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Das Taschenlampenversteck-Spiel

Tage zuvor

September 1968

Kapitel 18

Meistens taten sich Ulli und Georgie zusammen. Schon lange ging es ihnen nicht mehr um das Spiel allein, sondern vielmehr um Sieg und Niederlage, und es ging um Ehre, um Kameradschaft und um bedingungslose Freundschaft.

Sie nahmen das Spiel todernst, was die zahlreichen Verletzungen bewiesen. Schon allein deshalb wurde ihnen das Spiel strengstens verboten. Doch sämtliche Verbote und Strafen halfen nichts. Sie spielten das Spiel immer wieder.

Allein die Gefahr, erwischt zu werden, zählte.

„Okay! Haut’ ab!“, ertönte Georgies Stimme.

Tommi, Holmi, Matjes und Kahli sausten davon.

„Wir zählen bis 50!“, rief ihnen Ulli nach.

Er grinste verschlagen, da sonst jedes Mal bis 100 gezählt wurde.

Die Gesichter dem Tor zugewandt, standen sie unten in der Tiefgaragenauffahrt und zählten langsam.

„… 47, 48, 49 … 50!“ Ein geschärfter Blick fuhr die Auffahrt hinauf und Ulli fragte: „Wer geht?“

„Ich. Bleib du hier … und pass’ auf Holmi auf. Der wird immer besser.“

„Kein Problem, hier kommt keiner durch.

Sie berieten sich bewusst leise, um nicht womöglich vom Dach über ihnen belauscht zu werden. Die Tiefgaragenauffahrt war zur Hälfte überdacht und dieses Vordach bot ein oft genutztes, ideales Versteck, von wo aus man jedoch auch überraschend angegriffen werden konnte. Holmi zog diese Variante besonders gerne vor.

Längst hatte sich die Dämmerung verabschiedet und faltete feuchtneblige Dunkelheit über die Siedlung aus. Ihr Glück war, dass drei der sieben Laternen im Mozartweg defekt waren. Das war natürlich vorteilhaft.

„Okay … wie letztes Mal“, rannte Georgie die Auffahrt hinauf, bog nach rechts in den schmalen Verbindungsweg, der den Mozartweg kreuzte, vorbei an den geparkten Autos. Dann hechtete er über die Hecke des ersten Reihenhauses im Schubertring, rollte über die Schulter ab, nutzte den Schwung und setzte zu einem beispielhaften Hechtsprung an, der ihn hinter einen bauchigen Holunderbusch beförderte. Gestochen scharf schoss ein eiskalter Blick nach rechts und links, während er auf den Knien hocken blieb.

Einen Moment später stürmte Ulli los, jedoch rechts entlang, den grasbewachsenen Abhang hinauf, über die niedrige Hecke hinweg auf den schmalen Sandweg.

Hinter den seitlich angelegten, dichten Büschen legte er sich im Schutze der Dunkelheit auf die Lauer.

Jedes Mal wurden drei Teams gebildet. Es gab die Jäger und die Läufer. Die Teams formierten sich jeweils zu zweit, aber längst waren die Partnerschaften, wer mit wem losrannte, festgelegt.

Der Ausgangspunkt war zugleich auch das Ziel. Ein Anblinken mit der Taschenlampe direkt von vorn hieß, man war gestellt. Jedoch hatte der Gejagte die Möglichkeit, noch vor dem Jäger das Ziel zu erreichen.

Bei einem alles entscheidenden Wettlauf gab es einen Abzug von nur einem Punkt. Für einen unbemerkten Zielsprint gab es dagegen gleich drei Punkte. Die Gejagten konnten sich also für zwei Alternativen entscheiden, um ihre Punkte zu machen: sich lange genug verstecken und im geeigneten Moment zurück zum Ziel schleichen oder nach dem Anblinken einen Alles-oder-nichts-Sprint hinlegen.

Das Jägerteam dagegen konnte mehr Punkte machen, da sie gegen zwei Teams kämpften. Für jeden angeblinkten Wolf, so nannten sie die Gejagten, gab es schon einmal einen Punkt.

Schaltete man den Wolf aus, indem man ihn hinderte, dass Ziel zu erreichen, gab es einen weiteren Punkt. Damit jedes Team einmal Jäger war, hatte das Spiel drei Durchgänge.

