Kitabı oku: «Armas vom See»

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Armas vom See

Einsamkeit - Zweisamkeit - Liebeszeit

Georg von Rotthausen

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Inhaltsverzeichnis:

Imprint

Inhaltsverzeichnis

24. Juli 2016

25. Juli 2016

Armas vom See

Einsamkeit - Zweisamkeit - Liebeszeit

“Wer das Gegenteil von Gerüchten, die über Ereignisse oder Personen in Umlauf sind, annimmt, trifft oft den wahren Sachverhalt.” Jean de la Bruyère

“Man kann Dummheit sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeiführen.” Alexander Mitscherlich

Es war der 24. Juli, ein wunderschöner Sommertag des Jahres 2016. Ein Sonntag.

Christian von Achternberg saß in seinem sonnenlichtdurchfluteten Arbeitszimmer an dem uralten Schreibtisch seines Großvaters − und dachte nach.

Die Tastatur seines Arbeitscomputers und dessen moderner Flachbildschirm wollten nicht so recht zu dem schönen alten Möbel passen, aber der Schriftsteller wollte es so. Fast siebzig Jahre hatte sein Großvater an diesem Schreibtisch mit der dazu passenden Wanduhr gesessen, einige wenige Jahre wohl auch sein Vater, zu dem der Kontakt abgebrochen war, ehe er ihn, zwanzig Jahre nach dem Tod des alten Herrn und ein Jahr nach dem Tod seines Vaters endlich aus dem Nachlaß bekommen hatte. Ohne es so geplant zu haben, setzte er sich genau am Jahrestag des Hinscheidens seines Großvaters an den Tisch, um ihn in Besitz zu nehmen, und als es ihm bewußt wurde, überlief ihn eine gewaltige Gänsehaut.

Nun aber saß er da, nach gutem Nachtschlaf bis in den frühen Vormittag hinein, seinem üblichen, knappen Frühstück, und es fiel ihm nichts ein. Da half auch sein geliebter Grüner Tee nichts. Er starrte den Bildschirm an, der starrte zurück, mit einer erschreckend leeren weißen Seite.

Achternberg entschloß sich, den Teetopf zu leeren, ohne gleich, wie üblich, einen dampfenden neuen hinzustellen. Er trank so gut wie keinen Alkohol, rauchte seit seinem 10. Lebensjahr nicht mehr, aber er war ein Kettenteetrinker geworden, nachdem er den einst so geliebten Kaffee wegen Magenbeschwerden Jahre zuvor aufgegeben hatte − aufgeben mußte. Er schloß die geöffneten Dateien, fuhr den PC herunter und ging in sein Schlafzimmer, um sich anzuziehen.

Es war schon am Vormittag derart warm, daß er, wie in der Jahreszeit üblich, nackt am Schreibtisch gesessen hatte. Olaf Gulbransson lief in seinem Garten in Oberbayern zum Malen nackt herum, nur mit einer Latzschürze bekleidet, da durfte er es sich wohl leisten, auch zur Schonung seiner Kleidung, in seinem eigenen Haus so herumzulaufen, wie er auf die Welt gekommen war − nackt.

Achternberg war durch großes Glück nicht mit maulender weiblicher Gesellschaft belastet, aber leider auch nicht von Familie umgeben, denn er hatte, zu seinem großen Kummer, keine Kinder − noch nicht, wie er, trotz seines Alters, gern betonte. Das käme schon noch, so verrückt der Gedanke sei, vor allem in der ungebetenen Meinung Dritter. Würde man einmal aufhören, nicht mehr ganz normal zu sein, vielleicht gar ein wenig verrückt, dann wäre man tot, liefe man dreist unter den sogenannten Lebenden herum, war sein Credo − und Kinder in diese verrückte Welt zu setzen, das wäre ebenso verrückt, wie es ein banal normaler Vorgang sei, den das Leben auf Erden nun einmal seit Millionen von Jahren betreibe, ohne sich viel Gedanken um die Folgen zu machen. Aber könnte nicht mit jedem Kind wieder eine neue Chance aufwachsen, daß diese bescheuerte Welt ein klein wenig besser würde? Auch wenn hin und wieder ein nicht ganz dichter Politiker oder gar ein künftiger Mörder darunter wäre? Mit genetischen Ausreißern hat die Welt bisher leben müssen und sie wird es bis zum bitteren Ende nicht anders halten können. Das ist nun einmal so.

Aber er hatte zwei Patentöchter, die er sehr liebte. Und eine liebte er etwas mehr.

Achternberg entschloß sich, in leichte Leinensachen zu steigen, seine bequemen Sandalen anzuziehen, einen breitrandigen Strohhut gegen die Sonne aufzusetzen − und an seinem See auf Hecht zu gehen, ohne sich von schöner Weiblichkeit mit einem Kuß und zärtlichen „bis nachher, Lieberchen” verabschieden zu können. Das Haus war nun einmal das, was Alleinsein ausmacht − still. Die Königin seines Herzens war nicht da.

Eine knappe halbe Stunde später saß er auf seinem mit buntem Stoff bespannten Klappstuhl auf dem vielleicht fünf Meter langen Holzsteg neben dem kleinen Sandstrand, hatte seine Angel ausgeworfen und harrte der Dinge. Er hoffte zudem, daß ihm dabei der Anfang seines neuen Buches einfallen würde. Ruhiges Nachdenken soll dabei schon sehr behilflich gewesen sein.

Er wußte ungefähr, wo in dem glasklaren Wasser der Hecht stand, auf den er es schon lange abgesehen hatte, aber der schlaue Räuber hatte sich bislang nicht verleiten lassen, anzubeißen.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, mit dem Sonnenstand würde die Einschätzung wohl hinkommen, denn er hatte, wie üblich, keine Uhr dabei, als sich rechts von ihm plötzlich etwas im Wasser bewegte. Es war nicht der Hecht, dafür war es zu groß − und fleischfarben.

Achternberg fixierte es, ungehalten über die Störung, könnte ihm doch dadurch der Hecht vergrämt werden, aber laut schimpfen konnte und wollte er nicht, dann wäre der schlanke Räuber ganz sicher für den Rest des Tages Geschichte.

Das, was da ankam, war groß und schlank und nackt, kam kurz vor dem Ministrand an die Oberfläche, holte tief Luft, stellte sich hin, strich sich die dunklen Haare zurück und ging an Land ohne zunächst von dem gestörten Angler Kenntnis zu nehmen.

Achternberg schätzte den ohne „weiße Hose” braungebrannten Teenager auf etwa 1,90 m, vielleicht 17, höchstens 18 Jahre alt. Er hatte eine altersgemäß schlanke, ja durchtrainiert wirkende Figur, und er vermittelte den Eindruck, als er sich umdrehte und auf dem Sand niederließ, sicher Objekt manch bewundernder Betrachtung von Bikinischönheiten oder gleichsam nackten Mädchen am Strand und Ziel neidischer Blicke von gleichaltrigen jungen Böcken zu sein.

Der Junge streckte sich aus, verschränkte die Arme unter seinem Kopf und schloß die Augen. Achternberg schenkte er keine Beachtung und der hatte keinen Anlaß, sich den Störbesuch weiter anzusehen, da er sich offenbar nur sonnen wollte und ruhig verhielt. So wandte er sich wieder dem Blick auf den See zu und versank in seinen Gedanken. Von dem Hecht war nichts zu sehen. Die Sonne brannte herunter und der See lag still.

„Hi! Darf ich mich zu Ihnen setzen?”

Achternberg schloß einen kurzen Moment genervt die Augen, ehe er seufzend antwortete.

„Bitte!”

Er drehte sich um. Vor ihm stand der nackte junge Bursche, der offenbar überhaupt nichts dabei fand, ohne eine Faser am Leib einen ihm wildfremden Mann anzusprechen. Er musterte ihn kurz, wie man eben jemanden mustert, den man nicht kennt und der sich obendrein völlig schamlos benahm. Oder sollte man sagen, ungezwungen, jugendlich frech? Achternberg wandte sich wieder dem See zu − und schmunzelte, ohne daß der Junge es sehen konnte.

„Das hätten wir uns in dem Alter mal trauen sollen! Leider haben wir uns nicht getraut.”

„Stört es Sie, daß ich nackt bin?”

„Nö.”

„Gut. Habe sowieso nichts dabei. Ich könnte mich höchstens mit etwas Scham bedecken, aber die habe ich dummerweise zu Hause liegenlassen.”

Der junge Bursche setzte sich hin und ließ seine langen Beine im Wasser baumeln, stützte sich nach hinten auf seinen Händen ab und hielt mit geschlossenen Augen sein Gesicht mit nach hinten gelegtem Kopf in die Sonne.

Achternberg schmunzelte vor sich hin. Der Junge hatte Wortwitz.

„Wo kommst Du her?” fragte er leise.

„Von drüben.”

Der Junge war nicht alt genug um mit „von drüben” die ehemalige DDR, also Mitteldeutschland, zu meinen.

„Vom anderen Ufer, von gegenüber?”

„Jou.”

„Haben Deine Eltern das alte Hansen-Anwesen gekauft?”

Der alte Resthof mit sehr großem Garten, altem Baumbestand und einem wunderschönen reetgedeckten Haus aus dem 18. Jahrhundert hatte eine ganze Weile zum Verkauf gestanden. Das Land drumherum, etwa zwanzig Hektar, war an die umliegenden Bauern verpachtet.

„Jou.”

„Und Du bist das ganze Stück auf einen Rutsch durchgeschwommen?”

„Jou. Unterwegs keine Insel entdeckt.”

Achternberg bemerkte, wie töricht er gefragt hatte, natürlich gab es „unterwegs” keine Möglichkeit, sich auszuruhen, außer man hängte sich außenbords eines Anglers, wenn gerade einmal einer draußen war.

„Du bist gut im Training, hm?”

„Jou, kann man sagen.”

„Ferien?”

„Jou. Sechs herrliche Wochen.”

Achternberg wandte sich zu ihm um, da er ein Plätschern gehört hatte.

„Macht es Dir ‘was aus, die Beine aus dem Wasser zu nehmen oder wenigstens nicht zu bewegen? Es möchte mir den Hecht vergrämen.”

„Nö.”

Der junge Bursche zog die Beine an, rutschte ein wenig nach hinten, legte sich auf den Rücken und verschränkte, wie zuvor auf dem Sand, die Arme unter seinem Kopf, wobei seine Bizeps deutlich hervortraten. Er schloß die Augen. Die starke Sonne schien ihm nichts auszumachen. Selbst seine Männlichkeit, seiner Körpergröße perfekt angepaßt, war schokoladenbraun, mit Ausnahme der rosigen, wohlgeformten, etwas überdimensionalen Spitze − natürlich.

Es war still am See. Es regte sich kein Luftzug. Achternberg wandte sich um. Der junge Bursche war noch da. Schweißperlen glänzten auf seiner makellosen Haut. Er schlief.

Achternberg registrierte, daß seine ungebetene Gesellschaft nicht nur einen wohlgestalteten Körper hatte, sondern auch ebenmäßige, fast schöne Gesichtszüge aufwies, mit leicht erhöhten Wangenknochen. Unwillkürlich dachte er, ob dazu wohl eine ebenso schöne ältere Schwester gehörte, nur um gleich darauf schmunzelnd über sich selbst den Kopf zu schütteln. Solch ein Altersunterschied bedeutete nur in phantasievollen Romanen kein Hindernis. Die Realität war leider zu spießig und mißgünstig. Obwohl, er kannte ein Mädchen, dem es sicher nicht gefiele, würde er plötzlich mit einer Neuen flirten. Mancher privater Ärger läßt sich ausnahmsweise einmal durch Nichtstun vermeiden − und Achternberg liebte nicht nur dieses Mädchen, er liebte auch die allgemeine Harmonie in seinem Leben. Disharmonie arbeitete er in seinen Geschichten ab.

Ihm fiel wieder ein, daß über den US-Musiker Billy Joel, der immerhin schon 65 war, sich im April 2015 die Nachricht verbreitet hatte, daß seine 32 Jahre jüngere Freundin Alexis Roderick, eine ehemalige Bankmitarbeiterin, ein Kind von ihm erwartete, den ersten gemeinsamen Nachwuchs. Allerdings hatte Joel 29 Jahre zuvor bereits erfolgreich eine Tochter in die Welt gesetzt, was Achternberg dank des unromantischen Verhaltens seiner großen Liebe in Dillsburg, Pennsylvania versagt geblieben war.

Ihm gefiel die schlagfertige, wortwitzige Antwort des Jungen hinsichtlich seiner unbekümmerten Nacktheit. Er verstand nur nicht, warum er sich nicht irgendwo am Strand unter Gleichaltrigen amüsierte, sondern hier bei ihm aufhielt, sonnte, schlief und bislang kaum etwas gesagt hatte. Wiederum, er war nicht lästig, warum sollte er ihn vertreiben. Ihn ärgerte nur, daß der Hecht einfach nicht anbeißen wollte.

Careen! Wie sie heute wohl aussah, kam Achternberg in den Sinn. Wahrscheinlich war sie noch schöner geworden, als sie es mit 24 Jahren war, als er sie ganz unvermittelt in Begleitung ihrer deutschen Großmutter Emma kennenlernte. Fünf Sekunden vorher gefragt, ob er an Liebe auf den ersten Blick glaube, hätte er jeden für verrückt erklärt, nicht ganz gescheit im Kopf − und dann läuteten Kölner Dom, Freiburger Münster, Münchner Frauenkirche, Berliner Dom, Stephansdom, Notre Dame de Paris, St. Paul’s Cathedral und Big Ben allesamt gleichzeitig! Er war wie angewurzelt stehengeblieben, hatte nicht fassen können, was er im gläsernen Autoschalter einer kleinen Bankfiliale in diesem Nest unweit Harrisburg erblickte: das schönste weibliche Wesen, das er je gesehen hatte! Ihr wunderschönes Lächeln, das er immer noch vor sich sah, als hätte es ihn gerade erst hypnotisiert. Aber es sollte nichts werden. Careen befand sich in einer sich auflösenden Verbindung, doch hatte sie den Ring noch nicht abgelegt. Sie war freundlich zu ihm, strahlte ihn an, doch ein Rendezvous lehnte sie ab. Achternberg war nur auf eine Woche bei ihren Großeltern zu Gast. Leopold, ihr Großvater, den er als Historiker aufgesucht hatte, war im Ersten Weltkrieg Kaiserlicher Leutnant zur See gewesen und hatte in der zweiten Weltkatastrophe, die die Sieger der ersten durch ihr törichtes und zutiefst demütigendes Friedensdiktat mit heraufbeschworen hatten, als Fregattenkapitän gekämpft. Zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens war er ein liebenswürdiger alter Herr, dessen Marinedolche nur noch als Dekoration an der Wand des großen Wohnzimmers in einem typisch amerikanischen Einfamilienholzhaus an der Hauptstraße von Dillsburg hingen, einer ebenso typischen amerikanischen Kleingemeinde im Osten der USA, die diesen unerwarteten Schatz eines weiblichen Wesens beherbergte. Er sollte Careen, die völlig akzentfrei hochdeutsch sprach, nur noch einmal wiedersehen und dann nie wieder. Aber genügte das nicht, einen Menschen über drei Jahrzehnte nicht zu vergessen? Einzige optische Erinnerung würde ein Photo bleiben, das er im Haus ihrer Großeltern abgehängt und in einem kleinen Geschäft kopiert hatte. Achternberg war ein armer Student, schaffte es nicht mehr, nochmals in die USA zu reisen, sein langes Werben verstand sie nicht. Ihre Großeltern waren auf Achternbergs Seite, ihr Vater verhielt sich freundlich neutral, ihre Mutter war gegen ihn − sie wollte, trotz Verwandtschaft in Deutschland, ihre ältere Tochter nicht mehrere tausend Kilometer von sich getrennt wissen. Ihr Vater schrieb ihm, sie könne nicht begreifen, daß ein Mann so begeistert von ihr sein könne. Acht Jahre später sollte sie einen optisch in keiner Weise zu ihr passenden, deutlich älteren Amerikaner ohne Liebe heiraten, aber er konnte ihre große Leidenschaft bedienen: er besaß eine Herde Pferde. Als Achternberg es von ihrer Großmutter erfuhr, war er über Monate wie von Sinnen gewesen, konnte es einfach nicht fassen, zumal sie kein Jahr nach ihrer Hochzeit ihr erstes Kind zur Welt bringen sollte. Ob es ein Mädchen oder ein Junge war, hat er nie erfahren.

Die alte Emma konnte ihn nicht trösten, als sie ihm schrieb: „Wer mir so die Liebe erklärt hätte, dem wäre ich bis in die Hölle gefolgt!”

Für Achternberg folgte die Hölle der Einsamkeit − für viele Jahre. Er kam nicht darüber hinweg.

In diesem Jahr würde Careen 56 Jahre alt. Vielleicht war sie geschieden vielleicht Witwe − er wußte es nicht. Ihr Erstgeborenes würde 23 Jahre jung sein. Achternberg wußte nicht, warum, aber er hoffte auf ein Mädchen, das die unglaubliche Schönheit der Mutter geerbt haben könnte. Und hinter ihm lag ein schöner Junge, der sein Sohn sein könnte, so schön, als hätte er ihn mit Careen gezeugt. Aber er hatte mit Careen keine Kinder, würde nie welche mit ihr haben − das war der große Kummer seines Lebens. Und in stillen, sentimentalen Stunden trauerte er seinen Kindern nach, die er nicht in seinen Armen halten durfte − ach wäret ihr doch geboren!

