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Georg Schweinfurth

Georg Schweinfurth: Forschungsreisen 1869-71 in das Herz Afrikas

Band 149 in der gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor Georg Schweinfurth

Im Herzen Afrikas – Eine Reisebeschreibung von Georg Schweinfurth

Die ersten Abenteuer mit Büffeln und Bienen

Ein weiblicher Häuptling

Das Land, wo Milch und Honig fließt

In zweifelhafter Gesellschaft

Ein seltsames Hirtenvolk

Schwarze Schmiedekünstler

Ein dem Untergang geweihtes Volk

In einem unglücklichen Land

Mohammeds Strafpredigt

Tod dem Blattfresser

Im Lager des Verräters

Das Volk der Niamnian, der „Vielfresser“

Der rätselhafte Strom

Beim König der Mangbattu

Der tanzende König

Ein irdisches Paradies und seine Bewohner

Die ersten Zwerge

Der Überfall

Ein luftiger Flussübergang

Der unglücklichste Tag meines Lebens

Zum Fürsten der Sklavenhändler

Traum und Wirklichkeit

Ein lustiges Völklein

Der Sklavenhandel

Überraschende Nachrichten aus Europa

Scharfe Maßregeln gegen den Menschenhandel

In die Heimat

Die maritime gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leserreaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.

Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Der Autor Georg Schweinfurth

Der Autor Georg Schweinfurth



Georg Schweinfurth wurde am 29. Dezember 1836 in Riga als Sohn einer reichen deutsch-russischen Familie geboren. Er konnte ein Leben lang seinen Neigungen und Interessen nachgehen ohne je bezahlte Tätigkeiten ausüben zu müssen. Ohne irgendwelche persönlichen Bindungen eingegangen zu sein, verstarb er achtundachtzigjährig als Junggeselle am 19. September 1925 in Berlin.

Er bereiste 1864-66 Ägypten, den östlichen Sudan sowie die Küste des Roten Meeres. Von 1869-71 unternahm er im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften eine Forschungsreise in das Quellgebiet des Nil und seiner westlichen Zuflüsse. Er grenzte das Quellgebiet mit der Entdeckung des westlich in den Kongo fließenden Uelle, nach Südwesten ab. Er lieferte erste gesicherte Berichte über die Existenz der Pygmäen und weiterer dort lebender Völker, wie die Mangbetu und Dinka.

Ab 1873 besuchte er mehrfach den Nordosten Afrikas und Arabien.

In erster Linie Botaniker, reichte doch das Spektrum seiner Veröffentlichungen von einem Verzeichnis äthiopischer Pflanzennamen bis zu einer Landkarte des südlichen Tunesiens, von der Beschreibung von Artefakten zentralafrikanischer Völker bis zu Berichten über prähistorische Funde in Ober-Ägypten.

Bei Ausgrabungen in Ägypten war eines seiner herausragendsten Verdienste, zu sammeln, zu präparieren und dauerhaft zu konservieren, wofür sich viele Ausgräber damals nicht interessierten – für pflanzliches Material.

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Im Herzen Afrikas – Eine Reisebeschreibung von Georg Schweinfurth

Im Herzen Afrikas – Eine Reisebeschreibung von Georg Schweinfurth


Vor einem halben Jahrhundert hat Georg Schweinfurth sich seinen Ehrenplatz unter den Männern erobert, die das Antlitz des dunkeln Erdteils entschleiert und in rastloser Arbeit die vielen weißen Flecken der Karte Afrikas ausgefüllt haben. Geboren am 29. Dezember 1836 in Riga, erwarb er sich seine ebenso gründliche wie umfassende naturwissenschaftliche Bildung auf den deutschen Hochschulen Heidelberg, München und Berlin. Schon als Zwanzigjähriger bereiste er Ägypten, den östlichen Sudan und die Küstenländer des Roten Meers (1863-66). Bald darauf folgte seine größte und erfolgreichste Expedition in die Äquatorialgegenden (1868-71). Ihr Verlauf und ihre Ergebnisse sollen in den folgenden Blättern geschildert werden. Gründer der Geographischen Gesellschaft in Kairo (1876), hat er dann viele Jahre in Ägypten gelebt und auf einer langen Reihe kleinerer Reisen in den Wüsten Afrikas und Arabiens, die sich bis in die neunziger Jahre ziehen, seinen Ruf als hervorragender Forscher befestigt: Seit 1889 lebte der Nestor der deutschen Afrikaforschung in Berlin.

Ägypten, das seit der Regierung Mehemed Alis (1841-48) tatsächlich, wenn auch nicht dem Namen nach, ein unabhängiger Staat war, hatte seine Herrschaft allmählich durch den Sudan nilaufwärts bis nahe an die großen Seen vorgeschoben, die sich später als die Quellbecken des geheimnisvollen Stroms erwiesen, und auch nach Westen begannen ägyptische Truppen und Beamte im Stromgebiet des Gazellenflusses, des Bahr-el-Ghasal, vorzudringen. Die Herren der späteren Provinz Bahr-el-Ghasal waren damals die Elfenbein- und Sklavenhändler von Chartum und Kordofan, fanatische Mohammedaner, die unter den verachteten heidnischen Negerstämmen der Dinka, Schilluk und anderen viele Dutzende von Seriben, befestigte Niederlassungen, gründeten und von diesen aus neben Elfenbeinhandel auch schwunghaften Vieh- und Menschenraub trieben. Von dem Vernichtungskampf, den die ägyptische Regierung gegen diese Banden führte, hatte Schweinfurth nur die ersten Anfänge gesehen.

Krieg und Handel hatten natürlich auch unsere Kenntnis der oberen Nilgegend erweitert, aber den Ländern westlich vom Hauptstrom des Nil, südlich von 10 Grad nördlicher Breite, waren sie wenig zugutegekommen. Vorübergehend ist der verhältnismäßig unbedeutende Bahr-el-Ghasal sogar für die wichtigste Quellader des Nil gehalten worden, und über die Wasserscheide des Nilbeckens gab es nur unsichere Vermutungen. Die eigentliche Bedeutung der Reisen Schweinfurths liegt darin, dass sie vom etwa 10. bis 3. nördlichen Breitengrad durch Gebiete gingen, die der Fuß europäischer Forscher noch kaum betreten hatte.


Martin Theodor von Heuglin – 1824 – 1876


John Petherick – 1813 – 1882 und Frau

Nur an wenigen Punkten hat sein Weg die Wege seiner Vorgänger, des Deutschen Heuglin, des Engländers Petherick, des Franzosen Poncet und der Italiener Miani und Piaggia, berührt.

Er war der erste, der das westliche Quellgebiet des Nil von Norden nach Süden sowie die Länder der Wasserscheide nördlich des Äquators durchzog und jenseits den Oberlauf jenes mächtigen Stroms erreichte, der ein Dutzend Längengrade in westlicher Richtung durchströmt und sich unter dem Äquator in den Kongo und mit diesem in den Atlantischen Ozean ergießt. Er hat diesen Wasserlauf, den er unter dem Namen Uelle kennt, der aber weiter unterhalb auch die Namen Makua und Ubangi führt, damals dem System des Schari zugewiesen, der in das abflusslose Becken Zentralafrikas, den Tschadsee, mündet, und es hat weiterer Entdeckungsfahrten bedurft, bis die Zugehörigkeit des Uelle zum Kongosystem allgemein anerkannt wurde. Aber der Entdecker des Uelle ist und bleibt Schweinfurth.

Größte Verdienste hat er sich um die Völkerkunde erworben durch seine genauen Nachrichten über die fast unbekannten Negerstämme der Niamniam, der Mangbattu und der Akka, der schon im frühesten Altertum erwähnten, aber noch fast niemals von Europäern gesehenen Zwergstämme von Äquatorialafrika. Seine Rückreise vom Uelle nordwärts verlief im allgemeinen in derselben Richtung wie die Hinreise, aber zu beiden Seiten hat er viele Abstecher gemacht, deren einer ihn weit nach Westen ins damalige Dorado der Sklavenhändler führte.

Schweinfurth war in erster Linie Botaniker. Im Anschluss an eine Notiz über seine erste Reise von 1863 bemerkt er: „Der einzige Zweck, den ich unablässig verfolgte, die botanische Erforschung dieser Länder, gestaltete sich immer mehr zur Aufgabe meines Lebens.“ Und dann: „Wer die harmlose Habgier des Pflanzenjägers kennt, wird begreifen, wie diese Studien, in der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Reise, in mir nur das Verlangen nach neuer Beute wachrufen mussten; harrte doch noch der bei weitem größte Teil des Nilgebiets, die geheimnisvolle Flora seiner südlichsten Zuflüsse, der botanischen Erforschung.“

Aber wie überraschend hat sich dieser begeisterte Liebhaber der Scientia amabilis zum Entdeckungsreisenden ausgewachsen, zum vollberechtigten Vertreter der Länder- und Völkerkunde! Fast jede Seite seines Hauptwerkes „Im Herzen von Afrika“, dem die folgenden Kapitel entnommen sind und das in sechs Sprachen übersetzt wurde, verrät seine scharfe Beobachtung und anschauliche Schilderung aller möglichen Dinge, auch außerhalb des Kreises seines eigentlichen Spezialfaches. Aufs lebhafteste interessieren ihn die Sitten und Gebräuche, die Laster und guten Eigenschaften der buntscheckigen Völkermenge, die er auf dem Marsch oder bei längerem Aufenthalt kennen lernt, die Lebensgewohnheiten der verschiedenen Stämme, ihr Körperbau, ihre Bodenerzeugnisse, ihre Viehzucht, ihr Handel, ihre Wohnung, ihre Sprachen, die Anfänge des Handwerks und der Kunstfertigkeit, weiter die reiche Tierwelt vom Elefanten bis zum Insekt, die vielverschlungenen Flussnetze die Höhen-, Witterungs- und Temperaturverhältnisse, der Wechsel der meisterhaft in scharf umrissenen Zügen gezeichneten Landschaftsbilder. Dazwischen schiebt sich, ohne eine Spur von Eitelkeit vorgetragen, die Erzählung der persönlichen Erlebnisse, überwiegend realistisch, aber mit gemütlichem Humor und auch bei den widerwärtigsten Ereignissen getragen von einem unerschütterlichen Gleichmut. Dieser verließ Schweinfurth selbst dann nicht, als nahe dem Ende seiner überraschend vom Glück begünstigten Reise ein großer Teil seiner unersetzlichen Aufzeichnungen und Sammlungen vom Feuer vernichtet wurde.

Bezeichnend für sein Gefühl edler Menschlichkeit ist seine Stellung zu dem besonders früher üblichen verächtlichen Begriff „Wilden“ für farbige Naturvölker. Schweinfurth hält es für unberechtigt, die schwarzhäutige Menschheit Afrikas „Wilde“ zu nennen, denn sie ist im Besitz unserer sozialen Grundlagen wie Eigentum, Ehe, Arbeitsteilung, wenn diese sich auch oft nur in elementarer Gestalt zeigen. Er stimmt der von anderer Seite ausgesprochenen Anschauung bei, dass es in Afrika kaum andere „Wilde“ gibt als solche, die aus Europa dorthin gelangt sind.