Hart und bedingungslos wurde um die Punkte gekämpft. Den Gegner durfte man anschleichen, erschrecken, antippen, anblinken, jagen und wenn nötig, gewaltsam zu Boden reißen oder einfach ganz umhauen, somit also ganz ausschalten. In derartigen Spielphasen wurden die meisten Büsche und Hecken oder gerade frisch angelegte Beete zertreten. Das Umhauen war Holmis Spezialität. Tommi dagegen versteckte sich lieber, um sich dann im geeigneten Moment dem Ziel zu nähern. Matjes zog den geplanten Zieleinlauf vor, ebenfalls wenn möglich, ohne vorher angeblinkt zu werden, da er nicht so schnell rennen konnte. Kahli suchte den hinterhältigen Angriff, indem er den Jäger vom Ziel weglockte, ihm auflauerte, von hinten überwältigte und dann erst zum Ziel durchstartete … Dadurch konnte sich der Gejagte nämlich noch einen Bonuspunkt holen.

Das Spiel festigte Härte und Geduld, aber auch taktisches Geschick. Spielerisch wurden ihre Gerissenheit und ihr Ideenreichtum verfeinert. Es festigte den kameradschaftlichen Zusammenhalt. Sie lösten sich von normalen Ängsten. Ängste vor der Dunkelheit oder vor einem feigen Hinterhalt. Sie lernten, schnelle Entscheidungen zu treffen. Aber das Wichtigste war: Sie lernten, zu verlieren und zu gewinnen.

Weiter drüben tat sich etwas, etwa im vierten Vorgarten, nahe der umzäunten Terrasse. Soeben hatte sich dort ein Busch bewegt. Georgie konnte noch nicht ausmachen, wer sich dahinter verbarg, aber lange brauchte er nicht warten, denn ein Wolf durfte nicht länger als vier Minuten in einem Versteck bleiben. So sollte das Spiel noch interessanter gestaltet werden und da Georgie nichts mehr hasste, als im entscheidenden Moment zu weit vom Wolf entfernt zu sein, zog er immer den Überraschungsangriff vor.

Geschmeidig verließ er den bauchigen Holunderbusch, ließ aber das Zielobjekt nicht aus den Augen. Seine Sinne waren auf das Umfeld ausgerichtet, wie auch der gestochen scharfe Blick aus einen dritten Auge im Hinterkopf … Jede Bewegung hätte er registriert.

Diese Gabe konnte er sich nicht erklären, verstand sie aber schon seit langer Zeit zu nutzen.

Seine innere Stimme sagte ihm, dass Matjes dort hinter dem Busch hockte und sie hatte Recht. Für einen Moment zeigte Matjes seine gewellte Haarpracht.

Dieser Punkt war ihm so gut wie sicher.

Mit Matjes’ Untergang wollte er sich einen guten Start verschaffen.

Wider Erwarten kam es anders. In dem Augenblick, als er losstürmen wollte, traf ihn von hinten ein stumpfer Gegenstand. Er wurde buchstäblich niedergemäht.

„Matjes! Ich hab ihn! Hau’ ab!“

Während sich Georgie gekrümmt abrollte, erkannte er noch Kahlis Stimme. „Los, lauf! Ich halt ihn auf“, rief Kahli seinem Partner zu.

Ab jetzt ging alles furchtbar schnell.

Georgie war sauer über sich selbst. Sein Rücken schmerzte entsetzlich. Er hätte ihn unbedingt hinter sich bemerken müssen. Ein Scheißfehler … Wie konnte mir das passieren?

Mit einem handlichen Knüppel baute sich Kahli breit grinsend vor ihm auf: „Dumm, was, Arschloch? Damit haste nich’ gerechnet, hä?“

Georgie antwortete nicht, sondern handelte stattdessen kurzentschlossen und präzise. Eine vorgetäuschte Schulterbewegung veranlasste Kahli, den Knüppel noch einmal zu schwingen, aber noch während er ausholte, ließ sich Georgie halb nach rechts fallen und verpasste ihm einen Fußtritt. Kahli wusste nicht, wie ihm geschah.

Der Fuß traf ihn hart in die rechte Rippengegend, als er gerade nach links ausholte. Seinem eigenen Schwung folgend, warf es ihn zurück in den Busch, hinter dem er zuvor herausgesprungen war.

Ein gepresstes „Oooh!“ entwich seiner Luftröhre. Dann sackte er kraftlos zusammen.

Georgie rappelte sich auf. Mit gezogener Taschenlampe ging er auf Kahli zu, blinkte ihn zweimal an und sagte mit ruhiger Stimme: „Und raus bist du.“

Längst war Matjes hinter dem Busch hervorgetreten. Es war nicht schwer, die Lage richtig zu erfassen. Im Schutze der Tannen und Hecken rannte er dem Ziel entgegen, nichtsahnend, woher ihn sein Untergang auf die Knie zwingen würde.

