Kitabı oku: «Die große Inflation»


Georg von Wallwitz
DIE GROSSE INFLATION
Als Deutschland wirklich pleite war

Einleitung
Prolog
Händler und Helden
Geld spielt keine Rolle
Der Griff in die Darlehenskasse
Rathenaus Planwirtschaft
Die verpasste Stunde null
Das allgemeine Händeringen
Nach Versailles
Geld spielt doch eine Rolle: Erzbergers Reform
Havensteins Bank
Der Londoner Kassensturz
Die Große Inflation
Erfüllungspolitik
Spaß und Elend in der Inflation
Rathenaus Tod und das Ende des Geldes
Land ohne Währung
Nie wieder Inflation
Havensteins Ende und die Geburt der Rentenmark aus der Roggenmark
Meine Kredite sind eure Schulden
Inflation und Befindlichkeit
Anfang und Ende der Geldillusion
Literaturhinweise
Einleitung
Mit einer Leichtigkeit wie nie zuvor und nie danach wurden in der Inflationszeit gewaltige Vermögen gemacht und wieder verloren. Aus den Ruinen des protestantisch-sittsamen Kaiserreichs tastete sich eine finanziell, moralisch und politisch unsichere Gesellschaft hervor, in der die Schieber, Spekulanten, Raffkes und Kriegsgewinnler das große Los gezogen zu haben schienen (und es jedem und jederzeit zu zeigen bereit waren), während die große Masse derer, die weder gewitzt noch wendig waren, nicht mehr wussten, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollten, nachdem sie das Tafelsilber und das vorletzte Hemd versetzt hatten. In den Großstädten tummelte sich eine amüsierwillige Jugend, die eben dem Krieg entronnen war, die gegen jede Erwartung ein Leben hatte und es auskosten wollte, als könnte sich der Umstand des Am-Leben-Seins doch noch als ein Irrtum erweisen. Die jungen Frauen tauschten Mieder und Reifrock gegen kurze, zu kurze Kleider, und die Veteranen, wenn sie nicht traumatisiert oder verkrüppelt waren, nahmen jede Einladung zum Tanz gerne an, als sei es ihr letzter. Das Geld verlor seinen Wert, was die einen dazu brachte, es möglichst schnell zu verjubeln oder zu investieren, während die anderen ihre Notgroschen, ihren Erbteil, ihren Lohn oder ihre Rente sich in Luft auflösen sahen. Während die windigen Schwarzmarkthändler ihr Glück zu fassen versuchten, wussten Beamte, Pastoren und die meisten anderen Stützen der Gesellschaft kaum, wie ihnen geschah. Die Umwälzung der Preisverhältnisse führte zur Umschichtung der Besitzverhältnisse und produzierte damit sozialen Sprengstoff erster Güte. Die politischen Extreme fanden immer mehr Zuspruch, und bürgerkriegsartige Gewalt erschütterte das Land in immer kürzeren Abständen. Es war eine Zeit und eine Gesellschaft ohne Halt, ohne Ziel, in der sich die meisten Menschen, enttäuscht vom Staat und den Eliten, bald nur noch um sich selbst drehten, gedankenlos den nächsten unberechenbaren Tag erwartend. So fasste es zu Anfang der 1950er Jahre einer zusammen, der die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten konnte: »›Inflationszeit‹, das ist für alle, die sich noch daran erinnern: Hungerblockade, Ablieferung von Sachwerten an fremde Mächte, politische Rechtlosigkeit. Umschichtung der Bevölkerung, Aufstieg dunkler Gestalten zu plötzlichem Reichtum. Substanzverlust der bisher vermögenden Klassen, Verarmung der groß-, mittel- und kleinbürgerlichen Schichten. Korruption in Regierungsund Beamtenkreisen, politische Geschäftemacherei zwischen den Parteien, der Wehrmacht und den Ministerien. Wachsende Kindersterblichkeit, wachsende Kriminalität, rachitische Verkrüppelung der Jungen, früher Tod der Alten.«1
Dies ungefähr ist das Bild, das bis heute das kollektive Gedächtnis der Deutschen prägt. Daran ist vieles richtig, insbesondere die Anekdoten von der guten Stimmung in den Varietés und den Millionenbeträgen, die für eine Straßenbahnfahrt aufgewendet werden mussten. Aber viele Vorstellungen von der Inflationszeit, die heute weit verbreitet sind, haben wenig mit der historischen Wahrheit zu tun. In der Inflationszeit herrschte fast immer Vollbeschäftigung, und die Nationalsozialisten blieben eine Randerscheinung (bei der Reichstagswahl am Ende der Inflationszeit im Mai 1924 erhielten sie 6,5 % der Stimmen). Da insbesondere das Besitzbürgertum sein Geldvermögen verlor, war die Inflationszeit eine Phase abnehmender Ungleichheit. Die tatsächlich geleisteten Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg sind kaum unter die Hauptursachen der Inflation zu zählen. Viele der gängigen Vorstellungen von der Inflationszeit 1914–1923 verschwimmen mit denen von der Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag 1929, als es zu einer Deflation kam, die zu Massenarbeitslosigkeit und dem Aufstieg Hitlers führte.
Das finanzielle Gedächtnis als Teil des kulturellen Gedächtnisses ist ein Erfahrungsschatz, der von Generation zu Generation weitergereicht wird. Familien, Regionen und Länder pflegen ihre eigene, über Generationen stabile Einstellung zu Geld und den passenden Umgang damit. In Deutschland ist der Referenzpunkt des finanziellen Gedächtnisses die Geldentwertung. Dabei scheint es diesem Phänomen zu ergehen wie dem geheimnisumwitterten Titelhelden in F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienenem Roman The Great Gatsby, der weithin sichtbar ist und doch ein Mysterium bleibt. Viele reden über die Inflation, aber kaum einer versteht sie. Ihre Reputation scheint eine eingehendere Beschäftigung mit ihr zu verhindern.
Da Geld eine in alle Lebensbereiche hineinreichende Ordnungsfunktion hat, wirkt seine Zersetzung wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft. Inflation bedeutet das Ende aller Planung und Hoffnung, sie reduziert den Zeithorizont auf den täglichen Überlebenskampf. Und wie ein Tumor breitet sie sich plötzlich an Stellen aus, wo niemand sie erwartet hätte. Die Furcht vor der Inflation ist wohlbegründet, denn sie bringt weit mehr mit sich als nur den Verlust des Geldes.
Um sie zu begreifen, muss man sie vielleicht erfahren haben, so wie Erfahrung des Hungers nicht durch gelegentliches Fasten zu machen ist. Von der Hand in den Mund zu leben ruft ein grimmiges Gefühl hervor. Und wer es einmal erfahren hat, der vergisst es nicht wieder. Der Verlust der Ersparnisse ist ein ebensolches existenzielles Erlebnis. Diese Erfahrung lässt sich nicht wieder abschütteln. Generationenlang.
Mit diesem festen, aber unreflektierten Haltepunkt sind die Deutschen ein Volk, das in seinen finanziellen Angelegenheiten eine Verunsicherung ausstrahlt, die kaum mit seinem Wohlstand unter einen Hut zu bringen ist. Ihr Umgang mit Schulden ist bis heute von großer Naivität gekennzeichnet.2 Sie pflegen eine Sparquote, deren Höhe nur mit einer verzweifelten Angst vor der Zukunft zu erklären ist. Als folgten sie dem Motto penny-wise and pound-foolish, ziehen sie, auch wenn sie es nicht müssen, in ihren Anlagen häufig grotesk niedrig verzinste Girokonten, Sparbücher, Bargeld unter der Matratze und Lebensversicherungen allen sinnvollen Alternativen vor. Sie suchen für ihre Zukunft – und insbesondere ihre finanzielle Zukunft – oft eine Sicherheit, die vollkommen unrealistisch ist. Die Erfahrung des finanziellen Totalverlusts sitzt tief.
Es gibt hinreichend Anlass, sich mit dem Thema Inflation über das tradierte Wissen hinaus zu beschäftigen. Wir leben zwar in einer Zeit zahmer Inflationszahlen. Die Kerninflationsrate bleibt seit Jahren allzu weit unter dem erklärten Ziel der Zentralbanken von 2 %. Aber die Begleitumstände der außerordentlichen Maßnahmen, die diese seit der großen Finanzkrise von 2008/09 eingeleitet und immer weiter verstärkt haben, assoziieren wir normalerweise mit Zeiten der Geldentwertung. Die Sparer können nicht mehr vom Zins leben, und oft genug müssen sie sogar negative Zinsen ertragen. Die Hausse an den Aktienmärkten ist an der Mittelschicht, aus der die klassischen Sparer nach wie vor stammen, weitgehend vorübergegangen. Weite Teile der Bevölkerung beschleicht ein finanzielles Panikgefühl: Egal wo ich meine Ersparnisse investiere, wahrscheinlich gehen sie zum Teufel. Wie in den frühen 1920er Jahren gibt es eine neue Klasse von Spekulanten, und wie damals wird das Abenteuer Finanzmarkt nicht für alle gut ausgehen. Es tut sich eine Schere auf zwischen den neuen Schichten der Gewinner der digitalen Revolution und den vielen Verlierern der Umwälzung. Das wiederum führt zu Ressentiment, politischer Polarisierung und Korruption. Das Vertrauen in das staatliche Geld schwindet: Deutlichstes Zeichen ist der Aufstieg von Bitcoin, Ethereum und Dogecoin, die manche Merkmale eines Notgeldes aufweisen.
Weiten Teilen der Bevölkerung ist tief im Herzen die Geldschöpfung aus dem Nichts durch Zentral- und Geschäftsbanken unheimlich geblieben. Wie kann eine Zentralbank, etwa in den Jahren der Finanz-, Euro- oder Coronakrise, einfach riesige Summen Geldes schaffen, denen keine Wirtschaftsgüter gegenüberstehen, die nicht Produkt von Arbeit, sondern eine reine Kopfgeburt sind? Wie sollen die Menschen nicht bald ihren Glauben an das Geld verlieren, wenn es nur eine Setzung ist, deren Grund ein juristischer und kein wirtschaftlicher ist? Warum sollten die Menschen eine solche Währung halten und nicht lieber Gold oder Bitcoin? Viele denken heute in Deutschland so. Und wer wollte es ihnen verübeln, nach der immerhin zwar einhundert Jahre zurückliegenden, aber dennoch traumatisch nachwirkenden Erfahrung der Hyperinflation?
Die Entwicklung zur Großen Inflation hat nur in der Rückschau die Notwendigkeit, die ihr gerne zugesprochen wird. Die Kombination von Staatsverschuldung, hohen Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg, Staatsfinanzierung durch die Reichsbank (so der damalige Name der deutschen Zentralbank) und Ausweitung der Geldmenge, der Verlust des Vertrauens in den Staat und das Defizit in der Leistungsbilanz ergaben zwar ein toxisches Gemisch, aber es hätte lange Zeit auch anders kommen können. Die Gläubigerstaaten, insbesondere die Amerikaner, hätten erkennen können, dass viele ihrer Forderungen wertlos waren, die Deutschen hätten Kredit bekommen können, die finanzielle Reform in Deutschland hätte konsequenter verfolgt werden können. Inflation ist kein Schicksal, sie ist meistens nicht mehr als der monetäre Ausdruck politischer Entscheidungen. In diesem Falle folgte sie aus dem Konsens, die Inflation sei das beste Mittel, die Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag ins Leere laufen zu lassen, den Staat zu entschulden und im Krieg verlorengegangene Exportmärkte so schnell wie möglich wieder zu besetzen.
Lord D’Abernon, der Botschafter des Vereinigten Königreichs in Berlin während der Inflationszeit, assoziierte die Hauptursachen der Inflation mit bestimmten Persönlichkeiten. Die Schuld an der fahrlässigen Finanzierung des Staatsdefizits durch die Notenbank schrieb er dem Reichsbankpräsidenten Havenstein zu, für die Zwietracht und das Klima der Missgunst machte er den zum Agitator gewandelten Ökonomen Karl Helfferich verantwortlich, das Interesse der deutschen Exportindustrie an einer schwachen Mark sah er in Hugo Stinnes, dem »König der Inflation«, verkörpert, und schließlich lastete er die merkwürdige Idee der Erfüllungspolitik, die Zahlungsunfähigkeit durch den Ruin der eigenen Währung zu demonstrieren, Walther Rathenau an, dem von ihm sonst hochgeschätzten Industriellen, Schriftsteller und Außenminister. Der bemerkenswerte Zufall, dass diese vier innerhalb kurzer Zeit vor dem Ende der Inflation starben – und nur einer von ihnen eines natürlichen Todes –, ist den Zeitgenossen nicht verborgen geblieben. D’Abernon behauptete später sogar, diese vier mussten sterben, um die Inflation wirksam zu beenden.
1Schacht: 76 Jahre meines Lebens, S. 206.
2Carl-Ludwig Holtfrerich: »Die Deutschen können nicht mit Schulden umgehen«. Interview in der Zeit vom 10.6.2021.
Prolog
Es nieselte am 11. November 1918 in London, als die Straßen sich mit Menschen, immer mehr Menschen füllten, die instinktiv zum Buckingham-Palast strebten. Als der König in Admiralsuniform um 11:15 Uhr, wenige Minuten nach Inkrafttreten des Waffenstillstands, zusammen mit der Königin und dem Herzog von Connaught auf den Balkon trat, kannte der tränenreiche Jubel der Menge keine Grenze mehr. Die Irische Garde intonierte die Nationalhymne und Rule Britannia. Es war ein Fest der Dankbarkeit, der Erleichterung, des Stolzes, aber auch des Gedenkens an die Opfer.
Am frühen Nachmittag versammelte sich das Unterhaus, wo der Premierminister Lloyd George auf eine lange Rede verzichtete, mit den berühmten Worten: »This is no time for words. Our hearts are too full of a gratitude to which no tongue can give adequate expression.« Dann schlug er vor, einen Gottesdienst abzuhalten, in St. Margaret’s. Dort trafen die Unterhausabgeordneten auf die Lords, angeführt vom Lordkanzler. Es war ein einfacher Gottesdienst, ohne Pomp und Triumph, gehalten in der Hoffnung, dass der Albtraum nun vorbei war und ein dauerhafter Frieden folgen würde.3
In den frühen Morgenstunden hatten im Speisewagen eines im Wald von Compiègne (75 Kilometer nordöstlich von Paris) geparkten Zuges der französische Marschall Ferdinand Foch und der Staatssekretär ohne Portefeuille Matthias Erzberger ein Abkommen unterschrieben, welches den Ersten Weltkrieg beendete. Die Deutschen hielten das Abkommen für einen Waffenstillstand, denn so war es betitelt (»Armistice«). Franzosen und Engländer hielten es aber für eine Kapitulation, denn das war das Dokument seinem Inhalt nach: Die Deutschen erhielten keine Gelegenheit, die von den Alliierten aufgestellten Bedingungen zu verhandeln. Marschall Foch erschien nicht einmal zu den Gesprächen, nur für die Unterschrift. So endete der große Krieg, wie er begonnen hatte, mit einem großen Missverständnis.
Zurück in Paris informierte Foch den Präsidenten der Republik, Raymond Poincaré, über den Waffenstillstand. Poincaré nahm die Nachricht eher zurückhaltend auf, wie er in seinen Memoiren schildert. »Foch sagt mir, dass die Deutschen die Bedingungen akzeptiert haben, die er ihnen gegeben hat, aber sie haben sich nicht für besiegt erklärt, und das Schlimmste ist, dass sie glauben, dass sie es nicht sind. Foch ist außerdem überzeugt, dass die deutsche Armee ohne Unterzeichnung des Waffenstillstands bald zu einer allgemeinen Kapitulation gezwungen worden wäre. Wäre es nicht sicherer gewesen?« Doch daran war nun nichts mehr zu ändern. Am Nachmittag trat in Paris das Kabinett unter dem Premierminister Georges Clemenceau zusammen, der Poincaré freudig begrüßte: »Ich bin seit heute Morgen von mehr als fünfhundert Mädchen geküsst worden.«4 Jedenfalls schwiegen ab 11 Uhr die Waffen und in ganz Europa läuteten die Glocken. In Paris war die Freude unbeschreiblich. Zivilisten und Soldaten, viele von ihnen aus den fernsten Ländern des Britischen Empire und den USA, tanzten in den Straßen, schmückten die Balkone mit den Flaggen der Entente, häuften sich auf Autos und Pferdegespannen, um in seliger Freude fahnenschwenkend durch die Straßen der Stadt zu fahren. Die älteren Herren saßen in den Brasserien und tranken auf einen Sieg, durch den die Schmach von 1871 geheilt und Elsass-Lothringen zurückgewonnen wurde.
