Kitabı oku: «Farm der Tiere»
George Orwell
Farm der Tiere
Eine Märchenerzählung
Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser
Reclam
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961810-4
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014056-7
www.reclam.de
Inhalt
Farm der Tiere
Zu dieser Ausgabe
Nachwort
[5]Farm der Tiere
Eine Märchenerzählung
[7]1
Mr Jones von der Manor Farm hatte die Türen der Hühnerställe für die Nacht verriegelt, war aber zu betrunken, um daran zu denken, auch die Schlupflöcher zu sichern. Vor sich den hin und her tanzenden Lichtkegel seiner Laterne, torkelte er über den Hof, schleuderte an der Hintertür die Stiefel von sich, zapfte sich aus dem Fass in der Spülküche ein letztes Glas Bier und machte sich auf den Weg ins Bett, wo Mrs Jones bereits schnarchte.
Kaum war das Licht im Schlafzimmer erloschen, machte sich in den Wirtschaftsgebäuden ein Gewusel und Geflatter bemerkbar. Tagsüber hatte sich die Nachricht verbreitet, Old Major, der preisgekrönte Middle-White-Eber, habe in der vorhergehenden Nacht einen sonderbaren Traum gehabt, den er den anderen Tieren mitteilen wollte. Es war vereinbart worden, dass sie, sobald Mr Jones endlich aus dem Weg wäre, alle in der großen Scheune zusammenkommen sollten. Old Major (so wurde er stets genannt, obwohl der Name, unter dem er bei der Schau gezeigt worden war, Willingdon Beauty lautete) genoss ein so hohes Ansehen auf der Farm, dass alle bereitwillig eine Stunde Schlaf opferten, um sich anzuhören, was er zu sagen hatte.
An einem Ende der großen Scheune, auf einer Art erhöhtem Podest und unter einer Laterne, die von einem Balken herabhing, hatte sich Major bereits auf seinem Strohbett niedergelassen. Er war zwölf Jahre alt und hatte in letzter Zeit ziemlich zugelegt, war aber noch immer ein majestätisches Schwein von weisem und wohlwollendem Aussehen, obgleich ihm nie die Hauer gestutzt worden waren. Binnen kurzem trafen auch die anderen Tiere ein und [8]machten es sich bequem, ein jegliches nach seiner Art. Zuerst kamen die drei Hunde Bluebell, Jessie und Pincher, dann die Schweine, die sich auf das Stroh unmittelbar vor dem Podest legten. Die Hühner hockten sich auf die Fensterbänke, die Tauben flatterten auf die Dachsparren, die Schafe und die Kühe lagerten sich hinter den Schweinen und begannen wiederzukäuen. Die beiden Zugpferde Boxer und Clover fanden sich gemeinsam ein, sie gingen ganz bedachtsam und setzten ihre mächtigen behaarten Hufe mit großer Sorgfalt, falls sich ein kleines Tier im Stroh versteckte. Clover war eine kräftige, mütterliche Stute, die sich der Lebensmitte näherte und nach dem vierten Fohlen ihre Figur nie wieder ganz zurückbekommen hatte. Boxer war ein gewaltiges Tier, er hatte ein Stockmaß von 183 Zentimetern und war so stark wie zwei gewöhnliche Pferde zusammengenommen. Ein weißer Streifen auf dem Nasenrücken verlieh ihm ein leicht dümmliches Aussehen, und tatsächlich war er nicht eben von erstrangiger Intelligenz, wurde aufgrund seiner Charakterfestigkeit und seiner ungeheuren Arbeitskraft jedoch allseits geachtet. Nach den Pferden trafen Muriel, die weiße Ziege, und Benjamin, der Esel, ein. Benjamin war das älteste Tier auf der Farm und das übellaunigste. Er sprach selten, und wenn er es tat, dann gewöhnlich nur, um eine zynische Bemerkung von sich zu geben – so sagte er etwa, dass Gott ihm zwar einen Schwanz geschenkt habe, um die Fliegen fernzuhalten, doch lieber wären ihm kein Schwanz und auch keine Fliegen gewesen. Als einziges Tier auf der Farm lachte er nie. Auf die Frage, warum, antwortete er dann wohl, er sehe nichts, worüber er lachen könne. Dennoch war er, ohne es offen zuzugeben, Boxer treu ergeben; die Sonntage [9]verbrachten die beiden meist gemeinsam auf der kleinen Koppel hinter dem Obstgarten, wo sie Seite an Seite grasten und schwiegen.
Die beiden Pferde hatten sich eben hingelegt, als eine Schar Entlein, die ihre Mutter verloren hatten, schwach piepsend in die Scheune gewatschelt kam und von einer Ecke zur anderen irrte, um ein Plätzchen zu finden, wo sie nicht zertrampelt würden. Mit ihrem großen Vorderbein bildete Clover eine Art Mauer um sie herum, und die Entlein kuschelten sich hin und schlummerten unverzüglich ein. Im letzten Moment tänzelte, an einem Stück Zucker kauend, anmutig Mollie herein, die törichte, hübsche weiße Stute, die Mr Jones’ Einspänner zog. Sie wählte einen Platz weiter vorne und schüttelte ihre weiße Mähne in der Hoffnung, Aufmerksamkeit auf die roten Bänder zu lenken, die hineingeflochten waren. Zu guter Letzt kam die Katze, die sich wie immer nach dem wärmsten Fleckchen umsah und sich schließlich zwischen Boxer und Clover schmiegte; während Majors Rede schnurrte sie dort zufrieden, ohne auch nur ein Wort von dem zu hören, was er sagte.
Nunmehr waren alle Tiere anwesend, außer Moses, dem zahmen Raben, der auf einer Stange hinter der rückwärtigen Tür schlief. Als Major sah, dass sich alle bequem eingerichtet hatten und gespannt warteten, räusperte er sich und hob an:
»Genossen, ihr habt bereits von dem sonderbaren Traum gehört, den ich letzte Nacht hatte. Auf diesen Traum werde ich später eingehen. Zunächst habe ich etwas anderes zu sagen. Ich glaube nicht, Genossen, dass ich noch viele Monate unter euch weilen werde, und bevor ich sterbe, sehe ich es [10]als meine Plicht an, euch die Weisheit zu vermitteln, die ich mir erworben habe. Ich habe ein langes Leben gehabt; wenn ich allein in meinem Koben lag, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, und ich glaube, ich kann sagen, dass ich das Wesen unseres Daseins auf dieser Erde so gut wie jedes andere heute lebende Tier verstehe. Darüber möchte ich mit euch sprechen.
Nun, Genossen, was ist das Wesen unseres Daseins? Seien wir ehrlich: Unser Dasein ist elend, mühsam und kurz. Wir werden geboren, wir kriegen gerade mal so viel Futter, dass uns der Atem nicht ausgeht; diejenigen von uns, die dazu in der Lage sind, werden gezwungen, bis zum letzten Rest ihrer Kräfte zu arbeiten; und sobald es mit unserer Nützlichkeit zu Ende geht, werden wir mit abscheulicher Grausamkeit geschlachtet. Kein Tier in England, wenn es erst einmal ein Jahr alt ist, kennt noch die Bedeutung von Glück oder Muße. Kein Tier in England ist frei. Das Leben eines Tieres ist Elend und Sklaverei. Das ist die ungeschminkte Wahrheit.
Aber ist das schlicht und einfach Teil der natürlichen Ordnung? Liegt es daran, dass unser Land so arm ist, dass denen, die darin leben, kein anständiges Leben ermöglicht werden kann? Nein, Genossen, tausendmal nein! Der Boden Englands ist fruchtbar, sein Klima günstig; England könnte einer viel größeren Anzahl von Tieren, als es jetzt bewohnen, Futter im Überfluss bieten. Diese eine Farm würde ein Dutzend Pferde, zwanzig Kühe, Hunderte von Schafen ernähren – und sie alle könnten in einer Behaglichkeit und Würde leben, die unsere heutige Vorstellungskraft fast übersteigt. Warum dann lassen wir diese elenden Zustände fortdauern? Weil uns fast alle Erträge unserer Arbeit [11]vom Menschen gestohlen werden. Das, Genossen, ist die Ursache aller unserer Probleme. Sie lässt sich in einem Wort zusammenfassen – Mensch. Er ist der einzig wahre Feind, den wir haben. Man entferne den Menschen von der Bildfläche, und die Hauptursache für Hunger und Überarbeitung wäre für immer beseitigt.
