Kitabı oku: «Kettenwerk», sayfa 3
Erscheinungen
Irgendwann 1960
Kapitel 3
Bis dahin schlug er sich als Berufsmusiker durch, aber nach Georgies Geburt entschied er sich für einen ordentlichen Beruf. Manfred Kirchner ging zurück in seinen erlernten Beruf und heuerte bei PHILIPS als Feinmechaniker im Versuchslabor für Elektronik an.
Georgies Mutter verließ das Theater und nahm eine freie Stelle bei der ILLOCA an, später wechselte sie zu WILKONS, wo man ihnen eine kleine Werkswohnung anbot, die sie natürlich sofort nahmen.
Zwei Zimmer und eine Küche.
Als Künstler lebten sie jahrelang aus ihren Koffern. Jetzt aber hatten sie endlich eine feste Bleibe. Die Räume lagen im Tiefparterre, was nicht weiter schlimm war, und als Georgie größer wurde, erhielten sie noch zwei weitere Zimmer ohne eine Mieterhöhung. Das größere Zimmer wurde das Wohnzimmer und bot Platz für ein riesiges Aquarium und Georgie bekam eine Mickey-Mouse-Tapete.
Allerdings lagen die Zimmer nicht beieinander. Sie gingen weit verstreut von einer großen Pausenhalle ab und von einem weiter hinten gelegenen Flur. In der Pausenhalle stand eine Tischtennisplatte, die mittags regelmäßig von den Arbeitern verdroschen wurde. Dort stank es ewig nach beißendem Männerschweiß.
Eine meterlange Reihe Spinds zog sich im hinteren Flur entlang. Linkerhand war das Zimmer seiner Schwester, gegenüber das Wohnzimmer. Der Betonboden glänzte in weinrotem Lack und sah immer aus, als würde ihn eine unscheinbare Wasserschicht bedecken.
Für Georgie waren diese großen Flure völlig normal. Er kannte es nicht anders.
Er konnte dort Fußballspielen, Dreiradfahren und Wettlaufen und er konnte sich verstecken und sich jederzeit unsichtbar machen, wenn er es darauf anlegte.
Doch die Flure verbargen auch eine für ihn bislang unbekannte Schattenseite, eine schwarze Seite, die man auch am Tage spüren konnte, wenn man die Gabe hatte.
Die Pausenhalle sowie die hinteren Flure waren fensterlos. Tageslicht huschte lediglich hinein, wenn Türen geöffnet wurden oder mal offen standen.
Seine Angst wurde schlagartig gemästet, als er herausfand, dass ein unheimlicher Mann, dessen Werkstatt im hinteren Gebäudeteil lag, nachts oft durch ein Fenster einstieg, um dort seinen Rausch auszuschlafen. Er war eine scheußliche, gruselige Erscheinung, die abnorm nach Alkohol stank und deutlich das rechte Bein nachzog.
Seine spärlichen Haare glänzten gelbgrau, der Bart war spakig, das Gesicht vernarbt und seine aufgequollene Nase glühte puterrot. Hinter der dicken Hornbrille verschanzten sich geschlitzte Katzenaugen. Die verbogene Körperhaltung tat das Übrige, um der Erscheinung eines missratenen, fetten Molchs großen Ekel entgegenzubringen.
Ständig schlich er im Dunkeln umher und immer trug er diesen spakigen, grauen Arbeitskittel.
Bis zu der verhängnisvollen Nacht, in der Georgie, von einem angstbeladenen Traum gewürgt, schweißnass schreiend aufwachte und ihn sofort ein massiver Druck auf der Blase überfiel, was die bedrohliche Frage aufwarf: Toilette oder Pinkelpott?
Die Toilette befand sich im finsteren, hinteren Flurbereich und obwohl er mit seinen vier Lenzen ein durch und durch mutiger Junge war und ihm die nächtlichen Geräusche und die Dunkelheit längst vertraut waren, wollte er seinen Mut des Nachts nicht unnötig unter Beweis stellen. Deshalb stand der Pinkelpott unter seinem Bett bereit. Den benutzte er jedoch nicht oft.
Eigentlich schlief er gut durch … bis auf dieses eine Mal.