In der Führung des Landes war am Abend die Stimmung deutlich nüchterner. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Poincaré vertraute einem seiner Generäle an, »Wir haben den Krieg gewonnen, und das nicht ohne Schmerzen. Jetzt müssen wir den Frieden gewinnen, und das wird vielleicht noch schwieriger (…), insbesondere mit allen unseren Alliierten.«5 Und Clemenceau, den Freunde wie Feinde nur den »Tiger« nannten, beschlich um dieselbe Stunde eine üble Vorahnung: »Es wird alles umsonst sein.«6
Der Krieg war also nicht wirklich zu Ende, er wurde nur mit finanziellen Mitteln weitergeführt. Und wenn der Waffenstillstand nicht das Ende des Krieges war, dann war das Folgende die Geschichte einer langen Kapitulation, die erst fünf Jahre später, mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in der Hyperinflation, ihr Ende fand.
3Marriott: Modern England, 1885–1945. A History of My Own Times, S. 420.
4Zitate in Poincaré: Au service de la France, Band 10: Victoire et armistice, S. 413.
5Mordacq: L’Armistice du 11 novembre 1918. Récit d’un témoin, S. 105.
6Zit. nach Wormser: La République de Clemenceau, S. 341.
Händler und Helden
Geld spielt keine Rolle
Der Krieg liebt den Sieg und nicht die Dauer.
Sun Tzu
Die Redakteure von Brockhaus’ Conversations-Lexikon in der Jubiläums-Ausgabe von 1908, es handelte sich um die 14. Auflage, befanden den Begriff der Inflation keines eigenen Eintrags für würdig. Lediglich einen Satz hatte die Enzyklopädie übrig für die Partei der Inflationisten, die im fernen Amerika »eine möglichst große Vermehrung der auf Kredit beruhenden Umlaufsmittel verlangt, (…) welche den Geschäftsgang beleben, den verschuldeten Produzenten eine Erleichterung ihrer Last verschaffen und auch den Steuerzahlern bei der Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld zu gute kommen würde«. Kein Wort über den Hintergrund der Debatte. Keine Erklärung, was Inflation ist, wie sie entsteht und was sie bedeutet. Die Deutschen waren nicht nur nicht auf eine Inflation vorbereitet, sie hatten kaum einen Namen dafür – weshalb sie diesem Phänomen gegenüber lange blind blieben. Im nationalen Gedankengut spielte die Geldentwertung keine, aber auch gar keine Rolle, und entsprechend begriffsstutzig reagierte das Land, als sie so plötzlich aus dem toten Winkel auftauchte.
Zu den wenigen, die einen klaren und deutlichen Begriff von der Inflation hatten, zählte Karl Helfferich, zu dieser Zeit einer der bekannteren Ökonomen und wichtigsten Geldtheoretiker Deutschlands. Das Schicksal wollte es, dass er 1915, im ersten vollen Kriegsjahr, für die Finanzen des Reichs verantwortlich zeichnete, als Staatssekretär im Reichsschatzamt – Finanzminister würden wir heute sagen. Er war kein geborener Politiker, und sein Lebensweg war so schief (und wurde bis zu seinem unschönen Ende 1924 immer schiefer), wie ihn nur Zeiten des Umbruchs hervorbringen können. Die entscheidenden Weichenstellungen zur Finanzierung des Krieges verantwortete damit ein ungewöhnlich intelligenter und kompetenter Mann, dem es nicht an Wissen mangelte, wohl aber an Weitsicht und, wie viele meinten, an Charakter.
Helfferich, 1872 geboren in eine national gesinnte Familie von Kleinindustriellen, war eine unscheinbare Gestalt, mit stets kurzgeschorenen Haaren, Schnauzbart und nach vorn gerecktem Hals. Wie es oft bei Gelehrten der Fall war, hatte das Bücherstudium seiner Wirbelsäule einen leichten Buckel eingeschrieben. In seiner Militärzeit als einjähriger Freiwilliger stürzte er vom Pferd, brach sich mehrere Rippen und verletzte sich so schwer an der Lunge, dass er für den Rest seines Lebens körperliche Anstrengungen möglichst vermeiden musste. Er sollte die Studierstube, die er nach seiner Genesung in Straßburg bezog, nur ausnahmsweise verlassen, so der ärztliche Rat, und darüber hinaus eine strenge Diät halten. Fortan widmete er sein Leben der Arbeit.
Nach seiner Promotion bei Georg Knapp, einem bedeutenden Geldtheoretiker, ging Helfferich nach Berlin, um dort seine Habilitationsschrift über die Währungsunion im Deutschen Reich und den Goldstandard vorzubereiten. Mit der Empfehlung seines Doktorvaters knüpfte er schnell ein Netzwerk, das ihn mit den wichtigsten Gestalten des politischen und wirtschaftlichen Establishments verband. Er war von konservativer Grundhaltung, aber dennoch fortschrittsgläubig wie ein Linkshegelianer, da er eine historische Notwendigkeit im Aufstieg Deutschlands zu erkennen glaubte. Um dieser Entwicklung willen akzeptierte er bereitwillig Gewalt als Teil des Kampfes der Nationen um ihre (imperiale) Stellung in der Welt. Allerdings ging er davon aus, dass die Kriege der Zukunft kurz und begrenzt sein würden, zu eng war die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit der Großmächte.
Helfferich entwickelte sich zu einem Sprachrohr der aufgeklärten Geschäftselite in Berlin. Man wurde aufmerksam auf den sprachgewandten, gelehrten und ambitionierten jungen Mann, der hervorragend in seine Zeit passte. Insbesondere eignete er sich als Publizist, denn er konnte schreiben, verstand etwas von der Sache und hatte wenig zu verlieren. Er hielt Vorlesungen an der Berliner Universität, gelegentlich auch in Hamburg und Kiel, zu geldtheoretischen Themen. Fleißig saß er tagtäglich von morgens um acht bis spät in den Abend hinein an seinem Schreibtisch und arbeitete an seinem Ruf, unterbrochen nur durch ein »Abendessen« in der Mitte des Nachmittags. Aus Rücksicht auf seine fragile Gesundheit rauchte er nicht, trank keinen Alkohol und aß nicht viel (er selbst behauptete, er stehe aus Zeitmangel niemals satt auf vom Tisch).
Ab 1902 durfte er sich zwar Professor der Staatswissenschaften nennen, realisierte aber gleichzeitig, dass das Gelehrtenleben nichts für ihn war. Er empfand sich nun als einen Mann der Tat, als Technokrat, der lieber im Staat aktiv war, als ihn bloß zu beschreiben. So ergriff er die Gelegenheit, in die Kolonialabteilung des Außenamts einzutreten, um sich dort um Währungsfragen zu kümmern. Er zeigte sich äußerst intelligent und engagiert und empfahl sich für höhere Aufgaben. Sein Aufstieg geriet allerdings kurzzeitig ins Stocken, als er die Aufmerksamkeit des württembergischen Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger erregte, dem Experten der Zentrumspartei für Kolonial- und Finanzpolitik, der es sich in dieser Zeit zur Hauptaufgabe gemacht hatte, die Missstände in den Überseegebieten scharf zu kritisieren.
Erzberger war ein junger Wilder in der Politik, der mitunter den Honoratioren der Zentrumspartei hemdsärmelig begegnete, dem lautes Auftreten nicht fremd war und der gerne mit gleicher Münze zurückzahlte, wenn er angegriffen wurde. Er war in der katholischen Arbeiter- und Sozialbewegung Württembergs groß geworden, nahm aber auch gerne ein Aufsichtsratsmandat bei Thyssen an. Er verstand es, mit der öffentlichen Meinung zu spielen, ein Medienprofi, der seinen erlernten Beruf als Journalist noch als Reichstagsabgeordneter ausübte. Seine Redekunst und Umtriebigkeit verhalfen ihm früh zu großer Bekanntheit, machten ihm aber auch viele Feinde in den Regierungsetagen Berlins. Er war ein ausnehmend talentierter Politiker, nicht ohne Interessenkonflikte, mit großer Angriffsfläche, der sich vermutlich nicht viel dabei dachte, als er sich Helfferich zum Feind machte.
Erzbergers Enthüllungen über Korruption, Vetternwirtschaft und Ausbeutung in den deutschen Kolonien führten dazu, dass Helfferich 1906 seinen Posten räumen musste. Als Entschädigung für dieses Bauernopfer erhielt dieser trotz seiner Jugend für seine Verdienste den Kronen-Orden (2. Klasse). Als im selben Jahr der Posten des zweiten Direktors der Anatolischen Eisenbahn frei wurde, ergriff Helfferich die Gelegenheit, seine Sporen an einem der bedeutsamsten Berührungspunkte zwischen Wirtschaft und Politik in dieser Zeit zu verdienen. Die Bahn war ein Tochterunternehmen der Deutschen Bank und Teil des großen Projekts einer Bagdadbahn, mit welcher Deutschland die Seeherrschaft Großbritanniens auszuhebeln suchte. Eine schnelle und zuverlässige Landverbindung zu den rohstoffreichen Gegenden im Mittleren Osten und zu einem Hafen am Persischen Golf war der große Preis der Außenpolitik, da so ein von Deutschland kontrollierter Handelsweg zum indischen Subkontinent erschlossen würde. Helfferich bewegte sich geschickt durch das politische Minenfeld, zu dem der Aufbau einer deutschen Infrastruktur im Osmanischen Reich unweigerlich werden musste. Es gelang ihm, die osmanische Regierung davon zu überzeugen, Franzosen und Engländer hätten imperiale Gelüste und wollten politischen Einfluss im Osmanischen Reich gewinnen, während Deutschland vorgeben konnte, rein kommerzielle Interessen zu verfolgen. Auch die 1908 an die Macht gelangten »Jungtürken« konnte Helfferich in diesem Sinne beeinflussen. Es sprach für sein diplomatisches Geschick, dass er mit diesem Argument Glauben fand. Der Bau der Bagdadbahn gehörte zu den wenigen diplomatischen Erfolgen des Wilhelminischen Deutschland in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.7 Diese Aufgabe löste er zur größten Zufriedenheit seiner Förderer. 1908 wurde er, im Alter von nur 36 Jahren, Vorstand bei der Deutschen Bank.
Das eröffnete ihm den Zugang zu den höchsten Kreisen in Berlin, bis hinauf zum Kaiser, mit dem er bald ein besonders gutes Verhältnis pflegte. Nichts befeuert den Ehrgeizigen so sehr wie der Erfolg. Helfferichs Ambitionen richteten sich nun immer stärker auf die Politik. Er verfasste 1913, zum silbernen Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II., eine Schrift über Deutschlands Volkswohlstand 1888–1913, eine Lobrede auf das tatsächlich beeindruckende Wachstum in beinahe allen wirtschaftlichen Belangen. Mit Stolz stellte er fest, dass das Nationaleinkommen sich durch den Fleiß der Deutschen seit 1896 verdoppelt hatte und nunmehr größer war als die Wirtschaftsleistung in Frankreich, das sich zu sehr auf seinem hergebrachten Reichtum ausruhte (»Frankreich ist das Land der Rente, Deutschland das Land der Arbeit.«). Er hob hervor, dass Deutschland mehr Eisen und Stahl produzierte als England, sah aber auch, dass die USA in dieser Hinsicht »auf Grund ihrer gewaltigen Vorkommen allen anderen Ländern weit voraus«8 waren. Den Kaiser freute diese Betrachtung, die zweifellos auch als eine Bewerbung für noch höhere Ämter zu lesen war.
Helfferich war bei Ausbruch des Krieges noch immer nicht alt, 42 Jahre, aber was für eine Karriere! Er trug den Professorentitel, war ein angesehener Ökonom, erfolgreicher Diplomat und Vorstand der Deutschen Bank. Im politischökonomischen Establishment Berlins war er zu einer festen Größe gereift, sein Wort hatte Gewicht und seine finanziellen Möglichkeiten suchten ihresgleichen. Er strahlte Energie und Tatendrang aus und verstand es, sich auch in großen Bürokratien durchzusetzen. Und er glaubte an die historische Mission Deutschlands und seiner Monarchie, an die kulturelle, wirtschaftliche, institutionelle und moralische Überlegenheit seines Vaterlandes.9
Helfferichs Berufung zum Finanzstaatssekretär wurde dennoch als Überraschung empfunden. Die Aufgabe war kolossal: Ein Jahr nach Kriegsbeginn, als er seinen Haushalt für das Jahr 1916 vorlegte, war es längst klar, dass dieser Konflikt nicht mit den kurzen und weitgehend schmerzlosen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts vergleichbar war. Er würde lange dauern und die Kosten an Menschen und Material immens sein. In seinem Amt schloss Helfferich sich der allgemeinen Auffassung an, dass am Ende des Krieges Deutschland den Verlierern eine gewaltige Rechnung präsentieren würde. Daher legte er ein äußerlich konventionelles Budget vor, in welchem die üblichen Einnahmen und Ausgaben, wie es sie auch in Friedenszeiten gegeben hätte, ausgeglichen waren. Die Kosten des Krieges wurden in einem Sonderhaushalt verbucht, als dessen wesentliche Einnahme die Erlöse aus dem Verkauf von Kriegsanleihen ausgewiesen wurden. Außerordentliche Haushalte hatte es immer wieder gegeben. Prinzipiell waren darin enthaltene Ausgaben nur für Investitionen vorgesehen, die sich in der Vorstellungswelt der Haushaltspolitiker über die Zeit von selbst finanzierten. So sollte es auch mit dem Kriegshaushalt sein, in welchem man den Verlierern gewissermaßen Geld vorstreckte, das sie zurückzahlen würden, wenn man ihnen nach der Kapitulation die Rechnung präsentierte.
Der Posten eines Finanzministers war im Krieg nicht dazu geeignet, seinem Inhaber zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Helfferichs Lage war aber noch ein Stück unbequemer als die seiner europäischen Kollegen. Auf der einen Seite hatte er es mit Generälen zu tun, die sich stets vor dem entscheidenden Durchbruch wähnten und für ihre Männer das nötige Material forderten. Kein Land möchte einen Krieg verlieren, bloß weil an der falschen Stelle gespart wurde. Wer wollte sich mit buchhalterischen Kleinigkeiten aufhalten, wenn draußen die größten Schlachten der Menschheitsgeschichte tobten? Sein Ehrgeiz richtete sich also nicht darauf, als Sparkommissar in die Geschichte einzugehen. Einen Besuch bei der Obersten Heeresleitung nutzte Helfferich daher lediglich dazu, das bisherige Motto »Geld spielt keine Rolle« durch »Wer die Millionen nicht ehrt, ist der Milliarden nicht wert« zu ersetzen. Wer mit solchen launigen Sprüchen vor Hindenburg und Ludendorff auftrat, konnte allerdings nicht viel erwarten. Jedenfalls weder Respekt noch Sparsamkeit.
Auf der anderen Seite sah Helfferich sich mit einem Problem konfrontiert, welches aus der Konstruktion der Bismarck’schen Reichsverfassung resultierte: Die Länder verteidigten hartnäckig ihre Hoheit über die direkten Steuern vor dem Zugriff aus Berlin. Das Reich schulterte gewaltige Ausgaben für den Krieg, hatte aber kaum Zugriff auf die finanziellen Ressourcen des Landes. Es hätte einer großen Verfassungsreform bedurft, um dem Reich und den Ländern jeweils eigene Steuern zuzuweisen, damit sie unabhängig ihre Aufgaben erfüllen konnten. Dafür war nach Helfferichs Auffassung nun aber nicht die Zeit, und ohnehin gab es rühmlichere Aufgaben als die Reform der Finanzverfassung. Also standen den entgrenzten Ausgaben nur tröpfelnde Einnahmen gegenüber, und in Helfferichs Haushalt türmten sich die Schulden.
Das naheliegendste Mittel zur Eindämmung der Staatsschulden wäre die Erhöhung der Steuern, etwa auf Kriegsgewinne, gewesen – wie es in Großbritannien und wenig später in den USA geschah. Die Erlöse in den kriegswichtigen Industrien kletterten in erstaunliche Höhen und sorgten für erhebliche Unruhe in der Bevölkerung, die den Gürtel immer enger schnallen musste. Auf diesem Wege wären hohe Steuereinnahmen zu holen gewesen und die Arbeiterklasse, aus der die Mehrzahl der Soldaten in diesem Krieg stammte, hätte nicht das Gefühl haben müssen, die Lasten wären ungleich verteilt. Während die jungen Arbeiter und Bauern an der Front die größten Opfer brachten, machten sich die Industriellen und die Händler die Taschen voll – so lautete der verbreitete Verdacht. Helfferich entschied sich aber gegen Steuererhöhungen und für die Fiktion einer nur vorübergehenden Finanzierungslücke.
Am 20. August 1915 rechtfertigte er in einer emotionalen Rede im Reichstag seinen Kurs.
»Meine Herren, wie die Dinge liegen, bleibt also vorläufig nur der Weg, die endgültige Regelung der Kriegskosten durch das Mittel des Kredits auf die Zukunft zu schieben, auf den Friedensschluß und auf die Friedenszeit. Und dabei möchte ich auch heute wieder betonen: wenn Gott uns den Sieg verleiht und damit die Möglichkeit, den Frieden nach unseren Bedürfnissen und nach unseren Lebensnotwendigkeiten zu gestalten, dann wollen und dürfen wir neben allem anderen auch die Kostenfrage nicht vergessen;
(lebhafte Zustimmung)
das sind wir der Zukunft unseres Volkes schuldig.
