Kitabı oku: «Das Halsband des Kaisers»

Yazı tipi:

George Webb Appleton

Das Halsband des Kaisers

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Impressum

Erstes Kapitel.

Leutnant Hubert Darrell von den Buffs, die damals in Simla standen, war in heftiger Unruhe. Ueber sechs Monate lang hatte er keine Briefe aus England bekommen, und seine Angst war groß, denn in so weiter Ferne erwartet einer natürlich sehnlich Nachrichten von den nächsten und teuersten Angehörigen: von der Mutter, die ihn geboren, vom Weibe seines Herzens, oder von dem Mädchen, das ihm Treue gelobte.

Nun besaß Hubert Darrell eine Mutter – die unglücklicherweise aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde von ihrem Gatten getrennt lebte –, für welche er eine sehr tiefe und andauernde Zuneigung empfand, und er besaß auch, wie er stolz eingestand, ein anbetungswertes kleines Bräutchen, Kitty Clare mit Namen, die schon, als sie noch Kinderlätzchen trug, ihm feierlich ihre Gelübde ewiger Treue herstammelte und dafür von ihm angebetet wurde. So kann man leicht verstehen, warum das lange Stillschweigen dieser beiden geliebten Wesen schwer auf ihm lastete und ihn mit einem unbestimmten Gefühl drohenden Unglücks erfüllte.

Endlich kam ein Brief mit Londoner Stempel, den er hastig öffnete, aber nur, um die Mitteilung eines unbekannten Briefschreibers zu finden, der von häuslichem Unglück in Bayswater sprach, wovon er nichts wußte. Eine genaue Untersuchung des Briefumschlages enthüllte dann die Tatsache, daß der Brief in Wirklichkeit an Leutnant Herbert Darrell vom selben Regiment adressiert war, einen jungen Gentleman, der kürzlich unter außerordentlich skandalösen Umständen von sich hatte reden machen, indem er mit der Frau seines Kommandeurs durchging. Ein Blitz der Erleuchtung fuhr plötzlich durch Hubert Darrells Hirn. Ohne Zweifel waren seine Briefe irrtümlich dem Flüchtling zugestellt worden. Innerhalb einer Stunde hatte er des letzteren Diener befragt und mit dem erwarteten Resultat. Der Mann bat sehr angelegentlich um Entschuldigung.

Es tut mir sehr leid, Herr, aber ich habe sie nachgeschickt, es mag im ganzen ein halbes Dutzend gewesen sein. Ich habe nie daran gedacht, sie mir anzusehen. Ich hatte Befehl, genau auf sie zu achten, und steckte sie, wenn sie eben angekommen waren, sofort in einen von den adressierten Briefumschlägen, die er mir hinterlassen hatte. Sie sind alle abgeschickt, aber einer ist noch hier – kam heute morgen, vielleicht ist der für Sie, Herr.

Vielleicht? Natürlich ist er für mich, du Rindvieh! Und Hubert Darrell riß das Schreiben an sich und öffnete es mit zitternden Händen. Dann befiel ihn Niedergeschlagenheit.

Der Brief war vom Londoner Rechtsbeistand der Familie, Herrn Benham, und berichtete einfach, daß Frau Darrell einen Schlaganfall gehabt hätte und ernstlich wünschte, ihren Sohn noch einmal zu sehen. Wenn es ihm möglich wäre, sich Urlaub zu verschaffen, so war Herrn Benhams Meinung, daß er so schnell wie möglich kommen sollte.

So war denn das lange Stillschweigen unterbrochen, aber wieder war er von schwerer Besorgnis erfüllt. Nicht eine Zeile von Kitty, und seine Mutter sterbend, vielleicht schon tot! Die Ungewißheit der Lage war unerträglich, und ohne einen Augenblick Aufschub bat er um Urlaub, den ihm die Dringlichkeit der Bitte leicht verschaffte. Eine Woche später durchfuhr er das Rote Meer auf dem Wege nach England, und die Lösung des schweren Rätsels kam schneller, als er erwartete, wenigstens eine teilweise Lösung, die jedoch das Geheimnis um Kitty und ihr unerklärliches Stillschweigen immer noch rätselhafter machte. An einem feuchten und unwirtlichen Tage wollte ein sympathischer kleiner Junge in dem Salon ihm durchaus seine Melancholie mit »Bilderbüchern« vertreiben. Diese »Bilderbücher« waren weiter nichts, als einzelne Hefte von illustrierten Londoner Zeitschriften. Um dem Kind einen Gefallen zu tun, überflog er sie mit schwachem Interesse; plötzlich aber ließ er einen Ausruf hören, daß der Junge voll Schreck emporsah. Sein Schreck vergrößerte sich noch hundertmal, als er ein schreckliches, weißes, verzerrtes Gesicht und blutunterlaufene Augen sah, die wild auf seine Zeitung hinfunkelten. Diese war nur ein zerrissenes und schmutziges Heft von »Ladies Pictorial«, etwa sechs Monate alt, aber von der aufgeschlagenen Seite hatten plötzlich ein paar sieghafte Augen Hubert angeblitzt, und diese Augen waren die Augen seines teuren Liebchens. Es war keine optische Täuschung, denn neben ihrem Bilde stand der Name Kitty Clare gedruckt, und neben ihr sah man einen ernsten, dünnlippigen, ältlichen Gentleman, dessen Name ebenso deutlich gedruckt dastand: Sir John Selhurst, Baronet; und zwischen diesen beiden Bildern stand geschrieben, daß an einem gewissen Tage im März als erstes Paar diese zwei in St. George's Hannover Square, rechtmäßig in heiliger Ehe vereint worden wären und daß nach einem kurzen Honigmond in Rom das glückliche Paar ihre Heimkehr in Windwhistle Hall, dem alten Haus der Selhursts in Berkshire, feiern würde.

Hubert stieß einen fürchterlichen Fluch aus und stürzte wie wahnsinnig aus der Kajüte. Stundenlang schritt er auf dem schlüpfrigen Deck auf und ab, ungeachtet des strömenden Regens und unbekümmert um alle Beobachter seines exzentrischen Benehmens. Er wütete, er tobte, er schlug sich die Brust und rief alle Mächte der Erde, der Luft und des Himmels an, ihm dieses schreckliche Geheimnis zu erklären. Daß Kitty, die kleine schwarzäugige Fee, die mit ihm, als er noch Schüler war, auf den blumigen Wiesen herumzutollen pflegte, das lachende liebende Mädchen, das ihren Hubert freimütig in all der brausenden Unschuld der Jugendzeit küßte, das keusche Mädchen, das sich bisher unbekannter Gefühle bewußt geworden war und aus diesem Grunde schweigsamer und zurückhaltender und darum noch süßer und begehrenswerter geworden war, und zu allerletzt das verlobte junge Weib, das ihre Liebe mit feurigen Gelübden und leidenschaftlichen Küssen besiegelt hatte – daß sie, sie sich nun als falsch erwies und sich freiwillig in die Arme eines ältlichen Bewunderers warf, das war unerhört, ungeheuerlich, unglaublich. Es war, es mußte irgend ein scheußlicher Irrtum sein, den er in Ordnung bringen mußte, denn wenn je, durch Vollmacht und Recht einer ehrenhaften Liebe, eine Frau unverbrüchlich einem Manne angehörte, so war Kitty Clare die Seine und gehörte keinem anderen Manne auf der Erde.

Bald trat eine Reaktion ein. Der Augenschein war unbestreitbar, überwältigend gegen sie, und tiefe Niedergeschlagenheit befiel ihn und warf ihn nieder. Er wußte nur zu gut, daß Sir John begehrende Augen auf Kitty geworfen hatte. Es war ihm von ihr mehr als einmal scherzweise gesagt worden, daß sie Lady Selhurst werden könnte, wenn sie wollte, und daß es ihm – Hubert – darum niemals einfallen sollte, ihr treulos zu werden oder unfreundlich zu ihr zu sein. Natürlich war er nicht treulos oder unfreundlich gewesen, so daß jene Erklärung des dunkeln Rätsels absurd war. Er wußte außerdem, und der Gedanke daran beunruhigte ihn, daß Kapitän Clare von der königlichen Flotte, ihr Vater, sein kärgliches Jahrgeld und seine Pension durch gewagte Spekulationen zu vermehren suchte, die ihn jederzeit ruinieren und ins Unglück stürzen konnten. In der Tat hatte Kitty in einem ihrer allerletzten Briefe die Befürchtung ausgedrückt, daß ihr Vater durch gewisse »dunkle« Minengründungen in Schwierigkeiten verwickelt werden würde, und ein unbehagliches Gefühl schlich sich in sein Gemüt, daß sie sich vielleicht selbst aus einem falschen Gefühl kindlicher Pflicht geopfert haben könnte.

Sicherlich war es eine dunkle, lästige und beunruhigende Sache, und die langweilige Reise schien gar kein Ende zu haben. Auch sie nahm jedoch ein Ende, wie alles auf der Welt, und Hubert Darrell fühlte eine gewisse Erleichterung, als er sich wieder in Brindisi befand, in einer abmeßbaren Entfernung von England und der Wahrheit. Der Bahnhof Charing Croß dampfte in einem verfrühten und zwar sehr schmutzigen Oktobernebel, als er drei Tage später in London ankam. Ein schlechtes Omen! sagte er zu sich selbst. Es gefällt mir nicht. Ich fühle, wie das höllische klebrige Zeug mir bis ins innerste Herz kriecht. Hu! Und er schauderte. Doch sprang er, sein schwereres Gepäck im Gepäckraum lassend, ein paar Augenblicke später in eine Droschke. Upper Wimpole Street, sagte er; und als er langsam durch die schmutzigen Straßen rollte, von der klebrigen Atmosphäre wie von einem Leichentuch eingehüllt, die Gaslampen überall nur schmierig wie dunkele Safranflecke leuchtend, da hatte er mehr als je die Empfindung, daß er sich an der Schwelle irgendeiner schrecklichen Entdeckung befand.

Seinen Vater hatte er jahrelang nicht gesehen. Von ihm empfing seine Mutter ein Jahrgeld von tausend Pfund mit lebenslänglichem Nutzen von Haus und Mobiliar in der Upper Wimpole Street. Dies Jahrgeld wurde ihr vierteljährlich von dem schon erwähnten Rechtsbeistand der Familie, Herrn Benham, ausgezahlt. Hubert hatte alle seine freien Tage bei ihr zugebracht und kannte in der Tat keine andere Heimat, was er aus langer Gewohnheit als selbstverständlich ansah und worüber er nie ein Wort verlor; von ihr hatte er auch bisher einen jährlichen Zuschuß von dreihundert Pfund empfangen, der, im Falle ihres Hinscheidens, aller Wahrscheinlichkeit nach wegfiel – warum, wußte er nicht. Bis jetzt hatte er sich nie ernstlich um die Sache beunruhigt. Sehr junge Leute kümmern sich selten um Familiengeheimnisse, die ihren Komfort und ihr materielles Wohlergehen nicht in Mitleidenschaft ziehen, und er war unter den obwaltenden Umständen ganz zufrieden, mit seinem »alten Herrn«, von dem er wenig wußte und um den er sich noch weniger kümmerte, nur oberflächlich bekannt zu sein. Nun aber hatte die Sache ein anderes und düstereres Ansehen angenommen, und, er konnte dagegen ankämpfen, wie er wollte, die Ahnung wurde schwärzer und schwärzer in seinem Gemüt, daß irgendein schweres Unglück ihn am Ende seiner Reise erwartete.

Die Droschke hielt an, und als er zu dem wohlbekannten Hause emporsah, überkam ihn eine große Furcht. Ausgenommen einen schwachen Lichtschimmer über der Tür, war kein Licht zu erblicken.

Zu spät! sagte er. Ich ahnte es. Und er klopfte sacht an. Die Tür öffnete sich, und ein grauhaariger alter Diener, der seine Augen mit der Hand beschattete, schaute neugierig durch den Nebel nach ihm aus.

Hubert bemerkte, daß des alten Mannes Gesicht einen kummererfüllten Ausdruck hatte, der sich sofort in einen freudigen verwandelte, als er ihn wiedererkannte.

Herr Hubert! Sie sind wirklich willkommen! Und er nahm ihm mit munterem Eifer seinen Mantel und Hut ab. Wir erwarteten Sie nicht vor morgen, fügte er hinzu, ihn nach dem Speisezimmer führend.

Ihr erhieltet also mein Telegramm?

Ja, Herr, aus Paris, sagte Simpson und zündete das Gas an; und es war wirklich ein großer Trost und eine große Erleichterung für –

Meine Mutter?

Ja, Herr.

Gott sei Dank, dann lebt sie doch wenigstens noch!