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das konsumiert, ohne zu produzieren. Er gibt keine Milch, er legt keine Eier, er ist zu schwach, um den Pflug zu ziehen, er kann nicht schnell genug rennen, um Kaninchen zu fangen. Und doch ist er Herr über alle Tiere. Er lässt sie arbeiten, er gibt ihnen nur das Allernotwendigste zurück, damit sie nicht verhungern, und den Rest behält er für sich. Unsere Arbeit bestellt den Boden, unser Mist düngt ihn, und doch gibt es unter uns keinen, dem mehr gehört als die nackte Haut. Ihr Kühe, die ich euch vor mir sehe, wie viele tausend Liter Milch habt ihr im vergangenen Jahr gegeben? Und was ist aus all der Milch geworden, mit der ihr kräftige Kälber hättet aufziehen sollen? Jeder Tropfen davon ist in die Kehlen unserer Feinde geflossen. Und ihr Hennen, wie viele Eier habt ihr im vergangenen Jahr gelegt, und aus wie vielen dieser Eier sind jemals Küken geschlüpft? Die übrigen sind alle auf den Markt gebracht worden, damit Jones und seine Männer damit Geld verdienen. Und du, Clover, wo sind die vier Fohlen, die du zur Welt gebracht hast und die dir eine Stütze und eine Freude im Alter hätten sein sollen? Jedes wurde verkauft, als es ein Jahr alt war – keines von ihnen wirst du jemals wiedersehen. Was hast du für deine viermalige Niederkunft und für all die Arbeit auf den Feldern je erhalten außer knappe Rationen und ein Dach überm Kopf?
[12]Und das elende Leben, das wir führen, darf nicht einmal seinen natürlichen Lauf vollenden. Was mich selbst anbelangt, will ich nicht murren, bin ich doch einer der Glücklichen. Ich bin zwölf Jahre alt und habe mehr als vierhundert Kinder gezeugt. Das ist das natürliche Leben eines Schweines. Doch am Ende entgeht kein Tier dem grausamen Messer. Ihr jungen Mastschweine, die ihr hier vor mir sitzt, binnen eines Jahres wird sich ein jedes von euch auf dem Block das Leben aus dem Halse schreien. Gegen dieses Grauen ist keiner von uns gefeit – weder Kühe noch Schweine, Hühner, Schafe, niemand. Selbst die Pferde und die Hunde kennen kein besseres Schicksal. Dich, Boxer, wird Jones an dem Tag, an dem deine starken Muskeln ihre Kraft einbüßen, an den Abdecker verkaufen, der dir die Kehle durchschneiden und dich einkochen wird für die Jagdhunde. Was die Hunde betrifft, so wird ihnen Jones, wenn sie alt und zahnlos werden, einen Ziegelstein um den Hals binden und sie im nächsten Teich ertränken.
Ist es nicht sonnenklar, Genossen, dass alle Übel unseres Lebens der Tyrannei menschlicher Wesen entspringen? Lasst uns den Menschen abschütteln, und die Früchte unserer Arbeit werden uns gehören. Fast über Nacht könnten wir reich und frei werden. Was also müssen wir tun? Tag und Nacht mit Leib und Seele auf den Sturz der Menschheit hinarbeiten! Das ist meine Botschaft an euch, Genossen: Rebellion! Ich weiß nicht, wann es zu dieser Rebellion kommen wird, vielleicht in einer Woche oder in hundert Jahren, aber so gewiss, wie ich das Stroh unter meinen Füßen sehe, weiß ich, dass früher oder später Gerechtigkeit walten wird. Darauf, Genossen, richtet für den kurzen Rest eures Lebens euren Blick! Vor allem aber gebt diese meine [13]Botschaft an diejenigen weiter, die nach euch kommen, damit künftige Generationen den Kampf fortsetzen, bis er siegreich ist.
Und denkt daran, Genossen, eure Entschlossenheit darf niemals nachlassen. Kein Argument darf euch in die Irre führen. Hört nicht darauf, wenn sie euch einreden wollen, Mensch und Tier hätten ein gemeinsames Interesse, der Wohlstand des einen sei der Wohlstand des anderen. Das alles sind Lügen. Der Mensch dient den Interessen keines Geschöpfes außer sich selbst. Und unter uns Tieren sollte vollkommene Einigkeit herrschen, vollkommene Kampfgenossenschaft. Alle Menschen sind Feinde. Alle Tiere sind Genossen.«
In diesem Moment entstand ein gewaltiger Aufruhr. Noch während Major sprach, waren vier große Ratten aus ihren Löchern gekrochen, saßen jetzt auf ihrem Hinterteil und hörten ihm zu. Plötzlich hatten die Hunde sie erspäht, und nur durch einen schnellen Sprung in ihre Löcher retteten die Ratten ihr Leben. Major hob einen Huf und gebot Schweigen.
»Genossen«, sagte er, »das ist ein Punkt, der geklärt werden muss. Die wilden Geschöpfe wie Ratten und Kaninchen – sind sie unsere Freunde oder unsere Feinde? Lasst uns darüber abstimmen. Ich lege der Versammlung folgende Frage vor: Sind Ratten Genossen?«
Die Abstimmung erfolgte sogleich, und mit überwältigender Mehrheit wurde entschieden, dass Ratten Genossen seien. Es gab nur vier Andersdenkende, die drei Hunde und die Katze, von der sich später herausstellte, dass sie sowohl mit Ja als auch mit Nein gestimmt hatte. Major fuhr fort:
[14]»Sehr viel mehr habe ich nicht zu sagen. Ich wiederhole nur: Denkt stets an eure Pflicht zur Feindschaft gegenüber dem Menschen und all seinen Gebräuchen. Was auch immer auf zwei Beinen läuft, ist ein Feind. Was auf vier Beinen läuft oder Flügel hat, ist ein Freund. Und denkt daran, dass es im Kampf gegen den Menschen nicht dazu kommen darf, dass wir ihm ähnlich werden. Selbst wenn ihr ihn besiegt habt, macht euch seine Laster nicht zu eigen. Kein Tier darf jemals in einem Haus wohnen, in einem Bett schlafen, Kleidung tragen, Alkohol trinken, Tabak rauchen, Geld anrühren oder Handel treiben. Alle Gewohnheiten des Menschen sind böse. Vor allem aber darf kein Tier jemals seinesgleichen tyrannisieren. Schwach oder stark, klug oder eher schlicht, wir alle sind Brüder. Kein Tier darf jemals ein anderes Tier töten. Alle Tiere sind gleich.
Und nun, Genossen, werde ich euch von meinem Traum der letzten Nacht erzählen. Ich kann euch diesen Traum nicht beschreiben. Es war ein Traum von der Erde, wie sie einmal sein wird, wenn der Mensch verschwunden ist. Aber er erinnerte mich an etwas, das ich längst vergessen hatte. Vor vielen Jahren, als ich noch ein kleines Ferkel war, sangen meine Mutter und die anderen Sauen immer wieder ein altes Lied, von dem sie nur die Melodie und die ersten drei Wörter behalten hatten. Diese Melodie war mir in meiner Kindheit bekannt, dann aber lange entfallen. In meinem Traum letzte Nacht fiel sie mir jedoch wieder ein. Mehr noch, auch die Worte des Liedes fielen mir wieder ein – Worte, da bin ich mir sicher, die von den Tieren in alten Zeiten gesungen wurden und schon vor Generationen in Vergessenheit geraten waren. Dieses Lied will ich euch jetzt vorsingen, Genossen. Ich bin alt, und meine Stimme [15]ist heiser, aber wenn ich euch die Melodie beigebracht habe, könnt ihr sie selbst besser singen. Es heißt ›Tiere Englands‹.«
Old Major räusperte sich und begann zu singen. Seine Stimme war, wie er gesagt hatte, heiser, aber er sang doch recht leidlich, und es war eine mitreißende Melodie, ein Mittelding zwischen »Oh My Darlin’ Clementine« und »La Cucaracha«. Die Worte lauteten:
Tiere Englands, Tiere Irlands,
Tiere aller Länder, Breiten,
Höret meine frohe Kunde
Von den künft’gen gold’nen Zeiten.