Er drehte sich in der Hüfte um, hielt die Angel ruhig, und ließ seinen Blick über den ruhig atmenden Körper dieses schönen jungen Menschen gleiten, der ihm völlig unbekannt und plötzlich doch irgendwie vertraut war, obwohl er nicht einmal seinen Namen kannte.

Seltsam. Der Junge suchte seine Nähe, stellte sich aber nicht vor. Suchte er seine Nähe? Vielleicht akzeptierte er einfach nur, daß er an dem ruhigen, einsam gewähnten Platz einen männlichen Menschen angetroffen hatte, der vom Alter her leicht sein Vater sein könnte.

Er hatte die frische, leichte Art eines fortgeschrittenen Teenagers an den Tag gelegt, der fröhlich lächelnd überspielte, daß er, ohne zu fragen, an einem Privatgrundstück an Land gegangen war, dazu ohne ein Stück Stoff am Leib. Irgendwo mußte eines der Schilder im Uferbereich stecken, das deutlich auswies Privatgrundstück. Betreten verboten. Achternberg hatte vergessen, wo. Der Junge war tauchend näher gekommen, konnte es also leicht übersehen haben. Achternberg war nicht in der Stimmung zu schimpfen, das verursachte ohnehin nur unnötig Falten, und der Junge machte nicht den Eindruck eines aufdringlich-neugierigen Fans − auf dem nassen Weg seiner „Anreise” konnte er schlecht ein zu signierendes Exemplar von Achternbergs Büchern mitbringen − oder eines Touristen, der mal nur neugierig sehen wollte, wie denn solch ein bekannter Tintenkleckser lebte. So wie auf Rothensande früher ständig wildfremde Leute in die Privaträume des Gutsherrn vordrangen, um mal zu schauen, wo die berühmten drei „Immenhof“-Filme der fünfziger Jahre gedreht worden waren.

Er war zudem der neue Nachbarssohn „von drüben”. So könnte es passieren, daß er im Sommer häufiger käme, vielleicht sogar täglich. Er könnte sich nicht täglich von neuem aufregen, zumal es ein Kompliment wäre, wenn der Junge zurückkehrte. Für ihn als Mensch, daß er nicht vergraulend wirkte, und für sein Stück Land am See, weil es, einladend, wie es nun einmal war, dem jugendlichen Besucher gefiel. Wer fühlte sich nicht geschmeichelt, wenn sein Zuhause von Dritten als schön empfunden würde!

Und Achternberg fühlte sich durch eigene Gedanken geschmeichelt, er hätte mit einer schönen Frau solch einen schönen Menschen in diese schöne Welt gesetzt haben können, die sich immer wieder so grausam gebärdete, weil boshafte Menschen sie nicht zu schätzen wissen und keine Ruhe geben können. Aber das Schlechte in dieser Welt, der einzigen, die die Menschen nun einmal haben, läßt sich nur durch das Gute und Schöne bekämpfen − und letztlich besiegen. Das sei ein tröstlicher Gedanke, fand er. Warum hätte er diesem friedlichen Teenager eine Szene machen sollen − warum?

Während er all das dachte, seinen Besuch betrachtete und sich gerade wieder der ruhigen Beobachtung seiner Angel widmen wollte, begann der junge Bursche, sich zu regen, ohne seine Augen zu öffnen. Er massierte mit seiner Rechten seine Brust, spielte mit seinen Brustwarzen, gähnte, als wolle er die Welt verschlingen, streckte sich, blinzelte gegen die Sonne an und stützte sich auf seine Ellbogen.

„Hab’ ich geschlafen?” fragte er leise.

„Glaub’ schon”, murmelte Achternberg, der sich kurz zu ihm umwandte. Dabei trafen sich ihre Blicke, worin sie einen Moment lang verharrten.

„Hat schon ‘was angebissen?”

Der Junge richtete sich auf.

„Nö. − Das Einzige, daß heute aus dem See gekommen ist, bist Du.” Achternberg zog seine rechte Augenbraue hoch. Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

„Störe ich Sie?”

„Nö. − Wie kommst Du darauf?”

„Na ja, Sie wollen hier in Ruhe angeln …”

„Ach, der Hecht läßt mich schon seit Wochen warten, da kommt es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht an. Du störst wirklich nicht. Wie heißt Du?”

„Armas.”

„Achternberg.”

„Ich weiß. Sie sind der Schriftsteller, der mit den Krimis und Erotikgeschichten und so.”

„Ach ja?”

„Ja, ich hab’ mich im Netz über Sie informiert. Man muß doch wissen, wen man als Nachbarn hat. Meine Mutter liest Ihre Sachen gern, Papa weniger. Ich finde Ihre Erotika cool. Macht ‘n mächtigen Ständer.”

„Ach ja?”

So deutlich hatte es Achternberg noch von keinem Leser gehört. Aber es freute ihn, daß seine erotischen Geschichten so anregend wirkten. Er mußte schmunzeln. Ihm gefiel die offene Art von diesem Armas.

„Klar. Sie schreiben so schön bildhaft, daß mein angeschaltetes Kopfkino mir wunderbar hilft, zu onanieren.”

Achternberg mußte sich räuspern. Der Junge war wirklich frei heraus. Es schoß ihm gleich durch den Kopf, wie stolz er wäre, einen solchen Sohn zu haben. Einen, mit dem er sich offen über alles unterhalten könnte.

„Hast Du keine Freundin?”

„Nein, das heißt ja, keine Freundin.”

„Warum nicht? Du bist ein hübscher Junge.” Achternberg sah Armas forschend an.

Das war eine indiskrete Frage, aber nun war sie einmal heraus.

„Ich will noch nicht. Die Mädchen haben Ansprüche, die zu erfüllen ich nicht bereit bin.”

„Ach ja? Gefallen Dir Jungs besser?”

Das war hart und direkt auf den Busch geklopft. Achternberg wunderte sich ein wenig, daß Armas nicht wild darauf erpicht war, sein erstes Mal mit einem Mädchen und mehr als das zu erleben. Armas sah ihn fest an. Seine Wangen hatten sich leicht gerötet.

„Ich bin nicht schwul, falls Sie das denken. Ich kann nur warten.”

Achternberg war plötzlich überzeugt, einen ganz besonderen jungen Menschen vor sich zu haben.

„Es würde mich nicht stören.”

„Was? Wenn ich schwul wäre?”

„Genau. Niemand kann etwas für seine Vorlieben.”

„Sind Sie schwul?” Armas sah ihn durchdringend an.

Achternberg antwortete ihm mit einer Gegenfrage.

„Wie kommst Du darauf?”

„Weil Sie tolerant zu sein vorgeben.” Armas sah ihn forschend an. „Und weil es Sie nicht stört, daß ich nackt bin.”

Achternberg lachte.

„Wäre es Dir lieber gewesen, ich hätte Dich laut schimpfend verjagt?”

„Das wäre zumindest die normale Reaktion gewesen, wie ich sie bisher kennengelernt habe.”

„Dann bist Du also bisher immer nur an Spießer geraten?”

„Das kann man so sagen. Ich bin nur beschimpft worden und meine Eltern habe böse Briefe bekommen.”

„Also, um das ein für allemal klarzustellen”, Achternberg sah Armas fest an, „ich liebe die Frauen, auch wenn sie manchmal eine ziemliche Plage sind”, beide lachten, Armas zeigte dabei zwei Reihen strahlendweißer Zähne, „ich bin im Moment allein und Du gefällst mir, sonst wärst Du nicht mehr hier. Beantwortet das Deine Frage?”

„Jou”. Armas lächelte und wirkte zufrieden.

„Und warum haben Deine Eltern böse Briefe bekommen?” Achternberg wurde neugierig, obwohl er sich gewisse Dinge schon denken konnte.

„Das waren immer ebenso neugierige wie spießige Nachbarn, vielleicht waren sie auch einfach nur neidisch. Ich bin nun einmal groß, habe das Glück einen gutgewachsenen Körper zu haben, den ich allerdings auch sportlich trainiere, und mein Schwanz ist überdurchschnittlich lang.”

„Kann man sagen“, nickte Achternberg zustimmend. Ihm gefiel das gesunde Selbstbewußtsein des Jungen, das nicht arrogant wirkte. „Läufst Du gern nackt herum? Ich meine, woher könnten die Nachbarn sonst wissen, daß Dein Penis zur Körpergröße paßt, wie? Oder hast Du keine Gardinen vor Deinem Fenster und wirst von den Nachbarn beobachtet, wie Du Dich in Deinem Zimmer bewegst? Spanner gibt es ja leider immer wieder.”

„Ich finde es einfach cool, frei und ungebunden zu sein, und das schließt ein, daß ich in der warmen Jahreszeit möglichst wenig Stoff am Körper haben möchte. Ich bin schon gern nackt schwimmen gegangen, als ich noch auf meine ersten Schamhaare wartete, und ich liebe es, in der Sauna zu sein. Wir hatten immer ein großes Grundstück um uns herum, aber es gibt ja Ferngläser. Da bin ich wohl immer begafft worden, wenn ich nackt im Garten herumgelaufen bin oder mich gesonnt habe. Meine Eltern haben das stets toleriert, aber die blöden Briefe der Nachbarn haben schon genervt. Auf der Straße bin ich auch schon mal als schamloser Bengel beschimpft worden. ‚Wenn du mein Sohn wärst …’ und so weiter. Finden Sie, daß ich schamlos bin?” Armas schlug kurz die Augen nieder, ehe er Achternberg fragend ansah, wobei er seinen Kopf leicht schräg legte.

„Natürlich bist Du schamlos, aber auf eine sehr angenehme, gesunde Art und Weise. Mache Dir deshalb keine Gedanken. Du bist auf eine wunderbare Weise völlig unnormal normal. Ich kenne Dich zwar erst seit heute, aber ich rate Dir, so zu bleiben, wie Du bist. Beantwortet das Deine Frage?”

„Jou.”

Armas war für einen ganz kurzen Augenblick das Gesicht gefroren, als ihm seine Schamlosigkeit bestätigt wurde, aber dann hellte es sich total auf. Ein Anflug von Glücksgefühl huschte über sein schönes Gesicht. Er strich sich mit dem rechten Zeigefinger über den Nasenrücken, den er danach leicht kräuselte.

„Man kann Dir nur gratulieren, daß Du auf eine wohltuende Art schamlos bist. Du lebst eine unverklemmte Körperlichkeit. Das müssen die meisten Menschen erst mühsam lernen, Du bist offensichtlich ein Naturtalent. Du benimmst Dich ungezwungen. Das ist sicher auch ein gehöriges Verdienst Deiner Eltern. Ich hoffe, ich darf sie einmal kennenlernen.”

„Das läßt sich bestimmt einrichten, wenn Papa mal wieder da ist.”

Achternberg sah ihn fragend an.

„Oh, er ist Kapitän auf Großer Fahrt und selten zu Hause. Ich habe ihn seit dem Umzug nicht mehr gesehen. Im Moment ist er irgendwo im Südchinesischen Meer.”

„Tatsächlich?”

„Es ist schon vorgekommen, daß er ein halbes Jahr nicht da war. Danach hatte Mama ungefähr eine Woche wenig Zeit für mich, aber das war schon in Ordnung. Das kommt immer wieder vor. Ich koche dann für meine Eltern mit und stelle es ihnen vor die Schlafzimmertür. Wenn wir uns dann wiedersehen, wirken beide immer etwas schlanker als vorher.” Armas grinste schelmisch. Auch Achternberg konnte sich ein breites Schmunzeln nicht verkneifen. Der Junge hatte wirklich Witz und Humor. Eine seltene, schöne Gabe. Er begann, ihn zu interessieren.

Achternberg beobachtete wieder das Umfeld der ausgeworfenen Angel. Hinter ihm wurde es still. Er wähnte Armas wieder in der Sonne ausgestreckt. Er wurde nicht gestört, und Achternberg wollte nicht stören. Sie würden sich schon noch weiter unterhalten. Nach einer Weile ...

„Magst Du morgen zum Essen kommen? Es gibt Matjes mit Pulchen.”

Achternberg wandte sich um − und fand sich wieder allein. Armas war verschwunden. Er mußte leise weggetaucht sein. Achternberg fand das ganz in der Ordnung. Trotz der erst kurzen Bekanntschaft war der Junge ihm sympathisch. Er würde wiederkommen, dessen war er sich sicher. Und das würde bereits am nächsten Tag sein. Für Achternberg bestand da kein Zweifel. Er würde für Armas etwas vorbereiten.

Verflixter Hecht! Er wollte wieder nicht beißen. Der schlaue Räuber narrte ihn einen weiteren Tag. Dafür hatte der See ihm ein anderes, ein besonderes Geschenk gemacht. Einen interessanten, jungen Menschen. Er hatte plötzlich die Grundidee für ein neues Buch.

*

2. Tag

Am nächsten Vormittag war Achternberg besonders gut gelaunt. Er hatte ausgezeichnet geschlafen. Am Abend zuvor fanden erste Notizen ihren Weg in den PC. Die erste grausige weiße Seite war bereits Vergangenheit und hatte damit ihren Schrecken verloren. Nach seinem wie üblich späten Frühstück war er kurz am See gewesen. Der lag bei schönstem Sonnenschein und fast wolkenlos blauem Himmel still da. Es regte sich kein Lüftchen. Die Wasseroberfläche war spiegelglatt.

Achternberg kehrte zurück, erledigte anstehende Post und tätigte telephonisch einige Überweisungen. Dann nahm er seine Angel, einen kleinen Picknickkorb, den er vorbereitet hatte, denn er wußte, daß er einige Stunden nicht zurückkehren würde, setzte sich seinen breitrandigen Strohhut auf und verließ das Haus.

Als er an dem kleinen Holzsteg ankam, bemerkte er, daß er bereits Gesellschaft hatte.

Armas lag mit dem Rücken auf dem großen Badetuch, das Achternberg ihm hingelegt hatte. Den breitrandigen Strohhut hatte er sich über die Stirn gelegt. Auf Armas’ Haut glitzerten keine Wassertropfen mehr, also war er mindestens schon seit einer halben Stunde da, aber sie glänzte − er hatte die Sonnenmilch benutzt, die Achternberg auf das große Tuch gelegt hatte. Und daneben lag, sorgfältig quadratisch gefaltet, die Alufolie, in der ein großes Stück kalte Putenbrust eingewickelt gewesen war. Der Junge hatte offensichtlich Hunger gehabt und sich daran nach der Seeüberquerung gestärkt.

Armas’ linke Hand lag auf seiner Brust, die sich ruhig hob und senkte. Den rechten Arm hatte er unter seinen Kopf gelegt. Dadurch war sein rechter Bizeps deutlich hervorgetreten, während unterhalb seiner rechten Brusthälfte sein Rippenxylophon leicht hervortrat. Er bot ein anrührend friedliches Bild. Achternberg konnte nicht anders als stehenzubleiben und diesen ästhetischen Eindruck einen Moment lang in sich aufzunehmen. Aber so ganz friedlich war das Bild dann doch wieder nicht.

Achternberg fiel auf, daß Armas’ Penis seine Ruhestellung gewechselt hatte. Und er war irgendwie „größer“. Konnte das eine optische Täuschung sein? Er ruhte nicht schlaff in seiner selbst dann beachtlichen Länge zwischen Armas’ Schenkeln, sondern auf seinem Bauch − reichte fast bis zu seinem Bauchnabel. Achternberg grinste und schüttelte amüsiert den Kopf: Armas hatte eine Erektion!

„Wie schön, er fühlt sich schon so wohl hier, daß er sich nicht scheut, sein erotisches Kopfkino einzuschalten. Oder er ist eingeschlafen, wie gestern, und träumt etwas Schönes. … Ach ja, wären wir doch in seinem Alter so unverklemmt gewesen. Da hat sich doch keiner getraut, coram publico einen Ständer zu bekommen!”

Achternberg sprach ihn nicht an, wollte ihn nicht erschrecken oder gar peinlich berühren. Er ging vor auf den kleinen Steg, stellte seinen Korb ab, den Klappstuhl auf, setzte sich und warf die Angel aus. Achternberg sah auf den See hinaus und schaltete ab.

Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er ein Plätschern wahrnahm. Achternberg wandte sich um und sah, daß Armas im flachen Uferwasser kniete und sich wusch. Er dachte sich etwas, wollte aber nicht wirklich wissen, warum, und tat so, als hätte er es nicht bemerkt, denn Armas sah nicht zu ihm herüber. Der Junge war völlig entspannt, offensichtlich.

Kurz darauf hörte er das Geräusch näherkommender nackter Füße auf dem Holz. Ehe Armas etwas sagen konnte, sprach Achternberg ihn an, ohne sich umzuwenden.

„Hast Du gut geschlafen?”

Die Trittgeräusche wurden einen Moment unterbrochen, ehe sie weiter näher kamen und dann ganz anhielten. Armas stand unmittelbar hinter Achternberg.

„Jou, schon.” Nach kurzer Pause. „Was macht der Hecht?”

„Eine gute Figur, mich zum Narren zu halten.”

„Ein Räuber mit Humor.”

„Kann man sagen.”

