Kitabı oku: «Geschichte meines Lebens»
George Sand
Geschichte meines Lebens
Inhaltsverzeichnis
Erste Abtheilung. Erstes Kapitel.
Was soll dies Buch? — Es ist Pflicht Andern durch unsere Erfahrungen zu nützen. — Briefe eines Reisenden. — Die Geständnisse J. J. Rousseau's. — Anton Delaborde Ballspielhausaufseher und Meister Vogelhändler. — Wahlverwandtschaften. — Lob der Vögel. — Geschichte von Agathe und Jonquilla. — Der Vogler von Venedig.
Zweites Kapitel.
Von der Geburt und vom freien Willen. — Friedrich August. — Aurora von Königsmark. — Moritz von Sachsen. — Aurora von Sachsen. — Der Graf Horn. — Die Fräulein Verrières und die Schöngeister des achtzehnten Jahrhunderts.— Herr Dupin von Francueil. — Madame Dupin von Chenonceaux. — Der Abbé von St. Pierre.
Drittes Kapitel.
Eine Anekdote »on J. J. Rousseau. — Mein Vater Moritz Dupin. — Mein Lehrer Deschartres. — Der Kopf des Pfarrers. — Der Liberalimus vor der Revolution. — Die Haussuchung. — Aufopferung Deschartres' und meines Vaters. — Nerina. —
Viertes Kapitel.
Sophie Victoria Antoinette Delaborde, — Mutter Cisquart und ihre Nichte im Stadthause. — Ueber das Jünglingsalter. — Außer der officiellen giebt es noch eine innere Geschichte der Nationen. — Sammlung von Briefen in der Schreckenszeit.
Fünftes Kapitel.
Nach der Schreckenszeit. — Ende der Gefangenschaft und des Exils. — Unglücklicher Einfall Deschartres. — Nohant. — Die terroristischen Bürger. — Geistiger Zustand der wohlhabenden Klassen. — Musikalische Leidenschaft, — Paris unter dem Direktorium.
Moritz an seine Mutter:
Sechstes Kapitel.
Fortsetzung der Geschichte meines Vaters. — Beharrlichkeit der philosophischen Ideen. — Robert, der Banditenchef. — Beschreibung von La Châtre. — Schiller's Räuber.
Frau Dupin an Herrn Heckel.
Erster Brief.
Siebentes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe, — Freiwillige Einrangirung. — Kriegerische Begeisterung der Jugend 1798. — Brief von Latour d'Auvergne. — Soldatensuppe. — Köln. — Der General von Harville. — Caulaincourt.— Der Capitain Fleury, — Vaterlandsliebe, — Durosnel.
Zweiter Brief.
Dritter Brief.
Fünfter Brief.
Siebenter Brief.
Zehnter Brief.
Elfter Brief.
Brief von Latour d'Auvergne an meine Großmutter.
Zwölfter Brief.
Dreizehnter Brief.
Vierzehnter Brief.
Achtzehnter Brief.
Achtes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Schlittenfahrten. — Deutsche Baroninnen. — Die Stiftsdame. — Der Eisgang des Rheins.
Dreiundzwanzigster Brief.
Vierundzwanzigster Brief.
Neunundzwanzigster Brief.
Neuntes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Saint-Jean. — Garnisonsleben. — Das „kleine Haus.“ — Abreise von Köln
Einunddreißigster Brief.
Siebenunddreißigster Brief.
Achtunddreißigster Brief.
Zehntes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Das Geleit. — Thionville. — Die Ankunft beim Depot. — Wohlwollen der Offiziere. — Der Fourier als Lehrer feiner Sitten. — Der erste Grad. — Eine fromme Lüge.
Neununddreißigster Brief.
Vierzigster Brief.
Zweiundvierzigster Brief.
Vierundvierzigster Brief.
Elftes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Erste Betheiligung am Feldzuge. — Der erste Kanonenschuß. — Uebergang über die Linth. — Das Schlachtfeld. — Eine gute That. — Glarus. — Zusammentreffen mit Herrn von Latour d'Auvergne am Bodensee. *) — Ordener. — Brief meiner Großmutter an ihren Sohn. — Das Rheinwaldthal. —
Fünfundvierzigster Brief.
Zweiundfünfzigster Brief.
Zwölftes Kapitel.
Rückkehr nach Paris. — Vorstellung bei Bonaparte. — Italienischer Feldzug. — Uebergang über den St. Bernhard. — Das Fort von Bard.
Dreiundfünfzigster Brief.
Vierundfünfzigster Brief.
Dreizehntes Kapitel.
Kurze Wiederholung. — Die Schlacht bei Morengo. — Turin, Mailand im Jahre 1800. — Latour d'Auvergne. — Besetzung von Florenz. — Georg Lafayette.
Fortsetzung der Geschichte meines Vaters.
Erster Brief.
Zweiter Brief.
Dritter Brief.
Vierter Brief.
Siebenter Brief.
Zehnter Brief.
Vierzehntes Kapitel.
Rom, — Zusammenkunft mit dem Papste. — Ein fingirter Mordversuch. — Monsignor Gonsalvi. — Azola. — Die erste Liebe. — Der Tag vor der Schlacht. — Uebergang über den Mincio. — Moritz als Gefangener. — Die Befreiung. — Liebesbriefe. — Eifersucht und Groll zwischen Brune und Dupont. — Abreise nach Nohant.
Elfter Brief.
Zwölfter Brief.
Dreizehnter Brief.
Vierzehnter Brief.
Fünfzehnter Brief.
Sechszehnter Brief.
Siebenzehnter Brief.
Achtzehnter Brief.
Fünfzehntes Kapitel.
Romanhafte Begebenheiten. — Unglückliche Expedition Deschartres. — Das Wirthshaus zum „schwarzen Kopfe“. — Familien-Kummer. — Ausflüge nach Blanc, Argenton, Courcelles und Paris. — Der Onkel Beaumont. — Fortsetzung des Romans. — Kurze Uebersicht des Jahres IX.
Neunzehnter Brief.
Zwanzigster Brief.
Einundzwanzigster Brief.
Zweiundzwanzigster Brief.
Sechszehntes Kapitel.
1802. Brieffragmente. — Die „Beaux“ der schönen Welt. — Musikalische Studien. — Die Engländer in Paris. — Wiederkehr des Luxus. — Fest des Concordats. — Feierlichkeiten in Notre-Dame. — Haltung der Generäle. — Deschartres in Paris. — Adresse nach Charleville. — Antwort an Deschartres. — Widerwärtigkeiten der Adjutantenstellung in Friedenszelten.
1802.
An Herrn Deschartres.
Von Moritz an seine Mutter.
Siebzehntes Kapitel.
Fortsetzung der Liebesgeschichte. — Schmerzliche Trennung. — Rückkehr nach Paris. — Die "Damen". — Die schöne Welt. — Gunstbezeugungen. — Herr von Vitrolles. — Herr Heckel. — Eugen Beauharnais und Lady Georgina.
Erster Brief.
Dritter Brief.
Fortsetzung der Brieffragmente.
Achtzehntes Kapitel.
Aufenthalt in Nohant. Rückkehr nach Paris und Abreise nach Charleville. — Bonaparte in Sédan. — Das Lager bei Boulogne. — Kanonade mit den Engländern. — Der General Bertrand. — Adresse der Armee an Bonaparte, um ihn zu bitten, die Kaiserkrone anzunehmen. — Meine Mutter im Lager von Montreuil; Rückkehr nach Paris. — Heirath meines Vaters. — Meine Geburt.
Erster Brief.
Dritter Brief.
Vierter Brief,
Fünfter Brief.
Neunzehntes Kapitel.
Die Zeit dieser Arbeit. — Mein Signalement. — Naive Ansichten meiner Mutter über die Civil-Ehe und kirchliche Ehe. — Das Mieder der Madame Murat. — Allgemeine Ungnade des Generalstabes. — Herzensqualen. — Mütterliche Diplomatik.
Erster Brief.
Dritter Brief
Zweiter Brief.
Zwanzigstes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Briefwechsel zwischen meiner Großmutter und einem Civilbeamten. — Der Abbé von Andrezel. — Ein Bruchstück aus den Memoiren Marmontel's. — Mein erstes Zusammentreffen mit meiner Großmutter. — Charakter meiner Mutter. — Ihre kirchliche Trauung.— Meine Tante Lucie und meine Cousine Clotilde. — Mein erster Aufenthalt in Chaillot.
Vierter Brief.
Fünfter Brief.
Sechster Brief.
Siebenter Brief.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Der Feldzug von 1805. — Briefe meines Vaters an meine Mutter. — Die Schlacht von Haslach. Brief aus Nürnberg. — Große Thaten der Division Gazan und der Division Dupont an den Ufern der Donau. — Brief aus Wien. — Der General Dupont. — Mein Vater erhält das Kreuz, wird Rittmeister und geht in die Linie über. — Die Feldzüge von 1806 und 1807. — Die Fähre von Tilsit. — Rückkehr nach Frankreich. — Reise nach Italien. — Briefe aus Venedig und Mailand. — Ende des Briefwechsels mit meiner Mutter und Anfang meiner eignen Geschichte.
Erster Brief.
Zweiter Brief.
Dritter Brief.
Zweite Abtheilung. Erstes Kapitel.
Die ersten Erinnerungen. — Die ersten Gebete. — Das silberne Ei der Kinder. — Der Vater Noël. — Das System J. J. Rousseau's. — Das Lorbeergehölz. — Polichinelle und die Straßenlaterne. — Die Romane zwischen vier Stühlen. — Militärische Spiele. — Chaillot. — Clotilde. — Der Kaiser. — Die Schmetterlinge und der Sohn der Jungfrau. — Der König von Rom. — Das Flaschenet. —
Zweites Kapitel.
Die Häuslichkeit meiner Eltern. — Mein Freund Pierret. — Abreise nach Spanien. — Die Puppen. — Die Berge von Asturien. — Die Winden und die Bären. — Der Blutfleck. — Die Tauben. — Die sprechende Elster. — Die Königin von Etrurien. — Madrid. — Der Palast der Godoy's. — Das weiße Kaninchen. — Das Spielzeug der Infanten. — Der Prinz Fanfarinet. — Ich werde Murat's Adjutant. — Seine Krankheit. — Das Hirschkalb. — Weber. — Erste Einsamkeit. — Die Mamelucken. — Das Echo. — Geburt meines Bruders. — Man entdeckt, daß er blind ist. — Wir verlassen Madrid.
Drittes Kapitel.
Letzter Brief meines Vaters an seine Mutter. — Erinnerung an ein Bombardement und an ein Schlachtfeld. — Noth und Krankheit. — Die Talglichtsuppe. — Einschiffung und Schiffbruch. — Leopardo. — Ankunft in Nohant. — Meine Großmutter. — Hyppolit. — Deschartres. — Tod meines Bruders. — Der alte Birnbaum. — Tod meines Vaters. — Das Gespenst.— Ursula. — Eine Ehrensache. — Erster Begriff von Armuth und Reichthum. — Portrait meiner Mutter.
Dritte Abtheilung. Erstes Kapitel.
Meine Mutter. — Ein Fluß im Zimmer. - Meine Großmutter und meine Mutter. — Deschartres. — Deschartres' Heilkunst. — Hieroglyphenschrift.— Die erste Lektüre.— Feenmärchen, Mythologie.— Die Nymphe und die Bacchantin. — Mein Großonkel. — Der Domherr aus Consuelo.— Unterschied der Wahrheit und der Wirklichkeit in den Künsten. — Der Geburtstag meiner Großmutter. — Die ersten musikalischen Studien und Eindrücke.
Zweites Kapitel.
Madame von Genlis, les Battuécas. — Die Könige und die Königinnen der Feenmärchen. — Der grüne Feuerschirm. — Die Grotte und die Cascade. — Das alte Schloß. — erste Trennung von meiner Mutter. — Katharine. — Der Schrecken, den mir das Alter und das ehrfurchtsgebietende Aussehen meiner Großmutter einflößten. — Die Reise nach Paris. — Die große Berline. — Die Wohnung meiner Großmutter in Paris. — Die Spaziergänge mit meiner Mutter. — Die Coiffüre à la chinoise. — Meine Schwester. — Der erste heftige Kummer. — Die schwarze Puppe. — Krankheit und Visionen im Delirium.
Drittes Kapitel.
Rose und Julie. — Mütterliche Diplomatie meiner Großmutter. — Ich finde mein „Daheim“ wieder. — Die Häuslichkeit meines Großonkels. — Sehen ist haben. Die feinen Diners meines Großonkels, seine Tabacksdosen. — Frau von la Marlière. — Frau von Pardaillan. — Frau von Béranger und ihre Perrücke.— Frau von Ferrières und ihre schönen Arme. — Frau vou Maleteste und ihr Hund. — Die Abbés. — Erste Symptome einer Neigung zur Beobachtung. — Die fünf Generationen der Rue de Grammont. — Der Kinderball. — Falsche Grazie. — Die literarischen talons rouges unserer Tage.
Viertes Kapitel.
Idee eines moralischen Gesetzes zur Regulirung der Gefühle. — Die Rückkehr nach Nohant. — Ein glückliches Jahr. — Apologie der kaiserlichen Macht.— Anfang der Verrätherei. — Ansichten und Verläumdungen der Salons.— Die erste Communion meines Bruders. — Unser alter Pfarrer; seine Haushälterin. — Seine Predigten. — Sein Dieb und seine Stute. — Sein Tod. — Die Unarten der Kindheit. — Der falsche Deschartres. — Die Frömmigkeit meiner Mutter. — Ich lerne Französisch und lateinisch.
Fünftes Kapitel.
Tyrannei und Schwäche Deschartres'. — Das Menuet von Fischer. — Das Buch der Magie. — Wir citiren den Teufel. — Der Sucher der Zärtlichkeit. — Die erste Liebe meines Bruders. — Pauline. — Herr Gogault und Herr Loubens. — Die Ausbildung der Talente für die Gesellschaft.— Der Marschall Maison.— Die Wohnung in der Rue Thiroux.— Große Betrübniß eines siebenjährigen Kindes bei dem Gedanken an seine Verheirathung. — Mobilmachung der Armee für den russischen Feldzug. — Nohant.— Ursula und ihre Schwester. — Eindruck des Spiels auf mich. — Meine alten Freunde. — Kriegssystem des Czaren Alexander. — Moskau.
Sechstes Kapitel.
Das Heer und der Kaiser sind 14 Tage lang verschollen. — Vision. — Ein Wort des Kaisers über meinen Vater. — Deutsche Gefangene. — Tirolerlieder. — Trennung von Ursula. — Das Du. — Das große gelbe Bett.— Meines Vaters Grab. — Die Witzworte des Herrn von Talleyrand. — Die Politik aller Gräfinnen. — Ein patriotischer Knabe. — Andere Vision.— Frau von Béranger und meine Mutter. — Hungernde Soldaten in der Sologne. — Der republikanische Gastwirth. — Krankheit meiner Großmutter. — Frau von Béranger verwüstet unsern Garten. — Das Corsett. — Lorette von Béranger. — Einzug der Alliirten in Paris. — Ansicht meiner Großmutter über die Bourbonen.— Die Kanonenkugel,— Schöne Damen und Kosacken.
Siebentes Kapitel.
Der häusliche Zwist verschlimmert sich. — Ich fange an den Kummer kennen zu lernen. — Besprechung mit meiner Mutter. — Meine Bitten, ihre Versprechungen, ihre Abreise. — Erste Nacht der Schlaflosigkeit und Verzweiflung. — Das einsame Zimmer. — Erste Täuschung. — Liset. — Romanhafte Projecte. — Mein Schatz. — Meine Großmutter bekommt einen Schlaganfall. — Ich gebe meine Projecte auf. — Meine Großmutter ist gezwungen, mich zu vernachlässigen. — Unterricht von Deschartres. — Die Botanik. — Meine Verachtung für das, was er mich lehrt.
Achtes Kapitel.
Das Verhältnis zu meinem Bruder. — Die Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten unserer Charaktere. — Heftigkeit meiner Bonne. — Moralischer Einfluß dieser Tyrannei. — Meine Großmutter wird scheinbar Royalistin. — Das Portrait des Kaisers Alexander. — Rückkehr von der Insel Elba. — Neue Visionen. — Meine Mutter kommt abermals nach Nohant. — Ich verzeihe meiner Bonne. — Durchzüge der Loire-Armee. — Die Kokarde des Generals Subervie. — Der General Colbert. — Wie Nohant beinah der Brennpunkt und das Theater einer patriotischen Vendée geworden wäre. — Die Auflösung des Heeres. — Der Oberst Sourd. — Die „Räuber von der Loire.“ — Deschartres' Pfirsiche. — Das Regiment meines Vaters. — Besuch unsers Vetters. — Frömmigkeit der Frau von la Marlière. — Abreise meiner Mutter. — Meines Bruders Abschied. — Einsamkeit.
Neuntes Kapitel.
Unterricht in der Geschichte. — Ich betrachte sie wie einen Roman. — Die Musik geht mir durch einen Lehrer verloren. — Erste literarische Versuche. — Die Kunst und das Gefühl. — Meine Mutter verspottet mich und ich entsage der Schriftstellerei.— Mein großer ungedruckter Roman. — Corambé. — Marie und Solange. — Plaisir, der Schweinehirt. — Die bedeckte Grube. — Démogorgon. — Der geheimnißvolle Tempel.
Zehntes Kapitel.
Liset's Ehrgeiz. — Energie und Schwäche der Jugend. — Die Aehrenleserinnen. — Deschartres macht mich zur Communistin. — Er macht mir das Lateinische zuwider. — Ein Gewitter in der Heuernte. — Das Thier. — Geschichte des Chorknaben. — Die Abendunterhaltungen der Hanfbrecher. — Die Erzählungen des Sakristan. — Visionen meines Bruders. — Schönheit des Winters auf dem Lande. — Brüderliche Vereinigung der Lerchenfänger. — Dem Roman Corambé fehlt es am nöthigen Materiale. — Das erste Abendmahl. — Herumziehende Komödianten. — Die Messe und die Oper. — Brigitte und Karl. — Die Kindheit geht nicht für Alle vorüber.
Elftes Kapitel.
Erzählung eines tiefen Schmerzes, den Jeder verstehen wird. — Regung des Unwillens. — Angebereien von Demoiselle Julie. — Strafe und Einsamkeit. — Der Herbstabend an der Thür einer Hütte. — Man bricht mir das Herz. — Ich verhärte mich gegen den Kummer und werde ein Enfant terrible. — Ich finde meine Mutter wieder. — Hinterlist. — Ich komme in das Kloster des Anglaises. — Ursprung und Ansehen des Klosters. — Die Superiorin. — Neuer Kummer. — Mutter Alippe. — Ich fange an meine Stellung zu verstehen und ergebe mich. —
Zwölftes Kapitel.
Beschreibung des Klosters. — Die kleine Klasse. — Unglück und Traurigkeit der Kinder. — Fräulein D..., die Klassenlehrerin. — Marie Eyre. — Die Mutter Alippe. — Der Aufenthalt ungetaufter Kinder. — Das Zeichen des Kreuzes. — Die Teufel, die Artigen und die Dummen. — Marie G.. — Jugendstreiche. — Isabelle L.. — Ihre wunderlichen Zeichnungen. — Sophie C.. — Das Geheimniß des Klosters. — Nachforschungen und Versuche zur Befreiung des Opfers. — Die Souterrains. — Der geheimnißvolle Winkel. — Spaziergang über die Dächer. — Lächerlicher Unfall.— Whisky und die dienenden Schwestern. — Die Kälte. — Ich gehe unter die Teufel. — Mein Verhältniß zu den Artigen und den Dummen. — Meine Ausgehe-Tage. — Ich werde von einem Ungewitter bedroht. — Meine Correspondenz wird aufgefangen.— Versetzung in die große Klasse.
Dreizehntes Kapitel.
Louise und Valentine. — Die Marquise de la Rochejaquelein. — Ihre Memoiren. — Ihr Salon. — Peter Riallo. — Meine Gefährtinnen aus der kleinen Klasse. — Helene. — Possen und Witze im Kloster. — Die Gräfin und Jocquot. — Schwester Française. — Madame Eugénie, —Sonderbarer Kampf mit Fräulein D... — Das dunkle Kabinet. — Die Sequestration. — Poulette. — Die Nonnen. — Madame Monika. — Miß Fairbairns. — Madame Anna Augustine und ihr silberner Bauch. — Madame Marie Xavier. — Miß Hurst. — Madame Marie Agnes. — Madame Anna Josephe. — Geistige Unfähigkeit. — Madame Alicia. — Meine Adoption. — Die Unterhaltungen der letzten Viertelstunde. — Schwester Therese. — Die Destilirküche. — Die Chordamen und die dienenden Schwestern.
Vierzehntes Kapitel.
Isabellens Abreise in die Schweiz. — Sophiens herablassende Freundschaft für mich. —Fannelly. — Das Verzeichniß der Neigungen. —Anna. — Isabelle verläßt das Kloster. — Fannelly tröstet mich. — Rückblick in die Vergangenheit. — Uebel angebrachte Vorsichtsmaßregeln der Nonnen. — Ich mache Verse und schreibe meinen ersten Roman. — Großmama kommt nach Paris. — Herr Abraham. — Ernste Vorbereitungen zur Vorstellung bei Hofe. — Meine Familienleiden nehmen mich wieder in Anspruch. — Ich komme mit einigen Bewerbern zusammen. — Besuche bei den alten Gräfinnen. — Man giebt mir eine Zelle. — Beschreibung derselben. — Ueberdruß an der Teufelei. — Das Leben der Heiligen. — Sanct Siméon, Sanct Augustin, Sanct Paulus. — Christus im Oelgarten. — Das Evangelium. — Ich begebe mich eines Abends in die Kirche.
Fünfzehntes Kapitel.
Tolle, lege. — Die Lampe des Allerheiligsten. — Die ersten seltsamen Symptome der Frömmigkeit. — Die Meinung Anna's, Faunelly's und Louisens. — Die Rückkehr und die Scherze Louisens. — General-Beichte. — Der Abbé von Prémord. — Der Jesuitismus und der Mysticismus. — Communion und Verzückung. — Die letzte Nachtmütze. — Schwester Helene. — Enthusiasmus und Beruf. — Marie Alicia's Meinung. — Elisa Auster. — Der Pharisäer und der Zöllner. — Parallele zwischen Gefühl und Neigung.
Sechszehntes Kapitel.
Der Kirchhof. — Geheimnißvoller Sturm gegen Schwester Helene. — Erste Zweifel. — Tod der Mutter Alippe. — Elisens Schrecken. — Neues häusliches Mißvergnügen. — Mattigkeit und Ermüdung. — Die Krankheit der Scrupel. — Mein Beichtvater giebt mir zur Strafe auf, mich zu amüsiren. — Vollkommenes Glück. — Heitere Frömmigkeit. — Molière im Kloster. — Ich werde Schriftsteller und Theater-Direktor. — Unerhörter Erfolg der Malade imaginaire vor der Schwesterschaft. — Jane. — Eine Revolte. — Tod des Herzogs von Berry. — Mein Austritt aus dem Kloster. — Tod der Madame Canning. — Ihre Verwaltung. — Wahl der Madame Eugenie. — Verfall des Klosters.
Siebenzehntes Kapitel.
Paris 1820. — Aufgeschobene Heirathsprojecte. — Verletzte Kindesliebe. — Madame Catalani. — Ankunft in Nohant. — Frühlingsmorgen. — Versuch der Arbeit. — Pauline und ihre Mutter. — Das Theather in Nohant. — Neues häusliches Leiden. — Mein Bruder. — Colette und der General Pepe. — Der Winter in Nohant. — Ein Februarabend. — Unfall und Leiden.
Achtzehntes Kapitel.
Traurigkeit, Spaziergänge und Träumereien. — Kampf gegen den Schlaf. — Erste ernste Lectüre. — Génie du Christianisme und „die Nachfolge Christi“. — Die absolute Wahrheit, die relative Wahrheit. — Gewissensscrupel. — Zaudern zwischen der Ausbildung und der Verdummung des Geistes. — Der Abbé von Prémord. — Meine Meinung über die Jesuiten. — Metaphysik. — Der Kampf der Griechen. — Deschartres nimmt Partie für den Groß-Türken. — Leibnitz. — Unfähigkeit meines Geistes: Sieg meines Herzen. — Nachlassen in den Religionsübungen, mit Verdoppelung des Glaubens. — Die Kirchen auf dem Lande und in der Provinz. — Jean Jacques Rousseau, der Contrat social.
Neunzehntes Kapitel.
Der Sohn der Frau von Epinay und meines Großvaters eigenthümliches System der Proselytenmacherei. — Bewunderungswürdige Haltung meiner Großmutter. — Sie wünscht, daß ich ihre Beichte höre. — Sie empfängt die Sakramente. — Meine Reflexionen und der Sermon des Erzbischofs. — Ernstlicher Zwist mit meinem Beichtvater. — Der alte Pfarrer und seine Magd. — Unvernünftiges Betragen eines Skelettes. — Claudius. — Güte und Einfachheit Deschartres. — Witz und Menschenliebe der Leute in La Châtre. — Kirchweihfest. — Gespräche mit meinem Lehrer, Reflexionen über den Scandal. — Definition der öffentlichen Meinung. —
Zwanzigstes Kapitel.
Die Krankheit meiner Großmutter verschlimmert sich. — Uebermäßige Anstrengung. — René, Byron, Hamlet. — Krankhafter Geisteszustand. — Krankhafte Neigung zum Selbstmord. — Der Fluß. — Deschartres' Predigt. — Die Classiker. — Correspondenz. — Fragmente aus dem Leben eines jungen Mädchens. — Die letzten Tage meiner Großmutter.— Ihr Tod. — Die Nacht des Weihnachtsfestes, der Kirchhof. — Die Nachtwache.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Mein Vormund. — Ankunft meiner Mutter und meiner Tante. — Seltsamer Wechsel des Umgangs. — Eröffnung des Testaments. — Die rechtswidrige Clausel. — Widerstand meiner Mutter. — Ich verlasse Nohant. — Paris, Clotilde. — 1823. — Deschartres in Paris. — Mein Schwur. — Bruch mit der Familie meines Vaters. — Mein Vetter August. — Trennung vom Adel. — HäusIiche Leiden.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Wunderlichkeiten, die Seelengröße und die Aufregungen meiner Mutter. — Eine Nacht des Vertrauens. — Parallele. — Der Plessis. — Mein Vater James und meine Mutter Angèle. — Glück des Landlebens. — Rückkehr zur Gesundheit, Jugend und Heiterkeit. — Die Kinder des Hauses. — Die Meinungen der Zeit. — Loisa Puget. — Herr Stanislaus und sein geheimnißvolles Kabinet. — Ich komme mit meinem zukünftigen Gatten zusammen. — Seine Prophezeiung. — Unsere Freundschaft. — Sein Vater. — Neue Wunderlichkeiten. — Die Rückkehr meines Bruders. — Die Baronin Dudevant. — Meine Verheirathung. — Rückkehr nach Nohant. — Der Herbst 1822.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Zurückgezogenheit in Nohant. — Die Nützlichkeit der Handarbeiten für Frauen. — Wünschenswerthes Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Muße. — Mein Rothkehlchen. — Deschartres verläßt Nohant. — Die Geburt meines Sohnes. — Deschartres in Paris. — Der Winter von 1824 in Nohant. — Veränderungen und Verbesserungen, die mir Spleen verursachen. — Der Sommer in Plessis. — Die Kinder. — Ideales Leben in ihrer Gemeinschaft. —Widerwillen gegen das positive Leben. — Ormesson. — Begräbnißfeierlichkeiten Ludwig XVIII. in St. Denis. — Der einsame Garten. — Die „Versuche“ von Montaigne.— Wir kehren nach Paris zurück. — Der Abbé Prémord. — Der Aufenthalt im Kloster. — Sehnsucht nach dem Klosterleben. — Moritz im Kloster. — Schwester Helene vertreibt uns. —
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Emilie von Wismes. — Sidonie Macdonald. — Herr von Sémonville. — Die beiden Fräulein B***. — Geheimnißvoller Tod Deschartres, vielleicht ein Selbstmord. — Mein Bruder beginnt an dem seinigen durch eine verderbliche Leidenschaft zu arbeiten. — Aimée und Jane in Nohant. — Die Reise in die Pyrenäen. — Fragmente eines Tagebuchs, geschrieben 1825. —Cauterets. — Argelez, Luz, Saint Souveur, der Marborée u.s.w. — Die Heimkehr der Hirten von den Bergen. — Der Traum eines Schäferlebens. — Bagnères-de-Bigorre. — Die Höhlen von Lourdes. — Abreise nach Nérac. —
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Guillery, das Schloß meines Schwiegervaters. — Die Fuchsjagden. — Peyrounine und Tont-belle. — Die Gasconier, vortreffliche, viel verleumdete Leute. — Bauern, Bürger und Edelleute erscheinen mir als Vielesser, als träg und verschwenderisch, als gute Nachbarn und treue Freunde. — Reise nach La Brède. — Abhandlung über Ahnungen. — Rückkehr über Castel Jaloux zu Pferd und bei Nacht, mitten durch den Wald mit einem Gefolge von Wölfen. — Pigon wird von Wölfen zerrissen. — Sie versammeln sich vor unsern Fenstern. — Ein Wolf zerbeißt meine Stubenthür. — Mein Schwiegervater wird von vierzehn Wölfen angefallen. — Spanische Hirten ziehen als Nomaden und Banditen durch die Haide. — Die Anpflanzung und Ernte des Korks. — Schönheit des Winters in diesen Gegenden. — Meines Schwiegervaters Tod. — Bild und Charakter seiner Wittwe, der Baronin Dudevant. — Ihre unglückliche Lage. — Rückkehr nach Nohant. — Vergleich zwischen der Gascogne und dem Berry. — Blois. — Der Mont d'Or. — Ursula. — Herr Duris-Dufresne, Deputirter des Departement de l'Indre. — Ein Lied. — Großes Aergerniß in La Châtre. — Kurze Uebersicht verschiedener kleiner Reisen und anderer Begebenheiten bis 1831.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Ein Rückblick auf einige Jahre, welche im vorhergehenden Kapitel skizzirt sind. — Gestörte Häuslichkeit. — Entschwundene Träume. — Meine Religion. — Frage über die Freiheit des Kultus, welche nicht die Freiheit in sich schließt, jedem äußern Kultus zu entsagen. — Sanftes Ende einer fixen Idee. — Der Tod einer Grille. — Unbestimmte, aber immer wiederkehrende Projekte einer Zukunft nach meinem Wunsche. — Warum ich diese Projekte machte. — Einjährige Verwaltung der Revenüen. — Meine Absetzung. — Mein Bruder und seine unglückliche Leidenschaft. — Salziger Wind und salzige Gesichter. — Versuch mir einen Erwerbszweig zu schaffen. — Die Bilder-Galerie. — Offenbarung der Kunst ohne die Gewißheit über das einzelne Fach. — Unfähigkeit für das Studium der Naturwissenschaften trotz der Liebe für die Natur. — Man bewilligt mir eine Pension und die Freiheit. — Ich verlasse Nohant für drei Monate.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Eine Art von Vorrede zu einer neuen Phase meiner Geschichte. — Warum ich nicht von allen Menschen rede, die theils durch Ueberredung, theils durch Verfolgung Einfluß auf mein Leben gehabt haben. — Einige Zeilen Jean-Jacques Rousseau's über denselben Gegenstand. — Ich kann das Leben Anderer nicht angreifen und meine tiefwurzelnde Nächstenliebe verhindert mich, im Interesse der Politik Persönlichkeiten anzugreifen. — Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. — Die Mansarde am Quai St. Michel und das excentrische Leben, das ich einige Monate vor meiner Einrichtung geführt habe. — Außerordentlich gelungene Verkleidung. — Sonderbarer Irrthum. — Herr Pinson. — Emil Poultre. — Der Strauß des Fräulein Leverd. — Herr Rollinat der Aeltere. — Seine Familie. — Franz Rollinat. — Ziemlich lange Abschweifung. — Mein Kapitel der Freundschaft, weniger schön, aber eben so tief gefühlt als das von Montaigne.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Der letzte Besuch im Kloster. — Excentrisches Leben. — Débureau. — Jane und Aimée. — Die Baronin Dudevant verbietet mir ihren Namen durch die Kunst zu compromittiren. — Mein Pseudo-Name. — Jules Sand und George Sand. — Karl Sand. — Die Cholera. — Das Kloster Saint-Merry. — Ich verlasse die Mansarde.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Vier Kinder des Berry in der Literatur. — Die Herrn Delatouche und Durès-Dufresne. — Mein Besuch bei Herrn von Kératry. — Fünfzehnhundert Franc Rente, das Ziel meiner Wünsche. — Der Figaro. — Ein Spaziergang im Quartier Latin. — Balzac. — Emanuel Arago. — Balzac's erster Luxus. — Seine Widersprüche. — Delatouche's Abneigung gegen Balzac. — Ein Diner und ein toller Abend bei Balzac. — Jules Janin. — Delatouche ermuthigt mich und lähmt mich wieder. —Indiana. — Es heißt mit Unrecht, daß dieser Roman eine Schilderung meiner Persönlichkeit und meiner Schicksale enthält. — Die Theorie des Schönen.— Die Theorie des Wahren. — Was Balzac darüber dachte. — Was Kritik und Publikum davon denken. — Corambé. — Die Phantasiebilder verschwinden. — Die Arbeit macht mich traurig. — Ueber die sogenannten Manien der Künstler.
Vierte Abtheilung. Erstes Kapitel.
Delatouche geht schnell vom Spott zum Enthusiasmus über. — Valentine erscheint. — Unmöglichkeit des projektirten Zusammenarbeitens. — Die Revue des deux Mondes. — Buloz. — Gustav Planche. — Delatouche zürnt und bricht mit mir. — Resumé unseres späteren Verhältnisses. — Moritz tritt im Gymnasium ein. — Sein Kummer und der meinige. — Eine Execution im Lyceum Henri IV. — Die Zärtlichkeit ist nicht vernünftig. — Moritz nimmt zum ersten Male an der Communion theil.
Zweites Kapitel.
Was ich damit gewann, daß ich Künstler wurde. — Die organisirte BetteIei. — Die Gauner von Paris. — Bettelei um Anstellungen und um Ruhm. — Anonyme Briefe und solche, die es sein sollten. — Besuche. — Die Engländer, die Neugierigen, die Müßiggänger, die Rathgeber. — Betrachtungen über das Almosen und die Verwendung der Güter. — Die religiöse und sociale Pflichterfüllung in offenbarem Widerspruche. — Die Räthsel der Zukunft und das Gesetz der Zeit. — Das materielle und intellektuelle Erbe. — Die Pflichten gegen die Familie und die Gesetze der Gerechtigkeit und Redlichkeit widersprechen der evangelischen Aufopferung unter den jetzigen gesellschaftlichen Verhältnissen. — Unvermeidlicher Widerspruch in uns selbst. —Zweifel und Schmerz. — Betrachtungen über die Bestimmung des Menschen und die Vorsehung. — Lelia. — Die Kritik. — Der Kummer, welcher vergeht, und der, welcher uns bleibt. — Das allgemeine Uebel. — Balzac. — Abreise nach Italien.
Drittes Kapitel.
Herr Beyle (Stendhal). — Die Kathedrale von Avignon. — Die Reise über Genua, Pisa und Florenz.— Durch die Apenninen nach Venedig, Bologna und Ferrara. — Alfred de Musset, Géraldy, Leopold Robert in Venedig. — Arbeit und Einsamkeit in Venedig. — Finanzielle Verlegenheit. — Ein schöner Zug von einem österreichischen Offizier. — Quälereien. — Polichinelle. — Eine merkwürdige Begegnung. — Abreise nach Frankreich. — Carlone. — Die Räuber. — Antonio. — Zusammentreffen mit drei Engländern. — Die Theater in Venedig. — Die Pasta, Mercadante, Zacometto. — Die Gleichheit der Lebensweise in Venedig. — Ankunft in Paris. — Rückkehr nach Nohant. — Julie. — Meine Freunde in Berry. — Die Freunde aus der Dachstube. — Prosper Bressant. — Der Prinz.
Viertes Kapitel.
Madame Dornval.
Fünftes Kapitel.
Eugen Delacroix. — David Richard und Gaubert. — Die Phrenologie und der Magnetismus. — Heilige und Engel.
Sechstes Kapitel.
Sainte-Beuve. — Luigi Calamatta. — Gustav Planche. — Charles Didier. — Warum ich nicht von mehreren Andern rede.
Siebentes Kapitel.
Ich fahre in meiner Erzählung fort. — Ich sehe mich genöthigt von sehr delikaten Dingen zu reden, die ich mit Fleiß ohne Rückhalt bespreche, weil ich finde, daß es so keuscher ist. — Ansichten meines Freundes Duteil über die Ehe. — Meine Ansichten über Liebe. — Marion Delorme. — Zwei Frauengestalten Balzac's. — Der Stolz des Weibes. — Der menschliche Stolz im Allgemeinen. — Die Briefe eines Reisenden. — Mein erster Plan. — Inwiefern der Reisende ich selbst war, und inwiefern nicht. — Wie geistige und körperliche Krankheiten auf einander wirken. — Eigensucht der Jugend. — Die Selbstverleugnung reiferer Jahre. — Religiöser Hochmuth. — Noch immer quält mich meine Unwissenheit. — Wenn ich ausruhen könnte und lernen! — Ich liebe, darum muß ich glauben. — Katholischer Hochmuth und christliche Demuth. — Wieder Leibnitz. — Warum meine Bücher manche langweilige Stellen haben. — Neuer Gesichtskreis. — Solange und Moritz. — Planet. — Reisepläne und testamentliche Verfügungen. — Herr von Persigny. — Michel (von Bourges).
Achtes Kapitel.
Everard. — Sein Kopf, sein Gesicht, sein Wesen und seine Gewohnheiten. — Patrioten, welche Feinde der Reinlichkeit sind. — Ein nächtliches Gespräch. — Erhabenheit und Widersprüche. — Fleury und ich träumen zu derselben Zeit den nämlichen Traum. — Von Bourges nach Nohant. — Everard's Briefe. — Der April-Proceß. — Lyon und Paris. — Die Saints-Pères. — Fest im Schlosse. — Babouvistische Phantasmagorie. — Mein geistiger Zustand. — Sainte-Beuve verspottet mich. — Ein wunderliches Diner. — Ein Blatt aus Louis Blanc's Geschichte. — Everard's Krankheit und Visionen. — Ich will abreisen; einflußreiches Gespräch. — Everard zeigt sich voller Klugheit und Wahrheit. — Noch ein Auszug aus Louis Blanc. — Zwei verschiedene Ansichten unter den Vertheidigern. — Ich stimme mit Jules Favre überein.
Neuntes Kapitel.
Der in den Monstre-Prozeß verflochtene Brief. — Mein zurückgewiesener Entwurf. — Abfall der republikanischen Vertheidiger. — Trélat. — Everard's Rede. — Seine Verurtheilung. — Rückkehr nach Nohant. — Pläne für meine Niederlassung. — Das einsame Haus in Paris. — Karl von Aragon. — Fieschi. — Politische Ansichten meines Sohnes. — Lamennais. — Pierre Leroux. — Ich bekomme das Heimweh. — Das einsame Haus in Bourges. — Everard's Widersprüche. — Ich gehe nach Paris zurück. —
Zehntes Kapitel.
Unentschlossenheit. — Ich gehe nicht nach Chenaie. — Ein Brief von meinem Bruder. — Ich reise nach Nohant. — Großer Entschluß. — Der Wald von Bavray. — Die Reise nach Chateauroux und nach Bourges. — Das Gefängniß in Bourges. — Die Spalte. — Eine Viertelstunde im Gefängnisse. — Berathung, Beschluß und Rückkehr. — Die Familie Duteil. — Das Gasthaus zur „Boutaille“ und die Zigeuner. — Das erste Urtheil. — Das verlassene Haus in Nohant. — Das zweite Urtheil. — Reflexionen über die Ehescheidung.
Eilftes Kapitel.
Die Reise nach der Schweiz. —Madame d'Agoult. —Ihr Salon im Hotel de France. — Moritz wird krank. — Aerger und Kummer. — Ich bringe ihn nach Nohant. — Ein Brief von Pierret. — Ich reise nach Paris. — Meine kranke Mutter. — Rückblick auf mein Verhältniß zu ihr seit meiner Verheirathung. — Ihre letzten Augenblicke. — Pierret. — Ich hole Moritz. — Ich reise Solange nach. — Die Unterpräfektur zu Nerac. — Die Rückkehr nach Nohant. — Neue Erörterungen. — Zwei schöne Kinder, für fünfzigtausend Francs. — Arbeit, Ermüdung und Wille. — Vater und Mutter.
Zwölftes Kapitel.
Der Tod Armand Carrel's. — Emil von Girardin. — Rückblick auf Everard. — Abreise nach Majorka. — Friedrich Chopin. — Die Karthause von Valdemosa. — Die Präludien. — Ein Regentag. — Marseille. — Der Doctor Cauvières. — Meerfahrt und Ausflug nach Genua. — Rückkehr nach Nohant. — Moritz wird krank. — Seine Genesung. — Der 12. Mai 1839. — Armand Barbès. — Seine Irrthümer und seine Größe.
Dreizehntes Kapitel.
Ich mache einen Versuch als Lehrerin, der mir mißlingt. — Unentschiedenheit. — Rückkehr meines Bruders. — Die Pavillons der Rue Pigole. — Meine Tochter kommt in eine Pension. — Der Square d'Orléans und mein Umgang. — Ein tiefes Nachdenken im kleinen Wäldchen zu Nohant. — Eine Schilderung von Chopin's Charakter. — Der Prinz Karol. — Ursachen zur Traurigkeit. — Mein Sohn tröstet mich über Alles. — Mein Herz vergibt Alles. — Der Tod meines Bruders. — Einige Worte über die Geschiedenen. — Der Himmel. — Die Schmerzen, von denen wir nicht sprechen. — Die Zukunft des Jahrhunderts. — Schluß.
Schluß.
Impressum
Erste Abtheilung.
Erstes Kapitel.
Was soll dies Buch? — Es ist Pflicht Andern durch unsere Erfahrungen zu nützen. — Briefe eines Reisenden. — Die Geständnisse J. J. Rousseau's. — Anton Delaborde Ballspielhausaufseher und Meister Vogelhändler. — Wahlverwandtschaften. — Lob der Vögel. — Geschichte von Agathe und Jonquilla. — Der Vogler von Venedig.
Ich glaube nicht, daß es hochmüthig und unbescheiden ist die Geschichte des eignen Lebens zu schreiben; besonders wenn wir aus den Erinnerungen, welche dies Leben in uns zurückgelassen hat, nur die auswählen, die uns der Erhaltung werth scheinen. Ich glaube damit sogar eine Pflicht, eine ziemlich schwere Pflicht zu erfüllen, denn ich kenne nichts Unbequemeres, als die eigne Persönlichkeit zu erklären und darzustellen.
Je mehr wir uns in die Ergründung des menschlichen Herzens vertiefen, um so unsichrer wird unser Blick, und für gewisse regsame Geister wird das Studium der Selbsterkenntniß immer ein langweiliges und unvollständiges sein. Und doch will ich diese Pflicht erfüllen; ich habe sie immer vor Augen gehabt und habe mir gelobt nicht zu sterben ohne vollbracht zu haben, was ich Andern anrieth: eine aufrichtige Erforschung des eignen Wesens und eine aufmerksame Prüfung des eignen Daseins.
Eine unüberwindliche Trägheit, — die Krankheit zu viel beschäftigter Geister und darum vor allem die der Jugend — hat mich bis heute an der Erfüllung dieser Aufgabe gehindert. Und vielleicht habe ich mich gegen mich selbst versündigt, indem ich das Erscheinen zahlreicher Biographien ruhig ansah, die voll Irrthümern aller Art waren, im Lob wie im Tadel. Es geht soweit, daß in einigen dieser Biographien, die erst im Auslande erschienen, dann in Frankreich mit allerhand phantastischen Ausschmückungen wiederholt wurden, selbst mein Name eine Fabel ist. Wenn ich durch diese Berichterstatter befragt oder aufgefordert wurde, nach Belieben einige Nachrichten über mein Leben zu geben, habe ich die Gleichgültigkeit so weit getrieben, daß ich selbst wohlwollenden Personen die kleinste Erklärung verweigerte. Ich muß gestehen, daß ich einen tödtlichen Widerwillen empfand, das Publikum mit meiner Persönlichkeit zu beschäftigen, die nichts Hervorragendes hat, während mir Wesen, die stärker, klarer, vollendeter, idealischer und mir weit überlegen sind — mit einem Worte Romanfiguren — Kopf und Herz erfüllten. Ich fühlte, daß man nur einmal im Leben sehr ernsthaft mit dem Publikum von sich selbst sprechen darf, um nie mehr darauf zurückzukommen.
Gewöhnen wir uns, von uns selbst zu sprechen, so kommen wir leicht und unwillkürlich dazu uns selbst zu loben, was eine natürliche Folge der Neigung des Menschen ist, den Gegenstand seiner Betrachtung zu verschönen und zu erheben. Es giebt sogar ein unbefangenes Selbstlob, vor dem wir nicht erschrecken dürfen, wenn es, wie das der Dichter, welche in dieser Beziehung ein besonderes geheiligtes Vorrecht haben, in die Formen der Lyrik gehüllt ist. Aber die Selbstbewunderung, die uns zu diesem kühnen Flug gen Himmel begeistert, ist der Mittelpunkt nicht, in den sich die Seele stellen kann, um lange von sich selbst mit den Menschen zu sprechen. In dieser Erregung geht ihr das Bewußtsein der eignen Schwächen verloren; sie identificirt sich mit der Gottheit, mit dem Ideale, dem sie nachstrebt. Die Regungen der Sehnsucht und der Reue, die sie in sich findet, dehnt sie bis zur Poesie der Verzweiflung und der Gewissensqual aus: sie wird Werther, oder Faust, oder Manfred, oder Zamba — erhabne Gestalten vom Gesichtspunkte der Kunst, die aber, ohne Hülfe philosophischer Erkenntnisse, zuweilen verderbliche Beispiele, oder unfaßbare Vorbilder geworden sind.
Und doch müssen diese großen Gemälde der mächtigsten Erregungen der Dichterseele auf ewig verehrt werden — wir müssen es den großen Künstlern verzeihen, wenn sie sich in Gewitterwolken oder Ruhmesstrahlen hüllen. Es ist ihr Recht — und indem sie uns das Ergebniß ihrer erhabensten Gefühle geben, haben sie ihre Sendung vollständig erfüllt. Aber auch in demüthigern Verhältnissen, unter gewöhnlichern Formen können wir eine ernste, unmittelbar nützliche Pflicht gegen unsere Nächsten erfüllen, indem wir uns ohne Symbol, ohne Heiligenschein und ohne Piedestal darstellen.
Gewiß ist es unmöglich, von der Fähigkeit der Dichter, ihr eignes Dasein zu idealisiren und zu etwas Abstractem, Unfaßbarem zu machen, eine vollständige Belehrung zu erwarten. Ohne Zweifel ist diese Fähigkeit Nutzen bringend und belebend, denn jeder Geist erhebt sich mit dem der begeisterten Träumer, jedes Gefühl reinigt oder erhöht sich, indem es ihnen in höhere Sphären folgt, — aber es fehlt dem flüchtigen Balsam, den sie über unsre Wunden ausgießen, etwas sehr Wichtiges: die Wirklichkeit.
Aber es wird dem Künstler schwer, diese Wirklichkeit zu berühren und nur großherzige Naturen können es mit Freuden thun. Ich muß gestehen, daß meine Liebe zur Pflicht nicht so weit reicht, und daß ich nicht ohne große Anstrengung zur Prosa meines Gegenstandes herabsteige.
Ich hatte immer gefunden, daß es ebenso viel schlechten Geschmack verräth, sich lange mit sich selbst zu unterhalten, als lange von sich selbst zu sprechen. Es giebt im Leben der gewöhnlichen Wesen wenige Tage, wenige Augenblicke, wo es interessant oder nützlich wäre sie zu beobachten. Aber zuweilen habe ich solche Tage und Augenblicke gehabt; dann habe ich gefühlt, wie Andre fühlen, und habe die Feder ergriffen, um einen lebhaften Schmerz, der mich bedrängte, oder eine heftige Angst, die mich durchwühlte, ausströmen zu lassen. Die Mehrzahl dieser Fragmente ist nicht veröffentlicht und sie werden mir, bei der Uebersicht meines Lebens, als Merkzeichen dienen. Nur einige derselben haben in Briefen, die zu verschiedenen Zeiten erschienen und von verschiedenen Orten datirt sind, eine halb vertrauliche, halb literarische Gestalt angenommen und sind unter dem Titel „Briefe eines Reisenden“ zusammengestellt. Zur Zeit als ich diese Briefe schrieb, war mir der Gedanke, von mir selbst zu sprechen, um so weniger peinlich, da ich, buchstäblich genommen, nicht mich selbst darstellte. Dieser „Reisende“ war eine Fiction, ein gedachtes Wesen; männlich wie mein Pseudonym; alt, obwohl ich noch jung war — und diesem traurigen Pilger, der eigentlich auch nur ein Romanheld ist, legte ich subjectivere Empfindungen und Reflexionen in den Mund, als ich im Roman, der strengern Kunstgesetzen unterworfen ist, gewagt haben würde. Ich fühlte damals das Bedürfniß gewissen Gemüthsbewegungen einen Ausdruck zu geben, aber nicht das Verlangen, den Leser mit mir selbst zu beschäftigen. Dieses Verlangen, das bei Allen ein kindisches und, beim Künstler wenigstens, ein gefährliches ist, fühle ich jetzt vielleicht noch weniger als sonst. Ich werde sagen, warum ich es nicht fühle und warum ich doch schreiben werde, als ob ich's hätte — wie man ißt aus Vernunft, ohne den geringsten Appetit zu spüren.
Ich habe es nicht, weil ich in das Alter der Ruhe gelangt bin, wo meine Persönlichkeit durch Hervortreten nichts zu gewinnen hat, und wenn ich nur meinen Trieben folgte, nur meine Wünsche um Rath fragte, würde ich mich bestreben mein Ich vollständig zu vergessen und vergessen zu machen. Ich suche nicht mehr die Lösung der Räthsel, die meine Jugend gepeinigt haben und ich habe in mir manche Streitfrage entschieden, die meinen Schlummer störte. Man hat mir geholfen dabei, denn für mich allein wäre ich schwerlich zur Klarheit gelangt.
Mein Zeitalter hat Funken der Wahrheiten, die es in sicht trägt, aufleuchten lassen. Ich habe sie gesehen, ich weiß, wo ihre Brennpunkte liegen und das genügt mir. Früher habe ich das Licht in psychologischen Resultaten gesucht, das war widersinnig; seit ich begriffen habe, daß dies Licht in Principien liegt und daß diese Principien in mir sind, ohne in mir entstanden zu sein, habe ich ohne viel Anstrengung und ohne Verdienst die Ruhe des Geistes gefunden. Die des Herzens habe ich nicht erlangt, und werde sie nie erlangen; denn Alle, die mitfühlend geboren sind, werden immer auf Erden etwas zu lieben, zu beklagen, zu unterstützen und zu leiden haben. Wir dürfen also in keinem Alter des Lebens das Aufhören des Schmerzes, der Anstrengung und des Schreckens suchen, denn das wäre Gefühllosigkeit, Ohnmacht, frühzeitiger Tod. Wir werden die Uebel des Lebens leichter ertragen, wenn wir sie als unheilbar hinnehmen.
In dieser Ruhe der Gedanken und in dieser Ergebung des Gefühls kann ich ebensowenig Bitterkeit gegen das Menschengeschlecht empfinden, das so häufig irrt, als Enthusiasmus für mich selbst, die ich so lange geirrt habe. Es ist also weder der Reiz des Kampfes, noch das Bedürfniß der Mittheilung, das mich veranlaßt von meiner Vergangenheit oder von meiner Gegenwart zu sprechen.
Aber ich habe gesagt, daß ich es für Pflicht halte, davon zu reden und meine Gründe sind folgende:
Viele menschliche Wesen leben, ohne sich von ihrem Dasein ernsthaft Rechenschaft zu geben, ohne zu verstehen und fast ohne zu fragen, welche Absichten die Vorsehung mit ihnen hat, sowohl in Bezug auf ihre Individualität, wie in Bezug auf die Gesellschaft, zu der sie gehören. Sie gehen an uns vorüber, ohne sich uns zu erschließen, weil sie vegetiren, ohne sich selbst zu erkennen. Und wenn auch ihr Dasein, mag es noch so mangelhaft entwickelt sein, immer einen gewissen Nutzen, eine gewisse Nothwendigkeit nach den Gesetzen der Vorsehung erfüllt, so ist es doch leider gewiß, daß die Offenbarung ihres Lebens unvollkommen und für die übrige Menschheit moralisch unfruchtbar bleibt.
Die lebendigste und ergiebigste Quelle der Entwicklung des Menschengeistes ist — um die Sprache meiner Zeit zu sprechen — der Begriff der Solidarität [Im vergangenen Jahrhundert hätte man Empfindsamkeit gesagt, in frühern Zeiten christliche Liebe, vor fünfzig Jahren Brüderlichkeit.]. Den Menschen aller Zeiten ist er deutlich oder undeutlich zum Bewußtsein gekommen und so oft einer unter ihnen mit der mehr oder minder entwickelten Fähigkeit begabt gewesen ist, das eigne Dasein zu offenbaren, ist er zu dieser Offenbarung durch den Wunsch seiner Umgebung oder durch eine innere, mächtige Stimme getrieben. Es war ihm dann, als ob es sich um die Erfüllung einer Verpflichtung handelte — und so war es in der That; mochten nun historische Ereignisse zu erzählen sein, deren Zeuge er gewesen war; mochte er mit einflußreichen Persönlichkeiten verkehrt oder als Reisender Menschen und Dinge von neuen Gesichtspunkten aufgefaßt haben.
Es giebt noch eine Art subjectiver Arbeit, welche seltener vollbracht wird, und welche meiner Meinung nach von ebenso großem Nutzen ist: ich meine die Arbeit, das innere, seelische Leben zu erzählen, das heißt, eine Geschichte des eignen Geistes und eignen Herzens, zur Belehrung für die Brüder. Wenn diese subjectiven Eindrücke, diese Reisen oder Reiseversuche in die abstracte Welt des Gedankens oder des Gefühls von einem aufrichtigen, ernsten Geiste mitgetheilt werden, können sie eine Anregung, eine Ermuthigung und selbst ein Rath für andere Geister sein, die noch im Labyrinth des Lebens irren. Es ist gleichsam ein Austausch des Vertrauens und der Sympathie, welcher gleichzeitig die Seele des Erzählers und des Hörers erhebt. Im gewöhnlichen Leben veranlaßt uns ein natürlicher Trieb zu diesen ebenso demüthigen als stolzen Mittheilungen — denn wenn ein Freund, ein Bruder uns die Qualen und Verwirrungen seiner Lage gesteht, haben wir keine bessern Beweisgründe, um ihn zu stärken und zu überzeugen, als diejenigen, die wir aus unserer Erfahrung schöpfen; so sehr fühlen wir dann, daß das Leben eines Freundes unser eignes ist, wie das Leben des Einzelnen dem Ganzen gehört. „Ich habe dieselben Uebel ertragen, ich habe dieselben Klippen durchschifft und ich habe das überwunden, also kannst auch Du genesen und siegen“ — das ist's, was der Freund dem Freunde, der Mensch dem Menschen sagt. Und wer von uns hätte nicht, in den Augenblicken der Niedergeschlagenheit und der Verzweiflung, wenn die Liebe und Hülfe eines andern Wesens unentbehrlich sind, einen mächtigen Eindruck durch die Ergießungen der Seele empfangen, der wir eben unsere Schmerzen vertrauten?
So ist es also die geprüfteste Seele, die am meisten Gewalt über Andere hat. In Gemüthsbewegungen suchen wir nicht leicht die Unterstützung des Zweiflers, des Spötters oder des Stolzen; nach einem, der unglücklich ist wie wir, oder noch unglücklicher, wenden wir die Blicke und strecken wir die Hände aus. Ueberraschen wir ihn im Augenblick der Noth, so wird er das Mitleid kennen und mit uns weinen; rufen wir ihn an, wenn er im vollen Besitz der Kraft und Klarheit ist, so wird er uns leiten und retten vielleicht — aber jedenfalls wird er nur insoweit von Einfluß auf uns sein, als er uns versteht; und damit er uns verstehe, muß er unser Vertrauen mit etwas Aehnlichem zu erwiedern haben.
Die Erzählung der Leiden und Kämpfe aus dem Leben des Einzelnen ist also Belehrung für Alle; es würde auch Hülfe für Alle sein, wenn Jeder wüßte, wodurch er gelitten und was ihn gerettet hat. Von diesem erhabenen Gesichtspunkte aus und beherrscht von einem glühenden Glaubenseifer, schrieb der heilige Augustin seine Bekenntnisse, welche zugleich die seines Jahrhunderts waren und mehrern christlichen Generationen wirksame Hülfe gewährten.
Eine weite Kluft trennt die Bekenntnisse J. J. Rousseau's von denen des Kirchenvaters. Das Ziel des Philosophen aus dem 18. Jahrhundert erscheint subjectiver, also weniger ernst und weniger nützlich. Er beschuldigt sich, um Gelegenheit zu Entschuldigungen zu haben; er enthüllt verborgene Fehler, um öffentliche Verleumdungen zurückzuweisen. So ist das Ganze ein Gemisch von Hochmuth und Demuth, das uns zuweilen durch seine Affectation empört, oft durch seine Aufrichtigkeit entzückt und hinreißt. Darum enthält die berühmte Schrift, so fehlerhaft und strafbar sie auch sein mag, die ernstesten Lehren und je mehr sich der Märtyrer, in der Verfolgung seines Ideals, erniedrigt und verirrt, um so mehr werden wir von diesem Ideale ergriffen und angezogen.
Man hat die Bekenntnisse Jean Jacques' zu lange als rein persönliche Apologie betrachtet. Er hat sich zum Mitschuldigen dieses schlechten Erfolges gemacht, denn er hat ihn durch die Vorurtheile herbeigeführt, die in sein Werk verwebt sind. Aber heutigen Tages, da seine persönlichen Freunde und Feinde nicht mehr leben, beurtheilen wir das Buch von einem höhern Gesichtspunkte. Es kommt uns nicht mehr darauf an zu wissen, bis zu welchem Grade der Verfasser der Bekenntnisse ungerecht oder krank war und bis zu welchem Grade seine Verleumder sich ruchlos oder grausam bewiesen. Was uns interessirt, uns erleuchtet und Einfluß auf uns übt, ist der Anblick dieser begeisterten Seele im Kampfe mit den Irrthümern seiner Zeit und den Hindernissen seiner philosophischen Bestimmung. Es ist das Ringen dieses Genius, der für Sittenstrenge, Unabhängigkeit und Würde glüht, mit der leichtsinnigen, ungläubigen und verderbten Gesellschaft, in der er sich bewegt — die zu jeder Stunde, bald durch Verführung, bald durch Bedrückung auf ihn einwirkt und ihn bald in den Abgrund der Verzweiflung wirft, bald zu erhabnen Widersprüchen aufruft.
Wenn die Grundidee der Bekenntnisse gut wäre, wenn eine Pflichterfüllung darin läge, unsere kindischen Vergehen aufzusuchen und unsre unvermeidlichen Fehler zu erzählen, würde auch ich vor dieser öffentlichen Buße nicht zurückweichen. Aber nach meiner Ansicht ist diese Art sich anzuklagen durchaus nicht demüthig, auch hat sich das allgemeine Gefühl nicht täuschen lassen. Es ist weder nützlich noch erbaulich zu wissen, daß Jean Jacques Rousseau meinem Großvater drei Francs zehn Sous gestohlen hat, um so mehr, da die Thatsache nicht erwiesen ist. [Dies ist der Tatbestand, wie ich ihn in den Papieren meiner Großmutter gefunden habe: „Francueil, mein Mann, sagte eines Tages zu Jean Jacques, laßt uns in's Theater français gehen. Ja wohl, sagte Rousseau, das wird uns wenigstens für eine oder zwei Stunden zu gähnen geben. — Dies ist vielleicht die einzige witzige Antwort, die er in seinem Leben gegeben hat und noch dazu ist sie nicht sehr geistreich. Vielleicht war es an diesem Abend, daß Rousseau meinem Manne drei Francs zehn Sous entwendete. Uns ist die Erzählung dieser Spitzbüberei immer wie eine Affectation erschienen. Francueil hatte keine Erinnerung daran bewahrt, er dachte sogar, daß Rousseau sie erfunden hätte, um die Zartheit seines Gewissens zu beweisen und um zu verhindern, daß man an Sünden glaubte, die er nicht bekannte. — Und überdies, wenn es wahr wäre, guter Jean Jacques! Ihr müßtet heute Eure Peitsche ganz anders knallen lassen, wenn wir nur die Ohren danach spitzen sollten.“] Auch ich erinnere mich, in meiner Kindheit heimlich und mit Vergnügen zehn Sous aus dem Geldbeutel meiner Großmutter genommen zu haben, um sie einem Armen zu geben. Ich finde, daß darin kein Grund liegt, mich zu loben oder anzuklagen; es war ganz einfach ein dummer Streich, denn um das Geld zu bekommen, brauchte ich es nur zu verlangen.
So sind die meisten Fehler von uns ehrlichen Leuten auch weiter nichts, als dumme Streiche, und wir wären sehr thöricht, uns deshalb vor den Unredlichen zu beschuldigen, die das Böse mit Kunst und Vorbedacht ausüben. Das Publikum besteht aus den Einen und Andern, und es ist ihm wahrlich zu viel Aufmerksamkeit bewiesen, wenn wir uns schlechter darstellen, als wir sind, um es zu rühren oder ihm zu gefallen.
Ich leide unendlich, wenn ich den großen Rousseau sich so erniedrigen und sich einbilden sehe, daß er durch Uebertreibung oder wohl gar Erfindung dieser Sünden sich von den Herzensfehlern reinigt, die seine Feinde ihm zuschreiben. Durch seine Bekenntnisse hat er sie sicherlich nicht entwaffnet; aber genügt es nicht, um ihn rein und gut zu glauben, die Theile seines Lebens zu lesen, in denen er sich anzuklagen vergißt? nur in diesen ist er unbefangen; das fühlt sich leicht.
Darum, mögen wir rein oder unrein, klein oder groß sein, es bleibt immer Eitelkeit, kindische, unglückliche Eitelkeit, die eigne Rechtfertigung unternehmen zu wollen. Ich habe nie begriffen, wie ein Angeklagter auf der Bank des Verbrechens irgend etwas zu erwiedern vermag. Ist er schuldig, so wird er es noch mehr durch die Lüge, und die entdeckte Unwahrheit fügt zu der Härte der Strafe Demüthigung und Schande. Ist er aber unschuldig, wie mag er sich so weit erniedrigen, dies beweisen zu wollen?
Und hier handelt es sich doch um Ehre und Leben — aber wenn wir uns im gewöhnlichen Verlauf des Daseins so leidenschaftlich bemühen, die Verleumdung zurückzuweisen, die Jeden, auch den Besten erreicht, und die Vortrefflichkeit unseres Ich zu beweisen, müssen wir entweder in uns selbst verliebt sein, oder ein wichtiges Unternehmen zu vollführen haben. Mag eine Rechtfertigung im öffentlichen Leben zuweilen nothwendig sein — im Privatleben wird Niemand durch Reden seine Rechtschaffenheit beweisen, noch uns von seiner Vollkommenheit überzeugen. Wir müssen denen, die uns kennen, die Sorge überlassen, uns von unsern Mängeln freizusprechen und unsre Eigenschaften zu schätzen.
Endlich, da wir für einander verantwortlich sind, giebt es kein für sich allein stehendes Vergehen. Es giebt keine Verirrung, von der nicht irgend Jemand Ursache oder Mitschuldiger wäre, und es ist unmöglich, sich selbst anzuklagen, ohne den Nächsten zu beschuldigen — nicht allein den Feind, der uns angreift, sondern häufig auch den Freund, der uns vertheidigt. Das hat Rousseau gethan und das ist schlecht. Wer kann ihm verzeihen, mit seinen eigenen Bekenntnissen auch die der Frau von Warrens abgelegt zu haben?
Verzeih' mir Jean Jacques, daß ich Dich tadle, indem ich das herrliche Buch Deiner Bekenntnisse schließe! Ich tadle Dich, aber auch das ist eine Huldigung, denn dieser Tadel zerstört weder meine Achtung noch meine Begeisterung für den Kern Deines Werkes.
Ich meinestheils will hier kein Kunstwerk schaffen; ich verwahre mich sogar dagegen; Mittheilungen wie diese haben nur Werth durch Natürlichkeit und Unbefangenheit — auch möchte ich mein Leben nicht wie einen Roman erzählen, denn der Inhalt würde in der Form verschwinden.
Ich werde also ohne Ordnung und Zusammenhang reden und selbst in viele Widersprüche verfallen dürfen. Die menschliche Natur ist nur ein Gewebe von Inconsequenzen und ich glaube gar nicht — aber auch gar nicht — an diejenigen, die behaupten, daß sie sich mit dem Ich von gestern immer im Einklang befunden haben.
Meine Arbeit wird demnach auch in der Form Spuren des Sichgehenlassens meines Geistes tragen; und um damit den Anfang zu machen, werde ich die Darlegung meiner Ansicht von der Nützlichkeit dieser Memoiren hier beschließen, und sie in der fortschreitenden Entwicklung der Geschichte, die ich jetzt beginne, durch Beispiele zu vervollständigen suchen.
Möge keiner von denen, die mir Böses gethan haben, erschrecken, ich erinnere mich ihrer nicht; und möge kein Freund des Skandales sich freuen — ich schreibe nicht für ihn.
Ich bin geboren im Jahre der Krönung Napoleon's, dem XII. Jahre der französischen Republik (1804). Mein Name ist nicht Maria Aurora von Sachsen, Marquise von Dudevant, wie einige meiner Biographen entdeckt haben, sondern Amantine Lucile Aurore Dupin und mein Mann, Franz Dudevant, legt sich keine Würden bei. Er ist nie mehr gewesen, als Secondelieutenant der Infanterie und war siebenundzwanzig Jahr alt, als ich ihn heirathete. Wer ihn zu einem alten Obersten des Kaiserreichs macht, verwechselt ihn mit Herrn Delmare, einer meiner Romanfiguren. Es ist wirklich nur zu leicht und erfordert keinen Aufwand von Erfindungskraft, die Lebensgeschichte eines Schriftstellers zu entwerfen, indem man die Fictionen seiner Erzählungen in die Wirklichkeit seines Daseins überträgt.
Vielleicht hat man auch ihn und mich mit unsern Vorfahren verwechselt. Maria Aurora von Sachsen war meine Großmutter; und der Vater meines Mannes war Cavalerie-Oberst zur Kaiserzeit. Aber er war weder roh noch mürrisch, sondern der beste und sanfteste der Männer.
Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken — auf die Gefahr hin mich mit meinen Biographen zu veruneinigen und ihr Wohlwollen durch Undank zu vergelten — daß ich es weder zart, noch schicklich, noch redlich finde, wenn sie, um mich zu entschuldigen, weil ich in meinen ehelichen Verhältnissen nicht ausdauern konnte und auf Scheidung geklagt habe, meinem Gatten ein Unrecht aufbürden, über das ich, seit Wiedererlangung meiner Unabhängigkeit, vollständig geschwiegen habe. Es ist nicht zu verhindern, daß sich das Publikum in müßigen Stunden mit der Erinnerung solcher Processe beschäftigt, und daß es bald für die eine, bald für die andere Partei ein günstiges Urtheil festhält. Wer die Oeffentlichkeit solcher Verhandlungen nicht gescheut und überwunden hat, wird auch dies ertragen. Aber Schriftsteller, die das Leben eines Andern erzählen; die besonders, welche zu seinen Gunsten gestimmt sind und ihn vor der öffentlichen Meinung erhöhen oder rechtfertigen wollen, sollten nicht gegen sein Gefühl und seinen Willen handeln, indem sie ihn mit Stoß und Hieb zu vertheidigen suchen. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist in solchem Falle gleich der eines Freundes und unsre Freunde dürfen es nie an Rücksichten fehlen lassen, auf denen, streng genommen, die öffentliche Moral beruht. Mein Gatte lebt; er liest weder meine Schriften noch das, was über mich geschrieben wird — das ist eine Ursache mehr für mich, die Angriffe zurückzuweisen, deren Gegenstand er meinetwegen ist. Ich habe nicht mit ihm leben können, weil unsere Charaktere und Meinungen wesentlich verschieden waren. Thörichte Nachschläge haben ihn veranlaßt, sich in öffentliche Verhandlungen einzulassen, die uns gegenseitig nöthigten, uns zu beschuldigen — traurige Folgen einer unvollkommenen Gesetzgebung, welche die Zukunft verbessern wird. Seit meine Scheidung ausgesprochen und anerkannt ist, habe ich bereits meine Beschwerden vergessen, und darum muß mir jeder öffentliche Vorwurf gegen ihn unpassend erscheinen, da er an die Fortdauer eines Grolles glauben läßt, an dem ich keinen Theil mehr habe.
Nachdem dies festgestellt ist, wird man errathen, daß ich die Akten meines Processes nicht in diese Memoiren übertragen werde. Ich würde meine Aufgabe zu sehr erschweren, wenn ich kindischer Rachsucht und bitteren Erinnerungen Platz gewährte. Ich habe viel gelitten durch diese Verhältnisse, aber ich schreibe nicht, um zu klagen und um mich trösten zu lassen. Die Schmerzen, von denen ich auf Anlaß rein persönlicher Erlebnisse erzählen könnte, würden nicht von allgemeinem Nutzen sein, also werde ich nur die mittheilen, denen alle Menschen ausgesetzt sind. Darum noch einmal, Freunde des Skandals, schließt mein Buch bei der ersten Seite, es ist nicht für Euch geschrieben.
Dies ist wahrscheinlich Alles, was ich über meine Ehe zu sagen haben werde, und ich habe es gleich gesagt, um einem Gebote meines Gewissens zu gehorchen. Ich weiß, daß es nicht vorsichtig ist, Biographen zu widerlegen, die zu unsern Gunsten gestimmt sind, und die uns mit einer Durchsicht und Ergänzung unserer Mittheilungen bedrohen können; aber ich bin nie in irgend welcher Art vorsichtig gewesen und ich habe auch nicht gesehen, daß Andere, die sich Mühe gaben, es zu sein, mehr geschont wären, als ich — mit der Aussicht auf gleichen Erfolg wird es aber wohl gestattet sein, den Impulsen unseres Wesens zu folgen.
Und nun verlasse ich bis auf Weiteres das Kapitel meiner Heirath und kehre zu dem meiner Geburt zurück.
Diese Geburt, die in Bezug auf beide Zweige meiner Familie so oft und in so eigenthümlicher Weise besprochen wurde, hat in der That etwas Sonderbares und hat mich zu häufigem Nachdenken über die Frage der Abstammungen veranlaßt.
Ich habe besonders meine ausländischen Biographen im Verdacht, sehr aristokratisch zu sein, denn sie Alle haben mich mit einer vornehmen Herkunft beschenkt, ohne, wie sie als wohlunterrichtete Leute gethan haben müßten, auf einen sehr sichtbaren Fleck in meinem Wappen Rücksicht zu nehmen.
Man ist nicht allein das Kind seines Vaters, man ist, wie ich glaube, auch ein wenig das seiner Mutter — es scheint mir sogar, als wären wir dies am meisten; als wären wir auf das Unmittelbarste, Mächtigste, Heiligste mit dem Wesen verbunden, das uns unter seinem Herzen getragen hat. Wenn also mein Vater der Ur-Enkel Augusts II., Königs von Polen ist, so daß ich mich von dieser Seite, zwar auf illegitime, aber unzweifelhafte Weise mit Karl X. und Ludwig XVIII. nahe verwandt fühle, ist es nicht weniger wahr, daß ich durch mein Blut dem Volke ebenso nahe stehe — und auf dieser Seite ist noch dazu kein Bastardthum.
Meine Mutter war ein armes Kind der alten Stadt Paris; ihr Vater Anton Delaborde war Ballspielhaus-Aufseher und Meister Vogler, das heißt, er verkaufte Kanarienvögel und Stieglitze auf dem Quai aux oiseaux, nachdem er in irgend einem Winkel von Paris ein kleines Estaminet mit Billard besessen hatte, wobei er jedoch schlechte Geschäfte machte. Der Pathe meiner Mutter hatte überdies einen berühmten Namen im Vogelgeschäft; er hieß Barra und sein Name steht noch jetzt auf dem Boulevard du temple über einem Bauwerk aus Käfigen von allen Größen, in welchen immer eine Menge gefiederter Wesen fröhlich singen, die ich wie ebenso viele Pathen und Pathinnen zu betrachten pflege; wie geheimnißvolle Beschützer, mit denen mich immer eine besondere Sympathie verbunden hat.
Wer vermag die Wahlverwandtschaft zu erklären, die zwischen dem Menschen und gewissen untergeordneten Wesen der Schöpfung stattfindet? sie besteht ebenso gewiß, wie die Antipathie und die unüberwindliche Angst, die uns einige ganz unschädliche Thiere einflößen. Mir ist die Sympathie der Thiere so zugewendet, daß meine Freunde davon oft, wie von einem Wunder überrascht sind. Ich habe in dieser Weise die außerordentlichsten Erziehungen vollendet, aber besonders bei Vögeln. Sie sind die einzigen Geschöpfe, auf die ich jemals eine Art Zauber geübt habe — und wenn es eitel ist, mich dessen zu rühmen, muß ich bei ihnen um Verzeihung bitten.
Ich habe diese Gabe von meiner Mutter, der sie in noch höherem Grade eigen war, als mir, so daß sie in unserm Garten immer von kecken Sperlingen, beweglichen Grasmücken und muntern Finken begleitet wurde, die in Freiheit auf den Bäumen lebten, aber zutraulich die Hände pickten, die sie fütterten. Ich möchte wetten, daß sie diesen Einfluß von ihrem Vater geerbt hatte, und daß dieser nicht durch einen Zufall der Verhältnisse veranlaßt war, Vogelhändler zu werden, sondern durch den natürlichen Hang, sich den Wesen zu nähern, mit denen er durch Instinkt verbunden war. Niemand hat Martin, Carter und van Amburgh eine besondere Macht über die Natur der wilden Thiere abgesprochen, und ich hoffe, daß man auch mir mein savoir-faire und savoir-vivre mit den geflügelten Zweifüßlern nicht abstreiten wird, die vielleicht in meinem frühern Dasein eine wichtige Rolle spielten.
Doch Scherz bei Seite; es ist gewiß, daß jeder von uns ein bestimmtes, oft sogar leidenschaftliches Vorurtheil für oder gegen gewisse Thiere empfindet. Der Hund spielt eine außerordentliche Rolle im Menschenleben und das beruht auf einem Geheimnisse, das noch nicht vollständig ergründet ist. Ich habe eine Magd gehabt, die von der Leidenschaft für Schweine erfüllt war und vor Schmerz ohnmächtig wurde, wenn sie dieselben in die Hände des Schlächters übergehen sah; ich dagegen, obwohl ich auf dem Lande fast bäuerisch erzogen bin, wo ich mich an den Anblick dieser Thiere gewöhnt haben sollte, die bei uns in Menge gehalten wurden, habe immer eine kindische, unüberwindliche Furcht davor gehabt, so daß ich den Kopf verliere, wenn ich mich von diesen unsaubern Geschöpfen umgeben sehe; ich möchte mich hundertmal lieber zwischen Löwen und Tigern befinden.
