Kitabı oku: «Johannes Schaller – eine andere Biografie»

Yazı tipi:

Gerd Höfchen

JOHANNES SCHALLER

EINE ANDERE BIOGRAFIE

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto: Elderly Woman and picture © aytuncoylum (FOTOLIA)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Pension Kruse

Marion

Carola

Bettina

Tina

Hanna

Kathrin

Elsa

Ulla

Pension Kruse

Ich kannte Jupp und Ilse Kruse schon seit Jahren. Sie hatten in der Stadt früher das »Hotel zum Schwarzen Bären« geführt, das zweistöckige Gebäude, das sich zwischen dem Stadtkern und den anschließenden Mietshäusern an dem Übergang zu unserer Eigenheimsiedlung befand, nach der Wende gekauft und führten das Hotel unter dem Namen »Pension Kruse« weiter. Neben dem großen Gastraum hatten sie einen Raum für Frühstücksgäste eingerichtet. In diesem Raum traf ich mich jeden Mittwochvormittag mit Nachbarn. Wir redeten miteinander, erzählten unsere Erlebnisse und Geschichten. Ilse bediente uns, während Jupp hinten in seinem Büro arbeitete. Gegen zehn Uhr kam Jupp aus einem Büro zu uns herüber, fragte Ilse: »Ist der Herr Schaller schon weg?«

»Nein«, antwortete Ilse, »aber Moment, er kommt gerade.«

Die Treppe herunter kam ein hagerer Mann im schwarzen Tuchmantel. Unter dem dunkelgrauen Hut quoll silbriges Haar hervor. Das Gesicht des Mannes war hager wie seine Gestalt. Um seine Augen strebten die Falten von den Augenhöhlen in Richtung der Schläfen. Von den Flügeln der scharfkantigen Nase kerbten sich tiefe Falten bis zu den Mundwinkeln. Die Wangen waren hohl und ließen die Gesichtsknochen deutlich hervortreten. Unter dem Kinn, das kantig unter den schmalen Lippen hervorsprang, hing die Haut schlaff in den Kragen des weißen Hemdes hinein. Selbstsicher ging er zum Empfangstisch, stellte seine Gepäcktasche neben sich, wartete bis Jupp kam. »Ein kleines Frühstück bitte.« Nachdem er sein Frühstück eingenommen hatte, erhob er sich, bezahlte seine Rechnung, ging.

Jupp rief zu Ilse in die Küche hinein: »Der Herr Schaller ist weg. Du kannst das Zimmer sauber machen.« Er setzte sich mit einem Kaffee zu mir. »Der Mann kommt alle vier bis sechs Wochen hierher, mietet sich ein. Mittags geht er in die Stadt, um irgendwo zu essen, dann geht er auf den städtischen Friedhof. Er kommt spät zurück und dann brennt in seinem Zimmer lange Licht. Am Morgen zahlt er und geht zum Bahnhof.«

»Hat er Verwandte dort begraben?« Das Ritual des Fremden verwunderte mich.

Jupp zuckte die Schultern. »Auf dem Grabstein des Grabes, das er besucht, ist der Name Marion Rust, geborene Meißner, eingemeißelt. Als er das erste Mal kam, hat er nach dem Mädchennamen der Frau gefragt. Ilse und ich, wir kannten keine Marion Meißner. Damals kam er nicht in diesen schwarzen Klamotten. Er hatte einen guten grauen Anzug an. Seinen schwarzen Mercedes hatte er direkt vor unserer Haustür geparkt. Vier Wochen später kam er wieder mit dem Zug.«

Ilse kam von den Zimmern herunter. In der Hand hielt sie eine grüne Mappe, legte sie auf den Tisch. »Das hat er vergessen.«

»Hm«, brummte Jupp, »leg es in den Tresor, bis er wiederkommt.«

»Er kommt nicht wieder, hat er gesagt. Das Trauerjahr ist vorbei und nun sei er dran.«

»Wir haben seine Anschrift. Dann müssen wir die Mappe nachschicken.«

»Ich glaube, er hat die Mappe mit Absicht hier liegenlassen.«

»Du hast gelesen?«

»Ja«, erwiderte Ilse spitz. Sie drehte sich protestierend von Jupp weg. »Lies du«, sagte sie und übergab mir die Mappe.

Jupp ging verärgert hinter seinen Bürotisch. Auch Ilse ging. Ich saß, schlug die Mappe auf.

Ein aufgeschlitztes Briefkuvert war abgeheftet. Dahinter folgte ein weißes Blatt Papier, beschrieben mit einer Einladung für ein Klassentreffen. An die Einladung war eine handgeschriebene Notiz geklammert.

»Habe Friederike angerufen, werde hinfahren, habe gefragt, ob Marion da sei. Auch Marion hätte zugesagt.« Auf die Notiz folgte die Titelseite eines Manuskripts »Johannes Schaller – eine andere Biografie«. Ich blätterte die Seiten durch. An die letzte Seite war ein rosarotes Briefkuvert geheftet. Der Brief war ungeöffnet. Die Kanten des rosa Briefkuverts begannen sich bereits gelb zu färben.

