher, der solche Ausdrücke verwendet, und seinem Zuhörer geschieht, welche Ansprüche damit erhoben werden, wie man auf sie reagiert und wie man die erhobenen Ansprüche einlöst.
Wenn Wissenschaftler also behaupten, die Welt sei genau so, wie die Naturwissenschaft – und in erster Linie die Physik – es uns erklärt, und hinzufügen, es gebe das alles, von dem die Physik sagt, ‚Das gibt es‘, und betonen, das sei alles wirklich so, wie die Gesetze der Physik es beschreiben, dann ist das aus der Perspektive der Wissenschaftsphilosophie gar nicht so falsch. Also steht die Naturwissenschaft doch in Kontakt mit der Welt, wie sie an sich ist, und erklärt uns, wie die Wirklichkeit von Anbeginn der Zeit und bis in alle Ewigkeit hin war, ist und sein wird? Äh, jein. Der Philosoph muss auch an dieser Stelle den Spielverderber spielen, ohne aber einfach widersprechen zu können – er kann nur und immer wieder die lästige Antwort geben, die man eigentlich von Juristen erwartet: ‚Das kommt darauf an‘. Und worauf kommt es an? Nun, natürlich darauf, wie man solche Ausdrücke wie ‚es gibt‘ und ‚es ist‘ und ‚wirklich‘ und ähnliche versteht.
Wenn die Philosophie ‚Reflexion‘ ist und sich damit weder mit der empirischen Wirklichkeit (direkt) befasst noch Begriffsanalyse ist, so ist sie eine Erweiterung des Denkhorizontes der Wissenschaft und ihrer Theoriebildung über die ‚Welt‘. Ist sie damit ‚wahrer‘? Ist sie damit ‚näher‘ an der Wirklichkeit? Nein, denn natürlich gilt für sie das Gleiche wie für die Wissenschaft selbst. Wissenschaft ist grundsätzlich die (Selbst-)Explikation eines bestimmten Denkhorizontes. Nichts anderes ist die Philosophie, die ihre Geschichte hat und diese Geschichte expliziert. Die Philosophie kann die Naturwissenschaften nicht erkenntnistheoretisch ‚fundieren‘, sondern nur auf sie reflektieren und sie damit aufklären – was wiederum eine Aufklärung nur für jemanden darstellt und nicht für jedermann, d. h. ihre Akzeptanz ist denkgeschichtlich voraussetzungsvoll. Aber die Reflexion gehört zu einem vollständigen Verständnis dessen, was in der Wissenschaft geschieht. Durch die wissenschaftsphilosophische ‚intentio obliqua‘ kann eine Aufklärung über den Status dieser Erkenntnis gewonnen werden. Für das menschliche Selbstverständnis ist es gerade heute in der Zeit des Vordringens der reflexionslosen Gehirnforschung in die Formung der Art, wie wir uns selbst aufzufassen haben, entscheidend, wie wir Wissenschaft, also das Wissen in der ‚intentio recta‘, aufzufassen und zu verstehen haben. Alternative Wissensformen wie Glaubenssysteme können daraus ihren Standort besser bestimmen und erkennen, wie weit sie durch Wissenschaft bedroht werden oder vielleicht auch nicht.
1Der Ausdruck ‚Antinomie des Realismus‘ stammt von Hilary Putnam (The Dewey Lectures 1994: Sense, Nonsense, and the Senses: An Inquiry into the Powers of the Human Mind, in: Journal of Philosophy 91/1994, S. 445–517, S. 456). In diesen Vorträgen beschreibt Putnam das Problem auch so, dass wir uns eine Welt vorstellen müssten, „in which there are, as it were, ‚noetic rays‘ stretching from the outside into our heads“. (Putnam, a. a. O., S. 461) Putnams eigener Vorschlag zur Auflösung dieser Antinomie bestand übrigens in dem Vorschlag „zum natürlichen Realismus des einfachen Mannes“ zurückzukehren, also mit Hegel gesprochen, zum natürlichen Bewusstsein, und es dabei bewenden zu lassen (Putnam, The Threefold Cord: Mind, Body, and World, New York 1999, S. 15).
2Sellars, W., The Structure of Knowledge, in: Castaneda, H.-N., Hg., Action, Knowledge, and Reality, Indianapolis 1975, S. 295–347, S. 295.
3Hacking, I., Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, Stuttgart 1996, S. 43.
2Wahrnehmung in der empirischen Wissenschaft
2.1Beobachtung, Induktion und Deduktion
2.1.1Beobachtung als Kontakt zur Wirklichkeit
Die Auffassung von Wissenschaft war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie geprägt von der Vorstellung, dass unsere Kenntnis von der Welt ursprünglich aus der Erfahrung stammt und dass die Wissenschaft ihre Aussagensysteme ‚letztlich‘ durch deren Zusammenhang mit der sinnlichen Wahrnehmung begründen muss. In der Wissenschaft und mehr noch im alltäglichen Bewusstsein außerhalb des philosophischen Denkens ist diese Vorstellung immer noch sehr lebendig und selbstverständlich. Dass die sinnliche Wahrnehmung bloß als solche diese Leistung nicht erbringen kann, ist aber seitdem zumindest in der Philosophie der Stand des Wissens. Diese Einsicht geht in erster Linie auf die unlösbaren Probleme zurück, die aus der Behauptung entstehen, sprachliche Aussagensysteme durch außersprachliche Erfahrungen begründen zu können.
Als ‚Empirismus‘ können wir also grundsätzlich die Behauptung verstehen, dass wir zu unseren wissenschaftlichen Theorien über die Welt nur im Ausgang von den Informationen gelangen können, die uns durch unsere Sinne gegeben werden. Damit ist auch bereits das zentrale Problem angegeben, mit dem eine jede Wissenschaftskonzeption umgehen können muss, die sich als empiristisch versteht, d. h. die Wissenschaft als Erfahrungswissenschaft auffasst. Wie kommen wir vom Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten zu Newtons Gravitationsgesetz, zur Quantenphysik, zur Relativitätstheorie und zum gerade geltenden Atommodell, das uns die kleinsten Bausteine der Welt als ein Sammelsurium von Partikeln vorstellt, die sich selbst nach den Gesetzen der klassischen Physik höchst sonderbar benehmen? Wie kommen wir von einer Wahrnehmung vom Typ ‚Dies ist rot‘ zur Wissenschaft, wenn sich unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse doch nicht darauf beschränken, uns die Farben der Welt zu beschreiben, sondern in der Form allgemein geltender Gesetze verfasst sind? Die neuzeitliche – und d. h. mathematische – Naturwissenschaft ist geradezu der Versuch, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht wahrnehmen, obwohl diese Beschreibung doch Strukturen angeben soll, welche dem Wahrgenommenen zugrunde liegen.
Die Verbindung des neuzeitlichen Gedankens einer Wissenschaft von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen mit dem Gedanken einer Wissenschaft auf der Basis von Beobachtung und Wahrnehmung ist für unser Verständnis von Wissenschaft immer noch von zentraler Bedeutung. Natürlich besteht die Wissenschaft nicht nur aus Beobachtungen und aus solchen Behauptungen über die Welt, die sich direkt auf Beobachtungen stützen oder sich aus ihnen ableiten lassen. Aber es gehört doch zum Selbstverständnis der Methode dessen, was wir heute als Wissenschaft bezeichnen, dass sich ihre Erkenntnisse zumindest ‚letztlich‘ durch Beobachtungen ausweisen müssen, also nicht durch Interpretationen von heiligen Schriften, durch Eingebungen besonders erleuchteter Individuen, durch göttliche Offenbarungen oder vielleicht durch die Phantasien hochgradig selbstbewusster oder sogar größenwahnsinniger Wortjongleure.
Dass die neuzeitliche Wissenschaft mit dem Anspruch begann, uns über die Dinge und Ereignisse in der wirklichen Welt gerade mithilfe von Beobachtungen aufklären zu können, ist natürlich kein Zufall und keine Willkür. Ob mit diesem Anspruch alles gesagt ist, was es über die Beziehung der Wissenschaft zur Welt der Dinge und Ereignisse zu sagen gibt, ist allerdings eine andere Frage, mit der wir uns eingehend beschäftigen werden.
Zunächst aber gibt es drei plausible Gründe für die ausgezeichnete Stellung von Beobachtungen für den Bezug der Wissenschaft zur wirklichen Welt. Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, dass der Ausdruck ‚Beobachtung‘ sich natürlich nicht nur auf das bezieht, was wir sehen können, obwohl wir dieses Wort in unserer Sprache in der Regel für das bewusste Wahrnehmen mithilfe des Sehsinnes gebrauchen. Gemeint ist aber das Wahrnehmen der Welt durch die Sinne allgemein, nicht nur durch das Sehen. Wenn wir von der Beobachtung als derjenigen Stelle sprechen, an dem die Wissenschaft den ‚Kontakt‘ mit der Wirklichkeit herstellt, so kann es sich prinzipiell um Sehen, Hören, Tasten, Riechen oder Schmecken handeln, auch wenn man zugeben muss, dass die beiden letzten Sinne sicher eine geringere Bedeutung für die Wissenschaften spielen, außer natürlich für die Chemie.
Der erste Grund für die Plausibilität des Sichverlassens auf Beobachtungen ist natürlich die uns allen mehr oder weniger selbstverständliche Vorstellung, dass wir auf diese Weise in einen unmittelbaren Kontakt mit der Wirklichkeit kommen. Unmittelbar ist die sinnliche Wahrnehmung nach dieser Vorstellung, weil sie nicht beeinflusst wird durch schon ausgearbeitete Theorien über das, was sich in der Welt ereignet, durch die Strukturen der Sprache, die wir zu verwenden gelernt haben, durch die Gewohnheiten des Denkens, wie sie sich in vielen Jahrhunderten angesammelt haben, und durch die Meinungen und Vorstellungen anderer Menschen. Was wir beobachten, das haben wir so vor uns, wie es wirklich ist, und nicht so, wie es bereits durch eine ‚Mitte‘ gegangen ist und dadurch ‚vermittelt‘ und verändert wurde. Wir haben damit einen direkten und unverfälschten Zugang zur Wirklichkeit, wie sie durch einen physischen Kontakt mit den Außenflächen unseres Körpers auf uns einwirkt – über die Netzhaut, das Trommelfell, die Haut, die Zunge und die Nase.
Den zweiten Grund für eine solche Plausibilität der besonderen Bedeutung des Beobachtens können wir in der ‚Widerständigkeit‘ von Beobachtungen sehen, die uns glauben lässt, sie müssten auf die Wirklichkeit selbst zurückgehen. Es ist nur in Ausnahmefällen leicht, einen Irrtum im Beobachten aufzufinden, und wenn, dann gelingt das nur durch andere Beobachtungen. Das gilt etwa für einen geraden, aber im Wasser abgewinkelt aussehenden Stab, den wir auch im Wasser durch Tasten als weiterhin gerade wahrnehmen können. In der Regel können wir unseren Sinnen aber vertrauen. Das gilt vor allem dann, wenn uns die verschiedenen Sinne solche Beobachtungen liefern, die sich problemlos zusammenfügen. Wenn etwas aussieht wie ein Stinktier, sich anfühlt wie ein Stinktier, und auch noch riecht wie ein Stinktier, dann wird es wohl ein Stinktier sein. Wir können Wahrnehmungen in den meisten Fällen auch leicht mit gleichem Ergebnis wiederholen oder doch leicht einsehen, dass sie nun anders sind, weil sich die Umstände verändert haben – der Himmel ist tagsüber ohne Wolken blau, der bewölkte Himmel ist grau, und nachts beobachten wir den schwarzen Himmel. Beobachtungen neigen also dazu, kohärent und stabil zu sein, und können auch deshalb eine gute Grundlage für wissenschaftliche Beschreibungen der Welt liefern.
Der dritte Grund dafür, dass das Sichverlassen auf Beobachtungen gemeinhin als letzte Instanz für den Wirklichkeitskontakt der Wissenschaft gilt, geht darauf zurück, dass wir in der Wissenschaft Auskünfte über die Welt zu finden hoffen, die für alle Menschen in gleicher Weise gelten. Wir könnten das so ausdrücken: wissenschaftliche Erkenntnisse sollen ‚intersubjektiv‘ gelten. Beobachtungen erfüllen diese Forderung, weil sie für alle Beobachter in gleicher Weise zugänglich sind. Dass der Himmel jetzt (wolkenlos und am Tage) blau ist, kann jeder sehende Mensch bestätigen, ebenso wie jeder durch Tasten runde von spitzen Formen unterscheiden kann und bei normalem Gehör angeben kann, welcher von zwei Tönen höher und welcher tiefer ist.
Diese drei Gründe lassen es plausibel erscheinen, dass gerade Aussagen über Beobachtungen als die „checkpoints of science“ – die Kontrollstellen der Wissenschaft – gelten sollen.4 Solche Beobachtungssätze werden oft auch als ‚Protokollsätze‘ bezeichnet, womit gemeint ist, dass sie ein Protokoll dessen darstellen, was wirklich abläuft, wenn wir in Kontakt mit der Wirklichkeit stehen. In Sätzen, die sich nur durch und ausschließlich durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken beglaubigen, können wir intersubjektiv übereinstimmen, ohne dass so etwas wie Theorie darauf Einfluss hat. Wir können uns damit von persönlich gefärbten Urteilen befreien, mit denen sich Menschen voneinander unterscheiden, wie etwa beim Sehen das Urteil ‚Dieses Bild ist schön‘ oder beim Hören ‚Dieser Ton klingt angenehm‘ oder beim Schmecken ‚Dieses Gericht ist köstlich‘. Hier kommen Meinungen ins Spiel, ebenso wie Gewohnheiten oder das, was wir zu sagen gelernt haben.
Von dem Unterschied zwischen spitzen und runden Formen, von der Farbe des wolkenlosen Himmels bei Tageslicht und von der relativen Höhe zweier Töne dagegen kann sich jede mit normalen Sinnen ausgestattete Person überzeugen. Deshalb können wir Beobachtungs- oder Protokollsätze verwenden, um Erkenntnisse als wissenschaftlich in dem Sinn auszeichnen zu können, dass sie sich auf unbezweifelbare Weise auf die Wirklichkeit beziehen. Wer es nicht glaubt, dem können wir die Grundlagen für solche Erkenntnisse zeigen, weil es sich um Daten handelt, die zumindest ‚prinzipiell‘ für alle Beobachter zugänglich sind. Zumindest unter ‚Normalbedingungen‘ können Beobachtungssätze sich also nach dieser Vorstellung so auf die Wirklichkeit beziehen, dass Menschen sie ganz unabhängig von ihrem Vorwissen, von ihrer Kultur und ihrer Sprache verwenden können. Wenn die Beobachter verschiedene Sprachen sprechen, so können solche Sätze problemlos ineinander übersetzt werden, weil die Sinne der Beobachter so sind, dass sie unter gleichen Bedingungen das Gleiche wahrnehmen. Weichen die Beobachtungen verschiedener Menschen voneinander ab, so geht das entweder darauf zurück, dass sie verschiedene Dinge wahrnehmen, oder darauf, dass die Normalbedingungen der Wahrnehmung nicht erfüllt sind, etwa weil die Lichtverhältnisse nicht normal sind oder die Sinnesorgane bzw. das Nervensystem nicht so funktionieren, wie es in der Regel der Fall ist.
Der Ausdruck ‚Daten‘ für das, was wir durch Beobachtung gewinnen, ist hier noch unter einem anderen Aspekt aufschlussreich. Es handelt sich um den Plural von ‚datum‘, was wörtlich heißt: ‚das Gegebene‘. Durch die Beobachtung, also die Wahrnehmung durch die Sinne, erhalten wir nach dieser Auffassung, welche die Vorstellung von der Wissenschaft auch heute noch für viele Menschen innerhalb und außerhalb der Forschung prägt, also etwas, das uns gegeben ist. Damit werden die aus der Beobachtung bezogenen Daten in einen Gegensatz zu dem ‚Gemachten‘ gestellt. Als gemacht wird in dieser Vorstellung dasjenige bezeichnet, das wir hinzutun, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Dabei handelt es sich vor allem um unsere Meinungen, unsere Kultur, um sprachliche Prägungen, aber auch um Hypothesen als – noch – nicht durch Beobachtung gehärtete wissenschaftliche Theorien. Solche ‚bloßen Theorien‘ im Sinne dessen, was unsere Gehirne, unsere Phantasien und unsere Traditionen machen, werden in einer Vorstellung von der Wissenschaft als letztlich auf Beobachtung beruhend dem gegenübergestellt, was uns ohne unser Zutun und damit ohne unsere Formung gegeben ist.