Die Frage liegt nahe, ob heute eine Schilderung überhaupt noch Wert und Anziehungskraft haben kann, wenn sie sich auf über fünfzig Jahre alte Beobachtungen stützt. Schweinfurth äußert sich in dem vom 1. Januar 1918 datierten Vorwort zur Jubiläumsausgabe seines Werkes „Im Herzen von Afrika“ über diesen Punkt:

„Man glaube ja nicht, dass die veränderten politischen Zustände in den damals neuentdeckten Ländern jetzt einen großen Teil meiner Beobachtungen jedes Interesses für die Gegenwart entkleidet hätten. Für das Bestehenbleiben vieler von mir beschriebener Zustände sprechen die Wahrnehmungen neuerer und neuester Reisender. Nach 29 Jahren fanden die Begleiter des verwegenen Marchand am Ssueh und am Gazellenfluss noch dieselben Bongo, Djur und Dinka vor, wie sie mir entgegengetreten waren; allerdings hatten sich inzwischen die europäischen Baumwollenzeuge in den Grenzländern der islamischen Welt weiter verbreitet, und die früher nackt einhergehenden Völker im Bereich des Tieflands der oberen Nilgewässer begannen sich zu umhüllen. Aber die Völker des tieferen Inneren, die Niamniam und Mangbattu, bedienen sich zur Kleidung heute noch derselben selbstgewonnenen Felle und Rindenstoffe, die zu meiner Zeit üblich waren, trotz englischer, französischer oder belgischer Herrschaft, der sie jetzt unterstehen. Es fehlt bei uns nicht an Leuten, die sich der Vorstellung hingeben, alle Völker der Welt müssten jetzt der neuerungssüchtigen Schnelllebigkeit unserer Zeit zum Opfer fallen; aber noch gibt es der Erdenwinkel genug, an denen die Weltgeschichte Ruhepunkte gefunden hat. An solchen sitzen noch manche Völker Afrikas, und selbst diejenigen, die in äußerlichen Dingen starkem Wandel unterlagen, haben die Eigenart ihres Inneren Wesens zu wahren gewusst.“

Doch nun wollen wir den Forscher über seine an Abenteuern aller Art wahrlich nicht arme Reise hören.

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Die ersten Abenteuer mit Büffeln und Bienen

Die ersten Abenteuer mit Büffeln und Bienen

Am 18. August 1868 verließ ich Suez.


Berliner Akademie der Wissenschaften

Die Berliner Akademie der Wissenschaften hatte mir auf fünf Jahre die verfügbaren Mittel der Humboldt-Stiftung bewilligt und mir die Möglichkeit einer reichen Ausrüstung verschafft. Ein ägyptischer Dampfer brachte mich nach Dschidda, eine gemietete Barke nach Suakin an der Westküste des Roten Meers.


Am 10. September begann der Kamelritt über das Küstengebirge.


Er führte in 27 Tagen nach Berber am Nil.


Chartum

Von da ging es in einer Barke nilaufwärts nach dem eigentlichen Ausgangspunkt der Reise, nach Chartum an der Vereinigung des Weißen und Blauen Nil, dem Sitz der Zentralverwaltung des ägyptischen Sudan. Am 1. November traf ich dort ein. Die Stadt sollte später durch den Untergang Gordon Paschas und als Mittelpunkt des siegreichen Mahdistenaufstands eine traurige Weltberühmtheit erlangen. Von dreizehnjähriger Barbarenherrschaft wurde sie erst 1898 durch den englisch-ägyptischen Feldzug Lord Kitcheners befreit. Gestützt auf Erfahrungen und Erkundigungen, die ich bei meinem früheren Aufenthalt in Chartum gesammelt hatte, hatte ich den Plan zur wissenschaftlichen Bereisung der westlichen Quellgebiete des Nil entworfen.

Bald hatte ich erkannt, dass die ägyptische Regierung in den heidnischen Negerländern keinerlei Einfluss und Macht auszuüben vermochte, obgleich Chartumer Kaufleute dort die ausgedehntesten Besitzungen gegründet hatten, und dass ohne engen Anschluss an diese Kaufleute die Zwecke eines wissenschaftlichen Reisenden nicht gefördert werden konnten. Mein Entschluss stand daher fest, mich von den Chartumer Kaufleuten ganz ins Schlepptau nehmen zu lassen. Dass übrigens die Elfenbeinhändler aus freien Stücken sich nie dazu entschließen würden, meinem Ansinnen zu entsprechen, darüber durfte ich mich keiner Täuschungen hingeben. Ich kannte aber ihre abhängige Lage als Untertanen des Vizekönigs von Ägypten. Waren sie auch in den Negerländern unumschränkte Machthaber, so blieben sie doch auf Gnade und Ungnade den Maßnahmen einer absoluten Regierung ergeben, weil sie mit ihrem Kapital an die Hauptstadt des ägyptischen Sudan gebunden waren, und so bot sich mir ein Hebel, ihren Widerstand zu brechen.

Auf Grund dieser Erwägungen konnte ich, aufs nachdrücklichste unterstützt von dem allmächtigen Generalgouverneur Djafer-Pascha, einen sehr günstigen Vertrag mit dem Elfenbeinhändler Ghattas, einem koptischen Christen, abschließen. Unter den Chartumer Großkaufleuten war Ghattas der einzige Nichtmohammedaner; die anderen wollte man nicht der Möglichkeit preisgeben, vom „Franken“ – damit meinte man mich – als Räuber und Sklavenjäger verlästert zu werden. Darum war die Wahl Djafers auf den unglücklichen Ghattas gefallen. Als der Reichste von allen musste dieser mit seinem Vermögen haften für alles Unheil, das mir im Inneren widerfahren konnte. Dieselben Verpflichtungen zum Schutz legte der Generalgouverneur auch jedem der anderen Chartumer Großhändler auf, die Besitzungen im Gebiet des Bahr-el-Ghasal hatten. Noch nie hatte die ägyptische Regierung mittelbar so viel für einen wissenschaftlichen Reisenden getan wie für mich.

Den Neujahrstag 1869 verbrachte ich noch in Chartum, erst am 5. Januar segelte ich auf einer mit 23 Bootsleuten und Söldnern bemannten Barke des Ghattas nilaufwärts nach Süden. Meine eigene Begleitung bestand aus sechs Nubiern, die alle bereits bei Europäern gedient hatten und mir nie Anlass zu ernstlichen Klagen gegeben haben, zwei Sklavinnen, die das Mehl für die ganze Schiffsmannschaft zu mahlen hatten, und aus einer Respektsperson, in Gestalt meines großen europäischen Schäferhundes Arslan, der überall, wohin er kam, ängstliches Erstaunen wachrief.

Die vom Wind begünstigte Bergfahrt der Segelbarke führte meist durch einförmige Landschaft. Die flachen Ufer sind bewohnt und bebaut, zahlreiche Nilpferde und ungeheure Vogelschwärme beleben den majestätischen Strom, in dem weiter aufwärts Hunderte von Inseln liegen, die von Schilluknegern bewohnt werden.

Der 14. Januar brachte den ersten Unglückstag, den ich selbst heraufbeschworen hatte. In der Frühe war zu uns eine andere Barke gestoßen, die Leute wollten zusammen sich vergnügen und haltmachen. Wir waren aber an einer für mich sehr langweiligen Stelle, und so zwang ich sie weiterzufahren, um an einer unbewohnten kleinen Insel ans Land steigen zu können. Der Ausflug, den ich in Begleitung von zweien meiner Leute antrat, sollte verhängnisvoll werden, wenigstens für einen der beiden. Mohammed Amin, so hieß dieser, wurde an meiner Seite von einem wilden Büffel überrannt, dem ich nicht das geringste Leid zuzufügen beabsichtigte, dem aber der Unglückliche im hohen Gras gar zu nahe gekommen war. Der Büffel hielt jedenfalls sein Mittagsschläfchen und geriet durch die Störung in die äußerste Wut. Aufspringen und den Störenfried in die Lüfte wirbeln, war für ihn das Werk eines Augenblicks. Da lag er nun da, mein treuer Begleiter, über und über blutend, vor ihm mit hocherhobenem Schweif der Büffel, grunzend, in drohender Haltung, bereit, sein Opfer zu zerstampfen. Zum Glück war seine Aufmerksamkeit durch die beiden anderen Männer gefesselt, die wir sprachlos vor Entsetzen dastanden. Ich hatte kein Gewehr in der Hand, mein schöner Hinterlader hing vorläufig noch am linken Horn des Büffels, Mohammed hatte ihn getragen. Mein anderer Begleiter, Soliman, der die Kugelbüchse trug, hatte gleich angelegt, aber der Hahn knackte vergebens. Mal auf mal versagte das Gewehr. Die Zeit erlaubte mir nicht, Soliman zuzurufen: „Die Sicherung ist noch vor“; es galt den Augenblick. Da griff er nach einem kleinen Handbeil, das ganz aus einem Stück Eisen bestand, und schleuderte es unverzagt dem Büffel an den Kopf auf eine Entfernung von kaum zwanzig Schritt; so wurde die Beute dem Feinde entrissen. Mit einem wilden Satz warf sich der Büffel seitwärts ins Röhricht, unter gewaltigem Rauschen der Halme dahinsausend mit der Wucht eines entgleisenden Dampfrosses, brüllend und den Boden erschütternd. Nach rechts und nach links sah man ihn unter Grunzen und Brüllen die gewaltigsten Sätze machen.


Eine aufregende Begegnung

Da wir in seinem Gefolge eine ganze Herde vermuten mussten, griffen wir zunächst nach den Gewehren, um einem nahen Baume zuzueilen. Doch es wurde alles still, und unsere nächste Sorge wandte sich jetzt dem Unglücklichen zu. Mohammeds Kopf lag wie angenagelt am Boden, da seine Ohren von scharfen Schilfhalmen durchbohrt waren, aber eine flüchtige Untersuchung überzeugte uns sofort davon, dass die Verletzung nicht tödlich sein konnte. Das Büffelhorn hatte gerade den Mund getroffen und außer vier Zähnen im Oberkiefer und einigen Knochensplittern hatte er keine weiteren Verluste zu beklagen. Ich ließ Soliman an der Stelle, um Mohammed zu waschen, und eilte allein zur entfernten Barke, um ihn abholen zu lassen. In drei Wochen war er wieder hergestellt und als Entschädigung für jeden der vier Zähne erhielt er ein Bakschisch von zehn Mariatheresientalern. Diese Freigebigkeit belebte wunderbar die Unternehmungslust meiner Begleiter, sie war aber auch vonnöten, um die Leute für die Zukunft stets bei gutem Humor zu erhalten. Der Retter Soliman fiel bald darauf bei einer der üblichen Schießereien der Nubier seiner eigenen Unbesonnenheit zum Opfer.

Bei dem ehemaligen Hauptquartier des berühmten Räuberhauptmanns Mohammed Cher stießen wir auf die ersten Spuren des ruchlosen Sklavenhandels. Mengen menschlicher Gebeine von den durch Seuchen hinweggerafften Sklaven fanden sich überall über die Steppe verstreut, infolge des Steppenbrandes in halbverkohltem Zustand.

Die Zahl der geschlachteten und verschmausten Rinder muss, nach den vorhandenen Knochenmassen zu urteilen, ganz gewaltig gewesen sein; sie bestanden meist aus der Beute, die Mohammed den Schilluk abgenommen hatte. Dieser Räuberhauptmann durfte es sogar wagen, den Befehlen des Generalgouverneurs Trotz zu bieten, und er war es hauptsächlich, der die Chartumer lehrte, mit Hilfe befestigter Plätze, förmlicher Zwingburgen, die Eingeborenen in Schrecken zu halten. Infolge seiner Räubereien war das ganze östliche Nilufer in eine ununterbrochene Waldeinöde verwandelt. Die Dinkaneger oder Djangeh, die dort einst zahlreiche Dörfer bewohnten, hatten sich ins Innere zurückgezogen.