Die Taschenlampe lag wie die Pistole eines mexikanischen Pistoleros unter dem Kopfkissen. Eilig zog er sie hervor und knipste sie an. Er legte sie aufs Bett, sodass das Zimmer schmal erhellt wurde. Fröstelnd kroch er in seinen flauschigen Bademantel, der ordentlich auf dem Stuhl lag, und schlüpfte in seine knallroten Fellpuschen, als sich der entsetzliche Traum von eben in sein Bewusstsein zurückkämpfte. Unsicher sprang sein Blick im Zimmer umher, doch schlurfte er zur Tür. Zittrig heftete sich der Strahl der Taschenlampe auf das hochglanzlackierte Holz und auf das Fenster oberhalb des Türgriffs, während sich der Lichtkegel verringerte, je näher er der Tür kam. Georgie griff nach dem Schlüssel, der rechts an einem Haken hing.
Die „Sicherheitsregeln“ hatte er schnell begriffen: Nach dem Gute-Nacht-Kuss und dem Lichtausmachen schloss seine Mutter die Tür von außen ab.
Georgie hatte den zweiten Schlüssel. Für den Notfall hatte er gelernt, wie der Schlüssel zu benutzen war.
Nun war der Notfall eingetroffen.
In dieser Nacht beschloss er, die Mutprobe zu bestehen … den gespenstischen Weg zur Toilette. Und wieder drängte sich der Traum in sein Bewusstsein. Er hatte ein tragisches Ende genommen: Jemand stieß ihm etwas Spitzes in die Brust. Tief in den großen Herzmuskel. Er spürte den Einstich ganz genau und das höllische Brennen in der Wunde. Ganz deutlich hörte er sich schreien. Erst dann hatte er die Augen aufgerissen. Grauenhafte Angst legte sich wie ein Spinnennetz über sein Gesicht, doch er weinte nicht, rief nicht nach seinen Eltern, schrie nicht einmal um Hilfe. Da war nur der Angstschrei, den er im Traum ausstieß und der ihn in die dunkle Realität zurückstieß – aber … hab’ ich wirklich geschrien? Nein, wahrscheinlich nicht, sonst wäre Mutti ja längst da!
Seine Brust schmerzte.
Instinktiv presste er die Hand auf die Stelle.
So muss es sich anfühlen, wenn man von einer Kugel oder einem Pfeil getroffen wird, dachte er, dabei kamen ihm seine Lieblingsserien in den Sinn … RAUCHENDE COLTS und AM FUSS DER BLAUEN BERGE, in denen sich seine Helden schon die besten Kämpfe geliefert hatten. Unterdessen wuchs dunkle Angst in seiner Brust. Sie hielt ihn aber nicht von seinem Vorhaben ab … Auf keinen Fall wollte er in den Pinkelpott machen. Er war ja schließlich schon ein ganzer Kerl!
Vorsichtig drehte er den Schlüssel im Schloss herum.
Mit einem leichten, metallischen Knacken entriegelte er die Tür. Er öffnete sie.
Tiefste Schwärze empfing ihn, ummantelte den Taschenlampenstrahl, den Georgie reflexartig auf den Boden fixierte, als ihn das Entsetzen frontal ins Gesicht schlug. Für einen Moment setzte sogar seine Atmung aus. Auf dem Boden entdeckte er schlammige Schuhabdrücke. Sie kamen von rechts.
Erschrocken wich er ins Zimmer zurück. Der Lichtkegel folgte. Doch was der Lichtstrahl nun einfing, ließ Panik in ihm ausbrechen. Alle Haare standen ihm zu Berge und seine Blase wollte sich auf der Stelle entleeren. Auf dem schmalen Teppichläufer vor seinem Bett waren ebenfalls schlammigen Spuren. Nur mit allergrößter Mühe kämpfte er einen Angstschrei nieder.
Mit einer Drehung wich er zwei weitere Schritte zurück und taumelte rücklings gegen die Wand. Natürlich sah niemand sein eisgraues Gesicht und die entsetzt eweiteten Augen, selbst die Gänsehaut nicht, die über seine Arme und seinen Rücken stürmte.
Bleierne Sekunden schmolzen, bis er sich fing. Sein Blick jagte hastig durchs Zimmer.