Man könnte also geneigt sein, das Unternehmen der Wissenschaft gemäß dieser Vorstellung als eine Ausweitung unserer sinnlichen Erfahrung aufzufassen. Bei den wichtigsten Denkern des sog. ‚Logischen Empirismus‘ hieß das so: „Es gibt nur Erfahrungserkenntnis, die auf dem unmittelbar Gegebenen beruht. Hiermit ist die Grenze für den Inhalt legitimer Wissenschaft gezogen.“5 Allerdings sind wir in diesem Fall verpflichtet, einige einfache Tatsachen über das, was heute Wissenschaft genannt wird, mit jener Vorstellung von einem Kontakt mit der Welt über die Beobachtung – also über die sinnliche Wahrnehmung – vereinbar zu machen.
Es ist eine solche Tatsache, dass Wissenschaft nicht aus Aussagen über einzelne Beobachtungen besteht. Dass ich jetzt hier ‚rot‘ wahrnehme, weil ich für die Koffeinzufuhr eine rote Tasse benutze, ist kein Bestandteil einer wissenschaftlichen Theorie, auch dann nicht, wenn ich diese Wahrnehmung in einem Beobachtungs- oder Protokollsatz von der Form ‚Hier jetzt Rot‘ oder ‚Ich sehe jetzt hier rot‘ äußere. Es ist auch kaum vorstellbar, wie man von solchen Sätzen zu wissenschaftlichen Aussagen kommen könnte. Auch bei einer ziemlich primitiven Aussage wie ‚Alle Raben sind schwarz‘ ist der Zusammenhang mit Beobachtungsaussagen wie ‚Hier jetzt Schwarz‘ keineswegs offenkundig. Hier haben wir aber wenigstens eine Aussage, die sich widerlegen lässt, wenn wir einen Raben beobachten, der nicht schwarz ist, und darin könnte man einen Kontakt zur Wirklichkeit über jenen physischen Kontakt mit den Außenflächen unseres Körpers erkennen, der die Beobachtung so wichtig für die Wissenschaft macht. Dies geschieht hier offenbar über die Netzhaut, deren Reizung in diesem Fall im Gehirn eine Wahrnehmung entstehen lässt, die wir nicht als ‚schwarz‘ bezeichnen, obwohl wir diese Wahrnehmung auf einen ‚Gegenstand‘ in der Welt beziehen, den wir ‚Rabe‘ nennen.
Aber die Sicherheit, es sei die Beobachtung, die uns den Kontakt mit Wirklichkeit verschafft und damit sicherstellt, dass die Wissenschaft uns über Ereignisse in der wirklichen Welt aufklärt, verliert sich bald völlig, wenn wir in wissenschaftlichen Aussagen solche Begriffe finden, die sich auf keine Weise auf Beobachtung beziehen – einfach deshalb, weil sie sich auf etwas beziehen, das nicht beobachtbar ist. Das gilt bereits für die vielen Begriffe, mit denen man im Physikunterricht so einfach hantierte, ohne sich etwas dabei zu denken, wie Kraft, schwere Masse, Beschleunigung, Gravitation, elektrische Ladung, Elektron, Positron, Gammastrahlen, Radiowellen. Man bezeichnet Begriffe, die in der Wissenschaft vorkommen, ohne zur Beschreibung von Beobachtungen zu dienen, als ‚Theoriebegriffe‘ im Unterschied zu Beobachtungsbegriffen. Man könnte auch sagen, es handle sich um ‚gemachte Begriffe‘, weil sie keinen Bezug auf etwas Gegebenes enthalten, wie dies nach der hier skizzierten Vorstellung von Wissenschaft für diejenigen Begriffe gilt, die sich auf das beziehen, was in der sinnlichen Wahrnehmung ‚gegeben‘ ist.
Dieses Problem lässt sich vielleicht auflösen, wenn man in der Wissenschaft neben den Beobachtungsbegriffen und den damit möglichen Beobachtungs- bzw. Protokollsätzen auch noch die logische Analyse von Sätzen zulässt. Das ist der Grund, warum die wichtigste wissenschaftstheoretische Richtung des 20. Jahrhunderts (zumindest aber der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts), die heute noch weithin das Verständnis von Wissenschaft prägt, sich nicht als ‚Empirismus‘ bezeichnete, sondern als ‚Logischer Empirismus‘. Solche Sätze, die theoretische Begriffe enthalten, können dann durch logische Analyse auf einfachste Aussagen über empirisch Gegebenes zurückgeführt werden.6 Wir könnten auch sagen: sie müssen übersetzt werden können in solche Sätze, die nur und ausschließlich Beobachtungsbegriffe enthalten.
Ein ganz einfaches Beispiel dafür wäre der Begriff ‚wasserlöslich‘, der ein theoretischer Begriff ist, weil er ein Dispositionsbegriff ist, d. h. er gibt eine potenzielle Eigenschaft an, die nicht unmittelbar beobachtbar ist. Dass ein Stück Würfelzucker wasserlöslich ist, sieht man ihm nicht an, denn es hat diese Eigenschaft auch dann, wenn es nicht in den Kaffee gegeben wird. Aber hier gelingt es relativ leicht, diesen theoretischen Begriff in Beobachtungsbegriffe zu übersetzen. Wir könnten etwa sagen: dieser Gegenstand ist genau dann wasserlöslich, wenn unter bestimmten Bedingungen beim Eintauchen in Wasser eine bestimmte Veränderung an ihm zu beobachten ist, die wir als ‚Auflösung‘ bezeichnen. Wir können dann in allen wissenschaftlichen Zusammenhängen den theoretischen Begriff ‚wasserlöslich‘ durch eine zwar kompliziertere, aber immer noch verständliche Bedingungskonstellation ersetzen, in der nur noch Beobachtungsbegriffe vorkommen.
Eine solche Übersetzung bzw. logische Analyse von theoretischen Begriffen in Beobachtungsbegriffe wirft allerdings eine ganze Menge von Problemen auf. Das fängt damit an, dass in der Regel stets mehrere Verfahren angegeben werden können, um einen theoretischen Begriff in Beobachtungsbegriffe zu übersetzen. Damit ist er aber nicht mehr eindeutig mithilfe von Beobachtungen zu definieren. Und das endet noch nicht bei der Schwierigkeit, solche Übersetzungen bzw. logische Analysen auch dort noch durchzuführen, wo die Beobachtungen nicht mehr mit den ‚unbewaffneten‘ Sinnen vorgenommen werden können, sondern nur noch mit Geräten, die nur funktionieren, weil für ihre Konstruktion eine Unmenge von theoretischen Begriffen und theoretischen Sätzen herangezogen wurde. Ein gutes Beispiel ist das Elektronenmikroskop. Hier stellt sich durchaus die Frage, ob man überhaupt noch von Beobachtung in einem Sinn sprechen kann, wie er für die Vorstellung eines ‚Kontaktes‘ mit der Wirklichkeit über sinnliche Wahrnehmungen grundlegend ist.
Hier soll es zunächst genügen, dass auch eine Wissenschaft, die den Kontakt mit der Welt über Beobachtung und damit durch etwas ‚Gegebenes‘ und nicht bereits durch Theorien Gemachtes herstellen will, zumindest eine Zutat akzeptieren muss, die nicht sinnlich wahrgenommen werden kann, nämlich die Logik, die der logischen Analyse von theoretischen Begriffen in Richtung einer Auflösung in Beobachtungsbegriffe zugrunde liegt. Logische Relationen lassen sich bekanntlich weder sehen, noch hören, ertasten, schmecken oder gar riechen. Wenn wir Bertrand Russells Grundlegung der Mathematik in der Logik folgen, wie er sie in den ‚Principia Mathematica‘ ausgearbeitet hat, dann können wir auch das Mathematische in der ‚mathematischen Naturwissenschaft‘ als das auffassen, was wir nicht aus den Sinnen entnehmen und doch als Teil der Wissenschaft und in der theoretischen Physik sogar als deren zentralen Teil akzeptieren. Der Grundsatz des klassischen Empirismus – ‚Nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu‘ – muss wohl doch modifiziert werden.
Betrachten wir die Forderung nach Beobachtung und Wahrnehmung als Grundlage von wissenschaftlichen Feststellungen noch aus einer anderen Perspektive. Nach einer ‚empiristischen‘ Auffassung von Wissenschaft muss eine Theorie eine zutreffende Beschreibung von einer Wirklichkeit darstellen, und zwar so, wie diese Wirklichkeit unabhängig von dieser Theorie besteht. Es darf sich also nicht um eine Theorie handeln, die das beschreibt, was nur wegen ihr selbst besteht, etwa darf eine Messung nicht Artefakte messen, also solche Daten liefern, die gerade durch das Messverfahren erzeugt wurden. Das klingt zunächst sehr vernünftig. Die Schwierigkeit daran ist eigentlich nur, dass wir es bei einer solchen Forderung nicht belassen können, sondern dieses ‚Zutreffen‘ oder diese ‚Richtigkeit‘ der Beschreibung auf Verlangen auch anderen Menschen nachweisen müssen. Für eine empiristische Wissenschaftsauffassung mit dem Fokus auf dem Wahrnehmungskontakt mit der Wirklichkeit entstehen daraus eine Menge Probleme, mit denen wir uns im Folgenden beschäftigen werden.
Sehen wir uns vorgreifend noch eine Problemquelle an. Zunächst müssen wir offenbar zwei Phänomene vor uns haben, um sie miteinander vergleichen zu können: zum einen die Theorie (was keine Schwierigkeit ist, da sie in sprachlicher und vielleicht auch mathematischer Form vorliegt) und zum anderen die Wirklichkeit, wie sie durch keine Theorie beeinflusst wird. Man könnte unmittelbar einwenden: wenn wir die Wirklichkeit auch ohne Theorie so erkennen können, wie sie an sich (und ohne Beeinflussung durch die Theorie) ist, wozu brauchen wir dann noch die Theorie? Genau diesen Einwand müssen wir aber machen, wenn wir die Theorie mit der Wirklichkeit vergleichen wollen. An dieser Stelle beginnen die verschiedenen Konzeptionen einer empiristischen Wissenschaftstheorie mit ihrer Arbeit. Sie stehen im Grunde alle einem zentralen Problem gegenüber: Mittel und Wege finden, durch die wir die Wirklichkeit so wahrnehmen können, wie sie ohne die Theorie ist, damit wir die letztere dann mit der Wirklichkeit vergleichen können, um sagen zu können, ob sie richtig oder falsch ist.
2.1.2Induktion und Deduktion
Nichtsdestoweniger sollten wir uns zunächst doch darüber im Klaren sein, dass die Grundlegung der Wissenschaft durch unsere Erfahrungen mit der Welt eine relativ neue Erscheinung im Denken über das Wissen darstellt. Ein Mann wie Francis Bacon mit der Behauptung, nur die ‚Induktion‘, also der Weg zu allgemeinen Erkenntnissen im Ausgang von einzelnen Beobachtungen von Ereignissen in der Welt, sei der richtige Weg zur Wissenschaft, hätte sich in dem gedanklichen Zusammenhang, der zuvor 1.500 Jahre lang gegolten hatte, kaum als ‚Wissenschaftler‘ profilieren können. Heute dagegen gilt er als einer der Gründerväter der neuzeitlichen Wissenschaft, weil nach seiner Auffassung nur die Erfahrung die Grundlage unseres Wissens darstellen kann. Für uns, die wir alle in der gedanklichen Welt der inzwischen ausgebildeten Wissenschaft aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, mag das selbstverständlich klingen. Für seine Zeit war es eine Revolution, mit der er sich gegen die gesamte Tradition der Gewinnung von Wissen stellte.
Natürlich lässt sich dagegen leicht darauf hinweisen, dass auch zuvor schon von Tischlern, Müllern, Schmieden, Seilern, Bauern, Maurern und in vielen anderen Gewerben so etwas wie Wissen eingesetzt worden war, das auf Erfahrung beruhte und nicht auf der Lektüre und Interpretation mehr oder weniger heiliger Schriften. Das ist gewiss richtig. Aber auch heute zählen wir das ‚praktische‘ Wissen von Handwerkern nicht in den Bereich der Wissenschaften. Im Unterschied zur vor-neuzeitlichen Epoche verändert die technische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse jedoch zahlreiche Gewerbe auf fundamentale Weise wie etwa den Beruf des Kfz-Mechanikers, sie lässt andere ganz verschwinden (erinnert sich noch jemand daran, was ein Schriftsetzer war?) und neue entstehen (wer eine Ausbildung zum Mechatroniker hat, stößt bei manchen älteren Menschen immer noch auf Unkenntnis über dessen Tätigkeit). Das Wissen, das vor-neuzeitlich als wissenschaftlich galt, war dafür jedoch nicht geeignet. ‚Praktisches‘ und ‚wissenschaftliches‘ Wissen waren zwei ganz verschiedene Formen des Wissens, die sich nicht beeinflussten, und nur das erstere hatte einen Bezug zur Erfahrung.
Man könnte den Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft deshalb auch als den Siegeszug des Wissens der Handwerker und Bauern gegen das Wissen der Theologen und Philosophen auffassen. Francis Bacon bestand darauf, dass die Erfahrung eine Form des Wissens darstellen kann, das gilt, ohne sich durch den Bezug auf – z. B. – angeborene Ideen, die mit uns auf die Welt kommen und unsere Erkenntnis formen, oder auf über die Jahrhunderte unverändert geltende Vernunfteinsichten über das Wesen der Natur und der Dinge rechtfertigen zu müssen. Wenn wir unser Wissen über die Erfahrung hinaus erweitern wollen, so können wir dies zwar tun, aber nur so, dass wir dies auf der Grundlage der Erfahrung tun, vor der sich alles darüber hinausgehende Wissen rechtfertigen muss. Dadurch wurde das Erfahrungswissen aber nun in neue Zusammenhänge gestellt, durch die es sich vom praktischen Wissen der Handwerker und Bauern zu unterscheiden begann. Über deren Wissen sollte das durch Erfahrung begründete Wissen nun weit hinausgehen können. Es sollte ein systematisches Wissen mit allgemeinen Ansprüchen und universeller Geltung begründen können. Und daran hatte zuvor weder ein Philosoph oder Theologe noch ein Handwerker oder Bauer jemals gedacht.
Die neuzeitliche Wissenschaft beginnt also mit der Forderung, unsere Theorien über die Welt und das, was sich in ihr ereignet, sollen sich an der Erfahrung ausweisen können. Das führt in ein Problem, das bis heute fortwirkt und alles andere als gelöst ist. Wenn sich Theorien erst mithilfe der Erfahrungen, die wir mit der Welt machen, begründen können, dann dürfen Theorien offenbar nicht in dem Prozess mitwirken, in dem wir solche Erfahrungen machen. Die Erfahrung bzw. das Erfahren, das Grundlage der Wissenschaft sein soll, darf nicht schon das enthalten, was doch erst durch das Erfahren begründet werden soll.
Das ‚Allgemeine‘, über das die Wissenschaft uns Kenntnisse verschaffen soll, darf also nicht die Grundlage für das ‚Einzelne‘ darstellen, aus dem erst ein allgemeines Wissen entwickelt werden kann. Auch das ist eine Umkehr – eine Revolution – der Vorstellung vom Wissen, die bis zum Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft gegolten hatte. Wenn die Vernunft oder die aus heiligen Schriften entnommenen bzw. interpretierten Einsichten am Anfang des Wissens stehen sollen, dann ist eine Beteiligung des Wissens vom Einzelnen an der Wissenschaft durchaus nicht ausgeschlossen. Dieses Wissen muss sich aber von den allgemeinen Einsichten aus der Vernunft und/oder den heiligen Schriften leiten lassen. Ganz anders liegt der Fall bei einer Orientierung alles Wissens an der Erfahrung, wie sie Francis Bacon einführte. Alles Allgemeine muss sich nun vom Einzelnen her begründen – nur in der Erfahrung von einzelnen Dingen und Ereignissen finden wir die Grundlage für allgemeine Erkenntnisse, die wir deshalb offenbar nicht für unsere Erfahrungen voraussetzen können.
