Kitabı oku: «Mordland»
Gerd Hans Schmidt
MORDLAND
Frankenkrimi
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2020
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit real lebenden Personen wäre daher zufällig und unbeabsichtigt. Die Geschichte hat sich so nie ereignet.
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Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Titelbild © karepa [Adobe Stock]
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1 – Daheim
Kapitel 2 – Zweifach
Kapitel 3 – Liebe
Kapitel 4 – Superstau
Kapitel 5 – Aus
Kapitel 6 – Nosengnubbl
Kapitel 7 – Schönling
Kapitel 8 – Schnee
Kapitel 9 – Eiskalt
Weitere Bücher
Kapitel 1 – Daheim
Samstagnachmittag und dieser Siemensheini kommt schon wieder hereingepoltert. Und schon ist es vorbei mit der Ruhe in der Sauna, ich hätte es wissen müssen.
Der kommt, reißt die Tür auf, wedelt wie ein Irrer mit seinem vergilbten Handtuch und schreit, zwei Kumpels im Schlepptau, »Aufguss«, egal ob es uns anderen hier drin passt oder nicht. Dann folgen schöpfkellenweise Wasserfälle auf die heißen Steine des Saunaofens. Dampf steigt auf. Aber kaum sitzt das halbe Hemd auf den Brettern, wird’s ihm schon zu heiß und er geht. Depp, blöder.
Sein Training ist auch sehenswert. Da rennt er mit Stirnband am Kopf und bewaffnet mit seiner Sporttasche von Maschine zu Maschine, zieht fünfmal am Hebel und nach insgesamt 15 Minuten war’s das dann. Hauptsache er kann sagen »ich gehe ins Fitnessstudio.«
Ja, du auch, Wolff Schmitt, du gehst schließlich auch. Bei mir hatten sich um die Taille ein paar Pölsterchen eingenistet und der Bauchnabel war auch gut gebettet.
Ilse meinte, ich müsse was dagegen tun. Ja richtig. Ilse. Ich bin nach langer Trennung wieder mit meiner Frau Ilse zusammen. Nach meinem wilden Abenteuer im Herbst 2017 mit Leia Nunez in Barcelona, das dann fast in einem Chaos endete, als sie mir ihre Schwester vorstellte, bin ich zur Vernunft gekommen. Hoffentlich.
Es hat lange gedauert, bis ich bereit war den Schritt zu wagen, Ilse für alles, was ich ihr angetan hatte, um Verzeihung zu bitten und sie zu fragen, ob wir es nicht noch einmal versuchen sollten.
Sie hat lange gezögert, aber dann schließlich ja gesagt.
»Wolff Schmitt, du hast mir sehr weh getan mit deinen dauernden Weibergeschichten, sehr, sehr weh. Du hast dich wie ein wildgewordener Teenager benommen, aber ich habe einmal ja zu dir gesagt. Und ich sage es jetzt wieder. Du benimmst dich aber, oder …«, sagte sie.
Wir sind dann nach einiger Zeit des Annäherns wieder zusammengezogen. In eine recht schöne Wohnung in den Norden von Erlangen in die Essenbacher Straße, gleich am Fuß des Burgbergs, nicht weit weg von meinem alten Wohnloch in der Pfarrstraße, das ich aufgegeben habe. Das war vor etwa einem Jahr im September 2018. Ich habe versprochen, die Sauferei aufzugeben, na ja, zu reduzieren. Kein Weißbier mehr, sagte auch mein Arzt, Bierhefe hebt den Harnsäurewert, meinte er.
Ilse arbeitet noch in ihrer Sonderabteilung bei der Kripo in Nürnberg und ich, ja, ich leite wieder meine Abteilung unter Dr. Ruschka, meinem alten Chef. Der hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich nach dem Skandal damals vollständig rehabilitiert wurde und wieder zur Kripo nach Nürnberg kam.
Harald und Cem sind noch dabei, sie hatten sich riesig gefreut, als ich wieder an Bord war. Eine neue Kollegin kam dazu, Bettina Saalfrank, eine sehr attraktive Mittzwanzigerin.
Nein, keine Gefahr, sie mag Frauen. Meinen Vorgänger als Gruppenleiter musste ich nicht verdrängen, da er sowieso zur Sitte wollte.
Und Hannah. Ja, Hannah ist auch wieder da. Sie bat Dr. Ruschka, ob sie nicht wieder zurückkommen könne. Das mit dem Sicherheitsdienst, bei dem sie zuletzt arbeitete, stellte sich als nicht mehr erträglich heraus. Das andauernde Angetatsche und Angemache bei ihren Einsätzen für Politiker und hochgestellte Persönlichkeiten war nicht mehr auszuhalten. »Die stehen über jedem Gesetz«, meinte sie. Ruschka nahm ihr Gesuch dankend an.
Nach anfänglichen kleineren Reibereien funktioniert es mittlerweile wieder gut mit Hannah und mir, rein beruflich natürlich.
Der Neuanfang mit Ilse war schon recht schwierig. Wir brauchten lange Gespräche bei dem einen oder anderen Glas Wein und unsere Neigung für große kulinarische Ausflüge brachte uns schließlich Schritt für Schritt wieder näher. Zugegeben, mir fehlte meine Freiheit der letzten Jahre schon, aber dafür kam mehr und mehr die Geborgenheit zurück, das Gefühl, nicht ohne Zukunft zu sein, das Gefühl, dass einem eine tiefe Zuneigung entgegengebracht wird. Dennoch habe ich Angst, dass eine gewisse Routine einkehrt, dass sich Gewohnheit breit macht und irgendwann das Prickeln in der Beziehung verloren geht. Solche Gedanken gehen mir gerade durch den Kopf.
Ich hatte mich also kürzlich bei diesem sehr ordentlichen Fitnessstudio unweit unserer neuen Wohnung angemeldet. Das ist nicht so die typische Muckibude für Sehen und Gesehen-Werden, nein hier trainieren auch die lokalen Spitzensportler und die Betreuung durch das Personal ist erstklassig. Es wird auf Athletik gesetzt, nicht nur auf reines Gewichtestemmen an diversen Maschinen. Functional training mit modernsten Methoden und Geräten ist angesagt. Besonders meine Trainerin, sie heißt Nena, kümmert sich fürsorglich um mich. Schon nach relativ kurzer Zeit begannen sich die Kloßdepots um meinen Bauch zu reduzieren. Aber dazu brauchte es schon eine höllische Schinderei und manchmal nach einer Stunde intensiven Trainings und anschließender Sauna rettet nur so eine kleine Ibu den Abend.
Ich bin jetzt 47 Jahre alt und keine 27 mehr. Das scheint Nena aber zu ignorieren, wenn sie mir einen neuen Trainingsplan ausarbeitet. Das zauberhaft schöne, erfrischend junge Mädchen mit ihren langen blonden Haaren fiel mir gleich bei meinem Probetraining auf, dieses Lachen, dieser freundliche Blick, das Strahlen in ihren Augen zogen mich sofort in ihren Bann. Ich sah sie mit einem kleinen Lächeln an und sie erwiderte es sofort. Wie es der Zufall wollte, hat ausgerechnet sie mein Training übernommen.
Nein Wolff Schmitt, nicht schon wieder, lass es einfach. Du hast dich jetzt entschieden und gebunden, du bist verheiratet, basta.
Meine Arbeit bei der Kripo in Nürnberg war seit dem letzten großen Fall, dem Massaker in Erlangen und der Entführung von Ilse, eher eintönig. U-Bahnschubser, Schlägereien mit Todesfolge und Ehedramen mit Waffeneinsatz waren so die üblichen Delikte. Halt, einen Messerstecher hatten wir und der setzte einen Großeinsatz in Gang. Also im Wesentlichen Routine, die das Team im Griff hatte.
Ach ja, Herbert! Herbert hat sich gut erholt und nur noch gelegentlich Beschwerden nach seinen schweren Schussverletzungen. Er genießt jetzt seinen Ruhestand in seiner schönen Wohnung in der Altstadt von Nürnberg. Gelegentlich schaut er bei uns im Präsidium vorbei und wir plaudern über die alten Fälle. Hannah wohnt noch bei ihm und kümmert sich, was dem alten Haudegen recht guttut.
»Wolff, soll ich dir etwas vom Metzger mitbringen?«
»Ilse, du weißt, mittags kein Fleisch, keine Wurst. Quark, Salat und vielleicht etwas Käse mit Oliven, ein kleines Stück Brot. Außerdem hast du gesagt, ich soll abnehmen!«
»Ist ja schon gut, mein Lieber. Ich dachte halt, bevor du vom Fleisch fällst. Aber heute Abend soll es schon was Gescheites sein, oder?«
»Klar, aber nichts Fettes. Mach ein paar Filetsteaks mit Bratkartoffeln und Salat.«
»Gehst du heute zum Training?«
»Ja, so um halb drei, ich habe keinen Dienst.«
Ich ziehe die Parkkarte aus dem Automaten und die Schranke öffnet sich. Das Studio ist ein riesiger schwarzer Bau, fast wie ein Monolith steht das Gebäude da. Parkplätze gibt es genug und ich parke neben Nenas Wagen ein. Nein, ich bin die kurze Strecke nicht mit dem Fahrrad gefahren oder zu Fuß gegangen. Erstens ist es mir schon zu kalt, um nach der Sauna aufs Rad zu steigen, zweitens bin ich nach dem Training meistens so fertig, dass ich nicht mehr strampeln will.