Bei einer Krümmung des Nil, unterhalb Faschoda, hatte ich schon wieder ein bösartiges Abenteuer. Da die Windrichtung hier das Segeln unmöglich machte, musste die Barke von der Mannschaft gezogen werden. Als nun das Seil durch die Grasmasse des Ufers streifte, kam uns ein wilder Bienenschwarm in den Weg, der sich gleich einer großen Wolke über die Ziehenden entlud. Jeder stürzte sich kopfüber in den Fluss und suchte die Barke wieder zu gewinnen. Aber der Bienenschwarm folgte auf den Fluss nach und erfüllte in wenigen Augenblicken alle Räume des mit Menschen vollgepfropften Fahrzeugs.

Ich arbeitete gerade an meinen Pflanzen in der Kabine, als ich ein Rennen und Springen vernahm, das ich anfangs für Ausgelassenheit der Leute hielt. Da stürzt einer ganz verwirrt mit dem Ruf herein: „Bienen, Bienen!“ Plötzlich fühle ich mich im Gesicht und an den Händen von den empfindlichsten Stichen getroffen und höre mich bereits von Tausenden von Bienen umsummt; vergeblich suche ich das Gesicht mit meinem Handtuch zu schützen. Wütend schlage ich um mich, aber umso größer wird die Hartnäckigkeit der Insekten. Ich fühle einen wahnsinnigen Schmerz im Auge, und Stich auf Stich fällt mir in das Haar. Die Hunde unter meinem Bett springen wie toll auf und werfen eine Menge Sachen um, ich selbst stürze mich voller Verzweiflung in den Fluss, ich tauche unter: alles vergebens, immer wieder regnet es Stiche auf meinen Kopf. Im Ufersumpf schleppe ich mich durch das Schilfgras, das mir die Hände zerschneidet, und suche das Festland zu gewinnen, um im Wald Schutz zu finden.


Da packen mich vier kräftige Arme und schleppen mich gewaltsam zurück, so dass ich im Schlamm zu ersticken glaube. Ich muss wieder an Bord, an Flucht ist nicht zu denken.

Durch die kühlende Nässe war ich soweit wieder zu mir gekommen, dass ich ein Betttuch aus dem Kasten zu zerren vermochte. Endlich fand ich Schutz, nachdem ich die in das Laken eingeschlossenen Bienen nach und nach zerquetscht hatte. Krampfhaft zusammengekauert, musste ich drei volle Stunden verharren, während das Summen um mich herum ununterbrochen anhielt und einzelne Stiche noch durch das Laken hindurchdrangen. Lautlose Stille herrschte an Bord, da alle Insassen meinem Beispiel gefolgt waren. Einige Beherzte hatten sich zuletzt ans Ufer geschlichen und setzten das dürre Schilfgras in Brand. Schließlich gelang es, mit Hilfe des Rauchs die Bienen von der Barke zu verscheuchen, diese flott zu machen und dem jenseitigen Ufer zuzutreiben.

Nun erst konnte man sich den Schaden besehen. Mit Hilfe eines Spiegels und einer Federzange zog ich mir alle Stacheln aus Gesicht und Händen. Diese Stiche blieben auch ohne schädliche Folgen. Unmöglich war es aber, in meiner Kopfhaut die Stacheln ausfindig zu machen; viele waren abgebrochen und erzeugten ebenso viele kleine Geschwüre, die zwei Tage lang empfindlich schmerzten. Ein Unfall wie der unsrige ist auf den Gewässern des Weißen Nil selten erlebt worden. Das Merkwürdigste war, dass alle sechzehn in unserem Kielwasser steuernden Barken an diesem Tage an der gleichen Stelle sich der gleichen Plage ausgesetzt sahen. Am Abend wünschte ich mir lieber zehn Büffel und noch zwei Löwen dazu, als je wieder mit Bienen zu tun zu haben, und die ganze Schiffsgesellschaft stimmte mir lebhaft zu. Ich nahm Chinin und erwachte am Morgen neu gestärkt und munter, während mehrere der arg zugerichteten Leute ein heftiges Fieber hatten. Unter den Mannschaften der uns folgenden Barke hatte es infolge der Verletzungen nachträglich sogar zwei Todesfälle gegeben.

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Ein weiblicher Häuptling

Ein weiblicher Häuptling

Am 24. Januar 1869 wurde Faschoda erreicht, damals der südlichste Grenzwaffenplatz des ägyptischen Reiches.


Heute heißt der Ort Kodok, um die französische Empfindlichkeit zu schonen; in Faschoda hatte nämlich 1898 Frankreich eine schwere Kränkung durch die Engländer erfahren.

Auf der am 1. Februar angetretenen Weiterreise lernte ich den Kaufmann Mohammed Abd-es-Ssammat kennen, jenen hochherzigen Nubier, der so großen Einfluss auf mein Unternehmen auszuüben bestimmt war und der mehr dafür geleistet hat, als alle Machthaber des Sudan es vermochten. Gleich bei der ersten Begegnung forderte er mich auf, ihn als sein Gast bis zu den entferntesten Völkern zu begleiten, eine Aussicht, die mich auf das freudigste erregte. Mohammed stammte aus dem nördlichsten Teil des nubischen Niltals und war in seiner Art ein kleiner Held, der sich mit dem Schwert in der Hand Ländergebiete erobert hatte, die an Umfang manchen kleinen Staat in Europa übertrafen. Der unternehmende, keine Gefahren, Mühen und Opfer scheuende Kaufmann, der nach den Worten des Horaz „zu den äußersten Indern wandert, um über Meere und Länder der Armut zu entfliehen“, schien gleichsam die geistige Verwandtschaft zu ahnen, die er mit dem Gelehrten teilte, der im Dienst der Wissenschaft ferne Länder durchreist, um die Wunder der Welt zu schauen. „Durchwandert die Welt und erfreut euch der herrlichen Dinge, die ich erschaffen!“, sagt der Koran.


Wir hatten warten müssen, bis andere Barken zu uns stießen, denn vorher schien die Mannschaft nicht genügend stark zu sein zum Schutz gegen Angriffe des noch nicht unterworfenen Teils der Schilluk. Sie war auch nicht zahlreich genug, um allein die schweren Hindernisse zu überwinden, die der „Ssudd“, die Grasbarre, in Aussicht stellte. Diesen Ssudd habe ich gründlich kennen gelernt, als wir in die Sumpfdickichte der westlichen Zuflüsse des Weißen Nil einbogen.


Im Gefängnis des Ssudd

Tagelang befand sich die Barke in einem Gewirr von Kanälen und schwimmenden Grasmassen, Papyrus- und Ambatschdickichten, die die ganze Breite des Hauptstroms bedeckten. Papyrus ist das bis zu fünf Meter hohe, aus dem Altertum bekannte Riedgras, von dem das Papier seinen Namen hat, Ambatsch eine Pflanze von außergewöhnlich leichtem schwammigem Holz, die sechs Meter hoch werden kann. Hin und wieder bricht sich in engen Rissen die Gewalt des Wassers Bahn, aber diese Kanäle entsprechen nicht immer den Tiefenlinien des Strombettes und sind daher nur selten für Barken passierbar. Ein beständiges Ziehen und Drängen der Massen verändert sie alljährlich in so hohem Grad, dass selbst der erfahrenste Schiffer sich nicht in ihnen zurechtzufinden weiß. Im Winter muss er bei jeder Fahrt sich aufs Neue durch ein labyrinthisches Fahrwasser winden. Im Juli dagegen, wenn der Fluss seinen höchsten Wasserstand erreicht hat, sind für die Talfahrt alle jene Kanäle wohl zu benutzen.

Dichte Massen einer auf den freien Stellen der Wasserfläche schwimmenden Vegetation von kleinen Kräutern bilden einen grützeartigen Brei, der die Vereinigung der Grasmassen zu vollständigen Decken sehr erleichtert. Wie ein fest verbindender Kitt verstopft dieser Brei von Kräutern alle Spalten und Löcher zwischen den Gras- und Ambatschinseln, die sich an den Stellen der Hinterwasser anhäufen, wo sie den Winden oder der Strömung minder zugänglich sind.

Am 8. Februar begann der eigentliche Kampf mit dieser Welt von Gras. Den ganzen Tag verbrauchten wir in einem mühsamen Durchzwängen der Barken durch die zeitweilig gebildeten Stromarme. 200 Bootsleute und Soldaten mussten viele Stunden lang im Wasser an Seilen ziehen, um eine Barke nach der anderen durchzubringen. Dabei schritten sie selbst auf dem Rande der schwimmenden Grasdecken einher, die streckenweise sogar ganze Rinderherden zu tragen vermochten.

Es war ein eigentümliches Schauspiel, die zarten wie eingewachsen in diesen Dschungeln von bis zu fünf Meter hohem Papyrus zu erblicken, dazu die nackten Bronzegestalten der schwarzbraunen Nubier die sich aus dem freudigen Grün der Umgebung lebhaft abhoben. Das Geschrei und Gejauchze, mit dem sie sich die Arbeit zu erleichtern glaubten, hallte meilenweit durch die Lüfte.


Schnaubend streckten Nilpferde die Köpfe aus dem Wasser. Die Schiffer, in Besorgnis, die Tiere möchten mit der Wucht ihrer Leiber die Schiffswände einrennen, was schon vorgekommen war, entfesselten zur Abwehr die volle Kraft ihrer Kehlen.

Schon 1863 hatte sich hier die Grasbarre gebildet, die noch im Sommer 1872 in ihrer vollen Stärke angetroffen wurde, und hier war der Schifffahrt wiederholt ein für Monate unüberwindlicher Damm gezogen, ein Umstand, der die Mannschaften mancher Barken der größten Not preiszugeben drohte, sobald die Vorräte verzehrt waren.

Mühsam arbeiteten wir uns mehrere Tage lang vorwärts. Durch einen vom verstopften Hauptarm sich abzweigenden Seitenarm allein war man imstande, bis zur Einmündung des Gazellenstroms vorzudringen.

Am 11. Februar ging es im offenen Fahrwasser glücklich weiter. Nicht lange, denn der Hauptarm verzweigte sich von neuem zu einem Wirrsal von Kanälen, und, nach erneuten nutzlosen Versuchen vorzudringen, machten am folgenden Tag alle Barken kehrt, um ihr Heil in einem anderen, nach Norden zu sich öffnenden Kanalnetz zu versuchen. Am fünften Tag hatten wir mit Mühe und Not ein großes offenes Becken erreicht und nur noch eine Strecke von 60 Metern zu überwinden, um jenen Sammelplatz sämtlicher Gewässer im oberen Nil zu gewinnen, der auf den Karten als No-See sich eingebürgert hat, aber von den Schiffern Magren-el-Bohur, die Mündung der Ströme, genannt wird. Es war das böseste aller Hindernisse, das uns hier die Graswelt entgegenstellte. Die breiten Bäuche der mit Korn belasteten, ungemein massig gezimmerten Barken mussten buchstäblich über das plattgedrückte Gras geschleift werden. Ich blieb als der einzige an Bord zurück. Den vereinigten Anstrengungen aller gelang es, die Überwindung dieser Grasmasse in einem Tag zu erzwingen.