Gerade noch, Herr, aber das ist alles, antwortete er sorgenvoll. Der Doktor meinte, sie würde die Nacht nicht überleben. Er wird sehr bald wiederkommen. Er war in Sorge wegen des schlechten Tages gestern; aber Ihr Telegramm, Herr, richtete sie auf. Sie wünschte so sehnlich, so sehnlich, Sie noch einmal zu sehen, Herr, Sie können es gar nicht glauben. Immer wieder hat sie versucht, zu schreiben, aber ihre arme Hand konnte die Feder nicht halten. Wir wollten ihr jemand holen, der es für sie täte, aber nein, davon wollte sie nichts hören. Ich glaube, es ist was sehr Wichtiges, und es ist ein Werk der Vorsehung, daß Sie zur Zeit gekommen sind, Herr. Wollen Sie jetzt heraufgehen, um sie zu sehen, Herr Hubert?

Ja, Simpson.

Und mit schwankenden Schritten stieg er die Treppe zum Sterbezimmer empor.

Eine Wärterin stand bei seinem Eintritt von einem Sessel auf. Neben ihr stand ein Tisch, auf dem eine niedriggeschraubte Lampe brannte. Ein Feuer im Kamin warf schwankende Lichter auf die dicht zugezogenen Vorhänge und die karmoisinrote Draperie des altmodischen Bettes, und auf den schneeigen Kissen lag ein weißes Antlitz in totenähnlichem, unbeweglichem Schlummer. Eine alabastergleiche Hand lag auf der Decke. Hubert bedeutete der Pflegerin durch einen Wink, fortzugehen, dann nahm er sanft die Hand in die seine, beugte sich nieder und küßte ehrfurchtsvoll die fahle Stirn.

Teure Mutter! flüsterte er. Die wachsbleichen Lippen öffneten sich, und eine flüchtige Röte verbreitete sich über ihr armes bleiches Antlitz.

Mein Sohn! murmelte sie, und er sah zwei Freudentränen sich aus ihren sehnsüchtigen Augen stehlen.

Dann wurde für die Dauer eines Augenblicks feierliche Stille im Zimmer, bis sie zuletzt durch ein ersticktes Schluchzen, das aus einem starken Mannesherzen hervorbrach, unterbrochen wurde.

Endlich, mit Anstrengung, sprach er wieder: Gott sei Dank, Mutter, daß ich hier bin!

Ja, danken wir Gott für seine Gnade! wiederholte sie schwach und fügte nach einem Augenblick hinzu: Ich konnte nicht schreiben. Ich versuchte es – sieh – meine armen Hände! Ich konnte es nicht, und ich mußte dir doch sagen – hier hielt sie wieder, um Atem zu schöpfen, inne – ich mußte dir doch sagen – daß du kein Vermögen haben wirst, mein Sohn.

Ich wußte es, sagte Hubert. Ich sorge mich nicht darum; ich erwartete es nie. Laß dich das nicht bekümmern.

Ein mattes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie aufsah und sagte:

Aber ich habe etwas – eine Kleinigkeit –, das wollte ich dir sagen. Schau hier her! Und der Richtung ihrer Augen folgend, sah er einen Schrank, den er von seiner frühesten Kindheit her kannte, und schritt darauf zu.

Dies? sagte er.

Ja – in dem kleinen Kasten, flüsterte sie.

Dann erinnerte er sich daran, wie durch Berühren einer unverdächtigen goldenen Verzierung an diesem Schrank auf einmal zu seiner großen Verwunderung und zu seinem Entzücken ein geheimes Kästchen aufgesprungen war.

Ich erinnere mich, sagte er, und im nächsten Augenblick war das Kästchen offen, und er fand darin nur einen Gemslederbeutel, den er ihr brachte.

Oeffne ihn, sagte sie.

Er löste etwas ungeschickt die Schnur, und es fiel ein kleiner Wasserfall von Edelsteinen heraus, die in tausend Facetten blitzten, und dann ein prächtiges Diamanthalsband, das sich auf der weißen Decke wie etwas Lebendiges aufrollte und in der Mitte einen großen blauen Stein trug, der heller als jeder Saphir war, den er je gesehen hatte.

Ein Ausbruch der Verwunderung brach von seinen Lippen.

Sie sind für dich, sagte sie; mein letztes Geschenk.

Aber ich wußte nie –

Nein; das war auch nicht nötig. Ich habe sie viele Jahre lang gehabt. Verkaufe sie. Das ist mein Wunsch. Und nun steck sie fort – in deine Tasche.

Er gehorchte, obgleich er immer noch sehr erstaunt war, und sie fuhr fort, indem ihre Stimme zu einem bloßen Flüstern herabsank:

Dein Vater ist sehr hart zu dir gewesen, mein Kind.

Er mußte sich niederbücken, um diese Worte aufzufangen.

Und zu dir, Mutter? entgegnete er.

Ja, böse und grausam auch zu mir, wiederholte sie.

Und ohne Grund?

Ohne Grund – das weiß Gott, mein Sohn, ohne Grund.

Die Worte wurden mit einer Deutlichkeit gesprochen, die ihn durchschauerte. Ihr Gesicht nahm einen Ausdruck der Verzückung an. Die Pupillen ihrer Augen erweiterten sich. Einen Augenblick lang war sie schön. Mit einer letzten Anstrengung richtete sie sich halb im Bett auf, fiel dann erschöpft mit geschlossenen Augen zurück und murmelte:

Ja, du wirst alles erfahren, mein Sohn. Die Wahrheit ist in dem Juwelenkästchen; daran hängt deiner Mutter guter Name. Du mußt das Kästchen finden, Hubert.

Was kann sie nur damit meinen? dachte er. Ihr Geist muß schon irre gehen. Aber bei ihren nächsten Worten fühlte er sein Herz bis in den Hals hinauf schlagen:

Das wird ihn überzeugen – er war sehr hart – aber von den beiden war der andere der Schlechtere.

Der andere? wiederholte er; was für ein anderer? Und dann, einem augenblicklichen Impuls nachgebend, den er sich später nie vergab, beugte er sich nieder und sagte:

Mutter!

Sie öffnete die Augen und sah ihn fragend an.

Darf ich eine letzte Bitte tun?

Die Kraft, zu sprechen, hatte sie schließlich verlassen. Ein leichtes Neigen des Kopfes war ihre Antwort.

Könntest du, fragte er, möchtest du noch etwas mehr sagen – etwas, das –. Hier hielt er inne, durch eine innere Stimme gemahnt.

Sie erhob ihre Augen wieder, und ihre Hand suchte die seine. Dann schüttelte sie, mit einem Lächeln auf den Lippen, langsam den Kopf, und, ihre Hand noch immer matt in der seinen und das Lächeln noch immer auf den Lippen, ging sie ins ruhige Land der Schatten ein.

Zweites Kapitel.

Die Uhr auf dem Kaminsims tickte in unaufhörlicher Monotonie fort. Eine eben ausgeglühte Kohle fiel im Kamin mit lautem Geprassel vom Rost herunter. Dann drang ein tiefer, langer Seufzer aus Huberts Brust hervor, und er bückte sich nieder und küßte die kalten Lippen der besten und treuesten Freundin, die er je auf Erden zu finden erhoffen konnte.

Dann wurde sacht seine Schulter berührt, und er fand den Doktor neben sich stehen. Sein geübtes Auge hatte die Situation mit einem Blick erfaßt.

Wann geschah es, Herr Darrell?

Vor ein paar Minuten.

Kamen Sie zur rechten Zeit an?

Ja.

Ich bin mehr als froh darüber. Es ist von Anfang an ein hoffnungsloser Fall gewesen; aber sie wußte, wie sie sagte, daß Sie kommen würden, und tagelang vorher hat sie mit aller Gewalt mit dem Tode gekämpft. Ach, Mutterliebe ist ein wundervolles Ding!

Ich weiß, Doktor; ich weiß. Ich danke Ihnen herzlich, sagte Hubert; und wieder seufzte er. Und was muß nun geschehen?

Fürs erste überlassen Sie alles mir, sagte der Doktor und läutete die Glocke.

Die Wärterin erschien an der Tür, und eine geflüsterte Besprechung fand zwischen beiden statt. Dann kehrte der Doktor, seine Brille zurechtschiebend, zu Hubert zurück.

Wollen Sie hinunterkommen, Herr Darrell? Ich will den Totenschein ausstellen, und dann werden Sie mir vielleicht sagen, warum – Hm! Ich will Sie nicht einen Augenblick aufhalten – eine bloße Bagatelle oder zwei möchte ich wissen.

Was ich fragen wollte, sagte er ein paar Minuten später im Eßzimmer, als er den erforderlichen Schein ausgefüllt und unterzeichnet hatte, ist dies: bitte keine Beleidigung darin zu sehen. Ich habe Ihre Mutter viele Jahre lang gekannt; ich achtete sie stets hoch, wie ich auch ihren Verlust tief beklage. Sie war eine edle und, ich fürchte, eine schwer leidende Frau. Und was ich Sie in meiner vielleicht vorlauten Art fragen wollte, ist dies: Warum ist Ihr Vater niemals gekommen, um diese wundervolle Frau, sein Weib, in ihrer langen und schmerzvollen Krankheit zu besuchen? Warum – er war in aller Form von mir benachrichtigt – war er heut abend nicht hier?

Ich weiß es nicht, sagte Hubert; ich kann es nicht einmal erraten. Aber die Schuld kann nicht bei ihr gewesen sein, und ich bin mit Widerstreben zu der Ueberzeugung gelangt, daß mein Vater – ich muß einen sehr starken Ausdruck gebrauchen – ein Schurke sein muß.

Der Doktor nickte in aufrichtiger Beistimmung.

Aber Sie werden ihm alles mitteilen? Sie sollten es wenigstens tun.

Ich tue es. Und Hubert sah auf seine Uhr. Es ist noch früh. Ich werde ihm ein Telegramm von Charing Croß schicken.

Tun Sie das.

Der Doktor stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Hubert begleitete ihn zur Tür, dankte ihm warm, kehrte dann in das Eßzimmer zurück und klingelte.

Simpson, sagte er, als der Diener eintrat, das ist schrecklich traurig.

Schrecklich, Herr. Ich vermute, wir müssen nun alle fort. Ach, ich habe hier gelebt, Herr Hubert – –.

So weit, wie ich zurückdenken kann, Simpson.

Neunzehn Jahre, Herr, sind's nächsten Monat. Ich wünschte mir nie einen bessern Platz. Ihre Mutter war eine Dame, Herr.

Und Sie ein treuer und anhänglicher Diener, Simpson. Das sagte sie mir immer.

Wirklich, Herr? Und ein Schluchzen kam in Simpsons Kehle. Tat sie das wirklich? O, wie danke ich's ihr; aber es wird eine eigene Sache sein, die altgewohnte Stelle zu verlassen, Herr Hubert.

Freilich; aber es wird wohl so sein müssen. Ich schicke jetzt ein Telegramm an meinen Vater. Möglicherweise bekomme ich schon morgen seine Anweisungen. Nebenbei gesagt, Simpson, haben Sie nie meinen Vater gesehen?

Niemals, Herr.

Ist er Ihres Wissens nie in dies Haus gekommen?

Nie hat er einen Fuß hineingesetzt.

Sprach sie je von ihm?

Selten. Nur einmal war sie, was man vertraulich nennen könnte, zu mir, und da sagte sie –

Sie sagte Ihnen etwas?

Nicht viel, Herr, nur, daß ein unglückliches Mißverständnis eingetreten wäre, das sich eines Tages aufklären würde. »Die Zeit wird kommen, Simpson,« waren ihre Worte.

Hm! Und das bringt mir etwas ins Gedächtnis zurück. Sie sprach heut abend von einem Juwelenkästchen – sagte, ich müsse dies Kästchen wiederfinden. Wissen Sie was davon? Ich weiß nichts.

Natürlich, Herr, weiß ich davon. Es ward gestohlen, oder wenigstens verschwand es vor mehreren Jahren, und es war großes Aufheben darum. Ihre Mutter schien entsetzlich aufgeregt und hat sich nie wieder ganz darüber beruhigt.

Enthielt es etwas Wertvolles?

Nur Papiere, Herr, glaube ich; aber das Kästchen selbst war wertvoll – massives Silber mit einer Menge seltener Emailarbeit darauf. Sie hatte immer Verdacht auf ihre Jungfer, aber es konnte nicht nachgewiesen werden, obgleich sie die Sache der Polizei übergab.

Haben Sie es jemals gesehen?

Ob ich es gesehen habe? Viele Male, Sir.

Würden Sie imstande sein, es wiederzuerkennen?

Augenblicklich. In der Mitte des Deckels, umgeben von einer Art von Edelsteinen, war ein großer Buchstabe N und eine Krone in rot, weiß und blauem Email. Niemand könnte es verwechseln.