Siegessicher und dennoch gebückt kam er den schmalen Verbindungsweg herauf, der zur Tiefgarage führte. Doch bevor er sie erreichte, schlug der Jäger zu.

Seitwärts der Auffahrt sprang ihm Ulli entgegen und schrie: „Matjes, Vorsicht!“

Abrupt stoppte Matjes. Er fuhr herum. Wie ein im Scheinwerferlicht erschrockenes Rehkitz erstarrte er zu Stein, bis zwei Füße ihn brutal von den Beinen rammten.

Auch Ulli kam zu Fall, rollte sich aber ab. In der nächsten Sekunde stand er mit den Worten vor Matjes: „Na, Bruderschmerz? Wo wollte es denn mit dir hin?“

Matjes konnte nicht mal einen natürlichen Wehlaut auszustoßen, stattdessen hielt er die Arme vor die Brust gepresst. Er röchelte. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg. Sein Gesicht schien blau anzulaufen und wie in Panik riss er die Augen weit auf.

Ulli blieb beherrscht. Er bückte sich zu ihm hinunter und drehte ihn auf den Bauch. Mit voller Wucht schlug er ihm auf den Rücken, sodass Matjes sofort schluckte, wie ein Fisch nach Luft schnappte und hustete.

„Hee, hee, hee … Geht’s wieder? Sag was!“, dabei hob er ihn am Bauch hoch. „Na, wie war ich?“

Es dauerte ein paar Minuten, bis Matjes klar denken, geschweige denn Luft holen konnte, doch ein du Arsch brachte er sofort heraus.

„Okay, ja, dann kann ich ja wieder los …“, entgegnete Ulli lachend, „ach ja … du bist raus!“, zückte seine Taschenlampe und blinkte ihm zweimal ins Gesicht.

Diesmal wollte Tommi anders vorgehen und nicht wie sonst in einem Versteck abwarten, um am Ende dann doch angeblinkt zu werden. Er war von der gegenüberliegenden Seite durch die ersten Vorgärten gestrichen, hatte Matjes’ Fall beobachtet und daraufhin seine Schirmmütze in Kampfstellung gebracht.

Dichter als je zuvor war er dem Ziel jetzt nahegekommen.

Begleitet von einem Urschrei brach er heraus aus seinem Versteck. Ulli hatte keine Chance.

Gerade, als er sich von Matjes wegdrehte, rammte ihn Tommi mit grober Wucht beiseite. Wie ein abgeschossener Pfeil flog er die Rasenböschung hinauf. Er stampfte mit ausgebreiteten Armen die Auffahrt hinunter und prallte dumpf gegen die Garagentür, sodass alles im Umkreis zu beben schien. Kurz taumelte er, schrie dann aber ebenso laut: „Ziel! Und Sieg! Ha, ha, ha!“

Sichtlich angeschlagen kam Kahli den Mozartweg herauf. Er und Matjes ließen sich am Fuße der Böschung nieder und leckten gemeinsam ihre Wunden. „Du Arsch!“, stöhnte Ulli schmerzverzerrt, während er seine Taschenlampe suchte. Bei dem Stoß war sie im hohen Bogen davongeflogen.

„Das hat wehgetan, Mann!“

„Was soll ich denn sagen?“, krächzte Matjes schroff.

Kommentarlos nickte Kahli. Er streckte sich, indem er die Arme hochhielt.

Tommi schnappte gierig nach Luft, während er die Auffahrt hinaufhumpelte: „Jedenfalls hab ich die drei Punkte geholt! Nur darauf kommt’s an.“ Auch er hatte sich verletzt.

Schwer ließ er sich neben Kahli ins Gras fallen.

Die Regeln besagten, dass der letzte Wolf – in diesem Fall Holmi – von beiden Jägern gejagt werden musste, damit er die Chance auf einen freien Zielsprint bekam.

Angeschlagen hastete Ulli davon, stieg über die Hecke, die den Verbindungsweg abgrenzte, und verschwand im Dunkel der ersten Hausreihe.

Holmi beobachtete das Ganze aus der ersten Reihe. Gleich zu Beginn des Spiels war er um das hohe Mietshaus neben der Tiefgarage gerannt, war über den Stacheldrahtzaun gehechtet und von dort auf das Flachdach der Garage geklettert. Dann robbte er so weit vor, um unmittelbar über die Garagenauffahrt zu gelangen. Auch er sah, in welche Richtung Ulli verschwand, also rutschte er zur Mitte des Daches zurück und verließ es auf der Rückseite, wo er sich hinter einer langgestreckten Tannenhecke versteckt hielt.