Mit gutem Wind ging es rasch stromaufwärts, solange die nordwestliche Richtung des Fahrwassers anhielt. Allein der immer mehr sich verschmälernde Hauptkanal beschrieb außerordentlich häufige und kurzabgebrochene Bogenlinien, die durch Stoßen und Schieben der Barken vermittels Stangen überwunden werden mussten.


Dinka mit Rind

Die scheinbaren Ufer bestehen auch hier aus schwimmenden Grasdecken, weiter landeinwärts dagegen verraten weidende Herden der Dinka das Festland.

Der Bahr-el-Ghasal hat sein Widerspiel in Europa: An manchen Stellen vermittelt die Havel zwischen Potsdam und Brandenburg mit ihrer Unmasse schwimmender Gewächse eine sehr gute Vorstellung von ihm; auch die Mehrzahl der Pflanzengattungen, nicht Arten, hat die Havel mit dem afrikanischen Fluss gemein. Häufig beträgt die Breite des offenen Wassers nur die einer Barkenlänge, die große, von den längsten Stangen nicht erreichte Tiefe verrät aber den Wasserreichtum, den rechts und links ein paar hundert Schritt weit die Grasdecke verbirgt. Zur Zeit des Hochwassers dagegen ist alles, was jetzt als Land erscheint, ein unermesslicher See.

Das, was die Schiffer Bahr-el-Ghasal nennen, bezeichnet nur die Wasserstraße bis zum Ende ihrer Schiffbarkeit, nicht einen Strom in wissenschaftlichem Sinn, denn ihn müsste man eher Bahr-el-Arab oder Bahr-el-Djur nennen, da diese beiden Flüsse zu seiner Entstehung Veranlassung geben, beide auch über ein weitverzweigtes Netz stattlicher Nebenflüsse verfügen.

Ich habe im „Ssudd“ noch erträgliche Bedingungen gefunden. Welche Schrecken aber hier lauerten, hat etwa ein Jahrzehnt später ein grausiges Ereignis gezeigt. Als 1880 der Gouverneur der Provinz Bahr-el-Ghasal, der Italiener Romolo Gessi, nach Chartum zurückkehrte, blieb seine Flottille in der Sumpfvegetation fast vier volle Monate lang hilflos stecken. Hunderte von Menschen, abgeschnitten von aller Verbindung mit dem festen Lande, versuchten sich von den Wurzelstöcken der Seerosen zu ernähren und mussten elendiglich verhungern. Nur mit einem Bruchteil seiner Leute ist Gessi diesem Schicksal entgangen, aber wenige Monate darauf starb auch er infolge der ausgestandenen Entbehrungen.

Allmählich wurde das Fahrwasser besser, und am 22. Februar landete ich bei der sogenannten Meschra-el-Rek, dem Rek-Hafen, nach einem benachbarten Negerstamm benannt. Die Meschra ist der Halteplatz aller den Bahr-el-Ghasal befahrenden Barken und liegt in einem Gewirr von kleinen Inseln. Diese einzige Ausschiffungsstelle aller vom Bahr-el-Ghasal ausgehenden Expeditionen war damals von 18 Chartumer Barken besucht, die, halb vergraben in Schlamm und Ton, in den Uferdickichten von Papyrus fest eingekeilt lagen. Es fehlte dieser Inselwelt nicht an landschaftlichen Reizen, und mit den Dinkanegern der Umgebung bestand ein friedliches Verhältnis.

Eine der einflussreichsten Personen des benachbarten Dinkastamms der Lao war eine bereits bejahrte Frau namens Schol, die in der Meschra eine Art Häuptlingsrolle spielte. Eine solche Stellung knüpft sich bei dem patriarchalischen Zuschnitt des Lebens der Hirtenvölker stets an den Reichtum. Worte reichen nicht aus, die Hässlichkeit der Schol zu schildern: ein nacktes, von runzlig zäher Negerhaut umhüllten, wackelndes und geknicktes Beingerüst, zahnlos, mit dünnen, schmierigen, fettgetränkten Haarstränen, um die Hüften einen Schurz von gleichfalls fettgetränktem Schafleder, dessen Kanten mit weißen Glasperlen und Eisenringen umsäumt waren, an Hand- und Fußgelenken ein Arsenal von Eisen-, Messing- und Kupferringen, stark genug, um Verbrecher damit an die Mauer ihres Gefängnisses zu schmieden, am Hals behangen mit Ketten von Eisen, mit Lederriemen, mit Schnüren von Holzkugeln und Gott weiß welchem Plunder aus alter Rumpelkammer – das war die alte Schol.


Übergabe der Geschenke an die alte Schol

Am 26. Februar erschien sie in meinem Zelt, da sie erfahren hatte, dass die für sie bestimmten königlichen Geschenke bereitlägen. Sie trug ein völlig verändertes Kostüm. Sie hatte aus ihrem unerschöpflichen Vorrat von Ringen, Ketten und Stricken lauter neue Gegenstände hervorgesucht, um sich vor mir zu schmücken. Ich hatte alles zum festlichen Empfang hergerichtet: Da sind Glasperlen, wie große Eier, noch nie gesehen in diesen Landen, schwere Steinkugeln, grüne und blaue aus Indiens märchenhaften Gefilden, für wen sind sie? Für die Schol! Da eine Stahlkette, wem wird sie gehören? Der Schol! Dieser königliche Stuhl von Strohgeflecht, wer wird auf ihm thronen? Die Schol! Als Krone des Ganzen übergab ich ihr ein Riesenmedaillon von Bronze, an goldglänzender Messingkette um den Hals zu tragen. Es machte einen besonders tiefen Eindruck auf ihr dankbares Herz, und sie wurde in diesem Schmuck von allen Schiffern und Soldaten bewundert.

Meiner alten Freundin war ein Jahr darauf ein trauriges Los beschieden. Ein Trupp Männer eines benachbarten feindlichen Stammes war zu ihrer Hütte vorgedrungen. Als sie die Tür öffnete, fiel sie unter den tödlichen Streichen ihrer Feinde, die sofort alle Hütten in Brand steckten und einen großen Teil der vorhandenen Viehbestände mit sich forttrieben.

Auf der Heimreise führte mich nach zweieinhalb Jahren unser Weg an der Stelle vorüber, wo ehemals die gastlichen Hütten gestanden hatten. Von dem Wohnsitz der alten Schol waren nur Kohlen übriggeblieben, und die Scherben zersprungener Schnapsballons zeugten von verschwundener Pracht.

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Das Land, wo Milch und Honig fließt

Das Land, wo Milch und Honig fließt

Erst am 12. März langte die zweite Barke des Kaufmanns Ghattas in der Meschra an. Der begleitende Agent stellte mir in kürzester Frist siebzig Träger zur Verfügung, so dass ich noch vor Beginn der Regenzeit nach dem Inneren aufbrechen konnte. Am 25. März setzte sich die Karawane in Bewegung. Sie zählte an 500 Köpfe, da sich dem Ghattasschen Zug noch kleinere Gesellschaften mit 200 Bewaffneten angeschlossen hatten. Der Marsch ging ohne größere Schwierigkeiten bald durch bewohntes und bebautes, bald durch menschenleeres, parkartiges und bewaldetes Flachland und führte schon am 31. März zu der großen, mit Palisaden umgebenen Niederlassung oder Seriba Ghattas, von der Meschra etwa 150 Kilometer entfernt. Hier schlug ich für länger als sieben Monate mein Standquartier auf.

Die große Seriba, der sich noch neun kleinere anreihen, liegt auf dem Grenzpunkt der Dinka, Djur und Bongo. Eine Menge Gellaba, wie die wandernden Sklavenhändler hier genannt werden, hatte sich in geräumigen Gehöften eingerichtet. Es sind Leute aus Nubien, zum Teil auch aus Darfur, die hier ihre Sklaven einkaufen, um sie nach und über Darfur und Kordofan weiterzuschleppen. Die fast ausschließlich aus Nubiern gebildete Besatzung und die vielen Angestellten des Ghattas bringen die bewaffnete Macht auf durchschnittlich 250 Mann, und Hunderte von Sklaven vermehren die Einwohnerschaft auf mindestens 1.000 Köpfe. Vier Kilometer im Umkreis ist alles mit Äckern bedeckt, eine große Anzahl kleiner Dörfer der Dinka, Djur und Bongo sind in der nächsten Umgebung zerstreut. Das unmittelbare Gebiet der Herrschaft des Ghattas besitzt zwischen den sechs Seriben des nördlichen Bongolandes eine Ausdehnung von ungefär 700 Quadratkilometern, von denen mindestens 160 Ackerland sind. Die Bevölkerung beträgt gegen 13.000 Seelen.

Der Oberverwalter Idris, daheim der Sklave seines Herrn, war hier unumschränkter Machthaber. Mit aller Zuvorkommenheit empfangen, sah ich mich in den ersten Tagen mit Geschenken an Lebensmitteln und mit Aufmerksamkeiten jeder Art förmlich überhäuft. Zwei mittelgroße, hübsch gebaute Hütten waren innerhalb der Palisaden für mich errichtet; sie reichten jedoch, des vielen Gepäcks wegen, zu meiner Bequemlichkeit lange nicht aus. Meine Diener mussten in anderen Hütten untergebracht werden.

Nun begannen meine täglichen Streifzüge in die Umgegend, und die Verarbeitung der gesammelten Gegenstände nahm den größten Teil der Zeit in Anspruch. Bei stets ungeschwächter Gesundheit verlebte ich die ersten Wochen in einem Taumel von Freude, wahrhaft ergriffen von den Schönheiten einer unvergleichlich zauberhaften Natur. Die ersten Regen hatten begonnen und kleideten die aus einem parkartigen Gemisch von Grasflächen, Gebüschen und Bäumen gebildete Landschaft in das zarte Grün unseres Frühlings. Dem Boden entsprossen in Fülle die prächtigsten Zwiebelgewächse, und Bäume von unglaublich verschiedener Form mengten unter das frische Laub ihrer Zweige die Pracht lebhaft gefärbter Blüten.

Meine Aufnahme bei einem Ausflug nach Westen war überall die gastlichste. Die Verwalter der kleinen Seriben behandelten mich mit der größten Aufmerksamkeit; sie sorgten für gute Kost und stellten alles zu meiner Verfügung. In den Seriben hatten meine Leute gute Tage. Ströme von Hammelblut flossen, selbst für meine Hunde wurde eigens geschlachtet. Hier war nach den Begriffen meiner ausgehungerten Diener aus Chartum das Land, wo im wahren Sinne des Wortes Milch und Honig floss. Für mich besonders suchte man zusammen, was Zentralafrika an Delikatessen nur aufzubringen vermochte.

Es fehlte auch nicht an naher Gefahr der schrecklichsten Art. In der Nacht des 22. Mai brach ein gewaltiges Gewitter los. Plötzlich erscholl hart neben meiner Hütte ein Geschrei von Frauenstimmen, und aus einem Strohhaus schlug die Lohe hoch gen Himmel. Sofort rief man mir zu, ich möchte hinausspringen. Denn im Schlaf in einer aus Stroh und Bambus errichteten Hütte vom Feuer überrascht zu werden, ist fast sicherer Tod. Die Leute begannen sofort mit dem Räumen. Bereits war die Hälfte meines Gepäcks in Sicherheit, als wir bemerkten, dass der Wind die Flammen nach der entgegengesetzten Seite trieb. Entsetzlich schien mir der Gedanke, wie leicht ich aller Früchte meiner bisherigen mühevollen Arbeit hätte beraubt werden können. Es sollte anders kommen, aber enteilen konnte ich deshalb meinem Schicksal nicht. Denn Ende 1870 hatte ich das schreckliche Brandunglück, das mich der wichtigsten Früchte meiner Reise berauben sollte. Die verbrannte Hütte war von meinem Bett kaum 25 Schritt entfernt. Sechs Sklavinnen hatten darin, vom Blitz getroffen, den Tod gefunden, einer siebenten war es gelungen, halb verbrannt aus der lichterloh flammenden Strohmasse hervorzukriechen; der Blitz hatte sie verschont.