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?”

„Such’ Dir ein freies Plätzchen.”

Armas setzte sich diesmal nicht hinter Achternberg auf den Steg, sondern rechts von ihm nieder. Und er ließ seine langen Beine nicht im Wasser baumeln, sondern nahm die Schneidersitzposition ein.

Achternberg bemerkte diese Rücksichtnahme mit Wohlgefallen und einem leisen Schmunzeln. Armas stützte sich nach hinten mit den Händen ab. Er legte seinen Kopf in den Nacken und schloß die Augen.

Achternberg ließ einen Moment die Eintauchstelle seines Angelhakens aus den Augen und sah Armas an. Er fand, er sei schon ein besonders wohlgestaltetes Exemplar männlicher Mensch. Im Stillen hoffte er, der Junge sei nicht eingebildet darauf. Achternberg selbst war einst ein hübscher Bursche gewesen, was er nun unter einem grauen „Gesichtspullover” mit Schnurrbart verbarg. Er sah wieder auf den See hinaus. Die Sonne brannte herunter. Der See lag still. Schweigen.

Armas rieb mit seinem rechten Zeigefinger über seine Nase. Danach stützte er sich wieder nach hinten ab. Er wirkte total entspannt, atmete ruhig.

„Verabschiedest Du Dich eigentlich immer französisch und wie ein U-Boot?” fragte Achternberg mit ruhiger Stimme, als fürchtete er, der Hecht könnte mithören.

„Nö, nicht immer. Und warum wie ein U-Boot?” Armas öffnete die Augen und sah Achternberg in einer Mischung aus Verwunderung und Amüsiertsein an.

„Weil Du so leise weggetaucht und abgelaufen bist, wie eines unseres neuesten Unterseeboote.”

„Sie haben so in Gedanken versunken auf den See hinausgeschaut, da wollte ich Sie nicht stören.”

Die beiden sahen sich an. Achternberg nickte wortlos anerkennend.

„Danke schön übrigens für das Badetuch, den Strohhut, die Sonnencreme und die kalte Putenbrust. Hat gut geschmeckt.”

„Da nich’ für.”

Nach einer kurzen Pause.

„Finden Sie, daß ich einen schönen Körper habe?” Armas sah ihn mit seinen leuchtenden braunen Augen intensiv an. Achternberg gab den Blick zurück. Eine ebenso seltsame wie verständliche Frage.

„Wäre ich Bildhauer oder Maler, ich wäre total begeistert.”

„Und als Maler mit Worten sind Sie es nicht?”

Achternberg zog seine rechte Augenbraue hoch. Worauf wollte der Junge hinaus?

„Ich denke, ich müßte erst eine Weile nachdenken, ehe ich Dich mit den richtigen Worten beschreiben könnte. Beantwortet das Deine Frage?”

„Jou. − Und wie finden Sie meinen Schwanz?”

Achternberg wandte seinen Kopf in Zeitlupe dem aparten Fragesteller zu und sah ihn über den Rand seiner Brille endlos scheinende Momente an. Er dachte, er habe sich verhört. Achternberg mußte sich tatsächlich einen Moment sammeln und erwischte sich dabei, daß er die Männlichkeit des Jungen genau musterte.

„Meinst Du entspannt oder als Ständer?” Jetzt war die Verblüffung bei Armas angekommen. Er wurde rot. Er schluckte.

„Sie haben …?”

„Ich habe …”

„Oh.”

„Nichts, was Dich beunruhigen müßte.”

„Nicht?”

„Nein. Ich habe nichts gesehen, was nicht vollkommen natürlich gewesen wäre.”

Armas’ Gesichtsausdruck zeigte Erleichterung.

„Aber sage mal, auch wenn der Ort scheinbar passend ist − warum betreibst Du fishing for compliments? Hast Du das nötig?” Achternberg sah ihn mit erneut erhobener rechter Augenbraue an.

Armas räusperte sich zum ersten Mal etwas verlegen.

„Na ja, er ist nun einmal auch hängend sehr lang und seit zwei Jahren werde ich auf dem Gymnasium nur noch gehänselt. Ob ich auf dem Landesgestüt geboren worden wäre, ob mein Vater ein Pferd sei, manchmal eseln sie mir nur hinterher ,Iaah, iaah!’. Und einer flüsterte mir ins Ohr, wie denn der Zuchthengst hieße, mit dem sich meine Mutter gepaart hätte …”

„Und?”

Armas war knallrot geworden, aber er blickte doch triumphierend auf.

„Der ist danach mit solch einem blauen Auge herumgelaufen!” Armas deutete mit beiden Händen die Größe des Veilchens an.

Achternberg lachte.

„Nur mit einem? Dem hätte ich zwei verpaßt!”

„Ging nicht mehr, da war er schon auf der Flucht!”

Armas lachte von einem Ohr bis zum anderen.

„Bravo, mein Junge!” spendete Achternberg Beifall. „Warum läßt Du Dich denn überhaupt von solchen Neidhammeln beeindrucken?”

„Ich weiß nicht. Mir fehlten stets die passenden Gegenargumente. Es ist zu blöd, daß einem immer erst Stunden später gute Repliken einfallen. Aber dann ist keiner mehr da, dem ich sie zum Nachdenken entgegenschleudern kann. Zu dumm das!” Armas kniff seine Lippen zusammen und warf zur Bekräftigung „etwas” in Luft − ohne „etwas” in der Hand gehabt zu haben.

„Geht mir ganz genauso. Ich bin über Unverschämtheiten meist so verblüfft, daß es mir zunächst die Sprache verschlägt − und abends fallen mir dann die besten Antworten ein. Verflixte Kiste!”

Achternberg und Armas lachten beide über das ganze Gesicht − gleichzeitig.

„So etwas passiert jemandem, der so mit Worten spielen kann wie Sie?” wunderte sich der junge Bursche und runzelte leicht seine Stirn.

„Oh ja, warum denn nicht”, schmunzelte Achternberg mit einem kurzen Seitenblick auf Armas. „Du büst doch ok ‘n plietschen Burs un hest nich alltiet dat richtige Woort op dien Tung, nich? [Du bist doch auch ein pfiffiger Bursche und hast nicht immer das richtige Wort auf Deiner Zunge, nicht?]”

„Jou.” Armas grinste.

„Siehst Du. Ich kannte einen General, dem ging es ebenso. Zackig im Dienst, nicht auf den Mund gefallen, aber Frechheiten verblüfften ihn dennoch. Das ist auch eine Form von Zerstreutheit, und die ist ein Zeichen von Klugheit und Güte. Nur dumme und boshafte Menschen sind immer geistesgegenwärtig, wie es schon François Gaston de Lévis im 18. Jahrhundert formulierte”, dozierte Achternberg. Armas sah ihn fragend an.

„Oh! Wer Lévis war? Hm, er steht seltsamerweise nicht im Brockhaus oder im Meyers verzeichnet, dabei war er ein Marschall von Frankreich und sehr erfolgreicher Feldherr während des Franzosen- und Indianerkrieges in Kanada. Aber er steht im Dictionary of Canadian Biography. Kannst Du bei mir nachlesen, wenn Du magst.”

„Oh ja, gern. Darf ich Sie mal besuchen kommen? “

„Machst Du das nicht gerade schon?” Achternberg sah ihn schmunzelnd an.

„Hm, ich glaub’ schon, irgendwie.” Ein spitzbübisches Lächeln huschte über Armas’ Gesicht, und er strich sich mit dem rechten Zeigefinger über den Nasenrücken, der sich gleich darauf kräuselte.

„Übrigens, diese Nullen, die Dich gehänselt haben − mache nie den Fehler, sie zu übersehen, denn so lange sie hinter dem Komma stehen, sind sie mächtig und gefährlich, denn sie blähen alles auf, was vor ihnen steht, auch dumme Sprüche. Stelle sie mit Geist und Wortwitz vor das Komma, und schon wird alles, was hinter ihnen steht, fast bedeutungslos, was ihnen dennoch immer noch eine erhebliche Macht gibt. Aber betrachtest Du sie genau, die Nullen, so bestehen sie nur aus einer dünnen Hülle und sind innen hohl. Das gilt für die törichten Typen, die Dir Dein Aussehen und Deine körperlichen Qualitäten neiden, wie für aufgeplusterte Leute in Bildung, Wirtschaft und Politik, die sich für die Größten halten und nur dummes Zeug absondern. Dummheit ist schon immer nach oben weggelobt worden. Das war so, das ist so, und das wird immer so bleiben, bis die große rote Sonne diesen Planeten verschlingen wird, aber ich bin zuversichtlich, daß die Menschheit, in ihrer unendlichen Schwarmdummheit, sich bis dahin zum Vorteil der Erde selbst ausgelöscht haben wird.”

Achternberg war dabei, sich in Zorn zu reden, seine Stirnfalte hatte eine bedenkliche Tiefe gewonnen, doch er bremste sich rechtzeitig ab.

„Aber wir müssen bei aller liebenswürdigen Zerstreutheit aufpassen, daß wir uns rechtzeitig wehren, denn die Null regiert die Welt, das ist nun einmal so − und die Mikrobe der menschlichen Dummheit ist leider noch nicht gefunden worden.”

Armas hatte fasziniert zugehört. Er war bei Achternberg in ein Sommerseminar geraten, aber es störte ihn nicht nur nicht, es machte ihn enorm neugierig. Doch erst sah er sich selbst einer Neugier Achternbergs gegen über.

„Darf ich Dir eine intime Frage stellen?”

Armas nickte wortlos − er war gespannt, was folgen würde.

„Wir wissen nun bereits, daß Du eine Männlichkeit besitzt, um die Dich viele beneiden, was sie in ihrer Dummheit nur mit Häme beantworten können, aber warum bist Du beschnitten? Du bist kein Araber und jüdische Züge hast Du auch nicht.”

„Haben Sie etwas gegen Juden?” fragte Armas stirnrunzelnd.

„Nein, obwohl ich Beschneidung aus sogenannten religiösen Gründen ablehne, die durch nichts zu begründen ist. Aber das ist meine private Meinung. Ich hatte, gemessen an Nürnberg, eine halbjüdische Tante, die meine Familie durch die braunen Jahre heil und lebend durchgebracht hat. − Warum bei Dir?”

Beide sahen sich fest in die Augen. Armas zögerte noch einen Moment, ehe er …

„Meine Eichel ist zu groß, schön geformt, denke ich, aber zu groß. Als ich drei Jahre alt war, mußte die Vorhaut wegen der schmerzhaften Verengung entfernt werden. Die Schmerzen gehören zu meinen ersten echten Erinnerungen. Es war ein rein medizinischer Eingriff. Aber ich bin auch deswegen in der Schule arg gehänselt worden, ‚Bei dir fehlt ja ‘was, bei dir fehlt ja ‘was!’, bis ein verständnisvoller Lehrer die Klasse über den Grund informiert hat. Es gab noch ein bißchen Gekichere und Getuschel, aber danach war Ruhe. Nur unter der Dusche wollten sich das einige einmal genau ansehen. Das habe ich zugelassen, und damit war das Thema durch. Es ging erst wieder los, als sie merkten, daß ich alle in der Länge überholte. Richtig lästig.” Armas verzog sein Gesicht.

Achternberg freute sich über das intime Geständnis. Der Junge faßte bereits Vertrauen zu ihm. Oder war er nur froh, endlich einmal darüber reden zu können? Achternberg vermutete, daß Armas keine wirklichen Freunde hatte. Er hatte bislang auch keine Geschwister erwähnt. Vielleicht war er ganz allein.

„Hast Du keinen Freund?” Achternberg entschloß sich, die soziale Situation des Jungen zu erkunden.

„Wie meinen Sie das?” fragte Armas, und er wirkte plötzlich scheu dabei.

„Na ja, einen guten oder gar besten Freund, mit dem man alles besprechen kann, mit dem man schwimmen und in die Sauna geht, über die Mädchen lästert, Hausaufgaben macht, ins Kino geht, in der Disco abhängt, vergleicht, wie die Schamhaare wachsen, wie lang der Schwanz ist, Wettwichsen veranstaltet und die ersten Pornos im Internet anschaut, was man in dem Alter eben so macht.”

Armas sah Achternberg mit großen Augen an. Der hielt das aus, vergaß im Moment seine Angel. So hatte offensichtlich noch niemand mit dem Jungen gesprochen. In Armas „arbeitete” es sichtlich.

„Nein. Aber muß ich heute darüber sprechen?”

„Wann immer Du möchtest, wenn Du möchtest”, antwortete Achternberg voller Verständnis. Armas war für den Moment überwältigt. Er wollte ihn nicht überfordern, sonst würde er sehr wahrscheinlich „zumachen“.

„Was hast Du gestern abend gemacht?”, versuchte Achternberg durch Themawechsel die Stimmung wieder zu lockern.

„Ich habe etwas von Ihnen gelesen.”

„Und? Hat es Dir gefallen?” Ganz uneitel als Autor war auch Achternberg nicht.

„Es war lustig und anregend zugleich. Jedenfalls hatte ich hinterher vor dem Lichtaus ein schönes erotisches Selbstgespräch mit meinem verlängerten Ich.”

Achternberg bemerkte, daß Armas unter seiner braunen Haut errötete. Ihm gefiel die direkte Art des Jungen immer besser, und das er kein abgebrühter Bursche war. Und er verblüffte ihn weiter.

„Ich mache es mir gerne. Es fühlt sich so großartig an, den eigenen Körper zu spüren. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne war.” Armas schmunzelte. Er schien schon wieder daran zu denken.

Achternberg bemerkte, daß ihn etwas beschäftigte.

„Spuck’s aus!”

„Was soll ich ausspucken?”

„Was Du mich fragen möchtest.”

„Werden Sie mir auch nicht böse sein, wenn ich etwas intimes wissen möchte?” Armas sah besorgt aus.

„Warum sollte ich? Wir sind doch unter uns. Laß es ‘raus.”

Armas sah ihn fest an.

„Haben Sie früher viel onaniert, ich meine, vor ihrer ersten Freundin?”

„Früher?” Achternberg grinste schelmisch. „Und was verstehst Du unter ‚viel’?”

Armas war baff.

„Äh, dreimal am Tag?” Er hob beide Augenbrauen an.

„Hm-hm, guter Durchschnitt. Herr Testosteron läßt schön grüßen.”

Damit hatte Armas offensichtlich nicht gerechnet.

„Wirklich?”

„Ich war auch mal siebzehn, genau wie Du.”

„Woher wissen Sie, wie alt ich bin?

„Jetzt weiß ich‘s.” Achternberg lächelte. „Und damals waren meine Haare dunkelbraun.”

„Und mit fünfzig haben Sie immer noch Lust darauf, ich meine …” Er machte eine eindeutige Handbewegung.

Achternberg mußte derart lachen, daß er gleich darauf die Angel einholte. Jetzt war der Hecht sicher für den Tag weg.

Armas wußte sichtlich nicht, was er von dem Lachanfall halten sollte. Ein so „alter Mann“ konnte doch unmöglich noch Sex haben.

„Das ist aber nett von Dir, daß Du mich für fünfzig hältst. Na ja, volle Haare, keine kahlen Stellen. Da lege mal noch ein bißchen ‘was drauf. Es hat sich offenbar ausgezahlt, daß ich in Interviews nie mein Alter preisgegeben habe, also auch das Internet nichts darüber weiß.”

„Tatsächlich? Und Sie haben noch Lust auf Sex?”

„So wahr ich hier sitze.” Achternberg schmunzelte breit.

Armas schaute ungläubig drein. Sein Vater war 45, seine Mutter 40, und das war ihm bisher schon verdächtig vorgekommen. Er war irgendwie fassungslos, daß der Schoß des Graukopfes noch nicht „tot” war und er sich so offen über intime Dinge mit einem Mann unterhalten konnte, der älter als sein Vater war − mit dem zusätzlichen Unterschied, daß er mit seinem Vater überhaupt nicht darüber reden konnte, er wollte es auch nicht. Dafür war sein „alter Herr” einfach zu wenig präsent. Und seine Mutter war eine Frau! Eine wunderbare, schöne Frau, aber eine Frau! Was gingen eine Frau Männergeheimnisse an − was? Und die Mädchen in seinem Gymnasium? Die kicherten nur, tuschelten hinter vorgehaltener Hand oder hatten es mit ihrem penetranten „Guck mal, ist der nicht süß?” Meinten die ihn? Er war doch nicht süß! Er war ein Mann! Na ja, fast, irgendwie. Ja, zum Donnerwetter, er hatte noch keine süße Furche gepflügt, aber was die auch alle wollten: Er hatte kein geiles Motorrad, sein iPhone war nicht das allerneueste Modell, er pfiff auf teure Markenklamotten, er wollte keine lauten Parties feiern, wo man sich nur anschreiend „unterhalten“ konnte und einem hinterher stundenlang der Kopf dröhnte, er mochte keinen Alkohol, er rauchte nicht. Er wollte Volleyball spielen oder schwimmen, etwas Krafttraining machen, um seine Muskeln zu definieren, er las gern und viel. Ein Mädchen hatte er mal gebeten, ob sie sich nicht gegenseitig vorlesen könnten. Da könne sie sich ja gleich ein Hörbuch kaufen, war ihre törichte Antwort und ließ ihn stehen. Was er sich wünschte, da konnten die Mädchen nicht mithalten. Und wie die auch über Sex redeten! Er hatte Gespräche mitbekommen, da war er vom bloßen Zuhören knallrot geworden. Was die alle von einem Jungen und seinem Penis erwarteten! Höchstleistungen am laufenden Band, das gesamte Kamasutra ‘rauf und ‘runter. Er hatte sich das mal angesehen. Das war ein Studium für sich. Wie sollte man das in so kurzer Zeit alles im Repertoire haben? Nein, das war ihm zuviel, zu anstrengend. Er sehnte sich nach Zärtlichkeit, nicht nach übertriebenen Turnübungen neben dem Schulsport.