Seid gewiss, der Tag wird kommen,
Da wir stürzen den Tyrannen,
Von den satten Fluren Englands
Werden wir den Menschen bannen.
Keine Ringe durch die Nasen,
Auf dem Rücken kein Geschirr,
Sporen und Gebiss verrosten,
Keine Peitsche wird mehr schwirr’n.
Reichtum über alle Maßen,
Weizen, Gerste, Hafer, Klee,
Bohnen, Heu und Mangoldwurzeln
Werden unser sein, juchhe!
Englands Felder werden leuchten,
Reiner seine Wasser sein,
[16]Lauer seine Lüfte wehen,
Wenn vom Joch wir uns befrei’n.
Diesen Tag gilt’s zu erkämpfen,
Droht uns vorher auch der Tod;
Kühe, Pferde, Puten, Gänse:
Für die Freiheit, gegen Not!
Tiere Englands, Tiere Irlands,
Tiere aller Länder, Breiten,
Hört und predigt diese Kunde
Von den künft’gen gold’nen Zeiten.
Das Singen dieses Liedes versetzte die Tiere in die wildeste Aufregung. Noch bevor Major zu Ende gesungen hatte, stimmten sie es schon selber an. Sogar die Dümmsten unter ihnen hatten sich die Melodie bereits angeeignet und einige Worte aufgeschnappt, und was die Schlauen anbelangte, etwa die Schweine und die Hunde, so hatten sie das ganze Lied binnen weniger Minuten auswendig gelernt. Und dann, nach einigen ersten Anläufen, schmetterte die ganze Farm in einem gewaltigen Chor »Tiere Englands«. Die Kühe muhten es, die Hunde kläfften es, die Schafe blökten es, die Pferde wieherten es, die Enten quakten es. So begeistert waren sie von dem Lied, dass sie es fünfmal hintereinanderweg sangen und es vielleicht die ganze Nacht hindurch gesungen hätten, wären sie nicht unterbrochen worden.
Unglücklicherweise weckte der Aufruhr Mr Jones, der in der Überzeugung, dass sich ein Fuchs auf den Hof geschlichen hatte, aus dem Bett sprang. Er ergriff die Schrotflinte, [17]die stets in einer Ecke seines Schlafzimmers stand, und feuerte einen Posten in die Dunkelheit. Die Kugeln bohrten sich in die Scheunenwand, und die Versammlung löste sich eilends auf. Jeder floh zu seinem eigenen Schlafplatz. Die Hühner hüpften auf ihre Sitzstangen, die Säugetiere ließen sich im Stroh nieder, und bald darauf schlief die ganze Farm.
[18]2
Drei Nächte später starb Old Major friedlich im Schlaf. Sein Leichnam wurde am Ende des Obstgartens beigesetzt.
Das war Anfang März. In den nächsten drei Monaten gab es allerlei geheime Umtriebe. Majors Rede hatte den intelligenteren Tieren der Farm eine völlig neue Sichtweise auf das Leben eröffnet. Sie wussten nicht, wann die von Major vorhergesagte Rebellion stattfinden würde, noch hatten sie Grund zu der Annahme, sie werde noch zu ihren Lebzeiten stattfinden, aber sie sahen deutlich, dass es ihre Pflicht war, sich auf sie vorzubereiten. Natürlich fiel die Aufgabe, die Übrigen zu unterweisen und zu organisieren, den Schweinen zu, welche allgemein als die klügsten der Tiere galten. Unter den Schweinen ragten zwei junge Eber namens Snowball und Napoleon heraus, die Mr Jones aufgezogen hatte, um sie als Zuchteber zu verkaufen. Napoleon war ein großer, recht grimmig aussehender Berkshire-Eber, das einzige Berkshire-Schwein auf der Farm; er war kein großer Redner, stand jedoch in dem Ruf, sich durchsetzen zu können. Snowball war temperamentvoller als Napoleon, redegewandter und einfallsreicher, galt jedoch als weniger charakterstark. Alle anderen männlichen Schweine auf der Farm waren Mastschweine. Das bekannteste unter ihnen war ein kleines fettes Schwein namens Squealer mit sehr runden Wangen, blinzelnden Äuglein, flinken Bewegungen und einer schrillen Stimme. Er war ein glänzender Redner, und wenn er ein schwieriges Argument vortrug, hatte er eine Art, hin und her zu hopsen und mit seinem Ringelschwänzchen zu wackeln, die irgendwie sehr [19]überzeugend wirkte. Die anderen sagten Squealer nach, er könne einem ein X für ein U vormachen.
Die drei hatten die Lehren Old Majors zu einem vollständigen Denksystem ausgearbeitet, dem sie den Namen Animalismus gaben. Mehrere Nächte pro Woche hielten sie, wenn Mr Jones schlief, in der Scheune Geheimtreffen ab und legten den anderen die Grundsätze des Animalismus dar. Anfangs stießen sie auf viel Unverständnis und Apathie. Einige der Tiere sprachen von einer Loyalitätspflicht gegenüber Mr Jones, den sie als ihren »Herrn« bezeichneten, oder machten grundlegende Bemerkungen wie »Mr Jones füttert uns. Wenn er fort wäre, würden wir verhungern«. Andere stellten Fragen wie »Was kümmert es uns, was nach unserem Tod geschieht?« oder »Wenn die Rebellion ohnehin stattfindet, was macht es da für einen Unterschied, ob wir für sie arbeiten oder nicht?«, und die Schweine hatten größte Mühe, ihnen begreiflich zu machen, dass dies dem Geist des Animalismus widersprach. Die törichtesten Fragen kamen von Mollie, der Schimmelstute. Die erste Frage, die sie an Snowball richtete, lautete: »Wird es nach der Rebellion noch Zucker geben?«
»Nein«, sagte Snowball nachdrücklich. »Eine Möglichkeit, auf der Farm Zucker herzustellen, haben wir nicht. Außerdem brauchst du keinen Zucker. Du wirst so viel Hafer und Heu haben, wie du willst.«
»Und werde ich noch Bänder in meiner Mähne tragen dürfen?«, fragte Mollie.
»Genossin«, sagte Snowball, »die Bänder, die dir so am Herzen liegen, sind Abzeichen der Sklaverei. Verstehst du nicht, dass Freiheit wertvoller ist als Bänder?«
Mollie stimmte zu, klang aber nicht sehr überzeugt.
[20]Noch mehr Mühe hatten die Schweine dabei, den Lügen entgegenzutreten, die Moses, der zahme Rabe, verbreitete. Moses, Mr Jones’ Lieblingshaustier, war ein Spitzel und Zuträger, aber auch ein geschickter Redner. Er behauptete, von der Existenz eines mysteriösen Landes namens Kandelzuckerberg zu wissen, in das alle Tiere nach ihrem Tod eingehen würden. Es liege irgendwo am Himmel droben, gleich hinter den Wolken, sagte Moses. In Kandelzuckerberg sei sieben Tage in der Woche Sonntag, der Klee grüne das ganze Jahr hindurch, und in den Hecken wüchsen Würfelzucker und Leinsamenkuchen. Die Tiere hassten Moses, weil er Ammenmärchen erzählte, statt zu arbeiten, aber einige von ihnen glaubten doch an den Kandelzuckerberg, und die Schweine mussten hartnäckig argumentieren, um sie davon zu überzeugen, dass es einen solchen Ort nicht gab.
Ihre treuesten Anhänger waren die Zugpferde Boxer und Clover. Diesen beiden fiel es sehr schwer, selbstständig nachzudenken, doch nachdem sie die Schweine erst einmal als ihre Lehrmeister akzeptiert hatten, sogen sie alles auf, was ihnen gesagt wurde, und reichten es vereinfacht an die übrigen Tiere weiter. Sie fehlten bei keinem der Geheimtreffen in der Scheune und leiteten den Gesang von »Tiere Englands«, mit dem jede Versammlung schloss.
