Kitabı oku: «Fleischbrücke»
Autor Gerd Hans Schmidt, 1960 geborener echter Franke, ist seit 1995 Rechtsanwalt in eigener Kanzlei. Er wohnt und arbeitet bei Erlangen. Die kreative Seite trat schon während des Studiums der Rechtswissenschaften in Erlangen zu Tage. Das trockene Studium lockerte er nebenbei mit semiprofessioneller Musik (Neue Deutsche Welle) auf und er arbeitete 1988/89 kurz für eine lokale Zeitung als Redakteur. Es gab eine ganze Reihe rechtlicher Publikationen in lokalen Blättern und zu Anfang der beruflichen Tätigkeit eine kleine Radiosendung bei einem Lokalsender. Seit 2011 macht der Autor als »HansBass« auch wieder Rockmusik in einer Band. Die Idee für den ersten Roman »Mord in der Harrer-Klinik« ergab sich während eines Klinikaufenthaltes. Die Geschichte des zweiten Krimis »Zuckerrübenmord« führt in die Welt der Politik mit ihren Schattenseiten wie Betrug und Korruption. Beide Krimis sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag Leipzig erschienen.
Gerd Hans Schmidt
FLEISCHBRÜCKE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Handlung und Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit real lebenden Personen wäre
daher zufällig und unbeabsichtigt.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Umschlaggestaltung: Gerd Hans Schmidt
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1 – Blutrot
Kapitel 2 – Jungblut
Kapitel 3 – Schwindel
Kapitel 4 – Seelenkunde
Kapitel 5 – Kneipengauner
Kapitel 6 – Suppenliebe
Kapitel 7 – Entsetzen
Kapitel 8 – Magnetbruch
Kapitel 9 – Irreführung
Kapitel 10 – Geständnis
Kapitel 11 – Erkenntnisse
Kapitel 12 – Erlösung
Kapitel 13 – Märchenstund
Kapitel 14 – Fangschuss
Kapitel 15 – Strafe
Kapitel 1 – Blutrot
Der 29. Mai im Jahr 2015 fällt auf einen herrlichen Tag mit Sonnenschein und an die 30 Grad im Schatten. Über dem Hauptmarkt vor dem Rathaus flirrt die Luft vor Hitze. Es ist eine aufregend schöne Hochzeitsfeier. Ilse hatte sich doch für das kleine Schwarze entschieden, das wir vor drei Wochen in einem Geschäft in der Kaiserstraße gefunden hatten. Wenn ich ihr nicht schon einen Heiratsantrag gemacht hätte, an diesem Tag heute würde ich es tun. Sie sieht traumhaft aus mit ihren schulterlangen blonden Haaren, die weich zur Seite fallen, als sie sich auf dem Weg zum Standesamt noch mal umdreht und mir einen dieser Blicke zuwirft, die mich stets dahinschmelzen ließen. Wir kommen am Schönen Brunnen vorbei und drehen am Wunschring, auch wenn es derzeit nur der Ersatzring ist, weil der Brunnen restauriert wird. Wir sehen uns tief in die Augen, aber der Wunsch darf nicht verraten werden. Ich hatte mir einen dunkelblauen Anzug aus dünnem Leinen zugelegt, schon der Jahreszeit wegen. Und ein offenes, weißes Baumwollhemd. Sehr zum Unmut von Ilses Mutter, die schon den ganzen Tag moniert, dass ich doch bei unserer Hochzeit eine Krawatte tragen müsse.
Der Standesbeamte macht seine Sache ordentlich, aber nicht gut: Er wolle das junge Brautpaar mit seinen jetzt folgenden Worten auf das Eheleben vorbereiten. Ich bin immerhin schon 43 und Ilse 34. Er dagegen scheint nicht die große Lebenserfahrung zu haben, mit den geschätzten 26 Jahren. Ilses Mutter gefällt die Rede jedenfalls, auch wenn unser Kollege Herbert gelegentlich leise lachen muss. Vor allem als der Beamte auf die vielen Kinder zu sprechen kommt, die wir sicherlich haben würden.
»Der Wolff und die sieben Kindlein«, hört man es an dieser Stelle leise von hinten. Herbert konnte noch nie seinen Mund halten, aber jetzt gefällt mir sein Kommentar und auch Ilse zwinkert mir sichtlich erheitert zu.
Ilse und ich sind glücklich entspannt, aber unser Trauzeuge, mein alter Freund Jürgen, rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sieht ständig in seinen Taschen nach, ob die Trauringe noch da sind. Als ich mich zu ihm umdrehe, weil die Rede eher langweilig ist, grinst er verschmitzt und nickt. Also alles klar.
Die Ringe sind schließlich getauscht und die Unterschriften besiegeln den Bund der Ehe. Unsere Gäste spenden Applaus und wir machen uns auf den Weg zu unserer Feier. Den kurzen Weg gehen alle zu Fuß und Helmi, der Wirt unseres Stammlokales in der Burgstraße, empfängt uns herzlich mit einem großen Tablett voller Gläser mit prickelnd kühlem Prosecco.
Wir hatten mit unseren Einladungen nicht gespart. Sogar unseren Chef, Dr. Ruschka, hatten wir zur Hochzeit gebeten. Natürlich auch alle Kolleginnen und Kollegen vom Kommissariat. Harald, Cem und allen voran natürlich unseren Herbert, der es sich nicht nehmen ließ, Ilse zum Standesamt zu führen.
Viele Verwandte haben wir nicht und im Grunde genommen sind die Kollegen so eine Art Familie. Meine Schwester aus Hamburg konnte bedauerlicherweise nicht kommen, weil ihre Tochter die Masern bekommen hatte. Alles in allem sind wir eine Hochzeitsgesellschaft mit 36 Personen.
Es ist gegen 16 Uhr und die meisten unserer Gäste sitzen mit uns vor dem Lokal auf den Stühlen, die dort am Bürgersteig aufgestellt sind. Es weht kaum ein kühlendes Lüftchen und das alkoholfreie Weißbier wird von den meisten Gästen bevorzugt bestellt.
Herbert sitzt bei uns an dem kleinen runden Holztisch und legt gerade ein gefaltetes Bierfilz unter ein Stuhlbein, weil der Tisch ständig wackelt.
»Na, ihr zwaa, wie wor etz des mit die Kinnerli, des hot der Standesmoo fei schön g’sacht!«
»Mein bester Herbert, da lass mal noch viel Wasser die Pegnitz hinunterlaufen. Das Thema war bei uns noch nicht auf der Tagesordnung. Richtig Ilse, meine Ehefrau?«
»Genau so ist das, Herbert. Und überhaupt, wer sollte dann auf dich aufpassen, wenn ich zu Hause bleiben müsste?«
»Da hat die Frau Merkel aber vollständig recht, Herr Wagner. Erstens könnte ich eine solch gute Kommissarin gar nicht ersetzen und das mit dem Aufpassen, also wenn ich mir das genau überlege, da hat sie auch nicht unrecht. Wer außer Frau Merkel könnte Sie in den Griff bekommen!« Dr. Ruschka lacht in die Runde und alle anderen amüsieren sich köstlich. Er fährt mit seiner Rede fort.
»Aber bevor ich das vergesse, Frau Merkel, ich habe da noch ein weiteres kleines Hochzeitsgeschenk – außer dem, das ich auf den Tisch da drinnen gelegt habe. Da Sie sich gegen eine gleich anschließende Hochzeitsreise entschieden haben, sind Sie ja beide am Montag wieder im Büro. Da liegen dann zwei kleine Umschläge für Sie, aber ich verrate den Inhalt jetzt schon in unserer kleinen Runde. Frau Merkel, es freut mich Ihnen mitteilen zu können, dass Sie mit sofortiger Wirkung die Amtsbezeichnung Oberkommissarin tragen dürfen!«
Ein lauter Applaus folgt von den Kollegen. Ilse sieht mich zufrieden an, aber ich bemerke, dass sie schon viel zu lange auf diesen Moment gewartet hatte.
»Aber das ist noch nicht alles. Herr Schmitt, ab sofort sind sie Erster Hauptkommissar und leiten hier in Nürnberg die neue Abteilung für Sonderermittlungen der Mordkommission.«
Ein anerkennendes Raunen geht durch die Runde und die Kollegen klatschen freudig, aber vor allem ehrlich, was in Beamtenkreisen nicht immer der Fall ist.
»Also die Beförderung der Kollegin Ilse Merkel war schon überfällig, da hat mein lieber Vorgänger geschlafen.«
Jetzt blickt meine Frau zufrieden in die Runde.
»Das mit dem Ersten Hauptkommissar allerdings war jetzt nicht so leicht durchzusetzen, vor allem weil beim letzten Fall die Politik etwas an Ansehen verloren hat und von oben ständig gegen die Beförderung gearbeitet wurde. Aber die Leistungen des Kollegen Wolff Schmitt haben letztlich doch den Ausschlag gegeben. Und natürlich mein gewichtiges Wort!«
»Und iich, iich geh widder leer aus«, Herbert ist fast schon zu bemitleiden.
»Na, dann warten wir mal den Montag ab, Herr Wagner. So lange hat das noch Zeit.«
Herbert ist mit seinen 59 Jahren immer noch Oberkommissar. Der Vorgänger von Dr. Ruschka hatte ihn nie richtig akzeptiert. Sicher, Herberts Art sich zu benehmen und auszudrücken ist gewöhnungsbedürftig. Aber ein Vorgesetzter sollte auch Menschenkenntnis haben. Herbert arbeitet unkonventionell, aber er ist verlässlich und loyal. Alle Kollegen schätzen das. Und wer macht schon keine Fehler.
Im Kommissariat ist sehr viel Ruhe eingekehrt, seit Dr. Ruschka vor etwa zwei Jahren als Kriminaldirektor nach Nürnberg kam. Das war auch der Grund, warum Ilse unbedingt von der Wirtschaftsabteilung zur Mordkommission wechseln wollte.
Wir werden in das Lokal gebeten, das Essen steht bereit. Ilse und ich hatten uns lange überlegt, was wir unseren Gästen servieren lassen wollten. Wir hatten auch die eine oder den anderen nach der Meinung gefragt. Die Antworten waren stets die gleichen. Wir seien hier mitten in Franken und wenn die Hochzeit in unserer Stammkneipe gefeiert wird, dann soll deftige fränkische Küche auf den Tisch.
Am Nachmittag gleich nach der Trauung haben unsere Gäste »Drei im Weggla« auf die Hand genossen, um dem Hunger bis zum Abend keine Chance zu geben. Und zum Abendessen gibt es heute einen kleinen Vorspeisenteller mit Carpaccio vom einheimischen Weiderind, dann eine klassische fränkische Hochzeitssuppe mit kleinen Leberknödeln und Pfannkuchenstreifen. Die gedünstete Bachforelle mit Meerrettichdip und kleinen Salzkartoffeln mundet unseren Gästen ausgezeichnet. Der Fleischgang besteht aus einem ofenfrischen Schäuferla mit einer gnadenlos guten, knusprig gebackenen Kruste und einer richtig nach Hausfrauenart einreduzierten Soße. Natürlich fehlen die Klöß’ und das Sauerkraut nicht. Die Nachspeise mit Schokoladenmousse, Bayerisch Creme und einem Bällchen Vanilleeis rundet das Menü perfekt ab. Die meisten unserer Gäste lassen sich zu den Hauptgängen ein frisch gezapftes fränkisches Bier schmecken. Zum Nachtisch haben wir einen ausgezeichneten Sekt aus dem Würzburger Raum bestellt.
Ich setze mich zu Harald und Cem an den anderen Tisch. Ilses Mutter musste jeden Gang des Menüs mehr oder weniger kritisieren und darauf hinweisen, wie man das hätte besser machen können. Dabei hat sie ihr Leben lang nichts gekocht.
»Das ist aber ein Aufstieg, Wolff. Erster Hauptkommissar, in deinem Alter«, Harald meint das anerkennend und aufrichtig.