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In zweifelhafter Gesellschaft

In zweifelhafter Gesellschaft

Wegen der beständig drohenden Feuersgefahr hatte die Niederlassung einen empfindlichen Nachteil gegenüber denjenigen, deren Hütten minder zusammengedrängt waren. Allein die größere Sicherheit der Gegend, der Reichtum an Lebensmitteln, die Seltenheit der Stechmücken, auch der Mangel an Termiten, den weißen Ameisen, boten Vorteile, die alle anderen Seriben in den Schatten stellten. Doch fehlte es nicht an zahlreichen kleinen Plagen. In meiner Hütte überstieg die Raumbeschränkung jede Vorstellung. Ich sah mich zu beständigem Aus- und Einpacken meiner tausend Sachen genötigt. In Säcken hingen meine Kleider und Wäsche von der Decke herab; eine Anzahl kleiner Gegenstände steckte im Dachstroh.

Unter solchen Umständen war der tägliche Kampf mit Ratten, Grillen und Schaben unausstehlich und wurde zu einer beständigen Quelle des Ärgers. Eines eigentümlichen Schutzes bediente ich mich zum Fernhalten der Ratten. Ich ließ wilde Steppenkatzen bringen, die leicht zu zähmen sind, setzte sie angebunden auf die gefährdeten Pakete und konnte mich dann, sicher vor Rattenschaden, schlafen legen. Ratlos schaute ich dagegen dem Überhandnehmen der Grillen zu, die in die dichtesten Koffer eindrangen. Später fand ich im Borax ein wirksames Mittel, sie fernzuhalten. Das Umsichgreifen der Holzwürmer in den Bambusstäben, die meine Hütte zusammensetzten, gestaltete sich zu einem Leiden neuer Art; den ganzen Tag über einen Regen von feinem, gelbem Holzstaub auszuhalten, der sich fingerdick über alle meine Sachen lagerte, drohte das Maß meiner Geduld zu erschöpfen. Ein ähnliches lästiges Insekt in allen Hütten war eine Pillenwespe, ein Tier von fünf Zentimeter Länge, die sich mit Vorliebe in der Spitze der Kegelwölbung des Strohdachs einzunisten pflegte. Ihre Stiche waren viel schlimmer als Bienenstiche. Harmlose Eidechsen gehören in allen Tropenländern zu den gewöhnlichen Hausinsassen; da belebten hübsch gefärbte Skinke meine Behausung, und der zierliche Gecko lief an den Wänden ebenso häufig auf und ab wie in Ägypten und Nubien. Am zahlreichsten waren die gemütlichen Agamen, deren beständiges Kopfnicken die fanatischen Mohammedaner ärgert, denn sie glauben, der Teufel spotte ihrer Gebete, die sie mit steten Verbeugungen begleiten.

Beim Beginn der Regenzeit überraschte mich auch die Menge der Chamäleons. Das sonderbare Augenverdrehen dieser Tiere diente mir zu Späßen, mit denen ich vor allem die Faki, die mohammedanischen Priester und Schreibkundigen, ärgerte, die sich durch Fanatismus auszeichneten. „Wessen Bild“, fragte ich, „ist ein solches Chamäleon, wenn es das eine Auge nach oben, das andere zu Boden gerichtet hat? Das ist ein Faki; mit dem einen Auge schaut er zu Gott im Himmel auf, mit dem anderen aber auf die Erde mit ihren Tälern.“

Auch sonst habe ich meine Umgebung, die sich fast ausschließlich zum Islam bekannte, mit Kritik nicht geschont, und eigentlich muss man sich wundern, dass unser Verhältnis nicht ernstlich gestört wurde. Denn trotz der ausgezeichneten Behandlung befand ich mich in recht zweifelhafter Gesellschaft. Alljährlich pflegten die Seribenverwalter Raubzüge ins Gebiet der Dinka zu unternehmen, um sich mit frischen Viehvorräten zu versehen. Da sich die verschiedenen Gesellschaften Konkurrenz machten, war man von Anfang an über eine Art Seribenrecht übereingekommen. Die unmittelbar abhängigen Gebiete waren scharf abgegrenzt, und die Straßen, die zur Meschra führen, durften nur von denjenigen Handelsgesellschaften betreten werden, die darauf ein gewohnheitsmäßiges Recht begründen konnten. Fast jede Seriba hatte ihre eigene Straße, auf der sie brandschatzte, und eine Straße ohne Räuberei war hierzulande keine Straße. Am eifrigsten überwachten die Chartumer Gesellschaften ihre Gerechtsame auf Viehraub. Im Jahr 1868 soll die Beute der Gesellschaft des Ghattas aus 8.000 Stück Rindern bestanden haben. Dagegen war das Ergebnis des Jahres 1869 kläglich, da die Dinka ihre Herden noch rechtzeitig in unzugängliche Sümpfe geflüchtet hatten. Um das Bedürfnis eines Jahres zu decken, musste ein solcher Raubzug mindestens 2.000 Stück Vieh einbringen. Zwei Drittel der Beute fiel der Verwaltung zu, ein Drittel den Soldaten, von denen die Rinder nach Belieben verschachert wurden. Die Helfershelfer und Hehler dieses verbrecherischen Handels waren die Gellaba, die sich in allen Seriben eingenistet hatten. Abwechselnd handelten sie mit Baumwollenzeug, Mützen, Flinten, Spiegeln, dann wieder mit Sklaven und Sklavinnen, Koransprüchen und Amuletten, Rindern, Ziegen und Schafen.

In Gurfala, einer Seriba des Bongolandes, entdeckte ich eine Getreidebranntweinbrennerei. Die Nubier frönen dort maßlos dem Branntweingenuss. Sobald neue Warenvorräte aus Chartum anlangen, füllen sich die Lager mit ganzen Reihen großer Glasballons, die meist aus Breslau stammen. Die Verwalter trinken den Spiritus rein, sie können ihn nicht stark genug haben; die übrigen gießen zwei Drittel Wasser dazu oder mischen ihn unter die Merissa, das einheimische aus Negerhirse gebraute Bier. Den Trinkern mundeten besonders die scharfen, durstreizenden Rettiche aus meinem Garten, den ich mir mit viel Lust und Mühe angelegt hatte und in dem Mais, Tabak, Gurken und allerlei europäische Gemüse vorzüglich gediehen. Bei den Gelagen wurde ich mit Bitten nach diesem Reizmittel überhäuft. Mit Vorliebe erkoren die Nubier die ersten Morgenstunden dazu, um sich zu betrinken; sie waren dann für den ganzen Rest des Tages unausstehlich. Im trunkenen Zustand wird der Nubier so streitsüchtig wie der Deutsche, nur entfesselt sich dabei seine schrankenlose Wildheit, und Mord und Totschlag sind nicht selten der Ausgang.

In der Hauptseriba verging selten eine Woche ohne einen Unfall durch unvorsichtiges Schießen. Selbst stets in Gefahr, von den Kugeln der Seribenbewohner durchlöchert zu werden, musste ich bei allem Ärger obendrein immer mit meinem chirurgischen Rat herhalten, wenn es sich darum handelte, die Knochen zu bandagieren oder Kugeln und Schrot aus dem Fleisch zu entfernen.

Oft wurde ich auch in meiner nächtlichen Ruhe beeinträchtigt. Besonders unausstehlich war das ewige Geplärr der lauten Gebetsübungen, das in den Abendstunden erscholl. Es war um aus der Haut zu fahren. Da waren Faki angekommen aus Darfur, die in einem selbst den gelehrtesten Chartumern völlig unverständlichen Kauderwelsch die Verse des Koran herableierten; das schnurrte nur so wie ein Mühlrad. Meine eigenen Leute, die doch gute Mohammedaner waren, nahmen für mich Partei und verwiesen die nächtlichen Ruhestörer aus der Nähe meiner Hütte.

Ab und zu waren nächtliche Orgien an der Tagesordnung; als Vorwand für die Wahl der Tageszeit musste die gar nicht sehr bemerkliche Mückenplage dienen. Wenn die Nubier sich an ihrer abscheulichen Merissa betrunken hatten, tobten sie ihren Übermut an den riesigen Pauken aus, die am Eingang der Seriba hingen. Dicht dabei stand meine Hütte, die Pauken waren mir daher beständig ein Dorn im Auge. Ich wusste mir nur dadurch ab und zu Ruhe zu verschaffen, dass ich Salzsäure auf die Felle spritzte, so dass sie beim nächsten Gebrauch platzten.

Auch die von den eingeborenen Kogur oder Zauberern bei Krankheiten betriebenen Teufelaustreibungen vermehrten die nächtliche Unruhe. In den höchsten und schneidig schärfsten Tönen, vergleichbar etwa dem Gackern geängstigter Hühner, beginnt der Zauberer seine Beschwörung. Der erste Teil dauert mitunter zwei Stunden ohne die geringste Unterbrechung. Die Einleitung, so wurde mir gesagt, sei nötig, um den Teufel überhaupt zur Antwort zu bewegen. Dann folgen die Fragen und Antworten; die Sprache des Teufels wird durch Bauchrednerkunst vorgetäuscht. Der Zauberer fragt nach Namen und Herkunft des Teufels, nach der Dauer seines Innewohnens, nach Art und Stand desselben und seiner Sippe und Verwandtschaft. Hat er nach stundenlangem Mühen endlich alles herausbekommen, was er wünschte, dann beginnt die Verordnung eines Mittels. Der Kogur geht in den Wald und holt eine Wurzel oder ein Kraut, die in vielen Fällen die Genesung herbeiführen. Das erinnerte mich lebhaft an all den Hokuspokus, mit dem sich bei uns Quacksalber und Wunderdoktoren zu umgeben pflegen und der namentlich dazu dient, ganz einfache, längst bekannte Mittel unter irgendeinem abenteuerlichen Namen oder einer wunderbar aufgeputzten Form der Neugierde des Publikums aufzudrängen. Klappern gehört überall zum Handwerk.

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Ein seltsames Hirtenvolk

Ein seltsames Hirtenvolk

Der lange Aufenthalt in der Seriba Ghattas hat mich in enge Verbindung mit den benachbarten Völkerschaften gebracht und mir Gelegenheit zu einer Menge von Beobachtungen und Erkundungen geboten, die ich auf einigen Ausflügen in westlicher Richtung erweitern konnte. Die Studien über das große Volk der Dinka oder Djangeh, wie sie sich selbst nennen, hatte ich schon in der Meschra mit großem Eifer betrieben und im Anfang des Marsches fortgesetzt. Meine Beziehungen zu diesem seltsamen Hirtenvolk waren auch in den folgenden zwei Jahren nur selten unterbrochen. Aus eigener Anschauung kenne ich indes nur die westlichsten Stämme dieses über nahezu 240.000 Quadratkilometer ausgebreiteten Volkes, diesen Teil aber hinreichend genau, um manches Neue berichten zu können.