Vielleicht kommt es daher, weil alle die Typen, die einzeln den verschiedenen Thier-Geschlechtern zugetheilt sind, sich im Menschen wiederfinden. Die Physiognomiker haben körperliche Aehnlichkeiten nachgewiesen — wer vermöchte die geistigen zu leugnen? Giebt es nicht unter uns Füchse, Wölfe, Löwen, Adler, Maikäfer und Fliegen? Die menschliche Rohheit ist oft niedrig und wild, wie die Gier des Schweines, und auch im Menschen erfüllt mich dies am meisten mit Schrecken und Ekel. Ich liebe den Hund, aber nicht alle Hunde; ich habe sogar eine entschiedene Abneigung gegen gewisse Individualitäten dieses Geschlechts. Ich liebe sie, wenn sie ungehorsam, kühn, mürrisch und unabhängig sind, aber die Gier, die allen eigen ist, thut mir weh. Sie sind vortreffliche, in mancher Beziehung wunderbar begabte Wesen: aber in einzelnen Punkten, in denen die Rohheit des Thieres zu sehr ihr Recht behauptet, sind sie unverbesserlich. Der Hunde-Mensch ist kein schöner Typus.
Aber vom Vogel behaupte ich, daß er das höchste Wesen der Schöpfung ist. Seine Organisation ist ganz bewunderungswürdig; sein Flug stellt ihn in materieller Hinsicht über den Menschen und schafft ihm eine Macht, die unsere Erfindungskraft noch nicht errungen hat. Sein Schnabel und seine Krallen besitzen eine unglaubliche Geschicklichkeit. Er hat den Instinkt der ehelichen Liebe, der Vorsorglichkeit, des häuslichen Fleißes. Sein Nest ist ein Meisterstück von Kunstfertigkeit, Sorgsamkeit und zierlicher Schönheit. Die Hauptart ist diejenige, in welcher das Männchen dem Weibchen in Erfüllung der Familienpflichten beisteht; in welcher der Vater, wie bei den Menschen, das Haus baut, die Kinder schützt und nährt. Der Vogel ist Sänger; er ist schön; er besitzt Grazie, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Anhänglichkeit, Sittenreinheit, und man hat sehr unrecht gethan, ihn oft zum Vorbilde der Unbeständigkeit zu machen. Soweit der Instinkt der Treue den Thieren gegeben ist, ist er das treueste unter ihnen. Im oft gepriesenen Hundegeschlecht hat das Weibchen allein die Liebe der Nachkommenschaft, wodurch es über dem Männchen steht; aber bei den Vögeln stellen beide Geschlechter, die mit gleichen Tugenden begabt sind, das Ideal der Ehe dar. Man rede also nicht verächtlich von den Vögeln. Es fehlt wenig daran, daß sie uns gleichständen — und als Sänger wie als Dichter sind sie besser begabt als wir. Der Vogel-Mensch ist der Künstler.
Da ich einmal beim Kapitel der Vögel bin — und warum sollte ich es nicht erschöpfen, da ich mir einmal unendliche Abschweifungen gestattet habe — werde ich einen Vorfall erzählen, dessen Zeuge ich gewesen bin, und den ich Büffon, diesem sanften Dichter der Natur, mitgetheilt haben möchte. Ich erzog zwei Grasmücken aus verschiedenen Nestern und von verschiedener Art: die eine mit gelber Brust, die andere mit grauem Mieder. Die Gelb--Brust, die Jonquille hieß, war um vierzehn Tage älter, als die Grau-Brust, die Agathe genannt wurde. Vierzehn Tage für eine Grasmücke — die Grasmücke ist unter unseren kleinern Vögeln am klügsten und gelangt am frühsten zur Reife — kommen zehn Jahren eines jungen Mädchens gleich. Jonquille war also ein nettes Jüngferchen, zwar noch mager und schlecht befiedert, unfähig weiter zu fliegen, als von einem Zweige zum andern, und selbst nicht im Stande allein zu fressen; denn die Vögel, die der Mensch erzieht, entwickeln sich später, als die in der Wildniß aufwachsenden. Die Grasmücken-Mütter sind viel strenger als wir, und Jonquille würde vierzehn Tage früher allein gefressen haben, wenn ich so klug gewesen wäre, sie dazu zu zwingen, indem ich sie sich selbst überließ und ihre Zudringlichkeit nicht beachtete.
Agathe war ein unausstehliches kleines Kind; sie konnte nichts als Unruhe stiften, schreien, ihre sprießenden Federn schütteln und Jonquille quälen, die bereits anfing ernsthaft zu werden und sich in Gedanken zu vertiefen, indem sie die eine Kralle in die Federn ihres Kleides steckte, den Kopf zwischen die Schultern zog und die Augen zur Hälfte schloß.
Indessen war auch sie noch sehr kindisch und sehr naschhaft. Und so oft ich die Unvorsichtigkeit beging, sie anzusehen, bemühte sie sich bis zu mir zu fliegen, um sich satt zu fressen.
Eines Tages schrieb ich an einem Roman, der mich etwas erregte. Ich hatte den grünen Zweig, auf welchem meine beiden Zöglinge in Eintracht zusammen saßen und lebten, in einiger Entfernung aufgestellt. Es war etwas kühl; Agathe, die noch halb nackt war, hatte sich unter Jonquille zusammengekauert, und diese erfüllte ihre Mutter-Rolle mit großmüthiger Gefälligkeit. So saßen beide eine halbe Stunde ruhig neben einander, und ich benutzte die Zeit zum Schreiben, denn es war selten, daß sie mir am Tage so viel Muße ließen.
Aber endlich erwachte der Hunger; Jonquille sprang auf einen Stuhl, dann auf den Tisch und löschte das Wort aus, das mir eben aus der Feder floß, während Agathe, die ihren Zweig nicht zu verlassen wagte, mit den Flügeln schlug und mir den offenen Schnabel mit verzweiflungsvollem Geschrei entgegenstreckte.
Ich war in der Mitte meiner Entwicklung und wurde zum ersten Male etwas ärgerlich gegen Jonquille. Ich stellte ihr vor, daß sie alt genug wäre, um allein zu fressen, daß sie vor ihrem Schnabel ein vortreffliches Futter in einer hübschen Tassenschale fände, und daß ich entschlossen wäre, ihrer Faulheit nicht länger nachzugeben. Die empfindliche und eigensinnige Jonquille zog sich trotzend auf ihren Zweig zurück; aber Agathe fügte sich nicht, wendete sich zu ihrer Gefährtin und bat sie um Nahrung mit unglaublicher Beharrlichkeit. Wahrscheinlich bat sie auf sehr beredtsame Weise, oder wenn sie sich noch nicht gut auszudrücken vermochte, lag etwas in dem Ton ihrer Stimme, das ein gefühlvolles Herz zerreißen mußte. Ich Grausame sah und hörte ruhig zu und beobachtete Jonquille's sichtliche Bewegung; sie schien unschlüssig zu sein und innerlich einen außerordentlichen Kampf zu kämpfen.
Endlich waffnet sie sich mit Entschlossenheit, fliegt mit einem Schwung bis zur Tassenschale, schreit einen Augenblick, als hoffte sie, das Futter sollte allein in ihren Schnabel kommen, doch zuletzt entschließt sie sich es selber anzugreifen. Aber o Wunder der Liebe! sie vergißt den eigenen Hunger zu stillen, füllt ihren Schnabel und kehrt auf den Zweig zurück, wo sie Agathe so geschickt und reinlich füttert, als wenn sie selbst schon Mutter wäre.
Seit diesem Augenblicke belästigten mich Agathe und Jonquille nicht mehr. Die Kleinere wurde durch die Aeltere aufgezogen und diese erfüllte ihre Aufgabe weit besser als ich, denn Agathe wurde reinlich, glänzend und fett und lernte viel schneller sich selbst bedienen, als unter meiner Leitung. So hatte diese arme Kleine ihre Gefährtin zu ihrer Pflegetochter gemacht, obwohl sie selbst noch ein Kind war und hatte nur gelernt sich selbst zu ernähren, weil ein Gefühl mütterlicher Liebe sie bezwang und antrieb.
Einen Monat später lebten Jonquille und Agathe — die immer unzertrennlich blieben, obwohl sie von gleichem Geschlecht und verschiedener Abstammung waren — in voller Freiheit auf den großen Bäumen meines Gartens, sie entfernten sich nicht weit vom Hause und wählten besonders den Gipfel einer hohen Tanne zu ihrem Aufenthalt. Sie waren schlank, glatt und munter, und da es in der schönen Jahreszeit war, kamen sie täglich, wenn wir im Freien saßen, auf den Tisch geflogen und blieben bei uns wie liebenswürdige Gäste. Bald saßen sie auf unserer Schulter, bald flogen sie dem Diener entgegen, um die Früchte, die er brachte, noch vor uns zu kosten. [Es scheint, daß diese wunderbare Geschichte etwas sehr Alltägliches ist, denn seitdem ich dies geschrieben habe, haben wir ähnliche Beispiele gesehen: eine Brut Nachtigallen, die wir in einem Käfige aufzogen, fütterte, als sie kaum zu fressen vermochte, alle kleinen Vögel ihrer Art, die wir in denselben Käfig sperrten.]
Obwohl sie zu uns Allen das größte Zutrauen hatten, ließen sie sich nur von mir greifen und halten, und zu jeder Tageszeit kamen sie auf meinen Ruf — den sie niemals mit dem der Andern verwechselten — von ihrem Baume herunter. Einer meiner Freunde, der aus Paris kam, war sehr erstaunt, als er hörte, daß ich Vögel rief, die in den Zweigen versteckt waren und nun gleich herbei eilten. Ich hatte gewettet, daß sie mir gehorchen würden, und da er ihre Erziehung nicht gesehen hatte, war er für einen Augenblick geneigt an Hexerei zu glauben.
Ich habe auch ein Rothkehlchen gehabt, das in Betreff des Verstandes und des Gedächtnisses ein wunderbares Geschöpf war; dann einen Königsgeier, der für Alle ein wildes Thier blieb, aber mit mir so vertraulich lebte, daß er auf dem Wiegenrande meines Sohnes saß und leise mit seinem großen Schnabel, der scharf war wie ein Rasirmesser, die Fliegen fing, die sich auf das Gesicht des Kindes setzten. Er stieß dabei einen zarten, liebevollen Ton aus, und ging so geschickt und vorsichtig zu Werke, daß er den Kleinen niemals geweckt hat. Und doch war dieser Bursche von solcher Kraft und Willensstärke, daß er eines Tages fortflog, nachdem er einen ungeheuren Käfig umgeworfen und zerbrochen hatte, in den er eingesperrt war, weil er für Personen, die er nicht leiden konnte, gefährlich war. Es gab keine Kette, deren Ringe er nicht leicht zerrissen hätte, und die größten Hunde fühlten eine unüberwindliche Furcht vor ihm.
Mit der Geschichte der Vögel, die ich zu Freunden und Gefährten gehabt habe, würde ich niemals fertig. In Venedig habe ich mit einem reizenden Staar zusammengelebt, der zu meiner Verzweiflung im Kanal ertrank; dann mit einer Drossel, die ich dort lassen mußte und von der ich mich nicht ohne Schmerz getrennt habe. Die Venetianer besitzen ein großes Talent zur Erziehung der Vögel, und es gab in einer Straßenecke einen jungen Burschen, der in dieser Hinsicht Wunder vollbrachte. Eines Tages setzte er in die Lotterie und gewann, ich weiß nicht wie viel Zechinen. Er verzehrte sie im Laufe des Tages bei einem großen Gastmahl, das er allen seinen zerlumpten Freunden gab. Am folgenden Tage kehrte er dann in seinen Winkel, auf die Stufen eines Landungsplatzes zurück, wo er den Vorübergehenden abgerichtete Staare und Elstern verkaufte, mit denen er sich vom Morgen bis zum Abend auf das Liebevollste unterhielt. Er fühlte weder Schmerz noch Reue, das Geld mit seinen Freunden verzehrt zu haben; denn er hatte zu lange mit den Vögeln gelebt, um nicht Künstler zu sein. An diesem Tage verkaufte er mir meine Drossel für fünf Sous. Für fünf Sous eine schöne, gute, fröhliche und unterrichtete Gefährtin zu haben, die nur einen Tag mit uns zu leben braucht, um uns für das ganze Leben zu lieben — das ist wahrhaftig zu wohlfeil. Ach, wie werden die Vögel so wenig geschätzt und so schlecht erkannt!
Ich habe mir die Laune gestattet, einen Roman zu schreiben, in welchem die Vögel eine ziemlich wichtige Rolle spielen, und in welchem ich versucht habe etwas über Wahlverwandtschaften und verborgene Einwirkungen zu sagen. Es ist Teverino, und ich weise meine Leser darauf hin, wie ich oft thun werde, wenn ich nicht wiederholen mag, was ich früher schon besser entwickelt habe.
Ich weiß wohl, daß ich nicht für gewöhnliche Menschen schreibe. Diese haben mehr zu thun, als sich die Kenntniß einer Reihenfolge von Romanen zu erwerben und die Geschichte eines Wesens zu lesen, das dem öffentlichen Leben fremd ist. Leute meines Handwerks schreiben nur für eine gewisse Zahl von Personen, die sich in ähnlichen Verhältnissen befinden, oder in ähnliche Träumereien verloren sind, wie sie selbst. Ich werde also nicht fürchten müssen, rücksichtslos zu sein, indem ich die, welche nichts Besseres zu thun haben, auffordere, einige Seiten von mir wiederzulesen, um diejenigen zu ergänzen, die sie vor Augen haben.
So habe ich in Teverino ein junges Mädchen dargestellt, welches, wie die erste Eva, alle Vögel beherrscht — und hier will ich es aussprechen, daß dies durchaus nicht rein erfunden ist; ebensowenig, wie die Wunder dieser Art, die man von dem poetischen, bewunderungswürdigen Betrüger, Apollonius von Tyana, erzählt, dem Geist des Christenthums zuwider sind. Wir leben in einer Zeit, in welcher die natürlichen Ursachen, deren Wirkungen bis jetzt für Wunder gehalten sind, noch nicht gründlich erklärt werden; aber dennoch kann man jetzt schon behaupten, daß nichts an den Wundern ist, und daß die Gesetze des Universums, obwohl sie nicht alle ergründet und erklärt sind, doch der ewigen Ordnung angemessen sein müssen.
Aber es ist Zeit das Kapitel der Vögel zu schließen, um zu dem meiner Geburt zurückzukehren.
Zweites Kapitel.
Von der Geburt und vom freien Willen. — Friedrich August. — Aurora von Königsmark. — Moritz von Sachsen. — Aurora von Sachsen. — Der Graf Horn. — Die Fräulein Verrières und die Schöngeister des achtzehnten Jahrhunderts.— Herr Dupin von Francueil. — Madame Dupin von Chenonceaux. — Der Abbé von St. Pierre.
Das Blut der Könige war also in meinen Adern mit dem Blute der Armen und Geringen vermischt. Und da, was man Bestimmung zu nennen pflegt, der Charakter des Individuums ist; da der Charakter des Individuums auf seiner Organisation beruht, und die Organisation eines Jeden von uns das Ergebniß der Vermischung oder Gleichheit der Racen ist, und die immer modificirte Fortsetzung einer Folge von Urbildern, die sich an einander anreihen — so habe ich immer daraus geschlossen, daß die natürliche Erblichkeit, die des Körpers und der Seele, eine ziemlich wichtige Verbindung zwischen einem jeden von uns und unseren Ahnen bildet.
Denn wir Alle — Große und Kleine, Plebejer und Patricier — wir Alle haben Ahnen. Ahnen heißt patres, das heißt eine Folge von Vätern, denn dies Wort hat keinen Singular. Es ist lächerlich, daß der Adel diesen Ausdruck zu seinen Gunsten in Beschlag genommen hat — als ob der Handwerker und der Bauer nicht eben so gut eine Reihe von Vätern hinter sich hätte; als ob nur der Besitzer eines Wappens den heiligen Vaternamen führen dürfte; als ob endlich die legitimen Väter in der einen Klasse häufiger als in der andern gefunden würden.
Meine Meinung über den Adel der Geschlechter habe ich im Piccinino ausgesprochen und vielleicht habe ich diesen Roman jener drei Kapitel wegen geschrieben, in welchen meine Ansichten über die Standesvorrechte entwickelt sind. Wie man denselben bis jetzt aufgefaßt hat, ist er ein ungeheures Vorurtheil, weil er die Heiligkeit der Familie, deren Princip allen Menschen theuer und unantastbar sein sollte, zum Besten einer reichen und mächtigen Klasse in Beschlag nimmt. An und für sich ist dieses Princip unveräußerlich und darum finde ich etwas Unvollständiges in dem spanischen Spruche: „Cada uno es hijo de sus obras.“ Zwar ist es ein großer und edler Gedanke, daß Jeder der Sohn seiner Thaten ist, und durch seine Tugenden so viel gilt, als der Patricier durch seinen Rang. Aus dieser Idee ist unsre große Revolution hervorgegangen — aber es ist eine reactionäre Idee — und solche fassen immer nur eine Seite der Frage in's Auge — die Seite, die zu lange vernachlässigt und verkannt war. So ist es zwar sehr richtig, daß Jeder der Sohn seiner Thaten ist — aber es ist ebenso wahr, daß Jeder der Sohn seiner Väter, seiner Ahnen, seiner patres und matres ist. Von Geburt an sind wir mit Trieben begabt, die nichts andres sind, als die Ergebnisse des Blutes, das uns vererbt wurde — und diese Triebe würden uns wie ein schreckliches Verhängniß beherrschen, wenn wir nicht ein gewisses Maß des Willens besäßen, das jedem Einzelnen unter uns von der gerechten Gottheit verliehen wird.
Bei dieser Gelegenheit — und das wird abermals eine Abschweifung sein — möchte ich es aussprechen, daß ich nicht an unsre vollständige Willensfreiheit glaube, und daß diejenigen, welche die fürchterliche Lehre der Prädestination angenommen haben — um consequent zu sein und um Gottes Güte nicht zu beleidigen — die gräßliche Idee der Hölle aufgeben müßten, wie ich sie in meiner Seele und in meinem Gewissen aufgegeben habe. Aber wir sind auch nicht vollständig Sklaven der Nothwendigkeit unserer Triebe. Gott hat uns Allen ein mächtiges Mittel gegeben, sie zu bekämpfen, indem er uns die Vernunft gab, die Erkenntniß, die Fähigkeit, unsre Erfahrungen zu nützen — mit einem Worte, die Fähigkeit, uns zu retten; sei es durch wohlverstandene Liebe für uns selbst, sei es durch Liebe zur absoluten Wahrheit.
Man würde umsonst versuchen, dieser Ansicht die Blödsinnigen, Wahnsinnigen und eine gewisse Art von Mördern entgegenzustellen, die von einer wüthenden Monomanie beherrscht werden und somit in die Reihen der Wahnsinnigen und Blödsinnigen gehören. Jedes Gesetz hat seine Ausnahmen, durch die es bestätigt wird. Jede Ordnung, so vollkommen sie auch sei, ist Unfällen ausgesetzt. Aber ich bin überzeugt, daß diese unheilbringenden Unfälle mit dem Fortschritt der Gesellschaft, mit der bessern Erziehung des Menschengeschlechts verschwinden werden — sowie auch das Verhängnis?, das wir von Geburt an in uns tragen, das Ergebniß einer bessern Vereinigung ererbter Triebe sein, unsre Stärke und die natürliche Stütze unsrer errungenen Urtheilskraft ausmachen wird, anstatt unaufhörliche Kämpfe zwischen unserer Neigung und unsern Grundsätzen zu veranlassen.
Es ist vielleicht ein kühnes Absprechen über Fragen, die Jahrhunderte lang Philosophie und Theologie beschäftigt haben. wenn ich es wage, ein bestimmtes Quantum der Sklaverei und der Freiheit anzunehmen. Die Religionen haben es für unmöglich gehalten, sich fest zu begründen, ohne auf absolute Weise die Freiheit des Willens anzuerkennen oder zu verwerfen.. Ich glaube, die Kirche der Zukunft wird verstehen, daß sie dem Verhängniß Rechnung tragen muß, der Gewalt der Triebe, dem Zuge der Leidenschaften. Die Kirche der Vergangenheit hatte das schon geahnt, da sie ein Fegefeuer annahm, ein Mittelding zwischen ewiger Verdammniß und ewiger Glückseligkeit. Die Theologie der vervollkommneten Menschheit wird zwei Principien anerkennen: Verhängniß und Freiheit. Aber da wir, wie ich hoffe, den Manichäismus überwunden haben, wird sie ein drittes Princip annehmen, welches die Lösung der Antithese enthalten wird: das Princip der Gnade.
Sie braucht dieses Princip nicht zu erfinden, sondern nur zu erhalten, denn es ist das Beste und Schönste, das sie aus ihrem alten Erbe zu erneuern haben wird. Die Gnade ist die göttliche Thätigkeit, die immer befruchtend, immer bereit ist, dem Menschen zu Hülfe zu kommen, welcher sie anruft. Daran glaube ich — und ohne dies würde ich nicht an Gott glauben können.
Auch die alte Theologie hatte diese Lehre entworfen, zum Gebrauch von Menschen, die naiver und unwissender waren als wir, das heißt also, in Folge der unzulänglichen Erkenntnisse jener Zeit. Sie hatte gesagt: Versuchung des Teufels, Willensfreiheit und Hülfe der Gnade, um Satan zu besiegen. So hatte sie drei Begriffe aufgestellt, die nicht mit einander im Gleichgewicht stehen — zwei gegen einen: vollständige Freiheit der Wahl und Hülfe der Allmacht Gottes, um dem Verhängniß, der Versuchung des Teufels zu widerstehen, der auf diese Weise leicht unterworfen werden konnte. Wenn es so wäre, wie sollten wir die menschliche Thorheit erklären, die fortfuhr, ihren Leidenschaften zu fröhnen und sich dem Teufel zu ergeben; trotz der Gewißheit ewiger Flammenqual und obwohl es ihr so leicht war, mit voller Geistesfreiheit und der Unterstützung Gottes den Weg der ewigen Seligkeit einzuschlagen.
Es scheint, als hätte diese Lehre die Menschen nie recht überzeugt. Denn diese Lehre, hervorgegangen aus einer strengen, enthusiastischen, muthigen Gesinnung; kühn bis zum Hochmuth und durchdrungen von leidenschaftlichem Verlangen des Fortschritts, ohne jedoch dem eigentlichen Wesen des Menschen Rechnung zu tragen; diese Lehre, die ebenso ungestüm in ihren Ergebnissen, als tyrannisch in ihren Urtheilssprüchen ist — da sie den Unsinnigen, der sich freiwillig den Dienst des Bösen erwählt hat, dem ewigen Hasse Gottes preisgiebt — diese Lehre hat nie ein Wesen gerettet. Die Heiligen haben den Himmel nur durch die Liebe gewonnen, und, die Furcht hat den Schwachen niemals gehindert, in die katholische Hölle hinabzustürzen. Indem die katholische Kirche die Seele vom Körper, den Geist von der Materie vollständig trennte, mußte sie das Wesen der Versuchung verkennen und konnte behaupten, daß diese ihren Sitz in der Hölle hätte. Aber wenn die Versuchung in uns selbst liegt, wenn Gott gestattet hat, daß es so sei, indem er selbst das Gesetz vorzeichnete, das den Sohn mit der Mutter verbindet, oder die Tochter mit dem Vater, alle Kinder mit dem einen oder mit der andern und zuweilen mit beiden in derselben Weise, zuweilen auch mit dem Großvater, dem Onkel, dem Urgroßvater — denn alle diese Phänomene der Aehnlichkeit, die bald körperlich, bald moralisch, bald beides zugleich ist, können jederzeit in Familien nachgewiesen werden — so ist es gewiß, daß die Versuchung nicht ein zum Voraus verdammtes Element, und daß sie nicht dem Einflusse eines abstracten Princips zuzuschreiben ist, das außer uns stände, um uns zu prüfen und zu quälen.
Jean Jacques Rousseau glaubte, daß wir Alle von Geburt gut und bildsam wären und dadurch verwarf er das Verhängniß. Aber wie vermochte er nun die allgemeine Schlechtigkeit zu erklären, die sich jedes Menschen von der Wiege an bemächtigt, um ihn zu verderben und um ihm die Liebe zum Bösen einzuflößen? Er glaubte doch an den freien Willen! Mir scheint es, als müßte uns der Glaube an die absolute Willensfreiheit des Menschen und der Anblick der schlechten Anwendung, die er davon macht, unvermeidlich zum Zweifel am, Dasein Gottes führen oder zum Glauben an seine Unthätigkeit und Gleichgültigkeit — und so müßten wir zuletzt, in Verzweiflung, zum Glauben an Vorherbestimmung zurückkehren. Das ist so ungefähr die Geschichte der Theologie in den letzten Jahrhunderten.
Wenn wir aber annehmen, daß die Bildsamkeit oder Wildheit unserer Triebe, wie ich oben sagte, ein Erbtheil ist, das wir nicht abweisen können und das abzuleugnen vergebene Mühe wäre, so ist das Ewig-Böse, das Böse als unabweisliches Princip, zerstört; denn der Fortschritt wird durch die Art des Verhängnisses, die ich anerkenne, nicht ausgeschlossen. Es ist ein wandelbares und immer umgewandeltes, oft vortreffliches und erhabenes Verhängniß — denn zuweilen ist unser Erbtheil eine herrliche Begabung, der Gottes Güte nie entgegentritt. — Das Menschengeschlecht ist nun nicht mehr eine Horde vereinzelter Wesen, die ohne Ziel umherirren, sondern eine Vereinigung von Linien, die sich an einander reihen und die nie zerrissen werden, wenn auch einzelne Namen aussterben — ein geringer Unfall, um den nur der Adel sich kümmert. — Die Einflüsse der geistigen Eroberungen der Zeit machen sich immerfort geltend auf den freien Theil der Seele und die göttliche Thätigkeit, welche die Seele dieses Fortschrittes bildet, ist es auch, die den Menschengeist immer auf's Neue belebt, und ihn so nach und nach frei macht von den Banden der Vergangenheit und der Erbsünde seines Geschlechtes.
So verlassen die physischen Uebel nach und nach unser Blut, wie der Geist des Bösen unsre Seele verläßt. So lange unvollkommene Generationen gegen sich selber kämpfen, sollte die Philosophie nachsichtig und die Religion erbarmungsreich sein. Sie haben nicht das Recht, den Menschen für eine That des Irrsinns zu tödten, ihn zu verdammen wegen eines falschen Gesichtspunktes. Und wenn sie für reinere, stärkere Wesen eine neue Lehre vorzuschreiben haben, werden sie nichts mehr mit dem Richter der Finsterniß, dem Henker der Ewigkeit, dem Peiniger Satan zu thun haben. Die Furcht wird keinen Einfluß mehr auf die Menschen üben, — sie hat ihn schon jetzt nicht mehr — die Gnade wird genügen; denn was man Gnade genannt hat, ist die Thätigkeit Gottes, den Menschen durch den Glauben offenbart. Das menschliche Bewußtsein hat sich empört gegen diese fürchterliche Lehre von der Hölle, gegen die Tyrannei eines Glaubens, der weder Verzeihung noch Hoffnung jenseit des Lebens annahm. Es hat seine Fesseln zersprengt und hat die Gesellschaft mit der Kirche, das Grab seiner Väter mit den Altären der Vergangenheit zerstört, es hat sich aufgeschwungen und hat sich für einen Augenblick verirrt — aber fürchtet euch nicht, es wird auch den rechten Weg wiederfinden.
Nun bin ich wieder einmal weit von meinem Gegenstande entfernt und meine Geschichte läuft Gefahr, der von den sieben Schlössern des Königs von Böhmen zu gleichen. Wohlan, was kümmert es Euch, meine guten Leser? Meine Geschichte ist an und für sich sehr uninteressant. Thatsachen spielen darin die kleinste Rolle und Grübeleien füllen sie aus. Niemand hat in seinem Leben weniger gethan und mehr geträumt als ich — konntet Ihr vom Dichter etwas Anderes erwarten?
Hört mich an: mein Leben ist das Eure — denn wer mich liest, ist nicht betheiligt an dem Lärm der Tagesinteressen, er würde sonst mein Buch mit Ueberdruß bei Seite schieben. Ihr seid Träumer wie ich. Also hat Alles, was mich auf meinem Wege aufhält, auch Euch gefesselt. Ihr habt, wie ich gesucht, Euch Rechenschaft zugeben von Euerm Dasein — und Ihr seid zu einigen Schlüssen gekommen. Vergleicht die meinigen mit den eurigen, wägt sie gegen einander und entscheidet, die Wahrheit geht erst aus der Prüfung hervor.
Wir werden also bei jedem Schritte still stehen und jeden Gesichtspunkt in's Auge fassen. Hier ist mir eine Wahrheit klar geworden: nämlich daß der Götzendienst der Familie falsch und gefährlich ist, aber daß Achtung und Einigkeit in der Familie nothwendig sind. Im Alterthum spielte die Familie eine große Rolle — aber dann überschätzte sie ihre Bedeutung; der Adel übertrug sich wie ein Privilegium und die Edelleute des Mittelalters hatten eine so hohe Meinung von ihrer Abstammung, daß sie die ehrwürdigen Familien der Patriarchen verachtet haben würden, wäre ihr Andenken nicht durch die Religion geheiligt. Die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts erschütterten den Kultus des Adels, die Revolution warf ihn nieder; aber auch das fromme Ideal der Familie wurde in dieser Zerstörung fortgerissen und das Volk, das unter erblichen Bedrückungen gelitten hatte, das Volk, das die Wappen verlachte, begann sich allein für den „Sohn seiner Thaten“ zu halten. Das Volk irrte sich, denn es hat seine Ahnen so gut wie die Könige. Jede Familie hat ihren Adel, ihren Ruhm, ihre Würden: die Arbeit, den Muth, die Tugend oder die Klugheit. Jeder Mensch, der mit irgend welcher natürlichen Auszeichnung begabt ist, verdankt sie einem der Männer, die vor ihm lebten oder einer der Frauen, von denen er abstammt. Jeder Abkömmling irgend welcher Linie hätte also Vorbilder aus der Geschichte seiner Familie zu befolgen, wenn er in die Vergangenheit zurückschauen könnte; auch würde er dort Manches sehen, was er zu vermeiden hätte. Die berühmten Geschlechter geben Beispiel davon — und so wäre es keine üble Lehre für das Kind, wenn es aus dem Munde seiner Amme die alten Traditionen der Familie hörte, die einst den Unterricht des Edelmanns ausmachten.
Ihr Handwerker, die ihr anfangt Alles zu verstehen, ihr Bauern, die ihr anfangt lesen zu lernen, vergeßt doch Eure Todten nicht mehr. Uebertragt das Leben Eurer Väter auf Eure Söhne; macht Euch Titel und Wappen, wenn Ihr wollt, aber macht sie Euch Alle! Die Mauerkelle, die Hacke oder das Gartenmesser sind ebenso schöne Attribute als das Jagdhorn, der Thurm oder die Glocke. Ihr könnt Euch dies Vergnügen machen, wenn es Euch zusagt — Kaufleute und Geldwechsler machen es sich auch.
Aber Ihr seid ernster als diese Leute. — Nun wohl, so möge sich ein Jeder unter Euch bemühen, die guten Thaten und die nützlichen Arbeiten seiner Vorfahren kennen zu lernen und vor Vergessenheit zu bewahren. Und dann handelt danach, daß Eure Nachkommen Euch die nämliche Ehre erweisen. Vergessenheit ist ein geistloses Ungeheuer, das nur zu viele Generationen verschlungen hat. Wie viele Helden bleiben auf ewig unbekannt, weil sie nicht genug hinterließen, ein Grabmal zu errichten! Wie manches Licht ging der Geschichte verloren, weil der Adel die einzige Fackel und die einzige Geschichte der vergangenen Jahrhunderte zu sein begehrte! Entzieht Euch der Vergessenheit, Ihr Alle, die Ihr mehr im Sinne tragt, als die begrenzte Kenntniß der Gegenwart. Schreibt Eure Geschichte, Ihr Alle, die Ihr das Leben verstanden und Euer Herz ergründet habt — aus diesem Grunde schreibe ich auch die meinige, wie das, was ich von meinen Eltern erzählen werde.
Friedrich August, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, war der größte Wüstling seiner Zeit. Es ist gerade keine seltne Ehre, etwas von seinem Blute in den Adern zu haben, denn er hatte, wie man behauptet, einige hundert Bastarde. Von der schönen Aurora von Königsmark, der großen, gewandten Kokette, vor welcher Karl XII. zurückwich, so daß sie sich an Furchtbarkeit einer Armee überlegen glauben konnte *), hatte er einen Sohn, der ihn an Adel bei weitem übertraf, obwohl er nie mehr war, als Marschall von Frankreich. Es war Moritz von Sachsen, der Sieger von Fontenay; er war gutmüthig und tapfer wie sein Vater und nicht weniger unsittlich; aber er war geschickter in der Kriegskunst, war glücklicher in seinen Unternehmungen und wurde besser unterstützt.
*) [Diese Anekdote ist ziemlich sonderbar; Voltaire erzählt sie folgendermaßen in seiner Geschichte Karl's XII.: „August zog es vor, die harten Gesetze seines Siegers, als die seiner Unterthanen zu empfangen. Er entschloß sich, den König von Schweden um Frieden zu bitten und wollte einen geheimen Vertrag mit ihm abschließen; aber dieser Schritt mußte dem Senat verborgen bleiben, den er als einen noch unerbittlichern Feind betrachtete. Die Sache war äußerst schwierig und er übertrug sie der Gräfin Königsmark, einer Schwedin, von hoher Geburt, mit welcher er damals ein Verhältniß hatte. Es ist dieselbe, deren Bruder durch seinen unglücklichen Tod bekannt wurde und deren Sohn die französischen Heere mit so viel Erfolg und Ruhm befehligte. Diese in der ganzen Welt durch Geist und Schönheit berühmte Frau war mehr als jeder Minister dazu geeignet, eine Unterhandlung zum Ziele zu führen. Da sie überdies in den Staaten Karl's XII. begütert war und lange an seinem Hofe gelebt hatte, fehlte es ihr nicht an glaubwürdigen Vorwänden diesen Fürsten aufzusuchen. Sie ging also nach Lithauen in das Lager der Schweden und wendete sich zuerst an den Grafen Piper, der ihr leichtsinnigerweise eine Audienz bei seinem Gebieter versprach. Unter den Vollkommenheiten, welche die Gräfin zu einer der liebenswürdigsten Frauen Euro pa's machten, besaß sie das wunderbare Talent, die Sprachen verschiedener Länder, die sie nie gesehen hatte, mit einer Zartheit zu sprechen. als wenn sie dort geboren wäre. Sie unterhielt sich zuweilen auch damit, französische Verse zu machen — und man würde geglaubt haben, daß ihre Verfasserin in Versailles lebte.
Sie dichtete einige für Karl XII., welche die Geschichte nicht verschweigen darf; nachdem sie alle Götter des Heidenthums eingeführt hatte, die verschiedene Tugenden des Königs priesen, schloß sie mit den Worten.
„Enfin chacun des dieux discourant à sa gloire Le plaçait par avance au temple de Mémoire: Mais Vénus et Bacchus n'en dirent pas un mot.“
Auf einen Mann wie der König von Schweden blieben so viel Geist und Liebenswürdigkeit wirkungslos. Er weigerte sich beharrlich, die Gräfin zu sehen, und so ergriff sie endlich das Mittel, ihm bei einem seiner häufigen Spazierritte zu begegnen. Sie traf ihn wirklich eines Tages auf einem sehr schmalen Wege und stieg aus dem Wagen, sobald sie ihn erblickte. Der König grüßte sie, ohne ein Wort zu sagen, drehte sein Pferd um und ritt augenblicklich von dannen, so daß die Gräfin von Königsmark von ihrer Reise nur die Genugthuung mitbrachte, sich für das einzige Wesen zu halten, vor welchem der König von Schweden Furcht empfand.“]
Aurora von Königsmark wurde auf ihre alten Tage Stiftsdame einer protestantischen Abtei — derselben Abtei von Quedlinburg, deren Aebtissin später die Prinzessin Amalie von Preußen war, die Schwester Friedrich's des Großen und die Geliebte des berühmten und unglücklichen Baron Trenk. Die Königsmark starb in dieser Abtei und wurde daselbst beigesetzt. — Und vor einigen Jahren berichteten deutsche Zeitungen, daß man bei Nachgrabungen in den Gräbern der Stiftskirche zu Quedlinburg die einbalsamirten, vollständig erhaltenen Ueberreste der Aebtissin Aurora aufgefunden habe, gehüllt in ein mit Edelsteinen verziertes Brokatkleid und in einen mit Marderpelz gefütterten Mantel von rothem Sammet. Nun habe ich aber auch in meinem Zimmer, auf dem Lande, ein Bild der Dame aus ihrer Jugendzeit, das von einer strahlenden Schönheit der Farben ist. Man sieht sogar, daß sie sich geschminkt hat, um zu dem Bilde zu sitzen. Sie ist sehr brünett, was unsern Erwartungen von einer nordischen Schönheit nicht entspricht. Ihre kohlschwarzen Haare sind am Hinterkopfe mit Rubinnadeln aufgesteckt; ihre glatte, freie Stirn hat nichts Bescheidenes; dicke, harte Flechten fallen auf ihren Busen und sie trägt das mit Edelsteinen bedeckte Brokatkleid und den mit Pelz besetzten Mantel von rothem Sammet, womit sie auch in ihrem Sarge bekleidet ist. Ich gestehe, daß mir diese kühne, lächelnde Schönheit nicht gefällt, und daß mir, seit der Ausgrabung, das Bild sogar einige Furcht einflößt, wenn es mich Abends mit seinen glänzenden Augen anschaut. Es ist mir dann, als ob sie mir sagte: „Mit welchen närrischen Dingen beschwerst Du Dein armes Gehirn, ausgearteter Sprößling meines stolzen Geschlechts? Mit welcher Gleichheitschimäre erfüllst Du Deine Träume? Die Liebe ist nicht, wie Du sie glaubst; die Menschen werden niemals sein, wie Du hoffst. Sie sind dazu geschaffen, durch ihre Könige, durch die Frauen und durch sich selbst betrogen zu werden.“
Neben ihr hängt das Bild ihres Sohnes, Moritz von Sachsen; ein schönes Pastellgemälde von Latour. Er hat einen glänzenden Harnisch, gepudertes Haar und ein schönes, gutes Gesicht, das immer zu sagen scheint: „Vorwärts, mit wirbelnden Trommeln und brennenden Lunten.“ Auch kommt es ihm gewiß nicht darauf an, französisch zu lernen, um seine Aufnahme in die Akademie zu rechtfertigen. Er gleicht seiner Mutter, aber er ist blond, seine Haut ist zart, seine blauen Augen haben mehr Sanftmuth und sein Lächeln ist freimüthiger.
Dennoch hat er durch seine Leidenschaften häufig seinen Ruhm befleckt; unter andern durch das Abenteuer mit Madame Favart, das mit so viel Gemüth und Adel in Favart's Briefen erzählt ist. Eine seiner letzten Neigungen war für Fräulein von Verrières [Ihr wahrer Name war Maria Rinteau und ihre Schwester hieß Genoveva. Der Name Verrières ist angenommen.], eine Opernsängerin, die mit ihrer Schwester ein kleines Gartenhaus bewohnte, das noch jetzt vorhanden ist und im neuen Centrum von Paris, inmitten der Chaussee d'Antin liegt. Fräulein Verrières hatte aus dieser Verbindung eine Tochter, die erst fünfzehn Jahre später als Tochter des Marschalls von Sachsen anerkannt und durch einen Parlamentserlaß berechtigt wurde, seinen Namen zu führen. Zur Sittenschilderung jener Zeit ist diese Geschichte ein schätzbarer Beitrag. Ich lasse hier folgen, was ich darüber in einem alten juristischen Werke gefunden habe.
„Das Fräulein Maria Aurora, natürliche Tochter des Grafen Moritz von Sachsen, General-Feldmarschall der französischen Heere, ist getauft worden unter dem Namen der Tochter von Johann Baptist de la Rivière, Bürger von Paris und von Maria Rinteau, seiner Frau. Da das Fräulein Aurora im Begriff steht, sich zu verheirathen, wurde der Herr von Montglas durch ein Urtheil des Châtelet vom 3. Mai 1766 zu ihrem Vormunde ernannt. Die Veröffentlichung des Aufgebots verursachte Schwierigkeiten, da das Fräulein Aurora nicht gestatten wollte, als Tochter des Herrn la Rivière bezeichnet zu werden und noch weniger als Tochter unbekannter Eltern. Das Fräulein Aurora reichte eine Beschwerdeschrift beim Gerichtshofe ein, um gegen den Ausspruch des Châtelet zu appelliren. Herr Thétion, welcher bei dem Gerichtshofe für das Fräulein Aurora plaidirte, brachte den vollständigen Beweis bei, sowohl durch Aussage des Herrn Gervais, der ihre Mutter entbunden hatte, als durch Aussage der Personen, welche Taufzeugen gewesen waren u.s.w., daß sie die natürliche Tochter des Grafen von Sachsen sei, und daß dieser sie immer als solche anerkannt habe. Für den ersten Vormund, der die Sache den Gerichten übertragen hatte, gab Herr Massonnet am 4. Juni 1766, auf Antrag des Staatsanwalts, Herrn Joly de Fleury ein Urtheil ab, das den Ausspruch des Châtelet vom 3. Mai für nichtig erklärte; ferner ernannte er Herrn Giraud, Gerichtsprocurator, zum Vormunde des Fräulein Aurora und erklärte sie „im Besitz des Standes einer natürlichen Tochter von Moritz, Grafen von Sachsen; erkannte und bestätigte sie im genannten Besitz und befahl zugleichen, das Taufzeugniß umzuändern, das eingetragen ist in die Kirchenbücher der Gemeinde von St. Gervais und St. Protais zu Paris, unter dem Datum des 19. Oct. 1748, welches Taufzeugniß besagt: daß Maria Aurora u.s.w. über die Taufe gehalten ist an diesem Tage, durch Anton Alexander Colbert, Marquis von Sourdis und durch Genoveva Rinteau, als Pathen und Pathin, und an die Stelle der Namen von Johann Baptist de la Rivière, Bürger von Paris und von Maria Rinteau, seiner Frau, nach den Worten: Maria Aurora, eingeschaltet werden soll: natürliche Tochter des Grafen Moritz von Sachsen, General-Feldmarschall der französischen Armee, und der Maria Rinteau; und zwar durch den Gerichtsvollzieher unseres genannten Gerichtshofes, den Ueberbringer gegenwärtigen Urtheilspruches ec. — [Auszug aus der „Collection de décisions nouvelles et de notions relatives à la jurisprudence actuelle“ von J. B. Denisart, Procurator des Châtelet von Paris, III Theil pag. 704.]
Ein anderer unleugbarer Beweis, den meine Großmutter der öffentlichen Meinung gegenüber geltend machen konnte, war ihre erwiesene Aehnlichkeit mit dem Marschall von Sachsen, und die Art des Schutzes, den ihr die Dauphine, Tochter des Königs August, Nichte des Marschalls und Mutter Karl's X. und Ludwig's XVIII. gewährte. Diese Prinzessin brachte meine Großmutter nach St. Cyr und übernahm die Sorge für ihre Erziehung und Verheirathung, indem sie ihr auf das Strengste verbot, mit ihrer Mutter zu verkehren.
Aurora von Sachsen verließ St. Cyr im Alter von fünfzehn Jahren, um mit dem Grafen Horn, einem Bastard Ludwig's XV. und Statthalter des Königs in Echlestadt, verheirathet zu werden. [Anton von Horn, Ritter des Ludwigskreuzes und königlicher Statthalter der Provinz Schlestadt.] Sie sah ihn zuerst am Vorabend ihrer Hochzeit und fürchtete sich sehr vor ihm, denn sie glaubte ein Bild des seligen Königs, dem er in erschreckender Weise glich, vor sich zu sehen. Er war zwar größer und schöner, aber er sah hart und unverschämt aus. Am Abend der Hochzeitfeier, der mein Großonkel, der Abbé von Beaumont — Sohn des Herzogs von Bouillon und des Fräulein von Verrières — beiwohnte, erschien ein treuer Kammerdiener, um den Abbé, der fast noch ein Kind war, zu bitten: Alles aufzubieten, um die junge Gräfin Horn von ihrem Gatten fern zu halten. Der Arzt des Grafen von Horn wurde zu Rath gezogen und der Graf selbst erkannte seine Pflicht.
Maria Aurora von Sachsen war also nur dem Namen nach die Gattin ihres ersten Mannes. Sie sahen sich nur bei den königlichen Festen, die ihnen im Elsaß bereitet wurden: da gab es Truppen, unter den Waffen. Kanonendonner, Schlüssel der Städte, auf goldnem Teller dargereicht. Reden der Magistratspersonen, Illuminationen, große Bälle im Stadthause und ähnliche Dinge. Es schien, als wollte die Welt durch allen Aufwand der Eitelkeit das arme kleine Mädchen trösten, einem Manne zu gehören, den sie nicht liebte, nicht kannte, und, den sie fliehen mußte, wie den Tod.
Meine Großmutter hat mir oft erzählt, welchen Eindruck ihr, nach der Stille des Klosters, die Pracht dieser Empfangsfeierlichkeiten machte. Sie saß in einem großen vergoldeten Wagen, der von vier weißen Pferden gezogen wurde. Ihr Gemahl saß zu Pferde und trug ein prächtig besetztes Kleid. Aber die arme Aurora fürchtete sich vor dem Kanonendonner, wie vor der Stimme ihres Gatten. Nur eins machte ihr Freude — man überreichte ihr, mit königlicher Bewilligung, eine Begnadigung der Gefangenen zur Unterzeichnung. Sogleich wurden einige zwanzig Staats-Gefangene entlassen und kamen ihr zu danken. Sie weinte vor Freude — und vielleicht belohnte sie die Vorsehung für dies Gefühl, als sie später nach dem 9. Thermidor das Gefängniß verließ.
Wenige Wochen, nachdem sie im Elsaß angekommen war, verschwand ihr Gatte inmitten einer Ballnacht. Die Frau Statthalterin tanzte fröhlich weiter. Gegen drei Uhr Morgens wurde sie heimlich benachrichtigt, daß ihr Gatte sie ersuchen ließe, einen Augenblick zu ihm zu kommen. Sie folgte der Aufforderung — aber an der Thür des Grafen blieb sie unschlüssig stehen, weil ihr einfiel, wie dringend ihr junger Bruder, der Abbé, ihr eingeschärft hatte, dies Gemach niemals allein zu betreten. Sie faßte Muth, als sie beim Oeffnen der Thüre Licht und Menschen erblickte. Derselbe Diener, der am Hochzeitstage gesprochen hatte, hielt in diesem Augenblicke den Grafen Horn, der auf einem Bette lag, in den Armen. Ein Arzt stand daneben. „Der Herr Graf hat der Frau Gräfin nichts mehr zu sagen,“ rief der Diener, sobald er meine Großmutter erblickte; „führt die gnädige Frau fort, so schnell als möglich.“ Sie sah nur noch eine große, weiße Hand, die über den Bettrand hinunterhing und die man schnell hinauflegte, um dem Leichnam eine schickliche Stellung zu geben. Der Graf Horn war soeben im Duell durch einen Degenstoß getödtet.
Meine Großmutter erfuhr die nähern Umstände nie und hatte gegen ihren Gatten keine Pflicht mehr zu erfüllen, als die, ihn äußerlich zu betrauern. Lebend oder todt hatte er ihr nie etwas anderes als Entsetzen eingeflößt.
Wenn ich nicht irre, lebte die Dauphine noch zu dieser Zeit und sie schickte Maria Aurora in's Kloster zurück. Gewiß ist, daß die junge Wittwe bald die Freiheit erlangte ihre Mutter zu sehen, die sie immer geliebt hatte, und daß sie diese Freiheit mit Eifer benutzte. [Die Dauphine starb 1767, meine Großmutter war also neunzehn Jahr alt, als sie mit ihr zusammen leben konnte.]
Die Fräulein von Verrières lebten noch immer mit einander im Wohlstande; sie machten sogar ein ziemlich großes Haus, waren noch schön und doch alt genug, um von uneigennützigen Huldigungen umgeben zu sein. Diejenige, welche meine Urgroßmutter war, soll die klügste und liebenswürdigste gewesen sein. Die andere war eine Schönheit; ich weiß nicht, von welcher vornehmen Persönlichkeit sie ihren Unterhalt empfing, aber ich habe gehört, daß man sie la belle et la bête zu nennen pflegte.
Die Schwestern lebten angenehm und mit einer Sorglosigkeit, die den freien Sitten jener Zeit entsprach. Sie „dienten den Musen“, wie man damals sagte; in ihrem Hause wurde Komödie gespielt, Herr von la Harpe spielte dort selbst in seinen ungedruckten Stücken. Aurora gab die Rolle der Melanie mit großem Erfolg. Literatur und Musik waren die einzige Beschäftigung dieses Kreises. Aurora war von engelhafter Schönheit; ihr Verstand war ausgezeichnet; durch die Gründlichkeit ihrer Bildung stand sie den aufgeklärtesten Geistern ihres Zeitalters gleich. Ihre Fähigkeiten wurden durch den Umgang, die Unterhaltung und die Umgebung ihrer Mutter noch entwickelt und ausgebildet. Ueberdies hatte sie eine prächtige Stimme, ich habe nie eine bessere Musikerin gekannt. Man gab auch komische Opern bei ihrer Mutter; sie machte Colette im devin du village, Azémia in den Sauvages und alle Hauptrollen in den Stücken Gretry's und Sedaine's. In ihrem Alter habe ich sie hundert Mal die Melodien alter italienischer Meister singen hören, die sie zu ihrer Hauptnahrung erkoren hatte, wie Leo, Porpora, Pergolesi, Hassa u.s.w. Ihre Hände waren gelähmt, sie begleitete sich mit zwei oder drei Fingern auf einem alten, kreischenden Klaviere; ihre Stimme zitterte, war aber immer richtig und umfangreich, und Schule und Vortrag verlieren sich nie. Sie las alle Partitionen vom Blatte und ich habe niemals besser singen oder begleiten gehört. Sie hatte jene großartige Manier, jene breite Einfachheit, jenen reinen Geschmack, jene Klarheit der Betonung, die man nicht mehr hat, die man heut zu Tage nicht einmal kennt. In meiner Kindheit ließ sie mich mit ihr ein kleines italienisches Duett, von ich weiß nicht welchem Meister, singen:
Non mi dir, bel idol mio, Non mi dir ch' io son ingrato.
Sie übernahm die Tenorpartie und zuweilen — obwohl sie etwa fünfundsechszig Jahr alt war — erhob sie ihre Stimme zu einer solchen Macht des Ausdrucks und zu solchem Liebreiz, daß ich eines Tages stecken blieb und in Thränen ausbrach. Aber ich werde auf diese ersten musikalischen Eindrücke, die theuersten Erinnerungen meines Lebens, zurückkommen. Für jetzt wende ich mich zu der Jugendgeschichte meiner lieben Großmutter zurück.
Unter den berühmten Männern, die das Haus ihrer Mutter besuchten, wurde sie besonders mit Büffon bekannt und fand in seiner Unterhaltung einen Zauber, der sich in ihrer Erinnerung unverwischt erhielt. Ihr Leben war in dieser Zeit ebenso heiter und sanft als glänzend. Allen flößte sie Liebe oder Freundschaft ein. Ich besitze eine Menge Liebesbriefe mit süßlichen Versen, welche die Schöngeister der Zeit an sie richteten; einen unter andern von La Harpe mit folgenden Versen:
Des Césars à vos pieds je mets toute la cour *). Recevez ce cadeau que l'amitié présente, Mais n'en dites rien à l'amour ... Je crains trop qu'il ne me démente.
*) [Er schickte ihr seine Uebersetzung der zwölf Cäsaren des Sueton.]
Dies ist eine Probe von der Galanterie der Zeit. Aber Aurora wandelte durch diese Welt voll Verführungen, durch diese zahllosen Huldigungen, ohne für etwas anderes, als die Uebung der Künste und die Bildung ihres Geistes Sinn zu haben. Sie hatte nie eine andere Leidenschaft, als die der Mutterliebe und erfuhr niemals, was ein Abenteuer ist. Und doch war sie eine zärtliche, großmüthige Natur und von einer außerordentlichen Gefühlstiefe. Ihre Tugend war nicht auf Frömmigkeit gegründet; sie kannte keine andere Religiosität als die des achtzehnten Jahrhunderts: den Deismus Rousseau's und Voltaire's. Aber sie war eine entschlossene, hellsehende Seele und schwärmte besonders für ein gewisses Ideal des Stolzes und der Selbstachtung. Koketterie war ihr fremd; sie war zu reich begabt, um ihrer zu bedürfen; auch waren solche Herausforderungen unverträglich mit ihren Gewohnheiten und ihren Ansichten von Frauenwürde. So schritt sie durch eine sehr leichtfertige Zeit und eine sehr verdorbene Gesellschaft, ohne ihre Schwingen im geringsten zu beflecken. Durch ein eigenthümliches Geschick dazu verurtheilt die Liebe in der Ehe nicht kennen zu lernen, löste sie die große Aufgabe, in Frieden zu leben und jedem Uebelwollen und jeder Verleumdung zu entgehen.
Ich glaube, daß sie etwa fünfundzwanzig Jahr alt war, als sie ihre Mutter verlor. Frl. Verrières starb eines Abendes, als sie im Begriff war sich niederzulegen. Sie war nicht im mindesten unwohl, beklagte sich nur, kalte Füße zu haben, setzte sich an's Feuer und während die Kammerfrau ihre Pantoffeln wärmte, hauchte sie den Geist aus, ohne ein Wort zu sagen, ohne nur einen Seufzer auszustoßen. Die Kammerfrau zog ihr die Pantoffeln wieder an, fragte, ob sie sich nun erwärmt fühlte und da sie keine Antwort erhielt, blickte sie ihr in's Gesicht und sah nun, daß der letzte Schlummer ihre Augen geschlossen hatte. Ich glaube, daß in jener Zeit für gewisse Naturen, die sich mit ihren sittlichen Begriffen vollständig in Harmonie fühlten, Alles leicht war, selbst der Tod.
Aurora zog sich abermals in ein Kloster zurück; das war so Sitte, wenn man als junges Mädchen oder junge Wittwe keine Verwandten besaß, die als Führer durch die Welt dienen konnten. Man richtete sich friedlich ein, sogar mit einer gewissen Eleganz; man empfing Besuche, man ging Morgens, ja sogar Abends aus mit einer passenden Ehrenwächterin. Das Ganze war eine Art Vorsicht gegen die Verleumdung, eine Sache des Anstandes und des Geschmacks.
Aber für meine Großmutter, deren Neigungen ernst und deren Gewohnheiten geregelt waren, wurde diese Zurückgezogenheit nützlich und schätzbar. Sie las ungeheuer viel und häufte Bände voll Auszüge und Citate auf, die ich noch besitze, und die mir Zeugniß geben von der ernsten Richtung ihres Geistes und dem guten Gebrauch ihrer Zeit. Ihre Mutter hatte ihr nichts hinterlassen, als einige Kleidungsstücke, einige Familienportraits, unter andern das der Aurora von Königsmark, das sonderbarer Weise durch den Marschall von Sachsen bei ihr einquartirt war, viele Madrigals und ungedruckte poetische Werke ihrer literarischen Freunde (die sehr verdienten ungedruckt zu sein), endlich das Siegel des Marschalls und seine Tabacksdose, die ich noch besitze und die von sehr hübscher Arbeit sind.
Ihre Gläubiger waren vielleicht immer bereit gewesen über ihr Haus, ihre Bücher und alle die Luxusgegenstände herzufallen, deren sie als hübsche Frau bedurfte; aber die Dame hatte, bis zu der heitern und sorglosen Stunde ihres Todes, zu sehr auf die gute Erziehung dieser Herrn gerechnet, um sich deshalb zu beunruhigen. Die Gläubiger jener Zeit waren in der That sehr gebildete Leute. Meine Großmutter hatte von ihrer Seite nicht die geringste Unannehmlichkeit zu ertragen; aber sie sah sich auf einen kleinen Jahrgehalt von der Dauphine angewiesen, und auch dieser blieb eines schönen Tages aus. Bei dieser Gelegenheit schrieb sie an Voltaire und dieser antwortete ihr in einem liebenswürdigen Briefe, dessen sie sich bei der Herzogin von Choiseul bediente.
[Hier ist der Brief meiner Großmutter und die Antwort. An Herrn von Voltaire 24. August 1768.
„An den Sänger von Fontenoy wendet sich die Tochter des Marschalls von Sachsen, um ihr tägliches Brod zu erlangen. Ich bin anerkannt; nach dem Tode meines Vaters hat die Kronprinzessin für meine Erziehung gesorgt; später hat mich diese Fürstin aus Saint-Cyr zurückgerufen, um mich mit dem Grafen Horn, Ritter des Ludwigskreuzes und Hauptmann im Regimente Royal-Baviere zu vermählen. Für meine Aussteuer hatte sie die Statthalterschaft von Schlestadt erwirkt. Kurz nach unserer Ankunft daselbst starb mein Mann plötzlich, inmitten der Feste, die uns gegeben wurden, und seitdem hat mir der Tod alle meine Beschützer geraubt: den Kronprinzen und die Kronprinzessin.
Fontenoy, Raucoux, Laufeld sind vergessen und ich bin verlassen. Aber ich habe geglaubt, daß der, welcher die Siege des Vaters verewigt hat, auch an den Leiden der Tochter Theil nehmen würde. Ihm kommt es zu, sich der Kinder des Helden anzunehmen, und meine Stütze zu sein, wie er die der Tochter des großen Corneille ist. Durch die Beredtsamkeit, mit der Sie die Sache der Unglücklichen zu führen pflegen, werden Sie in allen Herzen einen Schrei des Mitleids erwecken und Sie werden sich dadurch ebensoviel Rechte an meine Dankbarkeit erwerben, wie Sie deren schon an meine Achtung haben und an meine Bewunderung für Ihre erhabnen Talente.«
Antwort: 2. Sept. 1768 im Schlosse von Ferney,
„Madame. Bald werde ich Ihren Vater, den Helden wiedersehen und ich werde ihm voller Unwillen erzählen, in welchen Verhältnissen sich seine Tochter befindet. Ich habe die Ehre gehabt, viel mit ihm zusammen zu sein und er hatte die Gnade, sich mir gewogen zu zeigen. Es gehört zu den Leiden, die mich in meinem Alter niederbeugen, zu sehen, daß die Tochter von Frankreichs Helden in Frankreich nicht glücklich ist. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mich der Herzogin von Choiseul vorstellen. Mein Name würde mir alle Thüren öffnen und die Herzogin von Choiseul, deren Seele gerecht, edel und wohlthätig ist. würde eine solche Gelegenheit, das Gute zu thun, nicht vorübergehen lassen. Dies ist der beste Rath, den ich Ihnen geben kann, und sobald Sie sprechen, bin ich des Erfolges gewiß, Sie haben mir ohne Zweifel zu viel Ehre erzeigt, gnädige Frau, als Sie dachten, daß ein sterbender, verfolgter, in Zurückgezogenheit lebender Greis, glücklich genug sein könnte, der Tochter des Marschall von Sachsen zu dienen. Aber Sie haben mir Gerechtigkeit erzeigt, als Sie nicht an dem lebhaften Interesse zweifelten, das ich der Tochter eines so großen Mannes schenken muß.
Ich habe die Ehre zu sein hochachtungsvoll, Ihr ganz ergebener und gehorsamer Diener
Voltaire, königl. Kammerherr.]
Sie scheint indessen nichts damit erreicht zu haben, denn im Alter von etwa dreißig Jahren entschloß sich Aurora meinen Großvater, Dupin von Francueil zu heirathen, der damals zweiundsechszig Jahr alt war.
Dupin von Francueil, derselbe, den J.J. Rousseau in seinen Memoiren und Frau von Epinay in ihrem Briefwechsel nur Francueil zu nennen pflegen, war der vollendet liebenswürdige Mann des vergangenen Jahrhunderts. Er war nicht von hohem Adel, denn er war der Sohn des General-Pächters Dupin und dieser hatte den Degen mit dem Finanzsache vertauscht. Er selbst war General-Einnehmer, zur Zeit als er meine Großmutter heirathete. Seine Familie war gut und alt, und besaß vier Folianten voll Geschlechtsregister, die durch heraldische Formeln bewiesen und mit hübschen colorirten Vignetten verziert waren. Trotz alledem zögerte meine Großmutter lange, ehe sie diese Verbindung schloß, nicht wegen Dupin's vorgerücktem Alter, sondern weil er von ihrer Umgebung nicht als ebenbürtig mit dem Fräulein von Sachsen und der Gräfin von Horn angesehen wurde. Endlich wich dies Vorurtheil den Vermögensrücksichten, denn Dupin war zu dieser Zeit sehr reich. Auf meine Großmutter mochte indessen die Verlockung des Reichthums weniger gewirkt haben, als die unausgesetzte Aufmerksamkeit, die Feinheit, der Geist und der liebenswürdige Charakter ihres alten Anbeters, sowie der Widerwille, sich im schönsten Lebensalter dem Klosterzwange zu fügen. Nach zwei oder drei Jahren der Zögerung, in denen kein Tag verging, ohne daß Dupin im Sprachzimmer erschienen wäre, um mit meiner Großmutter zu frühstücken und zu plaudern, krönte sie seine Liebe und wurde sein Weib. [Es scheint, als wären ihnen von irgend einer Seite — von welcher, weiß ich nicht — Schwierigkeiten in den Weg gelegt, denn sie ließen sich in England in der Gesandtschaftskapelle trauen und ließen nachher ihre Heirath in Paris bestätigen.]
Sie hat mir oft von dieser lange erwogenen Heirath und von diesem Großvater erzählt, den ich nie gekannt habe. Sie sagte mir, daß sie während der zehn Jahre, die sie miteinander verlebten, ihn und ihren Sohn als die theuersten Güter ihres Lebens betrachtet hätte; und obwohl sie sich nie des Ausdrucks Liebe, in Bezug aus ihn, oder irgend einen andern Mann, bediente, lächelte sie, wenn sie mich äußern hörte, daß ich es für unmöglich hielte einen Greis zu lieben. „Ein Greis liebt besser als ein junger Mann — sagte sie — und es ist unmöglich eine innige Liebe nicht zu erwiedern. Ich nannte ihn meinen alten Mann und meinen Papa, wie er es wünschte und er nannte mich immer, selbst in Gesellschaft, seine Tochter. Und dann“ — fügte sie hinzu, „war man wohl jemals alt in jener Zeit? Die Revolution hat erst das Alter in die Welt gebracht. Dein Großvater, mein Kind, war schön, elegant, fein, heiter, liebenswürdig, herzlich und von immer gleicher Laune bis zur Stunde seines Todes. In seiner Jugend war er zu liebenswürdig, um ein ruhiges Leben zu führen und ich wäre damals vielleicht nicht so glücklich mit ihm geworden, weil man ihn mir zu viel streitig gemacht haben würde. Ich bin überzeugt, daß ich sein bestes Lebensalter genossen habe und niemals ist eine junge Frau durch einen jungen Mann glücklicher geworden, als ich es war. Wir verließen uns keinen Augenblick, und nie habe ich in seiner Gesellschaft einen Augenblick der Langenweile gekannt. In seinem Geiste war eine Fundgrube von Ideen, Kenntnissen und Talenten, die sich nie für mich erschöpfte. Er hatte die Gabe sich immer in einer Weise zu beschäftigen, die für ihn selbst, wie für Andere angenehm war. Im Lauf des Tages musicirten wir miteinander. Er war ein vortrefflicher Violinspieler und machte auch seine Geigen selbst, denn er war ebensowohl Instrumentenmacher, als Architekt, Uhrmacher, Drechsler, Maler, Schlosser, Tapezierer, Koch, Dichter, Componist und Tischler; er konnte auch wunderschön sticken — ich weiß überhaupt nichts, was er nicht verstanden hätte. Das Unglück war nur, daß er bei der Uebung dieser Talente, bei den mannigfaltigen Versuchen, die er anstellte, sein Vermögen durchbrachte; aber ich sah nur die Lichtseite und so richteten wir uns auf die liebenswürdigste Weise zu Grunde. Wenn wir Abends nicht in Gesellschaft waren, saß Dupin neben mir und zeichnete, während ich Goldfäden auszupfte; oder wir lasen uns eins um's andere etwas vor, oder liebenswürdige Freunde umgaben uns und erweckten seinen feinen, fruchtbaren Geist durch anmuthiges Geplauder. Meine Freundinnen waren viel glänzender verheirathet als ich und doch wurden sie nicht müde zu versichern, daß sie mich um meinen alten Mann beneideten.“
„Man wußte aber auch zu leben und zu sterben in jener Zeit,“ sagte sie ein anderes Mal; „und man hatte keine lästigen Gebrechen. Wer das Podagra hatte, ging trotzdem rüstig einher, ohne Gesichter zu schneiden und verbarg sein Leiden aus gutem Ton. Man war auch nicht durch Geschäfte eingenommen — was die Häuslichkeit verdirbt und den Geist schwerfällig macht. Man wußte sich zu Grunde zu richten, ohne etwas davon merken zu lassen, wie großartige Spieler, die verlieren, ohne Besorgniß oder Wunsch. Halbtodt hätte man sich noch zu einer Jagdpartie tragen lassen, und man fand, daß es besser wäre, auf dem Ball oder im Theater zu sterben, als auf dem Krankenbette zwischen vier Kerzen und von häßlichen schwarzen Männern umgeben. Man war philosophisch; man suchte nicht den Schein der Sittenstrenge, aber man besaß sie oft, ohne damit zu prunken; wenn man tugendhaft war, so war's aus Neigung und nicht um für pedantisch und prüde zu gelten. Man genoß das Leben und wenn der Augenblick gekommen war, es zu verlassen, suchte man nicht, es Andern zu verleiden. Das letzte Lebewohl meines alten Gatten war die Aufforderung, ihn so lange als möglich zu überleben und mir das Dasein angenehm zu machen. Und gewiß wird man am lebhaftesten bedauert, wenn man sich so großmüthig beweist.“
Diese Philosophie des Reichthums, der Unabhängigkeit, der Toleranz und Leutseligkeit war gewiß angenehm und verführerisch; aber leider brauchte man fünf bis sechsmalhunderttausend Livres Renten, um sie durchzuführen, und ich begreife nicht, wie sie den Armen und Unterdrückten genützt haben könnte.
Darum scheiterte sie vor den Sühnopfern der Revolution und die Glücklichen der Vergangenheit erhielten sich nur die Kunst, das Schaffot mit Anmuth zu besteigen. Ich gebe zu, daß dies viel ist; aber diese letzte Tapferkeit wurde ihnen erleichtert durch den tiefen Ekel vor einem Leben, das ihnen keinen Genuß mehr versprach und durch das Entsetzen vor einem gesellschaftlichen Zustande, in welchem sie — dem Princip nach wenigstens — die Rechte Aller an Wohlstand und Freude anerkennen mußten.
Aber ehe ich weiter gehe, will ich von einer Berühmtheit der Dupin'schen Familie erzählen; einer wahren, rechtmäßigen Berühmtheit, auf deren Ehre und intellectuelle Erbschaft jedoch weder mein Großvater noch ich Anspruch zu machen haben. Diese Berühmtheit ist Madame Dupin von Chenonceaux, die nicht zu meinen Blutsverwandten gehört, da sie die zweite Frau des General-Pächters Dupin, die Stiefmutter Dupin's von Francueil war. Aber dies ist kein Grund von ihr nicht zu sprechen; und ich sehe mich um so mehr dazu veranlaßt, da diese bedeutende Frau, — trotz des Rufes, den sie sich durch Geist und Liebenswürdigkeit erwarb, und trotz der Lobsprüche, die ihre Zeitgenossen ihr spenden — in der Republik der Wissenschaften nie den Platz eingenommen hat, den sie verdiente.
Sie war ein Fräulein von Fontaines und galt, wie J.J. Rousseau erzählt, für eine Tochter Samuel Bernard's. Sie brachte ihrem Mann eine bedeutende Mitgift zu — ich weiß zwar nicht, ob das Gut Chenonceaux ihm oder ihr gehörte — aber so viel ist gewiß, daß Beider Vermögen zusammen ein ungeheures war. In Paris hatten sie das Hotel Lambert zum Absteigequartier und konnten sich also rühmen, eins um's andere die beiden schönsten Aufenthaltsorte der Welt zu bewohnen.
Es ist bekannt, daß Jean Jacques Rousseau der Sekretair des General-Pächters Dupin wurde, und mit ihm Chenonceaux bewohnte; daß er sich in Madame Dupin verliebte, die schön war, wie ein Engel, und daß er unvorsichtiger Weise eine Erklärung wagte, die keinen Erfolg hatte. Dessenungeachtet blieb er in freundschaftlichen Beziehungen zu ihr und ihrem Stiefsohne, Francueil.
Madame Dupin beschäftigte sich mit Literatur und Philosophie, aber sie prunkte nicht damit und nannte sich nicht bei den Werken, die ihr Mann herausgab, obwohl ich gewiß bin, daß der größte Theil und die besten Gedanken derselben ihr angehörten. Zu diesen Werken gehört eine umfassende Kritik des „Esprit des lois“, ein gutes, wenig gekanntes und wenig gewürdigtes Buch, das zwar der Form nach dem Werke Montesquieu's untergeordnet ist, sich aber, dem Inhalte nach, in mancher Hinsicht darüber erhebt. Weil es aber freisinnigere Ideen in die Welt einführte, ging es unbemerkt neben dem glänzenden Talente Montesquieu's zu Grunde, der allen Richtungen und allen politischen Bestrebungen des Augenblicks genügte.[Das Werk wurde wenig verbreitet. Frau von Pompadour, die Montesquieu beschützte, veranlaßte Dupin, sein Werk, das schon publicirt war, zurückzunehmen. Aber ich habe das Glück ein Exemplar davon zu besitzen, und ohne Vorurtheil oder Familien-Eitelkeit darf ich sagen, daß es ein sehr gutes Buch ist, dessen gründliche Kritik alle Widersprüche des „Esprit des lois“ enthüllt, und das dann und wann die erhabensten Bemerkungen über die Gesetzgebungen und das sittliche Leben der Völker enthält.]
Während Jean Jacques Rousseau bei ihnen lebte, beschäftigte sich Herr und Madame Dupin mit einem Werke über die Verdienste der Frauen. Rousseau half ihnen dabei, indem er Notizen sammelte und eine große Menge Materialien aufhäufte, die noch als Manuscript im Schlosse von Chenonceaux existiren. Dupin's Tod unterbrach die Arbeit und aus Bescheidenheit unterließ seine Frau die Veröffentlichung. Eine kurze, von ihr selbst geschriebene Zusammenstellung ihrer Ansichten, der sie den bescheidenen Titel „Versuche“ gegeben hat, verdiente indessen der Verborgenheit entzogen zu werden — wäre es auch nur, um als Beitrag zur Geschichte der Philosophie des vergangenen Jahrhunderts zu dienen. Diese liebenswürdige Frau gehörte in die Reihen der guten und schönen Seelen ihrer Zeit und es ist vielleicht zu beklagen, daß sie ihr Leben nicht dazu verwendet hat, das Licht, das sie in ihrem Herzen trug, zu nähren und zu verbreiten.
Was ihr inmitten der Philosophen jener Zeit ein eigenthümliches Gepräge giebt, ist, daß sie den meisten unter ihnen vorangeeilt ist. Sie ist nicht Rousseau's Jüngerin; sie hat nicht sein Talent; aber er hat nicht die Kraft und den Schwung ihrer Seele. Sie geht von einer kühnern, tiefern Lehre aus, die für das Menschengeschlecht schon alt, für das achtzehnte Jahrhundert aber scheinbar neu war. Sie ist die Freundin, die Schülerin oder die Lehrerin eines Greises, der als Schwärmer galt, der ein unvollständiges Genie war, weil ihm das Talent der Gestaltung fehlte und den ich doch vom Geiste Gottes mehr erfüllt glaube, als Voltaire, Helvetius, Diderot und Rousseau sogar —; ich meine den Abbé von St. Pierre, den man in der Gesellschaft den „berühmten“ Abbé von St. Pierre zu nennen pflegte, eine ironische Bezeichnung, die ihm heut zu Tage geschenkt wird, weil er fast gänzlich unbekannt oder vergessen ist.
Es giebt einen Genius, der immer unglücklich ist, weil ihm die Fähigkeit des Ausdrucks mangelt; wenn er nicht einen Plato findet, der ihn der Welt verständlich macht, leuchtet er nur wie ein schwacher Blitzstrahl durch die Nacht der Zeiten und er trägt das Geheimniß seines Geistes mit in's Grab — „das Unerkannte seiner Betrachtungen“ — wie Geoffroy Saint-Hilaire, ein Mitglied dieses großen Geschlechts berühmter Stummer oder Stammler, zu sagen pflegte.
Diese Unfähigkeit, sich mitzutheilen, erscheint wie ein Verhängniß, während Männern von geringer Tragweite der Gedanken und kaltem Gefühle oft die klarste, glücklichste Gestaltungsgabe verliehen ist. Ich kann es wohl begreifen, daß Madame Dupin die Utopien des Abbé von St. Pierre den Lehrsätzen Montesquieu's vorgezogen hat, die von englischem Geist erfüllt sind. Der große Rousseau hatte nicht so viel moralischen Muth oder so viel Geistesfreiheit, als diese großherzige Frau. Als sie ihm auftrug den „Entwurf des ewigen Friedens“ und die „Polysynodie“ des Abbé von St. Pierre zu resümiren, that er es, mit aller Schönheit der Form, die ihm zu Gebote stand; aber er erklärte, daß er es für nöthig gehalten hätte, die kühnsten Vorschläge des Verfassers zu übergehen, und verweist Alle, die den Muth haben, sich damit zu beschäftigen, auf den Urtext.
Ich muß gestehen, daß mir der Spott, womit J. J. Rousseau die Utopien des Abbé von St. Pierre behandelt, und die Rücksichten, die er auf die Machthaber der Zeit zu nehmen vorgiebt, nicht gefallen. Ueberdies ist seine Verstellung entweder zu fein oder zu ungeschickt; seine Ironie ist entweder nicht deutlich genug und verliert dadurch an Kraft, oder sie ist zu wenig verhüllt und büßt dadurch an Wirksamkeit und Vorsicht ein. Es ist keine Einheit, keine Sicherheit in den Urtheilen Rousseau's über den Philosophen von Chenonceaux. Je nachdem er durch Schicksale, Lebensüberdruß und Verfolgungen mehr oder weniger niedergedrückt ist, stellt er ihn als großen Mann oder als armseligen Menschen dar. Aus gewissen Stellen der Bekenntnisse scheint sogar hervorzugehen, daß er sich schämt, den Abbé von St. Pierre jemals bewundert zu haben, Aber der Mangel an, Talent kann noch nicht zum armseligen Menschen machen. Das Genie strömt aus der Seele, es liegt nicht in der Form. Uebrigens trifft der Hauptvorwurf, den Rousseau, wie alle Kritiker der Zeit, dem Abbé von St. Pierre gemacht hat, das Unpraktische seiner Theorien und den Glauben an die Möglichkeit seiner gesellschaftlichen Reform. Und doch scheint es, als hätte dieser Träumer klarer gesehen, als alle seine Zeitgenossen, und als hätte er den revolutionären, constitutionellen, St.-Simonistischen Ideen — und selbst denen, die man heut zu Tage rein menschliche nennt — weit näher gestanden als sein Zeitgenosse Montesquieu und dessen Nachfolger: Rousseau, Diderot, Voltaire, Helvetius u.s.w.