Ich danke Ihnen. Ich werde noch mit Ihnen darüber sprechen müssen. Hubert sah auf seine Uhr. Ich gehe jetzt in den Klub und warte auf Antwort auf mein Telegramm. Es wird spät werden.

Sehr wohl, Herr; in Ihrem alten Zimmer ist ein Feuer angezündet, und Sie werden alles bereit finden, wenn Sie zurückkehren.

Erst als er die Oxford Street erreichte, gelang es ihm, eine Droschke anzurufen. Sein Telegramm von Charing Croß lautete: Darrell, Albert Mansions, SW. – Meine Mutter starb heut abend um halb neun. Was ordnest du an? Bitte Telegrammantwort Wanderer-Klub. – Hubert Darrell. Als er das Klubhaus betrat, begrüßte ihn der Portier freudig.

Natürlich keine Briefe für mich?

Nein, Herr. Aber, warten Sie einen Augenblick! Ich vergaß; es hat hier lange Zeit ein Paket gelegen, schon fünf oder sechs Monate. Und er händigte es ihm ein.

Hubert sah es neugierig an und blickte dann auf die Adresse; plötzlich wich jede Spur von Farbe aus seinem Antlitz. Es war Kitty Clares Handschrift.

Es war nur eine einzige Person im Schreibzimmer anwesend, und da diese ihm den Rücken zuwandte, so fühlte er sich vor Beobachtung sicher, wählte eine etwas dunkle Ecke des Zimmers und schnitt die Schnur des Päckchens durch.

Dann brach ein Ausbruch des Schreckens von seinen Lippen. Da vor ihm lagen alle Briefe, die er an Kitty Clare geschrieben hatte, seine letzten uneröffnet. Dabei waren allerlei kleine Andenken – ein Ring, eine Brosche, ein Armband, eine Locke seines eignen Haars und weiter ein Bund verwelkter Veilchen, die sie an ihrer Brust getragen hatte, als sie ihren Treuschwur mit dem innigsten Kusse besiegelte.

Der Mann, der am andern Tisch geschrieben hatte, stand plötzlich auf. Es war Sir Harry Ogilvie, von der Garde, ein alter Schulkamerad Huberts. Er rief ihn an: Hallo, Darrell! Wieder zurück? Was ist los?

Was los ist? Viel! rief Hubert aus. Und mit weißem Gesicht und geöffnetem Munde starrte er auf den Inhalt des Päckchens vor sich. Ich werde verrückt, glaube ich.

Tu das lieber nicht. Wann kamst du zurück?

Heut abend, gerade zur Zeit, um meine Mutter sterben zu sehen.

Sir Harrys Gesichtszüge wurden weich.

Ich habe das selbst durchgemacht; es ist ein schrecklicher Schicksalsschlag.

Kannst du dir einen schlimmern denken?

Nein, das kann ich nicht.

Gott vergebe mir, was ich sage, sagte Hubert, aber – er zeigte auf die Briefe vor sich – dies ist schlimmer.

Ich verstehe die Situation nicht ganz.

Du kennst Kitty Clare?

Lady Selhurst, meinst du?

Hubert knirschte mit den Zähnen.

Ja, ich meine Lady Selhurst. Du wußtest, daß wir verlobt waren?

Das wußte ja jeder.

Nun, sieh! Hier schickt sie alle meine Briefe zurück. Sieh – die kleinen Andenken, die ich ihr gegeben habe, sogar ein armseliges kleines Bund verwelkter Veilchen, und nicht ein einziges Wort der Erklärung dazu.

Sir Harry zuckte die Achseln.

Es war keine nötig, möchte ich sagen.

Keine nötig? sagte Hubert entsetzt.

Nein. Was konnte das arme Mädchen anders tun? Ich meine, sie hat sehr ehrenhaft gehandelt.

Ehrenhaft! sagte Hubert. Ehrenhaft!

Gewiß!

Mich, ihren jahrelangen Verlobten, auf eine so herzlose, so brutale Art zu behandeln!

Sir Harry sah ihn einen Augenblick mit einer erstaunten Miene an.

Du bist mir einfach ein Rätsel! sagte er dann. Das ist denn doch etwas stark! Ich glaube nicht, daß sie sich auch nur das geringste aus dem alten frostbeuligen Selhurst macht, aber indem sie dich aufgab, hat sie nur getan, was jedes kluge und charaktervolle Mädchen tun würde.

Hubert ging mit drohender Gebärde auf ihn zu.

Das wagst du mir zu sagen, Harry Ogilvie?

Wagen! Wagen! Natürlich wage ich es. Sagte nicht jeder dasselbe von dir? Es würde mich nicht wundernehmen, wenn die Hälfte deiner alten Kameraden dich völlig schnitte.

Um Gottes willen, erkläre mir das! Was sagt ein jeder von mir?

Nun, daß du wie ein Schurke gegen eins der lieblichsten und süßesten Geschöpfe in der weiten Welt gehandelt hast; und ich sage dir noch mehr: Wenn ich ihr Bruder wäre, so würde ich dich ganz gehörig durchprügeln.

Hubert taumelte zurück, schwankte einen Augenblick hin und her wie ein Trunkener und wäre gefallen, hätte ihn Sir Harry nicht in seinen Armen aufgefangen.

Donnerwetter! sagte er, indem er Hubert sanft in einen Armstuhl hob, es muß 'ne Ohnmacht oder was Aehnliches sein. Da wird wohl Kognak das beste sein! Und er zog die Klingel. Werde nicht klug daraus. Aber alle Strenge schmolz in seinem Antlitz, als er den hilflosen jungen Giganten vor sich anschaute. Der Bengel schien sich rein vor Erstaunen zu überkugeln. Sollte etwa doch irgendein verfluchtes Mißverständnis bei der Geschichte sein? Hierher, Kellner, etwas Kognak, schnell, der Herr fühlt sich schlecht. Dann fügte er, Huberts Kopf aufhebend, hinzu: Na, Darrell, alter Junge, Kopf hoch! So geht das nicht, weißt du. Ich meinte es nicht halb so schlimm, wie ich sagte, auf Ehre nicht. Bei den »Buffs« ist so was nicht Mode. Achtung vorm Regiment! Nun los – herunter damit! Und dem Kellner das Glas abnehmend, hielt er es an Huberts Lippen. Hinunter damit, und keinen verdammten Unsinn mehr!

Hubert schluckte mechanisch den Kognak hinunter, und bald kehrte eine Spur von Farbe auf seine Lippen und sein Gesicht zurück. Dann öffneten sich seine Augen, er starrte einen Augenblick verwirrt Sir Harry an, eine heftige Röte stieg ihm plötzlich in die Schläfen, und er sprang auf.

Jetzt erinnere ich mich, sagte er, du wolltest mich durchprügeln, aber eh' du das versuchst, solltest du mir lieber alles erklären, sonst, Schockschwerenot –.

Kopf hoch, Darrell; ruhig, Junge, ruhig! Laß uns beide einander verstehen. Ich fürchte, ich habe mich wohl irgendwie vergriffen. Aber nun sage mal: Gingst du mit des Obersten Frau durch oder nicht?

Mit der Frau von welchem Oberst?

Von deinem.

Huberts Lippen kräuselten sich verächtlich.

Erkläre mir dein kleines Späßchen, sagte er.

Den Teufel auch ist es Spaß! In den Zeitungen stand, daß du es tatest.

Daß ich was tat?

Mit des Obersten Frau durchgingst. Ich sage dir –

Was für Zeitungen schrieben das?

Ich weiß nicht mehr, eine Menge waren es. Ich sah es in der »Wespe«.

Da schlug sich Hubert plötzlich vor die Stirn.

Jetzt verstehe ich alles, sagte er. Und Kitty dachte und du dachtest –. Gütiger Himmel! Diese Idee! – ich sollte mit der Frau eines andern weglaufen, während Kitty noch am Leben wäre! Du unglaublicher Dummkopf, das war ja Herbert Darrell! Weißt du, wie Herbert geschrieben wird? Sieh in die Armeeliste, du großer Dummkopf! Herbert Darrell lief letzte Weihnacht mit des Obersten Frau fort. Ich vermute, ich bin das neueste Opfer eines Druckfehlers. Aber wie du, der du dich Freund nennst – wie du mich eines niedrigen Verrats gegen meine Kitty schuldig glauben konntest, wie du, der du mich schon in Höschen kanntest, mich für falsch gegen sie halten und dir denken konntest, daß ich eine liederliche Oberstenfrau dem süßesten Mädchen im Lande vorzöge, das geht über meine Vorstellungskraft. Wahrhaftig! Ich schäme mich deiner, Ogilvie. Du verdienst Prügel.

Das Blatt hatte sich gewandt, und der junge Baronet war tief beschämt und wußte einen Augenblick lang nichts anderes zu tun, als sein Antlitz mit seinem Taschentuch abzutrocknen.

Nun, ich will verdammt sein, sagte er, wenn dies nicht der verrückteste Irrtum ist, von dem ich je hörte! Herbert Darrell, natürlich! Ich erinnere mich an den kleinen Gimpel. Es ist ein Wunder, daß er sich nicht die Frau eines Brigadegenerals aussuchte. Höre mal, alter Junge. Ob du mir vergeben willst, das steht bei dir, aber das sag' ich dir: es gibt eine Menge andre, die ebensolche Dummköpfe waren wie ich. Jeder hat es gelesen, jeder hat's geglaubt. Aber das kommt wohl leicht in Ordnung. Und nun, Darrell, willst du sie annehmen? Und er streckte ihm die Hand entgegen.

Hubert schüttelte sie.

Natürlich will ich, du leichtgläubiger alter Dummkopf.

Gut. Du sollst Schmerzensgeld dafür bekommen, weißt du.

Schon recht, aber das gibt mir meine Kitty nicht zurück. Denke, Harry, wie schrecklich bitter das ist. Ich bin nun etwa vier Stunden lang in London gewesen. Während dieser Zeit sah ich meine Mutter verscheiden, hörte ich einen alten Kameraden sagen, ich verdiente die Peitsche, und erfuhr, daß ich eines Druckfehlers wegen das süßeste Mädchen der Erde verlor. Ist das noch nicht genug?

Wenn ich das wäre, sagte Sir Harry, so dächte ich, ich würde unter diesen Umständen mich betrinken, oder ich würde ein Gewehr auf die Schulter nehmen, die Fleet Street hinuntergehen und jenen Zeitungskerl suchen.

Das gibt mir meine Kitty nicht zurück.

Nein, das tut es nicht, aber da ist noch etwas anderes. Diese Nachricht wird sie umschmeißen. Sie macht sich aus dem fischblütigen, klebrigen Kerl, dem Selhurst, soviel, wie du dir aus – hm – Oberstenfrauen machst; und wenn sie die Wahrheit erfährt –. Bei Gott, ich habe eine Idee.

Her damit.

Ich gehe morgen hinunter auf einen kleinen Jagdbummel mit seinem Neffen und Erben Jimmie Selhurst. Du kennst ihn doch?

Ob ich ihn kenne? Waren wir drei nicht zusammen auf der Schule?

Natürlich, natürlich. Ein guter Junge, der Jimmie.

Ein großartiger Junge. Na?

Und wir wollen es ihr vorsichtig beibringen, dich ins rechte Licht setzen, alter Junge, und sehen, wie sie es aufnimmt.

Und dann?

Nun, dann mußt du ihr schreiben und wie ein Donnerwetter auf sie losstürmen, ihr sagen, ihr Mann habe sie unter falschen Vorwänden gewonnen, und sie sei daher noch immer dein Eigentum. Verstanden?

Nein. Wie kann sie mein Eigentum sein? Sie gehört ihm doch!

Hast du niemals was von Stehlen gehört? Was tat denn der Gimpel in Simla, du Dämelack? Eine Oberstenfrau zu stehlen, dazu gehört immerhin ein bißchen Schneid und Unternehmungsgeist; trotzdem wollte ich, den Gimpel hätte der Kuckuck geholt. Er hat dir den Skandal in die Schuhe geschoben. Nimm dir das zum Beispiel; setze Lady Selhurst an Stelle der Oberstenfrau, so kommen die Dinge gleich ins reine. Da hättest du Liebesbrauch und zugleich Kriegsbrauch. Was meinst du dazu?

Der Gedanke ist nicht schlecht. Jedenfalls ist er schneidig, aber –

Und Hubert seufzte.

Wenn du ein »aber« dabei siehst, so verdienst du sie nicht.

Nun, gut also! Ich werde mir die Sache überlegen.

Bravo!

Ein Kellner war, unbemerkt von ihnen, ins Zimmer getreten.

Ein Telegramm für Sie, Herr!

Da besann sich Hubert, und mit einem neuen Seufzer öffnete er den Umschlag und las:

Darrell, Wanderer-Klub. – Benham aufsuchen, hat genaue Anweisungen für das Begräbnis erhalten.