Armas hatte zudem das Problem, daß ihm sein Samen immer wieder unfreiwillig abging. Durch die Beschneidung rieb sich seine Eichel so intensiv am Stoff, daß er mindestens einmal die Woche seine Sahne an seine Hose verlor. Mit fünfzehn war ihm das nicht nur einmal im Freibad und beim Schulschwimmen in seiner engen, knappen Badehose passiert. Die blöden Bemerkungen und das höhnische Grinsen hatten ihn lange verfolgt. Er befürchtete insgeheim, daß ihm das auch beim Sex mit einem Mädchen passieren könnte. Er hatte Angst, ausgelacht zu werden.

Und die Jungs? Das war noch ein ganz anderes Thema. Von denen hatte er aus ganz bestimmten Gründen wirklich die Nase voll.

Armas fühlte, daß er diesem Schriftsteller vertrauen könnte, aber alles wollte er ihm nach zwei Tagen doch noch nicht offenbaren. Dennoch freute er sich darauf, manches endlich einmal jemandem erzählen zu können, von dem er das Gefühl hatte, verstanden und nicht ausgelacht zu werden. Achternberg hatte Interesse an ihm, und er hatte Interesse an Achternberg. Das war eine gute Basis.

Er hatte keinen vertrauten Freund, mit dem er im Sommer nackt unter einem Baum liegen und mit ihm die innersten Gedanken austauschen konnte, Fortsetzung im Winter Rücken an Rücken auf der großen Fensterbank in seinem Zimmer, eingehüllt in warme Pullover, über Gott und die Welt redend. Wenn er allein in der großen Badewanne saß, wünschte er sich einen Kumpel herbei, mit dem er sich darin herumlümmeln könnte, coole Musik hören, sich gegenseitig die Haare waschen, quatschen, bis daß das Wasser kalt wäre und die Finger schrumpelig. In der Sauna saß er immer allein auf der Bank, obwohl stets viele Leute um ihn herum waren. Niemand hatte Interesse an ihm, wenn er von dem Anstarren seines Schwanzes einmal absah. Er hatte mehr als einmal das Weite gesucht, wenn Typen unterschiedlichen Alters ihm zu nah auf die Pelle gerückt waren. Beim letzten Mal hatte er einem etwa Zwanzigjährigen allerdings Schläge angedroht, wenn er noch einmal so ganz aus „Versehen” an seinem Penis entlangwischte. Inzwischen war seine Körpergröße eine beachtliche Unterstützung. „Bleib’ cool, Baby”, hatte der aufdringliche Kerl noch gesagt, ehe er sich mit einem letzten unverschämten Blick und erhobenen Händen zurückgezogen hatte.

Armas räusperte sich.

„Sie haben noch Spaß an Sex, wirklich?”

„Ja natürlich, was dachtest Du denn?” Achternberg lachte. „Das hört doch nicht auf, nur weil einem Mann die Haare ausfallen oder er grau wird. Ich könnte Dir eine ganze Reihe Prominente nennen, die mit über sechzig und siebzig mit allerdings deutlich jüngeren Frauen Kinder in die Welt gesetzt haben. Kennst Du Anthony Quinn?”

Armas zuckte mit verzogenem Kinn mit den Achseln.

„Na ja, er lebt schon einige Jahre nicht mehr. Das war ein weltberühmter mexikanisch-amerikanischer Schauspieler. Er wäre letztes Jahr 100 Jahre alt geworden. Der alte Knabe hat mit 81 Jahren sein 13. Kind gemacht und ist mit 86 Jahren gestorben. Stramme Leistung, nicht?”

Es war Armas anzusehen, daß ihm innerlich die Klappe herunterfiel. Sein Gesicht war die reine Ungläubigkeit. Lebte man in diesem Alter nicht im Pflegeheim? Könnte man in dem Alter noch so vital sein? Wow, da hätte er ja tatsächlich eine Menge Spaß vor sich.

„Sieh Dir mal ,Sturmfahrt nach Alaska’ an, darin spielt er den Gegenpart zu Gregory Peck, in ‚Lawrence von Arabien’ spielt er einen Stammesfürsten, der Akaba erobert, und sein berühmtester Film ist ‚Alexis Sorbas’. Darin tanzt er einen Sirtaki, wie es ein geborener Grieche nicht besser könnte.”

Armas überlegte.

„,Lawrence von Arabien’ habe ich Anfang des Jahres gesehen. Ist das der, der mit seinem Säbel einen türkischen Offizier erschlägt? Coole Szene.”

Achternberg staunte über die Detailerinnerung des Jungen. Das sprach für seine Beobachtungsgabe. Der Film war immerhin drei Stunden lang.

„Ja, genau der. Allerdings in Wirklichkeit ohne die Adlernase.”

„Dann habe ich ihn vor Augen. Der konnte noch mit 81? Cool!”

Achternberg kam aus dem Schmunzeln über die Verwunderung Armas’ gar nicht mehr heraus.

„Entschuldigst Du mich einen Moment? Mein geliebter Grüner Tee will an die frische Luft.”

„Klar.”

Achterberg stand auf und verschwand einige Meter entfernt hinter dem hohen Schilf. Als er zurückkam, war er wieder allein.

*

3. Tag

Am Abend hatte Achternberg fleißig geschrieben, wie üblich bei ihm, wenn es lief, bis spät in die Nacht. Armas hatte sich zu einer wahren Inspiration entwickelt.

Nach dem Frühstück hatte er für den Jungen wieder alles am Holzsteg vorbereitet. Dieses Mal legte er noch ein Handtuch zum Abtrocknen dazu. Der Tag versprach, schön zu werden. Die Wettervorhersagen waren gut.

Es waren einige Leser-Elektrogramme aufgelaufen, die Achternberg der Reihe nach beantwortete − das gehörte sich so. Es war auch Post von seiner amerikanischen Autorenfreundin Shawna Tylerson dabei. Sie hatte wieder einige hübsche Erotikkurzgeschichten im Internet veröffentlicht. Er mochte ihren Stil. Sie schrieb ganz anders als er, aber das machte den Reiz aus. Er entschloß sich, ihr abends zu schreiben, dann würde sie es mitten am Tag, gemäß ihrer Ortszeit, empfangen können.

Der Computer fuhr herunter und Achternberg machte sich fertig, das Haus für einige Stunden zu verlassen.

Als er am Seeufer ankam, entstieg Armas den Moment schwer atmend dem Wasser. Sein nasser Körper blinkte und glänzte im prallen Sonnenlicht. Er schüttelte seine Haare aus, daß die Tropfen nur so spritzten, und strich sie zurück, dann entdeckte er den nahenden Achternberg. Armas winkte ihm mit einem strahlenden Lächeln zu, der zurücklächelte, und erwartete ihn.

„Moin, Herr von Achternberg.”

Der Schriftsteller blieb vor Armas stehen, der immer noch „pumpte”, stellte seinen Klappstuhl und den Picknickkorb ab − und beide reichten sich zum ersten Mal die Hand.

„Moin, moin, mein Junge.” Es wurde ein fester Händedruck, über den sich jeder der beiden auf seine Weise freute.

„Schön, daß er keine Schlabberhand hat. Nichts schlimmer, als einem ,toten Fisch’ die Hand zu geben.”

„Geil, daß ein Tintenkleckser so kräftig zufassen kann.”

„Ich habe Dir heute auch ein Handtuch zum Abtrocknen hingelegt.”

Armas drehte sich um, wobei er Achternbergs Hand losließ.

„Oh, danke!” Der Junge tat ein paar Schritte zu seinem vorbereiteten Lagerplatz, nahm das Handtuch auf und begann, sich abzutrocknen. Derweil begab sich Achternberg auf den Holzsteg und baute seinen Platz auf. Ehe er sich setzen und die Angel auswerfen konnte, erreichte ihn erstmals die Bitte des Jungen:

„Reiben Sie mir den Rücken ein? Dann muß ich mich nicht so verrenken.”

Achternberg drehte sich um. Armas stand schon hinter ihm und hielt ihm die Plastikflasche hin. Achternberg nahm sie, Armas drehte sich um, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Oberschenkeln ab und neigte den Kopf nach vorn.

Als Achternberg ihm einen dicken Klecks zwischen die Schulterblätter drückte, zuckte der Junge leicht zusammen. Die Sonnenmilch war kühl und Armas offensichtlich empfindsam.

Achternberg stellte die Plastikflasche auf seinen Klappstuhl und begann, die Creme auf Armas’ Rücken zu verteilen und einzureiben.

„Deinen Hintern auch? Es würde ausreichen.”

„Ja sicher, keine Hemmungen. Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre Ihr Sohn.”

Achternberg hob die Augenbrauen an, was der Junge freilich nicht sehen konnte. Was war da über Nacht passiert? Solch ein Sprung nach vorn in der Vertrautheit? Achternberg konnte es sich nicht erklären, aber viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, den soviel „Hintern” war es nicht.

„Fertig!” Er klopfte dem Jungen auf die Schulter. Armas erhob sich und bat um die Plastikflasche. Achternberg reichte sie ihm. Der Junge drückte sich gehörig Sonnenmilch in die rechte Hand und begann, sich gründlich einzucremen.

Achternberg wollte sich nun endlich dem Angeln zuwenden ...

„Würden Sie mich waschen, wenn ich krank wäre, und es nicht selbst tun könnte, ich meine, wenn ich Ihr Sohn wäre?”

Armas cremte wie gedankenverloren seinen flachen Bauch ein.

„Selbstverständlich.”

„Auch intim?” Armas fuhr mit dem Eincremen seines Penis’ fort. Ich meine, Arsch und Schwanz und so?”

Er sah Achternberg prüfend an. Der hielt dem Blick stand.

„Wenn Du meiner Fürsorge anvertraut wärst, selbstverständlich. Und als Baby-Sohn würde ich Dir die Windeln gewechselt haben, mit allem was dazugehört, einschließlich Bauchpruster. Du könntest ja auch mein Patenkind sein oder der Waisenjunge ums Leben gekommener Freunde. Warum fragst Du?”

„Und Sie würden das nicht für schwul halten?”

„Natürlich nicht! Nur verdorbene Gehirne könnten das, kranke Spießer unserer sozial kalten Gesellschaft. Honi soi qui mal y pense!”

„Dann weiß ich nicht, warum Sie gefragt haben, ob Sie auch meinen Hintern einreiben sollen. Sind doch bloß meine Arschbacken, oder?”

„Macht man aber normalerweise nicht, wenn man sich kaum kennt.”

„Sind wir beide denn normal?” Armas sah ihn mit lachenden Augen fragend an.

Achternberg räusperte sich und blieb die Antwort schuldig − erst einmal.

Als Armas sich abwenden wollte …

„Würdest Du mich waschen, wenn ich Dein kranker Vater, Onkel oder ein enger Freund wäre?”

Beide sahen sich fest an.

„Selbstverständlich. Überall. Jederzeit.”

Damit war die Arschfrage geklärt. Ein neues, enges Freundschaftsband wurde geknüpft.

„Wenn Du ‘was trinken willst, Mineralwasser ist hier im Picknickkorb. Bedien Dich.”

Zwei Stunden später.

Armas war fest eingeschlafen, aber dank seiner vorgebräunten Haut und des hohen Lichtschutzfaktors hatte er keine Hautreizung als er aufwachte und sich rekelte. Er streckte sich wie am frühen Morgen nach einem guten Nachtschlaf. Der Junge stand auf, sah, daß Achternberg immer noch in seinem Klappstuhl saß und auf den See starrte. Ihn drückte die Blase. Er trat nach rechts hinter das Schilf und pinkelte. Armas fühlte sich sauwohl. Als er sich verplätschert hatte ging er zum Holzsteg und staunte nicht schlecht über Achternbergs exzellentes Gehör. Noch ehe er im Picknickkorb nach der Mineralflasche greifen konnte, wurde er gefragt ...

„Hast Du gut geschlafen?”

„Oh ja, danke. Hab’ sogar gut geträumt.”

„Erzählst Du es mir?”

„Vielleicht. − Neues vom Hecht?”

„Nö. Er dreht mir eine lange Nase.”

Armas grinste und setzte sich im Schneidersitz neben Achternberg nieder.

„Haben Sie vielleicht den falschen Köder?”

„Mit dem Wobbler habe ich schon mal einen Hecht von über einem Meter herausgeholt, gut fünfzehn Kilogramm.”

„Hier am See?”

„Nee, in Finnland, letztes Jahr.”

„Scheint ein schlauer Bursche zu sein, denn sonst schnappt der Hecht doch selbst nach einer durchs Wasser gezogenen Bananenschale.” Armas gab sich erfahren.

„Ach ja? Kannst ja mal mit einer Bananenschale durch den See schwimmen, hm?”

„Und dann verwechselt der Schlingel meinen Schwanz mit Beute. Nein danke!” Armas schüttelte sich und bedeckte schützend seine Männlichkeit einen Moment mit seiner Rechten. „Wenn der Hecht einmal zugebissen hat, läßt er nicht mehr los. Ich will noch Spaß mit Monsieur Bouchon haben!” Sein Gesicht war ein einziger Widerwillen.

Achternberg lächelte. Armas hatte seine Erotika tatsächlich gelesen.

Eine ziemliche Weile lang trat wohltuende Stille ein. Armas schloß die Augen und legte seinen Kopf in den Nacken. Er wirkte völlig entspannt, dabei nahm er innerlich Anlauf zu einer weiteren Frage.

„Bin ich eine Lachnummer, wenn ich mit siebzehn noch keinen Sex mit einem Mädchen hatte?”

„Nein, natürlich nicht. Warum solltest Du das sein?“ Achternberg sah ihn an, Armas öffnete gerade die Augen, ihre Blicke trafen sich. „Wie kommst Du darauf?”

„Weil ich in meiner Klasse deswegen ausgelacht werde.”

„Wer lacht Dich aus? Mädchen oder Jungs?”

„Jungs, drei vor allem, und die anderen grinsen auch nicht viel blöder.”

„Und das läßt Du Dir gefallen?”

„Was soll ich denn machen? Ich kann doch kein Schauficken veranstalten!” Der Einwand hatte etwas für sich.

Achternberg überlegte kurz.

„Bleiben wir mal bei den drei besonders netten Typen. Weißt Du, ob sie selber schon mal …?”

„Jedenfalls geben sie an wie eine Tüte Mücken. Aber ich habe einen nur einmal mit einem besonders hübschen Mädchen im Freibad gesehen.”

„Das muß nicht notwendigerweise seine Freundin gewesen sein. Man kann auch mit einer eigenen Schwester oder Cousine baden gehen.” Daran hatte Armas noch gar nicht gedacht. Er hatte Martin tatsächlich nicht beim Knutschen beobachtet. Noch nie. Edgar und Holger auch nicht. Jetzt konnte er sich denken, warum.

„Weißt Du, die am lautesten und gehässigsten über andere lästern, wollen meist nur von sich selbst ablenken und ihre eigenen Defizite vertuschen. Kennt man zur Genüge, glaube es mir.”

„Meinen Sie wirklich?” Armas sah noch zweifelnd drein.

„Oh ja. Das ist ein Prinzip bis hinauf in die sogenannte hohe Politik. Besonders in schwachen politischen Systemen lenken die Staatschefs gern von ihren innenpolitischen Problemen ab, indem sie Feindbilder gegen Minderheiten im eigenen Land oder gegen benachbarte Staaten aufbauen, Chauvinismus schüren oder gar Kriege anfangen. Dann werden kriegerische Handlungen gegen Nachbarn betrieben, weil dort als Minderheit lebende eigene Landsleute angeblich geschützt werden müssen oder gar deren Wohngebiete durch Landraub dem eigenen Staat angegliedert. Das steigert den oftmals fast religiös überhöhten Nationalismus und so kann ein halbdiktatorischer Präsident, erst recht ein Diktator, von seinen hausgemachten Problemen ganz vorzüglich ablenken. Dann werden jährlich Siegesparaden zu Ewigkeiten zurückliegenden sogenannten Siegen abgehalten und das Chauvinistenherz hüpft höher, während der Rest des Körpers vergißt, daß er Hunger hat. Ganz einfach. Funktioniert beim tumben Volk, aber auch bei Intellektuellen, die es eigentlich besser wissen müßten, sich durch ihre charakterlose Beihilfe aber persönliche Vorteile versprechen. Simple Psychologie. Anders machen es diese drei Schelme mit Dir auch nicht, wie mir scheint. Wie drückt sich das denn bei denen Dir gegenüber aus?”

Armas hatte gebannt zugehört, doch nun senkte er den Blick und mehr als das − er ließ den Kopf hängen.

Achternberg war schnell klar, daß den Jungen etwas bedrückte.

„Erzählst Du es mir?”

„Muß ich?” Armas sah ihn fast verzweifelt an.