Nena begrüßt mich freudig.
»Hallo Wolff, was machen die Bauchpolster?«
»Alles gut, da stellt sich immer mehr Erfolg ein.«
»Hast du ein ›Vorherfoto‹ gemacht?«
»Ah, vergessen, ich such mal zu Hause, ob ich eins finde.«
»Sag mal, ist es dir beim Training auch zu warm?«
»Nein, wieso?«
»Ach, da haben sich diese Woche zwei beschwert, ihnen wäre danach so schummrig geworden, irgendwie schwindlig, weil es hier drinnen zu warm ist.«
»Dann sollen sie halt vorher kein Bier trinken, waren wahrscheinlich die zwei mit den schwarz-roten Schweißbändern, die immer hier an der Bar rumhängen«, mischt sich Hannes, der Trainer, ein.
»Stimmt, die mit den fetten Schweißbändern mit Clubemblem, die eigentlich auch immer zu dick angezogen sind«, antwortet Nena.
»Ist das ein Ehepaar?«
»Nee Hannes, Geschwister, Singles durch und durch.«
»Bist du Single, Nena?«, frage ich.
»Du bist aber neugierig.«
Hannes geht.
»Ich hatte eine große Enttäuschung mit einem Mann, kurz bevor du hier angefangen hast zu trainieren. Ich bin seitdem lieber alleine.«
»Das ist aber nicht gut.«
»Wünsch dir viel Spaß beim Training. Und Aufwärmen nicht vergessen!«
Egal wann ich trainieren gehe, am Ende des Tresens sitzt immer der Weißbiertrinker und daddelt mit seinem Handy. Ein Mann so Ende sechzig, schlank, gelockte graue Haare und Kinnbart. Er ist freundlich, aber redet nicht. Mittlerweile begrüßen wir uns aber schon mit einem freundlichen Nicken, wenn ich an ihm vorbeigehe.
Oh nein. Diese Ausdauergeräte sind nichts für mich. Zehn Minuten Fahrrad oder Crosstrainer, das ist mein Maximum. Nicht, weil ich es nicht länger schaffe, nein, mir wird das tödlich langweilig. Selbst mit Musik vom Handy, nein, es geht einfach nicht.
Neben mir strampelt diese unnahbare Schönheit auf dem Bike, die meistens da ist, wenn ich trainiere. Ja, sie ist schon eine klasse Frau mit einer umwerfenden Figur, etwas kleiner als ich, eins fünfundsiebzig, schätze ich, lange, dunkle Haare zum Zopf gebunden. Ihre feinen Gesichtszüge wirken ein wenig exotisch, asiatisch, und ihre Haut hat einen dunkleren Teint. Aber sie sieht andere hier drin einfach nicht. Man ist Luft für sie und ich habe sie noch nie mit jemand anderem reden sehen. Gut, mal kurz mit einem Trainer, aber das war’s dann auch schon. Nein, Wolff, das ist nicht dein Beuteschema, trotz atemberaubend schönem Gesicht und sportlichem Körper. Es kommt einfach keine freundliche Ausstrahlung rüber, nur Kälte.
»Wolff, noch drei Minuten!«
Nena steht neben mir. Dieses Lächeln!
»Ja, ja, mach ich.«
»Du musst das in Zukunft noch länger machen, glaub’s mir, das brennt das Bauchfett weg!«
»Ich strenge mich schon an!«
»Ich kontrolliere das!«
Ich war heute eigentlich der Meinung, dass ich mein Trainingsprogramm nicht schaffe, aber ich habe es durchgezogen. Ganz stolz. Und jetzt in die Sauna, das tut gut an solchen Oktobertagen. Endlich Wärme.
Einer ganz hinten in der Ecke fragt mich was.
»Hallo, darf ich einen kleinen Aufguss machen?«
»Meinetwegen, ich bin eh nur noch zwei Minuten drin.«
Der Typ träufelt irgendwas auf die Steine.
»Das sind kleine Kristalle, die schaffen dann einen Duft von Eukalyptus und Kiefer.«
»Ach, keine Tropfen? Kein Wasser?«
»Nein. Spürst du’s schon?«
»So langsam. Ja, riecht gut.«
Ich spüre, wie sich das Aerosol kühl auf die ganze Haut legt.
Ich mag so’n Zeug eigentlich nicht und beende meinen Saunagang. Fast fröstelt es mich deswegen nach der kalten Dusche. Aber wer’s mag.
Ilse hatte sehr gutes Filet bekommen und es mit ihrer bekannten Kochkunst hervorragend zubereitet. Erst kurz in der Pfanne angebraten und dann bei 120 Grad ohne Umluft im Backofen mit Thermometer medium rare gegart. Dazu Bratkartoffeln mit Zwiebel, Knoblauch und Olivenöl in der Pfanne, in der vorher das Filet war, gebraten und dann ebenfalls in der Röhre heiß gehalten. Ein Feldsalat-Rucola-Gemisch mit kleinen Tomaten in einer Sauce aus Olivenöl, Tomatenmark, ganz wenig Aceto Balsamico di Modena, Salz, Pfeffer, Dashes Zucker, einem Hauch, aber nur einem Hauch kräftiger Sojasauce, Knoblauch und ganz klein gehackter Zwiebeln, das alles rundet den Salat hervorragend ab. Dazu ein Bordeaux ohne Holz. Perfekt.
Bei einem Bordeaux blieb es nicht und an diesem Abend hatten wir das erste Mal wieder zusammen Sex seit sehr langer Zeit. Es war ein gewohnt schönes, aber irgendwie auch wieder ein neues Gefühl für uns.
Das Telefon weckt uns um 7.20 Uhr. Sämtliche Tötungsdelikte in Erlangen fielen nach dem Skandal im Zusammenhang mit den Morden in dem Erlanger Lokal im Jahr 2017 in die Zuständigkeit der Mordkommission Nürnberg, also meiner Abteilung. Da passiert in der Hinsicht eh nicht viel in Erlangen. Schwabb, mein Exkollege und Chef der Erlanger Kripo, war froh, dass er den »Krampf«, wie er sich ausdrückte, loshatte.
Cem ist am Telefon.
»Wolff, Leiche in Erlangen am Altstädter Friedhof.«
»Cem, hast du gesoffen?«
»Nein, also nicht wie üblich, nicht tot …«
»Wie, nicht tot?«
»Also schon tot, aber auf einem Grab, nicht drin!«
»Wer hat angerufen?«
»Die Streife. Eine Rentnerin, die dort Grabpflege macht, du weißt, senile Bettflucht, die war schon um 6 Uhr unterwegs und hat die Polizei gerufen. Kollegen sind vor Ort.«
»Alles klar, ich geh hin.«
Den Weg mache ich zu Fuß, weil man da nicht parken kann. Der Friedhof ist in der gleichen Straße wie das Fitnessstudio, nur etwas weiter nördlich. Das sind nur etwa 10 Minuten. Vor dem Friedhofstor steht ein Streifenwagen in der Kurve und blockiert fast die ganze Fahrbahn. Einige Gaffer sind auch schon da.
»Bitte gehen Sie zur Seite, bitte machen Sie Platz, keine Handys, keine Aufnahmen.«
Ich verschaffe mir Platz. Es sind um die Zeit nur ein paar ältere Leute da. Wenigstens macht keiner ein Video. Ich nähere mich dem besagten Grabstein, auf dem einer liegt, und gehe drum herum.
Scheiße. Der Siemensheini. Der hängt kopfüber auf diesem alten, verwitterten Grabstein. Über dem Namen auf der Inschrift kann ich gerade noch lesen:
Er war ein Leben lang seiner Firma treu.
»Der iss hie, eindeudich«, meint einer der Streifenbeamten.
»Haben Sie das geprüft, den Notarzt gerufen?«
»Naa. Die Fraa do hodd’n scho a bor mol ’zwickt, abber do iss ka Reagtion!«
»Guter Mann. Das darf doch wohl nicht wahr sein!«
»Scho. Der iss doch scho steif und kalt. Schaun’s do.«
»Sie rufen jetzt sofort einen Notarzt und die Spurensicherung. Aber hoppla. Und fahren Sie den Streifenwagen weg, der blockiert alles!«
Der Mann hat natürlich recht. Der Saunastörer hängt da mausetot. Aber wieso hier? Das Fitnessstudio ist nur ein paar Schritte entfernt. Und wenn die Totenstarre schon eingesetzt hat, vielleicht war er gestern Abend da beim Training, hat sich ausnahmsweise mal übernommen und auf dem Heimweg …? Keine Ahnung, das wird sich zeigen.