Er wollte Ulli gebührend in Empfang nehmen.

Von seinem Versteck aus konnte er den Steinplattenweg, der zum Spielplatz führte, gut überblicken. Zwar durfte ein Wolf nur vier Minuten in einem Versteck verweilen, aber er ging davon aus, dass das jetzt niemand mehr kontrollieren würde. Die Taschenlampe seines Vaters hielt er fest im Anschlag.

Sein Plan nahm dann aber doch einen völlig anderen Verlauf.

Einige Minuten schleppten sich dahin, bis ein grelles Licht plötzlich im Kellereingang hinter ihm losbrannte. Das Licht verwandelte sein Versteck in eine helle Bühne und gleichzeitig wurde die Kellertür aufgerissen. Im nächsten Augenblick erschien der alte Possack mit einem Besen bewaffnet. Er stürmte die Stufen hoch und schrie: „Hab’ ich dich endlich, du Strolch!“ Er schrie so laut und schrill, dass seine Stimme brach.

Wie von einer Giftschlange gebissen schreckte Holmi herum, stolperte über den linken Fuß und fiel rücklings in die Tannenhecke.

„Wirst du wohl hier bleiben! He, he, he … halt! Hier geblieben!“

Mit aller Kraft drückte sich Holmi durch das Tannengeäst, strampelte und fiel wenig später auf den Steinplattenweg, wobei er die Taschenlampe seines Vaters verlor. „Scheiße, verdammt!“

Rücksichtslos stocherte Possack mit dem Besenstil hinter Holmi her, blindlings hinein in das Tannengeflecht, doch er traf nur Äste.

Dann entdeckte er die Taschenlampe und gerade, als er sich nach ihr bücken wollte, wurde er mit nur einem Fußtritt auf den Hinterkopf brutal zur Seite gestoßen. Im selben Moment griff sich Holmi die Taschenlampe, rappelte sich auf und stürzte los.

Er nahm geradewegs den Weg zurück zum Schubertring.

„Aaah!“, gellte es durch die feuchte Abendluft und der alte Possack sackte mit dem Kopf zuerst in die Tannenhecke. „Ihr teuflisches Gesindel … aah, aah!“, stöhnte er wild mit den Armen fuchtelnd. „Ich werd’ Euch schon noch kriegen!“

Für die Jungs bedeutete der alte Possack keine wirkliche Gefahr, obwohl er schon seit einigen Abenden auf der Lauer lag, um endlich einen der Übeltäter zu erwischen, die seine Beete zerstörten. Er war ein weißhaariger, hagerer Mann, klein, aber drahtig. Seitdem seine Frau vor knapp zwei Jahren verstorben war, hatte er nicht mehr viel, für das es sich zu leben lohnte. Die Beete waren eine der letzten Erinnerungen an sie, deshalb verteidigte er die Blumen und Pflanzen so vehement.

Durch die Tannenhecke hatten Georgie und Ulli alles verfolgt und im letzten Moment war Georgie seinem Freund zu Hilfe gekommen.

Ohne sich um den alten Possack zu kümmern, sprangen sie über ihn hinweg und rannten zum vorderen Gartenbereich, sprangen über die Hecke, dann nach links zum Schubertring, wo sie Holmi noch entdeckten, wie er davon sprintete, als würde er von tausend räudigen Hunden gehetzt. Sie sahen sich nur an und entschieden, ihn für heute laufen zu lassen.

Stolz holte sich Holmi die drei Punkte.

Hürden an der Mauer

4. September 1968

– 20:30 Uhr –

Kapitel 19

Gespannt klebten sie an seinen Lippen, denn das, was er ihnen anvertraute, klang nicht nach einem ihrer zahlreichen Abenteuer: Klingelstreiche, Leute erschrecken, Cowboy und Indianer spielen. Oder das verbotene Taschenlampenversteckspiel. Das hier klang gefährlich und furchtbringend. Es klang sogar befremdlich, es klang unfassbar.

„Ich hab Euch nie davon erzählt, weil es ’raus aus meinem Kopf war“, fuhr Georgie fort, während er sich zurücklehnte. „Ich hab noch einen Freund. Kessie. Der wohnt noch da … da, wo ich früher gewohnt habe … Wir haben Scheißdinge beobachtet“, finster ließ er den Blick über ihre Gesichter wandern, die noch enger zusammengerückt waren und obwohl es nicht kalt war, fröstelte ihnen.