„Du mußt gar nichts, nur eines fernen Tages sterben, aber vielleicht kann ich Dir helfen, dann sollte ich einfach wissen, was diese Lümmel mit Dir treiben.”

„Das ist es ja gerade! Sie verbreiten, daß ich es treibe − mit Jungs.”

Eine dicke Träne kullerte über seine rechte Wange, ohne daß er sein schönes Gesicht zum Weinen verzog. Es griff Achternberg derart ans Herz, daß er sich augenblicklich entschloß, dem verwundeten Jungen mit aller Macht beizustehen.

Aber an diesem Tag kam er nicht mehr dazu, denn plötzlich stand Armas auf, hechtete in den See und schwamm davon.

Achternberg blieb nichts anderes übrig, als ihm nachzusehen. Er rief ihm nicht nach, ließ ihn ziehen. Er würde wiederkommen. Doch drei Tage lang ließ Armas sich nicht blicken. Das große Badetuch, das Achternberg täglich am Seeufer ausbreitete, blieb unbenutzt. Das Handtuch zum Abtrocknen blieb fein säuberlich gefaltet liegen, ebenso der in Alufolie eingewickelte gebratene Putenimbiß. Die Sonnenmilch blieb unberührt.

Achternberg machte sich Sorgen um diesen wunderbaren Jungen und doch wieder nicht. Armas war verwundet, aber nicht tödlich. An seinen Grundfesten war gerüttelt worden, er war aber nicht wirklich in ihnen erschüttert. Sonst hätte er ganz anders reagiert, vielleicht gar längst die Dummheit begangen, sich das Leben zu nehmen. Er würde wiederkommen und Achternberg legte sich bereits erste Grundzüge eines Feldzugsplans gegen diese Bande zurecht. Und als er am vierten Tag nach Armas’ kummervollem Geständnis an den Holzsteg kam, saß der Junge bereits da. Er stützte sich nach hinten ab, ließ seine langen Beine im kühlen Wasser baumeln und genoß die Sonne auf seinem nackten Körper. Ein Blick zum Badetuch zeigte Achternberg, daß sein Besuch Hunger gehabt hatte: die Alufolie lag fein säuberlich quadratisch gefaltet daneben. Die Plastikflasche mit der Sonnenmilch stand neben Armas auf dem Holzsteg.

„Soll ich Dir den Rücken einreiben?”

„Hintern nicht vergessen“, scherzte Armas, als er sich umdrehte, Achternberg anlächelte und aufstand. Er hielt ihm die Plastikflasche hin. Beide sahen sich einen intensiven Moment lang in die Augen. Darin lag ein starkes, non-verbales Verständnis, eine tiefe Bindung, wie sie zwischen Seelenverwandten vorkommt.

„Dreh Dich um.”

Achternberg hatte seine Sachen abgestellt, öffnete die Flasche und drückte Armas, der sich wieder auf seinen Oberschenkeln abstützte und den Kopf vorbeugte, einen dicken Klecks zwischen die Schulterblätter. Armas zuckte leicht, wie schon beim ersten Mal.

Achternberg rieb des Jungen Schultern und Nacken ein, dann in kreisenden Bewegungen den Rücken hinunter bis zu seinen strammen Pobacken. Armas genoß die Nähe sichtlich. Für Achternberg wurde es immer deutlicher: der Junge war wirklich allein. Er sog jede Zuwendung auf wie ein trockener Schwamm, sei es mit ihm zu reden oder eine solch harmlose Nähe wie das Einreiben zum Sonnenschutz.

Nun, ganz so harmlos schien es aus Sicht des Jungen nicht zu sein: Als er sich nach Achternbergs „Fertig!” und dessen Klaps auf die Schulter umdrehte, hatte er eine halbe Erektion! Achternberg bemerkte es, natürlich, und Armas sah ihn zu seiner Überraschung nicht verlegen, sondern grinsend an.

„Mir geht’s gut, da krieg’ ich oft ‘n Ständer. Stört es Sie?”

„Nein. Nichts Unnatürliches.” Beide sahen sich schmunzelnd an, und Achternberg wuschelte ihm zum ersten Mal durch die Haare, als wolle er ihm ein nett gemeintes „Du Lausejunge!“ sagen. Dabei zog er ihn mit der Hand im Genick zu sich hin, wessen sich Armas lachend entwand.

Achternberg erinnerte sich aus seiner Schul- und Militärzeit an manch überdeutliche Beule im Schritt mancher Sportkameraden, die sie beim Ringen entwickelten. Die Kampferregung schlug auf die Lenden durch. Bei Armas war es ein zutiefst genossenes Wohlbefinden. Das war kein Grund zu einer wie auch immer gearteten Besorgnis, sondern zur Freude. Dem Jungen ging es gut.

„Setz’ Dich zu mir”, forderte Achternberg ihn auf. Armas ließ sich neben ihm nieder. Achternberg warf die Angel nicht aus. Der Junge war ihm wichtiger.

„Was hast Du in den letzten Tagen gemacht?”

Armas sah ihn mit offenem Blick an. Da war nichts mehr von dem tieftraurigen Jungen zu sehen, ganz im Gegenteil.

„Ich habe viel nachgedacht, in mich hineingehört, gelesen, auch von Ihnen, schöne Musik gehört, wundervoll onaniert, es hat richtig gut getan. Schockiert Sie das, daß ich viel onaniere?”

Achternberg schüttelte amüsiert den Kopf.

„Warum, mein Junge, sollte mich etwas schockieren, das völlig normal ist, sage mir das, warum?”

„Vielleicht, weil ich es so offen erzähle?”

„Darum bist Du zu beneiden. Als ich in Deinem Alter war, konnten wir das nicht. Viele Menschen können das bis heute nicht, sind Gefangene ihrer verklemmten Erziehung oder ihrer persönlichen Ängste. Oder sie haben niemanden, mit dem sie sich angstfrei austauschen können. Viel zu viel wird vertrauensselig in den sogenannten sozialen Netzwerken ausposaunt, dabei ist das hochgefährlich.”

Armas nickte zustimmend. Er hatte es erlebt, daß das Vertrauen eines Klassenkameraden schändlich mißbraucht worden war. Kevin hatte einem Kumpel im Freibad vertrauensselig erzählt, wie er sich selbst befriedige und gefragt, ob sie nicht mal ein Wettwichsen veranstalten könnten. Einen Tag später stand alles in einem asozialen Netzwerk nachzulesen. Seither lief der arme Junge nur noch mit gesenktem Kopf herum, traute sich mehr sich jemandem anzuschließen, wurde offen oder heimlich ausgelacht. Der sozial inkompetente Mob an der Schule hatte ein weiteres Opfer gefunden. Als Armas ihm beistehen wollte, wurde er brüsk zurückgewiesen, er solle weggehen, er sei doch schwul. Kevin schubste ihn regelrecht weg. Das soziale Gift fraß sich durch. Armas war ziemlich schockiert und zog sich selbst weiter zurück.

„Mit Ihnen kann ich offen sprechen, oder?”

Armas sah Achternberg prüfend an, legte seinen Kopf schräg.

„Das mußt Du noch fragen?”

„Nein. Sie haben recht. Mit Ihnen kann ich freimütig sein. Sie würde es ja auch nicht stören, wenn ich schwul wäre.”

„Jetzt reicht es mir aber bald”, wurde Achternberg energisch. „Warum reitest Du denn immer wieder darauf herum? Wenn es Dich heimlich interessiert, dann probiere es doch einfach mal aus, zum Donnerwetter! Aber heul‘ mir nicht die Ohren voll, wenn Dich miese Typen dafür halten, verflixte Kiste noch eins! Mir ist das egal, ob Du Blumenblätter naschst oder Lakritzstangen lutschst, verrückter Bengel.”

Armas lachte verschmitzt von einem Ohr zum anderen. „Kann es sein, daß Sie mich mögen?” Wieder legte er seinen Kopf schräg.

Achternberg sah ihn mit einem Blick an, der zwischen „Ich gebe Dir gleich eins an die Backe” und „Ich mag Dich sehr” schwankte.

„Natürlich mag ich Dich, sonst dürftest Du überhaupt nicht hier sein” − und das unterstrich er mit einem Klaps an Armas’ Hinterkopf, so daß der Junge „nickte” − „Du Bursche, Du! Du landest gleich im Bach!”

„Da müßten Sie mich aber wieder eincremen …” Im nächsten Moment sprang Armas auf und flitzte einige Meter auf Sicherheitsabstand, denn Achternbergs Mimik war plötzlich schlecht einzuschätzen. Sie schwankte zwischen einer Backpfeife und In-den-Arm-nehmen. Armas war ein einziges jungenhaftes Lachen. Achternbergs Gesicht hellte sich wieder auf. Er schüttelte mit dem Kopf, sah zu Boden und ließ ein leise grunzendes Lachen hören. Dann sah er mit schräggelegtem Kopf zu Armas hinüber, der in sicherem Abstand wartete, was nun passieren würde. Der suchte Achternbergs Blick. Achternberg winkte ihn schmunzelnd heran und stand auf. Armas kam langsam näher, wenn auch zögerlich.

„Nein, ich werde Dich nicht ertränken!”

Und dann geschah etwas, womit wohl beide nicht gerechnet hatten. Sie lagen sich plötzlich in den Armen. Ein ebenso lustiges wie seltsames Bild. Ein wenn auch luftig bekleideter Graukopf, aber immerhin komplett bekleideter erwachsener, großer Mann, und ein splitterfasernackter, braungebrannter, noch etwas größerer Teenager umarmten sich als wären sie Vater und Sohn oder Onkel und Neffe. Ignorante zufällige Beobachter hätten noch ganz anders denken können − honi soit qui mal y pense!

„Aber nicht, daß Du gleich wieder einen Ständer bekommst, Du Lümmel!”

„Nö, ganz sicher nicht”, schluchzte der Junge.

Achternberg löste sich von ihm und hielt ihn an beiden Schultern fest.

„Jetzt reicht es mir aber bald! Was ist mit Dir los? Erst lachst Du und nun …”

Armas schaute ihn scheu an, Wasser füllte seine Augen, und als er blinzelte, rollten zwei dicke Tränen über beide Wangen. Der Junge biß sich auf die Unterlippe − und schluckte. Mit seinen nassen Augen sah er Achternberg wie hilfesuchend an. Der ahnte etwas.

„Dich hat lange niemand mehr in den Arm genommen, nicht?”

Armas nickte.

„Ach herrje, der Junge ist ja sozial völlig vernachlässigt.”

„Komm, setz Dich zu mir.”

Achternberg strich ihm wie väterlich über die Haare. Armas wischte sich mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht, holte tief Luft − und seufzte leise.

Achternberg setzte sich auf seinen Klappstuhl, Armas ließ sich im Schneidersitz zu seinen Füßen nieder.

„Erzähl.”

Armas räusperte sich und sah kurz zu Boden, ehe er Achternberg fest ansah.

„Ich bin nicht schwul.”

„Ich weiß. Ich weiß aber nicht, warum Du das immer wieder wie eine Entschuldigung wiederholst. Das mußt Du nicht, mir gegenüber schon gleich überhaupt nicht. Weißt Du, die Zeiten des unseligen Paragraphen 175 sind ein für allemal vorbei. …!”

„Und warum bin ich immer wieder gefragt worden, ob ich am 17. Mai geboren wurde?”

„Ach, hat man das getan? Da haben wir es wieder, Ablenkung von eigenen latenten Neigungen oder schlicht Boshaftigkeit, Lust am Quälen eines Dritten. Nun ja! Weil diese Arschlöcher, wenn sie diese Formulierung benutzt haben, eindeutig von ihren Vätern, eher noch von den Großvätern aufgehetzt worden sind. Das sind alles noch Hypotheken aus der alten Zeit. Kaiserzeit, NS-Zeit, die muffigen fünfziger Jahre der Adenauer-Ära. Kennst Du ja nur aus dem Geschichtsunterricht, sollte der an Deinem Gymnasium etwas taugen. Weißt Du, daß König Karl von Württemberg homosexuell war?”

Armas schaute erstaunt drein, zuckte kopfschüttelnd mit den Achseln.

„Der König lebte das ganz offen. Im liberalen Württemberg war es nicht strafbar. Karl war kein attraktiver Mann, Rauschebart, aber er hatte einen, wie man hört, unanständig schönen amerikanischen Metzgergesellen als Geliebten, den er in Friedrichshafen aushielt, wo er auch die meiste Zeit verbrachte. Die arme Königin Olga lebte weiter in der Residenz Stuttgart …”

„Er war verheiratet?” fragte Armas erstaunt dazwischen.

„Oh ja, aber kinderlos, wie man sich denken kann. Sein Nachfolger, Wilhelm II., ein Neffe zweiten Grades, war der Sohn des Prinzen Friedrich von Württemberg. Ohne seinen berühmten Minister von Varnbüler wäre damals das Königreich vermutlich an die Wand gefahren worden. Er hat ihn 1870 trotzdem entlassen und durch Mittnacht ersetzt. Als Wilhelm I. von Preußen einmal auf Staatsbesuch kam und Karl sich nach Stuttgart bequemen mußte, fragte ihn der preußische Monarch auch nach Gebäuden in der Residenz. Karl kannte sie nicht. Reichlich peinlich. Als Württemberg 1871 Teil des Deutschen Reiches wurde, machte sich Karl mit seinem Sexualleben strafbar, denn dann galt auch dort die übernommene preußische Gesetzgebung, aber natürlich passierte ihm nichts, da er als König unantastbar war.” Achternberg dozierte schon wieder.

„Der Glückliche”, seufzte Armas. „Den hat dummes Geschwätz nicht gekümmert.”

„Er war der König und bei ihm traf es zu. Und warum kümmert es Dich?”

„Na ja, ist doch blöd. Man wird komisch angesehen, muß sich gehässige Bemerkungen anhören, wird geschnitten, im Sport bei Mannschaftswahlen stehengelassen, in der Umkleide wird einem immer wieder das Handtuch weggerissen, ich solle doch mal meinen Pferdeschwanz zeigen, wer den denn lutsche, iaah, iaah! Ist doch Scheiße! Und manche Mädchen glauben das auch noch.” Armas runzelte in sichtbarer Verärgerung die Stirn.

„Dann sind es dumme Gänse. Obwohl, das ist eigentlich eine Beleidigung für jede intelligente, echte Gans.” Achternberg lächelte und konnte damit auch Armas wieder ein Schmunzeln auf dessen Gesicht zaubern.

„Und kein guter Freund hat zu Dir gehalten?”

„Nee. Falk hat sich zurückgezogen, als er gefragt wurde, wie es denn sei, wenn wir Neunundsechzig machten.”

„Ein feiger Blödmann und sicher kein wirklicher Freund. Er hätte sofort blaue Augen zu Deiner Verteidigung verteilen müssen. Vergiß ihn! Oder hast Du mal mit ihm?”

Armas sah ihn bestürzt an.

„Nein!”

„Ich frag’ ja nur. Hätte kein Problem damit. Das wäre in Deinem Alter ganz normale Neugier. Einfach mal ausprobieren.”

Armas staunte.

„Haben Sie denn?”

„Nein. Diese Lebenserfahrung ist an mir vorbeigegangen. Und ich weiß nicht, ob ich das bedauern soll, aber damals ging es auch mit HIV und Aids los, wir hätten schon aus Angst nicht. Neugierig waren wir schon, aber eben nicht aus tief verankerter Neigung, sondern nur um zu wissen, wie es sei, wenn ein Mädchen einen Jungen verwöhnt. Als dann die Mädels richtig interessant wurden, war das Thema durch. Hast Du denn mal daran gedacht?”

Armas senkte den Kopf. Er hatte.

„Mußt Dich nicht schlecht fühlen. Du bist völlig normal.”

„Finden Sie wirklich?” Armas sah ihn zweifelnd an. Er war rot geworden.

„Würde ich es sonst sagen?”

Es war Armas anzusehen, wie erleichtert er war. Die sommersprossige Heike hatte ihm sehr gut gefallen, sie sah in ihrem knappen, bunten Bikini einfach zu süß aus, aber ehe er sich getraut hatte, etwas zu sagen, hatte er sie an einen forschen Jungen aus der Nachbarklasse verloren.