Hat genaue Anweisungen erhalten. Das unmenschliche Ungeheuer!

Was ist nun wieder los, alter Junge? sagte Sir Harry.

Nicht viel – ein Telegramm von meinem Vater, das ist alles.

Hm! sagte Sir Harry und schwieg diskret.

Es ist eine ekelhafte Welt, Ogilvie, begann Hubert nach einer Pause; dann sammelte er mit einem Blick des Widerwillens den Inhalt von Kittys Paket zusammen. Was wird wohl sonst noch kommen, um mir das Leben zu versüßen? Ich bin neugierig darauf. Es ist für einen jungen Menschen recht angenehm, so was nach Hause schleppen zu müssen, nicht wahr? Soll ich es verbrennen oder was sonst?

Nein; es könnte dir leid tun. Diese Nebel dauern nicht ewig.

Nun gut. Damit bin ich nun fertig. Wann wirst du's ihr sagen?

Wie würde es sein, wenn man morgen beim Mittagessen damit herausplatzte und sähe, wie sie es beide aufnehmen?

Der Gedanke ist gar nicht übel.

Es würde jedenfalls einen angenehmen Ton in die Unterhaltung bringen. Es würde Jimmie gefallen, weil es sicherlich den Alten verstimmen würde, den Jimmie wie Gift haßt, und dann könnten wir auch etwas beobachten, was vorkommendenfalls von Nutzen sein könnte –.

Recht so, vorkommendenfalls.

Und obendrein will ich dir einen genauen Bericht von den Ereignissen aufschreiben, ehe ich zu Bett gehe. Wie gefällt dir das?

Prachtvoll. Du bist ein Hauptkerl.

Nein, das bin ich nicht. Ich habe nur etwas an dir gutzumachen, alter Junge.

Kümmere dich darum nicht. Ich gehe jetzt. Es ist ein schrecklicher Abend gewesen, Ogilvie. Gute Nacht.

Gute Nacht, Darrell, und: Kopf hoch!

Ha ha! Kopf hoch! Das gefällt mir. Aber versuchen will ich's wenigstens, alter Junge.

Und mit lächelndem Antlitz über einem Herzen so schwer wie Blei schritt Hubert Darrell in die dunkle Nacht hinaus.

Als er zu Hause ankam, fand er ein helles Feuer in seinem alten Zimmer brennen, ein paar schön angewärmter Pantoffeln, einen Polsterstuhl, der bequem herangerollt war, und daneben auf einem Tische ein kleines leckeres Abendessen bereitstehen.

Sie müssen etwas essen, Herr Hubert, sagte Simpson, mit einer Miene fast väterlicher Besorgnis; und ich dachte, Sie würden es hier vielleicht gemütlicher als im Eßzimmer finden.

Es ist heut nacht nirgendwo gemütlich, Simpson, erwiderte Hubert mit einem Seufzer.

Nein, Herr, das ist es auch nicht, wenigstens meiner Ansicht nach nicht.

Aber ich danke Ihnen jedenfalls, Simpson, Sie haben es wirklich sehr nett hier für mich gemacht. Sie brauchen aber heut nacht nicht wieder aufzustehen. Sie sehen angegriffen aus und brauchen Ruhe wie ich.

Sehr wohl, Herr, obwohl ich wahrhaftig nichts danach frage, aufzubleiben, wenn Sie mich nötig haben. Gehen Sie früh aus, Herr?

Ja; das Bad auf acht Uhr; und ich meine, Sie haben wohl recht in bezug auf das Eßzimmer; ich möchte da nie wieder speisen. Ich will hier frühstücken.

Sehr wohl, Herr. Und Simpson schickte sich an, fortzugehen.

Uebrigens, Simpson, ich will morgen zuallererst Herrn Benham aufsuchen –

Unsern alten Rechtsbeistand, Herr?

Ja, unsern und – meines – Vaters alten Rechtsbeistand. Ich empfing heut abend ein Telegramm von meinem Vater, Simpson.

Wirklich?

Ja, hier ist es. Er sagt, Herr Benham habe genaue Anweisungen für meiner Mutter Begräbnis bekommen, und verweist mich an ihn.

Aber – aber – Sir! Und eine ungewohnte Röte stieg in des alten Mannes Wangen. Aber, Herr Hubert, Ihre arme Mutter starb ja erst vor drei Stunden; wie war es denn möglich, daß er das schon wußte?

Das wußte er auch nicht, er kam dem zuvor, mein guter Simpson, er kam dem zuvor; er hat vielleicht sehnlich darauf gewartet. Was bedeutet das alles?

Das weiß Gott, Herr, ich weiß es nicht. Es ist manches Jahr lang ein schweres Rätsel für mich gewesen – solch eine Dame – solch eine Dame! Meinen Sie, daß er zum Begräbnis kommt, Herr Hubert?

Ich kenne ihn nicht genau genug, um darüber eine Meinungsäußerung zu wagen. Gute Nacht, Simpson. Ich muß mit Ihnen später noch weiter über das verlorene Kästchen sprechen.

Sehr wohl, Herr. Gute Nacht.

Und nun forderte die erschöpfte Natur ihr Recht. Dieser große tapfere junge Mann hatte in seiner großen Angst und Betrübnis seit dem frühen Morgen nichts als ein paar Zwiebacke gegessen. Er sah den Abendtisch an, der von Simpson sehr kunstvoll arrangiert war, um das Auge eines hungrigen Mannes zu verführen, und er stürmte begierig darauf los.

Eine halbe Stunde später, die Füße auf dem Kamingitter, legte er sich in den Polsterstuhl zurück und grübelte lange über die seltsamen und bewegten Ereignisse der Nacht nach. Das war also das Heimkommen, nach dem ihn so lange und sehnlich verlangt hatte! – eine geliebte Mutter, die kalt und starr im Zimmer unten lag, und ein noch teureres Wesen kaum ein paar Meilen entfernt in den Armen eines andern und noch dazu gänzlich des schweren Unrechts unbewußt, das sie ihm angetan hatte. Was würde der Ausgang von allem sein? Daß das ungestüme Geschöpf ihre Torheit bitterlich bereuen würde, das wußte er nur zu gut. Er konnte jetzt sogar einige Entschuldigungen finden für diese Torheit. Der Augenschein war überwältigend gegen ihn gewesen. Und doch – und doch, dachte er bei sich selbst, sie sollte ihn besser gekannt haben. Ein Instinkt sollte ihr gesagt haben, daß er eines solchen Verrats, wie der, dessen man ihn beschuldigt hatte und der so leicht von der skandalliebenden Welt geglaubt wurde, unfähig war. Sie sollte ihn bis aufs äußerste verteidigt, seine Verleumder unbarmherzig bekämpft und sein Kommen mit der ruhigen Sicherheit, daß bei seiner Ankunft alles gut würde, abgewartet haben. Und dennoch, mit der Inkonsequenz eines Verliebten mußte er sie notgedrungen weiter entschuldigen. War es ihre Schuld, daß sie so impulsiv geboren war? War es nicht eine offenkundige Tatsache, daß gerade gute Frauen allenthalben sich des Grolles, der Eifersucht und aller möglichen, fast unbegreiflichen Torheiten schuldig machten: ihr Leben mit tollem Hohngelächter zertrümmerten, um es nachher immer in Sack und Asche zu bereuen?

Unzweifelhaft war es so. Aber warum sollte seine Kitty, seine lustige helläugige Kitty büßend durch die Welt gehen wegen eines augenblicklichen Vergehens gegen die alte Treue? Und dann kam ihm Sir Harry Ogilvies kühner Rat wieder in den Sinn. Es war einerseits verlockend; aber wenn es ihm auch wirklich wünschenswert erschienen wäre, sie aus den Armen ihres ältlichen Eheherrn zu reißen – und wenigstens jetzt war das nicht der Fall –, würde sie in eine Entführung einwilligen, die die Lästerzungen der ganzen vornehmen Welt in Bewegung setzen würde? Der Gedanke war immerhin verlockend und weckte stark in ihm den Geist der Wiedervergeltung. Sir John Selhurst hatte Kitty sicher unter falschen Vorspiegelungen geheiratet. Sie war nicht in offenem Kampfe gewonnen worden, und darum, ob verheiratet oder nicht, war sie moralisch immer noch die Seine. Dies war freilich ein Zurückkehren zu seiner früheren oberflächlichen Denkart, das er nach ein wenig mehr Ueberlegung absurd fand, und so ließ er das verwirrende Thema in Verzweiflung fallen.

Dann kehrten seine Gedanken zu seiner Mutter zurück, und das Geheimnis, das ihr Leben umgab, schien tiefer und dunkler als je zuvor. Daß die Enträtselung des Geheimnisses vom Auffinden eines gewissen fehlenden Kästchens abhing, schien annehmbar, obgleich das Warum ebenfalls ein Rätsel zu sein schien. Daß solch ein Kästchen wirklich existiert hatte und daß dessen Verlust seiner Mutter große Betrübnis verursachte, war vollauf bewiesen durch Simpsons Aussage, und es würde selbstverständlich seine Pflicht sein, sich so viel wie möglich um dessen Entdeckung zu bemühen. Nicht weniger seltsam war die Form ihres unerwarteten Vermächtnisses an ihn, und als ihm dieser Gedanke in den Sinn kam, erinnerte er sich gleichfalls, daß es höchste Zeit war, an dies unerwartete Vermächtnis zu denken. So nahm er denn den Gemslederbeutel aus seiner Tasche und entleerte seinen Inhalt in einen Teller.

Außer dem Halsband waren mehrere hundert Steine verschiedener Größe vorhanden: Diamanten, Rubinen, Smaragde, Saphire und so weiter, ein außergewöhnliches Gemisch. Er fühlte sich seltsam verwirrt. Warum waren diese Steine aus ihren Fassungen entfernt, und warum waren sie so viele Jahre lang unverdrossen von seiner Mutter verborgen worden? Und was war aus den ursprünglichen Fassungen geworden? Auf alle Fälle eine rätselhafte Sache. Dann hob er das Halsband auf und breitete es in seiner ganzen Länge aus. Es war sicher einzig in seiner Art und von ungewöhnlicher Pracht. Trotz seiner nur geringen Kenntnis von Diamanten sah er doch, daß es Brillanten vom reinsten Wasser und von außergewöhnlichem Wert waren und daß der große blaue Edelstein in der Mitte augenscheinlich von ungewöhnlicher Seltenheit war. Dann hielt er ihn gegen das Licht, und er wurde plötzlich voll Leben und Farbe und Bewegung, ein grausam faszinierendes Ding, einer Schlange gleich; schnell legte er es mit den andern Steinen zusammen wieder fort.

Ich weiß nicht, was es ist, aber es überläuft mich kalt, sagte er. Sollte etwas Wahres am Aberglauben der Indier sein, daß die bösen Geister manchmal in Edelsteinen wohnen? Ich will meiner Mutter Befehl gehorchen und sie verkaufen, natürlich – alles muß in Ordnung sein – aber nicht, bevor sie mein Vater gesehen hat. Es soll weiter kein Geheimnis mit ihnen sein. Dazu bin ich fest entschlossen.

In diesem Augenblick gähnte er und sah auf seine Uhr. Drei Uhr! Dann sah er, daß das Feuer ausgegangen war, und er ging zu Bett, aber nicht, um Angenehmes zu träumen.

Drittes Kapitel.

Advokat Archibald Benham von Lincoln's Inn Fields war der methodischste aller Menschen. Pünktlich Sommer und Winter, wenn die Uhr zehn schlug, stieg er die alte Eichenwendeltreppe mit ihren seltsam geschnitzten Geländern zu seinen Zimmern hinauf, setzte sich sofort an seinen Schreibtisch und sah mit sorgsamer Ueberlegung die Morgenpost durch. Am Tage nach Hubert Darrells Rückkehr nach London wich er jedoch von der alten Gewohnheit ab. Ein Telegramm lag auf seinem Schreibtisch. Er öffnete es und las:

Benham, 94, Lincoln's Inn Fields.

Frau Darrell starb heut abend. Bitte meine Anweisungen auszuführen. Ihr Sohn wird wahrscheinlich heut morgen zu Ihnen kommen.

Darrell.

Endlich! sagte der Advokat und warf sich in seinen Stuhl zurück. Arme Seele! Endlich!

Er war von angenehmer und sympathischer Erscheinung – ein Mann gegen sechzig, glattrasiert, mit dicken, runden, rosigen Wangen, braunem dichtgelocktem, hier und da etwas meliertem Haar und einem paar milder blauer Augen, die gütig durch eine goldene Brille blickten. Er war vielleicht kein Mann von außergewöhnlicher Geisteskraft, aber einer von schnellem Urteil und klarem Denken, der großen juristischen Scharfsinn in unprahlerischer Weise bei manchem verwickelten Problem anwandte. Vor allem war er diskret, vorsichtig und fleißig und ließ sich unter keinen Umständen je eine Uebereilung zuschulden kommen; und so war er in der Tat, was die Welt in Ermangelung einer besseren Bezeichnung einen sicheren und vertrauenswürdigen Anwalt nennt. Ueberdem war er ein Mann, dessen Sympathien leicht erweckbar waren, wie es offenbar auch bei dieser Gelegenheit der Fall war.