Die Mehrzahl übersteigt in ihrer Körperhöhe nur wenig ein mittleres Maß. Bei 26 gemessenen Eingeborenen war die Durchschnittshöhe 1,74 Meter.


Die Dinka zählen zu den am dunkelsten gefärbten Rassen, aber die Haut lässt deutlich einen braunen Ton erkennen, sobald sie von der Asche gesäubert ist, mit der sie sich so gern einreiben. Wenn sie sich mit Öl gesalbt haben, oder nach einem Bad, schimmert ihre Haut wie braunschwarze Bronze. Die Einförmigkeit der Gesichtsbildung beruht mehr auf einer Täuschung unseres Auges, dem die schwarze Gestaltung ungewohnt erscheint, als auf einer wirklichen Gleichartigkeit der Züge. Einigermaßen einnehmende Gesichtszüge sind selten, unaussprechlich hässliche Fratzen, die verstärkt werden durch ein Grimassenspiel, verleihen der großen Mehrzahl affenartigen Ausdruck. Doch fehlt es auch nicht an Ausnahmen, die eine tadellose Regelmäßigkeit der Züge aufweisen. Das Haar scheren sie sich meist kurz und lassen auf der Höhe des Scheitels nur einen Schopf stehen, den sie durch Einstecken von Straußenfedern zieren. Ein Dinkastutzer, den ausnahmsweise ein reicherer Haarwuchs auszeichnete, hatte das 15 Zentimeter lange Haar zu flammenförmigen Zipfeln aufgerichtet; sie waren fuchsrot gefärbt und verliehen dem Mann ein satanisches Aussehen. Eine solche Färbung ist das Ergebnis fortgesetzter Waschungen mit Kuhharn. Der Bartwuchs ist zu unentwickelt, um irgendwie in Betracht zu kommen. Ihre Schermesser bestehen aus sorgfältig geschliffenen Lanzenspitzen.

Beide Geschlechter brechen sich die unteren Schneidezähne aus. Eine Folge davon ist ihre undeutliche Sprache. Auffällig schien es mir, dass gerade dieses Volk häufig schlechte Zähne hat. Männer und Frauen durchlöchern sich die Ohrränder und stecken eiserne Ringelchen und mit Eisen beschlagene Stäbchen durch. Die Frauen durchbohren sich wohl auch die Oberlippe, um einen eisernen Stift und eine zylindrische Glasperle einzufügen. Tätowierung ist nur bei Männern gebräuchlich und besteht immer in etwa zehn strahlenförmigen Schnitten, die über Stirn und Schläfe verlaufen und die Nasenwurzel zum Mittelpunkt haben; hieran erkennt man die Dinka sofort.

Nach ihrer Auffassung gebührt nur dem Weib eine Hülle, eines Mannes ist selbst die bescheidenste unwürdig. Umso sorgfältiger bekleidet erscheinen die Frauen; angetan mit zwei enthaarten Fellschürzen – das Gerben des Leders ist unbekannt –, die vorn und hinten von den Hüften bis an die Knöchel reichen und an den Rändern meist mit Reihen von Glasperlen oder zahllosen kleinen Eisenringen, Schellen und Glöckchen besetzt sind.

Eisen hat noch hohen Wert; Kupfer wird nicht entsprechend geschätzt. Die Frauen der Reichen sind oft mit Eisen überladen, etliche tragen nahezu einen halben Zentner davon an Ringen und Zierraten mit sich. Die Lieblingszierde der Männer sind Elfenbeinringe, die am Oberarm getragen werden, der Unterarm ist bei den Reichen mit einem förmlichen Panzer von Ringen eng umgürtet. Einen minder ritterlichen Schmuck bilden die aus Ledersträngen geflochtenen Stricke um den Hals, die aus Nilpferdhaut geschnittenen Armringe und vollends die Kuh- und Ziegenschwänze, mit denen sich jeder Dinkastutzer umhängt und mit denen er seine Waffen schmückt. Da der Dinka mit seinem meist spärlichen Haarwuchs nicht viel anzufangen weiß, verlegt er sich auf Mützen und Perücken. Sonderbare Kappen von der Gestalt tscherkessischer Kettenhelme werden ausschließlich aus großen weißen Zylinderperlen zusammengestickt. Aus Straußenfedern wird ab und zu eine Art Mütze gemacht, die einen ebenso leichten als sicheren Schutz gegen die Sonnenstrahlen gewährt. Als Zeichen der Trauer trägt der Dinka nach weitverbreiteter afrikanischer Sitte einen Strick um den Hals.

Die Hauptwaffe ist die Lanze; der Gebrauch von Bogen und Pfeilen ist ihnen fremd.


Mit den Kaffern gemeinsam haben sie die Vorliebe für Keulen, Stöcke und für Schilde von länglich-rundlicher Gestalt, die aus Büffelhaut geschnitten sind. Eigentümlich sind den Dinka die zum Abwehren von Keulen- und Stockhieben dienenden Schutzwaffen. „Kuerr“ ist ein Holz von einem Meter Länge, in der Mitte mit einer hohlen Verdickung, um den Handgriff zu schützen; „Dang“ ein Bogen, dessen derbe Sehnen die Wucht der Keulenhiebe brechen.


Kuerr und Dang, Schutzwaffen der Dinka

Ackerbau wird nur nebensächlich, aber in ziemlich geschickter Weise betrieben. Sauberkeit und sorgsame Auswahl der Nahrung findet sich bei den Dinka wie bei kaum einem anderen Volk Afrikas. Die Mehl- und Milchspeisen stehen unserer Kochkunst nicht nach. Die Leute greifen nicht mit den Händen in eine und dieselbe Schüssel; die Gäste lagern sich um eine große Schüssel Brei oder Grütze. Wenn sich der erste satt gegessen hat, gibt er die Schüssel dem Folgenden. Zuweilen bot ich Dinkadamen von Rang auf meinem Feldtisch europäisch zubereitete Gerichte an, und sie saßen auf meinen Stühlen. Sie griffen zu Gabeln und Löffeln, als verstände sich das von selbst, und legten alles sorgfältig und noch dazu gewaschen wieder an Ort und Stelle. Alles kriechende Gewürm erfüllt den Dinka mit Ekel. Krokodile, große Eidechsen, Frösche usw. sind nicht küchenfähig, nur die Schildkröte wird als Suppe verkocht. Nicht minder widerwärtig erscheint ihnen der Genuss von Hundefleisch. Ein feines Wild ist jedoch, wie überall in Afrika, die Katze; als das leckerste wird der Hase hochgeschätzt. Leidenschaftliches Tabakrauchen hat sich seit alten Zeiten eingebürgert, und die Dinka bedienen sich derselben riesigen Pfeifenköpfe wie die Schilluk.


Im Inneren der Wohnungen sind sie von derselben Reinlichkeit wie die Schilluk, mit denen sie die Vorliebe für Asche teilen, in der sie sich des Nachts der Mücken wegen betten.

Auffällig ist das Fehlen des Ungeziefers; in diesem Teil von Afrika wird man weder von Läusen noch von Flöhen belästigt. Den Fremdling beunruhigt in einer Dinkabehausung nur das Getümmel der Schlangen, die im Stroh des Daches rascheln. Schilluk und Dinka zollen den Schlangen eine Art göttlicher Verehrung; die Dinka nennen sie sogar ihre „Brüder“ und sehen deren Tötung als Verbrechen an. Es wurde mir beteuert, dass einzelne Schlangen dem Hausbesitzer bekannt seien und dass er sie mit Namen nenne. Übrigens sind Schlangen im tropischen Afrika überhaupt nicht häufig; soviel ich in Erfahrung bringen konnte, sind die Schlangen im Lande der Dinka nicht giftig.

Zu Weilern und Gehöften von wenigen Hütten vereinigt, sind die Wohnungen über das Ackerland zerstreut. Eigentliche Dörfer gibt es nicht, der Viehstand der einzelnen Distrikte aber ist in einem großen Viehhof vereinigt, den die Chartumer Murach nennen. Große Hütten haben 13 Meter im Durchmesser. Um den Dachstuhl zu stützen, pflanzen die Dinka einen vielverästelten großen Baumstamm in die Mitte der Hütte.

Die nebenstehende Zeichnung veranschaulicht ein Dinkagehöft. Es ist mit Feldern von Sorghum oder Negerhirse umgeben. Von den drei Hütten ist die mittlere, mit einem doppelten Vorbau versehene die Wohnung des Familienvaters. Links steht eine Hütte für die Weiber; die größte und schönste Hütte rechts ist dazu bestimmt, kranke Kühe zur Pflege aufzunehmen, da ihnen in den Murach nicht die nötige Sorgfalt zugewendet werden kann. Unter der Rokuba, dem Sonnendach, vor den Hütten befindet sich der Feuerplatz zum Kochen; er ist hinter einem Windschirm aus Ton gelegen. In dem Dornverhau rechts werden die Ziegen für den täglichen Milchbedarf gehalten.


Dinkagehöft

Ihre Haustiere sind Rinder, Schafe, Ziegen und Hunde. Alles Dichten und Trachten der Dinka dreht sich um den Besitz von Rindern, mit diesen Tieren wird ein förmlicher Kultus getrieben. Man schlachtet nie ein Rind; kranke pflegt man mit Sorgfalt in eigenen Hütten; nur die gefallenen und die verunglückten Tiere werden verspeist. Ein Hauptvergnügen für Dinkakinder ist das Nachbilden von Rindern und Ziegen aus Ton.

In der Morgenstunde werden die Kühe gemolken, doch ist der Milchertrag sehr kärglich. Selten enthalten die Murach unter 2.000 Stück Vieh, ich habe solche mit bis zu 3.000 kennen gelernt. Auf den einzelnen Dinka kommen mindestens drei Rinder. Es gibt natürlich auch Arme; diese sind die Knechte der Reichen. Einzelne Viehhöfe beherbergen bis an 10.000 Stück Vieh, nach meiner eigenen Zählung, die ich an den zum Anbinden dienenden Pflöcken vornahm.

Die Dinka sind ein großes Volk, aber die zahlreichen Stämme bekriegen sich nicht nur oft untereinander, sondern lassen sich auch als Werkzeuge der fremden Eroberer gegeneinander missbrauchen. Alle Versuche, sie in einen Zustand der Leibeigenschaft zu bringen, sind aber bisher fehlgeschlagen. Die ausgeprägte Eigenart des Volkes und das zähe Festhalten an ihren Sitten macht sie auch für den Sklavenhandel wertlos. Die in früheren Zeiten auf den Raubzügen der Nubier erbeuteten Männer werden unter die Soldaten gesteckt; damals bestand die große Mehrzahl der schwarzen Truppen Ägyptens aus Dinkas. Der Höchstkommandierende im Sudan, Adam Pascha, war selbst von Geburt ein Dinka.

Die Dinka sind als grausam im Krieg bekannt; sie kennen keinen Pardon, und um die Körper der Erschlagenen führen sie wilde Tänze auf. Allein, es gibt auch Dinka deren Gemüt für Barmherzigkeit empfänglich ist. Nie werden Geschwister und Eltern sich gegenseitig im Stich lassen.