Ich begann zu lesen.

Marion

Tanzstunde.

Die Tanzlehrerin hieß Lilo Engelgrau. Sie war eine kleine grazile Person mit angegrautem Haar, die gern mit uns Jungen flirtete. Ihr Begleiter war ein kleiner unscheinbarer Mann, der sie mit Klavierspielen unterstützte.

Der Tanzunterricht fand im großen Zeichensaal unserer Schule statt. Wir mussten vor Beginn des Unterrichts die Tische an die Saalwände schieben, stellten die Stühle davor in Reihe. Die Mädchen saßen uns Jungen gegenüber auf der anderen Seite.

Mit Staunen sah ich der kleinen Frau zu, mit welcher Selbstsicherheit sie in der Saalmitte stand, ihren Körper, ihren Kopf bewegte, elegant hin und her ging, sich drehte. Anschließend spazierte sie herausfordernd an unserer Jungenreihe vorüber, suchte mit einem Lächeln in unseren Gesichtern, neigte sich vor mir. »Darf ich bitten?«

Zögernd erhob ich mich. Die Engelgrau umfasste fest meine linke Hand, zog mich in die Mitte der Tanzfläche, legte ihren rechten Arm auf meine Schulter, ergriff meine linke Hand. »Kopf nach oben, Schultern gerade«, korrigierte sie mich.

»Wir beginnen mit dem Foxtrott. Das ist der einfachste Tanz.« Sie löste sich von mir, stellte sich neben mich. »Zuerst das linke Bein vor, dann das rechte Bein, das linke Bein etwas zur Seite, das rechte Bein heranziehen.«

Sie umfasste mich wieder. Ihr Partner spielte Klavier. »Die Damen machen die Schritte nur umgekehrt«, rief sie zur Mädchenreihe hinüber, zwang mich, die Schritte zu setzen, dann zu drehen. Lächelnd ließ sie von mir ab. »So. Jetzt werden wir das alle üben. Jeder sucht sich einen Tanzpartner. Ich schlage vor, die Damen haben die Wahl.«

Ich erwartete, dass Friederike mich wählte. Doch Friederike zögerte. Sie war es gewohnt, dass ich mich um sie bemühte. Nun musste sie eine Entscheidung treffen. Während ich auf sie wartete, stellte sich Marion vor mich: »Wollen wir?«

Erstaunt sah ich sie an. Bisher hatte ich keine Augen für sie. Sie saß drei Bänke vor mir in der linken Bankreihe und war eine Mitschülerin, die ich jeden Tag sah wie andere auch. Jeden Tag hatten wir uns in diesem Klassenzimmer getroffen, hatten miteinander geredet, gelacht, vielleicht gestritten, hatten uns konzentrierte auf das, was der Lehrer an der Tafel erklärte.

Auf einmal war alles anders. Marion hatte jetzt ein Gesicht, das von dunklem Haar umrahmt war und einen Schimmer von Schwarz trug. Sie trug das Haar linksseitig gescheitelt. Es bedeckte die eng anliegenden kleinen Ohren, war im Nacken länger geschnitten, fiel locker über den Blusenkragen. Das Haar war über der Stirn zur Seite gekämmt. Ihre Augenbrauen umwölbten als schmale dunkle Striche die Augenhöhlen. Ihre Augenlider gaben nicht das ganze Auge frei, machten aber den Blick ihrer braunen Augen offen, indem sie sich bis in die Augenwinkel fortsetzten. Das Schmale der Nasenwurzel führte bis hinunter zur Nasenspitze. Nur die Nasenflügel waren ein wenig grob und fleischig. Die kaum ausgeprägten Nasenfalten umrahmten den Mund mit den schmalen Lippen bis hinunter zu den Mundwinkeln. In der Mitte ihrer Oberlippe schob sich spitz eine Hautfalte über die Unterlippe. Die Hautfalte verschwand, wenn Marion lachte und ihre Zähne zu sehen waren. Über dem runden Kinn war die Haut vom ständigen Reinigen der großen Hautporen gerötet. Marion legte ihren Kopf kokett zur Seite, umfasste meine linke Hand, hob den Arm nach oben, forderte mich auf, meinen Arm um ihre Hüfte zu legen.

Da war plötzlich ihr Arm, der auf meiner Schulter lag, ihre Hand, die meine Hand umfasste, war da die Berührung unserer Körper, die nur ein Ziel hatte, sich gemeinsam zu bewegen, zu drehen.

Marion war leicht und wenn ich zu heftig drehte, ihren Körper fest an mich ziehen musste, um das Gleichgewicht zu halten, war auf einmal ihr Gesicht ganz nah, spürte ich ihren heißen Atem, aber auch die Verlegenheit, dem Anschmiegen nicht aus dem Weg gegangen zu sein.

Friederike war hier in diesem Raum. Ich hatte sie vergessen. Immer wieder drängte es mich, mit Marion zu sein.