»Ja, das war heute eine echte Überraschung, das hätte ich ganz und gar nicht erwartet. Der Chef hat mich gerade noch einmal zur Seite genommen. Ich habe freie Hand, wie ich mein Team zusammenstelle. Und da muss ich gar nicht lange überlegen. Ihr zwei seid doch dabei, oder?«
»Da kannst du dich aber darauf verlassen, dass wir uns eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen. Richtig, Cem?«
»Aber hoppla. Da sind wir auf jeden Fall dabei, Wolff!«
»Das freut mich sehr, Kollegen. Ihr könnt euch natürlich denken, wer noch mitspielen wird.«
»Logisch, die alte Truppe mit Ilse und Herbert.«
»Richtig. Behaltet es bitte für euch, aber der Herbert wird am Montag zum Hauptkommissar befördert, endlich. Eigentlich zehn Jahre zu spät, aber besser als gar nicht.«
»Er hat es verdient, der alte Knochen.«
»Leute, wenn schon mal die Euphorie ausgebrochen ist, dann sollten wir das nutzen. Da gibt es doch so eine junge Kollegin bei der Sitte, so eine Dunkelhaarige mit Zopf, wie heißt die noch mal?«
»Du meinst vielleicht diese Hannah de Fries?«
»Ja, genau. Da habe ich nur Gutes gehört. Was meint ihr, soll ich mich für einen Wechsel von ihr in unsere neue Abteilung stark machen?«
»Auf jeden Fall. Wir hätten schon bei der Scheiß Politiksache Verstärkung gebraucht.«
»Und die sieht richtig gut aus!«
»Cem, sie soll ermitteln. Lass da mal deine Finger weg, auch wenn dir das schwer fallen sollte.«
Es ist ein richtig schöner Abend. Viele der Gäste sitzen draußen und Helmi kommt kaum nach, die Getränke zu servieren, obwohl er kurzfristig noch Personalverstärkung geordert hat. So gegen 2.30 Uhr lichtet sich die Hochzeitsgesellschaft aber merklich. Ich sitze mit Ilse vor der Wirtschaft, ihre Mutter hat sich schon länger in ihr Hotel verabschiedet.
»Wolff, haben wir das heute richtig gemacht?«
»Ilse, ich glaube, ich habe in meinem Leben keine bessere Entscheidung getroffen. Ich habe das Eheleben zu lange als den zweitbesten Weg betrachtet. Aber nachdem du in unsere Abteilung kamst, war ich mir dann nicht mehr so sicher. Ich habe halt lange gebraucht. Und wenn du da nicht nachgeholfen hättest, dann säße ich immer noch in meiner alten verranzten Bude und würde mir einreden, dass das Zusammenleben mit einer Frau ein Fehler ist. Aber das ist es nicht alleine. Ich habe mich hoffnungslos in dich verliebt und das ist der Grund, warum wir heute geheiratet haben.«
Ilse beugt sich vor, zieht meinen Kopf zu sich und gibt mir einen langen Kuss.
»Aber jetzt, junges Paar. Ist es nicht Zeit für die Hochzeitsnacht?«, Dr. Ruschka unterbricht uns, »dann geht mal schön nach Hause, ich verabschiede mich jetzt auch und bedanke mich für die ausgezeichnete Bewirtung!«
»Der Dank gilt vor allem Ihnen, Chef, und nicht nur fürs Kommen, sondern für ihr überraschendes Extrageschenk.«
Ilse umarmt den verdutzten Ruschka und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Der gute Sekt scheint zu wirken.
Die letzten Gäste verabschieden sich und wir sitzen nur noch mit Helmi vor seiner Kneipe. Die Lichter im Schankraum sind schon gelöscht.
»Dein Essen war ausgezeichnet, mein alter Freund, und die Bewirtung wie immer perfekt. Du hast uns einen schönen Abend genießen lassen.«
»Das ist doch selbstverständlich, Wolff. Vor einem Jahr hätte ich das nicht geglaubt, dass ihr beiden zusammenkommt. Ganz ehrlich, nie und nimmer. Ilse, da habe ich dem alten Mann hier schon gut zureden müssen.«
»Na, Helmi, ich denke, dass mein lieber Wolff irgendwann schon von selbst auf den Trichter gekommen ist.«
Helmi stellt noch drei Gläser mit schottischem Single Malt auf den Tisch.
»Meine Lieben, ich denke, wir nehmen noch einen Absacker, natürlich aufs Haus.«
*
Nach diesem letzten Drink machen auch wir uns auf den kurzen Heimweg. Es ist eine herrlich laue Nacht und wir schlendern Arm in Arm über den Hauptmarkt hinunter zur Pegnitz. Kurz vor der Fleischbrücke nehmen wir uns in die Arme und verweilen so wortlos eine ganze Weile.
Als wir dabei sind, kurz vor der Brücke nach rechts Richtung Winklerstraße zu gehen, stutzt Ilse und bleibt stehen. Es ist gegen halb vier und noch dunkel.
»Wolff, da, auf der Brücke, da liegt irgendwas, mitten auf dem Weg!«
Ich sehe nach vorne, kann aber nur eine Art dunklen Haufen sehen. Ich meine aber, die Umrisse eines Menschen erkennen zu können. Zwei der Straßenbeleuchtungen sind ausgefallen. Ich will auf dieses Ding, was immer es auch ist, zugehen, aber Ilse zieht mich zurück.
»Bleib hier, du weißt nicht, was das ist und vielleicht wartet da nur einer darauf, dass jemand vorbeikommt, den er dann niederschlagen und ausrauben kann. Du kennst doch diese Masche. Wir haben keine Dienstwaffen dabei.«
Ich rufe dennoch in die Richtung.
»Hallo, ist da jemand, brauchen Sie Hilfe? Bewegen Sie sich, wenn das möglich ist.«
Es folgt keine Reaktion.
»Wir sind von der Polizei, geben Sie uns ein Zeichen, wenn wir helfen sollen.«
Wieder nichts.
»Lass uns die Streife rufen, Wolff. Die sind doch sofort hier!«
»Und dann liegt da nur Müll rum und wir machen uns lächerlich. Warte mal, ich habe doch die kleine Taschenlampe eingesteckt für den Heimweg. Bleib du hier stehen, ich bin schon vorsichtig.«
Langsam bewege ich mich im Schein der kleinen Lampe auf das Objekt zu. Je näher ich komme, umso deutlicher werden die Umrisse. Es scheint tatsächlich ein Mensch zu sein.
Als ich kurz davor stehe und das schwache Licht direkt darauf fällt, fährt mir ein entsetzlich stechendes Gefühl in die Magengegend und ich erstarre. Alle Muskeln meines Körpers verkrampfen sich, ich kann mich kaum bewegen. Vor mir liegt der tote, verstümmelte, blutverschmierte Rest eines Menschen. Er trägt keine Kleidung. Es ist ein Mann, soviel wage ich zu vermuten. Der Körper liegt auf dem Rücken, aber die Beine fehlen. Bei näherem Hinsehen kann ich erkennen, dass der Rumpf auf den Beinen liegt, die irgendwie völlig unnatürlich nach hinten abgeknickt sind. Der Körper ist über und über mit Blut bedeckt, was auf entsetzlich grobe Verletzungen schließen lässt.
So etwas habe ich in meiner gesamten Polizeilaufbahn noch nicht gesehen.
Instinktiv drehe ich mich um, leuchte mich mit der kleinen Lampe an, so gut das eben geht, und gebe Ilse ein Zeichen, nicht näher zu kommen. Ich will ihr diesen Anblick ersparen. Ich knie mich hinunter. Diese Masse stinkt entsetzlich nach Blut, Schweiß und Fäkalien. Die Sehnen und Muskeln der Oberschenkel scheinen nahe am Hüftgelenk brutal mit einem Messer durchtrennt worden zu sein, nur so konnte der Täter die Beine nach hinten unter den Rumpf abknicken. Man sieht die Oberschenkelköpfe, die aus der Hüftpfanne herausgerissen sind und nach vorne herausragen. Täter. Ganz sicher. Das war kein Unfall.
Ich bin immer noch unter Schock, kann aber ein paar Schritte auf Ilse zugehen. Ich versuche ihr etwas zuzurufen, aber meine Stimme versagt. Endlich, nach mehrfachem Räuspern, bringe ich ein paar matte Worte heraus.
»Ruf’ die Streife, Ilse. Ruf’ die Spurensicherung. Ruf’ im Kommissariat an. Ruf’ alle an, die du erreichen kannst. Aber komm nicht näher. Ich pass’ auf, dass von der anderen Seite niemand herankommt. Du bleibst da stehen!«
»Wolff, was ist da? Du bist vollkommen verstört!«
»Jetzt nicht. Mir fehlt nichts. Aber bleib’ dort stehen. Versprich mir das!«
Mit diesen Worten gehe ich zurück zu der Leiche. Ich nehme die Lampe wieder zu Hilfe. Der Unterleib ist kreuz und quer aufgeschlitzt und Blut rinnt noch immer auf den Boden der Brücke, wo sich bereits eine Lache gebildet hat, die nur langsam in das poröse Pflaster einsickert. Dieser Fleischhaufen, aus dem die Gedärme herausquellen, liegt hier noch nicht lange. Die Arme sind der Länge nach aufgeschnitten und liegen neben dem Körper am Boden. Die Gesichtszüge sind bis zur völligen Unkenntlichkeit mit einem scharfen Gegenstand abgeschabt und liegen als blutiger, schleimiger Haufen neben dem Rest des Kopfes am Boden.
Die erste Streife ist in zwei Minuten vor Ort. Sie kennen mich und ich schildere die Sache mit ein paar Sätzen. Meine Stimme ist noch immer nicht vollständig einsatzfähig.
Einer der jungen Kollegen muss sich sofort übergeben, als er sich dem Korpus nähert. Er entleert sich über die Steinbrüstung der Brücke in die Pegnitz.
Nach und nach treffen Kollegen ein, die um diese Zeit Dienst haben oder erreicht wurden. Auch Hannah de Fries ist dabei. Nach ungefähr einer halben Stunde ist der Tatort abgesperrt und hell erleuchtet. Nach einer weiteren Stunde ist praktisch die ganze Altstadt abgeriegelt und alle verfügbaren Einsatzkräfte sind vor Ort.
Ilse hat Dr. Ruschka noch auf seinem Nachhauseweg erreicht und er orderte sofort ein Sondereinsatzkommando, um die Altstadt zu durchkämmen.
Die Stimmung am Tatort ist gespenstisch. Trotz der immensen Anzahl von Einsatzkräften herrscht eine bedrückende Ruhe. Zwei Kollegen von der Spurensicherung müssen aufgeben. Der Anblick dieses Verbrechensopfers geht über ihre Kräfte. Aber das ist mehr als verständlich. Es ist Sonnenaufgang und das Licht nimmt dem Geschehen etwas an Dramatik.
Dr. Ruschka nimmt Ilse und mich zur Seite.
»Dass euch beiden das widerfahren musste. Ausgerechnet in der Hochzeitsnacht. Ich muss gestehen, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Da muss doch ein Wahnsinniger gewütet haben. Ihr geht jetzt nach Hause. Ich kann das hier mit den übrigen Kollegen übernehmen.«
»Meinen Sie, Chef, wir könnten uns jetzt auf unser Sofa setzen, gleich da drüben in der Winklerstraße, und noch einen Sekt trinken vor dem Schlafengehen? Der Anblick reicht mir für die nächsten zehn Jahre oder noch mehr. Ich bin da nicht so empfindlich, aber das übersteigt selbst meine Vorstellungskraft.«
»Sie haben nichts gesehen, also außer dem Toten?«
»Nein, wir waren mit uns beschäftigt, als wir über den Hauptmarkt gegangen sind. Aber ich denke, da war auch niemand außer uns, oder Wolff?«
»Nein, ich habe niemanden bemerkt. Aber lange kann das nicht her gewesen sein, das Blut lief noch aus den Wunden, wenn man überhaupt von Wunden sprechen darf. Nein, nein, auch als ich auf die Brücke gegangen bin, war da kein anderer.«
Der Chefpathologe aus Erlangen trifft gerade ein und macht sich an seine Arbeit. Ohne Rechtsmediziner darf die Spurensicherung die Leiche in so einem gravierenden Fall nicht abtransportieren, auch wenn sonst alle Spuren festgehalten und dokumentiert sind. Auch Staatsanwalt Gastner ist erreicht worden und kommt zu uns herüber.
»Meine Herrschaften, dass so etwas in Nürnberg möglich ist. Ich habe es schon gehört, Frau Merkel, Herr Schmitt, sie hätten sich den Ausklang dieser Nacht auch anders vorgestellt. Es gibt keine Hinweise oder Anhaltspunkte?«
»Gar nichts, Gastner, tut uns leid. Wir haben nur im Dunklen auf der Brücke etwas wahrgenommen und ich habe mir das natürlich näher ansehen müssen. Aber wir haben sonst niemanden beobachtet. Es war, ja, wie soll ich es sagen, totenstill um diese Zeit.«
Der Chef kommt mit dem Pathologen Dr. Rosser zu uns herüber.
»Ja meine Herren, die Dame, das ist das Entsetzlichste, was mir in meiner ganzen Laufbahn untergekommen ist. Ich hatte schon die schlimmsten Opfer, vor allem Unfallopfer. Aber dass das jemand vorsätzlich getan hat, ist unvorstellbar, aber leider wahr. Wann sagten Sie, haben Sie die Leiche gefunden?«
»Das war so kurz nach halb vier, richtig Ilse?«
Sie nickt mir zu.