Die Nummer von Dr. Rosser, dem Rechtsmediziner, habe ich noch gespeichert.
»Gut, dass ich Sie erreiche, Dr. Rosser … Ja … Ein Toter hier am Friedhof … Nein, ich habe nichts getrunken … Sie kommen gleich … Sehr schön … Bis gleich.«
Ich sehe mir den Siemensindianer näher an. Äußerlich kann ich nichts erkennen. Aber vor dem Mund hängt irgendwas runter, etwas Weißliches. Umdrehen und runterheben soll ihn der Rosser, wenn er dann da ist.
»Kollegen, bitte sperren Sie das hier jetzt mal ab, bevor da noch mehr Neugierige kommen. Ich mach das hier alleine und die Spurensicherung kommt sowieso gleich.«
Die Beamten holen rot-weiße Absperrbänder und machen sich an die Arbeit. Die Rentnerin steht immer noch vor dem Grab.
»Frau …?«
»Sperber haaß ich, Anna Sperber, der iss hie, gell?«
»Sieht ganz so aus. Ist Ihnen etwas Seltsames aufgefallen, als sie heute Morgen hier hereinkamen?«
»Naa, nix. Ich bin do nei zum Tor und hobb erscht gor nix g’sehn. Dann wor des abber scho komisch, dass zwaa Baa von dem Staa runterg’hängt sin. Ich bin hieganga, hobb den Moo g’sehng und oblaudert. G’sacht hot er nix. Dann hobb’in a weng ogstubbst. Ka Reagtion. Dann hobb’in zwiggt und mir scho ’dacht, dass der vielleicht dood iss.«
»Und sonst, sonst drumherum war niemand?«
»Naa. Abber schaun’s hieh. Der hodd gor ka Jaggn ooh, bei dera Käld.«
Stimmt. Und seine Trainingstasche, von der er sich sonst nicht trennen kann, ist auch nicht zu sehen, denke ich mir.
Dr. Rosser kommt mit den Kollegen von der Spusi im Schlepptau.
»Kommissar Schmitt, ich grüße Sie. Das ist wenigstens mal der richtige Ort für einen Leichenfund.«
»Kann man wohl sagen. Das hatte ich glaube ich noch nie.«
Dr. Rosser zieht seinen weißen Overall an und streift die Nitrilhandschuhe über.
»So, dann wollen wir den guten Mann mal von dem Stein herunterholen. Kollegen, bitte erst die Fotos.«
Drei Mann heben den Körper von dem Grabstein und legen ihn daneben auf den Boden. Tatsächlich ist etwas weißer, schon angetrockneter Speichel vor dem Mund. Vorne an seinem Hemd ist ein roter Fleck, ebenfalls schon angetrocknet. Rosser öffnet das Hemd und wir erblicken eine etwa zwei Zentimeter lange Stichwunde, aus der aber seltsamerweise nur wenig Blut geflossen war.
»Den konnte jemand nicht leiden«, meint Rosser.
»Kann mir schon denken warum …«
»Bitte?«
»Ach nichts, Dr. Rosser, gar nichts.«
»Hier oben auf dem Stein ist ebenfalls Blut. Das bedeutet, dass der entweder gleich nach dem Stich da draufgefallen oder draufgelegt worden ist. Der Stein war sozusagen der Blutstiller!«
»Wie der Alaunstein beim Rasieren.«
»Nein, nicht so, es war eher der Druck, der den Blutfluss verhindert hat.«
»Tötungsdelikt?«
»Ich denke ja. Es ist kein Messer am Tatort, selber war er es also nicht. Ich muss natürlich alles noch genauer untersuchen, aber ich denke ja, Fremdeinwirkung. Sind Papiere da, Brieftasche, Ausweis?«
»Ich kenne ihn.«
»Was? Sie kennen ihn?«
»Kennen ist vielleicht übertrieben. Der trainiert dort drüben im Studio, wie ich, seinen Namen kenne ich nicht, aber das werden wir gleich haben.«
»Der trainiert dort nicht mehr. Ich melde mich so schnell wie möglich, Schmitt!«
»Alles klar.«
»Cem, komm bitte mit der Kollegin Saalfrank nach Erlangen, ihr müsst hier übernehmen und ’rumfragen. Ich muss ins Fitnessstudio.«
»Wolff, jetzt aber, du musst jetzt ins Fitnessstudio? Und warum nicht Hannah? Hast du Schiss, dass wieder was passiert zwischen euch beiden?«
»Nein. Das soll mal die Saalfrank machen, lauter Rentner befragen, die hier immer noch rumstehen und Cem, der Tote trainiert da mit mir.«
»Jetzt nicht mehr, ganz sicher. Wir sind unterwegs.«
Trainer Hannes hat Dienst und hängt gelangweilt vor dem Bildschirm. Es ist nicht viel los um die Zeit. Der Weißbiertrinker ist noch nicht da.
»Wolff, es ist halb elf. Um die Zeit hab ich dich hier noch nie gesehen!«
»Richtig, heute bin ich auch dienstlich hier.«
»Was machst du so?«
»Kripo, Mordkommission.«
»Echt? Das ist ja geil. Ist hier einer umgebracht worden?«
»Hier nicht, aber dort am Friedhof liegt eine Leiche.«
»Iss’n Witz, oder?«
»Leider nein. Der Tote trainiert hier.«
»Hier trainieren keine Toten …«
Hannes lacht laut los.
»Jetzt komm, wirklich. Der war immer Samstag in der Sauna.«
Ich beschreibe den Siemensheini so gut wie möglich.
»Ah, weiß schon, wen du meinst, wart mal. Eva, kommst du mal?«
Hannes ruft in den Trainingsbereich. Eva ist auch Trainerin und kommt zu uns her, Hannes geht ihr entgegen.
Die beiden wechseln ein paar Worte, dann kommt Hannes zurück.
»Also, wir sind uns fast sicher, wen du meinst. Der heißt Alexander Steffen. Der immer so schnell trainiert hat, gell? Siebenmal das Gewicht gestemmt und weiter …«
»Genau der, danke. War der gestern hier, spätabends?«
»Ui, das kann ich von hier aus nicht prüfen. Da muss ich Emma fragen, die muss dann im System abrufen, ob der eingecheckt hat. Manche gehen aber auch einfach so durch.«
»Das wäre hilfreich. Wann habt ihr das?«
»Reicht heute Nachmittag?«
»Reicht. Hast du seine Adresse?«
»Mh, wart mal, hier, Jaminstraße 25.«
»War der bei Siemens?«
»Keine Ahnung, muss ich auch Emma fragen.«
Ich bin dann erst mal zum Frühstücken nach Hause in die Essenbacher Straße. Irgendwie fehlt mir im Moment die Motivation, mich voll in einen Fall hineinzuknien. Jedes Mal hatte ich nur Missgunst und Widerstand geerntet. Dann trete ich jetzt mal etwas kürzer. Aber schon brutal, dieser Siemensmann so tot über dem Grabstein, ich habe mich zwar auch mehrfach über diesen Hampelmann geärgert, aber gleich abstechen? Nein. Mal sehen, was der Rosser herausbringt.
Im Präsidium. Herbert ist mal wieder zu Besuch.
»Mei, Wolff, ich hobb g’hört, dass du etz am Friedhof Dode siggst? Bass fei auf, so fängts an. Danach kumma die weißen Elefanten im Schlafzimmer.«
»Herbert. Deine alten Witze brauche ich nicht auch noch.«
»Stimmt des, du hast den ’kennt?«
»Nein. Der hat nur im selben Studio trainiert wie ich. Wir haben da kein Wort gewechselt. Der hatte nur immer in der Sauna genervt. Stimmt schon, einmal hätte er von mir fast eine gefangen, der Depp.«
»Hauptkommissar Schmitt, etz bist verdächtig und befangen. Der Ruschka muss dich vom Fall abzieh’n.«
»Herbert. Die junge Damenbekanntschaft in deiner Wohnung macht dich wohl übermütig. Schau auf deinen Teller.«
»Iss ja scho gut. Bist du heit empfindlich.«
Halb vier. Dr. Rosser ruft an.
»Schmitt, also die Todesursache ist eindeutig. Stich in die Brust und die Herzvene ist getroffen. Das Blut sackte dann wegen dem Stein in den Körper. Das wars.«
»Tatwaffe?«
»Vermutlich ein Multitool, also ein Leatherman oder etwas Ähnliches. Ich habe an der Einstichstelle so Spuren gefunden.«
»Fremd-DNA?«
»Bis jetzt nichts. Aber da bin ich noch dran. Merkwürdig kommt mir aber die Speichelspur vor. Das ist nicht normal. Die Arbeitsmedizin hat da feinere Methoden. Ich hab denen eine Probe geschickt.«
»Gift?«
»Nein, kein Gift. Jedenfalls bis jetzt habe ich in der Richtung nichts gefunden. Ich bleibe dran.«
Jaminstraße 25, Erlangen. Harald begleitet mich. Auf dem Klingelschild steht »A. Steffen«. Es öffnet niemand.