Die anderen Mädchen, nicht wenige sehr hübsch und mit aufregenden Bikinifiguren, was ihn im Freibad häufiger veranlaßte, sich auf den Bauch zu legen, da man ihm meilenweit ansehen konnte, wie aufgeregt er war, waren für ihn unerreichbar. Denn wenn er eine Unterhaltung versuchte, erwiesen sie sich ein ums andere Mal als verkicherte Zicken, die kein gutes Gespräch suchten, oder sie neckten ihn, womit ein junger Bursche seines Alters nicht geneckt werden will. Ob er denn gut knutschen könne oder ganz direkt, ob er denn schon mal habe ... Sein Erröten machte jedes Mal eine Antwort überflüssig, bis es sich im Flurfunk und per SMS herumgesprochen hatte, daß er noch nicht hatte. Und dann seine von ihm für gut gehaltene Freundschaft mit Falk, der ihm in puncto guter Figur in nichts nachstand und auch bei den ach so „wichtigen” Zentimetern gleichauf mithalten konnte. Nur Falk war nicht beschnitten. Armas beneidete ihn darum, denn er fand, das man mit Vorhaut besser onanieren könne. Und als er ihn mal wie beiläufig gefragt hatte, ob ihm auch die Sahne ungewollt abginge, hatte Falk grinsend verneint. Das mache er anders. Wie denn anders als so, hatte Armas ihn gefragt und die eindeutige Handbewegung vollführt. Zu seinem Erstaunen hatte Falk daraufhin im uneinsehbaren Garten seiner Eltern die Badehose ausgezogen, sich masturbierend in Stimmung gebracht, dann gestreckt, nach vorn gebeugt und seinen freudig erregten Monsieur Bouchon mit seinen Lippen tief „umarmt” bis es sahnig wurde. Armas hatte fasziniert und mit steigernder Erregung zugesehen, konnte es schier nicht glauben. Er versuchte es auch, aber er schaffte es nicht zu seiner großen Enttäuschung. Zum ersten Mal wäre er neugierig gewesen, Falk zu „helfen” und sich von Falk helfen zu lassen, aber er traute sich nicht, zu fragen. Fortan rieselte es ihm seltsam durch den Körper, wenn er Falk nackt unter der Dusche oder in seinem Zimmer herumlaufen sah und wenn Falk bei ihm war und sie mal wieder nachmaßen, ob ihre Schwänze länger geworden waren. Es war ihnen wichtig, das zu wissen. Dann war Falk die blöde Frage nach 69 gestellt worden und die Freundschaft zerbrochen. Seither war Armas ein Solitär. Kein Klassenkamerad wollte mit ihm Freundschaft schließen oder traute sich nicht. Es kam sogar vor, daß einige den Duschbereich verließen, wenn er hereinkam. Dabei mußte er es sich gefallen lassen, daß kurz vor ihm Zungen in die Wangentasche gesteckt wurden oder Jungs in eindeutiger Manier an Mittelfingern lutschten. Einmal kamen zwei auf ihn zu, einer bückte sich und der andere vollführte mit wedelndem Schwanz unzweideutige Luftstöße. Armas hätte sich prügeln können und manchmal auch wirklich mögen, aber er beherrschte sich.

Achternberg hatte Armas’ Schilderung ruhig zugehört, obwohl es ihn aufregte, daß ein sensibler Junge derart gemobbt wurde.

„Du hättest diese Fingerlutscher fragen sollen, ob sie ihre Schnuller zu Hause vergessen hätten oder auch, ob sie dem dem neuen Verein der Schwanzlutscher beigetreten seien, von denen Du im Internet gelesen hättest. Machen die das noch einmal, wirst Du sehen, daß denen der Finger im Hals steckenbleibt.”

„Oder es gibt eine heiße Schlägerei!”

„Kannst Du Dich nicht wehren? Hau’ einen gekonnt zu Boden, pack’ den anderen, wenn es zwei sind, blitzschnell und hart bei den Eiern und hauche ihm mit tiefergelegter Stimme in Stephen-King-Manier ins Ohr, ob er ein Mann bleiben oder kinderlos sterben wolle. Grinse ihn dabei diabolisch an und mache aus Deinem Eiergriff einen Schraubstock. Glaub’ mir, der pinkelt sich vor Angst voll. Verschaffe Dir Respekt und lasse Dir nicht alles gefallen. Büst doch ‘n staatschen Jung! [Bist doch ein stattlicher Junge!] Eine gelungene k.o.- und Sack-Aktion und Du hast Deine Ruhe. Das spricht sich blitzschnell herum. Gehe zur Vorsicht eine Weile mit einem stabilen Stock als Wanderstab herum, um Dir Überfälle vom Hals zu halten − und wenn einige Wochen nichts passiert, hast Du gewonnen. Sieh aber zu, daß Du den Großmaul-Anführer erwischst. Die meisten sind bei solchen Sachen nur feige Mitläufer.”

„Meinen Sie wirklich?” Armas war der Zweifel anzusehen.

„Natürlich. Das liegt in der menschlichen Natur. Ein tapferer Landrat in Ostpreußen hat sich 1938 in Majorsuniform zusammen mit einem Wachtmeister mit gezogener Waffe vor eine Synagoge gestellt, als eine SA-Meute kam und das Gotteshaus zerstören wollte. Der Landrat hat ruhig mit dem Erschießen des ersten Mannes gedroht, der auf ihn zukäme, und die Synagoge blieb stehen, bis 1945 die Russen kamen. Die größten Schreihälse sind nur in der Masse mutig. Drohe ihnen an, sie als erste vorzunehmen, schon kneifen sie den Schwanz ein.

„Schade, daß Sie bei uns nicht Lehrer sind!”

„Ach weißt Du, ich schreibe lieber, kann ja nicht der ganzen Welt helfen, und doch, wenn ich Dir helfe, dann helfe ich irgendwie auch der Welt, denn Du trägst Dein neugewonnenes Selbstbewußtsein in die Welt hinaus und machst sie bestimmt ein bißchen besser. Da bin ich ganz zuversichtlich.”

Achternberg wuschelte lächelnd in Armas’ vollem schwarzen Schopf, was dem Jungen sichtlich gefiel.

„Aber sage mir mal die Namen der drei Haupthetzer, die glauben, Dich als schwul verleumden zu dürfen und wo die Typen anzutreffen sind.”

„Was haben Sie denn vor?”

„Etwas sehr wirkungsvolles − Du wirst sehen.”

Achternberg zückte einen kleinen Notizblock und einen Stift. Beides hatte er stets dabei, um spontane Gedanken aufschreiben zu können. Armas zögerte noch einen Moment, aber dann gab er ihm die Namen und beschrieb ihm, in welchem Freibad die Drei sich gewöhnlich aufhielten. Zwei von ihnen seien die nächsten drei Wochen noch nicht im Urlaub. Er war gespannt was passieren würde. Mit zufriedener Miene und Armas zuzwinkernd steckte der Schriftsteller Notizblock und Stift wieder ein. Dann warf er die Angel aus und Armas streckte sich auf dem Holzsteg aus. Das war zwar etwas unbequemer, aber offensichtlich wollte er in Achternbergs unmittelbarer Nähe bleiben. Die Sonne schien wie Honig auf die traute Zweisamkeit. Armas genoß die Wärme auf seiner Haut und Achternberg die Ruhe, die nun einkehrte. Er wollte nachdenken − und endlich diesen verflixten Hecht aus dem See holen. Die guten Gedanken kamen, nur der Hecht nicht.

Hinter ihm verschränkte Armas die Arme unter seinem Kopf, die Augen geschlossen − und bald zeigte seine Männlichkeit wieder Richtung Bauchnabel, aber das sah Achternberg nicht. Doch es würde ihn gefreut haben, denn der Junge fühlte sich unglaublich wohl. Seine Seele war von einiger Last befreit.

*

Am nächsten Tag

Am Abend zuvor hatte Achternberg ein wichtiges Telephonat geführt. Dabei hatte er vergnügte Mitwirkungsbereitschaft an seinem Feldzug gegen Armas’ Peiniger gefunden. Das sei doch mal ein schöner Sommerspaß, war unisono geantwortet worden. Beim Auflegen bestand Achternberg aus einem einzigen breiten Lächeln. Das würde eine unvergeßliche Lektion werden. Sein frugales Abendbrot schmeckte ihm gleich noch einmal so gut. Anschließend schrieb er bis spät in die Nacht.

Am Vormittag war er gut gelaunt aufgestanden, hatte geduscht und sich die Haare gewaschen, danach alles für Armas gerichtet. Es war für ihn absolut selbstverständlich, daß der Junge kommen würde. Er freute sich auf ihn. Er freute sich auf ihn, als würde sein Sohn nach Hause kommen. Achternberg lief zum Seeufer und arrangierte Armas’ Lagerplatz. Er hielt kurz Ausschau, ob der Junge sich vielleicht bereits näherte, aber es war nichts zu sehen. Als er zurück zu seinem Haus kam, erlebte er eine Überraschung.

„Prima, Sie sind zu Hause. Ich dachte schon, ich sei heute allein. Moin, Herr von Achternberg.”

Armas stand aus dem Liegestuhl auf der Terrasse auf und streckte Achternberg seine Hand entgegen. Der Hausherr war nicht überrascht, daß Armas nackt war, aber es überraschte ihn, den Jungen auf seiner Terrasse anzutreffen. Er sah sich kurz um: Armas’ Klamotten, ein hellblaues Hemd und kurze Jeans, von Unterwäsche oder einer Badehose war nichts zu sehen, lagen fein säuberlich zusammengelegt auf der Terrassenmauer. Die Sandalen standen, ordentlich nebeneinander gestellt, darunter am Boden. Daneben hatte er sein funkelnagelneues Fahrrad, ein Ortler Lillesand 7-Gang mit Korb, abgestellt. Es war die Damenversion ohne Querstange. Achternberg besah es sich genau.

„Fährt es sich gut?”

„Man kommt vorwärts”, antwortete Armas trocken.

„Vernünftigerweise kronjuwelenschonend”, murmelte Achternberg kopfnickend.

„Hab’ mir mal die Eier furchtbar geklemmt, seither kein Bedarf auf Querstange mehr, höchstens in der Hose …”

„… wenn Du mal eine trägst, nicht?”

„Genau!”

Beide lachten über die Wortspielerei − und klatschten zum ersten Mal die hohe Fünf.

Dann entdeckte Achternberg, daß Armas etwas mitgebracht hatte − seine, Achternbergs, sämtlichen Bücher! Deshalb der Besuch auf dem Landweg. Er nahm das oberste Exemplar weg.

„Du hast sie wirklich alle gekauft .…”

„... und gelesen!” Armas zog eine schmunzelnde Miene der Art „Was dachten Sie denn?”

„Und jetzt möchtest Du sie signiert haben?”

„Das war der Gedanke“, lächelte der Junge und stand auf. „Ich helfe Ihnen tragen.”

Armas nahm die übrigen Bücher aus dem Korb und sah Achternberg erwartungsvoll an.

„Na, dann komm’ mal ‘rein”, forderte der Hausherr ihn auf, ihm zu folgen, während er die Terrassentür aufschob. Es sah ein wenig so aus, als würde in alter Zeit ein Sklave seinem Herrn folgen, aber den Eindruck erweckte wohl nur Armas’ aparte Nacktheit, an der sich Achternberg nicht störte − Armas sowieso nicht. Er fand die Ungezwungenheit des Jungen einfach erfrischend. Irgendwie paßte es zu dessen Unschuld. Er ließ ihn zudem aus einem ganz persönlichen Grund gewähren: Achternberg sah sich selbst in ihm und wäre mit 17 gern so frei gewesen.

Armas ahnte noch nicht, daß ihm mit dem Betreten des Hauses ein selten gewährtes Privileg zuteil wurde. Achternberg ließ sonst so gut wie niemanden außerhalb seiner wenigen engen Freunde in seinen Privatbereich. Einen Autograph heischenden Leser schon gleich gar nicht. Er haßte ungebetenes Photographieren, und mit diesen lästigen modernen Handys konnte viel zu schnell seine Privatsphäre verletzt werden. Achternberg konnte diese Respektlosigkeit auf den Tod nicht ausstehen. Armas war nackt, wo sollte er da ein Handy haben?

Achternberg strebte seinem alten Schreibtisch zu, setzte sich und holte seinen Füllfederhalter mit der breiten Feder heraus, mit der er Bücher signierte, während er nach Lesungen mit einem dicken Filzstift autographierte.

Armas blieb neben dem alten Schreibmöbel stehen, das er im Stillen wegen seiner aus einer lange zurückliegenden Zeit überkommenden Schönheit bestaunte. Er war ein moderner Junge, aber ein Ästhet. Er liebte schöne alte Dinge.

„Für Armas …” setzte Achternberg an als er bemerkte, daß er den Familiennamen des Jungen nicht kannte.

„Wie heißt Du eigentlich? Ich meine, wie lautet Dein Familienname?

„Moulinville.”

Armas benahm sich, wie es einem Angehörigen des Adels wohl anstand. Er betonte sein „von” nicht. Es sprach für das Selbstbewußtsein des Jungen, daß er es nicht für nötig befand. Und sein Gegenüber konnte ihn gleich als einen Nachfahren von Hugenotten einordnen.

Als Achternberg die erste Widmung geschrieben und seine schwungvolle, doch klar leserliche Signatur darunter gesetzt hatte, legte Armas die übrigen Bücher auf dem Schreibtisch ab.

„Darf ich mich ein wenig umsehen?” Dabei deutete er auf die vollen Bücherwände.

„Aber natürlich, tu Dir keinen Zwang an. Die Kanadische Biographie steht übrigens dort rechts neben den roten Bänden der Neuen Deutschen Biographie.”

Armas wandte sich Achternbergs Bücherschätzen zu. Es waren seiner Schätzung nach mehrere tausend Exemplare. Er konnte sich auf Anhieb kaum sattsehen, was er da alles entdeckte. Er fand schnell den Band in dem der Marschall de Lévis aufgeführt war, zog ihn heraus und ließ sich in einem Sessel nieder, um den biographischen Artikel zu lesen. Achternberg sah mit Vergnügen, daß Armas seine Leidenschaft für gedruckte Bücher offensichtlich teilte. Im Zeitalter des Internets, der Digitalisierung, von Hör- und eBüchern war das nicht mehr selbstverständlich. Dabei waren und blieben für ihn gedruckte Bücher das einzig Wahre, denn nur ihnen haftete die zum Genuß notwendige Sinnlichkeit an.

Achternberg konnte sich köstlich amüsieren, wenn er Menschen beobachtete, die stundenlang auf irgendwelchen flachen Taschenbildschirmen oder ihren iPhones herumwischten.

Hin und wieder stellte er sich breit grinsend vor, was wohl passierte, wenn man solchen Leuten eine normale Tageszeitung zu lesen gäbe. Vermutlich hätten sie vergessen, daß man sie aufschlagen und umblättern müßte, während sie verzweifelt versuchten auf der ersten Seite „umzuwischen“. Warum geht denn das nicht? Und bei einer frischen Zeitung bekäme man gar schwarze Finger, weshalb gute herrschaftliche Diener und Butler bis in die Gegenwart Zeitungen bügelten, bevor sie der Herrschaft vorgelegt würden.

Während er Armas’ Exemplare seiner Bücher signierte, sah er immer mal zu dem Teenager hinüber, der, in einem Sessel sitzend, ganz vertieft in seiner Lektüre war. Er hatte sich offenbar „festgelesen“. Achternberg kannte das von sich selbst. Das war ihm als Kind und Teenager schon so gegangen, damals noch mit spannenden Comics wie „Sigurd” oder „Bessie”, dann den Karl-May-Bänden, später im Studium, bis zur Gegenwart − wenn ihn ein Text faszinierte, blieb er „dran“, vergaß alles um sich herum, Zeit und Raum, selbst das Essen. Einzig ein Rendezvous mit einem hübschen weiblichen Wesen hatte er noch nie verpaßt. Da hatte ihn seine innere Uhr immer rechtzeitig auf die alte Wanduhr blicken lassen, wenn die verabredete Stunde näher rückte, ohne daß man sich zehnmal per Handy das baldige Kommen hätte ansagen müssen. Diese lästigen Dinger gab es schlicht und ergreifend nicht.

Plötzlich bemerkte er im Augenwinkel, daß Armas aufgestanden war, und sah hin. Der Junge stellte gerade den herausgenommenen Band zurück.

Einen Moment lang fühlte Achternberg sich an Bilder von Henry Scott Tuke erinnert, die er vor geraumer Zeit einmal gesehen hatte. Wäre dieser Maler anwesend, hätte er vermutlich, als Armas sich leicht streckte, um das Regal mit der Lücke zu erreichen, gerufen Halt! Bleib’ so! und sein Skizzenbuch gezückt. Aber Tuke war bereits 1929 gestorben. Achternberg kannte keinen zeitgenössischen Maler, der ästhetisch ansprechende Bilder von älteren Teenager-Knaben fertigen würde, so wie er im Louvre den „Jüngling am Meer” von Hippolyte Flandrin gesehen hatte. Er würde Armas mit Worten „malen”. So könnte sich jeder Leser sein buchstäblich eigenes Bild machen.

Achternberg legte das letzte signierte Exemplar auf den Stapel.

„Magst Du ‘was trinken? Bei dieser Wärme wirst Du Durst haben.”

Armas drehte sich um, unterbrach sein Studium der Titel auf den Buchrücken.

„Oh ja, gern. Haben Sie O-Saft da?”

„Keinen aus der Flasche, aber ich kann Dir welchen frisch pressen.”

„Das wäre toll. Darf ich mitkommen?”

„Sicher.”

Armas folgte Achternberg in die große Küche des Hauses, sichtlich neugierig, wie weitere Bereiche des Domizils des von ihm bewunderten Schriftstellers aussahen.

Jeder Winkel des Gebäudes schien als Aufstellplatz für Bücher genutzt zu sein. Dazwischen hingen schöne Bilder von deutschen Leuchttürmen, norddeutschen Landschaften und mit Marinemotiven sowie gerahmte Photos von Großseglern aus aller Welt.

Armas vermißte etwas.

„Setz’ Dich.”

Achternberg deutete in der geräumigen norddeutschen Küche auf einen Stuhl, den Armas umdrehte, Platz nahm und sich mit den Armen auf der Rückenlehne abstützte.

