Kitabı oku: «1984»

Yazı tipi:

George Orwell
1984
Teil 1
I

Es war ein strahlend kalter Tag im April, und die Uhren schlugen 13-00. Winston Smith, das Kinn an die Brust gedrückt, in dem Bemühen, dem widerlichen Wind zu entkommen, zwängte sich eilig durch die Glastüren des Victory-Gebäudes wenn auch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ein Strudel grobkörnigen Staubs in das Gebäude hineinwehte.

Die Vorhalle roch nach gekochtem Kohl und alten, vergammelten Matratzen. An eine Wand war ein farbiges Poster angepappt; viel zu groß, um es in Innenräumen aufzuhängen. Es zeigte nichts weiter als eine riesige, mehr als einen Meter breite Abbildung eines Mannes von ungefähr fünfundvierzig Jahren, mit einem dicken, schwarzen Schnurrbart und angenehmen Gesichtszügen. Winston wandte sich der Treppe zu. Es war zwecklos, den Aufzug zu benutzen zu wollen. Sogar zu den besten Zeiten funktionierte er selten, und derzeit war bei Tageslicht der elektrische Strom ohnehin abgeschaltet. Dies war Teil der Sparmaßnahmen zur Vorbereitung auf die Hasswoche. Die Wohnung lag im siebenten Stock, und Winston, der neununddreißig war und ein Krampfadergeschwür über dem rechten Knöchel hatte, ging langsam und ruhte sich unterwegs mehrmals aus. Auf jedem Treppenabsatz, gegenüber dem Aufzugschacht, starrte das riesige Gesicht auf einem Plakat von der Wand. Es war eines dieser Bilder, auf denen die Augen der dargestellten Person dem Betrachter mit jeder Bewegung zu folgen scheinen. BIG BROTHER IS WATCHING YOU, lautete der Schriftzug darunter.

In der Wohnung las eine klangvolle Stimme eine Liste von Zahlen vor, die etwas mit der Herstellung von Roheisen zu tun hatten. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die aussah wie ein abgestumpfter Spiegel und einen Teil der Oberfläche der rechten Wand bildete. Winston drehte einen Schalter, und die Stimme wurde etwas leiser, doch die Worte blieben deutlich zu hören. Das Teleschirm genannte Gerät konnte heruntergeregelt werden, aber es gab keine Möglichkeit, es vollständig abzustellen. Winston ging zum Fenster hinüber: eine kleine, zerbrechliche Gestalt mit sehr hellem Haar; das Gesicht von Natur aus lebhaft, die Haut aufgerauht durch grobe Seife, stumpfe Rasierklingen und monatelange Winterkälte; die Magerkeit seines Körpers noch betont durch die übliche Uniform der Partei, einen blauen Overall.

Draußen, selbst durch die geschlossenen Fenster, sah die Welt kalt und wie erfroren aus. Unten auf der Straße wehten kleine Windwirbel den Staub und ein wenig zerrissenes Papier in Spiralen umher, und obwohl die Sonne strahlte und der Himmel in einem kräftigen Blau leuchtete, so schien doch nichts eine Farbe zu haben, außer den allgegenwärtigen Plakaten. Das Gesicht mit dem schwarzen Schnauzbart blickte aus jeder beherrschenden Ecke wie auch von der Hausfront unmittelbar gegenüber. BIG BROTHER IS WATCHING YOU, hieß es dort ebenso in der Bildunterschrift, und die dunklen Augen blickten tief in Winstons eigene. Unten, auf der Höhe der Straße, war ein weiteres Poster angebracht; eine abgerissene Ecke flatterte im Wind hin und her, so dass ein einzelnes Wort abwechselnd auftauchte und wieder verschwand: INGSOC. In der Ferne schwebte ein Hubschrauber zwischen den Dächern hinunter, surrte für einen Augenblick durch die Luft wie eine Schmeißfliege und schoss dann wieder davon: Es war die Polizeistreife, die in die Fenster der Menschen spähte. Die Patrouillen allerdings waren unwichtig. Nur die Gedankenpolizei zählte.

Hinter Winstons Rücken berichtete die Stimme vom Teleschirm immer noch etwas über Roheisen und die Übererfüllung des Neunten Dreijahresplans. Das Gerät empfing und sendete gleichzeitig: Jedes Geräusch, das über ein sehr leises Flüstern hinausging, wurde aufgefangen; außerdem konnte jeder gesehen und gehört werden, der sich in dem von der Metalltafel beherrschten Sichtfeld befand. Es gab selbstverständlich keine Möglichkeit zu wissen, wer zu welcher Zeit kontrolliert wurde. Wie oft oder mit welchem System die Gedankenpolizei sich in eine einzelne Leitung einklinkte, war reine Spekulation. Es war sogar denkbar, dass jeder zu jeder Zeit unter Aufsicht stand. Zumindest war es auf jeden Fall möglich, einen jeden zu überwachen, wann immer es nötig erschien. Und so lebte also auch jeder – aus zum Instinkt gewordener Gewohnheit – in der Annahme, dass jedes verursachte Geräusch belauscht und, außer im Dunkeln, jede Bewegung beobachtet werden konnte.

Winston wandte dem Teleschirm den Rücken zu. Das war sicherer, konnte allerdings, das wusste er sehr wohl, ebenso verräterisch sein. Einen Kilometer entfernt ragte das Ministerium der Wahrheit, in dem Winston arbeitete, weit und weiß über die dreckige Landschaft hinaus. Dies, so dachte er mit einer Art leisen Ekels, war London, die Hauptstadt von Flugfeld Eins, der am drittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens. Winston versuchte, einige Kindheitserinnerungen aus sich herauszuquetschen, die ihm sagen sollten, ob London schon immer so gewesen war. Gab es schon immer diese Ausblicke auf verrottete Häuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, deren Wände mit Holzbalken, die Fenster mit Pappe und die Dächer mit Wellblech geflickt waren und deren wacklige Gartenmauern in alle Richtungen durchhingen? Waren da schon immer die Orte der Bombeneinschläge gewesen, mit den durch die Luft wirbelnden Staubwolken und über den Trümmerhaufen wuchernden Weidenbäumen, oder die schmutzigen Ansammlungen von Holzhäusern, die auf den Flächen größerer Zerstörungen entstanden waren und aussahen wie Hühnerställe? Aber es war sinnlos; er konnte sich nicht erinnern: Von seiner Kindheit war nichts übrig außer einer Reihe hell erleuchteter Bilder ohne Hintergrund, die meist unverständlich blieben.

Das Ministerium der Wahrheit – auf Neusprech: Miniwahr – war erschreckend anders als jedes andere Objekt in Sichtweite: ein riesiges pyramidenförmiges Gebäude aus glitzernd weißem Beton, das sich, Terrasse um Terrasse, dreihundert Meter in die Höhe erhob. Von der Stelle aus, an der Winston stand, war es gerade noch möglich, die auf der weißen Front des Ministeriums in eleganten Schriftzügen angebrachten drei Parolen der Partei zu lesen:

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSENHEIT IST STÄRKE.

Das Ministerium der Wahrheit umfasste dreitausend Räume über der Erde und die entsprechenden Einrichtungen im Keller. Über ganz London verteilt gab es nur drei weitere Gebäude von ähnlichem Aussehen und ähnlicher Größe. Sie stellten die umgebende Architektur so vollständig in den Schatten, dass sie vom Dach des Hauses aus, in dem Winston wohnte, alle gleichzeitig sichtbar waren. Sie beherbergten die vier Ministerien, zwischen denen der gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war: das Ministerium der Wahrheit, das sich mit Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und den schönen Künsten befasste; das Ministerium des Friedens, das für den Krieg zuständig war; das Ministerium der Liebe, das die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung verantwortete, und das Ministerium des Überflusses, das die wirtschaftliche Entwicklung lenkte; ihre Bezeichnungen auf Neusprech lauteten: Miniwahr, Minifried, Minilieb und Miniviel.

Das Ministerium der Liebe war das erschreckendste von den vieren. Es hatte keinerlei Fenster. Winston war nie im Innern von Minilieb gewesen, nicht einmal im Umkreis von einem halben Kilometer. Es war ein Ort, den zu betreten nur aus dienstlichen Gründen gestattet war, und selbst dann führte der Weg hinein nur durch ein Labyrinth aus Stacheldrahtverhauen, Stahltüren und versteckten Maschinengewehrnestern. Sogar die Straßen, die zu den äußeren Absperrungen führten, wurden von mit Nun-Chakkus bewaffneten Wachen kontrolliert, die aussahen wie Gorillas in schwarzen Uniformen.

Winston drehte sich abrupt um. Er hatte seinem Gesicht den Ausdruck stiller Zuversicht verliehen, wie es sich beim Stehen vor dem Teleschirm empfahl. Winston durchquerte den Raum bis in die winzige Küche. Das Ministerium zu dieser Tageszeit zu verlassen, war mit dem Verlust des Mittagessens in der Kantine verbunden gewesen, und Winston war sich bewusst, dass es in der Küche nichts zu essen gab außer einem Stück dunklen Brots, das für das morgige Frühstück aufgehoben werden musste. Er nahm aus dem Regal eine Flasche mit einem einfachen, weißen Etikett mit der Aufschrift VICTORY GIN. Die farblose Flüssigkeit verströmte einen üblen, öligen Geruch wie chinesischer Reisschnaps. Winston goss sich fast eine Teetasse voll davon ein, bereitete sich innerlich auf den Schock vor und würgte den Inhalt auf einmal wie eine Dosis Medizin hinunter.

Sofort wurde sein Gesicht scharlachrot, und das Wasser lief ihm aus den Augen. Das Zeug war wie Salpetersäure, und außerdem erzeugte es beim Schlucken das Gefühl, mit einem Gummiknüppel auf den Hinterkopf geschlagen zu werden. Im nächsten Moment jedoch legte sich das Brennen im Magen, und die Welt begann, angenehmer auszusehen. Aus einem zerknitterten Päckchen Victory-Zigaretten zog Winston sich eine heraus, hielt sie allerdings unvorsichtigerweise aufrecht, so dass der Tabak auf den Boden fiel. Mit der nächsten ging es schon besser. Dann ging Winston zurück ins Wohnzimmer und setzte sich an einen kleinen Tisch, der links vom Teleschirm stand, und entnahm aus der Schublade einen Federhalter, ein Tintenfass und ein dickes, leeres Buch im Quartformat mit roter Rückseite und marmoriertem Einband.

Aus unerfindlichem Grund befand sich der Teleschirm im Wohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle: Anstatt wie üblich an der Stirnseite, von der aus der ganze Raum überblickt werden konnte, war das Gerät gegenüber dem Fenster an der Längswand angebracht. In deren eine Seite war ein Alkoven eingelassen, der wahrscheinlich früher einmal, als die Wohnungen gebaut worden waren, der Aufnahme von Bücherregalen gedient hatte. In dieser Nische saß Winston nun, und wenn er sich zurücklehnte, konnte er auf diese Weise außerhalb des vom Teleschirm überwachten Sichtfelds bleiben. Er war zwar selbstverständlich immer noch zu hören, aber solange er in seiner jetzigen Position verharrte, konnte er nicht gesehen werden. Es war zum Teil auch jene ungewöhnliche Aufteilung des Raums gewesen, die Winston auf jenen Einfall gebracht hatte, den er nun umsetzen wollte.

Aber auch das Buch selbst hatte dazu beigetragen: Es war ein merkwürdig schönes Buch. Sein glattes, cremiges Papier, ein wenig vergilbt durch das Alter, war von einer Art, die wie sie seit mindestens vierzig Jahren nicht mehr hergestellt wurde. Und er ahnte, dass das Buch noch viel älter war. Er hatte es im Fenster eines kleinen, vermüllten Trödelladens in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt (welches, wusste er nicht mehr) liegen sehen und war sofort von dem überwältigenden Wunsch übermannt worden, dieses Buch zu besitzen. Parteimitglieder sollten zwar nicht in gewöhnliche Geschäfte gehen („Handeln auf dem freien Markt“ nannte sich das), aber die Regel wurde nicht streng beachtet, denn es gab verschiedene Dinge wie Schnürsenkel oder Rasierklingen, die anders unmöglich zu beschaffen waren. Winston hatte kurze Blicke die Straße hinauf und hinunter geworfen, war dann schnell in den Laden hineingegangen und hatte das Buch für zwei Dollar fünfzig gekauft. Damals war er sich nicht bewusst gewesen, es für etwas Bestimmtes verwenden zu wollen. Er hatte es schuldbewusst nach Hause getragen, in seiner Aktentasche: Allein, es zu besitzen, selbst dann, wenn nichts darin geschrieben stand, war kompromittierend genug.

Und nun wollte er ein Tagebuch führen. Das war zwar nicht illegal (nichts war illegal, da es keine Gesetze mehr gab), aber wenn es entdeckt wurde, würde es recht sicher mit dem Tod bestraft werden oder zumindest mit fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslager. Winston montierte eine Feder in den Halter und saugte ihn an, um die Schmiere davon zu entfernen. Dieses Schreibgerät war ein altertümliches Werkzeug, das selbst für Unterschriften nur noch selten benutzt wurde, und er hatte sich eins beschafft, heimlich und mit einigen Schwierigkeiten, obwohl er es nicht gewohnt war, mit der Hand zu schreiben, doch er hatte einfach das Gefühl gehabt, das schöne cremige Papier verdiene es, mit einer echten Feder beschrieben, statt mit einem Tintenstift zerkratzt zu werden. Abgesehen von sehr kurzen Notizen war es sonst üblich, alles in den Sprechschreiber zu diktieren, was allerdings für den gegenwärtigen Zweck selbstverständlich nicht in Frage kam. Winston tauchte die Feder in die Tinte und zögerte dann, nur für eine Sekunde. Ein Zittern war durch seine Eingeweide gegangen: Das Beschreiben des Papiers war die entscheidende Tat. In kleinen unbeholfenen Buchstaben begann er:

1984-04-04

Er lehnte sich zurück. Ein Gefühl völliger Hilflosigkeit hatte ihn ergriffen. Er wusste nicht einmal mit völliger Gewissheit, dass dies 1984 war. Es muss ungefähr dieses Jahr sein, denn er war sich ziemlich sicher, dass er neununddreißig Jahre alt war, und er glaubte, 1944 oder 1945 geboren worden zu sein; aber heutzutage war es niemals möglich, etwas auf ein oder zwei Jahre genau festzulegen.

Für wen, so fragte er sich plötzlich, schrieb er überhaupt dieses Tagebuch? Für die Zukunft, für die Ungeborenen. Sein Verstand kreiste kurz um das zweifelhafte Datum und stieß dann gegen das Wort DOPPELDENK. Zum ersten Mal wurde Winston das Ausmaß dessen bewusst, was er da vorhatte. Wie konnte jemand mit der Zukunft in Verbindung treten? Das war doch schon ihrer Natur nach unmöglich: Entweder würde die Zukunft der Gegenwart ähneln, in diesem Fall ihm also nicht zuhören, oder sie wäre anders als die Gegenwart und das ganze Dilemma dann bedeutungslos.

Eine Zeit lang saß er da und starrte sinnlos auf das Papier. Der Teleschirm spielte nun laute Militärmusik. Es war merkwürdig, dass Winston nicht nur die Fähigkeit verloren zu haben schien, sich auszudrücken, sondern sogar vergessen hatte, was er ursprünglich hatte schreiben wollen. Seit Wochen hatte er sich darauf vorbereitet, und es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass dazu etwas anderes nötig wäre außer Mut. Das Schreiben selbst wäre einfach. Es würde genügen, jenen nie endenden, pausenlosen Monolog zu Papier zu bringen, der in seinem Kopf ablief, buchstäblich seit Jahren. In diesem Moment jedoch war dieser Gedankenfluss nun versiegt. Außerdem hatte das Krampfadergeschwür begonnen, unerträglich zu jucken. Winston wagte nicht, daran zu kratzen, denn wenn er das tat, entzündete es sich immer. Die Sekunden tickten. Er nahm nun nichts mehr weiter wahr, außer der Leere der ersten Seite vor ihm, dem Jucken der Haut über seinem Knöchel, dem Dröhnen der Musik und einer leichten Benommenheit, verursacht durch den Gin.

Plötzlich begann er in schierer Panik zu schreiben, sich dessen nur unvollkommen bewusst, was er da niederschrieb. Seine kleine, aber kindliche Handschrift wanderte auf der Seite auf und ab, verlor zuerst die Großbuchstaben und schließlich sogar die Punkte:

1984-04-04. Gestern Abend Kino. Alles nur Kriegsfilme. Ein sehr guter von einem Schiff voller Flüchtlinge, das im Mittelmeer bombardiert wird. Publikum sehr amüsiert über Aufnahmen eines großen, dicken Mannes, der versucht, vor einem Hubschrauber davonzuschwimmen. Zuerst war zu sehen, wie der Dicke sich wie ein Tümmler im Wasser suhlte, dann durch das Visier des Hubschraubers, dann war der Mann voller Löcher, und das Meer um ihn herum wurde rosa, und er sank so plötzlich, als hätten die Löcher das Wasser hereingelassen, und das Publikum schrie vor Lachen, als er sank. Dann war ein Rettungsboot voller Kinder zu sehen, darüber schwebend ein Hubschrauber. Da war eine Frau mittleren Alters, vielleicht eine Jüdin, im Bug sitzend, mit einem kleinen Jungen, etwa drei Jahre alt, in ihren Armen. Der kleine Junge schreit vor Angst und versteckt seinen Kopf zwischen ihren Brüsten, als wolle er sich in sie eingraben, und die Frau legt ihre Arme um ihn und tröstet ihn, dabei aber selber bleich vor angst, die ganze zeit bedeckt sie ihn so weit wie möglich, als glaubte sie, ihre arme könnten die kugeln von ihm fernhalten. dann der hubschrauber, eine 20-kilo-bombe zwischen die beiden lichtblitz und das boot ging zu bruch. dann wunderbare aufnahme, arm eines kindes, durch die luft fliegend, hubschrauber mit kamera in der nase muss ihn verfolgt haben und es gab viel applaus von den sitzen der partei aber eine frau unten aus der prollabteilung fing plötzlich an einen aufstand zu machen und zu schreien sie sollten es nicht zeigen nicht vor den kindern sie sollten es nicht zeigen nicht vor den kindern nicht unmittelbar vor den kindern bis die patrols sie herausholten wird ihr schon nichts passiert sein niemanden kümmert was die prolls sagen typische prollaktion die können nie...

Winston unterbrach sich, teilweise auch deshalb, weil seine Hand verkrampfte. Er wusste nicht, was ihn veranlasst hatte, diese Masse an Unsinn aufzuschreiben. Aber das Merkwürdige daran war, dass sich, während er dies tat, eine völlig andere Erinnerung in seinem Kopf geklärt hatte, bis zu dem Punkt, an dem er sich in der Lage fühlte, sie niederzuschreiben. Es war, wie er jetzt erkannte, wegen dieses anderen Vorfalls, dass er heute plötzlich beschlossen hatte, von der Arbeit nach Hause zu gehen und mit dem Tagebuch zu beginnen.

Es war an diesem Morgen im Ministerium geschehen, wenn so etwas Nebulöses überhaupt als „geschehen“ bezeichnet werden konnte:

Kurz vor 11-00 wurden in der Archivabteilung, in der Winston arbeitete, die Stühle aus den Kabinen geschleppt und in der Mitte des Saals gegenüber dem großen Teleschirm aufgestellt, zur Vorbereitung auf den Zwei-Minuten-Hass. Winston war gerade dabei, seinen Platz in einer der mittleren Reihen einzunehmen, als zwei Personen, die er vom Sehen her kannte, mit denen er aber noch nie gesprochen hatte, unerwartet den Raum betraten. Eine von ihnen war ein Mädchen, an dem er oft in den Fluren vorbeiging. Er kannte ihren Namen nicht, aber er wusste, dass sie in der Belletristikabteilung arbeitete. Vermutlich – er hatte sie manchmal mit öligen Händen und einem Schraubenschlüssel gesehen – war sie Mechanikerin an den Romanschreibmaschinen. Sie sah gesund aus, war etwa siebenundzwanzig Jahre alt, mit dichtem, dunklem Haar, sommersprossigem Gesicht und schnellen, athletischen Bewegungen. Eine schmale scharlachrote Schärpe, Abzeichen der Jugend-Anti-Sex-Liga, war mehrere Male um die Taille des Overalls des Mädchens gewickelt, gerade ausreichend fest, um den Schwung der Hüften erst richtig zur Geltung zu bringen. Winston mochte das Mädchen vom ersten Moment an nicht, als er es sah. Er kannte auch den Grund dafür: Es war wegen der Atmosphäre von Hockeyfeldern und kalten Bädern und Gemeinschaftswanderungen und allgemeiner Sauberkeit, die dieses Mädchen mit sich herumzutragen wusste. Er mochte fast alle Frauen nicht, insbesondere nicht die jungen und hübschen. Es waren immer die Frauen und vor allem die jungen, welche die bigottesten Anhänger der Partei waren: die Parolengläubigen, die Amateurspione und Schnüffler nach Unorthodoxie. Aber gerade dieses Mädchen vermittelte ihm den Eindruck, noch gefährlicher zu sein als die meisten. Einmal, als sie im Flur aneinander vorbeigingen, hatte sie ihm einen kurzen Seitenblick zugeworfen, der sich unmittelbar in ihn zu bohren schien und ihn für einen Moment mit schwarzem Schrecken erfüllte. Kurz kam ihm sogar der Gedanke in den Sinn, dass sie eine Agentin der Gedankenpolizei sein könnte. Das war zwar recht unwahrscheinlich, aber dennoch fühlte er, wann immer sie in seine Nähe kam, ein mit Angst als auch Feindseligkeit gemischtes seltsames Unbehagen in sich.

Bei der anderen Person, die Winston aufgefallen war, handelte es sich um einen Mann namens O’Brien, ein Mitglied der Inneren Partei und Inhaber eines Postens, so wichtig und entfernt, dass Winston nur eine schwache Vorstellung davon hatte, um was genau es sich dabei handelte. Eine kurze Stille ging über die Gruppe von Menschen hinweg, die um ihre Stühle herumstanden, als sie den schwarzen Overall eines Mitglieds der Inneren Partei erblickten. O’Brien war ein großer, kräftiger Mann mit einem dicken Hals und einem groben, freundlichen, aber brutalen Gesicht. Trotz seiner gewaltigen Erscheinung hatte er einen gewissen Charme im Auftreten an sich: Er hatte eine Art, seine Brille auf der Nase zurechtzurücken, die auf unbeschreibliche Weise entwaffnend war – auf eine unerklärliche Art merkwürdig kultiviert. Wenn noch jemand imstande gewesen wäre, in solchen Kategorien zu denken, so hätte diese Geste an einen Edelmann aus dem achtzehnten Jahrhundert erinnert, der seine Schnupftabakdose offerierte. Winston hatte O’Brien vielleicht ein Dutzend Mal in fast ebenso vielen Jahren gesehen. Er fühlte sich zutiefst zu ihm hingezogen, und das nicht nur, weil er fasziniert war durch den Kontrast zwischen O’Briens urbaner Art und seinem Körperbau eines Preisboxers, sondern vor allem wegen Winstons heimlichen Glaubens – oder vielleicht noch nicht einmal eines Glaubens, lediglich einer Hoffnung –, dass O’Briens politische Orthodoxie vielleicht nicht perfekt sein könnte. Etwas in seinem Gesicht deutete das unwiderstehlich an. Und außerdem war es vielleicht nicht einmal Unorthodoxie, die ihm ins Gesicht geschrieben stand, sondern einfach nur Intelligenz. Aber auf jeden Fall machte er den Anschein, eine Person zu sein, mit der sich sprechen ließ, wenn es gelingen konnte, den Teleschirm zu überlisten und O’Brien allein zu erwischen. Winston hatte niemals auch nur die geringste Anstrengung unternommen, dies zu überprüfen. Tatsächlich gab es dafür auch keinerlei Möglichkeit. In diesem Moment warf O’Brien einen Blick auf seine Armbanduhr, stellte fest, dass es fast 11-00 war, und beschloss deshalb, in der Archivabteilung zu bleiben, bis der Zwei-Minuten-Hass vorüber sein würde. O’Brien suchte sich einen Stuhl in der gleichen Reihe wie Winston. Eine kleine, sandhaarige Frau, die in der Kabine neben Winston arbeitete, saß zwischen ihnen. Das Mädchen mit den dunklen Haaren nahm unmittelbar dahinter Platz.

Dann brach ein grässliches, knirschendes Gebrüll, wie von einer monströsen, ohne Öl laufenden Maschine, aus dem großen Teleschirm am Ende des Raums hervor. Es war ein Geräusch, das in die Zähne fuhr und die Haare im Nacken sträubte: Der Hass hatte begonnen.