»Harald, du kommst da rein?«
»No Problem.«
Es ist ein 70er-Jahre Mehrfamilienhaus wie viele hier, 16 Parteien, dicht gedrängt. Wir stehen vor der Wohnung im ersten Stock. Harald bemüht erneut sein Einbruchwerkzeug und wir gehen in den Flur. Niemand ist da.
»Schau mal ins Bad, ob der allein lebte.«
»Alles klar, warte Wolff … ja, eine Zahnbürste, nix Frauenzeug.«
»Und Männerzeug?«
»Komm her und schau selber. Das sieht ganz nach Singlewohnung aus.«
»Wenn du das meinst.«
»Wolff, da hängt ein Firmenausweis am Schlüsselhaken, wart … ah … Areva.«
»Dann halt Arevaheini.«
»Wie?«
»Ach nix. Harald, siehst du irgendwo seine Sporttasche?«
»Ich geh suchen.«
Ich sehe mir die kleine Wohnung an, es gibt ein Bad, einen Flur, ein Wohn- und ein Schlafzimmer, eine kleine Küche. Ich öffne den Schlafzimmerschrank. Ein paar dunkle Anzüge hängen darin, gut gefaltete Hemden, alles ist sehr sorgfältig aufbewahrt. Ich finde nur Männersachen. Das Wohnzimmer ist ebenfalls sehr ordentlich. In der Ecke steht ein kleiner Schreibtisch mit einem Macbook drauf. Daneben liegt ein Pass. Alexander Steffen, geboren am 22. Februar 1972 in Paderborn. 47, ich hätte ihn älter geschätzt. So wie das hier alles aussieht, lebte der wirklich alleine. Ich öffne den Mac. Er fordert kein Passwort. Gut, der sieht gut bedient aus. Massenweise Apps mit technischem Zeugs, von dem ich nichts verstehe. Safari, okay, der Verlauf enthält einen Haufen Pornoseiten.
»Harald«, rufe ich, »der war homosexuell, schau her.«
»Keine Sporttasche, Wolff, lass mal sehen. Holla, der war ja drauf, hart, oder?«
»Kannst du laut sagen. Wir müssen das Ding sowieso untersuchen lassen und die Spurensicherung muss hier rein. Wir gehen besser, bevor wir was verwischen.«
»Wenn die Tasche nicht hier ist, vielleicht im Auto?«
»Wieso Auto? Woher willst du …«
»Scheiße, ich Hirn, ich hätte gleich auf dem Parkplatz nachschauen sollen. Der fuhr einen dunkelblauen älteren Golf. Das mach ich gleich heute Abend.«
Harald fährt zurück nach Nürnberg und ich zur Erlanger Kripo gleich um die Ecke. Wir hatten vereinbart, dass die Kollegen informiert werden.
Emma ruft mich aus dem Studio an.
»Herr Schmitt …«
»Kannst Wolff zu mir sagen.«
»Also, Wolff, ich wusste gar nicht, dass wir einen Kriminaler hier haben. Der Steffen war gestern hier, eingecheckt um 18.47 Uhr. Wann er wieder ging, weiß ich nicht.«
»Danke Emma, das hilft mir weiter, alles Übrige müssen wir selber herausfinden, ciao.«
»Ciao, Wolff.«
»Schwabb, du alter Saufkopf, wie geht es dir?«
»Wolff, seit du dem Weißbier abgeschworen hast, fehlt mir etwas, so eine Kneipentour wäre heute recht. Nur blöde Fälle bei uns und die Kollegen spinnen rum. Aber das kennst du ja. Was gibt’s?«
»Der Tote am Friedhof heißt …«
Schwabb setzt ein breites Grinsen auf.
»Du hast schon gesoffen, gib’s zu!«
»Die Reaktion hatte ich heute schon zweimal. Du weißt von nichts?«
»Nein, sollte ich?«
»Solltest du, heute Morgen ging bei euch der Notruf ein und du wurdest nicht informiert?«
»Das ist ein Sauhaufen hier, denen mache ich Beine, also red.«
»Es lag einer erstochen über einem Grabstein, Areva-Mitarbeiter, Alexander Steffen, 47 und schwul. Der wohnt hier gleich um die Ecke.«
»Sauber. Täter?«
»So schnell bin nicht einmal ich. Er trainierte im selben Fitnessstudio wie ich und war ein ziemlicher Schnösel. Der war gestern gegen sieben dort und heute Morgen hat ihn eine Rentnerin auf dem Altstädter Friedhof gefunden, gleich neben dem Studio.«
»Na, dann mal viel Spaß beim Ermitteln, du weißt ja, ich bin froh, dass wir die Tötungen loshaben. Bei dir sind die eh besser aufgehoben. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, aber die Kollegen hier kriegen einfach nichts gebacken, da fehlt es hinten und vorne, manchmal, denke ich, ist es Absicht, um mir zu schaden.«
»Das brauchst du mir nicht zu erzählen, das habe ich am eigenen Leib erfahren müssen. Was ist eigentlich aus dem Menneke geworden?«
»Dreimal darfst du raten. Befördert nach München natürlich. Es hat zwar hier bei uns und auch in Nürnberg gewaltigen Krach gegeben, nachdem herauskam, wer da die undichte Stelle war, genauer gesagt waren es ja drei Kollegen, die nicht sauber waren, aber die mafiösen Strukturen weiter oben kannst du einfach nicht zerstören und so wurde keiner rausgeschmissen, sondern die sind dann halt wegbefördert worden. Wie immer, das muss ich dir nicht erklären.«
»Ich habe mir vorgenommen, das einfach zu ignorieren. Das regt mich nur auf.«
»Recht so. Aber demnächst auf ein Bier, Wolff?«
»Klar doch.«
Der blaue Golf steht auf dem Parkplatz des Studios, die Sporttasche liegt auf dem Rücksitz. Dann muss der also nach dem Training noch zum Wagen gegangen sein und seine Tasche reingeworfen haben. Und dann? Handy haben wir keines gefunden, weder am Tatort noch in der Wohnung, also jedenfalls lag da keines herum, als Harald und ich da waren. Handys liegen immer irgendwo greifbar und nicht hinterm Sofa. Was ist also passiert? Er geht zum Auto, legt die Tasche rein, schließt ab und geht dann zum Friedhof nebenan und lässt sich erstechen? Oder er bekam einen Anruf zu einem Treffen bei den Toten? Der hatte doch immer zwei Gefolgsleute in der Sauna, das ist der erste Ansatz.
Die Spurensicherung war noch am gleichen Abend in der Wohnung des Opfers. Sie fanden die Türe aufgehebelt und alles durchsucht und verwüstet. Der Mac ist weg.
Kapitel 2 – Zweifach
Das soll jetzt aber nicht zur Gewohnheit werden. Am nächsten Tag werden wir schon wieder zu zwei Toten in einer Wohnung in Erlangen gerufen. Hauptstraße 86 über dem Lamm-Kino.
Und jedes Mal bin ich der Dumme, der vor Ort wohnt und gleich antreten muss. Also ab zum Kino. Oh, Schwabb persönlich.
»Guten Morgen Wolff. Ich lasse dir den Vortritt.«
»Wer hat angerufen?«
»Die Putzfrau. Die hat einen Schlüssel und die beiden entdeckt.«
»Na dann, lass uns reingehen.«
Zwei Beamte öffnen uns die Tür, vor der die Putzfrau wartet. Sie hat offensichtlich geweint und zittert noch sichtlich.
»Äh, Kollegen, vielleicht holt ihr mal einen Arzt, ihr seht doch, wie es der Frau geht.«
»Die muss des aushalten, und die do drin braung eh kann Dokter mehr.«
»Wie heißen Sie?«
Schwabb ist ungehalten.
»Xaver Fellner, Polizeihauptmeister.«
»Pass auf, Kollege, das ist eine ungeheuerliche Sauerei, die Sie hier abziehen. Das kommt in den Personalbogen zusammen mit einer saftigen Abmahnung, das ist das allerletzte. Sie rufen jetzt sofort einen Arzt und die Frau hier bringen Sie nach unten in den Wagen, damit sie sich wenigstens hinsetzen kann. Los, aber schnell. Und geben Sie ihr was zu trinken, Wasser sollte ja im Auto sein.«
»Iss ja gut, iss ja gut.«
Gleich nach der Wohnungstür kommt man in den offenen Wohnbereich, geradeaus ist eine großzügige Sofalandschaft, dahinter ein Esstisch mit vier Stühlen, rechts ist eine offene Küche. Vor dem Sofa liegt eine Frau auf dem Bauch. Sie hat ein gelbes Nachthemd an. Auf einem der Stühle am Esstisch sitzt ein fetter Mann nur in Unterhose, der Oberkörper liegt auf dem Tisch, die Hände sind in die Tischkanten verkrampft und das Gesicht ist uns glotzend und verzerrt zugewandt. Aus dem Mund läuft weißlicher Speichel.
