Kitabı oku: «Radsportberge und wie ich sie sah»

Yazı tipi:

GERAINT THOMAS

mit Tom Fordyce

RADSPORTBERGE
UND WIE ICH SIE SAH

Aus dem Englischen

von Olaf Bentkämper


Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel

»Mountains According to G« bei Quercus Editions Ltd, London, einem Unternehmen von Hachette UK.

© Geraint Thomas 2020

Gemäß UK Copyright, Designs and Patents Act 1988

ist Geraint Thomas der Urheber dieses Werkes.

Geraint Thomas (mit Tom Fordyce):

Radsportberge und wie ich sie sah

Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper

© der deutschsprachigen Übersetzung: Covadonga Verlag, 2021

Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld

ISBN (Print): 978-3-95726-060-4

ISBN (E-Book): 978-3-95726-063-5

Coverillustration und Illustrationen im Innenteil: © Bruce Doscher, 2020

Druck und Bindung: Lensing Druck GmbH & Co. KG, Dortmund

1. Auflage, 2021

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.

Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de

Für Macsen, mein bisher größtes Abenteuer.

Diese Berge hinaufzufahren ist nicht annähernd so hart wie manche der langen Nächte, die wir durchgemacht haben, aber ich würde alles wieder genauso machen. Vielleicht fahren wir sie eines Tages ja gemeinsam hinauf oder vielleicht werde ich dich auch nur mit meinen Geschichten über sie langweilen. Auf jeden Fall aber sollten wir auf Skiern zusammen Alpe d’Huez hinabfahren.

I Macsen,

Fy antur fwyaf hyd yn hyn.

Mae reidio’r dringfeydd hyn dipyn yn haws na rhai o’r nosweithiau hir ry’n ni wedi’u cael gyda’n gilydd ond byddwn i’n newid dim byd. Efallai y cawn ni eu reidio nhw gyda’n gilydd ryw ddydd neu efallai y gwna i dy ddiflasu di gyda straeon amdanyn nhw yn lle.

Ond yn bendant, gad i ni sgïo lawr Alpe d’Huez gyda’n gilydd.

Inhalt

Vorwort

GROSSBRITANNIEN

Rhigos

Tumble

Cat and Fiddle

BELGIEN

Oude Kwaremont

Koppenberg

NIEDERLANDE

Cauberg

MALLORCA

Sa Calobra

Puig Major

PORTUGAL

Malhão

AUSTRALIEN

Willunga

TENERIFFA

Bumpy

Vilaflor

Chirche

ÖSTERREICH

Sölden

ITALIEN

Cipressa und Poggio

Stelvio

Mortirolo

MONACO

Col de la Madone

Col d’Èze

USA

Saddle Peak: Las Flores

FRANKREICH

Planche des Belles Filles

Col du Portet

Col du Tourmalet

Col du Galibier

Alpe d’Huez

Meine Top Ten der Kletterer

Glossar

Danksagung

Der Autor

Vorwort

Berge sind etwas Besonderes. Fährst du Rad, möchtest du Berge hinauffahren. Sei es im Rennen, sei es im Training, aber immer, um oben anzukommen – um dir zu beweisen, dass du es kannst, dass du es mit dem Asphalt und den Elementen aufnehmen und sie alle bezwingen kannst.

Deshalb klettern wir mit dem Rad ewig lange Anstiege hinauf. Wegen der Herausforderung, wegen der Befriedigung. Wegen der großartigen Aussichten, wegen der Geschichten, die wir hinterher zu erzählen haben. Wegen der Chance, die Erfahrungen unserer Helden am eigenen Leib nachzuvollziehen und vielleicht selbst das eine oder andere Epos zu schreiben.

Die Berge sind es, wo die meisten großen Radrennen gewonnen oder verloren werden. Dort ist es, wo die Atmosphäre am besten ist, wo die Fans umsonst zuschauen können und mehr von den Fahrern zu sehen bekommen als irgendwo sonst. Die Berge sind es, wo die Tour de France und der Giro d’Italia entschieden werden, wo Rennfahrer sich einen Namen machen und Männer und Frauen an der Herausforderung zerbrechen können. Denn sie können auch grausam und furchteinflößend sein, diese Anstiege. Es kann sich wie ein Ding der Unmöglichkeit anfühlen, sie jemals hinaufzukommen, und es kann einem wie purer Wahnsinn erscheinen, sie hinabzurasen. Am Berg kannst du eine so intensive Hitze erleben, dass du dir literweise Wasser über den Kopf kippst. Du kannst in so heftigen Hagel und Schnee geraten, dass dir jegliches Gefühl in Fingern und Füßen abhandenkommt. Du siehst Täler unter dir und Gipfel über dir. Du spürst den Wind und siehst die Abgründe und fühlst dich lebendiger als irgendwo sonst auf dem Rad.

Doch alles, was die Radsportberge schwer macht, macht sie auch so reizvoll. Je schwerer sie sind, desto länger bleiben die Erinnerungen. Und desto größer sind auch die Namen, an die man sich erinnert: Anquetil, Merckx, Induráin. Am Berg kannst du dich nicht verstecken, und die Wahrheiten, die er zutage fördert, sind unausweichlich. Ein großer Anstieg lässt dir keine Möglichkeit, dich irgendwie durchzumogeln: Du musst es packen, du musst es bringen. Es geht nur um dich und die Straße und was du im Herzen und in den Beinen hast. Berge im Radsport bedeuten Schmerz und Magie. Sie bestrafen dich, aber sie geben dir auch viel zurück.

Du kannst Fußball über alles lieben, und doch wirst du wahrscheinlich niemals die Chance bekommen, in Wembley ein Tor zu schießen. Du kannst Rugby lieben und wirst wohl nie die Möglichkeit erhalten, im Principality Stadium über die Torlinie zu hechten. Du kannst dein Leben lang Tennis schauen, kannst aber nur davon träumen, jemals auf dem Center-Court in Wimbledon einen Volley über das Netz zu schmettern. Im Radsport aber kannst du genau die gleichen Anstiege fahren wie die größten Legenden des Sports. Du kannst durchmachen, was sie durchgemacht haben. Du kannst Alpe d’Huez und den Koppenberg hinauffahren und alle möglichen anderen berühmten und weniger berühmten Radsportberge dazwischen.

Und das hier ist also mein Buch über sie. Wie ich sie hinaufkomme, was sie mit uns im Profi-Peloton anstellen. Wie auch du sie hinaufkommst, wo die Attacken erfolgen, wo die Gefahren lauern. Was wir essen und trinken, welche mentalen und körperlichen Nöte wir durchleben. Die tollen Tage, die ich erleben durfte, die schrecklichen, die mir ebenfalls nicht erspart geblieben sind. Die geheimen Daten, die geheimen Namen, der Grund, warum sie uns noch lange begleiten, wenn wir längst wieder im Flachen unterwegs sind und sich die Aufregung gelegt hat.

Die Berge, um die es in diesem Buch geht, sind eine sehr persönliche Auswahl. Es sind die Anstiege, die mir als Kind, als ehrgeiziger Junior und als erfolgreicher Profi etwas bedeutet haben. Sie sind über die ganze Welt verstreut, und die Bandbreite reicht von kleinen Klumpen Lehm bis hin zu riesigen, brutalen Monstern. Aber sie alle sind besonders und sie alle sind magisch. Und sie alle sind da draußen: Es kostet nichts, sie zu fahren, und sie warten nur darauf, dass auch du dich an ihnen versuchst.

Genieße und leide und genieße noch ein bisschen mehr. Meine Berge sind deine Berge. Lass uns klettern.

GROSSBRITANNIEN

Rhigos

Ein Insider-Tipp vorweg: Die korrekte Aussprache des Rhigos, eines Anstiegs in den südwalisischen Valleys, ist nicht etwa »Regoss«, wie man es in den eher kosmopolitisch geprägten Küstengegenden von Wales häufig zu hören bekommt, sondern »Rick-oss«. Und die Valleys haben die Namensrechte, merk dir das also, wenn du vorhast, herzukommen und den Berg in Angriff zu nehmen.

Der Rhigos gilt etwas in Südwales. Er und der Bwlch, weiter Richtung Nordosten gelegen, sind deine Feuertaufen. Der Tumble? Der kommt später. Deine ersten Erfahrungen sammelst du am Rhigos. Einen Namen machst du dir am Bwlch. Am Tumble musst du ihn bestätigen.

Deswegen wusste ich um den Rhigos und seine Bedeutung, als ich mit 14 meine ersten sonntäglichen Ausfahrten mit dem Maindy Flyers Club unternahm. Allerdings hatte ich nicht erwartet, ihn zu sehen zu bekommen. Ich war noch nie so weit auf einem Rad gefahren und wurde bereits von heftiger Panik befallen, als ich das Storey Arms erkannte, ein Naturfreundehaus, das in meiner Erinnerung eine sehr lange Busfahrt von meiner Schule in Cardiff entfernt war. Eine so große Strecke mit dem Rad zurückgelegt zu haben, war natürlich etwas, worauf man stolz sein konnte, aber auch eine potenzielle Katastrophe. Würde ich mich so weit von zu Hause abhängen lassen, hätte ich ein ernsthaftes Problem. Wie sollte ich das überleben? Als wäre das alles nicht genug, reifte in mir die Erkenntnis, dass ich an diesem Tag auch über den Rhigos fahren müsste, wollte ich Cardiff und meine Familie je wiedersehen.

Wahrlich kein leichtes Unterfangen. Das war es damals nie, auch später nicht. Das erste Mal, dass ich es ohne erwachsene Begleitung versuchte, war bei einem Ausflug mit ein paar Kumpels. Wir waren losgezogen, um den großen Jungs beim Five Valleys zuzuschauen, einem der Höhepunkte im britischen Radsportkalender. Das Five Valleys war eines der schwersten und reizvollsten Radrennen im Königreich und umfasste alle großen Anstiege, die Südwales zu bieten hatte, und war damit ein alljährlicher Pflichttermin für alle bei uns aus der Gegend, die Radsport und Berge liebten.

Wir zogen mit den eigenen Rädern los, um uns das Rennen an den wichtigen Anstiegen anzuschauen, ganz nach Art der Tour de France. Ein schöner Tag, blauer Himmel, die Sonne schien, wir hatten weder genug zu trinken noch Sonnencreme dabei. Und so waren wir ziemlich erledigt, nachdem der Rhigos und der Bwlch uns in die Mangel genommen hatten, und wir mussten ja anschließend auch noch irgendwie zurück nach Cardiff kommen. Als kleiner Vorgeschmack auf meine Anfangstage als Profi litt ich zwar entsetzlich, platzte aber etwas später als einer der anderen Jungs, so dass ich anschließend in gehobener Stimmung von unseren Eskapaden berichten konnte. Schon erstaunlich, wie gut es sich anfühlen kann, nicht Letzter geworden zu sein.