Das ist nur eine andere Formulierung für jenes Problem, das sich aus der Begründung der Wissenschaft durch eine von Theorien vollständig freie Erfahrung ergibt. Eine Konzeption von Wissenschaft, wie wir sie am Anfang ihres neuzeitlichen Verständnisses einer Erfahrungswissenschaft vorfinden, muss offenbar annehmen, dass wir (a) vollständig theorienfrei und (b) vollständig auf die Beobachtung von Einzelnem konzentriert eine solche Grundlage für die Wissenschaft legen können, deren Aufgabe doch gerade darin besteht, (a) Theorien zu entwickeln, die (b) uns etwas Allgemeines sagen, das von vielen einzelnen Gegenständen und/oder Ereignissen gilt. Es hilft uns wissenschaftlich nicht weiter, wenn wir wissen, dass die Katze Lucy Mäuse fängt, dass ein Apfel gerade in Richtung Erde gefallen ist (und nicht in Richtung Himmel), und dass gerade das Licht den Raum erhellt, nachdem wir den Lichtschalter umgelegt haben. Die Wissenschaft beginnt erst dann, wenn wir wissen (oder zumindest danach fragen), warum Katzen Mäuse fangen (und – glücklicherweise – nicht etwa Schlangen), wenn wir den Fall des Apfels mithilfe der Gravitation erklären und sogar noch seine Fallgeschwindigkeit errechnen können, und wenn wir wissen, wie Licht entsteht und wir Elektrizität einsetzen können, um Licht auch dann zu erzeugen, wenn die Natur es uns nicht zur Verfügung stellt.
Mit diesem Problem schlägt sich das Denken über die Begründung der Wissenschaft in der Beobachtung bzw. in der Erfahrung bis heute herum. Offenbar ist das aber kein Spezialproblem, das nur Wissenschaftler interessieren müsste. Es betrifft vielmehr grundsätzlich unser von der Wissenschaft geleitetes Verständnis der Welt, aber auch unsere sozialen Beziehungen und unser Selbstverständnis, wenn gefragt wird, ob und inwieweit sich die Wissenschaften auf die wirkliche Welt beziehen und ob und inwieweit wissenschaftliche Aussagen so sind, dass wir annehmen dürfen, sie würden die Welt der Dinge und Ereignisse, so wie sie wirklich ist, beschreiben und erklären. Wenn wir nicht einsehen können, wie wir von dem einzelnen Ereignis, das wir beobachten können, zu allgemeinen Aussagen kommen, die wir als solche nicht beobachten können, dann können wir auch den Wahrheitsanspruch der Wissenschaft nicht einsehen. Das gilt jedenfalls so lange, als wir diesen Wahrheitsanspruch durch einen ‚direkten‘ Kontakt mit der Wirklichkeit auf dem Wege der Beobachtung und damit unserer Erfahrungen mit der Welt und dem, was in ihr geschieht, einlösen wollen.
Eine solche Einlösung kann grundsätzlich auf zwei Weisen geschehen, und beide haben ihre eigenen Probleme. Zunächst können wir die allgemeinen Aussagen der Wissenschaft so mithilfe von Beobachtungen und Erfahrungen zu begründen versuchen, dass wir die Beobachtungen aneinanderreihen und gleichartige zusammenfassen. Wenn wir dann im Verlaufe der Zeit feststellen, dass sich Beobachtungen regelmäßig wiederholen, so könnten wir daraus den Glauben begründen, es werde sich eben immer so verhalten und das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. Katzen jagen Mäuse, die Sonne geht am Morgen im Osten auf und am Abend im Westen unter, und der Apfel fällt vielleicht nicht weit vom Stamm, aber doch immer in Richtung Erde. Dieses Verfahren bezeichnet man grundsätzlich als ‚Induktion‘ – dies deshalb, weil darin ein Schluss vom Besonderen zum Allgemeinen enthalten ist. Natürlich muss es sich dabei nicht um so einfache Schlüsse handeln wie demjenigen, wonach aus den vielen Beobachtungen, dass Katzen Mäuse jagen, das allgemeine Gesetz ‚Alle Katzen jagen Mäuse‘ abzuleiten ist. Es kann sich auch darum handeln, aus vielen Messungen über fallende Gegenstände das newtonsche Gravitationsgesetz abzuleiten, wonach die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern immer eine Funktion der schweren Massen dieser beiden Körper und ihres Abstandes voneinander ist, wenn man darüber hinaus noch eine Gravitationskonstante berücksichtigt.
Und damit haben wir auch schon ein großes Problem vor uns. Offenbar bleiben wir damit nicht mehr bei Beobachtungen und bei der Erfahrung. Dass die Katzen, die uns bisher begegnet sind, die Gewohnheit hatten, Mäuse zu jagen, ist eine Beobachtung und entspricht unserer Erfahrung. Die Behauptung, dass alle Katzen Mäuse jagen, ist dagegen nicht zu beobachten, ebenso wenig wie die Behauptung, dass es sich mit der Anziehungskraft zwischen zwei Körpern immer so verhält, wie es das newtonsche Gravitationsgesetz angibt, mithilfe noch so vieler Messungen gemessen werden kann. Es handelt sich in beiden Fällen um Schlüsse. Schlüsse aber sind nichts, was wir beobachten können, sondern das Ergebnis einer Tätigkeit des Denkens. Die Behauptung des Empirismus war es jedoch gerade, dass uns die Wissenschaft nicht über die Welt und die Dinge und Ereignisse in ihr belehrt, indem wir uns etwas denken, sondern nur so, dass wir mit den Dingen und Ereignissen über unsere Sinne in Kontakt treten. Es scheint also so zu sein, dass dieser Anspruch es uns nicht erlaubt, solche allgemeinen Zusammenhänge und Regelmäßigkeiten aufzufinden, die uns die Wissenschaft doch nach unserem Vorverständnis liefern sollte. Wir könnten das Problem auch so formulieren: wenn wir wissenschaftliche Aussagen mit Allgemeinheitsanspruch aufstellen, dann scheinen wir den Kontakt mit der wirklichen Welt zu verlieren, den wir doch – so war die Behauptung – nur über die Beobachtung und die sinnliche Erfahrung der Welt gewinnen können.
Es gibt jedoch einen Trick, mit dem man diesem Problem vielleicht entkommen kann. Er nennt sich ‚Deduktion‘. Auch dabei stellt der ‚Kontakt‘ mit der Welt der Dinge und Ereignisse über die sinnliche Wahrnehmung und die Erfahrung die Grundlage für das Auffinden wissenschaftlicher Erkenntnisse dar. Aber man vermeidet das Problem, was uns denn das Recht gebe, von einer Reihe von Beobachtungen auf Gesetze von allgemeiner Geltung zu schließen, auf eine elegante Art, die allerdings ihre eigenen neuen Probleme aufwirft. Man kehrt dabei die Richtung des Schließens einfach um. Es wird nicht mehr aus vielen Beobachtungen geschlossen, es werde sich in allen gleichartigen Fällen so verhalten, wie wir es bisher beobachtet haben. Eine ‚Deduktion‘ beginnt nicht mit den einzelnen Beobachtungen, sondern mit der Feststellung, dass gleichartig zu beschreibende Ereignisse stets ein bestimmtes Ergebnis zeigen. Am Anfang steht also nicht die oft wiederholte Beobachtung, dass Katzen Mäuse jagen, sondern am Anfang steht die allgemeine Feststellung ‚Alle Katzen jagen Mäuse‘. Natürlich kann das Beispiel auch wesentlich komplizierter sein, wie etwa im Falle des newtonschen Gravitationsgesetzes: hier beginnt die Deduktion mit dem Satz ‚Die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern ist eine Funktion der schweren Massen dieser beiden Körper und ihres Abstandes voneinander‘.
Aus solchen Feststellungen über allgemeine Zusammenhänge werden nun solche Ereignisse in der Wirklichkeit abgeleitet (‚deduziert‘), die der Beobachtung zugänglich sein müssen, wenn die betreffende allgemeine Aussage gilt. Die sinnliche Wahrnehmung und damit die Erfahrung haben hier eine ganz andere Funktion als bei dem Verfahren, das wir oben als ‚Induktion‘ bezeichnet hatten. Dort hatte der sinnliche Kontakt mit der Welt die Aufgabe, uns zu allgemeinen Aussagen über Dinge und Ereignisse zu führen. Nun kommt den Wahrnehmungen und Erfahrungen die Funktion zu, darüber zu entscheiden, ob die allgemeinen Behauptungen über die Welt tatsächlich gelten, aus denen geschlossen wurde, dass bestimmte Wahrnehmungen möglich sein müssen, wenn diese Behauptungen uns wirklich über die Welt informieren. Wenn gilt, dass alle Katzen Mäuse jagen, dann sollten wir tatsächlich nur Katzen beobachten können, die Mäuse jagen. Wenn das newtonsche Gravitationsgesetz gilt, dann sollten wir bei wiederholten Messungen feststellen, dass tatsächlich eine Abhängigkeit der Anziehungskraft zwischen zwei Körpern von ihren schweren Massen und von ihrem Abstand besteht.
Es war David Hume, der darauf hinwies, dass weder das Kausalitätsprinzip noch das Induktionsprinzip logisch oder empirisch begründbar sind. Diese Einsicht hatte schwerwiegende Folgen für die Entwicklung der Wissenschaftsphilosophie. Wir können sie etwa in der Entwicklung der Kantischen Philosophie sehen, in der Kausalität zu einem reinen Verstandesbegriff wurde, den wir benötigen, um aus der ‚Mannigfaltigkeit‘ der Sinneseindrücke eine objektive und erfahrbare Welt zu strukturieren. Eine Induktion kann nicht durch Beobachtung gerechtfertigt werden, denn es wird auf das geschlossen, was noch nicht beobachtet wurde. Der Ausweg, Induktion durch Induktion zu rechtfertigen (induktives Schließen hat sich bisher bewährt, also wird es sich auch in Zukunft bewähren …), wäre ein Zirkelschluss. Das gilt auch für ein ‚epistemisches Induktionsprinzip‘, wonach sich aus dem bisherigen explanativen und prognostischen Erfolg einer Theorie im Vergleich zu einer Alternativtheorie schließen lasse, diese Theorie werde auch künftig erfolgreicher sein als die Alternativtheorie. Auch eine Rechtfertigung der Induktion durch eine wahrscheinlichkeitstheoretische Umformulierung ist nicht möglich, denn dies würde ein probabilistisches Induktionsprinzip voraussetzen, woraus die gleiche Begründungsschwierigkeit entstehen würde.
2.1.3Verifizierung und Falsifizierung
Gewitzte Leserinnen und Leser werden jetzt schon einen Einwand parat haben, der etwa so lauten könnte: wenn es bei dem Verfahren der ‚Induktion‘ solche Probleme macht, aus vielen Beobachtungen auf einen allgemein bestehenden Zusammenhang zu schließen, dann können doch auch noch so viele Beobachtungen keine Grundlage für allgemeine Behauptungen über die Welt abgeben – auch dann nicht, wenn bestimmte Beobachtungen aus solchen allgemeinen Behauptungen abgeleitet werden können. Und genau so ist es. Wissenschaftstheoretiker sprechen hier vom ‚Verifizierungsproblem‘, und eine umfassende Erörterung dieses Problems stellte die Grundlage für eine der bekanntesten Theorien über die Wissenschaft im 20. Jahrhundert dar, nämlich für Karl Poppers sog. ‚Falsifikationismus‘.
In der Tat lassen sich Theorien – Aussagen und bisweilen umfangreiche Systeme von Aussagen über allgemein geltende Zusammenhänge in der Wirklichkeit – nicht dadurch ‚beweisen‘, dass man nach zu beobachtenden Ereignissen sucht, die sich aus diesen Aussagen ableiten lassen. Dass alle Katzen Mäuse jagen, führt zwar zu der Ableitung, dass dann jede Katze, die wir antreffen, tatsächlich bereit sein muss, mit bösartigen Absichten nach kleinen Nagern zu fahnden. Aber jede einzelne Beobachtung eines solchen Verhaltens führt dennoch nicht dazu, dass jene allgemeine Aussage tatsächlich als eine Beschreibung der Wirklichkeit bestätigt wird, denn darin ging es um ein für alle Katzen zutreffendes Benehmen. Mit der Suche nach einzelnen verifizierenden Ereignissen, die sich aus jener allgemeinen Aussage ableiten lassen, ignorieren wir aber genau dies.
Das wäre natürlich anders, wenn die Behauptung lauten würde: ‚Manche Katzen jagen Mäuse‘. Hier würde es zur Bestätigung sicher genügen, einige Katzen zu finden, die sich so verhalten. Sollte sich die Wissenschaft vielleicht auf solche Aussagen beschränken? Nun, das wäre eine mögliche Wissenschaft – aber es wäre nicht die Wissenschaft, die sich seit etwa 300 Jahren entwickelt hat und die wir meinen, wenn wir den Ausdruck ‚Wissenschaft‘ heute gebrauchen, und der wir Erfolge im Umgang mit der Natur zuschreiben, die sich Menschen in den Jahrhunderten zuvor kaum hätten vorstellen können. Was würden wir von einem Wissenschaftler halten, der uns erklärte, Stahlbeton von einer bestimmten Stärke habe manchmal die Festigkeit, die es erlaubt, die Fußböden und Zwischenwände eines fünfstöckigen Hauses zu tragen? Würde jemand in einem Haus wohnen wollen, das ein Statiker und ein Architekt auf dieser ‚wissenschaftlichen‘ Grundlage entworfen und gebaut haben?
Wollen wir also eine Wissenschaft haben, wie wir sie seit mehreren Jahrhunderten kennen, so können wir das Problem mit der ‚Verifikation‘ nicht so einfach vermeiden. Nichtsdestoweniger wollen wir doch weiter Beobachtungen als Grundlage für den ‚Kontakt‘ unserer Wissenschaft mit der Wirklichkeit, also mit der Welt und den Dingen und Ereignissen in ihr, betrachten. Folglich können wir allgemeine Aussagen, die beanspruchen, etwas zu sagen, das für bestimmte Fälle immer gilt, nicht einfach durch noch so viele Erfahrungen, in denen es genau so war, als bestätigt ansehen. Empirische einzelne Aussagen können eine allgemeine Hypothese also nicht bestätigen.
Diese aus der ‚Induktion‘ bekannte Lage wirkt sich nun prinzipiell auch dann aus, wenn wir versuchen, aus Behauptungen über allgemeine Zusammenhänge Vorhersagen für das zu entnehmen, was wir in bestimmten Fällen beobachten sollten, auch wenn das in vielen Fällen nach Wunsch glückt. Dafür gibt es ein Argument, das allerdings ein wenig unseren gängigen Vorstellungen widerspricht. Man nennt es das Rabenparadoxon. Es geht so: Bei der Anwendung des induktiven Verfahrens müssten wir etwa behaupten, dass der Satz ‚Alle Raben sind schwarz‘ wahr ist, wenn wir nur genügend schwarze Raben beobachtet haben. Setzen wir nun die Deduktion ein, der zufolge die Beobachtung vorausgesagt werden kann, dass wir weiter schwarze Raben beobachten, so müsste man sagen, dass jede neue Beobachtung eines schwarzen Raben jenen Satz bestätigt. So weit, so gut.
Unglücklicherweise kann nun aber auch der Satz ‚Alle nicht schwarzen Dinge sind keine Raben‘ bestätigt werden durch die Beobachtung eines jeden nicht schwarzen Dinges in der Welt, das kein Rabe ist, wie z. B. durch eine weiße Katze, die weder schwarz noch ein Rabe ist. Immer noch so weit, so gut. Aber nun sagt uns ein Logiker sehr einleuchtend, dass die beiden Sätze ‚Alle Raben sind schwarz‘ und ‚Alle nicht schwarzen Dinge sind keine Raben‘ äquivalent im logischen Sinne sind. Das können wir hier natürlich nicht näher ausführen, sondern wir glauben es dem Logiker einfach. Leider ergibt sich daraus aber eine äußerst unschöne Situation – jedenfalls dann, wenn wir an einer Bestätigung von Aussagen über allgemeine Zusammenhänge durch fortgesetzte Beobachtung entsprechender Fälle festhalten wollten. Denn wegen dieser Äquivalenz wird nun jener Satz ‚Alle Raben sind schwarz‘ nicht nur durch das Beobachten von schwarzen Raben bestätigt, sondern auch durch jede Beobachtung eines nicht schwarzen Dinges, das kein Rabe ist. Die Beobachtung einer weißen Katze bestätigt demnach den Satz ‚Alle Raben sind schwarz‘. Das klingt absurd, aber bisher hat noch niemand nachgewiesen, dass dieses Argument falsch ist.