Die Tanzstunde war zu Ende. Wir schoben die Tische und Stühle wieder an ihren Platz. Vor dem Schultor warteten junge Männer auf die Mädchen. Einer ging auf Friederike zu. Ich stand neben Marion: »Ich bring dich nach Hause.«

Marion nickte. »Gehen wir noch ein Stück. Ich will noch nicht nach Hause. Zwischen meiner Mutter und meinem Vater ist nur Streit.«

Wir bogen in eine Seitenstraße ein, die hinunter zum Marktplatz führte, an der ›Alten Apotheke‹ vorbei. Überall war Licht. Die Straßenlaternen leuchteten wie ein Lichtsaum rings um den Marktplatz. Die Kirche nahe dem Stadtkern stand mächtig in dem Wechsellicht des Abends. Ihr Turm zeigte angestrahlt in das Dunkel über den Hausdächern. Wir gingen ein Stück in die Ladenstraße hinein, schlenderten durch die schmale Riemengasse. Die Fachwerkwände rechts und links atmeten Vergangenheit. Unser Weg führte am Altersheim vorbei in den Kurpark. Das Kurparkcafé war hell erleuchtet. Seine Terrasse war mit birnenförmigen Leuchten begrenzt. Zwischen den Lampenpfählen waren Ketten gespannt, an denen die hellen Lampen den Zugang ausleuchteten. Der Hauptweg des Parks war mit roten Steinen sorgfältig gepflastert. Die rote Farbe der Pflastersteine gab dem Schatten der Baumstämme einen warmen Untergrund. Hinter den Stämmen warfen sich ihre Schatten auf die Rasenfläche bis hinter zu den Resten der Stadtmauer. Auf der anderen Seite hielten hoch gewachsene Sträucher das Licht auf. Hinter den Sträuchern stiegen Wohnblöcke steil nach oben. Die Fensterlichter der Wohnungen waren helle Vierecke in den weißgetünchten Hausmauern. Zwei junge Männer in meinem Alter kamen direkt auf uns zu, als wollten sie uns angreifen. Kurz vor uns sprangen sie zur Seite, lachten hell über unser Erschrecken. »Die haben alle Mädchen. Nur ich habe keins«, hörte ich. Marion und ich sahen uns an, lächelten. Ich umfasste ihre Schulter. Sie lehnte sich an mich, hob den Kopf. Wir küssten uns so, als hätten wir noch nie geküsst.

Der Spaziergang war ein Umweg. Als wir zurückgingen, mussten wir wieder an dem Schulgebäude vorbei. Friederike und noch andere Mädchen standen mit den Jungen zusammen, redeten und lachten. Wir mussten an ihnen vorbei. Julius, ein vierschrötiger Junge, der schon vor zwei Jahren von der Schule abgegangen war, kam drohend auf uns zu: »Lass Marion gehen. Sie ist meine Freundin.«

Unschlüssig stand ich, überlegte, ob ich mich mit ihm prügeln sollte, um mich nicht zu blamieren, obwohl ich wusste, ich würde den kürzeren ziehen.

Marion stellte sich entschlossen vor mich. »Wer mein Freund ist, bestimme ich. Johann und ich haben uns gerade verlobt.«

Der Andere öffnete staunend den Mund, sah Marion an, dann mich, war sich nicht sicher, stellte sich wieder in die Gruppe.

Marion wohnte mit ihren Eltern in einem Neubaublock an der Hauptstraße. Bevor wir uns dem Hauseingang näherten, wies sie auf ein erleuchtetes Fenster im zweiten Stock. »Das ist die Küche. Mein Vater und meine Mutter sind zu Hause.«

In unmittelbarer Nähe des Wohnblocks querte das Gleis der alten Hafenbahnstrecke die Ausfallstraße.

Marion und ich standen vor ihrer Haustür, beobachteten schweigend, wie ein Streckenposten auf die Fahrbahn ging, die Sperrung der Straße signalisierte. Aus der nahen Kleingartenanlage kam eine Lokomotive heraus, überquerte die Straße im Schritttempo, verschwand mit ihren drei Güterwaggons zwischen den Lagerhallen auf der anderen Straßenseite.

»Wie gefällt dir das mit der Verlobung?«

»Gut.« Ich zog Marion fester an mich, küsste sie. »Das ist der Verlobungskuss.«

»Aber nur verlobt«, drängte sie mich zurück. Im Treppenhaus ging das Licht an.

»Ich muss jetzt hoch«, deutete Marion in Richtung des erleuchteten Fensters, verdrehte die Augen. »Nachher werden sie sich wieder streiten.«

»Hat dein Vater eine andere Frau?«

Marion zuckte die Schultern. »Er geht sonnabends zu seinem Fußball, mittwochs zu seinem Skatabend, aber ansonsten ist bei uns nicht mehr viel los.«

»Und deine Mutter?«

»Sie ist unzufrieden. Nur zum Fremdgehen ist sie zu feige.«

Es war auf einmal alles so neu. Das verspielte Verliebtsein, das Suchen einer erregenden Berührung mit anderen Mädchen war in mir zu etwas Flüchtigem geworden. Mit Marion war etwas Festes, Beständiges da. Wenn ich mit ihr zusammen war, war ich ein Teil von ihr, achtete darauf, dass die Übereinstimmung, die wir in unserer Berührung, unseren Gedanken fanden, nicht verloren ging. Ich spürte, wie sie immer auf mich zuging, meine Zärtlichkeiten entgegennahm wie etwas, was sie sich erobert hatte, zuerst noch schüchtern, aber mit jedem Tag fordernder, ihre eigene Zärtlichkeit an mich gab.