(Sehr wahr!)
Die ganze künftige Lebenshaltung unseres Volkes muß, soweit es irgend möglich ist, von der ungeheuren Bürde befreit bleiben und entlastet werden, die der Krieg anwachsen läßt.
(Sehr wahr!)
Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient;
(sehr richtig!)
sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir.
(Sehr gut!)«10
Der Reichstag lauschte offensichtlich in bester Stimmung den Ausführungen des Finanzministers. Im Anschluss an diese Worte sinnierte Helfferich noch kurz darüber, ob die arg geschwächten Kriegsgegner angesichts ihrer »ungeheuren finanziellen Schwächung« überhaupt zu ausreichenden Entschädigungen in der Lage sein würden – aber diesem Gedanken hing er nicht weiter nach und wandte sich praktischen Überlegungen zu, wie die gegenwärtige Kreditaufnahme bewerkstelligt werden konnte.
Insgesamt wurde in Deutschland nicht viel über die Finanzierung des Krieges nachgedacht. Geld spielte in den Köpfen zu dieser Zeit tatsächlich keine Rolle. Helfferich glaubte, wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen, an einen kurz bevorstehenden Sieg. Und dennoch, er blieb der Minister, der für die fatale Entscheidung verantwortlich zeichnete, den Krieg über Schulden und nicht über Steuern zu finanzieren. 1915 konnte von einem schnellen Sieg (der die Voraussetzung für die Zahlungsfähigkeit der Verlierer war) nicht mehr die Rede sein und ein kluger Finanzminister hätte das Risiko erkennen müssen, zumindest auf den Schulden bei der eigenen Bevölkerung sitzen zu bleiben.
Indem Helfferich sich dafür entschied, den Krieg gegen den Rest der Welt auf dieselbe Weise zu finanzieren, wie Preußen im 19. Jahrhundert seine Kriege bezahlt hatte, handelte er auf eine Weise, wie man sie in Deutschland oft beobachten konnte. Der Pragmatismus der Engländer bestand in der Tradition des Empirismus darin, sich den Fakten, auch den neuen, zu stellen, ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und daraus das Beste zu machen. Der Pragmatismus der Deutschen hingegen speiste sich, ganz im Sinne Hegels, aus den Lehren der Geschichte: Sie hielten an dem fest, was in der Vergangenheit funktioniert hatte.
Der Staatssekretär im Reichsschatzamt war wie kaum ein anderer darauf vorbereitet, die Gefahren der Inflation zu verstehen. Im Unterschied zum Brockhaus hatte er durchaus einen Begriff von diesem Phänomen. An historischer Bildung mangelte es ihm nicht, und er hatte seine akademische Karriere auf dem Thema Geld gegründet. Inflationen hatte es immer wieder gegeben, insbesondere in Kriegszeiten, und die letzte Hyperinflation lag nur gut hundert Jahre zurück, als die Revolution in Frankreich zwar das ancien régime verschlang, aber auf dessen Schulden und dem eigenen Versprechen besserer Lebensbedingungen für alle sitzen blieb. Allerdings waren seine Auffassungen über den Ursprung der Inflation alles andere als theoretisch gefestigt, gerade weil er sich als Anhänger der Historischen Schule nicht um Modellierungen und Abstraktionen bemüht hatte.
Helfferich war der Überzeugung, die Verschuldung sei unschädlich, solange die Reichsbank sich auf die Zwischenfinanzierung der Kredite beschränkte. Die eigentliche Finanzierung erfolgte durch große Kriegsanleihen, wodurch die Geldmenge nicht stieg, denn der Staat gab nur aus, was ansonsten seine Bürger ausgegeben hätten. Es jagte also nicht eine immer größere Geldsumme nach einer gleichbleibenden oder schrumpfenden Gütermenge. Und so gab es keinen Grund für inflationären Druck.
Dieses Argument ist aber brüchig, denn ein steigendes Kreditvolumen führt erfahrungsgemäß auch zu einem Anwachsen der Geldmenge. Den Krieg über Steuern zu finanzieren hätte einen anderen Effekt gehabt, denn die Abgaben, die der Bürger an den Fiskus leistet, sind für ihn tatsächlich verloren. Steckt er es hingegen in eine Anleihe, so ist er nicht ärmer geworden und kann das Geld immer noch ausgeben, etwa wenn er die Anleihe bei einer Bank als Sicherheit hinterlegt, um einen Kredit zu bekommen. Die Nachfrage nach Gütern wird durch Besteuerung also in ganz anderer Weise gebremst als durch die Begebung von Anleihen. Zudem übersah Helfferich, dass die Anleihe zum größten Teil von Industriellen und Großbürgern gezeichnet wurde. Deren Ersparnisse konnten kaum noch ins Ausland fließen und lagen nutzlos auf Bankkonten herum. Also lag es nahe, diese in Zinspapiere zu investieren. Damit floss im Wesentlichen Geld in die Kriegsanleihen, das ohnehin nicht für den Konsum vorgesehen war (und daher nicht für Preisdruck sorgte). Gleichzeitig stieg die Nachfrage durch den Staat enorm, insbesondere nach militärischen Gütern, die nicht schnell genug produziert werden konnten. Spiegelbildlich war im zivilen Bereich ein schrumpfendes Angebot zu verzeichnen, das eine etwa gleichbleibende Nachfrage durch eine Bevölkerung, die sich noch immer nicht arm fühlte, kaum befriedigen konnte. Das Resultat der Staatsverschuldung waren in diesem Kontext steigende Preise.
Wenige Wochen nach dem Ende des Krieges, als die Kritik am alten Regime möglich wurde, wiesen hellsichtige Kommentatoren auf diese Fehler bereits hin: »Das alte Regime hat diesen Krieg geführt wie ein verzweifeltes Hazardspiel, bei dem alles auf eine Karte gesetzt wurde (…). Auf Geld kam es nicht an, weder auf Preise noch auf Löhne. (…) Sinnlose Überpreise wurden bewilligt, um die Produktion anzuregen. Die hohen Preise zogen hohe Löhne nach sich und umgekehrt. Die bis zu einem gewissen Grade unvermeidliche Inflation nahm einen unheimlichen Umfang an.«11
Auch wenn Helfferich keine gute Erklärung dafür hatte, sank während des Krieges die Kaufkraft der Mark. Er selbst berechnete einen Inflationsindex, der im Jahr 1915 von 106 auf 142 stieg und bis Ende 1917 auf 189.12 Am Ende des Krieges hatten sich die Preise nur gut verdoppelt, was noch kein Katastrophengefühl auslöste, weder beim Volk noch beim Minister. Der entscheidende Grund für die moderate Entwicklung der Inflation war allerdings weniger Helfferichs Handhabung der Kriegsfinanzierung als vielmehr der Umstand, dass die Deutschen, solange sie keinen Begriff von Inflation hatten, auch keine erwarteten. Vielmehr horteten sie ihr Bargeld unter der Matratze oder auf dem Konto, wie es in unsicheren Zeiten ganz natürlich war. Die Geldbasis (Bargeld + Einlagen bei der Reichsbank), die ein guter Indikator für die Kassenbestände war, lag 1919 beim Dreifachen des Vorkriegsniveaus.13 Unter der Annahme stabiler Preise und der Rückkehr zum Goldstandard war das Auffüllen des Sparstrumpfes ein rationales Verhalten. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, eine der entscheidenden Zutaten für die Entstehung einer Inflation, blieb somit verhältnismäßig niedrig. Helfferich hatte als Finanzminister das Glück, dass mit den Inflationserwartungen und der Umlaufgeschwindigkeit zwei wesentliche Faktoren, die außerhalb seiner Einflusssphäre lagen, die Inflation vertagten.
Nach gut einem Jahr schied Helfferich am 9. November 1917, also genau ein Jahr vor Kriegsende, als angesehener Mann aus dem Amt und seine Karriere konnte weitergehen. Er stieg noch ein Stück weiter auf, wurde Vizekanzler. Aber 1917 war dieser Titel nicht mehr viel wert.
Heute gilt in Deutschland allgemein die Finanzierung von Haushaltsdefiziten durch die Zentralbank – mit einer entsprechenden Ausweitung der Geldmenge – als finanzieller Verrat an der arbeitenden und sparenden Bevölkerung. Allein das laute Darübernachdenken zöge auf der Stelle eine derart schlechte Presse nach sich, dass es das Karriereende eines jeden Politikers oder Bundesbankers bedeuten würde. Ist nicht die Entwicklung in Deutschland zwischen 1914 und 1923 nur das prominenteste Beispiel für den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Inflation? Die ersten Jahre der Weimarer Republik und insbesondere die Staatsfinanzierung durch die Notenbank bleiben der Orientierungspunkt der Deutschen und ihrer Ökonomen, wenn es um Geld und Wirtschaft geht.14
Seit das Geld von jeder materiellen Basis entkoppelt ist, nur noch durch Funktion und nicht mehr durch Form definiert ist, waren Notenbanken immer versucht, mehr Papier (oder seine Äquivalente) in Umlauf zu bringen, als es der Wirtschaftskreislauf vertrug. Und waren diese Banken, seit sie verstaatlicht sind, nicht allzu oft willige Befehlsempfänger der Regierungen, deren Ausgabenwünsche sie finanzierten, ohne sich lange zu fragen, ob der Wohlstand, der hier verteilt wurde, einen realen Grund hatte, ob also dem Geld überhaupt Waren gegenüberstanden? Haben sie den Wohlstand nicht vielmehr oft genug vernichtet, indem sie das Geld schlecht gemacht haben? Rechtfertigt das Destillat aus jenem schmerzhaften Kapitel der Geschichte Deutschlands zwischen 1914 und 1923 etwa nicht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Staatsschulden? Ist der Status, den Gold bis heute als Währungsreserve genießt, nicht ein deutliches Zeichen, dass die Zentralbanker ihren Kollegen kaum mehr Vertrauen entgegenbringen als einem Pferdehändler?
Geld und Schulden entstehen, grob gesagt, indem eine Bank dem Kreditnehmer auf dessen Konto ein Guthaben einbucht. Dieses Geld wird nicht einem anderen weggenommen, es entsteht neu, aus dem Nichts. Mit den Bankschulden wächst also auch die Geldmenge.15 Die Schöpfung des Geldes aus heiterem Himmel ist für viele Menschen schwer zu akzeptieren, auch wenn sie jeden einzelnen Schritt und die Funktionsweise des Bankensystems nachvollziehen können. Nichts daran ist obskur, und dennoch bleibt ein Unbehagen. Der einzige Trost mag darin liegen, dass eine gewisse Unverständlichkeit weder selten ist noch schädlich sein muss – solange das Vertrauen in die handelnden Personen gut begründet ist. Friedrich Schlegel hat – in einem ganz anderen Kontext – darauf hingewiesen, dass es in menschgemachten Verhältnissen häufig vorkommt, dass auch das Wichtigste »irgendwo an einem solchen Punkte [hängt], der im Dunkeln gelassen werden muß, dafür aber auch das Ganze trägt und hält, und diese Kraft in demselben Augenblicke verlieren würde, wo man ihn in Verstand auflösen wollte«.16 Es gibt nicht den einen Archimedischen Punkt, aus dem sich der Wert des Geldes wie in einer mathematischen Formel stringent herleiten ließe, sondern nur Buchungen, Funktionen und Kontrollmechanismen, die, wenn sie verantwortlich gehandhabt werden, ihren Zweck erfüllen. Nicht mehr und nicht weniger.
Privatpersonen machen Schulden meistens zum Erwerb oder zur Schaffung neuer Wirtschaftsgüter. Die durch die entsprechenden Buchungen bei der Bank gestiegene Geldmenge steht dann einer gestiegenen Menge an werthaltigen Wirtschaftsgütern (wozu Kriegswaffen nicht zählen, die in der Regel schnell kaputtgehen und nicht zur Produktion von etwas Neuem taugen) entgegen, so dass in der Regel kein inflationärer Effekt entsteht – zumal die Kredite irgendwann zurückbezahlt werden müssen, wodurch die Geldmenge wieder schrumpfen kann. Der Staat ist in einer anderen Situation: Da er (theoretisch) das ewige Leben hat, muss er seine Schulden nicht zurückzahlen, sondern kann sie bei Fälligkeit durch neue ersetzen (»rollen«), sofern er noch kreditwürdig ist. Und wenn er weder willige Geldgeber findet noch seinen Steuerzahlern zusätzliche Bürden zumuten möchte, kann er die Notenbank anweisen, die ausstehenden Staatsanleihen zurückzukaufen (zu monetisieren). Das vergrößert die Geldbasis, löst aber kurzfristig das Finanzierungsproblem. Da der Staat also die Möglichkeit hat, in schwierigen Situationen mit Hilfe der Zentralbank unbegrenzt Geld zu schaffen, das er oft nur langsam (oder gar nicht) zurückzahlt, ist der Zusammenhang zwischen hoher Staatsverschuldung und anschließender Geldentwertung theoretisch plausibel und in der Praxis oft beobachtet worden.
Dennoch gibt es hier keinen Automatismus. Eine hohe Staatsverschuldung ist (ebenso wenig wie eine stark wachsende Geldmenge) weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für eine Inflation. Im Zweiten Weltkrieg stiegen die Schulden Großbritanniens auf 250 % der Wirtschaftsleistung an. Obwohl der Krieg lange Zeit ungünstig für Großbritannien verlief, kam es nicht zu einer Schuldenkrise. In dieser Situation höchster Unsicherheit war offensichtlich die Nachfrage nach einem sicheren Hafen für die Ersparnisse hoch. Japan ist für die Gegenwart ein Beispiel für Stabilität und niedrige Inflationsraten, obwohl dort die Notenbankliquidität seit 2013 dramatisch angewachsen ist und die Staatsverschuldung nach Jahrzehnten struktureller Defizite ebenfalls bei etwa 250 % der Wirtschaftsleistung liegt – ohne dass ein merklicher Einfluss auf die Zinsen oder die Inflationserwartungen spürbar wäre. In diesem Fall legt ein guter Teil der gealterten Bevölkerung ihr Geld in Staatsanleihen an und sorgt dadurch für Stabilität und niedrige Zinsen. Auch der Umstand, dass die Bank of Japan einen immer größeren Teil der Staatsschulden hält, ist seit Jahrzehnten unproblematisch. Die Europäische Zentralbank und die Bank of England halten heute etwa 35 % der jeweiligen Staatsschulden, ohne dadurch eine bemerkenswerte Inflation auszulösen. Olivier Blanchard, ehemaliger Chefökonom des Weltwährungsfonds, stellt angesichts dieser Entwicklung (die in Europa und den USA nicht unähnlich ist) die Überlegung an, ob Staatsschulden für Länder, die sich in eigener Währung verschulden können, überhaupt ein Problem darstellen müssen. Solange sie ihre Zinskosten unterhalb der Rate des Wirtschaftswachstums (und damit des Wachstums der Steuereinnahmen) halten können, zahlen sich demnach die Schulden praktisch von allein zurück und es gibt keinen Grund, sich um die Höhe der Schulden Sorgen zu machen.17 Demnach wäre auch nicht das Verhältnis von Schulden zu Wirtschaftsleistung die entscheidende Größe bei der Beantwortung der Frage: Wie viele Schulden sind zu viel? Die relevante Größe wäre der Anteil der Wirtschaftsleistung, der für den Schuldendienst aufgewendet werden muss. Ein Land, in dem für Staatsanleihen niedrige Zinsen gezahlt werden, kann sich höhere Schulden leisten als ein Land mit hohem Zinsniveau.
Es gibt bis heute keine vollständig befriedigende Theorie zur Inflation. Aber es gibt eine Reihe von Faktoren, die immer wieder im Zusammenhang mit Inflation auftauchen, wie die Täter am Ort des Verbrechens. Die Staatsverschuldung zählt dazu. Ebenso wie die Geldmenge, die von der in den 1970er und 1980er Jahren beliebten Quantitätstheorie der Inflation als wesentliche Ursache ausgemacht wurde.
7Zur deutsch-britischen Konkurrenz vor dem Ersten Weltkrieg und den Parallelen zum chinesisch-amerikanischen Antagonismus in der Gegenwart vgl. Markus Brunnermeier et al.: »Beijing’s Bismarckian Ghosts: How Great Powers Compete Economically«. In: The Washington Quarterly, Vol. 41/3 Herbst 2018, S. 161–176.
8Helfferich: Deutschlands Volkswohlstand 1888–1913, S. 100 und S. 63.
9Zu Helfferich gibt es nur eine brauchbare Biographie, aus der alle hier erwähnten Angaben zu seiner Lebensgeschichte stammen: Williamson: Karl Helfferich.
10Das Protokoll der Reichstagssitzung findet sich unter https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k13_bsb00003402_00235.html.
11Felix Pinner: »Entfesselte Instinkte«. In: Berliner Tageblatt, 21. 12. 1918, Abendausgabe, S. 4.
12Vgl. Williamson: Karl Helfferich, S. 146. Diese Berechnungen stimmen ungefähr überein mit Holtfrerich: Die deutsche Inflation 1914–1923, S. 15.
