Kitabı oku: «Die Phantome des Hutmachers»

Band 66
Georges Simenon
Die Phantome des Hutmachers
Roman
Aus dem Französischen von Juliette Aubert und Mirko Bonné
Kampa
Die Phantome des Hutmachers
1
Es war der 3. Dezember, und immer noch regnete es. Riesig, tiefschwarz, mit einer Art dickem Bauch, hob die Ziffer 3 sich vom grellen Weiß des Kalenders ab, der rechts der Kasse an der dunklen Eichenholztrennwand zwischen Laden und Schaufenster hing. Genau zwanzig Tage waren vergangen – am 13. November nämlich war es passiert, auch da so eine fettleibige 3 auf dem Kalender –, seit bei der Saint-Sauveur-Kirche, nur ein paar Schritte vom Kanal entfernt, die erste alte Frau ermordet worden war.
Ja, es regnete seit dem 13. November. Ohne Unterbrechung regnete es seit zwanzig Tagen, konnte man sagen.
Ein lang anhaltender, platternder Regen war es meistens, und wenn man durch die Stadt rannte, dicht an den Häusern entlang, hörte man in den Dachrinnen das Wasser. Man nahm die Straßen mit Arkadengängen, um wenigstens kurz geschützt zu sein, man zog andere Schuhe an, sobald man zu Hause war. In sämtlichen Hausfluren trockneten nahe dem Ofen Regenmäntel und Hüte, und wer über keine Wechselkleidung verfügte, lebte in einer beständigen klammen Feuchtigkeit.
Schon weit vor vier wurde es dunkel, und in manchen Fenstern war von früh bis spät das Licht an.
Es war vier, als wie jeden Nachmittag Monsieur Labbé aus dem Hinterzimmer seines Geschäfts getreten war, wo hölzerne Köpfe in allen Größen in den Regalen standen. Er war die Wendeltreppe hinaufgestiegen, die ganz hinten in der Hutmacherei nach oben führte. Auf dem Treppenabsatz hatte er kurz innegehalten, einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und die Tür des Schlafzimmers aufgeschlossen, um sogleich Licht darin anzumachen.
Ehe er den Schalter umgedreht hatte, war er da bis zum Fenster gegangen, an dem die dicken, verstaubten Spitzenvorhänge immer zugezogen waren? Wahrscheinlich, denn bevor er Licht machte, ließ er für gewöhnlich das Rollo herunter. In diesem Moment hatte er drüben, nur ein paar Meter weiter, Kachoudas, den Schneider, in dessen Atelier sehen können. Es war so nah, zwischen ihnen der Straßengraben so schmal, dass es einem vorkam, als wohnte man im selben Haus.
Kachoudas’ Atelier lag im ersten Stock über seinem Laden und hatte keine Vorhänge. Die kleinsten Details des Zimmers zeichneten sich ab wie auf einem Kupferstich – die Blumen der Tapete, der Fliegendreck auf dem Spiegel, das flache und fettige Kreidestück, das an einer Schnur hing, die an einer Wand befestigten Schnittmuster aus braunem Papier, und Kachoudas, der auf seinem Tisch saß, im Schneidersitz, in Reichweite eine schirmlose Glühbirne, die er mithilfe eines Stücks Draht zu sich heranzog. Die Tür im Hintergrund, die in die Küche führte, stand immer etwas offen, wenn auch meistens nicht so weit, dass man das Innere des Zimmers hätte sehen können. Die Anwesenheit von Madame Kachoudas erriet man trotzdem, denn ab und zu bewegten sich die Lippen ihres Ehemannes. Während der Arbeit redeten sie miteinander, von Zimmer zu Zimmer.
Geredet hatte Monsieur Labbé auch. Valentin, sein Gehilfe, der sich im Laden aufhielt, hatte über seinem Kopf Schritte und Stimmengemurmel gehört. Daraufhin hatte er den Hutmacher wieder nach unten kommen sehen, erst die elegant beschuhten Füße, die Hose, das Jackett, schließlich das ein bisschen schlaffe, stets ernste, nie aber übertrieben strenge Gesicht, das Gesicht eines Mannes, der sich selbst genügt, der nicht das Bedürfnis empfindet, sein Innenleben nach außen zu kehren.
Bevor er an diesem Tag aus dem Haus ging, hatte Monsieur Labbé noch zwei Hüte über Dampf in Form gezogen, darunter den grauen Hut des Bürgermeisters, und in dieser Zeit war auf der Straße der Regen zu hören gewesen, das Wasser, wie es das Fallrohr hinunterbrauste, und im Laden das sachte Gezischel des Gasofens.
Immer war es dort zu warm. Kaum dass Valentin, der Gehilfe, morgens kam, stieg ihm das Blut in den Kopf, und nachmittags, da wurde ihm der Kopf schwer; mitunter sah er dann seine wie vor Fieber blitzenden Augen in den zwischen den Regalen befestigten Spiegeln.
Monsieur Labbé redete nicht mehr als an den anderen Tagen. Er konnte Stunden mit seinem Angestellten verbringen, ohne etwas zu sagen.
Sonst hörte man rings um sie her nur das Geräusch des Uhrpendels und jede Viertelstunde ein Klicken. Zu vollen und halben Stunden wurde der Mechanismus zwar ausgelöst, blieb jedoch nach einer vergeblichen Anstrengung abrupt stehen – die Uhr hatte vermutlich noch immer ein Schlagwerk, das aber kaputtgegangen war.
Wenn der kleine Schneider auch nicht in das Zimmer im ersten Stock sehen konnte – am Tag wegen der Vorhänge, am Abend wegen des Rollos –, so brauchte er sich doch nur vorzubeugen, um einen Blick in das Hutgeschäft zu werfen.
Natürlich lugte er herüber. Monsieur Labbé gab sich zwar keine Mühe, es nachzuprüfen, trotzdem wusste er es. Darum änderte er auch nichts an seinem Zeitplan. Seine Bewegungen blieben bedächtig, akribisch. Er hatte sehr schöne, etwas speckige Hände, die ganz erstaunlich weiß waren.
Fünf Minuten vor fünf war er aus dem Zimmer hinter dem Laden gekommen, das man »die Werkstatt« nannte, wo er erst die Lampe ausgemacht und daraufhin eine seiner ritualisierten Phrasen von sich gegeben hatte:
»Werde mal nachsehen, ob Madame Labbé nicht etwas braucht.«
Von Neuem war er die Wendeltreppe hinaufgestiegen. Valentin hatte seine Schritte über sich gehört, ein gedämpftes Stimmengemurmel, dann wieder die Füße gesehen, die Beine, den ganzen Körper.
Hinten hatte Monsieur Labbé die Tür zur Küche aufgemacht und zu Louise gesagt:
»Werde früh nach Haus kommen. Valentin schließt den Laden ab.«
Dieselben Worte sagte er jeden Tag, und das Hausmädchen antwortete:
»Ist gut, Monsieur.«
Während er seinen dicken schwarzen Mantel überzog, sagte er noch einmal, jetzt zu Valentin, auch wenn der es sehr wohl gehört hatte:
»Sie schließen den Laden ab.«
»Ja, Monsieur. Guten Abend, Monsieur.«
»Guten Abend, Valentin.«
Er nahm das Geld aus der Kassenschublade und wartete noch etwas ab, indem er die Fenster gegenüber nicht aus den Augen ließ. Kein Zweifel, Kachoudas war erst vor Kurzem von seinem Tisch geklettert, in dem Moment nämlich, als er Labbés Schatten über das Rollo im ersten Stock hatte huschen sehen.
Was sagte er zu seiner Frau? Denn er sagte etwas zu ihr. Er brauchte eine Ausrede. Sie fragte ihn nichts. Nie hätte sie sich erlaubt, ihm gegenüber eine Bemerkung zu machen. Schon seit Jahren, ungefähr seit er sich selbstständig gemacht hatte, ging er nachmittags gegen fünf im Café des Colonnes ein oder zwei Gläser Weißwein trinken. Auch Monsieur Labbé ging dorthin, und noch andere, die sich nicht mit Weißwein und auch nicht mit nur zwei Gläsern zufriedengaben. Für die meisten ging dort der Tag zu Ende. Kachoudas dagegen aß, sobald er heimgekommen war, rasch einen Happen inmitten seiner Rasselbande und kletterte daraufhin von Neuem auf seinen Tisch, auf dem er oft bis elf oder Mitternacht saß und arbeitete.
»Ich werd ein bissel an die frische Luft gehen.«
Er hatte große Angst, Monsieur Labbé zu verpassen. Der hatte das begriffen. So war es zwar nicht schon seit der ersten ermordeten alten Frau, aber seit der dritten, also seit die Stadt ernstlich durchzudrehen begann.
Die Rue du Minage war zu dieser Stunde fast immer menschenleer, zumal wenn es so in Strömen regnete. Ja sie war sogar noch leerer, seit es jede Menge Leute vermieden, nach Einbruch der Dunkelheit noch aus dem Haus zu gehen. Die Geschäftsleute, die als Erste unter der Panik zu leiden gehabt hatten, waren auch die Ersten gewesen, die Patrouillen organisierten. War es diesen jedoch gelungen, Madame Geoffroy-Lamberts Tod zu verhindern oder den von Madame Léonide Proux, der Hebamme aus Fétilly?
Der kleine Schneider hatte Angst, Monsieur Labbé aber bereitete es ein boshaftes Vergnügen, auf ihn zu warten, auch wenn nichts danach aussah – war das nicht ein teuflisches Vergnügen?
Er öffnete schließlich die Eingangstür und ließ dadurch deren Glöckchen ertönen. Er schlüpfte unter dem riesigen Zylinderhut aus rotem Blech hindurch, der ihm als Ladenschild diente, schlug den Mantelkragen hoch, versenkte die Hände in die Taschen. An Kachoudas’ Tür gab es ebenfalls eine Glocke, und schon nach wenigen Schritten auf dem Trottoir war sich Monsieur Labbé sicher, sie zu hören.
Es war eine Straße mit Arkadengängen, so wie die meisten alten Straßen von La Rochelle. Es regnete also nicht auf die Trottoirs. Sie waren wie kalte, feuchte Tunnel, wo es nur ab und an Licht gab, mit Toreinfahrten, die in die Dunkelheit führten.
Auf dem Weg zur Place d’Armes richtete Kachoudas sein Schritttempo nach dem des Hutmachers, hatte aber trotz allem eine solche Angst vor einem Hinterhalt, dass er lieber mitten auf der Straße und durch den Regen lief.
Bis zur Ecke begegneten sie niemandem. Dann kamen die Schaufenster der Parfümerie, der Apotheke, des Hemdengeschäfts und schließlich die breiten Glasfenster des Cafés. Jeantet, der junge Journalist, mit seinen langen Haaren, seinem hageren Gesicht, seinen glühenden Augen war auf seinem Posten, am ersten Tisch, dicht beim Fenster, gerade dabei, vor einer Tasse Kaffee seinen Artikel zu schreiben.
Monsieur Labbé lächelte nicht, schien ihn überhaupt nicht zu sehen. Er hörte die Schritte des kleinen Schneiders, wie sie näher kamen. Er drehte den Türknauf, betrat die wohlige Wärme, ging ohne Zögern hinüber zu den mittleren Tischen nah am Ofen zwischen den Säulen und blieb stehen hinter den Kartenspielern, während der Kellner, Gabriel, ihm den Mantel und den Hut abnahm.
»Wie geht es dir, Léon?«
»Nicht übel.«
Sie kannten einander schon zu lange – zumeist seit der Schule –, um noch Lust zu haben, miteinander zu reden. Diejenigen, die Karten in der Hand hielten, machten ein kleines Zeichen oder berührten mechanisch die Hand des Neuankömmlings. Gabriel fragte aus reiner Gewohnheit:
»Wie immer?«
Und mit einem behaglichen Seufzer nahm der Hutmacher hinter einem der Bridge-Spieler Platz, Doktor Chantreau, den er Paul nannte. Mit nur einem Blick hatte er gesehen, wie die Partie stand. Sie dauerte schon seit Jahren und Jahren, hätte man meinen können, weil sie jeden Tag zur gleichen Stunde am gleichen Tisch mit den gleichen Getränken vor den gleichen Spielern mit den gleichen Pfeifen und den gleichen Zigarren fortgesetzt wurde.
Die Zentralheizung war wohl nicht kräftig genug, da Oscar, der Wirt, den großen, schönen, leuchtend schwarzen Ofen behalten hatte, dem Monsieur Labbé die Beine entgegenstreckte, um seine Schuhe und Hosenumschläge zu trocknen. Der kleine Schneider war mittlerweile hereingekommen, war ebenso zu den mittleren Tischen gegangen, wenn auch nicht mit der gleichen Sicherheit, hatte respektvoll gegrüßt, ohne dass ihm jemand geantwortet hätte, und auf einem Stuhl Platz genommen.
Er gehörte nicht dazu. Weder war er auf denselben Schulen noch in denselben Kasernen gewesen. Zu der Zeit, als die Kartenspieler einander bereits geduzt hatten, lebte er noch Gott weiß wo im Nahen Osten, wo Leute von seiner Sorte wie Vieh umhertransportiert wurden, von Armenien nach Smyrna, von Smyrna nach Syrien, nach Griechenland oder sonstwo.