Und wie es mit Radsport-Obsessionen nun einmal so ist, stand ich ein paar Jahre später als blasser Junior selbst beim Five Valleys am Start. Wir würden den Rhigos von Hirwaun aus hinauffahren, also von Norden her. Für mich als 18-Jährigen konnte das Ziel nur lauten, irgendwie durchzukommen. Unser Trainer Darren Tudor sah es realistisch: »Jungs, seht einfach zu, dass ihr bis Kilometer 160 dabeibleibt. Das bringt euch auf die Schlussrunde in Port Talbot. Wenn ihr das hinkriegt, hattet ihr einen erfolgreichen Tag.«

Mir flatterten die Nerven, zum Teil weil es der Rhigos war, zum Teil weil es das Five Valleys war, und zum Teil wegen der Fahrer, mit denen ich den Rhigos im Five Valleys hinauffuhr. Da waren die Lokalmatadore der walisischen Radsportszene, harte Hunde, gegen die man nur selten antrat. Kleine Männer mit sehnigen Beinen und der Fähigkeit, still zu leiden. »Hui, XY ist heute bei der Vereinsausfahrt aufgeschlagen. Puh, das wird ein harter Tag. Gut, dass ich mir heute Morgen eine Extrascheibe Toast gegönnt habe…«

Da waren jüngere U23-Fahrer, die sich in der britischen Szene einen Namen gemacht hatten, so wie zum Beispiel Dan Fleeman. Und da war Magnus Bäckstedt, ein leibhaftiger Etappensieger bei der Tour de France, ein Fahrer, der wenig später Paris–Roubaix gewinnen würde, was mir damals als Karriereausbeute gewiss vollauf gereicht hätte. Und doch war ich mit all diesen Männern in der Spitzengruppe, als es den Rhigos hinaufging. Okay, nicht ganz an der Spitze – ich war erst 18, fuhr noch mit Übersetzungsbeschränkung und sollte ja nur bis Port Talbot durchhalten –, aber ich fuhr an dritter oder vierter Stelle, hielt mit den Besten mit, lebte den Traum.

Es gibt am Rhigos ganz zum Schluss eine lange Haarnadelkurve, über die später noch zu reden sein wird. Als wir um sie herumfuhren, blickte ich zu meiner Linken hinab und sah Bäckstedt – den leibhaftigen Magnus Bäckstedt, einen absoluten Weltklasseprofi, einen Superstar zu Hause in Schweden (und noch dazu schlau genug, ein Mädchen aus Wales zu heiraten) – 15 Meter hinter mir.

Hoppla. Das ist jetzt aber wirklich unglaublich, dachte ich bei mir. Zu schön, um wahr zu sein. Vergiss die hellen Lichter und den heimeligen, pittoresken Charme von Port Talbot. Nichts, was heute noch passiert, könnte dies je toppen. Bereits als wir über die Passhöhe fuhren und in die Abfahrt gingen und mir klar wurde, dass ich mir mit meiner Übersetzungsbeschränkung einen Ast abstrampeln müsste, um etwas von meinem sagenhaften Vorsprung zu behaupten, wusste ich, dass der Rhigos für immer einen Platz in meinem Herzen haben würde.

Zu den Details. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Rhigos hinaufzufahren, die gängigere ist die schon erwähnte von Hirwaun aus: Auf der A4059 geht es aus dem Dorf heraus und dann weiter auf der A4061. Sechs Kilometer Klettern, die Steigung beträgt im Schnitt knapp über 5 % und geht nie über 7 % hinaus. Durchaus ein Fehdehandschuh, der dir hingeworfen wird, aber kein Schlag ins Gesicht. Du und der Rhigos, ihr werdet schon miteinander klarkommen.

Die übliche Anfahrt nach Hirwaun führt dich über Penderyn Moor, dann hinab ins Dorf, vorbei an der Brennerei. Okay, jetzt ist natürlich nicht der rechte Moment für gute walisische Single Malts, aber vielleicht gönnst du dir einen zur Belohnung, wenn der Tag im Sattel vorbei ist.

Du kommst durch ein Gewerbegebiet. Du siehst die alten Bergwerke, die Täler, die sie ernährten, eine sehr walisische Aussicht für einen sehr walisischen Anstieg. Am Kreisverkehr links ab und dann geht es los – eine lange Gerade, die sich zieht, eine Schinderei, die du im Sitzen absolvierst, dem Wind preisgegeben, der hier meist aus Westen weht. Manchmal kommt er von der Seite, was ziemlich ungemütlich ist. Meistens aber kommt er frontal von vorne, was, wenn es bergauf geht, einfach nur unfair ist.

Das ist das erste Drittel des Anstiegs. Hier heißt es, die Zähne zusammenzubeißen und es hinter sich zu bringen. Allmählich siehst du die Straße sich nach links wenden, und rechts oberhalb von dir siehst du, wie sie sich wieder nach rechts dreht, es folgt eine weitere lange Gerade und dann eine lange Kehre wiederum nach links. Die Straße schlängelt sich kreuz und quer durch dein Blickfeld, und alles sehen zu können, was da noch auf dich zukommt, kann ein ziemlicher Schlag sein. Vor allem wenn du 14 bist, eh schon auf dem Zahnfleisch kriechst und der Gegenwind auch noch eine Ladung Schnee mit sich bringt.

Wenn du die Bäume erreichst, wird es steiler, trotzdem ist es einfacher zu fahren – du bist raus aus dem Wind und es gibt mehr, um dich abzulenken, statt dass sich die Straße endlos vor dir hinzieht. Zwischen den Kiefern und den Wiesen zu deiner Rechten sind die Pisten zu erkennen, auf denen früher im Oktober die Rallye Großbritannien ausgetragen wurde, und es fällt schwer, sich nicht danach zu sehnen, in einem PS-starken Auto zu sitzen und sich mit sanftem Druck aufs Gaspedal diese Rampen hinauftragen zu lassen, statt sich ohne Ende abstrampeln zu müssen. Und es liegt noch so viel Straße vor dir.

Wieder geht es rechtsherum und es beginnt flacher zu werden. Du wirst dich möglicherweise fragen, wo genau die Passhöhe sein soll, denn du siehst nichts als offenes Gelände vor dir, daher an dieser Stelle der zweite wichtige Insider-Tipp zum Rhigos: Halte Ausschau nach dem Eiswagen, der in einer Parkbucht zu deiner Rechten abgestellt ist. Er hat mich schon ein paar Mal gerettet, dieser Wagen – eine Dose Cola für die Trikottasche, wenn die Kraft nachlässt, ab und zu ein Eis, wenn die Saison vorbei ist und ich mir nicht wie sonst alles versagen muss.

Mein Freund Andy Hoskins versuchte einmal, uns dort während des Five Valleys ein paar Eis anzureichen, was ein reizender, aber ganz und gar törichter Gedanke war. Aber am Rhigos setzt der Verstand eh gerne mal aus. So wie damals, als wir als Jungspunde nach der Abfahrt völlig fertig an einem Laden in Treorchy hielten, um zuckerhaltige Getränke zu kaufen, die wir dringend für den Heimweg brauchten, und mein Kumpel unsere gesamten drei Pfund für Diätlimonade ausgab. Oder damals, als wir an einem anderen Tag die andere Seite hinabfuhren und an einer Tankstelle in Hirwaun hielten, wo wir am Ende Burger aus der Mikrowelle kauften.

Als ich in der sechsten Klasse war, fuhren wir regelmäßig von Cardiff aus zum Rhigos und wieder zurück, und immer kehrten wir erst im Dunkeln heim und nie hatten wir mehr als ein Rücklicht dabei – für alle zusammen. Wir fuhren über den Gipfel und auf der anderen Seite wieder runter, machten kehrt, kletterten wieder rauf, sausten erneut runter, und dann das ganze Spiel noch mal von vorne. Wir verloren auf dem Rhigos den Verstand, aber auf die denkbar schönste Art und Weise.

Ein guter Hobbyfahrer braucht um die 20 Minuten für den Anstieg, ich vielleicht 12 oder 13, wenn ich in Form bin. Ich fahre ihn meist nicht mit letztem Einsatz, denn für mich ist es eher ein nostalgischer Trip, wenn ich im November oder Dezember zu Besuch daheim in Cardiff bin. Mit der Zeit habe ich eine Vorliebe für die Auffahrt von der anderen Seite entwickelt, auf der Straße ab Treorchy. Mir ist klar, dass dies für manche ein Sakrileg ist, aber dafür, dass er Treorchy heißt, besitzt der Ort ein unerwartet europäisches Flair: eine geschäftige kleine Stadt, der Anstieg geht direkt von der Hauptstraße ab, über zwei lange Kehren führt er auf erstklassigem Asphalt durch den Wald hinauf.

Wenn man Rennen in Frankreich bestreitet, gewöhnt man sich daran, um eine gute Position zu kämpfen, wenn man am Fuße eines Anstiegs durch eine Stadt oder ein Dorf kommt. Das Peloton windet sich durch enge, kurvenreiche Straßen, du gehst aus dem Sattel, um die Tempoverschärfung mitzugehen, die sich unweigerlich vollzieht, während du die geschlossene Ortschaft hinter dir lässt und in den Wald hineinfährst. So ungefähr fühlt es sich auch in Treorchy an, und der Anstieg ist auf dieser Seite zwar steiler und fieser als von Hirwaun aus, aber dafür ist er auch nicht so öde und es gibt mehr zu sehen – das macht es für mich wieder wett.

Auf halber Strecke hinauf gibt es sogar ein kleines Mysterium, ein kleines, weißes Haus, so klein, als wäre es für Heinzelmännchen gebaut worden – fast wie eine Art seltsamer Schrein. Häufig waren dort Blumen niedergelegt, manchmal auch ein Kranz, als wäre dort jemandem etwas Grausiges widerfahren. Das Haus gab mir so lange Rätsel auf, dass ich es irgendwann nachgeschlagen habe: Wie sich herausstellte, war es die Hütte eines Wächters, bewohnt von einem reizenden alten Kauz, der früher im Auftrag der Gemeinde die Straße von Schafen und Geröll freihielt und in seiner Freizeit kleine Skulpturen aus altem Plastik und Kupferdraht fertigte, um die Landschaft zu verschönern.

Und während du dir all das durch den Kopf gehen lässt – die Szenerie, die Menge der Blumensträuße, die Geschichte dahinter –, hast du wieder einen Kilometer geschafft und es geht dir blendend. Auf der Hirwaun-Seite passiert dir so was nicht. Nach einem Drittel der Strecke hinauf lässt du die Eichen hinter dir. Ein paar flüchtige Momente lang kannst du dir einreden, schon die Passhöhe zu sehen, aber das ist eine grausame optische Täuschung. Du blickst zurück hinab ins Tal und siehst die dunklen Schieferdächer der Häuser, an denen du vor ein paar Minuten vorbeigekommen bist, und es kommt dir vor wie eine walisische Version des Col du Portet in den Pyrenäen: kahle Felswände zur Rechten, frische Luft zur Linken, ein weiter Blick über das Tal, falls du dir die Zeit dafür nimmst und deinen Fokus nicht voll und ganz aufs Klettern richtest.