Georgie erzählte von dem uniformierten Mann und den scheußlichen Viechern, von den Bunkern und den alten Baracken. Er erzählte von der Mauer. „Der hat Leute weggeschafft und wir … wir sind ihm nach … Zum Glück hat er uns nie bemerkt.“

Ulli traute sich, Georgies Erzählung zu unterbrechen: „Wieso?“ Sein Kopf richtete sich auf. „Habt Ihr den denn öfter gesehen? Und wann war das überhaupt?“

„Vor vier Jahren.“

„Komm’ schon, da warst du gerade Mal acht, Mann“, errechnete Matjes scharfsinnig, doch sein Blick verriet Unbehagen.

Zweifelnd streute Kahli ein: „Ja, genau, vielleicht habt Ihr Euch das alles nur eingebildet.“

„Nein, nein, so einfach geht das nich’ … Wir waren immer zu zweit und wir haben den uniformierten Mann fast jedes Wochenende gesehen … fast ein halbes Jahr lang!“, wehrte Georgie entschieden ab, während er vom Kommandositz herunterglitt.

Natürlich hatte er den zweifelnden Unterton in Kahlis Einwand registriert, doch er überhörte ihn. Sein Blick ging zur Ohechaussee.

„Ja, aber wenn das alles stimmt, dann müssen das doch auch andere gesehen haben“, überlegte Holmi und verlagerte sein Gewicht. „Hat man denn niemanden vermisst?“

„Nein, irgendwie nicht, aber die Leute … das waren Männer und auch Frauen … die hatten immer so ’ne Art Sträflingsklamotten an … so gestreifte eben … Und wenn die Hunde sie vorher noch gejagt haben, dann …“

„Hee, hee … nun warte mal“, lenkte Matjes entschieden ein. „Du willst doch wohl nicht behaupten, dass die Hunde …?“

„Doch, verdammt! Das uniformierte Schwein hat immer erst die Hunde losgelassen und die haben dann die Menschen in den gestreiften Klamotten gejagt und regelrecht gerissen“, Georgie sah zur Seite in die Dunkelheit. Er atmete tief durch, bevor er leise fortfuhr: „Danach hat der Kerl die Leichen auf so ’ne Art Leiterwagen gehievt und weggekarrt … und andere Männer mussten ihm dabei helfen.“

„Leichen? Und … und wohin?“

„Ja, Mann, die waren dann tot … weiter hinten rein ins Werk … in der Nähe des letzten Bunkers. Da haben sie sie einfach in eine große Grube geworfen.“

„Och, nun hör’ aber auf!“, entrüstete sich Kahli. „Bunker … ’ne Grube! Gleich erzählst du uns noch, dass da auch Bomben gefallen sind und die große Grube eigentlich’n Massengrab war … Das glaub’ ich nich’!“ Sein Blick löste sich von den anderen, ohne dass sich seine Beine bewegten. Er richtete sich nur auf, stand kerzengerade da, während sein Blick sich tief in Georgies Gesicht fraß.

„Was für ’ne Uniform?“, fragte Tommi.

Georgie wandte sich wieder in die Runde und versuchte, die Uniform als eine aus dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiben.

„Und der Typ sieht richtig scheiße aus … Eine Gesichtshälfte ist wegerissen, die andere Hälfte ist irgendwie verbrannt.“

„Hee, jetzt übertreibst du aber echt!“, schlug Kahli zurück, während die anderen mit einem gewaltigen Schrecken kämpften.

„Hee, Mann … auch wenn du das jetzt noch nicht glauben willst.“ und er richtete den Zeigefinger auf ihn, „schon bald kannst du ihn dir mit deinen eigenen Augen angucken!“

„Nein, nein, ich glaub’ nich’, dass du übertreibst“, ergriff Holmi Partei, „aber woher weißt du das mit der Uniform …?“ Eine drehende Handbewegung unterstrich seine Frage: „Na ja, dass sie aus dem Zweiten Weltkrieg ist?“

„Hab nachgesehen in einem Buch von meinen Opa … über die Wehrmacht im dritten Reich.

Ich hab sie verglichen mit dem, was ich mir merken konnte.“ Jetzt sah er alle der Reihe nach an. „Das ist die Uniform eines Blockführers in einem Straflager oder einem KZ-Lager. Der ist so ’ne Art Wärter.“

„Spinnst du uns echt nichts vor?“, schwankte Kahlis Unglaube bereits beachtlich, obwohl ihm nicht entging, dass die anderen längst überzeugt waren und bereit waren, mit Georgie das Gelände jenseits der besagten Mauer zu erkunden.