»Dann haben Sie den oder die Täter nur kurz verpasst. Ich schätze mal, dass das nicht früher als so um drei geschehen ist. Genaueres kann ich erst im Institut feststellen. Ich kann mir hier nur ein grobes Bild von der Situation machen, was aber wichtig für die nachfolgenden Untersuchungen ist. Und ich muss Ihnen gestehen, mein Magen war kurz davor …!«
»Vorausgesetzt, es ist hier auf der Brücke passiert.«
»Eher ja. Wie gesagt, ich muss das alles genau untersuchen, aber die Blutspuren auf dem Pflaster sprechen dafür. Außerdem wäre es eine logistische Meisterleistung gewesen, diesen so zugerichteten Körper hierher zu transportieren.«
»Es war ein Wahnsinniger?«
»Kann man nie wissen. Es gibt Täter, die so emotional überfordert sind, dass sie einfach völlig die Kontrolle verlieren. Aber es spricht einiges für ein pathologisches Tätermuster.«
Herbert Wagner kommt zu Fuß um die Ecke. Er hat hier in Nürnberg in der Nähe der Burg eine schöne Zweizimmerwohnung, seine Frau starb schon vor einigen Jahren und so zog er vom Eigenheim auf dem Land lieber in die Innenstadt. Er hatte ebenfalls noch nicht geschlafen und war am Handy erreicht worden.
»Leit, Leit, wos muss ich do hör’n? So ein Massaker mitten in unserer schönen Stadt. Ich muss mer des anschaun.«
»Tu dir das nicht an, mein alter Freund. Das übersteigt unsere Vorstellungskraft.«
»Ach Wolff, ich hob in mein’ Leben scho so viel g’sehn, ich denk’, des schaff ich ah no. Außerdem, wenn ich mitermitteln soll, dann muss ich des g’sehn hob’n.«
Nach drei Minuten kommt Herbert schweigend zurück.
»Du host recht, Wolff, so wos glaubt ka Mensch. Und des wor auch ka Mensch, der des g’macht hot. Ich bin etz neunafuchzich, aber in meiner gesamten Laufbahn, na ja, bis zum Oberkommissar hob ich’s bracht, ist mir so wos net begegnet. Grausam. Unwirklich. Net vorstellbar.«
Dr. Ruschka nimmt mich am Arm beiseite und flüstert mir ins Ohr.
»Herr Schmitt, ich denke, wir werden am Montag anderes zu tun haben, als Beförderungen zu feiern. Und da Herr Wagner in ihre Abteilung kommt, wovon ich stark ausgehe, dürfen Sie ihm das eröffnen, auch wenn das jetzt ein völlig falscher Zeitpunkt ist. Aber der Mann braucht genau jetzt in diesem Moment eine kleine Stütze.«
Menschenkenntnis eben. Ich gehe mit Herbert ein paar Schritte zur Seite.
»Mein lieber, guter Herbert, dass uns so was vor die Füße fallen muss. Ich habe bei der Feier schon mit Cem und Harald gesprochen, wegen der neuen Abteilung. Du bist doch dabei, oder? Ich kann da einen erfahrenen Hauptkommissar gut gebrauchen.«
»No klor, Wolff. Do mach ich selbstverständlich mit. Aber du host a weng vill drunk’n. Ich bin immer no Oberkommissar, leider.«
»Ab Montag nicht mehr, Herbert. Der Chef hat mich gebeten, dir das heute noch zu sagen, weil am Montag im Kommissariat der Teufel los sein wird. Deine Beförderung zum Hauptkommissar ist bewilligt und liegt am Montag bei dir auf dem Tisch.«
Herbert sieht mich lange an, dann bemerke ich seine feuchten Augen. Er zieht mich zu sich und umarmt mich.
»Dass des doch noch geklappt hot. Des iss schee. Des gibt dann halt doch a weng a bessere Rent’n.«
»Bedank’ dich beim Chef, der hat sich für dich eingesetzt. Wir können froh sein, dass der zu uns gekommen ist.«
Kapitel 2 – Jungblut
Es ist gegen acht Uhr in der Früh, als Ilse und ich dann doch einschlafen. Im Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Stadt regt sich nicht. Sie kann sich nicht regen, weil der gesamte Bereich innerhalb der früheren Stadtmauern noch immer abgeriegelt ist. Der Chef hat alles mobilisiert, was zu verantworten war. Die Busse der Einsatzkommandos stehen rings um die Altstadt. Keiner kommt hinein und keiner geht hinaus, ohne dass die Identität der Person zweifelsfrei feststeht und dokumentiert ist.
Und was da für Zufallsfunde ins Netz gingen. Fleißige Drogenhändler, die ihre Arbeit in den Nachtclubs getan hatten und auf dem Nachhauseweg waren, völlig Betrunkene, die ihr Mütchen mit allerlei Sachbeschädigungen kühlten und natürlich Minderjährige, die um diese Zeit hier sowieso nichts mehr zu suchen hatten.
»Wenn schon ein Fußballderby Tausende von Polizisten in Beschlag nimmt, dann rechtfertigt dieser Mord erst recht einen solchen Einsatz«, meinte der Chef, als er am Telefon lautstark immer und immer wieder neue Leute forderte.
Spezialkräfte durchkämmten systematisch jeden Winkel des abgesperrten Bereiches. Taucher wurden in die Pegnitz unter die Fleischbrücke geschickt, um nach der Kleidung oder sonstigen verdächtigen Gegenständen zu suchen. Sie suchten mit der Strömung an die 300 Meter weit. Anwohner wurden aus dem Schlaf gerissen und befragt. Jeder Hinterhof, jede Garage und alle Räume, die von der öffentlichen Straße aus zugänglich sind, ob versperrt oder nicht, wurden genauestens untersucht. Es gab keine Durchsuchungsbeschlüsse. Wenn an diesem Morgen nicht Gefahr in Verzug war, was solche Formalitäten überflüssig macht, an welchem Morgen sollte das sonst der Fall sein. Die Händler für den Markt waren kurz vor einem Aufstand, weil man sie nicht hereinließ. Nicht einmal die Straßenreinigung durfte anfangen. Es herrschte der nackte Ausnahmezustand. Die Zeit stand für eine ganze Weile still in Nürnberg.
Aber es ergab sich keine Spur, die auch nur annähernd mit dem Mord zu tun haben könnte und so wurde das Sperrgebiet am Sonntagvormittag aufgehoben. Nur die Fleischbrücke blieb weiter abgeriegelt und man sah die Spuren des schrecklichen Verbrechens noch deutlich. Auf jeder Seite der Brücke standen Polizeibeamte, die niemanden näher herantreten ließen. Der Rechtsmediziner hatte das angeordnet, falls noch weitere Untersuchungen vor Ort nötig wären.
Es ist Montag, 11.15 Uhr im Präsidium. Meine an meinem Hochzeitstag gebildete Sondereinheit kommt im großen Besprechungsraum zusammen. Dr. Ruschka und Staatsanwalt Gastner sind ebenfalls zugegen. Dr. Ruschka eröffnet die Besprechung.
»Meine Damen und Herren, in Nürnbergs Kriminalgeschichte ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Ich habe mich erkundigt. So ein grausames Verbrechen gab es in den letzten siebzig Jahren nicht. Von der Zeit davor möchte ich nicht sprechen. Die Statistik berichtet zwar von einer ganzen Reihe brutaler Morde, aber so ein irrsinniges, menschenverachtendes Schlachten hat es noch nie gegeben, entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise. Der Vorfall von Samstagmorgen übersteigt jede Vorstellungskraft. Und was mich am meisten beunruhigt, ist der Gedanke, dass dieser Wahnsinnige da draußen herumläuft und sein nächstes Opfer suchen könnte.«
Ein Raunen geht durch den Raum.
»Aus Sicht der Polizei gibt es derzeit weder Spuren noch Anhaltspunkte, die auf einen bestimmten Täter hinweisen. Die Spurensicherung arbeitet noch und die Rechtsmedizin ist auch noch nicht so weit. Wochenende halt. Herr Schmitt, Sie leiten in der neuen Abteilung die Ermittlungen. Wie sollen wir vorgehen?«
»Nun, ich habe mir das folgendermaßen gedacht. Wonach müssen wir suchen? War es ein Täter oder waren es mehrere? Das ist meiner Meinung nach der erste Ansatzpunkt. Und, ihr Kriminologen, meine Kenntnisse auf diesem Gebiet sagen mir, dass es nur ein Täter gewesen sein kann. Ich kenne keinen Fall in der Kriminalgeschichte, wo mehrere Täter gemeinsam ein solches Schlachtfest veranstaltet haben.«
»Tschäck, der Ribber.«
»Herbert, du hast ausnahmsweise recht. Nur so kann ich mir das vorstellen. Wobei es natürlich keine nachfolgende Tat geben muss. Hoffe ich jedenfalls. Wenn nicht, kommt ein Albtraum auf uns zu. Da wir im Moment keine greifbaren Ansatzpunkte haben, schlage ich folgende Aufteilung vor. Ilse, du recherchierst europaweit nach ähnlichen Fällen, wenn es die überhaupt gibt. Ich denke, du musst da schon bis zu 35 Jahre zurückgehen. Harald, du überprüfst alle Gewalttäter, die derzeit einsitzen. In Haft und in der Psychiatrie. Nicht, dass es einer von denen gewesen sein könnte, sonst hätten wir die Fahndungsmeldung spätestens heute Morgen hier gehabt. Aber ich will mir ein Bild machen können.«
»Und einer aus dem Ausland? Der ehemalige Ostblock und der Balkan strömen geradezu herein!«
»Gut, dass du das erwähnst, Cem. Das wird deine Aufgabe sein. Da hast du dich beim letzten Mal schon bewährt.«
»Danke Chef.«
»Ich darf an dieser Stelle unsere neue Kollegin Hannah de Fries begrüßen.«
Alle klopfen auf den Tisch.
»Frau de Fries ...«
»Nennen Sie mich bitte Hannah. Und das gilt für alle hier. Ich möchte nicht die einzige sein, die gesiezt wird.«
Es folgt zustimmendes Klopfen.
»Also Hannah. Wir beide fahren morgen nach Erlangen in die Rechtsmedizin und unterhalten uns mit Professor Dr. Rosser, um erste Erkenntnisse noch vor seinem schriftlichen Bericht zu bekommen. Ich würde Sie ..., also dich dann bitten, dass du dich mit den Motiven solcher Taten anhand der Kriminalgeschichte befasst.«
Ilse wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Und schließlich Hauptkommissar Herbert Wagner. Ja, Kollegen, es hat doch noch geklappt!«
Lautes Klopfen folgt.
»Herbert, du ziehst durch die Innenstadt rund um den Tatort. Du befragst in deiner leutseligen Art alle, die du erwischen kannst. Da konnte vielleicht einer nicht schlafen, hat aus dem Fenster gesehen und etwas für ihn Harmloses, aber für uns ungemein Wertvolles gesehen oder gehört. Da ging einer Zigaretten holen und wurde vom Täter angerempelt und so weiter. Du weißt, was ich meine.«
»Scho, Wolff. Des iss mei’ Spezialität!«
»Also Herrschaften. Dann los und in zwei Tagen um die gleiche Uhrzeit treffen wir uns hier. Außer es ergibt sich vorher etwas. Ich gebe Dr. Ruschka recht. Die Sache eilt. Ich will nicht hoffen, dass da ein Psychopath rumläuft, der so weitermacht.«
»Und eine Frau als Täterin?«
»Ilse, nein. Du hast dieses Opfer nicht gesehen. Ich halte das für ausgeschlossen. Wahrscheinlichkeit bei ein Prozent.«
»Wirklich?«
»Möglich ist alles. Dann fassen wir die Möglichkeit mit ins Auge.«
Auf dem Flur.