Marion saß in ihrer Bankreihe zwei Sitze vor mir. Ich hatte ständig ihren Rücken vor meinen Augen, ihr Haar, beobachtete, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie schrieb, sich meldete. Ab und zu, wenn der Lehrer Begriffe an die Wandtafel schrieb, drehte sie sich zu mir um, zwinkerte mit den Augen, winkte lächelnd.

Einmal hatte sie sich vom Unterricht befreien lassen, weil sie einen Arzttermin hatte. Ich sah sie vom Fenster unseres Klassenzimmers über den mit Kies bestreuten Schulhof gehen, sah ihr zu, wie sie mit ihren kurzen Schritten zielstrebig in die Seitenstraße einbog. Sie war weit weg und doch war es mir, als würde ich in ihr sein, nicht neben ihr, sondern in ihr gehen. Die Gewissheit, dass das Mädchen, das da draußen ging, zu mir gehörte, es ein Teil von mir war, weckte in mir das Gefühl von Angst, sie würde nicht zurückkehren.

Ich bemerkte, wie Friederike sich zurücknahm, nicht mehr auffällig laut redete. Sie war nicht eifersüchtig, begegnete Marion und mir mit nachdenklichem Respekt.

Marion hatte entschieden, dass wir verlobt sind, hatte angezeigt, dass sie und ich eines Tages heiraten würden.

Eine Frau zu heiraten erschien mir bis hierher eine ferne Selbstverständlichkeit. Ich wurde Mitte des Jahres achtzehn Jahre alt, hatte nichts weiter als ein Bett im Schlafzimmer meiner Eltern. Manchmal stand ich an unserem Küchenfenster, sah in Gedanken versunken in die Weite, die sich vor mir auftat, hörte mein Herz dumpf schlagen. Das Mietshaus, in dem ich mit meiner Mutter und meinem Vater wohnte, war ein Eckhaus am Ende der langen Straße eines Wohngevierts, dass um 1893 für die Leute aus den umliegenden Ortschaften gebaut worden war, die in den neuen Fabriken arbeiteten. Die Wohnungen bestanden aus einer Küche und zwei engen Räumen. Auf einer Etage wohnten drei Familien. Für jede Etage befand sich die Toilette ein halbe Etage tiefer. Der Innenhof des Wohngevierts war ein verwahrloster Wirtschaftsweg. Die Mülltonnen quollen oft über. Der Wind wehte Papierreste und Verpackungstüten in die Haustüren. Neben den Mülltonnen lagerten Aschenreste, Baureste, aufgeweichte Matratzen.

Unsere Wohnung befand sich in der vierten Etage. Die Wohnküche war geräumig. Durch den Flur kamen wir ins Schlafzimmer und dann in ein Zimmer, dass im Sommer als ›Gute Stube‹ genutzt wurde. Diese Stube war wie ein Starenkasten an das Haus gebaut mit drei Außenwänden und im Winter schwer beheizbar. Unsere Nachbarn hatten sechs Mädchen und es war morgens, wenn ich zur Schule musste, immer ein Lotteriespiel, auf das Klo zu kommen. Aus der Not heraus pinkelten meine Mutter, mein Vater und ich oft in den gusseisernen Ausguss in unserer Küche. Mein Bett stand im Schlafzimmer meiner Eltern. Mein Vater und meine Mutter hatten nach dem Krieg Edgar, meinen zehn Jahre älteren Bruder, seine Frau Barbara und ihren Säugling bei sich aufgenommen und hatten Angst, auch mich aufnehmen zu müssen. Auch ich hatte Angst.

Von unserem Küchenfenster aus konnte ich in Richtung Osten in einen weiten Horizont blicken. Unmittelbar an unserer Straße vorbei führten die Gleise eines Rangierbahnhofes und nachts wachten wir oft auf, wenn die Waggons vom Rangierberg herunterrollten und die Puffer aufeinander schlugen. Hinter dem Rangierberg erhoben sich die Mauern einer Zuckerfabrik und einer Kaffeerösterei, deren Brandgeruch bei Ostwind die Luft um unser Haus verpestete. Doch hinter den Fabrikgebäuden wurde es auf einmal weit. Schnellzüge kamen in regelmäßigen Abständen aus Richtung Süden in die Stadt, fuhren hinaus. In dem weiten Horizont konnte ich die großen Wolkenberge verfolgen, die über mich hinweg zogen. An sonnigen Tagen kamen aus der Tiefe des Horizonts Mauersegler auf mich zu, schwenkten mit lautem Schreien vor mir hoch in den Himmel, flogen zurück zum Horizont, kamen immer und immer wieder. An solchen Tagen riss ich unsere Küchentür auf. Durch das Flurfenster färbte die glutrot untergehende Sonne die Wohnung aus und ich vergaß in diesem Licht unser enges Wohnen.