„Ihr könnt mir glauben oder es sein lassen … Ich weiß, was ich gesehen habe. Das mit der Uniform weiß ich erst seit ’n paar Tagen.“ Er sah zu Boden. „Ich hatte das alles echt vergessen … ein paar Jahre. Komisch, oder?“

„Das ist nich’ dein Ernst“, hielt Kahli dagegen, „so etwas vergisst man doch nicht!“

„Da hat Kahli aber recht“, pflichtete ihm Matjes bei.

„Ich kann mir das ja auch nicht erklären. Vor einigen Tagen hatte ich diese Erinnerungen und ich habe von jemanden noch andere Dinge erfahren.“ Er wies dabei mit der Hand hinter sich. „Bis vor einigen Tagen hatte Kessie auch alles vergessen und erst jetzt erinnert auch er sich so langsam wieder.“

„Und von wem hast du noch was erfahren?“, fragte Holmi.

„Das ist jetzt nicht wichtig“, ließ Georgie den Blick schweifen. Bei der Antwort kreuzten sich flüchtige Blicke, die erfüllt waren mit Verständnislosigkeit.

Kommentarlos nahmen sie aber dennoch die Antwort entgegen.

Jetzt wandte sich Georgie ab und sagte: „Okay, dann lasst uns gehen … Es ist gar nicht mal weit weg.“

Wortlos überquerten sie die Ohechaussee, gingen die Straße hinunter, die zur Tarpenbek führte.

Plötzlich blieb Georgie stehen und sagte mit fester Stimme: „Eins müsst Ihr noch versprechen, bevor wir dort ankommen … Ihr dürft das alles niemals weitersagen!“

Mit einer leichten Kopfbewegung deutete er hinter sich: „Wenn es mit Euch klappt, ist das unser Geheimnis. Und egal, was passiert, wir müssen da drinnen auf alle Fälle zusammen bleiben!“, sein Blick hätte töten können, „Ist das klar?“ Er hob die rechte Hand: „Schwört auf alles, was Euch heilig ist!“

Automatisch riss Ulli die Hand hoch: „Okay, Mann! Reg’ dich ab … Ich schwör’!“

Auch Tommi und Holmi hoben die Hände. Etwas zögerlich sah Matjes die anderen an, hob dann aber ebenfalls seine rechte Hand: „Ja, ja, ich schwör’.“

„Kahli! Was ist mit dir? … Du auch!“, forderte ihn Georgie auf.

„Was soll denn das?“, wollte Kahli abwinken, wurde jedoch von den anderen mit spitzen Blicken beschossen, wobei ihn Holmi mit der flachen Hand vor die Brust stieß: „Los, hee … Komm’ … Du auch!“

Er wankte, trat einen Schritt zurück, hob dann aber doch die rechte Hand. Widerwillig sagte er: „Wenn Euch das was gibt, okay … ich schwör’!“

Kurz darauf traten sie auf die große Wiese nahe der Tarpenbek. Ein künstlich angelegtes Flussbett, das sich etliche Kilometer weiter nach Süden Richtung Hamburg schlängelt, um irgendwann in die Alster zu münden.

An der Stelle, wo sie das Flussbett überqueren wollten, war es etwa einen Meter fünfzig breit. Einige Meter weiter rechts verschwand es in einem Tunnel direkt unter dem Bahngelände. Die Böschung erwies sich als steil und uneben. Zudem war sie an vielen Stellen von dichtem Gestrüpp übersäht. Zuvor waren die Jungs noch nicht an diesem Ort gewesen, da sich jenseits der Tarpenbek das Kinderheim befand. Das wussten sie. Dort waren die schwer erziehbaren Kinder.

Von dem verwilderten Gelände ging etwas Unheimliches aus. Außerdem kursierten die fürchterlichsten Gerüchte über das Heim und deren Insassen. Haushohe Bäume und dichtes Gestrüpp verdeckten ihnen die Sicht auf das Gebäude und hin zur Tarpenbek war die Mauer des riesigen Geländes größtenteils zerstört.

Dichtes Buschwerk, Rosenranken und große Brennnesselstauden machten das Eindringen unmöglich, ein Ausbruch war hingegen durchaus vorstellbar. Selbst am Tage wirkte der Ort unheimlich.

Georgie blieb am Rand der Böschung stehen und leuchtete zum Wasser hinunter, dann schwang er die Taschenlampe und sagte leise: „Ihr müsst viel Anlauf nehmen und springen, so weit Ihr könnt“, dabei leuchtete er noch einmal hinunter und ließ den Lichtstrahl kreisen, von welcher Stelle aus gesprungen werden sollte. Dort war die Böschung relativ eben. Ansatzlos stürmte er hinab, flog über das Wasser und kletterte drüben wieder hinauf. Alle Taschenlampen leuchteten ihm.