»Wolff, wieso du und diese Hannah. Du hättest auch mich mitnehmen können.«
»Ist das die erste Eifersuchtsszene? Ilse, ich muss sehen, woran wir mit ihr sind. Es gibt zwar nur Lob, aber ich will mir selbst ein Bild machen. Wenn es darauf ankommt, muss ich mich, oder müssen wir uns auf sie verlassen können!«
Zugegeben. Hannah de Fries ist 27 und eine sehr attraktive junge Frau. Ihre fast schwarzen, seidig glänzenden Haare trägt sie nach hinten zu einem Zopf gebunden. Ihr schönes Gesicht mit den großen, runden, dunkelbraunen Rehaugen und zarten femininen Zügen kommt dadurch noch besser zur Geltung. Sie hat einen kleinen Mund, aber volle Lippen. Und irgendwie hat sie einen dunklen Teint. Sie ist sehr schlank, nicht sehr groß, aber ihre weiblichen Formen sind bestens betont. Ich habe sie bislang nur in ganz engen, glänzend schwarzen Hosen und einer ebenso engen schwarzen Lederjacke gesehen. Darunter trägt sie stets nur ein dunkles T-Shirt, das den Blick auf ihren Bauchnabel zulässt, wenn sie sich aufrichtet oder nach hinten streckt. Also es gibt sicher nur wenige Männer, denen das alles entgeht und ich kann Ilse verstehen.
Mir ist nur aufgefallen, dass sie nie richtig lächelt, sie hat so etwas Verletzliches in ihrem Ausdruck.
Am nächsten Tag gegen 9.30 Uhr in Erlangen. Hannah de Fries und ich betreten den weiß-schwarzen, quaderförmigen Bau in der Universitätsstraße. Dr. Rosser ruft uns in den Sezierraum.
Auf dem Tisch aus Edelstahl liegt dieser traurige menschliche Rest, den ich in der Nacht von Freitag auf Samstag auf der Fleischbrücke gefunden hatte. Hannah zeigt keine Reaktion auf diesen entsetzlichen Anblick. Ihr Blick ist ernst und konzentriert auf den Tisch gerichtet.
Der Rumpf ist zwar vom Blut gereinigt und der entsetzliche Gestank verflogen, aber der Anblick ist immer noch grauenvoll.
»Herr Dr. Rosser, ich darf Ihnen unsere neue Mitarbeiterin vorstellen, Frau Kommissarin Hannah de Fries.«
»Freut mich, Frau de Fries. Ich kann Ihnen leider nicht die Hand geben, Sie sehen, ich bin gerade bei der Arbeit. Tja, Herr Schmitt. Ganz durch bin ich noch nicht mit meinen Untersuchungen, vor allem fehlen die ganzen Laborwerte, Toxikologie und so weiter, Sie verstehen schon. Aber eines steht für mich schon ziemlich fest. Dieser Mann hier war kein etabliertes Mitglied unserer Gesellschaft.«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun. Wir veranlassen immer zuerst ein großes Blutbild. Da war ja am Tatort genug vorhanden und ich habe sofort eine Probe gezogen. Dann machen wir einen Alkotest. Der Blutalkoholwert lag zum Todeszeitpunkt bei 1,8 Promille. Der Mageninhalt bestand aus noch unverdauten Dosenravioli und Bier. Der Leberwert und der Allgemeinzustand, soweit dieser feststellbar war, lassen den Schluss zu, dass es sich wohl um einen Alkoholiker, womöglich obdachlosen Alkoholiker handelt.
Die Todesursache steht für mich fest. Es war ein Schlag, ein heftiger, gewaltsamer Schlag mit einem harten, aber nicht stumpfen Gegenstand gegen den unteren Hinterkopf. Der Gegenstand drang tief in das Gewebe, verletzte wichtige Blutgefäße und brach den zweiten Halswirbel, sodass sofort eine Lähmung nach unten eintrat. Der Täter durchtrennte noch die Halsschlagader. Das war’s dann. Von den Verstümmelungen und weiteren Verletzungen hat das Opfer wohl nichts mehr mitbekommen.«
»Die Tat eines Wahnsinnigen?«
»Nein. Durchaus nicht. Der Täter wusste offenbar genau, wie er vorgehen musste. Vor allem die Durchtrennung der Sehnen im vorderen Hüftbereich ist geradezu professionell. Genau an der richtigen Stelle.«
»Der Mörder macht so etwas also gerne?«
Hannah fragt den Doktor gezielt.
»Ich weiß nicht, ob er das gerne macht, aber er kann es sehr gut.«
»Ein Arzt? Ein Psychopath?«
»So weit möchte ich noch nicht gehen. Es gibt eine ganze Reihe von Merkmalen, die diesen Schluss zulassen. Eines davon ist die kontrollierte und eiskalte Vorgehensweise bei der Tat.
Dann spricht dafür, dass er wohl einen bestimmten Grund hat, die Beine so nach hinten zu knicken und das Gesicht zu entfernen.«
»Er?«
»Vermutlich. Sagen wir, die Tat wurde von einem psychopathisch veranlagten Menschen verübt. 80 Prozent solcher Täter sind Männer. Und es gehört auch ein erheblicher Kraftaufwand dazu, die Beine so nach hinten zu biegen. Es wurde zwar auch die Kapsel, die das Hüftgelenk umschließt, angeschnitten, aber so leicht ist es nicht, den Oberschenkelkopf da herauszubrechen.«
»Sie legen sich fest?«
»99 Prozent, ja. Wenn Frauen Morde verüben, dann meistens mit Gift oder Medikamenten, oder beidem. Eleganter halt. Zwar sind auch hier Verstümmelungen nicht ausgeschlossen, aber seltener.«
Hannah scheint ganz in ihrem Element zu sein, aber eine wichtige Frage fällt auch mir ein.
»Sie sagen Morde. Kann das der Anfang einer Serie sein?«
Dr. Rosser blickt eine Weile nach unten und überlegt. Dann richtet er den Blick auf mich.
»Ich befürchte ja, Herr Schmitt. Der Mörder hatte einen Grund und er will uns mit der Art, wie er das Opfer zugerichtet hat, möglicherweise etwas mitteilen.«
Ich sehe Hannah an und merke an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie diesen Verdacht schon einige Zeit hatte, denn sie macht eine kleine nickende Kopfbewegung.
»Dann hat es wohl auch nichts damit zu tun, dass das hier wahrscheinlich ein Obdachloser ist?«
Hannah kommt dem Doktor zuvor.
»Nein. Er braucht nur einen bestimmten Menschen, wahrscheinlich einen Mann. Wen er da zufällig erwischt, ist ihm völlig egal. Es geht nur um das Töten. Und die Botschaft!«
Wir verabschieden uns und Dr. Rosser sichert uns zu, dass wir spätestens in zwei Tagen den vollständigen Bericht bekommen. Hannah de Fries spricht kein Wort auf der Rückfahrt, bis ich sie anspreche.
»Sie sind ...«
»Du bist. Ich dachte, wir hatten uns so weit vorgewagt, obwohl ich als die Jüngste das Du eigentlich nicht anbieten dürfte.«
Mit diesen Worten sieht sie mich direkt an, legt ihre linke Hand auf meinen rechten Oberschenkel und lässt sie dort liegen. Ich weiß im ersten Moment nicht, wie ich darauf reagieren soll, aber diese Berührung ist mir auch nicht unangenehm. Ich kann mich selbst nicht verstehen und ich ignoriere es einfach. Schließlich nimmt sie ihre Hand wieder von meinem Bein und steckt sie in die Tasche ihrer Lederjacke.
»Du bist bei dem Gespräch mit dem Doktor sehr engagiert gewesen«, beginne ich nach einer Weile, »und du scheinst ein wenig Ahnung von diesen Dingen zu haben. Ist das richtig?«
»Hat es dir gefallen, als ich meine Hand auf dein Bein gelegt habe?«
»Hannah! Das ist jetzt nicht der Moment für ...«
»Wann ist der richtige Moment?«
»Ich habe am Freitag geheiratet!«
»Na und?«
»Schluss mit dieser Debatte. Wir haben einen Fall zu lösen!«
Schweigen.
»Also, wieso kennst du dich da aus, bei diesen Psychosachen?«
»Ich habe nach dem Abitur sechs Semester Psychologie studiert. Oder sieben. Weiß ich nicht mehr so genau. Ist auch nicht mehr wichtig.«
»Und dann Polizistin?«
»Erstens hatten die meisten dieser Studenten selbst einen an der Klatsche und zweitens wollte ich die Menschheit vor solchen Typen schützen, nach denen wir jetzt suchen. Ich habe mich deswegen immer wieder, auch nach dem Studium, mit diesen Verhaltensmustern befasst. Das mit meiner Hand eben war der Versuch, dich zu manipulieren. Das machen Psychopathen gerne. War gut, oder? Du bist darauf hereingefallen.«
»Und ich dachte schon ...«
»Denk das ruhig. Als ich dein Bein berührte, hat es mir auch gefallen. Du bist ein toller Mann, du gefällst mir.«
»Hannah!«
Diese Direktheit trifft mich wie ein Blitz, aber mehr Gegenwehr fällt mir im Moment nicht ein.
*
Wir fahren in den Hinterhof des Präsidiums und ich stelle den Wagen ab.
Auf dem Flur zu meinem Büro kommt uns Ilse entgegen.
»Gut, dass ihr kommt, der Chef will dich gleich sprechen.«
Hannah geht wortlos an Ilse vorbei und wirft ihr ein seltsames Lächeln zu. Ungewohnt. Sie lächelt doch sonst nicht.
»Was hat die denn?«
»Sie hat die Leiche gesehen.«
»Und da lächelt die?«
Erst jetzt bemerke ich meine dumme Antwort.
»Was will er denn, der Ruschka?«
»Er hat die Zeitung gelesen. Vorsicht.«
Genau. Die Zeitung.
»Da. Das hat uns gerade noch gefehlt«, der Chef wirft mir die NZ auf den Schreibtisch, »die sind doch völlig irre! Das schürt doch nur Panik!«
Ich nehme das Blatt und erschrecke wirklich über die Titelstory.
In großer, fetter Schrift ist da zu lesen:
»Der Ripper von der Fleischbrücke«
Und darunter:
»Das grausamste Verbrechen in der Geschichte Nürnbergs wurde am frühen Samstagmorgen verübt. Wann folgt der nächste Mord?«
Darunter kommt ein Foto von Beamten des Sondereinsatzkommandos, wie sie mit Sturmausrüstung und vorgehaltener Waffe durch die Kaiserstraße ziehen. Wenigstens kein Bild von der Leiche, denke ich mir. Aber die Schilderung des Opfers kommt dann doch noch. Irgendeiner plaudert doch immer.
»Jetzt stehen wir unter Druck und unter Beobachtung, Schmitt. Dieser Fall wird uns Kraft kosten. Was sagt der Pathologe?«
»Nichts Gutes. Es war wohl ein Zufallsopfer. Ein Obdachloser wahrscheinlich. Und wir müssen das Schlimmste befürchten. Alle Anzeichen sprechen im Moment dafür, dass wir es mit einem Serienmörder zu tun haben, einem Psychopathen, der seiner Mordlust nachgeht und Botschaften verbreiten will.«
»Schmitt! Das wäre eine Katastrophe. Ist der sich da sicher?«
»Da braucht man nur ein wenig kriminologische Ausbildung. Dr. Rosser ist mit seiner Meinung nicht alleine. Ich stimme ihm zu und Hannah de Fries stimmt ihm zu. Es spricht einfach alles dafür. Wussten Sie, dass die Hannah Psychologie studiert hat? Ohne Abschluss?«
»Nein. Nicht so direkt. Ich schau mal in die Personalakte. Was machen wir jetzt? Der Oberbürgermeister will eine Pressekonferenz! Der hat Angst um die Stadt.«
»Und wir tappen völlig im Dunklen. Ich schlage vor, dass wir für morgen eine Pressekonferenz ansetzen. Mir fällt da schon was ein.«
Ich nehme die Zeitung mit und lese den Artikel ganz. Gute journalistische Arbeit. Ganz unten auf der Seite kommt noch eine Meldung über zwei Einbrüche. Einer davon war in einem Juweliergeschäft in der Mühlgasse. Etwa zwei Stunden vor unserem Mord hatte jemand dort Schmuck im Wert von 70.000 Euro erbeutet. Die Alarmanlage funktionierte nicht. Bei einem Geschäft für Wander- und Outdoorbedarf wurde die Schaufensterscheibe eingeschlagen. Da war ganz schönes Gesindel unterwegs in unserer Hochzeitsnacht.
Hochzeit! Sofort ist das Bild von Hannah in meinem Kopf. Das darf doch nicht wahr sein! Meinte sie das ernst, heute im Auto? Die macht doch einen Scherz! Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Verdammte Pressekonferenz. Herbert!
Genau, Herbert ist der Richtige für solche Sachen. Dem fällt doch immer eine Gaunerei ein, wenn es um die Presse geht.