Wie üblich war das Gesicht von Emmanuel Goldstein, dem Feind des Volkes, auf dem Teleschirm erschienen. Es gab hier und da Zischlaute im Publikum. Die kleine, sandhaarige Frau gab ein Quietschen von sich, eine Mischung aus Angst und Ekel: Goldstein war der Abtrünnige und Rückfällige, der einst, vor langer Zeit (vor wie langer Zeit, daran erinnerte sich niemand mehr so recht), eine der führenden Figuren der Partei gewesen war, fast auf einer Ebene mit Big Brother selbst, und damals konterrevolutionäre Aktivitäten unternommen hatte und deshalb zum Tode verurteilt worden, dann aber auf geheimnisvolle Weise entkommen und verschwunden war. Die Programme des Zwei-Minuten-Hasses wechselten von Tag zu Tag, aber es gab keins, in dem Goldstein nicht die Hauptrolle spielte: Er war der Erzverräter, der früheste Schänder der Reinheit der Partei. Alle nachfolgenden Verbrechen gegen die Partei, alle Betrügereien, Sabotageakte, Ketzereien und Abweichungen, entsprangen unmittelbar aus seiner Lehre. An einem Ort dieser Welt war er noch am Leben und brütete seine Verschwörungen aus: vielleicht jenseits des Meeres, unter dem Schutz seiner ausländischen Zahlmeister, vielleicht sogar – so gingen gelegentliche Gerüchte um – in einem Versteck mitten in Ozeanien.

Winstons Zwerchfell zog sich zusammen. Er konnte das Gesicht Goldsteins nie ohne eine schmerzhafte Mischung aus Gefühlen ansehen. Es war ein schmales jüdisches Gesicht, mit einer großen verschwommenen Aureole aus weißem Haar und einem kleinen Ziegenbart; ein kluges Gesicht und doch wie von Natur aus verächtlich, mit einer Art seniler Albernheit in der langen dünnen Nase, auf deren Spitze eine Brille saß. Es glich dem Gesicht eines Schafs, und auch die Stimme hatte einen schafsähnlichen Klang. Goldstein ritt seine üblichen giftigen Attacken auf die Grundsätze der Partei; einen so übertriebenen und perversen Angriff, dass ein Kind ihn hätte durchschauen können, und doch plausibel genug, um das alarmierende Gefühl zu erzeugen, dass andere, weniger besonnene Menschen von derartigen Argumenten überzeugt werden könnten. Goldstein missbrauchte den Namen von Big Brother, prangerte die Diktatur der Partei an, forderte den sofortigen Friedensschluss mit Eurasien, trat ein für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Gedankenfreiheit und jammerte hysterisch, die Revolution sei verraten worden – und dies alles in rascher, mehrsilbiger Sprache, die eine Art Parodie auf den gewohnten Stil der Redner der Partei war und sogar Neusprech-Worte enthielt, tatsächlich sogar mehr davon, als jedes Parteimitglied üblicherweise im täglichen Leben verwendete. Und die ganze Zeit über, damit auch ja niemand den geringsten Zweifel hatte, welche Realität sich hinter Goldsteins fadenscheinigem Geschwätz verbarg, marschierten hinter seinem Kopf auf dem Teleschirm die endlosen Kolonnen der eurasischen Armee: Reihe um Reihe kräftiger Männer mit ausdruckslosen asiatischen Gesichtern, die an der Oberfläche des Bildschirms ineinander verschwammen und schließlich verschwanden, um durch andere ersetzt zu werden, die genauso aussahen. Das dumpfe rhythmische Trampeln der Stiefel der Soldaten bildete den Hintergrund von Goldsteins blökender Stimme.

Noch bevor der Hass dreißig Sekunden lang gedauert hatte, kam es bei der Hälfte der im Raum Anwesenden zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Das selbstzufriedene Schafsgesicht auf der Leinwand und die furchterregende Macht der eurasischen Armee dahinter waren zu viel auf einmal. Außerdem erzeugte der Gedanke an Goldstein automatisch Angst und Wut, denn dieser war ein beständigeres Objekt des Hasses als Eurasien oder Ostasien, da Ozeanien, wenn es sich mit einer dieser Mächte im Krieg befand, im Allgemeinen mit der anderen im Frieden war. Aber das Merkwürdige war: Obwohl Goldstein von allen gehasst und verachtet wurde und seine Theorien tausendmal am Tag, auf Bahnsteigen, auf dem Teleschirm, in Zeitungen, in Büchern widerlegt, vernichtet, verspottet und als der erbärmliche Müll, der sie waren, verstanden wurden, schien Goldsteins Einfluss trotz alledem niemals geringer zu werden. Es gab immer wieder neue Idioten, die nur darauf warteten, von ihm verführt zu werden: Nie verging ein Tag, an dem nicht Spione und Saboteure, die nach seinen Anweisungen handelten, von der Gedankenpolizei entlarvt wurden. Er war der Befehlshaber einer riesigen Schattenarmee, eines Untergrundnetzes von Verschwörern, die sich für den Sturz des Staates einsetzen. Die Bruderschaft, so hieß sie angeblich. Es gab auch heimlich erzählte Geschichten über ein schreckliches Buch, ein Kompendium aller Häresien, dessen Autor Goldstein war und das hier und da heimlich zirkulierte. Es war ein Buch ohne Titel. Die Leute bezeichneten es, wenn überhaupt, einfach als DAS BUCH. Aber bekannt waren über solche Sachen lediglich unbestimmte Gerüchte. Weder die Bruderschaft noch DAS BUCH waren ein Thema, das ein gewöhnliches Parteimitglied jemals erwähnen würde, wenn sich das vermeiden ließ.

In der zweiten Minute steigerte sich der Hass zur Raserei: Einige der Anwesenden sprangen auf ihren Plätzen auf und ab und schrien lauthals, um die wahnsinnige, blökende Stimme, die von der Leinwand kam, zu übertönen. Die kleine, sandhaarige Frau war leuchtend rosa geworden, und ihr Mund öffnete und schloss sich wie der eines gerade gefangenen Fischs. Sogar O’Briens schweres Gesicht war errötet. Er saß sehr aufrecht auf seinem Stuhl, zitternd und die breite Brust mächtig angeschwollen, als gälte es, dem Ansturm einer großen Welle standzuhalten. Das dunkelhaarige Mädchen hinter Winston hatte angefangen zu schreien: „Du Schwein! Du verdammte Drecksau!“, und plötzlich nahm sie ein schweres Neusprech-Wörterbuch in die Hand und warf es gegen den Teleschirm. Es traf Goldstein auf die Nase und prallte zurück, aber dessen Stimme ertönte unerbittlich weiter. In einem lichten Augenblick wurde Winston bewusst, dass er mit den anderen schrie und mit der Ferse heftig gegen die Sprosse seines Stuhls trat. Das Schreckliche an dem Zwei-Minuten-Hass war nicht, dass verlangt wurde, dabei eine Rolle zu spielen, sondern im Gegenteil, dass es einfach unmöglich war, sich nicht hineinzusteigern: Innerhalb von dreißig Sekunden war keinerlei Verstellung mehr notwendig, bei niemandem, und eine scheußliche Ekstase der Angst und Rachsucht; der Wunsch, zu töten und zu foltern und Gesichter mit einem Vorschlaghammer einzuschlagen, schien wie ein elektrischer Strom durch die ganze Gruppe von Menschen zu fließen, und jeden, der dabei war, selbst gegen seinen Willen in einen grimassierenden, schreienden Wahnsinnigen zu verwandeln. Und doch war die dabei gefühlte Wut ein von den Tatsachen losgelöstes Gefühl, das wie die Flamme einer Lötlampe von einem Gegenstand auf einen anderen gerichtet werden konnte. So wandte sich in einem Moment Winstons Hass gar nicht gegen Goldstein, sondern im Gegenteil gegen Big Brother, die Partei und die Gedankenpolizei; und in solchen Augenblicken schlug sein Herz für den einsamen, verhöhnten Ketzer auf dem Teleschirm, als wäre Goldstein der alleinige Hüter der Wahrheit und der Vernunft in einer Welt voller Lügen. Und doch war Winston schon im nächsten Augenblick eins mit den Menschen die ihn umgaben, und alles, was über Goldstein gesagt wurde, schien wahr zu sein. In solchen Augenblicken verwandelte sich Winstons heimliche Abscheu vor Big Brother in Anbetung, und dieser schien sich über alles zu erheben: ein unbesiegbarer, furchtloser Beschützer, der wie ein Fels den Horden Asiens widerstand, während sich Goldstein trotz seiner Isolation, seiner Hilflosigkeit und der Zweifel, die seine Existenz umgaben, in einen finsteren Zauberer verwandelte, der allein durch die Kraft seiner Stimme in der Lage war, die Grundlagen der Gemeinschaft zu zerstören.

Manchmal, in kurzen Augenblicken, war es sogar möglich, den Hass auf durch einen bloßen Willensakt umzulenken: Plötzlich, durch eine Art gewalttätiger Anstrengung, ganz so, wie in einem Alptraum den Kopf vom Kissen zu reißen, gelang es Winston, seinen Hass von dem Gesicht auf dem Teleschirm auf das dunkelhaarige Mädchen hinter sich zu übertragen. Lebhafte, wunderschöne Wahnbilder schossen in Winstons Vorstellung: Er würde das Mädchen mit einem Gummiknüppel zu Tode prügeln. Er würde sie nackt fesseln, an einen Pfahl, und einen Haufen Pfeile in sie hineinjagen wie in den Heiligen Sebastian. Er würde es ihr böse besorgen, gegen ihren Willen, und ihr dann, genau dann, wenn er dabei kommen würde, die Kehle durchschneiden. Besser als zuvor, noch deutlicher, wurde ihm nun auch klar, WESHALB er sie hasste: Er hasste sie, weil sie jung war und schön und geschlechtslos, weil er mit ihr ins Bett gehen wollte und dies nie geschehen würde, denn um ihre schöne Taille, die nur darum zu bitten schien, sie mit dem Arm zu umfassen, war diese widerwärtige scharlachrote Schärpe gewickelt, aggressives Symbol der Keuschheit.

Der Hass erreichte seinen Höhepunkt: Die Stimme Goldsteins war zum echten Blöken eines Schafs geworden, und für einen Augenblick verwandelte sich das Gesicht sogar in das eines Schafs. Dann verschmolz das Schafsgesicht mit der Gestalt eines eurasischen Soldaten, der auf dem Vormarsch zu sein schien, riesig und schrecklich, mit dröhnender Maschinenpistole, und es war beinahe so, als spränge er aus der Oberfläche des Teleschirms heraus, so dass einige der Menschen in der ersten Reihe auf ihren Sitzen davor zurückzuckten. Doch im selben Moment, dabei einen tiefen Seufzer der Erleichterung bei allen auslösend, verwandelte sich die feindselige Gestalt in das Gesicht von Big Brother: schwarzhaarig, mit schwarzem Schnauzbart; voller Kraft und geheimnisvoller Ruhe, und so gewaltig, dass es fast den gesamten Teleschirm ausfüllte. Niemand hörte, was Big Brother sagte. Es waren eher nur ein paar Worte der Ermutigung: die Art von Worten, die im Getöse eines Kampfes gemurmelt werden; nicht einzeln unterscheidbar, aber das Vertrauen wieder herstellend, einfach dadurch, dass sie gesprochen werden. Dann verschwand das Gesicht von Big Brother wieder, und stattdessen erschienen die drei Parolen der Partei in fetten Großbuchstaben:

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSENHEIT IST STÄRKE.

Doch das Gesicht von Big Brother schien für einige Sekunden weiter auf dem Teleschirm zu verharren, als ob die Wirkung, die es auf die Augäpfel gehabt hatte, zu lebhaft gewesen wäre, um den Eindruck sofort wieder verschwinden zu lassen. Die kleine sandhaarige Frau hatte sich nach vorne über die Stuhllehne vor sich geworfen. Mit einem zitternden Murmeln, das klang wie: „Mein Retter!“, streckte sie ihre Arme in Richtung der Leinwand aus. Dann vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Es war offensichtlich, dass sie ein Gebet sprach.

Dann auf einmal brach die gesamte Gruppe der Anwesenden in einen tieftönenden, langsamen, rhythmischen Gesang aus: „B-B!...Be-Be!“ – immer und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pause zwischen dem ersten „B “und dem zweiten – ein schweres, murmelndes Geräusch, das auf eine merkwürdige Weise wild erschien, und es war ein wenig so, als wäre im Hintergrund das Stampfen nackter Füße und das Schlagen von Holztrommeln zu hören. Es dauerte vielleicht etwa dreißig Sekunden; ein Refrain, der oft gehört wurde in Momenten überwältigender Emotionen. Zum Teil war es eine Art Hymne an die Weisheit und Majestät von Big Brother, aber mehr noch ein Akt der Selbsthypnose, ein absichtliches Ertränken des Bewusstseins durch rhythmische Geräusche. Winstons Eingeweide schienen kalt zu werden. Während des Zwei-Minuten-Hasses konnte er sich nicht dagegen wehren, am allgemeinen Delirium teilzuhaben, aber dieser untermenschliche Gesang von „B-B! ... B-B!“, der ein wenig klang wie „Sei!-Sei!“, erfüllte ihn immer mit Schrecken. Selbstverständlich machte er trotzdem dabei mit, denn es war unmöglich, sich dem zu verweigern. Die Gefühle zu verbergen, das Gesicht zu kontrollieren; das zu tun, was alle anderen taten, war eine instinktive Reaktion. Aber es gab einen Zeitraum von ein paar Sekunden, während dessen der Ausdruck seiner Augen ihn möglicherweise verraten haben könnte. Und es war genau in jenem Augenblick, als das Bedeutsame geschah – wenn es überhaupt tatsächlich geschah:

Ganz kurz fing Winston den Blick von O’Brien auf. Dieser war aufgestanden, hatte seine Brille abgenommen und war gerade dabei, sie mit seiner charakteristischen Geste wieder auf die Nase zu setzen. Aber es gab jenen winzigen Bruchteil einer Sekunde, in dem sich ihre Blicke trafen, und während dieser kaum wahrnehmbaren Zeitspanne wusste Winston – ja, er WUSSTE es –, dass O’Brien dasselbe dachte wie er selbst. Eine unmissverständliche Nachricht war empfangen worden. Es war, als hätte sich ihrer beider Geist geöffnet und ihre Gedanken wären von einem zum anderen durch ihre Augen geflossen. „Ich bin bei dir“, schien O’Brien zu sagen. „Ich weiß genau, was du fühlst. Ich weiß alles über deine Verachtung, deinen Hass, deinen Ekel. Doch mach’ dir keine Sorgen: Ich bin auf deiner Seite!“ Und dann war jenes Aufscheinen des Erkennens verschwunden und O’Briens Gesicht wieder so undurchschaubar gewesen wie das eines jeden anderen auch.

Das war alles, und Winston war bereits jetzt schon unsicher, ob es überhaupt geschehen war. Solche Ereignisse hatten nie eine Fortsetzung. Alles, was sie verursachten, war lediglich, in ihm den Glauben oder die Hoffnung wach zu halten, dass auch noch andere außer ihm selbst Feinde der Partei waren. Vielleicht waren die Gerüchte über riesige Verschwörungen im Untergrund doch wahr – vielleicht gab es ja die Bruderschaft tatsächlich! Trotz der endlosen Verhaftungen, Geständnisse und Hinrichtungen war es unmöglich, sicher zu sein, dass die Bruderschaft nicht doch nur ein Mythos war. An manchen Tagen glaubte er an sie, an anderen nicht. Es gab keine Beweise, nur flüchtige Blicke, die alles oder nichts bedeuten konnten: Momentaufnahmen von belauschten Gesprächen, schwache Kritzeleien an Toilettenwänden und einmal, als sich zwei Fremde trafen, sogar eine kleine Handbewegung, die ausgesehen hatte, als könnte sie ein Zeichen des Erkennens sein. Es waren alles Vermutungen, und sehr wahrscheinlich hatte er sich alles nur eingebildet. Er war in seine Kabine zurückgegangen, ohne O’Brien noch einmal anzusehen. Die Idee, ihren Kontakt weiter zu verfolgen, kam Winston kaum in den Sinn. Es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen, selbst wenn er gewusst hätte, wie er es hätte anstellen sollen. Sie hatten kurz einen zweideutigen Blick ausgetauscht, und das war auch schon das Ende der Geschichte. Aber selbst das war ein denkwürdiges Ereignis in der verschlossenen Einsamkeit, in der es sonst zu leben galt.

Winston richtete sich auf und setzte sich gerader hin. Er rülpste. Der Gin stieg ihm aus dem Magen.

Seine Augen konzentrierten sich wieder auf das Blatt. Er entdeckte, dass er während seiner hilflosen Grübelei geschrieben hatte wie von selbst. Und es war nicht mehr die gleiche verkrampfte, unbeholfene Handschrift wie zuvor. Sein Stift war ausladend über das feine Papier geglitten und hatte in großen, sauberen Großbuchstaben geschrieben, immer und immer wieder, eine halbe Seite voll:

NIEDER MIT BIG BROTHER

NIEDER MIT BIG BROTHER

NIEDER MIT BIG BROTHER

NIEDER MIT BIG BROTHER

NIEDER MIT BIG BROTHER.

Er konnte nicht anders, als einen Anflug von Panik zu verspüren. Das war zwar absurd, weil das Schreiben dieser speziellen Worte nicht gefährlicher war als der anfängliche Akt der Eröffnung des Tagebuchs, aber für einen Moment war er versucht, die verdorbenen Seiten herauszureißen und das Unternehmen ganz aufzugeben.

Er tat es nicht, denn er wusste, dass es nutzlos war. Ob er NIEDER MIT BIG BROTHER schrieb oder darauf verzichtete, es zu schreiben, war unerheblich, und ob er mit dem Tagebuch fortfuhr oder es nicht weiterführte, letztlich gleichgültig: Die Gedankenpolizei würde ihn so oder so erwischen. Er hatte – und hätte selbst dann, wenn er die Feder nie zu Papier gebracht hätte – das wesentliche Verbrechen schon begangen, das alle anderen bereits in sich trug: Gedankenverbrechen. Und das war keine Sache, die sich für immer verbergen ließ. Es war zwar möglich, damit für eine Weile durchzukommen, sogar für Jahre, aber früher oder später erwischten sie jeden.

Es war immer nachts; die Verhaftungen geschahen immer nachts. Der plötzliche Ruck aus dem Schlaf, eine rauh zupackende Hand an der Schulter, blendendes Licht in den Augen, ein Ring von harten Gesichtern um das Bett. In den weitaus meisten Fällen gab es keinen Prozess, ja nicht einmal einen Bericht über die Verhaftung: Die Betroffenen verschwanden einfach, immer nachts. Ihr Name wurde aus jedem Register gestrichen, ebenso alles, was sie jemals getan hatten und gewesen waren; ihre gesamte Existenz damit zunächst bestritten und dann vergessen. Sie wurden spurlos ausgerottet, vernichtet; VAPORISIERT war der übliche Begriff dafür.

Vorübergehend wurde Winston von einer Art Hysterie erfasst. Er begann zu schreiben in einer eiligen unordentlichen Krakelschrift:

siewerden mich erschießn istmir egal sie werdnmir in den Nackn schießn was kümmertsmich nieder mit big brother sie schießn immer inden Nackn was solls egal nieder mit big brother...

Er lehnte sich leicht beschämt auf seinem Stuhl zurück und legte den Stift ab. Im nächsten Moment erschrak er gewaltig: Es klopfte an der Tür.

Jetzt schon! So schnell? Er saß mucksmäuschenstill in der vergeblichen Hoffnung, wer immer es war, der da klopfte, möge nach einem einzigen Versuch wieder verschwinden. Aber nein, es hörte nicht auf. Das Schlimmste von allem wäre es jetzt, nicht schnell genug zu antworten. Sein Herz schlug wie eine Trommel, aber sein Gesicht war aus langer Gewohnheit heraus wahrscheinlich ausdruckslos. Er stand auf und beeilte sich, zur Tür zu gehen.

II

Als er gerade den Türknauf berührte, bemerkte Winston, dass er das Tagebuch offen auf dem Tisch liegengelassen hatte. NIEDER MIT BIG BROTHER war quer über die Seite geschrieben, in so großen Buchstaben, dass sie fast über das ganze Zimmer hinweg lesbar waren. Derart leichtsinnig gewesen zu sein, war eine unvorstellbare Dummheit, aber ihm wurde klar, dass er selbst in seiner Panik das cremige Papier nicht hatte verschmieren wollen, indem er das Buch schloss, während die Tinte noch feucht war.

Er holte Luft und öffnete die Tür. Sofort durchströmte ihn eine warme Welle der Erleichterung: Eine farblose, zerstört aussehende Frau mit zerzaustem Haar und einem zerknitterten Gesicht stand draußen.

„Oh, Genosse“, begann sie mit einer traurigen, jammernden Stimme, „ich dachte, ich hätte Sie gehört. Könnten Sie vielleicht rüberkommen und einen Blick auf unsere Küchenspüle werfen? Sie ist verstopft und...“

Es war Frau Parsons („Frau“ war ein von der Partei etwas missbilligtes Wort – die richtige Anrede für alle war „Genossinnen und Genossen“ –, aber bei manchen Frauen fühlte sich „Frau“ doch instinktiv richtiger an), die Ehefrau eines Nachbarn im gleichen Stockwerk. Sie war um die dreißig, sah aber viel älter aus und machte den Eindruck, als hätte sich Staub in ihren Gesichtsfalten festgesetzt. Winston folgte ihr den Flur entlang. Diese dilettantischen Reparaturen waren eine fast tägliche Belästigung: Die Wohnungen im Victory-Gebäude waren alt, aus den 1930ern, und lösten sich langsam in Einzelteile auf: Der Putz fiel in kleinen und großen Stücken von Decken und Wänden ab, die Rohre platzten bei jedem harten Frost, das Dach war undicht bei Schneefall, und die Heizung, wenn sie nicht ohnehin aus wirtschaftlichen Gründen vollständig abgestellt war, lief üblicherweise nur auf halber Leistung. Was die Bewohner des Hauses an Instandhaltungen nicht selbst erledigen konnten, musste von weit entfernten Ausschüssen erst genehmigt werden, und so konnte es durchaus zwei Jahre dauern, bis eine einfache Fensterscheibe endlich repariert wurde.

„Ich frage nur, weil Tom nicht ...“, sagte Frau Parsons zaghaft.

Die Wohnung war größer als die von Winston und auf eine andere Weise abgewrackt: Alles darin machte einen ramponierten, zertrampelten Eindruck, als wäre ein großes, gewalttätiges Tier darüber hinweggerannt. Ein Haufen Sportausrüstung – Hockeyschläger, Boxhandschuhe, ein geplatzter Fußball, ein Paar verschwitzte Shorts, die von innen nach außen gedreht waren – lag über den ganzen Boden verstreut herum, und auf dem Tisch stapelte sich ein Sammelsurium von schmutzigem Geschirr und Schulheften mit Eselsohren. An den Wänden hingen scharlachrote Fahnen der Jugendliga und der Spione und ein Plakat von Big Brother in voller Größe. Allgegenwärtig war der übliche Geruch von gekochtem Kohl, der dem gesamten Gebäude anhaftete, aber von einem noch schärferen nach Schweiß überlagert wurde, der – das wurde schon beim ersten Riechen klar, obwohl schwer zu sagen war, weshalb – von einer gerade nicht anwesenden Person stammte. Im Nebenzimmer versuchte jemand, mit einem Kamm und einem Stück Toilettenpapier, den Takt der Militärmusik zu halten, die immer noch aus dem Teleschirm dröhnte.

„Es sind die Kinder“, sagte Frau Parsons und warf einen halb beunruhigten Blick auf die Tür. „Sie waren heute noch nicht draußen. Und selbstverständlich...“

Sie hatte die Angewohnheit, Sätze in der Mitte abzubrechen.

Die Küchenspüle war fast bis zum Rand voll mit schmutzigem, grünlichem Wasser, das schlimmer denn je nach Kohl stank. Winston kniete sich hin und untersuchte das Abflussrohr. Er hasste es, seine Hände zu benutzen, und er hasste es, sich zu bücken, was bei ihm immer Hustenreiz verursachte.