Vor ein paar Jahren hatte er anfangs noch ein Stück abseits Platz genommen, um seinen Weißwein zu trinken, und folgte dem Spiel, das ihm wahrscheinlich völlig fremd war, derart aufmerksam, dass seine Stirn sich in Falten legte. Unmerklich war er von da an näher gekommen, indem er zunächst den Stuhl heranschob, dann einfach den Sitzplatz und schließlich den Tisch wechselte, um sich direkt hinter den Spielern wiederzufinden.
Keiner redete von den alten Frauen, so wenig wie von dem Grauen, das in der Stadt herrschte. Man diskutierte womöglich an anderen Tischen darüber, nicht aber an diesem. Laude, der Senator, nahm die Pfeife vom Mund, um zu fragen, indem er sich kaum merklich zu dem Hutmacher wandte:
»Deine Frau?«
»Immer dasselbe.«
Eine Angewohnheit, die die Leute schon seit fünfzehn Jahren hatten. Gabriel hatte ihm seinen Grenadine-Picon gebracht, dunkel mahagonibraun war er, und er trank einen Schluck davon, langsam, während er einen Blick auf den jungen Jeantet warf, der dabei war, seinen Artikel für den Echo des Charentes zusammenzuschmieren. Eine Pendeluhr mit in Kupfer eingefasstem Zifferblatt hing zwischen dem eigentlichen Café und dem hinteren Teil, in dem in einer Reihe die Billardtische standen. Sie zeigte Viertel nach fünf, als Julien Lambert, ein Versicherungsmensch, der wie üblich verlor, den Hutmacher fragte:
»Machst du für mich weiter?«
»Heut Abend nicht.«
Was nichts Außergewöhnliches war. Sie waren sechs oder sieben, die mal die Karten in der Hand hielten, mal hinter den Spielern saßen. Einzig Kachoudas wurde nie gefragt, ob er mitspielen wolle, und wahrscheinlich war er auch gar nicht erpicht darauf.
Er war klein, schwächlich. Er roch schlecht, und er wusste das – er wusste es so gut, dass er es vermied, den anderen zu nahe zu kommen. Es war ein Geruch, der bloß ihm anhaftete und seinen Angehörigen und den man den Kachoudasgeruch hätte nennen können, eine Mischung aus dem Knoblauch in ihrer Küche und dem Wollfett der Stoffe. Hier sagte man nichts, höflich tat man, als bemerke man es nicht, in der Schule aber protestierten die nicht so diskreten Mädchen, wenn sie neben die Kachoudaskinder gesetzt wurden.
»Du stinkst! Deine Schwester stinkt! Ihr stinkt alle!«
Er rauchte eine der wenigen Zigaretten des Tages, denn während der Arbeit konnte er nicht rauchen, ohne Gefahr zu laufen, dabei Kleidung von Kunden zu versengen. Er drehte sich seine Zigaretten selbst, und immer war da ein Ende ganz dunkel von Spucke.
Es war der 3. Dezember. Es war Viertel nach fünf. Es regnete. Die Straßen waren schwarz. Es war warm im Café, und Monsieur Labbé, der Hutmacher aus der Rue du Minage, verfolgte, wie der Doktor spielte, der eben fünf Treff angesagt hatte, was der Versicherungsfritze unklugerweise gerade kontrierte.
Morgen früh würde man aus der Zeitung erfahren, was Jeantet soeben über die ermordeten alten Frauen schrieb, denn mit vollem Einsatz führte der eine Untersuchung und hatte sogar eine Art Kampfansage an die Polizei losgelassen. Sein Chef, Jérôme Caillé, der Druckereibesitzer, der bei dem Blatt das Sagen hatte, spielte seelenruhig Bridge, ohne sich um den jungen Hitzkopf zu kümmern, dessen Artikel er überfliegen würde, sobald er nach Haus kam.
Chantreau war dabei, die Trümpfe zu ziehen, und riskierte den entscheidenden Impass, als Monsieur Labbé sich nicht mal umzudrehen brauchte, um zu sehen, wie Kachoudas halb aufstand, ohne dabei völlig den Kontakt zu seinem Stuhl zu verlieren, sich ihm entgegenbückte und den Arm ausstreckte, wie um etwas aufzuheben, das in den Sägespänen auf dem Fußboden lag.
Aber es war die Hose des Hutmachers, auf die er es abgesehen hatte. Sein Schneiderauge hatte am Aufschlag einen kleinen weißen Fleck bemerkt. Bestimmt hatte er gemeint, da sei ein Faden. Böse Absichten hatte er sicher keine. Hätte er aber welche gehabt, die Tragweite seiner Geste hätte er nicht abzuschätzen vermocht.
Auch nicht Monsieur Labbé, der ihn machen ließ, leicht überrascht, jedoch nicht im Geringsten beunruhigt.
»’tschuldigen Sie.«
Kachoudas griff nach dem weißen Etwas, das kein Faden, sondern ein winziger Schnipsel Papier war, kaum einen halben Zentimeter groß, leichtes und raues Papier, wie Zeitungspapier.
Niemand in dem Café schenkte dem, was da vor sich ging, die mindeste Beachtung. Kachoudas hielt den Rand des Schnipselchens zwischen Daumen und Zeigefinger. Reiner Zufall, dass er im Vornüberbeugen, den Kopf gesenkt, mit der Unterseite des Hinterns gerade noch auf dem Stuhl, einen Blick darauf geworfen hatte. Nein, ein x-beliebiger Zeitungsfitzel war das nicht. Mit einer Schere sorgfältig ausgeschnitten worden war er. Genauer gesagt hatte jemand am Ende eines Wortes zwei Buchstaben ausgeschnitten, ein n und ein t.
Monsieur Labbé blickte hinunter, woraufhin sich der kleine Schneider, von Panik ergriffen, schlagartig nicht mehr rührte, schließlich aber den Kopf hob, den Oberkörper aufrichtete und es vermied, dem Hutmacher in die Augen zu sehen, als er ihm stammelnd den klitzekleinen Gegenstand hinhielt:
»Verzeih’n Sie bitte.«
Anstatt den Papierschnipsel wegzuwerfen, gab er ihn zurück – was ein Fehler war, gestand er damit doch ein, dessen Bedeutung begriffen zu haben. Weil er schüchtern und quasi von Natur aus demütig war, beging er noch einen zweiten Fehler, indem er einen Satz begann, den zu beenden er nicht den Mut hatte:
»Ich hatte angenomm…«
In einem Nebel aus Lichtern sah er nichts anderes als Stühle, Rücken, Tuch, Sägespäne auf dem Fußboden, die schwarzen Füße des Ofens, und er hörte eine tiefe und ruhige Stimme, die sagte:
»Danke, Kachoudas.«
Denn sie unterhielten sich. Jeden Morgen um acht traten der Hutmacher und der Schneider vor ihre Häuser, um die Holzplatten wegzunehmen, die ihnen an ihren Geschäften als Fensterläden dienten. Die Metzgerei neben Kachoudas hatte schon lange geöffnet. Samstags versperrten die Bäuerinnen der Gegend, die Gemüse oder Geflügel verkauften, mit ihren Körben die Straße, an den übrigen Tagen aber trennten die beiden Männer nur die Pflastersteine und sagte Kouchadas schon aus Gewohnheit:
»Guten Morgen, Monsieur Labbé.«
Je nach Himmel fügte er hinzu:
»Schönes Wetter heute.«
Oder aber:
»Immer Regen.«
Und der Hutmacher erwiderte gutmütig:
»Guten Morgen, Kachoudas.«
Das war alles. Sie waren zwei Ladenbesitzer mit einander gegenüberliegenden Geschäften. Soeben aber hatte Monsieur Labbé Silbe für Silbe betonend gesagt:
»Danke, Kachoudas.«
Und zwar mit ungefähr der gleichen Stimme. Womöglich war es sogar genau die gleiche Stimme, und das trotz der fürchterlichen Entdeckung, die der kleine Schneider da gerade gemacht hatte. Kachoudas hätte sein Glas am liebsten in einem Zug geleert. Das Glas klackerte gegen seine Zähne. Er versuchte, sehr schnell zu denken, richtig zu denken, doch je mehr er sich anstrengte, umso mehr gerieten seine Gedanken durcheinander.
Vor allem aber durfte er den Kopf nicht nach rechts drehen. Das hatte er gleich im ersten Moment beschlossen.
An dem mittleren Tisch, dem des Senators, des Druckers, des Arztes, des Hutmachers, saßen Männer um die sechzig bis fünfundsechzig, die im Grunde die wichtigsten waren, an den anderen Tischen dagegen saßen andere Spieler, ja, und hauptsächlich rechts die Belote-Spieler, die die Generation der Männer zwischen vierzig und fünfzig repräsentierten. Und dort an diesem Tisch konnte man so gut wie immer zwischen fünf und sechs Uhr Sonderkommissar Pigeac sehen, ihn, den man betraut hatte, die Sache mit den alten Frauen zu untersuchen.
Kachoudas musste um jeden Preis vermeiden, in seine Richtung zu blicken. Er durfte sich aber ebenso wenig zu dem jungen Reporter umdrehen, der immer noch schrieb. War Jeantet nicht zweifellos einmal mehr damit beschäftigt, auf eine der Botschaften des Mörders zu antworten?
Binnen zwanzig Tagen war dies zu einer festen Gewohnheit geworden, fast einer Tradition. Nach jedem Mord erhielt die Zeitung einen Brief, für den Buchstaben, häufig ganze Wörter ausgeschnitten worden waren aus älteren Ausgaben des Echo des Charentes – wo dieser daraufhin abgedruckt wurde, gefolgt von einem Kommentar des jungen Jeantet. Am nächsten oder übernächsten Tag antwortete dann wiederum der Mörder, immer mithilfe von ausgeschnittenen und auf ein weißes Blatt geklebten Papierschnipseln.
Und gerade am Tag zuvor hatte die Botschaft einen Satz beinhaltet, der den kleinen Schneider auf der Stelle erstarren ließ:
Sie täuschen sich, junger Mann. Ich bin kein Feigling. Nicht weil ich feige wäre, halte ich mich an alte Frauen, sondern weil ich dazu gezwungen bin. Sollte ich morgen ebenso gezwungen sein, einen Mann anzugreifen, und sei er noch so groß und kräftig, so werde ich das tun.
Manche Briefe waren eine halbe Spalte lang und bestanden aus Hunderten von geduldig ausgeschnittenen Buchstaben, weshalb Jeantet geschrieben hatte:
Der Mörder geht nicht nur geduldig und akribisch vor, seine Lebensweise lässt ihm zudem viel Freizeit.
Der Journalist, er war neunzehn, geduldig auch er, hatte ein Experiment gemacht. Er hatte ausgerechnet, wie viel Zeit man benötigte, um mithilfe von aus alten Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben einen dreißig Zeilen langen Brief zu verfassen. Kachoudas erinnerte sich nicht mehr an das genaue Ergebnis, doch war es ungeheuer.
Sollte ich morgen ebenso gezwungen sein, einen Mann anzugreifen … Der eine rauchte in kleinen Zügen seine Pfeife und sah zu, wie Karten gespielt wurde, der andere hatte einen schmuddeligen Zigarettenstummel an der Lippe kleben und traute sich nirgends hinzugucken. Ab und zu warf Monsieur Labbé einen Blick auf die Uhr, und schon um fünf Uhr fünfundzwanzig bestellte er seinen zweiten Picon. Es war halb sechs, als er aufstand – was genügte, damit Gabriel mit seinem Mantel und seinem Hut gelaufen kam.
Musterte er Kachoudas wirklich mit ironischem Wohlwollen? Eine Rauchschwade über den Köpfen der Spieler wurde länger und länger. Der Ofen sorgte für Hitzewallungen. Man hätte meinen können, Monsieur Labbé würde warten, würde genau erraten, was der kleine Schneider dachte.
»Wenn ich ihn allein gehen lasse, kann er sich irgendwo in einer dunklen Ecke in der Rue du Minage auf die Lauer legen …«
Und wenn Kachoudas auf der Stelle reden würde, egal mit wem, mit dem Kommissar oder sogar dem Journalisten? Wenn er alles erzählte, mit ausgestrecktem Zeigerfinger: »Er ist es!«
Der Papierschnipsel war verschwunden. Vergeblich suchte Kachoudas ihn mit Blicken. Ihm fiel wieder ein, dass der Hutmacher ihn zwischen den Fingern zerknüllt, in eine gräuliche Pille verwandelt hatte. Und selbst wenn die beiden ausgeschnittenen Buchstaben auf den Boden gefallen wären – wie beweisen, dass er sie aufgelesen hatte auf der Hose von Monsieur Labbé?
Nicht mal das würde ausreichen. Das stand dermaßen außer Frage, dass Monsieur Labbé nicht mit der Wimper gezuckt, nicht die geringste Angst gehabt, einfach nur gesagt hatte:
»Danke, Kachoudas.«
Auf dem Spiel standen zwanzigtausend Franc, ein Vermögen für einen kleinen Schneider, dem kaum etwas anvertraut wurde außer Ausbesserungen oder Anzügen zum Wenden und dessen älteste Tochter als Verkäuferin bei Prisunic arbeitete.