»Du gehst schon wieder alleine weg, Wolff? Das häuft sich aber in letzter Zeit. Wir hätten doch eine Hochzeitsreise machen sollen.«
»Ilse, morgen ist die Pressekonferenz. Ich bin mit Herbert verabredet. Dem alten Gauner ist was eingefallen für den Termin morgen.«
»So, so, mit dem Herbert. Dieser Herbert trägt nicht zufällig schwarze enge Jeans?«
»Jetzt hör aber auf. Die Hannah war sehr hilfreich heute Morgen. Ich denke, die macht sich ganz gut bei uns.«
»Und schon weißt du, worauf ich hinaus will. Mein lieber Wolff, mach’ nur keinen Blödsinn.«
»Ilse, so kenn’ ich dich gar nicht. Was ist plötzlich los? Ich muss weg, der Herbert wartet.«
Kapitel 3 – Schwindel
»Mensch Wolff, so eine Scheiße aber auch. Dass euch das in dieser Nacht passieren musste.«
Helmi setzt sich zu uns und stellt drei frische halbe Bier auf den Tisch.
»Probieren, die Herren. Neu! Elch-Bräu aus Thuisbrunn. Das läuft runter, sag ich euch.«
»Also dann a Prösterla!«
Tatsächlich. Schön herb.
»Sehr gut, Helmi, da könnt’ ich mich daran gewöhnen. Ja, ja. Das war ein Ding am Samstag. Ich habe so etwas noch nie erlebt.«
»Macht dir das nichts aus? Ich meine, die meisten kippen um oder speien wie die Reiher oder machen beides!«
»Mein Magen hat schon einige Signale gesendet, aber ich bin nicht so der Speityp. Ich kann da ziemlich viel wegstecken, das war schon immer so. Ich darf denjenigen nur nicht kennen und so was kommt hoffentlich nie vor.«
»Mir wär’n net bei der Mordkommission, wenn mer bei jed’n Dod’n gleich umfall’n däd’n!«
»Herbert, das stimmt. Aber jetzt verrate mir mal, was wir denen morgen erzählen.«
»Na ja, du wasst scho. Ich hob a weng mei Fühler ausgstreckt, wos die morng so wissen woll’n.«
»Und?«
»Und, Scheiße. Die wer’n auf dem Dhema rumreiten, dass widder irgendwo aaner mit aaner gud’n Prognose rausderft hot. Du wasst scho. Kinderschänder, Vergewaltiger, a schönes Gutachten, und scho schlächder widder zu.«
»Ich hab’s mir fast schon gedacht. Da werden die Stammtische wieder bestens bedient von der Presse. Manchmal haben die aber auch recht. Und jetzt?«
»Etz bass auf. Ich hob den Cem scho drauf ang’setzt. Der hot doch europaweit such’n soll’n. Do gibt’s ähnliche Fälle in Polen, Rumänien, Slowenien und Italien. Abber immer nur ein Mord. Gut. Ähnlich. Die Opfer wor’n ganz schee herg’richt und die Gliedmaßen wor’n a a weng verbog’n, abber natürlich net so wie unserer.«
»Auf was willst du hinaus?«
»Also. Mir stell’n uns auf den Standpunkt, dass do zwor a Verrückter rumläfft, aber in jed’n Land bloß eine Dad verübt. He? Und desweg’n gehen mir davon aus, dass des hier bei uns auch ein Einzelfall ist! Des steht für uns nach unseren umfangreichen und nächtlichen Recherchen fest.«
»Und das nehmen die uns ab?«
»Na, na. Und dann präsendieren wir eine Liste mit allen Entlassungen aus der Psychiatrie aus den letzten acht Monaten.«
»Wieso acht?«
»Weil vor neun Monaten so a kritischer Fall entlassen wor’n iss.«
»Woher ...«
»Du host doch den Harald drauf ang’setzt!«
»So schnell geht das bei euch?«
»Scho, Wolff.«
»Und was war das für einer?«
»No, a so a Vergewaltiger halt, der die Frauen dann anschließend herg’richt hot. Abber net so wie am Samstoch.«
»Und das reicht denen dann?«
»Die ham genauso wenich wie mir und bis die do drauf kumma, des dauert.«
»Herbert, du hast den Hauptkommissar wahrlich verdient.«
»Abber im Ernst. Des schaut net gut aus, odder?«
»Nein, Herbert, es sieht gar nicht gut aus. Wir haben lange mit Dr. Rosser gesprochen und die Hannah hat da sehr viel Ahnung. Herbert, da läuft einer draußen rum, der das morgen wiederholen könnte. Außer wir haben Glück und der zieht weiter. Aber das Problem wird dadurch nur verlagert und nicht gelöst!«
»A so ein Scheißdreck abber auch. Du soch a mol. Die Hannah hot mich g’frocht, wie alt du bist. Geht a wen’g wos mit dera?«
»Hör mir bloß damit auf. Ilse ist auch schon bei dem Thema, nur weil ich mit ihr heute nach Erlangen gefahren bin. Aber die ist fachlich ganz gut drauf!«
»Bloß fachlich?«
»Nur fachlich!«
»Helmi, host noch a wen’g a so a Bier?«
»Na dann bring ich euch doch noch zwei!«
*
Pressekonferenz im Rathaus. Großer Bahnhof. Der OB sitzt rechts neben mir. Links von mir Dr. Ruschka, dann Staatsanwalt Gastner. Herbert habe ich neben den Bürgermeister gesetzt. Für alle Fälle. Wenn mir nichts mehr einfallen sollte. Ganz außen am Tisch sitzt Cem. Wegen der »Auslandsberührung«.
»Meine Damen und Herren von der Presse, sehr geehrte Anwesende, Herr Oberbürgermeister im Besonderen«, der Chef eröffnet die Sitzung, »außergewöhnliche Ereignisse haben uns heute hier zusammengebracht. Ich gebe zu, Nürnberg befindet sich in einer schwierigen Zeit ...«
»Hören Sie doch auf mit diesen Floskeln. Es ist eine Katastrophe hereingebrochen über unsere Stadt. Und sie halten Volksreden! Da läuft ein Verrückter herum und mordet.«
Einer der Journalisten wird jetzt schon ärgerlich und die anderen nicken zustimmend.
Ich muss eingreifen.
»Meine Herrschaften, Sie werden unserem Chef schon seine einführenden Worte zugestehen. Aber wenn ich schon das Wort habe, dann kann ich Ihnen Folgendes sagen. Zweifellos, und ich kann das ganz unverblümt aussprechen, haben wir eine Katastrophe. Am frühen Samstagmorgen wurde ein Mann auf der Fleischbrücke brutal dahingemetzelt. Die Umstände sind Ihnen bekannt, die vermeintlichen Einzelheiten konnten wir ja schon in der Presse lesen. So viel zu den Volksreden. Sie konnten ja nicht einmal die ersten Untersuchungen abwarten und haben Ihre einschlägige Leserschaft bedient!«
Ich ernte sofort fast tumultartigen Widerspruch.
»Lassen Sie mich bitte fortfahren. Ich bitte um Ruhe. Hätten Sie gründlichere journalistische Arbeit geleistet und erst einmal abgewartet«, Herbert hat mir geraten, richtig auf Konfrontation zu gehen, »dann hätten wir Ihnen am Montag schon genauere Angaben machen können.«
Aus dem Saal kommen verhaltene Beschimpfungen.
»Sie haben doch nichts! Und morgen kann der nächste Mord geschehen, Sie sind der Sache nicht gewachsen! Sie müssen die Bürger schützen!«
»Entschuldigen Sie, wie war Ihr Name?«
»Frommberger, von der Nürnberger Zeitung.«
»Ah, von der NZ. Ich kann mich erinnern, dass Sie sehr schnell an Details von Verbrechen kommen. Leider nicht immer gut recherchiert!«
»Das ist eine Unverschämtheit!«
Dr. Ruschka sieht zu mir herüber und macht eine mahnende Miene.
»Nein. Ist es nicht. Denn wenn Sie zu der Tat am Samstag gute Informationen gehabt hätten, dann wäre Ihnen nicht ein gravierender Fehler unterlaufen.«
Der OB schaltet sich ein.
»Herr Hauptkommissar Schmitt, wir wollen uns doch hier nicht mit Einzelheiten aufhalten. Was können Sie uns an Ergebnissen bieten?«
»Dazu komme ich gleich, Herr Oberbürgermeister. Übrigens, ich leite die Sondereinheit als Erster Hauptkommissar. Also.«
Ich wende mich wieder den Anwesenden im Saal zu.
»Was Ihnen entgangen ist, oder was Ihrem Informanten entgangen ist, sagen wir es einmal so, ist die Tatsache, dass ... «
»Welcher Informant bitte?«
»Das weiß ich nicht. Oder haben Sie die Leiche selbst gesehen? Also nein. Sie hatten in Ihrem Artikel vom Dienstag angedeutet, dass man davon ausgehen könne, es handele sich womöglich um einen entlassenen Sexualstraftäter, der rückfällig geworden ist. Nun. Ich habe die Leiche selbst gefunden.«
Wieder geht ein Raunen durch den Raum.
»Und ich kann Ihnen versichern, das ist nicht die Tat eines Sexualverbrechers. Ganz sicher nicht. Dieser Täter geht präzise vor, nicht triebgesteuert, sondern völlig kontrolliert.«
»Was soll das an der Gefahr für die Bevölkerung ändern? Lehmann, Süddeutsche Zeitung.«
Ich erkenne den Journalisten. Es ist Mister Unbekannt, den Herbert damals wegen des Mordes in der EU-Behörde angeschleppt hatte.
»Wir waren in den letzten Tagen nicht untätig. Es gibt vergleichbare Fälle in Polen, Rumänien, der Slowakei und Italien. Aber es war immer nur ein Opfer, dann ist der Täter weitergezogen.«
Ich bitte Cem Arslan, das Wort zu übernehmen und er schildert kurz die dortigen Ermittlungsergebnisse. Zugegeben, nicht ganz so genau.
»Und deswegen können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon ausgehen, dass die Tat am Samstag hier in Nürnberg auch ein Einzelfall bleibt.«
Es folgt Widerspruch aus den Reihen der Anwesenden.
»Wie können Sie da so sicher sein?«
»Sicher ist gar nichts. Und wenn ich Ihnen vor einer Woche diese Tat angekündigt hätte, hätten Sie mich für verrückt erklärt. Sie hätten argumentiert, dass so etwas hier in Nürnberg ›sicher‹ nicht passiert. Aber deswegen legen wir den Fall nicht zu den Akten. Ganz im Gegenteil. Die Ermittlungsarbeit wird unvermindert und mit Nachdruck fortgesetzt, da können Sie versichert sein!«
»Und was, wenn doch so ein Rückfalltäter am Werk ist?«
»Wir haben das überprüft. In den letzten acht Monaten ist kein relevanter Fall aus Haft oder psychiatrischer Unterbringung entlassen worden. In ganz Deutschland nicht. Und unser Kommissar Cem Arslan hier hat die angrenzenden EU-Staaten mit einbezogen.«
»Herr Schmitt, kann unsere Stadt wieder zur Tagesordnung übergehen?«
Der OB will beruhigt werden.
»Die Bürger dieser Stadt, ja. Die Polizei, nein. Wir werden alles daran setzen, dieses abscheuliche Verbrechen endgültig aufzuklären!«
Es folgt zwar kein Applaus, aber die Presseleute ziehen ohne Murren ab.
Dr. Ruschka nickt mir dankbar zu.
Draußen im Treppenhaus nimmt mich dieser Lehmann von der Süddeutschen am Arm und zieht mich zur Seite.
»Das haben Sie gut gemacht, Herr Schmitt. Aber glauben Sie im Ernst an diese Geschichte? Ein Täter, der herumzieht und nur einmal pro Land zuschlägt? Das ist ein Psychopath und der schlägt zu, wenn er die Gelegenheit bekommt!«
»Sie haben uns damals sehr geholfen, Herr Lehmann. Jetzt kenne ich wenigstens Ihren Namen. Damals haben Sie mir Ihren Namen nicht verraten, heute verrate ich Ihnen meine Strategie nicht. Ich denke, wir sehen uns noch! Ich muss in eine Besprechung.«
Bevor ich mich jetzt noch auf ein Gespräch einlasse, bei dem ich konkreter werden müsste, bevorzuge ich den Rückzug.
»Das hast du aber sehr diplomatisch gelöst, mein Wolff.«
Das Lob kommt von Ilse.