Frau Parsons schaute hilflos zu. „Wenn Tom zuhause wäre, dann würde er das selbstverständlich sofort in Ordnung bringen“, sagte sie. „Er liebt so etwas. Mit seinen Händen kann er...“

Parsons war Winstons Arbeitskollege im Ministerium der Wahrheit: ein fetter, aber aktiver Mann von lähmender Dummheit, eine einzige Masse an grenzdebiler Begeisterung – einer dieser völlig unreflektierten, devoten Arschkriecher, von denen, noch mehr als von der Gedankenpolizei, die Stabilität der Partei abhing. Mit fünfunddreißig war er gerade unfreiwillig aus der Jugendliga geworfen worden, und vor seinem Eintritt in diese war es ihm gelungen, ein Jahr lang über das gesetzliche Alter hinaus bei den Spionen zu bleiben. Im Ministerium schien er mit einer untergeordneten Beschäftigung, für die Intelligenz nicht erforderlich war, bereits gänzlich ausgelastet, betätigte sich aber außerdem noch als eine führende Figur im Sportausschuss und allen anderen Komitees, die damit beschäftigt waren, Gemeinschaftswanderungen, spontane Demonstrationen, Spendenaktionen und sonstige freiwillige Aktivitäten zu organisieren, und erzählte gern und häufig, während er dabei an seiner Pfeife zog, dass er in den letzten vier Jahren an jedem Abend im Gemeindezentrum gewesen sei. Ein überwältigender Geruch von Schweiß, eine Art unbewusstes Zeugnis der Anstrengung seines Lebens, folgte ihm überallhin und blieb sogar noch lange hinter ihm zurück, nachdem er längst wieder gegangen war.

„Hätten Sie vielleicht einen Schraubenschlüssel?“, fragte Winston und fummelte an der Rohrschelle herum.

„Einen Schraubenschlüssel?“ Frau Parsons verlor sofort jegliche Körperspannung. „Ich weiß nicht. Vielleicht die Kinder...“

Es ertönten ein Stiefeltrampeln und eine weitere Explosion auf dem Kamm: Die Kinder stürmten das Wohnzimmer. Frau Parsons brachte den Schraubenschlüssel. Winston lockerte die Schelle, ließ die schmutzige Brühe aus dem Becken ablaufen und entfernte angewidert die Masse menschlicher Haare, die das Rohr verstopft hatte. Dann säuberte er sich die Finger, so gut es eben ging: mit kaltem Wasser; warmes gab es mal wieder nicht, und ging zurück ins andere Zimmer.

„Hände hoch!“, brüllte auf einmal eine wilde Stimme.

Ein hübscher, kräftig aussehender neunjähriger Junge war plötzlich über der Tischkante aufgetaucht und bedrohte, während seine kleine, etwa zwei Jahre jüngere Schwester die gleiche Geste mit einem Stück Holz vollführte, Winston mit einer automatischen Spielzeugpistole. Beide Kinder waren in blaue Shorts, graue Hemden und rote Halstücher gekleidet: die Uniform der Spione. Winston hob die Hände über den Kopf, allerdings mit dem unbehaglichen Gefühl, dass das alles weniger wie ein Spiel, sondern eher ernstgemeint war, so bösartig wirkte es.

„Du bist ein Verräter!“, schrie der Junge. „Du bist ein Gedankenverbrecher! Du bist ein eurasischer Spion! Ich werd’ dich erschießen! Ich werd’ dich vaporisieren! Ich schick’ dich in die Salzminen!“

Plötzlich sprangen sie beide um Winston herum und riefen „Verräter!“ und „Gedankenverbrecher!“, und dabei ahmte das kleine Mädchen jede Bewegung ihres Bruders nach. Das anzusehen, war beängstigend, wie das Herumtollen von kleinen Tigern, die bald zu Menschenfressern heranwachsen werden. In den Augen des Jungen lag eine Art berechnender Gewalttätigkeit; ein ganz offensichtlicher Wunsch, Winston zu schlagen oder zu treten, und das Bewusstsein, fast alt genug dafür zu sein. „Nur gut, dass er keine echte Waffe in der Hand hat“, dachte Winston.

Die Augen von Frau Parsons huschten nervös zwischen ihm und den Kindern hin und her. Im besseren Licht des Wohnzimmers bemerkte er mit Interesse, dass sich in Frau Parsons Gesichtsfalten tatsächlich Staub befand.

„Sie sind so laut“, sagte sie. „Sie sind enttäuscht, weil sie nicht zu der Hinrichtung gehen konnten; das ist es. Ich bin zu beschäftigt, um sie mitzunehmen, und Tom wird nicht rechtzeitig von der Arbeit...“

„Weshalb können wir nicht losgehen und uns das Hängen ansehen?“, röhrte der Junge mit seiner gewaltigen Stimme.

„Will das Hängen sehen! Will das Hängen sehen!“, rief das kleine Mädchen, immer noch im Kreis herumspringend.

Einige eurasische Kriegsverbrecher sollten an diesem Abend im Park gehängt werden, erinnerte sich Winston. Dies geschah etwa einmal im Monat und war ein beliebtes Spektakel. Kinder verlangten immer, dorthin mitgenommen zu werden, um es sich anzusehen. Winston verabschiedete sich von Frau Parsons und begab sich zur Tür. Aber er war noch keine sechs Schritte den Flur hinuntergegangen, als ihm etwas schmerzhaft wie ein glühend heißer Draht in den Nacken drang. Winston drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie Frau Parsons ihren Sohn zurück in die Wohnung zog, während der Junge ein Katapult einsteckte und noch schnell „Goldstein!“ bellte, bevor die Tür sich wieder schloss. Was Winston allerdings daran am meisten erschütterte, war die hilflose Angst in Frau Parsons’ eingestaubtem Gesicht.

Zurück in der Wohnung ging er schnell am Teleschirm vorbei und setzte sich, immer noch den Nacken reibend, wieder an den Tisch. Die Musik hatte aufgehört. Stattdessen verlas eine abgehackte Militärstimme mit offensichtlich brutalem Genuss eine Beschreibung der Bewaffnung der neuen Schwimmenden Festungen die gerade zwischen Island und den Färöer-Inseln verankert worden war.

Mit diesen Kindern, so dachte Winston, musste diese elende Frau doch sicher in ständiger Furcht leben: Noch ein Jahr, zwei Jahre, und sie würden sie Tag und Nacht nach Symptomen der Unorthodoxie ausspähen. Fast alle Kinder heutzutage waren schrecklich. Das Schlimmste von allem war, dass sie durch solche Organisationen wie die Spione systematisch in unkontrollierbare kleine Irre verwandelt wurden, und doch erzeugte dies in ihnen keinerlei Neigung zur Rebellion gegen die Disziplin der Partei. Im Gegenteil: Sie verehrten die Partei und alles, was mit ihr zusammenhing. Die Lieder, die Prozessionen, die Fahnen, das Wandern, die Übungen mit Gewehrattrappen, das Schreien von Parolen, die Anbetung von Big Brother – für Kinder war das alles eine Art glorreiches Spiel. All ihre Grausamkeit wurde nach außen gekehrt, gegen die Feinde des Staates, gegen Ausländer, Verräter, Saboteure, Gedankenverbrecher. Es war fast normal für Menschen über dreißig, Angst vor den eigenen Kindern zu haben. Und das mit gutem Grund, denn es verging kaum eine Woche, in der die Times nicht einen Artikel enthielt, in dem davon die Rede war, wie solch ein kleiner Spitzel – Kinderheld war dafür der allgemein gebräuchliche Ausdruck – eine kompromittierende Bemerkung gehört und seine Eltern bei der Gedankenpolizei denunziert hatte.

Die Stelle im Nacken schmerzte nicht mehr. Den Federhalter wieder in der Hand, fragte sich Winston halbherzig, ob er noch etwas finden würde, um es in das Tagebuch zu schreiben. Plötzlich begann er, wieder an O’Brien zu denken.

Vor Jahren – Wie lange war das her? Sieben Jahre mussten es sein – hatte Winston geträumt, er liefe durch ein stockdunkles Zimmer. Und jemand hatte von der Seite her zu ihm gesagt: „Wir werden uns an dem Ort treffen, an dem es keine Dunkelheit gibt.“ Das wurde sehr leise, fast beiläufig gesprochen und war eher eine Aussage als ein Befehl. Winston war weitergegangen, ohne stehenzubleiben. Auch hatten jene Worte zu dieser Zeit noch keinen großen Eindruck auf ihn gemacht. Erst später und nach und nach schienen sie an Bedeutung gewonnen zu haben. Er konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, ob er O’Brien vor oder nach diesem Traum zum ersten Mal gesehen und wann er die Stimme zum ersten Mal als die von O’Brien erkannt hatte. Aber auf jeden Fall war dieses Erkennen vorhanden: Es war O’Brien gewesen, der aus der Dunkelheit heraus gesprochen hatte.

Winston war nie in der Lage gewesen, das alles sicher einzuordnen: Selbst nach der kurzen Begegnung ihrer Blicke heute Morgen war es immer noch unmöglich zu wissen, ob O’Brien nun ein Freund oder ein Feind war. Das schien aber nicht einmal eine große Rolle zu spielen, denn es bestand eine Verbindung des Verständnisses zwischen ihnen, die wichtiger war als Zuneigung oder Parteinahme. „Wir werden uns an dem Ort treffen, an dem es keine Dunkelheit gibt“, hatte er gesagt. Winston wusste nicht, was das bedeutete; er wusste nur, dass es auf die eine oder andere Weise wahr werden würde.

Die Stimme aus dem Teleschirm machte eine Pause. Ein Trompetensignal, klar und schön, schwebte durch die stockende Luft. Die Stimme fuhr heiser fort: „Achtung! Ihre Aufmerksamkeit, bitte! Von der Malabar-Front ist in diesem Moment eine Kurzmeldung eingetroffen. Unsere Streitkräfte in Südindien haben einen glorreichen Sieg errungen. Ich bin befugt zu sagen, dass die Aktion, über die wir jetzt berichten, das Ende des Krieges in greifbare Nähe rückt. Hier ist die Kurzmeldung...“

„Jetzt gibt’s schlechte Nachrichten“, dachte Winston. Und tatsächlich wurde nach einer blutigen Schilderung der Vernichtung einer eurasischen Armee unter Angabe von erstaunlichen Zahlen zu Toten und Gefangenen die Ankündigung verlesen, dass ab nächster Woche die Schokoladenration von dreißig auf zwanzig Gramm reduziert werden würde.

Winston stieß erneut auf. Der Gin hörte langsam auf zu wirken und hinterließ ein Gefühl der Leere. Der Teleschirm – vielleicht, um den Sieg zu feiern, vielleicht, um die Erinnerung an die verlorene Schokolade zu ertränken – brach aus in ein lautes „Ozeanien, für dich...“ Bei diesen Klängen wurde zwar Strammstehen erwartet, aber in seiner jetzigen Position war Winston unsichtbar, also blieb er sitzen.

Dann wich die Nationalhymne etwas leichterer Musik. Winston ging zum Fenster hinüber, weiter mit dem Rücken zum Teleschirm gewandt. Der Tag war immer noch kalt und klar. An einem Ort in der Ferne schlug eine Raketenbombe ein, mit einem dumpfen, hallenden Dröhnen. Etwa zwanzig oder dreißig von ihnen fielen derzeit pro Woche auf London.

Unten auf der Straße ließ der Wind das zerrissene Plakat immer noch hin und her flattern, und das Wort INGSOC erschien und verschwand in unregelmäßigen Abständen. INGSOC. Die heiligen Prinzipien von INGSOC. Neusprech, Doppeldenk, die Veränderlichkeit der Vergangenheit. Winston fühlte sich, als wanderte er in den Wäldern unbekannter Meerestiefen umher, verloren in einer monströsen Welt, in der er selbst das Monster war. Er war allein. Die Vergangenheit war tot, die Zukunft unvorstellbar. Welche Gewissheit hatte er, dass auch nur ein einziges lebendes menschliches Wesen auf seiner Seite war? Und welche Art von Wissen konnte er haben, dass die Herrschaft der Partei nicht FÜR IMMER Bestand haben würde? Wie eine Antwort fielen ihm die drei Parolen auf der weißen Fassade des Ministeriums der Wahrheit wieder ein:

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSENHEIT IST STÄRKE.

Winston nahm ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück aus der Tasche: Auch darauf waren, in winziger, klarer Schrift, die gleichen Slogans eingraviert, und auf der anderen Seite der Münze prangte der Kopf von Big Brother. Selbst von einem solchen kleinen Geldstück aus verfolgten diese Augen jeden; von Münzen, von Briefmarken, von Buchumschlägen, von Transparenten, von Plakaten und von der Hülle jeder Zigarettenschachtel – von überallher und ohne Unterlass: Jeder war stets beobachtet von diesen Augen und umgeben von den Stimmen aus den allgegenwärtigen Teleschirms. Schlafend oder wach, bei der Arbeit oder beim Essen, drinnen oder draußen, im Bad oder im Bett: kein Entkommen. Nichts gehörte einem Menschen mehr selbst, außer den paar Kubikzentimetern in seinem Schädel.

Die Sonne hatte sich weiterbewegt, und die unzähligen Fenster des Ministeriums der Wahrheit sahen ohne das auf sie scheinende Licht nun düster aus, wie die Schießscharten einer Festung. Winstons Herz stockte angesichts des Umrisses dieser gewaltigen Pyramide. Dieses Gebäude war zu stark; es konnte nicht gestürmt werden. Tausend Raketenbomben würden es nicht zerstören können. Er fragte sich wieder, für wen er das Tagebuch schrieb. Für die Zukunft, für die Vergangenheit – für ein imaginäres Zeitalter, das es einmal später geben könnte. Er würde nicht nur sterben, sondern gänzlich ausgelöscht werden; das Tagebuch zu Asche vergehen und er selbst zu Staub. Nur die Gedankenpolizei würde lesen, was er geschrieben hatte, bevor es aus der Existenz getilgt würde und aus jeder Erinnerung. Wie war es möglich, sich an die Zukunft zu wenden, wenn nicht eine Spur, nicht einmal ein anonymes Wort, gekritzelt auf ein Stück Papier, körperlich erhalten blieb?

Der Teleschirm schlug 14-00. Winston musste um 14-30 wieder bei der Arbeit sein, also in zehn Minuten aufbrechen.

Merkwürdigerweise schien ihm dieses Zeitsignal neuen Mut gegeben zu haben. Er war ein einsamer Geist, der eine Wahrheit murmelte, die niemand anders jemals hören würde. Aber solange er sie aussprach, würde die Kontinuität auf eine verborgene Weise erhalten bleiben. Das menschliche Erbe wurde nicht dadurch weitergegeben, sich Gehör zu verschaffen, sondern einfach nur dadurch, bei Verstand zu bleiben. Winston ging zurück zum Tisch, tauchte die Feder ein und schrieb:

An die Zukunft oder an die Vergangenheit; an eine Zeit, in welcher der Gedanke frei ist, in der die Menschen voneinander verschieden und nicht einsam sind – an eine Zeit, in der die Wahrheit existiert und das, was geschehen ist, nicht rückgängig gemacht werden kann. Aus dem Zeitalter der Gleichförmigkeit, aus dem Zeitalter der Einsamkeit, aus dem Zeitalter von Big Brother, aus dem Zeitalter von Doppeldenk – Seid gegrüßt!

Winston wurde klar: Er war bereits tot. Es schien ihm, dass erst dann, als er fähig geworden war, seine Gedanken auch zu formulieren, das Entscheidende geschehen war. Jede Handlung enthält alle ihre Folgen bereits in sich selbst. Er schrieb:

Gedankenverbrechen zieht nicht bloß den Tod nach sich. Gedankenverbrechen IST der Tod.

Jetzt, da sich Winston nun selbst als einen toten Mann erkannt hatte, wurde es ihm wichtig, so lange wie nur möglich am Leben zu bleiben. Zwei Finger seiner rechten Hand waren mit Tinte beschmiert. Das war genau jene Art von Kleinigkeit, die gefährlich war: Ein schnüffelnder Eiferer im Ministerium (wahrscheinlich eine Frau; jemand wie die kleine Sandhaarige oder das dunkelhaarige Mädchen aus der Belletristikabteilung) könnte beginnen, sich zu fragen, weshalb Winston während der Mittagspause geschrieben hatte, weshalb er ein altmodisches Gerät dafür benutzt hatte, WAS er geschrieben hatte – und dann eine Andeutung gegenüber der zuständigen Stelle machen. Er ging ins Badezimmer und schrubbte die Tinte sorgfältig mit der kiesigen, dunkelbraunen Seife ab, welche dafür gut geeignet war, weil sie die Haut abraspelte wie Schleifpapier.

Er legte das Tagebuch in die Schublade. Es war völlig sinnlos, daran zu denken, es zu verstecken, aber er konnte sich zumindest vergewissern, ob es entdeckt worden war oder nicht. Ein quer über die Seitenenden gelegtes Haar war zu offensichtlich. Mit der Fingerspitze nahm er ein sicher identifizierbares weißliches Staubkorn auf und deponierte es an einer Ecke des Einbands, von der es abfallen musste, wenn jemand das Buch bewegen würde.

III

Winston träumte von seiner Mutter.

Er musste zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als sie verschwand. Sie war eine große, ausladende, eher schweigsame Frau mit langsamen Bewegungen und prächtigem hellem Haar gewesen. An seinen Vater erinnerte er sich eher undeutlich: dunkel und schmal, immer gut und zurückhaltend gekleidet (Winston waren besonders die sehr dünnen Schuhsohlen seines Vaters im Gedächtnis geblieben) und eine Brille tragend. Winstons Eltern mussten offensichtlich von einer der ersten großen Säuberungswellen der 1950er verschluckt worden sein.

In diesem Moment nun, träumte Winston, saß seine Mutter tief unter ihm, mit seiner kleinen Schwester im Arm. Er erinnerte sich überhaupt nicht an seine Schwester, außer als winziges, schwaches Baby, immer schweigsam, mit großen, wachsamen Augen. Beide blickten zu ihm auf. Sie waren an einem unterirdischen Ort – vielleicht auf dem Grund eines Brunnens oder in einem sehr tiefen Grab – aber auf jeden Fall war es ein Ort, der sich, obwohl er bereits schon weit unter Winston lag, immer noch weiter nach unten bewegte. Seine Mutter und seine Schwester befanden sich im Salon eines sinkenden Schiffs und blickten durch das sich verdunkelnde Wasser nach oben. Es war noch Luft im Salon; sie konnten Winston noch sehen und er sie, aber die ganze Zeit über sanken sie weiter hinab, hinunter in die grüne Tiefe, die seine Mutter und seine Schwester im nächsten Augenblick für immer verschlingen würde. Er war oben im Licht und in der Luft, während sie in den Tod gezogen wurden, und sie waren dort unten, weil er hier oben war. Winston wusste es, und sie wussten es, und er konnte dieses Wissen in ihren Gesichtern sehen. Es gab keinen Vorwurf, weder in ihren Gesichtern oder in ihren Herzen, nur das Wissen, dass sie sterben mussten, damit er am Leben bleiben konnte, und dies Teil der unvermeidlichen Ordnung der Dinge war.

Winston konnte sich nicht mehr erinnern, was genau geschehen war, aber er wusste in seinem Traum, dass auf eine ihm nicht mehr bekannte Weise die Leben seiner Mutter und seiner Schwester geopfert worden waren, um seins zu retten. Es war einer jener Träume, die unter Beibehaltung der charakteristischen Traumlandschaft eine Fortsetzung des geistigen Lebens sind und in denen Fakten und Ideen bewusst werden, die auch nach dem Erwachen noch neu und wertvoll erscheinen. Winston verstand plötzlich, dass der Tod seiner Mutter, vor fast dreißig Jahren, auf eine Weise tragisch und traurig gewesen war, die es heute nicht mehr geben konnte. Die Tragödie, so erkannte Winston nun, gehörte zu einer uralten Zeit; zu einer Zeit, als es noch Privatheit, Liebe und Freundschaft gab; einer Zeit, in der die Mitglieder einer Familie einander beistanden, ohne wissen zu müssen, weshalb. Die Erinnerung an seine Mutter schmerzte Winston seinem Herzen, weil sie für ihn gestorben und er noch zu jung und selbstsüchtig gewesen war, um sie so lieben zu können, wie sie ihn geliebt hatte, und vielleicht auch deshalb, weil ihr Tod einer Konzeption von Loyalität entsprach, die persönlich und unveränderlich war. Solche Dinge, das verstand Winston nun deutlich, konnten heute nicht mehr geschehen, denn nun gab es nur noch Angst, Hass und Schmerz, aber keine Würde des Gefühls, keine tiefe oder vielschichtige Trauer mehr. Und all dies schien Winston in den großen Augen seiner Mutter und seiner Schwester zu sehen, die zu ihm aufschauten durch das grüne Wasser, Hunderte von Faden tief und immer noch tiefer sinkend.

Plötzlich stand er auf einem kurzgeschnittenen, federnden Rasen, an einem Sommerabend, die schräg einfallenden Sonnenstrahlen vergoldeten den Boden. Die Landschaft, in der er sich befand, kehrte so oft in seinen Träumen wieder, dass er sich nie ganz sicher war, ob er sie in der realen Welt gesehen hatte oder nicht. In seinen wachen Gedanken nannte er sie das Goldene Land. Es war eine alte, von Kaninchen abgegraste Weide, mit einem kleinen Trampelpfad, der darüber hinwegführte, und ab und zu einem Maulwurfshügel. In der zerzausten Hecke auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes wiegten sich die Äste der Ulmen sehr schwach im Wind, ihre Blätter in dichten Massen wirbelnd wie Frauenhaar. In der Nähe, wenn auch außer Sichtweite, gab es einen klaren, langsam fließenden Bach, in dem Weißfische in den Tümpeln unter den Weidenbäumen schwammen.

Das Mädchen mit dem dunklen Haar kam ihm über das Feld entgegen. Wie mit einer einzigen Bewegung riss sie sich ihre Kleider vom Leib und warf sie verächtlich beiseite. Ihr Körper war weiß und glatt, aber er erregte in Winston kein Verlangen; er sah nicht einmal richtig hin, denn was ihn in diesem Augenblick stattdessen überwältigte, war die Geste, mit der sich das Mädchen ihrer Kleidung entledigt hatte: Mit ihrer Anmut und Sorglosigkeit schien sie eine ganze Kultur auszulöschen, ein ganzes Denksystem, als ob Big Brother und die Partei und die Gedankenpolizei mit einer einzigen überwältigenden Armbewegung ins Nichts gefegt werden könnten. Auch das war eine Geste aus der längst vergangenen Zeit. Winston erwachte mit dem Wort „Shakespeare“ auf den Lippen.

Der Teleschirm gab ein ohrenbetäubendes Pfeifen von sich, immer weiter in derselben Tonlage, dreißig Sekunden lang. Es war 07-15, Zeit zum Aufstehen für Büroangestellte. Winston quälte seinen Körper aus dem Bett – nackt, denn ein Mitglied der Äußeren Partei erhielt jährlich nur dreitausend Bekleidungsmarken, und ein Schlafanzug kostete sechshundert – und griff sich ein schmuddeliges Unterhemd und ein Paar Unterhosen, die gegenüber auf einem Stuhl lagen. Die Körperübungen würden in drei Minuten beginnen. Im nächsten Augenblick wurde Winston von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, wie sie ihn fast immer kurz nach dem Aufwachen ereilten, und seine Lungen entleerten sich dabei so vollständig, dass er nur wieder Luft bekommen konnte, indem er sich rücklings hinlegte und eine Reihe von tiefen Atemzügen machte. Seine Venen waren angeschwollen unter der Anstrengung des Hustens, und das Krampfadergeschwür hatte zu jucken begonnen.

„Gruppe dreißig bis vierzig“, kläffte eine durchdringende Frauenstimme. „Gruppe dreißig bis vierzig! Nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein. Dreißiger bis Vierziger!“

Winston hielt sich vor dem Teleschirm bereit, auf dem bereits das Bild einer jungen, dürren, aber muskulösen Frau in Sportkleidung und Turnschuhen erschienen war.

„Arme beugen und strecken!“, legte sie los. „Übernehmen Sie den Takt von mir! EINS, zwei, drei, vier! EINS, zwei, drei, vier! Gebt Euch Mühe, Genossen, ein bisschen mehr Anstrengung! EINS, zwei, drei, vier! EINS, zwei, drei, vier!“

Der Schmerz des Hustenanfalls hatte den Traum nicht ganz aus Winstons Erinnerung vertrieben, und die rhythmischen Bewegungen verstärkten die Bilder noch. Als er mechanisch seine Arme vor und zurück streckte, auf seinem Gesicht den Blick grimmigen Vergnügens tragend, der während der Körperübungen als angemessen galt, versuchte er mühsam, sich an die düstere Zeit seiner frühen Kindheit zu erinnern. Es war außerordentlich schwierig, und jenseits der späten 1950er verblasste alles. Wenn es keine äußeren Aufzeichnungen gibt, um sich darauf zu beziehen, verlieren sogar die Umrisse des eigenen Lebens an Schärfe. Es gab Erinnerungen an große Ereignisse, die wahrscheinlich gar nicht stattgefunden hatten; auch an Einzelheiten einiger Vorfälle, ohne aber den Gesamtzusammenhang noch zu kennen, und es gab lange leere Zeiten, denen sich gar nichts mehr zuordnen ließ. Damals war alles anders gewesen, selbst die Namen der Länder und ihre Formen auf der Landkarte: Flugfeld Eins war früher nicht so genannt worden, sondern England oder auch Großbritannien, obwohl London, da war Winston sich sicher, schon immer London geheißen hatte.