13Holtfrerich: Die deutsche Inflation 1914–1923, S. 185ff.
14Vgl. beispielsweise Hans-Werner Sinn: Corona und die wundersame Geldvermehrung in Europa. Vortrag gehalten am 14. 12. 2020 am Ifo-Institut München. https://www.ifo.de/vortrag/2020/weihnachtsvorlesung/corona-und-geldvermehrung.
15Anders verhält es sich, wenn der Schuldner (privat oder staatlich) Geld aufnimmt, indem er eine Anleihe auf dem Kapitalmarkt begibt. Dann fließt bestehendes Geld und es entsteht kein neues – oder nur wenn der Käufer der Anleihe sich die entsprechende Summe bei einer Bank leiht.
16Schlegel: Über die Unverständlichkeit, S. 370.
17Blanchard: »Public Debt and Low Interest Rates«. Dagegen ist eingewandt worden, dass ein Land seine Zinskosten nicht vollständig selbst kontrollieren kann. Es handelt sich teilweise um eine endogene Größe, die von der Markteinschätzung der Schuldentragfähigkeit eines Landes abhängt.
Der Griff in die Darlehenskasse
Money in its significant attributes is, after all, a subtle device for linking the present to the future.
John Maynard Keynes, »General Theory« (1936)
Deutschlands finanzielle Probleme hatten schon in den Wochen vor dem Kriegsausbruch begonnen. Die Industrie des Reiches zeigte sich leistungsfähig wie kaum eine andere und produzierte beinahe alle kriegswichtigen Güter schnell und in großer Menge. Allein die Geldbeschaffung, ein entscheidender Faktor in jedem Krieg, gestaltete sich schwierig, denn Deutschland fehlte ein international vernetzter und liquider Finanzplatz, der es mit London oder Paris hätte aufnehmen können. Seine Banken waren zwar groß, aber meist auf den Binnenmarkt ausgerichtet. Um die Forderung der Generalität zu erfüllen, Geld dürfe für die Kriegsanstrengung keine Rolle spielen, nutzten die Berliner Beamten den langen Sommermonat zwischen dem Attentat von Sarajewo und dem Kriegsbeginn, um die Kassen so prall wie möglich zu füllen. Bereits am 4. August 1914 verabschiedete der Reichstag ein ganzes Bündel von Gesetzen zur Finanzierung des Krieges. In einem Nachtragshaushalt genehmigte er kriegsbedingte Sonderausgaben von fünf Milliarden Mark – dies entsprach knapp einem Zehntel der Wirtschaftsleistung Deutschlands, die 1913 bei 52 Milliarden Mark gelegen hatte. Also begab das Kaiserreich im September eine Kriegsanleihe in Höhe von 4,5 Milliarden Mark, die erste von insgesamt neun großen Anleihen, die als patriotisches Opfer vermarktet wurden und bei der sparenden Bevölkerung generell lebhaften Absatz fanden.
Die Mark war zu dieser Zeit dem Goldstandard unterworfen. Es galt das Prinzip der Dritteldeckung, wonach für jede Goldmark im Tresor der Reichsbank nur drei Papiermark ausgegeben werden durften. Das sollte die im Umlauf befindliche Geldmenge begrenzen und den Tausch in andere, ebenfalls auf Gold bezogene Währungen erleichtern. Woher sollten unter diesen Umständen die Milliarden kommen, die der Staat für einen Krieg gegen fast alle Großmächte dieser Welt benötigte? Im System des Goldstandards war ein so großer zusätzlicher Geldbedarf nicht vorgesehen. Das Gold ließ sich nicht magisch vermehren und damit auch nicht die darauf bezogene Mark.
Um mehr Geld schöpfen zu können, musste folglich nach geltendem Recht möglichst viel Gold seinen Weg in die Reichsbank finden. Viele Patrioten folgten demonstrativ den öffentlichen Aufrufen, der Reichsbank Schmuck und Münzen gegen Papiergeld anzudienen. Aber entweder gab es nicht genügend Patrioten oder sie hatten zu kurze Arme für ihre tiefen Taschen, jedenfalls kam nicht genügend Edelmetall für die Kriegsanstrengung zusammen.
Der Geldmangel des Reichs blieb auch dem Volk auf der Straße nicht verborgen, und Ende Juli hatten sich bereits lange Schlangen von misstrauischen oder ängstlichen Bürgern gebildet, die den umgekehrten Weg gehen und ihr Papiergeld bei den Banken in Goldmünzen tauschen wollten. Das zeugte zwar von vaterlandsloser Gesinnung, wie die Zeitungen nicht müde wurden zu schreiben, aber es beruhigte die Nerven für den unwahrscheinlichen Fall einer Niederlage. Nichts zog so unwiderstehlich Nachahmer an wie Schlangen schwitzender Menschen vor Bankschaltern, hinter denen sich nervöse Angestellte fragten, wie lange dieser Zustand noch gut gehen mochte. Niemand wollte vor verschlossenen Türen stehen, hinter denen Ersparnisse plötzlich wie in einem Schwarzen Loch versanken, während sich der Nachbar, der die Zeichen der Zeit schneller gedeutet hatte, zufrieden und entspannt einen Haufen Goldstücke unter die Matratze legen konnte. Daher schlossen am 28. Juli, dem Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, die Geschäftsbanken ihre Schalter, um dem Land den peinlichen Anblick langer Reihen besorgter Bürger zu ersparen. Am 31. Juli, einem Freitag, zog die Reichsbank nach. Das Papiergeld ließ sich nicht mehr in Gold tauschen, der Goldstandard war praktisch am Ende.
Die Regierung griff nun auf einen Trick zurück, der sich schon im Krieg gegen Frankreich bewährt hatte. Was einmal funktioniert hatte, musste man in der Eile nicht neu erfinden. Die Fiktion der goldgedeckten Mark sollte aufrechterhalten bleiben, die Menge des umlaufenden Geldes musste gleichwohl erheblich vergrößert werden. Wenn die Papiermark sich nicht beliebig vermehren ließ, so lag die Lösung des Problems darin, eine zusätzliche Währung zu schaffen, welche die Bedürfnisse des Krieges und der Wirtschaft erfüllte. Dadurch blieb die Mark sauber und ans Gold gekoppelt, während die Zweitwährung die nötige Liquidität schaffte.
Parallelwährungen waren damals kein ungewöhnlicher Gedanke. Es war nicht lange her, da zirkulierten die verschiedensten Währungen der deutschen Länder, und auch nach der Reichsgründung wusste sich der Staat, wenn er klamm war, mit sogenannten Reichskassenscheinen zu behelfen, die nichts anderes waren als klein gestückelte Schuldscheine des Reichs, die es herausgab, wenn gerade keine Papiermark greifbar war. Um den Geldbedarf zu befriedigen, gab die »Reichsschuldenverwaltung«, das hierfür zuständige Amt innerhalb des Finanzministeriums, Reichskassenscheine zu 5, 10 und später auch 20 oder 50 Mark heraus, die formell Schulden des Reiches waren, aber wie Reichsbanknoten für tägliche Geldgeschäfte benutzt und (mit der wichtigen Einschränkung: je nach Kassenlage) in Gold eingetauscht werden konnten. Dieser enge Bezug zum Gold bedeutete, dass die Reichskassenscheine nicht ohne weiteres vermehrt werden konnten und daher zur Finanzierung des Krieges nur begrenzt taugten.
Die Parallelwährung, die am 4. August 1914 aus der Taufe gehoben wurde, musste flexibler sein. Der Reichstag errichtete »zur Abhilfe des Kreditbedürfnisses, vornehmlich zur Beförderung des Handels und des Gewerbebetriebs« ein System von »Darlehenskassen«. Diese gaben Kredit gegen ein buntes Allerlei von Sicherheiten, wie etwa Rohstoffe, Wertpapiere und unverderbliche Fertigwaren. Sie unterschieden sich zudem von gewöhnlichen Sparkassen dadurch, dass sie ihre Kredite nicht in Mark oder etwa Gold vergaben, sondern als »Darlehenskassenscheine«, welche (wie die Reichskassenscheine) dieselbe Funktion hatten wie Papiergeld, offiziell aber keines waren. Diese Darlehenskassenscheine waren, ebenfalls wie die Reichskassenscheine, nicht mehr durch Gold gedeckt, wie es die Mark nach offiziellen Angaben noch blieb. Zunächst war das Volumen der Darlehenskassenscheine auf 1,5 Milliarden Mark gedeckelt, aber es bedurfte keiner großen Phantasie, um vorauszusehen, dass dieser Deckel später durch eine einfache Änderung im Gesetz auch angehoben werden konnte.
Ein solches System hatte es bereits 1870 im Norddeutschen Bund gegeben, zur Finanzierung des Krieges gegen Frankreich. Und damals war alles gut gegangen. Eine entscheidende Änderung gegenüber 1870 war die Gleichstellung der Darlehenskassenscheine mit den Reichskassenscheinen. Da im Bankgesetz von 1875 in § 17 zu lesen stand, dass die Reichskassenscheine so gut wie Gold waren, sobald sie sich im Besitz der Reichsbank befanden, waren auch die Darlehenskassenscheine in deren Besitz aus juristischer Perspektive nicht mehr von Gold zu unterscheiden.
Um es anschaulich zu machen: Ein Darlehenskassenschein im Nennwert von 50 Mark, welcher in den Besitz der Reichsbank kam, konnte von dieser genutzt werden, um die dreifache Summe, 150 Mark, an frischem Geld zu emittieren – denn der Darlehenskassenschein im Besitz der Reichsbank hatte den Status von Gold. Mit diesem Geld im Nennwert von 150 Mark konnten beispielsweise Staatsanleihen gekauft werden, die wiederum als Sicherheit für Darlehenskassenscheine dienten. Wenn diese 150 Mark an die Reichsbank gelangten, durfte sie laut Gesetz erneut das Dreifache an Geld ausgeben, diesmal 450 Mark. Und so weiter: ein Mechanismus zur unendlichen Geldvermehrung.
Der Bankier Friedrich Bendixen, hellsichtiges Vorstandsmitglied der Hypothekenbank in Hamburg, bemerkte dazu in einem 1917 erschienenen Aufsatz: »Die Reichsbank ist also in ihrer Emissionsbefugnis an einer lebhaften Inanspruchnahme der Darlehnskassen interessiert. Je größer deren Darlehen, umso mehr steigt die Notenreserve der Reichsbank. Das heißt: das Geldbedürfnis erzeugt den Geldüberfluss.«18 Es gab für die Geldmenge keinen limitierenden Faktor mehr, weder den Umfang der Goldreserven noch eine Zentralbank, die von sich aus willens gewesen wäre, bremsend einzugreifen.
War das Absicht oder ein Versehen? Ist der administrative Grundstein der Hyperinflation von einem klugen, vorausschauenden Strategen gelegt worden, der dem Reich einen unbeschränkten Zugang zu Geldmitteln in schwerer Zeit verschaffen wollte? Oder handelt es sich nur um ein schlecht gemachtes Gesetz, um ein bürokratisches Versehen, das der Mark den goldenen Boden unter den Füßen wegzog? Wer formulierte im August 1914, als Europa in den Abgrund starrte, das Darlehenskassengesetz? Ist wirklich niemandem im Finanzministerium oder im Reichstag die Merkwürdigkeit aufgefallen, dass nicht einmal Anleihen der Bundesstaaten zur Deckung der Währung taugten, wohl aber die offensichtlich minderwertigen Darlehenskassenscheine? Wusste der zuständige Finanzstaatssekretär Hermann Kühn davon, ein braver, blasser Jurist, der kaum Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen hat? Wer auch immer das Darlehenskassengesetz formuliert hat, ein harmloser Beamter oder der arglose Minister oder ein trickreicher Experte in spekulativer Staatsfinanzierung, er hat das Fundament für die Große Inflation gelegt. Er ist, das lässt sich mit kalkulierter Übertreibung sagen, der unbekannte dunkle Held dieser ganzen Geschichte.
Die Deutschen hatten in diesen ersten Kriegsmonaten andere Sorgen, als sich darüber Gedanken zu machen, in welchem Sinne die verschiedenen Scheine, die sie in ihren Taschen vorfanden, Geld waren. Die Frage Was ist Geld? wird selten gestellt, und das ist meistens auch gut so. Es gehört zur Infrastruktur eines Landes und es ist Zeichen für sein Funktionieren, wenn man sich eben genau darüber nicht den Kopf zerbrechen muss. Sobald wir das Geld in der täglichen Praxis hinterfragen, ist in der Regel etwas faul.
Dabei lohnt sich die Beschäftigung auf abstrakter Ebene: Geld ist eine raffinierte Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft (Keynes), ein Machtinstrument (Tolstoi formuliert in unvergleichlicher Prägnanz: »Wer Geld besitzt, hat diejenigen, die keins besitzen, im Sacke.«) und »der Herzen Prüfstein« (Shakespeare in Timon von Athen), an dem sich der Charakter eines Menschen beweist.
Heute definiert die Mehrheit der Ökonomen Geld von seiner Funktion her. Es ist eigenschaftslos, es kann jede Form annehmen. Es ist eine Quantität ohne Qualität, im täglichen Leben so vertraut, dass sein Gebrauch nicht mehr auffällt. Seine Verwendung liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, weil es nur so als Tauschmittel am Markt tatsächlich brauchbar ist. Dieses Tauschmittel muss gewisse Eigenschaften mitbringen, etwa die Fähigkeit, die Kaufkraft über die Zeit zu bewahren. Daher sind alle vergänglichen Gegenstände – wie etwa Äpfel oder Fische – für die Geldfunktion ungeeignet. Geld muss allgemein akzeptiert, liquide und transportabel sein, um möglichst jederzeit und überall zu funktionieren. Geld sollte schließlich noch als Recheneinheit taugen, denn wenn es keinen allgemein anerkannten Wertmaßstab gibt, wird es schwierig, die relative Knappheit eines Gutes zu bestimmen.
Edelmetalle erfüllen viele dieser Anforderungen, weshalb sie in der Geschichte lange Zeit als Geld oder, in der Zeit des Goldstandards, als dessen Referenzpunkt gedient haben. Gold sticht unter diesen heraus, weil es über die Jahrhunderte wertbeständig geblieben ist. Es ist, wie die anderen Edelmetalle, nicht auf der Erde entstanden und kann dort auch nicht gemacht werden (weil es hier nicht genügend Energie gibt: schlechte Nachrichten für Alchemisten).19 Da Gold sich zudem nur schwer aus der Erde extrahieren lässt, erfüllt es das Kriterium des harten Geldes. Bei hartem Geld gibt es zu dem existierenden Bestand verhältnismäßig wenig Zufluss von neuem Geld. Je höher das Verhältnis von Bestand zu Zufluss, desto härter die Währung. Gold zu schürfen erfordert viel Aufwand, und in den letzten 150 Jahren hat die Menge an »frischem« Gold durch alle Preisschwankungen hindurch erstaunlich konstant nur um 2 % des existierenden Bestands zugelegt (das heißt, die Preiselastizität des Goldangebots ist gering).
An dieser Stelle setzten die Quantitätstheoretiker des Geldes an. Die in einem bestimmten Zeitraum umgesetzte Geldmenge ist gleich dem in Geld bewerteten Güterumschlag. Als Formel ausgedrückt: M × V = P × Y, wobei M für die Geldmenge, V für die Umlaufgeschwindigkeit, P für das Preisniveau und Y für die Menge der gehandelten Güter steht. Geht man davon aus, dass Umlaufgeschwindigkeit und Gütermenge sich nicht stark ändern (was nicht selbstverständlich ist), muss eine steigende Geldmenge zu steigenden Preisen führen. Ist in einer Volkswirtschaft hartes Geld im Umlauf, bleibt also auch M einigermaßen konstant, so ist Preisstabilität zu erwarten.
Wenn Geld zu weich ist, kommt es oft zu einer Inflation. Wenn es, wie beispielsweise Gold, zu hart ist, kann eine Deflation die Konsequenz sein, was in der Regel dazu führt, dass das Geld gehortet wird und dem Wirtschaftskreislauf nicht mehr zur Verfügung steht20 – mit allen negativen Konsequenzen, wie etwa zur Zeit der Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1933. Die Kunst der Zentralbanken besteht also darin, das Geld nicht zu hart und nicht zu weich zu machen.
Auch mit dieser Theorie meint es die Realität aber nicht immer gut. Das Anwachsen der Geldmenge in Japan, den USA und der EU seit den 1990er Jahren hat dort nicht zu einer spürbaren Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus geführt. Es ist, als müssten die Notenbanken gegen eine unersättliche Sparneigung andrucken, die das frische Geld ungenutzt in Horten verschwinden lässt.