»Danke. Aber ich muss mich trotzdem erst noch an meine neue Position gewöhnen. Du, ich sag’s dir, der Herbert wächst geradezu über sich hinaus. Ich kann die Nummer hier und heute nur ihm verdanken. Der hatte alles ganz genau vorbereitet.«
»Also nicht die Neue!«
»Ilse, jetzt hör’ auf damit. Ich habe mir die Personalsituation vorher genau angesehen. Wir brauchten dringend Verstärkung und Hannah war die einzige Option. Zeugnisse, Beurteilungen, Fortbildungen, das war genau das, was ich gesucht habe.«
»Und da kommen natürlich das Aussehen und das Alter gerade recht!«
»Ah. Schon wieder. Du bist eifersüchtig, Ilse. Natürlich ist es schön, wenn die Wunschkandidatin keine Krätze ist.«
»Also doch!«
Wir sitzen alle im Besprechungsraum. Die ganze Sondereinheit. Dr. Ruschka als Kommissionsleiter, Oberkommissarin Ilse Merkel, nein, nicht Schmitt, sie wollte meinen Namen nicht, Oberkommissar Harald Müller, Kommissar Cem Arslan, Kommissarin Hannah de Fries, der frischgebackene Hauptkommissar Herbert Wagner und ich.
Hannah sitzt neben Cem, der über das ganze Gesicht grinst.
»Wenn Ihre schöne Geschichte nur wahr wäre, Herr Schmitt. Dann wäre mir bedeutend wohler. Wann kommen die Ergebnisse der Rechtsmedizin aus Erlangen? Morgen?«
»Wir holen sie morgen Vormittag ab. Ich habe den Professor gebeten, nichts elektronisch zu schicken. Ich will vermeiden, dass die Presse irgendetwas in die Hände bekommt.«
»Nanu! Angst vor einem Maulwurf?«
»Nein, das nicht gerade, Dr. Ruschka. Aber Sie wissen doch, aus so einer großen Organisationseinheit geht immer ein bisserl was nach draußen.«
»Sie klingen jetzt fast wie ein Österreicher!«
»Meine Großmutter ist in Österreich geboren, vielleicht steckt da noch was drin in mir.«
Alle lachen.
»Aber jetzt im Ernst, Herrschaften. Ich fahre morgen nach Erlangen und hole den Bericht. Aber der wird uns kaum weiterbringen. Wir wissen dann nur das, medizinisch fein säuberlich aufbereitet, was wir am Samstagmorgen sowieso gesehen haben. Außer der Täter hat seinen Namen noch irgendwo in die Haut des Opfers geritzt.«
»Des kannst abber vergess’n!«
»Genau, so ist das. Wir kommen nur weiter, wenn wir genau so ein Verhaltensmuster irgendwo anders finden. Harald, Cem, wie weit seid ihr?«
»Die Geschichten aus dem Ausland habt ihr ja schon verwendet. Mehr war da nicht. In Russland hatte es da mal einen ähnlichen Schlächter gegeben, der hätte zu unserem Fall super gepasst. Aber der wurde erschossen. Ansonsten Fehlanzeige. Und bei dir, Harald?«
»Na ja, es sitzt einer in Ansbach in der Psychiatrie. Ich war da gestern und habe mich mit dem Chefarzt unterhalten. Der war von Kind an gestört. Diebstähle, aggressives Verhalten, ständiges Lügen. Als Jugendlicher kamen dann Drogen und Alkohol dazu. Und kleinere Einbrüche. Der hat geklaut, was ihm in die Finger kam. Dann kamen die Jugendstrafen. Da hat er das Einbrechen erst richtig perfektioniert.«
»Und gleich weitergemacht?«
Hannah will das wissen.
»Klar. Da kamen die richtig großen Sachen, aber deswegen sitzt er da natürlich nicht. Dabei hatten die ihn nicht erwischt. Er war 25, als er Vater und Großvater erschlug und brutal verstümmelte. Zwar nicht genau so, wie der am Samstag es getan hat, aber der Arzt hält so was für möglich.«
»Das ist eine dissoziale Persönlichkeitsstörung gefolgt von psychotischen Schüben. Früher hieß das schlicht Psychopathie. Der Begriff war aber zu wenig differenziert, weswegen die Wissenschaft ihn heute eher nicht verwendet.«
Alle sehen Hannah erstaunt an.
»Genau so ein Zeugs hat der Arzt erwähnt. Deswegen war der schuldunfähig und sitzt seit fünf Jahren in Ansbach ein!«
»In der Regel führt ein starkes kindliches Trauma wie etwa Missbrauch oder Gewalt zu einem solchen Verhalten im jugendlichen Alter. Auch enorme Aggressionen sind nicht ausgeschlossen. Dass aber einer solche Sachen wie in unserem Fall veranstaltet, ist bisher noch nicht dokumentiert.«
Hannah de Fries beendet ihre Vorlesung.
»Das ist alles schön und gut, aber es nützt uns nichts, weil der da sitzt und nicht raus kann.«
Da hat Ilse jetzt auch wieder Recht.
»Davon konnte ich mich gestern überzeugen. Da kommt keiner an die Luft. Die Abteilung ist hermetisch abgeriegelt. Keine Chance. Der Typ hat auch keinerlei Erleichterungen bekommen, weil seine Gewaltfantasien noch immer da sind. Das dauert mindestens noch zehn Jahre, sagt der Arzt, wenn das überhaupt noch was wird mit dem.«
»Hast du ihn gesehen? «
»Nein. Die lassen niemanden zu ihm. «
»Ich fahre morgen mit nach Erlangen«, sagt Hannah mit einem fest entschlossenen Ton, »ich muss noch mal mit dem Dr. Rosser reden. Und ich will die Akte von dem in Ansbach.«
Ilse wirft mir schon wieder einen scharfen Blick zu.
»Dann kann doch auch ich mit Hannah nach Erlangen fahren!«
»Wie sieht’s mit deiner Recherche der ungeklärten Fälle aus?«
Ich Idiot. Das hätte ich jetzt genau an diesem Punkt nicht fragen dürfen.
»Die ist noch nicht abgeschlossen.«
»Dann loss halt den Wolff fohr’n. Der geht scho net verlor’n.«
»Da bin ich mir nicht mehr so sicher, Herbert.«
Hannah quatscht scheinbar unbeteiligt mit Cem. Irgendwie muss ich die Situation retten.
»Genau, Herbert. Was ist mit deinen Straßeninterviews?«
»Ja. So. Die ham etz a wen’g warten müssen, weil du ja net g’wusst hast, was du dene Presseheinis sag’n sollst. Da iss mei ganze Zeit draufgangen. Dud mer leid.«
»Ja. Geht in Ordnung.«
»Ilse, mogst mir vielleicht helfen? Ich zieh morgen los!«
Der Herbert als Retter.
»Herbert, ich helfe dir. Ein wenig frische Luft kann mir nicht schaden.«
Und wieder ernte ich einen ernsten Blick.
Wieder auf dem Flur.
»Wolff, warum willst du ständig mit der zusammen sein. Genüge ich dir nicht?«
»Was soll das, Ilse. Die Hannah hat eine psychologische Vorbildung und kann mit dem Pathologen ganz anders reden als wir alle zusammen. Und wenn ich mit ihr zusammen sein wollte, dann muss ich das nicht dienstlich bei einer Fahrt nach Erlangen organisieren. Wenn ich das will, dann gehe ich heute Abend mit ihr weg oder treffe mich mit ihr in ihrer Wohnung. Aus. Ich gehe heute Abend zum Kuchelbauer. Gehst du mit?«
»Ja.«
*
Eine Vermisstenmeldung ist bis heute, dem sechsten Tag nach dem Verbrechen, nicht eingegangen, was dafür spricht, dass Dr. Rosser mit seiner Theorie vom Obdachlosen richtig liegen kann. Diese Menschen treffen sich zwar oft abends und übernachten gemeinsam an einem geschützten Platz, aber wenn einer nicht mehr auftaucht, dann ist das halt so. Da kümmert sich dann keiner besonders. Wir können auch schlecht mit einem Foto von der Leiche an den uns bekannten Treffpunkten dieser Leute auftauchen und nachfragen. Ohne Gesicht wird das schwierig. Vielleicht hat der Rechtsmediziner noch ein besonderes Merkmal entdeckt.
Unsere Fahrt nach Erlangen verläuft bis Eltersdorf wortlos. Hannah sieht nur geradeaus oder tippt auf ihrem Telefon herum. Dann dreht sie sich zur mir herum.
»Wolff Schmitt. Deine Frau ist nicht begeistert davon, wenn wir beide zusammen ermitteln?«
»Nein, ist sie nicht. Sie ist eifersüchtig. Ich kann das auch nicht verstehen. Früher war sie nie so.«
»Da war ich auch noch nicht bei eurer Truppe. Ich kenne das. In meiner letzten Abteilung gab’s auch Trouble mit der Frau vom Chef.«
»Mit der Frau vom Landmaier Josef? Der ist doch schon 65 und kurz vor der Pension. Ich glaub’s nicht. Der hat dir gefallen?«
»Er mir nicht, aber ich ihm!«
»Der alte Bock. Aber so war der schon immer. War was?«
»Nein. Man hat schon bemerkt, dass er speziell was für mich übrig hatte, aber sonst hat er sich schon korrekt verhalten. Bei der Weihnachtsfeier letztes Jahr musste ich zweimal mit ihm tanzen, obwohl ich Tanzen hasse. Als ich beim dritten Mal dankend ablehnte und er enttäuscht dastand, hat sich seine Alte eben aufgeregt. Der war ja auch blöd, die zur Feier mitzunehmen und dann ständig bei mir anzuklopfen.«
»Kann ich mir bildhaft vorstellen. Ich kenn’ die. Da durfte keine andere mit ihm auch nur reden, schon war die auf 180. Der Josef! Wolltest du deswegen die Abteilung wechseln?«
»Nein. Als von euch die Anfrage kam, habe ich nicht lange überlegt. Mordkommission war schon immer mein Traum. Hat bis dahin nur nie geklappt.«
»Das freut uns auch sehr. Du hast in deiner alten Abteilung auch gute Arbeit geleistet.«
Dr. Rosser bittet uns in sein Büro.
»Also, Herrschaften. Dann fange ich mal von vorne an. Das Opfer, männlich, etwa Ende fünfzig, war nach einem heftigen Schlag mit einem flachen, metallenen Gegenstand sofort wehrlos. Dieser Schlag zerschmetterte den zweiten Halswirbel, sodass sofort eine Querschnittslähmung eintrat. Auffällig ist, dass sich am Wirbelkörper Einkerbungen zeigen, was dafür spricht, dass der Gegenstand scharfe Zacken hatte. Doch dazu noch später. Dieser Mann muss sofort zusammengesackt und wehrlos auf dem harten Boden aufgeschlagen sein. Dafür spricht eine stumpfe Verletzung am Hinterkopf, in der wir Partikel des Pflasters von der Brücke fanden. Ob das Opfer dadurch bewusstlos war, kann nicht mehr geklärt werden. Wir nehmen an, dass er mit dem Rücken auf den Boden fiel und der Kopf dann hart auf dem Steinboden aufschlug, was sehr für einen Bewusstseinsverlust spricht.
Anschließend durchtrennte der Täter die Halsschlagader auf der linken Seite. Er wartete aber nicht, bis sein Opfer so viel Blut verlor, dass er daran starb, sondern er machte sich sofort an die übrigen Verstümmelungen. Letztlich ist der Mann zwar an Blutverlust gestorben, aber nicht wegen des Schnitts durch die Halsschlagader alleine. Sonst hätte ich vor Ort dort eine größere Blutlache finden müssen. Blut war aber praktisch überall. Also, der Täter muss anschließend mit einem extrem scharfen Gegenstand brutal von vorne auf die Sehnen und die Muskulatur im Hüftbereich eingeschlagen haben, also genauer auf die oberen Oberschenkelmuskeln, sodass diese durchtrennt wurden. Dann hat er die Kapsel des Hüftgelenkes angeschnitten. Danach bog er dem Opfer, das jetzt auf dem Bauch gelegen haben muss, die Beine mit brachialer Kraft so nach hinten, dass die Hüftköpfe aus den Pfannen sprangen und die Kapseln vollständig aufplatzten. Das kostet erhebliche Kraft, sodass ich jedenfalls eine durchschnittliche Frau als Täter ausschließen möchte.«
»Warum macht der so was?«
»Mmhh. Da müssen wir wohl noch einen Forensiker hinzuziehen, der sich mit Täterpsychologie bestens auskennt. Also ich meine einen Profiler, wie das jetzt heißt. Ich kann mir nur vorstellen, dass er dem Opfer genau an diesen Stellen heftigen Schmerz zufügen wollte. Er wollte sagen, da soll es dir am meisten weh tun.«
»Vielleicht wurde ihm da früher sehr weh getan?«
»Ja, genau, Frau de Fries. Das ist wohl ein richtiger Ansatzpunkt. Machen wir aber weiter. Er hat dann die Leiche, also zu diesem Zeitpunkt war der Tod ganz sicher eingetreten, mit dem Rücken auf die Beine gelegt. Die Knochen standen nach vorne raus. Aber das haben wir ja gesehen, Herr Schmitt.«
»Leider.«
»Dann ging alles sehr schnell. Er schlitzte die Arme der Länge nach auf und schabte die Gesichtszüge ab. Dafür muss er ebenfalls einen bestimmten Grund gehabt haben. Keinen Sinn macht allerdings, dass er den Unterleib aufschnitt. Das erfolgte ohne Konzept, einfach kreuz und quer. Ich nehme an, dass er sich einfach noch sicher fühlte und aus Wut oder Genugtuung diese tiefen Schnitte vollführte.«
»Und die Waffe? Wir können wohl nicht annehmen, dass er allerlei Besteck dabei hatte!«
»Warum nicht? So etwas gab es schon einmal in London! Aber nein. Ich habe die Schnitte und Wunden genau vermessen. Es war ein schwerer Gegenstand aus Metall. Es war ein sehr scharfer und langer Gegenstand. Eine Seite hatte eine Art Zacken oder Sägezähne, oder wie sie das nennen wollen.«
»Ein Jagdmesser!«
»Nun, es gibt solche Messer für die Jagd. Aber die sind zu klein und zu leicht. Ich habe mich daraufhin im Waffenbereich umgesehen. Für mich kommt nur ein sogenanntes Bowiemesser in Frage.«
»Wie im Wilden Westen?«
»Ja, ja. Aber die werden auch heute noch gerne gekauft. Also das sind fast Schwerter. So ein Messer hat eine Klinge mit etwa 30 Zentimetern Länge, die bis zu sechs Millimeter stark sein kann. Dazu kommt der Griff, also die Dinger sind so um die 40 Zentimeter lang und können über ein Kilo wiegen. Die Klingen sind extrem gehärtet und extrem scharf und spitz. Viele haben am Messerrücken diese typischen Sägezähne. Für mich passt eine solche Waffe perfekt zu allen Verletzungen.