Wenn sich Gewitter ankündigten, stand ich am offenem Fenster, sah zu, wie Windböen Staub und Blätter zu Säulen trieben, hielt mein Gesicht in die großen Regentropfen, die gegen mich fielen. An warmen Sommerabenden sah ich in den Horizont, sah zu, wie die Dämmerung, die Nacht kam, sich die Wolken schwarz färbten, wartete auf den Mond. Kam der Mond spät oder es war Neumond und der Himmel wolkenlos, sah ich gebannt in den Nachthimmel mit seinem Sternenmeer. Die enge Wohnung, den vollgepinkelte Ausguss, die Abfallschlippe schob ich weg. Ich wollte dorthin, wo die Sterne waren.

Der Weg am anderen Morgen in die Schule, die Erwartung, wieder mit Marion zusammen zu sein, war eine Flucht aus dem Alltag, in den sich meine Mutter und mein Vater ergeben hatten.

Marion wollte jeden Tag mit mir verbringen Wir gingen nach Schulschluss zwischen den anderen. Vor dem Schulgebäude kam sie zu mir. »Sehen wir uns heute Abend?« Wenn ich dann sagte: »Heute nicht. Ich muss zum Training«, war sie enttäuscht.

»Was trainierst du?«

»Fußball.«

Mein Bruder spielte im Eisenbahnerverein Fußball. Er hatte mich auf Anweisung meiner Mutter mitgenommen und ich wechselte im Laufe der Jahre von der Schülermannschaft in die Jugendklasse, dann in die Junioren. Das Spielen in unserer Fußballmannschaft war ein Bestandteil meines Lebens geworden. Wir trainierten jeden Dienstag und Donnerstag und sonntags am Vormittag machten wir unsere Punktspiele.

»Und wo trainierst du?«

Ich sagte es ihr.

Marion kam mit dem Fahrrad.

Während ich mit den anderen Ausdauer lief, sprintete, dazwischen immer wieder gymnastische Übungen machte, stand sie an der Zuschauerbarriere. Das Fahrrad hatte sie neben sich abgestellt. Sie hüpfte auf beiden Beinen auf und ab, winkte. Erst als wir auf ihrer Zuschauerseite Dribbeln übten, Flanken schlugen, bemerkte ich sie. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorüberlaufen musste, schrie sie: »Tempo, Tempo.«

Ich winkte ihr zu, lachte. Meine Mitspieler grinsten, begannen zu frozzeln: »Tempo, Tempo.«

Marion wartete vor den Umkleidekabinen, wurde neugierig beäugt, doch da sie fast zu jedem Training kam, gehörte sie eines Tages zu uns. War sie zu Beginn unseres Trainings noch nicht da, wurde ich gefragt: »Kommt Marion heute nicht?«, traf sie später ein, rief einer von uns mir zu: »Marion ist da.«

Im März wurde uns Grasshof als neuer Trainer vorgestellt. Grasshof war ein untersetzter muskulöser Mann mit einem kantigen Gesicht. Er war Sportlehrer an einer Schule im Stadtzentrum und in den ersten Wochen sehr zurückhaltend. Wenn er nach unserem Training Marion vor den Umkleidekabinen begegnete, begrüßte er sie freundlich, ordnete ihre Anwesenheit in die unsere ein. »Dein Mädchen?«, fragte er mich eines Tages.

Marion lehnte sich an mich, hing sich in meinen rechten Arm ein, antwortete ihm, als fühlte sie sich übergangen: »Wir sind verlobt.«

Grasshof nickte, hob sein Gesicht zur Seite, blickte verloren irgendwo hin.

»Gehst du am Sonntag wieder spielen?«, fragte mich Marion.

»Natürlich. Wir müssen uns anstrengen. Noch haben wir die Chance in die Kreisliga aufzusteigen.«

»Du hast es gut. Du siehst anderes, begegnest anderen Leuten. Kann ich denn nicht mitkommen? Diese Sonntagvormittage sind so langweilig. Am Sonnabend, da nimmt mich meine Mutter ran. Da werden die Fenster geputzt, die Betten neu bezogen, da wird gewischt und gesaugt, gewaschen und die Wäsche auf dem Trockenboden auf die Leine gehangen. Aber dann ist der Sonntag. Der Vormittag gehört meiner Mutter. Während mein Vater zum Frühschoppen ist, zelebriert sie in der Küche den Sonntagsbraten. Ich würde gerne selbst kochen. Doch da darf ich nicht ran, außer die Gemüseabfälle in die Mülltonne bringen. Ich würde gerne selbst kochen.«

Ich fragte Grasshof.