Von allen diesen ist in dem umfangreichen Gehirne des Abbé von St. Pierre etwas zu finden, und in dem Chaos seiner Gedanken sind alle die Ideen aufgehäuft und durcheinander geworfen, wovon eine später genügte das Leben eines bedeutenden Mannes auszufüllen. Jedenfalls geht St. Simon von ihm aus; Madame Dupin, seine Schülerin, sowie Herr Dupin in seiner Kritik des Esprit des loi sind entschieden Emancipatoren des Weibes. Die Regierungs-Versuche, die seit hundert Jahren gemacht sind, die bedeutendsten Thaten der europäischen Diplomatie und die Trugbilder fürstlicher Unterhandlungen, die man Bündnisse zu nennen pflegt, haben den Verfassungstheorien des Abbé von St. Pierre einen — freilich trügerischen — Anschein der Weisheit und Sittlichkeit entlehnt, und die Lehre vom ewigen Frieden ist in alle neuern philosophischen Schulen übergegangen.
Es würde also heut zu Tage sehr lächerlich sein, den Abbé von St. Pierre lächerlich zu finden und ohne Ehrfurcht von dem zu sprechen, der selbst von seinen Feinden der „Biedermann“ genannt wurde. Und hätte er der Nachwelt nur diesen Namen zu hinterlassen, so besäße er mehr darin, als in dem Ruhme, einer der großen Männer seiner Zeit zu sein.
Madame Dupin von Chenonceaux liebte diesen Biedermann auf das Herzlichste; sie theilte seine Ideen, verschönte sein Alter durch zarte Aufmerksamkeit und empfing in Chenonceaux seinen letzten Seufzer. In dem Zimmer, worin er Gott seine edle Seele zurückgab, habe ich ein Bild von ihm gesehen, das kurz vor seinem Tode gemalt ist. Sein schönes Gesicht, das zugleich streng und sanft ist, hat eine gewisse Aehnlichkeit der Form mit den Zügen Franz Arago's; aber der Ausdruck ist anders — auch liegen die Schatten des Todes schon über diesem großen, schwarzen Auge, das durch Leiden eingesunken ist, und über diesen bleichen Wangen, die das Alter gefurcht hat. [Ich habe mir hier einen Irrthum zu schulden kommen lassen, auf den mich mein Vetter Herr v. Villeneuve, Erbe von Chenonceaux, aufmerksam macht. Der Abbé von St. Pierre ist in Paris gestorben, kurze Zeit nachdem er eine schwere Krankheit in Chenonceaux glücklich überstanden hatte. (Anmerkung von 1850.)]
Madame Dupin hat in Chenonceaux einige Schriften zurückgelassen, die sehr kurz, aber voll klarer Gedanken und edler Gefühle sind. Es sind größtentheils abgerissene Betrachtungen, die jedoch in sehr logischer Verbindung mit einander stehen. Eine kleine, nur wenige Seiten lange Abhandlung „über das Glück“ halten wir für ein Meisterstück; und um den Grundgedanken verständlich zu machen, wird es genügen, wenn wir die ersten Worte wiederholen: „Alle Menschen haben gleiche Rechte an das Glück“ — oder wörtlich: „Alle Menschen haben gleiche Rechte an die Freude.“ Das Wort Freude darf hier nicht mißverstanden, nicht als der Ausdruck eines Begriffs aus der Zeit der Regentschaft gehalten werden. Sein eigentlicher Sinn ist: materielles Glück, Genuß des Lebens, Wohlbefinden, — Vertheilung der Güter, wie man jetzt sagen würde. Der Titel des Ganzen, der keusche, ernste Sinn, der sich darin ausspricht, lassen keinen Zweifel über den Inhalt dieser Gleichheitsformel, die ganz im Sinne unserer Zeit gebraucht ist, und dem Satze entspricht: „Einem Jeden nach seinen Bedürfnissen.“ Diese Idee scheint mir der Neuzeit angehörig zu sein — so neu, daß sie für das vorsichtige Gehirn unserer meisten Denker und Politiker noch immer zu kühn ist, und daß der berühmte Historiker, Louis Blanc, eines gewissen Muthes bedurft hat, um diese Meinung auszusprechen und zu entwickeln.[Ich schreibe dies im Juli 1847. Wer weiß, ob nicht vor dem Erscheinen dieser Memoiren eine allgemeine gesellschaftliche Umwälzung die Zahl der muthigen Denker um ein Bedeutendes vermehrt haben wird.]
Madame Dupin, die schöne, liebenswürdige, einfache, starke und ruhige Frau starb in Chenonceaux in ziemlich vorgerücktem Alter. Die Form ihrer Schriften ist ebenso klar wie ihre Seele, ebenso zart, so heiter, so glücklich, wie die Züge ihres Gesichts. Diese Form ist ihr ganz eigen und ihre elegante Correctheit thut ihrer Eigenthümlichkeit keinen Abbruch. Sie schreibt in der Sprache ihrer Zeit, aber sie hat die Wendungen Montaigne's, die Lebendigkeit Bayle's, und man sieht wohl, daß sich die schöne Dame nicht gescheut hat, die alten Meister aus dem Staube vorzusuchen. Sie ahmt sie nicht nach, aber sie hat sie sich zu eigen gemacht — wie ein guter Magen, der sich mit guten Nahrungsmitteln nährt.
Zu ihrem Lobe muß noch gesagt werden, daß unter allen Freunden, die J. J. Rousseau in seinem leidensvollen Alter aufgab oder beargwöhnte, sie vielleicht die einzige Persönlichkeit ist, welcher er Gerechtigkeit widerfahren läßt und deren Wohlthaten er ohne Bitterkeit gesteht. Sie war selbst gütig gegen Therese Levasseur und ihre elende Familie; sie war gütig gegen Alle und wahrhaft geachtet, denn die revolutionären Stürme, die in das königliche Schloß Chenonceaux eindrangen, verschonten das weiße Haar der alten Dame. Alle Gewaltmaßregeln beschränkten sich auf die Wegnahme einiger historischen Gemälde, die Madame Dupin den Anforderungen des Augenblicks gutwillig opferte. Jetzt ruht sie unter einem einfachen, geschmackvollen Grabstein im Park von Chenonceaux, unter dunklen, schattigen Bäumen. Möchten die Reisenden, wenn sie einen Zweig dieser Cypressen pflücken, um der tugendhaften Schönheit zu huldigen, die Jean Jacques geliebt hat, nicht vergessen, daß sie noch andere Ansprüche an unsre Verehrung hat; sie hat das Alter des biedersten Mannes jener Zeit erleichtert; sie war seine Schülerin; sie hat ihrem Gatten die Theorie der Achtung ihres Geschlechtes eingeflößt, was von dem sanften und bescheidenen Uebergewicht ihres Geistes Zeugniß giebt —. Sie hat noch mehr gethan: sie, die Reiche, die Schöne, die Mächtige, hat begriffen, daß alle Menschen gleiche Ansprüche haben an das Glück, darum laßt uns die Frau verehren, die schön war, wie die Geliebte eines Königs; tugendhaft wie eine Matrone; aufgeklärt wie ein wahrer Philosoph und gütig wie ein Engel.
Eine edle Freundschaft, die verleumdet wurde, wie Alles in der Welt, was natürlich und gut ist, verband Francueil mit seiner Stiefmutter, und dies mußte ihm jedenfalls einen Anspruch mehr an die Liebe und Zuneigung meiner Großmutter geben. Der Verkehr mit einer Stiefmutter, wie die erste Mad. Dupin, und der mit einer Gattin, wie die zweite Mad. Dupin war, müssen über die Jugend und das Alter eines Mannes den Wiederschein eines reinen Lichtes gießen. Was die Männer Gutes oder Böses in der innersten Tiefe ihrer Seele haben, verdanken sie mehr den Frauen als den Männern und in dieser Beziehung könnte man zu ihnen sprechen: „sage mir, wen Du liebst, so werde ich Dir sagen, wer Du bist.“ In der Gesellschaft kann ein Mann die Verachtung der Frauen leichter tragen, als die der Männer. — Aber vor Gott, vor den Urtheilen der Gerechtigkeit, die Alles siebt und Alles weiß, würde ihnen die Verachtung der Frauen weit verderblicher sein. Hier wäre vielleicht der Vorwand zu einer Abschweifung gegeben; ich könnte einige vortreffliche Aussprüche meines Ur-Großvaters Dupin einschalten „über die Gleichstellung des Mannes und des Weibes in den Absichten Gottes und der Ordnung der Natur“ — aber ich werde seiner Zeit ausführlicher in der Geschichte meines Lebens darauf zurückkommen.
Drittes Kapitel.
Eine Anekdote »on J. J. Rousseau. — Mein Vater Moritz Dupin. — Mein Lehrer Deschartres. — Der Kopf des Pfarrers. — Der Liberalimus vor der Revolution. — Die Haussuchung. — Aufopferung Deschartres' und meines Vaters. — Nerina. —
Da ich von Jean Jacques Rousseau und meinem Großvater erzählt habe, will ich hier eine Anekdote einschalten, die ich in den Papieren meiner Großmutter Maria Aurora Dupin gefunden habe.
„Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, (sie spricht von Jean Jacques) und das werde ich nie vergessen. Er lebte damals schon in jener scheuen Zurückgezogenheit, mit jenem Menschenhaß belastet, der in so grausamer Weise von seinen trägen oder leichtsinnigen Freunden verspottet wurde.
Seit meiner Verheirathung hatte ich Francueil gebeten ihn mir vorzustellen — aber das war nicht leicht. Er ging mehrere Mal zu ihm, ohne vorgelassen zu werden. Eines Tages traf er ihn, wie er die Sperlinge vor seinem Fenster mit Brod fütterte. Er war so traurig, daß er, als sie fortflogen, zu Francueil sagte: „Wissen Sie, was sie jetzt thun? sie setzen sich oben auf's Dach, um Uebles von mir auszuschreien und um zu verkündigen, daß mein Brod nichts taugt.“ —
Ehe ich Rousseau sah, hatte ich in einem Zuge seine neue Heloise gelesen und bei den letzten Seiten fühlte ich mich so zerrüttet, daß ich lautschluchzend weinte. Francueil neckte mich sanft deswegen, ich wollte auch in seine Scherze einstimmen — aber den ganzen Tag, vom Abend bis zum Morgen konnte ich nur weinen. Sobald ich an Juliens Tod dachte, flossen meine Thränen von Neuem; ich wurde ganz krank und häßlich davon.
Während dieser Zeit ging Francueil, der immer fein und liebenswürdig war, zu Rousseau, um ihn zu holen; wie er es anfing, weiß ich nicht, aber er zog ihn fort und brachte ihn mit, ohne mich von seinem Vorhaben zu benachrichtigen.
Jean Jacques hatte sich nur ungern dazu verstanden; er hatte sich weder nach meiner Persönlichkeit noch nach meinem Alter erkundigt und mochte glauben, daß es sich nur darum handle, die Neugier einer Frau zu befriedigen, wozu er sich gewiß nicht willig hergab.
Da ich von nichts benachrichtigt war, so beeilte ich mich nicht sehr mit meiner Toilette. Meine Freundin Mme. d'Esparbés de Lussan war gerade bei mir, eine der liebenswürdigsten und hübschesten Frauen der Welt, obwohl sie etwas schielte und etwas schief war. Sie verhöhnte mich, weil ich mir seit einiger Zeit in den Kopf gesetzt hatte, die Knochenlehre zu studiren; und als sie mir einige Bänder aus einem Schubfache reichen wollte, stieß sie lachend ein lautes Geschrei aus, denn das großes häßliche Skelett einer Hand hing daran.
Francueil war schon zwei oder drei Mal gekommen, um zu fragen, ob ich fertig wäre. Er machte ein Gesicht, wie der Marquis behauptete — ich pflegte Frau von Lussan so zu nennen, und sie nannte mich ihren lieben Baron —. Aber ich bemerkte kein Gesicht an meinem Manne, und hörte nicht auf mich zu putzen. Ich ahnte ja nicht, daß der göttliche Bär in meinem Salon war. Er war mit einer halb blöden, halb grimmigen Miene hineingetreten, hatte sich in einen Winkel gesetzt und kein Verlangen gezeigt, als das, recht bald zu essen, um wieder fortgehen zu können.
Endlich war mein Anzug fertig, und mit rothen geschwollenen Augen ging ich in den Salon hinunter. Ich bemerke einen kleinen, dicken Mann, der ziemlich schlecht gekleidet und sehr verdrießlich ist, sich schwerfällig erhebt und undeutliche Worte murmelt. Ich sehe ihn an und errathe die Wahrheit. Ich schreie, ich will sprechen — aber ich breche in Thränen aus; Jean Jacques ist durch diesen Empfang überrascht und will mir danken — aber er bricht ebenfalls in Thränen aus und Francueil, der uns durch einen Scherz erheitern will, fängt schließlich auch an zu weinen. Wir waren nicht im Stande uns etwas zu sagen; Rousseau drückte mir die Hand, aber er richtete nicht ein einziges Wort an mich.
Wir gingen zu Tisch, um der Rührung ein Ende zu machen, aber ich konnte nichts essen; Francueil hatte keinen Witz und Rousseau stahl sich fort, sobald wir vom Tische aufgestanden waren, ohne ein Wort zu sprechen. Vielleicht war er unzufrieden, sich auf's Neue bewiesen zu sehen, wie sehr er irrte, wenn er sich für den verfolgtesten, gehaßtesten und verleumdetsten aller Menschen hielt.“
Ich hoffe, daß meine Leser mit dieser kleinen Geschichte und mit der Art, wie sie erzählt ist, nicht unzufrieden sein werden. Für eine Frau, die in St. Cyr erzogen war, wo man nicht orthographisch schreiben lernte, ist der Styl nicht übel. Es ist freilich wahr, daß man in St. Cyr statt der Grammatik den Racine auswendig lernte und seine Meisterwerke aufführte. Es ist schade, daß meine Großmutter nicht mehr von ihren Erinnerungen niedergeschrieben hat; was ich besitze, beschränkt sich auf wenige Blätter. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie darauf verwendet, Briefe zu schreiben — die, wie ich wohl sagen darf, denen der Frau von Sévigné gleich stehen — oder zur Nahrung ihres Geistes eine Menge von Auszügen aus ihren Lieblingsbüchern abzuschreiben.
Doch ich kehre zu ihrer Geschichte zurück.
Neun Monate nach ihrer Verheirathung mit Dupin gebar sie einen Sohn, der ihr einziges Kind blieb und in der Taufe, zur Erinnerung an den Marschall von Sachsen, den Namen Moritz erhielt. Sie wollte ihr Kind selbst nähren, was freilich etwas excentrisch war; aber sie gehörte einmal zu denen, die den „Emile“ mit Andacht gelesen hatten und ein gutes Beispiel zu geben wünschten. Ueberdies war ihr mütterliches Gefühl sehr stark entwickelt; es war bei ihr fast eine Leidenschaft, die einzige, die sie jemals kannte.
Aber die Natur widersetzte sich ihrem Begehren. Sie hatte keine Nahrung für ihr Kind. Nachdem sie einige Tage die furchtbarsten Schmerzen ertragen hatte, sah sie ein, daß sie ihm nur ihr Blut geben konnte und verzichtete auf ihren Wunsch, aber es war ihr ein großer Schmerz und sie betrachtete dies wie ein düstres Prognostikon.
Als General-Einnehmer des Herzogthums d'Albret verlebte Dupin einen Theil des Jahres, mit seiner Frau und seinem Sohn, in Chateauroux. Sie bewohnten das alte Schloß, das jetzt als Präfecturlocal benutzt wird, dessen malerische Gebäude den Lauf der Indre beherrschen und die ausgedehnten Wiesen, die sie bewässert. Dupin, der seit dem Tode seines Vaters den Namen Francueil nicht mehr führte, gründete Tuchfabriken in Chateauroux und brachte durch seine Freigebigkeit viel Geld in die Gegend. Er war verschwenderisch, sinnlich und machte einen fürstlichen Aufwand. In seinem Gefolge waren eine Menge Musikanten, Köche, Schmarotzer, Lakaien, Pferde und Hunde. Er spendete Allen mit vollen Händen, für das Vergnügen wie aus Wohlthätigkeit; er wollte glücklich sein, aber auch Alles, was ihn umgab, glücklich machen. Das war eine andere Lebensweise, als die der Finanzmänner und Industriellen unserer Zeit; diese zersplittern das Vermögen nicht in Vergnügungen, oder aus Liebe zur Kunst, oder in den unvorsichtigen Freigebigkeiten einer veralteten aristokratischen Empfindungsweise. Sie folgen den vorsichtigen Grundsätzen ihrer Zeit, wie mein Großvater die leichtfertige Routine seines Zeitalters befolgte. Man möge indessen unsere Zeit nicht mehr als die frühere loben; die Menschen wissen noch immer nicht, was sie thun und was sie thun sollten.
Mein Großvater starb zehn Jahre nach seiner Heirath und ließ eine große Unordnung in seinen Privatangelegenheiten, wie in seinen Geschäften mit dem Staate zurück. Meine Großmutter bewies ihren Verstand, indem sie sich an kluge Rathgeber wendete und Alles mit großer Thätigkeit betrieb. Sie liquidirte gleich, und nachdem sie Alles bezahlt hatte, sowohl den Privatgläubigern wie dem Staate, sah sie sich zu Grunde gerichtet, das heißt im Besitze von 75,000 Livres Renten. [Hier ist eine Notiz, die mir mein Vetter René von Villeneuve gegeben hat. „Das Hôtel Lambert war theils durch unsere Familie, theils durch die liebenswürdige und schöne Prinzessin von Rohan-Chadot, die intime Freundin der Frau von Dupin Chenonceaux, bewohnt. Es war ein wahrer Palast. Herr von Chenonceaux, der Sohn des Herrn Dupin, der undankbare Zögling J. J. Rousseau's, der seit Kurzem mit Fräulein von Rochechouart verheirathet war, verspielte einst in einer Nacht 700,000 Francs. Am folgenden Tage mußte diese Ehrenschuld bezahlt werden. Das Hôtel Lambert wurde verpfändet, andere Güter wurden verkauft. Von allen Kostbarkeiten, von allen berühmten Gemälden ist mir nur ein einziges, sehr schönes Bild von Lessueur geblieben: es stellt drei Musen vor, wovon eine die Baßgeige spielt. Er hat es zwei Mal gemalt, das andere Bild ist im Museum. Herr von Chenoneceaux, unser Großonkel, und unser Großvater Francueil haben zusammen sieben bis acht Millionen durchgebracht. Mein Vater, der mit der Schwester Deines Vaters verheirathet war, war zugleich der Neffe der Frau Dupin von Chenonceaux und ihr einziger Erbe. Daher kommt es, daß ich seit 49 Jahren im Besitze von,Chenonceaux bin.“ Ich werde später erzählen, mit welcher frommen Sorgfalt und mit welchem Verständniß der Kunst Herr und Frau von Villeneuve das Schloß erhalten und wieder eingerichtet haben, das zu den Meisterwerken der Renaissance gehört.]
Die Revolution sollte ihre Mittel bald noch mehr beschränken, und in diesen zweiten Schicksalsschlag wußte sie sich nicht sogleich zu finden. Aber bei dem ersten nahm sie sich muthig zusammen, und obwohl ich nicht begreife, wie man mit 75,000 Livres Renten sich nicht für ungeheuer reich halten kann, muß ich ihr nachsagen, daß sie diese „Armuth“ mit großer Kraft und Ergebung hinnahm. Sie folgte hierbei einem Princip der Ehre und Würde, das tief in ihrer Natur lag, während sie in den Confiscationen der Revolution nie etwas Anderes sah, als Raub und Diebstahl.
Nachdem sie Chateauroux verlassen hatte, bewohnte sie eine kleine Wohnung in der Rue du Roi de Sicile, in welcher aber noch ziemlich viel Raum sein mußte, wenn ich nach der Menge und dem Umfange der Meubles urtheile, die jetzt mein Haus enthält. Die Erziehung ihres Sohnes vertraute sie einem jungen Manne, den ich alt gekannt habe, und der auch mein Lehrer gewesen ist. Diese Persönlichkeit, die zugleich ernst und komisch ist, nimmt einen zu großen Platz in der Geschichte unserer Familie und in unsern Erinnerungen ein, um ihrer nicht besonders zu gedenken.
Er hieß Francis Deschartres, und da er als Lehrer im Colleg des Cardinal Lemoine das Bäffchen getragen hatte, erschien er bei meiner Großmutter mit der Kleidung und dem Titel eines Abbé. Aber in der Revolution, die sich mit allen Titeln zu schaffen machte, verwandelte sich der Abbé Deschartres vorsichtigerweise in den Bürger Deschartres. Unter dem Kaiserreich wurde er Herr Deschartres, Maire des Dorfes Nohant; unter der Restauration hätte er gern seinen alten Titel wieder hervorgesucht, denn in seiner Vorliebe für die Formen der Vergangenheit war er sich gleichgeblieben. Aber er war niemals ordinirt und konnte sich überdies nicht mehr von einem Beinamen befreien, den ich ihm wegen seiner Rechthaberei und seiner wichtigen Miene gegeben hatte; er wurde nie mehr anders genannt, als der große Mann.
Er war ein hübscher Bursche gewesen, und war es noch, als ihn meine Großmutter zu sich berief: er war wohlgekleidet, wohlrasirt, hatte ein lebhaftes Auge, pralle Waden und überhaupt einen vortrefflichen Hauslehrer-Anstand. Aber ich bin überzeugt, daß ihn auch in seiner besten Zeit Niemand ansehen konnte ohne zu lachen, weil das Wort Pedant in jeder Linie seines Gesichts und in jeder Bewegung seines Körpers auf das Deutlichste ausgedrückt war.
Zu seiner Vervollständigung hätte gehört, daß er unwissend, unmäßig und feig gewesen wäre; aber er war im Gegentheil sehr gelehrt, sehr mäßig und tapfer fast bis zur Tollkühnheit. Er hatte alle großen Eigenschaften der Seele, verbunden mit einer unausstehlichen Gemüthsart und einer Selbstzufriedenheit, die bis zum Wahnsinn ging. Er hatte die entschiedensten Meinungen, die eckigsten Manieren, die arroganteste Ausdrucksweise. Aber wie war er aufopferungsfähig und diensteifrig, wie groß und edel war seine Seele! Guter großer Mann, ich habe Dir alle Deine Quälereien verziehen, verzeihe auch mir in jenem Leben alle tollen Streiche, die ich Dir gespielt habe, alle Possen, mit denen ich mich für Deine niederdrückende Tyrannei zu rächen suchte! ich habe wenig von Dir gelernt, aber ich verdanke Dir etwas, was mir schon oft von Nutzen gewesen ist — nämlich die Fähigkeit, trotz der Regungen meines Unabhängigkeits-Gefühles, die unerträglichsten Charaktere und die impertinentesten Meinungen lange ertragen zu können.
Als ihm meine Großmutter die Erziehung ihres Sohnes vertraute, ahnte sie gewiß nicht, daß sie in dem Tyrann den Retter und besten Freund ihres Lebens gefunden hatte.
In seinen Freistunden pflegte Deschartres Vorlesungen über Physik, Chemie, Medicin und Chirurgie zu hören. Er war ein eifriger Schüler Desault's und erlangte unter der Leitung dieses bedeutenden Mannes eine große Geschicklichkeit in chirurgischen Operationen. Später, als er Pächter meiner Großmutter und Maire des Dorfes war, wurden seine Kenntnisse der ganzen Umgegend sehr nützlich, um so mehr, da er sie nur aus Barmherzigkeit, ohne irgend welchen Lohn zu begehren, in Anwendung brachte. Er war so gutherzig, daß ihn weder Finsterniß noch Unwetter, weder Hitze noch Kälte, noch ungelegne Zeit verhindern konnten die verlangte Hülfe zu gewähren, wenn er auch noch so weit und durch noch so schlechte Wege zu wandern hatte. Seine Aufopferung und seine Uneigennützigkeit waren in der That bewunderungswürdig; aber er mußte nun einmal in allen Augen ebenso lächerlich als groß sein, und so trieb er es so weit, daß er seine Patienten schlug, wenn sie ihn nach überstandener Krankheit bezahlen wollten. In Betreff der Geschenke nahm er ebensowenig Vernunft an, und ich habe mehr als zehn Mal gesehen, daß er einen armen Teufel die Treppe hinunter warf, indem er ihn mit den Enten, Putern oder Hasen, die er ihm gebracht hatte, tüchtig durchprügelte. Die armen, mißhandelten Leute gingen dann mit schwerem Herzen fort und klagten: „daß der gute, liebe Herr so bösartig wäre“ — ein Anderer betheuerte im höchsten Zorn: „das ist ein Kerl, den ich todtschlüge, wenn er mir nicht das Leben gerettet hätte.“ Und Deschartres stand oben an der Treppe und schrie mit Stentorstimme: „was, Du Canaille, Du Dummkopf, Du Tölpel, Du Taugenichts! ich habe Dir Gutes gethan und nun willst Du mir nicht dankbar bleiben? Du willst mich ablohnen? Wenn Du nicht machst, daß Du fortkommst, so schlage ich Dich, daß Du vierzehn Tage im Bette liegen sollst — dann wirst Du mich wohl wieder rufen lassen.“
Darum war der arme große Mann trotz seiner Wohlthaten ebenso gehaßt wie geachtet, und seine Heftigkeit zog ihm manches böse Zusammentreffen zu, von dem er nicht gern erzählte. Die Bauern in Berry sind geduldig bis zu einen, gewissen Grade, und man thut sehr wohl, diese Grenze nicht zu überschreiten.
Aber ich greife immer wieder dem Laufe der Begebenheiten in meiner Erzählung vor, und bitte deswegen um Verzeihung. Wenn ich jetzt in Bezug auf die anatomischen Studien des Abbé Deschartres einen Vorfall berichte, der gerade nicht zu den heitern gehört, lasse ich mir wieder einen Anachronismus von einigen Jahren zu schulden kommen; aber meine Erinnerungen drängen sich oft in etwas verworrener Weise zu und verlassen mich dann wieder, so daß ich fürchten müßte, ganz und gar zu vergessen, was ich auf den folgenden Tag verschöbe.
Obwohl der Abbé Deschartres unter der Schreckensherrschaft meinen Vater und die Interessen meiner Großmutter aus das Sorgfältigste überwachte, wurde er durch seine Vorliebe immer noch von Zeit zu Zeit in Spitäler und Sectionssäle geführt. Es gab damals zwar genug blutige Schauspiele im wirklichen Leben, aber die Liebe zur Wissenschaft hinderte den Abbé philosophische Betrachtungen über die Leichen anzustellen, die von der Guillotine zur Anatomie geschickt wurden. Eines Tages jedoch hatte er eine kleine Gemüthsbewegung, die ihn sehr in seinen Beobachtungen störte. Einer der Eleven, der die Sachen leicht nahm, hatte mit den Worten: „sie sind frisch abgeschnitten“, mehrere Köpfe auf den Secirtisch gelegt. Ein gräßlicher Kessel war bereit, sie aufzunehmen, um sie durch Kochen zum Skelettiren vorzubereiten. Deschartres nahm die Köpfe, einen nach dem andern, und that sie hinein. „Hier ist der Kopf eines Geistlichen“, sagte der junge Mann, indem er ihm den letztern reichte; „er trägt die Tonsur“. Deschartres sieht ihn an und erkennt das Gesicht eines Freundes, den er seit vierzehn Tagen nicht gesehen hatte und von dem er nicht wußte, daß er gefangen war. Er hat mir diesen schrecklichen Vorfall selbst erzählt. „Ich sagte kein Wort, indem ich diesen armen Kopf mit den weißen Haaren betrachtete; das Antlitz war noch ruhig und schön und schien mir zuzulächeln. Ich wartete, bis der Eleve sich abwendete, um einen Kuß auf diese Stirn zu drücken, dann legte ich das Haupt in den Kessel zu den andern. Ich habe es dann für mich skelettirt und habe es lange besessen; aber es kam eine Zeit, wo diese Reliquie zu gefährlich wurde und da habe ich sie in einer Ecke des Gartens begraben. Dieser Zufall erschütterte mich übrigens so sehr, daß ich lange Zeit unfähig war, mich mit der Wissenschaft zu beschäftigen.“
Doch laßt uns schnell zu lustigern Geschichten übergehen.
Mein Vater lernte sehr schlecht; aber Deschartres wagte nicht, ihn zu züchtigen, denn obgleich er ein eifriger Anhänger der alten Methode, der Ruthe und des Stockes war, so machte ihm doch die übergroße Liebe meiner Großmutter für ihren Sohn alle durchgreifenden Mittel unmöglich. Er versuchte nun durch Eifer und Beharrlichkeit das Prügelsystem zu ersetzen, das seiner Meinung nach der mächtigste Hebel des Verstandes gewesen wäre. Er theilte mit seinem Zögling allen Unterricht, den er nicht selbst geben konnte, wie deutsche Sprache, Musik, und machte sich zu seinem Repetitor in Abwesenheit der Lehrer. Er ging in der Aufopferung so weit, daß er Fechtstunde nahm, um die Ausfälle mit ihm einzuüben. Mein Vater, der zu jener Zeit von schwacher Gesundheit und etwas träge war, pflegte auf dem Fechtboden aus seiner Erschlaffung aufzuwachen, aber wenn sich Deschartres hineinmischte, der arme Deschartres, der die Gabe hatte, die interessantesten Dinge langweilig zu machen, fing das Kind wieder an zu gähnen und schlief fast stehend ein.
„Herr Abbé,“ sagte er ihm eines Tages mit kindlicher Unbefangenheit, „wird es mir mehr Vergnügen machen, wenn ich mich ernsthaft schlage?“ — „Ich glaube nicht, mein Freund,“ antwortete Deschartres, aber er irrte sich; mein Vater hatte früh kriegerische Neigungen und selbst eine Leidenschaft für den Kampf. Nie fühlte er sich so wohl, so ruhig und so sanft bewegt, als wenn er mit der Cavalerie zum Angriff eilte.
Aber dieser tapfre Mann war ein schwächliches, entsetzlich verzogenes Kind, das buchstäblich in Baumwolle aufgezogen wurde; und als er beim raschen Wachsen etwas leidend war, gestattete man ihm, sich seiner Indolenz insoweit hinzugeben, daß er den Bedienten klingelte, um ihm einen Bleistift oder eine Feder aufzunehmen. Er änderte sich gänzlich, Gott sei Dank! und als Frankreich an seine Grenzen eilte, war er immer einer der Ersten, die mit fortgerissen wurden und seine rasche Umwandlung war ein Wunder mehr unter den Tausenden.
Als die Revolution zu drohen begann, sah meine Großmutter, wie alle aufgeklärten Aristokraten ihrer Zeit, ihr Herannahen ohne Furcht. Sie war zu sehr mit Voltaire's und Rousseau's Geist genährt, um die Mißbräuche des Hofes nicht zu hassen und sie gehörte sogar zu den glühendsten Gegnern der Coterie der Königin. Unter ihren Papieren habe ich Mappen voll Verse, Madrigals und beißende Satyren gegen Maria Antoinette und ihre Günstlinge gefunden. Die vornehme Welt schrieb diese Pasquille ab und verbreitete sie. Die feinern sind von der Hand meiner Großmutter geschrieben und vielleicht sind sie ihr Machwerk, denn es gehörte zum guten Ton, einige Epigramme gegen die Skandalosa des höchsten Kreises zu schleudern und es war die geistige Opposition jener Zeit, die sich in diese ganz französischen Formen hüllte. Es waren zum Theil sehr gewagte und sehr sonderbare Dinge; über die Geburt des Dauphin, über die Verschwendungen und Galanterien der „Deutschen“ legte man dem Volke unerhörte Lieder in den Mund, die in der Sprache der Hallen verfaßt waren; man ging so weit, Mutter und Kind mit der Peitsche und dem Schandpfahl zu bedrohen. Und man glaube nicht etwa, daß diese Lieder aus dem Volke hervorgingen; sie stiegen aus dem Salon in die Straßen hinab. Ich habe Gedichte verbrannt, deren Anhalt so obscön war, daß ich nicht gewagt haben würde, sie bis zu Ende zu lesen und die, von Abbés geschrieben, die ich in meiner Jugend gekannt habe, und aus dem Kopfe vornehmer Edelleute hervorgegangen, mir keinen Zweifel über den tiefen Haß und die wahnsinnige Entrüstung der Aristokratie jener Zeit gelassen haben. Ich glaube, daß selbst, wenn das Volk sich nicht geregt hätte, die Familie Ludwig's XVI. das gleiche Schicksal gehabt haben würde, ohne zum Ruhm des Märtyrerthums zu gelangen.
Uebrigens bedaure ich sehr, daß ich mich in meinem zwanzigsten Jahre durch einen Anfall von Prüderie dazu bringen ließ, die meisten dieser Manuscripte zu verbrennen. Da sie von einem so keuschen, so erhabenen Wesen, wie meine Großmutter herrührten, verletzten sie meine Augen; und doch hätte ich mir sagen müssen, daß es historische Dokumente waren, die vielleicht einen bedeutenden Werth besaßen. Mehrere waren vielleicht einzig in ihrer Art oder doch höchst selten. Die, welche ich behalten habe, sind bekannt und schon in mehreren Werken angeführt.
Ich glaube, daß meine Großmutter eine bedeutende Verehrung für Necker und Mirabeau fühlte; aber ich verliere die Spur ihrer politischen Meinungen mit dem Augenblicke, wo die Revolution für sie selbst ein niederschmetterndes Ereigniß und ein persönliches Unglück wird.
Unter allen ihren Standesgenossen war sie vielleicht am wenigsten darauf gefaßt, von den Folgen dieser großen Katastrophe getroffen zu werden. Wie hätte sie auch ihr Bewußtsein daraus hinweisen sollen, daß sie, als Theil des Ganzen verdient haben könnte, der allgemeinen Buße mit unterworfen zu werden. So weit es sich mit ihrer Stellung vertrug, hatte sie den Glauben der allgemeinen Gleichheit angenommen. Sie hatte das Verständniß aller freisinnigen Ideen ihrer Zeit. Sie war einverstanden mit Rousseau's „Gesellschaftsvertrag“, sie haßte den Aberglauben wie Voltaire; sie konnte sich selbst für großherzige Schwärmereien erwärmen; das Wort Republik enthielt nichts Schreckliches für sie. Von Natur war sie liebevoll, hülfreich, leutselig und sie sah ihres Gleichen auch in jedem niedrigen und unglücklichen Menschen. Wenn die Revolution ohne Gewaltthaten und Irrthümer fortgeschritten wäre, würde sie ihr, ohne Bedauern und ohne Furcht, bis an's Ende gefolgt sein; denn sie war eine große Seele und hatte ihr Leben lang die Wahrheit gesucht und geliebt.
Aber um die unvermeidlichen Kämpfe, die mit solcher Ungeheuern Umwälzung verbunden sind, freudig hinzunehmen, müssen wir mehr als rein, mehr als gerecht sein; wir müssen das Reich Gottes mit Begeisterung, mit Heldenmuth, mit Fanatismus sogar anstreben. „Der Eifer für sein Haus muß uns verzehren“, wenn wir die Einwirkungen und den Anblick der schrecklichen Einzelnheiten der Krisis ertragen sollen. Jeder von uns ist fähig, sich zu einer Amputation zu entschließen, wenn es sich um die Erhaltung des Lebens handelt, aber wenige sind im Stande, unter Folterqualen zu lächeln.
In meinen Augen ist die Revolution eine der thätigen Phasen des christlichen Lebens; eines Lebens, das zu gewissen Stunden stürmisch, blutig, schrecklich, voll Convulsionen, Wahnsinn und Verzweiflung ist. Es ist der heftige Kampf der Gleichheitslehre, die Jesus verkündigt hat — der Lehre, die bald wie eine strahlende Kerze, bald wie eine glühende Fackel von Hand zu Hand geht, bis in unsre Tage; um zu streiten gegen die alte heidnische Welt, die nicht zerstört ist, und noch lange nicht zerstört sein wird, trotz der Sendung des Heilandes und anderer göttlicher Missionen — trotz so vieler Scheiterhaufen, so vieler Schaffotte und so vieler Märtyrer. Aber die Geschichte der Menschheit besteht aus so vielen unvorhergesehenen, sonderbaren, geheimnißvollen Ereignissen; die Pfade der Wahrheit verzweigen sich mit so manchem wunderbaren, unerforschten Wege; die Dunkelheit breitet sich so oft und so dicht über diese ewige Pilgerschaft aus; der Sturm zerstört so hartnäckig die Wegweiser der Straßen, von der Inschrift, die in den Sand gezeichnet ist, bis zu den Pyramiden; so mancher unheimliche Schein erschreckt die bleichen Reisenden und führt sie in die Irre, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn wir noch keine wahrhafte und bestätigte Geschichte erlangt haben und noch immer in einem Labyrinth von Zweifeln irren. Die Ereignisse von gestern sind so dunkel für uns, als die Epopöen der fabelhaften Zeiten und man beginnt erst heute durch ernste Forschungen etwas Licht in dies Chaos zu tragen.
Wie dürften wir also über diesen Schwindel erstaunen, der sich aller Geister bemächtigte, als Frankreich in die unlösbaren Wirren des Jahres 93 verfiel? Wie hätte die Leidenschaft sich dem Kampfe entziehen, wie die Unparteilichkeit die Urtheile sprechen sollen, als überall Wiedervergeltung geübt wurde, als ein Jeder, der That oder der Absicht nach, eins um's andere zum Opfer und zum Henker wurde und zwischen der erlittenen und geübten Bedrückung weder Zeit zur Ueberlegung noch zur freien Prüfung war? Die Leidenschaft des Einen wurde durch die des Andern gerichtet und das Menschengeschlecht rief, wie zur Zeit der Hussiten: „Jetzt sind die Tage der Trauer, des Eifers und der Wuth.“
Welcher Glaube wäre also erforderlich gewesen, um sich freudig zu entschließen, mit Recht oder Unrecht zum Märtyrer dieses Fortschrittsprincipes zu werden? — und mit Unrecht zum Opfer zu werden, durch einen jener Fehlgriffe, welche zur Zeit des Sturmes unvermeidlich sind, das war am schwersten zu ertragen! denn dem Glauben fehlte das nöthige Licht und die Atmosphäre des Lebens war zu sehr getrübt, als daß sich die Sonne dem Bewußtsein des Einzelnen gezeigt hätte. Und doch wurden alle Klassen der Gesellschaft durch diese revolutionäre Sonne erleuchtet bis zur Zeit der Nationalversammlung. Maria Antoinette, das bedeutendste Haupt der Contre-Revolution von 92, war in ihrem Innern und für ihren persönlichen Nutzen ebenso revolutionär, wie es heutzutage Isabella auf dem spanischen Thron ist, wie es Victoria von England sein würde, wenn sie zwischen dem Absolutismus und ihrer persönlichen Freiheit zu wählen hätte. Die Freiheit wurde von Allen gerufen, von Allen mit Leidenschaft, mit Wuth begehrt und die Könige verlangten sie ebenso gut für sich selbst, wie das Volk.
Aber dann kamen die, welche sie für Alle begehrten, und welche durch den Zusammenstoß der Leidenschaften verhindert wurden, sie irgend Einem zu geben.
Sie versuchten es — und Gott möge ihnen die Mittel verzeihen, zu deren Anwendung sie sich getrieben sahen. Wir, für die sie gearbeitet haben, besitzen nicht das Recht, sie von der Höhe unserer unfruchtbaren Unthätigkeit zu verurtheilen. [Geschrieben 1847.]
Uebrigens müssen wir bekennen, daß es in diesem blutigen Heldengedichte, in welchem jede Partei die Ehre und das Verdienst des Märtyrerthums für sich in Anspruch nimmt, auf beiden Seiten Märtyrer gegeben hat. Die Einen haben für die Vergangenheit gelitten, die Andern für die Sache der Zukunft. Noch Andere, die auf der Grenze beider Parteien standen, haben gelitten, ohne zu begreifen, aus welchem Grunde sie gezüchtigt wurden. Hätte die Reaction gesiegt, so wären sie durch die Männer der Vergangenheit verfolgt, wie sie durch die der Zukunft verfolgt wurden.
In dieser sonderbaren Lage befand sich die edle, reine Frau, deren Geschichte ich hier mittheile. Es war ihr gar nicht eingefallen zu emigriren. Sie fuhr ruhig fort, ihren Sohn zu erziehen und versenkte sich in diese heilige Aufgabe.
Sie hatte sich sogar darein ergeben, ihre Hülfsmittel durch die allgemeine Krisis verringert zu sehen und mit den Ueberresten von dem, was sie „die Trümmer ihres Vermögens“ nannte, hatte sie für etwa 300,000 Franks das Gut Nohant bei Chateauroux gekauft, weil ihre Verbindungen und Gewohnheiten sie im Berry fesselten.
Sie war gerade im Begriff, sich in diese friedliche Provinz zurückzuziehen, in welcher sich die Leidenschaften der Zeit noch nicht fühlbar machten, als sie durch ein unvorhergesehenes Ereigniß hart getroffen wurde.
Sie bewohnte damals das Haus eines Rentzahlmeisters Amonin, dessen Wohnung, wie die aller wohlhabenden Leute jener Zeit, mehrere Verstecke enthielt. Herr Amonin schlug ihr vor, hinter einem Fach des Getäfels eine Menge Silberzeug und Kleinodien zu verwahren, die theils ihr, theils ihm gehörten. Außerdem verbarg auch ein Herr von Villiers seine Adelsbriefe an demselben Orte.
Aber diese „Verstecke“, die auf geschickte Weise in der Dicke der Mauern angebracht waren, konnten den Untersuchungen nicht entgehen, welche oft von denselben Arbeitern geleitet wurden, die sie eingerichtet hatten und sie nun zuerst verriethen. Am 5. Frimaire des zweiten Jahres der Republik (26. Novbr. 1793) wurde — auf Grund eines Erlasses, der das Verbergen solcher, dem Verkehr entzogener Kostbarkeiten untersagte — bei Herrn Amonin eine Haussuchung gehalten.
[Der Inhalt dieses Decrets, dessen Zweck war, durch Schrecken das Vertrauen wiederherzustellen, ist folgender:
»Art. I. Alles Gold und Silber, es mag gemünzt oder ungemünzt sein, alle Diamanten, Kostbarkeiten, Gold- und Silbertressen, und alle wertlwollen Geräthe oder Sachen, die man in der Erde vergraben, oder in Kellern, im Innern der Mauern, unter dem Dache, unter den Fußböden, in den Kaminwänden oder Röhren oder an andern Orten versteckt gefunden hat oder finden wird, sollen zum Besten der Republik weggenommen und confiscirt werden.
Art. II. Jeder Angeber, der zur Entdeckung solcher Gegenstände führt, erhält den zwanzigsten Theil des Werthes in Assignaten.
Art. VI. Das Gold und Silber, das Silberzeug, die Schmuckgegenstände u.s.f. werden sogleich mit einem Inventarium dem Comité der Stadtinspectoren überliefert und dieses sendet alles Gold sofort an die National-Schatzkammer, und alles Silberzeug in die Münze.
Schmucksachen, Meubles und andere Gegenstände werden unter Aufsicht desselben Comités meistbittend verkauft und der Ertrag wird der National Schatzkammer überwiesen, die dem Convent Rechenschaft abzulegen hat (23. Brumaire, Jahr II d. R.).“]
Ein geschickter Tischler besichtigte die Lambris, Alles wurde entdeckt; meine Großmutter wurde eingezogen und in das Kloster des Anglais rue des Fossés St. Victor gebracht, das zum Arrestlocale eingerichtet war. [In demselben Kloster hatte sie einen Theil ihrer freiwilligen Zurückgezogenheit vor ihrer zweiten Verheirathung zugebracht.] In ihrer Wohnung wurden Siegel angelegt und diese, sowie die confiscirten Gegenstände der Obhut des Bürgers und Corporals Leblanc anvertraut. Dem jungen Moritz (meinem Vater) wurde erlaubt, in seinen Zimmern zu bleiben, die einen besondern Eingang hatten und die Deschartres mit ihm bewohnte.
Der junge Dupin, der damals kaum fünfzehn Jahre alt war, wurde durch diese Trennung wie von einem Keulenschlage getroffen; da auch sein Geist mit Voltaire und Rousseau genährt war, konnte er auf solche Vorfälle nicht vorbereitet sein. Man suchte ihm die Gefahr der Verhältnisse zu verbergen und der wackre Deschartres verschwieg seine Besorgnisse, obwohl er fühlte, daß Madame Dupin verloren wäre, wenn ihm ein Unternehmen nicht gelang, zu dem er sich ohne Zögern entschloß und das er mit ebenso viel Glück als Muth vollbrachte.
Er wußte, daß sich unter den aufgefundenen Gegenständen einige sehr verdächtigende befanden, die bei der ersten Prüfung übersehen waren. Es waren Papiere, Akten, Briefe, welche bezeugten, daß sich meine Großmutter an einer freiwilligen Anleihe zu Gunsten des emigrirten Grafen von Artois, der später als Karl X. zur Regierung kam, betheiligt hatte. Ich weiß nicht, welche Gründe oder Einflüsse sie zu dieser Handlung bestimmt hatten; vielleicht war es der Anfang einer Reaction gegen die revolutionären Ideen, mit denen sie, bis zur Einnahme der Bastille energisch Schritt gehalten hatte. Vielleicht war sie auch durch exaltirte Rathschläge, oder durch eine geheime Regung ihres Familienstolzes dazu veranlaßt. Denn, trotz des Querbalkens der Bastarde, war sie die Cousine Ludwig's XVI. und seiner Brüder und mochte glauben, diesen Prinzen ein Almosen schuldig zu sein, obwohl sie von ihnen, nach dem Tode der Kronprinzessin, im Elende gelassen war. Ich bin überzeugt, daß sie keinen andern Beweggrund hatte, und daß sie die Summe von 75,000 Livres, die in ihren Verhältnissen ein bedeutendes Opfer war, nicht wie so viele Andere, als ein Kapital betrachtete, das ihr in der Zukunft Gunst und Lohn eintragen sollte. Sie sah im Gegentheil schon in jener Zeit die Sache der Prinzen als eine verlorne an und fühlte weder für den arglistigen Charakter Monsieurs (Ludwig XVIII.), noch für das schamlose, sittenlose Leben des nachmaligen Königs Karl X. Achtung oder Zuneigung. Sie hat mir, als Napoleon fiel, von dieser jämmerlichen Familie erzählt und ich erinnere mich ihrer Aeußerungen auf das Genaueste; aber ich will den Ereignissen nicht vorgreifen und bemerke hier nur, daß es ihr nie in den Sinn kam, aus der Restauration irgend einen Vortheil zu ziehen, indem sie ihr Geld von den Bourbonen zurückverlangt — oder für einen Dienst, der sie beinahe auf's Schaffot brachte — irgend welche Entschädigung begehrt hätte.
Mochten nun die Papiere in einem besondern Verstecke, das man nicht untersucht hat, verborgen gewesen sein, oder mochten sie, mit denen des Herrn von Villiers vermischt, bei der ersten Durchsicht der Aufmerksamkeit des Commissärs entgangen sein, gewiß ist, daß sie in dem Protokoll der Haussuchung nicht verzeichnet waren und Deschartres hatte nun die Aufgabe, sie der zweiten Prüfung, die bei der Abnahme der Siegel stattfinden mußte, zu entziehen. Und Deschartres zögerte nicht, obwohl er Freiheit und Leben dabei wagte.
Doch um die Verhältnisse und die Größe dieses Entschlusses in's rechte Licht zu stellen, wird es zweckmäßig sein, daß ich das Protokoll der Haussuchung einschalte. Es trägt ein ganz besonderes Gepräge und ich werde seine Ausdrucksweise auf das Getreueste wiedergeben:
„Die vereinigten revolutionären Comités der Sectionen von Bon-Conseil und Bondy.
„Am heutigen Tage, den 5. Frimaire des II. Jahres der einen, untheilbaren Republik, wir, Jean-François Posset und François Mary, Commissarien des revolutionären Comités der Section von Bon-Conseil, haben uns nach dem revolutionären Comité der Section von Bondy begeben, um die Mitglieder der besagten Comités aufzufordern, sich mit uns in die Wohnung des Bürgers Amonin, Rentzahlmeister, wohnhaft rue Nicolas Nr.12 zu begeben; und hierauf sind die Bürger Christophe und Gérôme, Mitglieder der Section Bondy und item der Bürger Filoy mit uns gegangen und wir haben uns in genannte Wohnung begeben, wo wir hineingegangen sind, und sind in die zweite Etage hinaufgestiegen, und sind in ein Zimmer eingetreten und von da in ein Toilettezimmer, wo drei Schritte hinunterzusteigen sind, begleitet von der Bürgerin Amonin, weil ihr Mann nicht anwesend war; und wir haben sie befragt: ob nichts bei ihr verborgen wäre und sie hat erklärt nichts davon zu wissen. Und darauf ist die genannte Amonin ohnmächtig geworden und hat die Besinnung verloren. Nachher haben wir die Nachsuchungen fortgesetzt, und haben den Bürger Villiers, der sich in dem genannten Hause befand und wohnhaft ist: rue Montmartre Nr. 21, Section Brutus, aufgefordert, bei unsern Nachsuchungen Zeuge zu sein, was er gethan hat, sowie der Bürger Gondois, item aus demselben Hause. Und dann sind wir zum Oeffnen übergegangen, durch die Talente des Bürgers Tatey, wohnhaft rue du faubourg St. Martin Nr. 90, und außerdem in Gegenwart des Bürgers Froc, Portier besagten Hauses, alle anwesend bei Oeffnung des Getäfels, das zu einem Schranke führt, der Thür zur Rechten gegenüber. Und darauf haben wir eine Oeffnung gemacht, um zu sehen, was sich im besagten Getäfel befindet und sowie die Oeffnung gemacht war, immer im Beisein der Genannten, haben wir eine Menge Silberzeug, mehrere Kasten und Papiere entdeckt und darauf haben wir ein Verzeichniß davon gemacht, im Beisein der oben Genannten: 1) ein Degen mit Stahl-Verzierungen; 2) eine Stutzbüchse; 3) ein Kasten von Saffian, enthaltend Löffel, Zuckerschaufeln, Senflöffel mit Vergoldung und Wappen u. s. w. ...
Nun folgt ein Verzeichniß, in welchem alle mit Wappen verzierten Gegenstände besonders bemerkt sind, da dies, wie Jedermann weiß, zu den Hauptvergehen gehörte.
Und darauf ist der Bürger Amonin gekommen und wir haben ihm befohlen, bei uns zu bleiben, um bei der Fortsetzung des Protokolles Zeuge zu sein.
Und darauf haben wir mehrere Briefe gelesen, die an den Bürger Villiers, Beamten der National-Versammlung adressirt waren; besagter Villiers, der in Abwesenheit des Bürgers Amonin als gegenwärtig genannt wurde, hat uns erklärt, daß diese Briefe ihm gehören, sowie auch der Briefwechsel, den wir in das weiße Buch gewickelt gefunden haben, und der besagte Bürger Amonin hat uns erklärt, er wisse nicht, daß dies hier liege und hatte keine Kenntniß davon, was der Bürger Villiers bestätigt hat. Darauf haben wir den Bürger Amonin aufgefordert, uns zu erklären, seit wann das besagte Silberzeug und Schmucksachen da versteckt wären und hat erklärt: sie wären da gewesen zur Zeit, als der ehemalige König nach Varennes entfloh.
Haben ihn gefragt, ob besagtes Silberzeug und Schmuck ihm gehörten; hat geantwortet, daß ein Theil ihm gehörte und der andere Theil der Bürgerin Dupin, welche unter ihm in der ersten Etage wohnte.
Darauf haben wir die Bürgerin Dupin vorgefordert, zu dem Behufe, uns ein Verzeichniß des Silberzeugs zu geben, das sie bei dem Bürger Amonin versteckt hätte, was die Bürgerin gleich gethan hat. Und darauf sind wir zur Prüfung der Briefe und ihres Inhaltes übergegangen, immer im Beisein des Bürgers Villiers, unter welchen Briefen wir bei der Durchsicht die Abschrift von Adelsbriefen und Wappen gefunden haben, welche wir versiegelt haben mit einem Petschaft in Form eines gegitterten Herzens und einem Petschaft, welches der Uhrschlüssel eines genannten Commissärs bildet; das Ganze eingeschlagen in ein Blatt weißes Papier, damit besagte Briefe geprüft werden durch den Wohlfahrtsausschuß und durch ihn befohlen werden kann, was damit vorzunehmen. Und darauf haben wir uns aller besagten Silbersachen und Schmucksachen, wie aus dem Protokoll hervorgeht, bemächtigt, damit nach den Worten des Gesetzes geschehen kann, was zukommt, und haben geschlossen das gegenwärtige Protokoll den 6. Frimaire um zwei Uhr.“
Es geht daraus hervor, daß diese Nachsuchungen größtentheils bei Nacht und gleichsam wie ein Ueberfall vorgenommen wurden, denn dieses Protokoll ist am 5. begonnen und am 6. um zwei Uhr Morgens geschlossen. Die Commissarien beschließen darauf sogleich Herrn von Villiers festzunehmen, dessen Vergehen ihnen wahrscheinlich als das bedeutendste erschien; sie verfügen jedoch nichts über meine Großmutter und ihren Mitschuldigen, Amonin, versiegeln aber die Koffer, Kasten und Schachteln mit Schmuck und Silbersachen: „um, im Lauf des Tages der National-Versammlung übergeben zu werden und unterdessen in der Verwahrung und unter Verantwortung des Bürgers und Corporals Leblanc zu bleiben, um durch ihn auf das erste Verlangen ganz und wohlbehalten abgeliefert zu werden und er hat erklärt nicht schreiben zu können.“
Es scheint, als wären die Hausgenossen durch dies Ereigniß nur wenig beunruhigt. Sie glaubten wahrscheinlich, daß die Gefahr bereits vorüber wäre und erwarteten die confiscirten Gegenstände wiederzubekommen (aus den Randbemerkungen, mit welchen Deschartres das Protokoll versehen hat, geht hervor, daß ein großer Theil der Sachen unbeschädigt zurückgegeben wurde), außerdem war meiner Großmutter das Vergehen der„Vergrabung“ nicht bewiesen. Sie hatte die gefundenen Gegenstände Herrn Amonin geliehen oder anvertraut, und dieser hatte für nöthig erachtet, sie zu verbergen: dies war ihr Vertheidigungssystem und man glaubte damals nicht, daß die Verhältnisse eine Wendung nehmen könnten, die jede Vertheidigung unmöglich machte. So hatte man auch die Unvorsichtigkeit, jene gefährlichen Papiere, von denen ich oben gesprochen habe, in einem Möbel des zweiten Entresol zu lassen.
Am 13. Frimaire, also sieben Tage nach der ersten Haussuchung bei Amonin fand daselbst eine zweite statt und zwar dieses Mal in der Wohnung meiner Großmutter, gegen welche ein Verhaftsbefehl erlassen war. Ein neues, kürzeres und weniger blumenreiches Protokoll wurde aufgenommen.
„Am 3. Frimaire des II. Jahres der einen, untheilbaren französischen Republik, wir, Mitglieder des Ueberwachungs-Comités der Section Bondy, kraft des Gesetzes und eines Beschlusses des genannten Comités, datirt vom 11. Frimaire und befehlend, daß bei Maria Aurora, verwittwete Dupin versiegelt werden und die genannte Bürgerin in Haft gebracht werden soll. Zu diesem Ende haben wir uns in ihre Wohnung, rue St. Nicolas 12 begeben; sind in die erste Etage gegangen in die Thüre zur Linken. Dort angekommen haben wir der Genannten unsern Auftrag mitgetheilt und haben an die Fenster und Thüre besagter Wohnung die Siegel gelegt, wie auch an die Thüre, welche nach der Treppe führt, zehn an der Zahl; welche Siegel wir unter Aufsicht des Karl Froc, Portier des genannten Hauses, gelassen haben, der sie nach geschehener Vorlesung besichtigt und erkannt hat.“
„Und darauf haben wir uns in die gegenüberliegende Thüre auf genanntem Flur begeben, welche bewohnt wird durch den Bürger Moritz Franz Dupin, Sohn der genannten Wittwe und durch den Bürger und Lehrer Deschartres. Nach geschehener Prüfung der Papiere genannter Bürger haben wir nichts gefunden, was den Interessen der Republik zuwider wäre, u.s.w.“
Meine Großmutter war nun also gefangen und Deschartres war mit ihrer Rettung beauftragt; denn im Begriff in's Kloster abgeführt zu werden, hatte sie einen Augenblick gefunden, ihm zu sagen: wo sich die verderblichen Papiere befänden, deren Vernichtung sie versäumt hatte. Sie besaß außerdem eine Unmasse von Briefen, welche ihren Verkehr mit Emigranten bezeugten; ein Verkehr, der gewiß sehr unschuldig war, der ihr aber als Staatsverbrechen und Verrath der Republik angerechnet werden konnte.
In dem letzten Protokolle, das ich angeführt habe — und Gott mag wissen, mit welcher Verachtung und welchem Puristen-Zorne Deschartres diese Akten betrachtete, die in so schlechter Sprache verfaßt waren — in diesem Protokoll, dessen zahlreiche Fehler ihm Gänsehaut verursachten, ist nichts von einem kleinen Entresol gesagt, der sich über der ersten Etage befand und zu der Wohnung meiner Großmutter gehörte. Man erreichte denselben durch eine geheime Treppe, die sich in einem Ankleidezimmer befand.
Aus diesem Entresol, dessen Fenster und Thüren versiegelt waren, mußten die Papiere geholt werden. Um dahin zu gelangen, mußte man also drei Siegel lösen: das erste an der Thüre des ersten Stocks, die auf die Haupttreppe führte; das zweite an der Thüre des Ankleidezimmers, durch welche man die geheime Treppe erreichte, und das,dritte oben, am Eingang zum Entresol. Die Loge des Bürger Portiers, der ein wüthender Republikaner war, lag gerade unter den Zimmern meiner Großmutter; und der Corporal Leblanc, der unbestechliche Bürger, dem die Bewachung der Siegel im zweiten Stocke anvertraut war, schlief auf einem Feldbette neben Herrn Amonin's Zimmer, das heißt gerade über dem Entresol. Er war bis an die Zähne bewaffnet und hatte Befehl auf einen Jeden zu feuern, der es wagen würde, sich in die eine oder andere Wohnung einzuschleichen. Und der Bürger Froc, der trotz seines Portierberufes einen sehr leisen Schlaf hatte, brauchte nur an der Schnur einer Klingel zu ziehen, die sich unter den Fenstern des Corporals befand, um diesen bei dem geringsten Alarm herbeizurufen.
Für einen Menschen, der sich in der Kunst Thüren zu öffnen und lautlos einherzuschleichen, nicht die hohe Fertigkeit erworben hat, welche sich die Herrn Diebe durch lange Studien verschaffen, war das Unternehmen ein tollkühnes zu nennen. Aber der wahre Opfermuth schafft Wunder! Deschartres versah sich mit allem Nöthigen und wartete, bis alle Hausgenossen zur Ruhe gegangen waren. Erst um zwei Uhr ist Alles still. Deschartres steht auf, kleidet sich geräuschlos an und füllt seine Taschen mit den Instrumenten, deren er bedarf und die er sich nicht ohne Gefahr verschafft hat. Er löst das erste Siegel, dann das zweite, endlich das dritte; er hat den Entresol erreicht und nun handelt es sich darum, ein Pult von eingelegter Arbeit, das meine Großmutter als Schatulle benutzte, zu erbrechen, und neunundzwanzig Mappen voll Papiere durchzusehen, da meine Großmutter nicht zu bezeichnen wußte, in welcher Mappe die verdächtigenden Briefe wären.
Deschartres läßt sich nicht entmuthigen; er beginnt zu prüfen, auszusuchen und zu verbrennen. Es schlägt drei Uhr und noch regt sich nichts ... aber doch! — die Dielen im Salon der ersten Etage knarren unter leichten Schritten. Vielleicht ist es Nérina, die Lieblingshündin der Gefangenen, die neben Deschartres' Bette schläft und ihm gefolgt sein kann. Er hat nämlich auf alle Gefahr hin die Thüren hinter sich offen lassen müssen, denn der Portier besitzt die Schlüssel und Deschartres hat mit Hülfe eines Dietrichs geöffnet.
Wenn man so aufmerksam horcht, daß das Herz laut schlägt und das Blut in den Ohren braust, kommt ein Augenblick, wo alles Hören vergeht. Der arme Deschartres stand unbeweglich, versteinert da — denn wenn ihn der Alp nicht drückt, so kommt es die Treppe herauf und das ist nicht Nérina, das sind menschliche Schritte. Und es kommt vorsichtig naher ... Deschartres hatte sich mit einer Pistole bewaffnet, er spannt den Hahn und nähert sich der Treppenthüre ... aber er läßt den erhobenen Arm wieder sinken, denn es ist Moritz, sein geliebter Schüler, der ihm gefolgt ist.
Der Knabe hat den Plan, der ihm verborgen bleiben sollte, errathen, erspäht; und kommt, um zu helfen. Deschartres, erschreckt, ihn diese fürchterliche Gefahr theilen zu sehen, will sprechen, ihn zurückweisen, aber Moritz legt ihm die Hand auf den Mund. Deschartres begreift, daß ein Laut, ein Wort sie beide verderben kann — und überdies beweist ihm die Haltung des Knaben, daß er nicht weichen wird.
So begeben sich denn beide im tiefsten Schweigen an die Arbeit; mit der Durchsicht der Papiere wird so schnell als möglich fortgefahren und das Schädliche wird verbrannt; aber wie... es schlägt vier Uhr ... das Schließen der Thüren und Wiederherstellen der Siegel erfordert wenigstens eine Stunde die Hälfte der Arbeit ist kaum vollendet und um fünf Uhr ist der Bürger Leblanc unfehlbar erwacht.
Da hilft kein Zaudern; durch Zeichen giebt Moritz seinem Freunde zu verstehen, daß sie die folgende Nacht zurückkehren müssen. Ueberdies beginnt die unglückliche Nérina, die er in seinem Zimmer eingesperrt hat, zu jammern und zu heulen, weil sie sich allein sieht. Man schließt also Alles, läßt im Innern die zerrissenen Siegel, und begnügt sich damit, das der Eingangsthüre an der großen Treppe wiederherzustellen. Mein Vater hält das Licht und reicht das Siegellack, und Deschartres, der sich einen Abdruck der Siegel verschafft hat, löst seine Aufgabe mit der Eile und Gewandtheit eines Mannes. der die schwierigsten chirurgischen Operationen vollbracht hat. Dann kehren sie in ihre Gemächer zurück und legen sich wieder nieder. Sie können nun zwar ruhig sein über sich selbst, aber der Erfolg ihres Unternehmens ist noch immer nicht gesichert; denn man kann im Laufe des Tages kommen, um die Siegel abzunehmen, in den Zimmern ist Alles in Verwirrung geblieben und die gefährlichsten Papiere haben noch nicht entdeckt und vernichtet werden können.
Glücklicherweise ging der entsetzliche, erwartungsvolle Tag ohne Katastrophe vorüber. Mein Vater trug Nérina zu einem Freunde, Deschartres kaufte ein Paar Eggenschuhe für seinen Zögling, ölte die Thüren ihrer Wohnung, ordnete seine Instrumente und versuchte nicht des Knaben heldenmüthigen Entschluß wankend zu machen. „Ich wußte,“ sagte Deschartres, als er mir diese Geschichte fünfundzwanzig Jahre später erzählte, „ich wußte wohl, daß mir Madame Dupin im Fall des Mißlingens nie vergeben haben würde, ihren Sohn in solche Gefahr gestürzt zu haben; aber hatte ich das Recht einen guten Sohn zu hindern, wenn er sein Leben für die Mutter aufs Spiel setzen wollte? Das wäre jedem gesunden Erziehungsgrundsatze zuwider gewesen — und Erzieher war ich doch vor allen Dingen.“
In der folgenden Nacht hatten sie mehr Zeit zu ihren Arbeiten, die Wächter gingen früher zu Bett, so daß sie eine Stunde eher beginnen konnten. Die Papiere wurden gefunden und verbrannt, die Asche wurde in eine Schachtel gethan und mitgenommen, um im Laufe des Tages gänzlich fortgeschafft zu werden. Nachdem alle Mappen durchgesehen und gesichtet waren, wurden noch einige Schmucksachen und Petschafte mit Wappen zerbrochen, sie rissen sogar von den Umschlägen der Prachtbände die Wappen ab. Endlich, nachdem ihre Aufgabe vollendet war, wurden die Siegel wieder angelegt: die Abdrücke vortrefflich hergestellt; die Papierstreifen schienen unverletzt, die Thüren wurden ohne Geräusch geschlossen; nachdem die beiden Gefährten ihre edle That mit dem Geheimniß und den angstvollen Schauern vollführt hatten, welche die Ausübung des Verbrechens begleiten, konnten sie sich noch zur rechten Stunde in ihre Gemächer zurückziehen. Und hier fielen sie sich in die Arme und weinten zusammen ohne zu sprechen, denn sie hofften meine Großmutter gerettet zu haben. Aber noch lange mußten sie in qualvoller Sorge leben; ihre Haft verlängerte sich bis nach der Katastrophe des 9. Thermidor und bis zu jener Zeit wurden die revolutionären Gerichte täglich argwöhnischer und schrecklicher.
Am 16. Nivose, das heißt etwa einen Monat später wurde meine Großmutter aus dem Gefängniß in ihre Wohnung geführt; Bürger Philidor, der Commissär, der sie bewachte, war ein sehr humaner Mann, der sich mehr und mehr zu ihren Gunsten gestimmt fühlte. Das Protokoll, das unter seinen Augen aufgenommen und von ihm unterzeichnet ist, bestätigt, daß die Siegel unverletzt gefunden wurden; und da der Bürger-Portier keinesfalls Nachsicht geübt haben würde, muß angenommen werden, daß keine Spur das Eindringen verrieth.
Im Vorübergehen will ich bemerken, was ich nicht vergessen möchte, daß der brave Deschartres mir diese Geschichte nie erzählte, als wenn ich mit Fragen auf ihn eindrang; und auch dann erzählte er sie schlecht und die Einzelheiten habe ich nur durch meine Großmutter erfahren. Dennoch habe ich nie einen Erzähler gekannt, der weitschweifiger, peinlicher, pedantischer, eitler auf sein Thun in den größten Kleinigkeiten und mehr geneigt gewesen wäre, sich selbst reden zu hören, als dieser gute Mann. Er ermangelte nie, Abends eine Reihenfolge von Anekdoten und merkwürdigen Ereignissen aus seinem Leben zu erzählen, die ich nachgerade so gut kannte, daß ich ihn zurecht wies, wenn er sich nur um ein Wort irrte. Er gehörte zu denen, die nicht wissen, was sie groß macht, und wenn es darauf ankam, das Heldenmüthige seines Charakters zu beweisen, war dieser Mann, der in kleinlichen Dingen die lächerlichsten Ansprüche machte, naiv wie ein Kind und demüthig wie ein echter Christ.
Meine Großmutter hatte das Gefängniß nur verlassen, um dem Abnehmen der Siegel und der Prüfung ihrer Papiere beizuwohnen. Obwohl diese Haussuchung neun Stunden lang dauerte, fand sich natürlich nichts, was den Interessen der Republik zuwider gewesen wäre, und da sie diese Zeit mit ihrem Sohne Zusammensein konnte, war es für meine Großmutter ein glücklicher Tag. Die Zärtlichkeit der beiden rührte die Commissarien sehr, besonders den Bürger Philidor, der, wenn ich nicht irre, ein ehemaliger Perrückenmacher, ein eifriger Patriot und jedenfalls ein sehr rechtlicher Mann war. Er faßte eine besondere Vorliebe für meinen Vater, und that alles Mögliche, um das Urtheil meiner Großmutter zu beschleunigen, weil er hoffte, daß sie freigesprochen werden sollte; seine Bemühungen wurden jedoch erst zur Zeit der Reaction mit Erfolg gekrönt.
Am Abend des 16. Nivose führte Philidor seine Gefangene ins Kloster des Anglaises zurück und sie blieb daselbst bis zum 4. Fructidor (22. August 1794). Eine Zeit lang durfte mein Vater seine Mutter täglich einige Augenblicke im Sprechzimmer sehen. Er pflegte diesen glückseligen Moment im Kreuzgange in einer eisigen Kälte zu erwarten — und Gott sei geklagt, wie kalt es in diesem Kreuzgange ist, den auch ich drei Jahre lang in allen Richtungen durchschritten habe, denn ich bin in demselben Kloster erzogen. Mein Vater mußte oft stundenlang warten, weil besonders in der ersten Zeit die Sprechstunden täglich geändert wurden, entweder nach Belieben der Wächter oder auf Befehl der revolutionären Regierung, die einen zu häufigen und zu leichten Verkehr der Gefangenen mit ihren Angehörigen fürchten mochte. Zu andern Zeiten würde sich der zarte, schwächliche Knabe eine Brustentzündung zugezogen haben, aber heftige Gemüthsbewegungen schaffen uns eine andere Gesundheit, eine andere Organisation — er bekam nicht einmal den Schnupfen, und verlernte rasch sich immer zu beachten, und seiner Mutter, wie er sonst gethan hatte, das geringste kleine Leiden, die geringste Widerwärtigkeit zu klagen. Er wurde plötzlich zu dem, was er hinfort bleiben sollte und das verzogene Kind verschwand, um sich nie wieder zu zeigen. Wenn er seine arme Mutter bleich und erschreckt an das Gitter treten sah, weil er so lange auf sie gewartet hatte; wenn er bemerkte, daß sie im Begriff war in Thränen auszubrechen, so oft sie seine kalten Hände berührte; und wenn sie ihn bat, lieber nicht mehr zu kommen, als sich diesen Leiden auszusetzen, schämte er sich der Weichlichkeit, in die er sich hatte einwiegen lassen; er machte sich zum Vorwurf, die Entwicklung dieser übermäßigen Sorgfalt gefördert zu haben — und da er nun aus Erfahrung wußte, was es heißt für seine Lieben zu zittern und zu bangen, leugnete er das lange Warten, versicherte die Kälte nicht zu empfinden und brachte es endlich durch die Kraft seines Willens so weit, daß ihn der Frost in Wahrheit nicht mehr quälte.
Seine Studien waren natürlich unterbrochen; von Musik-, Tanz- und Fecht-Stunde war nicht mehr die Rede. Der gute Deschartres sogar, der so sehr zu unterrichten liebte, hatte jetzt ebensowenig Sinn für die Stunden, als der Schüler. Aber die Erziehung der Verhältnisse ersetzte die frühere vollkommen und diese ganze Zeit war für den Knaben nicht verloren, denn sie entwickelte das Gemüth und das Bewußtsein des Mannes.
Viertes Kapitel.
Sophie Victoria Antoinette Delaborde, — Mutter Cisquart und ihre Nichte im Stadthause. — Ueber das Jünglingsalter. — Außer der officiellen giebt es noch eine innere Geschichte der Nationen. — Sammlung von Briefen in der Schreckenszeit.
Ich verlasse für wenige Augenblicke die Geschichte meiner väterlichen Geschlechtslinie, um eine neue Persönlichkeit einzuführen, die ein seltsamer Zufall zu derselben Zeit in dasselbe Gefängniß brachte.
Ich habe von Anton Delaborde gesprochen, dem Ballspielhausaufseher und Meister Vogelhändler, d. h. von meinem Großvater mütterlicher Seits, der Vögel verkaufte, nachdem er ein Billard gehalten hatte. Wenn ich weiter nichts von ihm sage, so ist es, weil ich weiter nichts von ihm weiß. Meine Mutter sprach fast nie von ihren Eltern, denn sie hatte dieselben wenig gekannt und schon verloren, als sie noch ein Kind war. Wer ihr Großvater gewesen ist, wußte sie ebensowenig, als ich es weiß und auch ihre Großmutter kannte sie nicht. In diesem Punkte können die Geschlechtsregister der Plebejer nicht gegen die der Reichen und Mächtigen Stand halten. Hätten sie auch die besten oder die verworfensten Geschöpfe hervorgebracht — sie würden Straflosigkeit für die einen, Undank für die andern haben. Der Arme stirbt vollständig — die Verachtung des Reichen verschließt sein Grab und geht darüber hin ohne selbst zu wissen, daß es Menschenstaub ist, den ihr Fuß niedertritt.
Meine Mutter und meine Tante haben mir von einer Großmutter mütterlicher Seite erzählt, die sie erzog und gut und fromm war. Ich glaube nicht, daß die Revolution diese Familie zu Grunde richtete — sie hatte nichts zu verlieren und litt nur, wie das ganze Volk, durch die Theuerung der Lebensmittel; aber die Großmutter war, Gott weiß warum, Royalistin und erzog ihre beiden Enkelinnen im Abscheu vor der Revolution, von der sie nicht das Geringste verstanden. — Eines schönen Morgens holte man die älteste, welche fünfzehn bis sechszehn Jahr alt war und Sophie Victorie, ja selbst Antoinette (wie die Königin von Frankreich) hieß, um sie ganz weiß zu kleiden, zu pudern, mit Rosen zu schmücken und nach dem Stadthause zu führen. Sie wußte nicht, was das Alles bedeuten solle, aber die angesehensten Plebejer des Viertels, die eben von der Bastille und von Versailles zurückgekehrt waren, sagten ihr: „Kleine Bürgerin, Du bist das hübscheste Mädchen dieses Bezirkes, man wird Dich putzen; der Bürger Collot d'Herbois, welcher Schauspieler am Theater français ist, wird Dich einen Glückwunsch in Versen mit den nöthigen Gestikulationen lehren und hier ist ein Blumenkranz. Wir werden Dich nach dem Stadthause führen, dort sollst Du die Blumen überreichen und den Bürgern Bailly und Lafayette Deinen Glückwunsch hersagen und Du wirst Dich um das Vaterland verdient gemacht haben.“
Victorie spielte ihre Rolle mit großer Lebhaftigkeit; sie war von einer Menge hübscher, junger Mädchen umgeben, die jedoch nicht so viel Anmuth besaßen, wie sie, und den Helden des Tages nichts zu sagen oder zu überreichen hatten und nur zur Augenweide dienen sollten.
Mutter Cloquart, die Großmutter Victoriens — folgte ihrer Enkelin mit Lucie der jüngern Schwester und beide waren sehr glücklich und sehr stolz, als sie, sich durch die ungeheuere Menschenmenge drängend, endlich den Eingang des Stadthauses erreichten und sahen, mit welcher Grazie die Perle des Bezirkes ihren Glückwunsch vortrug und den Blumenkranz überreichte. Herr von Lafayette war gerührt — er nahm den Kranz und legte ihn mit den Worten: „Diese Blumen, liebenswürdiges Kind, passen besser zu Deinem Gesicht als zu dem meinigen,“ sanft und väterlich auf das Haupt Victoria's. — Man applaudirte und setzte sich zu einem Gastmahl, das zu Ehren Lafayette's und Bailly's veranstaltet war — endlich begann man um die Tische zu tanzen und zog auch die jungen Mädchen mit in den Kreis; die Menge wurde so dicht und lärmend, daß die gute Mutter Cloquart und die kleine Lucie die triumphirende Victorie aus den Augen verloren und nicht hoffen konnten, sie wieder zu finden — sie fürchteten erdrückt zu werden und gingen hinaus auf den Platz, um sie dort zu erwarten; aber auch von da verjagte sie die Menge. Das Geschrei des Enthusiasmus flößte ihnen Furcht ein; Mutter Cloquart, die nicht besonders muthig war, glaubte, Paris stürze über ihr zusammen und lief, weinend und schreiend, daß Victoria in diesem riesigen Rundtanze erdrückt und umgebracht werden würde, mit Lucie davon.