Er war allein!
Entsetzt stellte er fest, dass die Spuren zwar an sein Bett führten, nicht aber zurück. Er entdeckte keine Abdrücke in die andere Richtung!
Er ist noch hier … hier im Zimmer! Unter dem Bett?
Wieder verspürte er den Druck auf seiner Blase.
Das lenkte ihn ab.
Er fasste sich an die Brust. Der brennende Schmerz strahlte aus dem großen Herzmuskel heraus und beförderte Teilsequenzen des Traums nach oben: Er war in einem Treppenhaus, rannte vor irgendetwas davon. Das Treppenhaus glich dem Eingangsportal dieses Gebäudes. Grüne Marmorwände und dunkle Stufen. Das Geländer und die Treppenabsätze waren aus Messing und von der hohen Decke hingen drei schnörkelige Messingleuchter herab.
Er flog die Stufen hinauf, öffnete Türen und im nächsten Moment fand er sich in rotem, schleimigem Morast wieder. Schwer hallten dumpfe Stiefeltritte in seinen Ohren. Sie wurden lauter und lauter. Er schrie, stolperte, versank knietief im schleimigen Morast und raffte sich immer wieder auf.
Seine Herzmuskeln pumpten gewaltige Blutwellen in die Hauptschlagadern. Er atmete flach. Nur merkwürdig, dass es in dem Traum schneite, obwohl es nicht kalt war.
Ganz in der Nähe bellten Hunde.
Im Treppenhaus verlor sich das Bellen in hässlichen Echos.
Wieder stolperte er. Er schlingerte und versuchte vergebens, sich auf den Beinen zu halten.
Die Schritte schlurften dicht an seine Ohren.
Noch im Fallen drehte er sich. Er starrte direkt in die grauenhafteste Fratze und in die wohl eisigsten Augen, die er bis dahin jemals erfasst hatte. Der Fratze fehlte die rechte Gesichtshälfte. Die linke war bis auf die Knochen verbrannt. Blutdurchtränkte Hautfetzen hingen herab und das linke Auge drohte herauszufallen. Haare konnte Georgie nicht erkennen, da die Fratze eine breite Kopfbedeckung mit Schirm trug, auf der ein kleiner, blitzender Kopf glänzte … und er erkannte eine dunkle, grauschwarze Uniform und lange, blitzende Stiefel.
Die Fratze sagte etwas, bevor sie zustach.
Georgie drückte sich an die grüne Marmorwand, die Beine tief in dem schleimigen, roten Morast versunken.
Er schwitzte.
Er war nass bis auf die Haut.
Er schrie. Er fuchtelte mit den Armen, schlug um sich. Es half nichts.
„Du räudiger Hund! Endlich hab’ ich dich! Du bist … tot!“
Dann stach die Fratze zu.
„Aaaaaahhh!“
Aus tiefster Kehle brach der Schrei aus ihm heraus und er riss die Augen weit auf. Schweißgebadet schreckte er hoch.
In der Pausenhalle empfing ihn Totenstille.
Instinktiv erfasste seine Taschenlampe die Tischtennisplatte und weiter rechts die schmalen Sitzbänke. Er machte einen unsicheren Schritt nach vorn und gleich darauf noch einen zur Seite.
Unermüdlich pumpten beide Herzmuskel dicht unter seiner trockenen Kehle und hinter seinen Augen breiteten sich unzählige, rote Wellen aus. Den Schlüssel hielt er fest in der kleinen Hand, während er langsam die Tür heranzog und sie hinter sich schloss, aber nicht verriegelte. Reglos blieb er stehen und ließ den Lichtstrahl durch die Finsternis gleiten, bis er sich erneut von schlammigen Fußspuren anziehen ließ. Tatsächlich führten sie nur in eine Richtung und tatsächlich kamen sie von rechts – genau von da, wo ich hin muss!
Schockartig sackte sein Kreislauf in die Beine, sein Kopf schien blutleer und doch setzte er sich in Bewegung, erreichte den nächsten Flurabschnitt, während die dumpfen Schlurfgeräusche der Fellpuschen seine Trommelfelle strapazierten. Im Augenwinkel registrierte er die Spinde.