Wenn das Wetter schön ist, ist es oben auf dem Rhigos die reine Freude. Da sich der Berg in Südwales befindet, ist es das meistens allerdings nicht. Als ich ihn mal als Junior mit drei Kumpels von der Hirwaun-Seite aus fuhr, war das Wetter sogar rundheraus fürchterlich. Waagerechter Regen, der uns vom Wind direkt ins Gesicht gepeitscht wurde. Aber wir waren jung und euphorisch, und wir dachten: »Hey, genau wie im Profi-Peloton, wenn das Wetter schlecht ist – richtig geil!«

Und das war es auch, bis wir die Abfahrt erreichten und Rob einen Platten hatte. Niemand dachte daran, ihm zu helfen. Dafür war es zu kalt. Stattdessen kauerten wir uns hinter einen Felsen und versuchten, uns vor den Elementen zu schützen, während wir ihn sich selbst überließen. Nicht, dass wir ihm eine große Hilfe gewesen wären, selbst wenn wir gewollt hätten. Keiner von uns hatte auch nur noch einen Hauch von Gefühl in den Händen, geschweige denn die Kraft, einen Reifen abzuziehen. Stattdessen warfen wir ihm von unserem Felsen aus unflätige Sachen an den Kopf, was Jungs in dem Alter halt so machen, wenn sie mit ihren Kumpels unterwegs sind. Als ich dann in Treorchy selbst einen Platten hatte, half mir ausgerechnet Rob bei der Reparatur, was so überhaupt nicht das ist, was Jungs in dem Alter für ihre Kumpels tun.

Du kommst ganz schön ins Schwitzen, wenn du dich am Rhigos reinhängst, aber du ziehst nur selten viele Kleidungsschichten für die Kletterpartie aus, denn die Chancen auf Regen sind da oben recht hoch. Aus dem gleichen Grund lädt er auch nicht zum Verweilen ein. Ein Eis gefällig? Gut möglich, dass dir die Lust darauf bald vergeht, wenn die Kälte einsetzt. Vielleicht doch lieber die Notfalldose Cola? Es kann passieren, dass du sie dir zu schnell in den Rachen kippst und die nächsten 20 Minuten damit verbringst, dezent zu rülpsen wie früher dein Opa, wenn er sich in der Kneipe ein paar Pints zu viel genehmigt hatte.

Im Peloton gibt es einen Begriff für einen Fahrer, der als stark, aber auch etwas begriffsstutzig gilt: Domestos. Ähnlich würde ich die Hirwaun-Seite des Rhigos beschreiben. Meistens ist er kein besonders amüsanter Geselle und die Zeit in seiner Gesellschaft kann einem lang werden, Gespräche sind ein zähes Unterfangen. Hast du ihn aber erst näher kennengelernt, wird er umgänglicher und du weißt seinen Charme zu schätzen. Trotzdem ist dir sein Bruder drüben auf der anderen Seite in Treorchy ein bisschen lieber – auch er ist ein harter Bursche, hat aber mehr zu erzählen. Treorchy ist der Typ, der an der Theke sitzt und Schwänke zum Besten gibt, wenn du in die Kneipe kommst. Er gibt dir einen Klaps auf den Rücken, der ziemlich fest ist, aber gut gemeint. Unterdessen hockt Hirwaun für sich allein in der Ecke und trinkt literweise Alte-Männer-Bier.

Das ist der Rhigos.

Wenn du Profi wirst, neigst du dazu, eine Checkliste all der großen Rennen im Kopf zu haben, die du bestreiten möchtest, bevor du wieder in die Welt der Normalsterblichen zurückkehrst. Die Tour de France, klar. Die beiden anderen großen dreiwöchigen Landesrundfahrten, wenigstens einmal. Die Monumente, eins nach dem anderen. Die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix vor allem.

Genauso ist es als Hobby- und Amateurfahrer in Südwales. Zuerst musst du den Rhigos abhaken, dann den Bwlch, dann den Tumble. Jeder Radsportverein, dem du dich anschließt, wird dir erst seine Geschichten über den Rhigos erzählen und dich dann mit hinaufnehmen, damit du deine eigenen Geschichten mit ihm erlebst. Umso schlimmer, dass mein Schwiegervater ihn noch immer nicht in Angriff genommen hat. Er hat mich immer gern damit getriezt, dass ich kein richtiger Kletterer bin, aber nun, da er selbst Rennrad fährt – wenn auch nur bei schönstem Wetter –, hat er immer noch Schiss vorm Rhigos. Und kann sich somit nicht als richtiger Radsportler bezeichnen. Aber das muss ja jeder selbst wissen…

Tumble

Der Tumble hat etwas an sich, das dich packt. Bevor du ihn überhaupt gefahren bist, hast du bereits die Geschichten über ihn gehört. Du kennst die Legenden. Die alten Burschen in deinem Radverein erzählen euch Jüngeren im Flüsterton von ihm. »Jungs, das Teil ist brutal. Der härteste Anstieg in ganz Südwales, dieser Brocken. Etwas Längeres und Steileres wird euch nirgends unterkommen, Jungs.«

Du hast viel über ihn gehört, aber er ist auch geheimnisvoll. Der Rhigos, der ist dir ein Begriff, wenn du in Cardiff oder an der Küste groß geworden bist. Er war dir schon von klein auf vertraut. Der Tumble liegt viel weiter entfernt, tiefer im Landesinneren, eine viel längere Fahrt, eher ein Tagesziel als etwas, das du auf dem Weg nach woanders mitnehmen könntest. Der Tumble? Er ist da draußen. Und wartet.

Er hat Historie, der Tumble. Und er hieß auch nicht immer Tumble. Früher war er unter dem Namen Keepers bekannt. Erst als er Mitte der 1980er Jahre ins Programm der Kellogg’s Tour of Britain aufgenommen wurde und die Veranstalter ihn sich auf einer Karte der nationalen Landesvermessungsbehörde anschauten und auf halbem Weg das Wort »Tumble« entdeckten, erhielt er seinen heutigen Namen.

Früher gab es dort mal ein Gasthaus namens Tumble Inn, daher vielleicht der Name. Aber da es die Schenke schon lange nicht mehr gibt, gibt es auch keine Stammgäste, die man fragen könnte. Es gibt nur die Legenden.

Nun denn. Die groben Details: Ganz oben befindet man sich auf 512 Metern Höhe. Der Anstieg ist um die fünf Kilometer lang, je nachdem, von wo genau man misst. Und er zieht sich hin – eine durchschnittliche Steigung von knapp über 8 %, in der Spitze bis zu 13 %, kaum mal eine Atempause.

Wegen dieser Zahlen ist er seit etwa 1987 fester Bestandteil des Grand Prix of Wales, und auch bei der Tour of Wales der Junioren wird er gern als Bergankunft am letzten Tag der Rundfahrt genutzt. Zu der Zeit, als ich bei den Junioren fuhr, war das eins der besten Rennen, die du dir wünschen konntest. Es war das Rennen, in dem du dich am ehesten wie ein Profi bei einer Grand Tour fühlen durftest. Mehrere Etappen, verschiedene Tage, an denen unterschiedliche Fahrertypen sich auszeichnen konnten – die großen Kaliber mit den sprintschnellen Beinen; die Kraftpakete, die auch als Centre beim örtlichen Rugby-Club eine gute Figur abgeben würden; die Jungs irgendwo in der Mitte, die beides drauf hatten; und schließlich die dürren Burschen, die Bergziegen, die das große Finale den Tumble hinauf herbeisehnten. Die ganze Woche sprachen wir von nichts anderem. Die Lokalmatadore der walisischen Amateurszene – in unseren Augen so etwas wie Profis, die zufällig noch einen Brotberuf hatten – wurden mit Fragen bombardiert. Man konsultierte die Experten und gab was auf ihre Meinung. »Oh, kennst du Pete?« – »Was, den alten Pete?« – »Jau, ist gestern noch den Tumble rauf.« – »Nee, oder? Sag bloß! Der Typ ist irre.«

Los geht es in der Ortschaft Govilon, direkt westlich von Abergavenny in Monmoutshire gelegen. Wenn du nach dem Weg fragst, achte darauf, es »G’vylon« und nicht »Gov-vy-lon« auszusprechen, sonst schicken dich die Einheimischen sonst wohin. Aus dieser Richtung ist es außerdem eine technisch anspruchsvolle Anfahrt, mit ein paar mehr Bremsschwellen, als dir auf dem Rad lieb sind, vor allem wenn du dich in einem hektischen Peloton befindest, das zum Fuß des Anstiegs rast. An manchen Stellen wird es außerdem ganz schön eng. Es geht durch den steinernen Bogen einer Eisenbahnbrücke, dann links ab und über eine kleine Buckelbrücke.

Egal, wie viele Male du ihn fährst, der Anstieg hinauf zum Tumble scheint immer völlig unvermittelt zu beginnen. Gerade bist du noch im Flachen auf der B4246 unterwegs, dann nimmst du eine Linkskurve und es geht bergauf. Links eine große Hecke, rechts ein weißes Haus und zack – los geht’s, die Straße bäumt sich finster und bedrohlich mit jetzt schon 10 % Steigung vor dir auf.

Deine Position im Feld oder in einer kleinen Gruppe spielt zu diesem Zeitpunkt keine große Rolle – dir steht noch so viel Kletterei bevor. Aber du solltest dich auch nicht allzu weit zurückfallen lassen, denn je weiter hinten du dich befindest, desto mehr kleine Antritte sind nötig, um deine Position zu halten, ansonsten verlierst du noch mehr an Boden. Außerdem kannst du dann nicht deine Linie in der ersten richtigen Kehre frei wählen, einer engen Haarnadelkurve nach rechts. Dort ist es besser, den langen Weg zu nehmen, statt die Innenkurve, die zu steil ist und dich zu viele Körner kostet. Vielleicht sparst du ein paar Meter, aber die werden dir von der Steigung gleich wieder abgenommen. Bleibe auf der linken Seite der Fahrbahn, vertraue deiner Taktik und deinem Wissen über das, was vor dir liegt. Bist du zu weit hinten, bleibt dir keine Wahl. Du musst sprinten, um den Anschluss zu halten, und niemand möchte zu diesem Zeitpunkt am Tumble sprinten müssen.

Nun bist du im Wald. Die Straße wird schlagartig schlechter, holpriger und langsamer, und falls es die falsche Zeit im Jahr ist, kann es durch das Laub unter deinen Reifen ziemlich rutschig und tückisch sein. Zum ersten Mal hast du nicht das Gefühl, in Südwales zu sein. Es ist nicht nur die Steilheit und die Länge des Anstiegs. Es sind die bewaldeten Hänge, in einer Gegend, in der die Erhebungen sanfter und meist ziemlich kahl sind. Das ist es, was den Tumble ausmacht: Nichts an ihm ergibt einen Sinn, nicht mal, wo er sich befindet. In dieser Hinsicht ist er wie der Mont Ventoux, eine ominöse Erscheinung, die sich einfach aus der Landschaft erhebt, wenn man sich ihr nähert. Er ist nicht zu übersehen. Und wenn er auftaucht, geht jedes Mal aufs Neue ein Raunen durch die Gruppe. »Boah. Da isser. Da ist der Tumble.«

Durch die Bäume, dann dünnt das Laubwerk allmählich aus. Das Viehgitter auf halbem Weg ist dein nächstes Ziel. Es ist immer noch eine ziemliche Schinderei von hier, noch ein langer Weg, und falls es ein Rennen ist, ist das Letzte, was du gebrauchen kannst, jetzt zu überdrehen und oben dann der Strapaze und dem Gegenwind nichts mehr entgegensetzen zu können. Mental kann es sich hier sogar wie der Tiefpunkt anfühlen, weil du schon so viel Kletterei in den Beinen hast und dir noch so viel bevorsteht. Die Steigung nimmt etwas ab, aber der Asphalt wird klebriger und stumpfer, und falls es Wind und Regen gibt, nehmen dich jetzt beide in die Mangel. Auf beiden Seiten keinerlei Schutz durch Bäume, Hecken oder Felsformationen. Nur das gleiche Gefühl, das du auch am Ventoux hast, wenn du aus dem Wald kommst und die Mondlandschaft unterhalb des Gipfels erreichst: Okay, sei nett zu mir, ich bin wehrlos, falls du es böse mit mir meinst.