Erst gegen Abend kehrte Victoria in ihre ärmliche, kleine Wohnung zurück — sie wurde von einer Anzahl Patrioten beider Geschlechter begleitet, die sie so gut beschützt und mit so viel Ehrerbietung behandelt hatten, daß nicht einmal ihr weißes Kleid zerdrückt war.
An welches politische Ereigniß sich dieses, im Stadthause gegebene Fest knüpft, weiß ich nicht — weder meine Mutter noch meine Tante haben es mir sagen können; gewiß wußten sie es ebensowenig, als sie eine Rolle dabei spielten. Wie ich vermuthe, war es, als Lafayette der Commune anzeigte, daß der König sich entschlossen habe, in seine gute Stadt Paris zurückzukehren.
Wahrscheinlich fanden zu jener Zeit die kleinen Bürgerinnen Delaborde die Revolution sehr ergötzlich — aber später sahen sie einen schönen Kopf mit prächtigem blonden Haar auf einer Pike vorübertragen; es war der Kopf der unglücklichen Prinzessin Lamballe, und dieser Anblick machte einen so entsetzlichen Eindruck auf sie, daß ihr Urtheil über die Revolution immer durch diese grauenvolle Erscheinung bestimmt wurde.
Sie waren zu jener Zeit so arm, daß Lucie sich mit Handarbeiten beschäftigte, und Victorie die Stelle einer Statistin an einem kleinen Theater versah. Meine Tante hat das Letztere seitdem abgeleugnet, und da sie die Offenheit selbst war, so that sie es sicher in voller Ueberzeugung. Es ist möglich, daß sie es nicht wußte, denn in dem Sturme, der die Schwestern forttrieb, wie zwei arme, kleine Blätter, die sich hierhin und dorthin wenden, ohne zu wissen, wo sie sind — in diesem Gewirr von Unglück, Schrecken und unverstandenen Gemüthsbewegungen, die so stark waren, daß sie meiner Mutter zuweilen das Gedächtniß gänzlich raubten, ist es wohl möglich, daß sich die Schwestern für einige Zeit aus den Augen verloren. Es ist endlich möglich, daß Victorie, aus Furcht vor den Vorwürfen der frommen Großmutter und dem Schrecken der vorsichtigen und fleißigen Schwester, nicht zu gestehen wagte, zu welchen Hülfsmitteln das Elend und die Unvorsichtigkeit ihres Alters sie hatte greifen lassen. Aber die Thatsache ist gewiß, denn Victorie, meine Mutter, hat sie mir mitgetheilt, und zwar unter Umständen, die ich nie vergessen kann. Ich werde das seiner Zeit erzählen, aber ich muß den Leser bitten, kein Urtheil zu fällen, bis ich mit meiner Geschichte zu Ende bin.
Ich weiß nicht, an welchem Orte es meiner Mutter während der Schreckenszeit einfiel, ein gegen die Republik gerichtetes Lied zu singen. Am andern Tage hielt man Haussuchung bei ihr und fand das Lied, welches sie von einem gewissen Abbé Borel bekommen hatte, als Manuskript. Es war wirklich aufrührerischen Inhalts, aber meine Mutter hatte nur eine Strophe, die unschuldigste, davon gesungen. Sie wurde sogleich arretirt und — Gott mag wissen warum — auch ihre Schwester Lucie. Man brachte sie zuerst nach dem Gefängnisse der Bourbe, später in ein anderes und endlich nach dem Kloster des Anglaises, wo sich wahrscheinlich zu derselben Zeit meine Großmutter befand.
Man gab den zwei armen Kindern des Volkes dort eben so gut einen Platz, wie den vornehmsten Damen des Hofes und der Stadt. Auch Fräulein Comtat befand sich dort und war mit der Vorsteherin des Klosters, Madame Canning, innig befreundet. Die berühmte Schauspielerin hatte Anwandlungen einer tiefen und schwärmerischen Frömmigkeit und begegnete Madame Canning niemals im Kreuzgange, ohne sich vor ihr auf die Knie zu werfen und um ihren Segen zu bitten. Die gute Nonne, die viel Geist und Lebensklugheit besaß, sprach ihr Trost zu, stärkte sie gegen die Schrecken des Todes, führte sie in ihre Zelle und ermahnte sie, ohne sie einzuschüchtern, denn sie fand in ihr eine reine, schöne Seele, an der ihr nichts ein Aergerniß gab. Als ich im Kloster war, hörte ich, wie sie selbst es meiner Großmutter erzählte, wenn sie im Sprechzimmer die Erinnerungen an jene seltsamen Zeiten an sich vorüber gehen ließen.
Es ist nicht zu verwundern, daß Maria Aurora von Sachsen und Victorie Delaborde sich zwischen einer großen Menge von Gefangenen nicht bemerkten, die sich durch den Abgang [Abgang bedeutete damals, zur Guillotine geführt werden.] des Einen und die Arrestation Anderer oft erneuerte. Sie erinnerten sich in der That nicht, einander in dieser Zeit gesehen zu haben. Aber man gestatte mir hier einen flüchtigen Romanentwurf: Ich nehme an, daß Moritz, erstarrt vor Kälte im Kreuzgange spazieren ging, wo er, in Erwartung der Stunde, die ihn zu seiner Mutter bringen sollte, die Füße durch Stampfen zu erwärmen suchte; ich nehme ferner an, daß auch Victorie durch den Kreuzgang eilte und das schöne Kind erblickte. Hätte man nun zu ihr, die damals schon neunzehn Jahr alt war, gesagt: daß dies der Sohn des Marschall von Sachsen wäre, so würde sie geantwortet haben: „Es ist ein hübscher Knabe, aber den Marschall von Sachsen kenne ich nicht.“ Und setze ich endlich voraus, daß man auch zu Moritz gesagt hätte: „sieh, dies arme, hübsche Mädchen, das nie von Deinem Großvater gehört hat, und dessen Vater Vögel in Käfigen verkauft, ist Deine künftige Frau“ — so weiß ich nicht, was er darauf erwidert hätte — aber da wäre der Roman schon angelegt.
Uebrigens darf man nicht daran glauben. Es ist möglich, daß sie sich in diesem Kloster nie begegneten — und es ist wiederum nicht unmöglich, daß sie sich gesehen und im Vorübergehen gegrüßt haben, wäre es auch nur ein einziges Mal. Das junge Mädchen würde den jungen Schüler nicht besonders beachtet haben. Und wenn der junge Mann das Mädchen bemerkte, obwohl er durch eigne Sorgen ganz in Anspruch genommen war, hatte er sie doch einen Augenblick nachher schon wieder vergessen. Gewiß ist, daß weder der Eine noch der Andere sich einer solchen Begegnung erinnerte, als sie sich mehrere Jahre später, während eines andern Sturmes, in Italien kennen lernten.
Die Geschichte meiner Mutter geht mir nun vollständig verloren, wie sie ihr selbst aus der Erinnerung entschwunden war. Sie wußte nur, daß sie das Gefängniß ebenso verlassen, als betreten hatte, d. h. ohne zu wissen wie und warum. Da die Großmutter Cloquart über ein Jahr nichts von ihren Enkelinnen gehört hatte, hielt sie dieselben für todt. Sie war sehr schwach geworden, als die Mädchen endlich wieder zu ihr kamen, denn statt sich in ihre Arme zu werfen, fürchtete sie sich, und hielt sie für zwei Gespenster.
Ich werde ihre Geschichte wieder aufnehmen, so oft es mir gelingt, ihre Spur zu finden. Jetzt kehre ich zu der meines Vaters zurück, die ich, Dank seinen Briefen, nur selten aus den Augen verliere.
Die kurzen Zusammenkünfte, welche der Mutter und dem Sohne Trost gewährten, wurden plötzlich unterbrochen. Die revolutionäre Regierung ergriff strenge Maßregeln gegen die nahen Verwandten der Gefangenen, indem sie dieselben aus dem Weichbilde von Paris verbannte, und ihnen bis auf Weiteres untersagte, dasselbe zu betreten. Mein Vater ging darauf mit Deschartres nach Passy, wo er mehrere Monate zubrachte.
Diese zweite Trennung war schmerzlicher als die erste, weil sie eine vollständige war und die wenigen Hoffnungen zerstörte, die man sich bis dahin erhalten hatte. Meiner Großmutter war das Herz zerrissen, aber es gelang ihr, die Angst zu verbergen, die sie bei dem Gedanken empfand, daß sie ihren Sohn vielleicht zum letzten Mal umarmte.
Mein Vater hatte zwar nicht so düstre Ahnungen, aber er war ganz niedergedrückt. So lange er seine Mutter nicht verlassen hatte, war ihm der Schmerz etwas Fremdes, Unbekanntes. Er war schön, wie eine Blume, keusch und sanft wie ein Mädchen, und mit sechszehn Jahren war seine Gesundheit noch zart und seine Seele rein. In diesem Alter ist ein Knabe, der durch eine zärtliche Mutter erzogen wurde, ein ganz eigenthümliches Wesen; er gehört so zu sagen zu keinem Geschlechte, seine Gedanken sind rein, wie die eines Engels; die kindische Koketterie, die unruhige Neugier und die mißtrauische Eigenliebe, die so oft die erste Entwickelung des Weibes trüben, sind ihm fremd, und er liebt seine Mutter, wie eine Tochter sie nicht liebt und nie lieben kann. Indem er sich in das Glück versenkt, ihre ungetheilte Liebe zu besitzen und auf das Zärtlichste gehätschelt zu werden, wird die Mutter für ihn zum Gegenstande einer Art Anbetung. Es ist Liebe, ohne die Stürme und Fehler, zu welchen ihn später die Liebe zu einem andern Weibe führen wird. Es ist die ideale Liebe, der im Leben des Mannes nur ein Augenblick gehört; kurz zuvor giebt er sich auch keine Rechenschaft von seinem Gefühl und lebt in der Befangenheit eines sanften Instinktes, und gleich nachher wird diese Liebe durch andere Leidenschaften gestört und zerstreut oder durch den siegenden Reiz der Geliebten bekämpft. Dann wird sich seinen verblendeten Augen eine Welt neuer Gefühle erschließen; aber wenn er fähig ist, dies neue Götzenbild warm und edel zu lieben, so hat er die heilige Lehre der wahren Liebe von seiner Mutter empfangen.
Aber es scheint mir, als hätten Dichter und Romanschreiber die Fundgrube von Beobachtungen und die Quelle von Poesie nicht erkannt, welche dieser einzige kurze Augenblick im Leben des Mannes bietet. Es ist freilich wahr, daß es in unserer heutigen traurigen Welt keinen Jüngling giebt, es müßte denn ein ausnahmsweise erzogenes Wesen sein. Aber gewöhnlich erblicken wir nur einen unreinlichen, linkischen Schüler, den ein gemeines Laster befleckt, das die erste Reinheit in ihm zerstörte. Oder ist der Knabe dieser Pest der Schulen wie durch ein Wunder entgangen, so hat er doch unmöglich die Keuschheit der Einbildungskraft und die heilige Unschuld seines Alters bewahrt. Ueberdies nährt er einen versteckten Haß gegen die Kameraden, die ihn verführen wollen, wie gegen die Aufseher, die ihn unterdrücken. Er ist häßlich, selbst wenn ihn die Natur schön gebildet hat; er trägt eine widerwärtige Kleidung, hat ein blödes Wesen und schaut Niemand offen in's Gesicht. Im Geheimen verschlingt er die schlechtesten Bücher, aber er fürchtet den Anblick der Frauen und die Liebkosungen seiner Mutter verursachen ihm ein Gefühl der Scham, als ob er sich ihrer Zärtlichkeit unwürdig fühlte. Die schönsten Sprachen der Welt, die herrlichsten Dichtungen des Menschengeschlechts sind für ihn nur Gegenstände der Ermüdung, des Widerstrebens und des Ekels. Da ihm die beste Geistesnahrung auf rohe, sinnlose Art gereicht wird, verdirbt sein Geschmack und wendet sich dem Schlechten zu — und er wird jahrelanger Anstrengung bedürfen, um die Folgen dieser abscheulichen Erziehung zu vertilgen, um die eigne Sprache zu lernen, indem er die lateinische studirt, die er schlecht versteht, und die griechische, von der er gar nichts weiß; um seinen Geschmack zu bilden: um eine klare Ansicht der Geschichte zu gewinnen; um das häßliche Siegel zu verwischen, das eine traurige Kindheit und die Verdummung der Knechtschaft auf seine Stirn gedrückt haben; um endlich wieder frei umherzuschauen und den Kopf wieder hoch zu tragen. Und dann erst wird er seine Mutter lieben — aber schon bemächtigen sich die Leidenschaften seiner Seele und er hat nie die engelhafte Zärtlichkeit gekannt, die ich zu schildern versuchte, und die für die Seele des Mannes wie ein Ruhepunkt ist, wie eine entzückende Oase zwischen der Kindheit und dem männlichen Alter.
Uebrigens soll dies kein Ausspruch gegen die öffentliche Erziehung sein; dem Princip nach erkenne ich alle Vorteile des gemeinschaftlichen Unterrichts, sehe ich aber, wie dieser in Wirklichkeit geleitet wird, so muß ich sagen, daß jede andere Erziehungsweise besser ist — selbst das Verziehen im Hause.
Es kommt hier aber auch gar nicht darauf an, aus dem einzelnen Falle einen Schluß zu ziehen. Eine Erziehung, wie sie mein Vater erhielt, kann niemals als Vorbild dienen, denn sie war zu gleicher Zeit zu schön und zu mangelhaft. Zweimal wurde sie unterbrochen, das erste Mal durch die krankhafte Schwäche meines Vaters; dann durch die Schrecken der Revolution, und ihre Vervollständigung verhinderten die Unsicherheit und Zusammenhanglosigkeit des damaligen Lebens. Aus dieser Erziehung ging jedoch ein Mann von einer unvergleichlichen Reinheit, Tapferkeit und Güte hervor. Sein Leben war ein Roman voll Kampf und Liebe; es wurde im dreißigsten Jahre durch ein unvorhergesehenes Ereigniß geendet, und durch diesen frühen Tod ist seinem Bilde in der Erinnerung Aller, die ihn gekannt haben, die Jugend erhalten. Ein junger Mann mit heldenmüthigem Sinne, dessen ganzes Leben von einer der thatenreichsten Geschichtsepochen umrahmt wird, ist jedenfalls eine interessante Gestalt — und welch einen herrlichen Vorwurf zu einem Romane würde mir sein Leben geben, wären nicht die Hauptpersonen mein Vater, meine Mutter und meine Großmutter. Aber obgleich es meiner Meinung nach nichts Ernsteres giebt, als einen Roman, den wir aus Liebe und Andacht schreiben, so dürfen wir doch weder die Wesen, die wir lieben, noch die, welche wir hassen, darin einführen. Ich werde viel darüber zu sagen haben, und ich hoffe, daß ich Allen, die mich beschuldigen, sie in meinen Büchern geschildert zu haben, eine offne Antwort geben kann. Hier ist jedoch nicht die Zeit dazu, und ich beschränke mich darauf, die Versicherung zu geben, daß ich nicht gewagt haben würde das Leben meines Vaters zum Gegenstande einer Dichtung zu machen. Das Warum wird man später verstehen.
Ich glaube übrigens nicht, daß dies Leben im Gewande einer kunstgerechten Form interessanter gewesen wäre. Erzählt wie es war, ist es von größerer Bedeutung, und stellt in einigen sehr einfachen Zügen die sittliche Geschichte der Gesellschaft dar, in welcher es sich bewegte.
Fünftes Kapitel.
Nach der Schreckenszeit. — Ende der Gefangenschaft und des Exils. — Unglücklicher Einfall Deschartres. — Nohant. — Die terroristischen Bürger. — Geistiger Zustand der wohlhabenden Klassen. — Musikalische Leidenschaft, — Paris unter dem Direktorium.
Am 4. Fructidor (August 94) wurde meine Großmutter endlich wieder mit ihrem Sohne vereinigt. Das schreckliche Trauerspiel der Revolution verschwand für einen Moment aus ihren Augen. Sie gaben sich Beide ungetheilt dem Glücke des Wiedersehens hin; die zärtliche Mutter sowohl als der vortreffliche Sohn vergaßen Alles, was sie gelitten, verloren und erfahren hatten. Alles, was noch bevorstehen konnte, und betrachteten diesen Tag als den schönsten ihres Lebens.
Getrieben von dem Verlangen, ihren Sohn in Passy zu umarmen, wartete meine Großmutter nicht auf die Scheine, durch welche ihr die Erlaubniß gegeben werden mußte, die Barrieren von Paris zu überschreiten. Um nun aber am Thore von Maillot nicht aufzufallen, verkleidete sie sich als Bäuerin, bestieg, um die Seine zu überfahren, ein Schiff am Quai der Invaliden, und wollte sich dann zu Fuße nach Passy begeben. Dies war für sie eine große Aufgabe, denn sie hatte nie weitere Fußtouren gemacht und war, vielleicht aus Mangel an Uebung, vielleicht aus organischer Schwäche, vollständig ermüdet, wenn sie eine Gartenallee durchschritten hatte. Und doch war sie schlank, gut gewachsen, vollkommen gesund und von einer frischen, ruhigen Schönheit, die allen Anschein der Kraft besaß.
Doch jetzt eilte sie vorwärts, ohne sich selbst zu beachten, und ging so rasch, daß Deschartres, dessen Kleidung der ihrigen entsprach, kaum zu folgen vermochte. Aber bei der Ueberfahrt hätte ihnen beinahe ein unbedeutender Umstand neues Unglück zugezogen. Das Schiff war mit Menschen aus den niedern Ständen besetzt, welche die weiße Haut und die zarten Hände meiner Großmutter bemerkten. Ein wackrer Freiwilliger der Republik stellte laut seine Betrachtungen darüber an. „Seht mal das kleine, hübsche Frauchen,“ sagte er, „das hat gewiß nicht oft gearbeitet.“ Deschartres, der immer mißtrauisch und ungeschickt in seinem Benehmen war, antwortete mit einem: „Was geht's Dich an!“ das sehr übel aufgenommen wurde. In demselben Augenblicke ergriff eine der Frauen, die im Schiffe waren, ein blaues Packet, das aus Deschartres Tasche guckte, hob es in die Höhe und rief: „Es sind flüchtende Aristokraten! wenn es Leute wären wie wir, würden sie kein Siegellack verbrennen.“ Und eine andere, die mit der Taschendurchsuchung des unglücklichen Pädagogen fortfuhr, entdeckte eine Flasche Eau de Cologne, welche den beiden Flüchtlingen einen Hagel bedrohlicher Spöttereien zuzog.
Der gute Deschartres, der trotz der Rauhheit seines Wesens, die zarteste Aufmerksamkeit besaß, war diesmal für die Verhältnisse zu zart und aufmerksam gewesen. Er hatte geglaubt, etwas Außerordentliches zu thun, indem er sich heimlich für meine Großmutter mit den kleinen Luxusartikeln versah, die sie in Passy nicht gefunden haben würde oder nicht herbeischaffen konnte, ohne Verdacht zu erregen.
Als er nun sah, daß diese Sorgsamkeit verderblich zu werden drohte, verwünschte er seinen Einfall. Aber immer unfähig, sich zu fügen, sprang er auf, ballte die Fäuste, erhob die Stimme und drohte: Jeden, der seine, Gevatterin“ beleidige, in den Fluß zu werfen. Die Männer lachten nur über seine Prahlereien, aber der Schiffer sagte mit bestimmtem Tone: wir werden die Geschichte beim Aussteigen untersuchen. Worauf die Frauen Bravo schrieen und die verkappten Aristokraten heftig bedrohten.
Die revolutionäre Regierung milderte freilich die Strenge ihrer Maßregeln von einem Tage zum andern, aber das Volk gab seine Macht nicht auf, und war immer bereit, sich selbst Recht zu verschaffen.
In diesem gefahrvollen Augenblicke wurde meine Großmutter durch eine jener Eingebungen geleitet, die bei dem Weibe so mächtig sind. Sie setzte sich zwischen zwei der bösesten Weiber, die sie mit Schimpfworten überhäuften, ergriff ihre Hände und sagte: „Mag ich Aristokratin sein oder nicht, ich bin eine Mutter, die seit sechs Monaten ihren Sohn nicht gesehen hat, die schon fürchtete, ihn nie wieder zu erblicken, und die sich jetzt mit Lebensgefahr zu ihm begiebt. Wollt ihr mich verderben, nun wohl, so zeigt mich an, tödtet mich, wenn ihr wollt, nach meiner Rückkehr, aber hindert mich nur jetzt nicht meinen Sohn zu sehen; ich lege mein Geschick in eure Hände.“
Und sogleich antworteten die Weiber: „Geh nur, Bürgerin, geh, wir wollen Dir nichts Böses thun! Du thust wohl, Dich uns zu vertrauen, denn auch wir haben Kinder, die wir lieben.“
Als sie das Ufer erreichten, wollten der Schiffer und die andern Männer, die Deschartres Benehmen ärgerte, das Fortgehen der Beiden verhindern. Aber die Frauen hatten meine Großmutter unter ihren Schutz genommen, und erklärten den Männern: „Wir wollen das nicht, und verlangen Achtung für unser Geschlecht! lasset also die Bürgerin in Ruhe, und auch ihr Kammerdiener — so nannten sie den armen Deschartres — soll mit ihr gehen. Er beträgt sich albern, aber er ist nicht mehr ci-devant als ihr selbst.“
Meine Großmutter umarmte die braven Weiber mit Freudenthränen: Deschartres nahm sein Abenteuer von der lächerlichen Seite; sie gelangten nun ohne weitere Hindernisse in das kleine Haus in Passy, und Moritz, der sie noch nicht erwartete, war ganz außer sich vor Freude, als er seine Mutter in die Arme schloß. Ich weiß nicht mehr, an welchem Tage das Verbannungsdecret wieder aufgehoben wurde, aber es muß fast zu derselben Zeit gewesen sein. Meine Großmutter ordnete nun ihre Papiere, und ich bin noch im Besitze ihrer Aufenthaltskarte und der Bescheinigung ihres „Bürgersinns“. Letzterer ist besonders dadurch bewiesen, daß sich alle ihre Diener — und Anton der Lakai an ihrer Spitze, nach dem Urtheil der ganzen Section — bei Erstürmung der Bastille, sehr brav benommen hatten. Für den Hochmuth der Großen waren das bittere Lehren.
Aber ich sagte schon früher, daß meine Großmutter zu frei von Vorurtheilen war, um bei dem Gedanken zu erröthen, daß sie ihre bürgerliche Wiederherstellung dem guten Betragen eines Dieners verdankte. Gleichwohl theilte sie dessen Ansichten nicht, und war weit entfernt, deren gesellschaftliche Consequenzen anzuerkennen. Sie übersiedelte nun zu Anfange des Jahres III nach Nohant, begleitet von ihrem Sohne, Deschartres, Anton und Demoiselle Roumier, einer alten Wärterin, die meinen Vater großgezogen hatte und immer mit der Herrschaft speiste. Auch Nerina und Tristan wurden nicht vergessen.
Während ich neulich in dieser Sammlung von Erinnerungen Nerina's Geschichte schrieb, fand mein Sohn Moritz auf einem der Böden unseres Hauses, das Schild vom Halsbande dieses interessanten, kleinen Thieres. Es trägt die Inschrift: „Ich heiße Nerina und gehöre Madame Dupin in Nohant, bei la Châtre,“ Wir haben diesen Gegenstand wie eine Reliquie aufbewahrt. In den Papieren meines Vaters von 1796 finde ich Nerina's Nachkommenschaft erwähnt: sie bestand aus Tristan, dem armen Kinde der Schreckenszeit, dem Gefährten des Exils, und aus dessen nachgeborenen Schwestern, Spinette und Belle. Nerina ist auf dem Schooße ihrer Herrin gestorben, und unter einem Rosenstrauche im Garten begraben oder verscharrt, wie der alte Gärtner zu sagen pflegte, der, als ein Purist des Berry, das Zeitwort begraben nie auf ein anderes Geschöpf, als auf einen getauften Christen angewendet haben würde.
Nerina starb früh, weil sie ein zu bewegtes Leben gehabt hatte; Tristan dagegen erreichte ein außergewöhnliches Alter. Durch ein sonderbares Zusammentreffen stimmte sein zärtliches, melancholisches Wesen mit seinem Namen überein, und er war eben so ruhig und nachdenklich, als seine Mutter lebhaft und rührig war. Meine Großmutter zog Tristan allen Nachkömmlingen Nerina's vor, denn wenn wir eine schwere Krisis überstanden haben, fassen wir für alle Wesen, selbst für die Thiere, welche sie mit uns durchlebten, eine besondere Zuneigung. So wurde auch dieser Hund besonders gepflegt, und lebte fast eben so lange, als mein Vater; denn ich erinnere mich, in meiner ersten Kindheit mit ihm gespielt zu haben, obwohl er sich nicht leicht dazu hergab, und immer aussah, als versenkte er sich in die Erinnerungen der Vergangenheit.
Ich weiß das Datum der Begebenheiten, die ich erzähle, nicht immer genau anzugeben, aber ich besitze einen Brief, den meine Großmutter am 1. Brumaire des Jahres III. (October 1794) von der Verwaltungsbehörde des Distrikts la Châtre erhielt. Er trägt die Ueberschrift: „Einheit und Untheilbarkeit der Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod.“ Die Republik war dem Geiste nach bereits gestorben, aber ihre Formeln wurden festgehalten. Die Zuschrift lautet: „An die Bürgerin Dupin.“
„Wir senden Dir die Abschrift des Kaufcontractes, welchen am 3. August (nach alter Rechnung) Piarou mit Dir abgeschlossen hat und ein Verzeichniß der Forderungen, welche er an Dich macht ec. Gruß und Brüderlichkeit“ — dann folgen die Unterschriften dreier Spießbürger.
Wie glücklich fühlten sich diese guten Leute, diese großen Kinder, die sich am Tage vorher emancipirt hatten, indem sie zu der bescheidenen Besitzerin von Nohant Du sagen und den Mann kurzweg Piarou nennen konnten, der für sie früher der Herr Graf von Serennes gewesen war. Meine Großmutter lächelte darüber und fühlte sich nicht beleidigt; aber sie bemerkte, daß die Bauern zu diesen Herrn nicht Du sagten und freute sich, daß ihr Tischler sie ohne Umstände so nannte, denn sie erblickte darin einen freundschaftlichen Vorzug, dessen sie sich mit einiger Schalkheit bewußt war.
Dieser Tischler war damals Einnehmer der Gemeinde, ein kühner, umsichtiger Republikaner und sein Leben lang unser treuer Freund, dessen letzten Seufzer ich empfangen habe. Meine Großmutter befand sich eines Tages mit ihrem Sohne in seinem Hause, als zwei weinselige Bürger von la Châtre vorüberkamen und es sehr verdienstlich fanden, ein Weib und ein Kind zu insultiren, sie mit der Guillotine zu bedrohen und sich das Ansehen eines kleinen Robespierre zu geben, obwohl gerade sie, in Uebereinstimmung mit ihren Standesgenossen, diesen Robespierre und die Revolution vernichtet hatten. Mein Vater, der erst 16 Jahre alt war, stürzte ihnen entgegen, ergriff die Zügel des einen Pferdes und befahl ihnen abzusteigen, um sich mit ihm zu schlagen. Godard, der Tischler und Einnehmer, kam ihm zu Hülfe, bewaffnet mit einem großen Schrägemaaße, womit er, wie er sich ausdrückte, diese Herren „ausmessen“ wollte. Aber die Herren antworteten nicht auf die Herausforderung und sprengten davon, — ihre Trunkenheit mag sie entschuldigen. Jetzt (1847) sind sie eifrig conservativ und königlich gesinnt — doch sie sind alt und ihr Alter mag sie rechtfertigen.
Ihr Zorn wird übrigens durch eine besondere Ursache erklärlich. Der Eine von ihnen war durch die Bezirksregierung, während der gesetzlichen Ueberwachung der Verdächtigen, zum Verwalter der Einkünfte des Gutes Nohant ernannt. Er hatte es angemessen gefunden, sich diese anzueignen und meiner Großmutter verfälschte Rechnungen vorzulegen; diese hatte ihn verklagt und er wurde zur Wiedererstattung verurtheilt. Aber der Prozeß währte zwei Jahre und während dieser Zeit war meine Großmutter zur größten Einschränkung gezwungen, denn sie bezog nur die Einkünfte des Gutes, welche sich damals nicht auf 4000 Franks beliefen, und mußte noch dazu eine Summe zurückzahlen, die sie im Jahre 93 geliehen hatte, um den erzwungenen Anleihen der Republik und den sogenannten freiwillligen Beiträgen zu genügen. Zwar ordneten und verbesserten sich ihre Verhältnisse nach und nach, aber von der Revolution an beliefen sich ihre jährlichen Einkünfte nie auf 15,000 Franes.
Doch da sie eine bewunderungswürdige Ordnung besaß, und sich mit großer Ergebenheit in die bescheidene Lebensweise fand, welche ihr durch die Verhältnisse vorgezeichnet wurde, kam sie vollständig damit aus und ich habe sie oft mit Lachen versichern gehört, daß sie nie so reich gewesen wäre, als in ihrer Armuth.
Ich will nun aber auch etwas von dem Gute Nohant erzählen, wo ich aufgewachsen bin, wo ich fast mein ganzes Leben zugebracht habe und wo ich einst zu sterben wünsche.
Der Ertrag des Gutes ist gering; die Wohnung ist einfach und bequem und die Umgebungen sind ohne Schönheit, obwohl Nohant im Mittelpunkt der vallée-noire — eines weiten wunderschönen Thales — gelegen ist. Aber gerade diese Lage in dem flachsten, niedrigsten Theile des Thales, inmitten eines fruchtbaren Weizenbodens, beraubt uns der reichen Abwechselung und der umfassenden Aussicht, welche die Abhänge und Höhen gewähren. Wir haben zwar einen blauen Horizont, ein hügliches Land rings umher und im Vergleich mit der Beauce und der Brie ist die Aussicht hübsch zu nennen, aber im Vergleich mit den Schönheiten, die wir erblicken, wenn wir bis zu dem versteckten Bette des Flusses hinabsteigen — im Vergleich mit der reizenden Fernsicht, die sich vor uns ausbreitet, wenn wir die Hügel ersteigen, von denen das Land umrahmt wird, scheint unsere Landschaft nackt und beschränkt.
Aber wie dem auch sei, sie gefällt uns und wir lieben sie.
Meine Großmutter liebte sie ebenfalls, und mein Vater rettete sich aus seinem vielbewegten Leben oft hierher, um einige Stunden der Ruhe zu genießen. Diese durchfurchte, fette, braune Erde, diese mächtigen Nußbäume, die schattigen Wege und das wilde Gesträuch, dieser grasbewachsene Kirchhof, der kleine mit Ziegeln gedeckte Glockenthurm, die antike Halle, die großen morschen Ulmen, die kleinen Bauerhäuser, umgeben von hübschen Hecken, Weinlauben und grünen Hanffeldern — alles dies wird dem Auge angenehm und der Erinnerung theuer, wenn man lange in der friedlichen, bescheidenen und stillen Umgebung gelebt hat.
Das Schloß, wenn man es so nennen will — denn es ist nur ein mittelgroßes Haus aus der Zeit Ludwigs XVI. — ist nicht prunkvoller als eine ländliche Wohnung und stößt an das Dörfchen und den Communplatz. Die Feuerstellen der Gemeinde, zwei bis dreihundert an der Zahl, liefen weit zerstreut, aber etwa zwanzig drängen sich, so zu sagen Wand an Wand um das Haus — und man muß mit diesen wohlhabenden und unabhängigen Bauern, die in unser Haus treten, wie in ihr eigenes, in guter Eintracht zu leben suchen. Wir haben uns immer wohl dabei befunden — und obwohl die Gutsbesitzer sich gewöhnlich über die Nachbarschaft der Häusler beklagen, so sind die Unannehmlichkeiten, welche die Kinder, Hühner und Ziegen dieser Nachbarn uns bereiten, doch sehr gering gegen den Vortheil, den uns ihre Gefälligkeit und Gutherzigkeit gewähren.
Die Einwohner von Nohant, alle Bauern und kleine Grundbesitzer (man wird mir erlauben Gutes von ihnen zu reden, weil ich ausnahmsweise behaupte: daß der Bauer ebensowohl guter Nachbar als Freund sein kann), verbergen ihren heitern Sinn unter einem ernsten Aussehen. Sie haben gute Sitten, einen Rest von Frömmigkeit ohne Fanatismus, viel Anstand in Haltung und Manieren, eine ruhige aber anhaltende Arbeitsamkeit, Ordnungsliebe, außergewöhnliche Reinlichkeit, viel natürlichen Verstand und Freimüthigkeit.
Außer zwei oder drei Ausnahmen habe ich den Verkehr mit diesen ehrlichen Leuten nur angenehm gefunden — aber ich habe ihnen nie den Hof gemacht und sie nie durch das erniedrigt, was man Wohlthaten nennt. Ich habe ihnen Dienste erzeigt und sie erstatteten mir diese nach ihrem freien Willen, ihren Mitteln, ihrer Güte und ihrer Einsicht zurück. Sie sind mir nichts schuldig geblieben, denn eine kleine Hülfe, ein gutes Wort, ein Beweis wahrer Ergebenheit sind eben so viel werth, als das, was wir zu geben vermögen. Sie sind weder schmeichelnd, noch kriechend, und ich habe gesehen, wie sie täglich mehr gerechten Stolz zeigten und sich mehr vernünftige Freiheiten erlaubten, ohne je das Vertrauen zu mißbrauchen, das man ihnen schenkte. Sie sind ebensowenig rohe Menschen, sondern besitzen mehr Takt, Zurückhaltung und Höflichkeit, als ich unter denen gefunden habe, die man gut erzogene Leute nennt.
Das war auch die Meinung meiner Großmutter über die Dorfbewohner, unter denen sie achtundzwanzig Jahre lebte, ohne je Veranlassung zur Klage zu haben. Deschartres mit seinem reizbaren Charakter und seiner leicht verletzbaren Eigenliebe, fand das Leben unter den Bauern jedoch weniger angenehm — ich habe ihn beständig über ihre List, Schelmerei und Dummheit klagen hören. Meine Großmutter suchte seine Mißgriffe wieder gut zu machen und man vergab ihm, um des Eifers und der Menschenliebe willen, die er im Grunde des Herzens trug, seine lächerlichen Prätentionen und sein aufbrausendes Temperament.
Ich werde oft Gelegenheit haben, auf die „Landleute“, wie sie sich jetzt nennen, zurückzukommen, seit der Revolution ist nämlich die Benennung Bauer beleidigend geworden und gilt für gleichbedeutend mit Tölpel und Flegel.
Mehrere Jahre brachte meine Großmutter in Nohant allein damit zu, die Erziehung ihres Sohnes unter Beihülfe Deschartres fortzusetzen und ihre materiellen Angelegenheiten zu ordnen. Ueber ihren geistigen Zustand spricht sie sich auf einem zu jener Zeit von ihrer Hand geschriebenen Blatte aus, das ich aufgefunden habe. Ich kann allerdings nicht dafür einstehen, daß die Gedanken ihr eigen sind, denn sie hatte die Gewohnheit, Fragmente zu copiren, oder sich Auszüge aus ihrer Lectüre zu machen; aber wie dem auch sei, die Reflexionen, die ich abschreibe, geben ein sehr gutes Bild von dem moralischen Zustande einer ganzen Klasse der Gesellschaft nach der Schreckenszeit.
„Wenn Europa bei dem Anblicke aller Schrecken, deren Schauplatz Frankreich war, sich erlaubt, sie der besondern Gemüthsart und der angebornen Schlechtigkeit eines großen Theils des Volkes zuzuschreiben, so sind wir berechtigt, dies Urtheil zurückzuweisen. Gott behüte andere Nationen davor, jemals durch die Erfahrung belehrt zu werden, welcher Gewaltthätigkeiten die Menschen aller Länder fähig sind, wenn kein Band sie mehr fesselt, wenn das Räderwerk der Gesellschaft einen so heftigen Stoß erhalten hat, daß Keiner mehr weiß, wo er ist, nicht mehr dieselben Gegenstände sieht und seinen alten Ansichten nicht mehr vertrauen kann. Alles ändert sich vielleicht, wenn die Regierung besser wird, wenn sie sich befestigt und wenn sie darauf verzichtet, die Schwäche der Menschen zu mißbrauchen. — Ach! da unsere Erinnerungen uns tödten, laßt uns die Hoffnung aufsuchen; da unsere Gegenwart keinen Trost bietet, laßt uns der Zukunft zustreben! Und Ihr, Historiker, die Ihr das Urtheil der Nachwelt leitet, die Ihr es oft auf immer bestimmt, haltet ein mit Euern Darstellungen, bis Ihr deren Eindruck durch die Erzählung der Wiedergeburt und der Reue mildern könnt. Vollendet wenigstens Euer Gemälde nicht, bevor Ihr das erste Aufleuchten der Morgenröthe in der Tiefe dieser schrecklichen Nacht anzudeuten vermögt. Redet von dem Muthe der Franzosen, sprecht von ihrer Tapferkeit, und wenn es möglich ist, so werft einen Schleier über die Thaten, die ihren Ruhm befleckt und den Glanz ihrer Siege verdunkelt haben.
Alle Franzosen fühlen die Ermüdung des Unglücks. Durch Ereignisse von übernatürlicher Stärke sind sie zerschmettert oder gebeugt, und nachdem sie so lange unter schwerem Drucke gelebt haben, sind ihnen alle Wünsche, die einem andern Zustande angehören, fremd geworden. Ihr Verlangen und ihre Erwartungen sind eng begrenzt, sie werden zufrieden sein, wenn sie an das Aufhören ihrer Sorgen glauben können, denn eine entsetzliche Tyrannei hat sie dahin gebracht, die Sicherheit des Lebens für eine besondere Wohlthat anzusehen.
Der Gemeinsinn ist schwach geworden und wird noch lange hinsiechen — es ist die unvermeidliche Folge einer unerhörten Katastrophe, einer beispiellosen Verfolgung. Man hat sich so sehr mit eignem Leid genährt, daß die Gewohnheit verloren ist, an allgemeinen Interessen theilzunehmen. Wenn die persönliche Gefahr einen gewissen Punkt erreicht, verwirrt sie alle Verhältnisse und das Aufhören der Hoffnung verändert beinahe unser Wesen. Man bedarf ein wenig Glück, um sich der Liebe für das Allgemeine hinzugeben und man hat einen gewissen eignen Ueberfluß nöthig, um Andern etwas von sich selbst mittheilen zu können ...“
Wer auch der Verfasser dieses Fragmentes sein möge — es ist nicht ohne Schönheit und meine Großmutter war wohl fähig, es zu schreiben. Wenigstens ist es der Ausdruck ihrer Gedanken, wenn sie sich auch nur die Mühe genommen hätte, es zu copiren. Auch ist Wahrheit in diesem Zeitgemälde und eine gewisse relative Gerechtigkeit in den Klagen derer, die ohne augenscheinlichen Nutzen gelitten haben. Endlich aber verräth es eine Art Größe, daß sie dem revolutionären Gouvernement nicht den Schaden vorwerfen, den sie an ihrem Leben gelitten hatten, sondern nur den ihrer Seele.
Aber es zeigt sich darin auch ein offenbarer Widerspruch, der sich immer in dem Urtheile des Sonderinteresses bemerklich macht. Es wird gesagt, daß die Franzosen groß sind durch ihren Muth und ihre Siege und das setzt einen mächtigen Aufschwung des Patriotismus voraus, während zugleich der Verfasser die Niedergeschlagenheit und den Egoismus ausmalt, welche sich der nämlichen Franzosen bemächtigen, die durch eigne Leiden gegen fremdes Unglück unempfindlich geworden sind. — Es waren nicht dieselben Franzosen, daran liegt es. — Die Glücklichen von gestern, d. h. die, welche lange Zeit das Glück Andrer in der Hand hatten, bedurften einer großen Anstrengung, um sich an ein unsicheres Schicksal zu gewöhnen. Die Besten unter ihnen, wozu gewiß meine Großmutter gehörte, seufzten, daß sie nichts mehr zu geben hatten und Leiden sehen mußten, die sie nicht mehr lindern konnten. Indem man es ihnen unmöglich machte, die Wohlthäter der Armen zu sein, betrübte man sie tief und die Segnungen der neu entstehenden Gesellschaft waren noch zu wenig bemerklich. Sie konnten es um so weniger sein, da diese Wiedergeburt im ersten Keime erstickte, die Bourgeoisie die Oberhand gewann, und da zu der Zeit, als meine Großmutter die Gesellschaft beurtheilte, sie sich, ohne es zu wissen, am Todeskampfe der Rechte und Hoffnungen des Volkes betheiligte.
Was die Franzosen des Heeres betrifft, so waren sie nothwendigerweise die Freunde von Allem, was in Frankreich geblieben war. Sie vertheidigten das Volk, die Bourgeoisie und den patriotischen Adel. Als heldenmüthige Märtyrer der Freiheit hatten sie die in jeder Hinsicht und zu allen Zeiten unzweifelhaft ruhmvolle Aufgabe, das Vaterland zu schützen; und gewiß war das heilige Feuer auf dem Boden Frankreichs, der in einem Augenblicke solche Armeen hervorbrachte, nicht erloschen.
Als Gegensatz der eindringlichen Klage, welche ich eben mitgetheilt habe, werde ich neue Fragmente aus dem Briefwechsel meines Vaters anführen, in denen wir sehen, wie sich nach der strengen Herrschaft der Convention die Oberfläche des Lebens darstellt. Dies Bild widerlegt die traurigen Vorhersagungen des ersten Fragmentes. Wir sehen darin den Leichtsinn, die Trunkenheit, die tollkühne Sorglosigkeit der Jugend, die begierig ist, die Vergnügungen wieder zu gewinnen, deren sie so lange beraubt war; wir sehen den Adel halbtodt und halb zu Grunde gerietet nach Paris zurückkehren, weil er den Anblick des Triumphes der Bourgeoisie der einförmigen Lebensweise auf seinen Schlössern vorzieht; der Luxus wird durch die neuen Gewalten als Mittel der Reaktion gebraucht; das Volk selbst verliert den Kopf und bietet die Hand zur Rückkehr der Vergangenheit. Frankreich bot zu jener Zeit den sonderbaren Anblick einer Gesellschaft, die sich von der Anarchie befreien will und die noch nicht weiß, ob sie sich der Vergangenheit bedienen, oder ob sie auf die Zukunft rechnen soll, um die Formen wiederherzustellen, welche Ordnung und persönliche Sicherheit garantiren. Der Gemeinsinn verschwand, er lebte nur im Heere. Die Reaktion sogar, diese royalistische Reaktion, die eben so grausam und eben so blutig war, als die Maßlosigkeit der Jacobiner, fing an sich zu beruhigen. Die Vendée hatte im Berry, bei dem Treffen von Pallnau (Mai 96) den letzten Seufzer ausgehaucht. Ein royalistischer Anführer Namens Dupin, der aber meines Wissens nicht mit uns verwandt war, hatte diesen letzten Versuch organisirt. Mein Vater war damals schon alt genug, um sich dabei zu betheiligen und es würde ihm auch nicht an Muth zu einem verzweifelten Unternehmen gefehlt haben, aber er war nicht Royalist und wurde es niemals. Wie die Zukunft sich auch gestalten mochte (und zu dieser Zeit sah Niemand, trotz der Siege Bonaparte's in Italien, die Rückkehr des Despotismus voraus), so verdammte doch dieser Knabe die Vergangenheit und sagte sich von ihr los, ohne Rückhalt und ohne irgend welches Bedauern. Er sowohl, wie seine Mutter waren rein von aller geheimen Theilnahme, von aller moralischen Mitschuld an der Wuth der Parteien und der eigennützigen Rachsucht; beide ließen sich wiegen durch die noch zitternden Wellen der letzten Volksbewegungen und erwarteten die Ereignisse, indem sie dieselben mit einer philosophischen Unparteilichkeit beurtheilte, und indem er die Unabhängigkeit des Vaterlandes und die Herrschaft der unvollständigen, aber edeln Theorien der Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts herbeiwünschte. Er sollte bald darauf den letzten Hauch des republikanischen Lebens in der Armee aufsuchen, und da seine Mutter zuweilen vor seinem heftig ausgesprochnen Verlangen erschrak, suchte sie ihn durch die sanften Genüsse der Kunst und den Reiz erlaubter Freuden zu zerstreuen.
Einige Worte über die Persönlichkeit meines Vaters, ehe ich denselben im Jahre 96 selbstredend einführe: seit 1794 hatte er mit Deschartres viel studirt, hatte jedoch in Hinsicht der classischen Studien nur geringe Fortschritte gemacht. Er war eine Künstlernatur und lernte eigentlich nur durch den Unterricht seiner Mutter. Musik, lebende Sprachen, Deklamation, Zeichnen, Literatur zogen ihn unwiderstehlich an; aber Mathematik und Griechisch flößten ihm gar kein Interesse ein, und das Lateinische ein sehr geringes. Für ihn ging Musik Allem voran und seine Violine war die Gefährtin seines Lebens; er hatte außerdem eine herrliche Stimme und sang ausgezeichnet. Er war ganz Gefühl, Gemüth, Begeisterung, ganz Muth und Vertrauen. Er liebte Alles, was schön war, versenkte sich vollständig darein und kümmerte sich eben so wenig um die Folgen als um die Ursachen desselben. Da er seinem Wesen, vielleicht auch seinen Principien nach weit republikanischer war, als seine Mutter, personifizirte er auf das Bewunderungswürdigste das ritterliche Element der letzten Kriege der Republik und der ersten Kriege des Kaiserreichs; — im Jahre 1796 war er übrigens noch nichts als Künstler.
Im Herbst desselben Jahres schickte meine Großmutter ihren lieben Moritz nach Paris, vielleicht um ihn für lange Zurückgezogenheit zu entschädigen, vielleicht aus andern, ernstern Gründen, die in den Briefen angedeutet zu sein scheinen, die ich aber nicht vollständig kenne.
In diesen allerliebsten Briefen, deren größter Theil hier natürlich wegfallen muß, wird die Physiognomie von Paris unter dem Direktorium so treffend geschildert, daß ich hier Einiges daraus einschalte.
Moritz an seine Mutter:
2. Oct. 1796.
„... Gestern bin ich in einem sehr schönen Concerte gewesen, das im Theater Louvois stattfand. Gunnin und der alte Garigny leiteten das Orchester.“
„Du erinnerst Dich unsers alten Garigny, der zur Zeit des „Devin du village“ mit meinem Vater und mit Rousseau so gut bekannt war, und der während meiner Verbannung nach Passy auf so sonderbare Weise meine Bekanntschaft gemacht hat? Nun wohl! das Publikum hat eine Wiederholung seines Liedes verlangt und er hat seine Sachen so gut gemacht, daß er im vollen Sinne des Wortes mit Beifall überschüttet wurde. Für einen Mann von fünfundsiebenzig Jahren ist das wirklich nicht übel und es hat mir große Freude gemacht.“
„Nun gebe ich Dir noch zu rathen, wen ich in diesem Concerte getroffen und erkannt habe. In einem ganz modernen Kleide, mit ausgeschnittenen Schuhen und großen Locken habe ich den Sansculotten S... gesehen und habe mit ihm gesprochen. Er ist jetzt ein Merveilleux — das sind Begegnungen, um vor Lachen zu sterben! er hat viel nach Dir gefragt; im Jahre zwei war er nicht so fein!“
„Leb wohl, mein Mütterchen! die Zeit drängt, ich gehe in die Oper. Du fehlst mir in jedem Augenblicke und alle Freuden, die ich fern von Dir genieße, sind unvollkommen. Ich umarme Dich tausendmal und schicke Dir tausend Grüße für das „gute Thierchen“, meine Wärterin.“
Den 3. Oct.
„Ich verließ Dich neulich, um in die Oper zu gehen. „Corisande“ sollte gegeben werden — aber man gab Renaud. Doch einem Provinzbewohner ist Alles recht — und vom Anfang bis zum Ende habe ich mit dem größten Vergnügen zugehört. Ich saß im Orchester; Herr Heckel kennt Ginguené, Direktor des Kunstausschusses, der ihm zu jeder Aufführung zwei Orchesterbillets schenkt. Das ist der Platz, zu dem sich Alles drängt, was man jetzt „die gute Gesellschaft“ zu nennen pflegt. Man sieht da reizende Frauen von wunderbarer Eleganz, aber thun sie den Mund auf, so ist Alles verloren. Da hörst Du: „Potztausend, das ist gut getanzt!“ oder: „das ist ja eine verteufelte Hitze!“ Gehst Du hinaus, so erblickst Du glänzende, lärmende Wagen, in welchen diese schöne Welt von dannen fährt, während die braven Leute zu Fuß gehen und sich durch Spöttereien rächen, wenn sie mit Koth bespritzt werden. Da wird gerufen: „Platz für den Herrn Lieferanten der Gefängnisse! — Platz für den Herrn Siegelabnehmer!“
„Aber man geht weiter und lacht darüber. Obwohl Alles verändert ist, kann man eben so gut wie früher sagen: „Der rechtschaffene Mann ist zu Fuß und der Schurke in einer Sänfte.“ — Es sind jetzt andere Schurken — das ist Alles!“
„Leb wohl, meine gute Mutter, ich gehe wieder in die Oper. Zum Mittagessen führt mich Heckel mit dem Herzoge zusammen. Ich umarme Dich, wie ich Dich liebe.“
Den 15.
„Obwohl zu Fuß, macht sich der rechtschaffene Mann in Paris nicht das Geringste aus schlechtem Wetter! Es giebt so viel zu thun und zu sehen! Morgens gehe ich in die Gemäldeausstellung, von drei bis sechs Uhr wird langsam, in guter Gesellschaft gegessen und Abends gehe ich in's Theater. Bei Frau von Ferrières habe ich mit allen Deinen Freundinnen gespeist und bin mit offenen Armen empfangen. Ach! wie hat man dort von Dir gesprochen! Das Diner war köstlich, in Silber servirt — die Republik hat doch nicht Alles genommen. Die Weine waren vorzüglich, und es waren viele so lustige junge Leute da, daß wir sogar den Herrn de la Dominière zu lautem Gelächter gebracht haben. Abends bin ich im Theater Faydeau gewesen, um l'Ecole des Péres und les folles Confidences zu sehen. Das letzte Stück wird noch eben so gespielt, wie vor 93; Fleury trug dieselbe Kleidung; Dazincourt ebenfalls.“
Den 17.
„Wie gut Du bist, Dich noch in Deiner Einsamkeit zu langweilen, um mich einige Tage länger in Paris zu lassen! Welche zu gütige Mutter! wenn Du bei mir wärest, würde ich mich freilich noch besser amüsiren. Heute habe ich das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden und mir ist, als hätte ich mich über mich selbst erhoben. Mein Freund Heckel hat mir zwei moralische Abhandlungen vorgelesen, die eine über die Unsterblichkeit der Seele, die andere über das wahre Glück. Alles darin ist bewunderungswürdig, tief, kurz, deutlich, eindringlich. Er hat sie im vergangenen Winter geschrieben und versichert, daß er keine andere Absicht dabei gehabt hat, als mir die Grundzüge der Tugend zu entwickeln.“
„Bei Frau von Chabert habe ich den Oedipus mit ganz außerordentlichem Erfolge gesungen. Und wem verdanke ich diesen Erfolg? meiner guten Mutter, die sich mit meinem Unterricht gequält hat und die mehr versteht, als alle Lehrer der Welt! Nach der Musik wurde getanzt; wir waren Alle in Stiefeln, woran Du nicht Anstoß nehmen darfst, denn das ist jetzt so Sitte. Aber wie schlecht läßt sich's in Stiefeln tanzen! Nachher ist man darauf gekommen, Thee zu trinken, was jedenfalls das nüchternste und billigste Abendessen ist, das man haben kann. Leb wohl, liebe Mutter, ich umarme Dich aus voller Seele und schicke meiner Wärterin dreiunddreißig Grüße.“
Den 19.
„Heute Morgen habe ich wieder mit dem Herzoge und meinem Freunde Heckel gefrühstückt; wir haben gegessen wie Menschenfresser und gelacht wie verrückt. Und denke Dir, als wir drei über den Pont-neuf gegangen sind, haben uns die Fischweiber umringt und haben den Herzog als den Sohn ihres guten Königs umarmt. Du siehst, wie sich der Volksgeist geändert hat. Aber ich will mit Dir „mündlich davon sprechen“, wie Bridoison zu sagen pflegt.“
„Jetzt will ich herumlaufen, um meine Abschiedsbesuche zu machen; denke nur nicht, daß ich mich nach Paris zurücksehne, ich komme ja zu Dir zurück.“
„Meiner Wärterin sage ich tausend Grobheiten: sie kann sich darauf vorbereiten, mich zu rasiren, denn hier hat man mir den Bart gestutzt — ich erschreckte alle Welt — und nun wächst er aus Trotz um so ärger.“
„Deschartres hat sich vergebens bemüht, einen Lehrer für den Sohn der Frau von Chander zu finden. Er hält die Sache für unausführbar in dieser Zeit und meint, das Geschlecht der Lehrer wäre zu Grunde gegangen. Alle jungen Leute, die sich dem Erziehungsfache widmeten, suchen jetzt Aerzte, Chirurgen oder Advocaten zu werden und die kräftigsten dienen der Republik. Seit sechs Jahren hat Niemand gearbeitet, wie man gestehen muß, und die Bücher waren vom Uebel. Nun sieht man überall Leute, welche Lehrer für ihre Kinder suchen, aber nicht finden. So wird es denn in einigen Jahren viele Esel geben und ich wäre auch einer wie die andern, ohne Deschartres — — aber was sage ich! ohne meine gute Mutter, die ganz allein schon fähig gewesen wäre, meinen Geist und mein Herz zu bilden.“
Den 31.
„Morgen reisen wir ab. Deschartres entschließt sich endlich dazu, seine ehrenwerthen Beine in Stiefeln zu stecken; es ist ja nicht möglich, gegen den Strom zu schwimmen. Zu Pferde ist das auch recht bequem, aber nur nicht zum Ball; die Contretänze werden auch nur noch gegangen. Sage meiner Bonne, daß ich mich dafür entschädigen werde, indem ich sie — freiwillig oder gezwungen — hüpfen und springen lasse. Und nun ein Lebewohl für Paris und Dir ein baldiger Bewillkommnungsgruß, meine gute Mutter! Ich komme noch toller von hier zurück, als ich herging; Jeder ist hier etwas verrückt und wer nur den Kopf auf den Schultern fühlt, hält sich schon für glücklich. Die Parvenüs geben sich ihrer Herzensfreude hin und das Volk sieht aus, als ob ihm Alles einerlei wäre. Der Luxus ist nie so groß gewesen als jetzt. Aber fort, fort mit allen diesen Eitelkeiten! meine gute Mutter langweilt sich und sehnt sich nach mir; das wird mein Pferd empfinden! So werde ich Dich nun endlich wieder umarmen; vielleicht bin ich schneller bei Dir, als dieser Brief!“
„Moritz.“
Sechstes Kapitel.
Fortsetzung der Geschichte meines Vaters. — Beharrlichkeit der philosophischen Ideen. — Robert, der Banditenchef. — Beschreibung von La Châtre. — Schiller's Räuber.
Ich werde mit der Geschichte meines Vaters fortfahren, da er im vollen Sinne des Wortes der Verfasser meiner Lebensgeschichte ist. Dieser Vater, den ich kaum gekannt habe, der in meiner Erinnerung als eine glänzende Erscheinung geblieben ist, dieser junge Künstler und Krieger lebt fort in dem Schwung meiner Seele, in dem Verhängniß meiner Organisation, in den Zügen meines Gesichtes. Mein Wesen ist ein zwar abgeschwächter, doch ziemlich vollständiger Wiederschein des seinigen. Aber durch die Verhältnisse, in denen ich gelebt habe, sind manche Veränderungen desselben herbeigeführt. Meine Fehler sind also nicht sein Werk allein, aber meine Eigenschaften sind ein Erbtheil, das er mir hinterlassen hat. Mein äußeres Leben ist von dem seinigen eben so verschieden gewesen, als der Zeitabschnitt, in der es sich entwickelt hat, von der Epoche seines Daseins war — wäre ich aber ein Mann und hätte ich 25 Jahre früher gelebt, so bin ich überzeugt, daß ich in allen Dingen gefühlt und gehandelt haben würde, wie mein Vater. [Wenn wir von der Vergangenheit sprechen, drängen sich unwillkürlich mancherlei Reflexionen aus unserer Feder hervor. Wir vergleichen die Vergangenheit mit der Gegenwart und diese Gegenwart, der Augenblick, in welchem wir schreiben, ist schon Vergangenheit für die, welche uns nach einigen Jahren lesen. Auch die Zukunft faßt der Schriftsteller zuweilen in's Auge, und wenn sein Werk erscheint, sind seine Vorhersagungen bereits erfüllt oder widerlegt. Ich habe an diesen Reflexionen und Vorhersagungen nichts ändern mögen, weil ich glaube, daß sie zu meiner Geschichte eben so gut gehören, wie zur Geschichte Aller — und so werde ich mich darauf beschränken, die Zeit ihrer Entstehung dabei zu bemerken.]
Welche Pläne meine Großmutter in den Jahren 97 und 98 für die Zukunft ihres Sohnes hatte, weiß ich nicht, aber ich vermuthe, daß sie sich darüber ganz im Unklaren befand, und daß es so mit der Zukunft aller jungen Leute eines gewissen Standes war. Jede Laufbahn, die unter Ludwig XVI. durch Gunst erschlossen wurde, war unter Barras durch Intrigue zugänglich. Nur die Persönlichkeiten waren in der Beziehung anders geworden, und so hatte mein Vater eigentlich nur zu wählen zwischen dem Leben im Felde und dem am häuslichen Herde. Seine Wahl würde nicht zweifelhaft gewesen sein, aber bei meiner Großmutter war seit 1793 eine sehr begreifliche Reaktion gegen die Verfügungen und Leiter der Revolution eingetreten.
Wunderbarer Weise war indessen ihr Glaube an die philosophischen Ideen, welche die Revolution hervorgebracht hatten, nicht erschüttert und im Jahre 97 schrieb sie an Heckel einen vortrefflichen Brief, den ich gefunden habe und hier mittheile.
Frau Dupin an Herrn Heckel.
„Sie verabscheuen Voltaire und die Philosophen, weil Sie glauben, daß diese an den Uebeln Schuld sind, die uns bedrücken. Aber sind etwa alle Revolutionen, welche die Erde verwüstet haben, durch kühne Ideen hervorgerufen? Ehrgeiz, Rache, Eroberungssucht und Intoleranz haben weit öfter die Länder verheert, als die Liebe zur Freiheit oder die Verehrung der Vernunft. Unter einem Könige wie Ludwig XV. haben alle diese Ideen existiren können, ohne irgend etwas umzustürzen. Unter einem Könige wie Heinrich IV. würden die Gährungen der Revolution nicht zu dem Wahnsinn und zu den Excessen geführt haben, die wir erleben mußten, und die ich hauptsächlich der Schwachheit, der Unfähigkeit und der Unredlichkeit Ludwig's XVI. zuschreibe. Dieser fromme König ertrug sein Leiden zur Ehre Gottes und seine engherzige Resignation hat weder seine Anhänger, noch Frankreich, noch ihn selbst gerettet. Sie bewundern Friedrich und Katharina, weil diese ihre Macht aufrecht erhalten haben — aber was sagen Sie zu deren Glauben? Sie waren die Beschützer und Verbreiter der Philosophie und doch hat es in ihren Reichen keine Revolution gegeben. Den neuen Ideen dürfen wir also weder das Unglück unserer Zeit, noch den Fall der französischen Monarchie zuschreiben, denn wir müssen sagen: daß der Herrscher, der diese Ideen verwarf, gefallen ist, und daß diejenigen, welche sie gefördert haben, heute noch aufrecht stehen. Wir dürfen nicht Unglauben und Philosophie verwechseln; man hat den Atheismus benutzt, um die Wuth des Volkes anzustacheln, wie man dasselbe zur Zeit der Ligue zu ähnlichen Greuelthaten getrieben hat, um die Lehren der Kirche zu vertheidigen. Der Entfesselung böser Leidenschaften dient Alles zum Vorwande. Die Bartholomäusnacht gleicht so ziemlich dem Blutbade der Septembertage und die Philosophen sind in gleicher Weise unschuldig an diesen beiden Verbrechen gegen die Menschheit.“
Mein Vater hatte sich immer nach der militärischen Laufbahn gesehnt. Schon während seiner Verbannung nach Passy hatte der sech[zehn]jährige Knabe in den langen einsamen Tagen, die er in seinem Stübchen verlebte, die Schlacht von Malplaquet studirt. Aber seine Mutter begehrte, ehe sie auf dies Verlangen einging, die Wiederkehr der Monarchie oder die Ruhe einer gemäßigten Republik. Da er nun zu jener Zeit den Gedanken gar nicht fassen konnte, ohne ihre vollständige Einwilligung zu handeln, nahm er sich vor, wenn er sie seinen geheimen Wünschen abgeneigt fand, ein Künstler zu werden, zu componiren, Opern oder Symphonien zur Aufführung zu bringen, und dies Verlangen werden wir mit seinem kriegerischen Feuer gleichen Schritt halten sehen, so wie auch seine Violine mit seinem Säbel in's Feld zog.
Im Jahre 1798 zeigt sich in der Geschichte meines Vaters ein scheinbar geringfügiger Umstand, der aber die größte Wichtigkeit erlangte und zu jenen lebhaften Jugendeindrücken gehörte, die oft auf das ganze Leben zurückwirken, und die, ohne daß wir es wissen, unser Schicksal bestimmen.
Mein Vater hatte in der Gesellschaft der benachbarten Stadt Verbindungen angeknüpft. Ich muß gestehen, daß trotz der Lächerlichkeiten und Fehler, die dem Leben der Provinz eigenthümlich sind, das kleine La Châtre sich immer durch eine Menge sehr verständiger und sehr gebildeter Persönlichkeiten ausgezeichnet hat, die theils zu seinen Bürgern, theils zu seinen Arbeiterklassen gehören. Im Allgemeinen ist man dort freilich sehr dumm und sehr boshaft, weil man denselben Vorurtheilen, denselben Interessen und denselben Eitelkeiten unterworfen ist, die sich überall geltend machen, die sich aber in kleinen Orten unbefangener und unversteckter zeigen, als in großen. Die Bourgeoisie von la Châtre ist wohlhabend, ohne Ueberfluß zu besitzen — und da sie nie gegen einen anmaßenden Adel und nur selten gegen ein bedürftiges Proletariat zu kämpfen hat, befindet sie sich in einem Elemente, das geistiger Entwickelung sehr förderlich ist, obwohl es das Herz zu ruhig und die Einbildungskraft zu kalt läßt.
l798 war mein Vater also mit etwa dreißig jungen Leuten beiderlei Geschlechts bekannt, mit einigen derselben innig befreundet und spielt mit ihnen Komödie. Diese Unterhaltung ist zugleich ein ausgezeichnetes Studium und ich werde später sagen, wie nützlich und förderlich ich dasselbe für die Entwicklung der Jugend halte. Größtentheils sind freilich die Gesellschaften der Dilettanten, wie die der Schauspieler von Profession, durch lächerliche Ansprüche und kleinliche Eifersucht zerrissen; aber das ist die Schuld der Individuen, nicht die der Kunst. Und da meiner Ansicht nach die Schauspielkunst diejenige ist, welche alle andern in sich faßt, so giebt es für einen Freundeskreis keine interessantere Beschäftigung als diese; aber zweierlei wäre nöthig, um sie zu einem vollkommnen Genusse zu machen: ein aufrichtiges Wohlwollen, das jede eifersüchtige Eitelkeit zum Schweigen brächte und ein tiefes Verständniß der Kunst, durch welches diese Versuche glücklich und lehrreich würden.
Es ist anzunehmen, daß diese Bedingungen zu der Zeit, von welcher ich erzähle, in La Châtre erfüllt wurden, denn die Versuche gelangen sehr gut und die Schauspieler blieben Freunde. Den meisten Erfolg hatte ein jämmerliches Stück, das damals sehr beliebt war und das die dramatischen Talente meines Vaters plötzlich auf das Glänzendste offenbarte. Es heißt „Robert, der Banditenchef“ und hat mich, als Probestück von historischer Färbung, auf das Lebhafteste interessirt.
Dies nach dem Deutschen bearbeitete Drama ist nur eine elende Nachahmung der Schiller'schen Räuber — eine Nachahmung, die gleichwohl von einiger Wichtigkeit ist, denn sie enthält ein ganzes Lehrgebäude. Das Stück wurde 1792 zum ersten Male in Paris gegeben; es enthält einen Auszug des Systems der Jacobiner, Robert ist das Ideal eines Anführers der Bergpartei und ich fordere meine Leser auf, das Buch als bemerkenswerthes Denkmal des Geistes jener Zeit zu lesen.
Die Räuber von Schiller sind und bedeuten viel mehr. Sie sind ein großes, edles Werk, voll ungestümer Fehler zwar, wie die Jugend selbst (denn es ist, wie Jedermann weiß, die Arbeit eines vierundzwanzigjährigen Jünglings) — aber wenn wir darin Chaos und Wahnsinn finden, so ist es auch eine Dichtung von hoher Bedeutung und tiefem Sinn.
Durch diese theatralischen Vorstellungen, welche die Mußestunden der Gesellschaft von la Châtre einige Monate lang ausfüllten, wurde meines Vaters Einbildungskraft mehr erhitzt, als meine Mutter vorhergesehen hatte. Die Heldenthaten der Bühne wollten ihm nicht mehr genügen und er vertauschte bald darauf sein Schwert von vergoldetem Holze mit dem Säbel des Husaren.
Um den Robert zu spielen, hatte man Statisten angeworben und die Räuber wurden durch Croaten gegeben, die sich als Kriegsgefangene in Frankreich befanden und in la Châtre einquartirt waren. Sie mußten ein Scheingefecht aufführen und man gab ihnen zu verstehen, daß sie nach dem Kampfe verwundet scheinen müßten. Sie verabredeten sich nun so gut und waren so gewissenhaft in der Ausführung, daß sie Alle mit demselben Fuße hinkten, als sie bei der Vorstellung aus dem Treffen kamen.
So kommandirte mein Vater als Räuberhauptmann auf dem Theater, wo die Mönche geschmaust und die Bergpartei ihre Sitzungen gehalten hatten, gefangene Croaten und Ungarn — zwei Jahre später war er selbst Gefangener der Croaten und Ungarn, die ihn durchaus nicht Komödie spielen ließen, sondern ihn auf das Härteste behandelten. Das Leben ist ein Roman, dessen Vergangenheit und Zukunft Jeder in sich trägt.
Inmitten der Unentschlossenheit meiner Großmutter über die Laufbahn ihres Sohnes wurde das berühmte, von Jourdan vorgeschlagene Gesetz vom 2. Vendémiaire VII (23. Sept. 1798) publizirt. welches jeden Franzosen nach Recht und Pflicht für die ganze Dauer des Lebens zum Soldaten erklärte.
Der Krieg, welcher kurze Zeit geruht hatte, drohte auf allen Punkten wieder loszubrechen. Preußen schwankte in seiner Neutralität; Rußland und Oestreich rüsteten sich mit aller Macht; Neapel stellte seine ganze Bevölkerung unter Waffen. — Das französische Heer war durch Kämpfe, Krankheiten, Desertion dezimirt. — Sobald das Gesetz erdacht und angenommen war, ließ das Direktorium es ausführen und befahl sofort eine Aushebung von 200,000 Mann. Mein Vater war damals zwanzig Jahr alt.
Seit langer Zeit schlug sein Herz vor Ungeduld — die Unthätigkeit drückte ihn. Der junge Mann war unruhig und wünschte — wie meine Großmutter sich ausdrückte — eine „dauerhafte“ Regierung herbei, die ihm erlaubte, Dienste zu nehmen. Für sich selbst kam ihm allerdings auf die Dauer der Dinge nichts an. — Als die Zwangs-Requisitionen ihm sein einziges Pferd raubten, sagte er mit dem Fuße stampfend: „Wenn ich Militair wäre, würde ich das Recht haben, zu reiten; ich würde dem Feinde die Pferde für Frankreich nehmen, statt mich, wie ein schwaches, unnützes Wesen aus dem Sattel gehoben zu sehen.“
Lag es an seinem abenteuerlichen, ritterlichen Sinne, oder bestachen ihn die neuen Ideen; war es Sorglosigkeit des Temperaments, oder vielmehr, wie seine Briefe bei jeder Gelegenheit bezeugen, die gesunde Urtheilskraft eines klaren, ruhigen Geistes, genug er bedauerte nie das alte Regime und den Ueberfluß seiner ersten Jahre. Ruhm war für ihn ein unbestimmtes, geheimnißvolles Wort, das ihm den Schlaf raubte, und wenn seine Mutter sich bemühte, zu beweisen, daß es keinen wahren Ruhm im Dienste einer schlechten Sache geben könne, wagte er nicht zu widersprechen, aber er seufzte tief und sagte sich leise, daß jede Sache gut sei, die zur Vertheidigung des Vaterlandes und zum Widerstande gegen den Andrang fremder Gewalt diene.
Wahrscheinlich fühlte das auch meine Großmutter, denn sie bewunderte die Waffenthaten der republikanischen Armee und kannte Jemappes und Valmy eben so gut, als Fontenay und das alle Fleurus, aber sie konnte ihre Logik nicht mit der Furcht, ihr einziges Kind zu verlieren, vereinbaren. — Sie hätte ihren Sohn wohl an der Spitze eines Regimentes sehen mögen, aber nur unter der Bedingung, daß es keinen Krieg gebe. — Der Gedanke, daß er sich eines Tages mit Soldatenkost begnügen und auf freiem Felde schlafen müßte, trieb ihr die Haare zu Berge und bei dem Gedanken an ein Gefecht fühlte sie sich dem Tode nahe. — Ich habe niemals eine Frau gekannt, die muthiger für sich selbst und schwächer für Andere gewesen wäre, als meine Großmutter. Sie war eben so ruhig in persönlicher Gefahr, als kleinmüthig bei den Gefahren derer, die sie liebte. Als ich noch ein Kind war, unterrichtete sie mich so gut im Stoicismus, daß ich mich geschämt haben würde, in ihrer Gegenwart zu weinen, wenn ich mir weh gethan hatte, war die theure Frau aber Zeuge davon, so war sie es, die in lautes Geschrei ausbrach.
Ihr ganzes Leben verlief unter diesen rührenden Widersprüchen, und da Alles, was gut ist, etwas Gutes hervorbringt, wie das, was von Herzen kommt, auch wieder zum Herzen geht, so brachte ihre zärtliche Schwäche auf ihre Kinder keine ihren Lehren entgegengesetzte Wirkung hervor. Man fand mehr Stärke in dem Willen, ihr Schmerz und Schreck zu ersparen, indem man kleine Leiden verbarg, als man vielleicht gehabt haben würde, hätte sie nicht soviel Schmerz und Schreck gezeigt. Meine Mutter war ganz das Gegentheil von ihr.
Streng gegen sich selbst und gegen Andere, besaß sie jene kostbare Kaltblütigkeit und bewunderungswürdige Geistesgegenwart, die Hülfe herbeischaffen und Vertrauen einflößen. — Jede dieser Handlungsweisen ist wahrscheinlich gut, obgleich sie sich ganz entgegengesetzt sind — es lassen sich daraus alle möglichen Schlußfolgerungen ziehen. Ich meinestheils habe niemals Theorien bei der Erziehung der Kinder anwendbar gefunden. Sie sind so bewegliche Geschöpfe, daß wir uns eben so beweglich machen müssen (wenn wir das können), oder sie entschlüpfen uns mit jeder Stunde ihrer Entwicklung.
In den letzten Tagen des Jahres VI war mein Vater durch Geschäfte nach Paris geführt und in den ersten Tagen des Jahres VII erschien das fürchterliche Conscriptionsgesetz, das ihn wie mit einem elektrischen Schlage berührte und das Schicksal seines Lebens bestimmte. Ich habe die Unruhe der Mutter und die heimlichen Wünsche des Jünglings bereits angedeutet und werde ihn nun selbst reden lassen.
Erster Brief.
(Wahrscheinlich in den letzten Tagen des Jahres VI, October 1798, geschrieben.)
An die Bürgerin Dupin in Nohant.