Ihm war allerdings nicht mehr vollkommen klar, wie lange die ständigen militärischen Auseinandersetzungen bereits andauerten, doch erschien es ihm so, als hätte es während seiner Kindheit eine Zeitlang gar keine gegeben, denn eine seiner frühen Erinnerungen war jene an einen Luftangriff, der alle zu überraschen schien. Vielleicht war es die Zeit gewesen, in der die Atombombe auf Colchester gefallen war. Winston wusste allerdings nichts mehr über die genauen Umstände, sondern hatte lediglich noch einzelne Bilder im Gedächtnis, wie die Hand seines Vaters seine eigene umklammerte, als sie hinunter eilten, hinunter, hinunter, an einen Ort tief unten in der Erde, immer wieder im Kreis eine Wendeltreppe entlang, die unter Winstons Füßen schepperte und seine Beine so ermüdete, dass er zu wimmern begann und sie deswegen anhalten und sich ausruhen mussten. Seine Mutter, in ihrer langsamen, verträumten Art, folgte ihnen mit großem Abstand. Sie war mit seiner kleinen Schwester schwanger; vielleicht war es aber auch nur ein Bündel Decken, das sie trug; er war sich nicht sicher, ob seine Schwester zu dieser Zeit bereits geboren worden war. Schließlich waren sie an einem lauten, überfüllten Ort angekommen, den er als eine U-Bahn-Station erkannte.

Überall auf dem gefliesten Boden saßen Menschen, und andere wiederum, dicht gedrängt, auf Metallbetten, die eins über dem anderen aufgestapelt waren. Winston und seine Mutter und sein Vater fanden einen Platz auf dem Boden, und neben ihnen saßen ein alter Mann und eine alte Frau. Der alte Mann trug einen zurückhaltenden dunklen Anzug und eine schwarze Stoffmütze unter störrischem sehr weißem Haar. Das Gesicht des Mannes war scharlachrot, die Augen blau und voller Tränen. Er stank nach Gin, der anstelle von Schweiß aus seiner Haut zu quellen schien, und sogar die Tränen dieses Mannes schienen nichts als reiner Gin zu sein. Aber obwohl der alte Mann betrunken war, litt er auch unter einer Trauer, die echt und unerträglich wirkte. In seiner kindlichen Art begriff Winston, dass gerade etwas Schreckliches passiert sein musste; etwas, das jenseits aller Verzeihung lag und niemals wieder gutgemacht werden konnte. Es schien ihm auch, dass er wusste, was es war: Jemand, den der alte Mann sehr liebte – vielleicht eine kleine Enkelin – war ums Leben gekommen.

Alle paar Minuten sagte der alte Mann immer wieder: „Wir hätt’n ihn’n nich’ trau’n dürf’n. Dit hab‘ ick dir doch jesacht, Mutter, oder? Dit kommt davon, wenn de den‘n vertraust. Hab’ ick doch de janze Zeit über schon jesacht. Wir hätt’n diese Scheißkerle nich’ vertrau’n dürf’n!“

Welche Scheißkerle das gewesen waren, denen nicht zu trauen gewesen war, daran allerdings konnte Winston sich nicht mehr erinnern.

Seit ungefähr dieser Zeit war der Krieg buchstäblich ununterbrochen geführt worden, wenn es auch genau genommen nicht immer derselbe Krieg gewesen war. Mehrere Monate lang während Winstons Kindheit hatte es auch in London selbst verwirrende Straßenkämpfe gegeben, auch einige, an die er sich lebhaft erinnerte. Aber die gesamte Geschichte des Ganzen nachzuzeichnen, um sagen zu können, wer genau gegen wen zu welchem bestimmten Zeitpunkt gekämpft hatte, war völlig unmöglich, da keine schriftliche Aufzeichnung und kein gesprochenes Wort jemals etwas anderes als den gegenwärtigen Zustand beschrieben. Gerade jetzt, 1984 (falls es überhaupt 1984 war), befand sich Ozeanien im Krieg mit Eurasien und im Bündnis mit Ostasien. In keiner öffentlichen oder privaten Äußerung wurde jemals eingeräumt, dass diese drei Mächte zu einer anderen Zeit jemals anders zueinander gestanden hätten. Wie Winston selbst sehr wohl wusste, war es allerdings erst vier Jahre her, dass Ozeanien gegen Ostasien gekämpft und mit Eurasien verbündet gewesen war. Aber das war lediglich ein Stück verborgenen Wissens, das er einfach nur deshalb besaß, weil sein Gedächtnis nicht zufriedenstellend unter Kontrolle war. Offiziell war der Wechsel der Gegner und Verbündeten nie geschehen. Ozeanien befand sich im Krieg mit Eurasien, daher galt: Ozeanien war schon immer im Krieg mit Eurasien gewesen. Der immer gerade hier und jetzt vorhandene Feind stellte immer gerade hier und jetzt das absolut Böse dar, was bedeutete, dass jede frühere oder zukünftige Einigung mit ihm unmöglich gewesen und also undenkbar war.

Das Beängstigende daran, so dachte Winston zum wohl zehntausendsten Mal, als er seine Schultern schmerzhaft nach hinten zwang (mit den Händen auf der Hüfte, den Körper von der Taille aus kreisend; eine Übung, die angeblich gut für die Rückenmuskulatur sein sollte), war allerdings, dass das alles ebenso auch wahr sein könnte. Wenn die Partei ihre Hand in die Vergangenheit strecken und von diesem oder jenem Ereignis sagen konnte: ES IST NIE GESCHEHEN, war das dann nicht noch schrecklicher als bloß Folter und Tod?

Die Partei sagte, dass Ozeanien nie mit Eurasien verbündet gewesen wäre. Er, Winston Smith, wusste aber, dass Ozeanien sich noch vor vier Jahren in einer Allianz mit Eurasien befunden hatte. Aber an welcher Stelle war dieses Wissen vorhanden? Nur in seinem eigenen Bewusstsein, das auf jeden Fall bald vernichtet werden musste. Und wenn alle anderen die Lügen der Partei akzeptierten – wenn alle Aufzeichnungen dasselbe erzählten –, dann ging diese Lüge in die Geschichte ein und wurde zur Wahrheit. „Wer die Vergangenheit kontrolliert“, so lautete der Slogan der Partei, „der kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die Vergangenheit.“ Und doch war die Vergangenheit, obwohl ihrer Natur nach veränderbar, niemals verändert worden. Was auch immer jetzt die Wahrheit sein sollte, war schon immer wahr gewesen und würde es auch für immer bleiben, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es war ganz einfach: Alles, was gebraucht wurde, war eine unendliche Reihe von Siegen über die eigene Erinnerung. Realitätskontrolle wurde das genannt; auf Neusprech: Doppeldenk.

„Steht bequem!“, bellte die Vorturnerin ein wenig freundlicher.

Winston ließ seine Arme herabfallen und füllte seine Lungen langsam wieder mit Luft. Sein Geist glitt ab in die labyrinthische Welt des Doppeldenk: zu wissen und gleichzeitig nicht zu wissen, sich der vollständigen Wahrhaftigkeit bewusst zu sein und dabei sorgfältig konstruierte Lügen zu erzählen; gleichzeitig zwei Meinungen zu vertreten, die sich ausschlossen; zu wissen, dass sie sich ausschlossen und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral abzulehnen und sich auf sie zu berufen; zu glauben, Demokratie wäre unmöglich und die Partei dennoch der Hüter der Demokratie; zu vergessen, was immer zu vergessen war, und es dann, in dem Moment, in dem es wieder gebraucht wurde, in die Erinnerung zurückzurufen, um es danach sofort wieder zu vergessen und, vor allem anderen, diesen Prozess auch auf den Prozess selbst anzuwenden; DAS war die ultimative Subtilität: die Unbewusstheit bewusst herbeizuführen und dann den Akt der gerade vollführten Hypnose wieder unbewusst werden zu lassen. Schon das volle Verständnis des Wortes Doppeldenk war ohne die Anwendung von Doppeldenk nicht möglich und setzte es bereits voraus.

Die Ausbilderin ließ sie wieder strammstehen: „Und nun wollen wir mal sehen, wer von uns seine Zehen berühren kann!“, rief sie begeistert. „Von den Hüften herab, bitte, Genossen! EINS-zwei! EINS-zwei!“

Winston verabscheute diese Übung, die ihm stechende Schmerzen von seinen Fersen hinauf bis zum Hintern verursachte und oft mit einem weiteren Hustenanfall endete. Dass es nicht ganz so schlimm wurde, verdankte er seinen Überlegungen, die ihn ablenkten. Die Vergangenheit, machte Winston sich klar, war nicht einfach nur verändert, sondern sogar zerstört worden. Wie ließ sich selbst die offensichtlichste Tatsache noch sicher feststellen, wenn es darüber keine Aufzeichnung außerhalb des eigenen Gedächtnisses gab? Er versuchte sich zu erinnern, in welchem Jahr er das ersten Mal von Big Brother gehört hatte. Das musste zu einer Zeit in den 1960ern gewesen sein, aber es war unmöglich, das Jahr genau zu bestimmen. In der Geschichte der Partei war Big Brother selbstverständlich schon seit jeher der Führer und Hüter der Revolution gewesen, seit deren allerersten Tagen. Seine Heldentaten waren allmählich in der Zeit weiter zurück verlegt worden, bis sie bereits in die fabelhafte Welt der 1930er und 40er reichten, als noch die Kapitalisten mit ihren merkwürdigen Zylinderhüten in großer Zahl durch die Straßen von London in glänzenden Autos oder verglasten Pferdekutschen gefahren waren. Es gab kein sicheres Wissen darüber, wie viel von dieser Legende wahr und wie viel erfunden war. Winston konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann die Partei angefangen hatte zu existieren. Er glaubte nicht, dass er das Wort INGSOC jemals vor 1960 gehört hatte, aber es war durchaus möglich, dass es in seiner Altsprech-Form, English Socialism, bereits vorher dagewesen war. Alles verschwand im Nebel. Manchmal allerdings war es tatsächlich möglich, eine eindeutige Lüge zu erkennen. Es war unter anderem nicht wahr, wie es in den Geschichtsbüchern behauptet wurde, dass die Partei die Flugzeuge erfunden hätte: Winston erinnerte sich an Flugzeuge seit seiner frühesten Kindheit. Aber es war nicht zu beweisen. Es gab niemals Beweise. Nur einmal in seinem ganzen Leben hatte er einen unverwechselbaren Nachweis für die Fälschung einer historischen Tatsache in den Händen gehalten. Und bei dieser Gelegenheit...

„Smith!“, schrie die Stimme aus dem Teleschirm. „6079 Smith, W! Ja, SIE! Tiefer bücken, bitte! Das können Sie besser. Sie versuchen es nicht richtig. Tiefer, bitte! So ist es besser, Genosse. Rührt euch jetzt, die ganze Truppe, und schaut mir zu.“

Winston schwitzte plötzlich überall. Sein Gesicht jedoch blieb völlig unergründlich. Zeige niemals Bestürzung! Zeige niemals Verbitterung! Ein einziges Flackern der Augen kann dich verraten! Er stand da und schaute zu, während die Vorturnerin die Arme über den Kopf hob und – nicht unbedingt anmutig, aber mit bemerkenswerter Sauberkeit und Effizienz – sich bückte und das erste Fingergelenk unter die Zehen klemmte.

„Dahin mit den Fingern, Genossen! So möchte ich euch das machen sehen. Seht mir noch einmal zu. Ich bin neununddreißig und habe vier Kinder auf die Welt gebracht. Jetzt seht hin!“ Sie beugte sich wieder vor. „Seht Ihr, MEINE Knie sind nicht gebeugt. Ihr könnt das alle so hinbekommen, wenn ihr nur wollt“, fügte sie hinzu. als sie sich aufrichtete. „Jeder unter fünfundvierzig ist ohne jede Frage in der Lage, seine Zehen zu berühren. Wir haben nicht alle das Privileg, in der vordersten Reihe zu kämpfen, aber wir können uns zumindest alle gesund halten. Denkt an unsere Jungs an der Malabar-Front! Und die Matrosen in den Schwimmenden Festungen! Überlegt nur mal, was DIE erdulden müssen. Versuchen Sie es jetzt noch einmal. So ist es besser, Genosse, das ist VIEL besser", fügte sie ermutigend hinzu, als es Winston mit einer gewaltigen Anstrengung gelang, seine Zehen mit ungebeugten Knien zu berühren, zum ersten Mal seit vielen Jahren.

IV

Mit einem tiefen, unbewussten Seufzen, das sich ihm trotz der Nähe des Teleschirms jedes Mal zum Beginn der täglichen Arbeit entrang, zog Winston den Sprechschreiber heran, blies den Staub aus dem Mundstück und setzte die Brille auf. Dann wickelte er vier kleine zusammengerollte Papierzylinder auseinander, die bereits aus der Rohrpostanlage auf der rechten Seite des Schreibtischs herausgefallen waren, und klemmte die Blätter anschließend zusammen.

In den Wänden der Kabine waren drei Öffnungen: Rechts neben dem Sprechschreiber befand sich eine kleine Luftpostanlage für schriftliche Mitteilungen, links eine größere für Zeitungen; und in der Seitenwand, in Reichweite von Winstons Arm, gab es einen großen, länglichen, durch ein Drahtgitter geschützten Schlitz, in den nicht mehr benötigtes Papier geworfen werden konnte. Ähnliche Vorrichtungen waren zu Tausenden oder Zehntausenden im ganzen Gebäude verteilt, nicht nur in jedem Raum, sondern mit kurzen Abständen auch in jedem Korridor. Aus welchem Grund auch immer wurden diese Öffnungen bezeichnet als: Erinnerungslöcher Wenn ein Dokument zu vernichten war oder auch bloß ein Fetzen Altpapier herumlag, war es eine automatische Tätigkeit, es ins nächstgelegene Erinnerungsloch zu werfen, von dem das Papier dann mit einem warmen Luftstrom zu den riesigen Öfen getrieben wurde, die in den Nischen des Gebäudes verborgen waren.

Winston untersuchte die vier Zettel, die er ausgerollt hatte. Sie enthielten jeweils eine Nachricht von nur einer oder zwei Zeilen, im abgekürzten Jargon – kein vollständiges Neusprech, aber weitgehend aus Neusprech-Wörtern bestehend –, wie er im Ministerium für interne Zwecke verwendet wurde, und lauteten:

times 84-03-17 bb rede falschzit afrika richtig

times 83-12-19 3yp/9/Q6//83/Q4 fehler besser aktuell

times 84-02-14 miniviel falsch schokolade richtig

times 83-12-03 bericht bb tagbef doppelplusungut bezgn unpersonen vollstdg neu über red.

Mit einem schwachen Gefühl der Zufriedenheit legte Winston den vierten Auftrag beiseite: Das war eine komplizierte und verantwortungsvolle Aufgabe und sollte besser zuletzt erledigt werden. Die anderen drei waren Routineangelegenheiten, obwohl die zweite wahrscheinlich ein mühsames Wühlen durch Zahlenlisten bedeuten würde.

Winston wählte die den Ausgaben der Times entsprechenden Archivexemplare auf dem Teleschirm aus, und die Zeitungen fielen mit nur einigen Minuten Verzögerung aus der Rohrpost. Die Aufträge, die er erhalten hatte, bezogen sich auf Artikel oder Nachrichten, die aus dem einen oder anderen Grund geändert oder, wie es die offizielle Formulierung besagte, richtigzustellen waren: So stand in der Times vom 17. März, dass Big Brother in seiner Rede vom Vortag vorausgesagt hatte, dass die südindische Front ruhig bleiben, aber in Kürze eine eurasische Offensive in Nordafrika beginnen würde. Tatsächlich aber hatte das eurasische Oberkommando seine Offensive in Südindien gestartet und Nordafrika unbehelligt gelassen. Es war daher notwendig, einen Absatz in der Rede von Big Brother umzuschreiben, auf eine Weise, dass er genau dasjenige vorhergesagt hatte, was später dann tatsächlich geschehen war. Und in der Times vom 19. Dezember war der offizielle Ausblick auf die erwartete Produktion verschiedener Klassen von Konsumgütern für das vierte Quartal 1983, das gleichzeitig das sechste Quartal des Neunten Dreijahresplans war, veröffentlicht worden. Die heutige Ausgabe der Times enthielt nun allerdings eine Erklärung über die tatsächlichen Produktionsergebnisse, aus der hervorging, dass die Prognosen in jedem Fall grob falsch gewesen waren. Winstons Aufgabe war es, die ursprünglichen Zahlen so zu korrigieren, dass sie mit den nun angegebenen Werten übereinstimmten. Was die dritte Aufgabe betraf, so bezog sich diese auf einen sehr einfachen Fehler, der in ein paar Minuten behoben werden konnte: Vor nicht allzu langer Zeit, erst im Februar, hatte das Ministerium des Überflusses ein Versprechen abgegeben (eine „kategorische Zusage“ waren die offiziellen Worte gewesen), dass es keine Absenkung der Schokoladenration während des ganzen Jahres 1984 geben sollte. Tatsächlich, das wusste Winston, sollte aber am Ende dieser Woche schon die Zuteilung von dreißig auf zwanzig Gramm verringert werden. Alles, was erledigt werden musste, war also, die ursprüngliche Zusicherung durch eine Warnung des Inhalts zu ersetzen, dass im April wahrscheinlich weniger Schokolade ausgegeben würde.

Sobald Winston eine jede der Aufgaben abgearbeitet hatte, klemmte er die mit dem Sprechschreiber ausgedruckten Korrekturen an das entsprechende Zeitungsexemplar und schob alles zusammen in die Rohrpostanlage. Dann zerknüllte er mit einer Bewegung, die so gut wie möglich unbewusst war, die Aufträge und auch alle Notizen, die er selbst gemacht hatte, und warf sie in das Erinnerungsloch, damit sie von den Flammen gefressen würden.

Was in dem unüberschaubaren Labyrinth geschah, in das die Luftdruckschläuche der Rohrpostanlage führten, wusste er nicht im Detail, aber im Allgemeinen: Sobald alle Korrekturen, die in einer bestimmten Ausgabe der Times notwendig wurden, gesammelt worden waren, wurde diese Nummer nachgedruckt, das Original vernichtet und das korrigierte Exemplar im Archiv an die vorherige Stelle gelegt. Dieser Prozess der fortlaufenden Veränderung wurde nicht nur auf Zeitungen angewandt, sondern auch auf Bücher, Zeitschriften, Broschüren und Plakate, Flugblätter, Filme, Tonspuren, Zeichentrickfilme, Fotos; letztlich auf jede Art von Literatur oder Dokumentation, die möglicherweise eine politische oder ideologische Bedeutung hatte. Tag für Tag und fast Minute für Minute wurde die Vergangenheit auf den neuesten Stand gebracht. Auf diese Weise konnte hinsichtlich jeder von der Partei gemachten Vorhersage durch dokumentarische Belege nachgewiesen werden, dass diese Voraussagen richtig gewesen waren, und außerdem blieb keine Nachricht oder Meinungsäußerung, die im Widerspruch zu den jeweils tatsächlichen Gegebenheiten stand, jemals in den Aufzeichnungen erhalten. Alle Historie war wie ein mittelalterliches Pergament: sauber abgekratzt und genauso oft neu beschriftet, wie es notwendig geworden war; allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass heutzutage die erfolgten Änderungen nicht mehr nachgewiesen werden konnten. Der größte Teil der Archivabteilung, der weitaus umfangreicher war als derjenige, in dem Winston arbeitete, bestand aus Personen, die nur eine Aufgabe hatten: alle Kopien von Büchern, Zeitungen und anderen Dokumenten, die überholt waren und damit zur Vernichtung anstanden, aufzuspüren und einzusammeln. So befand sich stets nur eine einzige Nummer der Times unter dem ursprünglichen Datum im Archiv, und obwohl sie aufgrund von Veränderungen in der politischen Ausrichtung oder wegen von Big Brother irrtümlich gemachter Vorhersagen möglicherweise bereits ein Dutzend Mal umgeschrieben worden war, gab es keinerlei andere Kopie mehr, die dem jetzigen Inhalt widersprach. Auch Bücher wurden immer wieder zurückgerufen, umgeschrieben und neu herausgebracht, ohne dass daran vorgenommene Änderungen jemals eingestanden worden wären. Selbst die schriftlichen Anweisungen, die Winston erhielt und die er ausnahmslos wieder wegwarf, sobald er sich mit ihnen befasst hatte, erklärten niemals oder deuteten auch nur an, dass eine Fälschung begangen werden sollte: Immer ging es um Ausrutscher, Versehen, Fehldrucke oder unrichtige Zitate, und die Änderungen erfolgten stets auch nur im Interesse der Genauigkeit.

In Wahrheit aber, so dachte Winston, als er die Angaben des Ministeriums des Überflusses berichtigte, war das alles ja nicht einmal eine Fälschung, sondern lediglich die Ersetzung eines Blödsinns durch einen anderen: Der größte Teil des Zahlenmaterials, mit dem hier gearbeitet wurde, hatte keinerlei Beziehung zur realen Welt, nicht einmal jene Art von Verbindung, die in einer unmittelbaren Lüge wenigstens noch enthalten ist. Die Statistik war ebenso eine Phantasie in ihrer ursprünglichen wie in ihrer überarbeiteten Fassung. Meist wurde stillschweigend erwartet, die Werte einfach nur zu erfinden. Die Vorhersage des Ministeriums des Überflusses hatte für das genannte Quartal hinsichtlich der Produktion von Stiefeln bei einhundertfünfundvierzig Millionen Paar gelegen. Die tatsächliche Leistung wurde nun mit zweiundsechzig Millionen angegeben. Winston setzte also bei der Neuformulierung der Vorhersage die Zahl auf siebenundfünfzig Millionen fest, um den üblichen Anspruch zu berücksichtigen, die Planung wäre übererfüllt worden. In jedem Fall aber waren zweiundsechzig Millionen nicht näher an der Wahrheit als siebenundfünfzig Millionen oder einhundertfünfundvierzig Millionen. Sehr wahrscheinlich waren überhaupt keine Stiefel hergestellt worden. Noch wahrscheinlicher war allerdings, dass niemand wusste, wie viele produziert worden waren und sich auch niemand dafür interessierte. Bekannt war nur, dass auf dem Papier in jedem Quartal eine astronomisch hohe Anzahl von Stiefeln die Fabriken verließ, während wahrscheinlich die Hälfte der Bevölkerung Ozeaniens barfuß ging. Und so war es mit jeder Art von aufgezeichneten Fakten, bedeutend oder nicht: Alles verblasste zu einer Schattenwelt, in der schließlich sogar die Jahreszahl unsicher wurde.

Winston warf einen Blick durch den Saal: In der gegenüberliegenden Kabine arbeitete ein kleiner, pedantisch wirkender, dunkelwangiger Mann namens Tillotson gleichmäßig vor sich hin, mit einer gefalteten Zeitung auf den Knien und dem Mund sehr nahe am Sprechschreiber. Tillotson versuchte das, was er sagte, zu einem Geheimnis zwischen sich und dem Teleschirm zu machen. Er blickte auf, und seine Brille warf einen feindseligen Blitz in Winstons Richtung.

Winston kannte Tillotson kaum und hatte keine Ahnung, mit was genau dieser beschäftigt war. Die Mitarbeiter der Archivabteilung sprachen nicht so gern über ihre Arbeit. In der langen, fensterlosen Halle mit ihrer doppelten Reihe von Kabinen, dem endlosen Rascheln der Papiere und dem Summen der Stimmen, die in die Sprechschreiber murmelten, gab es ungefähr ein Dutzend Personen, die Winston nicht einmal vom Namen her kannte, obwohl er sie täglich in den Korridoren hin und her eilen oder beim Zwei-Minuten-Hass wild gestikulieren sah. Winston wusste, dass sich in der Kabine nebenan die kleine sandhaarige Frau Tag für Tag damit beschäftigte, die Namen von Personen, die vaporisiert worden und deshalb nicht mehr existent waren, in der Presse zu finden und dann daraus zu entfernen. Die Frau verfügte für diese Aufgabe auch über beste Voraussetzungen, da ihr eigener Mann einige Jahre zuvor vaporisiert worden war. Und ein paar Kabinen weiter war es die Aufgabe einer harmlosen, lebensuntüchtigen und verträumten Kreatur namens Ampleforth, die äußerst behaarte Ohren und ein überraschendes Talent für das Jonglieren mit Reimen und Metren hatte, verstümmelte Versionen – „definitive Texte“, so wurden sie genannt – von Gedichten herzustellen, die ideologisch anstößig geworden waren, dennoch aber aus dem einen oder anderen Grund in den Sammelbänden aufbewahrt werden sollten. Und dieser Saal mit seinen ungefähr fünfzig Mitarbeitern war nur eine Untersektion, sozusagen eine einzige Zelle in der enormen Komplexität der Archivabteilung. Außerdem, darüber, darunter, gab es ganze Schwärme von Angestellten, die eine unvorstellbare Vielzahl von weiteren Tätigkeiten ausübten: Da waren die riesigen Druckereien mit ihren Unter-Editoren, ihren Typografie-Experten und aufwendig ausgestatteten Studios für die Fälschung von Fotografien. Auch gab es eine riesige Sektion für Teleprogramme; mit Ingenieuren, Produzenten und großen Teams von Schauspielern, die speziell nach ihrer Fähigkeit ausgewählt worden waren, Stimmen nachzuahmen. An anderer Stelle wirkte eine ganze Armee von Referenzsuchern, deren Aufgabe lediglich darin bestand, Listen von Büchern und Zeitschriften zu erstellen, die zum Rückruf fällig waren. Es gab die riesigen Lager, in denen die korrigierten Dokumente aufbewahrt und gespeichert, und die versteckten Öfen, in denen die obsolet gewordenen Kopien vernichtet wurden. Und an anderer, unbekannter Stelle, beinahe anonym, saßen die verantwortlichen Superhirne, die alle Anstrengungen koordinierten und die politischen Richtlinien festlegten, die es jeweils erforderlich werden ließen, dieses Fragment der Vergangenheit aufzubewahren, jenes zu verfälschen und manches andere vollständig zu vernichten.