Vor allem der Schlag in den Nacken mit dem Ergebnis eines Wirbelbruches ist für mich mit einer solchen Waffe absolut nachvollziehbar. Die kann man mit voller Wucht einsetzen.«
»Und die kann man einfach so mit sich rumtragen?«
»Hannah, man merkt, dass du bei der Sitte warst. Kann man, wenn’s keiner sieht. Das ist rechtlich eine richtige Grauzone. Aber jetzt fällt es mir ein. Da war doch in der Nacht ein Einbruch in einem Outdoorladen. Der hat sich das Ding vielleicht aus dem Schaufenster geholt. Wir müssen morgen gleich dahin. Was war mit den Laborwerten?«
»Nun, wie ich vermutete. Die Werte weisen auf sehr einseitige Ernährung und Alkoholismus hin. Hohe Leberwerte, so um die 90, hoher Cholesterinspiegel an die 300, erhöhte Harnsäure und so weiter. Weitere Werte sprechen für häufige Infektionen, wie sie bei einem Leben im Freien oft auftreten. Also meine erste Annahme, dass es sich um einen ›Nichtsesshaften‹ handeln könnte, dürfte bestätigt sein. Auch an dem Zustand der Haut kann man erhebliche Mangelerscheinungen ablesen.«
»Kann man die Gesichtszüge rekonstruieren?«
»Das kann man, Frau de Fries. Sogar ziemlich zuverlässig. Das würde aber nur Sinn machen, wenn sie den Täter im Umfeld des Opfers suchen und es deswegen eindeutig identifizieren müssen. Der arme Mann hier kreuzte rein zufällig den Weg dieses Monsters. Das ist meine Meinung.«
»Können Sie uns ein Fazit mit auf den Weg geben?«
»Es ist das Werk eines Psychopathen, der sich wahllos ein Opfer sucht, ein männliches Opfer, um irgendwelche erlebte und nie verarbeitete Traumata abzureagieren und seiner Umwelt dadurch etwas mitzuteilen. Mehr kann nur ein forensisch geschulter Psychologe dazu sagen.«
»Es geht weiter?«
»Wenn so einer einmal angefangen hat, dann können Sie damit rechnen. Hier oder anderswo. Aber es wird passieren.«
»Sie haben Recht, Dr. Rosser. Es dauert oft Jahre, bis solcher Wahnsinn aus dem Täter herausbricht. Latent ist er vorher immer gefährlich. Aber wenn das erste Opfer erledigt ist, dann will er immer mehr.«
»Sie ...«
»Einige Semester Psychologie.«
»Ah. Ich verstehe.«
»Bevor ich es vergesse. Einen ganz wichtigen Aspekt haben wir noch gar nicht angesprochen. Es gibt keine verwertbaren Täterspuren. Keine fremde DNA. Ich vermute, der Täter hat Schutzkleidung und Handschuhe getragen. Da gibt es so gummierte ABC-Schutzanzüge, die man sogar über die Schuhe ziehen kann. Die können sie bei ebay bestellen. Genau so einen muss er getragen haben, weil wir auf dem Pflaster frischen Gummiabrieb gefunden haben, der mit dem Material der Anzüge vergleichbar ist. Kein Wunder, der Täter wird sich hingekniet haben, um die Tathandlungen auszuführen.«
»Das sind keine guten Nachrichten. Ich muss gleich anschließend mit dem Chef reden. Wir müssen uns wegen der Sicherheit in der Stadt gründlich Gedanken machen.«
»Da könnt ihr alles versuchen. Verhindern können wir das nicht.«
Ich widerspreche Hannah nicht.
»Das mag zutreffen. Aber wir sind Organe des Staates. Und niemand darf uns vorwerfen können, dass wir nichts getan haben. Das ist wie mit diesen Terrorgeschichten. Verhindern kannst du es letztendlich nicht. Aber wenn du untätig warst, dann rollt der Kopf!«
»Komm, wir gehen noch in das Café da vorne, ich lade dich ein. Deine Frau sieht es ja nicht.«
Und wieder sehe ich Hannah lächeln.
Als ich auf dem Parkplatz den Wagen aufsperren will, der Schlüsselsender funktioniert mal wieder nicht, fällt mir der Schlüssel aus der Hand und ich hebe ihn vom Boden auf. Als ich mich wieder aufrichten will, legt Hannah ihre Arme um mich und zieht mich kräftig zu sich hin. Bevor ich reagieren kann, ist ihr Mund auf dem meinen. Sie drückt ihre festen Lippen gegen meinen Mund und ich öffne ihn. Gierig schiebt sie ihre Zunge hinein und ich erwidere die Zärtlichkeit.
Wir küssen uns so für Minuten. Ich kann es einfach nicht glauben, aber ich genieße es. Sie zieht mich fester an sich. Meine Hände greifen unter ihr T-Shirt an ihre schmale Taille und ich fühle ihre sanfte Haut. Ich spüre, dass ich sie haben will. Aber mein Verstand sagt nein.
»Hannah, lass jetzt. Das ist nicht der richtige Ort.« Ich glaube nicht, was ich da sage. »Das ist überhaupt nicht richtig, was wir da machen. Wir dürfen das nicht!«
»Warum nicht? Ich will es und du willst es auch. Es kommt die Zeit.«
Mit diesen Worten setzt sie sich auf den Beifahrersitz und tippt wieder in ihr Telefon. Völlig unbeteiligt. Als ob nichts gewesen wäre.
*
Bei Dr. Ruschka im Büro.
»Chef, es könnte ein ernstes Problem geben. Nach allen bisherigen Erkenntnissen müssen wir mit einer weiteren Tat rechnen. Ich muss es so deutlich sagen. Wenn der Täter sich hier aufhält, dann macht er hier weiter. Wenn er herumreist, dann bekommen andere ein Problem, was mich aber auch nicht beruhigt. Wir brauchen Schutz in der Stadt und wir brauchen ein genaues Täterprofil, das wir mit anderen Fällen vergleichen können.«
»Einen Profiler, Schmitt, so etwas?«
»Genau das. Da reicht unsere Ausbildung nicht und unsere Erfahrung auch nicht. Und die Rechtsmedizin ist ebenfalls überfordert.«
In diesem Moment geht die Tür ganz auf und Hannah kommt herein.
»Ich mache das. Ich kann das. Und ich will das machen.«
»Wird jetzt schon an der Tür gelauscht? Frau de Fries?«
»Sie haben das wohl gar nicht bemerkt, Chef, aber Sie waren hier sehr laut und die Tür stand halb offen. Jeder, der am Flur vorbeigegangen ist, konnte Ihr Gespräch hören. Es wird sehr eng, oder? Und da wird man dann laut, ohne es zu bemerken!«
»Ich möchte nicht, dass Hannah das macht, wir brauchen einen Externen.«
»Das sehe ich anders, Schmitt. Das spricht sich rum. Das ist in der gegenwärtigen Situation unklug.«
»Frau de Fries, ich habe von Ihrer Qualifikation gehört. Machen Sie sich an die Arbeit.«
»Chef!«
»Nein, Schmitt, das ist entschieden.«
»Was unternehmen wir in der Stadt?«
»Gute Frage. Wenn wir massiv Streife laufen lassen, dann kommt die Presse und schürt Panik. Wir brauchen Sondereinheiten in Zivil. Und das schnell. Ich regle das.«
*
Das ist der schwierigste Fall in meiner ganzen Laufbahn. Und jetzt passiert mir das mit Hannah auch noch. Ich bin ein Idiot. Ich habe am vergangenen Freitag die Frau geheiratet, nach der ich ewig gesucht hatte und die ich liebe. Und jetzt das. Was zieht mich zu Hannah hin? Klar. Sie ist sehr jung, sehr schön, irrsinnig attraktiv und betörend sinnlich.
Aber Ilse kann da doch locker mithalten. Ganz sicher. Ich denke, es ist diese Verletzlichkeit, die Hannah ausstrahlt, wenn sie einen ansieht mit dem leicht traurigen Gesichtsausdruck. Sie sendet das Signal »hilf mir«, wenn sie ihren Blick auf einen wirft. Dazu kommt ihre kompromisslose Annäherung. Sie braucht kein Spiel, sie will nicht flirten, nicht umworben werden. Sie zeigt, was sie will, und sie nimmt es sich. Sie gibt einem das Gefühl, dass man begehrt wird, dass man sofort bekommt, was ein Mann will.
Herbert reißt mich aus meinen Gedanken.
»Gut, dass du mich gleich ang’rufen hast, wecher dem Einbruch in des Wandergeschäft. Ich bin gleich hin.«
»Äh, ja, und?«
Ich bin noch immer nicht zurück in der Wirklichkeit.
»Da hat nix weiter g’fehlt als a großes Messer.«
»Lass mich raten, ein Bowiemesser!«
»Woher wasst etz du des scho widder.«
»Deswegen hab ich dich dahin geschickt. Wir gehen davon aus, dass so ein Messer die Tatwaffe ist.«
»Leck mich am Arsch. Ka Wunder, dass der so herg’richt war. Der Verkäufer hat mir a gleiches Modell gezeicht. Des sind drümmer Dinger. Ein ›Herbertz Bowie Messer Master Ranger‹. Des Ding iss 40 Zentimeter lang und sauschwer. Des iss wie a glans ...«
»Schwert. Ich weiß. Und hinten hat es so ein Sägeprofil. Richtig?«
»Wolff, du erstaunst mich!«
»Ganz einfach. Der Rechtsmediziner hat alle Verletzungsspuren vermessen und ausgewertet. Für ihn kommt nur so ein Messer in Betracht. Hast du sonst noch was rausfinden können?«
»Bis etz no nix. Ich bin mit der ganzen Nordseite am Hauptmarkt durch. Etz anschließend mach i die Westseit’n, also direkt den Bereich um die Fleischbrück’n.«
»Du machst das schon, Herbert.«
Kapitel 4 – Seelenkunde
Seit dem Mord sind zwei Wochen vergangen. Nachts ziehen die Kollegen von den Sondereinheiten durch die Nürnberger Innenstadt. Die Streifen kontrollieren verstärkt verdächtige Personen und Fahrzeuge, auch am Tag. Es ist aber eine trügerische Sicherheit, weil man eine Stadt mit der Größe von Nürnberg einfach nicht bewachen kann.
Herberts Streifzüge sind bisher erfolglos verlaufen, obwohl er den Drogenfahndern einige schöne Hinweise geben konnte, als er so manchen Hinterhof besichtigte, wo allerlei Gewächse gedeihen.