Es sah leicht aus.

„Na los, das ist nicht schwer“, stieß Georgie heraus, „Ulli, komm’! Du als nächster!“

Ulli zögerte nicht lange, rannte hinunter und sprang, sofort folgte ihm Holmi und dann Kahli.

Zurück blieben Matjes und Tommi.

Mit der Hand schob Tommi Matjes vor und stieß ein „Los!“ durch den Mundwinkel: „Du zuerst. Nun mach’ schon.“

„Ich weiß nich’ … Ich kann das so schlecht einschätzen.“

Von der anderen Seite riefen Kahli und Holmi, sie sollen sich beeilen.

Fünf bis sechs Sekunden vergingen, bis Matjes den Abhang hinabstakste, am Ufer aber stoppte, um gleich darauf zum Sprung anzusetzen. Er schaffte es.

Als er die Böschung hinaufkletterte, zitterten ihm die Knie, aber er ließ es sich nicht an merken. Wohlwollend nahmen sie ihn oben in Empfang. Die Körperfülle hinderte ihn daran, einen voreiligen Entschluss zu fassen, doch Tommi wollte nicht als Versager dastehen. Automatisch wanderte seine Hand hinauf zur Schirmmütze. Er schob den Schirm tief in den Nacken, leuchtete ein letztes Mal zum Wasser, dann stürmte er los. Die Vibration war auf der anderen Seite zu spüren.

Trotz seiner Anstrengung erreichte er nicht die nötige Geschwindigkeit. Mit beiden Schuhen landete er im flachen Flussbett, wobei das Wasser Fontänen gleich an ihm hoch und in alle Richtungen spritzte.

Durch den Schub seines Gewichts kippte er vorn über, kniete wie zum Gebet nieder und brachte nur ein „Ooh, Scheiße … verdammt!“ aus seiner luftarmen Kehle. Schon wollte sich ein Asthmaschub ankündigen, doch den kämpfte er gnadenlos nieder.

Niemand lachte. Sie bissen sich nur fest auf die Lippen.

„Iiiihhhhgiiiiitt!“

Ulli konnte nicht länger an sich halten: „Nun mecker’ mal nich’, mein Bester … Ein Satz nasse Ohren ist unangenehmer.“ Er kam lachend die Böschung heruntergeklettert, um seinem Freund zu helfen. „Na, wie ist das Wasser? Nicht zu kalt?“

„Halt’s Maul. Das ist nicht witzig!“

Jetzt endlich prusteten alle ihre Lachsalven heraus.

Aber auch Georgie kam Tommi zu Hilfe. „Hee, Mann, das war doch großartig, du hast es geschafft!“, versuchte er ihn aufzubauen, „Das bisschen Wasser steckst du doch locker weg … aber jetzt lasst uns verschwinden hier.“

„Oh, Mann, ist das ein ekliges Gefühl … Ich bin nass bis auf die Socken!“

Sie kletterten über den mannshohen Zaun, der das Bahngelände umschloss, und Georgie forderte seine Freunde auf, die Taschenlampen auszuschalten: „Ab jetzt kein Licht mehr, das könnte uns verraten!“

Fades, gelbliches Licht flutete von den abgestellten Zügen herüber – genug jedoch, um sich auf dem Bahngelände zurechtzufinden.

„Georgie, wie weit denn noch?“, wollte Tommi wissen, da er sich in den nassen Schuhen schrecklich fühlte.

„Hier noch rüber … und dann sind wir bei der Mauer“, seine Hand zeigte geradeaus, „von hier aus kann man sie noch nicht sehen.“

Wieder ging er voran.

Bedingungslos folgten sie, staksten durch gelb eingefärbtes Gestrüpp.

Natürlich ist es strengstens verboten, sich unbefugt auf dem Bahngelände aufzuhalten, und ganz besonders zu einer Uhrzeit wie dieser.

Es war die Gefahr, die sie antrieb … Gefahr, die man im Nacken spürte, wenn man jeder Zeit erwischt werden konnte.

Plötzlich spukte ein Name in Georgies Kopf umher … EBLING … Verdammt! Was soll das sein … EBLING! Ich hab’ den Namen schon mal gehört … Aber wann? Er konnte sich nicht erinnern. Das ergibt doch keinen Sinn! Was zum Teufel ist EBLING?

Bleierne Gedanken machten ihn um einige Kilos schwerer, während er voranging, einem unscheinbaren Pfad folgend. Auf jeden Fall hatte der Name etwas mit dem Werk zu tun.