Und die Archivabteilung war schließlich auch nur ein einziger Teil des Ministeriums der Wahrheit, dessen Hauptaufgabe ja nicht die Rekonstruktion der Vergangenheit war, sondern vor allem die Versorgung der Bürger Ozeaniens mit Zeitungen, Kinofilmen und Lehrbüchern, Programmen für die Teleschirme, Theaterstücken und Romanen – mit jeder denkbaren Art von Information, Anleitung oder Unterhaltung: von der Statue bis zum Slogan, vom Gedicht bis zur biologischen Abhandlung und vom Schulmaterial bis zum Neusprech-Wörterbuch. Und das Ministerium musste nicht nur die vielfältigen Bedürfnisse der Partei zufriedenstellen, sondern das Ganze auf einer niedrigeren Ebene auch für die Prolls noch einmal wiederholen. Für diesen Zweck gab es eine Reihe von gesonderten Abteilungen, die sich mit entsprechender Literatur, Musik, Theater und Unterhaltung im Allgemeinen beschäftigten. Hier wurden schäbige Zeitungen produziert, die fast nichts außer Sport, Kriminalität und Astrologie enthielten; gefühlsduselige Fünf-Cent-Taschenromane; Filme, die von Sex nur so trieften, und sentimentale Lieder, vollständig maschinell hergestellt auf einer besonderen Art von Kaleidoskop, das Versifikator genannt wurde. Es gab sogar eine ganze Untersektion – auf Neusprech genannt Pornsec – die sich mit der Produktion von Darstellungen niederster Sexualität beschäftigte, und diese Erzeugnisse wurden dann in versiegelten Paketen ausgeliefert, deren Inhalt, mit Ausnahme derer, die mit der Herstellung befasst waren, kein Parteimitglied jemals zu Gesicht bekam.

Während Winston arbeitete, waren drei Nachrichten aus der Rohrpost gerutscht, doch das waren einfache Angelegenheiten gewesen, und er hatte sie schnell erledigt, bevor der Zwei-Minuten-Hass ihn schließlich unterbrach. Als der Hass vorbei war, kehrte Winston in seine Kabine zurück, nahm das Neusprech-Wörterbuch aus dem Regal, schob den Sprechschreiber zur Seite, reinigte die Brille und machte sich an die Hauptaufgabe des Morgens.

Winstons größte Freude im Leben war seine Arbeit. Das meiste davon war eine mühsame Routine, aber darin eingeschlossen waren auch schwierige und komplizierte Aufgaben, in denen er sich leicht verlieren konnte wie in den Tiefen eines mathematischen Problems; delikate Fälschungen, bei denen nichts weiterhalf als das Wissen über die Prinzipien von INGSOC und die instinktive Einschätzung dessen, was die Partei hören wollte. Winston war gut in solchen Dingen. Gelegentlich war er sogar mit der Berichtigung von Leitartikeln der Times betraut worden, die vollständig auf Neusprech verfasst worden waren.

Er nahm den Auftrag zur Hand, den er anfangs beiseitegelegt hatte:

times 83-12-03 bericht bb tagbef doppelplusungut bezgn unpersonen vollstdg neu über red.

Auf Altsprech hätte das ungefähr bedeutet:

Berichterstattung über Tagesbefehl von Big Brother, in Times, vom 03. Dezember 1983, äußerst unbefriedigend; Bezugnahme auf nicht existierende Personen. Vollständig umschreiben und vor Archivierung einreichen zur Überprüfung bei vorgesetzter Redaktion.

Winston las sich den anstößigen Artikel durch. Der Tagesbefehl von Big Brother, so schien es, hatte sich hauptsächlich der Lobpreisung der Arbeit einer Organisation namens FFCC verschrieben, welche die Matrosen in den Schwimmenden Festungen mit Zigaretten und anderen Annehmlichkeiten versorgte. Ein gewisser Genosse Withers, ein prominentes Mitglied der Inneren Partei, war für eine besondere Erwähnung ausgewählt worden und hatte eine Auszeichnung erhalten: den Orden für besondere Verdienste Zweiter Klasse.

Drei Monate später war die FFCC plötzlich und ohne Angabe von Gründen aufgelöst worden. Es war anzunehmen, dass Withers und seine Mitarbeiter in Ungnade gefallen waren, aber es war weder in der Presse noch auf dem Teleschirm über die Angelegenheit berichtet worden. Das war nicht ungewöhnlich, denn politische Straftäter wurden nur selten vor Gericht gestellt oder öffentlich angeprangert. Die großen Säuberungen, an denen Tausende von Menschen beteiligt waren, mit öffentlichen Prozessen gegen Verräter und Gedankenverbrecher, die ein unterwürfiges Geständnis ihrer Verbrechen ablegten und anschließend hingerichtet wurden, waren besondere Schauspiele, die nicht öfter als einmal alle paar Jahre stattfanden. Häufiger tauchten Menschen, die den Unmut der Partei erregt hatten, einfach nur nie wieder auf, und niemand hatte die geringste Ahnung, was mit ihnen geschehen war; in manchen Fällen waren sie vielleicht noch nicht einmal tot. Vielleicht dreißig Personen, die Winston persönlich gekannt hatte, seine Eltern nicht mitgezählt, waren auf diese Weise verschwunden.

Winston strich sich mit einer Büroklammer sanft über die Nase. In der Kabine gegenüber kauerte Genosse Tillotson immer noch heimlichtuerisch über seinem Sprechschreiber und hob für einen Moment den Kopf: wieder das feindselige Blitzen des Brillenglases. Winston fragte sich, ob Genosse Tillotson vielleicht mit derselben Aufgabe beschäftigt war. Das war durchaus möglich. Ein so kniffliges Werk würde niemals einer einzigen Person anvertraut werden; andererseits würde die Übergabe an einen Ausschuss bedeuten, offen zuzugeben, dass es darum ging, eine Fälschung herzustellen. Sehr wahrscheinlich arbeiteten deshalb nun also bis zu einem Dutzend Leute an rivalisierenden Versionen dessen, was Big Brother tatsächlich gesagt haben sollte. Und dann würde ein übergeordnetes Superhirn der Inneren Partei diese oder jene Version auswählen, sie neu herausgeben und die komplexen Prozesse der Prüfung auf Querverweise in Gang setzen, die dabei notwendig würden, um schließlich die ausgewählte Lüge in die ständigen Aufzeichnungen eingehen und zur unantastbaren Wahrheit werden zu lassen.

Winston wusste nicht, weshalb Withers in Ungnade gefallen war. Vielleicht wegen Korruption oder Inkompetenz. Vielleicht wollte Big Brother auch nur einen zu populär gewordenen Untergebenen loswerden. Möglicherweise waren auch bei Withers oder jemandem, der ihm nahestand, häretische Tendenzen vermutet worden. Oder diese Sache war – am wahrscheinlichsten – nur deswegen passiert, weil Säuberungen und Vaporisationen notwendiger Teil der Mechanik der Herrschaft waren. Den einzigen tatsächlichen Anhaltspunkt gab der Ausdruck „Unpersonen“, der darauf hindeutete, dass Withers bereits tot war. Zwar war das nicht immer sicher, wenn Menschen verhaftet wurden, denn manchmal wurden sie bis zur Hinrichtung noch freigelassen, vielleicht für ein Jahr oder sogar zwei, und sehr selten tauchte auch eine schon lange totgeglaubte Person wie ein Gespenst in einem öffentlichen Prozess wieder auf, Hunderte andere durch ihre Zeugenaussagen belastend, bevor sie dann endlich verschwand, diesmal für immer. Withers jedoch war bereits eine UNPERSON: Er existierte nicht. Er hatte nie existiert.

Winston entschied, dass es nicht ausreichen würde, die Tendenz der Rede von Big Brother einfach nur umzukehren. Es war besser, sich auf etwas vollkommen anderes zu beziehen, völlig losgelöst vom ursprünglichen Thema.

Er könnte die Rede in die übliche Denunziation von Verrätern und Gedankenverbrechern verwandeln, aber das war ein wenig zu offensichtlich, und einen Sieg an der Front oder einen Triumph des Übertreffens der Ziele des Neunten Dreijahresplans zu erfinden, könnte die Aufzeichnungen zu sehr verkomplizieren. Was benötigt wurde, war ein Stück reiner Erfindung. Plötzlich erschien vor Winstons innerem Auge, bereits fertig produziert, das Bild eines gewissen Genossen Ogilvy, der vor Kurzem in der Schlacht gefallen war, unter heldenhaften Umständen. Es gab nämlich Gelegenheiten, bei denen Big Brother seinen Tagesbefehl dem Gedenken an ein einfaches Parteimitglied widmete, dessen Leben und Tod als nachahmenswertes Vorbild gelten konnte. Und so sollte er nun also des Genossen Ogilvy gedenken. Zwar gab es diese Person überhaupt nicht, und es hatte sie auch nie gegeben, aber ein paar Zeilen Druck und ein paar gefälschte Fotos würden ihr nun bald zur Existenz verhelfen.

Winston dachte kurz nach, und formulierte zunächst in Gedanken ein wenig vor, dies im vertrauten Stil von Big Brother; zugleich militärisch und pedantisch und wegen des Tricks, erst Fragen zu stellen und diese dann prompt selbst zu beantworten, auch leicht nachzuahmen: „Welche Lehren ziehen wir aus dieser Tatsache, Genossen? Wir lernen die Lektion – die auch einem der Grundprinzipien von INGSOC entspricht – dass..., bla, bla, bla...“ Dann zog Winston den Sprechschreiber zu sich heran und begann zu diktieren:

„Bereits im Alter von drei Jahren hatte Genosse Ogilvy alle Spielzeuge außer einer Trommel, einer Maschinenpistole und einem Modellhubschrauber abgelehnt. Im Alter von sechs Jahren – aufgrund einer speziellen Lockerung der Regeln ein Jahr früher als sonst erlaubt – hatte er sich den Spionen angeschlossen, und mit neun Jahren war er dort Truppführer geworden. Mit elf, nachdem er ein Gespräch belauscht hatte, das kriminelle Tendenzen zu haben schien, hatte er seinen eigenen Onkel bei der Gedankenpolizei denunziert. Mit siebzehn war Genosse Ogilvy bereits Bezirksorganisator der Jugend-Anti-Sex-Liga gewesen. Mit neunzehn hatte er eine Handgranate entworfen, die vom Ministerium des Friedens in Dienst gestellt worden war und bei ihrem ersten Einsatz einunddreißig eurasische Kriegsgefangene mit nur einer einzigen Explosion getötet hatte. Mit dreiundzwanzig war er im Kampf umgekommen: Von feindlichen Düsenflugzeugen verfolgt, während er mit wichtigen Depeschen über den Indischen Ozean flog, hatte er die geheimen Nachrichten an sich genommen, seinen Körper mit einem Maschinengewehr beschwert und war aus dem Hubschrauber ins tiefe Wasser gesprungen – ein Ende, sagte Big Brother, das ohne Neidgefühle zu betrachten nur schwer möglich sei. Big Brother fügte außerdem noch einige Bemerkungen über die Reinheit und Zielstrebigkeit von Genosse Ogilvys Leben hinzu: Er war ein völliger Abstinenzler und Nichtraucher, hatte keinerlei Freizeitbeschäftigungen außer einer täglichen Übungsstunde in der Turnhalle und außerdem ein Zölibatsgelübde abgelegt, da er die Ehe und die Sorge um eine Familie für unvereinbar mit seiner rund um die Uhr notwendigen Hingabe an die Pflicht hielt. Er hatte keine Gesprächsthemen außer den Prinzipien von INGSOC und kein Lebensziel außer der Niederlage des eurasischen Feindes und der Jagd auf Spione, Saboteure, Gedankenverbrecher und Verräter im Allgemeinen.“

Winston debattierte mit sich selbst nur noch über die mögliche Verleihung des Ordens für besondere Verdienste an Genosse Ogilvy, entschied sich aber letztlich dagegen, da dies unnötige Querverweise mit sich bringen würde.

Noch einmal warf er seinem Rivalen in der gegenüberliegenden Kabine einen Blick zu. Etwas schien ihm mit Sicherheit zu sagen, dass Tillotson mit der gleichen Arbeit beschäftigt war. Es gab keine Möglichkeit zu erfahren, wessen Entwurf schließlich angenommen werden würde, aber Winston spürte eine tiefe Überzeugung, dass es der von ihm verfasste wäre. Der Genosse Ogilvy, vor einer Stunde noch nicht einmal eine bloße Vorstellung, war nun eine Tatsache. Es kam Winston auf einmal seltsam vor, dass es möglich war, tote Menschen zu erschaffen, aber keine lebenden. Genosse Ogilvy, der in der Gegenwart nie existiert hatte, existierte jetzt in der Vergangenheit, und wenn der Akt der Fälschung erst vergessen sein würde, dann würde Genosse Ogilvy ebenso authentisch und aufgrund derselben Beweise existieren wie Julius Caesar oder Karl der Große.

V

Unter der niedrig hängenden Decke der im Keller befindlichen Kantine rückte die Warteschlange langsam weiter. Der Raum war bereits sehr voll und ohrenbetäubend laut. Aus dem Gitter an der Theke strömte der Dunst von Eintopf, mit einem sauren, metallischen Geruch, der in seiner Stärke nur noch übertroffen wurde von dem des allgegenwärtigen Victory-Gins: Auf der anderen Seite des Raums befand sich eine kleine Bar, eher ein bloßes Loch in der Wand, an dem es das Zeug zu kaufen gab, für zehn Cent den großen Schluck.

„Genau der Mann, den ich suche“, sagte eine Stimme hinter Winston.

Er drehte sich um. Es war sein Freund Syme, der in der Forschungsabteilung arbeitete. Vielleicht war allerdings „Freund“ nicht ganz das richtige Wort: Heutzutage gab es keine Freunde; es gab Genossen. Aber es gab einige Genossen, deren Gesellschaft angenehmer war als die anderer. Syme war Philologe, ein Spezialist für Neusprech. Tatsächlich gehörte er dem riesigen Expertenteam an, das gerade mit der Zusammenstellung der elften Ausgabe des Neusprech-Wörterbuchs beschäftigt war. Er war ein winziges Geschöpf, kleiner als Winston, mit dunklem Haar und großen, hervorquellenden Augen, traurig und spöttisch zugleich, die das Gesicht seines Gegenübers aus nächster Nähe abzusuchen schienen, wenn er mit jemandem sprach.

„Ich wollte dich fragen, ob du noch Rasierklingen hast“, sagte er.

„Nicht eine einzige“, antwortete Winston mit schuldigem Unterton. „Ich habe überall versucht, welche zu bekommen. Sie existieren einfach nicht mehr.“

Alle fragten dauernd nach Rasierklingen. Tatsächlich hatte Winston noch zwei unbenutzte, die er sorgsam aufbewahrte. In den vergangenen Monaten hatte ein Mangel an Rasierklingen geherrscht. Stets gab es einen notwendigen Artikel, den die Parteigeschäfte nicht liefern konnten. Manchmal waren es Knöpfe, manchmal Stopfwolle, manchmal Schnürsenkel; und nun waren es eben Rasierklingen. Sie waren, wenn überhaupt, nur noch durch mehr oder weniger heimliches „Organisieren“ auf dem „freien“ Markt erhältlich.

„Ich benutze dieselbe Klinge schon seit sechs Wochen“, log Winston weiter.

Die Warteschlange rückte ein Stück vor. Er drehte sich um und sah Syme erneut an. Beide nahmen sich ein fettiges Metalltablett vom Stapel am Ende der Ausgabe.

„Warst du gestern dabei, als die Kriegsverbrecher gehängt wurden?“, fragte Syme.

„Ich war arbeiten“, antwortete Winston gleichgültig. „Werd’s mir im Kino ansehen, denke ich mal.“

„Ein nur unzureichender Ersatz“, meinte Syme, und seine spöttischen Augen schweiften dabei über Winstons Gesicht. „Ich kenne dich“, schienen diese Augen zu sagen. „Ich durchschaue dich. Ich weiß sehr gut, weshalb du nicht bei der Hinrichtung warst.“ Auf intellektuelle Weise war Syme geradezu giftig orthodox. Er sprach mit einer unangenehm schadenfrohen Genugtuung von Hubschrauberangriffen auf feindliche Dörfer und über Strafprozesse und Geständnisse von Gedankenverbrechern und die Hinrichtungen in den Kellern des Ministeriums der Liebe. Im Gespräch mit ihm ging es vor allem darum, ihn von solchen Themen abzulenken und, wenn möglich, dazu zu bringen, sich über die technischen Einzelheiten von Neusprech auszulassen, von denen er sehr viel verstand.

Winston drehte den Kopf ein wenig beiseite, um der Überprüfung durch Symes große, dunkle Augen zu entgehen.

„Es war eine gute Hinrichtung“, sagte Syme. „Ich glaube, es verdirbt es, wenn sie ihre Füße zusammenbinden. Ich mag es, sie strampeln zu sehen. Und vor allem, am Ende, die heraushängende blaue Zunge: ein ganz helles Blau. Das ist ein Detail, das mich anspricht.“

Eine Küchenfrau mit weißer Mütze und Schöpfkelle brüllte: „Nächst’n, bitte!“, und Winston und Syme schoben ihre Tabletts unter das Gitter und erhielten das reguläre Mittagessen: einen Blechnapf mit rosa-grauem Eintopf, ein Stück Brot, einen Würfel Käse, einen Becher Victory-Kaffee ohne Milch und eine Süßstofftablette.

„Dort drüben ist ein freier Tisch, unter dem Teleschirm“, sagte Syme. „Lass’ uns auf dem Weg noch einen Gin holen.“

Der Gin wurde in henkellosen Keramikbechern ausgeschenkt. Winston und Syme ließen sich jeder einen davon geben, schlängelten sich durch den überfüllten Raum und stellten ihre Tabletts auf den metallverkleideten Tisch, auf dem jemand an einer Ecke eine Lache Eintopf zurückgelassen hatte: eine schmutzige, flüssige Pampe, die aussah wie Kotze.

In der Hand seinen Becher Gin, hielt Winston kurz inne, um sich zu sammeln, und schluckte dann die ganze Dosis auf einmal hinunter. Er zwinkerte sich die unvermeidlichen Tränen aus den Augen, bemerkte plötzlich, dass er hungrig war und fing an, den Eintopf hinunterzuschlingen, der neben der schmierigen Grundlage außerdem noch Würfel einer schwammigen rosafarben Substanz enthielt, die wahrscheinlich so etwas wie eine Fleischzubereitung sein sollte. Weder Winston noch Syme sprachen ein Wort, bis sie ihre Näpfe geleert hatten. Am Tisch links hinter Winston redete jemand schnell und ununterbrochen: ein heiser kreischendes Geplapper, ähnlich dem Schnattern einer Ente, das den allgemeinen Aufruhr im Raum noch übertönte.

„Wie geht es mit dem Wörterbuch voran?“, fragte Winston schließlich, mit lauter Stimme gegen den Lärm ankämpfend.

„Langsam“, antwortete Syme. „Ich bin gerade mit den Adjektiven beschäftigt. Es ist faszinierend.“

Seine Laune und sein Gesicht hatten sich bei der Erwähnung von Neusprech sofort aufgehellt. Er schob den Blechnapf beiseite, nahm das Stück Brot in eine seiner feinnervigen Hände und in die andere den Käse, lehnte sich über den Tisch, um sprechen zu können, ohne zu schreien, und sagte: „Die elfte Ausgabe ist die endgültige. Wir bringen die Sprache in die Form, die sie haben wird, wenn niemand mehr etwas anderes spricht. Wenn wir mit der Sprache fertig sein werden, dann werden Leute wie du sie noch einmal lernen müssen. Du denkst wahrscheinlich, es wäre unsere Hauptaufgabe, neue Wörter zu erfinden. Aber nicht ein bisschen davon! Wir zerstören Wörter; viele, Hunderte von ihnen, jeden Tag. Wir schneiden der Sprache das Fleisch von den Knochen. Die elfte Ausgabe wird kein einziges Wort enthalten, das vor dem Jahr 2050 veralten wird.“

Syme biss hungrig in sein Brot und schluckte ein paar Bissen hinunter, dann sprach er weiter, mit jener Art von Leidenschaft, wie sie nur Pedanten haben. Sein dünnes, dunkles Gesicht war lebhaft geworden, seine Augen hatten ihren spöttischen Ausdruck verloren und einen fast verträumten Ausdruck angenommen:

„Es ist solch eine wunderschöne Sache, die Zerstörung von Worten! Selbstverständlich sind hauptsächlich die Verben und Adjektive überflüssig, aber es gibt auch Hunderte von Substantiven, die sich ebenso entfernen lassen. Es sind nicht nur die Synonyme, sondern auch die Antonyme. Welche Rechtfertigung gibt es schließlich für ein Wort, das einfach das Gegenteil eines anderen Wortes beschreibt? Ein Wort enthält sein Gegenteil bereits in sich selbst. Denke nur an ‚gut‘. Wenn es ein Wort wie ‚gut‘ gibt, welcher Bedarf besteht dann noch an einem Wort wie ‚schlecht‘? ‚Ungut‘ ist genauso gut – sogar noch besser, weil es ein genaues Gegenteil bezeichnet, ‚schlecht‘ aber eben nicht. Oder welchen Sinn hat es wiederum, wenn eine Steigerung von ‚gut‘ erforderlich ist, dafür eine ganze Reihe von unbestimmten, also nutzlosen Worten zu verwenden wie ‚exzellent‘ und ‚hervorragend‘ oder dergleichen? ‚Plusgut‘ deckt die Bedeutung völlig ab oder auch ‚doppelplusgut‘, wenn noch etwas Stärkeres erforderlich sein sollte. Natürlich verwenden wir diese Formen bereits, aber in der endgültigen Fassung von Neusprech wird es nichts anderes mehr geben. Am Ende wird die gesamte Begrifflichkeit von ‚gut oder schlecht‘ mit nur noch genau sechs Worten abgedeckt werden können; tatsächlich mit nur einem einzigen Wort, nämlich ‚gut‘, von dem alle anderen abgeleitet werden. Siehst du nicht das Schöne daran, Winston? Es war ursprünglich eine Idee von BB, selbstverständlich“, fügte er im Nachhinein hinzu.

Eine Art faden Eifers huschte bei der Erwähnung von Big Brother über Winstons Gesicht. Dennoch bemerkte Syme sofort einen gewissen Mangel an Begeisterung.

„Dir fehlt einfach die wahre Wertschätzung für Neusprech, Winston“, sagte er fast traurig. „Selbst wenn du es schreibst, denkst du immer noch in Altsprech. Ich habe einige der Artikel gelesen, die du gelegentlich in der Times verfasst. Sie sind gut genug, aber es sind Übersetzungen: In deinem Herzen ziehst du es vor, bei Altsprech zu bleiben, mit all seiner Unbestimmtheit und seinen nutzlosen Schattierungen der Bedeutung. Du begreifst einfach nicht die Schönheit der Zerstörung von Worten. Wusstest du, dass Neusprech die einzige Sprache der Welt ist, deren Wortschatz jedes Jahr kleiner wird?“

Selbstverständlich wusste Winston das. Aber er lächelte nur (ausreichend sympathisch, hoffte er) und traute sich nicht, etwas zu sagen.