Derweil holte Achternberg eine Glaspresse aus einem der Schränke, nahm zwei Orangen von einem Teller, halbierte sie mit einem scharfen Messer und drückte sie aus. Durch ein Sieb goß er den frischen Saft in ein Glas, das er Armas hinstellte.

„Magst Du das Fruchtfleisch löffeln?”

„Oh ja, gern.”

Achternberg gab Armas die ausgepreßten Orangenhälften, reichte ihm einen Teelöffel und ließ ihn zunächst das Fruchtfleisch aus der Schale der Presse auflöffeln, ehe er das Ganze für sich selbst wiederholte. Dann setzte er sich zu dem Jungen an den Tisch.

„Du magst Bücher wirklich, nicht wahr?”

„Oh ja. Ich besitze selber etwa hundertzwanzig, Ihre Krimis und Erotikgeschichten mitgerechnet.” Armas nahm einen ordentlichen Zug des frischen Saftes. Man hörte es beinahe zischen, solch einen Durst hatte er.

„Was liest Du besonders gern?“

„Zur Unterhaltung besonders gern Krimis und schöne Erotika, sonst hätte ich Ihre Bücher nicht, aber ich mag auch Agatha Christie, vor allem ihren Privatdetektiv Hercule Poirot mit seinen kleinen grauen Zellen und wie übertrieben überzeugt er von sich ist, und Georges Simenon.”

„Liest Du auch andere Erotika?”

„Manchmal. ,Fifty Shades of Grey’ habe ich im Original gelesen, eine etwas verdrehte Geschichte, aber ganz witzig. Daß ein schönes Mädchen mit 21 noch Jungfrau sei, fand ich etwas seltsam, und sie zur Unterwürfigkeit zu zwingen und ein Mädchen zu verhauen, um selber Lust zu empfinden ist nicht gerade mein Ding, aber da draußen passiert sicher viel, was ich gar nicht kenne und für möglich halten würde. Ist das nicht so?” Armas trank das Glas leer, leckte seine Lippen und sah Achternberg fragend an.

„Da hast Du wohl recht. Ich staune manchmal selbst immer noch, was zwischen zwei Menschen so alles möglich ist, vor allem zwischen Mann und Frau.”

Armas besann sich kurz.

„Ich habe vor ein paar Monaten ein Buch von Henry Miller gelesen. billig von einem Grabbeltisch gekauft. Nach knapp der Hälfte habe ich es angewidert weggelegt. Der Typ war ja nur kaputt. Was der für eine Sicht auf die Frauen hatte, schrecklich. Aber angeblich ist es Weltliteratur, sogar von Frauen ins Deutsche übersetzt. Ob die sich nicht geekelt haben?“ Armas verzog sein Gesicht in Abscheu.

„Ich glaube, ich weiß, welchen Titel Du meinst. Mochte das Buch auch nicht. Habe in meinem Leben nur zwei fürchterlich langweilige Krimis und diese frauenverachtende Pornographie nicht zu Ende gelesen.”

Achternberg trank einen ordentlichen Schluck des frischen Saftes.

„Möchtest Du noch ein Glas?”

„Gern, wenn ich noch eines haben darf.”

„Aber gern.”

Achternberg erhob sich und wiederholte die

Prozedur.

„Und was liest Du sonst noch?”

„Hm, besonders gern Biographien. Es ist so spannend, was andere Menschen erlebt haben, vor allem in früheren Jahrhunderten.” Armas dachte kurz nach. „Manchmal kann ich kaum glauben, wie die Menschen damals ohne unsere heutigen Möglichkeiten überhaupt leben konnten. Wie schlecht die medizinische Versorgung war, daß man an einem schlechten Zahn oder am Blinddarm sterben konnte, oder auch, wie beschwerlich das Reisen war. Welche Abenteuer die Entdecker erlebt haben. Die spannenden Entdeckungsfahrten von James Cook oder auch die Reisen von Alexander von Humboldt. Da wäre ich gern dabei gewesen.”

Armas’ Augen leuchteten. Achternberg bewunderte die Begeisterungsfähigkeit des Jungen. Er sah ihn lebhaft vor sich in schmucker Kadettenuniform bei Captain Cook, in flammender Bewunderung an den Lippen des berühmten britischen Entdeckers hängend, der im Umgang bekanntlich nicht ganz einfach war. Oder wie er als glühend begeisterter Sekretär Humboldt in Südamerika begleitet haben könnte.

„Und was machst Du sonst gern, ich meine, nur ein Bücherwurm wirst Du auch nicht sein, oder?”

„Nö, bin ich auch nicht.“ Armas machte eine kurze Pause, als wollte er sich besinnen, ob er davon erzählen sollte. „Äh, ich singe sehr gern, ich zeichne und male, und, äh, ich weiß gar nicht, ob ich es jetzt schon …“

„Na, spuck es aus, Deinen Kopf wird es nicht kosten!“ Achterberg lächelte ihn aufmunternd an, goß den frischen O-Saft durch das Sieb und stellte das gut gefüllte Glas vor Armas hin.

„Oh, danke schön.“ Der Junge nahm wieder einen kräftigen Zug.

„Äh, ja, ich, äh, ich ... “

Achternberg nickte nochmals zur Aufmunterung und setzte seine Lachfalten dabei ein.

„Ja, äh, ich schreibe auch ... ein wenig.“

„Tatsächlich? Ist denn das die Möglichkeit! Ein Kollege!“

Armas strahlte, was ohne Zweifel die ehrenvolle Bezeichnung „Kollege“ ausgelöst hatte, und er wurde rot.

„Kein Grund, rot zu werden!“

Daß Achternberg es so deutlich bemerkt hatte, ließ Armas nur noch tiefer erröten, und er bekam unregelmäßig rote Flecken an Hals und Brust.

Für Achternberg war es ein weiteres willkommenes Zeichen, einen empfindsamen Menschen vor sich zu haben.

„Und was schreibst Du?“

„Soll ich das wirklich sagen?“

Armas wirkte plötzlich scheu und er senkte den Blick, ehe er seinen Gastgeber ebenso plötzlich entschlossen und fest ansah.

„Zärtliche Liebesgeschichten und brutale Morde.“

Armas schien erleichtert, daß es „draußen“ war.

Achternberg wirkte völlig gelassen, zeigte sich keineswegs irritiert.

„Und warum gerade diese beiden Themenbereiche?“

„Hm, mich interessieren die Gegensätze. Warum sind Menschen einerseits so unglaublich zärtlich miteinander, und andererseits sind sie in der Lage, sich aus teils nichtigen Gründen gräßlich abzuschlachten. Und manchmal passiert beides zwischen zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben, das finde ich besonders beunruhigend und faszinierend zugleich.“

„Hast Du schon etwas veröffentlicht?“

„Ich habe es versucht, aber die Verlage, die ich angeschrieben habe, lehnten sämtlich ab. Ich bin wohl nicht gut genug.“

Armas sah ein wenig traurig aus.

„Du darfst Dich von ignoranten Lektoren nicht irre machen lassen. Mir ging das anfänglich auch so. Es passe nicht ins Programm, ihre Aufnahmekapazität sei begrenzt, dabei ist es meist nur der begrenzte Horizont mancher sogenannter Entscheidungsträger: wenn die nur kurz nicken, stoßen sie bereits an, …“ Armas grinste. „… manche waren zumindest so ehrlich, mitzuteilen, das Manuskript habe ihnen insgesamt nicht gefallen.“

„Und wie haben Sie es dann doch geschafft?“

„Über eBücher bei einem Online-Verlag. Ganz plötzlich platzte der Knoten und Druckverlage waren interessiert, nachdem eine Agentur in Berlin das Ganze in die Hand genommen hatte.“ Achternberg machte eine Pause und nahm einen kräftigen Schluck des frischen Orangensaftes. „Aber sag einmal, darf ich etwas von Deinen Texten lesen?“

Armas sah Achternberg bass erstaunt an.

„Das würde Sie wirklich interessieren?“

Achternberg schmunzelte.

„Natürlich, sonst würde ich es nicht sagen.“

„Und was möchten Sie haben? Krimi oder Erotika?“

„Beides. Schreibst Du bei den Krimis Einzelgeschichten oder eine Serie?“

„Sowohl als auch. Angus Ludwig McPherson Berghuber ist mein schottisch-bayerischer Inspektor, aber ich habe auch schon zwei Einzelfälle entwickelt.”

„Und bei der Erotika? Interessiert Dich mehr heterosexuelle Erotik oder homosexuelle?”

Armas wurde knallrot. Er schlug die Augen nieder. Achternberg war überrascht, daß seine völlig normale Frage den Jungen derart verlegen machte. Aber die nächste Überraschung war noch besser.

„Bisexualität finde ich spannend.”

Armas sah Achternberg fest an, der in des Jungen Augen die Befürchtung bemerkte, er könne dafür kritisiert werden.

„Warum gerade das?” Achternbergs rechte Augenbraue ging hoch.

„Es ist doch irgendwie witzig, daß es Menschen gibt, die sich auf beiden Gebieten ihre Streicheleinheiten holen, oder nicht?”

„Wenn Du es sagst. Man könnte es für komisch-seltsam, apart, aber auch beneidenswert halten.”

„Ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll, aber ich habe einen Klassenkameraden schon mit Mädchen, aber auch mit Jungs knutschen sehen. Soll ich ihn nun bedauern, daß er sich nicht entscheiden kann, oder beneiden, daß er in der Lage ist, an beiden Ufern zu grasen?”

„Das kommt auf die Sichtweise an“, meinte Achternberg. „Manch einer lehnt es vielleicht nur deshalb ab, weil er neidisch ist oder sich selbst nicht traut oder in seinen bürgerlichen Konventionen gefangen ist, aus denen er sich qua Erziehung nicht lösen kann oder lösen will. Witzigerweise wird es Mädchen und Frauen weniger übelgenommen hin und wieder mit dem eigenen Geschlecht zu verkehren als Jungen und Männern. Als ich jung war, habe ich Frauen miteinander tanzen sehen, dabei fand niemand etwas, aber es hätten Männer in der Öffentlichkeit wagen sollen, miteinander Standard zu tanzen, da wäre die Hölle los gewesen. Das wird bis heute schief angesehen, denke ich. Sieht aber bestimmt irgendwie auch verquer aus, wenn ich ehrlich bin. Jedenfalls habe ich es noch nicht erlebt. In Schwulenkneipen mag das anders sein, keine Ahnung. Aber wie willst Du über bisexuelle Erotik schreiben, wenn Du keine Erfahrung hast, und wenn ich Dich richtig verstanden habe, bis Du noch Jungfrau. Du hast außer mit Selbstliebe überhaupt keine Erfahrung, nicht wahr?”

Armas senkte errötend den Kopf. Achternberg war klar, daß das des Jungen wunder Punkt war. In seiner Jugend waren alle Klassenkameraden, einschließlich er selbst, in diesem Alter durch die Bank Jungfrauen. Er wußte nur von zwei Mädchen, eine war eine Schönheit mit einem um einige Jahre älteren Partner, die andere ebenso hübsch wie wild, daß sie bereits Sex hatten, aber das war es auch. Man bezog aus Jugendzeitschriften mit legendären Beraterkolumnen seine „Kenntnisse”, aus den damals als anregend empfundenen, im Erwachsenenalter nur noch als lächerlich wahrgenommenen „Schulmädchenreporten” und den später fast kultigen Oswalt-Kolle-Aufklärungsfilmen. Alles von liebenswürdig harmloser Art − in einer Spielszene am Strand war die einzige echte Erektion im Halbdunkel zu sehen − nichts, im Vergleich zum überbordenden Sex- und Pornographieangebot, dem sich Armas und seine Generation ausgesetzt sahen, wenn er denn hinsah, wovon Achternberg als fast sicher ausging. Diese Überfrachtung hielt er nun schon wieder für mitleiderregend bis gefährlich für die Teenager, die damit ein falsches Bild von der erotischen Wirklichkeit vorgegaukelt bekamen. Aber woher sollten sie es auch haben? Von klinisch sauberem Aufklärungsunterricht in der Schule, wie er es mit knapp 16 Jahren durch einen Religions- und Wirtschaftskundelehrer erleben durfte und von Eltern, die bis in die Gegenwart nicht in der Lage waren mit ihren pubertierenden Kindern schamfrei darüber zu sprechen? Es mochte löbliche Ausnahmen geben, aber er kannte keine. Nach seinem Aufklärungsunterricht stand für ihn jedenfalls fest, daß sei alles viel zu kompliziert, das würde er nie machen. Wie solle das denn gehen, urinieren und Samen ausstoßen aus ein und derselben Leitung? Was wäre denn, wenn er gerade müsse und die Sahne sei im Anrollen … ? Fragen über Fragen. Alles reichlich seltsam und wenig praktikabel! Glücklicherweise hatte er sich später doch entschlossen, den Spaß mitzumachen und zu praktizieren, wann immer sich die Gelegenheit mit einer süßen Partnerin dazu bot.

„Kann man denn als Schriftsteller nur aus der Selbsterfahrung schöpfen oder nicht doch auch aus der Beobachtung und Phantasie?”

Armas legte seinen Kopf leicht schräg und erhob seinerseits die rechte Augenbraue.

„Das kommt darauf an, aus welchen Quellen man zu schöpfen vermag.”, erwiderte Achternberg. „Eine Grundregel besagt, man soll nur über das schreiben, was man kennt. Nun kann aber kein Krimiautor erst ein paar Verbrechen ausprobieren, ehe er über Kriminalfälle kompetent schreiben könnte. Das hieße Professionalität zu übertreiben. Dafür gibt es Pressestellen der Kripo, die meist gern helfen und oft betonen, man solle nur nicht über realitätsnahe Polizeiarbeit schreiben, das sei viel zu langweilig. Man muß dabei auch seine eigene dunkle Seite zu Wort kommen lassen, die man im wirklichen Leben zumeist erfolgreich unterdrückt.”

„Haben Sie denn eine dunkle Seite?” Armas war gespannt neugierig.

„Aber natürlich“, antwortete Achternberg knapp und ohne zu zögern. Danach trank er einen großen Schluck des frischen O-Saftes, als wolle er sich Zeit für die Formulierung einer ausführlicheren Antwort verschaffen. Und Armas faßte nach.

„Wie sieht sie denn aus, Ihre dunkle Seite?” Er legte den Kopf schräg.

„Oh, ganz einfach, wie bei den meisten Menschen. Ich habe bereits einige Morde in Gedanken begangen, ganz unabhängig von meinen Kriminalgeschichten. Dabei habe ich einige mir unliebsame Zeitgenossen bestialisch ins Jenseits befördert. Und Du, wie sieht das Dunkle in Dir aus?”

„Düüster, heel düüster [Dunkel, sehr dunkel]”, sagte der Junge plötzlich auf Platt und grinste.

Achternberg schmunzelte. Armas wollte es offenbar nicht erzählen. Achternberg machte keinen Versuch, weiter in ihn zu dringen. Armas würde schon irgendwann damit herausrücken.

„Aber sag, wie schreibst Du? Legst Du den gesamten Rahmen einer Geschichte vorab fest und füllst ihn dann aus oder schreibst Du szenenweise, wie es zum Beispiel Michael Ende getan hat, und fügst es danach zusammen ?”

„Nein, ich denke mir ein paar Figuren aus, die von Anfang an dabei sein sollen, eine Anfangsszene und dann lasse ich die Geschichte laufen, so wie es sich gerade ergibt. Ich weiß eigentlich nie, wie es ausgeht. Wie im wirklichen Leben, oder wissen Sie bei Ihren Geschichten vorher, wie sie enden werden?”

„Du wirst es kaum glauben, ich halte es exakt genauso. Ich lasse mich fast immer vom Ende überraschen, schreibe im Grund genommen nur mit, was meine Figuren vorgeben, die meist recht schnell ein Eigenleben entwickeln. Ich hätte zum Beispiel auch gedacht, daß Du heute per Fahrrad über Land zu mir kommen und Dich nackt auf meiner Terrasse sonnen würdest, so wie ich keine Vorstellung habe, wie es mit uns weitergeht.”

Achternberg sah Armas forschend an. Beide tranken den Rest des zweiten Glases des frisch gepreßten O-Saftes aus. Armas setzte seines zuerst ab.

„Sind wir denn ein ,Wir’ und ,Uns’? Und hat es Sie gestört, daß ich mich einfach so bei Ihnen niedergelassen habe, und daß ich auch hier lieber nackt herumlaufe?”

„Wenn Du mich störtest, wärest Du nicht hier, junger Mann”, stellte Achternberg entschieden klar, was über Armas’ Gesicht ein glückliches Lächeln huschen ließ, wobei nicht erkennbar war, ob er sich über sein Willkommensein oder die erstmalige Bezeichnung „junger Mann“ freute. Vermutlich beides.

„Daß Du auch hier gern nackt bist, stört mich ebensowenig, so ungewöhnlich wie es ist, aber das bist eben Du, und Du bist ein angenehmer Anblick, ein lebendes Kunstwerk der Natur, das man im Museum nur als kalte Bronze- oder Marmorstatue zu sehen bekommt.”

„Sehe ich denn aus wie ein Museumsstück?” wollte Armas schelmisch grinsend wissen. Dabei stand er auf, trat ein wenig zurück und nahm, wie einstudiert, äußerst gekonnt die Pose einer griechischen Jünglingsplastik ein, mit entsprechendem in die Ferne gehenden Gesichtsausdruck, den er aber nicht lange halten konnte, weil es ihn gar zu sehr amüsierte.