Wie sich herausstellte, gelang die Rebellion viel früher und leichter, als irgendjemand erwartet hatte. In den vergangenen Jahren war Mr Jones, obgleich ein gestrenger Herr, ein fähiger Farmer gewesen, in letzter Zeit aber war es mit ihm bergab gegangen. Nachdem er in einem Rechtsstreit Geld verloren hatte, war er sehr verzagt geworden und hatte sich mehr als ihm guttat aufs Trinken verlegt. [21]Ganze Tage lang faulenzte er dann auf seinem Windsor-Stuhl in der Küche, las Zeitung, sprach dem Alkohol zu und fütterte Moses gelegentlich mit in Bier aufgeweichten Brotkrusten. Seine Männer waren träge und unredlich, die Felder standen voller Unkraut, die Gebäude brauchten neue Dächer, die Hecken wurden vernachlässigt, die Tiere waren unterernährt.
Es kam der Juni, und das Gras war fast schnittreif. Am Mittsommerabend, einem Samstag, fuhr Mr Jones nach Willingdon und betrank sich so stark im Red Lion, dass er erst am Sonntagmittag zurückkehrte. Die Männer hatten frühmorgens die Kühe gemolken und waren danach auf die Kaninchenjagd gegangen, ohne sich die Mühe zu machen, die Tiere zu füttern. Als Mr Jones zurückkam, schlief er, die News of the World über dem Gesicht, auf dem Wohnzimmersofa sofort ein, sodass die Tiere, als es Abend wurde, noch immer nichts zu fressen bekommen hatten. Schließlich hielten sie es nicht länger aus. Eine der Kühe brach mit den Hörnern die Tür des Vorratsschuppens auf, und sämtliche Tiere fingen an, sich aus den Tonnen zu bedienen. Genau in diesem Augenblick erwachte Mr Jones. Gleich darauf standen er und seine vier Männer mit Peitschen in den Händen im Vorratsschuppen und schlugen nach allen Seiten um sich. Das war mehr, als die ausgehungerten Tiere ertragen konnten. Obwohl nichts dergleichen geplant war, stürzten sie sich geschlossen auf ihre Peiniger. Plötzlich sahen sich Jones und seine Männer von allen Seiten gestoßen und getreten. Sie bekamen die Situation überhaupt nicht mehr unter Kontrolle. Noch nie hatten sie erlebt, dass Tiere sich so benahmen, und der plötzliche Aufstand der Geschöpfe, die sie nach Belieben zu prügeln und zu [22]misshandeln gewohnt waren, ängstigte sie fast zu Tode. Schon nach ein, zwei Augenblicken gaben sie den Versuch, sich zu verteidigen, auf und suchten das Weite. Eine Minute später flohen alle fünf Hals über Kopf auf dem Feldweg, der zur Hauptstraße führte, und die Tiere verfolgten sie im Triumph.
Mrs Jones blickte aus dem Schlafzimmerfenster, sah, was geschah, warf eilig ein paar Besitztümer in eine Reisetasche und stahl sich auf anderem Wege von der Farm. Moses hüpfte von seiner Stange und flatterte laut krächzend hinter ihr her. Unterdessen hatten die Tiere Jones samt seinen Männern auf die Landstraße gejagt und das Weidetor hinter ihnen zugeschlagen. Und so war die Rebellion, noch ehe sie wussten, wie ihnen geschah, erfolgreich durchgeführt worden: Jones war vertrieben, und die Manor Farm gehörte ihnen.
In den ersten Minuten konnten die Tiere ihr Glück kaum fassen. Als Allererstes galoppierten sie gemeinsam die Grenzen der Farm entlang, als wollten sie sich vergewissern, dass sich nirgends ein menschliches Wesen versteckt hielt; dann rannten sie zurück zu den Wirtschaftsgebäuden, um die letzten Spuren von Jones’ verhasster Herrschaft zu beseitigen. Die Geschirrkammer am Ende der Ställe wurde aufgebrochen; Trensen, Nasenringe, Hundeketten und die grausamen Messer, mit denen Mr Jones Ferkel und Lämmer kastriert hatte, wurden samt und sonders in den Brunnen geworfen. Zügel, Halfter, Scheuklappen, die erniedrigenden Futtersäcke wurden auf das Müllfeuer geschleudert, das im Hof brannte. Ebenso die Peitschen. Als sie sahen, wie die Peitschen in Flammen aufgingen, hüpften alle Tiere vor Freude. Auch die Bänder, [23]mit denen gewöhnlich an Markttagen Mähnen und Schweife der Pferde geschmückt worden waren, warf Snowball ins Feuer.
»Bänder«, sagte er, »sollten als Kleidungsstücke eingestuft werden, das Erkennungszeichen eines Menschenwesens. Alle Tiere sollten nackt herumlaufen.«
Als Boxer das hörte, holte er den kleinen Strohhut, den er im Sommer trug, um die Fliegen von seinen Ohren fernzuhalten, und warf ihn mit dem Rest ins Feuer.
In kürzester Zeit hatten die Tiere alles vernichtet, was sie an Mr Jones erinnerte. Daraufhin führte Napoleon sie zurück in den Schuppen und setzte allen eine doppelte Ration Getreide vor, mit zwei Leckerli für jeden Hund. Alsdann sangen sie siebenmal hintereinander »Tiere Englands« von Anfang bis Ende; danach ließen sie sich für die Nacht nieder und schliefen, wie sie noch nie zuvor geschlafen hatten.
Doch bei Tagesanbruch erwachten sie wie gewöhnlich, und als sie sich plötzlich der ruhmreichen Vorgänge erinnerten, stürmten alle zusammen hinaus auf die Weide. Etwas weiter unten auf der Weide befand sich eine kleine Anhöhe, die einen Ausblick auf den größten Teil der Farm gewährte. Die Tiere eilten hinauf und blickten sich um im klaren Morgenlicht. Ja, sie gehörte ihnen – alles, was sie sehen konnten, gehörte ihnen! Bei dieser erregenden Vorstellung tanzten sie immer wieder umher und machten vor Begeisterung große Luftsprünge. Sie wälzten sich im Tau, rupften das süße Sommergras ab, rissen schwarze Erdklumpen aus dem Boden und sogen deren würzigen Duft ein. Dann machten sie einen Rundgang über die ganze Farm und inspizierten voll sprachloser Bewunderung das [24]Ackerland, die Heuwiese, den Obstgarten, den Teich, das Gehölz. Es war, als hätten sie diese Dinge noch nie zuvor gesehen, und selbst jetzt konnten sie kaum fassen, dass all das ihnen gehörte.
Dann marschierten sie einer nach dem anderen zu den Wirtschaftsgebäuden zurück und blieben schweigend vor der Tür des Farmhauses stehen. Auch dieses gehörte ihnen, doch fürchteten sie sich davor, hineinzugehen. Aber nach einem kurzen Moment stießen Snowball und Napoleon mit den Schultern die Tür auf, und die Tiere traten der Reihe nach ein. Aus Furcht, etwas durcheinanderzubringen, bewegten sie sich mit größter Vorsicht. Behutsam zogen sie von Zimmer zu Zimmer, hatten Angst, lauter als im Flüsterton zu reden, und besahen mit einer Art Ehrfurcht den unglaublichen Luxus: die Betten mit ihren Federmatratzen, die Spiegel, das Rosshaarsofa, den Brüsseler Teppich, die Lithographie der Königin Victoria über dem Kaminsims des Wohnzimmers. Eben kamen sie die Treppe herab, als sie entdeckten, dass Mollie fehlte. Sie kehrten um und stellten fest, dass sie im schönsten der Schlafzimmer zurückgeblieben war. Von Mrs Jones’ Frisierkommode hatte sie ein Stück blaues Band genommen, hielt es sich an die Schulter und bewunderte sich naiv im Spiegel. Die anderen tadelten sie heftig, und zusammen gingen sie wieder hinaus. Einige Schinken, die in der Küche hingen, wurden zur Bestattung nach draußen geschafft, und das Bierfass in der Spülküche schlug Boxer mit einem Huftritt ein, ansonsten wurde im Haus nichts angetastet. An Ort und Stelle fassten sie den einstimmigen Beschluss, das Farmhaus als Museum zu erhalten. Alle waren sich einig, dass dort niemals ein Tier wohnen durfte.
[25]Die Tiere frühstückten, dann riefen Snowball und Napoleon sie wieder zusammen.