Um sich die zwanzigtausend Franc zu verdienen, konnte man nicht mir nichts, dir nichts eine Anschuldigung in die Welt setzen. Man hätte den Mörder nicht vorwarnen sollen.
Jetzt wusste es Monsieur Labbé. Und Monsieur Labbé, der seit dem 13. November – das heißt binnen zwanzig Tagen – fünf alte Frauen umgebracht hatte, würde sich seiner leicht entledigen können.
Hatte Kachoudas Zeit, all das zu bedenken? Der Hutmacher berührte die Fingerspitzen von jedem seiner Freunde. Man sagte zu ihm:
»Guten Abend, Léon.«
Denn er hieß ja Léon. Er klopfte dem Doktor, der beim Kartengeben war und keine Hand frei hatte, auf die Schulter, worauf der Doktor grummelte:
»Gute Besserung für Mathilde.«
Man hätte schwören können, dass er absichtlich langsam machte, um Kachoudas Zeit für eine Entscheidung zu geben. Sein Gesicht war dasselbe wie vorhin, als Valentin ihn die Wendeltreppe hatte herunterkommen sehen. Früher war er mal dick gewesen, vielleicht sogar fett, hatte aber mächtig abgenommen, was man an seinen weichen Linien, an seinen schlaffen Zügen merkte. Nach wie vor wog er bestimmt doppelt so viel wie Kachoudas.
»Bis morgen.«
Der Zeiger hatte gerade das halbe Zifferblatt durchschritten, da fiel die Tür ins Schloss und griff sich Kachoudas vom Nachbarstuhl seinen Mantel. Um ein Haar wäre er ohne zu zahlen gegangen, so sehr hatte er Angst, Monsieur Labbé könnte um die Ecke in die Rue du Minage gebogen sein, ehe er selber draußen war. Dann nämlich wären alle Fallen möglich. Allerdings nach Haus musste er ja schließlich.
Monsieur Labbé ging mit seinen gleichmäßigen Schritten, weder langsam noch schnell, und zum ersten Mal fiel dem kleinen Schneider auf, dass er extrem leichtfüßig war, wie die meisten Dicken oder früher mal Dicken, und dass er beim Gehen keine Geräusche machte.
Er bog nach rechts in die Rue du Minage. Kachoudas folgte ihm in ungefähr zwanzig Metern Abstand, indem er achtgab, in der Mitte der Straße zu bleiben. Im Notfall bliebe ihm immer noch Zeit zu schreien. Zwei, drei Geschäfte, deren Beleuchtung man durch den Regen sah, hatten noch geöffnet; in fast sämtlichen Wohnungen war in den oberen Etagen Licht an.
Monsieur Labbé ging auf dem linken Trottoir, dem der Hutmacherei, aber anstatt dort anzuhalten, setzte er seinen Weg fort und wandte, als er ein bisschen weitergegangen war, den Kopf, vielleicht um sicherzugehen, dass sein Nachbar ihm weiterhin folgte – was im Übrigen überflüssig war, da man ja Kachoudas’ Schritte auf dem Pflaster hörte.
Der kleine Schneider hätte zu sich nach Haus gehen können. Der Weg war frei. Sein Laden war noch geöffnet, und er hätte sogar Zeit gehabt, rasch den Riegel vorzuschieben. Durch das Fenster im ersten Stock sah er das Stück Kreide, das neben der Glühbirne über dem Tisch baumelte. Die Kleinen waren aus der Schule zurück. Esther, die Älteste, die von Prisunic, würde um kurz nach sechs nach Haus kommen, und zwar im Laufschritt, weil auch sie Angst vor dem Mörder hatte und keine ihrer Kolleginnen im Viertel wohnte.
Er ging weiter. Er bog nach links, wie Monsieur Labbé, sodass sie sich einen Moment lang beide in einer etwas helleren Straße befanden. Es war beruhigend, Leute in den Geschäften und hin und wieder ein Auto vorbeikommen zu sehen, das klatschend durch die Wasserpfützen fuhr.
Es gab keine Arkaden mehr, und so regnete es jetzt ungehindert auf Monsieur Labbés Schultern. Die Straße wurde wieder dunkel. Mal verschwand der Hutmacher, und mal tauchte er im Lichtkreis einer Laterne wieder auf, während Kachoudas genau in der Straßenmitte blieb, starr vor Schrecken die Luft anhielt und trotzdem außerstande war umzudrehen.
Wie viele Freiwilligenpatrouillen gab es zu dieser Stunde in der Stadt? Wohl vier oder fünf, ja sogar junge Leute mit Taschenlampen, die das Ganze lustig fanden. Es war die berüchtigte Zeit. Drei der alten Frauen waren zwischen halb sechs und sieben Uhr abends ermordet worden.
Nacheinander erreichten sie das ruhige Museumsviertel mit dessen einstöckigen Häuschen, wo man hier und da hinter Fensterscheiben Familien versammelt sah, Kinder, die ihre Hausaufgaben machten, Frauen, die schon den Tisch fürs Abendessen deckten.
Unvermittelt verschwand Monsieur Labbé im Dunkeln, worauf Kachoudas, als würde er etwas Wesentliches vermissen, nach einigen Schritten innehielt: Aufgrund der auf der Straße herrschenden Finsternis war es ihm unmöglich, seinen Nachbarn auszumachen. Stand er vielleicht in irgendeiner Nische? Oder bewegte er sich womöglich doch? War er nicht in der Lage, völlig geräuschlos von hier nach da zu gelangen? Nichts deutete darauf hin, dass er sich dem kleinen Schneider näherte, und doch blieb der erstarrt stehen, wie von Eiseskälte durchdrungen.
Nicht weit von ihm hörte er Klaviertöne. Ein schwacher Lichtschein sickerte durch die Jalousien eines Hauses. Ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge bekam in einem hell erleuchteten Zimmer Musikunterricht und spielte unermüdlich dieselben Tonleitern.
Kein menschliches Wesen bog in die Straße, weder an dem einen noch am anderen Ende, und Monsieur Labbé hielt sich weiterhin irgendwo verborgen, geräuschlos, unsichtbar, während sich Kachoudas den Häusern nicht zu nähern wagte.
Das Klavier verstummte, und es herrschte vollkommene Stille. Dann der dumpfe Laut des Deckels, der zurück auf die weißen und schwarzen Tasten klappte. Licht hinter einer Tür, gedämpfte Stimmen, durchdringender, sobald zwanzig Meter weg von dem kleinen Schneider die Tür aufging, indessen die Regentropfen sich in Funken verwandelten.
»Wollen Sie da wirklich raus, Mademoiselle Mollard? Es wäre doch viel sicherer, Sie warten, bis mein Mann aus dem Büro kommt. Er muss in fünf Minuten hier sein.«
»Für die fünfzig Schritte bis zu mir! Gehen Sie schnell wieder rein! Erkälten Sie sich nicht. Bis nächsten Freitag.«
Es war ein Freitag. War es nicht so, dass das kleine Mädchen (oder der kleine Junge) jeden Freitag zwischen fünf und sechs Uhr Klavierunterricht bekam?
»Ich lasse meine Tür auf, bis Sie zu Hause sind.«
»Das kommt gar nicht infrage! Damit das ganze Haus auskühlt! Wo ich Ihnen doch sage, dass ich keine Angst habe.«
Anhand ihrer Stimme stellte Kachoudas sie sich klein vor und dürr, ein bissel runtergekommen, ein bissel gekünstelt. Er hörte sie die Stufen hinabgehen, das Trottoir betreten. Die Tür, für einen Moment noch offen, ging schließlich zu. Er hörte sich schon schreien. Er wollte schreien. Aber es war schon zu spät. Außerdem wäre er körperlich dazu gar nicht in der Lage gewesen.
Es machte kein lauteres Geräusch als, zum Beispiel, in einem Hochwald ein auffliegender Fasan. Wahrscheinlich Geraschel der Kleidung. Jeder in der Stadt wusste, wie es passierte, unwillkürlich fuhr sich Kachoudas mit der Hand an die Gurgel, stellte sich die Cellosaite vor, die den Hals einschnürte, und mühte sich dann, seine Erstarrung abzuschütteln.
Er war sich sicher, dass es vorbei war, dass er sich schleunigst davonmachen, sofort eine Polizeiwache aufsuchen musste. Es gab eine in der Rue Saint-Yon, gleich hinter dem Markt.
Er glaubte, vor sich hin gebrabbelt zu haben, dabei hatte er lautlos bloß die Lippen bewegt. Er ging. Es war ein Triumph. Noch schaffte er es nicht, zu rennen. Aber war es nicht sogar besser, hier nicht zu rennen, in den Straßen, wo der andere genauso rennen, ihn einholen, ihn fertigmachen konnte, so wie er gerade das alte Fräulein fertiggemacht hatte?
Ein Schaufenster. Es war, wie aus Ironie, das eines Waffenhändlers. Der Hutmacher bediente sich ja zu keiner Zeit einer Waffe. Kachoudas kam sich nicht mehr so allein vor. Er konnte wieder Luft holen. Er hätte sich gerne umgedreht. Noch zwanzig Meter, zehn Meter, und schon würde er es sehen, das rote Licht der Polizeiwache.
Er war durch die Pfützen gepatscht, weshalb seine Füße nass und seine Gesichtszüge verhärtet waren von der Kälte. Er ging wieder wie ein normaler Mensch, ging vorbei an der Rue du Minage, seiner Straße.
Er war beinahe am Ziel. Er hörte kein Geräusch von Schritten, aber er wusste trotzdem, dass jemand hinter ihm ging, ihn einholte, immer noch traute er sich nicht, zu rennen, auch nicht, stehen zu bleiben, als eine größere und breitere Silhouette als die seine links von ihm Gestalt annahm, Schritte sich den seinen anpassten, eine Stimme seltsam ruhig sagte:
»Sie würden einen Fehler begehen, Kachoudas.«
Er blickte nicht auf zu seinem Nebenmann. Er erwiderte nichts. Er kehrte nicht sofort um.
Er war allein. Er sah die rote Laterne, einen Polizisten, der aus der Wache kam und auf sein Fahrrad stieg.
Er drehte sich um. Ohne sich weiter mit ihm abzugeben, hatte Monsieur Labbé kehrtgemacht und begab sich, Hände in den Taschen, Mantelkragen hochgeschlagen, zur Rue du Minage, zur Straße, in der sie beide wohnten.
2
Als er ankam vor seinen Fensterläden, die Valentin zugemacht hatte, blieb er stehen und knöpfte sich den Mantel auf, um den Schlüsselbund aus der Hosentasche zu holen. Er machte stets die gleichen Bewegungen, wenn er abends nach Haus kam. Jemand war an der Ecke zur Rue du Minage stehen geblieben. Es war Kachoudas, der darauf wartete, dass die Tür des Hutmachers sich wieder schloss, ehe er seinerseits nach Haus ging.
Monsieur Labbé hob den Blick und bemerkte in der Werkstatt im ersten Stock die Frau des Schneiders. Ein wenig beunruhigt, hatte sie soeben einen Blick aus dem Fenster geworfen.
Er drehte den Schlüssel im Schloss, trat in die warme Dunkelheit, schloss die Tür wieder, ehe er den Lichtschalter drehte und die Querstange vorlegte; dann blieb er stehen, das Gesicht gegen einen Spalt im Fensterladen gepresst.
Endlich kam der kleine Schneider, vorsichtshalber immer noch in der Straßenmitte, auf Höhe seines Hauses an. Er ging komisch, irgendwie ruckartig … Zum ersten Mal fiel Monsieur Labbé auf, dass er ein Bein nach außen hin nachzog. Auch Kachoudas blickte nach oben, doch war seine Frau gerade zurück in die Küche gegangen. Er platzte in sein Geschäft, aus dem er aber noch mal zurück auf die Straße musste, um die Läden vorzulegen, denn er hatte keinen Gehilfen, der das an seiner Stelle machte. Alle seine Bewegungen waren nervös, abgehackt. Zur Treppe gewandt – der gleichen Wendeltreppe wie in der Hutmacherei –, hatte er wohl gerufen:
»Ich bin’s!«
Er beeilte sich, verriegelte die Tür. Das Licht im Erdgeschoss ging aus und kurz darauf in der Werkstatt an, wo der kleine Schneider gar nicht schnell genug aus dem Fenster sehen konnte.
Monsieur Labbé zog sich zurück von seinem Beobachtungsposten, legte den Rest von dem Geld, das er mitgenommen hatte, zurück in die Kassenschublade, ging in das Hinterzimmer und fingerte dort einen Moment lang an einem Gegenstand herum, den er aus der Tasche gezogen hatte und der einem Spielzeug ähnelte, zusammengebastelt von irgendeinem Straßenjungen: zwei durch eine Art Schnur miteinander verbundene Holzstücke.
Noch immer hatte er seinen durchnässten Mantel an, und als er sich vorbeugte, tropfte es von seinem Hut. Er nahm ihn erst ab am Fuß der Treppe, wo ein Kleiderständer war und wo er unter der Küchentür einen Lichtstreifen sah.
Der Tisch war gedeckt, mit einem einzelnen Teller und Besteck, einer weißen Decke, einer Flasche Wein, in der ein Korken mit silberner Kappe steckte.