»So weit bin ich durch. Do sinn noch a boor im Urlaub, also zur Tatzeit wor’n die scho do, die konn’ ich erscht nächste Woch’n aufsuchen. Die Leit’ worn insgesamt sehr kooberativ. Und viele ham richtig Angst. Die sag’n, mir kaaf’n uns a Bier und bleib’n abends derham, do konn nix bassier’n.«
»Ich weiß schon, Herbert. Die Situation ist mehr als unschön. Aber wir kommen nicht recht weiter. Harald und Cem sind noch unterwegs und recherchieren vor Ort die ungeklärten Fälle, die Ilse gefunden hat. Ilse selbst ist damit beschäftigt, zu rekonstruieren, wie der Täter unbemerkt zum Tatort und wieder wegkommen konnte. Sie sitzt stundenlang über Stadtplänen und vergleicht dann an Ort und Stelle. Welche öffentlichen Verkehrsmittel könnten in Frage kommen, welche Zufahrtsmöglichkeiten könnte er benutzt haben und so weiter. Ein Aufruf an alle Taxifahrer brachte kein Ergebnis. Dann die Frage, wo ist die Tatwaffe? Wo sie herstammt, das wissen wir zu 99 Prozent, also gut, 100 Prozent. Aber wo ist sie jetzt? Warum hat keiner was von dem berstenden Schaufenster in dem Laden mitbekommen?«
»Da geht noch a wen’g was, Wolff. Ausg’rechned in dem Haus sind drei Familien miteinander in Urlaub g’fahrn. Noch in der Dadnacht. Mallorga, mit der Maschine um 5 Uhr 30. Des hast, die sind so um die Dadzeit weg, könnten abber vorher noch was g’merkt ham.«
»Sehr gut, Herbert!«.
Harald stößt zu uns.
»Die Hannah hab’ ich seit vier Tagen nicht mehr gesehen.«
»Die büffelt über dem Bericht der Rechtsmedizin und vergleicht mit den Ergebnissen von Ilse. Sie wollte Auskünfte über alle Insassen in den psychiatrischen Abteilungen hier in der Gegend, die auch nur im Entferntesten in Frage kommen, aber du weißt ja, ärztliche Schweigepflicht!«
»Und was machst du grad, Wolff?«
»Ich wehre mit dem Chef alle Anfragen der Presse und unserer Freunde in der Politik ab. Der OB hier in Nürnberg ist o. k. Mit dem hatten wir ein langes Gespräch und er hat Verständnis gezeigt. Noch. Und schon sind auch die Damen und Herren in München neugierig geworden. Dass wir das ja alles richtig machen. Aber mit denen wird der Ruschka schon fertig. Kennst ihn ja.«
»Ach ja. Der dunkle Gummianzug. Du glaubst gar nicht, wie viele Durchgeknallte sich so ein Zeug bestellen, weil sie Angst vor einem Atomkrieg oder Ebola oder sonst was haben. Die stammen noch aus NVA-Beständen. Allein hier im Großraum wurden 284 Stück verkauft. Die Leute von ebay haben natürlich heftig gemauert. Bis der Chef über das LKA insistierte. Die werden jetzt alle überprüft. Dazu haben wir sofort drei Kollegen von der Fahndung eingesetzt. Die Spur ist nicht zu unterschätzen!«
Als Harald wieder weg ist, fragt Herbert leise.
»Du Wolff. Wos issn do los, mit der Ilse und dir? Die hot sich a wen’g ausg’weint bei mir. Host du wos mit dera Hannah?«
»Nein, Herbert. Die Ilse war früher nie so, erst als die Hannah zu uns kam. Auf einmal war sie so eifersüchtig. Nur weil ich mit dem Mädel zweimal nach Erlangen gefahren bin. So kenn’ ich sie nicht. Sie ist doch eine starke Frau!«
»Ich hob euch a wen’g beobachtet, die Hannah und dich. Ich waas fei net.«
»Ich denke, ich bin der Fuchs! Aber du hast richtig beobachtet. Irgendetwas, was ich mir nicht erklären kann, zieht mich zu dieser Frau hin. Und ihr geht es wohl ähnlich.«
»Mensch Wolff, mach kann Scheiß. Des konnst der Ilse net antun!«
»Ich weiß, Herbert. Das will ich auch nicht. Also es war noch nichts Strafbares zwischen Hannah und mir. Ich drück’s mal so aus. Aber es knistert heftig und ich kann nicht mehr lange widerstehen!«
»Au weh. Des klingt net gut. Wolff, bitte denk’ da gründlich drüber nach. Des kannst net machen.«
»Fragt sich, wer da was nicht machen kann.«
»Wie maanst etz des?«
»Die Ilse fährt mit einem Mann im Auto weg. Schon das zweite Mal. So ein komischer, gelackter Typ mit großem Mercedes.«
»Du spinnst!«
»Nein, Herbert. Ich komm’ vor vier Tagen von der Burgstraße ’runter, da steht dieser Wagen vor unserem Haus. Er sitzt drinnen und wartet. Ilse kommt aus dem Haus, sie steigt zu ihm ein, dann fahren sie weg. So nach gut zwei Stunden ist sie wieder da. Sie sei noch etwas besorgen gewesen. Auf meine Frage, ob sie zu Fuß in der Stadt war, antwortet sie, Laufen sei gesund!«
»Etz legst di nieder!«
»So in etwa. Und vor zwei Tagen sah ich sie auch aus diesem Auto steigen.«
»Wolff, macht mer bloß kaan Scheiß!«
*
Und so kommt die dritte Woche ohne greifbare Erfolge.
Ich hatte mich von Hannah ferngehalten, was recht einfach war, da sie immer noch über den Akten brütete. Zwischenzeitlich konsultierte sie einen früheren Professor, bei dem sie studiert hat, und sie saßen dann beide in dem kleinen Büro im Präsidium, das sie in Beschlag genommen hatte.
Zwischen Ilse und mir ist es wieder einigermaßen gut und wir gehen abends zusammen aus und lachen. Wie früher. Also fast. Ich habe nicht den Mut, sie nach dem Mercedesmann zu fragen. Ist ja auch Blödsinn. Ilse und so ein Typ! Und wenn ich ehrlich bin, befürchte ich die Gegenfrage wegen Hannah. Wir planen sogar eine Hochzeitsreise nach Südtirol. Exotischer muss es nicht sein.
Der Anruf kommt um 4.26 Uhr am Morgen. Wir waren gestern Abend in der Kneipe bei Helmi und ich hatte etwas zu viel Weißbier. Ilse geht ran. Das Gespräch dauert nur etwa eine Minute.
»Wolff, anziehen. So ein verdammter Mist.«
»Oh nein, mein Kopf. Was ist?«
»Am Prinzregentenufer liegt ein Toter.«
»Wie?«
»Zerstückelt, wie sonst!«
»Quatsch, das meinte ich nicht. Wer hat ihn gefunden?«
»Eine Streife, die haben die gesamte Polizeimaschinerie, so wie wir es vorbereitet haben, schon in Gang gesetzt.«
»Gut. Ich brauche erst eine kalte Dusche und dann deinen starken Kaffee!«
»Jetzt!«
»Ja, jetzt. Sonst brauch’ ich da gar nicht hin, in meinem Zustand. Bitte!«
Den Kaffee trinke ich im Wagen. Wir kommen kaum durch die ganzen Absperrungen durch und hätten auch gleich zu Fuß gehen können. Unser Team, außer Hannah, ist schon vor Ort, der Chef fehlt auch noch. Das Opfer liegt unten an der Böschung zur Wöhrder Wiese. Absperrbänder wurden schon verankert, an der Leiche ist noch niemand dran.
»Wer hat die Leiche gefunden?«
Es kommen zwei junge Streifenpolizisten auf mich zu.
»Klaus Neumann, Polizeimeister, und meine Kollegin, Polizeiobermeisterin Dalya Schaller. Hallo, Herr Schmitt. Normalerweise sieht man da unten nichts im Vorbeifahren. Aber es rannte eine dunkle Gestalt über die Wiese, da haben wir nachgesehen.«
»Sie haben den Täter noch gesehen?«
»Na ja, eine dunkle Gestalt eben. Den Toten da unten haben wir erst entdeckt, als wir die Böschung runter sind. Wir haben dann sofort die Sondernummer angerufen, die Sie eingerichtet hatten. Das war irgendwie eindeutig, so wie der aussieht.«
»Sie haben schon den Flüchtenden durchgegeben?«
»Herr Schmitt«, die Polizistin spricht mich direkt an, »das dürfen Sie uns schon zutrauen. Ich habe sofort den Leichenfund gemeldet, eine knappe Beschreibung und die Fluchtrichtung des vermeintlichen Täters durchgegeben und die genaue Uhrzeit. Schau’n Sie da mal rüber, da ist die Hölle los!«
Tatsächlich, auf der anderen Seite des Wiesengrunds ist ein Meer von Blaulicht zu sehen.
»Tut mir leid, ich bin noch nicht richtig wach. Das haben Sie vorbildlich gemacht. War sonst noch jemand bei der Leiche?«
»Nein, wir haben die Meldung abgesetzt und dann abgesperrt.«
Ich steige den Abhang hinab. Ilse folgt mir.
»Magst du das wirklich sehen?«
»Jetzt und heute, ja.«
Es sind schon Scheinwerfer aufgestellt worden und der Tatort ist fast taghell. Der leblose Körper liegt im Laub, das noch vom Herbst übriggeblieben ist. Der Unterleib ist noch unversehrt. Das sagt mir mein Geruchssinn.
Es ist nicht ganz so schlimm wie auf der Fleischbrücke. Aber das ist wohl Ansichtssache. Die Beine sind noch dran, aber es klaffen entsetzlich große Wunden im Hüftbereich und an den vorderen Oberschenkeln. Die Arme sind der Länge nach aufgeschlitzt, wie bei dem anderen, die Gesichtszüge entfernt. Die Leiche ist nackt. Es ist wieder ein Mann. Ich blicke zur Seite, wo ein Bündel Kleidung im Gebüsch liegt.
»Das ist entsetzlich, Wolff. Was für ein Tier muss das sein, das einen Menschen so grausam zurichtet. Ach was rede ich, kein Tier macht so etwas.«
Ilse nimmt ihre Hände vors Gesicht und schüttelt kurz den Kopf.
»Der hatte keine Zeit mehr, weil er offenbar gestört wurde«, stellt Ilse fest, »schau mal da, eine Tasche. Die hat er liegenlassen.«
»Eher ein Beutel. Die Spurensicherung soll sich das Ding gleich vornehmen, egal, was da drin ist, es kann einen erheblichen Zeitvorteil für uns bringen, wenn wir daraus Informationen bekommen.«
»Die Adresse des Täters?«
»Jetzt bist du fast wieder die alte Ilse!«
»Die Alte. Du Charmeur!«
Wir verlassen die Absperrung und gehen zu den Kollegen.
»Jetzt haben wir die Katastrophe, Herrschaften, die Leiche ist genauso zugerichtet wie die auf der Fleischbrücke! Nur zu den Beinen ist er nicht mehr gekommen. Aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.«
»Ein Trittbrettfahrer?«
»Nein, Harald. Ich glaube nicht, dass wir zwei solche Verrückte in der Stadt haben. So einen Zufall gibt es nicht.«
»Er hat die Reihenfolge nicht eingehalten!«
Hannah taucht plötzlich hinter Ilse und mir auf.
»Die Reihenfolge der Verletzungen. Zuerst kommt der Nackenschlag, dann die Halsschlagader. Und dann gleich die Beine nach hinten. Das hat er diesmal anders gemacht. Er war erst an den Armen und dann am Gesicht. Er musste wahrscheinlich flüchten und hat die Kleidung und den Beutel da zurücklassen müssen.«
»Der muss schon gestört worden sein, bevor die Streife angehalten hat. Denn die haben ihn bereits wegrennen sehen.«
Die Spurensicherung macht ihre Arbeit.
»Hauptkommissar Schmitt, bitte kommen Sie herunter, da ist etwas, das Sie sehen müssen!«
Ich ziehe mir jetzt so einen weißen Schutzanzug an. Das hatten wir vorhin weggelassen. Eigentlich war das sehr unprofessionell, aber da war wohl mein Alkoholpegel schuld. Hannah folgt mir, ebenfalls in Weiß. Ein Kollege macht uns auf etwas aufmerksam.
»Hier, sehen Sie. Ein Stofffetzen an dem Ast da. Der muss es eilig gehabt haben.«
»Wie kommt ihr darauf, dass der ausgerechnet vom Täter stammt?«
»Die kommen gar nicht drauf. Aber der ist vom Täter. Gummibeschichtetes Gewebe. Also wieder ein Schutzanzug.«
Hannah ist am tiefsten in den Fall eingearbeitet.
»Gleich ins Labor damit. Vielleicht haben wir Glück und da ist was von ihm hängengeblieben.«
»Und hier, der Beutel.«
Der Kollege von der Spusi zeigt mir den Inhalt.
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