Ich traue meinen Augen nicht. Das ist der Dicke aus dem Studio! Und die Frau vor uns vermutlich seine ebenfalls sehr rundliche Schwester!
»Nichts anfassen, nicht weitergehen, da muss sofort der Rechtsmediziner her und die Spurensicherung und ich muss sofort mit der Putzfrau reden.«
Wieder unten am Gehweg. Eine Menschentraube hat sich gebildet, ein Streifenbeamter steht rauchend um die Ecke, der andere lehnt gelangweilt an der Motorhaube des Einsatzfahrzeuges. Ein Passant hat sein Handy gezogen und versucht den Hauseingang zu filmen. Ich gehe auf ihn zu und schlage ihm das Ding aus der Hand.
»Hey, mein Handy, das geht nicht, Sie bezahlen mir das, wer sind Sie überhaupt?«
»Wenn jemand zahlt, sind Sie das, und zwar die schöne Strafe, die wir jetzt für Gaffer geschaffen haben. Noch viel zu wenig, meiner Meinung nach. Herr Xaver, Sie nehmen den Herren hier fest wegen Behinderung von Vollzugsbeamten. Personalien aufnehmen und so weiter.«
Murrend kommt dieser Polizeihauptmeister Xaver Fellner auf uns zu.
Ganz aus Versehen trete ich noch fest auf das Handy, das dem Mann leider aus der Hand gefallen war.
»Schwabb, du tust mir leid, echt. Mit so einer Mannschaft. Ich könnte kotzen.«
»Da rauscht es jetzt auch. Die stehen hier rum und sichern rein gar nichts ab. Aber Wolff, ich habe den Verdacht, dass ich absichtlich behindert werde, von irgendwem außerhalb. Aber das krieg ich heraus.«
Ich rede mit der Reinigungskraft im Wagen.
»Geht es Ihnen schon besser? Haben Sie Wasser bekommen?«
»Ja. Ich habe so gerne für die zwei gearbeitet, die waren nett und großzügig. Es gab nie ein böses Wort.«
»Wann gingen Sie heute Morgen hinein?«
»So gegen neun. Die schlafen dann meistens oben noch und ich fange unten leise an.«
»Oben in der Mansarde?«
»Ja, da gibt es noch drei Zimmer. Es ist eine sehr große und schön renovierte Altbauwohnung, die sie sich vor etwa drei Jahren gekauft haben. Robert hat ein Zimmer, Margarete die zwei anderen.«
»Es sind Geschwister, richtig?«
»Ja, aber woher wissen Sie …«
»Schon gut. Ich bin bei der Kripo.«
»Ach so, deshalb.«
»Hatten Sie oft Gesellschaft?«
»Nein, die lebten sehr zurückgezogen, nur das Fitnessstudio war ihre Leidenschaft, und die Glubbspiele im Fernsehen.«
»Ich weiß.«
»Sie … wissen …, ach so ja, Kripo!«
»Haben Sie etwas angefasst in der Wohnung?«
»Ich habe Margarete versucht zu wecken, ich meinte ja, ich weiß nicht mehr …«
»Wissen Sie, wann die zwei zum letzten Mal im Studio waren?«
»Moment, vorgestern, ja, gegen Abend … ach ich weiß nicht mehr …, furchtbar, der Robert und die Margarete …«
Sie senkt den Kopf in die Hände und weint. In dem Moment kommt der Notarzt, den ich kurz informiere.
»Sie sorgen dafür, dass ich fast ausgebucht bin«, meint Dr. Rosser, als er um die Ecke biegt, »das ist ja sehr ungewöhnlich für Erlangen.«
»Ihre Firma boomt, also bitte, zufrieden sein!«
»Wer sind die Toten?«
»Geschwister, Bensdorf heißen die glaube ich, etwa um die Mitte 50. Und ich kenne sie …«
»Schmitt, jetzt im Ernst?«
»Die trainierten in meinem Studio. Und sie haben weißlichen Speichel …«
»Das ist ja merkwürdig, Sie kennen die Opfer? Ich geh jetzt rein, kommen Sie?«
»Nein, ich gehe trainieren.«
»Äh, jetzt?«
»Quatsch, ich muss sehen, was da im Studio los ist. Das ist doch kein Zufall, dass es hintereinander drei Kunden von dort erwischt.«
Tatsächlich waren Margarete und Robert am gleichen Abend wie der Alexander Steffen im Studio gewesen. Vorgestern. Emma ist sich sicher.
Ich informiere den Chef.
»Dr. Ruschka ich ziehe mich erst einmal aus den Ermittlungen zurück, das sollen offiziell die Kollegen übernehmen. Es ist vielleicht besser, wenn im Studio niemand erfährt, wer ich bin. Die Trainer und die Leiterin, diese Emma, werde ich instruieren und sonst weiß sowieso niemand was über mich. Ich erfahre wahrscheinlich mehr, wenn ich da unerkannt bleibe. Der letzte Aufenthalt von Steffen und der Tatort liegen 140 Meter auseinander und die Geschwister waren an dem Abend auch da. Alle drei hatten den weißlichen Speichelausfluss. Da muss es einen Zusammenhang geben. Irgendetwas stimmt da nicht. Und bitte, die Wohnung in der Hauptstraße beobachten lassen, nicht, dass da auch eingebrochen wird.«
»Ich informiere die Erlanger.«
»Bloß nicht, die sind zu dämlich zu allem. Außerdem hat Schwabb den Verdacht, dass ihn jemand absägen will und die Mannschaft gegen ihn arbeitet!«
»Oh. Ich werde mich mal kundig machen, ob da was läuft. Die Observierung übernehmen wir dann.«
»Danke Chef.«
Also, dann trainiere ich heute mal beruflich. Es ist 16.30 Uhr.
»Nena, ich krieg das mit dem Kreuzheben nicht hin. Da behindert mich meine eingequetschte Bandscheibe zu sehr. Gibt’s da eine Alternative?«
»Dann lass es lieber. Was fällt mir da ein? Gut, die Rückenextension hatten wir schon … ah ja … auf den Boden legen, bäuchlings, vorne ein Theraband in die Hände, etwa 60 Zentimeter auseinander. Dann hebst du die Arme und die Beine gestreckt an, du bildest quasi eine Wippe und ziehst das Band dann mit abgehobenen Armen 15-mal auseinander. Das wiederholst du dreimal. Es ist gut für die untere Wirbelsäule und den Bereich zwischen den Schulterblättern.«
Ich versuche es gleich.
»Ja, ich spüre es schon. Da stört auch die Bandscheibe nicht.«
Nena kniet neben mir und legt ihre Hände auf meinen Rücken, dort, wo die Muskeln ansprechen, ganz sanft macht sie das. Dann übt sie mit ihren Fingern einen leichten Druck aus. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ihre Berührung elektrisiert mich.
»Spürst du es hier?«
»Ja, genau da.«
Und überall, vor allem im Bauch, Wolff, das Kribbeln ist wieder da, ganz deutlich. Du gerätst wieder in große Gefahr schwach zu werden!
»Nicht einschlafen, du musst die Übung weitermachen, nicht so lange Pausen!«
Ich könnte ewig so verharren. Obwohl ich mit dem Gesicht zum Boden liege, kann ich vor meinem inneren Auge Nenas Lachen, ihren warmen Blick und ihre süßen Lippen sehen. Wolff, aufwachen! Ich drehe mich um. Sie kniet noch neben mir. Ich muss mich ablenken.
»Du hast die Ereignisse mitbekommen?«
»Ja, entsetzlich. Ganz entsetzlich. Diesen Alexander kannte ich kaum, der wollte auch keine Trainingsbegleitung und wusste alles besser. Aber die Bensdorfs kannte ich gut. Ich mochte sie. Sie waren freundlich und zuvorkommend. Gut, ihr Training war nicht effektiv, weil sie es nicht richtig angingen und viele Übungen trotz Hinweisen einfach falsch machten. Deswegen ging auch kein Kilo runter. Und das Bier nach dem Training war auch nicht hilfreich. Aber sie waren gerne und oft hier. Sie fühlten sich hier wohl, und das ist die Hauptsache. Meinst du, es gibt da einen Zusammenhang?«
Ich darf Nena nicht viel sagen, das hat schon manche Zeugen in Gefahr gebracht.