»Guten Abend, Louise. Madame hat nicht gerufen?«
»Nein, Monsieur.«
Das Hausmädchen blickte auf seine Füße, während er sich vor den Ofen setzte, kam mit Pantoffeln in der Hand und kniete sich hin. Nie hatte er sie dazu aufgefordert. Bestimmt war sie auf dem Bauernhof dazu abgerichtet worden, den Männern die Schuhe auszuziehen, ihrem Vater und ihren Brüdern, sobald die vom Feld zurückkamen.
Es war genauso warm wie im Laden, die Luft stand, war ebenso drückend, fasste die Gegenstände ein und verlieh ihnen ein starres, unabänderliches Aussehen.
Hinter dem Fenster, das auf den Hof ging, war immer noch der Regen zu hören, und hier war es eine alte Uhr in ihrem Kasten aus Nussbaum, die eine kupferne Scheibe hin und zurück bewegte, langsamer, hätte man schwören können, als überall sonst. Die angezeigte Zeit war nicht dieselbe wie in der Hutmacherei, weder auf Monsieur Labbés Uhr noch auf dem Wecker im ersten Stock.
»Ist niemand vorbeigekommen?«
»Nein, Monsieur.«
Sie zog ihm seine Pantoffeln aus feinem Ziegenlackleder an. Der Raum war eher ein Esszimmer als eine Küche, denn Herd und Spüle waren nebenan, in einer schmalen Abseite. Der Tisch war rund, die lederbezogenen Stühle mit Nägeln beschlagen. Es gab viel Kupfergeschirr und, auf einer Bauernanrichte, alte, in Auktionslokalen erstandene Fayencen.
»Ich geh nach oben und sehe nach, ob Madame etwas braucht.«
»Kann ich die Suppe servieren?«
Er verschwand auf der Wendeltreppe, und sie hörte oben im Ersten die Tür aufgehen, Schritte, ein Murmeln, das Geräusch der Rollen des Sessels, der durchs Zimmer geschoben wurde, so wie jeden Abend. Als er wieder nach unten kam, sagte er, indem er sich an den Tisch setzte:
»Sie möchte nur ein bisschen. Was gibt es zu essen?«
Er hatte sein Buch vor sich hingelegt, seine Hornbrille aus ihrem Etui genommen. Der Ofen wärmte ihm den Rücken. Er ließ sich Zeit beim Essen. Louise trug ihm auf, und zwischen den Gängen wartete sie, den Blick leer, reglos in ihrer schmalen Abseite.
Sie war noch keine zwanzig. Ziemlich dick und sehr dumm war sie, ausdruckslos glotzten ihre Froschaugen vor sich hin.
Das Kabuff, das als Küche diente, war nicht breit genug, um einen Tisch hineinzustellen. Manchmal aß sie dort im Stehen, manchmal wartete sie, bis der Hutmacher fertig und gegangen war, und setzte sich auf seinen Platz.
Er konnte sie nicht ausstehen. Sie einzustellen war ein schlechtes Geschäft für ihn gewesen, aber es war noch genug Zeit, später darüber nachzudenken.
Um Viertel vor acht wischte er sich den Mund ab, schob seine zusammengerollte Serviette in den Silberring, steckte den Korken zurück in seine Flasche, von der er bloß ein Glas getrunken hatte, und stand seufzend auf.
»Ist fertig«, sagte sie.
Daraufhin nahm er das Tablett, auf dem ein weiteres Abendessen angerichtet war, und ging erneut zur Treppe. Wie oft am Tag ging er sie hinauf, diese Treppe?
Das Schwierige war, mit der einen Hand das Tablett zu halten, ohne etwas zu verschütten, während die andere den Schlüssel aus der Tasche holte und im Schloss drehte, denn diese Tür war immer verschlossen, selbst wenn er im Haus war. Er drehte den Lichtschalter, sodass von gegenüber Kachoudas das Rollo hell werden sah. Er stellte das Tablett ab, immer an denselben Platz, und schloss hinter sich die Tür wieder ab.
Alles das war sehr kompliziert. Es sich einspielen zu lassen hatte Zeit gekostet. Das Kommen und Gehen des Hutmachers folgte einer präzisen Ordnung, die enorme Bedeutung besaß.
Zunächst musste gesprochen werden. Er machte sich nicht immer die Mühe, die Wörter deutlich auszusprechen, denn unten kam davon ohnehin nur wirres Gemurmel an. Heute zum Beispiel sagte er immer wieder mit gewisser Befriedigung:
»Du würdest einen Fehler begehen, Kachoudas!«
Es gab diesen Abend kein besonders gutes Essen, er nahm sich aber trotzdem das zarteste Stück Kalbskotelett. Es gab Tage, da aß er auch das zweite Abendessen ganz auf.
Er trat ans Fenster. Er hatte Zeit. Er schob das Rollo etwas beiseite und bemerkte den kleinen Schneider, der mit dem Essen schon fertig war und wieder Platz nahm auf seinem Tisch, während die Mädchen in der Stube auf dem Boden spielten und die Älteste zusammen mit ihrer Mutter bestimmt das Geschirr abwusch.
Mit lauter Stimme sagte er, indem er zu dem Tablett zurückging:
»Hast du gut gegessen? Bestens.«
Und daraufhin leerte er die Teller – bis auf den Kotelettknochen – in die Toilette, wobei er darauf achtete, nicht die Spülung zu betätigen. Zuerst hatte er das noch gemacht, aber das war ein Fehler gewesen. So wie diesen hatte es eine Menge Fehler und Unvorsichtigkeiten gegeben, die er nach und nach korrigiert hatte.
Mit den leeren Tellern ging er wieder nach unten, wo Louise auf seinem Platz zu Abend aß. Um nicht so viel Geschirr spülen zu müssen, nutzte sie zum Essen den Teller und zum Trinken das Glas ihrer Herrschaft. Sie las während des Essens, sie genauso, allerdings Groschenheftchen.
»Sie gehen nicht raus, Louise?«
»Hab keine Lust, mich erwürgen zu lassen.«
»Gute Nacht.«
»Guten Abend, Monsieur.«
Es war fast geschafft. Noch ein paar tagtägliche Verrichtungen waren auszuführen: sich vergewissern gehen, dass die Ladentür gut abgeschlossen war, das Licht ausmachen, noch einmal die Treppe hinaufsteigen, den Schlüssel aus der Tasche holen, aufmachen, zumachen.
Nachher würde Louise raufgehen, um sich im Hinterzimmer schlafen zu legen, und er für eine gute Viertelstunde noch ihre schweren Schritte hören, bis der Bettrost kreischte unter ihrem Gewicht.
»Ein Kalb ist das!«
Er hatte das Recht, die Stimme zu erheben. Von Zeit zu Zeit war das fast eine Notwendigkeit. Er konnte jetzt ebenso die Toilettenspülung ziehen, sich des Kragens, der Krawatte, des Jacketts entledigen, seinen braunen Morgenmantel überziehen. Nur war er ja noch nicht ganz fertig mit allem, denn es blieben drei, vier Scheite im Kamin nachzulegen.
Louise war es, die sie morgens nach oben schaffte und stapelte auf dem Treppenabsatz im ersten Stock.
Alle Häuser in der Straße hatten das gleiche Alter, sie stammten aus der Zeit Ludwigs XIII. Von außen waren sie mit ihren Arkaden und ihrem steil abfallenden Dach gleich geblieben, im Lauf der Jahrhunderte aber hatte jedes im Inneren diverse Veränderungen erfahren. Über dem Kopf von Monsieur Labbé beispielsweise existierte ein zweites Stockwerk, das man allerdings nur über die Straße erreichte. Neben dem Geschäft war eine Tür zu einem schmalen Gang, der zum Innenhof führte. Und dort fing die Treppe an, die in den zweiten Stock führte, ohne aber mit dem ersten irgendwie in Verbindung zu stehen.
Früher, als dort oben noch Mieter wohnten, war das praktisch gewesen. Die Zimmer standen seit Langem jedoch leer, nämlich seit dem ersten Jahr der Erkrankung von Mathilde, die es nicht aushielt, den ganzen Tag lang Schritte über sich zu hören.
Einen Prozess hatte man anstrengen müssen, um die Leute aus dem Zweiten loszuwerden. Und noch viel größere Schwierigkeiten als das hatte es gegeben!
Vergaß er auch nichts? Die Scheite brannten. Die Rollos waren ordentlich zu. Das Deckenlicht, es war ihm eh zu grell, konnte er noch löschen, anlassen nur die Lampe, die auf dem Sekretär stand, denn zu allen Zeiten schon war in einer Ecke dort ein kleiner Sekretär gewesen, voll mit winzig kleinen Schubladen, und jetzt war das ganz praktisch.
Er nahm den Packen Zeitungen, die Schere, stopfte seine alte Meerschaumpfeife. Zwei-, dreimal drehte er sich zum Fenster und dachte an Kachoudas.
»Armer Kerl!«
Anfangs war die Verfertigung der Briefe eine Geduldsarbeit gewesen, denn da hatte er ja jeden Buchstaben noch einzeln ausgeschnitten. Inzwischen kannte er die Zeitung so gut, dass er wusste, in welcher Rubrik er sich fast sicher sein konnte, die benötigten Wörter zu finden. In Mathildes Nähkorb hatte er außerdem eine Stickschere ergattert, die keine unsauberen Stellen hinterließ.
Die Sechste ist tot, junger Mann, und wieder wird die Stadt ihr Los beklagen.
Es war ihm zur Gewohnheit geworden, sich unmittelbar an Jeantet zu wenden.
Bedenken Sie, dass Mademoiselle Mollard seit mehreren Jahren an einer Herzkrankheit litt, dass sie arm war, dass sie allein lebte, dass sie keinen hatte, der sie gepflegt hätte, und dass sie gezwungen war, den Kindern ihrer Freundinnen Klavierunterricht zu geben. Ihr Schwager, der Architekt, der beileibe genug verdient, hat sich ja immer geweigert, ihr unter die Arme zu greifen.
Natürlich habe ich sie nicht deswegen umgebracht. Ich habe sie umgebracht, so wie die anderen, weil es sein musste. Aber das will keiner begreifen. Wieder wird man sagen und schreiben, ich sei ein Verrückter, ein Wahnsinniger, ein Sadist, ein Besessener, aber das stimmt nicht.
Ich tue, was ich tun muss, und damit basta. Würde man sich davon überzeugen, vermiede man diese stupide Panik, die die Leute davon abhält, aus dem Haus zu gehen, und die allen Handel in Mitleidenschaft zieht.
Vorausgesetzt, niemand begeht eine Dummheit, steht nur noch eine auf der Liste. Genau sieben werden es sein, und daran werden alle Ermittlungen der Welt nichts ändern.
Zum Beweis, junger Mann, kündige ich Ihnen schon jetzt an, dass es am Montag sein wird.
Die Adresse war einfach zusammenzusetzen, denn hierzu genügte es, Jeantets Namen unter einem Artikel sowie die über den Kleinanzeigen abgedruckte Adresse des Verlags auszuschneiden.
Louise war eben in ihr Zimmer gekommen und schnaubte wie üblich.
Monsieur Labbé klebte den Brief zu, pappte eine Marke darauf und steckte den Umschlag in die Tasche seines Jacketts, das auf einem Bügel hing. Nachdem er morgen früh die Platten von den Fenstern genommen hatte, würde er warten, bis Valentin kam, und dann seine gewohnte Runde durch die Stadt drehen, regnete es oder regnete es nicht.
Was er so verblüffend fand, war, dass er nichts an seinen Gewohnheiten hatte ändern müssen. Immer schon war er am Morgen durchs Viertel spaziert, herum um ein oder zwei Häuserblocks, so wie er sich am Abend stets ins Café des Colonnes begeben hatte.
Es war halb zehn. Er hatte noch eine gute Stunde, deshalb setzte er sich mit dem Gesicht zum Feuer, die Beine ausgestreckt, einen Wälzer mit angegilbten Seiten auf den Knien.
Es war einer der Bände der Berühmten Fälle des 19. Jahrhunderts. Vor fünf Monaten hatte er im Auktionslokal zwanzig Einzelbände ersteigert. Sieben davon blieben ihm noch zu lesen.
Er paffte in kurzen Zügen. Es war warm. Louise war wohl endlich eingeschlafen. Er hörte nichts mehr außer dem monotonen Geräusch des Regens, manchmal einem Prasseln der Scheite, und es gab auch niemanden, der ihn bei seiner Lektüre störte.
Monsieur Labbé war ruhig, ja gelassen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf den Wecker.
»Noch zwanzig Minuten!«
Noch zehn. Noch fünf. Um halb elf klappte er seufzend sein Buch zu, erhob sich und ging ins Badezimmer. Um Viertel vor elf legte er sich im rechten Bett schlafen.
Früher hatte nur ein einziges Bett in dem Zimmer gestanden, ein sehr schönes Bett, das zu den anderen Möbeln im Raum gepasst hatte. Nach Mathildes Erkrankung hatte man es über die Straße – es gab ja keine Treppe zwischen den beiden Stockwerken – in die obere, leerstehende Wohnung getragen und es durch zwei von einem Nachttisch getrennte Betten ersetzt.
Er drehte sich um und versicherte sich, dass die noch rote Glut im Kamin nicht auf den Teppich fallen und ihn in Brand setzen konnte.