Syme biss ein weiteres Stückchen des dunkel gefärbten Brots ab, kaute es kurz und fuhr fort: „Verstehst du denn nicht, dass das ganze Ziel von Neusprech darin besteht, die Bandbreite der Gedanken zu verringern? Am Ende werden wir jegliches Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich machen, denn es wird keine Wörter mehr geben, um es zu begehen. Jedes Konzept, das jemals benötigt werden kann, wird durch genau ein, in seiner Bedeutung starr definiertes Wort ausgedrückt werden, und alle Nebenbedeutungen werden ausradiert und vergessen sein. Bereits in der elften Ausgabe sind wir nicht mehr weit von diesem Punkt entfernt. Aber dieser Prozess wird noch lange nach deinem und meinem Tod weitergehen. Jedes Jahr wird es immer weniger Wörter geben, und die Reichweite des Bewusstseins wird dadurch immer weiter ein wenig kleiner werden. Selbstverständlich gibt es auch jetzt keinen Grund oder eine Entschuldigung für Gedankenverbrechen. Es zu vermeiden, ist lediglich eine Frage der Selbstdisziplin, der Realitätskontrolle. Aber am Ende wird es auch dieser Anstrengung nicht mehr bedürfen. Die Revolution wird vollständig sein, wenn die Sprache perfekt sein wird. Neusprech ist INGSOC, und INGSOC ist Neusprech“, fügte er mit einer Art mystischer Befriedigung hinzu. „Ist dir jemals aufgefallen, Winston, dass spätestens im Jahr 2050 kein einziger Mensch mehr am Leben sein wird, der ein solches Gespräch verstehen könnte, wie wir es jetzt führen?“

„Außer...“, begann Winston zweifelnd, unterbrach sich dann aber. Es hatte ihm auf der Zunge gelegen zu sagen: „Außer den Prolls“, aber er überprüfte sich selbst und war sich nicht völlig sicher, ob eine solche Bemerkung nicht auf die eine oder andere Art unorthodox wäre.

Syme, wie auch immer, hatte erspürt, was gemeint gewesen war. „Die Prolls zählen nicht; die sind keine Menschen“, sagte er leichthin. „Bis 2050 – wahrscheinlich schon früher – wird jede echte Kenntnis des Altsprechs verschwunden und auch die ganze Literatur der Vergangenheit vernichtet worden sein. Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron wird es nur noch als Neusprech-Versionen geben; nicht nur verändert in etwas anderes, sondern tatsächlich verwandelt in das Gegenteil von dem, was sie einmal waren. Auch die Literatur der Partei wird sich ändern. Sogar die Parolen werden sich ändern. Welchen Sinn sollte ein solcher Slogan wie ‚Freiheit ist Sklaverei’ noch haben, wenn das gesamte Konzept der Freiheit nicht mehr verständlich und damit nicht mehr vorhanden ist? Das ganze Klima des Denkens wird anders sein. Tatsächlich wird es nicht einmal mehr Gedanken in der Form geben, wie wir jetzt noch das Wort ‚Gedanken’ verstehen. Orthodoxie bedeutet, nicht zu denken – nicht denken zu müssen. Orthodoxie ist Unbewusstheit.“

„Eines Tages“, dachte Winston plötzlich mit tiefer Überzeugung, „wird Syme vaporisiert werden. Er ist zu intelligent. Er sieht zu klar und spricht zu deutlich. Die Partei mag solche Leute nicht. Eines Tages wird er verschwinden. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben.“

Winston hatte sein Brot und seinen Käse aufgegessen. Er setzte sich ein wenig bequemer hin, um seinen Becher Kaffee zu trinken. Am Tisch zu seiner Linken redete der Mann mit der schrillen Stimme immer noch erbarmungslos vor sich hin. Eine junge Frau, die vielleicht seine Sekretärin war und mit dem Rücken zu Winston saß, hörte zu und schien eifrig allem zuzustimmen. Ab und zu drang eine Bemerkung zu Winston durch wie: „Ich denke, Sie haben ja so recht; ich stimme Ihnen ganz und gar zu!“; vorgebracht mit in einer jugendlichen und kaum ernstzunehmenden weiblichen Stimme. Aber der Mann hörte nie auf zu reden, auch dann nicht, wenn das Mädchen gerade sprach. Winston kannte ihn vom Sehen, obwohl er nicht mehr über ihn wusste, als dass er ein wichtiges Amt in der Belletristikabteilung innehatte: ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit einem muskulösen Hals und einem großen, beweglichen Mund. Er hatte den Kopf ein wenig zurückgeworfen, und wegen des Winkels, in dem er saß, spiegelte seine Brille das Licht wider, und so sah Winston nur zwei leere Scheiben anstelle der Augen. Was allerdings an alldem am schrecklichsten war: In dem Schwall von Lauten, der sich aus dem Mund des Mannes ergoss, war es fast unmöglich, einzelne Worte voneinander zu unterscheiden. Nur einmal hörte Winston den Teil eines Satzes heraus: „...vollständige und endgültige Beseitigung des Goldsteinismus’...“, was allerdings sehr schnell und in einem Stück gesprochen klang, als würde eine einzige, durchgezogene Schriftlinie ohne Pausen vorgelesen. Alles andere war nur Lärm, wie ein fortwährendes Klappern, Krächzen und Kreischen. Und obwohl nicht zu hören war, was genau der Mann sagte, so blieb doch kein Zweifel an der allgemeinen Natur seiner Worte: Vielleicht empörte er sich über Goldstein und forderte strengere Maßnahmen gegen Gedankenverbrecher und Saboteure, vielleicht war er wütend über die Gräueltaten der eurasischen Armee, vielleicht erging er sich auch in Lobpreisungen auf Big Brother oder die Helden an der Malabar-Front – es machte keinen Unterschied: Was auch immer es war, so konnte doch keinerlei Zweifel daran bestehen, dass jedes Wort davon reine Orthodoxie, reiner INGSOC war. Als er das augenlose Gesicht mit dem sich schnell auf und ab bewegenden Kiefer beobachtete, hatte Winston auf einmal das seltsame Gefühl, dass dies kein echtes menschliches Wesen wäre, sondern eine Art Sprechpuppe. Es war nicht das Gehirn des Mannes, das sprach; es war der Kehlkopf. Das Zeug, das aus ihm herauskam, bestand zwar aus Worten, aber es war weniger eine Art von Rede, sondern eher ein unbewusst erzeugtes Geräusch, wie das Schnattern einer Ente.

Syme war kurz verstummt, und mit dem Stiel seines Löffels zeichnete er Muster in dem Klecks Eintopf nach. Die Stimme vom anderen Tisch quäkte unaufhaltsam weiter, deutlich hörbar trotz des umgebenden Lärms. „Es gibt da ein Wort in Neusprech, sagte Syme. „Ich weiß nicht, ob du es kennst: DUCKSPEAK, schnattern wie eine Ente. Es ist eines dieser interessanten Wörter, die zwei widersprüchliche Bedeutungen haben: Angewandt auf einen Gegner bezeichnet es dummes Gerede ohne Inhalt, bezogen auf jemanden, der die reine Lehre besonders verinnerlicht hat, drückt es höchstes Lob aus.“

„Ohne jede Frage wird Syme vaporisiert werden“, dachte Winston erneut. Und es überkam ihn eine Art von Traurigkeit dabei, obwohl er sehr gut wusste, dass Syme ihn verachtete und nicht besonders mochte und jederzeit in der Lage wäre, ihn als Gedankenverbrecher zu denunzieren, wenn er dafür einen Grund sähe. Da war etwas auf eine kaum fassbare Weise falsch mit Syme. Es gab etwas, das ihm fehlte: Diskretion, Distanziertheit, eine Art rettender Dummheit. Es ließ sich nicht von ihm sagen, er wäre unorthodox. Er glaubte an die Prinzipien von INGSOC, er verehrte Big Brother, er freute sich über militärische Siege, er hasste Abweichler; allerdings nicht so sehr mit Aufrichtigkeit, sondern eher mit einer Art von rastlosem Eifer; einem überragenden Wissensstand, den das gewöhnliche Parteimitglied nicht hatte. Und so war Syme stets wie von einer winzigen Anrüchigkeit umgeben: Er sagte Dinge, die besser ungesagt geblieben wären, er hatte zu viele Bücher gelesen, er besuchte öfter das Café Kastanienbaum, einen Treffpunkt von Malern und Musikern. Es gab keine Vorschrift, nicht einmal eine ungeschriebene, die das verboten hätte, aber dennoch hatte dieses Lokal einen schlechten Ruf: Die alten, diskreditierten Führer der Partei waren an diesem Ort zusammengebracht worden, bevor sie endgültig „aus der Gesellschaft entfernt“ wurden. Sogar Goldstein selbst, so hieß es, sei manchmal dort zu Gast gewesen, vor Jahren und Jahrzehnten. Symes Schicksal war also nicht schwer vorauszusehen. Und doch war es eine Tatsache, dass er, wenn er das Wesen von Winstons geheimen Ansichten begriffe, und wäre es bloß für drei Sekunden, ihn sofort und ohne den Hauch eines Zögerns an die Gedankenpolizei ausliefern würde. Was das betraf, würde das zwar auch jeder andere tun, aber Syme mehr als die meisten. Eifer war nicht genug. Orthodoxie ist Unbewusstheit.

Syme sah auf und meinte: „Da kommt Parsons“, und es klang ein wenig wie: „Dieser verdammte Blödmann!“

Parsons, Winstons Flurnachbar im Victory-Gebäude zog tatsächlich seine Bahn durch den Raum: ein dicker, mittelgroßer Mann mit hellem Haar und einem froschartigen Gesicht. Mit fünfunddreißig Jahren hatte er bereits Fettrollen an Hals und Taille angelegt, aber seine Bewegungen waren rasch und knabenhaft. Sein ganzes Äußeres war das eines zu groß gewordenen kleinen Jungen und dies auf eine Weise, dass es, trotzdem er den vorgeschriebenen Overall trug, beinahe unmöglich war, ihn sich nicht in den blauen Shorts, dem grauen Hemd und dem roten Halstuch der Spionen vorzustellen. Wer an ihn dachte, der sah stets ein Bild vor sich von Kniegrübchen und pummeligen Unterarmen in hochgerollten Ärmeln. Und tatsächlich griff Parsons unvermeidlich auf kurze Hosen zurück, wenn ihm eine Gemeinschaftswanderung oder eine andere körperliche Aktivität einen Vorwand dafür bot. Er begrüßte die beiden am Tisch mit einem fröhlichen „Hallöööchen“, setzte sich und verströmte einen intensiven Schweißgeruch. Perlen von Feuchtigkeit standen überall auf seinem rosa Gesicht. Seine Fähigkeit zu schwitzen, war außergewöhnlich stark. Im Gemeindezentrum war es immer an der Feuchtigkeit des Griffs der Tischtenniskelle zu erkennen, wenn Parsons gespielt hatte.

Syme hatte sich mittlerweile einen Papierstreifen hergestellt, auf dem sich eine lange Liste von Worten befand, und studierte sie nun, mit einem Tintenstift zwischen den Fingern.

„Sieh’ ihn nur an, wie er sogar in der Mittagspause arbeitet!“, sagte Parsons und stupste Winston an. „Toll, was? Was macht er da, Kumpel? Etwas, das ein wenig zu hoch für mich ist, nehme ich an. Smith, alter Junge, ich sage dir, weshalb ich hinter dir her bin: Es ist der Beitrag, den du vergessen hast, mir zu geben.“

„Welches Abo ist es denn?“, fragte Winston und fühlte in seiner Tasche automatisch nach etwas Geld. Ungefähr ein Viertel des Gehalts mussten für freiwillige Mitgliedschaften reserviert werden, die allerdings so zahlreich waren, dass es schwierig war, über alle den Überblick zu behalten.

„Für die Hasswoche. Du weißt schon: dieser ‚Für-Unser-Haus-Fonds’. Ich bin Schatzmeister für unseren Block. Wir geben uns jede Mühe, eine gewaltige Show zu bieten. Ich sage dir, es wird nicht an mir liegen, wenn das alte Victory-Gebäude nicht den großartigsten Fahnenschmuck der ganzen Straße haben wird. Zwei Dollar hast du mir versprochen.“

Winston fand zwei zerknitterte und schmutzige Banknoten, die er Parsons gab, und dieser trug die Summe in ein kleines Notizbuch ein, in der sauberen Handschrift des funktionalen Analphabeten.

„Übrigens, Kumpel“, sagte er. „Ich habe gehört, dass mein Sohn, dieser Verrückte, gestern mit seinem Katapult auf dich geballert hat, als du bei mir warst. Ich habe ihm dafür eine kleine Abreibung verpasst. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich ihm das Ding wegnehmen werde, wenn das so weitergeht.“

„Ich denke, er war nur ein wenig wütend, weil er nicht zu der Hinrichtung durfte“, beschwichtigte Winston.

„Er zeigt die richtige Haltung, nicht wahr? Durchtriebene kleine Biester sind sie, alle beide, aber unheimlich clever! Alles, an was die beiden denken, sind die Spione. Und natürlich der Krieg. Weißt du, was meine Kleine letzten Sonnabend gemacht hat, als ihre Truppe auf einer Wanderung war, außerhalb von Berkhamsted? Sie nahm zwei andere Mädels mit, und gemeinsam entfernten sie sich von der Gruppe und verbrachten den ganzen Nachmittag damit, einem fremden Mann zu folgen. Sie blieben ihm zwei Stunden lang auf den Fersen, mitten durch den Wald, und dann, als sie nach Amersham kamen, übergaben sie ihn den Patrouillen.“

„Wie kamen sie denn darauf?“, wollte Winston etwas verwundert wissen.

Parsons erklärte mit Triumph in der Stimme: „Mein kleines Mädchen vergewisserte sich, dass er eine Art feindlicher Agent war. Vielleicht war er mit dem Fallschirm abgesprungen. Und das ist nun das Entscheidende, mein alter Kumpel: Was, glaubst du, hat sie darauf gebracht? Sie bemerkte, dass er seltsame Schuhe trug; sie sagte, sie habe noch nie jemanden gesehen, der solch komische Schuhe anhatte. Die Chancen standen also gut, dass er ein Ausländer war. Ziemlich clever für eine kleine siebenjährige Zicke, was?“

„Was geschah mit dem Mann?“, fragte Winston.

„Ah, das kann ich natürlich nicht sagen. Aber ich wäre nicht überrascht, wenn...“ Parsons zielte wie mit einem Gewehr und schnalzte mit der Zunge, um das Schussgeräusch zu imitieren.

„Sehr schön“, sagte Syme abwesend, ohne von seinem Stück Papier aufzusehen.

„Selbstverständlich können wir es uns nicht leisten, Risiken einzugehen“, stimmte Winston pflichtbewusst zu.

„Das meine ich: Wir haben schließlich Krieg“, bekräftigte Parsons.

Wie zur Bestätigung erklang ein Trompetensignal aus dem Teleschirm unmittelbar über ihren Köpfen. Diesmal handelte es sich jedoch nicht um die Proklamation eines militärischen Sieges, sondern lediglich um eine Ankündigung des Ministeriums des Überflusses.

„Genossen!“, rief eine eifrige jugendliche Stimme. „Achtung, Genossen! Wir haben ruhmreiche Neuigkeiten für alle: Wir haben die Schlacht um die Produktion gewonnen! Die Auswertung aller Kennziffern für die Produktion von Konsumgütern ist nun abgeschlossen und hat ergeben, dass unser Lebensstandard im vergangenen Jahr um nicht weniger als zwanzig Prozent gestiegen ist. In ganz Ozeanien gab es heute Morgen unbändige spontane Demonstrationen, als Arbeiter aus Fabriken und Büros herausmarschierten, um durch die Straßen zu ziehen und auf Transparenten die unermessliche Dankbarkeit der Bevölkerung Ozeaniens gegenüber Big Brother auszudrücken: für das Geschenk seiner weisen Führung, die uns unser neues, glückliches Leben erst ermöglicht hat. Hier sind einige der vollständigen Kennziffern: Lebensmittel...“

Die Wendung „unser neues, glückliches Leben“ tauchte mehrmals auf. In letzter Zeit hatte das Ministerium des Überflusses bevorzugt zu dieser Phrase gegriffen. Parsons, gebannt durch den Trompetenruf, saß und lauschte mit einer Art dümmlicher Feierlichkeit, wie mit erbauter Langeweile. Er konnte den Zahlen nicht folgen, aber er war sich bewusst, dass sie in gewisser Weise ein Grund zur Zufriedenheit waren. Er hatte eine riesige, dreckige Pfeife herausgekramt, die bereits halb voll mit verkohltem Tabak war. Bei einer Ration von hundert Gramm pro Woche war es selten möglich, eine Pfeife bis oben hin zu füllen. Winston rauchte eine Victory-Zigarette, die er sorgfältig waagerecht hielt. Die neue Ration gab es erst morgen, und er hatte bis dahin nur noch vier Stück. Für den Moment hatte er seine Ohren vor den Geräuschen der Umgebung verschlossen und lauschte dem Zeug, das aus dem Teleschirm drang. Es schien sogar Demonstrationen gegeben zu haben, um Big Brother für die Anhebung der Schokoladenration auf zwanzig Gramm pro Woche zu danken. Und doch, so überlegte Winston, war erst gestern bekannt gegeben worden, dass die Zuteilung auf zwanzig Gramm pro Woche REDUZIERT werden sollte. War es möglich, dass sie das einfach hinnahmen, nach nur vierundzwanzig Stunden? Ja, sie schluckten es. Parsons schluckte es leicht, mit der Dummheit eines Tieres. Die augenlose Kreatur am anderen Tisch schluckte es fanatisch, leidenschaftlich; mit dem wütenden Wunsch, jeden aufzuspüren, zu denunzieren und vaporisiert zu wissen, der es wagen sollte, daran zu erinnern, dass letzte Woche die Ration noch dreißig Gramm betragen hatte. Und auch Syme – in einer mehr komplexen Art und Weise, bei der Doppeldenk im Spiel war – Syme schluckte es auch. Und Winston fragte sich, wieder einmal: War er selbst in diesem ganzen Wahnsinn denn der EINZIGE mit einem noch funktionierenden Erinnerungsvermögen?

Die fabelhaften Statistiken strömten weiterhin nur so aus dem Teleschirm: Im Vergleich zum letzten Jahr gab es mehr Lebensmittel, mehr Kleidung, mehr Häuser, mehr Möbel, mehr Kochtöpfe, mehr Treibstoff, mehr Schiffe, mehr Hubschrauber, mehr Bücher, mehr Babys – mehr von allem außer Krankheit, Kriminalität und Wahnsinn. Jahr für Jahr und Minute für Minute bewegten sich alles und jeder immer schneller nach oben, immer weiter aufwärts. Wie schon Syme zuvor hatte Winston den Löffel genommen, spielte damit in der auf der Tischplatte verteilten blassen grauen Soße herum, formte sie zu einem Muster und meditierte dabei über die physische Beschaffenheit des Lebens: War es schon immer so gewesen? Hatte Nahrung schon immer so geschmeckt? Winston sah sich in der Kantine um: ein niedriger, überfüllter Raum, die Wände verdreckt von der ständigen Berührung mit unzähligen menschlichen Körpern; abgeranzte Metalltische und -stühle, so nah beieinander aufgestellt, dass diejenigen, die darauf saßen, mit den Ellenbogen zusammenstießen; verbogene Löffel, verbeulte Tabletts, klobige weiße Becher; alle Oberflächen fettig; Schmutz in jedem Kratzer – und über alldem ein säuerlich vermischter Geruch aus miesem Gin und schlechtem Kaffee, metallisch schmeckendem Eintopf und dreckiger Kleidung. Das alles verursachte ein Gefühl im Magen und unter der Haut, um etwas betrogen worden zu sein, auf das es doch ein verdammtes Recht geben musste. Allerdings wusste Winston nicht, was genau das sein sollte, denn so weit er zurückdenken konnte, hatte es nie genug zu essen gegeben; die Socken und die Unterwäsche waren voller Löcher, die Möbel ramponiert und klapprig, die Räume ständig schlecht beheizt, die U-Bahnen überfüllt, die Häuser zerfallen, das Brot dunkel, echter Tee eine Rarität, der Kaffee von widerlichem Geschmack, die Zigaretten stets zu knapp; nichts war billig und reichlich vorhanden – außer synthetischem Gin. Und obwohl bei alldem sicher auch die zunehmende Alterung des Körpers dazu beitragen mochte, dass es im Laufe der Jahre nicht einfacher wurde, so verließ Winston doch niemals die dumpfe Ahnung, dass es trotzdem NICHT die natürliche Ordnung der Dinge war, wenn das Herz krankte an der Unbequemlichkeit und dem Mangel und dem allgegenwärtigen Dreck; an den endlosen Wintern, der Klebrigkeit der Socken, den nie funktionierenden Aufzügen, dem kalten Wasser, der körnigen Seife, den Zigaretten, aus denen der Tabak zu Boden fiel; dem Essen mit seinem seltsam ekelhaften Geschmack. Wieso nur, fragte sich Winston also immer wieder, kam ihm das alles denn hier so unerträglich vor, wenn er doch keine Erinnerung mehr an die längst vergangenen Zeiten hatte, in denen es vielleicht einmal anders gewesen sein mochte? Weshalb nur erschien ihm diese Welt denn so unglaublich schrecklich?

Er blickte sich noch einmal in der Kantine um: Beinahe alle hier waren hässlich und würden es auch immer noch sein, wenn sie anders als in blaue Overalls gekleidet wären. Auf der anderen Seite des Raums, allein an einem Tisch, saß ein kleiner, wie ein Käfer aussehender Mann, trank seinen Becher Kaffee und warf dabei mit kleinen Augen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Solange sich nur niemand um sich herum genau genug umsah, dachte Winston, war es zwar einfach zu glauben, dass der von der Partei zum Ideal erhobene Menschentyp – hoch gewachsene, muskulöse Jünglinge und großbrüstige Jungfrauen; blonde Haare, vital, sonnenverbrannt, sorglos – tatsächlich existierte und sogar überwiegend verbreitet wäre. Tatsächlich aber, soweit Winston das beurteilen konnte, war die Mehrheit der Menschen in Flugfeld Eins eher klein, dunkel und unansehnlich. Es war merkwürdig, dass ausgerechnet jenes käferähnliche Aussehen bei denjenigen überwog, die in den Ministerien arbeiteten: kleine, pummelige Männer, schon sehr früh im Leben eher gedrungen wachsend, mit kurzen Beinen, schnellen, geradezu krabbelnden Bewegungen und dicken und undurchschaubaren Gesichtern mit sehr kleinen Augen. Es war die Art von Mensch, die unter der Herrschaft der Partei am besten gedieh.

Die Mitteilung des Ministeriums des Überflusses endete mit einem weiteren Trompetensignal und wich einer blechernen Musik.

Parsons, durch das Bombardement von Zahlen zu einer Art unbestimmter Begeisterung angeregt, nahm seine Pfeife aus dem Mund. „Das Ministerium des Überflusses hat in diesem Jahr sicherlich gute Arbeit geleistet“, sagte er mit einem wissenden Kopfnicken. „Und wenn wir schon dabei sind: Smith, alter Kumpel, ich nehme an, du hast auch keine Rasierklingen mehr, die du mir überlassen könntest?“

„Nicht eine. Ich benutze meine schon seit sechs Wochen.“

„Na, klar – dachte nur, ich frag’ dich mal.“

„Tut mir leid“, sagte Winston.

Die schnatternde Stimme vom Nebentisch, die während der Mitteilungen des Ministeriums verstummt gewesen war, kam wieder in Gang, so laut wie eh und je. Aus unerfindlichem Grund dachte Winston plötzlich an Frau Parsons, mit ihrem wuscheligen Haar und dem Staub in ihren Gesichtsfalten: Innerhalb von zwei Jahren würden ihre Kinder sie bei der Gedankenpolizei denunzieren. Frau Parsons würde vaporisiert werden. Syme würde vaporisiert werden. Er selbst würde vaporisiert werden. O’Brien würde vaporisiert werden. Parsons hingegen würde niemals vaporisiert werden. Die augenlose Kreatur mit der quäkenden Stimme würde niemals vaporisiert werden. Die kleinen, käferartigen Männer, die so flink durch die labyrinthischen Korridore der Ministerien huschten, würden auch niemals vaporisiert werden. Und das Mädchen mit dem dunklem Haar, das Mädchen aus der Belletristikabteilung – sie würde sicher erst recht nicht vaporisiert werden. Es schien Winston auf einmal, als ob er instinktiv wüsste, wer überleben und wer sterben würde; obwohl nicht leicht zu sagen war, was ein solches Überleben genau bedeuten sollte.

Da wurde er plötzlich aus seiner Träumerei herausgerissen: Das Mädchen am Nebentisch hatte sich teilweise umgedreht und sah herüber. Es war das Mädchen mit dem dunklen Haar. Sie blickte Winston nur kurz von der Seite an, mit einer seltsamen Intensität, und wandte sich dann schnell wieder um.