Endlich! wiederholte er. Was muß diese arme stolze Seele all diese langen Jahre gelitten haben! Und, gütiger Himmel, was für ein Weib war sie! Den letzten Abend, in den sechziger Jahren, als sie in La Favorita in Her Majesty's Theatre auftrat – den werde ich nie vergessen. Wie stolz, wie königlich sie blickte! Wenig ahnte ich in jener Nacht davon, daß gerade ich eines Tages gerufen werden würde, um ihren Sarg und ihr Leichenkleid zu bestellen. Was kann ihres Lebens Tragödie gewesen sein? Damals lag ganz London ihr zu Füßen. Jeder war von ihrer Schönheit entzückt. Sie hätte heiraten können, wen sie wollte – sie brauchte nur auszusuchen und zu wählen. Und ging nicht wirklich das Gerede, daß sie sich von einem Edelmann hätte entführen lassen? Aber ich bezweifle das. Und der Anwalt schüttelte seinen Kopf. Nach dem, was ich seither von ihr sah, kann ich das nicht glauben. Nie werde ich auch den Tag vergessen, als sie in mein Bureau trat, so stolz und königlich wie nur je, an ihrer Seite der alte Puritaner Sydney Darrell mit dem harten Gesicht und der steifen Haltung, der sie mir als Frau Darrell vorstellte und von mir verlangte, die Scheidung einzuleiten; nie, bis an mein Ende, werde ich das vergessen. Er verlangte tatsächlich von einer solchen Frau getrennt zu werden, und ich bezweifle, daß sie sich je seitdem wiedergesehen haben. Nie ist es mir gelungen, ein Wort der Erklärung von beiden zu erhalten. Das ist wirklich ein ganz seltsames Geheimnis. Und nun kommt dies Telegramm. Und er las es wieder. »Ihr Sohn«! Warum »ihr Sohn« statt »mein Sohn«? Das ist sehr sonderbar. Ich kann, ich will nichts Böses von dieser lieblichen Frau denken, und doch starrt mir die Tatsache ins Gesicht, daß nach Sydney Darrells Testament dieser junge Mensch keinen Pfennig bekommt. Armer Teufel, das ist wirklich ein böser Streich, und nun muß, um sein Leiden noch auf die Spitze zu treiben, dieser Schuft von Selhurst hingehen und ihm sein Liebchen stehlen. Ich dachte, Selhurst würde, als er erfuhr, daß der Skandal mit Hubert nur ein Versehen war, wenigstens ehrenhaft genug gewesen sein, es dem Mädchen zu sagen. Bei Gott, um ihrer beider willen wollte ich jetzt, ich hätte wenigstens ihr geschrieben!

Hier wurde sein Nachdenken unterbrochen. Ein Schreiber trat ins Zimmer und meldete:

Herr Darrell wünscht Sie zu sprechen, Sir.

Lassen Sie ihn gleich eintreten.

Benham stand auf und streckte ihm die Hände entgegen.

Gestatten Sie mir, Ihnen mein herzlichstes Beileid auszusprechen, Herr Darrell. Ich habe eben ein Telegramm von Ihrem Vater erhalten. Sie kamen noch eben zur rechten Zeit, nicht wahr?

Ja, Herr Benham; ich war bei ihr, als sie starb. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mir schrieben. Ich bin nur deshalb hergekommen.

Ich bin froh darüber, daß ich es tat, sehr froh. Sie teilten es natürlich Ihrem Vater mit?

Hubert wurde rot und zog ein Telegramm aus der Tasche.

Ja, ich telegraphierte ihm gestern abend und erhielt dies als Erwiderung.

Benhams Stirn verfinsterte sich, als er es las.

Hm! sagte er. Das hätte ich kaum gedacht – doch bin ich nicht überrascht.

Es ist eine rohe Botschaft, Herr Benham.

Mein Gewissen zwingt mich, dasselbe zu sagen.

Sie haben schon genaue Anweisungen von ihm erhalten?

Schon lange. Ich treffe all die Anordnungen für die Leichenfeierlichkeit, entlasse die ganze Dienerschaft mit einem Monatslohn für jeden, und nach Verlauf von vierzehn Tagen verfüge ich über das Mobiliar und vermiete das Haus. Ihrer Mutter eigene persönliche Habseligkeiten stehen zu Ihrer Verfügung. Das ist alles.

Es ist deutlich genug, das weiß Gott, Herr Benham. Ich meine, nun ist die Zeit gekommen, wo es mir gestattet sein sollte, Ihnen einige offene Fragen vorzulegen.

Bitte, Herr Darrell.

Sie werden mir offen antworten?

Ganz gewiß.

Dann lassen Sie mich, bitte, wissen, was der Grund der langen Entfremdung zwischen meinem Vater und meiner Mutter gewesen ist.

Das kann ich nicht, so gern ich möchte. Das habe ich nie herausfinden können.

Sie haben auch keine Vermutungen darüber?

Keine.

Keine Ansichten?

Keine. Ihr Vater ließ sich nie befragen, und der Stolz versiegelte die Lippen Ihrer Mutter. Wenigstens stellte ich es mir immer so vor.

Haben Sie nie etwas von einem vermißten silbernen Kästchen gehört?

Niemals. Warum?

Sie sprach am letzten Abend von einem solchen, aber ganz unzusammenhängend. Sie sagte, es enthielte etwas, das, wie ich folgerte, von Wichtigkeit für sie und mich sei – Papiere, mußte ich annehmen. Ihre Worte waren, daß ihr guter Name daran hinge.

Benham spitzte bei diesen Worten die Ohren. Er dachte an Sydney Darrells Testament.

Dies kann für Sie von der größten Wichtigkeit sein, sagte er. Haben Sie Nachforschungen angestellt?

Ja. Der alte Diener erinnert sich dessen sehr deutlich; er sagt, daß es vor einiger Zeit gestohlen wurde und daß meine Mutter sich sehr um jenen Verlust grämte. Er sagt, daß es von sehr seltsamer Form und Arbeit war und daß er es sofort wiedererkennen würde. Vielleicht könnte man ihm nachforschen.

Zweifellos kann man das. Jedem Ding kann man in London nachforschen. Und Benham schrieb sich sorgsam diesen Umstand auf. Machte sie Ihnen eine weitere Mitteilung, Herr Darrell?

Hubert zögerte einen Augenblick. Sollte er ihm von den Juwelen sagen? Es schien kein triftiger Grund dafür vorhanden. Es war sicher seiner Mutter Wunsch, daß es Geheimnis zwischen ihnen bleiben sollte – ein Geheimnis, von dem, wie er aus Klugheitsgründen fühlte, nur sein Vater, aber kein andrer, erfahren dürfte.

Nein, sagte er dann endlich, nichts, was mit diesem Gegenstand irgendwie zusammenhängen könnte, Herr Benham. Kann ich meines Vaters Telegramm sehen?

Natürlich. Hier ist es.

Als Hubert es aus des Anwalts Händen nahm und las, stieg ihm heiße Röte bis an die Haarwurzeln.

»Ihr Sohn«, wiederholte er; »ihr Sohn«! Er tut, als ob ich ein Gleichgültiger, ein bloßer Fremder für ihn wäre, und das bin ich ja auch für ihn; das ist nur zu wahr. Aber darin liegt etwas anderes, Herr Benham, das ist deutlich zu verstehen. Doch es ist eine Lüge, Herr Benham!

Ich würde mein Leben dafür verpfänden, sagte der Anwalt, sich ebenfalls ereifernd. Keine bessere Frau hat je gelebt als Ihre Mutter, und niemand soll mir je ins Gesicht Böses von ihr zu sagen wagen.

Bei Gott! sagte Hubert mit erstickter Stimme, das ist prächtig von Ihnen! Ich – ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie diese Worte mich trösten. Ich fühlte mich schrecklich niedergedrückt; aber nun weiß ich, daß meine arme Mutter wenigstens einen guten Freund hatte und daß – darf ich es sagen? –, daß auch ich in Ihnen einen solchen besitze.

Sie haben ihn, mein lieber junger Mann, sagte der Anwalt, erhob sich und legte seine Hand auf Huberts Schulter, Sie haben ihn; und wir werden schon trotz alledem diesem Geheimnis auf den Grund kommen. Wenn ich Ihren steifnackigen Vater nicht zum Schluß zu Kreuze kriechen lasse, dann soll man mich als Stümper von der Anwaltsliste streichen!

Es muß unbedingt irgendeinen Weg geben, um das zu bewerkstelligen, fuhr Hubert fort. Ich kann nicht viel mehr ertragen; ich bin übervoll von Betrübnis. Doch jetzt erinnere ich mich an etwas anderes, nämlich, daß ich mich wundere, weshalb Sie Ihren Brief nach Simla sandten.

Das war doch Ihre Adresse, und Sie erhielten ihn?

Aber Sie hörten doch zweifellos von dem schrecklichen Skandal wegen –

Ich achte selten auf Skandal.

Aber da es mich betraf, so dachte ich –

Ich wüßte von keinem Skandal, der Sie betreffen könnte.

Die Zeitungen hier schrieben, ich sei mit eines Obersten Frau weggelaufen.

Ach ja, so war es. Man sollte die Zeitungen dafür verklagen; ich hoffe, das werden Sie auch tun.

Was kommt dabei heraus? sagte Hubert bitter. Das Unglück ist einmal geschehen. Aber woher wußten Sie, Herr Benham, daß ich nicht der Angeschuldigte war?

Weil ich erst die Sache sich ein bißchen verlaufen ließ. Ich erfuhr die wahren Tatsachen auf dem Kriegsministerium.

Schau einer an, das nenne ich Verstand.

Unterstützt durch Vertrauen. Ich glaubte es gleich nicht.

Dann waren Sie also der einzige?

Denn, fuhr Benham fort, ich wußte, daß Sie bereits stark gebunden waren.

Ah, das wußten Sie?

Ja.

Nun, das ist ja alles vorbei. Diese Zeitungen haben mein Glück zertrümmert. Und daß nur Sie allein genügendes Vertrauen zu mir hatten und genügenden Verstand, um –

Einen Augenblick, Herr Darrell. Ich fürchte, ich habe unachtsamerweise ein großes Versehen begangen. Ich werfe mir selbst sehr ernstlich vor, daß ich mir nicht die Freiheit nahm, an Fräulein Clare zu schreiben und sie von dem, was ich erfahren hatte, zu benachrichtigen. Ich dachte jedoch, daß Sir John Selhurst Gentleman genug und ehrenhaft genug sein würde, um dem armen Mädchen die Wahrheit zu sagen.

Hubert wurde sofort blaß vor Leidenschaft. Wollen Sie mir damit etwa sagen, daß er vor der Heirat davon wußte?

Lange vorher. Ich traf ihn auf dem Kriegsministerium. Er war dort in derselben Absicht gewesen wie ich.

Dann, sagte Hubert mit Zähneknirschen, gilt es jetzt zwischen uns Kampf bis aufs Messer.

Ich sehe auch keine andre Möglichkeit, sagte der Richter trocken. Ich wünsche Ihnen das Beste, das versichere ich Ihnen, was auch immer geschehen mag. Nur, fügte er lächelnd hinzu, darf es keinen Mord geben. Daran kann ich mich nicht beteiligen. Und nun, Herr Darrell –. Und er sah auf seine uneröffneten Briefe.

Sie haben recht, Herr Benham, ich will Sie auch nicht länger aufhalten. Sie sind sehr freundlich gewesen, und –

Nichts da! Und er streckte ihm die Hand entgegen. Auf morgen, Herr Darrell?

Auf morgen, ja. Und ein paar Minuten später durchschlenderte Hubert die Straßen ohne Ziel noch Zweck, in seinem Gemüt einen tollen Wirbel von einander widersprechenden Empfindungen, die wir nicht zu analysieren brauchen. Unbewußt, fast automatisch, strebte er westwärts, bis er sich vor der Tür seines Klubs befand.

Bei Gott! sagte er, aufsehend; der Wanderer-Klub! Na, ich glaube, ich bin hier so gut aufgehoben, wie anderswo. Und er trat ein. Der Portier überreichte ihm ein Schreiben. Es war von Sir Harry Ogilvie und war vom Abend vorher datiert.