Kaum jemand beschäftigte sich zu Anfang des Krieges mit der Frage, ob und nach welcher Theorie Reichskassenscheine oder Darlehenskassenscheine Geld waren. Die Hauptsache war, dass sie für die täglichen Einkäufe akzeptiert wurden. Die neu geschaffenen Scheine fanden schnell Verbreitung und wurden zu einem alltäglichen Phänomen. An ihre zweifelhafte Herkunft dachte in einer Zeit, in der Europa ganz andere Sorgen hatte, niemand. Waren sie nicht nach dem Krieg von 1870/71 schnell wieder verschwunden, dank der Reparationszahlungen aus Frankreich? War nicht die Teuerung der frühen Kriegsjahre moderat (gegenüber dem Dollar verlor die Mark zwischen Ende 1914 und 1916 nur etwa ein Fünftel) und war nicht vielmehr die Knappheit der Güter auf die Seeblockade der Alliierten zurückzuführen (und nicht etwa auf eine Verschlechterung des Geldes)? So gelangten die neuen Scheine gedankenlos in Umlauf und oft genug wieder in die Kassen der Reichsbank, wo sie den Status von Gold annahmen. So glaubte das Deutsche Reich, einem Rumpelstilzchen gleich, aus Stroh Gold zu spinnen.
Die Geldmenge ist nicht die einzige Determinante der Härte und Qualität einer Währung. Auch in der Zeit des Goldstandards hing die Glaubwürdigkeit einer Währung nicht allein an der Menge des Goldes in den Kellern der Notenbank, sondern mindestens so sehr am Glauben an die Wirtschaftskraft eines Landes. Banknoten wurden an der Stelle von Gold angenommen, solange man der Regierung vertrauen konnte, dass sie im Zweifelsfalle für ihr Versprechen geradestehen würde, Papiergeld in Gold zu tauschen. Ihr Versprechen konnte sie entweder einhalten, indem sie jede ausgegebene Note vollständig mit Gold hinterlegte oder indem sie über Steuereinnahmen verfügte, die es erlaubten, die nötige Menge Gold herbeizuschaffen. Je stärker die Wirtschaft und je solider der Haushalt eines Staates waren, desto weniger Edelmetall musste er auch in Zeiten des Goldstandards vorhalten, um dennoch eine über allen Zweifel erhabene Währung zu haben.
Die Geldmenge stieg in Deutschland während des Ersten Weltkriegs deutlich an. Die Geldbasis wuchs zwischen 1914 und 1918 von 10 auf 43 Milliarden Mark.21 Wenn dennoch kaum jemand einen Anlass sah, die Härte der Mark zu bezweifeln, so lag dies an der Stärke der deutschen Wirtschaft, die es ermöglichen würde, nach dem Ende des Krieges schnell zum Goldstandard zurückzukehren und alle finanziellen Versprechen einzulösen. Während der Anteil Großbritanniens an der Weltwirtschaft zwischen 1880 und 1913 von 38,2 auf 30,2 % schrumpfte, wuchs der deutsche Anteil von 17,2 auf 26,6 %. Deutschlands Industrieproduktion hatte die britische überholt. Die Stahlproduktion übertraf diejenige Russlands, Frankreichs und Englands zusammengenommen. Die Kohleproduktion lag mit 277 Millionen Tonnen knapp hinter derjenigen Großbritanniens, übertraf aber die französische bei weitem.
Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass ein Land mit zerrütteter Wirtschaft und schwacher Steuerbasis selbst unter den Bedingungen des Goldstandards keine starke Währung haben konnte. Kaum jemand sah die wirtschaftliche Achillesferse des Kaiserreichs, die in den kurzen Kriegen des 19. Jahrhunderts unsichtbar geblieben war: Die Steuerbasis von Bismarcks Koloss in der Mitte Europas war bereits in Friedenszeiten bestenfalls tönern. Das Reich lebte von einigen marginalen Steuern und von Zöllen (und war in dieser Hinsicht der heutigen EU vergleichbar), während die Länder, jedes für sich, eine eigene Steuerpolitik betrieben und sich in einen Wettbewerb um die niedrigste Belastung begaben. Deutschland war vor dem Ersten Weltkrieg, nach heutigen Maßstäben, eine Steueroase. Hat man aber je gehört, dass eine Steueroase einen Krieg gewonnen hätte? Eine wesentliche Voraussetzung nicht nur für eine stabile Währung, sondern auch für einen erfolgreichen Waffengang war der effiziente Zugriff auf Einkommen und Vermögen der Bürger und das darauf basierende Vertrauen eines weiten Kreises von Kreditgebern. Davon konnte 1914 keine Rede sein. Lediglich 3,5 % der Einnahmen des deutschen Staates kamen 1913 aus direkten Steuern, gegenüber 47,5 % in Großbritannien, welches bereits über eine moderne Steuerverwaltung verfügte. Die öffentlichen Ausgaben betrugen vor dem Krieg lediglich 15 % des Volkseinkommens. Bei allem Wohlstand, den Deutschland sich erarbeitet hatte, fehlte die finanzielle Infrastruktur für einen langen und verlustreichen Krieg. Woher das Geld nehmen, wenn der Gegner sich nicht besiegen ließ und seine Kassen außer Reichweite blieben? So stark Deutschland äußerlich erschien, die Kombination aus goldgebundener Währung, schwachem Steuerstaat und unterentwickelten Kapitalmärkten zwang die Regierung zu Kreativität bei der Finanzierung des Krieges. Die Ausweitung der Geldmenge war die logische Konsequenz. Das allein hätte aber auch nicht ausgereicht, um aus einer schleichenden Inflation eine trabende oder gar galoppierende zu machen.
18Die Zitate von Friedrich Bendixen finden sich in: Währungspolitik und Geldtheorie im Lichte des Weltkrieges, S. 27.
19Der Stein der Weisen, so viel ist heute sicher, befindet sich nicht in greifbarer Nähe. Gold kann nicht auf der Erde entstanden sein, ja nicht einmal in unserem Sonnensystem. Die größten hier verfügbaren Kräfte, die etwa im Inneren der Sonne wirken, setzen weniger als 10 MeV pro Nukleon (Proton oder Neutron) frei, was hinreichend ist für die Entstehung von Eisen, nicht aber für alle schwereren Metalle wie Blei oder die Edelmetalle. Die schwereren Elemente entstehen in einem r-Prozess (»r« steht für »rapid«), in welchem bei extrem hohen Temperaturen Neutronen eingefangen und zu neutronenreichen Atomkernen aufgebaut werden, die dann rasch, sehr rasch in die stabilen neutronenreichen Elemente wie Gold (oder instabile, aber langlebige Isotope wie Uran) zerfallen. Ein r-Prozess kommt durch eine Explosion mit sehr vielen Neutronen ins Laufen, aber wo und wie mag es dazu kommen? Astrophysiker gehen heute davon aus, dass die Kollision zweier Neutronensterne oder die Kollision eines Neutronensterns mit einem Schwarzen Loch die nötigen Energiemengen freisetzt. Durch einen galaktischen Zufall werden die so geschaffenen Elemente, als seien es Sternentaler, auf die Erde geschleudert und dort, seit es Menschen gibt, hochgeschätzt. Vgl. dazu Stephan Rosswog: »Out of Neutron Star Rubble Comes Gold«. In: Physics 10, 131, Dez. 2017.
20Wie so oft im Zusammenhang mit monetären Phänomenen lässt sich auch hier oft nicht sagen, wer die Henne ist und was das Ei. Das Horten von Geld kann die Folge, aber auch die Ursache einer Deflation sein.
21Deutsche Bundesbank: Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876–1975, S. 14, 16, 37f.
Rathenaus Planwirtschaft
Unmittelbar nach Kriegsbeginn schrieb Walther Rathenau einen Brief an den Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, in welchem er sich zur Verfügung stellte, sollte dieser ihn »für die Dauer des Feldzuges für jede, wie immer geartete Tätigkeit verwenden (…) wollen«.22 Bereits am 9. August erhielt er die Gelegenheit, dem preußischen Kriegsminister Erich von Falkenhayn seine Überlegungen zur Organisation des wirtschaftlichen Rückgrats der Kriegsanstrengung zu unterbreiten. Rathenau legte insbesondere dar, wie unter den Bedingungen der Blockade die nötigen Ressourcen für einen Zwei-Fronten-Krieg organisiert werden konnten. Falkenhayn sah in seinem Gesprächspartner nicht nur einen Mann mit guten Ideen, sondern auch den Richtigen, sie umzusetzen. Er beschloss, eine Kriegsrohstoff-Abteilung im Kriegsministerium einzurichten, in der die Beschaffung der kriegswichtigen Ressourcen zentral geplant und besorgt wurde. Zu deren Leiter ernannte er Rathenau, der sich damit plötzlich an einer der entscheidenden Stellen der deutschen Militärmaschinerie wiederfand. Damit nahm er die zu Helfferich spiegelbildliche Funktion ein. Die Mittel, die der Finanzminister irgendwie beschaffte, wurden von Rathenau und seiner Abteilung ihrer Verwendung zugeführt. Rathenau wurde der Mann, der über die Allokation eines großen Teils der staatlichen Ressourcen entschied.
Walther war der Sohn von Emil Rathenau, dem Gründer der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), die es sich zum Ziel gemacht hatte, nach dem Vorbild von Thomas Edisons General Electric Corporation in Deutschland die Stromerzeugung und -verteilung voranzubringen und zu diesem Zweck auch die entsprechenden brauchbaren Produkte auf den Markt zu bringen. Das war eine außerordentliche Idee, denn im selbstverliebten Europa der Belle Époque hatten nur wenige Unternehmer begriffen, dass in den USA nicht nur sehr viel Getreide wuchs, sondern auch neue Techniken entwickelt wurden. So erwarb der ältere Rathenau Edisons Patente auf Glühbirnen für Deutschland. Die AEG war aber auch aus eigenem Recht erfinderisch, wie etwa die Erfindung des Drehstrommotors und die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie (im Rahmen der gemeinsam mit Siemens & Halske gegründeten Tochtergesellschaft Telefunken) bewiesen. Die AEG war innerhalb weniger Jahre zu einem der großen Konglomerate in Deutschland aufgestiegen. Siemens und die AEG wurden für die Elektroindustrie, was Thyssen, Krupp und Stinnes für die Kohle- und Eisenindustrie wurden, Bayer, BASF und Höchst für die Chemische Industrie sowie die Deutsche, Dresdner und Danat Bank für die Kreditwirtschaft. Diese nationalen Champions steckten nach dem Vorbild der amerikanischen Trusts oder der mittelalterlichen Zünfte ihre Reviere in Syndikaten (heute »Kartelle« genannt) ab, um Konkurrenz zu vermeiden und Gewinne zu sichern. In den Syndikaten wurden Preise und Produktionsmengen einvernehmlich festgelegt, so dass niemand das Geschäft des anderen beschädigte. Für die Verbraucher bedeutete dies eine stabile Versorgung zu hohen Preisen und für die Unternehmer ein angenehmes Leben, in welchem sie sich nicht um niedrigere Kosten oder bessere Qualität kümmern mussten, um ihren Teil vom Kuchen zu verteidigen. In der wohlgeordneten Kaiserzeit versorgten die Syndikate einen meist dankbaren Staat mit Industriearbeitsplätzen und standen dem rasant steigenden allgemeinen Wohlstand jedenfalls nicht im Wege. Im Gegenzug wurde die Wirtschaft weitgehend in Ruhe gelassen, wenig besteuert und reguliert, in dem Vertrauen, sie werde schon von allein das Richtige tun. Industrielle und Bankiers mochten auf der gesellschaftlichen Bühne hinter Adel und Militär zurückstehen, ihr Ansehen und ihr Einfluss waren durch ihre Staatsnähe dennoch erheblich. In der Regierung standen ihnen die Türen immer offen, ihr Rat wurde gerne gehört und in entsprechenden Gremien institutionalisiert. Sie gehörten zum personellen Motor des Aufstiegs Deutschlands zur wirtschaftlichen (und damit auch militärischen) Großmacht.
In diesem Club der Firmenpatriarchen kannte jeder jeden, man war staatsnah, technikaffin und, je nach Neigung, patriotisch, national oder imperialistisch gesinnt. Walther Rathenau war doppelt Mitglied als Industrieller und Bankier, denn er hatte, um dem Vater seine Tauglichkeit zu beweisen und sich eine Existenz jenseits des Familienbetriebs aufzubauen, 1902 das Angebot angenommen, Vorstand der Berliner Handelsgesellschaft des legendären Bankiers Carl Fürstenberg zu werden. Sein Erfolg als Finanzier konnte ihn nicht darüber hinwegtrösten, dass er in der AEG nie wirklich das Ruder übernehmen durfte. Nach dem Tod seines ursprünglich als Firmenerbe vorgesehenen jüngeren Bruders Erich wurde er zwar Aufsichtsratsvorsitzender, aber in der Rolle eines zahnlosen Erben. Sein Vater hielt ihn für zu weich, für einen Mann von hohen Geistesgaben, dem aber der rohe Geschäftsinstinkt abgehe. Als Vorstandsvorsitzenden berief er Felix Deutsch, der zu allem Überfluss auch noch mit Lili Kahn, der einzig wahren Liebe in Walther Rathenaus Leben, verheiratet war.
Kreativ und außerordentlich werden Menschen oft erst, wenn es ihnen gelingt, Fertigkeiten und Ideen, die sie sich in einem Bereich angeeignet haben, auf einen völlig anderen zu übertragen, um dort etwas Neues zu schaffen. Walther Rathenau war von Ausbildung und Beruf her Techniker und Unternehmer, ein Mann auf dem Boden der Tatsachen. Solche Menschen denken viel über Zwecke nach und die Mittel, die zu ihrer Erreichung nötig sind – welche Produkte sich in welchem Markt zu welchem Preis verkaufen lassen. Manche (nicht eben viele, aber doch einige) geraten dabei ins Grübeln und fragen nach immer höheren Zwecken, ihres Unternehmens, ihrer eigenen Existenz oder des Staates, in dem sie etwas bewegen. Walther Rathenau wurde zu einem solchen Grübler. Er brachte ohnehin eine melancholische Veranlagung mit und einen ausgeprägten Sinn für alles Ästhetische. 1907 ließ er sich von Edvard Munch porträtieren, er umgab sich gerne mit den herausragenden Künstlern seiner Zeit, war gut mit Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Frank Wedekind, Alfred Messel und Harry Graf Kessler befreundet, förderte Maler, Musiker und Bildhauer, Schriftsteller und Journalisten. Er selbst schrieb zeitkritische Essays und Bücher über Philosophie, Ästhetik, Architektur, Ökonomie und Staatskunst, oft in einem schwermütigen, von Einsamkeit geprägten Ton.
Als Intellektueller und Industrieller wurde Rathenau in beiden Lagern schief angesehen. »Prophet im Frack« nannte man ihn, wobei ihm die einen das Prophetische und die anderen den Frack übelnahmen. Die Unternehmer zweifelten an der Tatkraft des Verfassers von Texten, die dem Zeitgeist entsprechen mochten, den Autor aber doch von der Praxis abhalten mussten. Was mochten sie sich gedacht haben, als Rathenau 1911 von den »Schatten« schrieb, die er sah, wohin er sich wendete? »Ich sehe sie, wenn ich abends durch die gellenden Straßen Berlins gehe; wenn ich die Insolenz unseres wahnsinnig gewordenen Reichtums erblicke, wenn ich die Nichtigkeit kraftstrotzender Worte vernehme (…) Eine Zeit ist nicht deshalb sorglos, weil der Leutnant strahlt und der Attaché voll Hoffnung ist. Seit Jahrzehnten hat Deutschland keine ernstere Periode durchlebt als diese (…).«23 Auf der anderen Seite akzeptierten seine Freunde aus der Kunstszene ihn nie vorbehaltlos als einen der ihren. Konnte der Vorstand einer Großbank und Erbe eines Industrieimperiums, der sich nie nach der Decke gestreckt und sein Brot nie mit Tränen gegessen hatte, wirklich bedeutende Texte zu Kunst und Philosophie schreiben? In seiner Doppelexistenz fehlte Rathenau am Ende in beiden Ställen der passende Geruch. Es blieb, in Lothar Galls Worten, »ein tiefes Misstrauen gegenüber der Person, die nicht recht einzuordnen, zu etikettieren war und die ihrerseits, bei aller äußeren intellektuellen Brillanz, die ihr die Mehrheit zugestand, in der Unsicherheit des Außenseiters verharrte«.24 In beiden Welten blieb er bestenfalls geachtet und oft nur geduldet.