Für die nächsten paar Kilometer gibt es keinen magischen Trick. Du musst sie einfach durchstehen. Sie werden ein Ende nehmen, auch wenn sie sich an schlechten Tagen endlos anfühlen. Schau nur auf die nächste Kurve, die du vor dir erkennen kannst, auf irgendetwas, das dich ablenkt von der langen Straße, die sich vor dir in die Höhe zieht.

Es ist ziemlich eigenartig hier oben. Keine Bäume, keine Vegetation außer struppigem Gras und feuchtem, dunkelgrünem Moos. Wenn sich die Landschaft dann weiter öffnet, kannst du zu deiner Rechten hinabschauen und das Tal unter dir sehen. Aber wenn du nach links blickst, ist dort keine massive Felswand, sondern nur das nasse Gras, das sich die schwindelerregend steilen Hänge hinaufzieht. Im Winter ist es ein grausamer Ort. Es ist immer windig. Die Frage ist nur, wie stark der Wind ist, wie heftig er es dir besorgen will und wie viel Regen er mit sich führt. Ich habe Tage dort oben erlebt, an denen der Wind sich mit dem Regen verbündet hat und genau den richtigen Winkel erwischte, um ihn mir unter dem Helm hindurch direkt ins Gesicht zu peitschen. Er scheuert dir das Gesicht auf, friert dir die Nase ein, tropft dir Kinn und Nacken hinunter und versucht, in Trikot und Jacke zu sickern.

Es ist auch nie vollkommen trocken da oben, selbst mitten im Sommer nicht. Es liegt immer eine gewisse Feuchte in der Luft. Die Straße sieht gar nicht so besonders nass aus – große Pfützen sieht man selten –, aber das liegt zum Teil daran, dass der Asphalt so stumpf ist. Ich weiß sehr wenig über die ideale Mischung, wenn man Asphalt auf einen feindseligen Berg klatschen möchte, aber bei diesem hier scheint man der Rezeptur zusätzlich Sand hinzugefügt zu haben. Es ist das Gegenteil einer italienischen Straße, die in der Regel schön glatt, ja, beinahe poliert ist und Regen ungefähr so effektiv absorbiert wie eine Marmorplatte. Oben am Tumble könnte es den ganzen Tag regnen und die Straße würde einfach alles aufsaugen. Und der Fahrbahnbelag ist dazu noch entsetzlich rau und holprig, als wäre es ein solcher Alptraum gewesen, ihn zum Trocknen zu bringen, dass die große Dampfwalze gar nicht erst herangeschafft wurde. Dies ist eine Straße, auf der man auf keinen Fall stürzen möchte. Sie würde dich in Fetzen reißen.

Der Tumble ist also durchaus eine Gemeinheit. Aber er ist immer machbar. Dies ist kein Berg, der dich zum Absteigen zwingen sollte. Und auf seine Weise ist er auch eine echte Schönheit. Der Gipfel beeindruckt dich jedes Mal wieder aufs Neue – so drastisch unterscheidet sich der Charakter dieser Landschaft von deiner normalen, alltäglichen Umgebung. Es gibt Anstiege, die du hinauffährst und sofort wieder vergisst. Den Tumble vergisst du nie. Du wachst nicht am nächsten Tag auf und überlegst: Was habe ich gestern noch gleich gemacht?

Ich habe gesagt, es gebe keine magischen Tricks. Aber es gibt etwas, das du machen kannst. Etwas, das mir unlängst auch durch drei aufeinanderfolgende Tage mit endlos scheinenden Zwölf-Stunden-Ausfahrten geholfen hat, die ich während des Coronavirus-Ausbruchs als Benefiz-Touren für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS absolviert habe: Du brichst alles auf überschaubare Abschnitte herunter. Du denkst nicht daran, was noch vor dir liegt, sondern nur daran, was du schon geschafft hast. Vier Kilometer bis zum Gipfel? Alles klar. Konzentriere dich nur auf den ersten Kilometer. Das sind 1.000 Meter. Das sind wahrscheinlich deutlich weniger als 500 Pedaltritte. Schau mal, in der Zeit, in der wir uns unterhalten haben, hast du schon 20 geschafft. Und das, ohne es überhaupt zu merken. Du wirst es schaffen.

Bald kannst du den Gipfel sehen. Du bist zwar noch nicht da, aber du weißt, dass du es fast überstanden hast. Er hat auch einen richtigen Gipfel, der Tumble. Der Rhigos – der flacht oben einfach ab. Du weißt gar nicht so genau, ob du den höchsten Punkt schon erreicht hast. Auf dem Tumble gibt es keinen Zweifel. Das kalte Blau des Keepers Pond zu deiner Linken, eine kleine Abzweigung ebenfalls linker Hand und du hast es hinter dir.

Schaue dich um, wenn du es geschafft hast. Du wirst die Höhe spüren. Und spitze die Ohren: An den großen Anstiegen in den Alpen wirst du ganz oben vom drolligen Fiepen und Pfeifen der Murmeltiere begrüßt. Auf dem Tumble ist es das Blöken und Mähen von Schafen. Luke Rowe hat hier oben, am Beginn der Abfahrt, einmal einen haarigen Moment erlebt, als ihm ein verirrtes Lamm vom Straßenrand aus direkt vors Rad lief. Der arme Bursche war damals erst 13 (Luke meine ich, Schafe erreichen selten dieses Alter), und einen Moment lang befürchtete er das Schlimmste, doch das Lamm kullerte in Sicherheit, getroffen vom Kettenblatt, aber gerettet durch den Umstand, dass Luke nach überstandener Kletterpartie die Kette soeben vom kleinen aufs große Blatt geschaltet hatte. Keinem Radfahrer behagt die Vorstellung einer Kollision bei hohem Tempo, erst recht nicht mit einem Tier auf einer Straße, die so rau ist wie Schmirgelpapier. Dementsprechend erleichtert waren wir, als wir unversehrt auf der anderen Seite hinabsausten, Mensch und Tier wohlauf.

Ich habe ein bisschen das Gefühl, mit dem Tumble noch eine Rechnung offen zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, an diesem Anstieg jemals einen herausragend guten Tag erwischt zu haben. Als ich mit 18 die Tour of Wales bestritt, wurde ich, an zweiter Stelle im Gesamtklassement liegend, dort oben von Dan Martin besiegt. Das hat mich lange gewurmt. Ein Ire aus Birmingham, der auf dem Tumble einen Jungen aus Wales schlägt. Das geht mir heute noch gegen den Strich.

Der obere Abschnitt war außerdem Teil des Zeitfahrens bei der Junior Tour, mit Start gleich hinter Brynmawr und dann auf der B4248 durch die Heide Richtung Blaenavon, bevor es mit einer scharfen Linkskurve auf die Rückseite des Tumble ging und dann die letzten paar Kilometer rauf zum Gipfel. Mein Onkel Chris und meine Tante Ade, inzwischen leider beide verstorben, kamen immer her und feuerten mich an, weswegen mich stets warme Erinnerungen begleiten, wenn ich den Anstieg heute fahre.

Ich bin den Tumble auch immer mal wieder von der anderen Seite gefahren: vom Bergbau-Museum Big Pit hinauf, ein monströser Ritt rauf und wieder runter. Nur wenige lassen sich darauf ein, denn es ist noch härter und steiler, und wenn man von Süden kommt, führt einen die Anfahrt über viel befahrene, gefährliche Straßen. Ab Pontypool ist die Steigung zunächst noch recht gemächlich, ab Big Pit aber geht es durchgängig so steil hinauf wie auf der anderen Seite auf dem Abschnitt hinter Govilon. Kann man machen, macht man aber nicht oft.

Für mich geht es also vor allem um die Govilon-Seite. Wenn ich den Tumble mit einem Rugby-Spieler vergleichen müsste – was naheliegend ist, schließlich befinden wir uns in Südwales –, würde ich sagen, er ist wie Alun Wyn Jones. Er zieht sein Ding durch, was immer auch passiert. Von Anfang bis Ende Vollgas. Je härter es wird, desto mehr Freude bereitet es ihm.

Und er schert sich nicht darum, was du von ihm hältst. Er wird dir unerbittlich alles in den Weg werfen, was er hat, und du hast keine Chance auszuweichen. Aber die Sache ist die: Je mehr Zeit du mit ihm verbringst, desto mehr Respekt wirst du vor ihm haben und desto mehr holt er aus dir heraus. Du weißt nicht so recht, ob er dich leiden kann; es ist eine so lange Anfahrt von Cardiff dorthin, dass du jedes Mal schon etwas angeschlagen bist, wenn du erneut Bekanntschaft mit ihm machst, und du bietest nie einen schönen Anblick, wenn du oben ankommst. Aber er macht auch Spaß – auf seine eigene, brutale Weise. Du fährst ja nicht Rad, um es dir leicht zu machen. Es ist kein Snooker. Es ist kein Bowling. Du möchtest auf die Probe gestellt werden. Und der Tumble wird stolz darauf sein, dir alles abzuverlangen.

Cat and Fiddle

Es gibt härtere Anstiege im Nordwesten von England. Holme Moss ist ein echtes Brett. Es gibt auch spektakulärere: Den Winnats Pass vergisst du nicht so schnell, und die Straße durchs Goyt Valley entlang der beiden Stauseen ist wunderschön. Es gibt längere: Fahr den Snake Pass quer über die Peaks und er steckt dir lange in den Knochen. Fahr in den Lake District und den Whinlatter und den Honister und den Hardknott hinauf und du hast es schwer und lang und schön, alles in einem.

Aber der Cat and Fiddle ragt heraus, wegen seiner Lage und wegen dem, was er mit dir anstellt. Wenn du auf dem Rad in der Gegend unterwegs bist – von Manchester, Buxton oder Stoke aus –, stellt der raue Asphalt eine echte Prüfung dar. Es ist eine richtige Straße, die von der Westseite der Peaks in Macclesfield bis nach oben führt und von dort hinab in die Kalktäler und Granitplateaus, und du siehst dort ebenso viele Motorräder und Lieferwagen wie Fahrräder. Der Anstieg bedeutet elf Kilometer Kurven und Plackerei und, wenn du Glück mit dem Wetter hast, auch tolle Aussichten, und er bringt dich von einer Welt in eine andere: von urbanen Straßen und Supermärkten hinauf in eine öde Landschaft aus Wind und Regen und Grasbüscheln, die schmatzen, wenn du dich zum Ausruhen draufsetzen willst.