Dann stoppte ein Knacken das Schlurfgeräusch.
Beschreibungen
Die Clique der FÜNF
Kapitel 4
Nördlich vor den Toren Hamburgs befinden sich der Vorort Garstedt und die ruhige Siedlung, in der sechs Jungs unaufhaltsam ins Pubertätsalter hineinwachsen.
Zwei schmale Asphaltwege durchziehen die Siedlung: der Mozartweg und der Schubertring. Kleine Vorgärten und akkurat geschnittene Hecken zieren einheitliche Reihenhäuser. Flache, dunkelbraune Jägerzäune schließen den äußeren Ring und zweireihige Steinplattenwege führen bis zu den Haustüren.
Für großstadtmüde Familien ist das eine willkommene Alternative.
Sein vollständiger Name ist Hans-Peter Kesslin.
Nur Georgie und Betty dürfen ihn Kessie nennen.
Er wohnt nicht in der verschlafenen Siedlung, aber er ist am längsten mit Georgie befreundet. Sie waren schon im Kindergarten beste Freunde. Jedoch blieb er dort wohnen, dort in der Nähe des Kettenwerks, zusammen mit seiner Mutter. Kessie ist von normaler Statur, nicht wirklich sportlich, aber auch nicht dicklich, auch nicht zu groß. Er war immer einen halben Kopf kleiner als Georgie und tendierte mehr zu einem „Schwarzkopf“, wie Georgie ihn gerne ärgerte, weil er tatsächlich pechschwarze Haare hatte, dazu dunkelbraune Augen, aber dafür eine unpassend helle, fast schweinsfarbene Haut.
Die Jungs aus der Siedlung, die Clique der FÜNF, durften ihn nach längerem Hin und Her auch Kessie nennen, da ihm „Schwarzkopf“ so gar nicht behagte.
Nach dem Realschulabschluss bewarb er sich bei einem Maklerbüro in Hamburgs Innenstadt und wurde sofort genommen. Während der Lehrzeit arbeitete er sich schnell in die Materie ein. Er bewies Umsicht und zeigte einen wachen Verstand. Vornehmlich lag es aber an seinem Auftreten. Kunden trat er mit freundlicher Zurückhaltung entgegen. Er konnte gut zuhören, verlor niemals den Überblick. Stets behielt er das Ziel im Auge. Schon bald bekam er eigene Mandanten, wickelte Vermietungen ab und brachte Verkaufsabschlüsse ein. Durch die Provisionen machte er gutes Geld. Sein Spezialgebiet wurden Grundstücke, Reihenhäuser und Doppelhäuser. Schon nach zwei Jahren hatte er ein beachtliches Guthaben auf seinem Konto, sodass er größere Geldbeträge auf das Konto seiner Mutter überwies. So sparte er Steuern. Er machte wertvolle Anschaffungen, bezahlte die Miete und konnte seiner Mutter sogar einen Urlaub ermöglichen.
Kessie gehörte niemals wirklich zu der Clique der FÜNF.
Gleich im vorderen Abschnitt der Siedlung wohnen die Kahlerts. Der älteste von fünf Brüdern heißt Stefan. Kurz und knapp wird er Kahli genannt. Kahli ist beachtlich groß für sein Alter und er ist kräftig. Er hat dunkelbraune, halblange Haare und einen „Pony-Haarschnitt“ wie alle seine Brüder. Er gehört nicht wirklich zur Clique, da er nicht so oft mit den Anderen herumhängen darf. Seine Eltern sehen eine Gefahr im Umgang mit den Jungs aus der Siedlung. Oft hat er Stubenarrest. Er ist eben für etwas Besseres auserwählt, weil der Vater Professor an der Hamburger Universität ist. Also ziemt es sich nicht, mit solchen üblen Jungs zu verkehren. Doch bis kurz vor seinem Tod ist er für die Clique der FÜNF ein verlässlicher Kamerad.