»Warum nicht. Da haben wir wenigstens jetzt ein Maskottchen.«

Von diesem Tag an war Marion bei jedem Spiel dabei. Sie saß, wenn wir zu Hause spielten, nach dem Spiel mit uns in der Bierrunde. Fuhren wir nach Außerhalb, saß sie mit uns im Bus oder der Eisenbahn, flirtete, ließ sich umarmen, kam immer wieder sprudelnd zu mir zurück. »Grasshof hat gesagt, du warst gut heute.«

»So, so«, brummte ich, begann zu beobachten, wie Grasshof Marions Nähe suchte.

Marion merkte nichts von meiner Eifersucht.

Es war ein warmer Tag im Mai. Am Tag zuvor hatte es geregnet und die Luft war noch feucht. Die Kronen der großen Alleebäume thronten mit ihrem zarten Grün über den Gehwegen. Am Rand der Fahrbahn wucherte das Gras.

Marion und ich hatten uns verabredet, an diesem Abend die Gaststätte gegenüber ihres Wohnblocks aufzusuchen. Seit beginn des Frühjahres hatte ein neuer Wirt das Lokal übernommen. Er hatte eine Musikbox aufgestellt und einen Teil des Gastraumes als Tanzfläche frei geräumt. Ich stand vor dem Eingang der Kneipe, beobachtete die Männer und Frauen, die hineingingen, sah, wie die neue Ampel am Bahnübergang auf ›Rot‹ schaltete. Die Lok querte die Straße. Ich wartete. Marion kam nicht. Ungeduldig schaute ich immer wieder in die Richtung, aus der ich sie erwartete. Die Dämmerung war schon fortgeschritten. Die Straßenlaternen flammten auf. Ihr Schein vermischte sich mit dem Licht, das aus den Wohnungsfenstern auf das Straßenpflaster fiel. Für Minuten leuchteten die Treppenaufgänge als Säulen zwischen den Fenstern auf. Ihr Licht erlosch wieder, um dann erneut wieder hell in die Dämmerung zu strahlen.

Ich beobachtete, wie Marion aus ihrer Haustür trat, an den Straßenrand rannte, um die Fahrbahn zu überqueren. Ab und zu hielt sie inne, ging eilig ein paar Schritte weiter, begann wieder zu rennen, bis sie stoßweise atmend vor mir stand: »Ich muss wieder nach Hause. Meine Eltern prügeln sich.«

Ungläubig starrte ich sie an: »Prügeln? Ist dein Vater besoffen?«

»Er war zu einer Betriebsfeier und hat sich geärgert, weil er keine Prämie gekriegt hat. Aber er ist es nicht. Meine Mutter ist es. Erst hat sie gezetert, weil er getrunken hat. Er hat sich verantwortet. Sie ist auf ihn losgegangen. Er hat sich gewehrt, ihr eine Ohrfeige gegeben. Sie ist mit dem Kopf an den Türrahmen geschlagen und zusammengerutscht. Sie ist aufgestanden, wollte wieder auf ihn losgehen. Ich habe sie ins Zimmer geschubst und die Wohnzimmertür zugeschlossen. Meinen Vater habe ich ins Bett geschafft. Ich habe Angst, meine Mutter geht wieder auf ihn los. Irgendwann müssen sie ja auch einmal aufs Klo.«

»Soll ich mitkommen?«

Marion schüttelte heftig den Kopf. »Das muss in der Familie bleiben.« Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie lehnte sich schutzsuchend an mich. Doch dann fasste sie sich wieder, gab mir einen Kuss, drehte sich um, rannte wieder über die Fahrbahn, verschwand in ihrem Treppenaufgang. Ich stand noch eine Weile, starrte ratlos auf die Fensterfront des Wohnblocks. Irgendwo da oben hinter einem Fenster würde Marion zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter sein. Aus dem Lokal klang Schlagermusik.

Der Abend schien zu Ende. Aufgewühlt ging ich die Straße zurück zu unserer Wohnung, kam mir unendlich hilflos vor. Oben am Himmel war ein bleicher Mond. Dünne Wolken trieben an ihm vorüber, färbten sich in seinem Licht.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich über meinen Vater und meine Mutter nachdachte. Mein Vater war Lokführer auf dem großen Rangierbahnhof im Osten der Stadt. Manchmal überführte er einige Waggons von dort auf den Rangierbahnhof vor unserem Haus, die zum Flusshafen gebracht werden mussten. Mit einem kurzen gellenden Pfiff signalisierte er uns, dass er da war. Meine Mutter ging dann zum Fenster, winkte ihm mit einem weißen Taschentuch zu. Er winkte zurück und ich sah zu, wie sich seine Maschine stampfend wieder in Bewegung setzte. Er hatte keine geregelte Arbeitszeit, kein geregeltes Wochenende. Manchmal kam er am frühen Morgen nach Hause, schlief ein paar Stunden, um dann gegen Mittag wieder loszugehen. Die arbeitsfreien Sonnabende und Sonntage musste er in der Woche nachholen. Wenn er nachts nach Hause kam, setzte er sich in seiner Unterwäsche an den Küchentisch, schlug sein rechtes Bein auf die Tischplatte, zündete sich eine Zigarette an, schlief, während die Zigarette noch glühte, ein. Die Wachstuchdecke an seinem Platz war voller Brandflecke. Meine Mutter schimpfte, machte die heruntergefallene Asche weg, kaufte regelmäßig eine neue Tischdecke. Vom Frühjahr an bis zum Herbst fand er am Tage zu Hause keinen Schlaf, ging in unseren Garten, den er in der Kleingartenanlage neben dem Rangierbahnhof gepachtet hatte. Es war Nachkriegszeit und er empfand es als seine Pflicht, meine Mutter und mich ständig mit Gemüse und Obst zu versorgen. In den ersten Jahren fütterte er auch Karnickel. Doch die Pflicht, diese Tiere regelmäßig mit Futter zu versorgen, überforderte ihn.