Vielleicht hätte er es mit einer weniger komplizierten Persönlichkeit einfacher gehabt. Sein elitärer Habitus schaffte auch zu Freunden eine Distanz, die ihn zu einem Rätsel machte. »Er stand mir nahe, da wir sehr offen Alles miteinander besprachen und so viele gemeinsame Erlebnisse uns verbanden«, schrieb Max M. Warburg am Tag des Attentats, dem Rathenau im Sommer 1922 zum Opfer fiel, »aber er blieb mir immer fremd in seiner Auffassung, weil er zu sehr auf die Außenwirkung hin arbeitete, zu eitel war und zu häufig seine Ansichten änderte; er hatte eine große Combinationsgabe, aber ein ganz Großer war er doch nicht, er hatte mehr Talente als Größe, er war nicht ehrlich bis zum Äußersten und gefiel sich im Verdunkeln der Geschehnisse, anstatt Klarheit zu erstreben; es war mir körperlich direct schmerzhaft, wenn er so docierte und pathetisch paradoxierte, wo Einfachheit namentlich in der Jetztzeit für uns alle allein erträglich ist.«25 Robert Musil, der Rathenau ausführlich in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften beschrieb, sah in ihm eine ziel- und wirkungslose Existenz, wie ein Faust ohne Mephisto, einen Menschen ohne festen Grund in Anschauungen oder Persönlichkeit, welcher sich rastlos für eine Moderne ereiferte, die ihm stets entglitt, weil sie sich am Ende immer anders manifestierte, als ein Mann ohne Eigenschaften es sich vorstellen konnte. Und dennoch nagte auch an seinen Kritikern stets der Zweifel, ob die Brillanz dieses Mannes nicht eine echte Substanz reflektierte, hatte er doch in Theorie und Praxis seine haushohe Überlegenheit gegenüber seinen einfacher strukturierten Zeitgenossen bewiesen.
1907 war Rathenau aus der Berliner Handels-Gesellschaft ausgeschieden und wurde Privatier. Er verfasste politische, ökonomische und literarisch-philosophische Schriften, engagierte sich in der deutschen Ostafrikapolitik und kaufte 1909 das Schloss Freienwalde nordöstlich von Berlin, das 1798/99 für Friederike Luise, die Witwe Friedrich Wilhelms II., erbaut worden war, um dort, in einem von Peter Joseph Lenné gestalteten Park, seinen Träumen nachzuhängen und Pläne zu schmieden. Diese exzentrische Figur liebte ihr preußisches Vaterland, wie es im friderizianischen Zeitalter seinen höchsten Ausdruck gefunden haben mochte. Vor dem Krieg sah Rathenau im alten Preußen ein ideales Staatsgebilde, in welchem die Krone und die Stände, die Künste und das Handwerk, das Militär und das Volk einen harmonischen Ausgleich gefunden hatten. Aber auch diese Verehrung war nie ohne Zweifel. So wenig er sich persönlich festlegen mochte, ob er Industrieller, Bankier oder Intellektueller war, so wenig konnte er sich in dem Konflikt zwischen dem altpreußisch-aristokratisch-ländlichen und dem bürgerlich-industriell-städtischen Lager entscheiden. Er gehörte allen Traditionen an, aber keiner mit Konsequenz. Niemand sprach ihm aber seine weltgewandte und kosmopolitische Erscheinung ab, vom Scheitel bis zur Sohle elegant.
Im Frühjahr 1914 war Rathenau 46 Jahre alt und hatte nahezu alles erreicht, wovon ehrgeizige Männer nur träumen können. Seine Existenz hatte eine traurige Note angenommen, denn er spürte, wie die meisten Männer in diesem schwierigen Alter, dass sich in seinem Leben nicht mehr viel Neues ergeben würde. Wonach noch streben, mit wem sich noch verbinden? Woher die Kraft für einen Aufbruch nehmen, wie das Falsche im Bequemen erkennen, warum Fesseln sprengen? Rathenaus Leben war auf höchstem Niveau langweilig geworden.
Alles Grübeln und Sinnieren fand im Sommer 1914 ein Ende. Rathenau zeigte sich vom Kriegsbeginn zwar nicht eben begeistert, denn er ahnte, dass nicht ein kurzes, reinigendes Gewitter bevorstand, sondern ein langes, zähes Ringen. »Den Stolz des Opfers und der Kraft durfte ich teilen«, schrieb er in der Rückschau, »doch dieser Taumel erschien mir als ein Fest des Todes, als die Eingangssymphonie eines Verhängnisses, das ich dunkel und furchtbar, doch niemals jauchzend (…) geahnt hatte.«26 Wie fast das ganze bürgerliche Deutschland empfand er ein »Emporgerissensein, Pathos der Not, Schicksalsergriffenheit, Kraftgefühl und Opferbereitschaft«, das Ende eines bleiernen Zeitalters. Eine ganze Generation spürte eine Opfer- und Todesbereitschaft, »Befreiung aus einer Welt-Stagnation, (…) Zukunftsbegeisterung«.27 Die drohende Langeweile verflog mit einem Schlag für immer aus Rathenaus Leben. Seine rationale Seite mochte den Anlass für den Krieg für nicht eben überzeugend halten, und der Lärm und der Rausch erschienen ihm würdelos. Aber sein Patriotismus gebot es ihm, sich ganz der deutschen Kriegsanstrengung zur Verfügung zu stellen und im selben Zug seine Midlife-Crisis zu beenden. Also schrieb er seinen Brief an den Reichskanzler.
So wollten es die Umstände, dass mit Rathenau ein Mann zur Verfügung stand, wie ihn die Militärführung sich kaum besser wünschen konnte. Denn die sofortige und grenzenlose Bereitstellung der Finanzmittel war nur das eine. Sehr viel anspruchsvoller war die Aufgabe, die Mittel in die richtige Richtung zu leiten und ihre Verwendung zu organisieren. Die Wirtschaft musste auf Kriegsproduktion umgestellt werden. In normalen Zeiten sorgt der freie Markt dafür, dass die richtigen Güter in der richtigen Menge hergestellt werden, aber in einer solchen Situation dauerte der Preisfindungsprozess zu lange, und der Staat wollte und konnte nicht in Konkurrenz mit der privaten Nachfrage treten. Etwa wollte er die Reichsbahn für sich allein nutzen und dabei nicht erst die Reisenden auf dem Weg in die Sommerfrische überbieten müssen. Die Gesetze des Marktes mussten also zu einem guten Teil außer Kraft gesetzt werden. Dazu bedurfte es der Erfahrung in der Planung großer Betriebe, Sinn für Organisation und einen intelligenten Blick auf die Gesamtsituation – Talente, die sich selten in einer Person verbinden, mit denen Rathenau aber reich gesegnet war.
Als Jude, Bankier, Kaufmann und Zivilist war er zu dieser Zeit und im Kriegsministerium ein absoluter Fremdkörper. »Für die Oberkaste der Adligen, Offiziere und Höflinge, zu der er nun einmal nicht gehörte, war er ein ›Koofmich‹.«28 Er war aber wohl Snob genug, um sein Umfeld zu ignorieren und seiner Tätigkeit mit rücksichtsloser Effizienz nachzugehen. Er hatte die Macht und (unausgesprochen und unbeabsichtigt) die Aufgabe, Staat und Wirtschaft grundsätzlich neu zu gestalten. Privilegien und Gewohnheitsrechte spielten, angesichts des alles überragenden Ziels, alle Ressourcen des Landes auf den Sieg hin zu konzentrieren, auf einmal keine Rolle mehr. »Eine Aufgabe also«, schrieb Golo Mann, »die seinem doppelten Ingenium wie keine andere entsprach. Hier durfte er zum ersten Mal ganz zeigen, was er konnte, nicht im Interesse dieses oder jenes Unternehmens, viel weniger im eigenen, sondern im Interesse des Staates, an den er leidenschaftlich glaubte, der Nation, der er sich zugehörig fühlte.«29 Rathenau war selten so vollkommen in seinem Element wie zu Anfang des Krieges.
Im Dezember 1915 schilderte er vor kleinem Publikum, noch spürbar erfüllt von seiner Leistung, wie er in rasender Geschwindigkeit eine mächtige Behörde aus dem Nichts geschaffen hatte, die die ganze deutsche Wirtschaft auf den Krieg ausrichtete. In der Kriegsrohstoff-Abteilung experimentierte Rathenau mit einem dritten Weg zwischen Plan- und Marktwirtschaft und etablierte eine Art Wirtschaftsregierung durch Experten, die keiner Ideologie verpflichtet waren. Er setzte auf nationaler Ebene Ideen um, mit denen er als großer Mitspieler im Elektro-Industrie-Kartell in anderer Weise schon lange vertraut war. »Es ist ein wirtschaftliches Geschehnis, das eng an die Methoden des Sozialismus oder Kommunismus streift, und dennoch nicht in dem Sinne, wie radikale Theorien es vorausgesagt und gefordert haben.«30 Beispielsweise bediente er sich des Mittels der Beschlagnahme. »Dieser Begriff der Beschlagnahme bedeutet nicht, dass eine Ware in Staatseigentum übergeht, sondern nur, dass ihr eine Beschränkung anhaftet (…). Diese Ware darf nur noch für Kriegszwecke verwendet werden.« »Der Güterverkehr gehorchte nicht mehr dem freien Spiel der Kräfte, sondern war zwangsläufig geworden.« Nichts durfte mehr verlorengehen, das Land konnte sich keinen Luxus und keine Verschwendung mehr leisten. Rathenau gründete »Kriegsgesellschaften«, Zwitterwesen aus Behörde und Unternehmen, die in ihren jeweiligen Branchen den wirtschaftlichen Kreislauf bis ins Detail kontrollierten. »Ihre Aufgabe ist es, den Zufluss der Rohstoffe in einer Hand zusammenzufassen und ihre Bewegung so zu leiten, dass jede Produktionsstätte nach Maßgabe ihrer behördlichen Aufträge zu festgesetzten Preisen und Bedingungen mit Material versorgt wird.« Unter Rathenaus sichtbarer Hand wurde die deutsche Wirtschaft zu einem einzigen gewaltigen Kartell umgebaut. An der Spitze dieser Konstruktion saßen aber nicht wie früher die Verbände, sondern wie ein wirtschaftlicher Generalstab die Kriegsrohstoff-Abteilung, die innerhalb weniger Monate zu einer der größten Behörden des Reichs heranwuchs. Der Organismus der Wirtschaft funktionierte nicht mehr nach dem Prinzip der freien Selbstorganisation, sondern wurde durch ein zentrales planendes Nervensystem gesteuert. Der Erfolg war beträchtlich: Deutschland gelang es, seinem Belagerungszustand zum Trotz, sich weitgehend selbst mit allen wesentlichen Gütern zu versorgen, die es bislang an den internationalen Märkten bezogen hatte.
Unter dem Stichwort »Zwangswirtschaft« ergriff Rathenaus Behörde eine Vielzahl von Maßnahmen. Etwa wurde eine Kriegsgetreidegesellschaft gegründet, welche die gesamte heimische Getreideproduktion und den -import kontrollierte. Das Kriegsernährungsamt war dafür zuständig, die Nahrungsmittel gleichmäßig und insbesondere an die Soldaten, Schwerstarbeiter und Stadtbevölkerung zu verteilen. Bald war eine unüberschaubare Zahl von Ämtern damit beschäftigt, den »richtigen« Preis für die lebensnotwendigen Waren festzusetzen. Aber welcher Preis ist schon richtig? Insbesondere in den Augen der Städter waren das Angebot und die Preise bestenfalls ein Witz. Ihr Zorn richtete sich aber nicht auf die staatlichen Stellen, sondern auf die Einzelhändler, denen sie vorwarfen, die Situation auszunutzen, indem sie knappe Waren in der Hoffnung auf höhere Preise zurückhielten. Im Juli 1915 wurde daher eine Preistreibereiverordnung erlassen, wonach niemand im Kriege eine höhere Gewinnspanne verlangen durfte als zu Friedenszeiten. Um die Richtigkeit der Preise vor dem Gesetz zu gewährleisten, wurden Preisprüfungsstellen dekretiert, die der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Kriegsernährungsamts unterstellt waren und auf Kreisebene nicht nur kontrollieren, sondern auch die konsumierende Bevölkerung mit nützlichen Informationen versorgen sollten. Es gab Versuche, den »Kettenhandel« zu verbieten, also Zwischenhändler, Makler und Vermittler aus dem Markt zu verdrängen. Deutschland, das Land der Planer und Organisatoren, entschied sich im Krieg für eine weitgehend gelenkte Wirtschaft.
Unter den Bedingungen der Planwirtschaft wird meist der Mangel, den sie eigentlich beheben sollte, ungewollt verstärkt. Bei dem Bestreben, der Bevölkerung etwas Gutes zu tun und sie hoffentlich auch ruhigzustellen, werden die Preise regelmäßig zu niedrig festgesetzt. Die Konsumenten sind dadurch versucht, mehr zu kaufen, als sie benötigen, während die Produzenten angesichts dieser Hamsterei keinen Anreiz verspüren, mehr als das Nötigste herzustellen, wenn sie den Betrieb nicht sogar ganz einstellen oder ihre Ware an das Ausland verkaufen. Ausländische Produzenten werden ohnehin nicht mehr liefern und somit die Ware noch weiter verknappen. Die Festsetzung eines Preises allein löst nicht das Problem, gesuchte Güter erschwinglich zu machen. Um die Mangelerscheinungen in einer Wirtschaft mit staatlich gedeckelten Preisen zu beseitigen, müssen die Behörden also auch dafür sorgen, dass hinreichend Güter auf den Markt kommen. Die Erfolge der Zwangswirtschaft waren in dieser Hinsicht aber erwartbar gering. Es kam bald zu Versorgungsengpässen, die zu unschönen Szenen führten. So bemerkten in Leipzig im Mai 1916 vor einem Buttergeschäft wartende Frauen und Kinder, dass in dem Geschäft bereits Kundschaft bedient wurde, welche offensichtlich durch den Hintereingang Einlass gefunden hatte. Erregt klopften die Wartenden an das Schaufenster, und es dauerte nicht lange, bis auch Steine flogen. Es kam zum Tumult, die Polizei musste einschreiten. In anderen Teilen der Stadt meinten die Hausfrauen ähnliche Zustände bemerkt zu haben, und am Ende dauerte es drei lange Tage, bis das Feuer des Aufruhrs schließlich erstickt war.31
Das Vereinigte Königreich ging einen anderen Weg. Die Briten hielten schon lange den Markt für das ordnende Genie, das aus den unzähligen, mehr oder weniger wohlinformierten Entscheidungen der einzelnen Bürger, Unternehmen und Staatsorganen entsteht. War England in den Augen von Adam Smith, Napoleon und einer Reihe anderer kompetenter Beobachter eine nation of shopkeepers, so wollte Deutschland als das Land der Ingenieure glänzen, dessen Planer in den Komitees dank ihres Vorsprungs an Wissen und Erfahrung die besseren Entscheidungen trafen. Großbritannien entschied sich auch und gerade in dieser unsicheren Zeit dagegen, die Produktion staatlich zu organisieren. Vielmehr subventionierte der Staat die Unternehmer und kaufte, wenn die Preissteigerungen unerträglich wurden, hinreichend viele dieser knappen Güter auf, um sie dann zu einem Preis seiner Wahl an die Bevölkerung weiterzugeben. (Das Geld holte er sich über eine Kriegsgewinnsteuer wieder zurück.) Damit ging er bewusst das Risiko ein, zu viel für diese Waren zu zahlen, sind die Kaufleute doch am patriotischsten ihrer eigenen Geldbörse gegenüber. Aber die Preissignale, welche man als den Tastsinn der »Unsichtbaren Hand« in der Marktwirtschaft bezeichnen könnte, blieben erhalten. In Deutschland bedeutete deren Abwesenheit erhebliche Verzerrungen bei Konsum und Produktion, welche die Planer bald an ihre Grenzen brachten.
In Deutschland wusste man genau, was von den Briten zu halten war. 1915 erscheinen unter dem Titel Händler und Helden einige patriotische Besinnungen von Werner Sombart, einem prominenten und publizistisch aktiven Professor für Staatswissenschaften (später Volkswirtschaftslehre genannt). Darin überhöht er den Ersten Weltkrieg zu einem »Glaubenskrieg« zwischen »händlerischer und heldischer Weltanschauung und dementsprechender Kultur«.32 Die Engländer seien ein Händlervolk, das »an das Leben mit der Frage herantritt: was kannst du Leben mir geben; die also das ganze Dasein des einzelnen auf Erden als eine Summe von Handelsgeschäften ansieht (…)«. (14) Dort könne man durch »Handelstätigkeit zu Ehre und Ansehen gelangen«, was für die Gesellschaft zur Folge habe, dass sich »händlerische Weltanschauung und praktischer Kommerzialismus schließlich zu einer gar nicht mehr zu trennenden Einheit zusammenfügen«. (14) Zu beobachten sei ein »Kommerzialisierungsprozeß der gesamten englischen Kultur«, durch alle Schichten hindurch. »Kaum eines der heute lebenden Adelsgeschlechter Englands ist feudalen Ursprungs. So gut wie alle sind aus dem Kontor hervorgegangen.« (15) Selbst die englischen Philosophen seien sich nicht zu schade, sich auch wirtschaftlichen Themen zu widmen. »Platt und hausbacken fürwahr ist alle echt englische Ethik, (…) Und jeder Gedanke aus händlerischem Geist geboren« (18f.), wie man es dem Utilitarismus der Engländer in jeder Zeile anmerke. Krieg könne für ein Händlervolk »immer nur die Bedeutung haben, daß er materielle Interessen schützt oder verteidigt, (…) die Interessen der Kapitalbesitzer im Auslande«. (40) Darin unterscheide der Engländer sich nur oberflächlich vom Seeräuber. Dazu passend hätten die Engländer den Sport als Ersatz für den Krieg entwickelt, könne diesen doch der Händler »nimmermehr begreifen«. (48) Während die Händlerseele niemals »geistigen Kulturwert« hervorbringen könne, sei das »deutsche Heldentum« von ganz anderem Schlage. Deutsche Philosophen redeten von Pflicht, nicht von Glück. Der Held »will sich verschwenden, will sich opfern – ohne Gegengabe«. (64) Die Tugenden des Helden seien die entgegengesetzten des Händlers: »Opfermut, Treue, Arglosigkeit, Ehrfurcht, Tapferkeit, Frömmigkeit, Gehorsam, Güte.« (65).