Lieber Darrell, besagte es, Jimmie Selhurst kam fünf Minuten, nachdem Du uns gestern abend verließest, und sitzt jetzt hier bei einem starken Brandy-Soda, schimpft wie ein Rohrspatz auf seinen Onkel und sagt alle möglichen, nicht wiederzugebenden Dinge von sich selbst, daß er je ein Wort gegen Dich geglaubt hat. Er nennt mich ein siebzehnhörniges Tier (was das sein mag, wird er wohl selber wissen), weil ich Dich mit der Reitpeitsche und andern dummen Dingen bedrohte, und ich vergebe es ihm, denn ich weiß, daß ich es verdiene. Hätte er noch ein Dutzend Hörner mehr zu dem Ungeheuer hinzugefügt, das ich zu sein scheine, so hätte ich's ihm auch nicht im geringsten übelgenommen. Wir reisen morgen früh um 9 Uhr nach Windwhistle Hall und haben beschlossen, einen vereinigten Angriff auf den Feind um acht Uhr oder sobald das Abendessen aufgetragen ist, zu machen, je nachdem die Gelegenheit günstig ist. Jimmie wäre es ganz recht, wenn eine wirkliche Petarde seinen Onkel vom Tische wegräumte. Er hat genug eignes Vermögen; das Gut ist Fideikommiß, und der Titel kommt ihm zu, wofern nicht –. Aber, armer Junge, ich will Deine arme gequälte Seele nicht noch mit solchen schauerlichen Unwahrscheinlichkeiten quälen. Wenn es möglich ist, will ich es so einrichten, Dir nach dem Diner ein Telegramm zu senden; darum ist es besser, Du bleibst den Abend über im Klub.

Immer Dein Harry Ogilvie.

Der Brief hatte noch eine Nachschrift von andrer Hand, und zwar lautete diese:

Kopf hoch, mein melancholischer Buff! Du hast ja noch keine grauen Haare. Wenn Du denkst, daß eine tüchtige knallende Explosion in Deinem Fall überhaupt Zweck hat, so kann es morgen nacht losgehen. Harry hat das Kommando. Wir wünschten nur, wir hätten ein bißchen mehr Dynamit. Du könntest es uns wohl nicht verschaffen?

Deiner und der ihre für alle Zeiten!

Jimmie.

Ob ich mehr Dynamit verschaffen kann? Hubert sah auf seine Uhr und füllte dann ein Telegrammformular aus.

Bald danach flog folgende Botschaft über die Telegraphendrähte:

Sir Harry Ogilvie, Baronet

Windwhistle Hall, bei Addlehead, Berks.

Betreffs Dynamit: Feind wußte alles, vor Kapitulation. War benachrichtigt vom Kriegsministerium. Dies steht sicher fest.

Buff.

Als dies fertig war, wurde er plötzlich vom Dämon der Unruhe besessen. Neun lange, ermüdende, angstvolle Stunden lagen zwischen ihm und jeder denkbaren Möglichkeit einer Nachricht über die Explosion. Wie sollte er die traurige Zwischenzeit ausfüllen? Es war zu früh zum Lunch. Er konnte nicht einmal einen anständigen Vorwand finden, um die Morgenzeitungen mit Ruhe zu lesen. Einen kurzen Augenblick dachte er daran, hinzugehen und die Unterredung mit seinem Vater zu suchen; aber er hatte seiner Mutter Juwelen zu Haus gelassen, und in seiner gegenwärtigen reizbaren Gemütsart fühlte er, daß die Besprechung jedenfalls erregt sein würde, und daß es vielleicht besser wäre, sie einen oder zwei Tage hinauszuschieben. Vielleicht würde er dann in ruhigerer Gemütsstimmung sein und seinen Vater ebenso gestimmt finden. Denn, zwar nicht so sehr aus persönlicher Kenntnis, aber vom Hörensagen wußte er, daß der alte Herr eine seltsame Mischung von Feuerfunken und Eis war und von noch andern Ingredienzien, die jede freundschaftliche Annäherung zurückstießen. Es war nicht anzunehmen, daß dieser große, muskelstarke rot und weiße Riese, der sechs Fuß zwei Zoll hoch auf bloßen Sohlen stand, als er gemessen wurde – und bei den Buffs würde das niemand bestreiten –, es war nicht anzunehmen, sagen wir, daß der sich niederwerfen und sich neigen und vor dem väterlichen Eisberg Kratzfüße machen würde, sondern vielmehr, daß er ihn mannhaft fragen würde, warum seine Mutter, die Dame, ihr ganzes Leben lang so niedrig behandelt worden und sogar auf ihrem Sterbebette verhöhnt worden war. Diese Auskunft beschloß er sich um jeden Preis zu verschaffen, aber nicht sofort, sondern erst in einem oder zwei Tagen. Da in Berkshire war ein Schurke von Baronet, namens Selhurst, der denn doch den ersten Anspruch auf seine Aufmerksamkeit hatte, und auch deswegen mußte er warten.

Er sah wieder auf seine Uhr. Sie mußte stillgestanden haben, und er hielt sie an sein Ohr. Nein. Nie zuvor waren seiner Erfahrung nach die Stunden so träge vorwärtsgeschlichen.

Nun, sagte er endlich, es ist ebensogut, wenn ich diese Juwelen an den Mann zu bringen suche. Das wird mir auf alle Fälle die Zeit vertreiben. Hatton Garden ist wohl der Markt für lose Edelsteine. Ich kann auch im Adreßbuch nachsehen und ein paar Adressen heraussuchen.

Dies beschäftigte ihn etwa zwanzig Minuten lang.

Das Halsband, sagte er endlich, wird, glaube ich, jeder große Juwelier im Westend kaufen. Und nun auf zu einem kleinen Bummel!

Wie Sir Harry Ogilvie vorausgesagt hatte, traf er im Laufe dieses Bummels mehrere Bekannte, denen offenbar »die Sonne die Augen blendete«, als sie ihn herankommen sahen. Er zuckte nur seine starken breiten Schultern, kam lachend in den Klub zurück und frühstückte.

Es gab einen vorzüglichen Beaune bei den Wanderern, und Hubert Darrell wußte das. Unter dem entflammenden Einfluß des Burgunders fühlte er sofort das Bedürfnis, an Lady Selhurst, früher Kitty Clare, einen Brief zu schreiben, und so ging er nach dem Kaffee hinauf ins Schreibzimmer, nahm die Feder in die Hand und begann mit entsetzlich finsterm Gesicht. Nachdem er nahezu ein Buch Klubpapier verdorben hatte, schimpfte er auf sich selbst in einer im Druck nicht wiederzugebenden Weise und fing wieder an. Wieder eine Pause, wieder ein Schimpfwort, und der Papierkorb begann sich zu füllen. Ein dritter, vierter, ein fünfter Versuch, und der Korb war voll. Aber zwei Stunden waren damit glücklich hingegangen.

Es wurde dunkel. Er zündete sich eine Zigarre an und ging auf die Straße hinaus, zögerte einen Augenblick und schlenderte dann dem Strand zu. Der Anblick von Charing Croß weckte seltsame Empfindungen in ihm. War es möglich, daß kaum vierundzwanzig Stunden seit seiner Ankunft in London verflossen waren? Ein paar Minuten später fand er sich – er hätte nicht erklären können, wie oder warum – auf dem Ankunftsperron.

Der Pariser Expreß lief auf die Minute pünktlich ein. Hubert sah auf seine Uhr.

Ja, sagte er, vierundzwanzig Stunden, fast auf die Sekunde genau; und doch möchte ich fast schwören, daß es wenigstens einen Monat her ist.

Mit mattem Interesse beobachtete er die Passagiere, die aus den Wagen stiegen, suchte nach Zeichen von Elend und Not in ihren Gesichtern, aber vergeblich. Er hörte nur fröhliches Grüßen und herzliches Willkommen; hier waren Frauen in den Armen der Gatten, da unter Küssen errötende junge Bräute, Mütter und Söhne, die sich zärtlich umarmten, nirgends eine mißtönige Zwietracht zu sehen oder zu hören, und Hubert entfloh, sich selbst aufs neue verflucht nennend und den Himmel um Antwort beschwörend, warum er von allen ausersehen worden wäre, solch schwere Last zu tragen.

Die Glocke auf dem Turm von Sankt Martin schlug sieben, als er die Bahnhofsvorhalle verließ. Wenigstens einige Stunden mußten noch vergehen, ehe er hoffen konnte, Sir Harrys Telegramm zu erhalten. Die Langeweile dieser langen Zwischenzeit könnte verkürzt werden, wenn er zu Abend äße, meinte er, und so lenkte er geradewegs seine Schritte in der Richtung auf das Café Royal.

Es war fast neun Uhr, als er den Klub erreichte.

War nicht ein Telegramm für ihn da?

Der Portier schüttelte den Kopf. Es war keins da.

Dann tat er so, als ob er die Abendzeitungen durchsähe, und schielte dabei etwa alle fünf Minuten nach der Uhr. Um zehn Uhr war er sicher, daß der Tag mit Enttäuschung enden würde.

Ich vermute, es ist Ogilvie nicht gelungen, es noch aufzugeben, sagte er. Dennoch wartete er noch eine Viertelstunde länger; dann ging er auf das Charing Croß-Postamt und erkundigte sich.

Der Beamte sah in einem Buche nach.

Heut abend kann kein Telegramm mehr von da kommen. Das Amt schließt um acht.

Das war entscheidend, und so nahm er sich eine Droschke und fuhr nach der Upper Wimpole Street. Da erfuhr er von Simpson, daß Benham und der Arzt eine Besprechung miteinander gehabt hatten und daß alle die traurigen Verrichtungen, die mit seiner Mutter Hinscheiden zusammenhingen, gebührend und ehrfurchtsvoll beobachtet worden wären; ferner, daß Mister Benham ihn gern um zehn Uhr morgens sprechen möchte, um den Tag des Begräbnisses festzusetzen.

Gut, sagte Hubert und ging direkt nach seinem Zimmer hinauf, setzte sich wieder vor das Feuer und grübelte nach. Die Ereignisse wickelten sich jetzt schnell genug ab, und alle Arten von Zufällen würden sich in kürzester Frist deutlich ihm gegenüberstellen.

Er mußte, das fühlte er, sich sogleich einen Handlungsplan festsetzen.

Ich kann vor zehn nicht in den Klub gehen, überlegte er, so will ich denn zuerst Benham sehen, dann in den Klub zurückgehen, und wenn es meine Stimmung, nachdem ich Ogilvies Bericht gelesen habe, zuläßt, so will ich hingehen und mit meinem ausgezeichneten Vater rechten. Ich bin groß und stark und sehe nicht recht ein, warum ich vor einem einzelnen Manne Angst haben sollte; ich tue es auf jeden Fall. Außerdem muß er mir eine oder zwei Fragen beantworten. Ich werde mich in seiner Wohnung einquartieren, bis er's tut, und ich weiß, daß ich einen gewissen Kubikinhalt an Raum gebrauche; schon meine Länge allein wird ihm wohl unbequem werden. Dann muß ich diese Juwelen losschlagen.

Er stand auf, schürte das Feuer an, ging an seinen Schreibtisch und schloß ihn auf.

Ich bin abergläubisch, scheint mir, aber ich kann es nicht ändern. Ich weiß nicht warum, murmelte er, als er den ledernen Beutel mit den Juwelen in die Hand nahm, aber mich läßt der Gedanke nicht los, daß Unglück in diesem Stück Gemsleder verborgen ist. Ich möchte wissen, wieviel Frauenseelen schon durch diese hübschen Juwelen verdorben worden sind! Haben Diamanten ein Gewissen? Was für Unglück brachten sie meiner Mutter, und was für Unglück werden sie mir bringen? Sie machen mir auf alle Fälle ein widerliches Gefühl, und je eher ich sie aus der Hand gebe, desto besser, dessen bin ich sicher. Ich werde sie morgen weggeben, aber ich vermute, sie müssen sortiert und geordnet werden. Es würde verteufelt wunderlich aussehen, wenn ich wie ein Graf von Monte Christo oder ein Aladin mit der Wunderlampe mit einem Beutel voll unsortierter und bunt durcheinanderliegender Edelsteine zu einem Händler ginge und ihm sagte: Bitte, wieviel geben Sie für diese interessante Menge mineralogischer Muster? Ich muß eine geschäftsmäßige Art annehmen, meine ich, wenn ich das auch nicht verstehe, sonst halten sie mich für Bill Sikes oder Kapitän Kidd, den Piraten. Und nun einen Blick auf die gefährlichen Schönheiten! Er breitete ein Tuch auf dem Tische aus, und darauf ließ er in leuchtendem Regen den Inhalt des Beutels strömen. Dann trennte er sie mit sorgsamer Genauigkeit in kleine Häufchen, jeden nach seiner Art, hier die Diamanten, da die Rubinen und Smaragde und Saphire, drei schöne Opale für sich in ruhmvoller glänzender Einsamkeit. Im ganzen waren neun kleine Haufen vorhanden, die Diamanten bildeten einen kleinen brennenden Berg zwischen den andern, einhundertundeinundachtzig nach genauer Zählung. Er schrieb die Zahl in sein Notizbuch und zeichnete schnell auch den Rest auf. Dann wickelte er sorgfältig jedes Häufchen in Schreibpapier und legte es in den Beutel zurück.