Achternberg betrachtete ihn so genau, als sähe er ihn an jenem Tag zum ersten Mal.

„Du bist eine Schönheit“, sagte er ruhig mit seiner sonoren Stimme, „und jedes Museum, jede Kunsthalle könnte sich glücklich schätzen, ein lebensnahes Bild oder eine klassische Skulptur von Dir zu besitzen. Du wärst ein Publikumsmagnet, ganz sicher. Beides würde ich jetzt sofort mit ersten Skizzen von Dir umsetzen, aber ich bin leider nur Wortkünstler, kann weder figürlich zeichnen noch malen, was ich jetzt mehr bedauere denn je. Aber vielleicht mache ich Photos von Dir, mag sein für einen Kalender oder einen Bildband. Was hieltest Du davon?”

„Keine schlechte Idee”, entspannte sich der schöne Jüngling, ohne weiter darauf einzugehen, und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Aber ich kann zeichnen und malen. Darf ich Sie malen, wenn Sie lesen, schreiben, angeln?”

Armas sah Achternberg mit aufmunterndem Blick an, den Achternberg mit einem zustimmenden Gegenblick beantwortete.

„Ich störe Sie dabei gewiß nicht. Sie müssen mich gar nicht beachten, wenn ich meine Skizzen anfertige. Darf ich vielleicht meine Staffelei mitbringen, Leinwand und Malutensilien?”

„Bringe mit, was immer Du benötigst, um arbeiten zu können. Du störst mich bestimmt nicht. Ich nehme ab einem gewissen Punkt meine Umgebung nicht mehr wahr, wenn ich schreibe. Außer ich schreibe über Dich, dann nehme ich Deine Anwesenheit als zusätzliche Inspiration, weißt Du.”

Armas war sichtlich überrascht.

„Sie würden über mich schreiben? Ich bin doch gar nicht interessant.”

Armas’ rechte Augenbraue strebte nach Höherem.

„Ich verrate Dir etwas“, erwiderte Achternberg. „Ich schreibe bereits über Dich. Ich skizziere Dich, ja ich male und skulptiere Dich mit Worten.”

Armas errötete augenblicklich und senkte den Blick, nur um sein Gegenüber im nächsten Moment fest und neugierig anzusehen.

„Und wie machen Sie das? Sie kennen mich doch kaum.”

Da ließ Achternberg seinen PC hochfahren, suchte das begonnene Manuskript über den schönen Jüngling, bot Armas seinen Platz an und ließ ihn lesen, was er vorab bislang nicht einmal seinem Lektor erlaubt hatte.

*

Einen Tag später

Am nächsten Tag war Achternberg recht früh wach, früh für seine Verhältnisse. Es mochte hauptsächlich die Neugier darauf sein, was Armas an diesem Tag wohl tun würde, ob er sich überhaupt blicken ließe.

Nachdem Achternberg seinen Tagesbeginnritualen Genüge getan hatte, setzte er sich an seinen alten Schreibtisch, erledigte einige routinemäßige Internetabfragen und sah nach seiner elektronischen Post. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er nicht das Bedürfnis, an den See zugehen, um den Jungen dort zu erwarten. Nach der Formulierung und Absendung eines Elektrogramms minderer Bedeutung sah er auf der Terrasse nach, ob mit dem Liegestuhl alles in Ordnung sei, stellte für Armas eine gute Sonnencreme bereit und breitete ein Badetuch über dem Liegepolster aus. Er war sich ziemlich sicher, daß der Junge an diesem Tag wieder über den Landweg zu ihm kommen würde. Vielleicht würde er sich zunächst sonnen wollen, ehe er zu malen begönne, was Achternberg als ziemlich gesichert annahm. Er würde derweil zu schreiben beginnen und sich nicht stören lassen, wie er auch Armas nicht würde stören wollen. So verging der Vormittag. Achternberg vergaß die Zeit und die Wahrnehmung seiner Umgebung.

Als er dann doch auf die Uhr sah, murmelte er vor sich hin, er müsse doch mal nachsehen, ob …

… und richtig, Armas war da. Er lag, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, gut eingecremt und mit Schweißperlen auf seinem gesamten Körper in der Sonne − und döste.

Achternberg betrachtete den schönen Jungen von der Seite, ohne ihn anzusprechen. Armas schien sich wirklich wohlzufühlen, ohne daß das gleich wieder durch eine Erektion angezeigt würde, was Achternberg aber bestenfalls zu einem kopfschüttelnden Schmunzeln gebracht hätte. Er fand diese körperliche Reaktion auf seelisches Wohlbefinden ebenso witzig wie seltsam, die den Jungen ohne Zweifel bei Gelegenheit in peinliche Situationen gebracht haben dürfte. Dessen war er sich sicher. Nicht alle Menschen reagierten auf solche unwillkürliche Zurschaustellung männlicher Qualitäten amüsiert und tolerant − ganz im Gegenteil, obwohl ausnahmslos jeder Mensch seine Existenz einer erfolgreichen Erektion verdankte. Unleugbar.

Achternberg hatte noch nicht herausgefunden, was an einem Phallus so bedrohlich sei, sobald er sich in Erregung aufrichtete, während er, erschlafft, ins ganze Gegenteil verkehrt, oft genug Gegenstand belächelnder Betrachtung wurde. Manchmal aber auch im aufgeregten Zustand, wenn er nicht in sanft aufwärts geschwungener, eleganter, gerader Habt-acht-Stellung sich präsentierte, sondern wie ein türkischer Krummsäbel nach unten deutete oder wie ein nach links oder rechts um die Ecke Guckender daherkam. Der weiblichen Blume wurde schon einiges abverlangt, um solche Scherze der Natur auszugleichen, denn der Weg ins Paradies ging nun einmal geradeaus und nicht um die Ecke, obwohl der Weg bis dorthin manchmal recht kurvenreich sein konnte. Achternberg hatte diesbezüglich seinen gehörigen Anteil an Lebens- und Liebeslektionen abbekommen. Armas stand das alles noch bevor. Immerhin besaß er ein liebenswürdiges Wesen und war körperlich exquisit ausgestattet.

Achternberg entschied sich, Armas nicht zu stören und zu seinem Schreibtisch zurückzukehren. Immerhin, er ertappte sich selbst bei dem Gedanken, wie schön es doch wäre, solch einen Jungen seinen Sohn nennen zu dürfen.

Mit Careen könnte er bereits einen Dreißigjährigen haben und mit einer anderen genau einen wie Armas. Plötzlich mußte er wieder an sie denken. Was wohl aus ihr geworden war?

Als er das Haus wieder betreten hatte, ließ er die Terrassentür offen − zur Lüftung, denn es war wieder sehr warm geworden, und um Armas ungehindert einzulassen, wann immer der Junge vom Sonnenbaden genug haben würde.

Achternberg hatte ziemlich schnell die Zeit wieder vergessen, als er im Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Er sah kurz auf. Armas hatte sich in gehöriger Entfernung positioniert.

Er stand, bekleidet mit einer bunt verschmierten, einst rein blauen Latzschürze, hinter seiner Staffelei und war konzentriert bei der Arbeit. Achternberg hatte sein Hereinkommen nicht bemerkt. Armas war offensichtlich in der Lage, sich geräuschlos zu bewegen, was barfuß, auf Teppichboden, wiederum nicht sonderlich schwer war. Er wollte den Jungen nicht aus der Konzentration bringen und wandte sich wieder seinem neuen Werk zu. So bemerkte er nicht, daß Armas Augenblicke später am Bild vorbeilugte und Achternberg − erneut − eingehend betrachtete. Beinahe hätten sich ihre stummen Blicke getroffen. Was sie dabei wohl empfunden haben würden?

Achternberg vermißte Kinder, seine eigenen, ungeborenen Kinder, mit allem, was dazugehörte: das erste Schreien nach der Geburt, die vollen Windeln, das erste Krabbeln, das erste Aufstehen, die ersten Schritte, das erste gesprochene Wort, das fröhliche Kinderlachen ... den Stolz und die Freude des Vaters.

Er fühlte, daß dieser ungewöhnliche siebzehnjährige männliche Teenager ihn als eine Art Ersatzvater ausgesucht hatte, na ja, vielleicht nicht gleich „Vater“, aber als eine neue männliche Bezugsperson. Und Achternberg fand es schön, ausgewählt worden zu sein. Der Junge brauchte diesen sozialen Kontakt in seiner Mensch- und Mann-Werdung, und er, Achternberg, war bereit, ihm alles zu geben, ihn alles zu lehren, was er als erwachsener Mann diesem jungen Leben mitgeben konnte.

Er konnte nicht anders, er lugte an seinem

PC-Bildschirm vorbei und sah Armas bei er Arbeit zu. Der Junge hielt seinen Blick konzentriert auf die Leinwand gerichtet. Er hatte offensichtlich die Grundskizze bereits fertig, denn er hielt die Farbpalette in seiner linken Hand, wodurch sein linker Oberarm angespannt war und der Bizeps sich deutlich abzeichnete. Es schien so, als könnte er jeden Augenblick aufschauen und das Objekt seiner kreativen Kunst erneut genau betrachten, aber es sah so aus, als habe er alles im Kopf und brächte es nun konzentriert in die Form, die er sich vorgestellt hatte.

Achternberg gestand sich selber ein, neugierig zu sein. Er war noch nie gezeichnet oder gar gemalt worden.

Welche Stilrichtung würde Armas wohl bevorzugen? Impressionismus, Expressionismus, Naturalismus, Surrealismus, am Ende gar Kubismus? Mit zwei Augen auf derselben Gesichtshälfte à la Picasso würde er sich nicht so gern dargestellt sehen oder mit einem überdimensionalen Federkiel als Phallus und einem Tintenfaß als Trinkpokal im Stile eines Dalí − sicher interessant im Freud’schen Sinne, aber nicht gerade sein privater Geschmack. Er bedauerte, mit dem Jungen nicht darüber gesprochen zu haben. Nun würde er hinnehmen müssen, wie Armas’ Künstlerauge ihn sah. Hoffentlich nicht nur als Strichmännchen mit rotem Punkt als Bauchnabel oder Ansammlung von Farbklecksen mit abstrus-ausschweifenden Erklärungen, die in einer Galerie oder einem Museum jedes Bild von der Wand hüpfen und davonlaufen ließen, könnte es denn von der Wand hüpfen und davonlaufen. Aber Achternberg bezähmte seine Neugier und blieb sitzen.

Als er das nächste Mal hinsah, die Schatten waren bereits länger geworden, war Armas verschwunden. Achternberg hatte es nicht bemerkt. Ein ums andere Mal hatte er das seltsame Gefühl, dieser Junge sei nur ein Geist, so geräuschlos, wie er sich entfernen konnte.

Er stand auf und ging zur Staffelei hinüber. Als er sah, daß Armas das Bild verhängt hatte, murmelte er mit einem Achselzucken vor sich hin, daß er sich wohl noch ein wenig würde gedulden müssen und kehrte an seinen Schreibtisch zurück.

*

Einen weiteren Tag später

Achternberg war ausnahmsweise einmal früh erwacht, obwohl er, wie üblich, bis spät in die Nacht geschrieben hatte. Es war kurz nach 7 Uhr. Etwas ungnädig blinzelte er seinen Wecker an, als könne der etwas dafür, diese Uhrzeit anzuzeigen. Nach Achternbergs unumstößlicher Meinung grenzte es an vorsätzlicher Körperverletzung, so früh aufzuwachen. Immerhin, die Natur meldete sich unverzüglich. So suchte er etwas mürrisch das Bad samt WC auf und schließlich die Küche, um wenigstens seinen Multivitaminsaft zu trinken. Zu einem Frühstück konnte er sich noch nicht durchringen. Um diese Uhrzeit? Da käme doch die Weltordnung ins Wanken. Seine Weltordnung. Sie war für ihn so fest gefügt, wie die unumstößlichen Mauern der Inka.

Doch seit ein paar Tagen war etwas Neues in sein Leben gekommen, ein junges Leben. Es hatte so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche in seinem Leben Platz genommen − und noch mehr. Es schien tatsächlich die Absicht zu haben, in seinem Leben nicht nur zu verweilen, um sich auf der Wanderschaft der Lebenssuche auszuruhen und neue Energien zu tanken, es schien bei ihm bleiben zu wollen, als wäre es seinem Schoß entsprungen.

Armas!

Achternberg überlegte einen Moment, ob er das Ganze nicht vielleicht geträumt hatte. Doch als er, wenige Meter von seinem Schreibtisch entfernt, die abgedeckte Staffelei entdeckte, an die er sich genau erinnern konnte, daneben auf einem Stuhl die abgelegte bunt besprenkelte ehemals rein blaue Latzschürze, da war ihm klar, daß Armas anwesend war. Im Moment nicht körperlich, der schöne Teenager wäre nicht zu übersehen gewesen, schon angesichts seiner schieren Körpergröße von einem Meter neunzig nicht, aber sein Geist war da.

Achternberg trat an die verschlossene Terrassentür und ließ den Rolladen hochfahren. Die Morgensonne, die zuvor nur ein diffuses Licht durch die Vorhänge der seitlichen Fenster schicken konnte, erfüllte nun den gesamten Raum. Achternberg schob die Glastür zur Seite und trat hinaus. Er hatte sich, entgegen sonstiger Gewohnheit, einen Morgenmantel übergeworfen. Insgeheim hatte er mit Armas’ frühzeitiger Anwesenheit gerechnet, und da er selbst kein Teenager mehr war, betrachtete er einen optischen Wettstreit in beider Nacktheit für reichlich albern. Er mußte sich mit niemandem mehr messen, mit diesem Jüngling schon gleich gar nicht, der sich vielleicht veranlaßt fühlen könnte, sich Achternberg beim Sex vorzustellen − für einen Siebzehnjährigen schlicht eine Lachnummer, da gab er sich keinerlei Illusionen hin. Obwohl, wenn der Junge auch nur ansatzweise wüßte, was dabei so alles „abgehen” könnte, er würde vor Staunen sicher große Augen machen, aber die Probe aufs Exempel bliebe natürlich aus, so wie Armas für sich ausgeschlossen hatte, den jungmännlichen Lästermäulern in seiner Schule ein „Schauficken” zu bieten, damit man ihn nicht für schwul hielte.

Achternberg wunderte sich wieder, welche Schwierigkeiten der Junge mit diesen Verdächtigungen hatte, aber der Gruppenzwang, dieser liebe, grausame Gruppenzwang. Da hatte es seit seiner eigenen Schulzeit keinerlei Besserung gegeben, ja, es war sogar noch schlimmer geworden, hatte er das Gefühl. In seiner Zeit wurde das auf dem Schulhof ausgetragen, schlimmstenfalls noch in der Clique, und damit war es durch. Nun wurde alles in den asozialen Netzwerken ausgeplaudert oder in übler Nachrede weitergegeben und das Opfer war schlimmer an den Pranger gestellt, als es auf den übelsten Marktplätzen des Mittelalters hätte geschehen können. Ein Dorf weiter, in der nächsten Stadt, würde schon niemand mehr davon gewußt haben. Es sei denn, man wäre eine bekannte Persönlichkeit gewesen und durch Schmähschriften und bösartige Karikaturen verunglimpft worden, nachdem die ersten Druckmaschinen in Betrieb gegangen waren.

Nun, der Himmel des neuen Tages war blau, die Sonne schien, es war noch morgenfrisch, aber die heraufziehende Tageswärme deutete sich an. Achternberg war, trotz der frühen Stunde, guter Dinge und freute sich des Lebens. Und er freute sich, Armas wiederzusehen.

Er legte dem Jungen die Sonnenlotion in den Liegestuhl, dann zog er die Terrassentür wieder zu, ohne sie zu verriegeln, preßte in der Küche zwei Orangen aus, goß den Saft in ein großes Glas, deckte es gegen die unvermeidlichen Fliegen ab, löffelte das Fruchtfleisch auf − und ging wieder zu Bett. Er war sicher, daß Armas im Laufe des Vormittags so leise kommen würde, wie er tags zuvor verschwunden war, um seine Arbeit fortzusetzen.

Drei Stunden später.

Achternberg hatte seine Morgentoilette absolviert und in der Küche festgestellt, daß das große Glas Orangensaft nicht nur ausgetrunken, sondern bereits abgewaschen wieder auf dem Tisch stand. Armas war gekommen.

Achternberg nahm sein frugales Frühstück ein, ging danach in sein Schlafzimmer zurück und kleidete sich leger, gemäß der hochsommerlichen Temperaturen, ehe er sich einen frischen Grünen Tee zubereitete und mit dem dampfenden Teetopf in der Hand seinen Schreibtisch aufsuchte.

Von Armas war nichts zu sehen, aber er mußte im Haus gewesen sein. Die Staffelei war nicht mehr abgedeckt.

Ein heftiger Impuls der Neugier durchzuckte Achternberg, einen Blick auf das entstehende Werk zu werfen, aber er hatte nicht Armas’ Erlaubnis − und so beherrschte er sich. Nur auf die Terrasse sah er hinaus. Auch dort war Armas nicht zu entdecken. Der Liegestuhl stand unbenutzt da. Die Plastikflasche mit der Sonnenlotion war nicht bewegt worden.

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