Gegenüber arbeitete Kachoudas immer noch. Er war ein armer Schlucker. Er machte alles selbst, einschließlich der Unterhosen und der Westen, die die wichtigeren Schneider Heimarbeiterinnen anvertrauten.
Jetzt, da das Zimmer im Dunkeln lag, konnte Monsieur Labbé durch das Rollo hindurch das helle Rechteck auf der anderen Straßenseite sehen.
Ehe er einschlief, sagte er halblaut, denn etwas zu sagen war immer gut:
»Gute Nacht, Kachoudas.«
Seinetwegen brauchte der Wecker nicht zu läuten; er wachte um halb sechs in der Früh von selbst auf. Die dicke Louise schlief noch, vergraben in ihrem feuchten Bett; mit Sicherheit hörte sie ihn, wenn er aufstand, vom Treppenabsatz Scheite holte, die Tür wieder schloss, sich ein Feuer anmachte. Einen Augenblick später an diesem Morgen fiel ihm auf, dass etwas fehlte, und das war das Geprassel des Regens, das Geräusch des Wassers in der Dachrinne. Noch war es zu dunkel, den Himmel zu sehen, aber man ahnte den Seewind, der die Wolken ins Landesinnere jagte.
Er musste sein Bett machen, das Zimmer aufräumen, den Kübel mit der Kaminasche nach draußen stellen – für alles das verfügte er über präzise Bewegungen, die er in einer minutiös einstudierten Abfolge ausführte.
Er redete ein bisschen vor sich hin, sagte irgendwas, sah bald schon das Fenster gegenüber hell werden. Das war nicht Kachoudas, der schlief noch, aber dessen Frau, die im Haus für Feuer sorgte, die Werkstatt fegte, Staub wischte.
Er hörte Karren vorbeifahren, die unterwegs waren zum Markt, dann andere, die unten in der Straße haltmachten, die Stimmen der Bäuerinnen, das Aufprallen der Körbe und Säcke, die man auf den Boden fallen ließ.
Es war Samstag. Er nahm sein Bad, zog sich an, während sich unmittelbar hinter der Waschraumwand Louise wusch.
Sie ging als Erste nach unten, um Kaffee zu machen und damit das Feuer brannte, wenn er seinerseits hinunterging.
»Guten Morgen, Louise.«
»Guten Morgen, Monsieur.«
In der Hutmacherei steckte er ein Streichholz in das kleine Loch im Gasofen. Die Straßengeräusche wurden lauter, doch es war noch nicht Zeit, die Fensterplatten abzunehmen.
Zunächst hatte er sein Frühstück zu sich zu nehmen, dann Mathilde das ihrige nach oben zu bringen. Der Himmel fing an blass zu werden. Monsieur Labbé rollte den Sessel, den er stets im selben Winkel an denselben Platz stellte, bis ans Fenster, wo er sicherging, dass der Holzkopf aus dem Hinterzimmer seines Ladens nicht runterfallen konnte.
Licht ausmachen. Rollo hochziehen. Alles war grau, fast weiß. Der Regen war zu Nebel geworden, sodass man Kachoudas’ Lampe nur durch einen Schleier sah.
Die Fensterscheiben waren beschlagen. Würde es endlich Frost geben? Die Bäuerinnen auf der Straße, dick in Tücher eingemummelt, hielten beim Aufstellen ihrer Körbe ab und an inne, um sich mit blau angelaufenen Händen unter die Achseln zu klopfen. Es war eine darunter, eine kleine Alte, die stellte sich seit vierzig Jahren an denselben Platz und hatte einen Kohlenofen angezündet. Zu dieser Jahreszeit verkaufte sie Kastanien und Nüsse.
Kachoudas hatte noch nicht Platz auf seinem Tisch genommen. Die Tür zur Küche stand offen, und die ganze Familie war dabei zu frühstücken. Madame Kachoudas war weder gewaschen noch frisiert. Die kleinste der Blagen, der einzige Junge, hatte große schwarze, mandelförmige Augen und immer noch sein Nachthemd an.
Es waren komische Leute. Sie aßen schon morgens Wurst. Kachoudas wandte ihm den Rücken zu, eine Schulter höher als die andere.
Monsieur Labbé würde auf ihn warten. Er hatte immer dies oder das zu tun. Die Zeitungen, aus denen er die Wörter und Buchstaben ausgeschnitten hatte, waren schon verbrannt. Er brachte Louise seinen Anzug vom Vortag, damit sie ihn aufbügelte, schließlich war er äußerst gepflegt, seine Kleidung stets aus feinem Tuch, seine Schuhe maßgefertigt.
Es hatte angefangen mit dem Gerumpel von ein paar Karren und mit vereinzelten Stimmen, und jetzt war es vom einen Ende der Straße bis zum anderen angeschwollen zum ohrenbetäubenden Radau jeden Samstags. Schon im Voraus wusste er, welcher Geruch nach frischem Gemüse, nach befeuchtetem Kohl, nach Hühnern und Kaninchen ihm in die Nase stiege, sobald er die Tür zum Laden öffnete.
Eine ganze Weile musste er noch warten, das Auge am Spalt, bis Kachoudas endlich aus dem Haus kam und er es ihm nachmachte und über die Köpfe der Frauen hinweg rief:
»Guten Morgen, Kachoudas.«
Die dürren Schultern zuckten, der Mann drehte sich um, öffnete den Mund, brauchte einige Sekunden, ehe er hervorbrachte:
»Guten Morgen, Monsieur Labbé.«
Für ihn musste das unfassbar sein, fast eine Halluzination – nicht zuletzt wohl aufgrund des Nebels. Alles ging wie jeden Morgen vonstatten, jedenfalls wie an jedem anderen Samstag: Der Hutmacher war frisch rasiert, sorgfältig gekleidet, würdevoll entfernte er von seinem Auslagefenster die Tafeln, die er eine nach der anderen hineinbrachte in die dafür zurechtgezimmerte Nische hinter der Tür.
Das Pflaster war noch nass, das Wasser stand in Pfützen entlang der Trottoirs. Die Metzgerei neben Kachoudas ließ das Licht an.
Valentin kam um halb neun, mit roter Nase, und musste sich schnäuzen, kaum dass er im Laden war.
»Hab mir einen kleinen Schnupfen geholt«, sagte er.
In der ohnehin überhitzten Luft der Hutmacherei würde er ihn großziehen können. Monsieur Labbé zog seinen Mantel an, nahm seinen Hut.
»Ich bin in einer Viertelstunde zurück.«
Er ging Richtung Markthalle und wurde von vielen gegrüßt, denn er stammte aus La Rochelle, wo er auch immer gelebt hatte. Er wählte den Briefkasten in der Rue des Merciers – in dem Hin und Her der ganzen Leute lief er an diesem Morgen keine Gefahr, bemerkt zu werden. Dann, so wie er es samstags gerne tat, tauchte er ein in das Getümmel der Markthalle, schlenderte vorbei an den Ständen für Fisch und Krustentiere.
Erst auf dem Heimweg kaufte er sich an der Ecke zu seiner Straße die Zeitung und steckte sie sich in die Tasche, ohne allzu neugierig einen Blick darauf zu werfen.
Eine Bäuerin hatte ihren Sohn mitgebracht, dem Valentin, Taschentuch in der Hand, Mützen anprobierte. Es war der Tag dafür. Monsieur Labbé ging Mantel und Hut ablegen, sagte durch den Türspalt zu Louise:
»Kaufen Sie Langusten. Die kleine Alte aus Charron hat schöne. Madame hat nicht gerufen?«
»Nein, Monsieur.«
Er würde unten zuerst seinen Anteil Langusten essen, dann Mathildes im Zimmer. Es war ein Glück, dass die frühere Haushälterin, Delphine, zu ihrer Tochter auf die Île d’Oléron gezogen war, wusste doch Delphine, die zwanzig Jahre lang bei ihnen gearbeitet hatte, dass Mathilde nichts mochte, was aus dem Meer kam.
Er hätte es besser treffen können als mit Louise. Eine ganze Menge hätte sich angenehmer einrichten lassen. Ja, er fing an, das dicke Mädchen zu hassen. Nie fragte sie etwas. Man hatte keinen Schimmer, was sie dachte. Dachte sie womöglich gar nicht?
Er mochte es nicht, dass sie im Haus schlief. Delphine, die Kinder hatte, war sofort nach dem Abendessen nach Hause gelaufen auf die andere Bahnhofseite. Anfangs hatte auch Louise in der Stadt geschlafen. Dann hatte sie jedoch erklärt, wegen der Morde an den alten Frauen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Haus verlassen zu wollen.
Wieso hatte er es akzeptiert, ihr im Ersten ein Zimmer herzurichten? Hatte er da noch vielleicht so eine vage Vorstellung im Hinterkopf gehabt? Wenn man nicht allzu genau hinguckte, war sie ganz appetitlich. Jetzt aber, da er durch die Trennwand hindurch hörte, wie sie ihre Toilette verrichtete, konnte er nicht darüber hinwegsehen, dass sie ungepflegt war. War er mal in ihr Zimmer gegangen, so hatte ihn der Geruch dort angeekelt, genauso wie die auf einem Stuhl herumliegende Wäsche.
Wahrscheinlich war sie nicht gefährlich, sie stellte aber trotzdem eine Komplikation dar, und um Komplikationen zu umgehen, hatte er schon genug getan.
Man würde da schon sehen.
Er wechselte das Jackett – zum Arbeiten trug er stets ein altes –, ging ins Hinterzimmer und zündete den Kocher an, den er zum Dämpfen der Hüte nutzte.
Mit dem kleinsten Schlüssel an seinem Bund schloss er einen Wandschrank auf. Von allergrößter Bedeutung waren diese Schlüssel, glatt waren sie, glänzten wie Werkzeuge, immer trug er sie in derselben Tasche, und nie vergaß er, sie auf den Nachttisch zu legen, ehe er ins Bett ging.
Ganz hinten in dem Schränkchen hing eine Kordel von der Decke, an der er zwei-, dreimal kurz zog.
Valentin, noch immer mit der Kundin und dem kleinen Jungen beschäftigt, machte ein paar Schritte, um ihm mitzuteilen:
»Madame ruft nach Ihnen, Monsieur Labbé.«
Denn indem er an der Kordel zog, setzte er einen Mechanismus in Gang, der im ersten Stock auf den Fußboden klopfte, genau wie früher, als Mathilde, wenn sie ihn brauchte, mit dem Stock auf den Fußboden geklopft hatte.
»Ich geh schon«, verkündete er seufzend.
Das Schränkchen wieder zumachen, die Schlüssel zurück in die Tasche stecken. Merkwürdig: In Kachoudas’ Geschäft war der kleine Schneider damit beschäftigt, Maß zu nehmen bei einem kleinen Jungen, den seine Mutter mitgebracht hatte. Ein kleiner Junge und eine Mutter auf jeder Straßenseite und, noch merkwürdiger, aus demselben Dorf.
Labbé verschwand auf der Wendeltreppe, wo Valentin seine Schritte hören konnte. Die Tür ging auf und wieder zu. Die Vorhänge verhinderten, dass man hereinsah. In ihrer Küche war Madame Kachoudas, die nie an die Nachbarn von gegenüber dachte, mit in die Luft gereckten Armen dabei, ein Kleid über ihr Unterkleid zu streifen, denn um es wärmer zu haben, zogen sich diese Leutchen in der Küche an und wuschen sich dort sogar. Für die Mädchen und den Jungen stellte man eine Emailleschüssel auf einen Stuhl.
Er legte ein weiteres Holzscheit auf das Feuer, setzte sich, zündete seine Pfeife an, und erst dann schlug er die Zeitung auf.
Der Würger hat ein neues Opfer gefunden.
Ist es nicht seltsam, festzustellen, wie die Wörter die Realität verzerren? Der WÜRGER! Und das zu allem Überfluss in Großbuchstaben! Als würde man, zum Beispiel, als Würger geboren. Als wäre es, kurz gesagt, eine Berufung! Nur dass die Wahrheit so ganz anders aussah! Immer machte ihn das ein bisschen ärgerlich. Und dieser Ärger hatte ihn sogar dazu gebracht, der Zeitung den ersten Brief zu schreiben. Seinerzeit hatte es geheißen:
Ein gefährlicher Verrückter irrt in der Stadt umher.
Er hatte erwidert:
Nein, Monsieur, einen Verrückten gibt es nicht. Sprechen Sie nicht von etwas, das Sie nicht kennen.
Trotzdem, der kleine Jeantet war nicht dumm. Während die Polizei die Stadtstreicher und die Matrosen auf Kneipentour einsammelte, auf gut Glück Leute auf der Straße anhielt und nach ihren Papieren verlangte, trug der Reporter eine Beweisführung zusammen, die etwas für sich hatte. Nach dem dritten Opfer, Mademoiselle Lange, der Kurzwarenhändlerin aus der Rue Saint-Yon, und nachdem die Überwachung bereits mit Anbruch der Dunkelheit eingesetzt hatte, schrieb er:
Es ist falsch, sich mit Herumtreibern und, ganz allgemein gesprochen, mit all denen zu befassen, die durch ihr Äußeres oder ihr Auftreten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Mörder ist zwangsläufig ein Mann, der nicht groß auffällt. Er ist also kein Fremder, wie manche vermutet haben. Wenn man bedenkt, dass seine drei Verbrechen einiges an Lauferei nötig gemacht haben, ist es mehr als wahrscheinlich, dass er zumindest ein Mal einer der Freiwilligenpatrouillen begegnet ist, die jeden Abend die Stadt durchkämmen.