Paris. „Endlich habe ich einen Brief von Dir erhalten, meine liebe Mutter! er ist acht Tage unterwegs gewesen, was man gerade nicht als schnelle Ankunft bezeichnen kann. Wie gut Du bist, Dich nach mir zu sehnen! und Du fürchtest also eben so sehr, daß ich an's Ziel gelange, als daß ich es nicht erreiche — das ist nun freilich wunderbar. Was mich betrifft, so bin ich über die Familienangelegenheiten, die uns belasten, vollständig beruhigt. Ich betreibe diese Sache mit Beaumont; quäle Dich also nicht, wir werden sie schon zu Ende bringen.“
„Aber Deine Unruhe in Betreff der Zeitverhältnisse thut mir weh, und ich bitte Dich, mein armes Mütterchen, fasse Muth! Es ist rein unmöglich, sich unter irgend welchem Vorwande der letzten Verordnung zu entziehen, die auch mich ganz speziell betrifft. Die Generäle dürfen sich ihre Adjutanten nur aus der Reihe der Offiziere wählen; die öffentlichen Unterrichtsanstalten wie die polytechnische Schule, das Conservatorium u.s.w. haben den Befehl erhalten, keinen Zögling aufzunehmen, der zur ersten Klasse der Wehrpflichtigen gehört. Du siehst also, daß Jeder dienen muß, und daß es gar kein Mittel giebt, nicht Soldat zu werden. Beaumont hat an alle Thüren geklopft und überall denselben Bescheid bekommen. Man fängt nicht mehr damit an, Offizier zu sein, aber man gelangt dahin, wenn man kann. Beaumont kennt ganz Paris, er ist besonders befreundet mit Barras und hat mich dem tapfern Herrn von Latour d'Auvergne vorgestellt, der werth ist, seiner Unerschrockenheit, seiner Bescheidenheit und seiner Talente wegen, der Türeune dieser Zeit genannt zu werden. Nachdem derselbe mich mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte, sagte er mir: Der Enkel des Marschall von Sachsen wird sich doch nicht fürchten, einen Feldzug mitzumachen? Diese Worte ließen mich weder erröthen noch erbleichen; ich gab ihm zur Antwort: sicher nicht! und dann fügte ich hinzu: aber ich habe mancherlei gelernt, ich wünsche meine Talente auszubilden und ich glaube, daß ich als Offizier oder im Generalstabe meinem Vaterlande mehr nützen könnte, als in den willenlosen Reihen der Gemeinen. — „„Nun wohl!““ erwiederte er, „„das ist freilich wahr, Sie müssen sich eine ehrenhafte Stellung erringen. Indessen müssen Sie immer damit anfangen, von unten auf zu dienen, aber hören Sie, was mir einfällt, um diese Zeit so viel als möglich für Sie abzukürzen.““
„„Ich habe einen vertrauten Freund, der Oberst im 10. Regiment der reitenden Jäger ist. Sie müssen in sein Regiment eintreten und er wird sich freuen, Sie zu haben. Er wäre früher seiner Geburt nach vornehm gewesen und er wird Sie mit Freundschaft überhäufen. Sie mögen dann gemeiner Jäger bleiben, bis Sie sich in der Reitkunst vervollkommt haben. Der Oberst ist auf der Avancements-Liste, wenn er General wird, nimmt er Sie auf meine Empfehlung in seine Umgebung. Avancirt er nicht, so lasse ich Sie im Geniecorps eintreten. Unter keiner Bedingung dürfen Sie jedoch auf Beförderung hoffen, ehe Sie die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt haben. Und so muß es auch sein! wir werden den Ruhm und die Pflicht, die Freude, unserm Vaterlande mit Glanz zu dienen und die Gesetze der Gerechtigkeit und Vernunft mit einander zu verbinden wissen.““ Dies ist der fast wörtliche Inhalt seiner Rede. Und nun, mein Mütterchen, was sagst Du dazu? Ist darauf irgend etwas zu erwiedern? ist es nicht schön, ein Mann, ein tapferer Mann zu sein wie Latour d'Auvergne, und kann man diese Ehre nicht durch einige Opfer erkaufen? oder möchtest Du, daß man von Deinem Sohne, dem Enkel Deines Vaters, Moritz von Sachsen, sagte: daß er sich scheute, einen Feldzug mitzumachen? Die Laufbahn ist mir geöffnet und ich sollte eine ewige, schimpfliche Ruhe dem rauhen Pfade der Pflichten vorziehen? Und überdies, bedenke, liebe Mutter, daß ich zwanzig Jahr alt bin, daß wir zu Grunde gerichtet sind, daß ich ein langes Leben vor mir habe, und auch Du, Gott sei Dank! und daß ich, wenn ich es zu etwas bringe, Dir etwas von dem Wohlleben wiedergeben kann, das Du verloren hast; meine Pflicht und mein Ehrgeiz verlangen dies von mir. Beaumont ist zufrieden mit meinen Ansichten; er sagt, daß man sich fügen muß. Nun ist es einleuchtend, daß ein Mann, der nicht darauf wartet, daß man ihn wie eine zu liefernde Waare in ein Register einträgt, sondern sich freiwillig stellt, um zur Verteidigung seines Vaterlandes zu eilen, größere Rechte an Wohlwollen und Beförderung hat, als derjenige, der sich mit Gewalt herbeiziehen läßt. Ader diese Handlungsweise wurde von unsern Standesgenossen mißbilligt werden. — Sie würden Unrecht haben und ich würde ihre Mißbilligung mißbilligen. Wir müssen sie also reden lassen und sie würden am Besten thun, wenn sie meinem Beispiele folgten. Andere kenne ich wieder, die viel mehr als ich Patrioten sein wollen, und sich doch gar nicht dazu getrieben fühlen, zu den Fahnen zu eilen.“ „Man glaubt hier nur wenig an den Frieden und Beaumont giebt mir den Rath, gar nicht darauf zu rechnen. Herr von Latour d'Auvergne hat Zuneigung zu mir gefaßt; er hat zu Beaumont gesagt, daß ihm mein ruhiges Aussehen gefällt, und daß er durch die Art und Weise, wie ich ihm geantwortet habe, einen Mann in mir erkannt hat. Wahrscheinlich sagst Du, liebe Mutter, daß er mich in einem minder guten Augenblicke gesehen hat, aber kann man nicht oft solche Augenblicke haben? die Gelegenheit muß nur erst da sein! Unser Vermögen ist vernichtet; sollen wir uns deswegen zu Boden werfen lassen? Ist es nicht schöner, sich über sein Unglück zu erheben, als durch eigne Schuld von der Höhe herabzustürzen, auf die uns der Zufall gestellt hatte? Der Anfang meiner Laufbahn kann auch nur einem gewöhnlichen Geiste widerwärtig scheinen; Du aber, Du wirst Dich nicht schämen, die Mutter eines tapfern Soldaten zu sein. Die Heere sind jetzt sämmtlich wohl disciplinirt. Die Offiziere sind Alle Männer von Verdienst — also ängstige Dich nicht. Es handelt sich auch nicht darum, gleich in den Kampf zu ziehen, sondern einige Zeit mit Reitübungen hinzubringen, was mir um so weniger schwer fallen wird, dich auf Deinen Antrieb vielleicht schon mehr von dieser Kunst gelernt habe, als mir noch davon zu lernen bleibt.“
„Ich brauche mich dessen freilich nicht zu rühmen und will damit auch nur sagen, daß ich keine Lehrzeit vor mir habe, die meinen Knochen Gefahr bringt, oder dem Zuschauer Stoff zum Lachen bietet. Auch in dieser Hinsicht kannst Du also ganz ruhig sein. Leb' wohl, Mama; sage mir Deine Meinung über alle meine Ansichten und bedenke, daß aus dem Schmerz der Trennung für uns Beide ein großes Glück hervorgehen kann. Leb' nochmals wohl; ich umarme Dich von ganzem Herzen.“
„Ich umarme Deschartres und ersuche ihn, etwas mehr an seinem Bogen zu streichen, um das Schnarren und Quiken zu vermeiden. Nun, so lache doch ein bischen, mein Mütterchen.“
Das Leben großer Männer ist doch zum großen Theile unbekannt, und viele der bewunderungswürdigsten Regungen haben keinen Zeugen, als Gott und das Gewissen. In dem vorstehenden Briefe finde ich eine solche Regung, die mich tief gerührt hat. Wir sehen hier Latour d'Auvergne, diesen ersten Grenadier von Frankreich, diesen tapfern, einfachen Helden, der kurze Zeit nachher als gemeiner Soldat ins Feld zog, obwohl das neue Gesetz auf seine weißen Haare nicht Anwendung fand ... Aber dies ist eine Geschichte, an die Alle, die sie vergessen haben könnten, wieder erinnert werden müssen. Latour d'Auvergne hatte einen neunzigjährigen Freund, der nur von der Arbeit seines Enkels lebte. Das Conscriptions-Gesetz trifft den jungen Mann, und es giebt kein Mittel sich davon loszumachen. Aber Latour d'Auvergne erhält — als besondere Belohnung für ein ruhmvolles Leben — die Erlaubniß, als gemeiner Soldat in das Heer zu treten, um den Enkel seines Freundes zu ersetzen. Er zieht von dannen, bedeckt sich mit neuem Ruhm, und stirbt auf dem Schlachtfelde, nachdem er jede Auszeichnung, jede Beförderung zurückgewiesen hat! ... Und nun steht dieser Mann, der vielleicht schon den Plan gefaßt hat, mit 55 Jahren an die Stelle eines armen jungen Mannes als Rekrut einzutreten, einem andern jungen Manne gegenüber, der sich zögernd in die Nothwendigkeit des Militärdienstes fügt. Er beobachtet dies verzogene Kind, das eine zärtliche Mutter der Strenge der Disciplin und den Gefahren des Krieges entziehen möchte; er befragt seinen Blick, seine Haltung. Wir begreifen, daß er sich seiner nicht annehmen würde, wenn er ein zaghaftes Herz in ihm entdeckte und daß er ihn durch die Erinnerung an den Krieger-Ruhm seines Großvaters zum Erröthen zwingen würde. Aber ein Wort, ein Blick des Jünglings genügen, um ihm in demselben den künftigen Mann zu zeigen. Und sofort wendet er sich dem Jünglinge freundlich zu, sagt ihm gütige Worte und geht durch großmüthige Versprechungen in die Besorgnisse seiner Mutter ein. Er weiß, daß nicht alle Mütter Heldinnen sind und er fühlt, daß diese Mutter die Republik nicht lieben kann, daß dieser junge Mann mit außerordentlicher Sorgfalt erzogen ist, daß man ehrgeizige Wünsche für ihn hegt, und daß man die antike Aufopferung eines Latour d'Auvergne nicht zu seinem Vorbilde wählen möchte. Aber dieser Latour d'Auvergne scheint die Größe seiner Handlungsweise gar nicht zu kennen, und er ist so wenig eitel darauf, daß er Andere nicht darauf hinweist. Er verlangt von Niemanden gleiche Tugend und er kann diejenigen lieben und achten, die nach dem Wohlstande und der äußern Ehre trachten, die er verschmäht. Er geht auf ihre Pläne ein; er schmeichelt ihren Hoffnungen; er wird an ihrer Verwirklichung arbeiten, wie ein gewöhnlicher Mensch, der die Freuden des Lebens und das Lächeln des Glückes zu schätzen weiß. Und als wollte er seine Verdienste vor sich selber schmälern und sich vor Hochmuth bewahren, faßt er seine Ansicht in die Worte zusammen: „Man kann den Ruhm und die Pflicht, die Freude unserm Vaterlande mit Glanz zu dienen, und die Gesetze der Gerechtigkeit und Vernunft miteinander verbinden.“
Mir erscheint diese wohlwollende, einfache Sprache dreifach groß, dreifach heilig im Munde eines Helden. Was wir von einem glänzenden Leben wissen und sehen, kann immer einer heimlichen Berechnung des Stolzes zugeschrieben werden. Aber in den Einzelnheiten, in den scheinbar unbedeutenden Thatsachen, erfassen wir das Wesen des Menschen. Wenn ich jemals an der Unbefangenheit im Heldenthum gezweifelt hätte, würde mir diese Freundlichkeit des ersten Grenadiers von Frankreich Beweis dafür gewesen sein.
Mein Vater ging auf dies rührende Benehmen nicht weiter ein, wenigstens that er es nicht, als er seiner Mutter darüber schrieb; aber es ist gewiß, daß die Unterredung mit dem Manne, der einst die „höllische Schaar“ angeführt hatte, dessen Herz so zart und dessen Sprache so sanft war, einen tiefen Eindruck auf ihn hervorbrachte. Von diesem Tage an stand sein Entschluß fest und er fand in sich selbst eine gewisse Kunstfertigkeit, seine Mutter über die Gefahren zu täuschen, die seinen neuen Lebensweg umringten. Wir sehen, daß er ihre Gedanken von der nahen Möglichkeit der Schlachten abzulenken sucht, indem er ihr von Reitübungen erzählt; später werden wir ihn noch erfinderischer sehen, um ihr die Qualen der Besorgnisse zu ersparen, bis er selbst durch Gewohnheit gegen die Aufregung der Gefahren abgehärtet ist und anzunehmen scheint, daß auch sie an die Wechselfälle des Krieges gewöhnt wäre. Aber sie konnte sich nie darein ergeben und lange Zeit nachher schrieb sie an ihren Bruder, den Abbé von Beaumont:
„Ich verabscheue den Ruhm und ich möchte alle die Lorbeeren, auf denen ich beständig das Blut meines Sohnes zu sehen erwarte, in Asche verwandeln. Er liebt freilich, was mir Qual macht und ich weiß, daß er, anstatt sich zu schonen, zu jeder Zeit und sogar unnützer Weise an dem Orte ist, wo die meiste Gefahr herrscht. Aus dieser bezaubernden Schale hat er getrunken, seitdem er Herrn von Latour d'Auvergne zum ersten Male sah; dieser verwünschte Held ist es, der ihm den Kopf verdreht!“
Ich kehre nun zur Mittheilung der Briefe meines Vaters zurück und ich kann mir nicht denken, daß meine Leser dieselben zu lang oder zu zahlreich finden sollten. Ich habe wenigstens das Gefühl, daß ich durch ihre Veröffentlichung einzelne Züge der Vergessenheit entreiße, die eine Ehre für die Menschheit sind. Und dieses Gefühl versöhnt mich mit meiner Aufgabe und verursacht mir eine Freude, die ich nie im Dichten eines Romanes empfunden habe.
Siebentes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe, — Freiwillige Einrangirung. — Kriegerische Begeisterung der Jugend 1798. — Brief von Latour d'Auvergne. — Soldatensuppe. — Köln. — Der General von Harville. — Caulaincourt.— Der Capitain Fleury, — Vaterlandsliebe, — Durosnel.
Zweiter Brief.
Paris, 6. vendémiaire VII. (27. Sept. 1798).
Ich schreibe Dir, liebe Mutter, vom Hause unseres Navaresers [Der Abbé Beaumont, sein Onkel.]. Das diesen Morgen publicirte Conscriptionsgesetz, welches befiehlt, ihm in sechsundzwanzig Tagen Folge zu leisten, verhindert mich Deine Antwort zu erwarten, und bestimmt mich, den Entschluß auszuführen, von dem ich Dir sagte. Wir waren beide diesen Morgen bei dem Hauptmanne der Jäger, um das Geschäft in Ordnung zu bringen. Aengstige Dich nicht, liebe Mutter; es handelt sich nicht darum ins feindliche Feuer zu gehen, sondern nur in Garnison nach Brüssel. Ich werde wahrscheinlich bald Urlaub oder eine Ordonnanz erhalten, die mich zwingt bald zu Dir zu kommen, um Dich zu umarmen. — Allen jungen Leuten hier ist der Kopf verdreht — alle hübschen Frauen und guten Mütter sind trostlos. Aber es ist durchaus keine Ursache dazu, wie ich Dich versichere, liebe Mutter. Ich hänge den grünen Dolman über die Schultern, nehme einen großen Säbel, lasse den Schnurrbart wachsen — und da bist Du plötzlich Mutter eines Vaterlandsvertheidigers und hast ein Recht an die Milliarde. Das ist reiner Profit. Also sorge Dich nicht, liebe Mutter — Du siehst mich bald wieder.“
Dritter Brief.
7. vendémiaire VII. (Sept. 1798).
„Ich bin Volontär; ich habe den großen Säbel, die rothe Mütze, den grünen Dolman. Was meinen Schnurrbart betrifft, so ist dieser nicht so lang, als ich wohl wünschte, aber das kommt noch. Man zittert schon bei meinem Anblick; wenigstens hoffe ich das. Wohlan denn, liebe Mutter, betrübe Dich nicht!
„Ich bin Soldat, aber hat der Marschall von Sachsen nicht freiwillig zwei Jahr als solcher gedient? — Du wirst selbst zugeben, daß ich in dem Alter war einen Stand zu wählen. Ich zauderte bei der Wahl, denn Du hattest zuviel Furcht vor dem Kriege — aber im Grunde wünschte ich, daß die Umstände mich zwingen möchten, meinen Neigungen zu folgen; — das ist geschehen; und ich würde glücklich darüber sein, hätte ich nicht den Schmerz Dich zu verlassen und zerrisse mir Deine Unruhe nicht das Herz. — Aber ich versichere Dir, meine gute Mutter, daß man sich dort, wo ich hingehe, nicht schlägt, und daß ich oft Urlaub haben werde, um Dich zu sehen. — Dein Jäger umarmt Dich von ganzem Herzen. — Es ist eine Trompeterstelle im Regimente offen — biete sie Vater Deschartres an. — Ich umarme meine Bonne. Adieu, ich liebe Dich.“
Fünfter Brief.
Paris, 13. vendémiaire (1798).
„Ich schreibe Dir in dem Augenblicke, wo ich zu dem General Beurnoville gehe. Ein Freund des Herrn Perrin wird mich bei dem General, dessen intimer Freund er ist, vorstellen. Beurnoville ist General der für England bestimmten Armee, zu der auch ich gehöre, und ich hoffe durch seine Verwendung ein schnelles Avancement zu haben. Es wird passend sein, daß Du ihm schreibst. Du wirst ihm sagen, daß, wenn Du mich nicht früher zu Verteidigung des Vaterlandes gesandt hast, nur die Gesetze dies verhinderten, daß mir endlich das Conscriptions-Gesetz erlaubte abzureisen und daß Du ihn um seine Verwendung bittest. In alledem wird nur die Hälfte Lüge sein, nämlich Dein Eifer mich in den Krieg zu schicken — aber Du wirst Dich aufs Beste heraus zu ziehen wissen, ich habe darum keine Sorge. — Man spricht hier wieder vom Frieden und alle meine Geschäfte sind wahrscheinlich mit Spaziergängen abgemacht.“
Siebenter Brief.
17. vendémiaire (Oct. 1798).
„Beurnoville hat mir zwei Empfehlungsbriefe gegeben, den einen für den Chef der Brigade und Commandanten des 10. Regimentes, zu dem ich gehöre, den andern für den General von Harville, den General-Inspector der Armee in Mainz. — Er empfiehlt mich ihnen als den Enkel des Marschall von Sachsen, unser Aller Vorbild, wie er sagt, und verlangt meine Verwendung zuerst als Ordonnanz und in Folge, in irgend welchem Zweige, für den man mich passend finden wird. Dem Chef der Brigade empfiehlt er mich ebenso dringend und mit der Bemerkung, daß er sich ihm für jede mir erzeigte Rücksicht sehr verpflichtet halten würde. — Du siehst, daß meine Angelegenheiten den besten Gang gehen — mit diesen Empfehlungen werde ich nicht in den Kasernen verschimmeln. Er sagt ihnen ferner, daß meine Familie mich erhält und daß ich keine Besoldung nöthig habe und darüber bin ich nicht sehr erfreut, denn wir sind nicht reich und ich werde Dir nun viel Geld kosten. Hoffen wir indessen, daß es mir bald möglich ist, von meiner Arbeit zu leben. Sei nicht in Unruhe, meine gute Mutter, und denke, daß Du vielleicht bald von mir sprechen hörst.“
„Man sagt mir, Du wolltest im Berry nicht wissen lassen, in welcher Eigenschaft ich diene, aber wir werden das nicht vermeiden können, liebe Mutter. — Erstens, wer sind die Einfallspinsel, die sich darüber aufhalten, daß Dein Sohn Soldat der Republik ist? Und dann muß ich, damit man Dich in meiner Abwesenheit nicht beunruhig, der Behörde eine Bescheinigung zusenden, daß ich mich in activem Dienste befinde; ohne das würde man mich als Flüchtling und Emigranten betrachten und das wäre mir nicht recht.“
Zehnter Brief.
23. vendémiaire (Oct. 1798).
„Ach wie gut bist Du, mein liebes Mütterchen, daß Du mir Deine Diamanten schickst, da Du kein Geld hast, mich zu equipiren. Du handelst wie die Römerinnen, Du opferst Deinen Schmuck dem Vaterlande! — Ich werde die Diamanten schätzen lassen und sie so gut wie möglich verkaufen.“
Elfter Brief.
25. vendémiaire (Oct. 1798).
„Ich habe gestern bei Herrn von Bouillon mit Herrn von Latour d'Auvergne gegessen. Ach Mutter, welch' ein Mann ist dieser Latour! Wenn Du nur eine Stunde mit ihm sprechen könntest, so würdest Du nicht mehr betrübt sein, Deinen Sohn als Soldaten zu sehen. — Aber es ist jetzt nicht der Augenblick Dir zu beweisen, daß ich Recht habe. — Dein Kummer hindert mich, Dir gegenüber mein Recht zu behaupten. — Ich habe Latour Deinen Brief übergeben; er hat ihn reizend, bewunderungswürdig gefunden und war sehr davon ergriffen, denn er ist eben so gut als brav. Erlaube mir das Geständniß, daß ich, wenn es lauter solche Männer in der Revolution gegeben hätte, noch revolutionärer sein würde, als ich bin ... d. h. daß ich es sein würde ohne Deine Gefangenschaft und Deine Leiden.“
„Ich ging von dort nach der italienischen Oper und habe Montenerro gesehen — es ist abscheulich.“
„Alle eleganten Frauen von Paris waren dort. Madame Tallien, Mademoiselle Lange und tausend Andere bald als Römerinnen, bald als Griechinnen, das konnte mich aber nicht hindern mich zu langweilen.“
Brief von Latour d'Auvergne an meine Großmutter.
Von Passy, am 25. vendémiaire im Jahre VII. der französischen Republik.
Gnädige Frau!
„Erst in diesem Augenblicke habe ich den außerordentlich schmeichelhaften Brief erhalten, mit dem Sie mich beehrten. Sie schulden mir nicht den geringsten Dank für das, was ich für Ihren Sohn in den bedrängten Verhältnissen thun konnte, in denen er sich befand. Die einzigen Personen, die mir wirklich zu Dank verpflichtet sind, sind seine Offiziere und Kameraden, und sie ermangelten nicht auszusprechen, wie sehr sie für den Dienst erkenntlich sind, den ich ihnen leistete, indem ich den jungen Moritz zu ihrem Waffenbruder machte, der jetzt schon verräth, daß er eines Tages die hohe Bestimmung seines unsterblichen Großvaters erfüllen wird. — Man hat alles Mögliche gethan, um seinen Dienst leicht und angenehm zu machen; seien Sie also ganz ruhig, gnädige Frau, über die ersten Schritte in seiner Carriere. — Der Friede, an den ich noch immer trotz der widersprechenden Anzeichen glaube, giebt Ihnen vielleicht den Sohn eher zurück, als Sie zu hoffen wagen. Lassen Sie diese Hoffnung zwischen den Sorgen Platz finden, denen eine zärtliche Mutter so leicht Raum im Herzen giebt, wenn ihr Sohn sie zum Erstenmale verläßt. — Ich habe nicht die Absicht, gnädige Frau, Ihren Gefühlen Einhalt zu thun — sie sind zu gerecht, und wenn ich nicht das Glück habe Vater zu sein, so halte ich mich doch, nach der Wirkung, die Ihr Brief in mir hervorbrachte, wenigstens dieses Glückes würdig.“
„Genehmigen Sie, gnädige Frau, gütigst die Versicherung meiner tiefsten Hochachtung.
Der Bürger Latour d'Auvergne Corret,
Hauptmann der Infanterie.“
Zwölfter Brief.
27. vendémiaire Abends (Octb. 1798).
„Heute reise ich ab, meine gute Mutter. Ich habe Abschied von meinem Hauptmann genommen, der mir, ganz entzückt von Deinem Briefe, ein Empfehlungsschreiben an den Eskadron Chef gegeben und mich mit Zärtlichkeit umarmt hat. Ich weiß nicht, was ich gethan habe, aber dieser würdige Mann scheint mich trotz seiner äußeren Kälte zu lieben wie einen Sohn. Beurnoville hat mich überall empfohlen; er überhäuft mich ebenfalls mit Güte und nennt mich seinen Sachsen. Ich glaube fast, daß ich Alles das mehr den Briefen meiner lieben Mutter als meinem guten Willen zu danken habe. — Ich sende Dir hierbei ein Duplicat meiner Einschreibung. Beaumont hat mich nach der Sektion geführt und mich einschreiben lassen. Diese Maßregel war nöthig, denn ohne sie hätte mich, trotz meiner Gegenwart beim Heere, doch die Strafe des Gesetzes getroffen.“
„Du wirst also lesen, daß ich jetzt die Profession eines reitenden Jägers betreibe und daß ich eine Größe von 1 mètre 733 milimètres habe — und weil Du davon nichts verstehst, denkst Du vielleicht, ich wäre in diesem Monat um 733 Spannen gewachsen; aber es macht nicht mehr als 5 Fuß 8 Zoll. — Als ich gestern meinen Platz in der Diligence bestellte, habe ich den Commis, der mich einschrieb, entführt. — Ah, mein Herr, ich gehöre zum Aufgebot — das ist eine Uniform, die Ihnen sehr gut kleidet, wollen Sie mich Ihrem Hauptmann zuweisen? — Gewiß, mein Kamerad; ich gehe eben zu ihm, begleiten Sie mich. Ein junger Mann, der sich eben auch für die Diligence einschreiben ließ, hörte das und ging mit uns. Bald werde ich den Postillon und die Pferde verleiten, uns zu folgen. Du siehst, liebe Mutter, daß ich nicht allein eine Vorliebe für den Militärstand habe — Alle sind freudig und stolz. — Ich reise ab — ich liebe Dich und empfehle Vater Deschartres, meiner Bonne und selbst Tristan ein wenig, Dich zu zerstreuen, zu beruhigen und Dich zu pflegen. Sei überzeugt, daß ich bald wiederkommen und mich sehr glücklich darüber fühlen werde.
Moritz.“
Dreizehnter Brief.
Köln, 7. brumaire.
„Da bin ich in Köln! Wie schon so weit? — Denke Dir, als ich in Brüssel ankommend, in das Zimmer der sechsten Compagnie trete, war man eben im Begriff zu Tische zu gehen, d. h. sich um die gemeinschaftliche, große Schüssel zu setzen. Man lud mich höflich ein mitzuessen, ich nahm einen Löffel und aß mich mit der ganzen Gesellschaft dick und voll. Ein wenig Rauchgeschmack abgerechnet, war die Suppe, meiner Treu, ganz gut und ich versichere Dir, daß man bei dieser Küche nicht zu Grunde geht. Ich regalirte dann die Kameraden mit einigen Krügen Bier und etwas Schinken — wir rauchten einige Pfeifen miteinander und waren bald so gute Freunde, als hätten wir schon zehn Jahre zusammen gelebt. Plötzlich wurde Appel geblasen und man versammelte sich im Hofe. Der Eskadron-Chef näherte sich, ich trat auf ihn zu und überreichte ihm den Brief des Hauptmanns. Er drückte mir die Hand und theilte mir mit, daß sich der Brigade-Chef und der General, nebst dem übrigen Theile meines Regiments bei den Vorposten der Armee vor Mainz befänden. Ich sah im Augenblicke ein, daß in Brüssel nichts weiter für mich zu thun sei — ich sagte das dem Eskadron-Chef ganz aufrichtig und er gab mir vollkommen Recht. Er ließ mir eine Marschroute für die Vorposten ausstellen, und nach achtzehnstündiger Freundschaft mit meinem Chef und meinen Kameraden reiste ich ab. Aber das Schicksal nützt mir mehr, meine liebe Mutter, als alle Vorsicht. Ich ging über Köln, um mich in die Gegend von Frankfurt zu begeben, wo mein Regiment steht, da erfuhr ich, daß der Bürger von Harville, General en Chef und Inspektor der Cavalerie, in zwei Tagen von Mainz hierherkommen würde. — Ich gebe also meine Reise auf und warte. — Alle sagen, daß er mich, auf die Empfehlung Beurnoville's, seines Freundes, ohne Weiteres als Ordonnanz annehmen wird. — Ich werde also etwas mehr Bewegung haben — wenn nicht körperliche, doch geistige — als wenn ich die Lebensweise der Soldaten in der Kaserne führen müßte. Also meine Angelegenheiten stehen gut, sei ganz ruhig.
„Du wirst durch die Zeitungen erfahren, daß es der Conscription wegen Aufruhr in Brabant gegeben bat. Die Rebellen bemächtigten sich für einige Stunden der Stadt und Citadelle von Mecheln, aber die Franzosen, denen nichts widerstehen kann, haben sie verjagt und 300 getödtet. Man brachte noch während meiner Anwesenheit 27 von den Aufständischen nach Brüssel; es waren Leute aus allen Ständen, auch zwei Kapuziner befanden sich dabei. Die Conscription diente nur als Vorwand; das Projekt der Rebellen war eine Landung der Engländer zu fördern, denn sie zogen sich nach der Seite von Ostende und Gent. — Unsere Diligence zerbrach unterwegs und wir waren genöthigt acht Stunden in Louvin zu bleiben: alle Leute aus den Städten auf der Route kamen uns entgegen, denn da die Diligence ausgeblieben war, hatte sich das Gerücht verbreitet, es sei auch in Brüssel ein Aufstand ausgebrochen. — Der Lärm war bereits bis zu einer Landesneuigkeit angewachsen und man wollte mir kaum glauben, als ich versicherte, daß ich Brüssel sehr ruhig verlassen habe. Man sendet viele Truppen von der Mainzer Armee nach Brabant und hofft bald Alles beruhigt zu sehen. — Mehr und mehr segne ich die Sorgfalt, meine liebe Mutter, die Du auf meine Erziehung verwandtest. Die Kenntniß der deutschen Sprache ist mir hier vom größten Nutzen. Auf dem ganzen Wege habe ich meinen Reisegefährten als Dolmetscher gedient — sie waren untröstlich mich in Köln zu lassen. — Du wirst einen ziemlich traurigen Winter verleben, meine gute Mutter, und dieser Gedanke allein betrübt mich. Aber ich hoffe mit irgend einer Ordre nach dem Departement der Indre geschickt zu werden, dann will ich Dich pflegen, Dich liebkosen und zum Lachen bringen. Dein Schmerz ist meine einzige Sorge; über alles Andere, was nur passiren könnte, lache ich und bin sicher es zu überwinden.“
Während unser Jäger den General Harville erwartend, an den Ufern des Rheins spazieren ging, konnte er nicht immer der Sehnsucht nach seiner Mutter Herr werden. „Die Ufer des Rheins erinnern mich an die Ufer der Seine bei Passy“, schrieb er am 9. brumaire, „und ich überrasche mich oft in tiefer Traurigkeit von Dir träumend — ich rufe Dich dann, wie in der Zeit, als wir so unglücklich waren.“ Er machte damals Bekanntschaft mit einem Adjutanten des Generals Jacobi, sie sprachen viel von Musik, musizirten zusammen und schlossen sich eng einander an. — Endlich kam der General Harville und wählte den Schützling Beurnoville's ohne Verzug zu seiner Ordonnanz; versprach ihm ein schönes, vollständig equipirtes Pferd sobald als möglich zu verschaffen; aber die Pferde waren damals rar und es ließ ziemlich lange auf sich warten.
Der General, der sich damals August Harville nannte, war der Graf von Harville und später Senator und Hofcavalier Josephinens. Vor der Revolution war er Generalmajor gewesen und diente dann unter Dumouriez. Bei der Schlacht von Jemappes hatte er sich etwas kalt und zaudernd gezeigt, wurde nach dem Verrathe seines Obern vor das Revolutionstribunal gefordert, hatte aber das Glück freigesprochen zu werden. Im späteren Verlauf seines Lebens erfreute er sich mehr der Gunst als des Ruhms. 1814 stimmte er für die Absetzung des Kaisers und wurde Pair von Frankreich. Er mochte vielleicht ein muthiger, galanter Mann sein, aber im Allgemeinen lassen Menschen, die jeder Sache gedient haben, kein warmes Andenken in den Herzen zurück; man kann ihrer Aufrichtigkeit zu allen Zeiten ein wenig mißtrauen. Der General war für Empfehlungen der Geburt sehr empfänglich und sein Adjutant und Verwandter, der junge Marquis von Caulaincourt, stachelte ihn bis zur Reaction gegen die revolutionären Ideen. Der aristokratische Charakter dieser zwei Personen ist in den Briefen meines Vaters sehr gut gezeichnet, und ich werde sie noch anführen, denn sie geben ein ziemlich originelles Gemälde von dem täglich wachsenden reactionären Geiste in der Armee — man wird finden, daß schon damals die durch die Revolution aufgestellten Gleichheitsrechte in der That durchaus nicht mehr existirten.
Vierzehnter Brief.
26. brumaire VII. (9. Novbr. 98) Köln.
„... Die Adjutanten des Generals, von denen einer der Bürger Caulaincourt ist, haben mich gestern zum Diner eingeladen. Die Mahlzeit war sehr heiter und freundschaftlich. Später gingen wir in das Zimmer des Generals, der die Rose am Beine hat, und ich bin wohl eine halbe Stunde mit ihm allein gewesen. Er sprach mit dem ungezwungenen Anstande und der Leutseligkeit eines Mannes der früheren Zeit — erkundigte sich, wie ich wohne und esse, und stellte tausend Fragen über meine Vergangenheit, meine Geburt und meine Verbindungen. Als er hörte, daß die Frau und Tochter des Generals von La Marlière den vergangenen Sommer bei Dir verlebten, daß die Tochter des Generals Guibert meinen Neffen geheirathet hat und daß Mad. Dupin von Chenonceaux die Frau meines Großvaters gewesen ist, wurde er immer gütiger, und ich sah wohl, daß dies Alles ihm nicht gleichgültig war. Hernach machte man Musik. Es waren auch viele elegante Herren und Damen aus Köln da, die für Deutsche keine schlechten Manieren hatten. Jeder fragte: „Wer ist denn dieser Jäger?“ denn es ist in Deutschland nicht Sitte, daß die Ordonnanzen in Gesellschaft der höheren Offiziere sind und diese Verletzung der Etikette machte sie ein wenig verwirrt. Ich lache darüber und gehe meinen Gang und das um so mehr, als nach der Musik eine köstliche Collation gereicht wurde, der ich alle Ehre anthat. — Dann kam Punsch, dann walzte man und endlich luden mich die Adjutanten ein mit denen des Platzkommandanten General Fréguier zu soupiren. Wir tranken Champagner, der uns über den Haufen warf, dann noch einmal Punsch — waren Alle etwas benebelt und trennten uns erst um Mitternacht.
„Du siehst, ich lebe wie ein Prinz, trotzdem ich nicht einen Kreuzer in der Tasche habe. Der Generalstab ist sehr gut zusammengesetzt. Die Adjutanten sind alle junge liebenswürdige Leute und der „Bürger“ Caulaincourt hat mir im Auftrage des Generals gesagt, daß ich in drei oder vier Monaten Offizier sein würde.
„Man schlägt sich noch immer mit den Rebellen herum und zwischen Mons und Brüssel sind mehrere Städte verbrannt worden. Köln ist ruhig ...“
„Sage meiner Bonne, daß hier mehrere Stellen als Marketenderin offen sind und daß ich ihr eine davon anbiete. Il Signor Fugantini-Deschartres umarme ich. — Schwatzt man in unserer Gegend noch immer dummes Zeug über meine Abwesenheit oder fängt man an zu glauben, daß ich nicht flüchtig, sondern Soldat bin? Gehen denn alle unsere guten Bauern fort? Fragen sie, wo ich bin? Es kommen hier eine Masse junger Mannschaften an; man zählt sie und rangirt sie ein wie Schafe. Alle Morgen steht die Straße des Generalstabes voll; Manche singen, Andere, die armen Burschen, haben die Augen voll Thränen. Ich möchte sie trösten und ihnen meine Heiterkeit geben können.“
„Gestern glaubte ich mich bei Dir in dem perlgrauen Boudoir, auf der Straße Roi de Sicile zu befinden — es ist merkwürdig, wie die Musik Erinnerungen herbeizaubert.— Dasselbe gilt von Gerüchen. Wenn ich Deine Briefe rieche, glaube ich immer in Deinem Zimmer in Nohant zu sein und das Herz hüpft mir vor Freude bei dem Gedanken, daß ich Dich das Pult von eingelegter Arbeit öffnen sehe, das so gut riecht und so ernste Erinnerungen der vergangenen Zeiten hervorruft.“ [Dieses Meubel von eingelegter Arbeit war dasselbe, von dem Deschartres und mein Vater im Jahre 93 die Siegel lösten, um die Papiere zu unterschlagen, welche meiner Großmutter das Todesurtheil gebracht haben würden. Ich besitze das Schränkchen mit den dreiundzwanzig Fächern noch immer und einige zeigen noch die Spuren des Siegellackes der Republik, Ich habe nicht gewußt, daß es dasselbe ist, bis ich das Protokoll und den eben mitgetheilten Brief meines Vaters fand. Auch die Meubel haben ihre Geschichte; wenn sie sprechen könnten, wie viel würden sie uns zu erzählen haben.]
„Als ich aus dem Theater kam, hat dieser Satan von gutem Kerl (mein Freund, der Sekretair) mich zum Abendessen geführt. Ich wollte keinen Wein trinken, weil er hier zu theuer ist und ich mich davon zu entwöhnen wünschte — seit sechs Tagen habe ich auch keinen Tropfen getrunken, aber als ich ihn auf dem tische stehen sah und von meinem Kameraden genöthigt wurde, konnte ich nicht widerstehen.“
Achtzehnter Brief.
Köln. 23. Frimaire VII (Decbr. 98).
„Wahrhaftig, liebe Mutter, wenn ich es wagte, würde ich mit Dir zanken, denn die Nachrichten von Dir bleiben aus und daran kann ich mich nicht gewöhnen. Eben durchwühlte ich wieder die Depeschen des Generals und kehre abermals traurig zurück. Vorgestern besuchte ich meinen braven Landsmann, Hauptmann Fleury [Der Vater meines Jugendfreundes.] mit einem andern Hauptmanne seines Regiments, Wir fuhren in einem Segelschiffchen den Rhein hinab bis Mühlheim und der Wind, der uns fast das Gesicht zerschnitt, trieb uns ausgezeichnet. Fleury gab ein sehr gutes Diner und das war mir nöthig, denn der Wind hatte mir einen echten Soldatenhunger gegeben. Der brave Mann empfing uns mit offenen Armen und wir haben von nichts gesprochen. als vom Berry. — Das Gefühl, welches man Vaterlandsliebe nennt, ist zweierlei Art. Es giebt eine Liebe für den heimathlichen Boden, die wir fühlen, sobald wir den Fuß auf fremde Erde setzen, wo uns nichts befriedigt, weder die Sprache noch die Gesichter, noch die Sitten noch die Charaktere. Darunter mischt sich eine gewisse nationelle Eigenliebe, die uns veranlaßt, zu Hause Alles besser und schöner zu finden, als bei Andern. Auch das militärische Gefühl kommt, Gott weiß warum, dazu. Aber mag es Kinderei sein oder nicht, ich fühle, daß ich es habe und ein Scherz über meine Uniform oder mein Regiment könnte mich eben so sehr in Zorn bringen, wie einen alten Soldaten die Spötterei über seinen Säbel und seinen Schnurrbart. — Außer dieser Anhänglichkeit an den vaterländischen Boden und diesen esprit de corps giebt es noch eine Vaterlandsliebe, die etwas Anderes ist und die sich nicht definiren läßt. Du, meine liebe Mutter, wirst sagen, das sei meist Chimäre, aber ich liebe mein Vaterland wie Tancred:
Mag es würdig sein oder nicht, ich weihe ihm mein Leben!
Fleury und ich haben diese Liebe selbst durch die Nebel des Rheinweins dunkel empfunden, als wir auf Berry und Frankreich anstießen, daß die Gläser klirrten.
„Wie befindet sich Dein armer Meier? Ziehen seine Kinder fort? Macht Vater Deschartres noch immer ausgezeichnete Curen? Reitet er mein Pferd? Fährt er fort, die Geige zu kratzen? — Sage meiner Bonne, daß, seit sie sich nicht mehr darum kümmert, meine Hemden durchaus nicht in glänzendem Zustande sind. Ihre Idee, die Wäsche zum Ausbessern hinzuschicken, ist vortrefflich. Das Porto würde mehr betragen, als die Hemden werth sind.
„Vorgestern gab man einen großen Ball; der General war mit seinen Adjutanten anwesend. Ich begrüßte ihn, er war sehr freundlich und fragte, ob ich walzen könne. Sogleich beeilte ich mich, ihm einen Beweis dafür zu liefern und bemerkte, daß er mir mit den Augen folgte, und daß er, zufrieden lächelnd, mit seinen Adjutanten über mich sprach. Du liebst den Krieg nicht, liebe Mutter, und ich will nichts Schlimmes von dem alten Régime sagen, aber ich würde doch vorziehen, meine Probe statt auf dem Balle, auf dem Schlachtfelde abzulegen.
„Du fragst, ob ich Caulaincourt bei Seite habe liegen lassen. Er ist, wie ich Dich versichere, durchaus nicht der Mann, den man übersehen darf, denn er macht Regen und Sonnenschein bei dem General. — Ich habe ihm immer alle gebührende Achtung und Aufmerksamkeit bezeigt, aber er ist ein origineller Mensch, der mir gerade nicht besonders gefällt. Einen Tag kommt er uns freundlich entgegen, den andern empfängt er uns ganz trocken. — Er sagt Artigkeiten à la Deschartres, schilt die Sekretaire aus wie Schulknaben und behält im gleichgültigsten Gespräche immer einen Ton, als belehre er alle Welt. Er ist die personifizirte Liebe zum Befehlen, und sagt uns in eben dem Tone, daß es kalt oder warm sei, in welchem er seinen Bedienten befiehlt, das Pferd zu satteln. — Ich liebe Durosnel, den andern Adjutanten, unendlich mehr, denn er ist wirklich liebenswürdig, gut und einfach in seinen Manieren. Er spricht freimüthig und freundschaftlich und hat keine Capricen. Gestern war er auch auf dem Balle und wir tanzten dem Range nach. Zuerst kam Bürger Caulaincourt, dann Durosnel, dann ich, so daß der erste und zweite Adjutant und die Ordonnanz ihre Rotation wie Planeten ausführten.
„Alle Deine Betrachtungen über die Welt in Bezug auf meine Stellung sind sehr wahr, meine liebe Mutter. Ich werde sie mir merken und sie zu nutzen suchen. Dein Brief ist reizend und ich bin gewiß nicht der Erste, der Dir sagt, daß Du schreibst wie die Sevigné: aber Du hast mehr als sie von dem Unbestande alles Irdischen erfahren.“
Achtes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Schlittenfahrten. — Deutsche Baroninnen. — Die Stiftsdame. — Der Eisgang des Rheins.
Dreiundzwanzigster Brief.
Köln, 18. Nivose Jahr VII (Januar 1799).
Der General ließ mich durch Caulaincourt zum Mittagsessen einladen; ich mußte von Jean Jacques Rousseau und meinen Erlebnissen mit Papa erzählen und der General hörte so aufmerksam zu, daß ich darüber den Kopf verloren hätte, wenn ich ein Pinsel wäre. Aber ich hütete mich wohl schwatzhaft zu werden und sagte nur das, wozu ich aufgefordert war. Nach Tisch stiegen der General und Herr Durosnel in einen prächtigen Schlitten, der einen grün-goldnen Drachen vorstellte und von zwei allerliebsten Pferden gezogen wurde; ich stieg mit Caulaincourt in einen andern Schlitten, und als mein Kamerad, der rothe Husar, mich mit dem General von Tisch kommen und wegfahren sah, machte er faustgroße Augen und glaubte wahrscheinlich zu träumen. Der General fuhr durch die ganze Stadt, um zu einer großen Schlittenfahrt einzuladen, die am folgenden Tage stattfinden sollte; ich mußte ihn bei allen Besuchen begleiten, endlich auch zu Frau von Herstadt, die er bat, ihre Tochter an der Fahrt theilnehmen zu lassen. Im Scherze warf er sich der Dame zu Füßen und sagte: Gnädige Frau, wollen Sie mich lange in dieser Stellung lassen, in Gegenwart meiner Adjutanten und meiner Ordonnanz, eines Enkels des Marschalls von Sachsen? Die Damen machten große Augen und begriffen wahrscheinlich nicht, warum ich nicht emigrirt bin.
„Wir haben auch schöne Abonnements-Bälle, die von allen höhern Offizieren und der guten Gesellschaft des Landes besucht werden. Glaubst Du wohl, daß so eine Gans von deutscher Baronin, die ihre Töchter dorthin führt, meine Gegenwart übel vermerkt und ihren Töchtern verboten hat, mit mir zu tanzen? Ein Rittmeister, der bei ihr einquartirt ist, hat mir das erzählt und er war so wüthend darüber, daß er sogleich ausziehen wollte. Sein Zorn war komisch und ich mußte ihn zufrieden sprechen; habe ihn aber nicht verhindern können, gestern Abend allen französischen Offizieren einen Wink zu geben. Als ich nun mit meinem Quartiermeister und meinem Escadronchef, die mit mir gespeist hatten, auf dem Balle erschien, näherten sich uns einige Offiziere und sagten: „„Das Wort ist gegeben, der Eid ist geleistet!““
„„Kein Franzose wird mit den Töchtern der Baronin ... tanzen und wir hoffen, daß auch Sie, meine Herren, sich dazu verpflichten werden.““ Ich frage warum — man antwortet mir, daß die Baronin ihren Töchtern verboten hat, mit Soldaten zu tanzen, und so erfahre ich, daß ich an der Verschwörung schuld bin.
„Aber ich fühle mich versucht, der edlen Baronin zu danken, welche verlangt, daß die Ordonnanzen im Hofe warten, während die Offiziere auf dem Balle sind, denn dies hat mir von Fräulein … die liebenswürdigsten Worte, die zärtlichsten Blicke eingetragen, und wir stehen in einem Wechselverhältniß von Theilnahme und Dankbarkeit, das mich zu großen Hoffnungen berechtigt. Das Fräulein ist Stiftsdame, und so ziemlich Herrin ihres Thuns; sie ist reizend — und meiner Treu, wenn sich eine Stiftsdame des kurfürstlichen Kapitels nicht vor meinem Dolman scheut, kann ich der alten Baronin und ihren Eulen von Töchtern wohl Trotz bieten.“
Vierundzwanzigster Brief.
7. Pluviose Jahr VII.
„Du weißt sicherlich schon, daß der Ehrenbreitstein übergeben ist. Der Rhein richtet hier verteufelte Verheerungen an und der Kölner Hafen ist gerade voll holländischer Kauffahrteischiffe. Anfänglich waren die Eisschollen dicht zusammengedrängt, dann trat eine Überschwemmung ein, welche dieselben bis an die erste Etage der Häuser am Hafen emportrug; darauf hat es abermals gefroren und endlich ist der Rhein in sein Bett zurückgekehrt. Da nun kein Wasser mehr unter der Eisdecke war, ist sie geborsten, und die Schiffe, die sich an die Häuser lehnten, sind aus einer Höhe von dreißig Fuß in den Hafen hinuntergefallen und zum größten Theil zerschmettert. Dies Ereigniß ist einzig in seiner Art und vielleicht noch nie da gewesen. Gestern war ich den ganzen Nachmittag auf einer Bastion am Rheine, um seine Bewegungen zu beobachten; ein Artillerie-Offizier, den ich sehr lieb habe und der dies erwiedert, war auch dabei; wir hatten einen Vierpfünder und bei jedem Stoß der Eismasse benachrichtigten wir die Mannschaft im Hafen durch einen Kanonenschuß. Dabei habe ich mich meiner Spiele in der rue du Roi de Sicile erinnert und habe jedesmal, wenn ich die Kanone abfeuerte, dasselbe Vergnügen empfunden. Du magst sagen, was Du willst, liebe Mutter, es giebt nichts Hübscheres als Getöse und ich wollte, ich könnte Dich wieder so wie sonst damit quälen! ... Aber ich werde jetzt zu Tische gerufen. Dabei wird gelacht, geschrien, das ist ein Lärm, daß man sein eigen Wort nicht mehr hört — doch, obwohl ich das Geräuschvolle liebe, wollte ich es gern entbehren, um mit Dir zu plaudern. Jetzt muß ich Dich eilig verlassen, zuvor aber umarme ich Dich so zärtlich, wie ich Dich liebe.
Du wünschest den Frieden, meine gute Mutter, und ich zittre bei dem Gedanken, daß er geschlossen werden könnte. Der Krieg allein gewährt mir die Möglichkeit zu avanciren, und sobald er wieder ausbricht, kann ich leicht und auf ehrenvolle Weise Offizier werden. Wer sich in einem Treffen gut benimmt, kann sogar schon auf dem Schlachtfelde dazu ernannt werden. Welche Freude! welcher Ruhm! mein Herz schlägt schon bei dem Gedanken daran! und dann giebt es auch Urlaub und man kann glückliche Augenblicke in Nohant verleben, wo man für das Wenige, das man geleistet hat, herrlich belohnt wird.
„... Man nennt sich hier nicht mehr „Bürger“ und „Bürgerin“ — unter den Kriegern wird das „Herr“ von Tag zu Tag gebräuchlicher und die Frauen sind immer „Damen“. Sag' zu Deschartres, daß er ein ... ist, so lange zu schlafen.
„Leb wohl, meine gute Mutter, ich umarme Dich aus voller Seele.“
Neunundzwanzigster Brief.
Köln, den 20. Pluviose Jahr VII.
„Glücklich Jeder, dem die Mutter erhalten bleibt und der sich ihrer Zärtlichkeit erfreuen kann! er ist zum Guten vorherbestimmt, denn ihm wird das Glück zu Theil, um seiner selbst willen geliebt zu werden.
„Dein Brief, meine liebe Mutter, hat mein Tagewerk auf das Angenehmste beschlossen; ich erhielt denselben, als ich mit Lecomte — so heißt der Jäger, dessen Sekundant ich war — von einem Spaziergange am andern Ufer des Rheines zurückkam. Er hat mir das Schiff eines ihm befreundeten Kaufmanns gezeigt, das bei dem Eisgang nicht gelitten hat. Es ist sehr hübsch und die Gemächer sind von außerordentlicher Reinlichkeit. Wir haben es nach allen Richtungen besehen; es war ganz mit Waaren angefüllt; der Kaufmann und alle seine Leute waren beschäftigt, es für Holland auszurüsten. Aufseher und Arbeiter bewegten sich auf dem Verdeck. Nur wir, der Jäger und ich, waren unthätig inmitten dieser beschäftigten Menge. Ich hatte mich auf meinen Säbel gestützt, die Pfeife im ... und meine Augen starrten mit dummer Verwunderung in dies Treiben; dabei sagte ich zu mir selbst: „Ich bin in reichern und vornehmem Verhältnissen geboren, als diese großen Kaufleute, die Häuser in der Stadt, Schiffe im Hafen und Koffer voll Gold ihr Eigenthum nennen. Und ich, der Soldat der Republik, besitze nichts als meinen Säbel und meine Pfeife ... Aber Eis und Feuer, Diebe und Grenzwächter stören meinen Schlummer nicht ... wie viele Sorgen bleiben mir erspart! mag die Stadt zusammenstürzen, der Hafen und Alles, was darin ist, versinken — was mach' ich mir daraus! Arbeitet ihr nur für euch selbst, ihr Lumpenhunde, erwerbt euch Geld! wir, wir arbeiten für unser Vaterland und wir werden Ruhm erwerben — mein Beruf wiegt den eurigen auf.“
„Und darauf ließ ich meinen Jäger am Bord, um mit seinem Freunde, dem Kaufmann, einige Flaschen zu leeren; ich bin dann zu meiner Stiftsdame gegangen — sie hatte mir versprochen, heftige Kopfschmerzen vorzuschützen, um sich vom Besuch des Theaters frei zu machen und um den ganzen Abend allein zu Hause bleiben zu können.“
Neuntes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Saint-Jean. — Garnisonsleben. — Das „kleine Haus.“ — Abreise von Köln
Einunddreißigster Brief.
Von meinem Vater an meine Großmutter.
Den 21. Ventose Jahr VII (März 1799).
„Coulaincourt ist endlich abgereist; ich habe ihm Gesundheit und glückliche Reise gewünscht, er hat mir durch tiefe Verbeugungen geantwortet, die noch kälter waren als gewöhnlich — und ich habe nicht geweint. Das ist doch wunderbar!
„Der General sagt, daß ich mich nicht genug beschäftig; aber womit soll ich mich beschäftigen, wenn er mir nichts zu thun giebt? Ich habe nicht einmal ein Pferd zu reiten und unsere Zeit wird hier damit ausgefüllt, Besuche zu machen, in's Theater und zu Ball zu gehen. Wenn ich nicht die leidenschaftliche Liebe zur Musik besäße, würde ich mich zum Sterben langweilen, denn ich muß die Commandos und die Evolutionen der Escadron in meinem Zimmer studiren, wodurch ich nichts Bedeutendes lerne. Seitdem ich bei meinem Doktor bin, begleite ich dessen Tochter und auf meine Bitte hat auch die schöne Stiftsdame die Musik wieder aufgenommen, in der sie bewunderungswürdige Fertigkeit besitzt. Sie hat ein Klavier aus Mainz kommen lassen und spielt es mit viel Geschmack und Leichtigkeit. Dann spiele ich auch oft Violine und singe bei Madame Maret, der Frau des Oberkriegskommissärs in Köln. In ihrem Hause versammeln sich alle Franzosen, die zur guten Gesellschaft gehören, sogar der General besucht sie zuweilen.
„Wir haben eine sehr schöne Revüe gehabt, die durch prachtvolles Wetter begünstigt wurde. Da haben sich die Federbüsche und Stickereien mal in vollem Glanze zeigen können. Die Musik war sehr gut und das Alles stieg mir zu Kopfe ... ich war glücklich! Indessen giebt dies Alles nur Luft zum Handwerk, aber es befriedigt mich nicht. Es ist freilich wahr, daß der Krieg wieder begonnen hat, wennicht gar schon erklärt ist — Er muß sein! ich hoffe auf das Signal meiner Beförderung. Diese Hoffnung darf Dich nicht erschrecken. Bedenke, daß in den verschiedenen Corps Ergänzungen nöthig sein werden, und daß endlich auch ich an die Reihe kommen muß. Kennst Du etwas Lächerlicheres als die Unterhandlungen von Rastadt? Man erweist sich von beiden Seiten große Höflichkeiten und man beschießt sich unter Freundschaftsbetheuerungen.
„Was Du mir von der nächsten Ernte erzählst, ist nicht erfreulich. Aber in meiner optimistischen Weisheit habe ich mir ausgedacht, daß, wenn das Korn selten ist, es auch theuer sein muß, so daß Du nicht dabei verlierst. Es ist wahr, daß die Armen, auf die es zurückfällt, Dir wieder zufallen, und daß Du deren mehr als gewöhnlich zu ernähren haben wirst. So sehe ich denn wohl ein, daß mein Optimismus ein Irrthum ist, und daß sich ein gutes Herz nicht mit dem Reichthum verträgt.
„Sage zu Saint-Jean, im Heere hätte sich das Gerücht verbreitet, daß alle Männer von vierzig bis fünfundfünfzig Jahren einberufen werden sollten, und daß ich suchen würde, ihn als Koch in das Regiment zu bringen, damit er keinem Feuer, als dem der Küche ausgesetzt wäre — denn ich glaube, daß ihm dasjenige der Batterien nicht zusagen würde.“
Dieser Saint-Jean, beständiger Gegenstand der Neckereien meines Vaters, war der Kutscher des Hauses und der Gatte der Köchin Andelan. Dies alte Ehepaar ist bei uns gestorben, der Mann nur wenige Monate früher, als meine Großmutter, die es gar nicht erfahren hat, da ihre Lähmung erlaubte, es ihr zu verheimlichen. Saint-Jean war ein sehr drolliger Trunkenbold; sein Leben lang war er übermäßig feig und wurde besonders im Zustande der Trunkenheit von Gespenstern angefallen: von Georgeon, dem Teufel der Vallée-noire; von der weißen Windhündin, von dem großen Thiere, von allen Gestalten, die der Volksaberglaube unserer Gegend erschafft. Wenn er an Posttagen die Briefe von la Châtre holte, traf er zu dieser Reise von einer Meile die feierlichsten Vorbereitungen — und besonders im Winter, wenn er erst beim Anbruch der Nacht zurückkehren sollte. Sobald er sich Morgens durch einige Pinten Landwein ermuntert hatte, zog er ein Paar Stiefeln an, die wenigstens aus der Zeit der Fronde herstammten und hüllte sich in ein Gewand von unbeschreiblicher Form und Farbe. Er nannte dasselbe seine Roquemane — Gott mag wissen, wo er diesen Namen aufgefischt hatte. Dann umarmte er seine Frau; sie brachte respectvoll einen Stuhl herbei und mit seiner Hülfe schwang sich Saint Jean auf einen alten phlegmatischen Schimmel, der ihn in weniger als zwei kleinen Stunden (so war sein Ausdruck) zur Stadt trug. Hier vergaß er sich wieder zwei oder drei „kleine Stunden“ im Wirthshause, vor und nach den Besorgungen, und endlich, beim Einbruch der Dunkelheit, trat er den Rückweg an, den er selten ohne Hindernisse vollbrachte: bald begegnete ihm eine Räuberbande, die ihn durchprügelte; bald stürzte ihm ein ungeheurer Feuerball entgegen und sein „feuriges“ Roß rannte mit ihm querfeldein; bald legte sich der Teufel in irgend welcher Gestalt unter den Bauch seines Pferdes und verhinderte dessen Weitergehen; endlich setzte sich Satan wohl gar hinter ihm auf's Pferd und nahm ein so fürchterliches Gewicht an, daß das arme Thier nothwendiger Weise stürzen mußte. War er um neun Uhr Morgens von Nohant fortgeritten, so gelang es ihm wohl bis neun Uhr Abends zurückgekehrt zu sein, und während er dann langsam seine Mappe öffnete, um meiner Großmutter Briefe und Zeitungen zu überreichen, erzählte er uns mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt die Geschichte seiner Visionen.
Eines Tages bestand er ein drolliges Abenteuer, dessen er sich eben nicht zu rühmen pflegte. Es war ein nebliger, düstrer Abend und er war auf seinem Heimwege in die tiefen Betrachtungen versunken, welche der Wein verursacht. Plötzlich sah er sich zwei bewaffneten Reitern gegenüber, die jedenfalls Räuber sein mußten. Zur Flucht war nicht mehr Zeit, und nun überfiel ihn plötzlich eine jener muthigen Regungen, die allein durch Furcht hervorgebracht werden. Er hält sein Pferd an, sucht die Räuber zu schrecken, indem er sich selbst zum Räuber macht und schreit mit fürchterlicher Stimme: Halt, meine Herren! das Geld oder das Leben!
Die Reiter erstaunen über solche Kühnheit, glauben von Banditen umgeben zu sein, ziehen den Säbel und sind drauf und dran, den armen Saint-Jean übel zuzurichten, als sie ihn plötzlich erkennen und in lautes Gelächter ausbrechen. Sie verließen ihn übrigens nicht, ohne ihm eine kleine Strafrede zu halten und ohne ihn mit dem Gefängniß zu bedrohen, wenn er dergleichen noch einmal versuchte. Er hatte die Gendarmerie überfallen.
In seiner Jugend war Saint-Jean in dem Marstall Ludwig's XV. eine Art Stallknechts-Untergehülfe gewesen und hatte sich aus jener Zeit feierliche, würdevolle Manieren und eine unerschütterliche Ehrfurcht für das Königthum bewahrt. Später war er Postillon gewesen, und als ihn, nach der Revolution, meine Großmutter als Kutscher in ihren Dienst nahm, erhob sich eine kleine Schwierigkeit, weil Saint-Jean sich weigerte, einen Kutschbock zu besteigen und seine Jacke mit rothen Aufschlägen und silbernen Knöpfen abzulegen. Meine Großmutter, die keinem Menschen widerstrebte, fügte sich denn auch seinem Begehren und so hat er sie sein Leben lang als Postillon gefahren. Da er aber die Gewohnheit hatte, im Reiten zu schlafen, warf er sie häufig um — mit einem Worte, er bediente sie fünfundzwanzig Jahre lang auf die unerträglichste Weise, ohne daß es seiner unglaublich gütigen und geduldigen Herrin in den Sinn gekommen wäre, ihn fortzuschicken.
Wahrscheinlich nahm er die Neckereien meines Vaters wegen Einberufung der fünfzigjährigen Rekruten für baare Münze, und verheirathete sich zu dieser Zeit mit der Andelan, um sich den Anforderungen der Republik zu entziehen. Wenn man ihn zwanzig Jahre später fragte: ob er bei der Armee gewesen wäre, gab er zur Antwort: nein, aber ich wäre fast dazu gekommen! Als mein Vater nach dem italienischen Feldzuge und der Schlacht von Marengo zum ersten Male auf Urlaub kam, ergriff Saint-Jean, der ihn nicht erkannte, bei seinem Anblick die Flucht. Als er nun sah, daß sich der Fremde in die Zimmer meiner Großmutter begab, lief er zu Deschartres, um ihm zu sagen, daß ein fürchterlicher Soldat trotz seines Sträubens in das Haus gedrungen wäre, und daß die gnädige Frau sicherlich ermordet würde.
Trotz alledem hatte er seine guten Seiten. Als er einst wußte, daß meine Großmutter in Verlegenheit war und sich ängstigte, weil sie ihrem Sohne nicht gleich Geld senden konnte, brachte er ihr in höchster Freude seinen Jahreslohn, den er wunderbarer Weise noch nicht vertrunken hatte. Vielleicht war ihm derselbe erst am Tage zuvor ausgezahlt — aber es war sein eigner Einfall und für einen Trunkenbold ist das viel! Meinem Vater vergab er es auch, wenn er die Pferde etwas anstrengte; aber auf seine alten Tage wurde er unduldsamer, und wenn ich reiten wollte, mußte ich häufig selbst satteln und zäumen, oder ich mußte wohl gar im Schritt bis zum nächsten Dorfe reiten, um meinem Pferde das Hufeisen wieder aufschlagen zu lassen, das ihm Saint-Jean heimlich abgenommen hatte, um mich am Schnellreiten zu hindern.
Von meinem Vater hatte Saint-Jean ein Paar silberne Sporen erhalten; er verlor einen davon, weigerte sich beharrlich, ihn zu ersetzen und bediente sich für den Rest seiner Tage nur eines Sporns. Wenn ihn seine Frau zu einem Ritt ausrüstete, versäumte er niemals, ihr zu sagen: „Madame, vergeßt nicht, mir meinen silbernen Sporn anzuschnallen.“
Aber obwohl sie sich „Madame“ und „Monsieur“ zu nennen pflegten, verging nicht ein Tag in ihrer süßen Ehe, ohne daß sie sich geprügelt hätten, und endlich starb der Vater Saint-Jean so betrunken, wie er gelebt hatte.
Aus dem Vorrath meiner Briefe theile ich hier noch einige mit.
Köln, 19. Floréal.
„Du magst sagen, was Du willst, mein Mütterchen, ich rieche nicht nach dem Stalle; die Wartung meines Pferdes ist eine Kleinigkeit und es kommt ja auch nur darauf an, eine besondere Kleidung zu diesem Zwecke zu haben. Und, meiner Treu! wenn sich auch mal etwas von diesem Duft an unsre Person hängt, so zeigen doch unsre Schönen nicht, daß sie es bemerken — und jedenfalls müssen sie sich daran gewöhnen; wenn wir wirklich im Kriege wären, würden wir noch schlechter riechen. — Erlaube mir, Dir zu sagen, meine gute Mutter, daß Dein Vorschlag, mein Taschengeld zu erhöhen, damit ich mir einen Bedienten halten kann, mir gar nicht zusagt. Ich mag das nicht, weil Du nicht reich genug bist, ein solches Opfer zu bringen und dann, weil ein gemeiner Jäger, der sich die Stiefel putzen und sich von einem Bedienten aufwarten ließe, der Spott des ganzen Heeres würde. Wenn ich bei dem Gedanken, in meiner Lage einen Kammerdiener zu halten, gelacht habe, so ist mir Deine Sorgfalt doch sehr rührend erschienen — und wenn es Dich in Verzweiflung bringt, mich mit der Mistgabel und dem Striegel zu sehen, so will ich Dir zur Beruhigung sagen, daß ich, wenn ich Luft dazu hätte, mein Pferd für sechs Franks monatlich durch einen Stallknecht des Generals besorgen lassen könnte.
„Die Frauen sind dazu geschaffen, uns über alles Leid der Erde zu trösten; nur bei ihnen finden wir jene zarte, reizende Sorgfalt, deren Werth durch Anmuth und Gefühl noch erhöht wird. Du, meine liebe Mutter, hast mir diese Sorgfalt bewiesen, als ich bei Dir war, und jetzt machst Du meine Fehler wieder gut. Oh! wenn Dir alle Mütter glichen, wären Frieden und Glück nie aus den Familien verschwunden. Durch jeden Brief von Dir, durch jeden Tag, der verfließt, werden meine Liebe und Dankbarkeit für Dich erhöht. O nein, wir dürfen das schwache Wesen nicht verlassen — ich weiß auch, daß Du es nicht verlassen wirst. Wir wollen den schrecklichen Vorwurf der jungen Vögel nicht rechtfertigen, die im Gedicht den Menschen vorwerfen, daß sie ihre Kinder in's Findelhaus bringen, während die Vogelmutter ihre Brut versorgt.
„Deine Betrachtungen, meine liebe Mutter, haben mich tief gerührt; leider haben sie mich zu spät belehrt, und wenn Deine Güte bei dieser Gelegenheit nicht die unvorhergesehenen Folgen meiner Leidenschaft wieder gut gemacht hätte, bliebe mir nichts als schmerzliche, unfruchtbare Reue. Aber die Tugend lehren und üben, ist Dein Beruf und Deine Gewohnheit. Leb wohl, meine gute, meine vortreffliche und geliebte Mutter; ich werde zum General berufen und habe nur noch Zeit, Dich in Gedanken zu umarmen.
Moritz.“
Zur Erklärung dieses Briefes möge Folgendes dienen: ein junges Mädchen, das zur Dienerschaft meiner Großmutter gehörte, hatte einem schönen Knaben das Leben gegeben, der später der Gefährte meiner Kindheit und der Freund meiner Jugend wurde. Das hübsche Geschöpf war nicht der Verführung erlegen, sondern hatte sich, wie mein Vater, durch die Leidenschaft der Jugend hinreißen lassen. Meine Großmutter entfernte sie ohne Vorwürfe, sorgte für ihren Lebensunterhalt, behielt das Kind und ließ es erziehen.
Der Kleine wurde zuerst einer sehr reinlichen Bauerfrau, die fast Thür an Thür mit uns wohnt, zur Pflege übergeben. Wir sehen aus den spätem Briefen meines Vaters, daß er durch seine Mutter Nachrichten über dies Kind erhält, und daß sie sich, um es zu bezeichnen, einer verblümten Redeweise bedienen und vom „kleinen Hause“ schreiben. Mit den „kleinen Häusern“ wollüstiger Edelleute aus der guten alten Zeit, war hier freilich keine Aehnlichkeit zu finden. Wenn auch von einem kleinen, ländlichen Hause die Rede war, so fanden dort doch keine andern Rendezvous statt, als zwischen einer zärtlichen Großmutter, einer rechtschaffenen Amme vom Lande und einem guten, dicken Kinde, das man nicht im Waisenhause lassen wollte und das mit derselben Sorgfalt erzogen werden soll, wie ein rechtmäßiger Sohn. Die Verirrung des Augenblickes sollte durch die Sorgsamkeit des ganzen Lebens gesühnt werden.
Meine Großmutter hatte Jean Jacques gelesen, sie liebte ihn und wußte seine Wahrheiten wie seine Irrthümer zu nützen; denn wer sich eines schlechten Beispiels bedient, um ein gutes zu geben, läßt das Böse sogar dem Guten zum Vortheil dienen.
Siebenunddreißigster Brief.
Köln, 19. Prairial. Jahr VII. (Juni 99).
„Beruhige Dich, meine gute Mutter, der General hat seinen Abschied nicht eingereicht. Es ist seine Gewohnheit jährlich einen oder zwei Monate auf seinen Gütern zuzubringen und er verliert mich deshalb nicht aus den Augen. Er hat eben sehr freundlich mit mir gesprochen, um mir zu sagen, daß ich mich zum Depot begeben müßte; daß dies nöthig wäre, damit ich die Evolutionen der Kavalerie gehörig kennen lerne und daß dies nicht lange dauern würde, da er sowohl als Beurnoville und Beaumont beim Directorium um Beförderung für mich nachgesucht hätten. Er sagte auch, daß er wüßte, wie ungern Du mich in der Garnison sehen würdest, daß dies aber das einzige Mittel für mich wäre, unter seinen Augen zu bleiben, was doch andererseits wieder Dein Wunsch ist. Das Depot ist nämlich in Thionville und der General geht nach Metz oder in die Umgegend. Das Geld, das ich zur Reise brauche, wird er mir leihen; also ängstige Dich nicht, betrübe Dich nicht. Mir wird es überall gut gehen, wenn ich weiß, daß Du zufrieden bist. Bedenke, daß, wenn Du Dich unglücklich machst, ich es auch sein muß, und wäre ich auf dem Gipfel des Reichthums und im Schooße des Genusses. Eines schönen Tages wirst Du mich als Offizier ankommen sehen, vom Kopf bis zu den Füßen mit Tressen besetzt, und dann werden sich die Herren Potentaten von la Châtre bis zur Erde vor Dir bücken. Wohlan, mein Mütterchen, fasse Muth! reise; geh' in's Bad; zerstreue Dich; suche Dich zu amüsiren — mich zu vergessen sogar, wenn mein Andenken Dich quält. Aber nein, vergiß mich nicht, und sprich mir Muth ein. Das ist sehr nöthig, denn ich habe einen Abschied zu nehmen, der mir sehr schwer fällt. Sie weiß noch nichts von meiner Abreise; aber heute Abend muß ich sie ihr verkündigen und dann werden Thränen die Stelle der Freude vertreten. Ich werde im Schmerze an Dich denken, wie ich im Entzücken an Dich gedacht habe. Mit dem nächsten Courier werde ich Dir ausführlicher berichten; vor dem Abgange des heutigen muß ich, auf Wunsch des Generals, noch an Beurnoville schreiben.
„Alle Deine Maßregeln für das kleine Haus sind vortrefflich und liebenswürdig. Du schonst meine Eigenliebe, die nicht empfindlich ist, Du kannst es glauben. Ich mache mir über dies Alles viel mehr Vorwürfe, als Du gegen mich aussprichst; aber Du beschützest die Schwachheit, Du verhütest das Unglück, wie gut Du bist, meine Mutter, und wie liebe ich Dich!“
Achtunddreißigster Brief.
Köln, 26. Prairial, Jahr VII. (Juni 99).
„Du bist traurig, meine gute Mutter, ich bin es auch und zwar über Deinen Schmerz; denn was mich betrifft, ich habe Muth und habe mir immer gesagt, daß ich über die Liebe meine Pflicht nicht vergessen dürfte. Aber gegen Deine Leiden habe ich keine Stärke! ich sehe, daß Dein Dasein durch unaufhörliche und übermäßige Besorgniß vergiftet ist. Mein Gott! Du bereitest Dir selbst die schrecklichsten Wahnbilder. Oeffne doch die Augen, liebe Mutter, und überzeuge Dich, daß das Alles nicht so düster ist. Was geschieht denn auch? Ich reise nach Thionville, einer Stadt im Innern des Landes, wo es so ruhig wie möglich ist; die Zuneigung und der Schutz meines Generals folgen mir und er empfiehlt mich dem Eskadron-Chef. Ich kann mich von dort nur auf seinen Befehl entfernen und habe also gar nicht die Freiheit jene Zufälle herauszufordern, welche Du für mich fürchtest [Er betrog sie und mußte sie betrügen.]. Könnte ich Dich doch auf einige Zeit in einen Husaren verwandeln, damit Du sähest, wie leicht das ist, und welche Fülle von Sorglosigkeit dieser Kleidung angehört. Weißt Du, wie ich Köln verlassen werde? In Thränen vielleicht? Nein, die muß ich verschlucken, um mich in den Lärm eines Festes zu stürzen. Als ich den Freunden meine nahe Abreise anzeigte, riefen sie Alle: „Wir wollen ihm ein Ehrengeleit geben; in seinem ersten Quartier wollen wir uns betrinken, um uns im Rausche von einander zu trennen, denn mit vollem Bewußtsein fiele uns das zu schwer.“ Um dies in's Werk zu setzen, werden drei Kabriolets, zwei andere Wagen und fünf Sattelpferde ausgerüstet, die mich nach Bonn begleiten sollen. Ich werde nicht allein durch unsere Tischgesellschaft escortirt, auch ein junger Offizier der leichten Infanterie, ein liebenswürdiger Pariser, der eine ausgezeichnete Erziehung genossen hat. Maulnoir, die Sekretaire des Generals, ein Magazin-Aufseher und ein junger Adjutant des Platz-Kommandanten begleiten uns; letzterer wird der fröhlichen Gesellschaft einiges Ansehen verleihen und wird sie bei dem Lärm, den sie zu machen gedenkt, vor Arretirungen sichern. Es ist doch wirklich sehr angenehm beliebt zu sein, und Du siehst wohl, daß Reichthum und Rang nichts dazu thun. Die Zuneigung beachtet so etwas nicht, besonders in der Jugend, welche die Zeit wirklicher Gleichheit und brüderlicher Freundschaft ist. „Bis jetzt beläuft sich meine Gesellschaft auf etwa zwanzig Personen; aber mein Gefolge vermehrt sich mit jedem Augenblick durch neue Gäste. Diese Stadt ist der Vereinigungspunkt aller Beamten des linken Flügels der Donau-Armee, unter denen sich eine Menge liebenswürdiger junger Leute befinden. Ich bin mit Allen bekannt. Wir schwimmen miteinander, wir fechten, wir spielen Ball, und da ich der Gefährte ihrer Freuden bin, wollen sie nicht, daß ich sie ohne feierliches Lebewohl verlasse. Der Postmeister sogar, ein junger, liebenswürdiger Mann, will sich dabei betheiligen und uns umsonst Wagen und Kabriolets liefern. Ich werde würdevoll zu Pferde sitzen — und wenn Alexander einen ruhmvollen Einzug in Babylon hielt, so glaube ich, daß ich in Bonn einen fröhlichen halten werde.“
Zehntes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Das Geleit. — Thionville. — Die Ankunft beim Depot. — Wohlwollen der Offiziere. — Der Fourier als Lehrer feiner Sitten. — Der erste Grad. — Eine fromme Lüge.
Neununddreißigster Brief.
2. Messidor. Jahr VII. (Juni 99).
„Meine liebe Mutter! ich habe Köln verlassen, wie ich es Dir vorhergesagt hatte, in Begleitung von Wagen und Pferden, die eine lärmende, ausgelassene Jugend trugen. Der Zug wurde durch Maulnoir und Leroy, Adjutanten des Generals angeführt. Ich ritt zwischen ihnen, Patrontasche und Karabiner auf dem Rücken und mein ungarisches Roß war nach Husarenweise aufgezäumt. Wo wir vorüberkamen, traten die Wachen unter's Gewehr und wer diese Federbüsche im Winde wehen, diese Wagen dahinrollen sah, dachte gewiß nicht, daß es sich um das Geleit eines gewöhnlichen Soldaten handelte.
„Statt nach Bonn zu gehen, wie wir uns erst vorgenommen hatten, verließen wir die Straße und wendeten uns nach Brühl, einem prächtigen Schlosse, das früher die gewöhnliche Residenz des Kurfürsten war. Dieser Ort war zur Feier des Abschiedes viel passender als Bonn. Erst frühstückte die lustige Bande und dann wurde das Schloß besehen. Es ist eine Nachahmung von Versailles; in den verfallenden Gemächern befinden sich noch schöne, mit Fresken verzierte Plafonds; die Treppe ist breit und hell, wird durch Kariatiden getragen und ist mit Bas-Reliefs geschmückt. Aber trotz aller Pracht trägt das Ganze den unauslöschlichen Stempel des schlechten deutschen Geschmacks. Wenn sie uns copiren, können sie das Uebertreiben nicht lassen, und beschränken sie sich darauf nur nachzuahmen, so wird es eine Nachäfferei. Ich habe mich lange mit dem Jägeroffizier, der so wie ich für die Künste schwärmt, in dem Palast herumgetrieben.