Aber wir waren ja bereits davon überzeugt, dass sich Aussagen über allgemeine Zusammenhänge nicht dadurch als wahre Beschreibungen der wirklichen Welt nachweisen lassen, dass wir aus ihnen einzelne Beobachtungen ableiten und diese auch wirklich machen. Aus ‚Alle Raben sind schwarz‘ können wir zwar ableiten, dass wir nur schwarze Raben beobachten können sollten, aber jede einzelne Beobachtung eines schwarzen Raben macht jene Aussage nicht ‚wahrer‘. Natürlich gibt es für dieses Problem eine Lösung, die sogar ganz einfach ist, und vermutlich ist jede Leserin und jeder Leser schon von selbst darauf gekommen. Ursprünglich galt diese Lösung allerdings als eine wirkliche Innovation im Zusammenhang der Probleme mit einer Überprüfung wissenschaftlicher Aussagen durch Beobachtungen und damit durch unsere Erfahrung mit den Dingen und Ereignissen in der wirklichen Welt.
Wenn wir schon Aussagen über allgemeine Zusammenhänge wie zwischen den Raben und der schwarzen Farbe oder zwischen der Anziehungskraft, die ein Körper gegen einen andern ausübt, und deren schweren Massen und ihrem Abstand voneinander nicht durch einzelne Beobachtungen bestätigen können, so können wir doch etwas bescheidener sein. Wir könnten zumindest versuchen, solche Aussagen zu widerlegen, indem wir nach Ereignissen suchen, die mit diesen Aussagen nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Wenn gelten soll, dass alle Raben schwarz sind, so können wir diese Behauptung vielleicht nie bestätigen, aber wir können doch ein Verfahren angeben, das sie endgültig und restlos widerlegen würde. Dazu muss es uns nur gelingen, einen einzigen Raben aufzufinden, der nicht schwarz ist. Niemand kann dann noch behaupten, dass alle Raben schwarz sind, höchstens, dass die meisten Raben schwarz sind, aber das war ja gerade nicht gemeint, und in wissenschaftlichen Aussagen geht es um Sicherheit und Gewissheit, und nicht um Sätze mit ‚bisweilen‘ und ‚gelegentlich‘ oder ‚vielleicht‘, die man in der schönen Literatur ohne weiteres akzeptieren könnte.
Wir können also zwar nicht aus der Wahrheit solcher Beobachtungen, die sich als Konsequenz einer wissenschaftlichen Aussage oder Theorie ergeben, auf die Wahrheit der Theorie zurückschließen. Aber wir können aus der Unwahrheit einer solchen Beobachtung, die notwendig aus einer Theorie folgt, auf die Unwahrheit dieser Theorie schließen. Man nennt dies das ‚Falsifikationsprinzip‘ – die Unwahrheit einer Theorie stellen wir dadurch fest, dass wir versuchen, aus ihr solche Beobachtungen abzuleiten, die sich in der Erfahrung als falsch herausstellen. Statt nach möglichst vielen schwarzen Raben zu suchen, um die Aussage ‚Alle Raben sind schwarz‘ zu bestätigen, empfiehlt dieses Prinzip also, intensiv nach nicht-schwarzen Raben zu suchen, denn wenn wir hier erfolgreich sind, dann können wir jene Aussage aufgeben, da sie sich als falsch erwiesen hat.
Dieses Prinzip hat aber eine schwerwiegende Konsequenz: es kann nie wirklich bestätigte und damit ‚wahre‘ Theorien geben. Die Wissenschaft besteht nach dieser Auffassung über die Bedeutung der Beobachtung und damit der Erfahrungen, die wir mit der Welt machen, betreffend den Bezug wissenschaftlicher Behauptungen zu eben dieser Welt lediglich aus noch nicht falsifizierten Aussagen und Theorien. Auch bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns unerschütterlich erscheinen, so dass sich niemand mehr vorstellen kann, sie könnten falsch sein, können wir nicht ausschließen, dass irgendwann und irgendwo und von irgendwem solche Beobachtungen gemacht werden, die nicht mit den Beobachtungen übereinstimmen, die aus ihnen abgeleitet werden können. In diesem Fall müssten wir unsere Theorie verändern, aber ohne behaupten zu können, die veränderte und damit neue Theorie stellte nun endlich wahre Beschreibungen der Welt und der Dinge und Ereignisse in ihr dar. Der Unterschied ist nur der: die alte Theorie hat sich als falsch erwiesen, während das für die neue Theorie bis jetzt nicht der Fall ist.
Karl Popper hatte die Möglichkeit der ‚Falsifizierbarkeit‘ geradezu als Kriterium dafür ausgezeichnet, dass wir es überhaupt mit einer wissenschaftlichen Aussage oder Theorie zu tun haben. Eine Aussage oder ein Zusammenhang von Aussagen gehört nur dann zu den empirisch-wissenschaftlichen Aussagen bzw. Theorien, wenn aus ihr oder ihm solche Beobachtungen abgeleitet werden können, die prinzipiell die Möglichkeit bieten, mithilfe unserer Erfahrungen mit der Welt als falsch nachgewiesen zu werden. Das muss allerdings nicht heißen, dass als ‚wissenschaftlich‘ nur solche Theorien bezeichnet werden dürften, die immer noch nicht widerlegt sind, obwohl Heerscharen von Forschern viele Jahre lang emsig damit beschäftigt waren, solche Beobachtungen zu finden, die mit den aus einer Theorie ableitbaren Beobachtungen nicht übereinstimmen. Das Zauberwort ist hier ‚prinzipiell‘ – entscheidend ist nicht, dass solche Versuche schon gemacht wurden (vielleicht gibt es zurzeit nur noch nicht die experimentellen Möglichkeiten), sondern dass die Theorie überhaupt dazu fähig ist, widerlegt zu werden. Ihre Widerlegungsfähigkeit erteilt einer Theorie also die Würde, als wissenschaftlich bezeichnet zu werden.
Wir haben uns nun einen Eindruck von der im alltäglichen Verständnis und weitgehend auch im Selbstverständnis von Wissenschaftlern mehr oder weniger deutlich noch vorherrschenden Vorstellung über die Bedeutung von Wahrnehmung und Beobachtung für wissenschaftliche Feststellungen verschafft. Wir haben auch die grundlegenden Probleme gesehen, die in Zusammenhang mit den Möglichkeiten der Induktion und Deduktion entstehen. Schließlich haben wir die Begrenztheit der naheliegenden Verwendung der Deduktion mithilfe des Prinzips der Falsifizierung skizziert und damit Zweifel an der Notwendigkeit von Wahrnehmung und Beobachtung für die Wissenschaft gesät.
Wir werden nun die Grundlegung der empirischen Wissenschaft bei David Hume darstellen, der für diese damals neue Auffassung von Wissenschaft gute Gründe entwickelt hat, der aber auch schon die Grenzen des Empirismus gesehen hat. Damit unterscheidet er sich deutlich von Francis Bacon, der gerne als der Begründer der empirischen Wissenschaft angesehen wird, und er unterscheidet sich von John Locke, der zu mentalen Gegenständen namens ‚ideas‘ greifen musste, um die Mitteilbarkeit von Erkenntnissen verständlich machen zu können. Wir begeben uns mit der Wissenschaftsphilosophie des Empirismus an den gedanklichen Anfang dessen, was heute als empirische Wissenschaft bezeichnet wird.
2.2Die Grundlagen des Empirismus
2.2.1Eindrücke und Vorstellungen als Basis des Wissens
Am Anfang der modernen Wissenschaft stand eine Überlegung, nach der nur noch die sinnliche Wahrnehmung die Grundlage für unser Wissen von der Welt und dem, was sich in ihr ereignet, darstellen kann. Dieser Gedanke ist bis heute mit dem Namen von David Hume verbunden. Er fasste im 18. Jahrhundert den Beginn unseres Wissens über die Welt so auf: es beginnt in dem, was er allgemein als ‚Perzeptionen‘ bezeichnete (perceptions). Darunter verstand er zunächst Wahrnehmungen – aber nicht nur. Zu den Perzeptionen und damit zu den Ausgangspunkten unseres Wissens gehörten nach seiner Auffassung auch Gedanken, aber auch Wünsche und Gefühle. Man könnte also auch sagen: Perzeptionen sind all das, von dem wir wissen, dass es irgendwie in unserem Bewusstsein vorhanden ist. Der Ausdruck ‚Bewusstseinsinhalt‘ wäre deshalb keine schlechte Übersetzung.
In unserem Bewusstsein treibt sich in der Regel sehr vieles herum, manches, was wir gerne dort sehen, anderes, was wir am liebsten sehr schnell von dort vertreiben möchten. Außerdem unterscheiden sich Gefühle von Wahrnehmungen und Gedanken von Wünschen und darüber hinaus gibt es noch eine Menge, was in den Bewusstseinsinhalten voneinander unterschieden werden muss. Das sah natürlich auch Hume so. Aber es ging ihm nicht um das Unterscheiden als solches, sondern die von ihm getroffenen Unterscheidungen waren bereits geleitet durch das, worum es wirklich ging: vom Erkennen und dessen Grundlagen her. Und von diesem Ziel her gedacht lag es nahe, zunächst zwischen ‚Eindrücken‘ (impressions) und ‚Vorstellungen‘ (ideas) zu unterscheiden.
Den Ausdruck ‚Vorstellungen‘ verwenden wir bisweilen, um die Perzeptionen oder Bewusstseinsinhalte allgemein zu bezeichnen. Hier kommt jedoch nun eine engere Bedeutung dieses Ausdrucks ins Spiel, die im Deutschen gebräuchlich wurde, um das zu übersetzen, was Hume ‚ideas‘ nannte. Ich bleibe deshalb bei Humes Ausdruck und verdeutsche ihn nur – sprechen wir also von ‚Ideen‘ im Unterschied von ‚Impressionen‘ oder – wörtlich ins Deutsche übersetzt – ‚Eindrücken‘. Dieser Ausdruck hat den Vorteil, sehr plastisch zu zeigen, was Hume damit meint: es sind solche Perzeptionen, die als unmittelbar erlebt werden, die wir also nicht erst durch Denken oder Verbinden von Perzeptionen erzeugen müssen, und die wir deshalb besonders lebhaft und ‚eindrücklich‘ erfahren. Wir fassen sie deshalb als ‚ursprünglich‘ auf, weil wir bei ihnen nicht auf einen anderswo liegenden Ursprung zurückgehen, sondern sie so nehmen, wie sie eben sind. Das trifft etwa für Gefühle oder Wünsche zu – wir haben sie eben einfach. Natürlich können wir sie dann auch noch beurteilen oder über ihre Realisierbarkeit nachdenken, aber zunächst sind sie doch einfach ‚gegeben‘. Das gleiche gilt aber auch für Sinneswahrnehmungen. Wenn wir plötzlich ein Rot wahrnehmen, dann haben wir diese Perzeption nicht konstruiert oder produziert, sondern sie ist einfach da.
Von solchen Eindrücken (impressions) unterscheidet Hume nun das, was er Ideen (ideas) nennt. Dabei handelt es sich um Bewusstseinsinhalte, die nur Abbilder von Eindrücken (impressions) darstellen. Das können etwa Erinnerungen sein, in denen wir uns Sinneswahrnehmungen, Wünsche oder Gefühle vergegenwärtigen, wobei wir uns aber bewusst sind, dass wir sie nicht ursprünglich, unmittelbar und entsprechend lebhaft erfahren. Es können auch Phantasievorstellungen sein oder solche Vorstellungen, in denen wir uns mögliche Verläufe der Zukunft vorstellen, um sie durchspielen und auf dieser Grundlage besser entscheiden zu können.
Es ist sicher schon zu ahnen, dass für unser Wissen von der Welt die ‚Impressionen‘ besonders wichtig sein werden und nicht die ‚Ideen‘, die nur Abbilder davon darstellen. Aus der Perspektive der späteren Wissenschaftsphilosophie, in der die Frage nach dem Ursprung unseres Wissens in den Sinneswahrnehmungen (bei Hume also einer Art von ‚Impressionen‘) im 20. Jahrhundert noch sehr wichtig werden wird, ist es nun interessant, dass die ‚Impressionen‘ bei Hume von zweierlei Art sein können: einfach oder zusammengesetzt. Ein einfacher Eindruck wäre etwa: jetzt hier Rot. Aber für Hume können Eindrücke auch zusammengesetzt sein. Etwa können sich die Eindrücke aus verschiedenen Sinnen zu einem einheitlichen Eindruck verbinden. Das Rot aus dem visuellen Sinn etwa kann sich mit einem bestimmten Eindruck bei der Berührung des roten Gegenstandes verbinden, so dass etwa die glatte Haut einer Tomate zusammen mit ihrer roten Farbe einen zusammengesetzten Eindruck erzeugt.
Es gibt aber noch eine weitere Unterscheidung innerhalb der Impressionen, die für das Entstehen unseres Wissens wichtig ist. Es war schon deutlich, dass Impressionen im Sinne von Hume nicht einfach nur Sinneswahrnehmungen sind. Etwa stellen auch Gefühle und Wünsche in Humes Verständnis Impressionen dar. Deshalb muss er weiter unterscheiden zwischen ‚Originalimpressionen‘ (original impressions), die die Eindrücke aus den Sinnen und körperliche Empfindungen umfassen wie etwa Hunger, Schmerz oder Müdigkeit, und solchen Impressionen, die Hume als ‚secondary‘ bzw. ‚reflective‘ bezeichnet.
Die letzteren sind sekundär, weil sie auf den Originalimpressionen beruhen und ohne sie nicht erlebt werden können. Gemeint sind damit solche Gefühle, die wir nicht einfach aufgrund unserer körperlichen Beschaffenheit haben, wie etwa Schmerz oder Hunger, sondern erst dann, wenn wir auf Originalimpressionen (einschließlich Schmerz, Hunger oder auch Müdigkeit) reflektieren, d. h. uns auf sie zurückwenden in einem Akt der Selbstwahrnehmung. Sie entstehen also aus einem ersten Akt des Stellungnehmens, ohne dass hier schon rationale Erwägungen eine Rolle spielen müssten. Körperliche Eindrücke wie Schmerz oder Hunger können bekanntlich sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, je nachdem, wie wir geneigt sind, damit umzugehen. Hume spricht hier von ‚Affekten‘ (passions) wie etwa Abneigung, Hoffnung, Furcht, Stolz, Liebe und Hass. Dieses Thema können wir in unserem Zusammenhang aber auf sich beruhen lassen, denn bei Hume führt es sehr bald in seine Moralphilosophie und damit aus der Philosophie des Wissens und Erkennens heraus.
Die Impressionen sind nach Hume nun die Grundlage für alles Erkennen, das zu einem Wissen von der Welt führt – also nicht nur sinnliche Wahrnehmungen, sondern auch originale körperliche Empfindungen wie Hunger, Schmerz oder Müdigkeit. Damit ist nicht gesagt, dass die Ideen keine Rolle spielen. Aber sie bleiben doch abhängig von den Impressionen, von denen sie nur Abbilder sind, und ein Abbild kann es natürlich nicht geben, ohne dass etwas schon Vorhandenes abgebildet wird, weshalb die Impressionen den originären Bezug zur Welt darstellen, wie sie in unserer Erkenntnis dargestellt werden kann. Erst dann können wir mithilfe der Einbildungskraft verschiedene Ideen zu sehr komplizierten zusammensetzen und uns etwa einen Kentaur vorstellen, also ein Pferd mit einem menschlichen Oberkörper, oder wir können Eindrücke und Ideen mithilfe unseres Erinnerungsvermögens ins Bewusstsein zurückrufen.
2.2.2Abstrakte Ideen und das Prinzip der Assoziation
Natürlich war auch Hume bewusst, dass wir von Erkenntnis üblicherweise dann sprechen, wenn wir es mit einem wesentlich komplizierteren Wissen zu tun haben als es das ist, das wir durch sinnliche Wahrnehmungen oder durch originale körperliche Empfindungen gewinnen können. In der Regel sind in unserem Wissen ‚allgemeine‘ Ideen enthalten, die Hume auch als ‚abstract‘ bezeichnet, also etwa solche, die Begriffen wie ‚Tisch‘, ‚Farbe‘ oder ‚Katzen‘ entsprechen. Woher kommen solche Ideen? Damit stand Hume an einem entscheidenden Wendepunkt. Hätte er einen eigenen Ursprung solcher allgemeinen oder abstrakten Ideen zugegeben oder angenommen, so wäre er offenbar auf einen Anfang unseres Erkennens jenseits der Impressionen gekommen, zumindest hätte er noch über die Impressionen hinaus einen solchen Anfang annehmen müssen. Das wäre etwa über die Annahme angeborener Ideen möglich gewesen oder auch über eine eigenständige Existenz solcher Allgemeinbegriffe, und dann hätte er das Erkennen als eine Anpassung an diese ‚ideale‘ Existenz allgemeiner Ideen auffassen müssen. Wie auch immer, die Erfahrung wäre damit verlassen gewesen und Hume hätte kaum eine Rolle für die Philosophie der modernen Wissenschaft gespielt, die behauptet, sich über Kontaktstellen zur wirklichen Welt als die richtige Beschreibung dieser Welt erweisen zu können.