Die Annahme, dass bei diesen Wilden ein Familiengefühl in unserem Sinne nicht vorhanden sei, ist nicht gerechtfertigt. Im Frühjahr 1871 erlebte ich folgendes: Ich weilte damals in der Seriba Kutschuk-Ali am Djur unter dem Volke gleichen Namens. Einer der Dinkaträger, die Vorräte für mich von der Meschra herbeigeschafft hatten, war seiner geschwollenen Füße wegen nicht imstande, in seine Heimat zurückzukehren. Viele Tage saß er allein da. Es herrschte Hungersnot im Lande, und ab und zu erhielt er von mir eine Handvoll Durra und Reste von unseren Mahlzeiten. Er konnte also zur Not leben und befand sich auf sicherem Boden; es hätte daher nur der Geduld bedurft, um nach der Heilung seine Familie zu erreichen. Aber nicht lange währte es, da stellte sich sein bejahrter Vater ein, um ihn abzuholen. Auf seinen eigenen schwachen Schultern trug der Alte den fast zwei Meter langen Lümmel 16 Wegstunden weit nach Hause. Die Eingeborenen sahen diese für unser Empfinden ungewöhnliche Leistung als etwas ganz Selbstverständliches an.

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Schwarze Schmiedekünstler

Schwarze Schmiedekünstler

Auf einem dreiwöchigen Abstecher nach Nordwesten machte ich nähere Bekanntschaft mit den Djur, einem mit den Schilluk naheverwandten Stamm, dessen Seelenzahl kaum 20.000 übersteigen kann. Der Name stammt von den Dinka und bedeutet Waldmenschen, Wilde, im verächtlichen Sinn. Sie sind etwas heller gefärbt als die Dinka. In ihrer Tracht haben sie meist den Schillukbrauch beibehalten. Obgleich die Männer tagtäglich mit den Nubiern und den Bongo zu tun haben, lassen sie sich von ihnen nicht beeinflussen und lehnen hartnäckig eine Bedeckung der Geschlechtsteile ab. Umso sorgfältiger bedecken sie die Gesäßpartie mit einer kleinen Schürze von Fell. Kunstvoller Haarputz scheint nicht üblich zu sein; Männer und Frauen tragen am liebsten das Haupthaar kurz geschoren.

Die Lieblingszierraten bei den Männern sind dieselben wie bei den Dinka. Ein eigentümlicher Schmuck der Männer, der sich nur hier findet, besteht in schweren Ringen aus gegossenem Messing, deren Zierraten aufs sorgfältigste eingemeißelt werden. Die Frauen sind durch nichts von den Dinkaweibern zu unterscheiden. Sehr häufig tragen sie einen großen Eisenring, der durch die Nase gezogen ist. Unglaubliches in Verunstaltung leisten die den Djur benachbarten Belanda, die in der Nase zu Dutzenden Ringelchen tragen, die wie heraushängende Würmer aussehen: ein abscheulicher Anblick!

In neuerer Zeit hat sich vieles von den ursprünglichen Sitten der Djur verloren. So ist der Gebrauch des gegenseitigen Anspuckens, der früher als Begrüßung allgemein üblich war, längst in Vergessenheit geraten. Ich war nur dreimal Zeuge davon. In diesen Fällen drückte das Ausspucken den höchsten Grad inniger Zuneigung aus, eine Art Schwur der Treue und Ergebenheit.

Der Landstrich, den die Djur bewohnen, bildet die unterste Terrasse des eisenhaltigen Felsbodens, daher waren sie auf die Eisenindustrie angewiesen. Jeder Djur ist ein gelernter Schmied. Die gewöhnliche Form, in der das Rohmaterial hergerichtet wird, ist eine Lanzenspitze, in der Regel 60 bis 70 Zentimeter lang. Lanzen und „Meloten“, d. h. Spaten, dienen im gesamten Gebiet des oberen Nil als gangbare Münze. Im März, kurz vor der Aussaat, verlassen die Djur ihre Hütten, um teils zum Fischfang an die Ufer des Flusses gleichen Namens zu ziehen, teils um sich mit Erzschmelzen im Walde zu beschäftigen. Weiber und Kinder folgen ihnen und führen alle bewegliche Habe mit sich. An den Baumstämmen lehnen Lanzen und Harpunen, hängen die derben Bogen zu Fallen beim Büffelfang, die Netze, Reusen und Fischkörbe, das ganze Zubehör der Hauswirtschaft, gedörrte Fische und Krokodile, Wildbret, am Boden überall Kohlen und Haufen von Brauneisenstein, Eisenschlacken, zerbrochene Tondüsen und ähnliches. Der Schmelzofen hat eine schlanke, geschweift konische Gestalt und erreicht nur etwas über einen Meter Höhe. Alle waren wie nach einem Modell gebaut; Blasebälge kommen nicht in Anwendung. Das Metall ist unseren besten Sorten Schmiedeeisen gleichwertig.


Dorf der Djur im Winter

Eine Vorstellung vom Leben in einem Djurdorf zur Winterszeit soll die umstehende Zeichnung veranschaulichen. Die hohen Gerüste bei den Hütten enthalten das zur Aussaat bestimmte Sorghumkorn, die Maiskolben, die Kürbisse, die hier vor den gefräßigen Ratten und Insekten sicher sind. Unter den Gestellen sind die Ziegen angebunden, mit Hunden und Hühnern die einzigen Haustiere.

Die Behausungen, runde Hütten mit Kegeldach, sind im allgemeinen in der Form einfach und schmucklos, aber mit großer Sorgfalt und Sauberkeit und mit guter Raumverteilung gebaut, wie dies bei allen heidnischen Negervölkern der Fall ist. Im Inneren befindet sich ein großer Vorratsraum, der zur Aufnahme des Korns bestimmt ist, das für den Hausbedarf dient. Der freie Platz vor der Hütte wird von einem aufs sorgfältigste geglätteten und festgestampften Tonboden eingenommen, auf dem man das Korn reinigt. Von tadelloser Härte ist der Tonboden im Inneren der Hütten. Ein großer Holzmörser, in dem das Korn zerstampft wird, um nachträglich mit den Händen auf einem Stein zu feinem Mehl zerrieben zu werden, ist vor der Hütte tief in den Boden eingesenkt. An einem Baumstamm zur Linken hängt die große Signalpauke; man sieht dort auch die starken Bogen, deren Sehne durch einen Knebel mit Gewalt gespannt wird, um auf der Jagd als Falle zu dienen. Rechts trägt ein Mann Eisensteine zusammen.

Den Boden bestellen die Djur mit vielem Eifer. Den größten Wert legen sie auf Besitz von Vieh, obwohl nur magere Ziegen den Bestand bilden. Ein stets gefüllter Hühnerhof und schließlich der Hund sind zur häuslichen Behäbigkeit unentbehrlich. Die Männer jagen und fischen und üben sich in der edlen Schmiedekunst, falls sie nicht von den Nubiern zu Frondiensten als Lastträger oder Hüttenbauer herangezogen werden. Die Felder werden von den Weibern bestellt, denen auch der Hauptteil der Arbeit bei der Einrichtung der Hütten zukommt. Aus freier Hand, ohne Hilfe einer Drehscheibe gestalten sie tonnengroße Gefäße von tadelloser Ebenmäßigkeit. Mit einer glattgeschlagenen Tonfläche werden auch die Gräber neben den Hütten versehen. Ein kreisrunder, flacher, bis eineinhalb Meter hoher Hügel bezeichnet die letzte Ruhestätte für so lange Zeit, als die abspülende Kraft der Regengüsse es gestattet.

Eltern- und Kindesliebe zeichnet die Djur in weit vorteilhafterer Weise aus als andere Völker Zentralafrikas. Jede Familie ist reich an Kindern. Säuglinge legt man in längliche Körbe, die als Wiege dienen; nirgends sah ich Ähnliches bei heidnischen Negervölkern. Auch das Alter steht in Ehren, und in den Weilern trifft man überall Leute mit weißem Haar.

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Ein dem Untergang geweihtes Volk

Ein dem Untergang geweihtes Volk

Ich versuche die Schilderung eines kleinen, sichtlich dem Untergang geweihten Volkes, das infolge seiner ausgeprägten Eigenart in Erscheinung, Sprache und Sitten als ein Vertreter echt afrikanischer Volksart angesehen werden kann. Halb der Vergangenheit angehörig, ohne Staat und Geschichte, ohne irgendwelche Überlieferung verliert sich sein Dasein spurlos in der Geschichte.

Im Südwesten vom Becken des Gazellenflusses zwischen dem 6. und 8. Grad nördlicher Breite liegen die Wohnsitze dieses Volkes, der Bongo, ein Land, das an Flächenraum Belgien gleichkommt, aber kaum vier Köpfe auf den Quadratkilometer zählt. Als Anfang der fünfziger Jahre die ersten Chartumer das Land betraten, fanden sie es in eine Anzahl unabhängiger Gemeinden geteilt. Den rohen Söldnerbanden wurde es daher leicht, sich zu Herren aufzuwerfen und in wenigen Jahren das ganze Gebiet unter wenige Elfenbeinhändler zu verteilen. Zur besseren Beaufsichtigung und Ausbeutung werden die Einwohner um die Seriben herum angesiedelt. Kaum der Hälfte gelang es, sich durch Massenauswanderung der Sklaverei zu entziehen. Viele Tausende von Knaben und Mädchen werden nach entlegenen Ländern geführt; wie übermütige Paviane im Getreidefeld hausten die Nubier. Die Bevölkerung hat sich um mindestens zwei Drittel verringert; ich habe sie auf höchstens 100.000 Köpfe berechnen können auf etwa 30.000 Quadratkilometern.

Die Hautfarbe der Bongo entspricht der rotbraunen Erde, auf der sie leben. Ein gedrungener Bau der Gliedmaßen bei meist mittlerer Größe, ein scharf ausgeprägtes Muskelgefüge, vor allem aber das Überwiegen der Länge des Oberkörpers, verbunden mit einer breiten Schädelbildung, sind die hauptsächlichsten Rassenmerkmale. Sie haben, wie fast alle Neger, kohlschwarzes Haar. Das krause Wollhaar wird nicht lang. Bartwuchs findet sich nur sehr vereinzelt.

Die Bongo sind ein Volk von Ackerbauern. Mit großem Eifer liegen Männer und Weiber der Bestellung ihrer Felder ob. Die meiste Sorgfalt verwenden sie auf den Anbau den Sorghum. Essbare Pilze bringt das Land während der Regenzeit in großer Mannigfaltigkeit hervor. Exemplare einer riesigen Art können bis zu einem halben Zentner schwer werden. Fruchtbäume werden beim Ausroden der Buschwaldungen geschont. Diesem Umstand verdanken die sonst eintönigen Anbauflächen ihren herrlichen Schmuck. Bei Erschöpfung der Kornvorräte bieten den Bongo wilde Erdknollen ihre hauptsächliche Nahrung. Meine 30 Bongo, die mich auf dem Rückmarsch nach Norden begleiteten, fristeten volle sechs Tage ausschließlich von solchen Knollen ihr Leben; trotzdem blieben sie kräftig, lustig und guter Dinge. Ein unentbehrliches Reizmittel ist ihnen der Tabak, der überall angebaut wird. Ihre Leidenschaft im Rauchen geht häufig soweit, dass ihnen nur eine sinnlose Betäubung Genuss zu verschaffen scheint. Die gemeinschaftliche Pfeife geht von Hand zu Hand, der Bastknäuel aber, der die scharfen Öle auffangen soll, wird nicht in die Pfeife, sondern einfach in den Mund gesteckt und wandert so von einem zum anderen. Sie kauen auch leidenschaftlich Tabak, den sie mit Asche vermischen.