Das stimmte. Der Hutmacher war einer Patrouille begegnet und hatte seelenruhig seinen Weg fortgesetzt. Man richtete das Strahlenbündel einer Taschenlampe auf ihn, und eine Stimme sagte:
»Guten Abend, Monsieur Labbé.«
»Guten Abend, meine Herren!«
Einzig ein bekannter und angesehener Bürger konnte …
Er ging in seinen Schlussfolgerungen sehr viel weiter, der Jüngling, den man jeden Abend am ersten Tisch des Café des Colonnes schreiben sah:
… Die Tatzeiten weisen darauf hin, dass es ein verheirateter Mann ist, mit festen Gewohnheiten …
Er gründete diese Annahme auf die Tatsache, dass keines der Verbrechen nach der Abendessenszeit verübt worden war.
… Folglich ein Mann, der abends nicht allein aus dem Haus geht …
Dann ging er ins Detail. Nach dem fünften Mord, dem vorletzten, dem an Léonide Proux, der Hebamme aus Fétilly, hatte er geschrieben:
Es steht zu vermuten, dass die Geburtshelferin durch einen Telefonanruf aus dem Haus gelockt wurde, was ein Versorgungsköfferchen zu belegen scheint, das sie bei sich hatte, als sie überfallen wurde …
Das war falsch. Genau genommen war sie die Einzige, der Monsieur Labbé fast zufällig begegnet war. Natürlich, sie hatte auf der Liste gestanden. Hätte er sie vielleicht tatsächlich angerufen, wenn er ihr nicht begegnet wäre?
Da einen derart entlarvenden Anruf von einem öffentlichen Fernsprecher oder aus einem Café zu tätigen riskant gewesen wäre …
Er wollte zu intelligent sein, intelligenter als der Mörder. Dieser, so nahm er an, nutze zu Hause ein eigenes Telefon. Bedachte er dabei wirklich nicht, dass in diesem Fall seine Frau oder das Hausmädchen das Gespräch würde mithören können?
Außerdem hatte Monsieur Labbé gar kein Telefon, er hatte es stets abgelehnt, sich einen Anschluss legen zu lassen. Der kleine Jeantet verhedderte sich weiter:
Es handelt sich vermutlich um einen Mann, der in einem Büro arbeitet, das er zwischen fünf und sechs Uhr verlässt, und der seine Verbrechen auf dem Heimweg verübt.
Es war schon verblüffend, dass er derlei in einem Café schrieb, wo er jeden Tag Geschäftsleute sah, die ein, zwei Stunden lang vor ihrem Abendessen Karten spielten.
Heute aber kam es noch besser. Die Zeitung brachte als Untertitel:
Haben wir jetzt eine Personenbeschreibung des Mörders?
Man hatte den Leichnam von Mademoiselle Irène Mollard kurz nach acht Uhr abends entdeckt. Ein Polizist war buchstäblich darüber gestolpert. Man hatte die ganze Straße in Alarm versetzt. Die Mutter des kleinen Mädchens, dem das alte Fräulein die letzte Klavierstunde gegeben hatte, rief aus:
»Ich habe sie nur widerwillig allein gehen lassen. Ich habe sie inständig gebeten, die Rückkehr meines Mannes abzuwarten, der sie bis nach Hause begleitet hätte. Sie wollte nichts davon hören. Meine Befürchtungen waren ihr völlig gleichgültig. Sie hat behauptet, sie habe keine Angst. Während sie davonging, ließ ich für einen Augenblick die Tür einen Spalt offen, um das Geräusch ihrer Schritte zu hören. Ich erinnere mich jetzt, mitten auf der Straße einen Mann gesehen zu haben. Fast hätte ich um Hilfe gerufen, dachte dann aber, ich würde mich lächerlich machen, weil sich ein Mörder ja nicht mitten auf die Fahrbahn stellt. Trotzdem habe ich die Tür sehr schnell wieder zugemacht. Ich habe ihn zwar nicht genau gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein kleiner Dürrer war, mit einem zu langen Regenmantel.«
Der Regenmantel von Kachoudas, oder vielmehr der Regenmantel, der gar nicht Kachoudas gehörte, sondern den ein auswärtiger Vertreter, nachdem er einen Mantel gekauft hatte, ihm überließ, weil er abgenutzt und schmutzig war, und den der kleine Schneider aus Sparsamkeit auftrug, sobald es regnete.
Monsieur Labbé drehte sich zum Fenster. Kachoudas war zurück auf seinen Tisch gestiegen. Er redete mit seiner Frau, die, einen Einkaufsbeutel in der Hand, dabei war, das Haus zu verlassen. Bestimmt fragte sie ihn, was er gern essen würde.
Der Schneider hatte die Zeitung noch nicht gelesen. Er verließ das Haus morgens nur, um die Fensterläden abzunehmen. Erst wenn sie vom Markt zurückkam, würde ihm seine Frau das Echo des Charentes mitbringen.
Und auch Louise ging aus dem Haus, um Besorgungen zu machen. Die Klingel an der Eingangstür bimmelte mehrere Male. Es waren Kunden im Laden.
Ehe er das Zimmer verließ, vergaß Monsieur Labbé nicht, einige Wörter zu murmeln, und verrückte leicht den Sessel.
Valentin sah die Beine auftauchen, den Torso, schließlich das Gesicht, gelassen, entspannt. Weil er betreten wirkte, fragte ihn der Hutmacher:
»Was ist?«
Und der junge Mann, verschnupft, wie er war, deutete auf einen hünenhaften Bauern, der von einem Bein aufs andere trat.
»Er bräuchte eine 58, wir haben aber bloß 56.«
»Lassen Sie sehen.«
Er richtete den Hut im Dampf, bis der Kunde schließlich ging, nicht ohne sich leicht beunruhigt in den Spiegeln zu mustern.
3
»Schließen Sie ab, Valentin.«
»Ja, Monsieur. Guten Abend, Monsieur.«
»Guten Abend, Valentin.«
Valentin hatte sich den ganzen Tag lang die Nase geputzt, denn so flüssig war das Ganze wohl, dass man schon vom Zugucken und Hinhören feuchte Augen bekam. Zweimal hatte er sein Taschentuch zum Trocknen vor die Gasheizung gehängt, weil keine Kunden da gewesen waren.
Auch der war ein armer Kerl. Er war groß und rothaarig, mit dunkelblauen Augen, und derart anständig, dass Monsieur Labbé, machte er den Mund auf, um ihm einen Rüffel zu erteilen, ihn, ohne etwas zu sagen, wieder schloss und sich begnügte, mit den Achseln zu zucken.
Sie verbrachten den größten Teil des Tages zusammen, denn in Wirklichkeit bestanden Hutgeschäft und Werkstatt aus bloß einem Raum. Es gab Tage, da sah man stundenlang keinen Kunden. Hatte er alles abgestaubt, alles in Ordnung gebracht, zum hundertsten Mal die Etiketten überprüft, dann zog sich der arme Valentin wie ein großer Hund, den sein Körper nervte, in eine Ecke zurück, vermied es, ein Geräusch von sich zu geben, zuckte bei der kleinsten Bewegung seines Herrchens zusammen und lutschte, weil er im Laden nicht rauchen durfte, lautlos Veilchenbonbons.
»Bis Montag, Valentin. Schönen Sonntag.«
Eine Zusatzstreicheleinheit, im Vorbeigehen. Worauf es ankam, war, herauszufinden, ob Kachoudas herunterkäme oder nicht. Er hatte sich den ganzen Tag nicht aus dem Haus gerührt. Einmal war er zu einer Anprobe heruntergekommen, ein andermal hatte er Stoffe ausgekramt vor einem Kunden, der unentschieden blieb und ging, wahrscheinlich indem er wiederzukommen versprach. Er hatte in seiner Werkstatt das Licht angelassen, denn der Nebel hatte sich noch nicht verzogen, ja, als die Marktgeräusche schwächer geworden waren, hatte man in regelmäßigen Abständen das Nebelhorn gehört. Wie das Muhen einer riesenhaften Kuh klang es in der leeren Weite, und es gab Leute, die wohnten schon lange in der Stadt und waren davon noch immer beeindruckt. Kein Boot hatte abgelegt. Noch immer wartete man auf welche, die nicht zurückgekehrt waren, und sorgte sich um ihren Verbleib.
Lange vor Einbruch der Dunkelheit waren die Bäuerinnen in ihren Karren oder mit dem Bus wieder heimgefahren, und übrig blieben nur die Männer, die mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen in den Bistros die Zeit totschlugen.
Kachoudas hatte die Zeitung gelesen. Jedenfalls hatte seine Frau sie ihm mitgebracht. Monsieur Labbé hatte sich in dieser Hinsicht nicht getäuscht. Täuschte er sich denn je? Es war ihm nicht gestattet. Trotz allem, was er im Kopf hatte, gelang es ihm, nichts zu vergessen, nicht das kleinste Detail. Sonst nämlich wäre er verloren gewesen.
Die Zeitung lag auf einem Stuhl unweit des Schneidertischs, und man sah, dass sie aufgeschlagen worden war.
Kachoudas würde kommen. Der Hutmacher war überzeugt, dass er kommen würde, er blieb auf seiner Türschwelle stehen, blickte hinüber zu dem erleuchteten Fenster und machte dabei mechanisch, nur für sich, wie die Bäuerinnen, die die Hühner anlocken:
»Komm, komm, putt, putt …«
Geräuschlos ging er davon, und er hatte keine zwanzig Meter zurückgelegt, da waren hinter ihm die Schritte zu vernehmen, die er unter allen Schritten hätte heraushören können.
Kachoudas war gekommen. Hatte er gezögert? Ein armer Kerl, wirklich. Überall auf der Welt gibt es jede Menge arme Kerle. Er musste ganz furchtbar versessen sein auf die zwanzigtausend Franc. Nie hatte er eine solche Summe auf einem Haufen auch nur gesehen, außer vielleicht hinter dem Bankschalter. Zwei Jahre bräuchte er, Tag und Nacht müsste er auf seinem Tisch verbringen, um derart viel zu verdienen.
Diese zwanzigtausend Franc, die wollte er sich verdienen, ohne Wenn und Aber. Mit aller Macht wollte er sie haben. Ja, gerade weil alles an ihm sie so unbedingt wollte, hatte er solche Angst.
Womöglich mehr Angst, sie zu verlieren, als Angst vor dem Hutmacher? Was passiert war, hatte passieren müssen, weil es zwangsläufig geschehen war: Immer ist es einer wie Kachoudas, der sich verdächtig macht. Kachoudas war es, den die Mutter des kleinen Mädchens mit dem Klavier gesehen und der Polizei beschrieben hatte.
Sie gingen hintereinander her, so wie jeden Tag, und bei jedem Schritt musste der Schneider ein Bein nach außen hin nachziehen. Monsieur Labbé hingegen stolzierte ruhig und würdevoll voran, er hatte wirklich einen schönen Gang.
Er drückte die Tür zum Café des Colonnes auf, in dem schon der Krach und der Geruch ihm klargemacht hätten, dass Samstag war. Der Geruch, ja, denn die Leute vom Samstag nahmen nicht die gleichen Getränke zu sich wie die Gäste der übrigen Tage.
Das Lokal war voll besetzt. Einige standen sogar. Die gewöhnlichen Bauern trafen sich in den kleinen Bars rund um den Markt; hier waren es die reichsten oder unternehmungslustigsten, jene, die mit Düngemittelhändlern, Versicherungsmaklern, Gesetzesvertretern zu tun hatten, die jeden Samstag an stundenweise Schreibtisch oder Kanzlei gewordenen Tischen ihre Sitzungen abhielten.
Einzig die Tische in der Mitte, nahe dem Ofen, blieben eine Oase der Ruhe und Schweigsamkeit.
Chantreau, der nicht spielte, saß hinter dem Senator, der die Karten hielt. Monsieur Labbé reichte dem Arzt die Hand.
»Guten Abend, Paul.«
Und als sein Freund aus einem Kartonschächtelchen eine Pille fischte:
»Geht es nicht gut?«
»Die Leber.«
So erging es ihm von Zeit zu Zeit. Von einem Tag zum anderen schien er um mehrere Kilo abgemagert zu sein, so ausgezehrt war sein Gesicht, mit weichen Tränensäcken unter den Augen, dem Blick eines Leidenden.
Sie waren gleichaltrig. In der Oberschule waren sie eng befreundet gewesen, fast unzertrennlich.
Gabriel nahm Monsieur Labbé den Mantel, den Hut ab.
»Wie immer?«
Vor dem Arzt, auf der Marmorplatte des Tischs, stand ein Viertel Vichy. Kachoudas, der gerade hereingekommen war, zögerte, sich zu den Spielern zu setzen.
Armer Kerl, auch der! Nicht bloß Kachoudas, der endlich vorsichtig den Hintern auf einen Stuhl senkte, sondern genauso Paul, der Arzt. In irgendeiner Schublade musste Monsieur Labbé noch ein Foto haben, das sie beide zeigte, mit fünfzehn oder sechzehn Jahren. Chantreau war in dem Alter ein Spiddel gewesen, seine Haare mit einem Stich ins Rötliche, allerdings nicht verwaschen rot wie bei Valentin. Selbstbewusst hatte er das Kinn vorgestreckt, herausfordernd hatte er geradeaus gesehen.