Hume bleibt jedoch bei seinem Empirismus, indem er die allgemeinen bzw. abstrakten Ideen auf konkrete Ideen zurückführt. Erinnern wir uns: Ideen sind bei Hume die ‚Abbilder‘ von Impressionen bzw. in der wörtlichen deutschen Entsprechung von ‚Eindrücken‘ wie wir sie durch unser Erinnerungsvermögen gewinnen oder sie durch unsere Einbildungskraft aus einfacheren Ideen zu komplexeren Ideen zusammensetzen können. Wir haben nicht nur den wirklichen Hunger, sondern können uns auch an Hunger erinnern, und wir können aus der Erinnerung an Menschen und Pferden die Idee eines Pferdekörpers mit menschlichem Oberkörper zusammensetzen, die wir dann als Kentaur bezeichnen.
Abstrakte Ideen sind uns nun gegeben, indem uns konkrete Ideen gegenwärtig sind. Die allgemeine/abstrakte Idee ‚Tisch‘ können wir haben, weil uns dabei ein konkreter Tisch in unserer Vorstellung gegenwärtig ist. Die allgemeine/abstrakte Idee ‚Katze‘ können wir haben, weil wir diese Idee mit der nicht allgemeinen oder abstrakten Idee von unserer Katze Lucy verbinden. Dass auch Lucy in Humes Begriffen eine ‚Idee‘ ist, hängt natürlich damit zusammen, dass er alle Reproduktionen von Impressionen als ‚Ideen‘ bezeichnet; und wenn wir jetzt gerade an die Katze Lucy denken, dann ist sie – nehmen wir das an – gerade nicht im Zimmer bzw. in unserem Gesichtskreis, d. h. sie ist gerade ein Bewusstseinsinhalt. Unsere abstrakten/allgemeinen Ideen sind stets mit solchen konkreten Ideen verbunden, die wir als ‚Prototypen‘ für jene Ideen auffassen können. Gibt es in unserem Bewusstsein keinen solchen Zusammenhang, so haben die allgemeinen/abstrakten Ideen überhaupt keine Bedeutung für unser Erkennen und sie führen nicht zu einem Wissen, das überhaupt als ein solches bezeichnet werden könnte.
Hume geht sogar noch einen Schritt weiter und beseitigt damit ein kleines Problem, das nach der gerade skizzierten Erklärung von allgemeinen/abstrakten Ideen noch geblieben wäre. Für viele abstrakten bzw. allgemeinen Ideen ist es nicht ganz einfach, sie mit nicht allgemeinen bzw. abstrakten Ideen so zu verbinden, dass die ersteren ihren Sinn aus den letzteren gewinnen können, wie die Idee ‚Farbe‘ durch die konkrete Idee ‚rot‘ und die Idee ‚Katze‘ durch die konkrete Idee ‚Katze Lucy‘. Was gilt etwa für die Idee ‚viereckig‘? Es gibt keine Fälle von ‚Viereckigkeit‘, so wie es Fälle von ‚Katzen‘ in Gestalt der Katze Lucy gibt und Fälle von Farbe wie etwa ‚rot‘. Aber Humes Auflösung dieses Problems lehnt sich an die schon genannte Abhängigkeit der allgemeinen/abstrakten von den konkreten Ideen an. Es gibt keine Eindrücke von ‚Viereckigkeit‘, aber es gibt Erinnerungen an viereckige Dinge. Die Idee ‚viereckig‘ haben wir also deshalb, weil wir uns an viereckige Dinge erinnern und etwas Gemeinsames in ihnen vergegenwärtigen, eben dass sie vier Ecken haben. Damit hat Hume auch bereits eine Theorie über das, was wir die ‚Bedeutung‘ von solchen Wörtern nennen können, mit denen wir etwas Allgemeines/Abstraktes bezeichnen. Ihre Bedeutung erhalten sie, weil wir dann, wenn wir sie hören, Ideen von konkreten Dingen in uns mit ihnen verbinden; der Ausdruck ‚Viereckigkeit‘ gewinnt seine Bedeutung also durch die Verbindung mit der Erinnerung an viereckige Dinge.
Aber wenn Humes Ausführungen sich auf den Anfang des Wissens und speziell des wissenschaftlichen Wissens beziehen, dann muss er zumindest noch eine Erklärung dafür haben, wie wir die einzelnen Perzeptionen (Bewusstseinsinhalte) so miteinander verbinden, dass (a) zusammengesetzte Eindrücke und (b) zusammengesetzte Ideen entstehen. Ohne solche Zusammensetzungen könnten wir nie und nimmer zu wissenschaftlichen Aussagen und Erkenntnissen gelangen, sondern müssten offenbar bei Eindrücken wie ‚rot‘ oder Ideen wie der der Erinnerung an ‚rot‘ bleiben. Wir hatten schon darauf hingewiesen, dass es im Bereich der Ideen die Einbildungskraft ist, mithilfe derer wir einzelne Ideen so zusammensetzen können, dass auch ein Bewusstseinsinhalt entstehen kann, den wir nicht zuvor als Eindruck – hier als sinnliche Wahrnehmung – hatten, was etwa für einen Kentaur gilt. Aber wir verbinden Ideen auch ohne dass wir dabei Phantasiebilder erzeugen müssten. Also muss Hume für den Anfang des Wissens auch noch angeben, wie wir das tun können, und dieses Verbinden wird eine wichtige Rolle für die Grundlage alles Wissens und aller Wissenschaft spielen.
Hume nennt diese Verbindungsprinzipien zwischen Ideen, mit deren Hilfe wir von sehr einfachen Perzeptionen (Bewusstseinsinhalten) zu überaus komplizierten gelangen können, ‚principles of association‘ – Assoziationsprinzipien. Sehen wir uns die drei Prinzipien an, die nach Hume unter diesen Begriff fallen. (a) Wir verbinden Ideen mithilfe der Ähnlichkeit (resemblance) zwischen ihnen. Das gilt etwa für einen Gegenstand und dem Bild dieses Gegenstandes. (b) Wir können Ideen aber auch dann verbinden, wenn zwischen ihnen eine raum-zeitliche Nähe besteht (contiguity). Das ist etwa dann der Fall, wenn wir einen Eindruck sehr oft dann hatten, wenn mit ihm ein anderer Eindruck entstand. Wenn wir oft genug gehört haben, dass auf einen Blitzschlag Donner folgt, dann verbinden wir Blitz und Donner zu einer einheitlichen Idee. (c) Es gibt nach Hume aber noch eine weitere Verbindung von Ideen durch Assoziation, und diese spezielle Verbindung wird uns weiter unten noch eingehender beschäftigen. Es handelt sich um die Verbindung durch Ursache und Wirkung (cause and effect). An dieser Stelle genügt es, wenn wir daran denken, dass wir Ideen oft dadurch verbinden, dass wir bei einer Idee ihre Ursache mit einer gewissen Automatik in unserem Bewusstsein enthalten finden. Etwa verbindet jemand jedes Mal, wenn er die kleine Beule in seinem eigenen Auto sieht, damit die Farbe des Autos, dessen Fahrer an dieser Beule schuld war.
2.2.3Wahrnehmungen und die Gewissheit der Wissenschaft
Was hat David Hume damit erreicht in Bezug auf dasjenige Wissen, das als wissenschaftlich bezeichnet werden kann und von dem wir in der Regel annehmen, dass es besser sei als alles andere Wissen, vielleicht auch, dass es sowieso das einzige Wissen sei, das diesen Namen überhaupt verdient? Zunächst hat er eine Methode gefunden, mit der sich sinnvolle von sinnlosen Begriffen unterscheiden lassen. Wir müssen uns dazu nur an den Grundsatz erinnern, dass Ideen im Sinne Humes stets Abbilder von Eindrücken sind, d. h. von Impressionen, also von Bewusstseinsinhalten, die ursprünglich vorhanden sind, was sie durch ihre unmittelbare und lebhafte Gegenwart anzeigen. Das können Gefühle oder Wünsche sein, die für die praktische Philosophie wichtig sind. Für die Konzeption des Wissens aber sind die Sinneswahrnehmungen entscheidend. Sie können einfach oder zusammengesetzt sein, und sie können rein sinnlich bleiben, oder wir können uns sinnlich auf sie richten bzw. auf sie zurückkommen und haben dann reflexive Impressionen. Wir können die Einbildungskraft und die Erinnerung auf solche Impressionen anwenden, so dass wir zu Ideen kommen, die im Grunde so etwas wie Kopien von Impressionen sind. Solche Ideen können wir dann in unserem Bewusstsein zusammensetzen bzw. assoziieren, was mithilfe sehr sinnennaher Prozesse geschieht wie Ähnlichkeit, raum-zeitliche Nähe oder Ursache/Wirkung. Und damit können wir im Ausgang von Impressionen schließlich zu abstrakten bzw. allgemeinen Ideen kommen.
Solange wir in den Grenzen dieser Vorgänge bleiben, haben unsere Begriffe ein Fundament in den Ursprüngen unseres Wissens. Sobald wir diese Vorgänge jedoch überschreiten, überschreiten wir auch die Grenzen des uns möglichen Wissens. Das gilt auch für solche Begriffe, mit denen wir uns auf allgemeine bzw. abstrakte Ideen beziehen. Sie sind sinnvoll, solange sie uns mithilfe von konkreten Ideen gegenwärtig sind; und d. h., dass Ideen so etwas wie Kopien von Eindrücken sind, solange sie einen Bezug auf sinnliche Eindrücke behalten, da nur diese für das Wissen von Bedeutung sind. Auf eine kurze Formel gebracht: sinnliche Eindrücke (Impressionen) + einige fundamentale Verbindungen zwischen ihnen in unserem Bewusstsein = Wissen; alles darüber hinaus ist kein Wissen.
Wir sollten in Zusammenhang mit der Begründung des Wissens als Wissen aufgrund von Erfahrung und sinnlicher Wahrnehmung allerdings nicht vergessen, was das für die Gewissheit bedeutet, die wir unserem Wissen von der Welt zuschreiben können. Gerade wegen dieser Begründung des Wissens als Erfahrungswissen kann uns die Wissenschaft kein wirklich gewisses Wissen von der Welt zur Verfügung stellen. Ihr Wissen ist nie ‚notwendig‘, denn im Prinzip ist stets auch das Gegenteil möglich. Ein ‚notwendiges‘ und absolut gewisses Wissen können wir nur außerhalb unserer Erfahrung von der Welt gewinnen. Das ist nur in der Mathematik möglich, wo wir Vorstellungsbeziehungen (in Humes Sprache: relations of ideas) ‚demonstrieren‘ können, was letztlich nichts anderes heißt, als dass wir solche Urteile bilden, bei denen wir nur das aus den Begriffen herausholen, was wir zuvor in sie hineingesteckt hatten – wir bilden sog. ‚analytische‘ Urteile.
Was wir in der Wissenschaft erreichen können, ist kein Wissen in diesem Sinne (das Hume im engeren Sinne als ‚knowledge‘ bezeichnet). Wissenschaftliches Wissen bietet uns nur eine Gewissheit auf der Grundlage von ‚Beweis‘ (proof) oder von ‚Wahrscheinlichkeit‘. Der Beweis liefert uns nur ein Wissen von Zusammenhängen, die prinzipiell auch anders sein könnten – obwohl sie es nicht sind. Und nun ist es für Hume und für alles, was auf dieser Grundlage für die Philosophie der Wissenschaft und damit auch für die der Philosophie eigene Reflexion auf die Wissenschaft folgt, von großer Bedeutung, wie Hume solche ‚Beweise‘ auffasst. Der Ansatz dazu ist aber schon in dem angelegt, was wir über Humes Sicht auf die Grundlagen des Wissens über die Welt ausgeführt hatten. Wir hatten gesehen, dass diese Grundlagen in den sinnlichen Impressionen und deren ‚Kopien‘ in der Erinnerung bzw. in ihren ‚kreativen Kopien‘ mithilfe der Einbildungskraft liegen, also in den Ideen, deren Originale letztlich auf die sinnliche Wahrnehmung führen, jedenfalls im Falle von theoretischer (und nicht praktischer) Erkenntnis über die Welt (und nicht über das richtige Handeln).
Welche ‚Beweise‘ sind auf dieser Grundlage möglich? Natürlich nur solche, die sich auf Verbindungen zwischen Ideen und damit wiederum auf Zusammenhänge zwischen sinnlichen Wahrnehmungen stützen können. Genau das führt Hume zu seiner Auffassung von wissenschaftlichem Wissen auf der Grundlage von ‚Beweisen‘. Als Beweise können danach nur immer wieder auf gleiche Weise gemachte Erfahrungen von Zusammenhängen zwischen unseren Erfahrungen dienen. Beweise sind also Erfahrungen von Regelmäßigkeiten. Humes Standardbeispiel dafür ist der Aufgang der Sonne am Morgen. Dass die Sonne morgen aufgehen wird, können wir nicht in dem Sinne wissen, wie dies für die Analyse von ‚Vorstellungsbeziehungen‘ gilt, also nicht in einem ‚notwendigen‘ Sinne wie etwa für den Zusammenhang, dass die Winkelsumme des Dreiecks 180 Grad ausmacht. Aber wir können einen ‚Beweis‘ dafür führen, weil wir eine solche Kenntnis durch die lange Erfahrung besitzen, dass die Sonne immer am Morgen aufgeht. Damit ist der Bereich des (nicht-analytischen) Wissens über die Welt aber auch schon erschöpft.
Über die ‚Regelmäßigkeiten‘ hinaus gibt es nur noch Gründe für solche Gewissheiten, die wir als Wahrscheinlichkeit ansehen können. Dies lässt sich in manchen Fällen mit mathematischen Mitteln angeben, so wie dies für die Wahrscheinlichkeit gilt, dass beim Würfeln eine bestimmte Zahl erreicht wird. In anderen Fällen gibt es aber auch das, was Hume als ‚Wahrscheinlichkeit der Ursachen‘ (probability of causes) bezeichnet, etwa in solchen Fällen, in denen der Eintritt der Wirkungen von Ursachen von anderen Bedingungen bzw. Ursachen abhängig ist, so dass allein durch das Auftreten einer bestimmten Ursache noch nicht entschieden ist, dass es zur erwarteten Wirkung kommt, obwohl man dafür eine gewisse Wahrscheinlichkeit annehmen kann.
Hier könnte man die Frage stellen, ob die von Hume beschriebene Wissenschaft denn so etwas wie ein vernünftiges Unternehmen ist. Was ist das, die ‚Vernunft‘? Für David Hume ist vernünftig genau das Vorgehen, das wir soeben beschrieben haben. Man könnte also sagen, es handelt sich um die Fähigkeit, die per Reflexion erkannten grundlegenden Strukturen des uns möglichen Erkennens möglichst optimal einzusetzen. Optimal ist der Einsatz dann, wenn wir durch die Verbindung von Eindrücken und Ideen (also in Bezug auf das theoretische Wissen stets im Ausgang von sinnlichen Wahrnehmungen) zu solchen Regelmäßigkeiten oder wenigstens Wahrscheinlichkeiten gelangen, die besonders haltbar oder lebensfähig sind. Hume beschrieb diese Verbindungen von Perzeptionen, die Ergebnisse der vernünftigen Suche nach Wissen sind, mit Ausdrücken wie ‚permanent‘, ‚irresistible‘ oder ‚universal‘ – also dauerhaft, unwiderstehlich und allgemein. Wenn Verbindungen mit solchen Eigenschaften gefunden werden, dann bezeichnen wir sie gewöhnlich als ‚wahr‘.