Diese kommen nach Hatton Garden, sagte er. Und dies – damit steckte er das Halsband in den Beutel und letzteren in seine Brusttasche – will ich zu Black & White in Picadilly bringen.

Dann zog er sich aus und ging zu Bett.

Viertes Kapitel.

Zehn Uhr schlug es den folgenden Morgen vom Turm des Gerichtsgebäudes, als Hubert vor Herrn Benhams Bureau aus einer Droschke sprang. Der Anwalt war heut noch pünktlicher als gewöhnlich angekommen und grüßte ihn herzlich. Nach einer kurzen Besprechung kamen sie beide überein, daß das Leichenbegängnis auf dem Highgate-Kirchhof am folgenden Sonnabend stattfinden sollte.

Ich werde es sogleich Ihrem Vater mitteilen, sagte Benham, denn wem anders soll ich es sonst mitteilen? Er wartete einen Augenblick, und da Huberts Antwort nur ein zweifelhaftes Kopfschütteln war, so fuhr er fort: Sehen Sie, Ihre Mutter hat lange Jahre ein zurückgezogenes Leben geführt, suchte keine Bekanntschaften und mied in der Tat alle Geselligkeit. Daher fürchte ich, wir werden, wofern Ihr Vater nicht anstandshalber ebenfalls kommt, die einzigen Leidtragenden sein.

Ich gehe heute zu ihm und mache es mit ihm aus, sagte Hubert. Es ist Zeit. Ich bin kein Kind mehr.

Benham sah ihn wiederholt beifällig an.

Der oberflächlichste Beobachter müßte das billigen, Herr Darrell. Ich wünsche Ihnen jeden Erfolg, obgleich ich leider meine Zweifel habe. Und nun, wie steht's mit der andern Sache? Hubert zeigte ihm sofort Sir Harry Ogilvies Brief. Der Anwalt las ihn mit offenbarem Erstaunen.

Gut! sagte er – gut! Sie haben hier zwei echte Freunde. Das sehe ich. Etwas, hoffe ich, wird schon dabei herauskommen.

Ich würde nicht im geringsten überrascht sein, wenn nichts dabei herauskäme. Und Hubert lachte bitter. Nebenbei gesagt, ich benachrichtigte Sir Harry durch Telegramm – auf vorsichtige Art natürlich –, daß der alte Selhurst von meiner Unschuld in jener Sache wußte, und sie werden von der Benachrichtigung zweifellos Gebrauch machen.

Um so besser denn; Sie haben noch keine Antwort?

Nein; sie konnten vergangenen Abend nicht mehr telegraphieren, aber ich erwarte im Klub einen Brief vorzufinden. Ich gehe jetzt dorthin. Meine Droschke wartet.

Sehr gut; Sie lassen mich doch sicher alles wissen?

Ein herzlicher Händedruck war Huberts Antwort, dann war er auf und davon.

Der erwartete Brief war im Klub. Er öffnete ihn hastig und las:

Lieber Darrell!

Ich konnte kein Telegramm senden, weil das Postamt hier um acht geschlossen wurde. Es tut mir leid, Dich so in Spannung gehalten zu haben, aber es ging leider nicht anders. – Nun, alles ging vorschriftsmäßig und auf den Schlag. Der Fisch war gerade aufgetragen, als ich mich an Lady Selhurst wendete und sagte: »O, ich sah am vergangenen Abend einen alten Freund von Ihnen – Hubert Darrell.« Sie wurde rot und sagte: »Ach wirklich!« und ich sah Selhursts Falkenaugen auf ihr ruhen. »Ja, der arme Junge,« fuhr ich fort, »kam gerade zur rechten Zeit heim, um seine Mutter sterben zu sehen. Niemals habe ich einen solchen Pechvogel gesehen.« Dabei sah ich, daß ihr Busen schwer atmete, und ich fuhr fort: »Dazu alles ein Irrtum mit jener Affäre in Indien. Es war keineswegs Hubert, sondern ein andrer vom selben Regiment – Herbert Darrell, und der arme Teufel hatte nie auch nur davon gehört, bis ich es ihm sagte. Da fiel er wie tot hin, ja, das tat er, auf mein Wort, der große stämmige Bursche.« Lady Selhurst wurde bis in die Lippen so weiß wie das Tischtuch, und ich konnte sehen, daß sie wie Espenlaub zitterte. Da setzte Jimmie Selhurst sein Ruder ein. »Natürlich!« sagte er, »ich wußte das ja längst. Ein blödsinniger Zeitungsirrtum. Ich dachte, Sie (zu Lady Selhurst) hätten es auch gewußt. Sir John hier wußte es ja – erfuhr es auf dem Kriegsministerium.« Hast Du mal 'ne Bombe platzen sehen? Sie fuhr auf wie eine Pantherin. »Ist das wahr? Ist das wahr?« rief sie. Sein Gesicht wechselte in allen möglichen Farben, aber er schluckte und schnappte nur. »Ich sehe,« fuhr sie fort, »es ist wahr!« Und nun sagte sie ihm furchtbare Worte! Sie erinnerte mich an die Bernhardt in der »Phädra«. Dann entschuldigte sie sich bei Jimmie und mir und fegte wie ein Wirbelwind aus dem Zimmer. Mit dem Essen war's natürlich alle. Der alte Selhurst versuchte sich aufzuraffen, aber es gelang ihm nicht, obgleich er verteufelt böse aussah, und er ist ein böser Kerl! Du wirst ein tüchtiges Stück Arbeit haben, mit ihm fertig zu werden, und er wird ihr nie die Beleidigungen vergeben, die sie ihm ins Gesicht geschleudert hat. Glühende Bomben und Kartätschen waren nichts gegen sie. Aber Jimmie und ich stehen Euch beiden bis zum glücklichen Ende bei. Es würde mich nicht überraschen, wenn Du morgen einen Brief von ihr bekämst. Entschuldige das Geschmiere, ich kritzle diese Zeilen in aller Heimlichkeit und habe einen von den Reitknechten bestochen, den Brief nach Addlehead zu bringen.

Immer Dein

Harry Ogilvie.

Dieser Brief richtete Hubert in hohem Maße auf. Es war klar, daß sowohl er als auch Kitty die Opfer einer gemeinen Verschwörung gewesen waren, in die ohne Zweifel ihr Vater in seiner finanziellen Bedrängnis eingewilligt hatte, aber es war gleichfalls klar, daß ihr Herz ihm immer und immer treu geblieben war. Sie war ratlos, als sie von seiner Treulosigkeit überzeugt wurde; da hatte die Verzweiflung sie überwältigt. Es war leicht gesagt, sie hätte sich nicht so leicht überreden lassen sollen, aber soviel war doch klar, man hatte sie dahin gebracht, ihn eines niedrigen und feigen Treubruchs schuldig zu glauben. Und ist es nicht gerade das geistig hochstehende und ungestüme Weib, das, wenn es sich für verschmäht hält, blindlings in plumpe und handgreifliche Menschenfallen gerät und sich den Rest ihres Lebens über wundert, wie sie da hineinkam?

Es ist eine ekelhafte, häßliche Geschichte, dachte er, und wie ich mit dem alten Schurken fertig werde, das weiß ich noch nicht. Aber wir werden schon sehen. Und nun auf zum Turnier mit meinem alten Herrn! Und er rief eine Droschke an und fuhr nach Albert Mansions.

Sein Vater war ausgegangen; er würde erst zwischen neun und zehn abends nach Hause kommen, sagte der Diener.

Sagen Sie ihm, ich wolle ihn dann sprechen, sagte Hubert. Ich bin sein Sohn; geben Sie ihm meine Karte.

Der Diener nahm die Karte und sah den jungen Riesen voll Verwunderung an.

Sehr wohl, Herr, antwortete er.

Als Hubert zwei Stunden später wieder in den Klub kam, fand er einen Brief von Kitty vor. Noch am selben Abend fuhr er von Paddington mit dem Halbsechsuhr-Zuge nach Addlehead.

Er las und las ihren Brief immer wieder viele Male auf dem Wege. Er war nicht sehr lang.

Teuerster Hubert, schrieb sie, wenn Du nur wüßtest, mit welchem Gefühl der Scham und Demütigung ich diese Zeilen schreibe, so würde sich Dein Herz um Deine Kitty grämen, wie meins sich um Dich grämt, mein armer, schwer gekränkter Junge. Ich habe Gott angefleht, mir das Unrecht zu vergeben, das ich Dir unwissentlich angetan! Ich würde die ganze Welt hingeben, es ungeschehen zu machen. Und wenn Du mir vergeben kannst oder wenigstens einen Versuch dazu machen willst, so komm heut abend zu mir. Ich muß, ich muß Dich sehen, Hubert, sonst werde ich etwas Verzweifeltes tun, denn meine Gedanken sind böse, grausam, todbringend gegen ihn. Komm, komm und versuche wenigstens, mir zu vergeben. Sei an der Treibhaustür um sieben Uhr, wenn die Glocke zum Ankleiden läutet. Ich werde dort sein. Ich lege einen rohen Uebersichtsplan von Haus und Park bei; er wird Dir als Führer dienen. – Mein erster Antrieb war, Dich zu bitten, herzukommen, und Dich kühn Sir John entgegenzustellen; aber ich will Dich erst sehen und von Dir hören, daß Du mir vergeben kannst und willst für das Böse, das ich Dir getan habe.

Deine unglückliche

Kitty.

P. S. Vernichte diesen Brief.

Nun, warum, möchte ich wissen, wünscht sie denn, daß ich diesen Brief vernichten soll? fragte er sich selbst. Doch sie wünscht es, und so tue ich es; aber zuerst will ich von ihrem Plane eine Kopie machen; das wird ihn zugleich meinem Gedächtnisse einprägen.

Das tat er denn auch; dann zerriß er ihren Brief und warf die Stückchen aus dem Fenster.

Das Wetter hatte den ganzen Tag mit Regen gedroht. Nun wehte fast ein Sturm, mit Regen und Hagel, und die Nacht brach pechschwarz herein.

Das Bahnwärterhäuschen von Addlehead flog vorbei, und dann fuhr der Zug langsam in die Station ein.

Eine nasse Nacht, Herr, sagte der Bahnhofsportier, an seinen Hut fassend.

Stimmt. Sind hier Droschken zu haben?

Jawohl, Herr, draußen sicher. Hierher! Droschke!

Danke, sagte Hubert, und die Droschke fuhr ab.

Kennen Sie Windwhistle Hall, Kutscher?

Gewiß; etwa anderthalb Meilen von hier.

Wie lange brauchen wir bis dahin?

Zwanzig Minuten, Herr.

Hubert sah auf seine Uhr. Es war erst ein Viertel nach sechs.

Zu früh, dachte er. Wo kann ich einen Brandy mit Soda bekommen, Kutscher?

Im »Bären«, Herr.

Gut! Fahren Sie mich nach dem »Bären«.

Zehn Minuten schwanden hin, dann trat er aus dem Gasthaus mit dem Gefühl, sich gut für die kommende Zwiesprache gestärkt zu haben.

Nun los! sagte er, und sagen Sie mir Bescheid, wenn wir in der Nähe sind.

Die Droschke flog die Hauptstraße entlang, und bald waren sie draußen auf der offenen Landstraße.

Es war pechdunkel, und hier und da tauchten erleuchtete Fenster wie gelbe Punkte in der herrschenden Finsternis auf. Der Hagel prasselte auf das Wagendach nieder; die nassen Fensterscheiben klapperten in dem wilden Sturmtumult. Fünfzehn Minuten vergingen, da drang ein Streifen von schmutzig-safrangelbem Licht durch schwarze Regentropfen ins Fenster hinein. Hubert sah hinaus und erblickte eine Gruppe von strohgedeckten Hütten und dicht dabei einen Gasthof mit seinem knarrenden Zeichen und einem schwachen Lichtstreifen, der durch die Ausschnitte der Fensterläden fiel.

Halt! rief er.

Die Droschke stand still.

Wie weit, sagte er, ist die Hall von hier?

Von der Landstraße an, Herr, gerade rechts, sind es etwa zehn Minuten bis zum Hause.

Es ist gut, sagte Hubert und stieg aus. Sie warten, bis ich zurückkomme. Lassen Sie sich bringen, was Sie wünschen; ich bleibe nicht lange.