Winston begann zu schwitzen, und ein Gefühl der Furcht erfasste ihn. Es verging fast sofort wieder, doch blieb eine Art nagenden Unbehagens zurück: Weshalb hatte das Mädchen ihn beobachtet? Folgte sie ihm? Wann genau hatte sie sich hingesetzt? Schon vor ihm? Erst hinterher? Er wusste es nicht mehr. Gestern aber, während des Zwei-Minuten-Hasses, daran erinnerte er sich jedenfalls noch sehr deutlich, hatte sie unmittelbar hinter ihm gesessen, obwohl das nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Wahrscheinlich hatte sie also vorgehabt, ihm zuzuhören und sich zu vergewissern, dass er auch laut genug brüllte.

Ein Gedanke, den er schon einmal gehabt hatte, kam Winston wieder in den Sinn: Wahrscheinlich war das Mädchen zwar nicht bei der Gedankenpolizei, aber anscheinend eine Amateurspionin, und die waren die größte Gefahr von allen. Er wusste nicht, wie lange sie ihn bereits beobachtet hatte, vielleicht waren es nur fünf Minuten gewesen, doch das konnte bereits genügen, wenn es ihm in dieser Zeit nicht gelungen war, seine Gesichtszüge vollständig unter Kontrolle zu halten. Es war schrecklich: An einem öffentlichen Ort oder in Reichweite eines Teleschirms die Gedanken abschweifen zu lassen, war verdammt gefährlich. Schon die kleinste Sache genügte, um jemanden zu erledigen: ein nervöses Zucken, ein unbewusster Blick der Angst, eine Gewohnheit des Murmelns zu sich selbst; einfach alles, was andeuten konnte, nicht normal zu sein, etwas zu verbergen zu haben. Jedenfalls war bereits ein unangemessener Gesichtsausdruck (etwa, ungläubig erstaunt auszusehen, wenn ein Sieg verkündet wurde) eine Straftat. Es gab sogar ein Wort dafür auf Neusprech: UNGESICHT.

Das Mädchen hatte sich wieder von Winston abgewandt. Vielleicht verfolgte sie ihn ja doch nicht; vielleicht war es nur zufällig geschehen, dass sie zwei Tage hintereinander in seiner Nähe gesessen hatte. Seine Zigarette war ausgegangen, und er legte sie vorsichtig auf die Tischkante. Er würde sie nach der Arbeit zu Ende rauchen, wenn es ihm gelänge, den Tabak darin zu behalten. Sehr wahrscheinlich war die Person am nächsten Tisch eine Spionin der Gedankenpolizei, und sehr wahrscheinlich würde er in spätestens drei Tagen in den Kellern des Ministeriums der Liebe landen, aber eine halbe Zigarette durfte trotzdem nicht verschwendet werden.

Syme hatte seinen Papierstreifen zusammengefaltet und in der Tasche verstaut.

Parsons begann wieder zu sprechen: „Hab’ ich dir jemals davon erzählt, alter Junge“, sagte er zu Winston und gluckste fröhlich mit dem Pfeifenstiel im Mund, „wie meine beiden kleinen Nervensägen den Rock einer alten Marktfrau angezündet haben, weil sie gesehen hatten, wie sie Würste in ein Plakat mit dem Bild von BB einwickelte? Schlichen sich von hinten mit einer Streichholzschachtel an die Alte heran. Hat sich ziemlich schlimm verbrannt, glaube ich. Kleine Verbrecher, was? Aber scharf wie Senf! Das ist eine erstklassige Ausbildung, die sie heutzutage bei den Spionen erhalten; sogar noch besser als zu meiner Zeit. Was, glaubst du, haben sie mir zuletzt vorgeführt? Ohrtrompeten zum Hören durch Schlüssellöcher! Mein kleines Mädchen hat neulich so ein Ding mit nach Hause gebracht und ausprobiert und meinte dann, sie könne doppelt so viel hören wie sonst. Natürlich ist es nur ein Spielzeug, wohlgemerkt. Trotzdem gibt es ihnen eine richtige Vorstellung von der Sache, oder?“

In diesem Moment ertönte aus dem Teleschirm ein durchdringendes Pfeifen. Das war das Signal, zur Arbeit zurückzukehren. Alle drei Männer sprangen auf, um sich an dem Kampf um die Aufzüge zu beteiligen – und der restliche Tabak fiel aus Winstons Zigarette.

VI

Winston schrieb in sein Tagebuch:

Es ist drei Jahre her. Es war an einem dunklen Abend, in einer schmalen Seitenstraße, in der Nähe eines der großen Bahnhöfe. Die Frau stand in einem Hauseingang, unter einer Straßenlaterne, die kaum Licht gab. Sie hatte ein junges Gesicht, sehr dick bemalt. Es war in Wahrheit die Farbe, die mich ansprach, das Weiß, wie eine Maske, und die leuchtend roten Lippen. Parteifrauen malen sich nie ihr Gesicht an. Es war sonst niemand auf der Straße, und es gab keine Teleschirme. Die Frau sagte: Zwei Dollar! Ich...

Kurz konnte Winston nicht weiterschreiben. Er schloss die Augen, presste seine Finger dagegen und versuchte, die immer wiederkehrende Vision herauszudrücken. Er war kaum in der Lage, der Versuchung zu widerstehen, eine Reihe schmutziger Worte herauszubrüllen. Oder seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, den Tisch umzutreten und das Tintenfass durch das Fenster zu schleudern – etwas Gewalttätiges, Lärmendes oder Schmerzhaftes zu tun, das die Erinnerung, die ihn quälte, verschwinden ließe.

Der schlimmste Feind, so wurde Winston wieder einmal klar, war immer das eigene Nervensystem. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt konnte die innere Anspannung sich in ein sichtbares Symptom verwandeln. Winston dachte an einen Mann, an dem er vor ein paar Wochen auf der Straße vorbeigegangen war: ein ganz gewöhnlich aussehender Mann, ein Parteimitglied, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, groß und dünn, mit einer Aktentasche. Sie waren ein paar Meter voneinander entfernt gewesen, als sich die linke Gesichtshälfte des Mannes plötzlich wie in einer Art von Krampf verzerrte. Es geschah noch einmal, gerade als sie aneinander vorbeigingen. Es war nur ein Zucken, ein Zittern, schnell wie das Klicken eines Kameraverschlusses, aber offensichtlich immer wieder vorkommend. Winston erinnerte sich, wie er gedacht hatte: „Der ist erledigt.“ Und das Erschreckende daran war, dass dem armen Kerl das offensichtlich unbewusst geschah, ohne dass er es selbst bemerkte. Die tödlichste Gefahr von allen war das Sprechen im Schlaf. Denn es gab, soweit das erkennbar war, keinerlei Möglichkeit, sich davor zu schützen.

Winston atmete tief ein und schrieb weiter:

Ich ging mit ihr durch die Tür und über einen Hinterhof in eine Küche im Keller. Dort stand ein Bett an der Wand, und die Lampe auf dem Tisch war heruntergedreht. Die Frau...

Winston war nervös. Am liebsten hätte er ausgespuckt. Er dachte gleichzeitig an die Frau in der Kellerküche und an Katharine, seine Ehefrau. Winston war verheiratet; jedenfalls war er verheiratet gewesen, und wahrscheinlich war er auch noch, denn soweit er wusste, war seine Frau noch nicht tot. Es kam ihm vor, als atmete er wieder den warmen, stickige Geruch des Kellers; einen Geruch, zusammengesetzt aus Ungeziefer und schmutziger Kleidung und abscheulich billigem Parfum, aber dennoch verlockend, weil keine Frau der Partei jemals Parfum benutzte oder auch nur vorstellbar war, dass sie es täte. Nur die Prolls benutzten Parfum. In Winstons Vorstellung war dieser Geruch untrennbar mit verbotener Unzucht verbunden.

Mit dieser Frau mitzugehen, war sein erster Ausrutscher seit etwa zwei Jahren gewesen. Selbstverständlich war es verboten, mit Prostituierten etwas zu tun zu haben, aber es war eine dieser Regeln, die gelegentlich gebrochen werden durften. Es war gefährlich, aber es ging nicht um Leben und Tod. Mit einer Prostituierten erwischt zu werden, konnte fünf Jahre in einem Zwangsarbeitslager bedeuten, nicht mehr, wenn kein anderes Vergehen hinzukam. Und es war nur wichtig zu vermeiden, auf frischer Tat ertappt zu werden. In den ärmeren Vierteln wimmelte es von Frauen, die bereit waren, sich zu verkaufen. Einige waren sogar schon für eine Flasche Gin zu haben, den die Prolls nicht trinken durften. Stillschweigend war die Partei sogar geneigt, die Prostitution als Ventil für Instinkte zu fördern, die nicht ganz unterdrückt werden konnten. Bloße Ausschweifung war nicht so bedeutend, solange alles heimlich und freudlos geschah und lediglich die Frauen einer untergeordneten und verachteten Klasse betraf. Das unverzeihliche Verbrechen war Promiskuität unter Parteimitgliedern. Doch war es – obwohl dies stets unter den Vergehen gewesen war, welche die Angeklagten in den großen Säuberungen immer wieder gestanden hatten – nur schwer vorstellbar, dass so etwas tatsächlich geschehen könnte.

Das Ziel der Partei war nicht nur, Männer und Frauen daran zu hindern, Loyalitäten zu entwickeln, die möglicherweise nicht kontrollierbar waren. Es ging vielmehr darum, auch wenn das nie offiziell zugegeben wurde, jegliche Freude an der Sexualität auszurotten. Nicht so sehr die Liebe als vielmehr die Erotik war der Feind, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe. Alle Eheschließungen zwischen Parteimitgliedern mussten von einem für diesen Zweck eigens ernannten Ausschuss genehmigt werden, und eine Erlaubnis – obwohl das offiziell nie so geäußert wurde – kam keinesfalls in Frage, wenn das betroffene Paar den Eindruck machte, sich körperlich zueinander hingezogen zu fühlen. Einzig anerkannter Zweck der Ehe war es, Kinder zu zeugen für den Dienst an der Partei. Der Geschlechtsverkehr war als geringfügiger und ein wenig ekelhafter medizinischer Eingriff anzusehen, wie etwa, einen Einlauf verpasst zu bekommen. Dies wiederum wurde zwar nie in deutlichen Worten erklärt, aber auf indirekte Weise jedem Parteimitglied von Kindheit an eingebleut. Es gab sogar Organisationen, die den vollständigen Zölibat für beide Geschlechter forderten, wie die Jugend-Anti-Sex-Liga Alle Kinder sollten am besten durch künstliche Befruchtung (KUNSTKIND nannte es sich auf Neusprech) gezeugt und in öffentlichen Einrichtungen aufgezogen werden. Dies, Winston war sich dessen bewusst, war zwar nicht vollkommen ernstgemeint, deckte sich aber dennoch mit der allgemeinen Ideologie der Partei, die versuchte, den Geschlechtstrieb abzutöten oder ihn wenigstens, wenn er schon nicht auszurotten war, zu verzerren und zu beschmutzen, so weit es nur ging. Winston wusste nicht, weshalb das so war, doch es schien ihm selbstverständlich, dass es so sein sollte. Und was die Frauen betraf, so waren die Bemühungen der Partei auch weitgehend erfolgreich.

Er dachte wieder an Katharine. Es musste neun, zehn, beinahe elf Jahre her sein, dass sie sich getrennt hatten. Es war merkwürdig, wie selten er an sie dachte. Tagelang konnte er vergessen, dass er jemals verheiratet gewesen war. Sie waren auch nur etwa fünfzehn Monate zusammen gewesen. Die Partei gestattete zwar keine Scheidung, förderte allerdings die Trennung in Fällen, in denen aus der Ehe keine Kinder hervorgingen.

Katharine war ein großes, blondes Mädchen gewesen, sehr gerade, mit schönen Bewegungen. Sie hatte ein kühnes Gesicht wie ein Greifvogel; ein Gesicht, das vielleicht sogar edel hätte genannt werden können, bis sich herausstellte, dass dahinter Leere herrschte. Sehr früh in seinem Eheleben hatte Winston festgestellt –vielleicht deshalb, weil er Katherine besser kannte als die meisten anderen Leute – dass sie den dümmsten, vulgärsten und leersten Verstand hatte, den es geben konnte: Sie hatte keinen einzigen Gedanken im Kopf, der nicht ein Slogan war, und es gab keinen Schwachsinn, absolut keinen, den sie nicht fähig war zu schlucken, wenn die Partei ihn von sich gegeben hatte. Und so hatte Winston seine Ehefrau heimlich bald nur noch „die menschliche Tonspur“ genannt.

Dennoch hätte er sein Eheleben ertragen können, wenn es da nicht noch diese eine Sache gegeben hätte: Sex.

Sobald er Katherine berührte, schien sie vor ihm zurückzuweichen und sich zu versteifen. Sie zu umarmen, war beinahe so, wie sich einer Holzpuppe körperlich nähern zu wollen. Und besonders seltsam erschien es Winston, dass er selbst dann, wenn Katherine ihn an sich zog, das Gefühl hatte, dass sie ihn gleichzeitig mit all ihrer Kraft wegstieße. Die Starrheit ihrer Muskeln vermittelte diesen Eindruck. Sie lag mit geschlossenen Augen da und leistete weder Widerstand, noch zeigte sie Initiative, sondern es war nichts weiter als UNTERWERFUNG. Es war außerordentlich peinlich, und nach einer Weile war es schrecklich. Aber selbst unter diesen Umständen hätte Winston es ertragen können, weiterhin mit Katherine zu leben, wenn sie einfach beide dazu bereit gewesen wären, dann eben auf Sex gänzlich zu verzichten. Doch seltsamerweise war es Katharine, die dies ablehnte. Sie müssten, so sagte sie, ein Kind produzieren, wenn sie könnten. Also fand, mit schöner Regelmäßigkeit, einmal in der Woche, die grausliche Vorstellung weiterhin statt, wann immer es nicht unmöglich war. Sie erinnerte ihn sogar morgens daran, was an diesem Abend getan werden musste und nicht vergessen werden durfte. Sie hatte zwei Bezeichnungen dafür: Der eine lautete „ein Baby machen“, der andere „unsere Pflicht für die Partei erfüllen“ (ja, diesen Ausdruck hatte sie tatsächlich benutzt). Ziemlich bald bekam Winston jedes Mal Angstzustände, wenn der verabredete Tag näher rückte. Aber zum Glück entstand bei alldem kein Kind, und so willigte Katharine am Ende darin ein, den Versuch aufzugeben, eins zu zeugen, und bald darauf trennten sie sich.

Winston seufzte unhörbar. Er nahm den Stift wieder in die Hand und schrieb:

Die Frau warf sich auf das Bett und auf einmal, ohne jede Art von Ankündigung und auf eine unglaublich grobe, kaum vorstellbar schreckliche Art zog sie ihr Kleid hoch. Ich...

Er sah sich dort im schwachen Lampenlicht stehen, mit dem Geruch von Ungeziefer und billigem Parfum in der Nase und in seinem Herzen ein Gefühl der Niederlage und von Abneigung, die sich schon zu diesem Zeitpunkt mit dem Gedanken an Katharines weißen Körper vermischte, der für immer erstarrt war durch die hypnotisierende Kraft der Partei. Und Winston fragte sich: Weshalb musste es immer so sein? Weshalb konnte er nicht eine Frau für sich allein haben anstatt dieser schmutzigen Rammeleien in Abständen von mehreren Jahren? Aber eine echte Liebesbeziehung war eine fast undenkbare Sache: Die Frauen der Partei waren alle gleich, und Keuschheit war in ihnen ebenso tief verwurzelt wie Parteitreue. Durch sorgfältige frühe Konditionierung, durch Spiele und kaltes Wasser, durch den Müll, der ihnen in der Schule und bei den Spionen und in der Jugendliga eingetrichtert wurde; durch Vorträge, Paraden, Lieder, Parolen und Militärmusik war das natürliche Gefühl aus ihnen vertrieben worden. Winston wusste, dass es schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeit einfach Ausnahmen geben musste, aber sein Herz war nicht mehr in der Lage, das zu glauben. Sie waren alle so uneinnehmbar, wie die Partei beabsichtigte, dass sie es sein sollten. Und was er wollte, sogar noch mehr, als geliebt zu werden, war es, diese Mauer der Tugend niederzureißen, und wenn es nur ein einziges Mal in seinem ganzen Leben sein sollte. Der sexuelle Akt, erfolgreich ausgeführt, war eine Rebellion. Begehren war Gedankenverbrechen. Selbst die eigene Ehefrau aufgeweckt zu haben, wenn er es hätte schaffen können, wäre eine verbotene, strafbare Verführung gewesen.

Aber das Ende der Geschichte musste nun noch niedergeschrieben werden. Also fuhr Winston fort:

Ich drehte das Licht auf. Als ich sie ansah...

Nach der vorher herrschenden Dunkelheit war ihm das schwache Licht der Paraffinlampe sehr hell erschienen. Zum ersten Mal konnte er die Frau richtig sehen. Er war weiter auf sie zugegangen und dann stehengeblieben, voller Geilheit und Angst. Ihm wurde schmerzlich das Risiko bewusst, das er eingegangen war, als er hierhergekommen war. Es war durchaus möglich, dass die Patrouillen ihn erwischen würden. Sie könnten sogar gerade jetzt vor der Tür auf ihn warten. Sogar dann, wenn er wegginge, ohne das zu tun, weshalb er hierhergekommen war...

Es musste nun aufgeschrieben und gestanden werden: Im Schein der Lampe hatte er gesehen, dass die Frau ALT gewesen war. Die Farbe auf ihrem Gesicht war so dick aufgetragen, dass es aussah, als könnte es wie eine Pappmaske zerspringen. Ihr Haar war voller weißer Strähnen, aber das wahrhaft schreckliche Detail war, dass sich ihr Mund ein wenig geöffnet hatte und nichts außer einer höhlenartigen Schwärze enthielt: Sie hatte überhaupt keine Zähne mehr.

Winston schrieb gehetzt weiter, in krakeliger Handschrift:

Als ich sie ansah, erkannte ich, dass sie eine sehr alte Frau war, mindestens fünfzig. Aber ich machte weiter und tat es trotzdem.

Er drückte seine Finger wieder gegen seine Augenlider. Endlich hatte er es aufgeschrieben, aber es machte keinen Unterschied: Die Therapie hatte nicht funktioniert. Der Drang, sinnlos schmutzige Worte hinauszubrüllen, war so stark wie eh und je.

VII

Winston schrieb:

Wenn es eine Hoffnung gibt, dann liegt sie in den Prolls.

Wenn es Hoffnung gab, MUSSTE sie in den Prolls liegen, denn nur dort, in jener wimmelnden, missachteten Masse, die fünfundachtzig Prozent der Bevölkerung Ozeaniens ausmachte, konnte die Kraft zur Zerstörung der Partei jemals entstehen, denn von innen war es nicht möglich, sie zu stürzen. Ihre Feinde, wenn sie denn überhaupt Feinde hatte, waren nicht in der Lage, sich zusammenzutun, ja nicht einmal fähig, sich gegenseitig zu erkennen. Selbst wenn die legendäre Bruderschaft existierte, was ja durchaus möglich war, so war es dennoch unvorstellbar, dass sich jemals mehr als zwei oder drei ihrer Mitglieder unentdeckt zusammenfinden könnten. Rebellion bedeutete einen Blick in die Augen, eine Veränderung der Stimmlage, höchstens ein gelegentlich geflüstertes Wort. Aber die Prolls, wenn sie sich nur auf die eine oder andere Weise ihrer eigenen Stärke bewusst würden, hätten keinerlei Verschwörung nötig. Sie bräuchten nur aufzustehen und sich zu schütteln wie ein Pferd, das Fliegen wegwedelt. Wenn sie es wollten, könnten sie die Partei morgen früh in Stücke reißen. Sicherlich musste ihnen doch früher oder später der Gedanke kommen, es zu tun? Und dann..!

Winston erinnerte sich daran, wie er einmal eine belebte Straße hinuntergegangen war, als aus einer nicht weit entfernten Seitenstraße ein lauter Schrei aus Hunderten weiblicher Kehlen ertönt war. Es war ein gewaltiger Ruf der Wut und Verzweiflung gewesen, ein tiefes, lautes „Oooooh“, das wie der Nachhall einer Glocke weiterklang. Sein Herz hatte einen Sprung gemacht. Er hatte gedacht, nun ginge es los: Ein Aufruhr! Die Prolls! Endlich! Als er dann jene Stelle erreicht hatte, von welcher der Lärm gekommen war, hatte er einen Mob von etwa zwei- bis dreihundert Weibern vorgefunden, die sich um die Stände eines Straßenmarktes drängten, mit Gesichtern, die so traurig aussahen wie die von todgeweihten Passagieren eines sinkenden Schiffs. Doch da zerfiel die allgemeine Verzweiflung in eine Vielzahl von einzelnen Auseinandersetzungen: Es stellte sich heraus, dass an einem der Stände Blechkasserollen verkauft worden waren. Es waren erbärmliche, kaum haltbare Dinger, aber Küchengeräte jeglicher Art waren immer schwer zu bekommen. Und nun war der Vorrat auf einmal erschöpft. Die Frauen, die noch eine Kasserolle ergattert hatten, wurden von den anderen, die nicht so erfolgreich gewesen waren, gestoßen und angerempelt und versuchten also, sich mit ihrer Beute aus dem Staub zu machen, während Dutzende andere den Stand weiter belagerten, den Verkäufer anschrien, ihm Günstlingswirtschaft vorwarfen und auch, dass er noch heimlich weitere Töpfe in Reserve hätte. Dann gab es einen erneuten Ausbruch von Schreien: Zwei dicke Weiber, eins von ihnen mit wirrem Haar, hatten dieselbe Kasserolle in die Hände bekommen und versuchten, sie sich gegenseitig aus den Händen zu reißen. Einen Moment lang zogen sie beide daran, und dann – fiel der Griff ab. Winston hatte das alles zunehmend angewidert beobachtet. Und doch: Was für eine beinahe beängstigende Kraft hatte, wenn auch nur für kurze Zeit, in diesem Gebrüll aus nur ein paar Hundert Kehlen gelegen! Weshalb nur konnten die Prolls nie so laut schreien, wenn es um etwas Wichtiges ging?

Er schrieb weiter:

Solange sie nicht zu Bewusstsein kommen, werden sie nie rebellieren, und solange sie nicht rebelliert haben werden, können sie nicht zu Bewusstsein kommen.

Das, so überlegte er, könnte fast eine Abschrift aus einem der Lehrbücher der Partei sein, die selbstverständlich für sich in Anspruch nahm, die Prolls aus der Knechtschaft befreit zu haben. Vor der Revolution waren sie auf schreckliche Weise von den Kapitalisten unterdrückt, ausgehungert und ausgepeitscht, die Kinder schon im Alter von sechs Jahren in die Fabriken verkauft und die Frauen dazu gezwungen worden, in den Kohlebergwerken zu arbeiten (Frauen arbeiteten nach wie vor in den Kohlebergwerken, das war eine Tatsache). Aber gleichzeitig, getreu den Prinzipien von Doppeldenk, lehrte die Partei, dass die Prolls natürliche Unterlegene waren, die durch die Anwendung einiger weniger einfacher Regeln in Unterordnung zu halten waren wie Tiere. In Wahrheit wusste die Partei auch nicht sehr viel über die Prolls und musste es auch nicht wissen: Solange sie weiter arbeiteten und sich vermehrten, war das, was sie taten, ohne jede Bedeutung. Sich selbst überlassen wie das Vieh im argentinischen Grasland, waren sie zu einem Lebensstil zurückgekehrt, der zu ihnen auf eine natürliche Art zu gehören schien wie ein angestammtes Muster aus uralter Zeit: Sie wurden geboren, wuchsen in der Gosse auf, begannen mit zwölf zu arbeiten, hatten eine kurze Blütezeit der Schönheit und des sexuellen Verlangens, heirateten mit zwanzig, waren mit dreißig im mittleren Alter und starben größtenteils mit sechzig. Schwere körperliche Arbeit, Haushalt und Kinder, unbedeutende Streitigkeiten mit den Nachbarn, Filme, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiel füllten den Horizont ihres Geistes völlig aus. Sie unter Kontrolle zu halten, war nicht schwer: Einige wenige Agenten der Gedankenpolizei bewegten sich in der Masse, um falsche Gerüchte zu verbreiten und die wenigen Individuen zu identifizieren und zu eliminieren, bei denen die Gefahr bestand, dass sie hätten gefährlich werden können, aber es wurde keinerlei Versuch unternommen, die Prolls mit der Ideologie der Partei zu indoktrinieren. Es war nicht wünschenswert, dass sie starke politische Gefühle hatten. Alles, was von ihnen verlangt wurde, war ein primitiver Patriotismus, an den es möglich war, stets dann zu appellieren, wenn es notwendig wurde, sie dazu zu bringen, längere Arbeitszeiten zu akzeptieren oder gekürzte Rationen. Und selbst dann, wenn sie unzufrieden wurden, wie es manchmal vorkam, führte ihre Unzufriedenheit zu nichts, weil sie keine grundlegende Vorstellungen hatten und so ihren Unmut nur auf eng umgrenzte Probleme richten konnten. Die größeren Übel entgingen ausnahmslos ihrer Aufmerksamkeit. Die überwiegende Mehrheit der Prolls hatte nicht einmal einen Teleschirm zuhause. Und auch die Patrouillen hatten wenig mit ihnen zu tun: In London gab es zwar eine riesige Menge an Kriminalität, einen ganzen Staat im Staate von Dieben, Banditen, Prostituierten, Drogenhändlern und Gaunern jeder Art, aber da sich das alles nur unter den Prolls selbst abspielte, war es unwichtig für die Partei. In allen Fragen der Moral war es ihnen gestattet, ihrem angestammten Kodex zu folgen. Der sexuelle Puritanismus der Partei wurde ihnen nicht aufgezwungen: Promiskuität blieb straflos, Scheidung war erlaubt. Was das anging, wäre ihnen sogar Gottesdienste gestattet worden, wenn die Prolls denn gezeigt hätten, dass sie dergleichen wünschten. Sie waren jenseits jeden Verdachts der Häresie; wie die Parole der Partei es ausdrückte: Prolls und Tiere sind frei.