Kurz gesagt: Der Cat and Fiddle ist wie Arsenal in der Spätphase von Arsène Wengers Amtszeit. In keiner Kategorie herausragend, aber immer unter den ersten vier. Normalerweise kein echter Prüfstein für die Besten, aber manchmal kann er sie ein bisschen ärgern. Du magst ihn irgendwie, weißt aber um seine Schwächen.

Als ich von Südwales nach Manchester zog, um unter Rod Ellingworth für die Akademie des britischen Radsportverbands zu fahren, war der Cat and Fiddle unser Standardanstieg, eher noch als der berühmte Brickworks ab Pott Shrigley. Er war der am leichtesten zu erreichende Berg von Manchesters südlichen Vororten aus, bot genug Höhenmeter und ansteigende Kilometer, um unsere Trainingseinheiten durchzuziehen, und dazu noch eine Prise Abenteuer. Wir fuhren immer von der Macclesfield-Seite aus hoch und kehrten kein einziges Mal im Pub am Gipfel ein, der dem Anstieg seinen Namen gibt, was im Nachhinein ein Jammer ist. Ich bin so viele Male daran vorbeigekommen, dass ein Absacker längst überfällig ist. Er wirkt auf mich immer wie der einsamste Pub der Welt. Es gibt im Umkreis von mehreren Meilen keinerlei Behausung. Du schaust nicht um neun Uhr abends auf die Uhr und sagst dir, ich gehe mal auf einen Sprung ins Cat and Fiddle und trinke ein Gläschen – es sei denn, du zeltest da oben auf der Heide.

Du kannst dich vor dem Wetter nicht verstecken, wenn es dich an diesem Anstieg erwischt. An einem klaren Tag kannst du bis nach Manchester im Nordwesten sehen, siehst die Bögen der weißen Radioteleskope des Jodrell-Bank-Observatoriums, die sich aus der Ebene von Cheshire erheben. Das Problem ist, dass es nur wenige klare Tage gibt. Auf dem Cat and Fiddle kann es ziemlich stürmisch werden.

Die nackten Zahlen werden ihm nicht ganz gerecht. Eine durchschnittliche Steigung von knapp über 3 %, aber mit Abschnitten bis zu 8 %, außerdem heftige 6 % auf den ersten beiden Kilometern hinter der Stadt. Es ist ein strammer, ansehnlicher Anstieg. Nimmst du zu viel Tempo heraus, werden die Laster, die hinauftuckern, dir gehörig eins hupen, denn wenn sie den Schwung verlieren, brauchen sie eine Ewigkeit, um wieder in die Gänge zu kommen. Es gibt Abschnittskontrollen, damit die Motorräder es nicht zu bunt treiben, außerdem ein Schild, das vor Tieffliegern warnt, wobei man sich natürlich jedes Mal unweigerlich fragt, ob sie nicht ein bisschen sehr tief unterwegs sind, wenn man Menschen auf zwei und vier Rädern vor ihnen warnen muss.

Unser Training am Cat and Fiddle war auf Wettkämpfe auf der Bahn ausgerichtet. Eine Fahrposition, wie man sie eher auf dem Zeitfahrrad einnimmt, mit nach vorn gedrehter Hüfte. 20 Sekunden Vollgas, 40 Sekunden Erholung. Richtig kurz und richtig intensiv. Oder längere Belastungen mit größeren Übersetzungen, wobei mir aber stets geraten wurde, die Kette hinten lieber ein Ritzel nach links als nach rechts wandern zu lassen. Von Natur aus mochte ich es, dicke Gänge zu treten. Für die Bahn ist das eher nicht geeignet. Du baust Kraft auf, büßt aber ein wenig Schnelligkeit ein.

Der Cat and Fiddle war der erste Ort, wo ich vernünftig strukturiertes Training absolvierte – von den erwähnten 20/40-Einheiten über Intervalle in Zone 3 bis hin zu durchgängigen Belastungen an der Schwelle von unten im Tal bis oben zum Gipfel. An diesem Anstieg war es, dass wir lernten oder zumindest anfingen zu lernen, wie man Belastungen einschätzt: wann man mit unvermindertem Druck auf dem Pedal voll durchzog, wann man sich etwas erholte. Vorher trainierte ich einfach so, wie es jeder Junior tat, getreu dem Motto: Fahr so viel Rad, wie es geht. Wechselnde Intensitäten? Ach was, einfach richtig reintreten, bis der Anstieg zu Ende ist. Am Cat and Fiddle lernten wir unser Handwerk.

Aber es waren nicht diese Belastungen und Intervalle, die am meisten wehtaten. Heftig war vor allem das, was der Cat and Fiddle sonst noch mit sich bringen konnte. Eines Tages im Winter fing es an zu schneien, als Ian Stannard und ich gerade um den Kreisverkehr am Tesco in Macclesfield fuhren. Anderthalb Kilometer weiter hatte der Schnee bereits begonnen, sich auf unseren Armen und Rücken zu sammeln. Weitere anderthalb Kilometer danach hatten wir ihn in den Augen. Fünf Minuten später konnten wir die Straße nicht mehr erkennen.

Jeder wusste, was der andere dachte: Wenn es hier schon so schlimm ist, wie soll es dann erst da oben sein? Sollen wir umkehren? Hätten wir nicht längst umkehren sollen?

Natürlich wollte keiner von uns beiden den Gedanken aussprechen. Keiner wollte der Erste sein, der einknickt. Also machten wir weiter, kämpften uns durch das, was sich inzwischen zu einem veritablen Schneesturm ausgewachsen hatte, den ganzen Weg bis zum Pub am Gipfel. Und dann schauten wir uns an und schluckten. Wenn es den Weg hinauf schon so schlimm war, wie wäre es dann erst auf der Abfahrt, bei 80 Kilometern in der Stunde?

Wir fuhren nach Buxton hinab, eher auf dem Oberrohr als auf dem Sattel sitzend, ein Fuß ausgeklickt, damit wir ihn immer mal wieder auf die vereiste Straße setzen konnten, um zumindest etwas mehr Stabilität zu gewinnen. Die Frage war, warum wir weiter nach Buxton fuhren statt nach Hause. Es war weiter weg. Das Wetter wurde noch schlimmer, wenn das denn überhaupt möglich war. Mit jeder eisig kalten Minute bereuten wir unsere Entscheidung mehr.

Aber ich habe Schlimmeres erlebt. Ein oder zwei Jahre später absolvierte ich den Cat and Fiddle bei angenehmen äußeren, aber zunehmend problematischen inneren Bedingungen. Was in Manchester als flaues Gefühl begonnen und sich bis Macclesfield zu regelrechten Krämpfen entwickelt hatte, wurde bis zum Gipfel zu einem überlebenswichtigen Bedürfnis, alles herauszulassen.

Der Pub war geschlossen und ich weiß auch nicht, was die Betreiber davon gehalten hätten, wenn sich ein Mann in hautengen Klamotten und mit klackernden Cleats ohne etwas zu bestellen den Weg durch die Gästeschar gerempelt hätte und schnurstracks in die Herrentoilette gerannt wäre. Die Landschaft um mich herum bot sehr wenig Deckung, abgesehen von den bereits erwähnten knöchelhohen Büscheln nassen Grases.

Es sind keine stolzen Momente, die Nachwehen solcher Episoden. Sie bringen Erleichterung, aber keinen Stolz. Du schaust dich um und hoffst nur, nicht ein paar Meter entfernt ein paar erschrockene Wanderer zu erblicken, die sich eines – bis vor einige Sekunden noch – erbaulichen Marsches durch die Hügel erfreut haben. Du hoffst, dass nicht ein neugieriger Hund mit hängender Zunge seiner Nase folgt. Du ziehst die Radhose wieder hoch und betest, dass du es nach Hause schaffst, bevor neues Unheil droht.

Er konnte echt in jeder Hinsicht eine Strafe sein, der Cat and Fiddle. Ich erinnere mich an den Abend des Champions-League-Finals von 2005, ein absoluter Klassiker zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand, und außerdem mein Geburtstag. Als junger Radsportler gehst du nicht viel aus, aber dies schien mir ein gleich doppelt guter Grund zu sein, mal loszuziehen. Ein Grund, den doch bestimmt jeder Trainer akzeptieren würde. Mein Mitbewohner Matt Brammeier willigte ein, mit mir in den Pub zu gehen. Meine anderen Mitbewohner, Ed Clancy und ein gewisser Mark Cavendish, kniffen und gingen früh ins Bett.

Ich war nicht davon ausgegangen, dass es so spät werden würde. Das Spiel ging in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen. Auf dem Heimweg nahmen wir noch einen kleinen Imbiss bei Subway. Trotzdem wäre alles okay gewesen, wenn der beste Sprinter seiner Generation nicht so eine Petze gewesen wäre und uns bei Rod und Dave Brailsford angeschwärzt hätte.

Der Anschiss am nächsten Morgen hatte es in sich. Ich wurde für das Five Valleys gestrichen, auf das ich mich so sehr gefreut hatte, und stattdessen auf den Cat and Fiddle geschickt. Noch dazu zusammen mit Steve Cummings und Bradley Wiggins, die soeben vom Giro heimgekehrt waren und dementsprechend die Art von Kletterform mitbrachten, in der du einen britischen Hügel als Horsd’œuvre verspeist.

Wir waren an jenem Tag nicht langsam unterwegs und es war auch keine kurze Ausfahrt. Längst auf der letzten Rille fahrend, vergeudete ich das Bisschen überschüssigen Atem, das ich noch hatte, um Brad zu fragen, wie es denn so war, eine richtige Grand Tour zu bestreiten. Und die ganze Zeit schwor ich mir unentwegt zwei Dinge: Den Cat and Fiddle würde ich nie wieder unterschätzen, und Cav würde ich diese Sache mein Lebtag nicht verzeihen.

BELGIEN

Oude Kwaremont

27. März 2015, Sieg bei E3 Harelbeke

Dauer: 4 Minuten 40 Sekunden

Distanz: 2,21 km

Ø-Geschwindigkeit: 28,2 km/h

Ø-Kadenz: 82 U/min

Wenn es je einen Anstieg gegeben hat, den man im Herzen der Radsporthistorie verorten muss, dann ist es der Kwaremont. Ein Kopfsteinpflasteranstieg in einem Land, das verrückt nach Kopfsteinpflasteranstiegen ist, ein steiles kleines Monster in einem Land ohne große Gipfel, ein Streckenabschnitt aus Stein und Matsch, der die Karrieren einiger der größten Fahrer aller Zeiten entscheidend geprägt hat.