Seit einigen Nächten träumte er von schlammigen Schuhabdrücken, die er auf dem Betonboden im WILKONS-Gebäude entdeckt hatte. Sie flößten ihm ungeheure Angst ein.

Auch Tante Irmtraut kam in den Träumen vor, obwohl das eher angenehme Bilder waren. Sie war es, die ihm von den letzten Unfällen im Werk erzählte und davon, dass sie einfach nicht aufgeklärt werden können. Das wäre dort immer wieder passiert … all die Jahre … schon seit dem Krieg.

Vor fünf Tagen hatte er Tante Irmtraut zuletzt gesehen.

Anschließend war er mit dem Fahrrad sofort zu Kessie gefahren und erzählte ihm von den Träumen. Er erfuhr, dass auch Kessie solche Träume hatte. Noch in derselben Stunde machten sie sich auf den Weg, schlüpften durch den Geheimgang und kurz darauf hatten sie ein schauerliches Wiedersehen mit dem Uniformierten.

Das allein war nicht so schlimm … Das Schlimme war, dass sie erneut Zeugen wurden von grauenvollsten Dingen und diesmal war der Uniformierte imstande, auch sie wahrzunehmen.

Er hetzte sogar die Hunde auf sie. Sie mussten um ihr Leben rennen. Und nur um Haaresbreite entkamen sie. An diesem Tag entschieden sie sich für absolutes Stillschweigen.

Das war bislang ihr größtes Geheimnis.

In seinen Überlegungen fasste Georgie einen kühnen Entschluss: Jetzt wollte er mit seinen Freunden dorthin zurückkehren, um zu testen, um zu sehen, was geschehen würde.

Wenn er auf den Uniformierten träfe, würde er auch seine Freunde sehen können? Wäre das fahrlässig?

Träge Stille bedeckte das Bahngelände, obwohl die aufmerksamen Augen der Jungs wieder und wieder hinüber zum Ochsenzoll-Bahnhof schossen, deren Ein- und Ausgänge deutlich zu erkennen waren. Gespenstisch gähnten darunter die Tunnelschächte, aus denen alle zehn Minuten die U-Bahnen grollend herauswuchsen. Dann beschleunigten sie erstaunlich schnell, während sie die leichte Anhöhe bezwangen, auf der sich das riesige Gelände ausrollte.

Etwa dreihundert Meter war der Bahnhof von ihnen entfernt.

Zuerst kamen die Scheinwerfer zum Vorschein. Schräg stachen sie aus dem Tunnel heraus, dann erst tauchte die U-Bahn auf.

Mit einer unscheinbaren Kopfbewegung und einem leisen „Hier“ deutete Georgie hinüber auf die Schienen: „Tote Gleise heißen die.“

Die Jungs erschraken, als sie Georgies Stimme hörten.

„Mann, hast du mich jetzt verjagt“, Ulli atmete tief ein und stieß die Luft mit einem „Puuh!“ wieder aus. Er wischte sich über die Stirn, ohne dabei die Kapuze nach hinten zu schieben.

Die letzten Minuten hatten sie nicht gesprochen, hatten mit den eigenen Gedanken zu tun. Jeder für sich und jeder war auf der Hut, war bereit zum Kampf.

Enge Gehsteige zogen an den Gleisen entlang und schwache Laternen bedeckten die Züge mit diesem feucht-diesigen Gelbstich. In gezerrten Fetzen hing der Nebel schwer über den Gleisen und es war nicht möglich, nach rechts weiter als zehn Meter zu sehen.

Nur zum Bahnhof blieb die Sicht erstaunlicherweise frei.

Von den Zügen drang ein ständiges, elektrisches Summen herüber und drückte dem eingefärbten Gelände einen dämonischen Stempel auf, was den Kampfgeist der Jungs nicht gerade stärkte.

Georgie bestieg den Steinwall und blieb vor einer der Stromschienen stehen. Die Jungs blieben am Zaun zurück.

„Hee, was ist?“, fragte Kahli, der sich ein paar Meter vorgewagt hatte. Er lauschte, war dermaßen gespannt, dass er sogar seinen eigenen Puls pochen hörte.

Plötzlich fingen die Gleise an zu summen. Oder war es die Stromschiene direkt vor Georgies Füßen? Kahli war sich nicht sicher. Mit einem riesigen Schritt wich er zurück und riss dabei Holmi und Ulli mit, die rechts und links hinter ihm standen. Rücklings strauchelten sie dem Zaun entgegen, fielen auf die anderen, die am Zaun hockten und pressten sich allesamt tief in dem Maschendraht.

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954 s. 8 illüstrasyon
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9783991075400
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