Winston kratzte vorsichtig an seinem Krampfadergeschwür. Es hatte wieder zu jucken begonnen. Das, was ihn immer wieder beschäftigte, war die Unmöglichkeit zu wissen, wie das Leben vor der Revolution tatsächlich ausgesehen hatte. Er nahm aus der Schublade ein Geschichtslehrbuch für Kinder, das er von Frau Parsons ausgeliehen hatte, und begann, einen Auszug daraus in das Tagebuch zu übertragen:

In den alten Tagen, vor der glorreichen Revolution, war London nicht die schöne Stadt, die wir heute kennen. Es war ein dunkler, schmutziger, elender Ort, an dem kaum jemand genug zu essen hatte, und Hunderte und Tausende von armen Menschen hatten keine Stiefel an den Füßen und nicht einmal ein Dach, um darunter zu schlafen. Kinder, die nicht älter waren als du, mussten zwölf Stunden am Tag für grausame Meister schuften, die sie auspeitschten, wenn sie zu langsam arbeiteten, und ihnen nichts weiter an Nahrung gaben als Wasser und harte Brotkrusten. Aber mitten in dieser schrecklichen Armut gab es ein paar große, schöne Häuser, in denen reiche Männer wohnten, die von bis zu dreißig Lakaien bedient wurden. Diese reichen Männer wurden Kapitalisten genannt. Sie waren fette, hässliche Männer mit bösen Gesichtern, wie der auf dem Bild auf der gegenüberliegenden Seite. Dort kannst du sehen, dass er einen langen schwarzen Mantel trägt, der Gehrock genannt wurde, und einen seltsamen, glänzenden Hut in Form eines Ofenrohrs, der Zylinder hieß. Dies war die Uniform der Kapitalisten, und niemand sonst durfte sie tragen. Den Kapitalisten gehörte alles in der Welt, und alle anderen waren ihre Sklaven. Den Kapitalisten gehörten das ganze Land, alle Häuser, all die Fabriken und das ganze Geld. Wenn jemand ihnen nicht gehorchte, konnten sie ihn ins Gefängnis werfen oder ihm seine Arbeit wegnehmen und ihn verhungern lassen. Wenn ein gewöhnlicher Mensch mit einem Kapitalisten sprach, musste er sich vor ihm ducken und verbeugen, die Mütze abnehmen und ihn mit SIR ansprechen. Der Häuptling aller Kapitalisten hieß König, und...

Winston brach ab, weil er den Rest kannte: Erwähnung finden würden die Bischöfe in ihren gepufften Ärmeln, die Richter in ihren Hermelingewändern, der Pranger, die Aktien, die Tretmühle, die Neunschwänzige Katze, das Bankett des Oberbürgermeisters und die Praxis, den Zeh des Papstes zu küssen. Es gab auch etwas mit dem Namen IUS PRIMAE NOCTIS, das wahrscheinlich nicht in einem Lehrbuch für Kinder genannt werden würde: Es war das Gesetz, nach dem jeder Kapitalist das Recht hatte, mit jeder Frau zu schlafen, die in einer seiner Fabriken arbeitete.

Wie aber war es möglich zu erkennen, was davon Wahrheit und was Lüge war? Es KÖNNTE ja durchaus richtig sein, dass der Durchschnittsmensch jetzt besser dran war als vor der Revolution. Der einzige Beweis für das Gegenteil waren der stumme Protest in den eigenen Knochen und das instinktive Gefühl, unter unerträglichen Bedingungen zu leben; dass zu einem anderen Zeitpunkt etwas anders gewesen sein musste. Winston fiel auf, dass das Charakteristische am modernen Leben nicht dessen Grausamkeit und Unsicherheit war, sondern einfach seine Nacktheit, seine Schäbigkeit, seine Teilnahmslosigkeit. Das Leben hatte genau betrachtet nicht nur keinerlei Ähnlichkeit mit all den Lügen, die aus den Teleschirmen strömten, sondern auch nicht mit all den Vorstellungen, welche die Partei umzusetzen versuchte. Große Bereiche dieses Lebens, selbst für Parteimitglieder, waren neutral und unpolitisch: das bloße Absitzen der Zeit an tristen Arbeitsplätzen, der Kampf um einen Platz in der U-Bahn, das Stopfen einer abgetragenen Socke, das Schnorren einer Saccharintablette, das Aufbewahren eines Zigarettenstummels. Das von der Partei hochgehaltene Ideal war etwas Großes, Schreckliches und Glitzerndes: eine Welt aus Stahl und Beton; von monströsen Maschinen und furchterregenden Waffen; eine Nation von Kriegern und Fanatikern, die in vollkommener Einheit vorwärts marschierten, alle die gleichen Gedanken hatten und die gleichen Parolen brüllten; fortwährend arbeiteten, kämpften, triumphierten und Abweichler verfolgten; dreihundert Millionen Menschen, alle mit dem gleichen Gesicht. Die Realität hingegen bestand aus zerfallenden, schmutzigen Städten, in denen unterernährte Menschen in undichten Schuhen hin und her schlurften, zwischen zusammengeflickten Häusern aus dem neunzehnten Jahrhundert, die nach Kohl und schlechten Toiletten rochen. Winston schien eine Vision von London zu sehen: riesig und verkommen, eine Stadt, bestehend aus einer Million Mülltonnen, und mit diesem Bild vermischt erschien ihm Frau Parsons: eine Frau mit zerfurchtem Gesicht und fusseligem Haar, die hilflos an einem verstopften Abflussrohr herumhantierte.

Winston kratzte sich erneut am Knöchel. Tag und Nacht füllten die Teleschirme die Ohren der Zuhörer mit Statistiken, die beweisen, dass die Menschen heute mehr Nahrung, schönere Kleidung, bessere Häuser, ausgedehntere Freizeitmöglichkeiten hatten; sie länger lebten, weniger arbeiteten, größer, gesünder und stärker, glücklicher, intelligenter und besser ausgebildet waren als die Menschen vor fünfzig Jahren. Kein einziges Wort davon konnte jemals bewiesen oder widerlegt werden. So behauptete die Partei, dass heutzutage vierzig Prozent der erwachsenen Prolls lesen und schreiben konnten, und vor der Revolution, so hieß es, habe diese Quote nur bei fünfzehn Prozent gelegen. Die Partei behauptete auch, dass die Säuglingssterblichkeit nur noch bei einhundertsechzig pro tausend läge, während es vor der Revolution dreihundert gewesen wären; und immer so weiter. Es war wie eine unlösbare Gleichung mit zwei Unbekannten: Buchstäblich sämtliche Schilderungen in den Geschichtsbüchern konnten nur reine Erfindung oder aber die vollständige Wahrheit sein. Nach allem, was Winston selbst wusste, hatte es zwar niemals ein Gesetz wie das IUS PRIMAE NOCTIS gegeben oder eine Kreatur wie einen Kapitalisten oder ein Kleidungsstück wie einen Zylinderhut, aber das bedeutete ja nicht, dass es nicht doch so gewesen sein könnte.

Alles verschwamm im Nebel. Die Vergangenheit war ausgelöscht und die Auslöschung vergessen worden; die Lüge wurde zur Wahrheit. Nur einmal in seinem bisherigen Leben hatte Winston – NACHDEM die Fälschung vorgenommen worden war, und das allein war dabei von Bedeutung – etwa dreißig Sekunden lang einen konkreten, unmissverständlichen Beweis für eine Veränderung der Vergangenheit in den Händen gehalten. 1973 musste es gewesen sein, jedenfalls ungefähr zu der Zeit, als er und Katharine sich getrennt hatten, aber das relevante Datum lag noch sieben oder acht Jahre weiter zurück.

Die Geschichte begann Mitte der 1960er, in der Zeit der großen Säuberungen, bei denen die ursprünglichen Führer der Revolution ein für alle Mal beseitigt worden waren. 1970 war keiner von ihnen mehr übrig, außer Big Brother selbst. Alle anderen waren zu diesem Zeitpunkt bereits als Verräter und Konterrevolutionäre entlarvt worden. Goldstein war geflohen und versteckte sich, niemand wusste, an welchem Ort, und von den anderen waren ein paar einfach verschwunden, während die Mehrheit nach spektakulären öffentlichen Prozessen hingerichtet worden war, bei denen sie ihre Verbrechen gestanden hatten. Unter den letzten Überlebenden waren drei Männer gewesen namens Jones, Aaronson und Rutherford. Es musste 1965 gewesen sein, dass diese drei verhaftet worden waren. Wie so oft blieben sie für ein Jahr oder länger verschwunden, und es war nicht bekannt, ob sie noch lebten oder bereits tot waren. Dann tauchten sie plötzlich wieder auf, um sich auf die übliche Weise selbst zu belasten: Sie hatten geheimdienstliche Tätigkeit für den Feind gestanden (zu diesem Zeitpunkt war der Feind ebenso wie heute Eurasien gewesen), Veruntreuung öffentlicher Gelder, Ermordung verschiedener loyaler Parteimitglieder, Intrigen gegen die Führung von Big Brother, die lange vor der Revolution begonnen, und Sabotageakte, die zum Tod von Hunderttausenden Menschen geführt hatten. Nach dem Geständnis dieser Taten wurden die drei begnadigt und wieder in die Partei aufgenommen und auf machtlose, aber wichtig klingende Pöstchen gesetzt. Alle drei hatten lange, unterwürfige Artikel in der Times geschrieben, in denen sie die Gründe für ihre Abtrünnigkeit dargelegt und das Versprechen abgegeben hatten, Wiedergutmachung zu leisten.

Einige Zeit nach ihrer Freilassung hatte Winston tatsächlich alle drei im Café Kastanienbaum gesehen. Er erinnerte sich an die Art von erschreckender Faszination, mit der er sie aus den Augenwinkeln betrachtet hatte: Sie waren Männer, weitaus älter als er selbst, Relikte einer vergangenen Welt; fast die letzten großen Gestalten, die aus den heroischen Tagen der Partei noch übrig waren. Der verblassende Glanz des Kampfs im Untergrund und des Bürgerkriegs umschwebte sie noch immer. Winston hatte das Gefühl, obwohl schon damals die Fakten und Daten verschwammen, dass er ihre Namen schon Jahre früher gehört hatte als den von Big Brother. Aber auch sie waren nun Gesetzlose, Feinde, Unberührbare; mit absoluter Sicherheit innerhalb von ein oder zwei Jahren der Auslöschung geweiht. Niemand, der einmal in die Fänge der Gedankenpolizei geraten war, konnte am Ende jemals entkommen. Sie waren Leichen, die nur darauf warteten, ins Grab zurückgeschickt zu werden.

Niemand saß an einem der Tische in ihrer Nähe. Es war äußerst unklug, gemeinsam mit solchen Leuten gesehen zu werden. Sie hockten still vor Gläsern voller mit Nelken aromatisiertem Gin, der die Spezialität des Cafés war. Von den dreien war es Rutherford, dessen Aussehen Winston am meisten beeindruckt hatte: Rutherford war einst ein berühmter Karikaturist gewesen, dessen brutale Zeichnungen dazu beigetragen hatten, die öffentliche Meinung vor und während der Revolution für die Sache der Partei zu entflammen. Auch jetzt noch erschienen seine Karikaturen in großen Abständen in der Times. Sie waren aber einfach nur noch eine Imitation seiner früheren Kunst und dabei eigenartig leblos und wenig überzeugend. In ihnen wurden stets nur noch alte Themen aufgewärmt: Slum-Wohnungen, hungernde Kinder, Straßenschlachten, Kapitalisten in Zylindern – selbst auf den Barrikaden schienen die Kapitalisten immer noch an ihren Zylindern zu hängen – und waren ein endloses, hoffnungsloses Bemühen, in die Vergangenheit zurückzukehren. Er war ein monströser Mann, mit einer Mähne aus fettig grauem Haar, sein Gesicht zerfurcht, mit Hamsterbacken und auffälligen Lippen. Früher musste er ungeheuer stark gewesen sein, doch jetzt hing sein großer Körper nur noch herab, sich schief in alle Richtungen wölbend und gleichermaßen zerbröckelnd wie ein Berg, der langsam auseinanderfällt.

Es war die einsame Stunde um 15-00. Winston konnte sich jetzt nicht mehr daran erinnern, wie er in das zu dieser Zeit sonst fast leere Café gekommen war. Eine blecherne Musik tönte aus den Teleschirmen. Die drei Männer saßen fast regungslos in ihrer Ecke und sprachen nicht. Unaufgefordert brachte der Kellner neuen Gin. Daneben stand ein Schachbrett auf dem Tisch, auf dem die Figuren aufgestellt waren, aber nie wurde ein Spiel angefangen. Und dann, vielleicht eine halbe Minute lang, geschah etwas mit den Teleschirmen: Sie spielten etwas vollkommen anderes, und auch die Tonlage der Musik veränderte sich. Es war kaum zu beschreiben: ein eigenartiges, gebrochenes, wie höhnisch kicherndes Liedchen; Winston nannte es in Gedanken eine gelbe Melodie. Und dann sang eine Stimme:

Einst unter dem großen Kastanienbaum

verkauft’ ich deinen und du meinen Traum.

Sie dort, wir hier, sah‘n wir uns beide kaum,

einst unter dem großen Kastanienbaum.

Die drei Männer bewegten sich nicht. Doch als Winston erneut auf Rutherfords zerstörtes Gesicht blickte, sah er, dass dessen Augen voller Tränen waren. Und zum ersten Mal bemerkte er mit einer Art innerem Schaudern und ohne zu wissen, WAS genau ihn daran so erschreckte, dass sowohl Aaronson als auch Rutherford gebrochene Nasen hatten.

Wenig später wurden alle drei erneut verhaftet. Es hatte den Anschein, dass sie vom Augenblick ihrer Freilassung an bereits wieder neue Verschwörungen ausgeheckt hatten. Bei ihrem zweiten Prozess gestanden die drei dann auch alle ihre alten Verbrechen noch einmal und eine ganze Reihe neue. Die drei wurden hingerichtet und ihr Schicksal in den Annalen der Partei festgehalten als eine Warnung an die Nachwelt. Ungefähr fünf Jahre später hatte Winston gerade ein Bündel Dokumente ausgerollt, die aus der Rohrpost auf seinen Schreibtisch gefallen waren, als er auf ein kleines Stück Papier stieß, das offensichtlich unter die anderen geraten und dann dort vergessen worden war. Als er es flachgedrückt hatte, erkannte er sofort die Bedeutung dieses Papiers: Es war eine halbe Seite, die etwa zehn Jahre zuvor aus der Times herausgerissen worden war – die obere Hälfte, mit der Datumsangabe –, und es war ein Foto der Delegierten einer Parteifeier in New York darauf zu sehen. Hervorstechend in der Mitte der Gruppe waren Jones, Aaronson und Rutherford abgebildet. Sie waren nicht zu verwechseln und außerdem standen deutlich ihre Namen in der Bildunterschrift.

Das Entscheidende daran aber war: In beiden Prozessen hatten alle drei Männer gestanden, dass sie sich genau an jenem Tag auf eurasischem Boden befunden hätten. Sie wären von einem geheimen Flugplatz von Kanada aus zu einem Treffen in Sibirien geflogen und hätten sich mit Mitgliedern des Eurasischen Generalstabs getroffen und an diesen wichtige militärische Geheimnisse verraten. Das Datum war in Winstons Gedächtnis haften geblieben, weil es der Sommeranfang gewesen war; aber die ganze Geschichte musste auch an anderen unzähligen anderen Stellen aufgezeichnet worden sein. So gab es nur eine mögliche Schlussfolgerung: Die Geständnisse waren Lügen.

Selbstverständlich war dies für sich genommen noch keine großartige Entdeckung. Schon vorher hatte Winston sich nicht vorstellen können, dass die Menschen, die bei den Säuberungen ausgelöscht wurden, die ihnen vorgeworfenen Verbrechen tatsächlich begangen hatten. Aber dies hier war etwas anderes: ein konkreter Beweis; es war ein Fragment der verschwundenen Vergangenheit, wie ein fossiler Knochen, der in der falschen Ablagerungsschicht auftaucht und damit eine geologische Theorie zerstört. Dieses kleine Stück Papier genügte, um die Partei in ihre Atome zu zerlegen, wenn es, wie auch immer, veröffentlicht und der Welt sein Inhalt hätte bekanntgemacht werden können.

Winston hatte sich sofort wieder seiner Arbeit zugewandt. Sobald er gesehen hatte, was auf dem Foto zu sehen war, und auch verstanden hatte, was es bedeutete, hatte er es mit einem weiteren Blatt Papier zugedeckt. Zum Glück hatte das Bild, als er das Stück Zeitung ausgerollt hatte, aus Sicht des Teleschirms auf dem Kopf gestanden.

Winston nahm seinen Notizblock auf die Knie und schob seinen Stuhl etwas zurück, um sich so weit wie möglich vom Teleschirm zu entfernen: Ein ausdrucksloses Gesicht zu behalten, war nicht schwer, und mit der nötigen Anstrengung war es auch möglich, den Atem zu kontrollieren, nicht aber den Herzschlag, und der Teleschirm war wahrscheinlich empfindlich genug, auch dieses Geräusch erkennen zu können. Winston ließ seiner Einschätzung nach etwa zehn Minuten vergehen, die ganze Zeit gequält von der Befürchtung, dass ein unvorhergesehenes Ereignis – etwa eine plötzliche Luftbewegung, welche die Papiere aufgedeckt hätte – ihn verraten könnte. Dann, ohne es wieder umzudrehen, ließ er das Foto im Erinnerungsloch verschwinden, zusammen mit einigem anderen Abfall. Innerhalb einer Minute würde es zu Asche zerfallen sein.

Das war zehn oder elf Jahre her. Heute hätte er das Foto wahrscheinlich aufbewahrt. Es war merkwürdig, dass ihm die Tatsache, es in den Fingern gehalten zu haben, selbst jetzt noch einen Unterschied zu machen schien, obwohl doch die Aufnahme selbst wie auch das Ereignis, das sie dokumentiert hatte, längst nur noch Erinnerung waren. War der Einfluss der Partei auf die Vergangenheit weniger stark, fragte er sich, weil ein Beweisstück, das nun nicht mehr existierte, einmal existiert HATTE?

Allerdings wäre das Foto jetzt, selbst einmal unterstellt, dass es aus Asche wiederhergestellt werden könnte, vielleicht nicht einmal mehr ein Beweismittel: Schon zu der Zeit, als Winston seine Entdeckung gemacht hatte, befand sich Ozeanien bereits nicht mehr im Krieg mit Eurasien, und es mussten nun also Agenten Ostasiens gewesen sein, an welche die drei toten Männer ihr Land verraten hatten. Seitdem hatte es weitere Veränderungen gegeben; zwei, drei, er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie viele es gewesen waren. Sehr wahrscheinlich waren die Geständnisse also umgeschrieben und wieder und wieder umgeschrieben worden, bis die ursprünglichen Fakten und Daten nicht mehr die geringste Bedeutung hatten. Die Vergangenheit hatte sich nicht einfach nur verändert, sondern war kontinuierlich umgewandelt worden. Am meisten peinigte ihn allerdings an alldem wie eine geradezu alptraumhafte Empfindung, dass er nie völlig verstanden hatte, aus welchem Grund dieser riesige Aufwand an Lüge und Vertuschung überhaupt betrieben wurde. Die unmittelbaren Vorteile einer Verfälschung der Vergangenheit lagen zwar auf der Hand, aber das letztendliche Motiv blieb undurchschaubar. Winston nahm den Federhalter wieder in die Hand und schrieb:

Ich verstehe, WIE. Aber ich verstehe nicht, WESHALB.

Er fragte sich, wie schon unzählige Male zuvor, ob er ein Wahnsinniger wäre. Vielleicht war ein Wahnsinniger ja auch nur eine Minderheit, die lediglich aus einem einzigen bestand. Einst war es ein Zeichen von Wahnsinn gewesen zu glauben, dass die Erde sich um die Sonne drehte; heute bestand der Irrsinn eben darin zu glauben, dass die Vergangenheit unveränderlich war. Vielleicht war er ALLEIN mit diesem Glauben, und wenn er allein war, dann war er ein Wahnsinniger. Aber der Gedanke, ein Wahnsinniger zu sein, beunruhigte ihn nicht sonderlich, denn das wahrhaft Furchtbare dabei war, dass er sich auch irren konnte.

Er nahm das Geschichtsbuch für Kinder wieder in die Hand und betrachtete das Bild von Big Brother darauf: Die hypnotisierenden Augen blickten in seine eigenen. Es war, als würde eine gewaltige Kraft auf Winston einwirken – eine Kraft, die in der Lage war, in seinen Schädel einzudringen, gegen das Bewusstsein zu kämpfen, mit Gewalt und Schrecken die Überzeugungen daraus zu vertreiben und die Beweiskraft der Sinne zu erschüttern; deren Wahrnehmung zu leugnen. Zum Schluss würde die Partei noch verkünden, dass zwei und zwei fünf ergäben, und es gäbe dann keinen Ausweg mehr, als auch das noch zu glauben. Es war sogar unvermeidlich, dass sie früher oder später diese Behauptung aufstellen würde: Die Logik ihrer Position verlangte es. Nicht so sehr die Gültigkeit der Erfahrung, sondern überhaupt die Existenz einer äußeren Realität wurde von ihrer Philosophie stillschweigend geleugnet. Die Ketzerei aller Ketzereien war gesunder Menschenverstand; war die Annahme, dass etwas außerhalb der eigenen Wahrnehmung und unabhängig davon existieren könnte. Und das Schlimmste daran war nicht etwa, dass die Partei jeden töten würde, der etwas anderes dachte, sondern vielmehr, dass sie damit recht haben könnte: Wie können wir wissen, dass zwei und zwei vier sind? Oder dass die Schwerkraft wirkt? Oder dass die Vergangenheit unveränderlich ist? Wenn sowohl die Vergangenheit als auch die äußere Welt nur innerhalb unseres Verstandes existieren und der Verstand aber vollständig kontrollierbar ist, was dann?

Aber nein! Winston fühlte plötzlich wieder eine Art von innerer Stärke. Das Gesicht O’Briens, von keiner offensichtlichen Assoziation hervorgerufen, war ihm in den Sinn gekommen. Er wusste mit mehr Sicherheit als zuvor, dass O’Brien auf seiner Seite war. Er schrieb das Tagebuch für O’Brien – AN O’Brien; es war wie ein endloser Brief, den niemand jemals lesen würde, der aber an eine bestimmte Person adressiert war und durch diese Tatsache seine Bedeutung erhielt.

Die Partei verlangte von jedem, die Beweiskraft der eigenen Wahrnehmung zu leugnen. DAS war ihr erstes und letztes und wichtigstes Gebot. Winstons Mut sank wieder, als er sich die enorme Macht vorstellte, die sich gegen ihn richtete; die Leichtigkeit, mit der beliebige Parteiintellektuelle imstande wären, ihn in einer Debatte zu übertölpeln; er dachte an die subtilen Argumente, die er nicht verstehen, geschweige denn widerlegen könnte. Und doch hatte er recht! Sie hatten unrecht, und er hatte recht! Das Offensichtliche, das Verrückte und das Wahre mussten verteidigt werden. Wahrheiten sind wahr, nur das zählt! Die materielle, feste Welt existierte, ihre Gesetze änderten sich nicht: Steine sind hart, Wasser ist nass, Objekte fallen zum Erdmittelpunkt hin. Mit dem Gefühl, dass er mit O’Brien sprach, und auch mit der Überzeugung, ein wichtiges Axiom weiterzugeben, schrieb Winston:

Freiheit bedeutet, sagen zu können, dass zwei plus zwei vier ergibt. Wenn das sicher ist, dann folgt alles andere von selbst.

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9783754125281
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