Meine Mutter arbeitete in zwei Schichten in der Kaffeerösterei am Ende des Rangierbahnhofs und sortierte Kaffeepäckchen ein. Auf dem Weg zu ihrer Schicht machte sie nicht den Umweg über die Hauptstraße, sondern überquerte die Schienen des Rangierberges, ging die mit hohen Büschen bewachsenen Feldwege zum Fabriktor.

Mein Bruder war im vergangenen Jahr ausgezogen. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, in unserer Straße, nur ein paar Häuser weiter, ein Zimmer zu mieten. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, mein Vater und meine Mutter in ihrer Schicht arbeiteten, war ich allein.

Mein Bruder spielte Fußball in seiner Betriebsmannschaft, hatte mich dort angemeldet. Die Schule, mein Fußballspielen an den Nachmittagen und den Wochenenden kam mir auf meinem Weg nach Hause in diesem Augenblick ohne Marion vor wie ein planloses Dahinleben. Die lange Straße, gesäumt mit den hohen Hauswänden, den hoch gewachsenen Bäumen, den Straßenlaternen war für mich auf einmal wie ein Tunnel, aus dem ich nicht ausbrechen konnte.

In Gedanken versunken öffnete ich die schwere Haustür. Der Gestank von Katzenscheiße schlug mir entgegen. »Verdammter Kater«, fluchte ich, »krepiere endlich.« Der Kater gehörte einer Greisin, die im Parterre wohnte. Die alte Frau entließ den Kater oft aus ihrer Wohnung in den Hinterhof. Das Tier kam nur unregelmäßig wieder. Nachts, wenn die alte Frau schlief und die Haustür geschlossen war, saß der Kater vor der Haustür, huschte mit jedem, der ins Haus kam, in den Keller.

Ich schaltete das Treppenlicht ein. Der schwache Schein machte das Treppenhaus mit der grünen Ölfarbe an den Wänden, die bis in Brusthöhe reichte und bereits von einigen Stellen abblätterte, der verblichenen ockerfarbenen Tünche darüber, finster. Es war ungewöhnlich still im Haus. Ich vermutete, dass unsere Nachbarn wie meine Eltern um diese Zeit vor ihrem Fernsehapparat saßen.

Auch in unserer Wohnung war diese Stille. Ich knipste das Korridorlicht an, ging an der unbeleuchteten Küche vorbei, öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Verwundert sah ich in das Licht der Fernsehleuchte hinein. Der Fernsehbildschirm war dunkel. Meine Mutter lag mit dem Rücken auf dem Sofa, hatte ihre Schenkel angewinkelt gespreizt. Mein Vater lag mit heruntergezogenen Hosen auf ihr. Die Haut seines Hinterns war ein weißer Fleck in dem Dämmerlicht.

Meine Mutter schrie auf. Erschrocken schloss ich die Tür wieder, wusste in diesem Augenblick nicht, wohin ich gehen sollte. Mein Vater kam aus dem Zimmer gestürzt, hielt seine Hose im Bund zusammen. »Du musst verstehen«, stotterte er.

»Lieber Papa, wir haben in der Schule Biologieunterricht«, erwiderte ich ihm, drehte mich um, ging wieder hinunter auf die Straße.

Vorn an der Straßenecke klang immer noch Schlagermusik aus der Musikbox. Langsam schlenderte ich bis zu Marions Wohnblock, sah zu, wie in der Hausfront ein Licht nach dem anderen erlosch. Mich fröstelte. Ich sah auf meine Armbanduhr. Es war an der Zeit, wieder nach Hause zu gehen.

Wieder war da die finstere Treppenbeleuchtung, der Geruch nach Katzenscheiße. Oben hielt ich meinen Wohnungsschlüssel fest in der Hand, um ein Klappern zu vermeiden, schlich in den Flur. Die Küchentür war verschlossen. Hinter der Tür hörte ich meine Mutter sagen: »Du solltest dich endlich um eine andere Wohnung kümmern. Überall wird jetzt neu gebaut. Außerdem bist du bei der Bahn. Die Stadt ist nicht bombardiert worden. Da gibt es bestimmt genug Eisenbahnerwohnungen.«

»Na ja«, druckste mein Vater, »Johann lernt bestimmt bald ein Mädchen kennen.«

»Er hat sich wie seine Fußballfreunde drüben im Ausbesserungswerk für eine Schlosserlehre beworben. Das sind noch zwei Jahre.«

»Bei der Bahn machen sie jetzt eine Klasse für Gleisbau auf. Da kann er sogar sein Abitur machen. Ich werde ihn dort anmelden. Die haben dort auch ein Internat. Vielleicht kann ich ihn für diese Zeit dort unterbringen.«

»Gleisbau? Bei Wind und Wetter auf der Strecke?«, entgegnete meine Mutter besorgt.