Wie gelangen wir also zu solchen Erkenntnissen über die Welt, die wir als ‚wahr‘ auffassen können? Wir gehen auf der Grundlage von Erfahrungen vor, d. h. auf empirischem Wege. Wir gehen von Bewusstseinsinhalten aus, die zunächst ‚Eindrücke‘ (impressions) sind und die in unserer Erinnerung und mithilfe unserer Einbildungskraft zu ‚Ideen‘ werden. Solche ‚Ideen‘ verbinden wir mithilfe von Assoziationsprinzipien wie Ähnlichkeit, raum-zeitliche Nähe oder Ursache/Wirkung zu komplizierteren Aussagen über die Welt. Auf diese Weise können wir auch abstrakte/allgemeine Begriffe bilden, die sich auf entsprechende Ideen beziehen, aber nur solange wir den Zusammenhang mit konkreten Ideen, also letztlich mit Eindrücken aus der sinnlichen Wahrnehmung behalten. Damit erlangen wir die Fähigkeit, Beweise für Erkenntnisse auf der Grundlage von Regelmäßigkeiten in unserer Erfahrung der Welt zu finden. Dass wir solche Beweise gefunden haben, zeigt sich aber wiederum in unseren Bewusstseinsinhalten. Wir sind von einer Erkenntnis überzeugt, wenn wir sie mit besonderer ‚Lebhaftigkeit‘ in unserem Bewusstsein vorfinden, so dass sie uns als dauerhaft und unwiderstehlich gilt. Hume schrak nicht davor zurück, dieses Bewusstsein eines ‚Geltens‘ als einen ‚belief‘ zu bezeichnen – als einen Glauben also.
Was macht nun die empirische Wissenschaft aus, von der wir eine Erkenntnis über die Welt beziehen können, die als ‚wahr‘ bezeichnet werden kann? Stellt sich in ihr die Welt selbst so dar, wie sie immer und ewig ist, ohne dass Menschen von ihr irgendeine Erkenntnis besitzen? Übersetzt sich in der empirischen Wissenschaft also die Welt, wie sie unabhängig von uns ist, in unsere Sprache(n) und enthüllt sich in ihrer Wahrheit? Macht uns die empirische Wissenschaft also den Blickwinkel aus dem Auge Gottes zugänglich, der alles sieht und alles weiß? Finden wir mit ihrer Hilfe zu den Gedanken Gottes, bevor er die Welt erschaffen hat? Nach der Wissenschaftsphilosophie des Begründers des Empirismus verhält es sich offenbar keineswegs so. Als Wissenschaftler gehen wir mit dem Material um, das wir in der Form von Bewusstseinsinhalten vorfinden, wobei besonders diejenigen ‚Impressionen‘ wichtig sind, die wir als sinnliche Wahrnehmungen bezeichnen können. Dieses Material reproduzieren wir in unserem Bewusstsein und stellen in ihm Verbindungen her, denen wir in manchen Fällen eine Gewissheit zuschreiben können, deren Formen sich in unserem Bewusstsein vorfinden.
Worauf beruht die empirische Wissenschaft also? In einer bestimmten Weise auf einem ‚Glauben‘. Allerdings sollten wir darunter hier nicht ein System religiöser Überzeugungen verstehen. Gemeint ist ein bestimmter ‚Modus‘, in dem wir uns auf Verbindungen von Bewusstseinsinhalten beziehen, die wir als Erkenntnisse über die Welt auffassen. Zu dieser Auffassung gehört ein Stellungnehmen und ein Bewusstsein, das sich nicht grundsätzlich von dem ‚Modus‘ unterscheidet, in dem wir umfassende Deutungssysteme der Welt akzeptieren, wie wir sie etwa in den Religionen vorfinden. Das heißt natürlich nicht, dass Hume der Meinung war, die Wissenschaft sei so etwas wie eine Religion. Aber auf ihre Wahrheit verlassen wir uns doch auf der Grundlage eines Bewusstseins, das sich nicht grundsätzlich von dem Bewusstsein unterscheidet, mit dem wir religiöse Gewissheiten akzeptieren.
Heißt das, dass wir nichts wissen können? Natürlich war Hume nicht dieser Meinung. Aber seine Reflexion auf das uns mögliche Wissen über die Welt brachte ihn zu der Einsicht, dass ein vernünftiger Begriff von Wissen und Vernunft nicht auf einer Vorstellung von der Annäherung an den Blick Gottes aufbauen kann und ebenso wenig auf dem Gedanken, in unserem Wissen stelle sich die Welt ein für alle Mal unabänderlich und vollständig selbst dar. Wir wissen etwas von der Welt, indem wir unsere Eindrücke und Ideen benutzen und Verbindungen zwischen ihnen herstellen. Auf diese Weise kommen wir zu Urteilen über die Welt, an denen wir festhalten, bis bessere Verbindungen zwischen unseren Eindrücken und Ideen gefunden werden, oder bis andere Menschen uns davon überzeugt haben, dass andere Zusammenhänge eine größere Plausibilität besitzen, so dass wir dann besser an diese glauben und uns auf sie verlassen. Die ‚Welt selbst‘ kommt darin überhaupt nicht vor. Wir brauchen sie auch nicht, um zu verlässlichen Urteilen über die Regelmäßigkeiten in der Welt zu gelangen. Für die Praxis reicht die empirische Wissenschaft allemal aus.
2.2.4Ein Beispiel: Hume und das newtonsche Gravitationsgesetz
Was ergibt sich auf der Grundlage von Humes Empirismus für Newtons Gravitationsgesetz? Zur Erinnerung: die Gravitationskraft zwischen zwei Massen ist proportional zum Produkt der beiden Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstandes der beiden Massen voneinander, und sie wird durch eine der Größe nach bekannte Gravitationskonstante bestimmt. Nach heutigem Wissensstand handelt es sich um den Spezialfall einer allgemeineren Theorie, die eine allgemeinere Beschreibung der Gravitationskraft mithilfe der allgemeinen Relativitätstheorie vornimmt; nichtsdestoweniger ist sie für praktische Zwecke eine Näherung für schwache Gravitationsfelder. Es handelt sich um eine Regelmäßigkeit, die Isaac Newton aufgrund von Beobachtungen gefunden hat – mit Hume gesprochen: aufgrund von Perzeptionen (Bewusstseinsinhalten) zunächst in der Gestalt von Impressionen (sinnlichen Wahrnehmungen) im Verlaufe von Messungen sowie in der Gestalt von ‚Ideen‘, also Reproduktionen solcher Wahrnehmungen in der Erinnerung und in der Einbildungskraft. Newton verband dann Perzeptionen miteinander, wie dies nach den genannten Assoziations-gesetzen natürlich erscheint, also mithilfe von Ähnlichkeit, raum-zeitlicher Nähe und Ursache-Wirkungs-Verbindungen. Die Ursache für die Stärke der Gravitationskraft ergab sich danach als dargestellt durch die beiden Massen und durch deren Abstand sowie durch die Gravitationskonstante.
Hat das newtonsche Gravitationsgesetz irgendetwas mit der Welt an sich zu tun, wenn wir Humes Empirismus in der Wissenschaftsphilosophie folgen? Enthält es die Behauptung, genau so verhalte sich die Welt, unabhängig davon, ob es Menschen gibt, die so etwas wie dieses Gravitationsgesetz kennen, oder ob es keine Menschen gibt? Hat es irgendetwas mit einer Sicht aus der Perspektive Gottes zu tun und beschreibt es in diesem Sinne eine ‚objektive‘ Welt? Kommen wir damit also einer Einsicht in die Gedanken Gottes ein kleines Stück näher? Mitnichten! Solche Behauptungen und Phantasievorstellungen kommen in diesem Gesetz überhaupt nicht vor. Es beschreibt lediglich, wie sich Bewusstseinsinhalte zueinander verhalten, d. h. wie sie sich verbinden, und zwar so, dass sich eine Regelmäßigkeit von Bewusstseinsinhalten ergibt. Immer wenn eine Messung vorgenommen wird, d. h. sinnliche Perzeptionen in originaler Form (also Eindrücke, oder im Original: impressions) in das Bewusstsein von Isaac Newton eintraten, dann zeigte sich das gleiche Ergebnis, d. h. es ergab sich diese und keine andere Verbindung zwischen ihnen.
Ist das newtonsche Gravitationsgesetz deshalb ‚vernünftig‘? Nein – wenn wir uns unter ‚Vernunft‘ ein Denken vorstellen, das aus sich heraus (und ohne Beteiligung von Impressionen) zu Erkenntnissen oder sogar Einsichten über die Welt kommen kann. Nein – wenn wir uns die Vernunft als ein Vermögen vorstellen, das jenseits menschlicher Bewusstseinsinhalte und ihrer Verbindungen und Regelmäßigkeiten den Blick auf die ‚Welt an sich‘ richten kann und uns auf diese Weise ‚notwendige‘ Gesetze über sie liefert, die gelten ohne Abhängigkeit davon, welche Bewusstseinsinhalte in Menschen vorkommen und welche Verbindungen und Regelmäßigkeiten zwischen ihnen wiederum als Bewusstseinsinhalte auftreten. Ja – wenn wir Humes Begriff der Vernunft heranziehen.
Dann nämlich ist die Vernunft einfach die Fähigkeit, unsere Urteile (wie etwa das newtonsche Gravitationsgesetz) mit den Beziehungen unter unseren Perzeptionen (relations of ideas) in Übereinstimmung zu bringen, d. h. solche Urteile zu fällen, die mit unseren Bewusstseinsinhalten übereinstimmen und dies so, dass wir annehmen können, diese Verbindungen zwischen unseren Perzeptionen beziehen sich auf ‚Tatsachen‘ (matters of fact). Dies ist dann der Fall, wenn sich solche Verbindungen aus der Erfahrung ergeben und zwar so, dass wir dafür einen ‚Beweis‘ (proof) finden. Der ‚Beweis‘ aber liegt in der Regelmäßigkeit der Verbindungen zwischen Impressionen bzw. Ideen über längere Erfahrungszeiträume. Damit erreichen wir zwar nicht das Wissen, das analytisch in der Mathematik möglich ist, aber doch immerhin den Ausschluss faktischen Zweifels aufgrund der Erfahrung einer Regelmäßigkeit.
Die Regelmäßigkeit in der Verbindung zwischen unseren Impressionen und Ideen lässt unsere Zweifel schwinden, und in einem solchen Fall sprechen wir von Verbindungen, für die uns ein Beweis zur Verfügung steht. Anders gesagt: unsere Perzeptionsbeziehungen fassen wir als Beschreibungen von Tatsachen auf, wenn wir einen Beweis durch eine ausreichende Regelmäßigkeit des Auftretens entsprechender Zusammenhänge liefern können. Der Weg von den Bewusstseinsinhalten zu unserem Wissen über Tatsachen führt also über den Beweis, der in der Wahrnehmung der festen Regelmäßigkeit zwischen dem Auftreten von Bewusstseinsinhalten fundiert ist und damit letztlich von Impressionen – von sinnlichen Eindrücken – abhängt. Genau darauf beruht nach Humes Wissenschaftsphilosophie der Beweis für das newtonsche Gravitationsgesetz – in einer solchen Regelmäßigkeit, die es für uns ‚unvernünftig‘ erscheinen lässt, daran zu zweifeln, dass sich die Gravitationskraft genau so errechnen lassen wird, wie das eben dieses Gesetz zum Ausdruck bringt.
Wir können es ‚beobachten‘, indem wir messen, d. h. durch Instrumente solche Impressionen gewinnen, deren Verbindungen sich regelmäßig wieder herstellen lassen. Jedes Mal, wenn wir dies tun, stellen wir fest, dass der Betrag der Gravitationskraft proportional zum Produkt der beiden Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstandes voneinander ist. Diese Idee wird deshalb schließlich besonders ‚lebhaft‘ perzipiert und wir verbinden ein besonderes Gefühl mit ihr, das Hume als ‚Glaube‘ (belief) bezeichnet. Also können wir uns auch so ausdrücken: die ‚Vernunft‘ bzw. die ‚Wahrheit‘ des newtonschen Gravitationsgesetzes besteht nicht in seiner ‚Übereinstimmung‘ mit einer ‚impressionsunabhängig‘ beschreibbaren Wirklichkeit oder Welt ‚an sich‘, sondern sie besteht in der festen Regelmäßigkeit von Impressionen und Ideen, die uns ein besonderes ‚Gefühl‘ vermittelt, das sich als ‚Glaubensüberzeugung‘ bezeichnen lässt.
Ist das newtonsche Gravitationsgesetz deshalb falsch oder von minderem wissenschaftlichen Wert? Keineswegs! Die durch die moderne Atomphysik entwickelte Einschränkung seiner Geltung im Sinne eines Spezialfalles ist selbst eine ‚Regelmäßigkeit‘ auf der Grundlage empirischer Forschung, d. h. sie ist auf der gleichen Grundlage entstanden wie das Gesetz selbst. So sind die Grundlagen unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse eben, wenn wir dem Empiristen David Hume folgen. Wir haben keine andere Art, zu Erkenntnissen über die Welt zu gelangen, als über die Feststellung von Regelmäßigkeiten in unseren Bewusstseinsinhalten, die uns schließlich so sicher werden, dass wir geradezu daran ‚glauben‘.
Auf der Grundlage von Humes Wissenschaftsphilosophie lassen sich allerdings einige Vorstellungen aus der Popular-Wissenschaft und besonders aus der Popular-Physik korrigieren, die bisweilen auch Wissenschaftler selbst hegen, wenn sie nicht gerade mit Wissenschaft beschäftigt sind. Etwa kann man bisweilen lesen, die Gravitation ‚bewirke‘, dass sich Körper wechselseitig anziehen. Natürlich ‚bewirkt‘ die Gravitation nichts, sondern sie ist die Erscheinung, dass sich Körper wechselseitig annähern. Das bedeutet auch, dass die populäre – und nicht nur popularwissenschaftliche – Redeweise von der Gravitation als ‚Kraft‘ mit Vorsicht verwendet werden muss. Nach Hume ist eine Ausdrucksweise von einem ‚etwas‘, das die beobachtbaren Zusammenhänge hervorbringt, die wir als Gravitation kennen, völlig sinnfrei. Auf wissenschaftlicher Grundlage können wir nur sagen, dass über lange Zeit fortgesetzte Beobachtungen vieler Menschen darin übereinstimmen, dass sich Körper (physikalisch: Massen) wechselseitig aufeinander zubewegen. Hier eine ‚Kraft‘ am Werke zu sehen, ist dann metaphysischer Humbug, wenn wir damit eine Substanz meinen, die etwas ‚bewirkt‘. Wir können aber so reden, wenn wir mit einem Ausdruck wie ‚Kraft‘ oder ‚Gravitationskraft‘ genau das Phänomen meinen, das wir beobachtet haben.
‚Hinter‘ dieser Beobachtung steckt allerdings nach Humes Denken nichts mehr. Natürlich können wir dieses Phänomen weiter untersuchen und es mit anderen Erscheinungen und mit dem physikalischen Wissen unserer Zeit verbinden und dann anders darüber reden. Etwa können wir das Phänomen der Gravitation in der Atomphysik zum Thema machen und sein Auftreten mit bestimmten Strukturen im Aufbau von Atomen in Zusammenhang bringen. Wir können sogar Gravitationswellen entdecken und empirisch nachweisen. Aber auch dann haben wir nicht ein ‚etwas‘ wie eine Kraft entdeckt, sondern die eine Beobachtung mit anderen Beobachtungen verbunden, und zwar so, dass wir zu ‚Erklärungen‘ kommen, die Physikern besser erscheinen als andere, weil sie sich besser in den Zusammenhang des physikalischen Wissens einer Zeit fügen als andere Beobachtungszusammenhänge. Wie kompliziert solche Zusammenhänge werden können, weiß jeder, der nur einmal versucht hat, ein wenig in die neuere Atomphysik einzudringen. Das ändert aber nichts am Grundprinzip, wie es David Hume ausgearbeitet hat: die Physik hat es mit Beobachtungen zu tun, auch wenn sie in noch so komplizierte Strukturen des Erklärens führen.