»Soweit sind wir noch nicht, es gibt einen kleinen Hinweis, aber dazu brauche ich noch mehr Ergebnisse aus der Rechtsmedizin. Dass die drei hier trainierten, ist in einer Stadt mit überschaubarer Größe nicht ungewöhnlich. Du weißt, dass mein Beruf hier unter uns bleibt?«
»Klar. Ich halte mich da auch bei so manchem Getuschel über die Vorfälle heraus. Du glaubst gar nicht, wie schnell das die Runde gemacht hat.«
»So schnell ging das?«
»Ein Kunde stand heute Morgen vor dem Haus der Bensdorfs, hat alles gesehen und sofort rumgequatscht, ›stellt euch vor, die zwei Dicken mit den Clubschweißbändern sind bestimmt umgebracht worden, da war die Polizei‹, das hat er jedem hier bereits um 11 Uhr mitteilen müssen.«
»Wer war das?«
»Muss nachsehen, wie der heißt. Rudi oder so ähnlich, glaub ich.«
»Was für’n Typ?«
»Wichtigtuer.«
»Die sind meistens harmlos.«
»Sag mal, Wolff, bist du verheiratet?«
Die Frage fährt mir wie ein Stich in die Magengegend und ich zögere mit der Antwort. Nena wirft lachend ihren Kopf zurück und ihre blonden Haare wehen nach hinten.
»Weißt du es nicht mehr?«
»Äh … schon. Ja, ich bin verheiratet.«
»Das dachte ich mir schon. Solche Männer wie du laufen nicht einfach so frei herum.«
Und ihr erneutes Lachen versetzt mir einen zweiten Stich. Es passiert wieder, Wolff Schmitt, richtig? Nein es darf nicht wieder geschehen, es darf einfach nicht. Du wirst es nicht verhindern können, oder? Doch, es wird verhindert, es wird einfach nicht passieren …
Nena steht auf und blickt auf mich herunter. Ich sitze noch auf dem Boden.
»Deine Frau ist zu beneiden.«
Mit diesen Worten dreht sie sich um und geht auf einen anderen Kunden zu. Ich sehe ihr nach und bin von ihrer umwerfend graziösen Figur wie gebannt.
In diesem Moment kommt Fräulein Schön, die Kalte, auf mich zu, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, nimmt das Theraband, das dicht neben mir liegt, ohne zu fragen auf und geht zu den Schlingentrainern direkt hinter mir.
»Wolff, was ist heute mit dir los, du bist so abwesend, oder schmeckt dir mein Essen nicht?«
»Nichts ist Ilse. Ich muss nur gerade über die Morde nachdenken.«
»Bis jetzt ist es nur ein Mord, oder? Bei den Dicken steht das doch noch gar nicht fest. Oder weißt du bereits mehr, was da vor drei Tagen bei denen in der Wohnung geschehen ist?«
»Nein. Dr. Rosser hat sich noch nicht gemeldet, beziehungsweise er hat kurz Bescheid gegeben, dass es sehr schwierig ist, eine Todesursache zu finden. Bei dem Grabsteinlieger ist es auf den ersten Blick klar, aber der Rosser hat da so ein Bauchgefühl. Er braucht noch etwas Zeit.«
»Wolff, ich kenne deinen abwesenden Blick. Ist etwas? Sag es mir.«
»Nein, nichts. Ich habe meinen Job nur langsam satt. Warum bin ich nicht Schreiner geworden, oder so was in der Richtung. Das ist was konstruktiv Positives. Du sägst und hämmerst und dann steht da was vor dir, was du geschaffen hast und irgendjemand freut sich darüber. Und ich? Ich zerreiß mir den Kopf und dann geht einer in den Knast. Toll. Und geholfen habe ich dadurch auch keinem, weil derjenige schon tot ist. Das ist ein durch und durch blödes Spiel ohne Gewinner.«
»Die Gesellschaft gewinnt!«
»Nein. Sie verliert zwei. Das Opfer und den Täter. Und zahlen darf sie die Rechnung auch noch.«
»Jetzt sieh das doch nicht so schwarz.«
»Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf. Ich überführe einen Mörder und der nächste steht schon in der Schlange.«
»Wolff, liebst du mich?«
»Ilse, das weißt du doch!«
»Dann sage es, sag es einfach.«
»Warum denkst du, bin ich zu dir zurück?«
»Du kannst es nicht aussprechen!«
»Ich glaube, ich muss ein Bier trinken gehen.«
»Fang nicht wieder mit dem Alkohol an, du machst sonst wieder alles kaputt.«
»Ich habe Schwabb versprochen, dass wir heute zusammen in den Pleitegeier gehen.«
»Mein lieber Mann, ich ahne wieder etwas.«
»Es ist nichts.«
»Hallo Schwabb, was machen die Kollegen?«
»Frag nicht. Die tanzen mir auf der Nase herum und lachen dabei.«
»Alle?«
»Nicht alle. Ein paar sind eher auch genervt von dem Verhalten. Wenn ich nur wüsste …«
»Ich habe Ruschka davon erzählt, er hört sich mal um.«
»Das macht der für mich? Wirklich?«
»Er war mein Rückhalt in meinen schwersten Stunden und hat alles aufgeboten, um mir beim letzten Fall zu helfen und vor allem Ilse zu helfen, als sie entführt war. Du glaubst gar nicht, wen der alles kennt und was der bewegen kann. Wart mal ab.«
»Ich habe ja meinen kommissarischen Vorgänger in Verdacht.«
»Den Menneke?«
»Schon. Der war doch dick mit dem alten Chef, dem Wellmann, und der konnte mich auch nicht leiden. Jetzt ist er ja unter der Erde, der Meier-Wellmann.«
»Das wusste ich gar nicht. Wann?«
»Als du in Barcelona Weiber gejagt hast.«
»Uh, hör mir bloß damit auf. Ich mach das nie wieder.«
»Noch ein Bier?«
»Eins geht noch.«
»Wie geht es mit deiner Frau?«
»Geht ganz gut, aber ich bin halt der Depp gewesen. So leicht kannst du das nicht geradebiegen. Ich hab schon ganz schöne Nummern abgezogen, hab mich selbst manchmal nicht mehr gekannt.«
»Und jetzt?«
»Ich bemühe mich.«
»Das klingt aber nicht gut?«
»Ich krieg’s schon hin.«
Am nächsten Tag ruft mich Dr. Rosser in die Rechtsmedizin. Die zwei Dicken und der Steffen liegen aufgeschnitten auf den Edelstahltischen. Bettina Saalfrank begleitet mich. Sie macht einen sehr routinierten Eindruck und hat überhaupt kein Problem mit dem Anblick der drei Leichen.
»Ich sagte ja, dass ich die Kollegen von der Arbeitsmedizin mit einbinde, weil die feinere Analysen machen können. Ich habe mit denen auch sehr lange darüber gebrütet, was die Todesursache sein könnte.«
»Waren Sie erfolgreich?«
»Ja und nein. Die beiden Geschwister wurden vergiftet.«
»Was?«
»Atropin. Wir konnten es im Körper nachweisen.«
»Das kenne ich noch aus der Schule, Leistungskurs Bio. Das hilft zwar auch als Gegengift, aber dann stirbt man halt daran. Am Ende immer letal, wie der Biologe sagt.«
»Schmitt, ich staune. Also. Atropin ist eine der hochgiftigsten Substanzen, die wir kennen. Man kann es aus der Tollkirsche gewinnen. Es wirkt auf das vegetative Nervensystem, und zwar hemmend auf den Parasympathikus, und steigert dadurch den Sympathikus. Will sagen, Ruhe und Gelassenheit gehen zurück, der Stresspegel steigt, also im weitesten Sinne. Die Fachleute nennen das ›Kampf‹ oder ›Fluchtsituation‹, der Körper weiß in dem Moment nicht, was das Bessere ist und reagiert mit Zittern, Krämpfen, Pupillenerweiterung, am Ende Muskelerschlaffung und Herzfrequenzerhöhung. Es kann sich auch ein Wärmegefühl einstellen.«
»Moment. Die Geschwister beschwerten sich, dass es beim Training zu warm wäre. Das war aber schon länger vor dem letzten Training.«
»Das muss damit nicht zusammenhängen, wären sie da schon mit dem Gift in Berührung gekommen, hätten sie das nicht überlebt. Außer es war eine ganz klitzekleine Dosis. Meine Obduktion ergab Tod durch Herzversagen. Eindeutig. Und die Geschwister hatten alle Anlagen dazu. Hohe Cholesterinwerte, Übergewicht, hohen Alkoholgenuss, den die Leberwerte mir verraten haben, falsche Ernährung und zu wenig Bewegung.«
»Stimmt. Die waren zwar im Fitnessstudio, aber unsere Trainerin meinte, dass sie mehr durch Anwesenheit und Biergenuss glänzten als durch effektives Training. Sie waren aber sehr beliebt.«
»Nun, sie hätten auch noch lange da Gewichte wuchten können, wenn da nicht das Atropin gewesen wäre. Dieses Gift kombiniert mit der körperlichen Verfassung war zwangsläufig tödlich.«
»Aber gleichzeitig?«
»Fast. Das hängt damit zusammen, dass sie das Gift zur gleichen Zeit einnahmen. Also verstehen Sie mich richtig. Die Todesursache war das Herzversagen, aber der Auslöser das Gift. Und beide hatten an dem Abend ziemlich Wein intus. Dass der Tod die logische Folge war, war nur eine Frage der Zeit.«
»Doch Selbstmord?«
»Nein, auf keinen Fall. Denn wir können das Gift zwar nachweisen, aber nicht die Verabreichung. Oral oder intravenös schließen auch die Kollegen von der Arbeitsmedizin aus. Wie es in den Körper kam, ist uns ein Rätsel.«
»Aber der Speichel?«
»Gut, dass Sie das ansprechen. Atropin hemmt zwar den Speichelfluss, aber das Zittern findet auch im Mund statt und bildet diesen weißlichen Ausfluss, ganz gering zwar, aber sichtbar. Da sie nicht mehr schlucken konnten, lief das halt am Ende etwas nach außen. Bei ihr übrigens war das nur gering feststellbar.«
»Und bei dem Grabsteinanbeter?«
»Jetzt kommt der Haken an der Sache. Bei dem konnten wir zwar den weißlichen Speichel feststellen, aber kein Gift, kein Atropin. Die Todesursache war die Stichverletzung mit Durchtrennung der Herzvene. Er ist innerlich verblutet, wobei er dabei bereits bewusstlos gewesen sein dürfte. Schauen Sie hier.«
Rosser dreht den Kopf des Toten zur Seite.