»Genossen«, sagte Snowball, »es ist halb sieben, und wir haben einen langen Tag vor uns. Heute beginnen wir mit der Heuernte. Doch zunächst müssen wir uns um etwas anderes kümmern.«
Nunmehr enthüllten die Schweine, dass sie sich mit Hilfe einer alten Fibel, die Mr Jones’ Kindern gehört hatte und die auf den Müll geworfen worden war, in den vergangenen drei Monaten Lesen und Schreiben beigebracht hatten. Napoleon ließ Töpfe mit schwarzer und weißer Farbe kommen und ging voran zu dem Weidetor, das zur Hauptstraße führte. Dann klemmte sich Snowball (denn es war Snowball, der am besten schreiben konnte) einen Pinsel zwischen die Klauen eines Hufs, übermalte die auf dem obersten Querbalken angebrachte Inschrift MANOR FARM und schrieb stattdessen FARM DER TIERE. So sollte die Farm fortan heißen. Danach gingen sie wieder zu den Wirtschaftsgebäuden, wo Snowball und Napoleon nach einer Leiter schickten, die sie an die Stirnwand der großen Scheune lehnen ließen. Sie erklärten, im Zuge ihrer dreimonatigen Studien sei es den Schweinen gelungen, die Grundsätze des Animalismus auf sieben Gebote zu reduzieren. Diese sieben Gebote würden jetzt an die Wand geschrieben werden; sie bildeten das unabänderliche Gesetz, nach dem alle Tiere auf der Farm der Tiere bis an ihr Ende leben müssten. Mit einiger Mühe (denn für ein Schwein ist es nicht einfach, auf einer Leiter zu balancieren) kletterte Snowball hinauf und machte sich an die Arbeit, während Squealer ein paar Sprossen unter ihm den Farbtopf hielt. In großen weißen Lettern, die man noch aus dreißig Metern [26]Entfernung lesen konnte, wurden die Gebote auf die geteerte Wand gepinselt. Sie lauteten wie folgt:
DIE SIEBEN GEBOTE
1 Was auf zwei Beinen läuft, ist ein Feind.
2 Was auf vier Beinen läuft oder Flügel hat, iгt ein Froind.
3 Kein Tier soll Kleidung tragen.
4 Kein Tier soll in einem Bett schlafen.
5 Kein Tier soll Alkohol trinken.
6 Kein Tier soll ein anderes Tier töten.
7 Alle Tiere sind gleich.
Die Schrift war sehr ordentlich und die Schreibweise bis auf das Wort »Froind« statt »Freund« und ein seitenverkehrtes »s« durchweg korrekt. Zum Nutzen der Allgemeinheit las Snowball die Gebote laut vor. Alle Tiere nickten zum Zeichen völligen Einverständnisses, und die gewitzteren begannen sogleich, die Gebote auswendig zu lernen.
»Jetzt, Genossen«, rief Snowball und warf den Pinsel von sich, »auf zur Heuwiese! Es sollte uns eine Ehrensache sein, die Ernte schneller einzubringen, als es Jones und seine Männer konnten.«
Doch in diesem Moment ließen die drei Kühe, die schon seit einiger Zeit unruhig gewirkt hatten, ein lautes Brüllen vernehmen. Sie waren vierundzwanzig Stunden lang nicht gemolken worden, und ihre Euter platzten fast. Nach kurzem Nachdenken ließen die Schweine Eimer holen und melkten die Kühe mit einigem Erfolg, denn für diese Aufgabe waren ihre Hufe bestens geeignet. Bald standen da [27]fünf Eimer mit schäumender cremiger Milch, die viele der Tiere mit beträchtlichem Interesse beäugten.
»Was wird jetzt aus der vielen Milch?«, fragte jemand.
»Manchmal hat Jones etwas davon in unseren Brei gemischt«, bemerkte eine der Hennen.
»Vergesst die Milch, Genossen!«, rief Napoleon und stellte sich vor die Eimer. »Jemand wird sich darum kümmern. Die Ernte ist wichtiger. Genosse Snowball wird euch anführen. Ich werde in wenigen Minuten folgen. Vorwärts, Genossen! Das Heu wartet.«
So zogen die Tiere hinunter zur Heuwiese, um mit der Ernte zu beginnen, und als sie am Abend zurückkamen, bemerkten sie, dass die Milch verschwunden war.
[28]3
Wie sie schufteten und schwitzten, um das Heu einzubringen! Doch ihre Mühe wurde belohnt, denn die Ernte war ein noch größerer Erfolg, als sie sich erhofft hatten.
Mitunter war die Arbeit hart; die Gerätschaften waren ja für Menschen und nicht für Tiere gemacht, und es war ein großer Nachteil, dass keines der Tiere Werkzeuge benutzen konnte, bei denen es auf den Hinterbeinen stehen musste. Allerdings waren die Schweine so schlau, dass ihnen für jedes Problem eine Lösung einfiel. Was die Pferde betraf, so kannten sie jeden Fußbreit Boden und verstanden sich weit besser auf das Geschäft des Mähens und Zusammenrechens als Jones und seine Männer. Die Schweine arbeiteten nicht im eigentlichen Sinne, sondern dirigierten und überwachten die anderen. Dank ihrem überlegenen Wissen übernahmen sie ganz selbstverständlich die Führung. Boxer und Clover spannten sich vor den Mähwagen oder den Pferderechen (natürlich waren jetzt keine Trensen oder Zügel mehr nötig) und stapften stetig über das Feld, während ein Schwein hinterdreinlief und je nachdem »Hüa, Genosse!« oder »Brr, Genossin!« rief. Und jedes Tier, bis hinunter zum kleinsten, beteiligte sich daran, das Heu zu wenden und einzusammeln. Selbst die Enten und Hühner plagten sich den ganzen Tag in der Sonne und trugen winzige Büschel Heu in den Schnäbeln. Am Ende schlossen sie die Ernte zwei Tage früher ab, als Jones und seine Männer es getan hätten. Überdies war es die größte Ernte, die die Farm je gesehen hatte. Es gab nicht die geringste Verschwendung; mit ihrem scharfen Blick hatten die Hühner und Enten noch den allerletzten Halm aufgepickt. Und [29]kein Tier auf der Farm hatte auch nur einen Bissen veruntreut.
Den ganzen Sommer über lief die Arbeit auf der Farm wie am Schnürchen. Die Tiere waren so glücklich, wie sie es sich in ihren kühnsten Träumen nicht hatten vorstellen können. Jeder Bissen war ein Hochgenuss, nun da es wirklich ihr eigenes Futter war, produziert von ihnen selbst für sie selbst und nicht von einem missgünstigen Herrn an sie ausgeteilt. Seit dem Verschwinden der nichtsnutzigen, schmarotzenden Menschen hatte ein jedes mehr zu fressen. Auch mehr Muße gab es, so unerfahren die Tiere auch waren. Sie hatten mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen – als sie zum Beispiel später im Jahr das Getreide ernteten, mussten sie es nach uralter Sitte mit den Füßen austreten und die Spreu mit ihrem Atem wegblasen, da die Farm keine Dreschmaschine besaß – doch die Schweine mit ihrer Schlauheit und Boxer mit seiner ungeheuren Muskelkraft befreiten sie aus jeder misslichen Lage. Boxer wurde von allen bewundert. Er war schon zu Jones’ Zeiten ein Schwerstarbeiter gewesen, jetzt aber glich er eher drei Pferden als einem; es gab Tage, an denen die gesamte Arbeit auf seinen mächtigen Schultern zu lasten schien. Von morgens bis abends schob und zog er, und zwar immer dort, wo die Arbeit am schwersten war. Mit einem der Hähne hatte er vereinbart, er solle ihn morgens eine halbe Stunde früher als alle anderen wecken, dann leistete er da, wo sie am dringendsten benötigt wurde, Freiwilligenarbeit, ehe der reguläre Werktag begann. Seine Antwort auf jedes Problem, auf jeden Rückschlag lautete: »Ich werde noch härter arbeiten!« – ein Satz, den er als seinen persönlichen Leitspruch gewählt hatte.