Dem entspricht das newtonsche Gravitationsgesetz sehr gut. Es sagt uns überhaupt nichts über etwas, das ‚hinter‘ der Beobachtung, dass sich Massen aneinander annähern, stehen würde oder könnte. Es beschreibt lediglich einen bestimmten Zusammenhang, den wir in Beobachtungen auffinden und bestätigen können: Massenpunkte zeigen eine Tendenz, sich aneinander anzunähern, und die Stärke dieser Tendenz lässt sich ziemlich genau angeben, wenn man das Produkt der beiden Massen bildet, wenn man außerdem den Abstand zwischen den beiden Massen kennt, und wenn man schließlich noch die Gravitationskonstante in die Rechnung einstellt. Diese Tendenz kann man als ‚Gravitationskraft‘ bezeichnen, wenn man das Missverständnis einer substantialistischen Auffassung vermeidet, aber man muss das nicht tun – die ‚Kraft‘ ist eben jene Tendenz, und nicht etwas, was ‚hinter‘ dieser Tendenz stehen würde oder sie gar ‚verursachen‘ würde. Das Gesetz beschreibt nur das, was unserer Erfahrung zugänglich ist, aber in ihm ist kein Bezug auf etwas ‚hinter‘ der Erfahrung enthalten. Deshalb ‚erklärt‘ es auch nicht die Erdgravitation, wie man bisweilen lesen kann – also die Tatsache, dass wir auf der Erde stehen können und nicht im Weltall herumfliegen. Es gibt einfach die Stärke der Tendenz an, dass sich Massen einander annähern. Weiter sagt es nichts.
2.3Sprache und Beobachtung: der Logische Empirismus
2.3.1Der Logische Empirismus
Der Logische Empirismus, auch als Logischer Positivismus bezeichnet, war sicherlich die einflussreichste und wichtigste Philosophie der Wissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er schloss durch die Grundannahme, dass Erkenntnis nur möglich ist durch ihre Begründung in der Erfahrung (Empirie), direkt an den älteren Empirismus von David Hume und John Locke an. Damit werden alle synthetisch-apriorischen Urteile aus dem Bereich dessen ausgeschlossen, was als Wissen oder Erkenntnis bezeichnet werden kann. Vor und unabhängig von der Erfahrung (apriorisch) können wir also keine Urteile fällen, die unsere Erkenntnis erweitern, d. h. synthetisch sind. Es gibt empirische – synthetisch-aposteriorische – Urteile, also solche, die nach bzw. auf der Grundlage der Erfahrung unsere Erkenntnis erweitern, und es gibt analytische Urteile, wie sie in der Logik und darauf aufbauend in der Mathematik zu finden sind. Anders als im älteren Empirismus kam der Logische Empirismus deshalb zu einer weiteren Grundannahme. Nur empirische und analytische Urteile können wahr oder falsch sein. Anderen Urteilen kann kein ‚Wahrheitswert‘ zukommen, weil die Frage nach der Wahrheit bei ihnen grundsätzlich ausgeschlossen ist, denn sie können weder an der Erfahrung geprüft noch logisch ausgewiesen werden. Deshalb sind solche Sätze prinzipiell sinnlos; es handelt sich um ‚Scheinsätze‘, die nur grammatisch in der Form sinnvoller Sätze gebildet werden.
Die beiden Grundprinzipien des Logischen Empirismus können also so beschrieben werden: alles Wissen ist Erfahrungswissen, und sinnvolle Sätze sind solche, die sich prinzipiell als wahr oder falsch erweisen können. Daraus wurde der Schluss gezogen, die traditionelle Philosophie stelle ein Gebilde sinnloser Sätze dar, das keine Erkenntnis enthält, sondern wohlwollend als Ausdruck von Gefühlen bezeichnet werden kann, obwohl es sich nicht um einen solchen Ausdruck handeln kann, der wahr oder falsch sein könnte, weshalb er nur den Status einer rein privaten Selbstdarstellung gewinnen kann. Sätze wie ‚Im Englischen Garten in München gibt es Einhörner‘ oder ‚Anti-biotika sind bei Viruskrankheiten angezeigt‘ sind sinnvoll (obwohl falsch), aber Sätze wie ‚Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung‘ oder ‚Kausalität ist ein reiner Verstandesbegriff‘ sind nur ‚Scheinsätze‘. Man könnte am Rande darauf hinweisen, dass damit auch ein Satz wie ‚Nur Sätze mit einem Wahrheitswert sind sinnvoll‘ in den Bereich der sinnlosen Sätze gehören würde. Aber unabhängig davon wurde der Logische Empirismus auf dieser Grundlage zu einer Philosophie gegen alle Philosophie.
Der Bereich des Wissens sollte nun vollständig durch eine ‚Einheitswissenschaft‘ abgedeckt werden, die nur aus synthetisch-aposteriorischen und analytischen (logischen, mathematischen) Sätzen besteht. Empirische Sätze können wahr oder falsch sein, weil sie einen Bezug zu dem enthalten, was unmittelbar erfahren und in einem Grundvokabular ausgedrückt werden kann, das selbst als unproblematisch geltend angenommen wird. Ein solcher Ausdruck des unmittelbar Gegebenen wurde teilweise als konstruktivistisch möglich angesehen (zeitweise bei Carnap), er wurde aber auch physikalistisch verstanden, d. h. er sollte nur raum-zeitlich bestimmbare Eigenschaften umfassen (Neurath). Das soll allerdings nicht bedeuten, dass von allen Denkern des Logischen Empirismus die Physik selbst als Verwirklichung der Einheitswissenschaft aufgefasst wurde. ‚Einheitswissenschaft‘ war das Ideal einer Wissenschaft, die rein empirisch begründet wurde, und die in ihrer Sprache alle sinnlosen Sätze ausschließen konnte.
Wir werden im Kapitel über ‚Wörter und ihre Bedeutung‘ noch genauer sehen, dass der kritische Punkt des Logischen Empirismus als Philosophie der Wissenschaft dort zu finden ist, wo die geforderte Bindung an die Erfahrung und an etwas unmittelbar Gegebenem mit der Notwendigkeit zusammenstößt, Wissenschaft als ein System von sprachlichen Einheiten in der Form von feststellenden Sätzen auffassen zu müssen. Dem ‚Wiener Kreis‘ von Denkern, in dem der Logische Empirismus intensiv diskutiert wurde, war dies auch vollkommen deutlich. Wo die Lösung gesucht wurde, gibt eine weitere Bezeichnung für diese Philosophie an, nämlich ‚Philosophie der idealen Sprache‘. Wir werden uns noch ausführlich mit Wittgensteins Philosophie als einem der wichtigsten Ausgangspunkte der neueren Philosophie der Wissenschaft beschäftigen. Wittgenstein hatte zunächst eine solche Konzeption einer idealen Sprache vertreten und versucht, die Strukturen einer solchen Sprache auszuarbeiten, die die Welt abbilden könnte. Von ihm stammt das Buch, das oft als zentrales Werk der ‚Philosophie der idealen Sprache‘ aufgefasst wird, nämlich der ‚Tractatus logico-philosophicus‘. Aber diese ideale Struktur erwies sich als unvereinbar mit der Wirklichkeit der Sprache. Wittgenstein entwickelte sein eigenes Denken deshalb in dem Werk ‚Philosophische Untersuchungen‘ auf radikale Weise weiter. Diese neue Konzeption wurde auch als ‚Philosophie der normalen Sprache‘ bezeichnet und überwand den Gedankenzusammenhang des Logischen Empirismus auf grundlegende Weise durch eine neue Konzeption, wie Bedeutung in der Sprache entsteht und funktioniert.
Im Zentrum der Debatten des Logischen Empirismus stand aber die Frage, wie man über solche Sätze denken müsse, die jene Bindung an die Erfahrung und an etwas unmittelbar Gegebenes in die sprachlichen Feststellungen der Wissenschaft ‚übersetzen‘ können, ohne dass die Prinzipien der Erfahrungsgebundenheit und der Sinnzuschreibung ausschließlich an Sätze mit Wahrheitswert aufgegeben werden. Rudolf Carnap forderte, die Erfahrungsbindung mithilfe sog. ‚Protokollsätze‘ vorzunehmen. Grundlage der Wissenschaft sollte eine ‚Protokollsprache‘ sein, deren einfachste Einheiten Protokollsätze darstellen. Gemeint waren Sätze, die selbst nicht mehr bewährt werden müssen, weshalb sie die Grundlage für empirisch-wissenschaftliche Sätze abgeben können. In solchen Sätzen sollen die etwa in einem Laboratiums- oder Experimentprotokoll verwendeten Feststellungen auf Beschreibungen dessen zurückgeführt werden, was der Wissenschaftler wahrgenommen und erlebt hat. ‚Unmittelbar‘ sind solche Sätze, weil sie sich nur auf ‚das Gegebene‘ beziehen, in Carnaps Worten: „sie beschreiben die unmittelbaren Erlebnisinhalte oder Phänomene, also die einfachsten erkennbaren Sachverhalte.“7 Carnap nennt die Protokollsprache deshalb an der gleichen Stelle auch ‚Erlebnissprache‘ und ‚phänomenale Sprache‘.
Carnap bestand darauf, dass diese phänomenale Protokollsprache in die physikalistische Sprache übersetzbar sei. Damit behauptete er auch die Möglichkeit, aus der Sprache des unmittelbar Gegebenen zu einer intersubjektiven und mit allgemeinen Feststellungen umgehenden Sprache gelangen zu können, d. h. Protokollsprache und physikalistische Sprache sollen den gleichen Gehalt haben können. Gehaltgleichheit bedeutete bei Carnap nichts anderes als gegenseitige Ableitbarkeit von Sätzen, d. h.: „sind aus zwei Sätzen dieselben anderen ableitbar, so haben die beiden Sätze denselben Gehalt, unabhängig davon, was für Vorstellungen wir mit ihnen zu verknüpfen pflegen.“8 Carnap geriet mit seiner Konzeption bald in die Schwierigkeit, angeben zu müssen, was an Protokollsätzen so ausgezeichnet ist, dass man nicht mehr ‚dahinter zurück‘ gehen kann. Dies endete mit dem Eingeständnis, dass im logischen Positivismus der Absolutismus der Erkenntnistheorien „die verfeinerte Form eines Absolutismus der Ursätze“ annehme – und mit ‚Ursätzen‘ sind gemeint ‚Elementarsätze‘ bzw. ‚Atomsätze‘.9 Diese Überlegung wurde dann bei Popper weitergeführt, der die Auszeichnung von Protokollsätzen als eine Sache des ‚Entschlusses‘ ansah. Carnap sah ganz richtig, „jeder konkrete Satz der physikalistischen Systemsprache“ könnte dann als Protokollsatz dienen, weshalb es in diesem Fall „keine absoluten Anfangssätze für den Aufbau der Wissenschaft“ geben könnte.10 In diesem Fall – wenn beliebige Sätze Protokollsätze sein können – ist offenbar der Empirismus verlassen.
Bei Moritz Schlick wird die empiristische Grundlage der Wissenschaft noch stärker in Sätzen gesehen, in denen er einen unmittelbaren ‚Kontakt‘ des Wissens mit der Welt sieht. Er spricht statt von Protokollsätzen von ‚Fundamentalsätzen‘ oder ‚Beobachtungssätzen‘ und dann vor allem von ‚Konstatierungen‘. Der entscheidende Punkt darin ist, dass wir mit ihnen „irgendwie auf die Wirklichkeit hindeuten“.11 Schlick sah darin den „letzten Ursprung alles Wissens“.12 An der gleichen Stelle gab er auch einige Beispiele für solche ‚Konstatierungen‘, die alle der Form ‚Hier jetzt x und y‘ folgen, wie etwa ‚Hier jetzt grün neben gelb‘ oder ‚Hier jetzt Zusammenfallen zweier schwarzer Punkte‘. Er sah darin aber keine ‚Protokollsätze‘ im Sinne von Carnap, sondern nur den ‚Anlass‘ zu deren Bildung. Der Grund dafür ist, dass sie sprachlich nicht zu fixieren sind, sie sind vielmehr orts- und zeitgebundene Aussagen über etwas gegenwärtig Wahrgenommenes. Dennoch erschienen sie für Schlick als Anfang und Ende der Wissenschaft: „Die Konstatierungen sind endgültig.“13 Sie sind die „Berührungspunkte von Erkenntnis und Wirklichkeit“.14
Man könnte behaupten, dass Moritz Schlick das Grundproblem des Logischen Empirismus dadurch verdeutlicht hat, dass er es radikaler zu lösen versuchte. Ihm zufolge sollen nicht Protokollsätze die Grundlage der Wissenschaft sein, die bereits in einer allgemeinen und intersubjektiven Sprache formuliert sind, sondern sprachliche Gebilde, in denen sich ‚unmittelbar‘ und aus sich selbst Wahrnehmungen darstellen können, weshalb sie als solche nicht festgehalten werden können, obwohl sie zunächst doch sprachlich sind. Man könnte auch sagen, dass Schlick das zentrale Problem in Carnaps Protokollsätzen sehr genau erkannte und in einer paradoxen Konzeption aufzulösen versuchte. Carnap wollte den Zusammenhang seiner phänomenalen Sätze mit den physikalistischen Sätzen um jeden Preis aufrechterhalten und konzipierte die ersteren deshalb so, dass sie eine ‚Gehaltgleichheit‘ mit den letzteren aufweisen konnten. Schlick erkannte sehr genau, dass damit der ‚Kontakt‘ mit der Wirklichkeit verloren geht und versuchte mit seiner Konzeption, eine unmittelbare Basis des Wissens in Konstatierungen zu finden, die einerseits sprachlich verfasst sein sollten, die andererseits aber gerade nicht sprachlich fixierbar sein durften, weil sonst ihr Charakter als an eine bestimmte Raum-Zeit-Stelle gebundener Äußerungen dementiert wäre.
Da Konstatierungen von einem Deuten abhängig sind, können sie offenbar keine allgemeine und mitteilbare Bedeutung gewinnen. Wie sollen sie also mit wissenschaftlichen Sätzen verglichen werden können, da sie doch nur bei ihrer Aufstellung gelten? Ohne eine solche Vergleichbarkeit können sie offenbar keine Begründungsfunktion für die Wissenschaft besitzen. Für Schlick waren solche Konstatierungen keine Hypothesen. Aber wenn sie in Sprache – in Protokollsätze – eingehen, werden daraus Hypothesen, also Behauptungen über die Wirklichkeit, die auch anders sein könnten. Schlick wollte offenbar sicherstellen, dass Wahrnehmungsvorgänge direkt in die Begründung der Wissenschaft eingehen können. Damit verlor er aber gerade die gesuchte Möglichkeit, Beobachtungen so zu bestimmen, dass sie mit wissenschaftlichen Sätzen verbunden werden und ihnen als Verifikations- oder Falsifikationsgrundlage dienen können.
Es war aber von vornherein Otto Neurath, der im Wiener Kreis in Bezug auf die Begründung wissenschaftlicher Feststellungen die zukunftsweisende Position vertrat. Ihm zufolge ging es auf dem Weg zu einer idealen Sprache nicht um eine grundsätzliche Neukonzeption, sondern nur um die Verfeinerung und Präzisierung der Alltagssprache, denn die physikalistische Sprache ist grundsätzlich nichts anderes als die Sprache, die von Menschen im Alltag gesprochen wird, um mit der Welt umgehen zu können. Daran zeigt sich deutlich der Unterschied zu Carnap, nach dessen Konzeption die Wissenschaften auf den eigenen und ursprünglichen Protokollen aufruhen können. Nach Neurath dagegen haben die Protokollsätze keinen ausgezeichneten epistemischen Status: „Es gibt kein Mittel, um endgültig gesicherte saubere Protokollsätze zum Ausgangspunkt der Wissenschaften zu machen.“15 Vor allem aber bedürfen Protokollsätze selbst einer Bewährung, während Carnap sie noch bezeichnet hatte als „die Sätze, die selbst nicht einer Bewährung bedürfen, sondern als Grundlage für alle übrigen Sätze der Wissenschaft dienen“.16
Vor allem aber war Neurath das Problem bewusst, das den Empirismus in der Form des Logischen Empirismus schließlich scheitern lassen sollte. Wissenschaft ist ein System von Feststellungen, die nicht mit der Welt, der Wirklichkeit oder der Natur ‚verglichen‘ werden können, sondern nur mit anderen Feststellungen, durch die sie begründet oder widerlegt werden: „Aussagen werden mit Aussagen verglichen, nicht mit ‚Erlebnissen‘, nicht mit einer ‚Welt‘ noch mit sonst was.“ Alles andere bezeichnete er als „diese sinnleeren Verdopplungen“, die der Metaphysik angehören. Er schrieb an dieser Stelle weiter: „Jede neue Aussage wird mit der Gesamtheit der vorhandenen, bereits miteinander in Einklang gebrachten, Aussagen konfrontiert. Richtig heißt eine Aussage dann, wenn man sie eingliedern kann. Was man nicht eingliedern kann, wird als unrichtig abgelehnt. Statt die neue Aussage abzulehnen, kann man auch, wozu man sich im allgemeinen schwer entschließt, das ganze Aussagensystem abändern, bis sich die neue Aussage eingliedern lässt.“17
2.3.2Beobachtungssätze und das Basisproblem
Das Problem, das in diesem Buch unter dem Titel ‚Wissenschaftsphilosophie‘ behandelt wird, ist im Grunde dasjenige, das im Neopositivismus unter dem Titel ‚Basisproblem‘ verhandelt wurde. Es besteht darin, wie sich verstehen lässt, dass sich theoretische Sätze und Begriffe der Wissenschaften auf die Welt und ihre Wirklichkeit beziehen lassen, also auf letztlich außersprachliche Sachverhalte. Der Neopositivismus fand dafür eine Lösung, die bald mehr Probleme aufwerfen sollte als gelöst werden konnten. Dennoch war diese Lösung auf ihre Weise genial, und sie enthielt in sich bereits den Übergang in eine ganz andere Auffassung über das, was wir gerade als ‚Basisproblem‘ bezeichnet haben.