Schon da hatte er Mediziner werden wollen, kein gewöhnlicher Mediziner jedoch: ein großer Entdecker in der Art von Pasteur oder von Nicolle. Sein Vater war reich gewesen, hatte an die zehn Höfe im Aunis und in der Vendée besessen. Er hatte nichts anderes gemacht, als sie aus der Ferne zu verwalten, und, seltsam genug, seine Nachmittage im Café des Colonnes verbracht, an demselben Platz wie heute die Bridgespieler.
»Er ekelt mich an«, hatte der junge Paul von ihm gesagt. »Er ist ein Geizhals. Was aus den Bauern wird, ist ihm schnuppe.«
Im Grunde hatten ihre Eltern alle Besitz gehabt, Ländereien, Höfe oder Häuser, Schiffe oder Anteile an Schiffen.
Kachoudas beobachtete Monsieur Labbé so eingehend wie verstohlen, was dieser sich aber nicht anmerken ließ. Es war ein Spiel. Letzterer bewies sich dadurch, dass er sich nichts vorzuwerfen hatte. Die Rollen waren vertauscht: Der kleine Schneider war es, der vor Angst schwitzte, der nervös sein Glas trank, manchmal mit einem Ausdruck, als würde er ihn anflehen.
Anflehen, worum? Sich fassen zu lassen, damit er seine zwanzigtausend Franc Belohnung kassieren konnte?
»Du trinkst zu viel, Paul.«
»Ich weiß.«
»Wieso?«
Wieso trank man? Chantreau war Mediziner geworden. Er war in die Stadt zurückgezogen und hatte eine Praxis eröffnet. Er hatte entschieden:
»Patienten werde ich nur morgens annehmen, so habe ich den Rest der Zeit frei für meine Forschungen.«
Er hatte sich ein wahres Labor geleistet, hatte sämtliche medizinischen Zeitschriften abonniert.
»Warum hast du nie geheiratet, Paul?«
Vielleicht weil er Wissenschaftler hatte werden wollen, er wusste es nicht und begnügte sich mit einem Achselzucken und einer Grimasse, die der Schmerz ihm abtrotzte.
Er hatte sich den Bart wachsen lassen, war nicht länger gepflegt. Seine Nägel waren schwarz, seine Kleidung bedenklich. Wie die, die arbeiteten, war er zuerst um sechs ins Café des Colonnes gekommen, dann um fünf, dann um vier, und jetzt war er gleich nach dem Mittagessen hier – weil um diese Zeit keiner aufzutreiben war, mit dem sich eine Partie spielen ließ, spielte er Dame mit Oscar, dem Patron.
Inzwischen war er über sechzig, wie Monsieur Labbé. Alle waren sie über sechzig.
»Spielst du für mich weiter, Léon? Ich muss ein bisschen mit meinen Wählern schwatzen.«
André Laude, der Senator, der grad eben einen Rubber gewonnen hatte, erhob sich nur ungern. Um sie her herrschte ein beständiger Lärm, Schuhe, die über den mit Sägemehl bedeckten Boden trotteten, Gläser, die aneinanderstießen, Unterlegschälchen, lautere Stimmen als sonst.
»Den werden sie auch noch kriegen, und ob«, sagte ein Landwirt mit Ledergamaschen. »Am Ende kriegen sie alle, selbst die Ausgebufftesten. Aber dann? Ihr werdet schon sehen, dass sie ihn in die Klapse stecken, angeblich weil er nicht ganz dicht ist hier oben, und wir, die Steuerzahler, sind es dann, die ihn durchfüttern, bis er krepiert.«
»Es sei denn, ein Bursche wie ich kriegt ihn in die Finger!«
»Du würdest es machen wie die anderen, trotz deines großen Mundwerks! Vielleicht würdest du ihm die Faust in die Fratze hauen, trotzdem würdest du ihn dann schön brav bei der Polizei abliefern. Auf dem Dorf irgendwo, ja, kann sein, da wär es vielleicht anders. Da gibt es Mistgabeln und Schaufeln.«
Seelenruhig, ohne eine Miene zu verziehen, setzte sich Monsieur Labbé auf den Platz des Senators, der seinen Rundgang von Tisch zu Tisch angetreten hatte. Einen Moment lang fragte sich der Hutmacher, ob auch Kachoudas erkältet war, so rot war er, hatte glänzende Augen, bemerkte dann aber zwei Unterlegschälchen unter seinem Glas.
Der Schneider trank! Womöglich, um sich Mut zu machen? Schon gab er Gabriel ein Zeichen, ihm einen dritten Weißwein zu bringen.
»Wir spielen zusammen«, verkündete Julien Lambert, der Versicherungsmakler, und mischte die Karten.
Der wiederum trank nicht, das heißt, er begnügte sich mit einem Aperitif, höchstens zweien. Er war Protestant. Er hatte vier oder fünf Kinder und hätte noch viel mehr gehabt, wenn die Gemahlin nicht jedes zweite Mal eine Fehlgeburt hingelegt hätte. Inzwischen zog man ihn damit auf. Er wurde gefragt:
»Deine Frau?«
»Im Krankenhaus.«
»Baby?«
»Fehlgeburt.«
Auch er hatte Geld, das er von den Eltern geerbt und das ihm ermöglicht hatte, sich eine Versicherungsvertretung zuzulegen. Er kümmerte sich nicht viel darum. Er hatte ja gute Untervertreter. Mitunter kam einer von ihnen in einer dringenden Sache zu ihm ins Café. Nachdem er den Nachmittag mit Bridgespielen verbracht hatte, aß er hastig zu Abend, bloß um dann bei sich oder Freunden weiter Bridge zu spielen.
Im Übrigen war er der Bruder von Madame Geoffroy-Lambert aus der Rue Réaumur, der vierten Erwürgten. Monsieur Labbé war zu ihrem Begräbnis gegangen:
»Mein Beileid, Julien.«
Zu sämtlichen Begräbnissen war er gegangen, schließlich hatte er sie alle gekannt, zumindest durch Mathilde.
Der kleine Journalist war nicht zu sehen. Wahrscheinlich war er draußen mit seinen Nachforschungen beschäftigt. Zwei-, dreimal warf Monsieur Labbé einen Blick hinüber zu dem Tisch, an dem Jeantet sonst saß.
»Wir haben einen neuen Brief bekommen«, meinte Caillé, der Drucker und Besitzer des Echo des Charentes, während er auf seine Karten blickte.
»So langsam übertreibt er’s«, murmelte Julien Lambert und bot zwei Treff.
Und indem er sich zu Chantreau umdrehte, der die Partien mitverfolgte:
»Du meinst, er ist ein Durchgeknallter, Paul?«
Der Arzt zuckte mit den Achseln. Momentan interessierte ihn das nicht. Er hatte bloß Angst vor den Krallen, die seine Flanken bearbeiteten.
»Auf jeden Fall wird er erst aufhören, wenn man ihn hat«, grummelte er.
»Jack the Würgegerippe wurde nie gefasst, und trotzdem hat er aufgehört zu morden.«
Das freute Monsieur Labbé, der daran nie gedacht hatte.
»Wie viele hat er denn umgebracht?«, fragte er. »Drei Karo.«
»Passe.«
»Drei Pik«, übertrumpfte Lambert.
»Vier Herz.«
Es bestand Aussicht auf ein Klein-Schlemm, weshalb für einen Moment Schweigen eintrat, unterbrochen von Ansagen bis sechs Karo.
»Kontra!«
»Ich weiß nicht, wie viele er umgebracht hat, aber der Schrecken, in London und Umgebung, dauerte mehrere Monate lang. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen. Büros und Fabriken mussten schließen, weil sich Angestellte und Arbeiterinnen nicht mehr auf die Straße trauten.«
»Ich würde gern wissen, wie viele Frauen jetzt gerade unterwegs sind auf den Straßen.«
Der kleine Schneider zitterte und trank das dritte Glas auf einen Zug leer. Aus Angst, dem Blick des Hutmachers zu begegnen, blickte er nicht mehr hinüber zu den Spielern, sondern fixierte düster den schmutzigen Fußboden.
»Viermal Trumpf. Ich mache den Pik-Impass auf den König, und der Rest meiner Hand ist hoch.«
Zu wissen, wie Kachoudas war, wenn er getrunken hatte, wäre interessant gewesen. Monsieur Labbé hatte ihn nie betrunken gesehen. Der Doktor zum Beispiel, der schon morgens anfing, sich volllaufen zu lassen, der nach jeder Untersuchung trank und den ganzen Tag lang nicht aufhörte damit, war zuerst von einem nur leicht mit Ironie durchsetzten Wohlwollen. Seine letzten Patienten am Vormittag, alle nannte er sie:
»Mein Kleiner.«
Oder:
»Mein armer Alter.«
Oder:
»Meine kleine Dame.«
Und anstatt ihnen ein Rezept auszustellen, holte er aus seinem Wandschrank ein Medikament hervor, das er ihnen in die Hand drückte, gratis.
Zu Beginn des Nachmittags sah man ihn als Olympier, Gesicht qualmverhüllt, Gestik verlangsamt, Blick verhangen, Äußerung karg. Dann wurde er langsam sarkastisch, sogar gegenüber den besten Freunden.
Die, die ihn abends gegen zehn trafen, wenn er nach Haus ging, nachdem er Rotwein getrunken hatte in den kleinen Bistros, behaupteten, er habe Tränen in den Augen gehabt und sie am Arm festgehalten.
»Ein Rohrkrepierer, mein Alter. Ein altes Aas von einem Versager, das ist es, was ich bin! Gib zu, dass ich dich anekle, dass ich euch alle anekle!«
Was den Wirt anging, der berufshalber gezwungen war, den ganzen Tag lang mit seinen Gästen ein Gläschen zu heben: Oscar quollen die Lider auf, sein Gang wurde würdevoll und zögerlich; als hätte er einen Knoten in der Zunge, vertat er sich gegen Abend mit den Silben, sodass man nicht immer verstand, was er von sich gab.
Jedenfalls wurde der kleine Schneider unruhig. Er hielt es nicht länger auf seinem Platz aus, bewegte sich, als hätte er einen Tick oder wollte Fliegen verjagen, die es auf ihn abgesehen hatten.
Monsieur Labbé hatte den nicht unangenehmen Eindruck, Kachoudas an Fäden zu halten, ihm zugewandt zu flüstern:
»Ganz ruhig, Kleiner.«
Er wusste genau, dass Kommissar Pigeac da war, hinter ihm, am Tisch der Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Er hatte ihn hereinkommen sehen, im grauen Mantel, einen grauen Hut auf, mit grauem Gesicht. Er erinnerte an einen Fisch, an einen drögen Stockfisch, und hatte immer ein kaltes Lächeln auf den Lippen, wie um zu verstehen zu geben, dass er sehr viel wusste.
Er wusste überhaupt nichts, davon war Monsieur Labbé überzeugt. Ein aufgeblasener Blödian war er, ein Beamter von Geburt an, der an nichts dachte als an seine Beförderung und in die Freimaurerloge eingetreten war, weil man ihm weisgemacht hatte, das wäre hilfreich. Stark war er bloß beim Billard, wo er Serien schaffte von hundertfünfzig bis zweihundert Punkten, während er gemächlich um den grünen Filz stolzierte und sich ab und an in einem Spiegel betrachtete.
»Geh da nicht hin, Kleiner.«
Kachoudas war es, zu dem er das in Gedanken sagte, denn er spürte den Schwindel, der den kleinen Schneider packte, heiß wurde ihm, er wusste nicht, wohin er gucken sollte, während er an seine zwanzigtausend Franc und an die Aussage der Mama des kleinen Mädchens mit dem Klavier dachte.
»Angeblich«, sagte Caillé noch, der Druckereibesitzer, »will er ja nur noch eine um die Ecke bringen.«
»Wieso das?«
»Den Grund nennt er nicht. Er behauptet immer, das sei nötig, er mache das nicht aus Lust und Laune. Lest morgen früh seinen Brief in der Zeitung. Ich bin dran? Kein Trumpf.«
Vier Gläser Weißwein. Kachoudas hatte bereits vier Gläser Weißwein getrunken – darüber vergaß er ganz, auf die Uhr zu sehen. Die Zeit, zu der er für gewöhnlich nach Haus ging, war längst um.
»Es passiert Montag.«
»Was passiert Montag?«
»Der letzte Mord. Warum Montag, weiß ich auch nicht. Bin gespannt, ob es heute oder morgen Morde gibt. Das wäre ein Indiz dafür, dass er Quatsch schreibt.«
»Der schreibt keinen Quatsch«, sagte Julien Lambert.
»Wieso sieben und nicht acht?«
»Und wieso meine Schwester, die nie jemandem etwas getan hat?«
»Vielleicht mag er alte Frauen nicht«, sagte Chantreau kehlig.
Monsieur Labbé sah ihn neugierig an, denn die Bemerkung war gar nicht so dumm. Zwar traf sie nicht exakt zu, aber dumm war sie keineswegs.