Es geht um die Rennen, die hier hinaufführen – die Flandern-Rundfahrt natürlich, aber auch die anderen Frühjahrsrennen, die ihr vorausgehen, wie der Omloop Het Nieuwsblad, E3 Harelbeke und Kuurne–Brüssel–Kuurne. Es geht um die muskulösen Champions, die hier als Erste über die Kuppe gingen. Aber es geht auch um all das, was passiert, bevor du ihn überhaupt erreichst. Das Rennen an den Fuß des Kwaremont ist so wichtig wie das Rennen den Anstieg hinauf.

Wenn sich das Rennen zum letzten Mal dem Kwaremont nähert, musst du unter den ersten 15 sein, wenn es rund einen Kilometer vor dem Anstieg in eine scharfe Rechtskurve geht, ansonsten ist der Tag für dich gelaufen. Denn ab jetzt ist die Straße so eng und so schwer zu fahren, dass es auf diese simple Regel hinausläuft. Die Fahrer an der Spitze sind fein raus, alle anderen stecken in der Klemme. Der Typ vor dir lässt abreißen? Das war’s für dich. Jetzt oder nie, genau hier. Und so ist die Anfahrt eine größere Herausforderung als der Anstieg selbst und gerät zu einem Rennen im Rennen, das für sich genommen eines der umkämpftesten sein wird, das du während der gesamten Saison bestreiten wirst.

Drei Kilometer vor dem neuralgischen Punkt befindest du dich auf einer gut ausgebauten, dreispurigen Straße und fährst eine kleine Anhöhe hinab. Schöner glatter Asphalt, es geht mehr oder weniger geradeaus, die permanent schaltende Meute rast mit 60 Sachen dahin. Ellenbogen werden ausgestellt, es wird geschrien und geflucht. Selbst die drei Spuren reichen nicht aus, um all die verrückten Antritte und Aktionen in Schach zu halten, und so weichen Fahrer auf den Seitenstreifen und den Radweg aus. Es ist vollkommen irre, aber so ist Belgien. Große Betonblumenkübel ragen auf die Straße, ein paar Spinner hopsen vom Bürgersteig auf die Straße und zurück auf den Bürgersteig, das Peloton nutzt die ganze Breite der Straße aus. Streng genommen darfst du auf dem Bürgersteig nicht fahren, aber das hält manche nicht davon ab, es darauf ankommen zu lassen – in der Hoffnung, dass die Rennkommissäre sie nicht erwischen oder auf einen anderen Burschen achten, der es ein paar Sekunden länger getan hat.

Manchmal bleibt einem keine Wahl, so wie es Luke Rowe einmal erlebte. Ein anderer Fahrer fuhr direkt vor ihm eine Welle, so dass er nach rechts ausweichen musste. Zwei Möglichkeiten: auf den Radweg oder in einen Betonblumenkübel hinein. Er traf die richtige Entscheidung für sich als Fahrer und die falsche aus Sicht der Kommissäre. Das Rennen war für ihn vorbei.

Am Ende dieses rasend schnellen, irrsinnigen Abschnitts stürzt du dich in eine 90-Grad-Rechtskurve – unter den ersten zehn, wenn du alles richtig gemacht hast. Und sofort wird es eng, nur dass du dich jetzt keinen Kilometer mehr vor dem Beginn des Anstiegs befindest. Das, was jetzt abgeht, als fieberhaft zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Bürgersteige kommen und gehen, Rinnsteine tauchen auf und schlängeln sich davon, und es gibt Fahrer, die mit Bunnyhops und riskanten Manövern versuchen, sich außen nach vorn zu arbeiten, und dabei teilweise im Slalom durch die Zuschauermenge hindurchkurven. Wahrscheinlich werde ich alt. Früher wäre ich einer dieser Typen gewesen. Ich wäre solche Wagnisse eingegangen. Die Zeiten sind vorbei.

Und das alles, um nach vorne zu kommen. Das alles, um nicht wieder durchgereicht zu werden, wenn du schon dachtest, du hättest es geschafft. Außer natürlich, dass du dich tatsächlich direkt an der Spitze wiederfindest, wo du dich aber auch nicht lange aufhalten willst. Denn dann stehst du im Wind und verschießt dein Pulver, bevor der Anstieg überhaupt losgeht, während deine Konkurrenten es sich an deinem Hinterrad gemütlich machen.

Gut möglich, dass der Zug zu diesem Zeitpunkt längst abgefahren ist. Ich fuhr die Flandern-Rundfahrt, als Niki Terpstra und Alexander Kristoff nach dem Taaienberg attackierten, gut sechs Kilometer vor dem Oude Kwaremont, also noch vor der langen Abfahrt und der erwähnten Rechtskurve. Wir schauten uns alle an und warteten ab. Bis irgendjemand reagierte, hatten sie 15 Sekunden Vorsprung herausgeholt. Das war genug. Du kannst dich nie sicher fühlen. Nicht hier. Nicht in diesem Rennen.

Dabei bist du ja noch nicht mal wirklich im Anstieg. Und dann siehst du vor dir das Kopfsteinpflaster und es ist lächerlich schmal. Es ist ein Feldweg. Es ist eine Schneise, die in einen Acker geschnitten wurde, mit gewaltigen Böschungen auf beiden Seiten, gerade breit genug, dass ein Begleitfahrzeug durchpasst. Es gibt steilere Hellingen. Es gibt ein paar längere. Aber es gibt sonst keine, die sowohl steil als auch lang sind, und das macht den Kwaremont zu einem so gefürchteten Scharfrichter.

In Flandern mögen sie Biere mit ordentlich Wumms. Einige davon sind nach Radsportbergen benannt, unter anderem eins nach dem Oude Kwaremont. Und so ist der Kwaremont wie das blonde Lager, dem er den Namen gibt: nicht vollkommen zerstörerisch, ein kräftiges Bier mit deutlich mehr Alkoholgehalt als der Durchschnitt, aber einzeln genossen nichts, was dich aus der Bahn wirft. Aber das ist es ja: Den Kwaremont kannst du nie einzeln genießen. Du hast schon 200 Kilometer in den Beinen. Du hast schon eins davon intus und unterwegs noch zehn oder zwölf andere Biere getrunken. Allein für dich, wenn du selbst die Schlagzahl bestimmen kannst, würdest du damit schon klarkommen. Du würdest beim Abendessen ein Gläschen mit deiner besseren Hälfte genießen und dich fragen, was der ganze Wirbel eigentlich soll. Aber so ist es ja nicht. Nein, du befindest dich mit deinen Kumpels auf Sauftour und hast schon ordentlich einen im Kahn und das hier gibt dir den Rest. Zuvor wärst du nur mit einem schlimmen Kater aufgewacht, wegen des Kwaremont aber wirst du in der Gosse oder in einer Zelle zu dir kommen und keine Ahnung haben, wie du dahin gekommen bist.

Du hast die Anfahrt überlebt. Du bist unter den ersten fünf Fahrern. Super. Nun musst du den Anstieg in drei Abschnitte einteilen. Der erste wird der schwerste sein. Er hat 11 % und ist besonders holprig. Die Steilheit und das Kopfsteinpflaster drohen dich zum Stillstand zu bringen. Du kannst die Bratwürstchen riechen, die die Fans am Straßenrand futtern, du riechst das Bier und die Hot Dogs in ihrem Atem. Es gibt einen Randstein, bis er plötzlich verschwindet, und dann taucht aus dem Nichts die nächste Bordschwelle auf.

Du musst genau wissen, wo du zu fahren hast. Auf keinen Fall möchtest du in der Mitte fahren. Dort fehlen besonders viele Steine und sie sind groß genug, um beachtliche Krater zu hinterlassen. Gerätst du mit dem Vorderrad in einen davon hinein, büßt du jeglichen Schwung ein – und Schwung ist an einem Kopfsteinpflasteranstieg alles. Du musst die schnellste Linie kennen und deinen Platz in der Kolonne akzeptieren. Es ist sinnlos, ausscheren und den Fahrer vor dir überholen zu wollen. Versuche so was nur, wenn du unbedingt musst. Sofern dein Vordermann nicht abreißen lässt, bleib einfach, wo du bist. Jeder ist aus gutem Grund dort, wo er fährt. Wenn du ausscherst, fährst du nur irgendwo gegen oder rein, verlierst Tempo und wirst im Nu durchgereicht. Deswegen fahren sie in der Spitzengruppe als Einerreihe hintereinander. Ein paar Sekunden lang siehst du vielleicht mal zwei Fahrer nebeneinander, aber länger nicht. Je weiter vorne du bist, desto größer ist die Chance, dass du deine Linie frei wählen kannst; falls du einen Vordermann hast, bleib dran.

Einmal lag ich bei der Flandern-Rundfahrt direkt am Hinterrad von Fabian Cancellara. Perfekt. Ich fühlte mich stark und in der Lage, seine Tempoverschärfungen mitzugehen. Komm schon, G, dies ist ein guter Tag. Und das war es auch, bis er zu einem der früheren Ausreißer auffuhr und ihn überholte. Es war ein perfekt getimtes Überholmanöver, wie in der Formel 1. Und ich? Ich bekam das Timing nicht perfekt hin und kam nicht schnell genug vorbei. Ich musste runter von der Ideallinie, verlor meinen Schwung und plötzlich hatte Cancellara zwei Meter Vorsprung. Und wenn ein Fahrer seines Kalibers den erst mal hat, ist es unheimlich schwer, die Lücke wieder zu schließen. Es ist wie fünf Meter im Flachen. Aus und vorbei.

Cancellara zog unaufhaltsam davon. Ich musste mich mit dem Kampf um die Ehrenplätze begnügen. Und das ist eine der wichtigsten Lektionen am Kwaremont: Du musst stark sein und du brauchst an dem Tag gute Beine, aber kluges Positionsfahren ist genauso wichtig. Wenn du ausscherst, um jemand zu überholen, und es dir nicht gelingt, innerhalb von zwei Sekunden vorbeizugehen, bist du länger von der Ideallinie runter, als gut für dich ist. Du musst dich mehr reinhängen, du wirst müde, du fällst zurück…

Gegessen wird nicht, nicht an diesem Anstieg. Du kannst die Hände nicht vom Lenker nehmen, und selbst wenn dich jemand füttern würde wie ein Küken, könntest du nichts bei dir behalten. Die Anstrengung ist zu groß. Du musst dein letztes Gel gute 20 Minuten vorher zu dir genommen haben: nach dem Kopfsteinpflasteranstieg, der dem Kwaremont vorausgeht, vor dem langen Stück Hauptstraße, das erst leicht bergauf und dann abschüssig auf die scharfe Kurve zuführt, mit der die direkte Anfahrt beginnt. Schluck das Zeug bereits dort, lass es hier am Kwaremont seine Wirkung tun und hau dann die letzten paar Kilometer bis ins Ziel alles raus, was du hast.

Weiter zum zweiten Abschnitt. Hier wird es flacher, was dir natürlich ganz gelegen kommt, aber auch bedeuten kann, dass du zu sehr rausnimmst. In einer Spitzengruppe passiert es schnell, dass du dich in Sicherheit wähnst – so als wäre ein Großteil der Arbeit getan. Und das ist der Moment, in dem der Typ an der Spitze sich absetzen kann und die unsichtbare Kette durchtrennt, die ihn an die Fahrer in seinem Schlepptau bindet. Er tritt an, du merkst es fünf Sekunden lang nicht. Du blickst auf, siehst ihn davonziehen und schaust dich nach jemandem um, der die Verfolgung aufnimmt, damit du dich an sein Hinterrad klemmen kannst. Aber er schaut jemand anderen an, der wiederum dich anschaut. Nun gibt es vor dir nur noch Schlamm und Dreck. Jetzt steckst du in Schwierigkeiten.