Am Anfang stand aber die Auffassung, es könne gelingen, die Beziehung zwischen wissenschaftlicher Theorie und Wirklichkeit mithilfe der Vorstellung aufzuklären, die Wissenschaft würde die Wirklichkeit abbilden, also so, wie eine Photographie das abbildet, was gerade vor der Linse der Kamera stand, als der Auslöser betätigt wurde. Für eine solche Auffassung gibt es offenbar nur eine mögliche Strategie: man muss solche selbst physikalische Theorieelemente in die physikalische Auffassung der Welt einbauen, die uns erklären, wie sich die Welt selbst in die Sprache ‚übersetzt‘. Es müsste also gelingen, die Wirklichkeit so aufzufassen, dass sie von sich aus geeignet ist, sich ohne Brüche in die Sprache der Wissenschaft transformieren zu können. Nehmen wir das Ergebnis dieses Versuches vorweg: es ist bis heute nicht gelungen, befriedigend zu erklären, wie wir es uns vorzustellen haben, dass die Welt sich selbst zu einer Ursache macht, deren Wirkung die sprachlich ausgedrückten Sätze und Theorien der Wissenschaft darstellen.
Der Neopositivismus kam deshalb bald zu einer anderen interessanten Lösung, die unsere Vorstellungen von Wissenschaft lange Zeit bestimmte, die inzwischen aber in der Wissenschaftstheorie und in der Wissenschaftsphilosophie nur noch quasi einen durchlöcherten und abgeschabten Fetzen darstellt, der bisweilen von solchen Wissenschaftlern zum Bedecken der nackten Stellen des Basisproblems verwendet wird, die den Kontakt mit der Entwicklung des Denkens über Wissenschaft gänzlich verloren haben. Interessant war diese Lösung aber zunächst, weil sie das Problem mit der ersten Auffassung sehr genau aufnahm. Wenn die Wirklichkeit nicht als solche und von sich aus in die wissenschaftliche Sprache kommen kann, und die Wissenschaft doch unzweifelhaft aus Sätzen und sprachlich formulierten Theorien besteht, so könnte man die Beziehung zwischen wissenschaftlichen Sätzen bzw. Begriffen und der Wirklichkeit doch als eine Beziehung zwischen sprachlichen Ereignissen zu verstehen suchen? Mithilfe dieser Frage wurde jene Beziehung nun als ein innersprachliches Verhältnis aufgefasst.
Es könnte scheinen, als wäre das Problem damit alles andere als gelöst, sondern man hätte einfach darauf verzichtet, überhaupt noch nach einer Möglichkeit zu suchen, die Beziehung zwischen sprachlichen wissenschaftlichen Sätzen und Begriffen und der Wirklichkeit zu suchen. An dieser Stelle trat nun jener Begriff auf, der die Wissenschaftstheorie und -philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Atem hielt und der erst danach durch intensive Kritik seine Bedeutung verlor. Das Zauberwort hieß nun ‚Basissätze‘, manche Denker sprachen auch von ‚Protokollsätzen‘ oder von ‚Beobachtungssätzen‘. Wir haben im letzten Kapitel diese Begriffsbildungen innerhalb des Logischen Empirismus näher skizziert. Es soll sich – kurz gesagt – um solche Sätze handeln, auf denen als Basis alle anderen empirischen und theoretischen Sätze in der Wissenschaft aufbauen können, von denen sie getragen und durch die sie begründet werden.
Es könnte aber immer noch scheinen, als hätte man damit aufgegeben, die Wissenschaft mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen. Begründet werden soll alles, was in den Wissenschaften ausgesagt wird, durch Sätze. Aber so war es doch gerade nicht gemeint – die wissenschaftlichen Sätze sollten doch eigentlich durch ihren Bezug auf die Wirklichkeit begründet werden. Diesen Anspruch hat der Neopositivismus durchaus nicht aufgegeben. Daraus lässt sich der besondere Charakter solcher ‚Basissätze‘ entnehmen. Es soll sich offenbar um solche Sätze handeln, mithilfe derer wir so mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen, dass sich nichts dazwischen einmengt, was die Welt daran hindern würde, unmittelbar mit uns in Kontakt zu treten – aber ohne auf Sprache zu verzichten, auf die wir für die Begründung wissenschaftlicher Sätze angewiesen sind. ‚Basissätze‘ sollen offenbar einerseits Teil der Sprache sein, aber sie sollen doch auch den Ort darstellen, an dem sich die Wirklichkeit unmittelbar in der Sprache finden lässt, so dass die Bedingung erfüllt ist, die wir für ein Verständnis der Wissenschaft als ein innersprachliches Verhältnis stellen müssen.
Die Begriffe ‚Protokollsätze‘ und ‚Beobachtungssätze‘ bringen diesen Status von Basissätzen nun genauer zum Ausdruck, d. h. sie beschreiben diejenigen Eigenschaften, die solche Sätze besitzen müssen, damit sie die Funktion von Basissätzen erfüllen können, also als Basis für wissenschaftliche Sätze dienen können. Dass sie Beobachtungen zum Ausdruck bringen sollen, ist auf der Grundlage des Empirismus nicht anders zu erwarten. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass es die revolutionäre Stoßrichtung dieser neuen Wissenschaftsauffassung und ihrer Grundlegung in der entsprechenden Theorie der Wissenschaft war, dass wir das Wissen über die Welt (1) nicht durch Interpretationen heiliger Bücher erwerben können, auch wenn sie als von Gott selbst diktiert oder doch zumindest inspiriert aufgefasst wurden, und dass wir ein solches Wissen (2) auch nicht durch reines Denken beschaffen können.
Aber der Neopositivismus war sich längst des Problems bewusst geworden, dass es nicht genügt, einfach von Beobachtungen zu sprechen, die unser Wissen über die Welt fundieren können. Schon das, was wir als ‚Basisproblem‘ bezeichnet haben, gibt eine andere Stufe der Reflexion über die Beziehung der Wissenschaft zur Wirklichkeit an. Es stellt sich nun so dar: Wie müssen solche Sätze (nicht Beobachtungen ohne sprachliche Artikulation!) geartet sein, mit denen wir in einen unmittelbaren Kontakt zur Welt kommen können, und zwar so, dass wir mithilfe solcher Sätze schließlich wissenschaftliche Sätze begründen können, die uns Aufschluss über die Wirklichkeit geben können, weil sie über Basissätze (Protokollsätze, Beobachtungssätze) in einem unmittelbaren Kontakt mit der Welt stehen, der sich auf diese Weise auch auf die wissenschaftlichen Sätze übertragen lässt, obwohl diese keineswegs mehr einen unmittelbaren Bezug auf die Welt enthalten?
Es ist also keineswegs zufällig, dass im Neopositivismus bzw. logischen Positivismus solche Basissätze als ‚Beobachtungssätze‘ oder auch als ‚Protokollsätze‘ bezeichnet wurden. Sie sollen keinen anderen Gehalt und keine andere Bedeutung besitzen als eben nur die Beobachtung, die aus der Welt selbst stammt, darin liegt die Pointe, die sie für die wichtigste wissenschaftsphilosophische Denkrichtung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so bedeutsam machte. Die sprachliche Äußerung soll nichts hinzutun – genauso, wie ein Protokoll nichts zu dem hinzufügen soll zu dem, was etwa in einer Gerichtsverhandlung oder bei einem Verhör gesagt wurde, sondern getreulich wiedergeben soll, was geschehen ist. Der ideale Beobachtungssatz kann also deshalb als Basissatz gelten, weil er außer dem Ort und der Zeit nur eine Sinneswahrnehmung angibt: ‚Hier jetzt rot‘.
Damit werden einige weitreichende Forderungen erhoben, die sich in zwei Gruppen unterscheiden lassen. Zunächst (1) wird behauptet, es sei mit solchen Sätzen möglich, eine unmittelbare oder nicht vermittelte Beziehung zur Welt zur Sprache zu bringen. Die Subjektivität des Sprechers eines solchen Satzes soll gänzlich außer Acht bleiben; ein Basissatz ist also unabhängig davon, wie gerade dieser Sprecher oder die soziale oder kulturelle Gruppe, der er angehört, die Welt zu sehen pflegt. Er soll auch von der verwendeten Sprache unabhängig sein, d. h. er lässt sich ohne den geringsten Bedeutungsverlust in andere Sprachen übersetzen. Anders gesagt: die in einem solchen Satz verwendeten Ausdrücke sind bedeutungsidentisch mit entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen. Deshalb spielt die Geschichte keine Rolle bei der Formulierung solcher Sätze. Das bezieht sich zunächst auf die menschliche Geschichte, in der sich kulturell geprägte Formen der Wahrnehmung ausgebildet haben. Aber auch die geschichtlich gewordene Sprache soll keine Bedeutung für den Inhalt des Satzes haben.
Darüber hinaus ergibt sich eine zweite Forderung (2) daraus, dass die Bedeutung solcher Basissätze nicht darin liegt, dass es sie einfach gibt, sondern in ihrer Funktion für die Begründung wissenschaftlicher Sätze, die selbst nicht den Status von Basissätzen beanspruchen können, die also nicht nur Beobachtungen wiedergeben, sondern weit kompliziertere Zusammenhänge behaupten, wofür sie sich aber auf Basissätze stützen, aus denen sie begründet werden können. Das setzt offenbar voraus, dass sich alle wissenschaftlichen Sätze, mit denen wir etwas über die Welt behaupten, in Beobachtungssätze bzw. Protokollsätze übersetzen lassen müssen, damit wir von ihnen behaupten können, sie stehen in Kontakt mit der Wirklichkeit. Wir müssen wissenschaftliche Sätze also ohne Bedeutungsverlust in solche Sätze umformen können, die die Anforderungen an Basissätze erfüllen.
Wir können das auch so ausdrücken: wir müssen alle wissenschaftlichen Sätze auf analytischem Wege in Basissätze auflösen können, mithilfe derer wir die ersteren überprüfen können – ob nun verifizieren oder falsifizieren, das ist grundsätzlich nicht von Bedeutung. Wir sollten beachten, dass Poppers späterer Entwurf einer Falsifikationstheorie der wissenschaftlichen Aussagen zwar als Kritik am Neopositivismus (logischen Positivismus) gedacht war, dass seine Neuorientierung der Wissenschaft an der Falsifizierung (anstelle der Verifizierung) von Aussagen im Grunde die gleichen Fragen aufwirft wie die neopositivistische Lösung des Basisproblems mithilfe von Beobachtungs- bzw. Protokollsätzen. Das Übersetzungsproblem tritt immer dann auf, wenn wissenschaftliche Sätze in Beobachtungssätze transformiert werden müssen, um sie in Kontakt mit der Wirklichkeit bringen zu können, und zwar so, dass darin keine Bedeutung verloren geht und ohne dass bei den Beobachtungssätzen, die analytisch aus den wissenschaftlichen Sätzen gewonnen wurden, etwas anderes ankommt als das, was in den wissenschaftlichen Sätzen enthalten war.
Dass wir heute diese Forderungen formulieren können, geht natürlich darauf zurück, dass die neopositivistische Auffassung vom Basisproblem – also über die Art und Weise, wie die Wissenschaft in Kontakt mit der Welt treten kann – inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert lang intensiv untersucht und geprüft wurde, wobei sich mehr Probleme als Lösungen gezeigt haben. Die Problemlinien verliefen genau an den Stellen, die wir gerade in zwei Gruppen zusammengefasst haben: (1) betreffend die Möglichkeit einer geschichts-, subjektivitäts-, kultur- und sprachgeschichtsfreien Transformation des Wahrnehmungskontakts mit der Welt in Beobachtungssätze; und (2) betreffend die Möglichkeit einer die Bedeutung vollständig erhaltenden Auflösung wissenschaftlicher Sätze in Beobachtungssätze. Das letztere Problem werden wir im Kapitel über das Experiment noch genauer untersuchen (Kap.3.3). Dort wird sich zeigen, dass eine Lösung für dieses Problem deshalb unmöglich ist, weil es wirklich analytische Urteile nicht gibt.
2.3.3Der Logische Empirismus und das Problem theoretischer Begriffe
Wir könnten den Logischen Empirismus grundsätzlich als einen Versuch auffassen, das Problem zu lösen, wie man denn wissenschaftliche Erkenntnisse begründen könne, wenn sie nicht nur und ausschließlich durch Wahrnehmungen als wahr nachgewiesen werden können. Man könnte dieses Problem auch so ausdrücken: was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder ertasten können, mit dessen Wahrheit haben wir gewöhnlich keine Schwierigkeiten. Die Wahrnehmung gilt uns also als der ‚Königsweg‘ zu einem sicheren Wissen. Dieses Kriterium aber kann die Wissenschaft nicht erfüllen, auch wenn sie noch so sehr bemüht ist, sich auf die Wahrnehmung zu stützen, um ihre Aussagen zu begründen. In ihren Aussagen kommen nicht nur empirische, sondern auch theoretische Begriffe vor, d. h. solche, die sich nicht auf wahrnehmbare Dinge beziehen, sondern auf etwas, was wir durch die Sinne nicht erkennen können. Das Problem war also, die theoretischen Begriffe so aufzufassen, dass wir letztlich doch einen Weg finden, um sie und ihre Bedeutung und ihre Wahrheit durch einen Bezug auf etwas Wahrnehmbares erklären zu können. Vom ‚logischen‘ Empirismus war also eigentlich die Rede, weil diese philosophische Richtung mit dem Problem beschäftigt war, wie sich das ‚Logische‘ in der Wissenschaft so auffassen lasse, dass wir an dem Gedanken festhalten können, Wissenschaft sei ein Zusammenhang von Aussagen, die sich letztlich doch durch Wahrnehmungen ausweisen können, also so, wie wir uns einen Bezug zur Wirklichkeit an sich im Allgemeinen vorstellen.
Man muss sich verdeutlichen, was mit dem Anspruch, letztlich alle wissenschaftlichen Aussagen auf die Beobachtung, also auf die Wahrnehmung und damit auf die Erfahrung, zu gründen, eigentlich gemeint war. Dazu ist es nützlich, sich zu vergegenwärtigen, dass das Denken der Philosophie seit ihren Anfängen auf dem Anspruch gründete, dass es eine Erkenntnis gebe, die nicht auf der Erfahrung beruht, d. h. nicht auf Beobachtung und der sinnlichen Wahrnehmung. Dieser Anspruch hat sich seit Kant allerdings fundamental verändert. Kant akzeptierte sehr wohl, dass alle unsere Erkenntnis durch die Erfahrung entsteht und dass die Wissenschaft es ganz richtig macht, wenn sie sich auf die sinnliche Wahrnehmung beruft. Allerdings machte er auch geltend, dass es dafür Voraussetzungen im Denken gibt – und eben diese Voraussetzungen lassen sich selbst nicht aus der Erfahrung entnehmen, sondern stellen eine Erkenntnis dar, die man nur gewinnen kann, indem man über die Bedingungen und Voraussetzungen einer Erkenntnis durch Erfahrung nachdenkt. Diese Erkenntnis ist nur durch Denken zu gewinnen, nicht durch Beobachtung und sinnliche Wahrnehmung. Auf dieser Grundlage hatte die Philosophie zwar nichts mehr zu sagen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Erkenntnis, wohl aber auf einem eigenen Gebiet der Erkenntnis durch Analyse der Voraussetzungen für jenes wissenschaftliche Erkennen.
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