[30]Aber ein jedes arbeitete nach seinen Möglichkeiten. Bei der Ernte retteten etwa die Hühner und die Enten fünf Scheffel Getreide, indem sie die verstreuten Körner auflasen. Niemand stahl, niemand murrte über seine Rationen; Zänkereien, scharfe Kritik und Eifersucht, die früher ihr Leben geprägt hatten, waren fast ganz verschwunden. Niemand drückte sich – oder wenigstens fast niemand. Mollie kam zugegebenermaßen morgens nicht auf die Beine und hatte die Gewohnheit, früher Feierabend zu machen, mit der Begründung, sie habe einen Kiesel im Huf. Auch das Verhalten der Katze war etwas seltsam. Schon bald fiel auf, dass die Katze, wenn es Arbeit zu erledigen galt, nirgends aufzufinden war. Stundenlang blieb sie spurlos verschwunden und tauchte, als wäre nichts geschehen, erst zu den Mahlzeiten oder nach Feierabend wieder auf. Aber immer wieder brachte sie so ausgezeichnete Entschuldigungen vor und schnurrte dabei so liebevoll, dass es unmöglich war, nicht an ihre guten Absichten zu glauben. Benjamin, der alte Esel, schien seit der Rebellion ziemlich unverändert. Er verrichtete seine Arbeit auf dieselbe gemächliche, störrische Art wie zu Jones’ Zeiten, ohne sich zu drücken, aber auch ohne sich freiwillig für Zusatzarbeit zu melden. Zur Rebellion und ihren Resultaten äußerte er keine Meinung. Auf die Frage, ob er jetzt, da Jones fort war, nicht glücklicher sei, antwortete er nur: »Esel haben ein langes Leben. Keiner von euch hat je einen toten Esel gesehen«, und mit dieser kryptischen Antwort mussten die anderen sich zufriedengeben.
Sonntags wurde nicht gearbeitet. Das Frühstück wurde eine Stunde später als sonst eingenommen, und nach dem Frühstück fand eine Zeremonie statt, die sie jede Woche [31]ohne Ausnahme absolvieren mussten. Zuerst wurde die Flagge gehisst. In der Geschirrkammer hatte Snowball eine alte grüne Tischdecke von Mrs Jones aufgetrieben und in Weiß einen Huf und ein Horn darauf gemalt. Diese Flagge wurde jeden Sonntagmorgen am Fahnenmast im Garten des Farmhauses hochgezogen. Sie sei grün, erklärte Snowball, da sie die grünen Wiesen Englands darstelle, während Huf und Horn die künftige Republik der Tiere bezeichneten, die gegründet werde, sobald die Menschheit endgültig gestürzt sei. Nach dem Hissen der Flagge strömten die Tiere in den großen Stall, um eine Generalversammlung abzuhalten, die man »Zusammenkunft« nannte. Hier wurde die Arbeit der kommenden Woche geplant, Resolutionen wurden eingebracht und debattiert. Stets waren es die Schweine, die die Resolutionen einbrachten. Die anderen Tiere wussten zwar, wie man abstimmte, es fielen ihnen aber nie eigene Resolutionen ein. In den Debatten waren Snowball und Napoleon mit Abstand am aktivsten. Allerdings fiel auf, dass diese beiden in ihren Ansichten nie übereinstimmten: Welchen Vorschlag einer von ihnen auch machte, man konnte sich darauf verlassen, dass der andere ihm widersprach. Selbst als beschlossen wurde – ein Beschluss, gegen den an und für sich niemand etwas einzuwenden hatte –, die kleine Koppel hinter dem Obstgarten als Altersheim für Tiere, die nicht mehr arbeiten konnten, zu reservieren, erhob sich eine stürmische Debatte über das richtige Rentenalter für jede Tiergattung. Die Zusammenkünfte endeten stets mit dem Absingen von »Tiere Englands«, und der Nachmittag war der Erholung gewidmet.
Die Geschirrkammer hatten die Schweine als ihr Hauptquartier auserkoren. Hier erlernten sie abends aus Büchern, [32]die sie aus dem Farmhaus mitgenommen hatten, das Schmiede- und das Schreinerhandwerk sowie andere notwendige Künste. Snowball beschäftigte sich auch damit, die anderen Tiere in so genannten Tierkomitees zu organisieren. Darin war er unermüdlich. Er gründete das Eierproduktionskomitee für die Hennen, die Liga der Sauberen Schwänze für die Kühe, das Umerziehungskomitee für Wilde Genossen (dessen Ziel es war, die Ratten und Kaninchen zu zähmen), die Bewegung für Weißere Wolle für die Schafe und viele andere mehr, außerdem erteilte er Lese- und Schreibunterricht. Im Großen und Ganzen waren diese Projekte ein Misserfolg. So scheiterte etwa der Versuch, die wilden Geschöpfe zu zähmen, fast augenblicklich. Sie verhielten sich weiterhin beinahe so wie zuvor, und wenn sie großzügig behandelt wurden, nutzten sie das einfach aus. Die Katze trat dem Umerziehungskomitee bei und war ein paar Tage lang sehr aktiv. Eines Tages wurde sie gesichtet, wie sie auf einem Dach kauerte und sich mit einigen Spatzen unterhielt, die sich knapp außer Reichweite befanden. Sie erklärte ihnen, dass alle Tiere jetzt Genossen seien und jeder Spatz, der sich dafür entscheide, herbeifliegen und sich auf ihre Pfote setzen dürfe; doch die Spatzen wahrten Abstand.
Der Lese- und Schreibunterricht dagegen war ein voller Erfolg. Im Herbst war nahezu jedes Tier auf der Farm bis zu einem gewissen Grad schriftkundig.
Was die Schweine betraf, so konnten sie bereits perfekt lesen und schreiben. Die Hunde lernten ziemlich gut lesen, waren aber nicht daran interessiert, etwas anderes als die Sieben Gebote zu lesen. Muriel, die Ziege, konnte etwas besser lesen als die Hunde, und manchmal las sie den [33]anderen abends aus Zeitungsfetzen vor, die sie auf dem Müllhaufen fand. Benjamin konnte ebenso gut lesen wie die Schweine, brachte seine Fertigkeit jedoch nie zur Anwendung. Soweit er wisse, sagte er, gebe es nichts Lesenswertes. Clover lernte zwar das ganze Alphabet, konnte aber keine Wörter zusammensetzen. Boxer wiederum kam über den Buchstaben D nicht hinaus. Mit seinem großen Huf zeichnete er A, B, C, D in den Staub und starrte dann mit angelegten Ohren auf die Buchstaben, schüttelte mitunter die Stirnlocke und versuchte mit aller Macht, sich daran zu erinnern, was als Nächstes kam, jedoch ohne Erfolg. Bei mehreren Gelegenheiten lernte er zwar auch die Buchstaben E, F, G, H, doch kaum dass er sie beherrschte, erwies sich, dass er A, B, C und D bereits wieder vergessen hatte. Endlich beschloss er, sich mit den ersten vier Buchstaben zufriedenzugeben, und schrieb sie, um sein Gedächtnis aufzufrischen, ein- oder zweimal täglich in den Staub. Mollie weigerte sich, irgendetwas zu lernen, mit Ausnahme der sechs Buchstaben, aus denen ihr Name bestand. Sie formte ihn feinsäuberlich aus Zweigstücken, schmückte diese dann mit ein oder zwei Blumen und umkreiste sie bewundernd.
Keines der anderen Tiere auf der Farm kam über den Buchstaben A hinaus. Außerdem zeigten sich die dümmeren Tiere, wie die Schafe, Hühner und Enten, unfähig, die Sieben Gebote auswendig zu lernen. Nach langem Überlegen erklärte Snowball, dass die Sieben Gebote tatsächlich auf eine einzige Losung reduziert werden könnten, nämlich: »Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht.« Diese Losung, sagte er, beinhalte das Grundprinzip des Animalismus. Wer sie gründlich begriffen habe, sei vor menschlicher [34]Einflussnahme sicher. Das Federvieh erhob zunächst Einwände; Hühnern, Enten und Gänsen kam es so vor, als ob auch sie zwei Beine hätten, doch Snowball bewies ihnen, dass dem nicht so war.
»Der Flügel eines Vogels, Genossen«, sagte er, »ist ein Organ des Antriebs und keines der Manipulation. Daher sollte er als Bein angesehen werden. Das Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist die Hand, jenes Instrument, mit dem er alles Unheil anrichtet.«
Die Vögel verstanden Snowballs lange Wörter nicht, aber sie akzeptierten seine Erklärung, und all die bescheideneren Tiere machten sich an die Arbeit, die neue Losung auswendig zu lernen. VIERBEINER GUT, ZWEIBEINER SCHLECHT wurde über den Sieben Geboten und in größeren Lettern an die Stirnwand der Scheune gemalt. Als sie sie erst einmal auswendig gelernt hatten, entwickelten die Schafe eine große Vorliebe für diese Losung, und oft, wenn sie auf der Wiese lagen, begannen sie allesamt zu blöken: »Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht! Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht!«, und skandierten die Losung stundenlang, ohne ihrer jemals überdrüssig zu werden.