»Ist euch aufgefallen«, fuhr Caillé fort, »dass sie alle etwa in unserem Alter sind?«
Hier schaltete sich Arnould ein, der dicke Arnould von Sardinen-Arnoulds, der noch nichts gesagt hatte:
»Mindestens zwei waren dabei, die ich im Bett hatte, und eine hätte ich fast geheiratet.«
Lambert ging hoch wie von der Tarantel gestochen.
»Meine Schwester?«
»Ich rede nicht von deiner Schwester.«
Dabei wusste jeder um Madame Geoffroy-Lamberts gastliche Schenkel. Allerdings war sie so erst ab etwa vierzig geworden, nachdem sie verwitwet gewesen war, und hatte es auch nur auf sehr junge Herren abgesehen.
»Kanntest du Irène Mollard?«
»Sie war hübsch, aber schon mit siebzehn hieß es, ein Vogel sei das, den würde sich die Katze holen, so zart war sie. Sentimental wie ein Fortsetzungsroman. So sentimental, dass sie nie geheiratet hat. Ich wette, sie hat als Jungfrau das Zeitliche gesegnet.«
»Stimmt das?«, fragte man den Doktor, dessen Patientin sie gewesen war.
»Was das betrifft, hatte ich sie nicht zu untersuchen.«
»Wer hat drei Treff geboten? Bei drei Treff waren wir. Du bist dran, Paul.«
Das Café war voller Qualm, angezogen von den dicken Kugellampen aus Milchglas, die seit Kurzem von der Decke hingen. Der Senator war an seinem dritten Tisch, und an jedem gab er eine Runde aus. Fast an jedem Tisch sah man ihn ein Heft aus der Tasche ziehen, etwas hineinschreiben. Nur wenige Wähler hatten keine Forderungen, sodass Laude, als Monsieur Labbé von Weitem hinübersah, gerade sein Heft in die Jacke zurücksteckte und ihm dabei zynisch zuzwinkerte.
Früher war er der Ärmste von ihnen. Sein Vater war ein kleiner Angestellter beim Crédit Lyonnais gewesen. Der Sohn hatte die einzige Tochter einer betuchten Familie geheiratet, obwohl er nur Anwalt und Stadtrat gewesen war. Heute bewohnte er eine der dicken Villen an der Rue Réaumur, nicht weit von Madame Geoffroy-Lamberts.
»Da fällt mir ein«, sagte Monsieur Labbé, »das Haus deiner Schwester muss doch eigentlich zum Verkauf stehen, oder?«
»Willst du’s denn kaufen?«, fragte der andere ironisch. »Ist eine richtige Last, der alte Kasten. Hat ja gerade mal elf Schlafzimmer und hinten im Hof Ställe für bloß zehn Pferde. Ich versuche, ihn der Präfektur unterzujubeln, die brauchen ja immer Platz für Büros.«
»Ganz ruhig, Kleiner!«
Um ein Haar hätte Monsieur Labbé Gabriel angewiesen, dem kleinen Schneider nichts mehr zu trinken zu bringen, und bestimmt hätte Gabriel ihm gehorcht. Einen Moment lang war er beunruhigt, als Kachoudas aufsprang und es aussah, als stürze er in Richtung Tisch des Kommissars. Er ging jedoch daran vorbei und verschwand auf die Toilette.
Seine Blase? Sein Magen? Ein glücklicher Zufall wollte, dass der Hutmacher just zu diesem Zeitpunkt pausieren musste, weshalb er sich gleichfalls zu den Waschräumen begab, rein aus Neugier, denn Angst hatte er nicht.
Es war nur die Blase, und so standen sie nebeneinander vor den Kacheln, mit denen die Wand verkleidet war. Der kleine Schneider, der am ganzen Leib zitterte, war nicht in der Lage zu fliehen. Starr vor sich hin blickend sagte Monsieur Labbé nach einem Moment des Zögerns leise zu ihm:
»Ganz ruhig, Kachoudas.«
Sie waren allein. Stellte der Schneider sich vor, sein Nebenmann würde ihn erwürgen? Ohne zu lügen, hätte ihm Monsieur Labbé versichern können, dass er sein Instrument nicht dabeihatte.
Es hatte ja nie einer daran gedacht, eine Liste derjenigen Einwohner von La Rochelle aufzustellen, die Cello spielten. Allzu viele waren es ganz bestimmt nicht.
Was ihn betraf, so hatte man wahrscheinlich vergessen, dass er Musik gemacht hatte. Seit mindestens zwanzig Jahren hatte er nicht gespielt auf seinem Instrument, das auf dem Dachboden stand. Um zum Dachboden zu gelangen, musste er das Haus verlassen, den Durchgang zum Hof durchqueren und die Treppe nehmen, nach oben in den zweiten Stock. Das hatte er gemacht, denn er war nicht so unvorsichtig gewesen, eine Cellosaite bei dem Geigenbauer in der Rue du Palais zu kaufen. Zumal es nur einen einzigen in der Stadt gab. Und seit fünfzehn Jahren hatte der Hutmacher La Rochelle nicht verlassen, nicht mal, um nach Rochefort zu fahren, fünfzehn Jahre, in denen er nirgends sonst geschlafen hatte als in seinem Bett.
Auch das war niemandem aufgefallen. Die anderen fehlten ab und an bei den nachmittäglichen Zusammenkünften. André Laude fuhr nach Paris zu einer Senatssitzung und verbrachte seine Ferien auf einem Schloss in der Dordogne, das zur Mitgift seiner Frau gehört hatte. Selbst Chantreau machte jedes Jahr eine Kur in Vichy. Die Familie Julien Lambert hatte ein Häuschen in Fourras, wo sie zwei Monate im Jahr verbrachte, und der Versicherungsfritze kündigte mal an, geschäftlich nach Bordeaux zu reisen, mal verabsentierte er sich nach Paris.
Die meisten besaßen ein Auto, fuhren Bahn. Arnould, der Verfrachter, hatte vergangenen Sommer eine Kreuzfahrt nach Spitzbergen gemacht. Es gab Tage, da hatte man Mühe, für eine Partie den vierten Mann zu finden, ja mitunter musste man Leute vom Tisch der Vierzig- bis Fünfzigjährigen zu Hilfe rufen.
Einzig der Hutmacher war immer da, und daran hatte man sich so sehr gewöhnt, dass es einem überhaupt nicht mehr auffiel. Seit wann hatte er keine echte Kuh mehr gesehen, abgesehen von den Herden, die durch die Straßen zum Schlachthof getrieben wurden?
Anfangs hatte man ihn bedauert. Bedauert hatte man vor allem Mathilde.
»Wie erträgt sie das?«
»Nicht schlecht. Nicht schlecht.«
Selbst Kachoudas … Kachoudas war nach Paris gefahren und nach Elbeuf! An bestimmten Sommersonntagen fuhr er mit den Seinen ans Meer, gut, nicht sehr weit, nach Châtelaillon, und auch nur an Tagen, an denen die Straße leer wie ein Billardtisch war und man kein anderes Geräusch hörte als das Gezwitscher der Spatzen.
Monsieur Labbé war als Erster an seinen Platz zurückgekehrt. Er wusste genau, der andere würde ihm nachkommen.
»Und die drei Herz?«
»Hab fünf gemacht.«
»Du hast ein volles Spiel verpasst. Ich gebe?«
Es war sechs, und die Bauern wurden spärlicher. Die noch blieben, hatten ein Auto oder einen Lieferwagen, denn die Fuhrwerke, die längst aufgebrochen waren, mussten im Schritttempo durch den sich wieder eindickenden Nebel. Er war so dicht, selbst in der Stadt, dass, wenn die Tür zum Café aufging, er wie kalter Qualm in das Lokal wallte, weißer als der Qualm der Pfeifen und Zigarren.
Wer, der nicht zu ihrem Tisch gehörte, hätte geglaubt, dass Monsieur Labbé Flieger gewesen war? Und doch war es so gewesen, während des Kriegs von ’14. Er hatte feindliche Maschinen abgeschossen wie Pfeifen auf dem Jahrmarkt und mehrere Auszeichnungen bekommen. Er hatte in La Rochelle sogar einen Aviatik-Club ins Leben gerufen, dessen Präsident er eine Zeitlang gewesen war. Und zuvor hatte er bei den Dragonern gedient.
»Kontriere die zwei Treff.«
»Rekontriere.«
Ihm unterlief kein Fehler. Julien Lambert, der stets peinlich genau war, hatte ihm nicht das Geringste vorzuwerfen. Seine Ansagen waren korrekt, seine Impasse fast immer von Erfolg gekrönt.
Wäre es nicht das Einfachste, Kachoudas die zwanzigtausend Franc anzubieten? Leisten könnte er es sich. Er war wohlhabend. Wenn seine Hutmacherei den Bach runterging, dann passierte das, weil es ihm in den Kram passte.
Er hätte umziehen können, weil die Geschäfte sich zur Rue du Palais hin verlagert hatten, wo die Lichter und Lautsprecher des Prisunic und anderer Warenhäuser groß auftrumpften.
Selbst in der Rue du Minage war es einfach, sein Schaufenster besser zu beleuchten, den Laden zu modernisieren, die Wände und die Regale hell anzustreichen.
Nur wozu? Seine Freunde kauften selten einen Hut bei ihm, sie deckten sich lieber in Bordeaux oder in Paris ein. Er nahm damit vorlieb, ihre Hüte in seinem Hinterzimmer wieder in Form zu bringen, wobei er dann und wann den Wandschrank aufmachte, um an der Kordel zu ziehen.
»Madame Labbé ruft Sie«, sagte Valentin, als wäre er der Einzige, der die Klopfer auf den Fußboden hörte.
Monsieur Labbé zog die Brauen hoch, als er Kachoudas mit zögerlicher Stimme bei Gabriel bestellen hörte:
»Einen Cognac.«
Er hatte also beschlossen, sich volllaufen zu lassen, und wandte den Blick ab, um dem des Hutmachers auszuweichen.
Würde er später noch imstande sein, auf seinen Tisch zu klettern und nach einem Streifen Stoff zu langen, der nach Wollfett roch? Schließlich hatte er ja seinen Tisch, die an einem Draht befestigte Birne, das herabbaumelnde Kreidestück. Er hatte auch seinen Geruch, den er überall mit hinschleppte und der bloß den anderen lästig war, während er ihn bestimmt mit einer Art Wollust einatmete. Und seine Frau, immer schlampig, mit der schrillen Stimme, die er den ganzen Tag lang durch die angelehnte Küchentür hörte, die Gören, den Jungen, der nach vier Mädchen als Letzter gekommen war, die Älteste, die gewiss ab und zu schon einen Verehrer hatte.
Nicht lange, und Madame Kachoudas würde erneut schwanger sein. Erstaunlich genug, dass sie es drei Jahre lang nicht gewesen war. Oder sollte etwas in ihr drin nicht ganz beieinander sein?
Wenn sie nachher nach Haus gingen, konnte Monsieur Labbé den Schneider auf der Straße ansprechen, ihn beruhigen, ihn beschwichtigen, ihn bitten, eine Minute zu warten, und ihm zwanzigtausend Franc holen gehen. Im Schlafzimmersekretär war eine dicke Brieftasche, die mehr als das in Scheinen enthielt. Es stammte noch von Mathilde, dieses Geld, in nichts, in niemanden hatte sie Vertrauen gehabt und war vor Banken auf der Hut gewesen.
»Gabriel!«
»Ja, Monsieur Labbé. Das Gleiche?«
»Einen Cognac mit Wasser.«
Der Cognac von Kachoudas hatte ihm Lust auf einen eigenen gemacht, volllaufen lassen würde er sich aber nicht, selten in seinem Leben hatte er sich betrunken, außer als Student und während des Krieges, bevor er abhob zu einem Luftangriff.
»Ich schnappe und spiele das hohe Treff.«
Chantreau schluckte neben ihm eine zweite Pille, und Monsieur Labbé schlug dessen schlechter Atem ins Gesicht.
»Deine Frau?«
»Immer dasselbe.«
»Liegt sie sich nicht wund?«
Er schüttelte verneinend den Kopf.
»Sie hat Glück.«
Seit zehn Jahren hatte kein Arzt mehr das Haus betreten. Zu Beginn ihrer Lähmung hatte Mathilde sie noch alle konsultieren wollen, jede Woche einen anderen Arzt. Sie hatten Spezialisten kommen lassen aus Bordeaux, aus Paris. Alle möglichen Behandlungen hatte sie über sich ergehen lassen, dann waren die Priester, die Nonnen an die Reihe gekommen, und zwei Jahre in Folge war sie auch nach Lourdes gepilgert.
Alles in allem hatte dieser Trubel fünf Jahre gedauert, mit Höhen und Tiefen, Krisen voller Aberglauben, Phasen der Hoffnung und Phasen der Resignation.
»Schwör mir, dass du nicht wieder heiratest, wenn ich nicht mehr bin.«
Tags darauf nahm sie seine Hand, fürsorglich raunte sie:
»Hör zu, Léon. Wenn ich nicht mehr bin, darfst du nicht allein bleiben. Bestimmt findest du ein braves Mädchen, das du heiratest und das dir vielleicht Kinder schenkt. Du wirst ihr meinen Schmuck geben. Doch! Ich bestehe darauf.«
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