„Nachher haben wir uns mit der Gesellschaft im Parke vereinigt und nachdem dieser in allen Richtungen durchstreift war, entschlossen wir uns Ball zu schlagen. Wir waren auf einem schönen Rasenplatze von einer prächtigen Hecke umgeben und das Wetter war köstlich. Jeder warf den Rock ab, streckte die Nase in die Luft, verfolgte den Ballon mit den Augen und mühte sich ab nach Herzenslust, bis sich, am Ende einer dunkeln Allee, die Vorbereitungen zum Bankett sehen ließen. Nun wurde das Spiel verlassen. — Alle liefen so schnell sie konnten dem Tische zu und die kleinen Pastetchen wurden verschlungen, noch ehe sie aufgetragen werden konnten. Nach dem Essen, das von Zärtlichkeiten und Thorheiten begleitet war, mußte ich in die Rinde eines großen Baumes, der unsere Mahlzeit beschattet hatte, ein Jagdhorn, einen Säbel und die Anfangsbuchstaben meines Namens einschneiden. Kaum war ich damit fertig, als die Andern ihre Namen ringsumher einschnitten mit der Devise:, unsere Sehnsucht folgt ihm.“ Dann wurde ein Kreis um den Baum gebildet, man begoß ihn mit Wein, man trank in der Runde aus meinem Tschako, den man „die Schale der Freundschaft“ nannte. Als es spät wurde, führten sie mir mein Pferd zu, umarmten mich, ehe ich dasselbe bestieg, umarmten mich abermals, als ich darauf saß, und so verließen wir uns mit thränenden Augen. Ich ritt schnell von dannen und hatte die Kameraden bald aus den Augen verloren.
„Und nun bin ich allein und reite traurig vorwärts auf der Straße nach Bonn; habe mit einem Schlage meine Freunde und meine Geliebte verloren und finde das Ende des Tages ebenso düster, als sein Anfang glänzend gewesen war. Sicherlich ist dies Abschiednehmen in der Betäubung, der Lustigkeit das Schmerzlichste von Allem. Man waffnet sich nicht mit Muth, die Betrachtungen, die uns Kraft und Muth einflößen könnten, werden zurückgedrängt; man setzt sich zu einem Gastmahl nieder, das ein Bild dauernder Vereinigung ist — und plötzlich findet man sich allein und niedergeschlagen, wie beim Erwachen aus einem Traume ...
„Lebe wohl, meine geliebte Mutter, ich umarme Dich und setze meine Reise fort.“
Vierzigster Brief.
Thionville, den 14. Mezzidor, Jahr VII. (Juli 1799).
„Oh, meine gute Mutter, höre doch endlich und für immer auf Dich zu ängstigen — ich bin ja glücklich! Hier wie überall gestaltet sich für mich Alles nach Wunsch. Als ich die Stadt betrat, fing ich damit an, in den Laden eines Friseurs zu fallen. Mein Pferd lag vor der Thür und ich lag im Hause, hatte mir aber, wie gewöhnlich, nicht den geringsten Schaden gethan und stand noch schneller auf als mein Pferd. So betrachtete ich denn dies Ereigniß als eine gute Vorbedeutung und stieg wieder auf mein Roß, das auch nicht den geringsten Schaden gelitten hatte.
„Ich komme in's Quartier und begebe mich zum Quartiermeister Boursier, der mich mit seiner gewöhnlichen Lustigkeit und Freimüthigkeit empfängt und umarmt. Er sagt mir, daß die Briefe des Generals noch nicht angelangt sind, aber daß ich mich ganz dazu eigne, mich selbst vorzustellen und zu empfehlen, und darauf führt er mich zum Kommandanten des Depots, der Dupré heißt. Er ist ein Offizier des alten Régime und erinnert mich an unsern Freund la Dominière. Ich sage ihm, wer ich bin und woher ich komme; er umarmt mich ebenfalls, ladet mich zum Abendessen ein, erlaubt mir nicht in der Kaserne zu schlafen und sagt: er hoffe, ich würde mit den Offizieren leben. Und so esse ich denn auch wirklich alle Tage in ihrer und des Kommandanten Gesellschaft.
Meine Tage bringe ich bei dem Quartiermeister zu und schreibe Dir jetzt in seinem Büreau. An unserm Tische haben wir einen andern jungen Rekruten, der so wie ich, gemeiner Jäger ist; er gehört zu einer der ersten Familien in Lüttich; er spielt die Geige wie Gumino oder Maëstrino, ist überdies klug und liebenswürdig, und der Kommandant, der selbst die Flöte spielt und für Musik schwärmt, liebt ihn sehr, denn er schätzt Talente und gute Erziehung. Ich glaube, daß diese Art von Auszeichnung am meisten zur Vernichtung der Privilegien beitragen wird, die mit vollem Rechte abgeschafft sind und daß die Gleichheit, die unsere Philosophen erträumen, erst dann möglich wird, wenn alle Menschen so viel Bildung erhalten haben, daß sie für einander umgänglich und angenehm sind. Du erschrakst bei dem Gedanken mich als Soldat zu sehen, weil Du meintest, daß ich mich gezwungen sehen würde mit ungebildeten Leuten zu leben.
„Aber glaube nur, es giebt nicht so viele ungebildete Leute, als man sich gewöhnlich denkt; es kommt viel auf die Anlagen an und die beste Erziehung kann oft die von Natur rohen und ungefälligen Menschen nicht umgestalten. Ich glaube sogar, daß der äußere Anstrich von Politur solchen Charakteren nur dazu dient noch verletzender zu werden, weil sie nicht auf die Entschuldigung fehlender Erziehung Anspruch machen können. So würde ich lieber mit einigen Rekruten zusammenleben, die eben vom Pfluge kommen, als mit Herrn von Caulaincourt und das Benehmen unserer Berry'schen Bauern gefällt mir besser, als das gewisser deutscher Freiherrn. Die Albernheit ist überall unerträglich, der Gutmüthigkeit dagegen kann man Alles verzeihen. Aber ich gestehe, daß ich mich im Umgange mit ungebildeten Menschen nicht lange wohl fühle. Der Gedankenmangel bei Anderen erweckt in mir ein solches Verlangen darnach, daß ich krank davon werden könnte. In dieser Beziehung hast Du mich verwöhnt und wenn ich nicht das Rettungsmittel der Musik gehabt hätte, die mich immer so entzückt, daß ich Alles darüber vergesse, so wäre ich in einigen unvermeidlichen Gesellschaften vor Langerweile gestorben. Was nun Deinen Kummer betrifft, so siehst Du wohl, daß er nicht gegründet ist und daß ich überall liebenswürdige Menschen finde, die mir freundlich entgegenkommen und die mit Deinem Soldaten auf dem vertraulichsten Fuße leben. Der Name eines Enkels vom Marschall von Sachsen, dessen ich mich nie rühme, unter welchem ich aber überall angekündigt und empfohlen werde, ist sicherlich zu meinen Gunsten und ebnet meinen Weg. Er legt mir aber auch eine gewisse Verantwortlichkeit auf und wäre ich ein Tropf oder ein unverschämter Mensch, so würde mich meine Geburt nicht entschuldigen, sondern mich noch unausstehlicher und verdammungswürdiger erscheinen lassen.
„Unser Werth liegt also in uns selbst, oder vielmehr in den Grundsätzen, welche uns die Erziehung gegeben hat. Und wenn ich etwas werth bin, wenn ich einige Zuneigung einflöße, so kommt es daher, daß Du, meine gute Mutter, Dir so viel Mühe gegeben hast, damit ich Deiner würdig sein möchte.
„Füge nun noch hinzu, daß mein Glücksstern mich unter die liebenswürdigsten Menschen geführt hat; — das Dragoner-Regiment Schomberg zum Beispiel, das jetzt auch hier ist, gleicht dem meinigen nicht im Geringsten. Seine Offiziere sind sehr hochmüthig und halten auch die gebildetsten jungen Leute in gewisser Entfernung, sobald sie nicht Offiziersrang haben. Bei uns findet gerade das Gegentheil statt; wenn wir unseren Offizieren gefallen, sind sie unsere Kameraden und Genossen; wir gehen Arm in Arm mit ihnen; sie trinken mit uns Bier — und sobald sie und wir in unserm Berufe thätig sind, finden sie uns um so gehorsamer und ehrfurchtsvoller.
.„Mein Brigadier und mein Wachtmeister erweisen mir hundert Aufmerksamkeiten und hätscheln mich, als ob ich ihr Vorgesetzter wäre — obgleich gerade das Gegentheil stattfindet. Sie haben das Recht mir zu befehlen und mich in Arrest zu schicken und doch bedienen sie mich, als ob sie meine Reitknechte wären. Bei den Uebungen habe ich immer das beste Pferd und diese guten Leute führen es mir gezäumt und gesattelt zu, es fehlt nicht viel, so hielten sie mir auch den Steigbügel. Sobald das Exerzieren vorüber ist, nehmen sie mir das Pferd wieder ab und wollen nicht, daß ich mich weiter darum kümmere; dabei sind sie so drollig, daß ich mit ihnen lache wie ein Buckliger. Mein Fourier ist ein Mann von strengen Erziehungsgrundsätzen, der bei seinen Rekruten den Deschartres spielt. Es sind gute Bauerssöhne, denen er mit Gewalt feine Sitten beibringen will. Er erlaubt ihnen nicht mit Steinen Beilke zu spielen, „weil das zu sehr nach dem Dorfe schmeckt;“ auch bekümmert er sich um ihre Sprache. Gestern kam Einer und meldete: „die Pferde sind alle mitsammen gesattelt.“ — „Wie,“ sagte er mit zornigem Tone, „habe ich Euch nicht hundertmal gesagt, daß es nicht mitsammen heißt? Man sagt ganz einfach: Fourier, wir sein fertig! übrigens thue ich schonst selber nachsehen,“ und mit dieser guten Lehre ging er von dannen.“
Zweiundvierzigster Brief.
Thionville, den 20. Messidor. Jahr VII. (Juli 1799).
„Wenn ich lesen könnte, sagt Montauciel, so wäre ich seit zehn Jahren Brigadier. Aber ich, meine gute Mutter, der ich lesen und schreiben kann, bin auf Befehl des Generals zu dieser Würde befördert; und so bin ich thätig in meinem Berufe an der Spitze meiner Compagnie, die sich mit gezogenem Säbel aufstellen mußte, um zu vernehmen, daß sie mir in Allem, was ich befehlen würde, zu gehorchen hätte. Seit diesem ruhmvollen Tage trage ich zwei Tressen auf meinem Aermel und bin Anführer einer Rotte, das heißt von vierundzwanzig Mann, deren Haltung und Frisur ich zu überwachen habe. Dafür habe ich nun aber auch keinen Augenblick für mich; von 6 Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends bleibt mir nicht Zeit zum Niesen.
„Unsere Trennung ist schmerzlich, aber ich war es mir selber schuldig eine Anstrengung zu machen, um mich diesem an Freuden reichen Leben zu entreißen, in welchem ich durch meine Sorglosigkeit und meine natürliche Trägheit ganz zum Egoisten geworden wäre. Du liebtest mich so sehr, daß Du es vielleicht nicht bemerkt hättest — und während ich nur das Glück hinnahm, das Deine Güte mir bereitet hatte, glaubtest Du, daß Dein Glück mein Werk wäre, und so wäre ich undankbar geworden, ohne es zu wissen und zu bemerken. Aber ich mußte meiner Nichtigkeit, durch mächtige äußere Verhältnisse entrissen werden — worin gewiß etwas Fatalistisches liegt. Dies Verhängniß, das schwache und furchtsame Seelen niederschlägt, ist das Heil Derer, die sich ihm fügen. Christine von Schweden hatte den Wahlspruch: “Fata viam inveniunt“ (das Schicksal bereitet mir den Weg) — ich ziehe Rabelais' Motto vor: „Ducunt volentem fata, nolentum trahunt!“ (das Schicksal leitet die Willigen und reißt die Widerstrebenden fort). Du sollst sehen, daß ich meinen Beruf gefunden habe. In Revolutionszeiten ist's immer das Schwert, das die Schwierigkeiten löst, und wir sind jetzt im Kampfe mit den Feinden, um unsere geistigen Eroberungen zu vertheidigen. Unsere Säbel werden Recht behalten und Deine Freunde, liebe Mutter, Voltaire und Rousseau sind jetzt beweinenswerth. Wer hatte meinem Vater vorausgesagt, als er mit Jean Jacques plauderte, daß er einen Sohn haben würde, der weder General-Pächter, noch General-Einnehmer, weder reich, noch schöngeistig, nicht einmal sehr philosophisch sein, aber halb gezwungen, halb freiwillig als Soldat im Dienst einer Republik stehen würde und daß diese Republik Frankreich wäre? So werden die Ideen zu Thatsachen und führen weiter, als man vermuthet.
„Leb' wohl, meine liebe Mutter; nach diesen schönen Betrachtungen werde ich den Pferden Hafer geben oder das entfernen lassen, was er hervorbringt.
Vierundvierzigster Brief.
Thionville, den 13. Fructidor, Jahr VII. (Sept. 99).
„Noch immer in Thionville, meine liebe Mutter! von vier Uhr Morgens bis acht Uhr Abends findest Du mich zu Fuße und zu Pferd exerzierend und in meiner Eigenschaft als Brigadier muß ich bei allen diesen Uebungen als Hintermann dienen. Wenn ich Abends heimkehre, bin ich ganz ermüdet und habe tagsüber den Musen, den Spielen und den Freuden nicht einen Augenblick schenken können. Die hübschesten Partien muß ich versäumen, die hübschesten Frauen vernachlässigen — die Musik ruht fast ganz ... ich bin Brigadier im vollen Sinne des Wortes; ich versenke mich in die Taktik, ich bin ganz erstarrt, mich als ein Muster von Pünktlichkeit und Thätigkeit zu sehen und das Drolligste bei der Geschichte ist, daß ich Geschmack daran finde und mich nach meinem freien, leichten Leben nicht zurücksehne.
„Wie gut Du bist so für das kleine Haus zu sorgen. Ach! wenn Dir alle Mütter glichen, wäre ein undankbarer Sohn nur ein erdachtes Ungeheuer.
„Das Geld habe ich bekommen und habe Alles bezahlt; meine Angelegenheiten sind vollständig in Ordnung, das heißt, ich habe keinen Sou mehr, aber ich bin auch Niemandem etwas schuldig. Du brauchst mir also vor Ende des Monats nichts zu schicken; ich habe hier überall Kredit und es fehlt mir an Nichts. Lebe wohl, meine gute Mutter; ich liebe Dich von ganzer Seele und umarme Dich, wie ich Dich liebe. Meine Grüße an Vater Deschartres und an meine Bonne.“
Dieser letzte Brief, der von Thionville aus datirt ist, wurde in Colmar geschrieben. Den Grund dieser frommen Lüge wird der folgende Brief erklären.
Elftes Kapitel.
Fortsetzung der Briefe. — Erste Betheiligung am Feldzuge. — Der erste Kanonenschuß. — Uebergang über die Linth. — Das Schlachtfeld. — Eine gute That. — Glarus. — Zusammentreffen mit Herrn von Latour d'Auvergne am Bodensee. *) — Ordener. — Brief meiner Großmutter an ihren Sohn. — Das Rheinwaldthal. —
*) [Wahrscheinlich ein Irrthum der Verfasserin. Richterswyl liegt am Züricher-See. Anmerk. d. Uebers.]
Fünfundvierzigster Brief.
Weinfelden, Kanton Thurgau, den 20. Vendémiaire, Jahr VII (Oct. 1799).
„Heute kann ich von großen und glücklichen Erfolgen erzählen, von einem Haufen Lorbeern, von Ruhm und Siegen! Die Russen sind innerhalb zwanzig Tagen aus der Schweiz vertrieben; unsere Heere sind im Begriff, in Italien einzudringen; die Oestreicher sind auf das andere Rheinufer zurückgedrängt. Und Dein Sohn, meine gute Mutter, hat Theil an diesem Ruhme und hat in der Zeit von vierzehn Tagen drei Schlachten mitgemacht. Er trinkt, er lacht, er singt und springt drei Fuß hoch vor Freude, wenn er bedenkt, daß er Dich im künftigen Januar in Nohant umarmen, und den kleinen Lorbeerzweig, den er verdient haben könnte, in Deinem kleinen Stübchen, zu Deinen Füßen niederlegen wird.
„Ich sehe Dich erstaunt, verwirrt über diese Sprache und Du hast hundert Fragen an mich zu richten, tausend Erklärungen zu verlangen: Du willst wissen, auf welche Art ich in die Schweiz gekommen bin und warum ich Thionville verlassen habe. Ich werde dies Alles beantworten und Dir die Verhältnisse und Gründe auseinandersetzen, die meine Schritte geleitet haben. Nur die Furcht, Dich unnöthig zu beunruhigen, hat mich verhindert, Dich früher von Allem zu unterrichten.
„Ich bin nun einmal Soldat und will diese Laufbahn verfolgen. Mein guter Stern, mein Name, die Art und Weise, wie ich mich eingeführt habe, Deine Ehre und die meinige — Alles verlangt, daß ich mich gut aufführe und die Protection, die mir zu Theil wird, zu verdienen suche. Du wünschest vor Allem, daß ich nicht in der Menge verborgen bleibe, sondern Offizier werde. Nun wohl! meine gute Mutter, es ist jetzt eben so unmöglich, im französischen Heere Offizier zu werden, ohne im Kriege gewesen zu sein, als es im 15. Jahrhundert unmöglich gewesen wäre, einen Türken zum Bischof zu machen, ohne ihn zu taufen. Diese Ueberzeugung mußt Du durchaus gewinnen! Wer jetzt als Offizier zu irgend einem Corps käme, ohne das Feuer der Batterien gesehen zu haben, würde, er möchte sein, wer er wollte, zum Stichblatt und zur Zielscheibe des Spottes werden; und wenn ihn seine Kameraden aus Rücksicht auf seine Talente verschonten, würden ihn seine Soldaten, die keine Begabung als den physischen Muth zu schätzen wissen, um so mehr verhöhnen. Ueberzeugt also, daß man den Krieg mitmachen muß, einestheils um Offizier zu werden, und anderntheils um mit Ehren Offizier zu sein, sagte ich mir gleich zu Anfang, daß ich mich so bald als möglich am Feldzuge betheiligen müßte. Oder glaubtest Du etwa, ich hätte Nohant verlassen, um in den Garnisonen den Liebenswürdigen und im Hauptquartier den Beschäftigten zu spielen? Nein, ich habe sicherlich immer vom Kriege geträumt, und wenn ich Dir in dieser Beziehung etwas vorgelogen habe, so verzeihe mir, meine gute Mutter! Du selbst hast mich durch Deine zärtlichen Sorgen dazu gezwungen.
„Sobald die Feindseligkeiten wieder begannen und ehe mir der General vorschlug, ihn zu verlassen, hatte ich ihn um die Erlaubniß gebeten, mich zu dem Kriegsheere begeben zu dürfen. Zuerst nahm er diesen Vorschlag mit Freuden an; aber später hatten ihn Deine Briefe gerührt und er fürchtete, Dir zu mißfallen, indem er so die Verantwortlichkeit für mein Geschick übernähme; er ließ mich also zurückkommen und gab mir den Befehl, in's Hauptquartier zu gehen, weil Du nicht wünschtest, daß ich den Krieg mitmache. Aber als ich ihm vorstellte, daß alle Mütter in dieser Beziehung mehr oder weniger Dir ähnlich wären, und daß in diesem einzigen Falle der Ungehorsam erlaubt, ja sogar Pflicht wäre, gab er mir Recht.
„Gehen Sie in's Hauptquartier, sagte er mir; von dort aus mögen Sie sich dann dem ersten Detachement anschließen, das zur Kriegsarmee abgeht. Ihre Frau Mutter wird mir dann keine Vorwürfe zu machen haben, denn Sie werden Ihrer eignen Eingebung folgen.
„Sobald ich nach Thionville komme, ist nun meine erste Sorge, danach zu fragen: ob nicht bald ein Detachement abgeht; ich konnte meine lebhafte Ungeduld, zur Armee zu stoßen, nicht verbergen und warte in großer Angst einen Monat lang. Endlich wird ein Detachement gebildet; ich gehöre dazu und exerziere alle Tage mit demselben. Mit den ältesten Jägern spreche ich vom Kriege; sie sehen, wie sehr ich verlange, ihre Anstrengungen, ihre Arbeiten und ihren Ruhm zu theilen — und darin, meine gute Mutter, liegt vielmehr das Geheimniß ihrer Zuneigung für mich, als in dem Bewillkommnungstrunke, den ich für sie bezahlt habe. Endlich war der Tag des Abzugs bestimmt — wir hatten nur noch acht Tage zu warten. — Dir schrieb ich allerhand Possen, aber konntest Du glauben, daß ich mich für die Wartung und Fütterung der Pferde interessiren würde, wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, in den Krieg zu ziehen?
„Aber im Augenblick, als ich es am wenigsten erwartete, erhielt ich einen Brief vom General, worin er mir — in sehr freundlichen, aber doch sehr bestimmten Worten sagt — er wolle, daß ich bis auf wettern Befehl im Hauptquartier bleibe. Nun sieh, welche häßliche Rolle er mich spielen ließ! wie sollte ich dem ganzen Regimente erklären und beweisen, daß mein Zurückbleiben nicht meine Schuld war? Ich war in Verzweiflung und zeigte den unheilvollen Brief allen meinen Freunden. Die Offiziere sahen wohl meine Knechtschaft und meinen Schmerz — aber der Soldat, der nicht lesen kann und nicht viel nachdenkt, glaubte nicht daran. Hinter meinem Rücken hörte ich sagen: „„ich wußte wohl, daß er nicht mitziehen würde; die Kinder vornehmer Häuser fürchten sich und wer Protectionen hat, geht nie in den Krieg.““ Der Schweiß lief mir von der Stirn, ich betrachtete mich als entehrt; trotz der Anstrengung des Dienstes schlief ich nicht mehr; ich war zum Tode betrübt und schrieb Dir nur selten, wie Du bemerkt haben wirst. Wie sollte ich Dir dies Alles sagen? — Du hättest doch nicht daran geglaubt.
„In meiner Verzweiflung ging ich endlich zum Commandanten Dupré. Ich zeigte ihm den verdammten Brief und kündigte ihm an, daß ich entschlossen wäre, dem General ungehorsam zu sein; daß ich, wenn es nöthig wäre, vom Regiment desertiren wollte, um mich als Freiwilliger dem ersten besten Corps anzuschließen, daß ich meinen Rang als Brigadier verlieren wolle u.s.w., ich war wie verrückt. Der Kommandant umarmt mich und giebt mir Recht. Er hatte mich dem Brigadechef und mehreren Offizieren des Regimentes angekündigt und empfohlen und er sah wohl ein, daß, wenn ich nicht die Gelegenheit benutzte, mich in diesem Feldzuge auszuzeichnen, mein Fortkommen verzögert, vielleicht gestört sein würde. Er sagte mir, daß er es übernähme, mein Fortgehen beim General zu entschuldigen, und daß ich auch auf die Gefahr, seine Gunst zu verlieren — was übrigens nicht zu erwarten wäre — nicht zögern dürfte. Entzückt über diesen Beschluß, stieg ich am Morgen des Fortziehens mit dem Detachement zu Pferde; alle Offiziere umarmten mich und zur großen Verwunderung der Soldaten, begab ich mich mit ihnen auf den Weg in die Schweiz. Da ich Dir meinen Entschluß erst mittheilen wollte, wenn er durch die Bluttaufe des ersten Zusammentreffens mit dem Feinde geweiht wäre, schrieb ich Dir in Colmar, datirte den Brief jedoch aus Thionville und schickte ihn dem Virtuosen Hardy, der ihn auf die Post geben sollte. Unsere Reise dauerte zwanzig Tage, und nachdem wir den Kanton Basel durchstreift hatten, trafen wir im Kanton Glarus mit unserm Regimente zusammen. Hier sieht man jene spitzigen Berge, die von Tannenwäldern bedeckt sind, ihre Häupter tragen ewigen Schnee und ragen in die Wolken; man hört das Tosen der Waldströme, die sich von den Felsen herabstürzen und das Pfeifen des Windes in den Wäldern. Aber Hirtengesänge und Heerdengebrüll war nicht mehr zu finden. Alle Sennhütten waren schleunig verlassen — Alles war bei unserm Anblick entflohen und die Einwohner hatten sich mit ihren Heerden in's Innere des Gebirges zurückgezogen. In den Dörfern war kein lebendes Wesen, der ganze Kanton war ein Bild der Verödung; keine Frucht, kein Glas Milch war zu haben. Zehn Tage lang haben wir von dem schlechten Brote und dem noch schlechtern Fleisch gelebt, welches die Regierung liefert und die übrigen zehn Tage unseres Marsches haben wir uns von halb rohen Kartoffeln genährt — wir hatten nicht Zeit, sie gehörig zu kochen — und wenn wir's haben konnten, von etwas Branntwein.
„Am 3. Vendémiaire begannen die Feindseligkeiten; wir griffen den Feind, der sich hinter die Limmat und die Linth zurückgezogen hatte, auf allen Punkten an. Um drei Uhr Morgens wurde zum Angriff commandirt — ich hatte so viel vom Eindruck des ersten Kanonenschusses gehört! Ein Jeder spricht davon und keiner vermag die Wirkung zu beschreiben, aber ich habe mir von meinem Eindruck Rechenschaft gegeben und ich versichere Dich, daß er nichts Peinliches hatte, daß er im Gegentheil angenehm war.
„Denke Dir einen Augenblick feierlicher Erwartung und dann ein plötzliches, herrliches Losbrechen. Es ist der erste Bogenstrich, nachdem wir uns andächtig gesammelt haben, um die Ouvertüre zu hören. Und welche schöne Ouvertüre ist solche regelrechte Kanonade! Dieser Kanonendonner, diese Gewehrsalven, bei Nacht und inmitten von Felsen, die das Getöse verzehnfachen (Du weißt, ich liebe das Getöse), waren von zauberischer Wirkung! Und als die Sonne den Schauplatz erleuchtete und die Rauchwolken vergoldete, war es schöner, als in allen Opern der Welt.
„Beim Tagesanbruch verließ der Feind seine Stellung zur Linken und zog seine Kräfte zur Rechten bei Uznach zusammen. Wir wendeten uns dorthin. Die Cavalerie blieb in Schlachtordnung hinter der Infanterie, welche sich anschickte, den Fluß zu überschreiten, der uns vom Feinde trennte; unter seinem Feuer wurde eine Brücke geschlagen — es waren Russen, mit denen wir zu thun hatten und diese Leute schlagen sich wahrlich gut. Als die Brücke fertig war, rückten drei Bataillone vor, um sie zu überschreiten; aber kaum warm sie auf dem andern Ufer angelangt, als der Feind mit bedeutenden, uns weit überlegenen Kräften anrückte. Die Truppen, welche die Brücke überschritten hatten, warfen sich in Unordnung darauf zurück; die Hälfte war bereits wieder an das linke Ufer gelangt, als die Brücke, die zu sehr belastet war, zerbrach. Alle, die noch auf dem rechten Ufer waren, suchten nun, als sie die Brücke zerbrochen sahen, ihr Heil in einer verzweifelten Anstrengung: sie ließen die Russen bis auf zwanzig Schritt herankommen und richteten ein fürchterliches Blutbad unter ihnen an. Ich gestehe, daß ich trotz der Bewunderung, die mir die heldenmüthige Vertheidigung unserer Bataillone einflößte, geschaudert habe, als ich so viele Männer fallen sah. Ein Zwölfpfünder, den wir auf der Anhöhe hatten, unterstützte sie mit Erfolg. Die Brücke wurde schleunig wieder hergestellt, man eilte unsern tapfern Soldaten zu Hülfe und das Treffen war entschieden. Wenn die Brücke nicht gebrochen wäre, so hätte der Feind unsere Verwirrung benutzt und die Schlacht wäre verloren gewesen. Da ein sumpfiger Boden der Cavalerie nicht vorzuschreiten erlaubte, haben wir auf dem Schlachtfelde bivouakiren müssen. Um das Feldlazareth zu erreichen, mußten die Verwundeten durch unser Lager getragen werden und die großen Feuer, die wir angezündet hatten, verbreiteten eine Tageshelle. Hier hätte ich, nur für eine Stunde, die höchsten Beherrscher der Nationen neben mir sehen mögen — diejenigen, welche Krieg und Frieden in den Händen halten und sich nicht durch heilige Beweggründe, sondern durch feige persönliche Ursache zum Kriege bestimmen lassen, sollten dies Schauspiel zu ihrer Strafe immer vor Augen haben. Es ist fürchterlich und ich habe nicht geahnt, daß es mir so schmerzlich sein würde.
„Denselben Abend hatte ich die Freude, einem Menschen das Leben zu retten. Es war ein Oestreicher — ich sah einen Körper nicht weit von unserm Feuer liegen und beobachtete ihn. Er war nur am Beine verwundet, aber von Hunger und Anstrengung so erschöpft, daß er kaum noch athmete. Durch ein Paar Tropfen Branntwein brachte ich ihn wieder zum Bewußtsein und wollte nun unsern Leuten vorschlagen, ihn mit mir in's Lazareth zu tragen. Aber sie waren Alle eingeschlafen, und da sie selbst ganz erschöpft waren, schlugen sie meine Bitte ab. Einer von ihnen schlug mir vor, dem Verwundeten den Garaus zu machen — dieser Gedanke empörte mich. Ich weiß nicht, woher ich das nahm, was ich ihnen sagte, denn ich war selbst von Hunger und Anstrengung abgemattet, aber ich erhitzte mich, ich warf ihnen mit Entrüstung, mit Zorn ihre Härte vor. Endlich erhoben sich zwei von ihnen, um mir beim Forttragen des Verwundeten zu helfen. Wir machten eine Bahre von einem Brete und zwei Karabinern. Ein dritter Jäger, den unser Beispiel mit fortriß, vereinigte sich mit uns; wir hoben unsern Kranken auf und trugen ihn eine halbe Meile weit durch Wasser und Morast, der uns zuweilen bis an's Knie ging, in das Feldlazareth. Unterwegs beklagten sie sich oft über die Last und beriethen sich, ob sie mich mit meinem Verwundeten allein lassen und mir anheimgeben sollten, mich aus der Verlegenheit zu ziehen. Dann rief ich ihnen Muth zu und suchte ihnen auf Soldatenweise die besten philosophischen Lehren beizubringen über das Erbarmen, das man dem Besiegten schuldig ist und über den Wunsch, den wir in solcher Lage für unsere Rettung haben würden. Die Menschen sind im Grunde wirklich nicht bösartig, denn die Aufgabe war hart und doch ließen sich meine armen Kameraden überzeugen. Endlich kamen wir an den Ort, wo der Verwundete Hülfe erlangen konnte; ich empfahl ihn angelegentlich und kehrte mit meinen drei Jägern zurück, hundertmal fröhlicher und im Herzen zufriedener, als käme ich vom schönsten Balle oder aus dem herrlichsten Conzerte. Als ich das Feuer wieder erreichte, legte ich mich auf meinen Mantel und schlief ruhig bis zum Tagesanbruch.
„Zwei Tage später kamen wir nach Glarus, wo sich der Feind befand. Der General Molitor, der diesen Angriff befehligte, verlangte einen intelligenten Mann aus der Compagnie — ich wurde ihm zugeschickt und begleitete ihn, als er Abends die Stellung des Feindes recognoscirte. Am folgenden Tage griffen wir an und vertrieben den Feind aus der Stadt. Während des Gefechts versah ich den Dienst eines Generaladjutanten, was mich sehr amüsirte; ich überbrachte fast alle seine Befehle den verschiedenen Corps, die er kommandirte. Als sich der Feind vier Meilen weit zurückgezogen hatte, verbrannte er alle Brücken der Linth, und als er sich zwei Tage später mit aller Macht auf unsern rechten Flügel warf, schickte mich der General Molitor nach Zürich, um dem General Massena einen Brief zu überbringen, in welchem er wahrscheinlich Verstärkung begehrte. Ich reiste mit Courierpferden, und obwohl Glarus zwanzig starke Meilen von Zürich entfernt ist, legte ich den Weg in neun Stunden zurück. Am Tage nachher kam ich per Boot auf dem See zurück und landete sieben Meilen von Zürich in Richterswyl. Rathe einmal, wer die erste Person war, die ich erblickte, als ich an's Land trat? Herr von Latour d'Auvergne! der General Humbert war bei ihm. Er erkannte mich, fiel mir um den Hals und ich umarmte ihn mit Entzücken und dann stellte er mich dem General Humbert als den Enkel des Marschalls von Sachsen vor.
„Der General lud mich zum Abendessen ein und gab mir in seinem Hause Nachtquartier. Das war mir sehr nöthig, denn ich war todtmüde. Am folgenden Tage sprach Herr von Latour d'Auvergne, der im Begriff war, nach Paris zurückzukehren, lange von Dir; er lobte mich, daß ich auf Deine Zärtlichkeit und die Vorsicht des Generals Harville nicht zu viel Rücksicht genommen hätte und fügte hinzu, daß nichts leichter sein würde, als diesen Winter einen Urlaub von drei Decaden zu bekommen, um Dich zu besuchen, daß das Direktorium die Macht hätte, jährlich fünfzig Offiziere zu ernennen, und daß ich zu dieser Zahl gehören könnte. Er wird mit Beurnoville darüber sprechen; er hat sogar Einfluß auf das Direktorium und macht sich anheischig, meinen Urlaub zu erwirken. Also wirst Du es Deinem „verdammten Helden“ zu verdanken haben, wenn Du mich umarmst, liebe Mutter! Ich überlasse mich diesem Gedanken — sehe mich schon in Nohant ankommen und in Deine Arme stürzen. Beurnoville könnte mich in seinen Generalstab ausnehmen, das würde mir die Freiheit geben, Dich öfter zu sehen; das Alles wollen wir diesen Winter besprechen, liebe Mutter. Der Anfang ist schwierig, aber man muß ihn überwinden. Sei versichert, daß ich recht gehandelt habe.
„Seit vier Tagen haben wir Glarus verlassen, um uns noch Constanz zu begeben. Die Entfernung beträgt achtzehn hiesige, das heißt etwa fünfundzwanzig französische Meilen. Wir haben sie ohne Aufenthalt bei strömendem Regen zurückgelegt, und als wir ankamen, mußten wir auf überschwemmten Wiesen bivouakiren. Aber übermäßige Ermüdung läßt überall Schlaf finden. Wir kamen während des Kampfes an und Abends waren wir Herren der Stadt. Die Feindseligkeiten scheinen sich dem Ende zu nähern; noch zwanzigtägigem Bivouakiren ruhen wir jetzt in dem Dorfe, aus welchem ich Dir schreibe; dies ist der erste Ort, wo mir das möglich war.
„Das Ziel, das man sich gesteckt hatte, ist nun erfüllt, die Schweiz ist geräumt und wir werden uns jetzt erholen. Aengstige Dich nun nicht um mich, meine liebe Mutter; ich werde Dir so oft als möglich Nachricht von mir geben — und vor Allem sei nicht böse, daß ich Dich erst heute von meinen Schritten benachrichtige. Wenn ich Dir gesagt hätte, daß ich mich zur Armee begeben wollte, hättest Du nicht eingewilligt und hättest die ganze Zeit in verzehrender Unruhe gelebt. Der Krieg ist nur ein Spiel; ich weiß nicht, warum Du ein Ungeheuer daraus machst — es ist wirklich nur eine Kleinigkeit! Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß es mich sehr amüsirt hat, zu sehen, wie die Russen beim Angriff des Glacis die Berge erkletterten; sie bewiesen dabei eine große Leichtigkeit. Die Kopfbedeckungen ihrer Grenadiere gleichen denen der Soldaten im Stück: „die Caravane“. Ihre Reiter, unter denen sich viele Tataren befinden, tragen faltige Hosen, wie Othello, einen kleinen Dolman und eine Mütze in Mörserform; ich schicke Dir eine Skizze davon. Im Kanton Glarus befanden sich an sechstausend dieser Reiter und ihre Pferde, die größtentheils keine Hufeisen haben, sind fast alle am Wege liegen geblieben; die Anstrengung hat sie zu Grunde gerichtet.
„In diesem Augenblicke erhalte ich zwei Briefe von Dir, vom 5. und vom 8. Fructidor. Wie viel Freude bringen sie und wie wohl thun sie mir, meine gute Mutter! Ich habe auch noch einen vom 25. Thermidor erhalten. Er kam vor sechs Tagen, als wir am Wallenstädter See bivouakirten und ich habe ihn gelesen, während ich auf einem Felsen saß, der in diesen schönen See hineinragt. Es war köstliches Wetter; ich hatte die entzückendste Aussicht vor mir, in mir das Gefühl, meine Pflicht gethan zu haben, indem ich meinem Vaterlande diente, und in meinen Händen war ein Brief von Dir — das war einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens!
„Was zum Teufel meint Herr von Chabrillant mit den Diensten, die ich den Gargiltese geleistet haben soll? Ich habe die Leute seit länger als einem Jahre nicht gesehen. Man erfindet doch Geschichten, in denen kein Sinn und Verstand ist.
„Du fragst nach dem Brigadechef. Er heißt Ordener und ist ein Elsasser von vierzig Jahren; er ist groß, hager, sehr ernsthaft, fürchterlich im Gefecht, ausgezeichnet als Anführer und sehr unterrichtet in seinem Fache, in Geschichte und Geographie. Beim ersten Blick erinnert er an Robert, den Räuberhauptmann; aber auf Beurnoville's Empfehlung hat er mich sehr gut aufgenommen.
„Ich habe, wie ich Dir schon sagte, die 150 Franes, die Du mir schicktest, in Thionville erhalten und vor der Abreise habe ich Alles bezahlt, bis auf die Weinrechnung von zwei Monaten, die dreißig Francs beträgt. Ich muß dies an Hardy bezahlen, der die Auslage für mich gemacht hat; Du siehst übrigens, daß meine Freigebigkeit gegen die Kameraden mich nicht zu Grunde gerichtet hat. Ich bin freilich ohne einen Sou abgereist, aber das war mir lieber, als Schulden zu hinterlassen. Auch muß ich gestehen, daß ich im Kriege keinen Reichthum erworben habe, denn seit vier Monaten ist die Löhnung nicht ausgezahlt. Aber wenn ich Dich auch bitten wollte, mir Geld zu schicken, wüßte ich nicht wohin. Doch sei ruhig; ich kann es eben so gut entbehren, wie die Andern. Wenn Du kannst, schicke mir aber die Adresse des Generals Harville, ich weiß nicht, wo er zu finden ist. Leb wohl, meine liebe Mutter!
„Dies ist hoffentlich ein langer Brief! Gott mag wissen, wann ich wieder Zeit finden werde, einen ähnlichen zu schreiben. Aber sei überzeugt, daß ich die Gelegenheit dazu nicht versäumen werde. Sorge Dich nicht! ich umarme Dich tausendmal, aus voller Seele! wie werde ich mich freuen, Dich wiederzusehen! Sage zu Deschartres, daß ich während der Kanonade an ihn gedacht habe, sowie auch an meine Bonne — die wohl in's Lager hätte kommen können, um meine Kleider zu besetzen.“
Ist es nöthig, an die Situation von Europa zu erinnern, mit welcher diese episodische Erzählung aus dem berühmten Schweizer Feldzuge in Verbindung steht? Wenige Worte werden genügen. Unsere Bevollmächtigten am Congreß von Rastatt waren heimtückischer Weise ermordet und der Krieg hatte sich neu entzündet. Masséna, der in Zürich stand, rettete Frankreich, indem er die Schweiz in vierzehn Tagen von den Russen säuberte, die sich unter Suwarow's Leitung mühsam an das andre Ufer des Rheins zurückzogen, während ein Theil ihrer Mannschaften niedergeschossen war oder zerschmettert in den Abgründen Helvetiens lag. Zu derselben Zeit landete Bonaparte, der aus Aegypten zurückkehrte, an Frankreichs Küsten; an dem Tage, als mein Vater den zuletzt mitgetheilten Brief schrieb, meldete sich Napoleon beim Direktorium in Paris und schon begannen sich die Elemente des 18. Brumaire im Geheimen zu regen.
Ich besitze unglücklicher Weise nur wenige Briefe von meiner Großmutter an ihren Sohn. Einen kann ich hier jedoch folgen lassen; er ist sehr zerrissen und sehr geschwärzt, denn er hat den übrigen Theil des Feldzuges auf der Brust des jungen Soldaten mitgemacht, der ihn endlich im Familienschatz niederlegen konnte.
Nohant, den 6. Brumaire Jahr VIII.
„Ach! mein Kind, was hast Du gethan! Du hast ohne meine Zustimmung über Dein Geschick, über Dein Leben und das meinige verfügt und hast mir durch ein sechswöchentliches Schweigen unaussprechliche Qualen bereitet. Deine arme Mutter lebte gar nicht mehr! ich wagte nicht von Dir zu sprechen und die Posttage waren Tage der Todesangst für mich geworden; ich war fast ruhiger, wenn ich auf keine Nachricht hoffen durfte. Die Rückkehr Saint-Jean's war ein fürchterlicher Augenblick; wenn ich ihn die Thüre öffnen hörte, klopfte mein Herz mit Heftigkeit. Der arme Mensch sagte kein Wort und ich war dem Tode nah — o, mein Sohn, fühle nie, was ich gelitten habe!
„Aber gestern habe ich endlich Deinen lieben, langen Brief erhalten. Mit welcher Hast habe ich ihn ergriffen! wie lange habe ich ihn an mein Herz gedrückt, ohne ihn zu erbrechen — und als ich ihn lesen wollte, war ich so von Thränen überströmt, daß ich nichts zu sehen vermochte. Mein Gott! was hatte ich nicht Alles gefürchtet!
„Ich besorgte unter andern, daß man Dich nach Holland geschickt haben könnte — und ich verabscheue dies Land und dies Heer, ohne zu wissen, warum. Diese vielen Todten und Verwundeten erfüllten mich mit Entsetzen. Und dann sagte ich mir wieder, daß Du mir Deine Versetzung gemeldet haben würdest und war weit entfernt zu glauben, daß Du Dich bei der siegreichen Armee Masséna's befändest. Ehe ich Deinen Brief gelesen hatte, wollte ich an seine Erfolge gar nicht glauben. Aber Du warst ja bei ihm, mein Sohn, Du hast ihm Glück gebracht, seinen Ruhm verdankt er Dir. Drei Schlachten hast Du in vierzehn Tagen mitgemacht! — und Du bist frisch und gesund, Gott sei Dank! Gott sei gepriesen! Mein Gott, wenn dies die letzten Schlachten wären, wollte ich singen und lachen wie Du — aber der Frieden ist nicht abgeschlossen!
„Du sagst, daß wir im Begriff sind, in Italien einzudringen. Wenn das wäre, gäbe es kein Ende für unsre Leiden und es wäre doch wohl Zeit, auf das gegenseitige Morden zu verzichten, das uns doch nur ein Gebiet erwirbt, welches wir wieder verlieren. Ich begreife die Beweggründe, die Dich, mein Kind, zu Deiner Handlungsweise bestimmt haben. Es ist klar, daß Herr von Harville Dir nur meinetwegen zu bleiben befahl. Er hat Dich aus Berechnung zum Brigadier gemacht und wird sich darauf beschränken; Beurnoville gegenüber hat er seine Verpflichtung dadurch erfüllt, daß er Dir für den Augenblick hülfreich gewesen ist. Wir wollen ihm dafür dankbar sein, denn er war Dir nichts schuldig und er gehört nicht zu den Männern, die ihren Schutz aufrichtig gewähren oder offen versagen. Du hast ihn vollständig durchschaut. Caulaincourt hat ihn zu diesem Benehmen gebracht, das allen Hochmuth der alten Zeit und alle Strenge der neuen in sich vereinigt. Aber Herr von Latour d'Auvergne wird Dein Verhalten zur Geltung zu bringen wissen. Welch Glück, daß Du ihm begegnet bist, als Du das Boot bei Richterswyl verließest? Er kann nun erzählen, daß Du den Feldzug mitgemacht hast, daß er Dich gesehen hat — er, der nie etwas für sich begehrt, weiß Andere mit großem Eifer geltend zu machen; aber ich fürchte, daß Dein Urlaub vom General Harville abhängt und in diesem Falle würden wir ihn — trotz des Einflusses, den Du mir zuschreibst — nicht leicht erhalten. Jedenfalls will ich schnell mit meinen Erkundigungen, Bitten und Briefen beginnen. Seit einem Monate war ich todt, nun werde ich durch die Hoffnung wieder belebt. Uebrigens bin ich in Verzweiflung, Dich von Geld entblößt zu wissen und außer Stande zu sein, Dir etwas zu senden. Ich will versuchen, dem Kommandanten Dupré oder Deinem Freunde Hardy etwas zuzustellen; da sie Dir meine Briefe geschickt haben, können sie Dir vielleicht auch das Geld zugehen lassen. Inzwischen bist Du aber in einem verödeten Lande ohne einen Sou in der Tasche! Wenn Du Dir vom Regimentszahlmeister oder vom Brigadechef etwas vorschießen lassen könntest, würde ich für die Rückzahlung Sorge tragen. Deine Sorglosigkeit in dieser Beziehung peinigt mich. Kartoffeln und Branntwein, welche Nahrung nach solchen Anstrengungen, nach solchen bedeutenden Märschen — und dazu ein fürchterliches Wetter und ein Nachtlager auf überschwemmten Wiesen! Mein armes Kind, welch ein Zustand, welch ein Beruf! In Friedenszeiten werden ja Pferde und Hunde besser versorgt, als die Menschen im Kriege. Und Du widerstehst diesen Mühen! Du vergißst sie, um einem Unglücklichen, den das Schicksal in Deine Nähe geführt hat, das Leben zu retten. Deine gute That hat mich tief gerührt; Dein Mitleid, Deine Beredtsamkeit haben auch die rohen Menschen erweicht, die einem armen Verwundeten den Garaus machen wollten; Du hast ihn dann noch mit Deinen Armen, mit Deinen erschöpften Kräften unterstützt und hast darauf geschlafen, in Deinen Mantel gehüllt, mit größerer Befriedigung, als nach allen Freuden, die meine Sorgfalt Dir bereiten wollte! Nur die Tugend, mein geliebtes Kind, kann dies Entzücken gewähren. Unglücklich Jeder, der es nicht kennt! Aber Du hast es in Deinem Herzen gefunden, denn zu dieser guten Regung hat Dich weder Prahlerei, noch allgemeine Beachtung, noch Nachahmungssucht getrieben. Gott allein hat Dich gesehen! Deine Mutter allein hat Deinen Bericht empfangen und die Liebe zum Guten hat Dich geleitet. Du redest immer von Deinem guten Stern: sei versichert, daß die guten Thaten glückbringend sind, und daß bei Gott keine Wohlthat verloren geht.
„Da es nun einmal so sein muß, glaube ich, daß Du das beste Theil erwählt hast; und die ungehofften Siege beweisen es mir — Du willst dienen; es ist Dein Wunsch, Deine Bestimmung und ich weiß, daß Du unter dieser Regierung schneller vorwärts kommen kannst, als Du früher zu hoffen gehabt hättest. Die Machthaber von heute werden sich freuen, den letzten Blutsverwandten eines Helden der öffentlichen Sache dienstbar zu machen. Vom Adel ist hier nicht die Rede, sondern von der öffentlichen Dankbarkeit; ich bin nicht ungerecht, ich weiß sehr wohl, daß die sogenannten „geringen Leute“ dieser Dankbarkeit weit fähiger sind, als es die Hochgestellten früher waren. Ich habe das im Laufe meines Lebens beständig erfahren. Die Erstern hatten in dem Verkehr mit mir nur die Erinnerung eines großen Mannes vor Augen, dessen Verdienste um das Vaterland sie schätzten. Die Andern, die auch jede besondere Wohlthat leicht vergessen, hätten aus Neid oder Undankbarkeit seinen Ruhm verlöschen mögen. Sie sahen, daß ich arm war, ohne Einfluß, ohne Verwandte und waren nicht davon gerührt. Die Kronprinzessin sogar, die ihre Heirath meinem Vater verdankte, war unzufrieden, daß ich seinen Namen trug und hätte mich hindern mögen, ihn zu führen — so ungerecht und undankbar macht uns die Eitelkeit!
„Aber Du, mein Sohn, kannst einen Weg verfolgen, auf welchem Dir solche Hindernisse nicht begegnen. Du besitzest Energie, Muth und Tugend; Du hast nichts wieder auszugleichen, Du hast keine verdächtige Verwandtschaft. Deine ersten Schritte sind dem öffentlichen Leben geweiht und der Weg ist Dir vorgezeichnet. So magst Du ihn denn durchlaufen, mein Sohn, ernte die Lorbeern, bringe sie nach Nohant; ich werde sie an mein Herz legen und mit Thränen benetzen — und diese Thränen werden nicht so bitter sein, als die ich seit vierzehn Tagen geweint habe.
„Du sagst, daß ich Dich im Januar an mein Herz drücken werde. O Gott! das ist in zwei Monaten! ich kann es noch nicht glauben, aber ich will den einzigen Gegenstand meiner Sorge daraus machen. Ich habe ein Recht darauf! — drei Schlachten! wie laut werde ich davon sprechen. Alle Welt soll es erfahren, daß Du den Feind gesehen, und daß Du Ihn besiegt hast. In la Châtre wird man Dich vergöttern. Meine Betrübniß fand allgemeine Theilnahme, und all Deine Sendung ankam, war es für Alle eine Freude; Saint-Jean trug Deinen Brief im Triumph durch die Straßen und wurde bei jedem Schritte angehalten. Du überwogst Bonaparte ... in la Châtre!
„Meinen Brief hast Du also am Ufer eines Schweizer-Sees gelesen und er hat, wie Du sagst, den Glanz Deines schönsten Tages vervollständigt? Liebenswürdiges Kind! wie dankbar ist Dir mein Herz für das innige Gefühl! Wie lieb bist Du mir und wie beneide ich den Augenblick der Seligkeit, den ich nicht mit Dir theilen konnte. Wie glücklich hätte es mich gemacht, Dich so zu sehen, wie Du Dich ganz Deinen süßen Erinnerungen hingabst, ganz Deiner Mutter gehörtest. Wie wohl habe ich gethan, daß ich alles Glück, alle Freude meines Lebens, alle Liebe meiner Seele in Dir vereinigt habe. All' mein Gefühl wird nicht genügen, um Dich willkommen zu heißen, Dich zu umarmen, Dich an mein Herz zu drücken — — ich werde sterben vor Freude.
„Benachrichtige mich doch schnell, wohin ich Dir Geld schicken kann. Es ist wohl nicht möglich, es Dir in das Dorf Weinfelden zu senden, denn Du wirst dort nicht bleiben. Wenn Dein Regiment sich irgendwo festsetzte, würde ich Dir mit jedem Courier zuschicken, was Du verlangtest. Inzwischen erhältst Du hoffentlich die vierzig Thaler, die ich heute an Herrn Dupré abgehen lasse. Es wäre fatal, wenn sie verloren gingen; das Geld ist jetzt so rar, daß sechs Louisd'or ein wahrer Schatz sind. Wo Herr von Harville sich aufhält, weiß ich nicht; ich will ihm aber schleunig schreiben, um seine Güte für Dich in Anspruch zu nehmen und werde meinen Brief nach Paris, rue neuve-des-Capucins, Nr. 531 adressiren.
„Lebe wohl, mein Kind, schone Dein Leben — das meinige hängt damit zusammen. Schlafe nicht mehr im Wasser! — ach, ich fühle jede Mühseligkeit, die Du erduldest. Dich hat der erste Kanonenschuß nicht erschüttert? Mein Gott, mir zerreißt er das Herz! Ich bin überzeugt, daß er seine Bedeutung den Müttern verdankt. Aber Du hast gelacht, als Du die armen Russen in die Berge flüchten sahest; das Getöse des Kampfes hat Dich erfreut, wie Dich schon als Kind der Lärm erfreute. Doch was hast Du Abends beim Scheine der großen Feuer gesehen? Wenn Du Dich auch bemühst, einen Schleier über diese Schrecknisse zu werfen, meine Einbildungskraft erhebt ihn wieder und ich schaudre so wie Du.
„Jetzt wirst Du Dich ausruhen? Ach, wie ich das wünsche! Aber auf jeden Fall versäume nicht, mir das einzige Wort zu schreiben: ich lebe. Das ist Alles, was Deine arme Mutter verlangt. Meine freudige Trunkenheit über den Band, den Du mir geschickt hast, wird sich — ich weiß es — nur zu bald in neuen Sorgen verlieren und wenn ich wieder sechs Wochen verleben soll, ohne von Dir zu hören, werden meine Qualen auf's Neue beginnen. Ich schließe meinen Brief mit den Worten des Deinigen: Wie glücklich werde ich sein, wenn ich Dich diesen Winter wiedersehe!
„Wenn ich Dich sehe, in meiner Stube, an meinem Feuer — bei allen Leckereien, die wir zubereiten, sage ich nur beständig, daß sie für Dich sind. Auch Deine alte Wärterin sagt: „Das ist für Moritz, ich weiß, was er gern hat.“ Deschartres macht schlechten Wein, den er für ausgezeichnet hält und er behauptet, Du würdest ihn gut finden; er weint, wenn er von Dir redet. Als ich zu Saint-Jean sagte, daß Du in drei Schlachten gewesen wärest, schrie er laut auf und rief: „Ach! ist der nicht tapfer, der!“ Mit einem Worte, der Gedanke an Dein Kommen erweckt hier eine allgemeine Trunkenheit. Ich umarme Dich, mein Kind, ich liebe Dich mehr, als mein Leben. Meine Gesundheit bleibt sich immer gleich; ich trinke den Brunnen von Vichy, der mir zuweilen Erleichterung gewährt. Bis zu Deiner Rückkehr möchte ich hergestellt sein, denn wenn Du bei mir bist, will ich über nichts zu klagen haben. In den Generalstab mußt Du jedenfalls eingereiht werden; ich will es durchaus! Unsere arme Freundin in der rue de l'Arcade ist furchtbar unglücklich. Ihr ältester Sohn ist noch immer in Ketten und Banden; der andere bleibt verschwunden; sie erliegt ihrem Kummer und ich wage nicht, ihr von Dir zu erzählen. Der dicke Pfarrer Gallepin ist gestorben; ein Koffer, der von einem Wagen auf ihn fiel, hat ihn erschlagen. Er kam zum vierten Male in unsere Gegend, wurde immer durch Huissiers verfolgt und hatte überall Schulden hinterlassen.
„Das „kleine Haus“ befindet sich wohl. Er ist ungeheuer groß und hat ein reizendes Lächeln. Ich bekümmere mich täglich um ihn und er kennt mich genau. Du wirft ihn sehen. Lebe wohl, lebe wohl! mein Brief ist der zweite Theil des Deinigen. Aber ich kann nicht mehr sehen ... Reitest Du das Pferd, das Du in ... geholt hast? ist es gut und schön? Jetzt wird man mir noch mein Füllen nehmen, und bald werde ich auf meinen Esel beschränkt sein ... Eben wird mir Licht gebracht und so kann ich noch einige Worte hinzufügen. Ich werde genöthigt sein gewissen Leuten die Hast zu verstecken, mit welcher Du Dich in diesen Kampf gestürzt hast, denn Du hättest Pontgibault, Andrezel, Termont und Anderen gegenüberstehen und gezwungen sein können, sie zu bekämpfen. Meine Aufgabe wird nun sein zu sagen, daß Du zum Marschiren gezwungen warst; man wird nämlich finden, daß Du in Deinem Stande nicht so großen Eifer zeigen durftest, der Republik zu dienen. Meine Lage ist ziemlich peinlich, denn bei den Einen muß ich so viel als möglich bemerklich machen und zur Geltung bringen, was ich den Andern verschweige. Du willst alle diese Schwierigkeiten mit Deinem Schwerte zerhauen — aber die Zukunft bietet uns durchaus keine Sicherheit. Du betrachtest es als Pflicht Deinem Vaterlande gegen die fremden Mächte zu dienen, ohne Dich um die Folgen zu kümmern, und ich denke nur an Deine Zukunft, an Deine Interessen. Aber ich sehe, daß ich nichts bestimmen kann, und daß wir es dem Geschick anheimgeben müssen.“
Zweiundfünfzigster Brief.
Kanton Appenzell, den 28. vendémiaire VII. Donau-Armee, 3. Division.
„Aus dem Rheinwaldthale, vom Fuße der Berge, deren blendende Gipfel sich in den Wolken verlieren, aus der Heimath der Nebel und Fröste schreibe ich Dir heute, meine liebe Mutter. Wenn es ein unbewohnbares, elendes, abscheuliches Land giebt, so ist es dieses trotz seiner Schönheit. Die Einwohner sind halb wild, haben kein anderes Eigentum als eine Sennhütte und einiges Vieh, keinen Begriff von Cultur und Handel, leben nur von Wurzeln und Milch, halten sich das ganze Jahr in ihren Bergen auf und haben fast gar keinen Verkehr mit den Städten. Sie waren ganz bestürzt, als sie uns neulich Suppe bereiten sahen, und als wir sie die Bouillon kosten ließen, fanden sie dieselbe abscheulich. Ich hingegen fand sie ausgezeichnet, denn seit zwei Tagen waren wir ohne Brod und Fleisch und gezwungen gewesen ihre Hirtenkost zu essen, die man, wenn man in meinem Alter ist, meinen Appetit hat und unser Handwerk treibt, mit Freuden zu allen Teufeln schicken möchte.
„Desselben Tages noch, an dem ich Dir das letzte Mal schrieb, verließen wir Weinfelden und gingen nach dem sieben Stunden entfernten St. Gallen. Man schickte uns dann wieder in die Berge und seit zwei Tagen bin ich in Gambs, rechts von Altstätten, mit zwei Jägern als Ordonnanz bei dem General Brunnet — und da man beim Generalstabe nie vor Hunger umkommt, so entschädige ich mich auch ohne Umstände für die Lebensweise in den Bergen und die Frugalität der Hirten.
„Gewiß bin ich im Augenblicke weit entfernt im Glücke zu sitzen. Ich muß alle Frohndienste, alle Wachen, alle Bivouaks mitmachen, jeder Vorlesung beiwohnen, wie die Andern. Ich warte mein Pferd, ich gehe mit fouragiren, ich lebe von Soldatensuppe und bin glücklich, wenn es welche giebt! Aber wäre auch Alles noch zehnmal schlechter, ich würde nicht bereuen, was ich gethan habe, denn ich fühle, daß Niemand mir etwas vorzuwerfen hat und daß der General Harville Unrecht thut, wenn er mich tadelt. Jedenfalls billigen Beurnoville und Latour d' Auvergne meine Handlungsweise und sie werden mich protegiren. Sie können es jetzt um so besser, da ich nicht nur der Enkel des Marschalls von Sachsen bin, sondern auch Soldat der Republik, und da ich das Interesse, welches sie mir zeigten, gerechtfertigt habe. — Und Du, liebe Mutter, wirst nun nicht mehr als eine verdächtige, an der alten Verfassung hängende Frau betrachtet werden, sondern als die Mutter eines Rächers des Vaterlandes. Auf diesen Standpunkt mußt Du Dich jetzt stellen, meine liebe Mutter; jeder andere Gesichtspunkt ist falsch und unmöglich. — Ich bin im Regiment nicht Jakobiner geworden, aber ich habe begriffen, daß man den geraden Weg gehen muß und dem Vaterlande dienen ohne hinter sich zu blicken. Man muß die Glücksgüter und den Rang nicht bedauern, den uns die Republik genommen hat, sondern sich glücklich schätzen, daß man sich jetzt selbst erwerben kann, was man ehemals nur dem Zufalle und der Geburt verdankte. — Nun wohl, Vater Deschartres, Ihr müßt den Cato von Utica spielen und nicht mehr von der Vergangenheit sprechen. — Ich unterliege durchaus nicht unter der Strenge der militärischen Lebensweise, denn ich wachse zusehends, Alle, die mich seit einem Monate nicht gesehen haben, bemerken es. Ich werde auch nicht mager — im Gegentheil immer breitschulteriger und fühle mich jeden Tag kräftiger und heiterer. Du wirst aber bald selbst Gelegenheit haben über meine Fortschritte in der Länge und Breite zu urtheilen.“
Zwölftes Kapitel.
Rückkehr nach Paris. — Vorstellung bei Bonaparte. — Italienischer Feldzug. — Uebergang über den St. Bernhard. — Das Fort von Bard.
Der Urlaub, auf den mein Vater hoffte, war nicht ohne Schwierigkeiten zu erreichen. Es erforderte den ganzen Einfluß von Latour d'Auvergne. Der Anfang des Jahres 1800 vereinigte Mutter und Sohn in Paris, wo sie auch den Winter zusammen verlebten. Mein Vater wurde Bonaparte vorgestellt, welcher ihm erlaubte zum 1. Jägerregiment überzugehen und den Feldzug unter dem General Dupont mitzumachen, dessen Generalstabe er beigegeben wurde.
Dreiundfünfzigster Brief.
Im Hauptquartiere, Verres, den 4. prairial.
„Endlich bin ich hier! Es ist nichts Kleines ohne Pferde durch diese Berge, diese schrecklichen Einöden und zerstörten Dörfer zu reisen. Jeden Tag verfehlte ich den Generalstab um eine Tagereise. Endlich hat er dem Fort von Bard gegenüber Halt gemacht, das uns hindert in Italien einzudringen. Wir sind jetzt mitten zwischen den piemontesischen Abgründen. — Gestern stellte ich mich gleich bei meiner Ankunft dem General Dupont vor, der mich sehr gut empfing. Ich bin seinem Generalstabe beigegeben, werde diesen Morgen meine Ausfertigung und meinen Bestallungsbrief erhalten und theile Dir diese Thatsache vor allen mit, um Dich von der Unruhe und Ungeduld zu befreien, die Dir jede vorläufige Erzählung unerträglich gemacht hätte. — Da bin ich denn in einem Lande, wo wir Hungers sterben werden. — Die Gesichter, aus denen der Generalstab zusammengesetzt ist, scheinen mir, mit Ausnahme der drei Generäle, ziemlich albern. Ich bemerke indessen seit den vierundzwanzig Stunden meines Hierseins, daß mir die Adjutanten und der General-Adjutant mehr Rücksicht zeigen als allen Andern, die hier sind, und glaube zu wissen warum. Wenn ich genauer beobachtet habe, werde ich es Dir sagen.
„Ich habe den St. Bernhard überstiegen. Die Beschreibungen und Bilder, die davon existiren, bleiben hinter den Schrecken der Wirklichkeit zurück. Die Nacht vorher blieb ich in dem Dorfe St. Pierre am Fuße des Berges und den Morgen brach ich nüchtern auf, um nach dem Kloster zu gelangen, das drei Stunden höher liegt, d. h. in den Regionen des Eises und des ewigen Frostes. Dieser dreistündige Weg führt durch Schnee zwischen den Felsen hin; man erblickt keine Pflanze, keinen Baum; Höhlen und Abgründe öffnen sich bei jedem Schritte. Mehrere Lawinen, die Tags zuvor herabgestürzt waren, trugen dazu bei den Weg unbrauchbar zu machen. Mehrere Male sanken wir bis an den Gürtel in den Schnee. Und durch alle diese Hindernisse trug eine halbe Brigade ihre Kanonen und Munitionswagen auf den Schultern und zog sie von Felsen zu Felsen. — Die Thätigkeit und Entschlossenheit, das Schreien und Singen dieser Armee gaben das seltsamste Schauspiel, das man sich denken kann. — Es hatten sich zwei Divisionen in den Bergen vereinigt; sie wurden von General Harville kommandirt, der bei dieser Gelegenheit einmal recht tüchtig durchfror. — Bei den Mönchen angekommen, war er die erste Person, die mir begegnete. Er schien sehr erstaunt mich so hoch oben zu treffen und sagte mir zitternd vor Kälte viele Freundlichkeiten, ohne jedoch meinen ehemaligen Ungehorsam zu erwähnen und ohne Billigung oder Tadel auszusprechen. Vielleicht hätte er es in einem anderen Augenblicke gethan, aber in dem gegenwärtigen dachte er nur daran zu frühstücken und lud mich dazu ein. Aber ich wollte meine Reisegefährten nicht verlassen und dankte ihm. — Während der sehr frugalen Mahlzeit unterhielt ich mich mit dem Prior, welcher sie uns serviren ließ. Er sagte mir, daß sein Kloster der höchste bewohnte Ort in Europa sei und zeigte mir die großen Hunde, welche die von Lawinen verschütteten Reisenden aufsuchen helfen. Bonoparte hatte sie vor einer Stunde geliebkoset und ohne mich zu geniren that ich wie Bonaparte. — Als ich dem Prior mittheilte, daß man die Mönche vom St. Bernhard und ihre Gastfreundschaft bei uns auf das Theater gebracht habe, hörte ich mit Erstaunen, daß er das Stück kannte. — Nachdem wir freundschaftlich Abschied von ihm genommen hatten, stiegen wir sieben Stunden abwärts, um nach dem Thale von Aosta in Piemont zu gelangen. Ich marschirte zehn Stunden und ließ mein Gepäck durch Maulthiere tragen. — In Aosta angekommen, begab ich mich schnell nach dem Palaste des Consuls, um Leclerc zu sehen und die erste Person, die mir begegnete, war Bonaparte. Ich wollte ihm meinen Dank für die Bestallung aussprechen, aber er unterbrach mich barsch mit der Frage, wer ich sei. — Der Enkel des Marschalls von Sachsen. — Ah so — gut — bei welchem Regimente stehen Sie? — Beim 1. Jägerregimente. — Ganz wohl — aber es ist nicht hier. Sie sind also dem Generalstabe beigegeben? — Ja, General. — Es ist gut, desto besser, ich bin erfreut Sie zu sehen. — Und damit drehte er mir den Rücken. Gestehe, liebe Mutter, daß ich immer Glück habe. Ich konnte es nicht besser treffen, wenn ich mit Absicht gehandelt hätte. Ich bin ohne Weiteres Hülfsadjudant beim Generalstabe und zwar auf Wunsch Bonaparte's, ohne die drei berühmten, tödtlich langen Monate warten zu müssen.— Damit Deine Briefe mich mit Sicherheit treffen, so adressire sie an den Bürger Dupin, Hülfsadjutant beim Generalstabe der Reserve Armee, im Hauptquartiere, ohne den Ort anzugeben. Man wird sie uns dann nachschicken.
„Das Fort, welches wir vor uns haben, das Fort von Bard nämlich, hindert uns in Italien einzudringen, aber man hat beschlossen es zu umgehen, so daß das Hauptquartier morgen in Ivrea aufgeschlagen wird. Ich bin sehr froh darüber, denn hier sind wir auf halbe Ration gesetzt — und mein Teufel von Magen will sich nicht zu einer halben Ration Appetit verstehen. Du hast sehr wohl gethan mich in Paris gut auszufüttern, denn ich glaube nicht, daß es hier geschehen wird. Adieu, meine liebe Mutter, ich umarme Dich zärtlich und wünschte, daß diese neue Trennung Dir weniger schmerzlich wäre als die frühere. Bedenke, daß sie nicht lange währen und gute Folgen haben wird.“
Vierundfünfzigster Brief.
Prairial im Jahre VIII. (ohne Datum.)
„Ach! da sind wir endlich, da sind wir endlich — nun wollen wir Athem holen! Wo denn? In Mailand! und wenn wir immer in dieser Weise fortgehen, so glaube ich, werden wir bald in Sicilien sein. Bonaparte hat aus einem ehrwürdigen Generalstabe die leichtfüßigste Avant-Garde gemacht. Er hat uns laufen lassen wie die Hasen und besser noch. Seit Verres genossen wir keinen Augenblick Ruhe. Gestern sind wir nun hier angekommen und ich benutze die Gelegenheit, um mit Dir zu plaudern. — Ich beginne die Beschreibung unseres Marsches von der Abreise aus dem schon genannten Verres. — Ich glaube, ich sagte Dir von dem Fort von Bard, das uns hinderte in Italien einzudringen. Bonaparte war kaum angekommen, als er befahl es zu stürmen. Er ließ sechs Compagnien die Revue passiren und sagte zu ihnen: „Grenadiere, wir müssen diese Nacht da hinauf steigen, und das Fort gehört uns.“ Einige Minuten später hatte er sich auf einen Felsblock gesetzt; ich stellte mich hinter ihn. Er wurde von allen Generalen der Division umringt, und Loison machte ihm Vorstellungen über die Schwierigkeiten den Felsen unter dem Feuer des Feindes zu erklimmen, der so gut verschanzt war, daß er, um unser Andringen zu verhindern, nichts zu thun hatte, als Bomben und Granaten anzuzünden und sie herunterrollen zu lassen. Bonaparte wollte nichts hören und indem, er zurückging, wiederholte er den Grenadieren, daß das Fort ihnen gehöre. Der Sturm wurde für zwei Uhr nach Mitternacht befohlen. Da ich nicht beritten war, und da sich das Fort zwei Meilen weit vom Hauptquartier befand, hatte ich keinen Befehl erhalten mich dahin zu begeben. Ich kehre also mit meinen Begleitern nach Verres zurück; wir soupiren zusammen, ich wünsche einem Jeden von ihnen gute Nacht und gehe dann ohne ein Wort zu sagen wieder nach Bard. Man erreicht dies Fort durch ein langes, von ungeheuern mit Cypressen bedeckten Felsen umschlossenes Thal. Die Nacht war dunkel und die Stille dieser rauhen Gegend war nur durch das Getöse eines Waldbaches unterbrochen, der in der Finsterniß dahinrauschte, und durch den tumpfen Kanonendonner des Forts. Ich gehe so rasch als möglich vorwärts, bald höre ich das Schießen mit größerer Deutlichkeit, bald erblicke ich auch das Feuer der Geschütze und nun gelange ich in die Nähe des Forts. Hinter einem Felsen sehe ich zwei Männer an einem Feuer liegen und da ich mir denke, daß sich der General Dupont bei dem Oberbefehlshaber befinden muß, frage ich: ob sie letztern nicht gesehen haben. „Hier ist er!“ sagte einer der Männer, indem er aufstand. Es war Berthier selbst. Ich sagte ihm, wer ich wäre und wen ich suchte und er beschrieb mir, wo ich den General Dupont finden würde. Er befand sich auf der Brücke der Stadt Bard; ich begebe mich dorthin und finde ihn von Grenadieren umgeben, welche den Augenblick des Angriffs erwarten. Nun dränge ich mich unter sein Gefolge, und als er den Kopf wendet, wünsche ich ihm guten Abend. „Wie“, sagt er ganz erstaunt, „Sie sind hier ohne Befehl und zu Fuße?“ — Wenn Sie mir's erlauben wollen, mein General! — »Wohlan, der Angriff beginnt, Sie kommen im rechten Augenblicke.“ Man brachte gerade sechs Geschütze und Munitionswagen an den Fuß des Forts. Die Adjutanten des Generals begleiteten sie und ich folgte ihnen so als Spaziergänger. Auf dem halben Wege zur Stadt kamen drei Granaten auf einmal. Wir traten in ein offenes Haus, ließen sie platzen, verfolgten dann unsern Weg und kehrten wieder zurück, immer von einigen Grenadieren und einigen Kugeln begleitet. Der Angriff war ohne Erfolg. Wir kletterten bis zur letzten Verschanzung; aber die Bomben und Granaten, welche der Feind auf uns schleuderte und zwischen die Felsen warf, zu kurze Leitern, falsche Maßregeln u.s.w. machten das Unternehmen mißlingen, und wir mußten uns mit Verlust zurückziehen.
„Am folgenden Morgen zogen wir nach Ivrea. Wir umgingen das Fort und kletterten, Menschen sowohl als Pferde, zwischen den Felsen hinauf, wo die Eingeborenen nicht einmal mit Maulthieren zu gehen wagen. Einige der Unserigen stürzten hinab; das Pferd Bonaparte's brach ein Bein. Als wir zu einem gewissen Punkte gekommen waren, machte Bonaparte Halt und betrachtete mit sehr übler Laune das Nest, an dem er gescheitert war. Nach tausend Anstrengungen erreichten wir die Ebene und da ich zu Fuß war, gab mir der General Dupont, der sich über meinen Spaziergang am Abend zuvor gefreut hatte, eins seiner Pferde. Ich ritt zwischen Dupont's, Bonaparte's und Berthier's Adjutanten, und in dieser glänzenden Schaar nahm ein Adjutant Dupont's, Namens Morin, das Wort und sagte: „Meine Herren, von den dreißig Hülfs-Adjutanten des Generalstabes ist Herr Dupin, der erst vorgestern Abend angelangt ist und der noch kein Pferd besitzt, der einzige, welcher sich beim Angriff des Forts neben dem General befunden hat. Die Anderen sind klüglich im Bette geblieben.“ — Nun muß ich Dir sagen, was ich beim ersten Blick errathen habe: der Generalstab ist die ordnungsloseste Gesellschaft, die man sich denken kann. Jeder, der ohne Corps und ohne Verdienst ist, wird darin aufgenommen und erhält den Titel eines Hülfs-Adjutanten. Acht oder zehn sind indessen darunter, die mehr taugen als die Uebrigen, und diese halten zusammen. Auch reinigt sich der Generalstab immer mehr, je weiter wir fortschreiten, denn man läßt die Schwätzer und die Feigen zum Dienst in den verschiedenen Waffenplätzen, durch die wir ziehen. Lacuée hat sich sehr geirrt, als er Dir von den großen Vortheilen meiner Stellung erzählte. Wir haben durchaus nicht so viel Ansehen wie die Adjutanten, wir werden wie Ordonnanzen verschickt, ohne zu wissen, welche Befehle wir überbringen. Auch sind wir nicht in der Gesellschaft des Generals und speisen nicht mit ihm.
„Als wir nach Ivrea kamen, sah ich wohl ein, daß ich, wenn wir so fortmarschirten, meine Pferde so bald nicht bekommen würde. Ich ging darum, leichtfüßig wie ich bin, zu den Vorposten, die am Tage zuvor Pferde erbeutet hatten, und ein Husaren-Offizier überließ mir eins derselben für 15 Louisd'or — in Paris würde man dreißig dafür geben. Es ist ein wilder Ungar, der einem feindlichen Rittmeister gehörte. Es ist ein grauer Apfelschimmel; seine Beine sind von unvergleichlicher Schönheit und Feinheit; der Blick ist feurig und zu allen diesen Vorzügen hat er das Benehmen eines wilden Thieres. Er beißt Alle, die er nicht kennt und läßt sich nur von seinem Herrn reiten. Ich bin nur mit großer Anstrengung dazu gelangt ihn zu besteigen, denn der Schurke wollte Frankreich durchaus nicht dienen. Durch Brod und Liebkosungen habe ich ihn endlich gezähmt, aber in den ersten Tagen bäumte er sich und biß wie ein Teufel.
Sobald man aber darauf sitzt, ist er sanft und ruhig; er läuft wie der Wind und springt wie ein Reh. Wenn meine beiden anderen Pferde ankommen, kann ich ihn wieder verkaufen. Aber da kommt die Post! Lebewohl, meine gute Mutter, ich habe nur noch Zeit Dich zu umarmen. Leb' wohl, leb' wohl!“
Dreizehntes Kapitel.
Kurze Wiederholung. — Die Schlacht bei Morengo. — Turin, Mailand im Jahre 1800. — Latour d'Auvergne. — Besetzung von Florenz. — Georg Lafayette.
Wenn ich nun mit der Geschichte meines Vaters fortfahre, wirst man mir vielleicht vor, daß ich die Erfüllung des Versprechens, mein eigenes Leben zu erzählen, zu lange hinausschiebe. Soll ich an das erinnern, was ich zu Anfang dieses Buches gesagt habe? Jeder Leser hat ein kurzes Gedächtniß, und auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, werde ich meine Ansichten über die Arbeit, die ich unternommen habe, noch einmal kurz zusammenstellen.