Im hinteren Teil wohnen die Holmers. Jens Holmer, genannt Holmi, ist ein hochgewachsener, kräftiger Junge von 13 Jahren und somit der älteste in der Clique der FÜNF. Er hat volle, dunkle, halblange Haare mit unbändigen Wellen, was eigentlich äußerst ungewöhnlich ist, da seine Eltern sehr streng sind und lange Haare eigentlich nicht dulden würden. Sie waren irgendwie anders streng … Georgie nennt es immer „bauernstreng“. Sie sind dick und einfältig, was Holmis Entwicklung jedoch keinen Abbruch macht. Also, lange Haare sind nicht das Thema. Zwar wird er wegen jeder Kleinigkeit bestraft, doch er ist hart im Nehmen. Früh hat er sich ein dickes Fell zugelegt. Er und Georgie gehen in den Sportleistungskurs und obwohl Holmi Unmengen von Süßigkeiten in sich hineinstopft, ist er nicht dick. Im Geräteturnen sind sie mit Abstand die Besten in der Schule und auch in der Leichtathletik haben sie immer Bestnoten. Schwimmen und Handball gehören natürlich ebenfalls zu ihren Favoriten.
Der Anführer der Clique ist Georg Kirchner, von allen Georgie genannt. Er ist ein aufgeweckter und scharfsinniger Junge von 12 Jahren, mittelgroß und kräftig. Er hat dunkelblonde, halblange Haare und auffallend angenehme Gesichtszüge.
Seine Augen stechen blaugrau von der dunkleren Hautfarbe ab, was ihm einen fast magischen Ausdruck verleiht. Er hat einen klaren, durchdringenden Blick, der in vielen Augenblicken töten könnte.
Im Sport hat er die besten Noten, während er in den übrigen Fächern eher schwächelt, was aber eher daran liegt, dass er nur etwas mit Hingabe und Erfolg erledigt, das ihn wirklich interessiert.
Vor zwei Jahren sind er und seine Eltern in die Siedlung gezogen. Schnell freundete er sich mit den Jungs an und bald darauf gründete sich die verschworene Clique der FÜNF … Holmi, Tommi, Ulli, Matjes und Georgie.
Die zwei Brüder Ulli und Matjes mit Nachnamen Palme, wohnen hinter der zweiten Biegung des kleineren Schubertrings. Sie wachsen ohne Vater auf, aber warum die Mutter alleine ist, interessiert niemanden. Dieser Umstand hat eher einen Vorteil. Sie dürfen einen Clubraum im Keller des Palme-Hauses einrichten.
Dort ist ihre Kommandozentrale. Poster von Led Zeppelin, Pink Floyd und Deep Purple hängen an den Wänden und an der Tür ein übergroßes Poster von Ian Anderson, dem Frontmann von Jethro Tull. Er spielt Querflöte und auf der Bühne steht er immer auf einem Bein.
Ian Anderson ist Matjes’ großes Idol, noch dazu sieht er ihm täuschend ähnlich. Matjes ist der Klügste von allen. Er geht aufs Gymnasium, ist ebenfalls 13, nur fünf Monate jünger als Holmi. Von allen hat er die längsten Haare, die in dichten Wellen über die Schultern fallen. Aber sportlich gesehen ist er ein totaler Tiefflieger, dafür ist er brillant im Ausarbeiten von Schlachtplänen. Mit Georgie teilt er den Hang zur Rock-Musik.
Ulli dagegen ist ein hoffnungsloser Witzbold und seine Eigenschaften sind breit gefächert – einige zeichnen ihn aus, andere sind weniger von Nutzen. Sein großes Interesse gilt der einfachen Elektronik, was die Mechanik zwangsläufig mit einbezieht, wobei seine Mutter kein Verständnis für dieses Interesse zeigt, da es den Verbrauch von Stromsicherungen ins Uferlose katapultiert.
Und er hat einen einzigartigen Tick: Überall trägt er einen hellbeigen Parka. Sogar im Sommer bei größter Hitze. Und dann setzt er noch die Kapuze auf. Allen Ernstes ist er davon überzeugt, dass der Parka sehr gut vor den Sonnenstrahlen schützt und er keineswegs schwitzen würde. Die Menschen in China würden das ja schließlich auch so machen.