»Hier hat er ein stumpfes Trauma am linken Hinterkopf, vermutlich von einem Schlag mit einem runden Metallteil, ich habe auch Rost in der Wunde gefunden, was für eine alte Eisenstange oder Ähnliches spricht. Das Ergebnis stellt mich allerdings nicht ganz zufrieden.«
»Ihr Bauchgefühl?«
»Ja. Ich vermute, dass er Atropin in einer so geringen Dosis abbekommen hat, dass wir es jetzt nicht mehr nachweisen konnten, aber es einen kleinen Tremor verursachte, dessen Ergebnis der geringe Speichelfluss war.«
»Bei einem Bewusstlosen?«
»Ja, das ist möglich. Gestorben wäre er daran allerdings nicht.«
»Der Mörder hat nachgeholfen, weil das Gift nicht wirkte?«
»Finden Sie es heraus! Sie sind der ›Fuchs‹, oder?«
»Sie kennen …«
»Ihren Beinamen? Aber klar!«
»Alle drei hier waren am gleichen Abend im Fitnessstudio. Sie haben vermutlich alle drei Gift abbekommen. Der Siemensheini stirbt irgendwann in der Nacht …«
»So gegen 21.30 Uhr, genauer gesagt …«
»Und die zwei hier auch …«
»So gegen 4 und 4.30 Uhr …«
»Die Geschwister hatten aber schon Tage vorher über dieses Wärmegefühl geklagt.«
»Das muss nichts bedeuten. Dickere Menschen empfinden die Umgebung immer als warm, sie haben sozusagen natürliche Daunenjacken an.«
Bettina Saalfrank war bisher nur Zuhörerin. Jetzt steigt sie in das Gespräch ein.
»Wie kommt das Atropin vor. Als Pulver, als Flüssigkeit oder wie?«
»Da gibt es mehrere Möglichkeiten …«
Die beiden unterhalten sich angeregt.
»… man kann es in einer Tinktur auflösen zur intravenösen Gabe, pulverisiert oder als farbloses …«
Ich sehe mir die Kopfverletzung von Steffen noch einmal genauer an.
Da hat einer aber gut zugeschlagen.
»… in Wasser ist es schlecht löslich … kristallin …«
Ich höre nicht genau hin und betrachte die leblosen Körper der Geschwister. Stimmt schon, das Training im Studio sieht man ihnen nicht gerade an. Den Wein- und Biergenuss schon eher. Hauptsache, sie waren nett, wie Nena sagte.
»Ich bin fertig, Chef, der Dr. Rosser kennt sich brillant aus.«
»Muss er auch. Wir haben schon einige Fälle zusammen gelöst.«
»Das habe ich schon gehört. Mich würde besonders der Fall mit dem Psychopathen interessieren. Wie kamen Sie letztlich dahinter …«
»Oh bitte nicht, bitte erinnern Sie mich nicht daran. Gerne kann ich Ihnen die Akte geben oder Sie holen sie selbst aus dem Archiv, sofern sie noch nicht digitalisiert wurde.«
»Das kann dauern, Deutschland ist die digitale Wüste. Sie haben keine gute Erinnerung daran?«
»Meine Frau wurde schwer verletzt und Hannah wäre fast gestorben. Es gab einen Schusswechsel.«
»Oh nein, entsetzlich. Dann suche ich mir das mal gelegentlich raus.«
Im Präsidium. Unsere Mannschaft bespricht den aktuellen Fall.
»Harald, was kann man schon zu dem Alexander Steffen sagen?«
»Also. Cem und ich waren bei seinem Arbeitgeber, die Spurensicherung in der Wohnung, Hannah und Bettina haben sich den Tatort noch mal genau angesehen und Bettina war in deinem Studio. Der Steffen war als Diplomingenieur seit etwa drei Jahren hier in Erlangen. Er koordinierte die verschiedenen Einsätze bei der Wartung von Atomkraftwerken. Es gibt dort nichts Besonderes über ihn zu sagen. Irgendwie kam aber rüber, dass er seine Sachen ordentlich machte, aber ansonsten ein nicht besonders umgänglicher Wichtigtuer war. Viel Kontakt zu Kollegen hatte er nicht. Verheiratet war er auch nicht. Die Spusi kam ja bekanntlich zu spät, also erst nach der Verwüstung der Wohnung. Der Mac wäre schon hilfreich gewesen, aber …«
»Harald, wir haben doch die Hardcore-Schwulenseiten gesehen, das gibt uns doch schon eine Richtung für die weiteren Ermittlungen vor.«
»Wenigstens haben wir da einen Hinweis, die fanden sonst nichts Auffälliges bei ihm. Offenbar war da seit langem kein anderer in der Wohnung, der oder die Einbrecher hinterließen keine Spuren, fremde DNA wurde nicht gefunden. Wenn es weiterhilft, kein Alkohol in der ganzen Wohnung, aber der Kühlschrank war voller Himbeerjoghurt.
»Handy?«
»Komplette Fehlanzeige. Übrigens auch nicht in seinem Wagen, der danach untersucht wurde. Nur die Sporttasche mit feuchten Handtüchern und heftig vielen Kondomen.«
»Deswegen hat der die nie aus der Hand gegeben. Der war im Studio allzeit bereit.«
»Etz Wolff, so kenn ich dich nicht.«
»Ich konnt den nicht leiden!«
»Hast’n um’bracht?«
»Nein …, aber a paar Schell’n wären schon angebracht gewesen. Sonst noch was im Auto?«
»Himbeerjoghurtbecher und Deckel, massenweise, mit Plastiklöffeln.«
»Habt ihr die Nachbarn befragt?«
»Ja, Wolff. Aber das ist so ein anonymer Wohnblock, in dem keiner den anderen kennt. Keiner wusste was über den.«
»Hannah?«
»Ja, großer Meister?«
»Etz …«
»Schon gut. Was mir auf dem Friedhof vor dem Stein noch aufgefallen ist, er und wahrscheinlich sein Mörder müssen sich an der Stelle erst noch länger unterhalten haben. Wenigstens haben die Streifenbeamten keinen rumtrampeln lassen. Wir haben uns die Fußspuren näher angesehen. Steffen lehnte hinten an dem Grabstein, der Mörder stand ihm gegenüber.«
»Wieso er?«
»Die Tiefe der Spuren und die Schuhgröße weisen auf einen Mann hin. War alles schon bei der KTU. Die müssen sich da aufgrund der Form der Abdrücke länger unterhalten haben, also, die waren da nicht einfach so dagestanden, vermuten wir. Aber dann muss es zu einem Handgemenge gekommen sein, sagt die KTU.«
»Der Steffen hatte keine Jacke und es war kalt?«
»Die haben wir hinten an der Autobahn gefunden, da war sein Geldbeutel mit 35 € und der Ausweis drin. Sonst nichts, kein Handy.«
»Was war im Studio? Bettina?«
»Die können da nichts weiter dazu sagen, nur, dass der eben eingecheckt hat und irgendwann wieder gegangen ist. Es konnte sich aber keiner genauer erinnern.«
»Ich habe mir mal die Webseite vom Studio angesehen. Ich weiß jetzt jedenfalls, warum du dort trainierst. Da bist du ja voll in deinem Element, mein lieber Wolff, lauter hübsche junge Frauen mit Traumkörpern, das gefällt dir wahrscheinlich mehr als das Training. Und wenn ich da erst an die Sauna denke!«
Bettina mischt sich sofort ein.