Napoleon interessierte sich nicht für Snowballs Komitees. Er sagte, die Erziehung der Jugend sei wichtiger als alles, was für die Erwachsenen getan werden könne. Zufällig hatten Jessie und Bluebell beide kurz nach der Heuernte geworfen und insgesamt neun kräftige Welpen zur Welt gebracht. Sobald diese entwöhnt waren, nahm Napoleon sie ihren Müttern weg und sagte, die Verantwortung für ihre Erziehung werde er selbst übernehmen. Er brachte sie auf einen Speicher, der nur über eine Leiter aus der Geschirrkammer zu erreichen war, und dort lebten sie so [35]abgesondert, dass der Rest der Farm ihre Existenz nach kurzer Zeit vergaß.
Das Rätsel, wo die Milch abgeblieben war, war bald gelöst. Sie wurde täglich in den Futterbrei der Schweine gemischt. Inzwischen reiften die Frühäpfel heran, und das Gras des Obstgartens war mit Fallobst übersät. Die Tiere hatten ganz selbstverständlich angenommen, dass es gleichmäßig verteilt werden würde; eines Tages jedoch erging der Befehl, das Fallobst einzusammeln und zur Verwendung durch die Schweine in die Geschirrkammer zu bringen. Darüber murrten zwar einige der anderen Tiere, aber es nutzte nichts. In diesem Punkt waren sich alle Schweine völlig einig, sogar Snowball und Napoleon. Squealer wurde losgeschickt, um den anderen gegenüber die notwendigen Erklärungen abzugeben.
»Genossen!«, rief er. »Ihr glaubt hoffentlich nicht, dass wir Schweine dies aus dem Geist der Selbstsucht und des Privilegs tun. Viele von uns mögen Milch und Äpfel eigentlich gar nicht. Auch ich nicht. Unser einziges Ziel bei der Einnahme dieser Dinge ist es, unsere Gesundheit zu bewahren. Milch und Äpfel (das hat die Wissenschaft bewiesen, Genossen) enthalten Nährstoffe, die für das Wohlergehen eines Schweines absolut notwendig sind. Wir Schweine sind Kopfarbeiter. Leitung und Organisation dieser Farm hängen von uns ab. Tag und Nacht wachen wir über euer Wohl. Es geschieht um euretwillen, dass wir Milch trinken und Äpfel essen. Wisst ihr, was passieren würde, wenn wir Schweine unserer Pflicht nicht nachkämen? Jones würde zurückkehren! Jawohl, Jones würde zurückkehren! Bestimmt, Genossen«, rief Squealer fast flehentlich, wobei er hin und her hopste und mit seinem [36]Ringelschwänzchen wackelte, »bestimmt gibt es keinen unter euch, der Jones zurückhaben will?«
Nun, wenn es eine Sache gab, bei der sich die Tiere vollkommen sicher waren, dann die, dass sie Jones nicht zurückhaben wollten. Als es ihnen in diesem Licht erläutert wurde, wussten sie nichts mehr zu entgegnen. Es lag auf der Hand, wie wichtig es war, die Schweine bei guter Gesundheit zu halten. Daher wurde ohne weitere Einwände vereinbart, dass die Milch und die vom Baum gefallenen Äpfel (ebenso die Haupternte, wenn die Äpfel reif wären) allein den Schweinen vorbehalten sein sollten.
[37]4
Im Spätsommer verbreitete sich die Nachricht von den Vorgängen auf der Farm der Tiere fast in der ganzen Grafschaft. Jeden Tag sandten Snowball und Napoleon Taubenschwärme aus, die sich unter die Tiere der benachbarten Farmen zu mengen hatten, um ihnen die Geschichte der Rebellion zu erzählen und die Melodie von »Tiere Englands« beizubringen.
Den Großteil der Zeit hatte Mr Jones inzwischen damit verbracht, in Willingdon in der Schankstube des Red Lion zu sitzen und sich bei jedem, der ihm zuhören wollte, über das ungeheure Unrecht zu beklagen, das ihm angetan worden war, als er von einer Bande nichtsnutziger Tiere von seinem Grundstück vertrieben wurde. Zwar zeigten die anderen Farmer prinzipiell Verständnis für seine Lage, leisteten ihm zunächst aber keinen großen Beistand. Im Grunde fragte sich jeder von ihnen insgeheim, ob er Jones’ Missgeschick nicht zu seinem eigenen Vorteil nutzen könne. Es war ein Glücksfall, dass die Eigentümer der beiden Gehöfte, die an die Farm der Tiere grenzten, dauerhaft zerstritten waren. Eines von ihnen, Foxwood genannt, war ein großer, verwahrloster, altmodischer Bauernhof – wuchernde Sträucher, ausgelaugte Böden, die Hecken in einem erbärmlichen Zustand. Der Besitzer, Mr Pilkington, war ein leichtlebiger Landadliger, der die meiste Zeit, je nach Saison, mit Fischen oder Jagen verbrachte. Die andere Farm, die Pinchfield hieß, war kleiner und besser in Schuss. Ihr Besitzer war ein gewisser Mr Frederick, ein zäher, durchtriebener Mann, der ständig in Rechtsstreitigkeiten verwickelt war und sich mit seinem Verhandlungsgeschick einen Namen [38]erworben hatte. Diese beiden hegten eine so tiefe Abneigung gegeneinander, dass es ihnen schwerfiel, irgendeine Einigung zu erzielen, und sei es zum Schutz ihrer Eigeninteressen.
Dennoch waren sie durch die Rebellion auf der Farm sehr verängstigt und darauf bedacht, dass ihre eigenen Tiere nicht allzu viel darüber in Erfahrung brachten. Zuerst taten sie so, als würden sie sich über die Vorstellung, Tiere könnten in eigener Regie ein Gehöft betreiben, lustig machen. In zwei Wochen sei der ganze Spuk vorbei, sagten sie. Sie erzählten herum, dass die Tiere auf der Manor Farm (sie bestanden darauf, sie »Manor Farm« zu nennen; den Namen »Farm der Tiere« duldeten sie nicht) ständig miteinander stritten und rasch verhungern würden. Als die Zeit verging und die Tiere offensichtlich nicht verhungert waren, zogen Frederick und Pilkington andere Saiten auf und sprachen nun von der schrecklichen Verruchtheit, die mittlerweile auf der Farm der Tiere herrsche. Sie gaben zu verstehen, dass die Tiere dort Kannibalismus praktizierten, sich gegenseitig mit glühenden Hufeisen folterten und ihre Frauen miteinander teilten. Das komme davon, wenn man gegen die Naturgesetze aufbegehre, sagten Frederick und Pilkington.
Diese Geschichten wurden jedoch nie so ganz geglaubt. Auch weiterhin kursierten, wenn auch in vager und verzerrter Form, Gerüchte über eine herrliche Farm, aus der die Menschen vertrieben worden seien und wo die Tiere ihre Angelegenheiten selber regelten, und das ganze Jahr über wurde die Gegend von einer Welle der Aufsässigkeit heimgesucht. Bullen, die stets fügsam gewesen waren, wurden plötzlich wild, Schafe brachen durch die [39]Hecken und verschlangen den Klee, Kühe stießen die Melkeimer um, Jagdpferde verweigerten Hindernisse und schleuderten ihren Reiter kopfüber aus dem Sattel. Vor allem aber wurde überall nicht nur die Melodie, sondern sogar der Text von »Tiere Englands« bekannt. Das Lied hatte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit verbreitet. Wenn sie es hörten, konnten die Menschen ihre Wut nicht bezähmen, obwohl sie vorgaben, es einfach nur lächerlich zu finden. Sie könnten nicht verstehen, sagten sie, wie Tiere es über sich brachten, derart erbärmlichen Unsinn zu singen. Jedes Tier, das man beim Singen ertappte, wurde auf der Stelle ausgepeitscht. Und doch ließ sich das Lied nicht unterdrücken. Die Amseln pfiffen es in den Hecken, die Tauben gurrten es in den Ulmen, es übertönte den Lärm der Schmieden und das Geläut der Kirchenglocken. Und wenn die Menschen ihm lauschten, zitterten sie innerlich, denn es schien ihnen ihr künftiges Verderben zu prophezeien.