Alle Existenzen sind von einander abhängig und jedes menschliche Wesen, das die seinige allein darstellen wollte, ohne sie mit der seiner Nebenmenschen in Verbindung zu bringen, würde uns nur ein Räthsel zu lösen geben. Der Zusammenhang ist noch augenscheinlicher, wenn er ein unmittelbarer ist, wie der, welcher die Eltern mit den Kindern, die Freunde mit den Freunden der Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitgenossen mit den Zeitgenossen von gestern und heute verbindet. Was mich betrifft (und Euch Alle), so würden meine Gedanken und mein Glaube, meine Abneigungen, meine Instinkte und meine Gefühle für meine eigenen Augen ein Geheimniß sein und ich könnte sie nur dem Zufall zuschreiben, der noch nichts in der Welt erklärt hat — wenn ich nicht in der Vergangenheit die Seite läse, die derjenigen vorangeht, auf welcher meine Individualität in dem Buche des allgemeinen Lebens verzeichnet ist. Diese Individualität hat an und für sich weder eine Bedeutung noch einen Werth. Sie erhält nur dann einen Sinn, wenn sie zum Bestandtheil des allgemeinen Lebens wird, wenn sie sich mit dem Wesen eines jeden meiner Nebenmenschen vereinigt — und nur dadurch erlangt sie historischen Werth.
Nachdem ich dies ausgesprochen habe, um nicht mehr darauf zurückzukommen, erkläre ich, daß es mir unmöglich sein würde mein Leben darzustellen, ohne zuvor das meiner Eltern erzählt und verständlich gemacht zu haben. Dies ist ebenso nothwendig in der Geschichte der Individuen, als in der des Menschengeschlechts. Leset eine Seite der Revolutionsgeschichte oder der Geschichte des Kaiserreichs; Ihr werdet nichts davon verstehen, wenn Euch nicht die vorhergehenden Ereignisse der Revolution und des Kaiserreichs bekannt waren. Und um die Revolution und das Kaiserreich zu verstehen, müßt Ihr wiederum die ganze Geschichte der Menschheit kennen. Ich erzähle hier eine Entwickelungsgeschichte — die Menschheit hat ihre Entwickelungsgeschichte in jedem einzelnen Menschen — und so habe ich einen Zeitraum von etwa hundert Jahren schildern müssen, um vierzig Jahre aus meinem eigenen Leben darzustellen.
Ohne dies wäre ich nicht im Stande meine Erinnerungen zu ordnen. Ich habe das Kaiserreich und die Restauration durchlebt und war im Anfang zu jung, um durch mich selbst die geschichtlichen Ereignisse zu begreifen, die unter meinen Augen vorgingen und sich um mich her bewegten. Aber ich habe die Verhältnisse damals theils durch die Ueberzeugungen, theils durch den Widerspruch aufgefaßt, den die Empfindungen meiner Eltern in mir hervorbrachten. Sie hatten die alte Monarchie und die Revolution durchlebt; ohne die Eindrücke, die sie empfangen hatten, würden die meinigen viel unbestimmter gewesen sein, und es ist zweifelhaft, ob ich aus den ersten Zeiten meines Lebens die deutlichen Erinnerungen bewahrt hätte, die ich besitze. Aber diese ersten Eindrücke — sobald sie lebendig gewesen sind — haben eine unermeßliche Wichtigkeit und oft ist unser ganzes übriges Leben nur eine nothwendige Folge derselben.
Fortsetzung der Geschichte meines Vaters.
Ich habe meinen jungen Soldaten verlassen, als er von dem Fort Bard hinwegzog und um seine Lage dem Leser in's Gedächtnis, zurückzurufen, werde ich einige Bruchstücke eines Briefes mittheilen, den er aus Ivrea an seinen Neffen, René von Villeneuve, über die letzten Erlebnisse schrieb.
Aber erst muß ich sagen, wie mein Vater im Alter von einundzwanzig Jahren zu einem Neffen kam, der ein oder zwei Jahre älter als er und sein Freund und Waffenbruder war. Dupin von Francueil war sechszig Jahr alt, als er meine Großmutter heirathete. Er war erst mit einem Fräulein Bouillond verheirathet und hatte aus dieser Ehe eine Tochter, die sich mit Herrn von Villeneuve, dem Neffen der Frau Dupin von Chenonceaux vermählte und diese Frau von Villeneuve hatte zwei Söhne, René und August, die mein Vater immer wie seine Brüder liebte. Es läßt sich denken, daß sie ihn mit seiner Oheimswürde neckten, und daß er ihnen die Ehrfurcht erließ, auf die er als Onkel Anspruch machen konnte. Einst hatte eine Erbschaft Anlaß zu Streitigkeiten zwischen ihren Geschäftsführern gegeben und mein Vetter René erklärt mir jetzt die Sache folgendermaßen: „Die Advocaten riethen uns zum Proceß, den sie durch ihre Spitzfindigkeiten zu gewinnen glaubten. Es handelte sich um ein Haus und um 30,000 Franks, welche Herr von Rochefort, Enkel der Frau Dupin von Chenonceaux unserm lieben Moritz vermacht hatte. Aber Moritz, mein Bruder und ich antworteten den Herren: daß wir uns zu sehr liebten, um uns über irgend etwas zu streiten, daß wir ihnen jedoch, wenn ihnen etwas darauf ankäme, die Erlaubniß gäben, sich zu schlagen. Ich weiß nicht, ob sie sich diese Erlaubniß zu Nutze machten, aber unsere Familien-Zerwürfnisse waren damit beendigt.“
Diese drei jungen Männer waren jedenfalls gut und uneigennützig, aber ihre Zeit war auch besser als die, in welcher wir leben. Trotz der Gebrechen des Directoriums, trotz der Verwirrung der Ideen, war aus den Stürmen der Revolution etwas Ritterliches in den Gemüthern geblieben. Man hatte gelitten, man hatte sich daran gewöhnt sein Vermögen ohne feigen Jammer zu verlieren, es ohne die Freude des Geizigen wiederzugewinnen, und es ist gewiß, daß Unglück und Gefahr heilsame Prüfungen sind. Die Menschheit ist noch nicht so rein, daß sie Ruhe und materiellen Genuß ertragen könnte, ohne in das Laster der Eigensucht zu verfallen. Man würde jetzt nur wenige Familien finden, in denen die Seiten Verwandten, die auf eine zweifelhafte Erbschaft Anspruch machen, ihren Zwist beendigen, indem sie sich lachend, Angesichts ihrer Advocaten umarmen.
In dem Briefe, den mein Vater aus Ivrea an den ältesten seiner Neffen schrieb, schildert er wieder den Uebergang über den großen Bernhard und den Angriff auf die Festung Bard. Die Fragmente, die ich daraus mittheilen werde, beweisen, wie fröhlich und wie ganz ohne Eitelkeit man in jenem schönen Momente unserer Geschichte zu Werke ging.
„Ich komme an den Fuß eines Felsens, neben einen Abgrund, wo sich der Generalstab niedergelassen hatte. Ich stelle mich dem General vor, er empfängt mich, ich richte mich ein und bezeuge Bonaparte meine Hochachtung. Dieselbe Nacht bestehlt er den Angriff der Festung Bard. Ich befinde mich beim Stürmen, mit meinem General. [Dies „ich befand mich“ ist sehr hübsch. Wir haben gesehen, daß er ohne Pferd, ohne Befehl, des Vergnügens wegen dabei war.] Kugeln, Bomben, Granaten, Haubitzenkugeln sausen, rollen, donnern und platzen überall ... wir sind geschlagen, aber ich bin nicht verwundet.
„Wir umgehen nun die Festung und klettern über Felsen und Abgründe. Bonaparte klettert mit uns; mehrere Menschen fallen in die Schluchten; endlich steigen wir in die Ebene hinab, wo der Kampf im vollen Gange war. Ein Husar hatte ein schönes Pferd erbeutet, ich halte ihn an — und nun bin ich beritten, was im Kriege ziemlich nothwendig ist. Heute früh bringe ich einen Befehl an die Vorposten und finde die Wege mit Leichen besäet. Morgen oder diese Nacht giebt es eine geordnete Schlacht. Bonaparte ist nicht gedultig, er will durchaus vorwärts und wir Alle haben große Lust dazu.
„Wir verwüsten ein herrliches Land. Blutvergießen, Gemetzel, Entsetzen folgen unserer Spur und bezeichnen unseren Weg mit Leichen und Ruinen. Wir mögen uns noch so sehr vornehmen die Einwohner zu schonen, die Hartnäckigkeit der Oestreicher zwingt uns Alles niederzuschießen. Ich bin gewiß der Erste, der dies bejammert — und doch auch wieder der Erste, den diese verdammte Leidenschaft der Eroberungen und des Ruhmes erfaßt, so daß ich wünsche, wie möchten uns schlagen und vorwärts gehen.“
Erster Brief.
(Von Moritz an seine Mutter.)
Stradella, 21. prairial.
„Wir gehen vorwärts wie Teufel! gestern haben wir den Po überschritten und den Feind abgeprügelt. Ich bin sehr ermüdet ... und war immer zu Pferde, mit schwierigen und mißlichen Aufträgen belastet, habe mich aber ziemlich gut heraus zu ziehen gewußt. Sobald ich mehr Zeit habe, werde ich Dir die Einzelheiten mittheilen. Diesen Abend kann ich Dich nur noch umarmen und Dir sagen, daß ich Dich liebe.“
Zweiter Brief.
Im Hauptquartier zu Torre di Garofolo,
27. prairial VIII.
„Geschichtsschreiber, schneidet Eure Federn; Dichter, besteigt den Pegasus; Maler, nehmt die Pinsel zur Hand, Zeitungsschreiber, lügt nach Herzenslust niemals ist Euch schönerer Stoff geboten! Was mich betrifft, meine liebe Mutter, so will ich Dir die Dinge erzählen, wie ich sie gesehen habe, wie sie gewesen sind.
„Nach der ruhmvollen Affaire von Montebello kommen wir am 23. nach Voghera. Am folgenden Morgen um zehn Uhr brechen wir wieder auf, geführt von unserm Helden und gelangen um vier Uhr Nachmittags in die Ebene von San-Giuliano. Hier treffen wir den Feind, greifen ihn an, schlagen ihn und treiben ihn nach Bormida unter die Mauern von Alessandria. Die Nacht trennt die Kämpfenden. Der erste Consul und der General-en-chef quartieren sich in einem Pächterhofe zu Torre di Garofolo ein; wir strecken uns ohne Abendessen auf die Erde hin und schlafen. Am folgenden Morgen greift uns der Feind an; wir begeben uns auf das Schlachfeld und finden den Kampf im vollen Gange. Die Schlachtlinie zog sich wohl zwei Stunden lang hin. Das war ein Kanonendonner und Flintenkrachen, um taub zu werden! Die ältesten Krieger sagten, daß man den Feind noch nie mit solcher Artillerie gesehen hätte. Gegen neun Uhr wurde das Blutbad so arg, daß sich auf der Straße von Marengo nach Torre di Garofolo zwei Colonnen gebildet hatten, welche die Verwundeten fortschafften. Schon waren unsere Bataillone von Marengo zurückgeschlagen! der rechte Flügel war vom Feinde umgangen, dessen Artillerie ein Kreuzfeuer mit dem Centrum unterhielt. Die Kugeln regneten von allen Seiten nieder. Der Generalstab war gerade versammelt; unter dem Bauche des Pferdes, das der Adjutant des Generals Dupont ritt, flog eine Kugel durch; eine andere streifte die Croupe meines Pferdes; eine Haubitzengranate fiel zwischen uns nieder, platzte, aber verletzte Niemand. Inzwischen wurde berathen, was zu thun sei. Der Oberbefehlshaber schickte einen Adjutanten, Namens Laborde, mit dem ich ziemlich befreundet bin, nach dem linken Flügel, aber er war noch nicht hundert Schritte weit, als sein Pferd erschossen wurde; der General«-Adjutant Stabenrath und ich übernahmen nun seine Misston. Unterwegs treffen wir ein Peloton des 1. Dragoner-Regiments; der Anführer kommt uns traurig entgegen, zeigt uns die zwölf Mann, die ihm folgen und von den fünfzig Soldaten, die am Morgen sein Peloton bildeten, allein übrig sind. Während er spricht, fliegt eine Kugel unter der Nase meines Pferdes durch und erschreckt es dermaßen, daß es sich überstürzt und wie todt daliegt. Ich arbeitete mich so schnell als möglich darunter hervor, hielt es für todt und war sehr erstaunt, als es sich wieder aufrichtete und nicht den geringsten Schaden genommen hatte. Ich besteige es wieder und der General-Adjutant und ich begeben uns nach dem linken Flügel, den wir zurückweichend finden. Wir thun unser Möglichstes, um das eine Bataillon zum Stehen zu bringen, aber kaum ist uns das gelungen, als wir noch weiter links eine ganze Colonne von Flüchtigen im vollen Lauf erblicken. Der General sendet mich nach, sie zurückzuhalten, aber das war ein Ding der Unmöglichkeit. Ich fand Infanterie und Cavalerie, Bagagewagen und Handpferde untereinander; die Verwundeten lagen verlassen auf dem Wege und wurden durch die Munitionswagen zermalt. Ueberall ein fürchterliches Geschrei — ein Staub, daß man nicht zwei Schritte weit sehen konnte. In dieser äußersten Noth sprenge ich vom Wege ab, eile vorwärts und rufe: „halt! halt! da vorn!“ — ich sprenge immer weiter, da war kein Chef, kein Offizier. Caulaincourt, der jüngere, kommt an mir vorüber; er war am Kopfe verwundet und sein Pferd trug ihn mit den Flüchtigen fort. Endlich begegnet mir ein Adjutant; wir vereinigen unsere Anstrengungen, um der Unordnung Einhalt zu thun; wir geben den Einen Hiebe mit der flachen Klinge, den Andern ertheilen wir Lobsprüche, denn unter den Verzweifelnden gab es noch manchen Braven. Ich steige dann vom Pferde, lasse ein Geschütz richten und bilde ein Peloton. Darauf will ich ein zweites herstellen, aber kaum habe ich damit begonnen, als das erste schon wieder zerstreut ist. So geben wir den Versuch endlich auf, kehren zum Oberbefehlshaber zurück und sehen, daß Bonaparte zum Rückzuge trommeln läßt.
„Es war zwei Uhr; wir hatten schon zwölf Kanonen verloren, die theils demontirt, theils vom Feinde weggenommen waren. Die Bestürzung war allgemein; Menschen und Pferde waren von Anstrengung erschöpft und die Verwundeten versperrten die Straßen. Im Geiste sah ich uns schon über den Po zurückgehen und Tessin durcheilen, ein Land, dessen Einwohner uns sämmtlich feindlich gesinnt sind — als inmitten dieser traurigen Betrachtungen ein tröstendes Getöse unsern Muth wieder belebte. Die Division Desaix und Kellermann erschien mit dreizehn Geschützen. Nun kehren die Kräfte zurück, die Fliehenden werden zum Stehen gebracht. Die Divisionen rücken an; es wird zum Angriff getrommelt, wir kehren zurück, wir durchbrechen den Feind und schlagen ihn in die Flucht. Die Begeisterung erreicht ihren Höhepunkt; lachend werden die Gewehre geladen; wir erbeuten acht Fahnen, zwanzig Geschütze und nehmen sechstausend Mann und zwei Generäle gefangen — die Nacht allein rettet die Uebrigen vor unserer Wuth.
„Am folgenden Morgen sendet der General Melas einen Parlamentair; es war ein General. Man empfängt ihn im Hofe der Pachtung mit voller Musik; die Consular-Garde war in Parade aufmarschirt. Man macht uns die annehmbarsten Anträge: Genua, Mailand, Tortona, Alessandria, Acqui, Pizzighetone, das heißt, die Lombardei und ein Theil von Italien werden uns überlassen. Sie gestehen, daß sie besiegt sind! Heute werden wir in Alessandria mit ihnen speisen. Der Waffenstillstand ist abgeschlossen. Jetzt befehlen wir im Palaste des General Melas; die östreichischen Offiziere bitten mich, beim General Dupont für sie zu sprechen; das ist in Wahrheit gar zu lustig! Heute bilden die französische und östreichische Armee nur ein Heer. Die kaiserlichen Offiziere sind wüthend, daß sie sich in dieser Weise Gesetze geben lassen müssen — aber sie mögen noch so wüthend sein, sie sind geschlagen — vae victis!
„Der General Stabenrath, bei welchem ich mich am Morgen der Schlacht befand, ist zum Vollstrecker der Vertragsartikel ernannt; er drückte mir diesen Abend die Hand und sagte, daß er mit mir zufrieden wäre, daß ich mich wie ein wahrer Teufel gezeigt hätte und daß der General Dupont davon unterrichtet wäre. Und wirklich darf ich Dir, meine liebe Mutter, sagen, daß ich standhaft gewesen bin und mich den ganzen Tag im Feuer befunden habe. Wir haben eine ungeheuere Menge von Blessirten, und da sie fast Alle durch Kanonenkugeln verwundet sind, werden nur wenige von ihnen mit dem Leben davon kommen. Man brachte sie gestern zu Hunderten in's Hauptquartier und heute Morgen war der Hof voller Leichen. Die Ebene von Marengo ist in einem Umfange von zwei Stunden mit Todten bedeckt. Die Luft ist verpestet und die Hitze ist erstickend. Morgen gehen wir nach Tortona, das freut mich sehr, denn außer, daß man hier vor Hunger stirbt, wird der Geruch so arg, daß man es in zwei Tagen nicht mehr auszuhalten vermöchte. Und welch' ein Anblick! daran gewöhnt man sich nicht.
„Uebrigens sind wir Alle sehr guter Laune; so geht's im Kriege! — Der General hat sehr liebenswürdige Adjutanten, die mir viel Freundlichkeit erweisen. Und Du, mein Mütterchen, ängstige Dich nicht mehr — der Frieden ist da! schlafe nun ungestört; bald haben wir nichts mehr zu thun, als auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Der General Dupont wird mich zum Lieutenant ernennen. Das hätte ich doch wahrhaftig beinah zu sagen vergessen — so sehr habe ich mich selbst seit einigen Tagen aus den Augen verloren! Da der Adjutant des Generals verwundet ist, versehe ich provisorisch dessen Dienst. Lebe wohl, meine liebe Mutter, ich bin ganz erschöpft und werde mich auf ein Bund Stroh legen. Ich umarme Dich aus voller Seele. Aus Mailand, wohin wir uns in diesen Tagen begeben, schreibe ich Dir mehr und werde auch einen Brief an meinen Onkel Beaumont schicken.“
Dritter Brief.
An den Bürger Beaumont, Hotel de Bouillon, quai Malaquais, Paris.
Turin im Messidor, Jahr VIII. (Juni oder Juli 1800.)
»Pim. Pam, Puff! Patatra! Vorwärts! Blast zum Angriff! zum Rückzug! vorwärts zum Geschütz! Wir sind verloren! Victoria! Rette sich wer kann! Eilt zum rechten Flügel, zum linken, in's Centrum! kommt zurück, bleibt, geht fort — laßt uns eilen! Gebt Acht auf die Granate! zum Galopp! Bückt Euch, da kommt ein Prellschuß! ... Todte, Verwundete, zerschossene Beine, zerschmetterte Arme, Gefangene, Bagagewagen, Pferde, Maulthiere, Wuthgebrüll, Triumphgeschrei, Schmerzenslaute, ein verteufelter Staub, eine höllische Hitze, unaussprechliche Flüche ... Lärm, Verwirrung, ein prächtiges Getümmel ... das, mein lieber, gütiger Onkel, ist in wenigen Worten eine klare und deutliche Beschreibung der Schlacht von Marengo, in welcher Ihr Neffe nicht den geringsten Schaden genommen hat, obwohl sein Pferd, vor einer Kugel erschreckend, sich mit ihm überschlagen hat und obwohl ihn die Oestreicher 15 Stunden lang mit dem Feuer von dreißig Kanonen, zwanzig Mörsern und dreißigtausend Gewehren traktirt haben. Indessen ist nicht Alles so schlimm! der Oberbefehlshaber war mit meiner Kaltblütigkeit zufrieden und mit der Art und Weise, wie ich die Flüchtigen zusammenbrachte, um sie in den Kampf zurückzuführen, und er hat mich auf dem Gefechtfelde von Marengo zum Lieutenant gemacht; ich habe also meine Epauletten! Jetzt sind wir nun mit Lorbeeren und mit Ruhm bedeckt; wir haben beim Papa Melas gespeist, haben ihm, in seinem Palast von Alessandria, unsere Befehle gegeben und sind dann nach Turin zurückgekehrt. Mein General ist zum außerordentlichen Gesandten der französischen Regierung ernannt; und so geben wir in Piemont Gesetze, wohnen im Palaste des Herzogs von Aosta, haben Pferde, Wagen, Schauspiel, einen guten Tisch u.s.w. Der General Dupont hat kluger Weise seinen ganzen Generalstab verabschiedet und hat nur seine zwei Adjutanten und mich bei sich behalten, und so bin ich nun der einzige Adjunct des Gesandten. Da ich nun nicht viel von den Geschäften verstehe, gebe ich meine Audienzen nur im Eßsaale, weil ich grundsätzlich nie besser spreche, als wenn ich mich behaglich fühle. [„Quand je suis dans mon assiette“ nicht zu übersetzendes Wortspiel.] Mit solchen Grundsätzen wird ein Reich auf's Weiseste regiert. Unglücklicherweise ist nun aber der Krieg zu Ende ... desto schlimmer! denn noch drei oder vier Purzelbäume auf dem Schlachtfelde und ich war General. Indessen will ich den Muth nicht verlieren. Eines schönen Morgens werden sich die Angelegenheiten wohl einmal wieder verwirren und dann wollen wir die verlorene Zeit wieder einbringen, indem wir über neue Feinde herfallen.
„Zürnen Sie nicht, lieber Onkel, daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe. Aber unsere Wünsche, unsere Eroberungen, unsere Siege haben alle meine Augenblicke in Anspruch genommen. Fortan will ich pünktlicher sein und das wird mir keine Anstrengung kosten, denn ich brauche nur den Regungen meines Herzens zu folgen; es führt mich immer zu meinem guten Onkel zurück, den ich mit voller Seele umarme. Ich bitte Herrn von Bouillon meine Ehrfurcht zu bezeugen.
Moritz.“
Ein dritter Brief über die Schlacht von Marengo ist an die beiden Villeneuve's gerichtet und beginnt: „So hört denn, meine theueren Neffen!“ In diesem Schreiben erwähnt mein Vater einige Umstände, die er in den anderen Briefen absichtlich weggelassen hatte.
„Euer ehrwürdiger Onkel wurde von einer Kugel gestreift, von einer anderen mit seinem Pferde umgeworfen und erhielt einen Kolbenschlag auf die Brust, der ihm ein kleines Blutspeien verursachte, das wohl eine Stunde anhielt. Aber er befreite sich davon, indem er den ganzen Tag im Trott und Galopp unterwegs blieb u.sw.c... Uebrigens, meine lieben Freunde, ist's nicht meine Schuld, daß ich nicht getödtet bin. ...
„Die Beschreibung aller unserer Entbehrungen würde zu lange dauern, aber bedenkt, was es heißt, ohne Nahrung drei Tage lang in einer glühenden Ebene zu sein. In Torre di Garofolo hatten wir zur Erquickung für 1400 Mann nur einen Brunnen.“
Er schließt mit den Worten:
„Jeder von Euch, meine lieben Freunde, empfange hiermit dreiundzwanzig Küsse! Sagt Eueren Damen meine achtungsvollen Grüße.“
Vierter Brief.
Mailand im Fructidor, Jahr VIII. (Sept. 1800.)
„Ich habe Dir sehr lange nicht geschrieben, meine gute Mutter; aber die letzte Zeit unseres Aufenthaltes in Turin war so sehr in Anspruch genommen; wir hatten so viel zu thun, um die letzten Geschäfte unseres Ministeriums zu ordnen — und als wir nach Mailand gekommen waren, mußten wir so zahlreiche Besuche mit dem General Dupont machen, daß ich bis jetzt nicht dazu gekommen bin, Dir Nachrichten über mich zu geben. Der General fährt fort mir viel Theilnahme zu beweisen, wozu sicherlich Deine Briefe nicht wenig beigetragen haben. Ich begleite ihn auf seinen Reisen und nehme Theil an seinen Erholungen. Decouchy und Merlin hat er in Turin zurückgelassen.
„Unsere Zeit bringen wir hier mit Ausfahren und bei Gastmählern zu. Die besten giebt Petiet, der französische Gesandte. Abends gehen wir nach dem Corso oder ins Theater, welches vorzüglich ist. Die erste Sängerin und der Tenor sind bewunderungswürdig. Das Ballet wird schecht getanzt, aber die Decorationen sind prächtig. Mit einem Worte: da ich mich jetzt auf Befehl amüsiren muß, ziehe ich's vor, mich im vollen Ernst zu amüsiren. Mailand ist sehr angenehm, aber doch bin ich froh, daß wir fortgehen; denn wenn dies Alles auch recht gut und schön ist, so bringen uns doch zwei Monate, die wir in Lustbarkeiten verleben, ebensowenig vorwärts, als wenn wir sie verschlafen hätten — aber zwei Monate im Felde können mich zum Hauptmann machen Und überdies muß man reisen und sich bewegen, wenn man jung ist — das ist so der Brauch seit Telemach's Zeiten. Leb' wohl, meine liebe Mutter, ich muß nun meinen Mantelsack packen; ich umarme Dich mit herzlicher Liebe.“
Siebenter Brief.
Bologna, den 27. Fructidor.
„Ach! mein Mütterchen, wie klug Du bist! ohne daß ich Dir ein Wort gesagt habe, hast Du's errathen, daß ich in jenem verdammten Capua unter der Herrschaft einer heftigen Neigung stand. Frage mich nicht weiter, ich bitte Dich! es giebt Dinge, die man lieber erzählt, als schreibt. Bedenke, daß ich im Alter der lebhaften Empfindungen stehe — ich bin nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn ich leidenschaftlich empfinde. Ich war berauscht, aber ich habe auch gelitten — also verzeihe mir und erinnere Dich, daß ich Mailand mit Freuden verlassen habe, mit dem festen Willen, mich den Pflichten meines Berufs zu widmen. Später werde ich Dir Alles kaltblütig erzählen; schon jetzt habe ich in den Aufregungen meines Berufes die Ruhe des Geistes wiedergefunden. Den Auftrag des Generals habe ich nach besten Kräften ausgerichtet. Die ganze Operationslinie habe ich in drei Tagen durcheilt. Gestern bin ich angekommen und denselben Abend habe ich die Genugthuung gehabt, meinen Rapport, mit welchem der General sehr zufrieden war, dem Oberbefehlshaber zusenden zu sehen. Auf solche Art dient man doch nicht als Maschine und ich liebe den Krieg, sobald ich seine Thätigkeit und seinen Grundgedanken begreife. Er ist für mich wie eine schöne Schachpartie, für den armen Soldaten dagegen ist es nur ein gemeines Hasardspiel. Es ist wahr, daß viele Männer, die mir in mancher Beziehung überlegen sind, ihr Leben in untergeordneten Anstrengungen zubringen müssen, welche niemals durch die Freude zu wissen und zu begreifen verschönert werden. Ich bedaure sie und ich würde ihre Leiden theilen, wenn ich sie dadurch zu mildern im Stande wäre. Aber das ist unmöglich — und da mir die Erziehung einiges Licht gegeben hat, muß ich doch meinem Vaterlande, dessen Vetheidigung ich mich mit Eifer gewidmet habe, ebensogut mit den geringen Fähigkeiten meines Verstandes, als mit der Thätigkeit meiner Glieder dienen! Herr von Latour d'Auvergne, dieser Held, den ich beweine, war meiner Ansicht, als ich ihm dies sagte und er fand, daß ich trotz meines keimenden Ehrgeizes und trotz Deiner mütterlichen Sorge, ein ebenso guter Patriot wäre, als er selbst. Seine Bescheidenheit hat mir vor allem Andern einen unauslöschlichen Eindruck gemacht — ich werde ihn nie vergessen und mein Leben lang wird er mein Vorbild sein. Eitelkeit befleckt das Verdienst der schönsten Thaten, aber ein einfaches Wesen, ein bescheidenes Stillschweigen über sich selbst erhöht deren Werth und sichert denen, die wir bewundern, unsere Liebe. Ach! Er ist nicht mehr. Er hat einen ruhmvollen Tod gefunden, der seiner würdig war. Du verdammst ihn jetzt nicht mehr — und Du wirst ihn mit mir beweinen!
„Uebrigens beharrst Du in Deiner Abneigung gegen alle Helden. Da ich nun noch keiner bin, habe ich für den Augenblick nichts zu fürchten — aber verbietest Du mir vielleicht auch nach dem Heldenruhme zu streben? ich wäre im Stande darauf zu verzichten, wenn Du mich mit dem Aufhören Deiner Liebe bedrohtest; und statt der Lorbeeren würde ich auf Deinen Gartenbeeten Kohl pflanzen. Uebrigens hoffe ich noch immer, daß Du Dich an meinen Ehrgeiz gewöhnst und daß es mir gelingen wird, Verzeihung dafür zu erlangen.
„Ich habe die Staaten des Herzogs von Parma durchreist und glaubte mich in das Jahr 1788 zurückversetzt. Lilien, Wappen, Livreen, Claque-Hüte und rothe Absätze, das ist doch, meiner Treu, für unsere Zeit sehr lächerlich! In den Straßen betrachteten sie uns wie Wunderthiere, und in den Blicken der Leute war ein Gemisch von Schrecken, Abscheu und Hohn, das sich ganz komisch ausnahm; sie haben die Dummheit, die Feigheit und alle Vorurtheile unserer pariser Royalisten. Unser Kriegscommissair, ein sehr liebenswürdiger junger Mann, verlebte den Abend in einem der vornehmen Häuser des Ortes. Er erzählte uns, daß sich alle Gespräche um den Stammbaum jeder Familie in des Herzogs Staaten gedreht hätten. Um sich zu amüsiren, erzählte er ihnen, daß sich in der Stadt ein Enkel des Marschalls von Sachsen befände, und daß derselbe im Dienst der Republik stehe. Dies verursachte in der Gesellschaft einen lauten Schrei der Entrüstung und des Erstaunens; man konnte sich gar nicht darüber beruhigen und doch wagte man nicht, in Gegenwart dieses jungen Mannes Alles zu sagen, was man über diese Schändlichkeit dachte. Ich habe sehr darüber gelacht.
„In dieser guten Stadt Parma habe ich die Malerakademie und das ungeheure Theater besucht, das Farnese nach dem Muster eines allen Cirkus gebaut hat. Seit zwei Jahrhunderten wird nicht mehr darin gespielt; es zerfällt in Ruinen, aber es ist noch immer der Bewunderung werth. In Bologna habe ich die Gallerie San-Pietri, eine der schönsten Gemäldesammlungen in Italien, gesehen. Sie enthält die schönsten Werke Raphael's, Guido Reni's, Guercino's und der Carracci's.
„Lebe wohl, meine theure Mutter, liebe mich, zanke mit mir — aber laß Deine Briefe recht lang sein, denn ich habe niemals genug daran.“
Zehnter Brief.
Florenz, 26. vendémiaire IX (Okt. 1800).
„Wir haben einen schönen Streich ausgeführt. Wir haben als lustige Jungen den Waffenstillstand gebrochen. Binnen drei Tagen setzten wir uns in Besitz des ganzen Toskana und der schönen, prächtigen Stadt Florenz. Herr von Sommariva, seine berühmten Truppen, seine schrecklichen, bewaffneten Bauern, Alles ist bei unserer Annäherung geflohen und wir hatten nur offne Thüren einzuschlagen.
„Mit General Dupont, dem Kommandanten der Expedition, überschritten wir an der Spitze der Avantgarde die Apenninen und halten jetzt eine köstliche Rast unter den Oliven-, Orangen-, Citronen- und Palmenbäumen, welche die Ufer des Arno beschatten. Die toskanischen Insurgenten haben sich in Arezzo verschanzt und halten einen General unsrer Division, General Mounier in Schach; aber wir haben so eben Kanonen hingeschickt und morgen wird Alles zu Ende sein.
„Es giebt nichts Komischeres, als unsern Einzug in Florenz. Herr von Sommariva hatte uns einige Parlementaire entgegengeschickt, die beauftragt waren, uns zu sagen, daß er die Bauern, die er eben zur Erhebung aufgerufen hatte, entwaffne, daß er uns bitte, Halt zu machen, daß er aber, wenn wir darauf beständen, in Florenz einzuziehen, sich auf den Wällen tödten lassen würde. Das war gut gesprochen — aber wir verachteten seine Versprechungen und Drohungen und setzten unsern Marsch fort. Einige Meilen vor Florenz angekommen, sandte der General Dupont den General Jablonowski mit einer Eskadron Jäger ab, um zu sehen, ob der Feind wirklich den Platz vertheidige, und da ich eben unbeschäftigt war, folgte ich dem General Jablonowski. Wir kamen nach militärischer Regel zu Vieren, den Säbel in der Hand, in schnellem Trott an. Durchaus kein Widerstand. Wir drangen in die Stadt ein. Niemand hielt uns auf. An der Ecke einer Straße sahen wir uns plötzlich Auge in Auge mit einem Detachement östreichischer Kürassiere. Unsere Jäger wollten auf sie einhauen, aber der östreichische Offizier kam mit abgezogenem Hute auf uns zu, um uns zu sagen, daß sein Piquet die Polizeiwache bilde und sich deshalb erst zuletzt zurückziehen dürfe. Ein so guter Grund entwaffnete uns und wir baten ihn sehr höflich, so schnell als möglich der östreichischen und toskanischen Armee nachzueilen, die sich nach Arezzo zurückzog. Wir kommen endlich auf dem großen Platze an, wo die Abgeordneten des Gouvernements uns empfangen. Ich nehme das schönste Palais im schönsten Viertel der Stadt für den General und den Generalstab in Besitz; kehre dann zu General Dupont zurück; wir ziehen im Triumph ein — und die Stadt ist genommen.
„An demselben Abende wurde das große Opernhaus illuminirt—man hatte uns die schönsten Logen aufgehoben, schickte hübsche Wagen, um uns hinzufahren — kurz, wir sind als Herren anerkannt. Für den andern Tag blieben uns zwei Forts zu nehmen, wovon jedes mit achtzehn Kanonen und einer Haubitze versehen war. Wir ließen den beiden Kommandanten sagen, daß wir bereit seien, ihnen die nöthigen Wagen zur Räumung ihrer Garnison zu liefern. Erschreckt von dieser fürchterlichen Aufforderung ergaben sie sich auf der Stelle und wir sind Herren von zwei Forts. Diese Capitulation hat uns so viel zu lachen gegeben, daß wir versucht waren, zu glauben, die Oestreicher wären im Einverständnisse mit uns. Es scheint indessen, als wäre dies nicht der Fall.
„Sie haben die berühmte Venus und die zwei schönen Töchter der Niobe mitgenommen und in Livorno eingeschifft. Diesen Morgen bin ich in der Galerie gewesen. Sie enthält eine ungeheure Menge antiker Statuen, die fast alle ausgezeichnet sind. Ich habe den berühmten Torso gesehen, den Faun, Merkur und eine große Anzahl römischer Kaiser und Kaiserinnen. Diese Stadt hat einen Ueberfluß an schönen Bauwerken und strotzt von Kunstwerken. Die Brücken, die Quais, die Promenaden zeigen eine entfernte Aehnlichkeit mit denen in Paris, aber die Stadt hat den Vorzug in einem fruchtbaren Thale zu liegen, das den herrlichsten Anblick gewährt. Ueberall reizende Landhäuser, Alleen von Citronenbäumen, Olivenwälder — denke Dir, wie schön uns, die wir eben aus den Apenninen kommen, dies Alles erscheint.
„Alles würde gut sein, wenn es nur lange dauerte, aber ich fürchte, daß wir, wenn die Feindseligkeiten mit den Oestreichern wieder beginnen, nach Ferrara zu marschiren, und die schöne Gegend verlassen, um nach den dürren Ufern des Po zurückzukehren.
„Du siehst, meine liebe Mutter, daß es mir nicht an Bewegung fehlt. — Ich will den General Dupont nicht verlassen, denn er hat es gut mit mir im Sinne und ich genieße hier die Freundschaft und Achtung derer, mit denen ich lebe. Der General hat drei Adjutanten, der dritte ist der Sohn des Direktors Merlin — er war Adjutant Bonaparte's und hat den Feldzug nach Aegypten mitgemacht, jetzt ist er Hauptmann in meinem Regimente. Seine Schwester hatte unsern Obersten, kurz vorher ehe er fiel, geheirathet. Bonaparte, der nur noch Brigadechefs zu Adjutanten behält, sandte uns Merlin, nachdem die Reserve-Armee aus dem Feldzuge zurückgekommen war. — Er ist ein sehr guter Kerl. — Ich besorge die Correspondenz, bin in der unmittelbaren Nähe des Generals, wohne und lebe mit ihm und alle mißlichen und eiligen Missionen werden mir anvertraut. Unser Generalstab ist aus mehreren Offizieren zusammengesetzt, aber sie leben nicht alle mit uns. Unsere Gesellschaft besteht aus Merlin, Morin, Decouchy, Barthélemy, Bruder des Direktors — Georg Lafayette und mir. Mit Georg Lafayette bin ich am engsten befreundet, denn er ist ein allerliebster junger Mann, voll Geist, Freimüthigkeit und Gemüth. Er steht als Seconde-Lieutenant beim II. Husarenregiment und kommandirt dreißig Husaren von unsrer Eskorte. Wir sind das, was man eine lustige Bande nennt. — Madame von Lafayette und ihre Tochter sind jetzt in Chenonceaux und unsere Freundschaft wächst natürlich durch die Freundschaft unsrer Verwandten. — Du solltest auch einmal nach Chenonceaux gehen — die Reise würde Dich zerstreuen und das wäre Dir sehr nöthig, meine arme Mutter. Der Aufenthalt in Nohant scheint Dir düster, seit ich nicht mehr dort bin. Der Gedanke betrübt mich und ich würde der glücklichste Mensch auf der Welt sein, wenn ich wüßte, daß Du Dich nicht mehr langweiltest. Lafayette und ich, wir machen die schönsten Pläne, zusammen zu leben, wenn der Krieg zu Ende ist — wir sehen uns im Geiste schon mit unsern guten Müttern in Chenonceaux, wo wir keine andere Sorge haben wollen, als die, sie zu erfreuen und sie für die Unruhe zu entschädigen, die wir ihnen bereitet haben. Du siehst, daß wir trotz des Krieges und Blutvergießens doch noch menschliche Gedanken und Gefühle bewahren. Ich spreche mit Georg oft von Dir und er erzählt mir von seiner Mutter — aber so gut sie auch sein mag, Du bist doch noch besser und stehst überhaupt über jedem Vergleiche. — Was Vater Deschartres betrifft, so ist er in jeder Beziehung unvergleichlich, und da er jetzt Maire von Nohant ist, so mache ich ihm ein Kompliment bis zur Erde und umarme ihn von ganzem Herzen.
Moritz.“
Vierzehntes Kapitel.
Rom, — Zusammenkunft mit dem Papste. — Ein fingirter Mordversuch. — Monsignor Gonsalvi. — Azola. — Die erste Liebe. — Der Tag vor der Schlacht. — Uebergang über den Mincio. — Moritz als Gefangener. — Die Befreiung. — Liebesbriefe. — Eifersucht und Groll zwischen Brune und Dupont. — Abreise nach Nohant.
Elfter Brief.
Rom, 2. frimaire IX (Novbr. 1800).
„Zwei Tage nach meinem letzten Briefe (den ich Dir nach unsrer zweiten Rückkehr nach Florenz schrieb), schickte mich General Dupont mit wichtigen Depeschen nach Rom zum Papst und zu dem Oberbefehlshaber der neapolitanischen Streitkräfte. Ich reiste mit einem Kameraden, Charles His, der ein Pariser, ein geistreicher Mann und Freund des Generals Dupont ist. Trotzdem man versucht hatte, uns vor der Wuth des Volks gegen die Franzosen Furcht einzustoßen, kamen wir nach sechsunddreißigstündigem Marsche in Rom an und fanden die Leute nur sehr erstaunt, zwei Franzosen in Uniform allein unter einer feindlich gesinnten Nation ankommen zu sehen. Unser Einzug in die Stadt war außerordentlich komisch — denn das Volk folgte uns in Masse und wenn wir uns während unsres Aufenthaltes hätten für Geld sehen lassen wollen, würden wir gute Geschäfte gemacht haben. Die Neugier war so arg, daß man in den Straßen hinter uns herlief. — Wir sind überzeugt, daß die Römer die besten Leute von der Welt sind und daß nur die Erpressungen gewisser Verschwender uns ihre Abneigung zugezogen haben. — Wir können ihr Betragen gegen uns nur loben. — Der heilige Vater empfing uns mit den unzweideutigsten Zeichen der Freundschaft und Achtung, und wir gehen diesen Morgen, außerordentlich befriedigt von unsrer Reise, zur Armee zurück. Wir haben alles Antike und Moderne gesehen, was Bewunderung verdient. Da ich immer viel Geschmack am Klettern fand, habe ich mir das Vergnügen gemacht, den Knopf auf der Kuppel der St. Peterskirche von außen zu erklimmen. Nachdem ich wieder heruntergeklettert war, sagte man mir, daß fast alle Engländer, die nach Rom kommen, die Kuppel auf diese Weise besteigen, und dies hat mich nur noch mehr von der Vernünftigkeit meines Unternehmens überzeugt. Adieu, meine gute Mutter, man ruft mich, um in den Reisewagen zu steigen. Adieu Rom! Ich umarme Dich herzlich!“
Zwölfter Brief.
Bologna, den 15. frimaire IX (Novbr. 1800).
„An dem vorsichtigen Style meines letzten Briefes konntest Du sehen, meine liebe Mutter, daß ich ihn in der Ueberzeugung schrieb, er würde eine halbe Stunde später von dem Staatssekretair Monsignor Gonsalvi gelesen werden, der unter der Maske des Vertrauens und der Freundschaft nicht müde wird, uns nachzuspüren, so viel er kann. Wir waren indessen zu keinem andern Zwecke in Rom, all um zwei Briefe hinzubringen: den einen an den Papst, um von ihm die Freilassung mehrerer Personen zu verlangen, die ihrer politischen Meinung wegen gefangen gehalten wurden; den andern an den neapolitanischen Oberbefehlshaber, damit er seiner Regierung die Notiz zugehen lassen sollte, daß wir den General Dumas [Der Vater von Alexandre Dumas.] und Herrn Dolomieu zurückforderten, und daß, falls man die Erfüllung dieser Forderung verweigere, die französischen Bayonette bereit wären, ihre Schuldigkeit zu thun. Obgleich wir nur Ueberbringer dieser Depeschen waren, glaubte man doch, wir seien gesandt, um eint Insurrektion und Bewaffnung der Jacobiner in's Werk zu setzen und in dieser schönen Ueberzeugung lud man uns zwei neapolitanische Offiziere auf den Rücken, die, unter dem Vorwande uns zur Ehrenwache zu dienen, uns ebensowenig verließen wie unsere Schatten. Man umringte uns mit Fallstricken und Spionen, verstärkte die Garnison und unter dem Volke ging das Gerücht, die Franzosen seien im Anzuge. Es war ein Teufelslärm. Der König von Sardinien, der sich in Neapel befand, flüchtete sich sogleich nach Sicilien. Der Staatssekretair zitterte, uns in Rom zu sehen, und wiederholte, um uns Furcht zu machen, ohne Aufhören, daß er fürchtete, man würde uns ermorden, und daß es klug sein würde, wenn wir die französische Uniform ablegten. Wir antworteten ihm, daß keine Befürchtung, welche sie auch sei, uns vermögen könnte, die Kleider zu wechseln, und was die Mörder betreffe, so wären wir schlimmer als sie, und der erste, der uns zu nahe käme, würde ein todter Mann sein. Um uns noch mehr zu erschrecken, ließ man Abends mit vielem Aufsehen an unsrer Thür Leute verhaften, die mit großen ungeschickten Dolchen bewaffnet waren. Wir sahen wohl, daß man nur Komödie spielte und erwarteten in aller Ruhe die Antwort des Königs von Neapel, die, wie der General Damas uns sagte, umgehend ankommen sollte. Zwölf Tage mußten wir warten und gewannen während dieser Zeit sowohl durch unser Betragen als durch unsere Manieren das allgemeinste Wohlwollen. Wir empfingen alle Gesandte und machten ihnen Gegenbesuche. Bei der Visite, die wir Nachmittags beim Papste abstatteten, machte meine große Uniform, sowie die meines Kameraden, der ebenfalls bei den Husaren steht, den besten Effekt. Als wir eintraten, erhob sich der Papst von seinem Sitze, drückte uns die Hand, ließ uns zu seiner Rechten und Linken niedersitzen und dann hatten wir eine sehr ernste und interessante Unterredung mit ihm, über den Regen und das schöne Wetter. Nach Verlauf einer Viertelstunde, und nachdem er sich sehr genau nach unserm Alter, Namen und Stande erkundigt hatte, empfahlen wir uns; er drückte uns wieder die Hände, indem er um unsere Freundschaft bat, die wir ihm gütig zusicherten und dann gingen wir, der Eine mit dem Andern sehr zufrieden auseinander. Es war Zeit, denn ich fing an, vor Lachen zu ersticken, meinen Kameraden und mich, zwei Taugenichtse von Husaren, majestätisch zur Rechten und Linken des Papstes sitzen zu sehen. Es winde ein wahrer Calvarienberg gewesen sein, wenn ein rechter Schächer dabei gewesen wäre.
„Den andern Tag wurden wir der Herzogin Lanti vorgestellt. Es war dort eine sehr große Gesellschaft. Ich traf den alten Chevalier von Bernis und den jungen Talleyrand, der Adjutant bei dem General Damas ist. Die Bekanntschaft mit Herrn von Bernis war bald erneuert und ich plauderte mit ihm von Paris und der ganzen Welt. Meine Bekanntschaft mit diesen zwei Personen machte den größten Eindruck auf die Geister der Römer und Römerinnen und von diesem Augenblicke an erkannten sie, daß wir keine Räuber wären, die kämen, um die ewige Stadt an allen vier Ecken in Brand zu stecken.
„Auch unsere Art zu leben gab ihnen einen großen Begriff von unsern Verdiensten. Der General Dupont hatte uns nämlich viel Geld gegeben, um die französische Nation würdig repräsentiren zu können, und wir haben diese Aufgabe auf das Beste gelöst. Wir hielten uns Wagen, Logen, Pferde; gaben Conzerte und feine Diners. Es war sehr unterhaltend und wir haben es so gut zu machen gewußt, daß wir ohne einen Sou zurückkehren. Diesmal war es sehr leicht, dem Vaterlande zu dienen, aber wir hinterlassen den Römern eine große Bewunderung für unsre Prachtliebe und den Armen eine große Erkenntlichkeit für unsere Freigebigkeit. Die letztere ist ein fürstliches Vergnügen und gewiß das süßeste.
„Der Staatssekretair trieb die Gefälligkeit so weit, uns den unterrichtetsten Alterthumskenner Roms zu schicken, der uns alle Wunderwerke zeigen sollte. Ich habe so viel gesehen, daß ich ganz dumm davon geworden bin. Alle Originale unsrer schönen Arbeiten und dann alles alte Gemäuer, von dem entzückt zu sein, zum guten Ton gehört; ich gestehe, daß sie mich sehr gelangweilt haben, und daß ich, dem Enthusiasmus für die alten Römer zum Trotz, die St. Peterskirche zu Rom allen diesen Haufen alter Ziegel vorziehe. Indessen habe ich mit Interesse die Grotte der Nymphe Egeria und die Ueberreste der Brücke gesehen, auf der sich Horatius Cocles schlug — ein braver Husaren-Offizier seiner Zeit.
„Die Nachricht von dem Wiederbeginnen der Feindseligkeiten machte endlich unsrer Größe ein Ende. Wir schrieben an Herrn von Damas, daß der Wunsch, wieder zu unsern Fahnen zurückzukehren, uns nicht erlaube, länger auf die Antwort des Königs von Neapel zu warten, und reisten ab, begleitet von unsern Wächtern, den zwei neapolitanischen Offizieren, die uns erst bei unsern Vorposten verließen. Herr von Damas nahm auf die liebenswürdigste Weise Abschied von uns, und dankte uns für unser Betragen.
„Nach einer Reise von drei Tagen und drei Nächten sind wir eben in Bologna angekommen, und ich benutze die Zeit, während man unsere Pferde anspannt, um mich mit Dir zu unterhalten. Der General Dupont steht jenseit des Po — morgen werde ich bei ihm sein. Ich hoffe jetzt, daß wir nach Venedig gehen — es wird von unsern Erfolgen abhängen. Ich meinestheils habe die Ueberzeugung, daß wir den Feind überall schlagen. Seit der Schlacht von Marengo wird unser Name von Schrecken begleitet. Man spricht jedoch von einem neuen Waffenstillstande und die Armeen haben bis jetzt keine entschieden feindlichen Bewegungen gemacht.
„Wie bedauere ich, meine gute Mutter, daß wir Rom nicht gemeinschaftlich gesehen haben. Du weißt, daß wir in meiner Kindheit oft davon träumten! Bei allem Schönen, das ich sah, dachte ich an Dich und meine Freude wurde durch den Gedanken vermindert, daß Du sie nicht theiltest. Adieu, ich liebe und umarme Dich von ganzem Herzen. Man ruft zur Abreise — ich möchte immer mit Dir plaudern und werde an nichts, als an Dich denken von Bologna bis nach Casale-Maggiore.
„Ich umarme Freund Deschartres. Sage ihm, daß ich die Ruinen der Häuser von Horaz und Virgil und die Büste Cicero's gesehen und den berühmten Schatten gesagt habe: Meine Herren, ich habe Sie mit meinem Freunde Deschartres übersetzt, und Ihre erhabenen Werke haben mir mehr als ein: „Arbeiten Sie doch! Sie träumen!“ eingetragen.
„Ein ungeheurer botanischer Garten erinnerte mich ebenfalls an meinen theuern Lehrer, und wenn ich, als Dummkopf der ich bin, nichts Interessantes von Blättern, Stengeln und Staubgefäßen gefunden habe, so fand ich dort wenigstens die Erinnerung an meinen alten und aufrichtigen Freund. Pflanzt er noch immer viel Kohl? Ich zause meine Bonne und umarme sie herzlich.“
Dreizehnter Brief.
Azola, 29. frimaire IX (Decbr.1800).
„Es ist lange her, meine liebe Mutter, daß ich nicht das Vergnügen gehabt habe, mich mit Dir zu unterhalten. Wessen Schuld ist das? wirst Du fragen, aber in Wahrheit, es ist nicht ganz die meinige. Seit wir in Azola sind, thun wir nichts als hin- und herlaufen, um die feindlichen Posten zu beobachten, und wenn wir nach Hause kommen, finden wir eine lärmende, lustige Gesellschaft, und Tanz und Lachen währt oft spät bis in die Nacht. Man legt sich übermüdet nieder und fängt den andern Tag dasselbe Leben von Neuem an. — Du wirst schelten und sagen, daß es vernünftig wäre, mich früh zur Ruhe zu begeben — aber wenn Du Soldat wärest, würdest Du wissen, daß die Ermüdung Aufregung verursacht und unser Handwerk nur im Augenblicke der Gefahr Kaltblütigkeit mit sich bringt. Unter allen Umständen sind wir Narren und wir haben nöthig, es zu sein. — Und nun habe ich Dir noch eine Neuigkeit mitzutheilen, von der ich eben erst Gewißheit erhielt. Morin hatte sie mir als etwas nahe Bevorstehendes angezeigt und der General bestätigte sie, indem er mir ein Geschenk mit dem Adjutanten-Patent, einem gelben Federbusch und einer schönen, rothen Schärpe mit goldnen Franzen machte.
„So bin ich also Adjutant des General-Lieutenant Dupont, und so mußt Du mich künftig in der Adresse der Briefe tituliren, damit sie schneller ankommen. Das neue Reglement gestattet dem General drei Adjutanten und so habe ich endlich einen prächtigen Posten, bin angesehen, geachtet und geliebt … Ja! geliebt von einer reizenden und liebenswürdigen Frau, und es fehlt mir nichts, um vollkommen glücklich zu sein, als Deine Gegenwart ... das ist allerdings viel!
„Du wirst wohl wissen, daß, seit das Corps Dupont's und die Division Watrin hier zusammengekommen sind, wir alle Abende Reunions haben, in denen Mde. Watrin im Glanze ihrer Jugend und Schönheit strahlt wie ein Stern —aber sie ist es nicht; es ist ein Stern von sanfterem Glanze, der mir leuchtet.
„Du weißt, daß ich in Mailand verliebt war; Du hast es errathen, weil ich es Dir nicht sagte. — Manchmal glaubte ich mich geliebt und dann sah ich wieder, oder glaubte zu sehen, daß es nicht so war. Ich suchte mich zu zerstreuen — reiste ab und wollte nicht mehr an die Sache denken.
Diese reizende Frau ist jetzt hier und wir sprachen uns wenig, ja sahen uns kaum an. Ich fühlte eine Art Aerger, obgleich das eigentlich nicht in meiner Natur liegt und sie zeigte mir Stolz, obgleich sie ein zärtliches und gefühlvolles Herz hat. — Diesen Morgen während des Frühstücks hörten wir ferne Kanonenschüsse. Der General befahl mir zu Pferde zu steigen, um zu sehen, was es gebe. Ich stehe auf und springe mit zwei Sätzen zur Treppe hinunter über den Hof in den Stall. Als ich eben aufsteigen will, drehe ich mich um und sehe die theure Frau, die mir roth und verlegen einen langen Blick zuwirft, der zugleich Furcht, Interesse und Liebe ausdrückt ... Ich hätte ihr beinahe auf dies Alles dadurch geantwortet, daß ich ihr um den Hals fiel; aber das war mitten im Hofe nicht möglich und ich mußte mich begnügen, ihr zärtlich die Hand zu drücken, indem ich meinen edeln Renner bestieg, der, voll Feuer und Kühnheit, drei prächtige Caracolen machte und dann davonjagte. — Ich war bald bei dem Posten, von dem der Lärm ausging und fand, daß man mit den Oestreichern ein kleines Scharmützel gehabt und sie zurückgeschlagen hatte. — Als ich dem General die Nachricht brachte, war sie noch da. Ah! wie wurde ich empfangen! Wie heiter war das Mittagessen! Welche zarte Aufmerksamkeiten hatte sie für mich!
„Denselben Abend befand ich mich durch einen unverhofften Zufall mit ihr allein. Alle Andern halten sich, ermüdet durch die übermäßige Anstrengung des Tages, zur Ruhe gelegt. Ich säumte nicht, ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte und sie warf sich, in Thränen ausbrechend, in meine Arme. — Dann entschlüpfte sie mir und verschloß sich in ihr Zimmer — ich wollte ihr folgen, aber sie befahl, bat und beschwor mich, ich möchte sie allein lassen, und ich gehorchte als unterthäniger Liebhaber. — Da wir bei Tagesanbruch die Pferde besteigen, um zum Recognosciren anzureiten, so bin ich gleich wach geblieben, um mit meiner guten Mutter von den Aufregungen des Tages zu sprechen. Wie liebenswürdig ist Dein acht Seiten langer Brief! Wie viel Freude hat er mir gemacht! Wie süß ist es, geliebt zu sein! Eine gute Mutter, treffliche Freunde, eine schöne Geliebte zu haben, ein wenig Ruhm und schöne Pferde und Feinde, die wir bekämpfen! Ich habe alles das, alles das und auch das Beste, meine gute Mutter!
Moritz.“
Es giebt bei gewissen Naturen einen Moment, wo die Fähigkeiten des Glückes, des Vertrauens und des Genusses ihren Höhepunkt erreichen — und dann, als könnte unsere Seele dem nicht mehr genügen, breiten Zweifel und Trauer eine Wolke über uns aus, die uns für immer umhüllt. Oder ist es wirklich unser Schicksal, das sich verdüstert und sind wir verdammt, langsam den Abhang hinabzugehen, den wie mit kühner Freudigkeit erstiegen?
Der junge Mann fühlte zum ersten Male Anwandelungen einer dauernden Liebe. Diese Frau, von der er mit einem Gemisch von Enthusiasmus und Leichtfertigkeit spricht; diese anmuthige Liebelei, die er vielleicht vergessen zu können glaubte, wie er die Stiftsdame und Andere vergessen hatte, sollten sich seines ganzen Lebens bemächtigen und ihn in einen Kampf mit sich selbst bringen, der die Qual, das Glück, die Verzweiflung und die Größe seiner letzten acht Lebensjahre ausmachte. Von diesem Augenblicke an war dieses Herz, das gut und unbefangen bis dahin allen äußern Eindrücken offen stand, das ein unbeschränktes Wohlwollen, einen blinden Glauben an die Zukunft und einen Ehrgeiz besessen hatte, der nicht persönlich, sondern eins mit dem Ruhme des Vaterlandes war — dieses Herz, das eine einzige, beinahe leidenschaftliche Neigung, die kindliche Liebe erfüllt und in köstlicher Einheit erhalten hatte — dieses Herz war jetzt getheilt, man möchte sagen zerrissen von zwei beinahe unvereinbaren Gefühlen. Die glückliche und stolze Mutter, die nur von dieser Liebe lebte, wurde von einer, dem Herzen des Weibes eigenthümlichen Eifersucht gequält und gepeinigt, die sie um so mehr schmerzte und beunruhigte, da die Mutterliebe die einzige Leidenschaft ihres Lebens gewesen war. Diese innerliche Angst, welche sie niemals gestand, die aber nur zu gewiß existirte und auch von jeder andern Frau in ihr hervorgerufen worden wäre, gesellte sich zu der Bitterkeit verletzter Vorurtheile, achtungswerther Vorurtheile, die ich erklären will, ehe ich weiter gehe.
Aber vorher muß ich sagen, daß diese reizende Frau, von welcher der junge Mann in Mailand geträumt, die er in Azola erobert hatte; diese Französin, die sich mit meiner Großmutter zu gleicher Zeit im Gefängnisse im Kloster des Anglaises befunden hatte, keine andere war, als meine Mutter Sophie Victorie Antoinette Delaborde. — Ich nenne diese drei Taufnamen meiner Mutter, weil sie in ihrem bewegten Leben einen nach dem andern führte, und diese drei Namen selbst ein Symbol des Zeitgeistes sind. In ihrer Jugend zog man wahrscheinlich den Namen Antoinette, als den der Königin von Frankreich vor — während der Eroberungen der Kaiserzeit galt natürlich Victorie mehr — und von ihrer Verheirathung an nannte mein Vater sie immer Sophie.
Alles ist bezeichnend und sinnbildlich (und das ist ganz natürlich) in den Einzelnheiten des menschlichen Lebens, wenn sie auch noch so zufällig scheinen.
Ohne Zweifel hätte meine Großmutter meinem Vater eine Lebensgefährtin seines Standes gewünscht, aber sie hat es gesagt und selbst geschrieben, daß sie sich nicht besonders über das betrübt haben würde, was man zu ihrer Zeit und in ihrer Gesellschaft eine Mesalliance nannte. Sie legte der Geburt keine größere Wichtigkeit bei, als ihr gebührt und auch den Mangel an Vermögen würde sie übersehen haben, denn sie wußte durch ihre Sparsamkeit und durch eigene Entbehrungen die Mittel zur Bestreitung der Ausgaben aufzubringen, welche der mehr glänzende als einträgliche Beruf ihres Sohnes nöthig machte — aber sie konnte sich nur schwer entschließen, eine Schwiegertochter aufzunehmen, deren Jugend, durch die Gewalt der Umstände, den erschreckendsten Zufälligkeiten preisgegeben war. Dieser zarte Punkt mußte überwunden werden und die Liebe, die in ihrer Wahrheit und Tiefe die höchste Weisheit und die höchste Seelengröße ist, überwand ihn in der Seele meines Vaters mit Entschiedenheit. Und endlich kam auch der Tag, an dem sich meine Großmutter ergab. Aber da sind wir noch nicht, und ich habe noch von vielen Schmerzen zu erzählen, ehe ich zu diesem Zeitpunkte komme.
Von dem Leben meiner Mutter vor ihrer Heirath habe ich nur unvollständige Nachrichten. Später werde ich erzählen, wie gewisse Personen es für angemessen und vortheilhaft hielten, mir Dinge mitzutheilen, die ich besser nicht erfahren hätte und deren Glaubwürdigkeit durch Nichts erwiesen ist. Doch mögen sie auch alle wahr sein — eine Thatsache steht fest vor Gott: sie wurde von meinem Vater geliebt und mußte dieser Liebe wohl werth sein, denn ihre Trauer um ihn endigte erst mit ihrem Leben.
Aber das Wesen der Aristokratie ist dermaßen in das menschliche Herz eingedrungen, daß es trotz unserer Revolutionen noch immer in jeder Gestalt besteht, und daß es noch langer Zeit bedürfen wird, ehe der christliche Grundsatz der moralischen und socialen Gleichheit die Gesetze und den Geist der Gesellschaft beherrscht. Und doch ist das Dogma der Erlösung ein Symbol der Buße und Reinigung. Unsere Gesellschaft bekennt sich zu dieser Lehre in religiösen Theorien, aber nicht in der Praxis — denn diese Lehre ist für sie zu schön, zu groß — und doch werden wir durch etwas Göttliches, das im Grunde unsrer Seele liegt, angetrieben in unserm individuellen Leben die strengen Vorschriften der sittlichen Aristokratie zu brechen und unser Herz, das brüderlicher, mehr zur Gleichheit geneigt, barmherziger, also gerechter und christlicher ist, als unser Geist, läßt uns oft die Wesen lieben, welche die Gesellschaft als unwürdig und verderbt verwirft.
Wir fühlen nämlich, daß dieses Verdammungsurtheil widersinnig ist, und daß Gott es verabscheut, um so mehr, da die Welt, die es ausspricht, eine Heuchlerin ist, der es durchaus nicht auf das Grundgesetz des Guten und Bösen ankommt. Der große Revolutionär Jesus hat einst das erhabene Wort gesprochen, daß im Himmel mehr Freude sein würde über die Rückkehr eines Sünders, als über hundert Gerechte—-und ich glaube, daß auch die Geschichte vom verlorenen Sohne keine müßige Fabel ist. Dennoch giebt es noch immer eine sogenannte Aristokratie der Tugend, die stolz auf ihre Privilegien nicht zugestehen will, daß die Verirrungen der Jugend gesühnt werden können. Eine Frau, die im Wohlstande geboren, die mit Sorgfalt, entweder im Kloster oder unter der Aufsicht ehrwürdiger Matronen erzogen ist; die sich bei ihrem Eintritt in die Welt von allen Bedingungen des Wohlbefindens, der Ruhe, der Zufriedenheit umgeben sieht, die im Gefühl der Selbstachtung und in der Furcht vor der Ueberwachung Anderer genährt ist, eine solche Frau hat keine große Mühe und vielleicht kein großes Verdienst, ein tugendhaftes, geordnetes Leben zu führen, ein gutes Beispiel zu geben, strengen Grundsätzen zu folgen. Aber ich irre mich! denn wenn ihr die Natur eine glühende Seele gegeben hat, wird sie inmitten einer Gesellschaft, welche die Aeußerungen ihrer Gefühle und Fähigkeiten nicht gestattet, einer großen Anstrengung bedürfen, um diese Gesellschaft nicht zu verletzen — und in dieser Anstrengung liegt ihr Verdienst. Um wie viel mehr ist nun aber das arme verlassene Mädchen freizusprechen, dessen einzige Erbschaft in der Welt die Schönheit ausmacht, wenn ihre Jugend in Verirrungen geräth und ihre Unerfahrenheit den Fallstricken nicht zu entgehen weiß. Ich glaube, daß es die Aufgabe der erfahrenen Matrone wäre, der Verirrten die Arme entgegenzustrecken, sie zu trösten, zu läutern und mit sich selbst zu versöhnen — denn wozu nützt es, besser zu sein als Andere, wenn wir die Güte nicht fruchtbar machen, die Tugend nicht auf Andere zu übertragen suchen. Und doch ist es nicht so, denn die Welt verbietet der geachteten Frau, ihre Hand derjenigen zu reichen, die verachtet wird, und sie an ihrer Seite ruhen zu lassen. Die Gesellschaft ist ein ungerechter Richter! das lügnerische, gottlose Gesetz eines sogenannten Anstandes und einer sogenannten Sittlichkeit! diese Gesellschaft verlangt, daß sich die tugendhafte Frau von der Sünderin abwende und öffnet sie derselben ihre Arme, so wird die Gesellschaft, der Areopag falscher Tugenden und falscher Pflichten, sich von ihr lossagen.
Ich sage der falschen Tugenden und falschen Pflichten, weil nicht allein die wahrhaft reinen Frauen, die wahrhaft ehrwürdigen Matronen über den Werth ihrer verirrten Schwestern zu urtheilen haben. Es ist kein Verein würdiger Menschen, welcher die öffentliche Meinung beherrscht — das ist ein Traum. Die ungeheure Mehrzahl der Frauen in der Gesellschaft besteht aus gefallenen Frauen. Alle wissen es, Alle gestehen es und doch tadelt und schmäht Niemand diese schamlosen Weiber, wenn sie Andere tadeln und schmähen, die weniger strafbar sind, als sie selbst.
Als meine Großmutter ihren Sohn meine Mutter heirathen sah, war sie in Verzweiflung und hätte mit ihren Thränen den Ehecontrakt auslöschen mögen, der diese Verbindung besiegelte. Aber es war nicht ihre Vernunft, welche kalt diese Ehe mißbilligte, es war ihr mütterliches Herz, das vor den Folgen derselben zitterte. Sie fürchtete auch, daß ihn der Tadel einer gewissen Klasse der Gesellschaft treffen würde; sie litt in dem Gefühl sittlichen Stolzes, zu welchem ein vorwurfsfreies Leben sie berechtigte, aber sie bedurfte keiner langen Zelt, um einzusehen, daß ein bevorzugtes Wesen leicht seine Schwingen ausbreiten und seinen Flug erheben kann, sobald ihm Raum gegeben wird; darum war sie gut und liebevoll gegen die Frau ihres Sohnes — aber die mütterliche Eifersucht blieb und kam selten zur Ruhe, und wenn diese zärtliche Eifersucht eine Sünde war, so darf doch nur Gott sie richten, denn sie entzieht sich dem Urtheil der Menschen, besonders dem Urtheil der Frauen.
Vom Aufenthalt zu Azola, das heißt, vom Ende des Jahres 1800 bis zu meiner Geburt 1804 mußte auch mein Vater durch die Theilung seiner Seele zwischen einer geliebten Mutter und einer glühend angebeteten Frau furchtbar leiden. 1804 fand er endlich mehr Ruhe und Kraft im Bewußtsein einer erfüllten Pflicht, als er die Frau geheirathet hatte, die er mehrere Male im Begriff gewesen war, seiner Mutter zu opfern.
Ehe ich ihm nun, voll Bedauern und Bewunderung in diese innern Kämpfe folge, werde ich ihn wieder in Azola aufsuchen, von wo aus er seiner Mutter den zuletzt mitgetheilten Brief vom 29. Frimaire geschrieben hatte. Diese Zeit weist auf ein großes kriegerisches Ereigniß, den Uebergang über den Mincio hin.
Herr von Cobenzl war noch in Lüneville, um mit Joseph Bonaparte zu unterhandeln, und zu derselben Zeit wollte der erste Consul durch einen kühnen, entscheidenden Streich der Unentschlossenheit Oestreichs ein Ende machen. Er ließ die Rheinarmee, welche Moreau befehligte, den Inn überschreiten und die italienische Armee, die unter Brune's Anführung stand, den Mincio passiren. Innerhalb weniger Tage wurden diese beiden Stellungen gewonnen. Moreau war Sieger in der Schlacht von Hohenlinden und die italienische Armee, der es ebenfalls nicht an guten Offizieren und guten Soldaten fehlte, trieb die Oestreicher zurück und beendigte den Krieg, indem sie die Feinde zwang, die Halbinsel zu räumen.
Aber wenn hier wie überall das Verhalten der Armee heldenmüthig war, wenn der Eifer und die persönliche Begeisterung mehrerer Offiziere die Fehler des Anführers wieder gut machten, so ist doch nicht zu leugnen, daß Brune das ganze Unternehmen auf eine unverantwortliche Weise leitete. Indessen schreibe ich hier keine offizielle Geschichte und verweise meine Leser auf Thiers' Erzählung. Er ist ein ausgezeichneter Berichterstatter der kriegerischen Ereignisse, immer klar, übersichtlich, fesselnd und genau — und er mag die Anschuldigungen verbürgen, die mein Vater gegen den General ausspricht, der bei dieser Gelegenheit nicht einen Fehler beging, sondern ein Verbrechen. Er ließ einen Theil seines Heeres allein, ohne Hülfe im Kampf mit einem übermächtigen Feinde, und seine Unthätigkeit war durch die entsetzliche Hartnäckigkeit seiner Selbstsucht veranlaßt. Er war unzufrieden mit dem Eifer, welcher den General Dupont veranlaßt hatte, den Fluß mit 10,000 Mann zu überschreiten; er verbot Suchet demselben die nöthige Hülfe zu senden und hätte dieser — als er Dupont's Heer mit 30,000 Oestreichern im Gefecht und in Gefahr sah, trotz der heldenmüthigen Vertheidigung aufgerieben zu werden — nicht den Befehlen Brune's zuwider gehandelt, indem er auf seine Verantwortung den Rest der Division Gazan diesen Tapfern zu Hülfe schickte, so war unser rechter Flügel verloren. Diese Grausamkeit oder dieser Unverstand des Oberbefehlshabers kostete mehreren Tausend tapferer Soldaten das Leben und meinem Vater die Freiheit. Er hatte sich durch seine Tapferkeit und das Vertrauen auf seinen Glücksstern zu weit fortreißen lassen (das war der Aberglaube jener Zeit und wer auch nicht daran dachte, Bonaparte zu gleichen, meinte doch, so wie dieser vom Schicksal behütet zu werden); er wurde durch die Oestreicher gefangen genommen und dies war ein gefürchteteres Ereigniß als bedeutende Verwundungen und war fast betrübender als der Tod für junge Leute, die sich in Thatendurst und Ruhmbegierde berauschten.
Das war ein schmerzliches Erwachen nach einem Morgen voll heftiger Gemüthsbewegungen, dem eine Nacht voll Ungeduld und Entzücken vorangegangen war. Während dieser Nachtwache hatte er in glühender Erregung an seine Mutter geschrieben: „Wie süß ist es, geliebt zu sein! eine gute Mutter, treffliche Freunde, eine schöne Geliebte zu haben, ein wenig Ruhm und schöne Pferde und Feinde, die wir bekämpfen!“ Er hatte ihr aber nicht gesagt, daß er denselben Tag, denselben Augenblick zum Kampfe mit den Feinden ging, deren Gegenwart zu seinem Glück gehörte. Er versiegelte den Brief, in welchem er eben ein zärtliches Lebewohl ausgesprochen hatte, das vielleicht sein letztes Abschiedswort war, aber er ließ die Mutter im Glauben, daß er nur sein Pferd besteigen wolle, um zu recognosciren. Er gehörte ganz der Liebe und dem Kriege und hatte, obwohl er von Anstrengung erschöpft war, nicht daran gedacht, eine Stunde zu schlafen. Für ihn, wie für Alle war das Leben in jenem Augenblicke so voll und so warm! In derselben Nacht hatte er auch seinem Neffen René von Villeneuve einen Brief geschrieben, in welchem er sich deutlicher aussprach. Dieser Brief verräth eine Freiheit des Geistes, die uns angenehm berührt und die uns in Erstaunen setzen müßte, wäre sie in der Geschichte jener Zeit als etwas Besonderes anzusehen. Anfangs erzählt er ziemlich ausführlich von einer Camée, die er für René gekauft hatte und die von einem ungeschickten Arbeiter, der sie fassen sollte, zerbrochen wurde. Dann kündigt er ihm die Ankunft anderer Kunstgegenstände derselben Art an, welche der Kardinal Gonsalvi zu befördern versprochen hatte: „Denn Du mußt wissen — sagt er — daß ich mich mit Sr. Eminenz vortrefflich stehe und noch besser mit dem Papste.“ Endlich schildert er ihm seine Lage und die des Heeres: Es ist zwei Uhr Morgens; in zwei Stunden steigen wir zu Pferde. Den ganzen Tag haben wir damit zugebracht, die Truppen aufzustellen, alle unsere Artillerie hat vorrücken müssen und mit Anbruch des Tages werden wir uns klopfen. Wahrscheinlich wirst Du vom 29. d. M. reden hören, denn es wird ein allgemeiner Angriff der ganzen Armee stattfinden.“
„Die Pferde des Generals werden schon gesattelt, ich höre sie im Hofe, und wenn ich noch ein Paar Worte an meine Mutter geschrieben habe, lasse ich auch die meinigen satteln. Ich verlasse Dich also, mein lieber Freund, um mich mit den Herren Croaten, Walachen, Dalmatiern, Ungarn und Andern, die uns erwarten, herumzuschlagen. Es wird ein wahrer Hexensabbath werden! wir haben acht Zwölfpfünder aufgestellt — wie leid thut es mir, daß Du nicht hier bist, um den Lärm zu hören, den wir machen werden! ich bin überzeugt, daß Dich das amüsiren würde.“
Am folgenden Tage war er in den Händen des Feindes. — Der Schauplatz des Krieges, die siegreiche Armee, seine Freunde, die im Begriff waren nach Frankreich zurückzukehren, um ihre Mütter, ihre Verwandten zu umarmen, blieben hinter ihm zurück — und er ging zu Fuß in eine lange und schwere Verbannung. Dies Ereigniß, das ihn von dem geliebten Weibe trennte und meine arme Großmutter in eine furchtbare Verzweiflung stürzte, erstreckte seinen Einfluß auf das ganze Leben dieses jungen Mannes, der seit 1794 vergessen hatte, was Leiden, Einsamkeit, Zwang und Reflexionen sind. Vielleicht ging eine gänzliche Umwandlung in ihm vor, denn von dieser Zeit an war er, wenn auch nicht weniger heiter in äußerem Benehmen, doch vorsichtiger und ernster im Grunde der Seele. In dem Geräusch, in der Trunkenheit des Krieges hätte er Victorie vielleicht vergessen, aber in der traurigen Geistesöde der Verbannung und der Gefangenschaft war ihr Bild auf verhängnißvolle Weise in seine Gedanken verwebt. Nichts macht uns für eine große Leidenschaft so empfänglich, als ein großes Leid.
Vierzehnter Brief.