In diesem Abschnitt hast du mehrere Optionen. Du kannst auf dem Randstreifen fahren, dem Gras vertrauen, hoffen, dass sich der Matsch in den Ritzen verhärtet hat. Einige Fahrer sind immer dabei, die es riskieren. Aber es ist ein Wagnis, du weißt nie, wo die Huckel sind, ein plötzlicher Fleck lockeren Schotters, ein verborgenes Schlagloch, das dich über den Lenker schickt. Es passiert schnell: Gerade noch glaubst du, dich nach vorne zu arbeiten, nur um dann wegen eines Ausrutschers und eines leichten Wacklers 20 Plätze einzubüßen. Halte dich lieber an die Straße, gehe auf Nummer sicher, bleibe im Spiel.

Das letzte Drittel. Die Steigung zieht wieder an und nun fordern die Anstrengungen ihren Tribut. Du bist zwei Minuten am Limit gefahren und nun schickt sich dieser Anstieg an, dir den Rest zu geben. Die Straße öffnet sich zu einer Seite, die Fans drängen sich hinter den Absperrungen. Ganz zum Schluss wird es noch mal richtig steil werden, dann geht es links ab auf eine größere Straße, und du bist oben. Du kannst hier im letzten Drittel meist den Randstreifen nutzen, im Dreck, im Schotter, und wenn du die Beine hast und dich lösen kannst, kannst du hier einen schönen Vorsprung herausfahren. Wenn deine Beine allerdings schlappmachen, ist es der schlimmste Abschnitt von allen, und selbst wenn es keinen Gegenwind gibt, fühlt es sich trotzdem so an, weil plötzlich alles unheimlich schwer ist.

Einstweilen solltest du nah an den Absperrungen fahren, auch wenn das bedeutet, die eine oder andere Bierfahne ertragen zu müssen, wenn die Zuschauer dich beim Vorbeifahren anbrüllen. Auf deiner letzten Erkundungsfahrt vor zwei Tagen hast du gesehen, wie die großen Bierzelte aufgebaut wurden, und sie entfalten jetzt ihre ganze Wirkung – heizen die Atmosphäre an, versetzen Tausende Radsportfans in einen Taumel der Begeisterung. Du kannst nun auf den Rinnstein ausweichen, wo du eine weniger holprige Linie findest als auf dem Kopfsteinpflaster, während du inständig hoffst, nicht vom Ellenbogen oder der Schulter eines Zuschauers erwischt zu werden, der sich über die Absperrungen lehnt, und dass sich dein Lenker nicht in einer Jackentasche verfängt und du zu Boden gehst wie Peter Sagan bei der Flandern-Rundfahrt 2017.

An der Spitze ist die Geräuschkulisse eine andere als weiter hinten im Feld. Ganz vorne ist es einfach nur wild. Eine schöne Art von Chaos, und dies schlägt sich auch in der Fahrweise nieder: hochtourig, fieberhaft, mitreißend.

Und du musst wissen, wie du auf den Pflastersteinen zu fahren hast. Wenn du es richtig machst, setzt du über sie hinweg wie ein flacher Stein beim Schillern über einen Teich. Das richtige Timing und du gleitest geradezu übers Pflaster. Kriegst du es nicht hin, ist es eher so, als hättest du den Stein im falschen Winkel geworfen. Er wühlt sich ins Wasser, verliert schlagartig allen Schwung, geht unter.

Mir liegt der Kwaremont. Ich liebe Kopfsteinpflaster und ich mag die Länge des Anstiegs. Er ist nicht nur für die reinen Kraftpakete geschaffen. Über kürzere Anstiege, für die man knapp eine Minute braucht, können Fahrer wie Sagan, Tom Boonen und Greg Van Avermaet mit ihrem Punch einfach hinwegbrettern. Bei 2,2 Kilometern Anstieg kommen Fahrer wie ich ins Spiel. Es ist mehr als nur eine kurze Rampe, bei der du einmal Vollgas gibst und dann ist es geschafft. Du brauchst Stehvermögen, musst mit deinen Kräften haushalten können, Reserven haben.

Aufgrund seiner Länge ist der Oude Kwaremont auch der naheliegende Ausgangspunkt für die alles entscheidende letzte Attacke. Als ich 2015 das E3 Harelbeke gewann, trat ich früh am Kwaremont an und hielt dann – mit gesenktem Kopf – den Druck vom steilen Abschnitt zu Beginn bis ganz nach oben aufrecht. Dort schaute ich mich um, um zu sehen, wer noch bei mir war, und nur zwei Fahrer hatten mir folgen können: Zdeněk Štybar und Sagan. Wir behaupteten unseren Vorsprung, vier Kilometer vor dem Ziel attackierte ich erneut und setzte mich ab.

Der Oude Kwaremont war meine Startrampe. Klar war es opportunistisch, aber gleichzeitig war es schon viele Male auf diese Weise gemacht worden. Die Gelegenheit ergibt sich nur, wenn du dich gut fühlst und wenn du dir mit viel Einsatz eine gute Position erarbeitet hast, und zwar über eine gehörige Zeitspanne hinweg, schon seit der Anfahrt an den Fuß des Anstiegs. Wenn du das alles hinbekommen hast, ist dies der richtige Zeitpunkt für den Angriff. Leg alles rein, was du hast, und schau, was passiert, getreu dem Motto: hoffen, beten und treten. Ein bisschen Glück kann nicht schaden: Bei meinem Sieg damals in Harelbeke gewann ich außerdem mein eigenes Gewicht in Kwaremont-Bier, was bei meiner Hochzeit in Wales in jenem Herbst ziemlich gut ankam.

Sonderlich schön ist es hier nicht, am Oude Kwaremont, nicht im herkömmlichen Sinne. In den Rennen früh in der Saison ist die Landschaft trostlos und harsch, als wäre ihr sämtliche Farbe entzogen worden. Es gibt nur wenige Bäume und jede Menge Gehöfte, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg kaum verändert haben. In jeder kleinen Stadt und jedem kleinen Dorf, die du durchquerst, steckt Historie in jedem Pflasterstein und jedem bröckligen Ziegel. Wenn es dann so weit ist, dass die Flandern-Rundfahrt ansteht, sind die Dunkelheit und die Kälte des Winters der Wärme und dem Vogelgezwitscher des Frühlings gewichen. Aber du bist weiter den Elementen preisgegeben, dem tosenden Wind und dem Regen, die über die matschigen Felder hinwegpeitschen.

Wenn du diesen Anstieg als jemand fährst, der an einer Haarnadelkurve in den Alpen gehockt hat, als das Feld der Tour de France vorbeifuhr, kann der Kwaremont ein bisschen enttäuschend wirken. Ähnlich wie der Poggio ist er nicht auf große, schneebedeckte Weise spektakulär. Es gibt kaum Schilder. Du bist vielleicht nicht mal sicher, ob du auf der richtigen Straße bist. Deswegen ist es am besten, dir im Vorfeld ein paar der flämischen Frühjahrsklassiker anzuschauen, dir das Tempo der Fahrer klarzumachen, die Begeisterung der Zuschauer. Wenn du den Oude Kwaremont dann fährst, nimm vorher ein paar der anderen Kopfsteinpflasteranstiege in der Gegend in Angriff. Lass sie deine Beine auslaugen. Und dann wirf dich mit allem, was du noch hast, in den Kwaremont, leg von Beginn an alles an Power hinein, hol dir den Schwung, der so wichtig ist. Du kannst dich erholen, wenn es im Mittelteil flacher wird, aber sobald die Straße sich öffnet und wieder steiler wird, gib noch einmal alles. Für dich wird es keine Absperrungen geben, du kannst daher auf den Rand ausweichen, wenn du magst. Wenn du es aber so erleben möchtest, wie wir es tun, versuche den ganzen Weg nach oben auf dem Kopfsteinpflaster zu bleiben. Das vermittelt dir das wahre, authentische Kwaremont-Feeling. So hast du hinterher das Gefühl, diesen berühmten Kopfsteinpflasterhügel wirklich richtig bezwungen zu haben.

Ich sehne mich immer noch nach diesen Rennen zurück. Ich habe mich zu einem Klassementfahrer entwickelt, aber ich habe die Flandern-Rundfahrt geliebt, seit ich klein war. Ich habe etwas von dem Gewicht verloren, das ich früher als Klassikerjäger hatte, und damit opfert man auch ein wenig Kraft. Dein Tour-Gewicht erreichst du, indem du für die Tour trainierst, und die Vorbereitung für Flandern ist etwas völlig anderes. Es geht nicht darum, 90 Minuten am Tag bergauf zu fahren, sondern darum, 30 Sekunden voll am Anschlag zu fahren oder fünf Minuten lang mit letzter Kraft dranzubleiben. Du gehst nur selten aus dem Sattel. Es geht um die Wattzahlen, die du im Sitzen treten kannst. Mir kommt das entgegen, dank meines früheren Trainings für die Mannschaftsverfolgung.

Ein bisschen leichter zu sein, kann aber auch nicht schaden, und es half mir 2015. Ich spürte, wie ich auf eine Weise über das Kopfsteinpflaster tänzelte, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Bei Paris–Roubaix spielt das Gewicht keine so große Rolle. Die Pflastersteine sind groß, aber die Strecke ist komplett flach. In Flandern wären 70 bis 71 Kilogramm demnach perfekt für mich: leicht, aber mit Punch. Brachiale Kraft, aber mit dem Wissen, wie man sie nutzt. Um den Kwaremont zu bezwingen, braucht man Kopf und Beine.

Koppenberg

3. April 2015, Flandern-Rundfahrt

Dauer: 2 Minuten 15 Sekunden

Distanz: 0,61 km

Ø-Geschwindigkeit: 14,7 km/h

Ø-Kadenz: 69 U/min

Ø-Herzfrequenz: 163 bpm

Die Größe ist nicht immer entscheidend, nicht, wenn es um Radsportberge geht.

Der Koppenberg ist nur 78 Meter hoch. Das sind zwei Kehren in Alpe d’Huez. Oder eine am Mortirolo. Er steht selten zu einem Zeitpunkt im Rennen an, um eine entscheidende Rolle für dessen Ausgang zu spielen. Er ist nur 600 Meter lang. Man könnte 30 von ihm im Col du Galibier unterbringen.

Aber es gibt noch ein »nur«, das im Hinblick auf den Koppenberg viel wichtiger ist: Nur an diesem Anstieg kann es passieren, dass du Weltklasseprofis absteigen und zu Fuß laufen siehst, mit geschulterten Rädern, als befänden sie sich in einem der Cyclocross-Rennen, die im Winter auf den Äckern hier in der Gegend ausgetragen werden. Nur am Koppenberg kannst du erleben, wie sie ihr Rad gar schieben müssen und dabei eine Miene ziehen, als würden sie dir am liebsten eine reinhauen.