Anfang Oktober, als das Getreide geschnitten, zu Diemen aufgestellt und teilweise bereits gedroschen war, schwirrte ein Schwarm Tauben durch die Luft und landete in wildester Aufregung im Hof der Farm der Tiere. Jones und alle seine Männer seien zusammen mit einem halben Dutzend anderer aus Foxwood und Pinchfield durch das Weidetor eingefallen und kämen den Feldweg herauf, der zur Farm führte. Sie alle hätten Knüppel dabei, außer Jones, der mit einem Schrotgewehr in der Hand vornewegmarschiere. Offensichtlich wollten sie versuchen, die Farm zurückzuerobern.
Damit war schon lange gerechnet worden, und alle Vorkehrungen waren bereits getroffen. Snowball, der im [40]Farmhaus ein altes Buch über die Feldzüge Julius Cäsars gefunden und es studiert hatte, war für die Verteidigungsmanöver verantwortlich. Rasch erteilte er seine Befehle, und in wenigen Minuten war jedes Tier auf seinem Posten.
Als sich die Menschen den Wirtschaftsgebäuden näherten, startete Snowball den ersten Angriff. Alle Tauben, fünfunddreißig an der Zahl, flogen über die Köpfe der Männer hinweg und ließen mitten aus der Luft ihren Kot auf sie fallen; und während die Männer noch damit zu kämpfen hatten, brachen die Gänse aus der Hecke hervor, in der sie sich versteckt gehalten hatten, und bissen sie heftig in die Waden. Aber das war nur ein kleines Scharmützel, das für Verwirrung sorgen sollte; mit ihren Knüppeln konnten die Männer die Gänse mühelos vertreiben. Nunmehr setzte Snowball die zweite Angriffswelle in Gang. Mit ihm an der Spitze stürmten Muriel, Benjamin und sämtliche Schafe vor und verpassten den Männern von allen Seiten Kopfstöße; Benjamin drehte sich um und trat mit seinen kleinen Hufen auf sie ein. Doch wieder waren die Männer mit ihren Knüppeln und ihren genagelten Stiefeln zu stark für sie; und auf ein Quieken von Snowball hin, welches das Signal zum Rückzug war, machten die Tiere plötzlich kehrt und flohen durchs Tor auf den Hof.
Die Männer stießen ein Triumphgeschrei aus. Sie bildeten sich ein, ihre Gegner in die Flucht geschlagen zu haben, und stürzten ihnen in größter Unordnung nach. Genau das hatte Snowball beabsichtigt. Kaum waren sie auf dem Hof angelangt, tauchten hinter ihnen plötzlich die drei Pferde, die drei Kühe und die übrigen Schweine auf, die im Kuhstall auf der Lauer gelegen hatten, und schnitten ihnen den Rückweg ab. Jetzt gab Snowball das Zeichen zur Attacke. Er [41]selbst stürzte direkt auf Jones zu. Jones sah ihn kommen, hob sein Gewehr und feuerte. Die Schrotkugeln hinterließen blutige Schrammen auf Snowballs Rücken, und ein Schaf fiel tot um. Ohne einen Moment zu zögern, warf Snowball sich mit seinen hundert Kilogramm gegen Jones’ Beine. Jones wurde auf einen Misthaufen geschleudert, und die Flinte flog ihm aus der Hand. Das schrecklichste Schauspiel aber bot Boxer, der sich wie ein Zuchthengst aufbäumte und mit seinen großen, eisenbeschlagenen Hufen zuschlug. Sein allererster Tritt traf einen Stallburschen von Foxwood am Kopf und streckte ihn leblos zu Boden. Bei dem Anblick ließen mehrere Männer ihre Knüppel fallen und versuchten zu fliehen. Panische Angst überkam sie, und gemeinsam jagten die Tiere sie im nächsten Moment über den Hof. Es war ein einziges Bohren und Beißen, ein Treten und Trampeln. Da war kein einziges Tier auf der Farm, das sich nicht auf seine Weise an ihnen rächen wollte. Von einem Dach sprang plötzlich sogar die Katze einem Kuhknecht auf die Schultern und grub ihre Krallen in seinen Hals, woraufhin er furchtbar schrie. Als sich eine Bresche auftat, waren die Männer froh, vom Hof stürzen und sich zur Hauptstraße flüchten zu können. Und so befanden sie sich nur fünf Minuten nach ihrer Invasion auf dem schimpflichen Rückzug; auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren, während eine Schar Gänse zischend hinter ihnen herrannte und mit den Schnäbeln nach ihren Waden hackte.
Alle Männer waren fort, bis auf einen. Auf dem Hof betastete Boxer mit seinem Huf den Stallburschen, der mit dem Gesicht nach unten im Schlamm lag, und versuchte, ihn umzudrehen. Der Junge rührte sich nicht.
[42]»Er ist tot«, sagte Boxer traurig. »Das wollte ich nicht. Ich hatte ganz vergessen, dass ich Hufeisen trage. Wer wird mir glauben, dass ich es nicht mit Absicht getan habe?«
»Keine Sentimentalität, Genosse!«, rief Snowball, aus dessen Wunden noch immer Blut tropfte. »Krieg ist Krieg. Nur ein toter Mensch ist ein guter Mensch.«
»Ich habe keinen Wunsch, jemandem das Leben zu nehmen, nicht einmal einem Menschen«, wiederholte Boxer, die Augen voller Tränen.
»Wo ist denn Mollie?«, rief jemand.
Tatsächlich, Mollie fehlte. Einen Moment lang herrschte große Besorgnis; man befürchtete, die Männer könnten ihr etwas zuleide getan, sie gar verschleppt haben. Schließlich wurde sie doch gefunden; sie hatte sich in ihrer Box versteckt und vergrub den Kopf im Heu der Futterkrippe. Sobald der Schuss gefallen war, hatte sie die Flucht ergriffen. Und als die anderen von der Suche nach ihr zurückkamen, mussten sie feststellen, dass der Stallbursche, der in Wahrheit nur betäubt gewesen war, sich bereits erholt und aus dem Staub gemacht hatte.
Nun versammelten sich die Tiere in wildester Aufregung, und jedes erzählte mit lauter Stimme von seinen Heldentaten in der Schlacht. Sogleich hielt man eine improvisierte Siegesfeier ab. Die Flagge wurde aufgezogen und mehrmals »Tiere Englands« abgesungen, anschließend bereitete man dem gefallenen Schaf ein feierliches Begräbnis und pflanzte einen Weißdornbusch auf sein Grab. Snowball hielt eine kurze Leichenrede, in der er hervorhob, alle Tiere müssten bereit sein, für die Farm der Tiere wenn nötig auch zu sterben.
[43]Die Tiere beschlossen einstimmig, eine militärische Auszeichnung namens »Tierheld Erster Klasse« zu schaffen; Snowball und Boxer wurde sie an Ort und Stelle verliehen. Sie bestand aus einer Messingmedaille (tatsächlich hatte man in der Geschirrkammer einige alte Zaumzeugbeschläge gefunden), die an Sonn- und Feiertagen getragen werden sollte. Auch die Auszeichnung »Tierheld Zweiter Klasse« gab es, die postum dem toten Schaf verliehen wurde.
Lange wurde darüber diskutiert, wie man die Schlacht nennen solle. Am Ende erhielt sie den Namen »Schlacht am Kuhstall«, denn dort war der Hinterhalt gelegt worden. Im Schlamm fand man Mr Jones’ Flinte, und es war allgemein bekannt, dass es im Farmhaus einen Vorrat an Patronen gab. Folglich wurde beschlossen, das Gewehr am Fuße des Fahnenmasts aufzustellen wie ein Artilleriegeschütz und es zweimal im Jahr abzufeuern – einmal am 12. Oktober, dem Jahrestag der Schlacht am Kuhstall, und einmal am Mittsommertag, dem Jahrestag der Rebellion.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.