Ihre Haustiere sind Hühner, Hunde und Ziegen; Schafe fehlen ebenso wie Rinder. Besonders nach Beendigung der Regenzeit bieten Jagd und Fischfang eine reiche Quelle von Nahrung. Die Elefantenjagd gehört jedoch seit Ende der fünfziger Jahre ins Reich der Sage. Die Jagd im Kleinen ist Lieblingsbeschäftigung der Kinder, die mit größtem Eifer Ratten und Feldmäuse fangen. Fleisch jeder Art erscheint dem Bongo essbar, mit Ausnahme von Hunde- und Menschenfleisch. Die verwesenden Reste von Löwenmahlzeiten sind ihnen eine stets willkommene Beute. So oft ich Rinder schlachten ließ, sah ich die Träger gierig sich um den halbverdauten Mageninhalt streiten; selbst die abscheulichen Würmer, die die Magenwände der Rinder in diesen Gegenden förmlich auszukleiden pflegen, führten sie handvollweise zu Munde. Alles was da kreucht und fleucht, wurde als Gegenstand der Jagd betrachtet, von Ratten und Mäusen bis zur Schlange, vom Aasgeier bis zur Hyäne im immer räudigen Pelz, von fetten Riesenskorpionen bis zu den Raupen und geflügelten Termiten.

Als die Chartumer Besitz ergriffen, bewohnten die Bongo von hohen Pfahlumzäunungen eingefriedigte Dörfer. Gegenwärtig leben selten mehr als fünf bis sechs Familien nebeneinander. Die Häuser sind ausnahmslos in Kegelform errichtet, selten über sechs Meter im Durchmesser und ebenso viel in der Höhe. Das Eingangsloch gestattet nur kriechend den Zugang. Zu jeder Wohnstätte gehört ein Kornspeicher in ganz ähnlicher Kegelform, von Pfählen getragen. Die Spitze des Kegeldachs trägt stets ein Strohpolster, das als Sitz dient, um eine Übersicht über die hohen Kornfelder zu gestatten. Dieser Sitz ist von geschweiften Hölzern umgeben, die wie Hörner die Dachspitze krönen.


Bongodorf mit Butterbaum

Mit besonderer Vorliebe bevorzugen die Bongo zur Ansiedlung solche Plätze, an denen eine mächtige Baumkrone ein natürliches Sonnendach bietet. In deren Schutz werden die Verrichtungen vorgenommen, zu denen der bescheidene Raum der Hütten nicht ausreicht. Der Butterbaum der nebenstehenden Abbildung sieht in der allgemeinen Form unserer Eiche recht ähnlich. Er ist im tropischen Afrika weitverbreitet; seine Fruchtkerne gleichen täuschend der Rosskastanie. Die Fruchthülle liefert ein vorzügliches Obst, aus dem Kern wird ein Öl gewonnen, das schon bei 25 Grad Wärme fest wird.

Auf einem an Eisen überreichen Boden widmen sich die Bongo vor allem der Gewinnung und Bearbeitung dieses Metalls. Sie legen ein bewundernswertes Geschick an den Tag und übertreffen in dieser Kunst noch die Djur. Mit ihrem rohen Blasbalg, dem Steinhammer, einem kleinen Meißel oder Stemmeisen und der Zange aus einfach gespaltenem grünem Holz bringen sie Erzeugnisse hervor, die Sachkenner mit der Arbeit eines europäischen Landschmiedes verglichen haben.


Das Eisengeld der Bongo (Spaten und Lanzenspitze)

Nach beendigter Ernte werden die Eisenschmelzen in Betrieb gesetzt. Die Bongo haben einen kunstvolleren Schmelzapparat ersonnen als die Djur. Die wichtigsten Arbeiten sind für den Handel bestimmt, es sind Lanzenspitzen und Spaten, der einzige Ersatz für gemünztes Geld, den Zentralafrika kennt. Unter dem Namen Melot hat der Spaten im Handel des oberen Nilgebiets eine weite Verbreitung.


Danga-Bor, Armpanzer der Bongo, und ein Ring daraus

Außer diesen rohen Gebilden verfertigen die Schmiede auch Waffen, Geräte und Schmuck von vollendeter Güte und die für den Sklavenhandel erforderlichen Fesseln und Handschellen. Nicht geringere Sorgfalt verlangt die Herstellung der eisernen, und kupfernen Zierrate, die bei den Frauen im Gebrauch sind. Der stolzeste Schmuck der Männer ist der „Danga-Bor“, d. h. „Ringe nebeneinander“, der eiserne Ringpanzer für den Unterarm.

In zweiter Linie steht die Holzschnitzerei. Die zierlichsten Gebilde sind kleine vierfüßige, stets aus einem Stück geschnitzte Sessel oder Schemelbänkchen, die in keinem Haushalt fehlen dürfen. Die Frauen trifft man fast immer auf ihnen sitzend vor den Hütten an, der Mann verschmäht in der Regel jeden erhöhten Sitz. Andere Gegenstände sind Keulen, Mulden zum Ölpressen, becherförmige zierliche Mörser, in denen das Korn zerstampft wird. Sehr geschickt wissen sie aus Horn Löffel zu schnitzen, die sich auf jedem Markt in Europa sehen lassen könnten. Früher fanden sich in den Dörfern häufig ganze Reihen roh aus Holz geschnitzter Figuren, die am Eingang der Pfahlumzäunung oder bei den Hütten des Njere, des Dorfältesten, aufgestellt waren, um das Andenken an hervorragende Persönlichkeiten aus der Gemeinde zu verewigen. Das Bild der Frau stellt der überlebende Gatte pietätvoll in seiner Hütte auf. Der Bongo findet die Ähnlichkeit mit dem Original täuschend.

In einem Orte im westlichen Bongoland fand ich die wohlerhaltenen Reste des Grabschmuckes des Stammesältesten Janga. In Lebensgröße standen da die rohen Holzfiguren; sie stellten den Janga dar mit seinen Weibern und Kindern, in einer Prozession, die vom Grabe auszugehen schien.


Grabmal des Stammesältesten Janga

Die naive Auffassung der individuellen Merkmale und ihre rohe Wiedergabe durch den Künstler ist aus meiner obenstehenden Zeichnung ersichtlich, die ein treues Abbild der ersten Versuche des Naturmenschen in der bildenden Kunst ist.

Alle Bongo sind leidenschaftliche Musiker. Sie verfertigen sich kleine Flöten und stellen auch eine Art Monochord her, einen kleinen Bambusbogen, dessen Sehne mit einer feinen Gerte geschlagen wird; als Resonanzboden dient die Mundhöhle, vor die das eine Ende des Bogens gehalten wird. Bei ihren Festen vollbringt das Orchester eine vollendete Katzenmusik. Unermüdliche Schläge der Pauken, Blasen auf Riesenhörnern aus ganzen Baumstämmen und auf kleinen Hörnern bilden den Grundton des meilenweit erschallenden Höllenlärms, während Hunderte von Frauen und Kindern die mit kleinen Steinchen gefüllten Flaschenkürbisse schütteln oder mit Stöcken und dürrem Reisig aufeinanderschlagen. Die Gesänge bestehen in einem plappernden Rezitativ, das halb an Hundejammer, halb an Kuhgebrüll erinnert. Solche Orgien machten auf mich immer den Eindruck, als sollten sie das entfesselte Treiben der Elemente verherrlichen.


Bongoorchester

Auf verhältnismäßig unentwickelter Stufe steht die Korbflechterei. Fischnetze, Wildgarn erfordern einen ungewöhnlichen Aufwand an Fleiß und Mühe. Die Töpferei wird nur von Frauen besorgt, die vor den schwierigsten Aufgaben nicht zurückschrecken. Die großen Wasserkrüge haben bis einen Meter im Durchmesser. Besonderer Fleiß wird auf die Herstellung tönerner Pfeifenköpfe verwendet. Nicht selten sieht man solche ganz nach europäischer Art in Gestalt eines menschlichen Kopfes geschnitten; derartige Stücke werden als Meisterwerke geschätzt und sind um keinen Preis zu erstehen.

Gemeinsam ist auch hier beiden Geschlechtern die Unsitte, sich die unteren Schneidezähne auszubrechen. Die Männer tragen stets einen Schurz von Fell, oder sie befestigen einen Zeugfetzen an der nie fehlenden Lendenschnur. Das weibliche Geschlecht dagegen verzichtet hartnäckig auf Felle, Häute und Zeug; ein dichtbelaubter Zweig, auch wohl ein Bündel der feinsten Gräser, wird hinten und vorn an der Lendenschnur als Schurz befestigt. Das Haar wird bei Männern und Frauen in der Regel ganz kurz gehalten. Alle völlig ausgewachsenen Weiber erreichen einen hohen Grad von Wohlbeleibtheit. Ihre Schenkel haben nicht selten die Stärke des Brustumfangs schlanker Männer. Die Silhouette eines würdevoll einherschreitenden Bongoweibes erinnert an die Gestalt eines tanzenden Pavians. Ein Körpergewicht von drei Zentnern gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten!

Bei wenigen Völkern Zentralafrikas ist der Gebrauch der verschiedenartigsten Zierrate so allgemein. Sobald das Weib verheiratet ist, beginnt man die durchlöcherte Unterlippe mit einem eingesteckten Holzpflock zu erweitern, so dass sie schließlich das Fünf – und Sechsfache des gewöhnlichen Umfangs erreicht und weit über die Oberlippe hinausragt. In die Oberlippe wird ein kupferner Nagel gesteckt. Auch die Nase bleibt nicht frei. Kupferringe werden durch die Nasenscheidewand gezogen. Zum Überfluss fügen sie kupferne Klammern in die Mundwinkel ein. In sehr seltenen Fällen sind alle diese Zierrate vereinigt, nur der Pflock in der Unterlippe ist unentbehrlich und dient als Stammesmerkmal. Die Tätowierung ist meist auf den Oberarm beschränkt. Bei den Männern kann sie sehr verschieden sein, bei vielen fehlt sie ganz. Den Schmuck einer Bongodame vervollständigen Ringe von Kupfer oder Eisen, am liebsten an den Fußknöcheln, wo sie gewöhnlich mehrfach übereinander gereiht sind.

Die Waffen beschränken sich auf Lanze, Pfeil und Bogen. Schilde finden sich nur ausnahmsweise. Bogen und Pfeil führen sie mit bewundernswerter Geschicklichkeit.

Für eine Frau hat selbst der Ärmste dem Vater einen Haufen Eisenplatten als Kaufgeld zu entrichten, mehr als drei Frauen sind nicht üblich. Selten hat eine Bongofrau weniger als fünf Kinder. Kinderlosigkeit ist für den Mann immer ein Grund zur Scheidung. Bei Ehebruch sucht der Mann den Verführer zu töten, das Weib kommt mit Prügeln davon. Kinder, die nicht mehr gesäugt werden, dürfen nicht in der Hütte der Eltern schlafen, die größeren erhalten eine eigene Hütte. Die Bongo beschämen in diesem Punkt einen großen Teil der Bewohner Europas.

Der Tote wird unmittelbar nach dem Ende mit angezogenen Knien in kauernde Stellung gebracht, in einen Sack gehüllt und in das sehr tiefe Grab gesetzt, Männer mit dem Gesicht nach Norden, Frauen nach Süden. Über dem Grab errichtet man einen hohen Steinhügel, mitten darauf wird ein Wasserkrug gestellt. Stets bezeichnet man die dicht neben der Wohnhütte gelegene Stätte durch hohe Holzpfähle, die mit vielen Kerben verziert sind. Niemand wusste mir eine ausreichende Deutung für diese Pfähle zu geben.

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