Es hat nichts mit Können zu tun. Den Koppenberg juckt es nicht, wie viele Titel du gewonnen hast. Irgendjemand vor dir wird einen der Pflastersteine zu heftig oder im falschen Winkel erwischen, ein anderer geht in die Eisen, du musst Tempo rausnehmen. Und da du dich gerade in einem Steilstück mit 25 % Steigung befindest, geht dein ganzer Schwung in einem Schwall von Verwünschungen flöten. Jemand klickt aus. Du hältst das Gleichgewicht und bleibst im Sattel, aber der Bursche vor dir rauscht seitlich in einen Zuschauer. Es ist nass und glitschig unter deinen Reifen, doch ohne vernünftigen Grip hast du keine Chance, wieder in Gang zu kommen. Und unversehens, einfach so, geht gar nichts mehr, und 50 der besten Fahrer der Welt versuchen, in Schuhen voranzukommen, die nicht dafür gemacht sind, bequem auf einem Teppich zu laufen, geschweige denn auf einem fast senkrechten Brocken spiegelglatten Gesteins.

Und so kommt es, dass dieser winzige Anstieg, der nach 600 Metern vorbei ist und am Gipfel eine Höhe von gerade mal 78 Metern erreicht, ebenso eine Ikone der Radsportkultur ist wie irgendeiner der großen, namhaften Pässe, die regelmäßig von den dreiwöchigen Landesrundfahrten angesteuert werden. Er richtet Chaos und Verwüstung an. Er hat mehr von Mountainbiking als von einem Straßenrennen. Er ist wie kein anderer Anstieg im Radsport. Die Zahlen allein werden ihm nicht annährend gerecht. Es ist, wie sich Snooker oder Darts im Fernsehen anzuschauen. Du siehst die Könner und auch wenn du weißt, dass du nie im Leben eine 147er-Aufnahme oder einen Nine-Darter schaffen würdest, fragt sich ein Teil von dir, wie schwer das denn wirklich sein kann? Und dann versuchst du dich an einem richtigen Snookertisch und dein höchstes Break ist eine vier. Du spielst eine Partie und der Sieger ist derjenige mit den wenigsten Fouls. Zweimal verfehlst du die Kugel ganz, die du anvisiert hast. Überhaupt eine Kugel zu versenken, ist so schwer, dass jeder Frame zwei Stunden dauert, als wärt ihr Eddie Charlton gegen Cliff Thorburn.

Und du vergisst ihn nicht, er bleibt für immer in deinem Kopf. So ist das in Flandern. Wenn du diese flämischen Straßen im Rennen gefahren bist, kennst du irgendwann jeden Anstieg, weißt, was nach jedem einzelnen kommt, weißt, wie die Anfahrt zum nächsten ist. In den verschiedenen Rennen werden sie ein bisschen hin und her verschoben, aber der Rhythmus und die Magie bleiben immer gleich. All die Bilder und Erinnerungen stürzen wieder auf dich ein, selbst wenn du diese Hellingen seit fünf Jahren nicht mehr gefahren bist.

Die Anfahrt zum Koppenberg ist typisch Flandern. Runter von der Hauptstraße, immer mehr Fahrer wollen nach vorn, noch ein Kilometer bis zu einer 90-Grad-Rechtskurve, wo jeder unbedingt unter den ersten fünf sein möchte, und so befindest du dich mitten in einem kleinen Massensprint, gerade als die Straße sich von zweieinhalb Wagenbreiten auf eine verengt. Zwei Minuten Vollgas-Fahren wie die Irren, fast unausweichlich ein paar Stürze, dann scharf rechts zum Fuß des Anstiegs, vorbei an dem weißen Gebäude mit dem braunen Reetdach zu deiner Linken, eine praktisch rechtwinklige Kurve, bei der du jede Menge Schwung einbüßt, gerade dann, wenn du ihn am meisten brauchst.

Du hörst die Pflastersteine unter deinen Reifen, bevor du sie siehst. Rumpeln, rattern, knattern. Hundert Meter lang spürst du die Vibrationen in deinen Armen, in deinen Ellenbogen, in deinem Nacken und in deinem Rücken, und dann plötzlich bäumt er sich vor dir auf – innerhalb von 50 Metern von 5 % auf 11 % und 14 %; dann 16 % und dann 22 %, und du rauschst mit Karacho in den roten Bereich hinein.

Unter den Bäumen kann es nass sein. Früh im Jahr kann sich dort tückisches Laub befinden und die Pflastersteine noch rutschiger machen, oder Matsch, vor allem wenn der Anstieg am gleichen Tag schon mal gefahren wurde und die Reifen der Begleitfahrzeuge jede Menge Blätter und Dreck abgeladen haben.

Das Adrenalin rast durch deinen Körper – ich bin am Koppenberg! –, aber es ist auch eine Schinderei. Deine Trittfrequenz ist furchtbar klein, die Wattzahl auf deinem Powermeter riesig. An manchen Anstiegen kann man es mal ein paar Sekunden lang rollen lassen und sich ein klein wenig erholen. Am Koppenberg nicht. Hier ist es wie am Mortirolo: Wenn du auch nur einen halben Pedaltritt auslässt, kommst du zum Stillstand. Die Steilheit und das Pflaster – sie geben dir keine zweite Chance. Es ist, wie im Velodrom hoch auf die Überhöhung zu fahren und das Tempo unter 20 km/h sacken zu lassen. Du landest auf dem Hintern, ehe du dich versiehst. Wenn du am Koppenberg nicht durchgängig den Druck auf den Pedalen hochhältst, bist du erledigt.

Ich habe selbst die Demütigung erlitten, ihn hinauflaufen zu müssen. Es war auf einer Erkundungsfahrt mit dem Team Sky, ich fuhr hinter Edvald Boasson Hagen, als er ins Trudeln kam und einmal quer über die Straße zog. Ich musste bremsen, um nicht hinten auf ihn draufzufahren. Er fing sich und fuhr weiter, ich verlor meinen kompletten Schwung und musste aus den Pedalen ausklicken. Oben auf dem Koppenberg lauert immer ein Fotograf, auch an Erkundungstagen, und natürlich gelang ihm ein tolles Foto. Nicht gerade ein stolzer Moment, aber niemand ist davor gefeit.

Trotzdem gibt es keinen besseren Anstieg, wenn man sich gut fühlt und an der Spitze fährt. Die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Wenn du bei der Flandern-Rundfahrt als Erster über den Koppenberg gehst, bekommst du zehn Watt gratis dazu. Einen unerfahrenen Profi kann das teuer zu stehen kommen – du solltest so weit vor dem Ziel nicht dein ganzes Pulver verschießen –, aber für diejenigen, die Bescheid wissen, ist es mit das Geilste, was unser Sport zu bieten hat.

Es ist gewaltig, wie ein natürliches Amphitheater. Steile Böschungen zu beiden Seiten der Straße. Zuschauer, die sich an die Hänge klammern, trinken, jubeln und verzweifelt versuchen, nicht den Halt zu verlieren. Bäume zuoberst der Böschungen recken ihre Äste über die Straße, schließen den Lärm und den Trubel ein, während du in einen Tunnel der Euphorie einfährst.

Ich habe mich immer auf den Koppenberg gefreut. Nicht unbedingt auf das Gerangel in der Anfahrt, aber auf die Herausforderung, wenn du erst mal im Anstieg drin bist – mit der gelassenen Zuversicht, dort so schnell sein zu können wie jeder andere. Die Historie unseres Sports bedeutet mir eine Menge. Ich habe Johan Museeuw dort hinaufjagen und Andrea Tafi sich absetzen sehen, und wenn du dann selbst auf derselben Straße Rennen fährst, ist es, als würdest du in der Zeit zurückreisen.

Wenn du nicht einen Carbonrahmen hättest, könntest du dich am Koppenberg tatsächlich genauso gut in den 1970er oder 1980er Jahren befinden. Die eigentlichen Bedingungen haben sich kaum verändert: Hier und da wurde ein Schlagloch ausgebessert, ein bisschen Kosmetik, aber mehr auch nicht. Die Straßen für die Tour de France werden neu asphaltiert, bevor wir eintreffen. Es zeugt vom öffentlichen Stolz der durchquerten Regionen und Gemeinden, Teil des Rennens zu sein. Die Straßen der Tour sind glatt, ausgerollt wie ein roter Teppich. Hier am Koppenberg hat sich in hundert Jahren kaum etwas verändert.

Wenn dieser Berg ein Bier wäre, würde er mächtig knallen: 14 % Alkohol. Wenn du gut in Form bist, kannst du damit umgehen. Natürlich würdest du die Wirkung spüren, aber du kommst damit klar. Wenn du aber nicht trinkfest bist, ist es so, als würde dir ein übelgelaunter Mike Tyson begegnen: ein Hieb und der Ofen ist aus. Statt dich weiter zu quälen, schleppst du dich lieber zur nächstbesten Bank.

Trotz allem liegt er mir. Ich habe mir ein wenig von den Qualitäten bewahrt, die ich auf der Bahn brauchte, vor allem die hohen Wattzahlen im Sitzen, wie man sie für die Mannschaftsverfolgung entwickelt. Zudem war ich es seit meinem Wechsel zu den Profis gewohnt, den Anfahrer für die Sprinter des Teams zu machen, schon damals in meiner Zeit bei Barloworld für unseren schnellen Mann aus Südafrika, Robbie Hunter. 30 Sekunden am Anschlag, zwei bis drei Minuten Tempo bolzen – das bin ich.

Ich liebe die Herausforderung, die solche Anstiege mit sich bringen. Und der Koppenberg war für mich ein Berg von besonderer Bedeutung – sowohl für den Fahrer, der ich war, als auch für den Fahrer, der ich zu werden versuchte. So wie es bei der Tour 2015 darum ging, im Hochgebirge zu bestehen und mir selbst zu beweisen, dass ich um die Gesamtwertung fahren konnte, wurde mir bei der Flandern-Rundfahrt 2011 klar, dass ich für die Eintagesklassiker geschaffen war. Ich stellte mich damals in den Dienst von Juan Antonio Flecha, trug nach meinem Sieg im Sommer zuvor das Trikot des britischen Meisters und liebte es – all die kleinen Antritte an der Spitze, als Erster in den Anstieg gehen, noch in guter Position über die Kuppe kommen, eingerahmt von Filippo Pozzato und Tom Boonen, Fabian Cancellara direkt vor uns.

Und der Koppenberg war der Gipfel all dessen. Dieses Pflaster hinaufzujagen und sich immer noch gut zu fühlen und zu denken: Verflucht, ich bin hier unter den besten 15! Am Hinterrad eines Fahrers wie George Hincapie zu kleben, der immer um den Sieg bei einem solchen Klassiker gekämpft hatte, wenn ich ihn als Kind im Fernsehen sah, es über das supersteile Stück zu schaffen, dieser ganze Kitzel. Der kleine Anstieg mit der so großen Geschichte, und ich komme mit ihm klar. Gerade so eben…

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