Sombart formuliert eine Haltung, die bis heute in Deutschland nachhallt. Die Verachtung gegenüber der angeblich oder tatsächlich kommerzialisierten Gesellschaft der Angelsachsen und das damit verbundene Gefühl der moralischen Überlegenheit wird heute diskreter ausgedrückt, aber es gehört keine große Sensibilität dazu, um sie in vielen deutschen Gesprächen und Medien zu spüren.33
Dieser verbreitete Geist der Geringschätzung wirtschaftlichen Denkens ließ nichts Gutes für die Haushaltsführung im Krieg ahnen. Die Deutschen waren ein agrarisch geprägtes Volk, das insgesamt wenig von Geld und Schulden verstand. Während die Briten, die nach wie vor Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten hatten, auch im Krieg auf einen einigermaßen verantwortungsvollen Umgang mit Geld achteten, übten die deutschen Finanzpolitiker, die allein auf die finanziellen Ressourcen des eigenen Landes angewiesen waren, bedingungslosen Hurrapatriotismus, setzten heroisch auf Sieg und verzichteten auf die unsichtbare Hand und überhörten die warnende Stimme des Marktes.
Der schwere Daumen des Staates sorgte dafür, dass die Preise unter dem Regime der Zwangswirtschaft kaum stiegen, obwohl die Hausfrauen immer öfter vor leeren Regalen standen. Dies war zum Teil der alliierten Seeblockade zuzurechnen und galt insbesondere für alltägliche Luxusgüter wie Tee, Kaffee, Zucker, Schokolade oder geschnittenen Tabak. Der Einsatz von immer mehr Arbeitern an der Front und die ausbleibenden Investitionen in Maschinen, die nicht unmittelbar kriegswichtig waren, ließen aber auch die Quantität und Qualität der heimischen Produktion mit den Jahren zusehends abnehmen – und dabei ging es bald nicht um Überflüssiges, sondern um das Eingemachte.
Die Nachfrage nach den immer knapperen Gütern war also hoch und die Bevölkerung insgesamt, dank der regen Tätigkeit der Darlehenskassen, liquide. Wenn in den offiziellen Statistiken sich dennoch wenig von einer Inflation zeigte, so lag dies an der mittlerweile prominenten Rolle des Schwarzmarktes, jenes ungeliebten Zwillingsgeschwisters der Zwangswirtschaft. Insbesondere die Bauern erwiesen sich immer wieder als unpatriotisch und schlau und führten einen Teil ihrer Ernte den dunklen Kanälen der Wirtschaft zu. Sie gaben die mehligen Äpfel an die offiziellen Märkte ab und verkauften die guten unter der Hand zu stetig höheren Preisen. Der bessere Teil der Ernte ließ sich immer abzweigen und an illegale Zwischenhändler, die Schieber, weiterverkaufen, die ihre gute, aber unrechtmäßige Ware mit großem Gewinn in den Städten teurer und immer teurer veräußerten. Die Preiskontrollen waren zwar effizient, aber der Preisauftrieb war trotzdem da, auch wenn er sich nur in den dunkleren Gassen und Hinterhöfen manifestierte. Wie eine Wühlmaus im Wurzelwerk eines Baumes nagte die unterdrückte Inflation unsichtbar weiter und richtete einen Schaden an, der erst sehr viel später offiziell sichtbar werden würde. Die Kombination aus Planwirtschaft und unbegrenzt verfügbarem Geld erwies sich im Ersten Weltkrieg jedenfalls als unheilige Allianz.
Das Leben in Deutschland wurde nicht nur teuer, sondern auch schäbig und lückenhaft. Durch den Mangel wurden die Sachgüter ebenso abgenutzt wie die Moral, was sich in der Neigung zum Diebstahl bei den Armen und zur plumpen Prasserei bei den neureichen Kriegsgewinnlern zeigte. Je länger er sich hinzog, desto offensichtlicher wurde es, dass die deutsche Wirtschaftskraft nicht für einen großen Krieg ausgelegt war. In der Geschichte war Inflation oft die Konsequenz aus langen, zehrenden Kämpfen – das wusste man spätestens seit der Geldverschlechterung im Rom des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. Das Phänomen wiederholte sich im Ersten Weltkrieg, vor aller Augen. Dennoch machte sich Rathenau, wie die ganze deutsche Elite, keine Gedanken über das Thema, zu fern schien es, zu unwahrscheinlich, vielleicht auch zu unwichtig.
In einer Planwirtschaft sind die Abläufe selten so effizient, wie die Planer sich vorstellen. Die Dinge werden oft nicht in der richtigen Menge oder der richtigen Qualität hergestellt, was die Ressourcen stärker strapaziert als nötig. Die heute – neben der Quantitätstheorie und der Fiskalischen Theorie der Inflation – in Umlauf befindliche neukeynesianische Theorie der Inflation untersucht unter anderem die Effekte, die sich ergeben, wenn der Wettbewerb nicht reibungslos funktioniert, weil der Markt versagt oder Löhne und Preise starr sind und sich neuen Marktlagen nicht flexibel anpassen. Die Neukeynesianer sehen den Zusammenhang zwischen Löhnen (die normalerweise nur nach oben flexibel sind) und Inflationsrate in der sogenannten Phillipskurve. Niedrige Arbeitslosenzahlen gehen mit hohen Inflationsraten einher (denn die Arbeitnehmer können höhere Löhne fordern) und umgekehrt. Aber auch diese Theorie hat es, wie die anderen auch, nicht leicht gehabt. In den 1970er Jahren kam es zu einer Stagflation (so der Name für die Koinzidenz von hoher Inflationsrate bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit), die mit der Phillipskurve im Widerspruch zu stehen schien. Und seit der Jahrtausendwende ist die Kurve flach geworden, so flach, dass man heute darüber spekuliert, ob der Zusammenhang überhaupt noch besteht.
Rathenau begriff dank seiner Tätigkeit in der Kriegsrohstoff-Abteilung relativ bald, dass dieser Krieg kaum einen Stein auf dem anderen lassen würde. Und er ahnte, dass die Konsequenzen weit über den militärischen Bereich hinausgehen sollten. Nach nur acht Monaten zog er sich von der Aufgabe als oberster Wirtschaftsdirektor des Landes zurück und begab sich wieder in seinen Wartestand, halb literarischer Privatier, halb politökonomisches Tier. Er spürte, wie die alte Ordnung sich auflöste und dass es in dieser Situation dankbarer war, die Beobachterrolle einzunehmen als ein Amt innezuhaben. Spätestens mit dem Kriegseintritt der USA 1917 sah er, dass die Träume vom Sieg- und Annexionsfrieden längst nicht mehr der Wirklichkeit entsprachen, und seine Stimmung wurde zunehmend pessimistisch. Weder das Kaisertum, so viel war ihm klar, noch die deutsche Vormachtstellung in Europa würden die sich abzeichnende Niederlage überleben.
Sein System von Preiskontrollen, Rationierungen und staatlicher Verteilung löste sich allerdings nach Kriegsende nur langsam auf und blieb teilweise durch die ganze Inflationszeit hindurch bestehen. Bürokratien sind zählebig.
22Zit. nach Schölzel: Walther Rathenau, S. 175.
23Zit. nach G. Mann: Walther Rathenau, Praktiker und Philosoph, S. 10.
24Gall: Walther Rathenau – Portrait einer Epoche, S. 157.
25Zit. nach Schölzel: Walther Rathenau, S. 372f.
26Rathenau: Von kommenden Dingen, S. 220.
27Th. Mann: Doktor Faustus, S. 436.
28H. Fürstenberg: Erinnerungen, S. 105.
29G. Mann: Walther Rathenau, Praktiker und Philosoph, S. 12.
30Dieses und die folgenden Zitate finden sich bei Walther Rathenau: Die Organisation der Rohstoffversorgung. Vortrag, gehalten am 20. 12. 1915 vor der Deutschen Gesellschaft.
31Feldman: The Great Disorder, S. 63.
32Sombart: Händler und Helden, S. 4. Die Seitenangaben im folgenden Absatz beziehen sich ebenfalls auf diesen Text.
33Vgl. Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments.
Die verpasste Stunde null
Nutze die günstige Stunde, die Zeit sei Dein.
William Shakespeare, »Hamlet«
Während das Kriegsende in London, Paris und New York mit Jubelfeiern und Dankgottesdiensten begangen wurde, kam in Deutschland eine undefinierbare, von Verwirrung gekennzeichnete Stimmung auf. Am 9. November 1918 riefen in Berlin der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann und der Führer des Spartakusbundes, Karl Liebknecht, separat voneinander die Republik aus. Der Rat der Volksbeauftragten hatte die Regierungsgeschäfte übernommen, Kaiser und Thronfolger verschwanden still nach Holland, und mit ihnen hatten die meisten Bundesfürsten abgedankt. Aber war das eine Revolution? Oder eher das Nebenprodukt des militärischen Zusammenbruchs? In der Stadt wurden einige Schüsse abgefeuert, aber Zeitzeugen waren sich nicht sicher, ob es sich dabei wirklich um Kämpfe handelte. Rot beflaggte Autos fuhren wild umher, im Reichstag hatten Marinesoldaten Kontrollposten errichtet. Vielleicht lag die Macht einfach nur auf der Straße, nachdem das alte Regime sich ruhmlos aus dem Staub gemacht und den Umgang mit der Niederlage einem weitgehend unvorbereiteten Parlament überlassen hatte? Der Spuk der Revolution war vorbei, bevor er ernsthaft begonnen hatte, wie Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch notierte. »Die Revolution hat vor wenig mehr als 24 Stunden in Berlin begonnen; und schon ist von der alten Ordnung und Armee Nichts mehr übrig. Nie ist das ganze innere Gerüst einer Grossmacht in so kurzer Zeit so vollkommen zerstäubt.« Und weiter: »Liebknecht hat gestern mit zwei Mann das Schloss genommen. In Potsdam ist das Erste Garderegiment kurzer Hand nachhause gegangen. Nur mein Regiment, die Dritten Garde Ulanen, und die Garde Husaren haben Widerstand geleistet.« Die Beamtenschaft stellte sich jedenfalls klaglos in den Dienst der neuen Regierung unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert. »Alles in Allem war trotz der Schiessereien die Haltung des Volkes in den beiden bisherigen Revolutionstagen ausgezeichnet: diszipliniert, kaltblütig, ordnungsliebend, eingestellt auf Gerechtigkeit, fast durchweg gewissenhaft. Ein Gegenstück zur Opferfreudigkeit im August 1914.«34 Es gab keinen Sturm auf die Banken, wie ein bürgerlicher Zeitgenosse verwundert feststellte, und »Trambahnen und Untergrundbahn gingen wie sonst, das Unterpfand dafür, daß für den unmittelbaren Lebensbedarf alles in Ordnung war. Auf allen Gesichtern stand geschrieben: Die Gehälter werden weiterbezahlt.«35 Gewiss ließen sich einige Hitzköpfe zu sporadischen Schießereien hinreißen, tauchten Nester des Widerstands auf, aber sie verschwanden so schnell wieder, wie sie entstanden waren. In der allgemeinen Erregung ließ sich ohnehin oft genug nicht sagen, wer aus welchem Grunde zu den Waffen griff. Die Vossische Zeitung berichtete von einer sinnlosen Schießerei am Berliner Schloss, und dass dabei ein guter Teil der »Gewehre lediglich aus Erregung und Verwirrung abgefeuert« wurde.36
Auf Berlins Straßen war es zwar nicht »absolut ruhig«, aber es ging an diesem Revolutionssonntag doch so gesittet zu, wie man es sich als Revolutionär nur erträumen konnte. Spontan bildeten Arbeiter und Soldaten in der ganzen Stadt Räte. Die Leitung der Berliner Sicherheitsdienste wurde klaglos in deren Hände übergeben. Das geschah alles so reibungslos, dass die Räte sich nicht einmal genötigt sahen, die bereits geltende Ausgangssperre ab acht Uhr abends (damals noch nicht Lockdown, sondern Polizeistunde genannt) zu verändern.
Am Nachmittag des 10. November fanden die Abgeordneten der Räte im Zirkus Busch zu einer ersten Versammlung zusammen. Hier verkündete Friedrich Ebert, der noch von Prinz Max von Baden, dem letzten Kanzler des Kaiserreichs, zu seinem Nachfolger erklärt worden war, »unter stürmischem Beifall, daß der Bruderstreit zwischen der Sozialdemokratischen Partei und den Unabhängigen begraben worden sei«. Liebknecht als Vertreter der äußersten Linken beschwor ebenfalls den Geist der Einheit. Die Berliner Räte proklamierten daraufhin Deutschland zu einer »sozialistischen Republik«. Der neu zu bildenden Regierung trugen sie auf, nicht nur sofort einen »Waffenstillstand abzuschließen und dem blutigen Gemetzel ein Ende zu machen«, sondern auch die »rasche und konsequente Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel (…), um aus den blutgetränkten Trümmern eine neue Wirtschaftsordnung aufzubauen, um die wirtschaftliche Versklavung der Volksmassen, den Untergang der Kultur zu verhüten«. Im Geiste der marxistischen Geschichtsphilosophie hielt der Rat Deutschland »nach der sozialen Struktur (…) und dem Reifegrad seiner wirtschaftlichen und politischen Organisation« für entwickelt genug, um gefahrlos den Schritt in die sozialistische Volksrepublik zu tun. Er erwartete in ganz Europa eine ähnliche Umwälzung und »gedenkt mit Bewunderung der russischen Arbeiter und Soldaten, die auf dem Wege der Revolution vorangeschritten sind (…) [und] beschließt, daß die deutsche republikanische Regierung sofort die völkerrechtlichen Beziehungen zu der russischen Regierung aufnimmt«.37 Im Anschluss an die Versammlung trat das neue Kabinett als »Rat der Volksbeauftragten« zusammen, unter der Führung Eberts.
Im übrigen Reichsgebiet spiegelte sich das Berliner Geschehen in lokal abgemilderter Schattierung. In Sachsen erklärten die Räte den König für abgesetzt, nicht aber seine Regierung. In Bayern reiste der Kriegsminister zum König nach Schloss Wildenwart, »um für die Offiziere und Mannschaften eine Entbindung vom Fahneneid zu erreichen«, auch das musste ja geregelt werden. Übrigens arbeiteten die Beamten »auf Ersuchen des Arbeiter- und Soldatenrats weiter. Die Ernährungsverhältnisse sind nicht gestört. Es herrscht Ruhe.« Und über die Situation im Karlsruhe schreibt das Berliner Tageblatt vom 11. November: »Der Großherzog von Baden hat bis heute früh nicht abgedankt. Es scheint vereinbart worden zu sein, eine sofortige Abdankung nicht zu fordern, sondern die Revolution in Baden in geordnete Bahnen weiter zu leiten, um den Übergang nicht allzu schroff zu gestalten. (…). Der frühere Reichskanzler Prinz Max von Baden ist gestern in Karlsruhe eingetroffen. In seiner Begleitung befanden sich der Herzog und die Herzogin von Braunschweig. Der Prinz und seine Gäste wurden am Bahnhof vom Arbeiter- und Soldatenrat mit Hochrufen begrüßt und unter Bewachung ins Schloß geleitet.«38 Lenin habe, sagt man, im Lichte dieser Nachrichtenlage geseufzt, in Deutschland werde es nie etwas mit der Revolution, denn wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollten, würden sie sich zunächst eine Bahnsteigkarte kaufen.