Der Fünfte im Bunde ist Thomas. Thomas Koschinski. Der verfressene Fettmolch Tommi mit den 599 Sommersprossen, der rötlichen Schweinshaut und dem rostroten Krauskopf. Die Sommersprossen wurden einst in mühseliger Kleinstarbeit ermittelt … im Gesicht, am Hals, auf den Schultern, der Brust und den Armen … indem jede einzelne Sommersprosse mit Tinte markiert und gezählt wurde. Matjes war derjenige, der den Plan ausklügelte und diesen dann mit der Hilfe der anderen erfolgreich, wenn auch nervenaufreibend ausführte.
Auf dem ersten Blick gleicht Tommi einem Ferkel mit Haarteil. Meistens verbirgt er die Haare unter einer dunkelblauen Schirmmütze. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie auf seinem Kopf festgewachsen. Sie gehört zu ihm wie der Hammer zum Nagel. Sie verleiht ihm, wie er sagt, ein besseres Denkvermögen. Mit ihr fühlt er sich einfach sicherer. Sie gibt ihm Selbstvertrauen.
Wegen seiner Leibesfülle wird er von anderen Kindern und von den älteren Jungs natürlich gehänselt. Er ist nicht sportlich, aber dafür kräftig, wie ein Bär … nur weiß er diese Kräfte absolut nicht einzusetzen. Bei den Mädchen hat er schon gar keine Chancen.
Nur die Jungs der Clique akzeptieren ihn so, wie er ist.
Deshalb sind die Fünf für ihn wie eine Familie.
Er wohnt mit seiner Mutter auf der Stirnseite des Mozartwegs.
Beide sind unverbesserliche Amerika-Fans.
Einmal war er schon dort … Verwandte in Chicago besuchen.
Natürlich war er auch in New York-City.
Erscheinungen II.
Irgendwann 1960
Kapitel 5
Aufgeschreckt fuhr Georgie herum. Der Lichtstrahl folgte zeitgleich, raste an den Blechspinden entlang, fing jedoch nichts ein, was dort nicht hingehörte. Sofort suchte der Lichtstrahl die schlammigen Fußspuren, als hoffte er, sie würden sich plötzlich in Luft auflösen – doch sie waren noch da. Bedrohlich hoben sie sich von dem weinroten Betonboden ab … Helle Lehmerde. Georgie kannte nur eine Stelle im Werk, wo man mit hellem Lehmboden in Berührung kam – hinten bei dem letzten Bunker … hinten in der Ecke rechts!
Angst pochte in seiner kleinen Brust. In jedem der Spinde vermutete er grässliche Monster und skrupellose Killer. Aber von wem waren die Fußspuren? Von dem gruseligen Kittelmann? Oder war es die Fratze aus seinem Traum? Oder war es ein und dieselbe Person? Zögerlich setzten sich die knallroten Fellpuschen wieder in Bewegung, schlurften an der Tür seiner Schwester vorbei.
Wenn jetzt etwas Schreckliches passierte, konnte er immer noch zu ihr flüchten!
Dann stand er vor der Tür, die in den hinteren Flur führte. Grellgebündelt heftete sich der Lichtstrahl an den Türgriff, jedoch schnellte er sofort auf den Boden zurück, um sich zu vergewissern, ob die Fußspuren bis hierher reichten.
Zittrig streckte er die Hand nach dem blanken Griff aus. Nichts geschah. Er wusste, dass die Tür nach außen aufschwang. Also trat er noch einen Schritt heran, um sich mit dem Körper dagegenzustemmen. Für Sekunden lauschte er.
Nichts war zu hören.
Endlich drückte er den Griff hinunter. Die Tür flog auf.
Sie saugte ihn förmlich über die zertretene Holzschwelle und jetzt ging alles rasend schnell. Alles spielte sich ab wie in einer Verfolgungsszene von „Tom und Jerry“, zudem konnte er dem Druck auf seiner Blase nichts mehr entgegenhalten. Mit wehendem Bademantel stürmte er um die Ecke in den großen Flur und zur hinteren Wand. Nur sein Mut und seine Taschenlampe trugen ihn bis dorthin und bis zu der Badezimmertür. Eilig sprang er die zwei Stufen hinauf und stieß auch diese Tür auf. Schnell fand er den Drehschalter für das Deckenlicht. Zunächst flackerte es, sprang ihm dann aber frontal ins Gesicht. Instinktiv kniff er die Augen zu, hielt abwehrend die Hand vor das Gesicht, wobei er das Toilettenbecken anvisierte.