»Jetzt Hannah, es geht mich zwar nichts an, was ihr so miteinander habt oder was da mal war, aber das ist eine Dienstbesprechung. Wir haben einen Mord zu lösen!«
»Ist gut Mädel. Wolff braucht das ab und zu, wirst schon noch sehen.«
»Hannah, Schluss bitte.«
»Bettina, was war jetzt weiter im Studio?«
»Im Prinzip hört man das, was Sie auch über ihn wissen. Wichtigtuer, ein wenig der Kasper, nur im Ruhebereich vor der Sauna hat er sehr gerne, aber zum Leid der anderen, viel geredet. Die zwei Männer, die da samstags meistens mit ihm waren, die sind gerade auf Dienstreise in Singapur, sagt der Trainer, dem sie das erzählt haben, und die waren vor der Mordnacht wohl schon weg. Aber die müssen wir noch vernehmen.«
»Das heißt also, wir haben außer Himbeerjoghurt, Kondomen und Fußabdrücken nichts.«
»Das kann man so sehen. Wir müssen auf die Kumpels hoffen.«
»Und die zwei Dicken? Harald?«
»Da weißt du wahrscheinlich schon mehr als wir, du hast mit Rosser gesprochen. Verwandte haben die hier nicht, es gibt wohl einen Neffen, den Sohn eines verstorbenen weiteren Bruders, der lebt aber in den USA.«
»Und der wird ganz schön erben. Die hatten fast 800.000 € in Festgeld, Aktiendepots und Goldbeteiligungen, dazu die Wohnung. Der wird sich freuen.«
»Weiß er schon davon?«
»Klar, ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er sie umgebracht hat, und er antwortete klar, bei der Kohle, die er erbt. Quatsch, wir suchen den gerade. Wird aber schwierig, der ist Musiker und immer nur kurz an einem Ort. Weiß alles die Putzfrau.«
»Bettina, was sagen die im Studio über die beiden?«
»Nichts Schlechtes, das meiste wissen wir schon. Sie waren auch regelmäßige Saunagänger und standen auf so Kräuteraufguss.«
»Oh. Das Zeug mag ich weniger, aber viele müssen da halt ein Spielchen daraus machen.«
»Ah Wolff, ich habe deine Trainerin kennengelernt, holla hoppla, wenn das deine Frau mitbekommt …«
»Sag das bloß nicht seiner Frau, Bettina, die wird da richtig böse auf unseren Wolff.«
»Bin ich verrückt, was macht die …«
»Mein liebes Bettinchen, da gibt es Sachen …«
»Hannah, lass die alten Geschichten ruhen, wir haben uns gerade wieder zusammengefunden …«
»Na mal abwarten, du kennst Ilses Eifersucht!«
Auf der Rückfahrt zu meiner Wohnung, ja, ich habe wieder einen sehr schönen Dienstwagen, lasse ich mir die zugegeben dünnen Ermittlungsergebnisse durch den Kopf gehen. Hängen die Morde überhaupt zusammen? Eine Spur von Gift und die Vermutung von Dr. Rosser, dass der Steffen da möglicherweise auch was abbekommen hatte, und das Training im Fitnessstudio. Das sind die Parallelen. Aber dann der Schlag auf den Hinterkopf auf dem Friedhof. Der würde da nicht reinpassen. Bei Alexander Steffen sieht mir alles nach einer Beziehungstat aus, halt unter Männern. Warum sollte es da anders laufen. Und bei den Dicken? Was sagte der Rosser noch mal? Atropin kommt in verschiedenen Pflanzen vor. Die waren im Wald und haben was angefasst, Beeren gesammelt oder was auch immer. Vielleicht irrt sich der Rosser auch. Er hat sich aber noch nie geirrt. Und in der Wohnung der Geschwister wurde rein gar nichts Verdächtiges gefunden. Ne Menge Alkohol, anders als bei dem schwulen Himbeerjoghurtfresser. Ich muss jetzt was essen und dann ein paar Bier trinken.
»Ilse, was gibt es heute?«
»Du, sag mal, gefallen dir die Vorhänge im Wohnzimmer noch, da müssten mal neue hin, oder?«
»Ob mir die Vorhänge gefallen? Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.«
»Typisch Mann, schau doch mal hin, wie die nur aussehen.«
»Wie die aussehen?«
»Unansehnlich, hässlich und dahinter sind Spinnweben, warte, die müssen weg …«
»Machen wir später …«
»Wir?«
»Ja, nachher …«
»Nein jetzt. Es gibt dann übrigens Lammspieße in Knoblauchsauce, dazu Kartoffelgratin.«
»Das klingt sehr gut. Einen Wein dazu?«
»Der steht schon auf dem Tisch, kannst ihn schon mal aufmachen.«
»Geht klar.«
Ilse richtet das Lamm auf den Tellern an, gibt die feine Sauce darüber und Gratin dazu. Ich gieße den Wein in die Gläser. Wir stoßen an.
»Sag mal, Wolff, im Präsidium geht was ’rum, dass du so eine hübsche Trainerin hast. Stimmt das?«
»Hannah also wieder. Die kann es nicht lassen, mir irgendwas anzuhängen. Das war heute bei der Besprechung genauso. Nena ist sehr schön und Nena ist wahnsinnig nett, aber ich habe nichts mit ihr.«
»So, so, Nena heißt sie also. Nach Hannah kommt Lisa, kommt Leia, kommt Nena.«
»Was weißt du von Lisa und Leia?«
»Mein Mann, wir sind bei der Polizei und da wird mehr getratscht als anderswo. Nichts bleibt verborgen. War vielleicht Hannah auch noch mal dabei, so zwischendurch?«
»Sag mal, kannst du diese Dinge nicht einfach ruhen lassen, es ist so geschehen und jetzt ist es aus und vorbei.«
»Na ja, ich weiß nicht recht, so ganz traue ich dir noch nicht.«
»Es reicht jetzt. Ich gehe in die Stadt.«
»War das Essen wenigstens gut?«
»Das Essen ja, das Gespräch zum Schluss nein.«
Es geht wieder los. Diese Eifersucht wird wieder alles zerstören. Und es gibt keinen Grund. Noch nicht, gib es zu Wolff. Ich konnte nicht zu Lisa zurück. Sie hatte mich mehrfach angerufen, aber ich bin nicht ran. Sie war dann vor meiner alten Wohnung, aber ich habe nicht geöffnet. Ich konnte nicht. Ich war damals abgehauen. Nach Barcelona zu Leia. Ich wollte nach den Anfeindungen gegen mich wegen der Verhaftung dieses Ministerialdirigenten oder was der war einfach nur weg. Und Leia bot mir an, nach Barcelona zu kommen. Das waren leidenschaftliche Wochen mit uns. Nicht zu vergleichen mit meinen Affären mit Hannah und Lisa. Intensiver, erotischer, noch verrückter. Mitten in der Nacht kam Leia mit einer Flasche Champagner zum Bett, legte sich nackt auf den Rücken, schüttete die Flasche auf ihrem irrsinnig schönen Körper halb aus und sagte leise »jetzt, Wolff, nimm mich, jetzt sofort«, dann nahmen wir beide noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche und es geschah.
Das ging drei Wochen so, bis Leias Schwester aus Valencia zu Besuch kam. Alba war wie ein Zwilling von Leia, aber drei Jahre jünger und zwei Potenzen schärfer. Und als Leia zu ihrer Mutter in einen anderen Stadtbezirk fuhr und anrief, dass sie die Nacht dort bleiben muss, kam Alba mit dem Champagner zu mir ins Bett. Das war der ultimativste Sex in meinem Leben bis dahin. Zärtlich, wild, hemmungslos, ausufernd, nicht enden wollend. Leia entdeckte uns am Morgen danach, als wir noch im Bett lagen. Sie rastete völlig aus. Das Barcelona-Abenteuer endete mit meiner Flucht im Taxi zum Flughafen. Ilse, du hast vergessen zwischen Leia und Nena noch Alba einzufügen. Wolff, so ist dein Leben, deine scheiß Abenteuersucht. Und du weißt im Moment wirklich nicht, wie die Geschichte weitergeht. Und wenn du ehrlich zu dir bist, selbst wenn Hannah heute Nacht in dein Bett kommt, würde es sofort wieder passieren. Helmis Kneipe in Nürnberg wäre jetzt recht. Die »Alm« gibt es aber nicht mehr, er hat jetzt »Zeltner’s Bierhaus« und noch so ein paar Wirtschaften. Mein Abend endet mit sechs Pils im Geiernest, wechselnden Mitzechern und der Morgen beginnt mit einem dicken Kopf in meinem Bett. Ilse ist schon zur Arbeit nach Nürnberg.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.