Padua, den 15. Nivose Jahr IX. (Januar 1801)
„Sei nicht in Sorgen um mich, meine gute Mutter! ich habe Morin gebeten Dir zu schreiben, also weißt Du sicherlich schon, daß ich gefangen bin; ich bin jetzt in Padua und auf dem Wege nach Gratz, hoffe aber bald ausgewechselt zu werden, da mich der General Dupont am Tage meiner Gefangennehmung von Herrn von Bellegarde zurück verlangt hat. Ich kann Dir jetzt nichts weiter sagen, aber ich hoffe Dir bald meine Rückkehr anzeigen zu können. Lebe wohl! ich umarme Dich aus voller Seele; ich umarme auch Vater Deschartres und meine Bonne.“
Diese wenigen Worte sollten die arme Mutter beruhigen — aber die Gefangenschaft war härter und langwieriger, als dieser Brief vermuthen ließ. Zwei Monate lang erhielt meine Großmutter gar keine Nachrichten von ihrem Sohne und war in jene dumpfe Verzweiflung versunken, welche die Männer nicht kennen und welche sie nicht zu überleben vermöchten. Die Organisation des Weibes ist ein Wunder in dieser Beziehung, denn begreifen läßt sich diese Gewalt des Schmerzes und diese Kraft des Widerstandes nicht. Die arme Mutter hatte keinen Augenblick des Schlafes und lebte nur von kaltem Wasser. Beim Anblick der Speisen, die man ihr reichte, schluchzte sie laut: „Mein Sohn stirbt vor Hunger!“ rief sie in Verzweiflung: „vielleicht verschmachtet er in diesem Augenblicke und ihr wollt, daß ich esse!“ Sie wollte sich auch nicht niederlegen: „Mein Sohn schläft auf der Erde“, sagte sie, „man giebt ihm vielleicht keine Hand voll Stroh, um sich darauf zu legen; vielleicht war er verwundet, als sie ihn gefangen nahmen [Sie irrte sich nicht, aber sie erfuhr dies niemals.] und er hat kein Stückchen Leinwand, um seine Wunden zu bedecken.“ Der Anblick ihres Zimmers, ihres Sessels, ihres Feuers, aller Bequemlichkeiten ihres Lebens, trieb sie zu den bittersten Vergleichen. Ihre Einbildungskraft vergrößerte die Entbehrungen und Leiden, die ihr theueres Kind zu tragen hatte: sie sah ihn gebunden in einem Kerker liegen; sie sah ihn von unwürdigen Händen geschlagen, vor Ermüdung und Hunger am Wege nieder sinken, aber durch den Stock des östreichischen Feldwebels gezwungen wieder aufzustehen, um sich weiter zu schleppen.
Der arme Deschartres bemühte sich umsonst sie zu zerstreuen; er verstand sich einmal nicht darauf, war selbst von sehr ängstlicher Gemüthsart und wurde durch meines Vaters Schicksal so ergriffen, daß es ein wahrer Jammer war zu sehen, wie die Beiden jeden Abend ihre Karten mischten und vertauschten, ohne recht zu wissen, was sie thaten, und ohne zu beachten, wer das Spiel gewonnen oder verloren hatte.
Endlich zu Ende des Ventose kam Saint-Jean im Galopp von la Châtre zurück; es war vielleicht das einzige Mal im Leben, daß er vergaß auf seinem Postwege im Wirthshaus einzukehren und vielleicht war es auch das einzige Mal, daß es ihm gelang mit seinem silbernen Sporn das friedfertige weiße Roß in Galopp zu bringen, das fast eben so lange gelebt hat, als er selbst. Bei dem ungewöhnlichen Geräusch seines Triumphmarsches erbebte meine Großmutter, lief ihm entgegen und erhielt folgenden Brief.
Fünfzehnter Brief.
Conegliano, den 6. Ventose, Jahr IX. (Februar 1801.)
„Endlich bin ich ihren Händen entgangen! ich athme wieder auf — dieser Tag ist für mich ein Tag des Glückes und der Freiheit! ich darf hoffen Dich binnen kurzer Zeit zu sehen, zu umarmen, und nun ist Alles vergessen, was ich gelitten habe. Von diesem Augenblick an sollen alle meine Schritte, alle meine Bemühungen darauf gerichtet sein, meine Rückkehr zu Dir möglich zu machen. Ein weitläufiger Bericht über mein Unglück würde zu lange dauern, ich will Dir nur sagen, daß ich, nachdem ich zwei Monate lang in Feindeshänden gewesen war, nachdem ich die Wüsten von Kärnthen und Krain durchwandert, die Grenzen von Bosnien und Kroatien erreicht hatte und im Begriff war in Nieder-Ungarn, einzumarschiren, durch den glücklichsten Zufall der Welt wieder Kehrt machen mußte, und daß ich, obwohl einer der zuletzt Gefangenen, doch einer der zuerst Ausgelieferten bin. Ich bin jetzt auf dem zweiten französischen Posten, wo ich ein Bett gefunden habe, ein Meubel, dessen ich mich seit etwa drei Monaten nicht mehr bediente, denn schon einen Monat vor meiner Gefangennehmung pflegte ich in voller Kleidung zu schlafen und seitdem habe ich kein anderes Lager gehabt, als Stroh. Ich hoffte nun bei meiner Rückkehr zur Armee den General Dupont und meine Kameraden zu finden; aber ich höre, daß er zurückberufen ist, weil er durch sein kühnes Ueberschreiten des Mincio die Eifersucht eines Mannes erregt hat, dessen Unfähigkeit man gewiß bald erkennen wird.
„Ich setze voraus, daß der General Dupont meine Pferde und mein Gepäck mitgenommen hat und so bleibt mir nichts übrig, als mich an den General Mounier zu wenden, der auch zu seiner Division gehört. Ich bezweifle nicht, daß er mich mit den nöthigen Mitteln zur Rückkehr zu Dir versehen wird und werde mich gleich nach Bologna wenden, wo er sich jetzt aufhält. Da ich auf Ehrenwort entlassen bin, kann ich bis zu meiner Auswechselung nicht mehr dienen.
„Ich empfinde eine große Freude frei zu sein und zu Dir zurückkehren zu dürfen, ohne daß mich ein Vorwurf treffen kann! Ich bin voller Jubel und doch habe ich gleichsam die Gewohnheit der Trauer, und diese hindert mich noch mein Glück vollständig zu fassen. Ich gehe morgen nach Treviso, wo die Erkundigungen, die ich einziehe, über meinen Weg entscheiden sollen. Lebe wohl, meine liebe Mutter, keine Sorgen mehr, keinen Kummer! Ich umarme Dich und strebe nur nach dem Augenblick des Wiedersehens. Ich umarme Freund Deschartres und meine Bonne — diesen guten Deschartres! wie lange habe ich ihn nicht gesehen!“
Sechszehnter Brief.
Paris, 25. Germinal, Jahr IX. (April 1801.)
„Mancherlei Quälereien und Geschäfte haben mich in Ferrara und in Mailand zurückgehalten, wo ich den General Watrin, einen meiner besten Freunde, vom rechten Flügel, getroffen habe. Dieser hat mir endlich, nicht ohne Mühe, meinen rückständigen Sold verschafft und darauf habe ich mich mit Georg Lafayette auf den Weg gemacht. Wir haben vier Mal umgeworfen, aber trotz der schlechten Wege, der schlechten Pferde, der schlechten Wagen und der Räuber [Es war zu der Zeit, als die Wege in Frankreich durch alle Arten von Raubgesindel unsicher gemacht wurden; durch Chauffeurs und Chouans, die aus allen möglichen Parteien desertirt waren, aber größtentheils aus Royalisten bestand.] sind wir gestern Morgen frisch und gesund in Paris angelangt. Ich habe schon meine Neffen, meinen Onkel und meinen General gesehen und Alle haben mich mit dem lebhaftesten Entzücken begrüßt. Aber meine Freude war nicht rein, denn Du fehltest zu meinem Glücke. Als ich durch die Straße Ville-L'évèque ging, habe ich traurig das Haus betrachtet, in welchem Du nicht mehr bist und mein Herz wurde recht schwer. Es ist mir noch wie ein Traum, daß ich meinem Vaterlande, meiner Mutter und meinen Freunden wiedergegeben bin — ich bin traurig, trotz meines Glücks! Warum ich traurig bin? ich weiß es nicht! Es giebt Empfindungen, die nicht zu erklären sind — aber wahrscheinlich ist es das Verlangen Dich zu sehen.
„Am Morgen meiner Ankunft begab ich mich zum General Dupont; er war nicht zu Hause. Um fünf Uhr ging ich abermals zu ihm und fand ihn mit mehreren andern Generälen bei Tische. Als er mich eintreten sah, stand er auf, um mich zu umarmen, und wir haben uns mit der lebhaftesten Zärtlichkeit und mit Freudenthränen in den Augen an's Herz gedrückt; Morin war außer sich vor Freude. Während des Essens hat sich der General ein Vergnügen daraus gemacht, einige für mich ehrenvolle Begebenheiten mitzutheilen und mein Lob zu verkündigen. Als wir in den Salon zurückkehrten, haben wir uns abermals umarmt — nach soviel Anstrengungen und Gefahren war dieser freundschaftliche Empfang sehr wohlthuend; ich war sprachlos vor Rührung. Zwischen den Waffengefährten besteht doch eine innige Verbindung; man hat tausendmal miteinander dem Tode getrotzt; man hat ihr Blut fließen sehen; man ist ihres Muthes eben so gewiß, als ihrer Freundschaft. Sie sind in Wahrheit unsere Brüder und der Ruhm ist unsere Mutter. Aber es giebt noch eine zärtlichere, gefühlvollere Mutter, die ich noch inniger liebe. Zu ihr wenden sich alle meine Wünsche und ich denke an sie, wenn mein General und meine Freunde sagen, daß sie zufrieden mit mir sind.
„Ich wollte gleich zu Dir eilen, um Dich zu umarmen, aber Beaumont sagte, Du würdest hierher kommen; Pernon hat für Dich eine andere Wohnung, Rue Ville-L'évèque, gefunden, und Pons sagt, daß der Zustand Deiner Finanzen Dir die Reise erlaubt. Aber komm nun schnell, meine liebe Mutter, sonst muß ich Dich holen. Der General will mich übrigens zurückhalten, um mich allen unsern Größen vorzustellen — und nun weiß ich nicht, auf wen ich hören soll. Wenn Du gleich kommen könntest, gingen Glück und Geschäfte Hand in Hand. Antworte mir also gleich, sonst reise ich ab. Wie köstlich ist der Augenblick, in dem wir Alles wiederfinden, was uns theuer ist — Vaterland, Mutter und Freunde! Man glaubt es nicht, man kann es nicht begreifen, wie ich mein Vaterland liebe! So wie man den Werth der Freiheit erst erkennt, wenn man sie verloren hat, so fühlt man die Liebe zum Vaterlande erst, nachdem man fern von ihm gewesen ist. Alle diese Leute in Paris begreifen solche Rede nicht — sie kennen nur die Liebe zum Leben und die Liebe zum Gelde. Ich erkenne den Werth des Lebens, aber nur um Deinetwillen — ich habe so viele Männer an meiner Seite fallen sehen, fast ohne es zu beachten, daß ich den Uebergang vom Leben zum Tode an und für sich als etwas sehr Geringfügiges betrachte. Aber trotz der geringen Sorgfalt, die ich darauf verwendete, habe ich dies Leben erhalten, und wenn ich noch einige Jahre dasselbe dem Dienste Frankreichs gewidmet habe, will ich es Dir vollständig weihen.
„Ich will jetzt die Wohnung besehen, die Pernon für Dich aufgefunden hat, und will sie zu Deiner Ankunft einrichten lassen; ich denke nur an dies! und ich umarme Dich auf das Herzlichste.“
Siebenzehnter Brief.
An Madame …
(Ohne Datum oder Ortsbezeichnung.)
„Ach! wie bin ich zugleich so glücklich und so unglücklich! ich weiß nichts zu thun und weiß Dir nichts zu sagen, meine theuere Victoria! ich weiß nur, daß ich Dich leidenschaftlich liebe — und das ist Alles! Aber ich sehe, daß Du in einer glänzenden Stellung bist, und daß mich armen Offizier eine Kugel fortreißen kann, ehe ich mein Glück im Kriege gemacht habe. Meine Mutter ist durch die Revolution zu Grunde gerichtet und es wird ihr sehr schwer, für meinen Unterhalt zu sorgen; und jetzt, wo ich aus den Händen des Feindes komme und kaum die nöthigsten Kleidungsstücke besitze, sehe ich mehr einem Menschen ähnlich, der vor Hunger stirbt, als dem Sohn eines angesehenen Hauses. Und doch hast Du mich so geliebt, meine theure, liebenswürdige Freundin, und mit einer seltenen Aufopferung hast Du Deine Börse zu meiner Verfügung gestellt. Was hast Du gethan? was habe ich selbst gethan, indem ich diese Hülfe annahm.
„Und Du liebst mich! und Du willst mir folgen! Du willst eine gesicherte, glückliche Stellung aufgeben, um alle Zufälle meines geringen Glückes zu theilen. O, ich weiß, daß Du das stolzeste, unabhängigste, anbetungswürdigste Wesen bist, und daß ich Dich anbete! aber ich kann mich noch zu nichts entschließen. Ich kann ein so großes Opfer nicht annehmen — ich kann Dich vielleicht niemals dafür entschädigen. Und meine Mutter! meine Mutter ruft mich und ich brenne vor Verlangen sie zu sehen, während der Gedanke Dich zu verlieren, mir den Sinn verwirrt. Und doch muß ich mich jetzt zu irgend etwas entschließen! So höre denn, was ich bitte: übereile nichts, ergreife keine Gewaltmaßregeln, die nicht wieder rückgängig zu machen wären. Ich werde einige Zeit bei meiner Mutter zubringen und Dir umgehend wiederschicken, was Du mir geliehen hast. Sei nicht böse — dies ist die erste Schuld, die ich bezahlen will. Wenn Du auf Deinem Vorhaben bestehst, werden wir uns in Paris wiederfinden. Aber bis dahin prüfe Dich wohl und vor allen Dingen ziehe mich nicht zu Rathe. Lebe wohl, ich liebe Dich bis zum Wahnsinn und ich bin so traurig, daß ich mich fast nach den Zeiten zurücksehne, als ich in den Wüsten von Kroatien hoffnungslos an Dich dachte.“
Achtzehnter Brief.
An Madame Dupin zu Nohant.
Paris, den 3. Floréal, Jahr IX. (April 1801.)
„Montag reise ich ab — ich werde Dich also endlich wiedersehen, meine geliebte Mutter, werde Dich endlich in meine Arme drücken! Ich bin außer mir vor Freude. Alle diese Briefe, diese Antworten gehen unerträglich langsam und ich bereue sehr, daß ich darauf gewartet und den schönsten Augenblick meines Lebens hinausgeschoben habe. Paris langweilt mich schon — überhaupt fühle ich mich seit einiger Zeit sonderbarer Weise nirgends wohl, aber bei Dir in Nohant werde ich die Ruhe finden, deren ich bedarf. Meine Kameraden, Morlin, Morin und Deconchy, sind schon unterwegs, wir lassen den General allein. Man weiß noch nichts Bestimmtes über die nächsten Expeditionen, aber ich hoffe, daß man die Lorbeeren des Mincio nicht vergessen wird, wenn etwas entschieden ist. Auf diesen blutigen Lorbeeren haben wir unsere Waffen niedergelegt — wird es nöthig sein, daß alle die tapfern Offiziere, alle die edelmüthigen Soldaten, die dort geopfert sind, um den Frieden zu erobern, aus ihren Gräbern aufsteigen, um Rache und Schande über feige Verleumder auszurufen? Du hast keinen Begriff davon, was in der Umgebung des Obergenerals [Der General Brune.] gesagt wird, um die fürchterliche Gleichgültigkeit zu bemänteln, mit welcher er diese Tapfern niederhauen ließ. Irgend Jemand in seiner Umgebung hat unter anderm mit seiner Erlaubniß oder auf seinen Befehl zu sagen gewagt, ich hätte mich gefangen nehmen lassen, um den Feinden den Schlachtplan und die Marschroute unserer Heere zu verrathen. Glücklicherweise waren der General Dupont und meine Kameraden dabei und sie haben diese Gemeinheiten auf das Entschiedenste zurückgewiesen.
„Lebewohl, meine gute Mutter; ich packe nun meine Sachen und komme zu Dir ... für mein ungeduldiges Verlangen noch immer zu spät! Ich umarme Dich auf das Herzlichste. Wie werde ich mich freuen Vater Deschartres und meine Bonne wiederzusehen.“
Fünfzehntes Kapitel.
Romanhafte Begebenheiten. — Unglückliche Expedition Deschartres. — Das Wirthshaus zum „schwarzen Kopfe“. — Familien-Kummer. — Ausflüge nach Blanc, Argenton, Courcelles und Paris. — Der Onkel Beaumont. — Fortsetzung des Romans. — Kurze Uebersicht des Jahres IX.
Während ich einige romanhafte Begebenheiten aus dem Leben meiner Eltern skizzire, wird man mir erlauben, sie bei ihrem Vornamen zu nennen; ich erzähle in der That ein Roman-Kapitel, das aber in jeder Hinsicht auf Wahrheit basirt ist.
In den nassen Maitagen 1801 kam Moritz nach Nohant. Als die ersten Ausbrüche der Freude vorüber waren, betrachtete ihn seine Mutter mit Erstaunen, denn der italienische Feldzug hatte größere Veränderungen in ihm hervorgebracht, als der Krieg in der Schweiz: er war größer, magerer, stärker und bleicher; seitdem er Soldat geworden war, war er um einen Zoll gewachsen, was im Alter von 21 Jahren ziemlich selten ist und wohl durch die bedeutenden Märsche veranlaßt sein mochte, zu welchen ihn die Oestreicher gezwungen hatten.
Trotz der heftigen Aufwallungen der Freude und Lust, welche die ersten Tage des Zusammenseins mit der Mutter erfüllten, bemerkte man bald, daß Moritz zuweilen träumerisch war und von geheimer Schwermuth verfolgt schien. Und als er eines Tages, unter dem Vorwande Besuche zu machen, nach la Châtre gegangen war, blieb er länger aus, als nöthig war, kehrte den zweiten und dritten Tag abermals dahin zurück und gestand endlich seiner unruhigen, bekümmerten Mutter, daß Victorie gekommen wäre, ihn aufzusuchen. Sie hatte Alles aufgegeben, Alles einer freien, uneigennützigen Liebe geopfert und sie gab ihm den unwiderleglichen Beweis dieser Liebe. Er war trunken vor Dank und Zärtlichkeit, aber er fand seine Mutter dieser Vereinigung so abgeneigt, daß er alle seine Gedanken in sich zurückdrängen und die Gewalt seiner Neigung verhehlen mußte. Als er seine Mutter ernstlich besorgt sah, wegen des Aufsehens, das ein solches Abenteuer in der kleinen Stadt verursachen mußte und wirklich schon verursachte, versprach er, Victorie zur Rückkehr nach Paris zu überreden. Aber er konnte sie nicht dazu bestimmen, konnte sich selbst nicht dazu entschließen, sie zu bestimmen, wenn er ihr nicht versprach sie zu begleiten oder ihr bald zu folgen und darin lag die Schwierigkeit. Er mußte wählen zwischen seiner Mutter und seiner Geliebten, mußte die Eine oder die Andere täuschen oder in Verzweiflung stürzen. Die arme Mutter hatte darauf gerechnet ihren Sohn bei sich zu behalten, bis er durch seinen Dienst zurückberufen würde und dieser Augenblick konnte ziemlich fern liegen, denn ganz Europa arbeitete am Frieden, der zu dieser Zeit auch Bonaparte's einziger Wunsch war. Und Victorie hatte Alles geopfert, sie hatte ihre Schiffe hinter sich verbrannt und hatte keine andere Aussicht, kein anderes Glück, als mit dem Gegenstande ihrer Liebe vereint zu sein, und ohne Sorgen um den folgenden Tag, ohne Reue über das Gestern, die Gegenwart ungetrübt zu genießen. Aber konnte dieser vortreffliche Sohn die Mutter verlassen, nachdem er kaum aus dem Feldzuge zurückgekommen war, der ihr so viele Klagen und Thränen erpreßt, so viele Schmerzen verursacht hatte? Oder war der Augenblick, in welchem ihm Victorie eine so leidenschaftliche Hingebung bewiesen hatte, dazu geeignet, ihr den Kummer seiner Mutter vorzustellen oder die Entrüstung der steifen Provinzbewohner? konnte er sie zurückschicken, wie eine gewöhnliche Maitresse, die einen dummen Streich gemacht hat? — es war hier mehr als ein Streit zwischen zwei Neigungen, es war ein Streit zwischen zwei Pflichten.
Um seine Mutter zu beruhigen, versuchte Moritz zuerst die Sache in einen Scherz zu verwandeln, und das war vielleicht unrecht, denn durch ernsthafte Gründe hätte er seine Mutter erweicht, wenn nicht gar überzeugt; aber er befürchtete die Besorgnisse, die sie sich so leicht erschuf und jene Art der Eifersucht, deren Dasein nicht zu bezweifeln war und wozu sie zum ersten Male einen wirklichen Grund hatte.
Diese Verhältnisse waren eigentlich nicht zu entwirren, aber Freund Deschartres beseitigte die Schwierigkeiten durch einen ungeheueren Mißgriff, welcher den jungen Mann von allen Skrupeln frei machte, die ihn belasteten.
In seiner Ergebenheit für Madame Dupin, seiner Verachtung der Liebe, die er nie gekannt hatte, seiner Ehrfurcht für den Anstand hatte der gute Schulmeister den unglücklichen Einfall, einen Hauptstreich auszuführen; er überredete sich, daß ein Eklat der Verbindung, die sich in die Länge zu ziehen drohte, ein Ende machen würde — und so brach er denn eines schönen Morgens, ehe sein Zögling die Augen geöffnet hatte, von Nohant auf und begab sich nach la Châtre in das Wirthshaus zum schwarzen Kopfe, wo die junge Reisende noch in süßem Schlummer lag. Er läßt sich als ein Freund von Moritz Dupin melden und wird gebeten einige Augenblicke zu warten. Die junge Frau zieht sich eilig an und dann wird er empfangen. Durch Victoriens Grazie und Schönheit kaum berührt, begrüßt er sie mit jener rauhen Unbehülflichkeit, die ihm eigenthümlich war, und beginnt damit, ein vollständiges Verhör anzustellen. Die junge Frau wird durch sein Aeußeres belustigt; sie antwortet anfänglich mit großer Sanftmuth, dann mit Heiterkeit, und da sie ihn endlich für verrückt hält, bricht sie in ein lautes Gelächter aus. Aber nun geräth Deschartres, der bis dahin einen schulmeisternden Ton bewahrt hatte, in Zorn — er wird hart, zänkisch, unverschämt und geht von Vorwürfen zu Drohungen über. Sein Geist ist nicht fein, sein Herz nicht zartfühlend genug, um ihm begreiflich zu machen, daß er eine Feigheit begeht, indem er ein Weib, dessen Vertheidiger abwesend ist, beleidigt. Er wird heftig, er beschimpft sie, befiehlt ihr denselben Tag noch nach Paris zurückzukehren und bedroht sie mit dem Einschreiten der Behörden, wenn sie nicht schleunig ihre Sachen packt.
Vietorie war weder schüchtern noch geduldig, und begann nun ihrerseits den Schulmeister zu necken und zu schrauben; sie war mehr rasch als vorsichtig in ihren Antworten und mit einer Leichtigkeit des Ausdruckes begabt, die mit dem Stottern, das sich Deschartres' bemächtigte, so oft er in Zorn gerieth, den vollständigsten Gegensatz bildete. Das feine, witzige pariser Kind trieb ihn endlich zur Thüre hinaus, die sie vor seiner Nase zumachte und rief ihm durch das Schlüsselloch noch das Versprechen nach, denselben Tag abzureisen — aber von Moritz begleitet. Der wüthende Deschartres, außer sich über solche Kühnheit, geht einen Augenblick mit sich zu Rathe und wählt ein Mittel, das der Thorheit seines Beginnens die Krone aufsetzt. Er holt den Maire und einen Freund der Familie, der irgend welches öffentliche Amt bekleidet; ich weiß nicht, ob er nicht auch die Gensd'armerie benachrichtigte. Das Wirthshaus „zum schwarzen Kopfe“ wurde also schleunig von diesen ehrwürdigen Repräsentanten der Regierung besetzt, die Stadt glaubte einen Augenblick an eine neue Revolution oder doch zum Wenigsten an die Gefangennehmung einer wichtigen Persönlichkeit.
Die Herren vom Magistrate, durch Deschartres' Rapport beunruhigt, gingen tapfer darauf los und glaubten mit einem Furienheere zu thun zu haben. Unterwegs beriethen sie sich über die „gesetzlichen Mittel“, durch welche der Feind zur Räumung der Stadt zu zwingen sein möchte. Zuerst wollten sie nach seinen Papieren fragen; hatte er deren keine, so wollte man seine Abreise verlangen und ihn mit Gefängniß bedrohen. War er damit versehen, so mußte man sie nicht in der gehörigen Ordnung finden und irgend welche Chikane ausüben. Deschartres, der vor Zorn ganz aufgeblasen war, stachelte ihren Eifer an und verlangte das Einschreiten der bewaffneten Macht. Aber die Herrn hielten die Rüstung des Militairs für überflüssig; sie drangen in das Wirthshaus ein und erstiegen die Treppe — trotz der Vorstellungen des Wirths, der sich lebhaft für seinen schönen Gast interessirte — mit eben so viel Muth als Kaltblütigkeit.
Ich weiß nicht, ob sie vor der Thüre die drei gesetzlichen Aufforderungen ergehen ließen, durch welche man Empörer zur Ruhe verweist; aber gewiß ist, daß sie keine Barrikaden überschreiten mußten und in der Höhle der Megäre, welche Deschartres beschrieben hatte, nichts fanden, als eine sehr kleine, sehr hübsche Frau, die mit nackten Armen und aufgelöstem Haar auf ihrem Bette saß und weinte.
Durch diesen Anblick wurden die Magistratsherrn, die weniger grausam waren, als der Schulmeister, sofort beruhigt, dann besänftigt und endlich gerührt. Ich glaube fast, daß sich der Eine in die entsetzliche Persönlichkeit verliebte, und daß der Andere vollständig begriff, wie sehr sie das Herz des jungen Moritz fesseln mußte. Sie begannen ihr Verhör mit großer Höflichkeit, mir einer gewissen Schonung sogar; aber sie weigerte sich stolz, ihnen zu antworten, bis sie bemerkte, daß diese Herrn gegen Deschartres' Beschuldigungen ihre Partei ergriffen, ihn zur Ruhe verwiesen und ein gewisses väterliches Wohlwollen für sie an den Tag legten. Nun wurde sie ruhig und sprach mit Sanftmuth und Liebenswürdigkeit, mit Muth und Vertrauen. Sie verhehlte nichts: erzählte, daß sie Moritz in Italien kennen gelernt und liebgewonnen hätte, daß sie seinetwegen einen reichen Beschützer verlassen hätte und daß ihr kein Gesetz bekannt wäre, wodurch sie zur Verbrecherin gestempelt würde, weil sie einen General für einen Lieutenant aufgegeben, den Reichthum der Liebe geopfert hätte. Die Beamten suchten sie zu trösten; sie stellten Deschartres vor, daß er kein Recht hätte, dies junge Weib zu verfolgen, forderten ihn auf sich zurückzuziehen und versprachen ihm, alle ihre Freundlichkeit und Ueberredungskunst aufzubieten, um die Fremde zum freiwilligen Verlassen der Stadt zu bewegen.
Deschartres zog sich wirklich zurück, vielleicht weil er den Galopp des Pferdes hörte, welches Moritz zu seiner Geliebten trug. Späterhin wurde Alles freundschaftlich mit Moritz berathen und geordnet, aber anfänglich war es schwer ihn zu beruhigen; er war im höchsten Grade aufgebracht gegen seinen tölpelhaften Lehrer und Gott mag wissen, ob er ihm nicht gern in der ersten Aufwallung des Zornes nachgeeilt wäre, um ihn übel zuzurichten. Und doch war es der treue Freund, der ihm mit Lebensgefahr die Mutter gerettet hatte — der treue Freund ihres ganzen Lebens — und zu dem Fehler, den er eben begangen hatte, war er auch nur durch die Liebe für seinen Zögling und dessen Mutter getrieben. Aber er hatte das Weib, das Moritz liebte, beleidigt und beschimpft — bei diesem Gedanken trat ihm der Schweiß auf die Stirn und ein Nebel bedeckte seine Augen. „Liebe, du zerstörtest Troja!“ Glücklicherweise war Deschartres schon weit entfernt, denn in seiner gewöhnlichen Ungeschicklichkeit und Roheit mußte er den Kummer von Moritz Mutter vergrößern, indem er ihr ein fürchterliches Bild der „Abenteurerin“ entwarf und sich über die Zukunft des jungen Mannes, der von diesem gefährlichen Weibe beherrscht und verblendet wurde, in den düstersten Prophezeihungen erging.
Während er an sein Werk des Zornes und Irrthums die letzte Hand anlegte, ließen sich Moritz und Victorie nach und nach durch die Magistratsherren, die ihre gemeinschaftlichen Freunde geworden waren, zur Ruhe sprechen. Dies junge Paar interessirte sie auf's Höchste, aber sie durften die gute, ehrwürdige Mutter nicht vergessen, deren Ruhe und Empfindung zu schonen ihre Aufgabe war. Moritz bedurfte ihrer liebreichen Vorstellungen nicht, um zu begreifen, was er zu thun hatte; er machte seine Freundin darauf aufmerksam und sie versprach denselben Abend abzureisen. Aber als die Beamten fortgegangen waren, verabredeten sie noch außerdem miteinander, daß Moritz nach Verlauf weniger Tage ebenfalls nach Paris kommen sollte. Er fühlte, daß er jetzt ein Recht dazu hatte, daß es sogar seine Pflicht war.
Er fühlte dies noch viel mehr, als er zu seiner Mutter zurückkehrte und fand, daß sie gegen ihn erzürnt war und Deschartres nicht Unrecht geben wollte. Der erste Gedanke des jungen Mannes war, sogleich abzureisen, um einen heftigen Auftritt mit seinem Freunde zu vermeiden, und Madame Dupin, die ihr gegenseitiges Grollen erschreckte, suchte nicht sich diesem Plane zu widersetzen. Um aber gegen die zärtlich geliebte Mutter nicht trotzig und ungehorsam zu scheinen, kündigte ihr Moritz an, daß er nach Blanc zu seinem Neffen, August von Villeneuve und dann nach Courcelles reisen würde, wo sich sein anderer Neffe, René, befand; er that sogar, als ob er sie wegen der Nützlichkeit dieses Schrittes um Rath fragte, indem er vorgab, daß es ihm Bedürfniß wäre, sich nach den letzten, peinlichen Gemüthsbewegungen zu zerstreuen und daß er wünsche, einen heftigen, schmerzlichen Bruch mit Deschartres zu vermeiden. „In wenigen Tagen,“ sagte er ihr, „komme ich ruhiger zurück, Deschartres wird es auch sein; Dein Kummer wird sich gelegt haben und Du hast dann keine Sorgen mehr, da Victorie schon abgereist ist“. Und da er sie bitterlich weinen sah, fügte er hinzu, daß sich Victorie wahrscheinlich bereits getröstet hätte und daß auch er sich Mühe geben wollte, sie zu vergessen. Er log, der arme Junge! und es war nicht das erste Mal, daß ihn die etwas kleinliche Zärtlichkeit seiner Mutter zum Lügen zwang. Es war auch nicht das letzte Mal — und diese Nothwendigkeit, sie zu täuschen, gehörte zu den großen Leiden seines Lebens, denn es gab nie ein aufrichtigeres, offneres, vertrauensvolleres Gemüth als das seinige. Wenn er heuchelte, mußte er seinem Wesen solche Gewalt anthun, daß er es immer sehr ungeschickt vollbrachte, und daß es ihm durchaus nicht gelang, die Scharfsichtigkeit seiner Mutter zu täuschen. So sagte sie ihm auch mit trauriger Miene, als er am folgenden Tage sein Pferd bestieg, daß sie wohl wüßte, wohin er sich jetzt begäbe. Er gab ihr sein Ehrenwort, daß er nach Blanc und Courcelles zu reiten im Begriff wäre, und sie wagte nicht, sein Ehrenwort zu verlangen, daß er von dort nicht nach Paris gehen wolle, denn sie fühlte, daß er es nicht geben, oder daß er es brechen würde. Sie mußte auch fühlen, daß er ihr alle Beweise der Achtung und des Gehorsams gab, die sie in solcher Lage von ihm erwarten konnte, indem er, ihr gegenüber, den Schein zu retten suchte.
Meine arme Großmutter war also von dem einen Schmerze nur befreit, um in neuen Kummer und in neue Besorgnisse zu versinken. Aus der stürmischen Unterhaltung mit meiner Mutter hatte ihr Deschartres mitgetheilt, daß diese gesagt hätte: „Es kommt ganz auf mich an, ob ich Moritz heirathe und wenn ich so ehrgeizig wäre, als Sie glauben, würde ich Ihren Beleidigungen in dieser Weise antworten. Ich weiß ganz genau, wie sehr er mich liebt — aber Ihr — Ihr wißt es nicht!“ Von diesem Augenblick an fürchtete Madame Dupin jene Heirath und damals war das wirklich eine thörichte, ungegründete Furcht: weder Moritz noch Victorie dachten daran. Aber wie es immer ist, daß man die Gefahren hervorruft, mit denen man sich übermäßig beschäftigt, so wurde auch die Drohung meiner Mutter ein prophetisches Wort, dessen Erfüllung meine Großmutter und besonders Deschartres beschleunigten, indem sie sich bemühten, dagegen anzukämpfen.
Moritz ging nach Blanc, wie er es angekündigt und versprochen hatte, und von dort aus schrieb er einen Brief, der den Zustand seiner Seele deutlich ausmalt.
Neunzehnter Brief.
Le Blanc, Prairial, Jahr IX (Mai 1801).
„Mutter, Du leidest und ich leide auch! Sehr viel hat der verschuldet, der zwischen uns steht und — aus guter Absicht, das sehe ich ein, aber ohne klares Unheil und ohne irgend welche Rücksicht, uns viel Böses gethan hat. Seit der Schreckenszeit ist dies der erste bedeutende Schmerz meines Lebens; er ist tief und ist vielleicht bitterer als der damalige, denn wenn wir zu jener Zeit unglücklich waren, so hatten wir doch keine Streitigkeiten miteinander — wir hatten nur eine Meinung, nur einen Willen; aber heute sind wir getrennt — nicht in unsern Gefühlen, aber in unsern Ansichten über sehr wichtige Punkte. Dies ist der größte Schmerz, der uns treffen konnte, und ich werde mich nur schwer in den betrübenden Einfluß zu finden wissen, den Freund Deschartres bei dieser Gelegenheit auf Dich ausgeübt hat. Wie ist es möglich, meine gute Mutter, daß Du die Verhältnisse von demselben Gesichtspunkte betrachtest, wie dieser Mann, der ohne Zweifel rechtschaffen und ergeben, aber auch etwas roh ist, und der über gewisse Handlungen und gewisse Neigungen, wie der Blinde über die Farben urtheilt? Ich kann dies nicht begreifen, denn ich mag mein Herz befragen, so viel ich will, ich finde darin nicht einmal den Gedanken eines Unrechts gegen Dich. Meine Liebe zu Dir ist reiner, größer als jede andere Liebe und der Gedanke Dir einen Schmerz zu verursachen, ist mir eben so fremd, eben so abscheulich, als der, ein Verbrechen zu begehen.
„Ueberlegen wir ein wenig, Mama. Wie soll es zugehen, daß meine Neigung für diese oder jene Frau eine Beleidigung für Dich und eine Gefahr für mich sein könnte, über die Du Dich beunruhigen und in Thränen auflösen müßtest? Bei diesen Gelegenheiten hast Du mich immer wie einen Mann betrachtet, der im Begriff ist, sich zu entehren und schon zur Zeit des Fräulein *** gabst Du Dich so entsetzlichen Sorgen hin, als ob ich mich von dieser Person zu unverzeihlichen Fehlern hinreißen lassen würde. Könnte es Dir lieber sein, wenn ich ein Verführer wäre, der Unfrieden in die Familien trägt, oder soll ich die Rolle eines Cato spielen, wenn mir gutwillige Personen begegnen? Das ist gut für Deschartres, der über mein Alter hinaus ist und der überdies, ich sage das ohne Malice, nicht viel Gelegenheit zu sündigen gefunden hat. Aber kommen wir zur Sache. Ich bin kein Kind mehr und kann wohl über die Personen urtheilen, die mir Zuneigung einflößen. Gewisse Frauen, das weiß ich wohl, sind, um mich Deschartres' Wörterbuch zu bedienen, Dirnen und Creaturen, und diese liebe ich ebensowenig, als ich sie suche; ich bin nicht Wüstling genug, um meine Kräfte zu vergeuden, und nicht reich genug, um diese Art Frauen zu unterhalten; aber diese häßlichen Ausdrücke sind nie auf eine Frau anzuwenden, die ein Herz besitzt. Die Liebe reinigt Alles. Die Liebe veredelt die verworfensten Geschöpfe, wie viel mehr noch die, deren einziges Unrecht das Unglück ist, ohne Stütze, ohne Hülfsmittel, ohne Führer in die Welt hinausgestoßen zu sein. Warum soll es einem so verlassenen Weibe zum Verbrechen angerechnet werden, wenn es seinen Halt und seinen Trost in dem Herzen eines rechtschaffenen Mannes sucht, während die Frauen der guten Gesellschaft, denen es weder an Ansehen noch an Ergötzlichkeiten fehlt, sich alle Liebhaber halten, um sich für die Langeweile zu entschädigen, die ihnen ihre Männer machen! Die, welche Dir so viel Kummer und Unruhe bereitet, hat einen Mann verlassen, der sie liebte und mit Vergnügen und Behaglichkeit umgab, das gestehe ich zu; aber würde dieser Mann sie genug geliebt haben, um ihr seinen Namen zu geben und ihre Zukunft zu sichern? Nein! Und deshalb fühlte ich, seit ich wußte, daß sie die Freiheit hätte, ihn zu verlassen, nicht den leisesten Gewissensscrupel ihre Liebe gesucht und erhalten zu haben. Weit entfernt mich zu schämen, daß ich diese Liebe einflöße und theile, bin ich vielmehr stolz darauf, trotz des Mißfallens Deschartres' und der guten Zungen von La Châtre; denn unter diesen „Damen“, die mich tadeln und sich scandalisiren, weiß ich welche, die mir gegenüber nicht das Recht haben, prüde zu thun. Ueber diesen Punkt hätte ich Lust zu lachen, wenn ich lachen könnte, da Du aus Liebe zu mir traurig bist, meine gute Mutter. „Aber endlich, was fürchtest Du, was bildest Du Dir ein? Daß ich eine Frau heirathen würde, deren ich mich einst schämen müßte? Sei vorerst versichert, daß ich nichts thun werde, worüber ich jemals erröthen könnte; wenn ich diese Frau heirathete, so würde ich sie sicher auch achten, denn man kann nicht ernstlich lieben, wo man nicht hohe Achtung empfindet. Also hat Deine Besorgniß, oder vielmehr die Besorgniß Deschartres', nicht den geringsten Grund.
Ich habe noch niemals an das Heirathen gedacht — ich bin noch viel zu jung, um daran zu denken, und das Leben, das ich führe, erlaubt mir noch nicht Frau und Kinder zu haben. Und Victorie denkt ebensowenig daran als ich. Sie hat sich sehr jung verheirathet; ihr Mann ist gestorben und hat ihr eine kleine Tochter hinterlassen, der sie alle Sorgfalt angedeihen läßt, die aber doch eine Last für sie ist. Jetzt muß sie arbeiten, um zu leben, und sie wird es thun, denn sie besaß schon früher eine Putzhandlung und arbeitet sehr gut. Welches Interesse könnte sie also haben, einen armen Teufel wie mich zu heirathen, der nichts besitzt als seinen Säbel, seinen wenig einträglichen Rang und der um keinen Preis Deine Behaglichkeit noch mehr beeinträchtigen würde, als es jetzt geschieht — das ist schon zu viel!
„Du siehst also wohl, daß alle Ahnungen des weisen Deschartres keinen Sinn haben und daß seine Freundschaft ebensowenig zart als klug ist, wenn es ihm gefällt, Dir solche Befürchtungen in den Kopf zu setzen. Seine Aufgabe würde sein, Dich zu trösten und zu beruhigen, statt dessen thut er Dir weh. Er gleicht ganz dem Bären in der Fabel, der eine Fliege auf dem Gesichte seines Freundes todtschlagen wollte und diesem dabei den Kopf mit einem Pflastersteine zerschmetterte. Sage ihm das von mir, und daß er sein Benehmen ändern möchte, wenn wir gute Freunde bleiben sollen. Auf andere Weise würde das nicht gut möglich sein. Ich kann ihm verzeihen, wenn er sich abgeschmackt gegen mich beträgt, aber nicht, wenn er Dir Schmerzen bereitet und Dir den Glauben zu nehmen sucht, daß meine Liebe zu Dir jede Prüfung besteht.
„Und dann, liebe Mutter, kennst Du mich denn nicht? Weißt Du nicht, daß, selbst wenn ich den Plan gehabt hätte, mich zu verheirathen, selbst wenn ich es sehr gewünscht hätte (was indessen nicht der Fall ist), Dein Kummer und Deine Thränen genügt haben würden, mich davon abzuhalten? Könnte ich denn jemals etwas thun, das Deinem Willen und Deinen Wünschen entgegenliefe? Denke doch, daß dies unmöglich ist und schlafe ruhig.
„August und seine Frau wollen mich noch zwei oder drei Tage hier behalten. Man kann wirklich nicht liebenswürdiger sein, als sie. Das sind keine leeren Redensarten, sondern wirkliche Herzlichkeit und Freundschaft. Sie sind sehr glücklich — sie lieben sich und kennen weder Ehrgeiz noch Planmacherei, aber auch nicht den Ruhm! Und wenn man von diesem Weine getrunken hat, kann man sich nicht wieder an klares Wasser gewöhnen.
„Adieu, meine gute Mutter, ich sehne mich wieder zu Dir zu kommen und Dich zu trösten — aber laß mich nur noch zwei oder drei Tage die ernsten Vorträge und weisen Rathschläge meines achtungswürdigen Neffen anhören. Ich bin ein sanftmüthiger Onkel, der sich belehren läßt — habe zärtlichere Predigten nöthig als die Deschartres' und fühle, daß die Luft von Nohant und La Châtre mir jetzt nicht zusagen würde. — Ich umarme Dich von ganzer Seele und liebe Dich mehr, als Du glaubst.
Moritz.“
Zwanzigster Brief.
Argenton.
„Ich bin in Blanc einen Tag länger geblieben, meine gute Mutter, als ich eigentlich wollte, und nun bin ich in Argenton bei unserem guten Freunde Scävola, welcher auch wünscht, daß ich zwei oder drei Tage bei ihm zubringe und ein großes Geschrei ausstößt, als er sieht, daß ich zögere, es ihm zu versprechen. Ach, liebe Mutter, wie verändert ist mein Leben seit drei Jahren! Es ist etwas Eigenthümliches. Ich habe alle diese Tage Musik, ja selbst gute Musik gemacht und werde mich auch jetzt noch damit beschäftigen, denn Scävola ist noch immer ein passionirter Dilettant und macht eben so viel Aufhebens von meiner Violine als von mir — aber sonst würde ich an nichts Anderes gedacht und über die Musik Alles vergessen haben, und jetzt macht sie mich traurig statt mich zu begeistern. — Ich fürchte den Frieden und wünsche die Wiederaufnahme des Kampfes mit einer Lebhaftigkeit, die ich selbst weder verstehen kann, noch zu erklären weiß. Dann denke ich wieder, daß ich Dir neuen Kummer bereite, indem ich fortgehe und dieser Gedanke vergiftet den an das Vergnügen, das ich im Gefecht und auf dem Schlachtfelde empfinden würde. Du wärest traurig und gequält und ich wäre es auch. Es giebt wohl kein Glück in dieser Welt? Ich fange an, das zu bemerken, und da ich als Narr, der ich bin, das ganz vergessen hatte, so bin ich von der schönen Entdeckung völlig verblüfft. Aber ich fühle, daß ich unfähig bin, mich ohne Krieg zu zerstreuen und zu betäuben. Nach solchen Aufregungen scheint mir jede andere schal. — Ich hatte nichts als Deine Zärtlichkeit, um sie mich vergessen zu lassen, und selbst dieses Glück mußte mir für einige Zeit vergiftet werden.
„Ich bin wie toll, wenn ich die Truppen defiliren sehe und den kriegerischen Klang ihrer Instrumente höre. Wir Kriegsleute sind eine Art Narren, deren Anfälle sich, wie die andrer Narren, verdoppeln, wenn sie etwas sehen oder hören, was sie an die Ursache ihres Wahnsinnes erinnert. — Das passirte mir gestern Abend, als ich eine halbe Brigade vorüber ziehen sah. Ich hielt meine Violine in der Hand und warf sie weit von mir. Adieu Haydn, Adieu Mozart, wenn der Tambour schlägt und die Trompete erschallt! Ich habe meine Unthätigkeit beklagt und beinahe vor Wuth geweint. Mein Gott, wo ist die Ruhe und Sorglosigkeit meiner ersten Jugend!
„Auf Wiedersehen, meine gute Mutter, in Deinen Armen werde ich mich trösten und beruhigen. Einen guten Abend für Deschartres. Sage ihm, daß er hier einen ausgezeichneten Ruf als gelehrter Ackerbauer und Erznotenfresser hat. Ich umarme Dich von ganzer Seele und auch meine Bonne, die gewiß keinen Stein auf mich geworfen hat! Möge sie Dich beruhigen und trösten, und mögest Du sie hören. Sie hat mehr gesunden Verstand als alle Andere.“
Ein zärtlicher Brief meiner Großmuteer führte Moritz für einige Zeit in die Heimath zurück. Deschartres empfing ihn mit verdrießlichem Gesichte und ziemlich trotzig — und als er sah, daß Moritz sich nicht näherte, um ihn zu umarmen, drehte er ihm den Rücken und ging, um den Gärtner wegen eines Salatbeetes auszuzanken. Eine Viertelstunde später sah er sich plötzlich in einer Allee seinem Schüler gegenüber. Moritz bemerkte, daß dem armen Schulmeister die Augen voll Thränen standen und warf sich in seine Arme. Beide weinten, ohne ein Wort zu sprechen und kehrten Arm in Arm zu meiner Großmutter zurück, die sie auf einer Bank erwartete und glücklich war sie mit einander ausgesöhnt zu finden. Aber Victorie schrieb! Sie konnte sich zu jener Zeit kaum schriftlich verständlich machen, denn ihr ganzer Unterricht beschränkte sich auf einige Stunden, die ihr 1788 ein alter Kapuziner ertheilt hatte, welcher armen Kindern umsonst lesen lehrte und den Katechismus hersagen ließ. — Einige Jahre nach ihrer Verheirathung schrieb sie Briefe, deren Natürlichkeit, Anmuth und Geist selbst meine Großmutter bewunderte; aber zu der Zeit, von der ich erzähle, mußte man die Augen eines Liebhabers haben, um das kleine Gekritzel zu entziffern und diese Ausbrüche eines leidenschaftlichen Gefühls zu verstehen, das keine Form finden konnte, um sich auszudrücken. Moritz verstand indessen, daß Victorie in Verzweiflung war, daß sie sich verbannt, betrogen und vergessen glaubte. Nun fing er wieder an, von der Reise nach Courcelles zu sprechen, und neue Befürchtungen, neue Thränen waren die Folge — aber dessen ohngeachtet reiste er am 28. prairial ab und schrieb von Courcelles:
Einundzwanzigster Brief.
Courcelles, den 28. prairial (Juni 1801).
„Gestern Abend bin ich hier angekommen, liebe Mutter, und habe den Weg mit dem Postwagen sehr unbequem, aber dafür auch sehr schnell zurückgelegt. — Das war eine traurige Reise. Deine Schmerzen, Deine Thränen quälten mich wie Gewissensbisse und doch sagte mir mein Herz, daß ich nicht strafbar bin, denn Alles, was Du verlangst, ist, Dich zu lieben, und ich fühle, daß ich Dich liebe. Ist es möglich, daß ich Dir thränen erpresse, ich, der Dich so glücklich sehen möchte! Aber warum betrübst Du Dich auch so? Es ist unbegreiflich und ich kann es nicht fassen. Diese junge Frau hat nie gedacht, daß ich sie heirathen würde, denn ich habe selbst noch nicht daran gedacht — was sie Deschartres gesagt hat, sagte sie im Zorne, der wohl durch die Härte gerechtfertigt ist, mit welcher er gegen sie auftrat. Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß Alles dies nicht geschehen wäre, wenn er sich ruhig verhalten hätte. Ich würde sie ohne Aufsehen haben abreisen lassen, da ihre Gegenwart in la Châtre (um die Du Dich nicht zu kümmern brauchtest) so sehr Dein Mißfallen erregte. Aber da es nun einmal so ist, so verspreche ich Dir, daß ich niemals wieder eine Geliebte unter Deinen Augen haben will, und daß ich Dir niemals wieder etwas von meinen Abenteuern erzählen werde. Das wird mir weh thun, denn ich bin so gewöhnt, Dir Alles mitzutheilen, was ich erlebe und erfahre, daß ich nicht begreife, wie ich Geheimnisse vor Dir haben soll. — In welche traurige Notwendigkeit versetzt uns diese beklagenswerthe Geschichte und der unbesonnene Streich Deschartres'! Aber laß uns nicht mehr davon sprechen. Ich kann mich nicht mit ihm veruneinigen und möchte um Alles in der Welt keinen Unfrieden zwischen Euch stiften. Er wird seine Fehler nicht mehr ablegen und wir wollen ihn trotz alledem lieben und seine guten Eigenschaften anerkennen.
„Ich schweife hier durch den Wald und an den Ufern des Wassers umher — die Gegend ist ein Paradies auf Erden. — Man hat mich mit der zärtlichsten Freundschaft empfangen — René war mit seiner Frau auf einer Insel im Park; er kam mit dem Kahn, um mich zu holen und unsere Umarmung auf dem Wasser war so stürmisch, daß das Schiffchen beinahe umgeschlagen wäre. Adieu, meine gute Mutter, auf baldiges Wiedersehen. Gräme Dich nicht mehr, liebe mich immer und sei versichert, daß ich nicht glücklich sein kann, wenn Du es nicht bist, denn Deine Schmerzen sind die meinigen. Ich umarme Dich von ganzer Seele.“
Zweiundzwanzigster Brief.
Paris, 7. messidor (Juni 1801).
„Wie Du voraussahest, meine liebe Mutter, als Du mich nur eine Tagereise von Paris wußtest, habe ich dem Wunsche nicht widerstehen können, einige Augenblicke hier zu sein. Ich habe Beaumont und meinen General gesehen. Nein schönes Pferd Paméla geht morgen nach Nohant ab; der General reist nach Limousin. In etwa vierzehn Tagen wird er zurückkehren und hat mir versprochen, über Nohant zukommen, wo ich Dir helfen werde, ihn zu empfangen. Diesen Morgen sah ich Oudinot, der, da er mehr in Gnaden steht, als wir, auf Anstiften Charles His', hoffentlich den Hauptmannsrang für mich verlangen wird. Ich erhalte jetzt auch meinen Sold und der soll mir einen neuen Anzug verschaffen, damit ich den Cardinal Gonsalvi besuchen kann, der jetzt hier ist, um das Concordat abzuschließen. Es scheint, als hätte er sich nur sehr ungern zu dieser Reise entschlossen, als glaubte er unter die Guillotine zu gehen, wenn er Rom verließe. Charles His, der mich bei meiner „Gesandtschaft“ nach Rom begleitete, hat Se. Eminenz schon hier besucht und viele Umarmungen davongetragen. Siehst Du wohl, liebe Mutter, daß der kleine Ausflug, den Du schon als große Extravaganz betrachtetest, keinen verderblichen Einfluß auf mein Schicksal haben wird, meinen Verhältnissen vielmehr nützlich ist und Dich keinen Sou kostet. — Von den sechsundzwanzig Louisd'or, die mir Herr von Cobenzl zurückerstatten soll, habe ich noch nichts gehört. Ich werde morgen zu ihm gehen. Adieu, liebe Mutter, ich bin bald wieder bei Dir, und, wenn der Himmel will, als Hauptmann. Ich bitte Dich, gräme Dich nicht und zweifle niemals an der Zärtlichkeit Deines Sohnes.“
Moritz blieb in Paris bis an das Ende des Messidor; verschiedene Geschäfte mußten als Vorwand dienen: der Besuch bei Monsignore Gonsalvi, die sechsundzwanzig Louisd'or der Auswechselungscommission; allerhand Bemühungen um ein Avancement, auf das er nicht rechnete, und um das er sich eben nicht kümmerte, eine Verletzung des Pferdes, die Feierlichkeiten des 14. Juli — das waren die mehr oder weniger ernsten Gründe, welche die Tage, die er der Liebe weihte, mit einem nicht sehr geheimnißvollen Schleier umhüllten. Der arme Junge verstand das Lügen nicht und von Zeit zu Zeit machte sich seine Seele in lauten Klagen Luft: „Du willst nicht,“ schrieb er an seine Mutter, „daß ich mich für ein Weib interessire, das Alles für mich verlassen, Alles meinetwegen verloren hat! Das ist ja unmöglich! Du selbst, meine Mutter, Du verlangst dies wohl — aber Du würdest nicht einmal gegen einen Dienstboten gleichgültig sein können, der seine Stelle verloren hätte, um Dir zu folgen, und Du glaubst, daß ich gegen eine Frau undankbar sein könnte, deren Herz aufrichtig und edel ist? Nein, Du kannst einen solchen Rath nicht geben!“
Der Onkel Beaumont, der früher Abbé und Coadjutor bei dem Erzbisthum von Bordeaux gewesen war, dieser Sohn des Fräuleins von Verrières und des Herzogs von Bouillon, der Enkel Türenne's und folglich ein Verwandter des Herrn von Latour d'Auvergne, war ein geistreicher und verständiger Mann. Er hatte als junger Abbé ein glänzendes und stürmisches Leben geführt; er war schön, idealisch schön; von sprühender Fröhlichkeit; tapfer wie ein Husarenlieutenant; poetisch wie — der Musen-Almanach; herrschsüchtig und schwach, das heißt zärtlich und jähzornig. Auch er war eine Künstlernatur, ein Wesen, das in anderer Umgebung die Größe eines Gondi gewonnen haben würde, dessen Jugend er so ziemlich nachgeahmt hatte. Nach der Revolution zog er sich aus dem Geräusch und der Bewegung der Welt zurück, lebte in der Stille und schloß sich den „Ralliirten“ nicht an, die er ohne Bitterkeit und ohne Pedanterie etwas verachtete. In jener Zeit beherrschte eine Frau sein Leben und machte ihn glücklich. Für meine Großmutter war er immer ein treuer Freund und für meinen Vater war er zugleich ein Vater und ein Kamerad.
Die sittlichen Begriffe des schönen Abbés waren die der liebenswürdigen Männer seiner Zeit, und wenn diese Begriffe von den Männern unserer Zeit nicht weiter ausgedehnt werden, so sind diese doch nicht mehr so liebenswürdig, da liegt der Unterschied! Mein Großonkel war ein Gemisch von Trockenheit und Mittheilsamkeit, von Härte und unvergleichlicher Güte. Er fand es ganz natürlich, Victoriens edle Hingabe zurückzuweisen.
„Laßt sie reich sein, und sich amüsiren, sagte er in seinem sanften epicuräischen Cynismus. „Das ist viel klüger, als wenn sie mit dem Manne ihrer Liebe darbt. Moritz soll sie vergessen und diese romanhafte Hingebung nicht ermuthigen, das wird viel besser für ihn sein, als wenn er sich mit einer Wirthschaft belastet und seine Mutter quält.“
Er hat die Leidenschaft meines Vaters niemals ermuthigt, sich aber auch niemals lebhaft bemüht, dieselbe auszurotten, und als Moritz sich mit Victorie verheirathete, behandelte er diese wie seine Tochter und ließ sich's angelegen sein, sie meiner Großmutter zu nähern.
In den ersten Tagen des Thermidor (Ende Juli 1801) kam Moritz nach Nohant zurück und blieb daselbst bis Ende des Jahres. Hatte er sich entschlossen, Victorie zu vergessen, um die Kämpfe mit seiner Mutter zu beendigen? Dies ist kaum glaublich, denn sie erwartete ihn in Paris und fand ihn leidenschaftlicher, als je zuvor. Aber ich habe keine Spuren ihres Briefwechsels aus diesen vier Monaten. Wahrscheinlich wurde diese Correspondenz in Nohant etwas überwacht und die Briefe wurden deswegen nach und nach vernichtet.
Sechszehntes Kapitel.
1802. Brieffragmente. — Die „Beaux“ der schönen Welt. — Musikalische Studien. — Die Engländer in Paris. — Wiederkehr des Luxus. — Fest des Concordats. — Feierlichkeiten in Notre-Dame. — Haltung der Generäle. — Deschartres in Paris. — Adresse nach Charleville. — Antwort an Deschartres. — Widerwärtigkeiten der Adjutantenstellung in Friedenszelten.
1802.
Gegen das Ende des Jahres 1801 kehrte Moritz nach Paris zurück. Er schrieb seiner Mutter mit derselben Pünktlichkeit wie sonst, aber seine Briefe sind nicht mehr dieselben. Es sind nicht mehr dieselben Herzensergießungen, nicht mehr dieselbe Sorglosigkeit, oder wenn sich Sorglosigkeit zeigt, ist sie ein wenig erzwungen. Die arme Mutter hat jetzt ohne Zweifel eine Nebenbuhlerin; ihre zärtliche Eifersucht hat das Uebel, das sie befürchtete, zum Ausbruch gebracht.
Vom Frimaire des Jahres X bis zum Floréal desselben Jahres enthalten die Briefe meines Vaters interessante Bemerkungen über die Gesellschaft, mit welcher er verkehrt und welche er aufmerksam beobachtet. Ich weiß kaum, was ich auswählen soll, um hier einen Auszug zu geben, denn Alles ist anziehend. Er schildert die Pariser Gesellschaft, wie sie sich den Engländern präsentirte, die mit Fox nach Paris gekommen waren. Er erzählt von dem Feste des Concordats und seine persönliche Meinung darüber stimmt mit der der militairischen Umgebung überein, in welcher er sich befindet; aber ich werde hier nur die Stellen mittheilen, die auf sein eignes Leben Bezug haben.
Den 4. Nivose Jahr X.
„Heute haben wir den Jahrestag des berühmten Ueberganges [Den Uebergang über den Mincio.] gefeiert. Fast alle Offiziere des rechten Flügels waren bei meinem General versammelt —Keiner ahnte, daß es Lieder geben würde; aber ich hatte ein ganzes Packet schlechter Verse gemacht, das der Bediente des Generals während der Tafel überreichen mußte. Der General brach es neugierig auf und erstickte fast vor Lachen.
„Es war ein komisches Heldengedicht, das den ganzen Hergang schilderte. Er las es vor und Alle lachten wie er und wunderten sich über die Genauigkeit der Erzählung. Ich wurde schnell als der Verfasser errathen und sollte mein Werk absingen, aber ich wollte das schon Gelesene nicht auf's Neue beginnen und sang eine Litanei anderer Verse über dasselbe Thema. Das hat mich auf wohlfeile Art mit Ruhm bedeckt; lachend und singend standen wir vom Tische auf und als wir in den Salon zurückkehrten, haben wir uns Alle untereinander umarmt; der General Dupont schloß mich zuerst in die Arme. Wenn man jemals Gleichheit und Brüderlichkeit unter einigen Menschen findet, so ist es unter uns in solchen Momenten.“
„Alle Liebenswürdigen der ***Gesellschaft sind die ausgemachtesten Laffen, die ich kenne. Sie reden eine Stunde lang, um Nichts zu sagen; entscheiden über Alles auf's Gerathewohl und lassen sich's so angelegen sein — der schönen Manieren wegen — einander nachzuahmen, daß, wer den Einen kennt, mit Allen bekannt ist. Du sagst, daß man in der Gesellschaft leben muß, liebe Mutter, und das ist wohl möglich! aber es giebt nichts Einfältigeres, als alle diese Leute, deren einziges Verdienst in einem Namen besteht, dessen Glanz ihnen nicht zugehört.“
„... Viel besser, als in der Gesellschaft, unterhalte ich mich mit meinem gemietheten Klavier und mit dem Lehrer, der mich im Generalbaß unterrichtet. Wenn ich mich die ganze Nacht bis drei Uhr Morgens bei meinen musikalischen Arbeiten vergessen habe, fühle ich mich viel ruhiger und glücklicher, als wenn ich auf einem Balle gewesen wäre. Ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, ein guter Tonsetzer zu werden und das soll mir gelingen. Ich vernachlässige aber auch meine Geige —ich liebe sie ja sosehr! Meine Finanzen sind nicht gerade im schönsten Stande, denn ich habe mich vom Kopf bis zu den Füßen neu equipiren müssen, um zur Parade gehen zu können. Aber da ich mir schmeichle, zu den Kindern Apollo's zu gehören, ist's in der Ordnung, daß ich arm bin.
„Im Theater habe ich Lejeune gesehen. Als er das Bild der Schlacht von Marengo malte, hat er mich in ganz Paris gesucht; er sagt, daß er sich nicht darüber trösten kann, meinen Kopf nicht unter Händen gehabt zu haben, um ihm einen Platz im Bilde zu geben.“
„Ich habe die Bekanntschaft einiger vornehmen Damen gemacht: der Madame d'Esquelbec, die, wie man mir sagt, die Gnade gehabt hat, mich sehr nett zu finden; der Madame de Flahaut, die einen Roman herausgegeben hat, welchen ich unhöflicher Mensch nicht gelesen habe; und endlich der Madame d'Andlaw. René ist immer der liebenswürdigste Freund; aber er hat den Fehler, Wasser zu trinken wie eine Ente. Glücklicherweise steckt das nicht an! ...“
„Ich schwöre Dir bei Allem, was heilig ist, daß V... arbeitet und mich nichts kostet. Ich begreife nicht, warum Du Dich so ängstigst. So lange ich ein armer Teufel bin, werde ich niemals eine Frau unterhalten, denn ich wäre genöthigt, es auf Deine Kosten zu thun. Ueberdies kennst Du sie gar nicht; Du beurtheillsft sie nach Deschartres' Berichten, der sie noch viel weniger kennt. Laß uns gar nicht mehr von ihr sprechen, ich bitte Dich darum, meine gute Mutter, wir würden uns doch nicht verstehen. Aber sei wenigstens überzeugt, daß ich mir lieber eine Kugel durch den Kopf jagte, als einen Vorwurf von Dir verdiente, und daß es mein tödtlichster Kummer ist, wenn ich Dir Schmerzen bereite.“
„... Ich käme nie zu Ende, wenn ich Dir alle Lächerlichkeiten dieser schönen Jugend mittheilen wollte. Die Engländer fühlen das auch und ich bin außer mir, wenn ich sie heimlich darüber lachen sehe und ihnen nicht Unrecht geben kann, daß sie im Grunde der Seele solche Pröbchen unserer Nation verachten. Andere suchen wieder die Engländer auf linkische Weise nachzuäffen und wissen nichts Besseres zu thun, als ihr Vaterland in Gegenwart der Fremden herabzusetzen. Das ist wahrhaft empörend, und die Fremden sind die Ersten, welche die Achseln dabei zucken. Alle diese jungen Lords, die in ihren heimischen Armeen dienen, befragen mich mit Begierde über unser Heer und ich antworte ihnen durch eine feurige Schilderung unserer unsterblichen Waffenthaten, denen sie ihre Bewunderung nicht versagen können. Ich empfehle ihnen auch beständig, die öffentliche Stimmung nicht nach den Redensarten zu beurtheilen, die sie in der Gesellschaft hören und ich behaupte fortwährend, daß das Nationalgefühl bei uns allen so stark ist, als bei ihnen — wenn unsere Siege nicht wären, würden sie doch daran zweifeln. Aber Du begreifst wohl, daß ich diese Gesellschaft immer trauriger und enttäuschter verlasse. Gute Nacht, meine liebe Mutter, ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich prügle den Ortsvorsteher und schicke meiner Bonne ihren Fingerhut „zum Nähen und Arbeiten.“
24. Pluviose.
„... Mit meinen Neffen ist nun Alles in Ordnung. Außer dem Hause bin ich nun im Besitz von 40,000 Francs. Teufel! ich hätte nie geglaubt, daß ich so reich sein könnte. Davon mußt Du nun gleich zehntausend Francs nehmen, um alle Deine Schulden zu bezahlen: Pernon, Deschartres und meine Bonne; [Der Gehalt des Lehrers und der Lohn der Bonne waren seit 1792 im Rückstande.] ich will nicht, daß sie länger warten; ich will, daß Du Dich von allen diesen kleinen Sorgen frei machst. Was Du für mich gethan hast, ist viel mehr und das kann ich Dir niemals erstatten. Also, meine liebe Mutter, keine Schwierigkeiten darüber! sonst mache ich Dir den Proceß und zwinge Dich zur Annahme des Geldes. Mit dem Ertrag des Hauses und meinem Sold habe ich nun eine Einnahme von 7,840 Francs, und das ist, meiner Treu, ganz nett! und man braucht sich darüber gerade nicht zu grämen. Mit dem Ertrage von Nohant bringen wir nun die Summe von 16,000 Francs jährlicher Einnahme zusammen, [Er war sehr im Irrthum über den Ertrag von Nohant.] deren wir uns nächstes Jahr ohne Schulden zu erfreuen haben werden. Das ist prächtig und ich bin ganz glücklich, Dich vor allen Sorgen gesichert zu sehen. Bezahle, bezahle Alles, was Du schuldig— wenn ich auch nur die Hälfte meiner 40,000 Francs behielte, so hätte ich genug ...
„Frau von Béranger hat Dir den Tod des Herzogs von Bouillon angezeigt. Beaumont ist sehr betrübt darüber, denn trotz ihrer Streitigkeiten liebten sie sich wie Brüder.“
Den 24. Ventôse (März).
„Mein General steht jetzt mit Bonaparte auf dem besten Fuße. Dieser hat ihn rufen lassen und hat ihm, nach einigen freundlichen Vorwürfen über seine Zurückgezogenheit, den Befehl über die zweite Militairdivision, die fünf und zwanzig tausend Mann enthält, übertragen. Sie steht in den Ardennen und in Luxemburg — und so sind wir denn wieder in voller Thätigkeit. Bonaparte hat hinzugefügt, daß er ihn um jede vortheilhaftere Stellung, die sich ihm bieten könnte, wieder angehen möchte.“ …
„Die Ankunft meines Pferdes hat mir viel Vergnügen gemacht. Das Holz von Boulogne ist wunderhübsch; es sind neue Wege darin angelegt und das Gedränge der Wagen und Kutschen ist so groß, daß die Wächter, wie in Longchamps, das Fahren beaufsichtigen müssen. Dieser Anblick hat etwas Unbegreifliches, wenn man kaum die Revolution überstanden hat, in welcher jeder Reichthum vernichtet zu sein schien. Aber, siehe da! der Luxus ist hundertmal größer, als unter dem alten Regime. Wenn ich bedenke, wie einsam es 1794 während meiner Verbannung nach Passy im Boulogner Holze war, glaube ich zu träumen, während ich heute von der Menge gleichsam fortgetragen werde. Da ist eine Anzahl von Engländern, von fremden Gesandten, von Russen u.s.w., welche eine große Pracht entfalten, die zu überbieten das Bestreben der Pariser Gesellschaft ist. Longchamps wird in diesem Jahre glänzend sein.
„... In diesem Augenblicke verkündigt der Donner der Kanonen die Unterzeichnung des Friedensvertrages. Die Mütter und Gattinnen freuen sich — und wir, wir machen etwas schiefe Gesichter.“
Den 23. Germinal (April).
„... Paris fängt schon an, mir langweilig zu werden. Es ist immer dasselbe: hochfahrende Mienen, große Eitelkeit, und ein übel verhehlter Ehrgeiz, dem nur ein wenig geschmeichelt zu werden braucht, um sich offen zu zeigen ...
„An der Porte-Maillot wird ein großes Frühstück vorbereitet. Alle „Liebenswürdigen“ werden daran theilnehmen. Sie bezahlen à Person einen Louisd'or, um für dreißig Menschen zwei Fenster zu haben. Es werden aber auch nur hochadelige Leute da sein: die Biron, die de l'Aigle, die Perigord, die Noailles [Da der Scherz ohne alle Bitterkeit ist, glaube ich diese Namen nennen zu dürfen.] — das wird charmant — — ich gehe gewiß nicht hin!“
Paris, den 30. Germinal Jahr X.
„... Die Zeitungen haben Dir gewiß einen pomphaften Bericht über die Feier des Concordats gebracht. Ich gehörte zu dem berittenen Gefolge des Generals Dupont, der mit allen in Paris anwesenden Generälen dazu commandirt war. So haben sie denn auch Alle dabei paradirt, ungefähr so wie Hunde, die dazu geprügelt wären. Während wir durch Paris zogen, hat uns der Zuruf der Menge begrüßt, die jedoch mehr von dem militairischen Gepränge entzückt war, als von dem Feste an und für sich. Wir Alle waren äußerst glänzend und was mich betrifft, so war ich prachtvoll — Pamela [Sein Pferd.] und ich vergoldet vom Kopf bis zu den Füßen. Der Legat saß in einem Wagen und vor ihm her, in einem andern Wagen, wurde das Kreuz gefahren. [„Die Legaten a latere pflegen ein goldenes Kreuz vor sich hertragen zu lassen, welches ein Zeichen der außergewöhnlichen Macht ist, die der päpstliche Stuhl solchen Gesandten verleiht. Den Absichten seines Hofes zufolge wollte der Cardinal Caprara den Gebräuchen des Kultus in Frankreich die größte Oeffentlichkeit geben; er verlangte, daß der Sitte gemäß das goldene Kreuz durch einen berittenen Offizier in rother Uniform vor ihm hergetragen würde. Aber dies war ein Anblick, den man sich scheute, dem Pariser Volke zu geben. Man unterhandelte und kam überein, daß dies Kreuz, in einem der Wagen, die vor dem Cardinal herfuhren, gehalten werden sollte. A. Thiers' Geschichte des Consulats und des Kaiserreiches III. Theil, Buch 14.] Erst an der Thür von Notre-Dame sind wir abgestiegen und alle diese schönen, reich gezäumten Pferde, die rings um die Kathedrale herumstanden, paradirten und sich neckten, boten einen wunderlichen Anblick dar. Wir betraten die Kirche bei dem Schall einer lebhaften Militairmusik, die plötzlich, beim Herannahen des Baldachins verstummte, unter welchen sich nun die drei Consuln begaben, um im tiefsten Schwelgen und zwar in etwas unbeholfener Weise zu der Estrade geführt zu werden, die für sie bestimmt war. Der Baldachin des Consulats sah aus wie ein Betthimmel in einem Wirthshause; er war mit vier schlechten Federbüschen und einer schmalen Franse verziert; der des Cardinals war viermal so kostbar und die Kanzel war auf's Reichste drapirt. Von der Rede des Herrn von Boisgelin hat man kein Wort gehört. Ich stand neben dem General Dupont, hinter dem ersten Consul und habe mich an der Schönheit des Anblicks und am Te Deum erfreut; aber Alle, die in der Mitte der Kirche waren, konnten nichts hören. Im Augenblicke der Monstranz-Erhebung haben die drei Consuln die Knie gebeugt; hinter ihnen standen wenigstens vierzig Generäle, unter ihnen Augereau, Massina, Macdonald, Oudinot, Baraguey d'Hilliers, Le Courbe u.s.w., keiner derselben ist von seinem Stuhle aufgestanden, was einen komischen Gegensatz bildete. Als wir die Kirche verließen, bestieg ein Jeder sein Pferd und ritt von dannen, so daß nur noch die Regimenter der Garde im Zuge blieben. Es war halb sechs Uhr und man war halbtodt vor Langerweile, Hunger und Ungeduld. Ich war schon um neun Uhr Morgens und zwar ohne Frühstück zu Pferde gestiegen, hatte auch wieder das Fieber, das mich noch immer plagt. Gestern habe ich bei Scävola gespeist und heute schreibe ich Dir in der Wohnung meines Generals. Ich habe Corvisart, den Arzt des ersten Consuls gesehen; er hat mir versprochen, daß ich in zwei bis drei Tagen so weit hergestellt sein soll, um reisen zu können, damit ich Dich vor der Uebersiedlung in unser Hauptquartier noch einmal umarme. Ich glaube, daß das Verlangen, Dich zu sehen, meine Genesung verhindert hat. Ich umarme den Ortsvorsteher, wie schön würde er sich mit seiner Schärpe und seinen Adjunkten bei der Feierlichkeit ausgenommen haben.“
Moritz verlebte einen Monat bei seiner Mutter; dann verließ er Nohant, brachte zwei oder drei Tage in Paris zu und begab sich endlich zu seinem General nach Charleville, wohin ihm Victorie bald nachfolgen sollte — trotz der Predigten des guten Deschartres, der, wie wir sehen, bei seinem Zöglinge kein besonderes Glück machte. Der arme Schulmeister ließ sich indessen nicht entmuthigen; er blieb dabei, Victorie für eine Intriguantin zu halten und Moritz für einen leicht zu täuschenden jungen Mann. Er begriff nicht, daß dies irrige Urtheil nur die Wirkung hatte, meinen Vater täglich mehr über die Uneigennützigkeit seiner Geliebten aufzuklären, und daß er ihr um so mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen und sich um so mehr an sie anschließen mußte, wenn sie mit Unrecht angeklagt wurde. Bei dieser Gelegenheit nahm Deschartres seine Geschäfte zum Vorwande und begleitete Moritz nach Paris. Er fürchtete vielleicht, daß derselbe sich dort aufhalten möchte, statt auf seinen Posten zu gehen. Zu gleicher Zeit sprach meine Großmutter gegen ihren Sohn den Wunsch aus, ihn verheirathet zu sehen und die Unruhe, welche ihr die Freiheit des jungen Mannes verursachte, gewöhnte denselben an den Gedanken, dieser theuern Freiheit zu entsagen. So diente Alles, was man unternahm, um ihn von dem geliebten Weibe zu trennen, dazu, den Lauf des Verhängnisses zu beschleunigen.
Während der kurzen Zeit, welche Deschartres mit seinem Zögling in Paris verlebte, glaubte er denselben keinen Augenblick verlassen zu dürfen. Das hieß einem jungen Prinzen gegenüber, der sich durch beschwerliche und ruhmvolle Feldzüge emancipirt hatte, etwas spät den Hofmeister spielen, aber mein Vater war gutmüthig, wie man auch schon aus seinen Briefen sieht und im Grunde des Herzens hatte er eine innige Liebe für seinen Lehrer. Er konnte ihn nicht ernsthaft zurückweisen und war überhaupt noch kindlich genug, um sich wie ein Schulknabe zu freuen, wenn er seiner komischen Ueberwachung einen Streich spielen konnte. Eines Morgens schleicht er sich aus ihrer gemeinschaftlichen Wohnung fort, um im Garten des Palais Royal mit Victorie zusammenzutreffen; sie hatten sich daselbst Rendez-vous gegeben, um mit einander in einer Restauration zu frühstücken. Kaum hatten sie sich gefunden, kaum hatte Victorie den Arm meines Vaters genommen, als Deschartres, der die Rolle der Medusa spielte, ihnen entgegentrat. Aber Moritz ist kühn wie er, macht gute Miene zum bösen Spiel und fordert seinen Argus auf, am Frühstück Theil zu nehmen. Deschartres geht darauf ein — er war kein Epikuräer, aber er liebte feine Weine und man ließ es ihm nicht daran fehlen. Victorie neckte ihn auf geistreiche, freundliche Weise und beim Dessert schien er etwas leutseliger zu werden. Aber als es an's Abschiednehmen ging und mein Vater seine Geliebte nach Haus begleiten wollte, verfiel Deschartres wieder in seine schwarzen Gedanken, und kehrte traurig in sein Hôtel garni zurück.
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