Damit verschwand er in der Dunkelheit. Bald fand er zu seiner Linken eine niedrige Steinmauer, die, wie er annahm, den Park einfaßte – eine Vermutung, die bald durch ein rotes Dämmerlicht, das aus einem Fenster des Hauses kam und unklar die eisernen Riegel der Tore sehen ließ, bestätigt wurde. Ein paar Schritte zurückgehend, sprang er dann über die Mauer und befand sich bald wieder in schwarzer Dunkelheit, in der der eisige Hagel ihm derb ins Gesicht schlug. Einmal entrann er mit knapper Not der Gefahr, in einen Fischteich zu geraten, und er war froh, als das Knirschen des Kieses unter seinen Füßen ihm verriet, daß er sich wieder auf dem Fahrwege befand. Dann tauchte eine zackige Masse allmählich aus der Dunkelheit hervor. Er stolperte einige Stufen hinauf und fand sich auf einer breiten Terrasse, hinter der sich die Hall erstreckte, soweit er sehen konnte; hier und dort glänzten Fenster, ein großer achteckiger Turm war unmittelbar rechts neben ihm, und etwas niedriger ein eigentümliches Glänzen wie von Fischschuppen, das ihm klar die Lage des Gewächshauses anzeigte. Vorsichtig um dasselbe herumschleichend, fand er sich in einer Art von viereckigem Hof mit Pferdeställen, wie es ihm schien. Eine Glocke in irgendeinem Turme über seinem Kopfe schlug sieben. Ein Antwortton wie von einem Gong kam aus dem Innern des Hauses, und in demselben Augenblick fand er auch die Tür des Gewächshauses. Er stand einen Augenblick still; sein Herz schlug ihm wie ein Hammer an die Rippen. Dann tippte er sacht mit seinen Fingern ans Glas. Die Tür öffnete sich, ein Strom warmer Luft schlug ihm von innen entgegen, ein leiser Laut, der ein Schluchzen oder Stöhnen sein konnte, traf sein Ohr, und er fühlte sich von Frauenarmen umschlungen.

Mein Hubert, mein Hubert, mein armer, armer Hubert! flüsterte sie und lag dann ganz still an seiner Brust und ließ sanft ihre Tränen fließen.

Er fühlte ihr Herz stürmisch gegen das seine schlagen und strich ihr übers Haar, wie er so oft in den goldnen Tagen der Vergangenheit getan hatte.

Meine Kitty, meine süße Kitty! sagte er endlich. Was haben wir getan, um das zu verdienen?

Wahrhaftig, sagte sie und machte sich aus seinen Armen los, ich hatte ganz vergessen. Was hast du getan, daß ich dich auffordern mußte, wie ein Dieb in der Nacht hierher zu kommen, um dir Küsse von meinen Lippen zu stehlen – Lippen, die dein waren, die einzig du allein küssen durftest? Du sollst eher fragen, was ich getan habe, was ich in einem Augenblick des Wahnsinns tat – aus Uebereilung, Eifersucht, Aerger – der Himmel mag's wissen! Jetzt kommt es mir wie ein häßlicher Alp vor; aber sie sagten mir, du wärst mir treulos gewesen.

Dir treulos, Kitty?

Ich weiß, ich weiß es jetzt, und ich hätte es damals wissen müssen. Ich hätte die böse Lüge in ihre Kehlen hineinstopfen sollen – und sie wußten ( er wußte es), daß es eine böse Lüge war –, ich hätte sie in ihre Kehlen hineinstopfen sollen! Du falsch! Ach, ich muß wirklich wahnsinnig gewesen sein. Warum trittst du mich nicht mit Füßen? Warum schleuderst du nicht Flüche gegen mich? Warum schlägst, warum tötest du mich nicht? Ich bewundere, daß du es nicht tust, denn ich weiß, daß ich es vollauf verdiene. Kannst du mir je vergeben, Hubert?

Ich habe dir vergeben und ich vergebe dir. Und er zog sie wieder an sein Herz und küßte sie zärtlich. Ich fange jetzt an, zu verstehen. Du bist ein Feuerweib; was man dir über mich vorlog, verletzte dich aufs tiefste, und da verlorst du die Besinnung.

Ja, und ich verzweifelte.

Ganz recht, du verlorst die Besinnung und verzweifeltest, und dann, denke ich mir, hat auch dein Vater –

Natürlich, Hubert, natürlich. Du kennst ihn. Die alte Geschichte. Er wäre bankrott gewesen. So war es; aber auch er hinterging mich. Ich kann ihn nie wieder achten.

Ich fürchte, Kitty, sagte Hubert traurig, wir sind alle beide nicht sehr glücklich in der Wahl unsers Vaters gewesen.

Ein schwerer Seufzer war ihre Erwiderung; dann fuhr sie empor und sagte:

Horch! Was ist das? Schnell! Es kommt jemand.

Und sie führte ihn hinter eine Palmengruppe.

Plötzlich fiel ein Lichtstrahl auf das Glas; Fußtritte kamen heran.

Dann wurde die Türklinke umgedreht, und ein Mann mit einer Laterne trat ein.

Hubert fühlte, daß die Lage lächerlich wurde, aber er hielt den Atem an, während Kittys Atem schnell und hastig ging und sie sich an seinen Arm klammerte.

Es war schließlich bloß der Gärtner, der augenscheinlich eine kleine Arbeit übersehen hatte, die er nun in ein paar Minuten einige Schritte von ihnen entfernt besorgte. Dann hob er seine Laterne auf und ging zur Tür hinaus, die er hinter sich schloß.

Ich würde mich nicht darum kümmern, sagte Kitty, als seine Schritte verhallt waren – vielleicht sollte ich mich jetzt überhaupt nicht mehr darum kümmern –, aber ich hatte meine Gründe, warum ich nicht wünschte, so spät hier mit dir gesehen zu werden.

Hubert ergriff warm ihre Hand.

Du sagst, daß du dich vielleicht jetzt überhaupt um nichts mehr kümmern solltest. Ich dachte daran, Kitty, daß es für uns beide eine schlimme Sache ist, und ich kann nur einen einzigen Ausweg finden.

Und der wäre?

Zu entfliehen.

Mit dir?

Mit mir.

Ach, Hubert, führe mich nicht in Versuchung, tu es nicht.

Warum denn nicht? Dieser Schuft, der alt genug ist, um dein Vater sein zu können –

Nur zu wahr.

Und den du nicht liebst, nicht lieben kannst?

Gott verzeih's mir! Das ist alles wahr.

Er täuschte dich, belog dich, gewann dich durch Betrug.

Wie könnte ich die Wahrheit leugnen?

Du bist mein, Kitty, bist immer mein gewesen. Ich habe nie ein andres Weib geliebt.

Armer, armer Hubert!

Und werde nie ein andres lieben.

Es scheint mir so natürlich, bei dir zu sein, Liebster. Wie könnte es Sünde sein?

Es ist auch keine. Höre mich an, Kitty. Komm mit mir, verachte die Welt. Was tat die Welt uns beiden Gutes? Was für ein moralisches Recht hat dein Gatte an dich? Welch einziges Sympathieband ist oder kann zwischen euch vorhanden sein?

Keins, keins!

Dann komm mit mir und laß all das Elend hinter dir. Morgen reiche ich meinen Abschied ein.

Nein, nein; das darfst du nicht tun. Wie! Du willst um meinetwillen deinen Beruf aufgeben?

Warum nicht? Ich habe noch andre Hilfsquellen. Meine Mutter –

Ihre Hand erfaßte die seine.

Vergib mir noch einmal, Hubert, in meiner Selbstsucht hatte ich sie vergessen.

Ach, das ist schon alles gut, Liebste, sagte er. Es war natürlich ein harter Schlag, aber ich habe ihn überstanden. Solche Sachen passieren wohl jedem jungen Menschen. Nächst dir, Kitty, liebte ich sie am meisten auf der Welt. Jedoch das ist jetzt alles vorbei, aber die liebe Seele sorgte auf eine Art für mich. Es scheint vielleicht eine wunderliche Art, ja, es war in der Tat eine wunderliche Art, aber darauf kommt es wohl nicht an. Auf ihrem Totenbett gab sie mir einen Beutel voll Diamanten. Ich trage ihn jetzt in meiner Brusttasche. Fühle nur hin.

Ich fühlte es schon, sagte sie, aber ich wußte nicht, daß es Diamanten waren. Und sie streckte die Hand aus, fühlte wieder hin und sagte: Oh, wie viele!

Es sind mehr als hundert, sagte er und auch ein prächtiges Halsband darunter, und morgen verkaufe ich alles. Sie müssen uns mehrere tausend Pfund bringen. Mit denen können wir zusammen irgendwo in Amerika oder Südafrika oder wo anders unser Glück versuchen. Wir sind jung, das alte Tier von Baronet ist alt. So werden wir keinesfalls viele Jahre auf die Legalisierung unsrer Liebe zu warten haben, und vielleicht wird er auch so höflich sein, eine Scheidung zu beantragen und –

Sie hielt sich die Ohren zu.

Ach, sagte sie, führ' mich doch nicht weiter in Versuchung.

Sage, daß du's tust, Liebste.

Ich kann's nicht, – nicht jetzt, nicht heut abend, ich muß darüber nachdenken. Dränge mich nicht, nutze jetzt nicht meine Schwäche aus. Ich lasse es dich schon wissen, sicher tue ich das. – Still! Und sie fügte flüsternd hinzu: Da ist jemand!

Leise Fußtritte dicht neben ihnen – das war keine Täuschung – Fußtritte, die für ein paar Augenblicke deutlich zu hören waren, dann ein Krachen wie zerbrochenes Glas, und alles war wieder ruhig.

Was kann das gewesen sein, Hubert? Du mußt nun endlich gehen!

Versprich mir zuerst. Und er hielt sie fest.

Ich will morgen schreiben.

Und wirst »Ja« sagen?

Vielleicht. Ich weiß es nicht. Siehst du nicht, wie erschrocken ich bin? Geh, geh!

Er drückte sie wieder an seine Brust und flüsterte: Gute Nacht! Dann schritt er zur Tür. Sie war verschlossen, und er kehrte um.

Ich sitze hier in einer Falle, sagte er. Der Kerl hat die Tür versperrt und die Schlüssel abgezogen.

Laß mich einen Augenblick nachdenken, sagte sie. Ich hab's; gib mir deine Hand. Und sie führte ihn auf den Zehenspitzen durch ein anstoßendes Zimmer in einen langen dunkeln Durchgang. Geh von hier weiter, flüsterte sie, dann den dritten Gang rechts. Am Ende wirst du eine Tür finden, die auf die Terrasse führt. Gute Nacht! Damit glitt sie geräuschlos hinweg und auf einer Hintertreppe in ihr Zimmer. Sie beachtete nicht, daß ihr bald nachher beim Umkleiden eine Rückfahrkarte erster Klasse nach Paddington auf den Fußboden fiel.

Inzwischen ging Hubert unglücklicherweise den falschen Gang und fand sich nach einigem Umherirren durch kahle Korridore plötzlich in der großen Vorhalle Auge in Auge dem Haushofmeister gegenüber.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte dieser, aber ich kenne Sie durchaus nicht, Herr.

Das gebe ich zu. Aber wie finde ich hier den Ausgang?

Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, zu fragen –

Alles, falls es nicht unverschämt ist. Aber machen Sie's kurz. Ich habe es eilig, um zum Zuge zu kommen.

Nun, Herr, wenn Sie so gut sein möchten, mir zu sagen, was Sie hier vorhaben –.

Ihnen zu sagen, was ich hier vorhabe! Sie scheinen mir eine großmächtige Art von einem Diener zu sein. Gehen Sie zu Lady Selhurst und sagen Sie ihr, daß ihr Juwelier, Herr Berry aus der Bond Street, von einem unverschämten alten Mann, der der Kleidung nach ein Haushofmeister zu sein scheint, angehalten und ausgefragt worden ist. Es wird ihrer Ladyschaft gefallen. Ich will hier am Feuer warten, bis Sie wiederkommen.

Alle Steifheit verschwand plötzlich aus des Haushofmeisters Benehmen.

Natürlich – wenn ich Sie gekannt hätte, Herr – ich bitte Sie demütigst um Verzeihung, aber Sir John ist so peinlich genau in seinen Befehlen, daß ich natürlich, – – diesen Weg, Herr. Bitte.

Damit öffnete er die Vorsaaltür und hielt sie offen, bis Hubert die Terrasse durchschritten hatte und die Treppen hinuntereilend in der gähnenden Finsternis draußen verschwand.

Wer ließ ihn bloß ein? Das begreife ich nicht. Aber es stimmt doch wohl alles, sonst würde er nicht so hochnäsig gewesen sein. Aber zu dieser späten Stunde und noch dazu bei diesem Wetter, das scheint mir denn doch einen Haken zu haben, sagte der Haushofmeister nachdenklich, als er ins Eßzimmer zurückkehrte.

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