Die Aufgaben, die sich im Eingangskörbchen der Revolutionäre fanden, waren gewaltig. Es galt, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, innerhalb von drei Wochen 6 Millionen Soldaten ins Zivilleben einzugliedern (so war es in den Waffenstillstandsbedingungen vereinbart), die nationalistische Rechte auszuschalten und die radikale Linke einzubinden, das Bürgertum republikanisch umzuerziehen, die drohende Hungersnot durch die fortgeführte alliierte Blockade abzuwehren und nebenher eine verfassunggebende Versammlung und die Friedensverhandlungen mit den Siegern vorzubereiten. Für diese Aufgabe hätte es eines Politikers vom Schlage eines Bismarck oder Churchill bedurft, Männer mit Regierungserfahrung, einnehmendem Charisma, skrupelloser Wendigkeit, einem Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, selbstlosem Durchhaltevermögen und einer großartigen Vision für ihr Land. Das politische Personal, welches die Trümmer der alten Ordnung aufklaubte, erwies sich davon aber insgesamt weit entfernt. Die Revolutionäre hatten, wie ein scharfzüngiger Zeitgenosse später formulierte, »wenig klare Vorstellungen von dem, was sie nun eigentlich wollten und wie sie es zustande bringen wollten (es ist schließlich doch nicht nur Pech, sondern auch ein Zeichen mangelnder Begabung, dass sie fast sämtlich binnen eines halben Jahres nach der Revolution abgeknallt waren). Die meisten unter den neuen Machthabern waren verlegene Biedermänner, längst alt und bequem geworden in den Gewohnheiten loyaler Opposition, überaus bedrückt von der unerwartet in ihre Hände gefallenen Macht und ängstlich darauf bedacht, sie so bald wie möglich wieder auf gute Art loszuwerden.«39
Es bleibt ein Kennzeichen dieser Revolution, dass sie stehen blieb, sobald es anfing, interessant zu werden. Die große Umwälzung, das sozialistische Experiment, fand nicht statt. Die Großgrundbesitzer und die Industriellen wurden nicht enteignet, der Staat bekannte sich klaglos zu den Kriegsschulden und wirkte so, als wollte er sein Erbe nur vergessen, nicht aber zerstören. Die Machtergreifung der Bolschewisten in Russland ein Jahr zuvor, die mit der Unterdrückung eines großen Teils der Bevölkerung und der Abschaffung vieler Freiheiten zum Erfolg kam, die dem ohnehin schwachen Prozess der demokratischen Willensbildung und dem Rechtsstaat ein gewaltsames Ende setzte, lud nicht zur Nachahmung ein. Der Moment, in dem nach der Monarchie auch die kapitalistische Ordnung der Wirtschaft hätte zu Grabe getragen werden können, in dem vielleicht staatliche Planer vom Schlage Rathenaus die Leitung der Wirtschaft hätten übernehmen oder in dem kleine, in Kommunen organisierte Einheiten das wirtschaftliche Grundmuster hätten bilden können, dieser Moment verstrich, und der politische Prozess war fortan nicht mehr von harten Entscheidungen, sondern von dem Versuch gekennzeichnet, es allen recht zu machen. Die Arbeiterund Soldatenräte hatten in der Zeit des Interregnums, zwischen Revolution und verfassunggebender Versammlung, die Macht, die Weichen für eine staatliche und wirtschaftliche Ordnung nach ihren Wünschen zu stellen. Aber es sollte demokratisch zugehen, das ganze Volk sollte einbezogen werden, auch das Bürgertum, die Bauern und die Unternehmer. Also entschieden die Räte nichts, was die spätere demokratische Willensbildung vorweggenommen hätte, und es blieb vieles beim Alten.
Ohnehin waren die wirtschaftlichen Grundlagen zu stark erschüttert, um einen weiteren Schock, etwa durch Enteignungen, zu absorbieren. Die neuen Machthaber trieben andere Sorgen um als die Frage, wem welcher Acker gehörte. Höchste Priorität hatte die Abwendung einer Hungersnot, die durch die fortgesetzte Blockade der Alliierten bereits um sich zu greifen begann. In Russland waren kommunistische Ideologen skrupellos genug, um im Namen der reinen Lehre über unzählige Leichen zu gehen. Die deutschen Revolutionäre waren aus anderem Holz geschnitzt. Kurt Eisner, ein friedfertiger, manchmal feinsinniger Revolutionär und seit einer Woche Ministerpräsident des »Bayerischen Volksstaats«, erklärte am 16. November 1918 im »Programm der bayerischen Volksregierung«, warum er sich innerhalb weniger Tage vom sozialistischen Visionär zum Realpolitiker gewandelt hatte, der sich um Wichtigeres zu kümmern hatte, als die Frage des Eigentums an Großindustrie und Banken zu entscheiden: »Wir sprechen in vollkommener Offenheit aus, daß es uns unmöglich scheint, in einer Zeit, in der die produktiven Kräfte des Landes nahezu erschöpft sind, die Industrie in den Besitz der Gemeinschaft sofort überzuführen. Man kann nicht sozialisieren, wenn kaum etwas da ist, was zu sozialisieren ist. Ferner scheint es uns unmöglich, in einem einzelnen nationalen Gebiete der Weltwirtschaft die sozialistische Organisation durchzuführen. Wir glauben also, daß erst nach dem Frieden, wenn der einige Völkerbund der Weltdemokratie sich gebildet hat, der entscheidende Einfluß der in neuer Macht auferstandenen proletarischen Internationale in gemeinsamer Arbeit der Völker der Erde die unerläßliche Sozialisierung durchgeführt werden kann. Wir haben drei große Probleme sozialer Erneuerung bereits zur schnellen Erledigung: den Großgrundbesitz, die städtische Bodenfrage, das Bildungsund Erziehungswesen.«40
So verstrich die Gelegenheit, die Utopie füllte sich nicht mit Leben, es entstand keine grundlegend neue Ordnung. Der Mut zum Sprung in das unentdeckte Land einer wesentlich anderen Zukunft ging, soweit es ihn in nennenswertem Maße gegeben hatte, verloren. Das Militär hatte den Krieg, aber nicht sein Ansehen verloren. Der Adel hatte sein Ansehen, aber nicht seine Güter verloren. Das Bürgertum konnte unbehelligt seinen Geschäften nachgehen. Die Arbeiterschaft gab sich damit zufrieden, dass das Land nun von Sozialdemokraten regiert wurde. So bekam jeder, worauf er den größten Wert legte, war den Umständen entsprechend zufrieden und die Lage blieb ruhig.
Wenn es innerhalb des kleinen Zirkels der bedeutenden deutschen Wirtschaftsführer einen Mann gab, der das Gegenteil von Walther Rathenau darstellte, der nichts Schöngeistiges verkörpern und nichts mit Malerei oder Literatur oder Philosophie zu tun haben wollte, so war es Hugo Stinnes. Stinnes war ein Händler und wollte nie etwas anderes sein, der großartigste Händler seiner Zeit, ein Unternehmer, der den Handel fast zur Kunstform erhob. Händler unterscheiden sich darin von Handwerkern, dass es ihnen weitgehend egal ist, was und mit wem sie handeln; sie unterscheiden sich von Industriellen durch ihren unsentimentalen Umgang mit Traditionen und Denkmustern, wie sie sich zwangsläufig in jede große Organisation einprägen; und sie unterscheiden sich von den reinen Geldleuten, den Bankiers, Finanziers und bloßen Spekulanten, da sie das Risiko so weit wie möglich meiden, beim Kauf der Ware schon den Verkauf fest im Blick haben und sich mit Krediten niemals wohl fühlen. Sie denken in Zyklen und vertrauen dabei eher auf Erfahrung als auf theoretische Überlegung. Ihr Geschäft lebt von den Gezeiten der Märkte, als wären sie Fischer guter Preise. Sie müssen unsentimentale Realisten sein, jederzeit bereit, lieb gewonnene Überzeugungen zu ändern, wenn es die Umstände verlangen. In der Seele eines Händlers sind die gegenwärtigen Verhältnisse alles, die gestrigen nichts, denn vor dem Markt sind alle Thesen und Theorien gleich gültig und am Ende zählt nur der Gewinn. Er liebt die großen Bewegungen im Markt, die möglichst lange profitabel sind, aber er würde sich ihnen niemals verschreiben. Händler leben von ihrem Gespür für ihre Märkte und dem Mut, entsprechende Positionen einzugehen und von der Geschwindigkeit, mit der sie sich wieder von ihnen trennen. Nur ein Händler wie Stinnes konnte später der König der Inflation werden.
Hugo Stinnes, Jahrgang 1870, kam aus einer etablierten, aber keineswegs hervorragenden Kaufmannsfamilie aus Mülheim an der Ruhr, die sich mit einem Handelshaus einen Namen gemacht hatte, sowie als Betreiber von Gruben und einer Flotte von Lastkähnen, mit denen die Kohle zu den Hochöfen der im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland voll einsetzenden Industriellen Revolution geschafft wurden. Sein Vater starb früh und hinterließ seiner Familie ein schwieriges, zersplittertes Erbe in Form eines Anteils an der nach dem Großvater benannten Mathias Stinnes KG, in welcher die Aktivitäten der weiteren Familie gebündelt waren. Die Firma befand sich in finanziellen Schwierigkeiten, als Hugo dort im Alter von zwanzig Jahren nach einem kurzen, aber leidenschaftlichen Studium des Bergbaus und der Chemie eintrat. Sie wurde mehr schlecht als recht von einem Vetter geführt, der keinerlei Anstalten machte, seinen Platz für den jungen und bei allem Mangel an Erfahrung besonders rechthaberischen Hugo zu räumen. Dieser überzeugte also seine Mutter davon, 1893 ihr Kapital aus der Familienfirma abzuziehen und in die geschäftlichen Aktivitäten ihres Sohnes zu investieren. Das war der Startschuss für ein Unternehmen, welches dreißig Jahre später mit 600.000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber Deutschlands werden sollte.
Stinnes war findig und erfolgreich genug, um bald im Kohlesyndikat Aufnahme zu finden. Da sein Wesen von ungeduldiger Herrschsucht charakterisiert war, ertrug er Gruppenveranstaltungen wie die Syndikate nur genau so weit, wie sie ihm einen unmittelbaren Nutzen brachten. Bald verstand er es, sie meisterhaft zu unterlaufen, indem er das Konzept der Vertikalisierung erfand –, das man später mit unterschiedlichen Graden der Bewunderung und des Abscheus »Verstinnesierung« nannte. Darunter verstand man die Praxis, eine ganze Wertschöpfungskette unter einem Dach zu vereinen – denn warum sollte man fremde Dritte für etwas bezahlen, das man ebenso gut auch selbst leisten konnte? Ein Kohleproduzent konnte nicht nur eine Flotte von Kähnen betreiben, sondern auch die für den Warenumschlag nötigen Häfen betreiben. Und warum bei Produktion und Transport stehen bleiben, wenn man für die Kohle auch selbst Verwendung fand? Also stieg Stinnes in die Eisenverhüttung ein, in die Gewinnung von Metall aus Erz. Kohle wurde zunehmend auch für die Erzeugung von Elektrizität genutzt, die damals rasend schnell Verbreitung fand. Also gründete Stinnes (mit anderen Unternehmern) das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE), das bis heute den Westen Deutschlands mit Strom versorgt. Nun, wenn man seine Kohle mit seinen Kähnen schon in sein Elektrizitätswerk schaffte, so lag es nahe, auch die Anwendungen der Elektrizität sein Eigen nennen zu wollen. Also kaufte Stinnes Nahverkehrsbetriebe, deren Straßenbahnen große Stromabnehmer waren. Und so weiter. Kaum ein technisches Gewerbe war vor diesem vollständig humorlosen Menschen sicher, ebenso wenig wie Hotels, Hochseedampfer, … kurz, kein Unternehmen, das im weiteren Sinne Energie verbrauchte.
Nicht jedem Menschen war es gegeben, einen Konzern aufzubauen. Stinnes brachte vier Eigenschaften mit, die ihm sein Werk ermöglichten. Erstens hatte er ein überragendes Gespür für den Markt, für die Situation seiner Konkurrenten, seiner Zulieferer und Abnehmer. Er wusste die Konjunktur erstaunlich präzise auf ein oder zwei Jahre hinaus vorherzusagen und richtete seine Unternehmenskäufe und Investitionen entsprechend ein. Er wusste, wann ein Unternehmen günstig zu haben war, wann es galt, die Halden aufzubauen oder zu räumen. Zweitens verfügte er über ein tiefes technisches Verständnis. Er hatte nicht nur Bergbau und Chemie studiert, er las zeitlebens naturwissenschaftliche und technische Journale, um auf dem Laufenden zu bleiben. Ihm entging keine technische Neuerung, und er erkannte einen damit verbundenen Nutzen sofort. Drittens war er ein genialer Sanierer, der sich schnell in ein neues Unternehmen, seine Produkte und Abläufe eindenken konnte und die Konsequenz mitbrachte, die nötigen Änderungen durchzuziehen. Und viertens bekam Hugo Stinnes immer Kredit.
Um an das nötige Geld für die Firmenkäufe zu kommen, waren erhebliche Geldmittel nötig. Seine eigenen, immer etwas schmalen Ressourcen standen nie in einem guten Verhältnis zu seinen gewaltigen Ambitionen, und da er darüber hinaus auch stets sorgsam darauf bedacht war, die Risiken für das eigene Vermögen so gering wie möglich zu halten, sah er sich auf fremdes Geld angewiesen. Dies erhielt er reichlich und gern von den großen Banken, in deren Vorständen er jeweils einen Mann seines Vertrauens sitzen hatte, mit dem er sich unkompliziert und schnell über die zu beschaffenden Mittel verständigen konnte. Stinnes war realistisch genug, um zu wissen, wann er seine Kredite reduzieren musste (etwa indem er Anteile an seinen Unternehmen an Minderheitsgesellschafter verkaufte, solange sich dafür gute Preise erzielen ließen), und baute sich so über die Jahre den Ruf höchster Kreditwürdigkeit auf. Er wusste aber auch, dass dies ein sehr persönlicher Kredit war, ein Glaube an seinen, Hugo Stinnes, meisterlichen Umgang mit geliehenem Geld. Aus dem guten Kredit konnten schnell drückende Schulden werden, auch das wusste der Kaufmann aus Mülheim, und er ging mit jeder finanziellen Zusage äußerst vorsichtig um, um nicht das auf eben diesem Glauben an ihn, Hugo Stinnes, gegründete Konglomerat zu gefährden.
Auf diese Weise hatte Stinnes ein Unternehmensgeflecht aufgebaut, das bei Kriegsbeginn bereits zu den mächtigsten im Land zählte. Er hatte es verstanden, seine Interessen mit denen des Staates zu verbinden und dadurch eine kaum angreifbare Marktstellung zu erlangen. Konkurrenz musste er ohnehin dank seines Zugriffs auf billiges Geld und billige Rohstoffe selten fürchten. So boten sich ihm bald auch viele Unternehmen zum Kauf an und es wurde von kaum einem berichtet, mit dem er nicht handelseinig geworden wäre. Stinnes machte Angebote, die man nicht ablehnen konnte. Und wer doch den Mut fasste und sich nicht kaufen ließ, wurde gewöhnlich mit Macht aus dem Markt gedrängt.
Im vierten Quartal 1918 hatte Hugo Stinnes alle Hände voll damit zu tun, die Revolution mitzugestalten. Irgendwann im August oder September war ihm klar geworden, dass der Krieg verloren war. Er schüttelte sich kurz, verabschiedete sich von den großdeutschen Plänen, die er lange unter dem Einfluss des Generalquartiermeisters Ludendorff gehegt hatte, und war sofort wieder ganz Geschäftsmann. Es galt nun, seine Betriebe von der Kriegs- auf die Friedensproduktion umzustellen. Stahlhelme und Granaten würden für eine Weile kaum noch nachgefragt werden, Investitionen in die vernachlässigte Infrastruktur und die veralteten Maschinen dafür umso mehr. Die Umstrukturierung der Wirtschaft sowie die Demobilisierung von Millionen von Soldaten würden kurzfristig für einen gewaltigen Überhang an Arbeitskräften sorgen. Allein in der Granaten- und Zünderproduktion würden etwa eine Million Arbeitsplätze wegfallen.41 Bereits Anfang Oktober 1918, fünf Wochen vor der Waffenstillstandsvereinbarung, begannen zwischen Regierung und Wirtschaft (vertreten durch Hugo Stinnes und seine Vertrauten) Gespräche, wie der Übergang zu organisieren war.
Ebenso klar sah Stinnes, dass die Monarchie am Ende und eine sozialistische Regierung unausweichlich war. Seine Unternehmen schwebten in der akuten Gefahr, verstaatlicht zu werden. Selbst wenn sie in Privatbesitz blieben, würden die Gewerkschaften in Zukunft eine deutlich größere Verhandlungsmacht haben. Er suchte daher, ebenfalls im Oktober, den Kontakt zu den anderen tonangebenden Industriellen (insbesondere Walther Rathenau, Carl Friedrich von Siemens, Alfred Hugenberg und Hans von Raumer), um eine einheitliche Linie für den unvermeidlichen Ausgleich mit den Arbeitnehmern zu finden, bevor eine neue Regierung das Heft in die Hand nehmen würde. Auf Gewerkschaftsseite fanden die Industriellen in Carl Legien einen Verhandlungspartner, der als Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender des internationalen Gewerkschaftsbundes viel Erfahrung und genügend politisches Gewicht mitbrachte, um eine Einigung im eigenen Lager durchsetzen zu können. Legien, gelernter Drechsler, war ein alter Haudegen der Arbeiterbewegung, er hatte 1889 am Gründungskongress der Sozialistischen Internationale in Paris teilgenommen und war seit 1890 Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. 1918 war er ein alter Mann, schon lange kein ideologiegeladener Feuerkopf mehr, ein pragmatischer Gewerkschafter, dem das Wohlergehen der Arbeiter in den Betrieben wichtiger war als die Eigentumsfrage.
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