Sein Blinzeln zog ihn mühelos hinauf auf den Brillenrand. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sich die Augen an das grelle Neonlicht gewöhnten, doch diese Zeit nutzte er, um seine Pyjamahose herunterzuziehen, indem er dabei auf dem Brillenrand hin- und her rutschte.
Endlich konnte sich der widerliche Druck lösen.
Dabei hielt er die Augen einfach geschlossen.
Der fensterlose Toilettenraum war ungewöhnlich groß.
Die Wände waren in mattem Gelb. Gegenüber stand eine klobige Badewanne mit geschwungenen Füßen, daneben ein rechteckiges, tiefes Waschbecken und darüber ein schlichter Spiegel. Eine Lüftungsklappe atmete hoch über dem Toilettenbecken und ließ eine Kette bis in Kopfhöhe herunterhängen. Selbst hier hatte der Betonboden den weinroten Lack. Tagsüber benutzten gleichwohl die weiblichen Arbeiterinnen das Badezimmer. Erst zum Abend ging Mutter Kirchner daran, alles für die Familie zu reinigen.
Doch Georgie wusste es besser, auch der unheimliche Kittelmann machte in dieses Klobecken.
Momentan war das alles nicht wichtig. Jetzt quälte ihn der Gedanke an seinen Rückweg. Irgendwann musste er ihn antreten.
Überall würde er zuerst Licht machen, bis er den nächsten Flur erreicht hat, dann schnell zurücklaufen und hinten anfangen, das Licht wieder zu löschen. So wirds gehen.
Eine andere Alternative wollte er nicht finden. Er sprang vom Brillenrand herunter und hüpfte hinüber zur Tür. Um nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, unterließ er es, zu spülen. Noch im Hüpfen rückte er die Pyjamahose und den Bademantel zurecht, als es plötzlich aus der Lüftungsklappe herausstöhnte. Ein faulig, süßlicher Geruch strömte ein. Wild fing das Raster zu klappern an. Georgie machte reflexartig einen Sprung gegen die Wand. Sein Blick schoss hinauf zu der Klappe, als wäre nur er imstande, das Stöhnen und den üblen Gestank zu stoppen. Das Getöse dauerte nur wenige Sekunden an, aber ein großer Schock umklammerte Georgies Herzmuskel. Groteskerweise schoben sich in diesem Augenblick die Lichtschalter der beiden Flure und der Pausenhalle in seinen Sinn.
In dem Gebäude kannte er fast alle.Unvermittelt stürmte er los.
Sekunden darauf flackerten die Neonröhren im hinteren Flur auf, bis sie endgültig brannten. Bedrohlich breitete sich der riesige, fast quadratische Flur vor ihm aus, während seine Fellpuschen über den roten Betonboden hinwegfegten, als wollten sie jeden Moment abheben.
Selbstverständlich schoss sein Blick nach rechts zu den beiden gewaltigen Eisentüren. Graue, sehr hohe und breite Türen mit langen Riegeln. Nie standen sie offen.
Diesmal jedoch erschrak er schlagartig, während er rannte, sodass er einen hellen Schrei ausstieß.
Eine der beiden Eisentüren stand offen, einen Spalt weit, und die schlammigen Fußspuren führten direkt dort hinein.
Wie durch einen zusätzlichen Stoß in den Rücken flog er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Den Plan, das Licht nach und nach wieder zu löschen, verwarf er noch in dieser Sekunde.
Das Neonlicht brannte bis zum nächsten Morgen, was niemanden ernsthaft verwunderte.
Von nun an ging Georgie völlig anders mit Dingen um, die in seiner unmittelbaren Umgebung passierten. Er hatte ein neues Geheimnis.
Ein gespenstisches Geheimnis!
>Totenklage ist ein arger Totendienst, Gesell!
Wollt ihr eure Toten zu
Gespenstern machen oder wollt ihr uns Heimatrecht geben?
Macht uns nicht ganz zu greisenhaft ernsten Schatten! <
„Der Wanderer zwischen beiden Welten“