»Ha«, begehrte mein Vater auf, »hast du eine Ahnung. Eines Tages werden Gleise ohne Höhenunterschiede von hier bis runter an das Schwarze Meer gebaut. Die Züge werden über 300 Kilometer pro Stunde fahren. Da kann er mitmachen.«

»Hör auf, dem Jungen solche Flöhe ins Ohr zu setzen. Vielleicht erzählst du ihm noch, er könne zu den Sternen fliegen.«

»Warum nicht? Die Russen schicken doch schon ihre Raketen zum Mond. Ihren Gagarin haben sie schon rund um die Erde kreisen lassen.«

Von diesem Tage an wartete ich auf die Veränderung, wartete darauf, dass der Sommer vorüberging und ich meine Lehre beginnen würde. Meine Schulzeit, mein Fußballspielen würde zu Ende sein, es würde anderes auf mich zukommen. Ich begriff, dass meine letzten Jahre in der Schule, mein Fußballspielen eigentlich nur eine Flucht aus der Enge unseres Wohnens, der Ziellosigkeit einer Alltäglichkeit war. Die Unbekümmertheit, mit der ich jeden Tag angegangen war, fiel von mir ab wie die Schale einer reifen Kastanie.

Es war an einem Sonntagnachmittag zwei Wochen später. Ich saß an einer Ecke des Küchentisches, hatte mir die alte Schreibtischlampe herangezogen, knobelte an Mathematikaufgaben für die Abschlussprüfung. Auf der anderen Seite des Tisches bügelte meine Mutter Taschentücher. Es klingelte an der Wohnungstür. Meine Mutter und ich hoben gleichzeitig den Kopf, verwundert, wer an diesem Sonntag zu uns kam. »Vielleicht ist es Barbara?«

»Warte, ich gehe«, sagte ich zu meiner Mutter, erhob mich von meinem Stuhl, zwängte mich an ihr vorbei, öffnete. Grasshof stand vor der Tür.

»Oh«, entfuhr es mir.

»Ist deine Mutter da?«

»Ja«, rief ich in die Küche hinüber, »Mama, Herr Grasshof ist hier. Er will dich sprechen.«

Meine Mutter erschien im Rahmen der Küchentür, musterte Grasshof neugierig.

»Kann ich reinkommen?«

Meine Mutter nickte, ging vor Grasshof in die Küche, räumte das Bügeleisen und die Bügeldecke zur Seite, bot ihm ihren Küchenstuhl an.

»Frau Schaller, Edgar und ich wir spielen in einer Fußballmannschaft. Er hat sich während des Spiels heute den Arm gebrochen. Er ist jetzt im Krankenhaus. Ich bin mit dem Krankenwagen mitgefahren und bin dann gleich hierhergekommen.«

»Mein Gott«, meine Mutter, zog den Waschhocker unter dem Küchentisch hervor, setzte sich, schlug die Hände vors Gesicht, »ist es schlimm?«

»Im Krankenhaus kriegen die das schon wieder hin.« Grasshof schob meiner Mutter einen Zettel zu. »Er liegt in der Chirurgie, Zimmer 211.«

Grasshof ging wieder. Meine Mutter lief ins Schafzimmer, holte ihr Kostüm aus dem Kleiderschrank, fuhr mich an: »Beeil dich, du kommst mit.« Unten auf der Straße sagte sie:« Du gehst jetzt zu Barbara, sagst, was passiert ist. Ich gehe schon los.«

Es dauerte, ehe Barbara ihre Wohnungstür öffnete. Sie sah verschlafen aus, gähnte, blickte mich missgelaunt an: »Ist was passiert?«

»Ja, Edgar hat sich den Arm gebrochen, liegt im Krankenhaus.«

Barbara war sofort hellwach. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht und sie begann zu heulen. Julie, ihre Tochter, klammerte sich an ihr Bein, begann ebenfalls zu heulen. Barbara rannte in ihr Wohnzimmer, zog sich an, warf den Mantel über, setzte Julie auf die Flurgarderobe, zog ihr die Jacke an, schnürte ihr hastig die Schuhe zu.

Barbara konnte es nicht erwarten, aus der Straßenbahn zu steigen, schaute immer wieder ungeduldig in Richtung des Fahrers, wollte, ohne nach rechts und links zu gucken, die Fahrbahn überqueren. Ich riss sie am Arm zurück, als ein Auto angefahren kam. Auf der anderen Straßenseite wunderte ich mich, wie Barbara in ihrer Körperfülle so schnell gehen konnte. Manchmal machte sie eilige Schritte, rannte ein Stück, zog Julie hinter sich her, schimpfte mit ihr: »Trödele nicht so.« Vor dem Treppenaufgang zu den Krankenstationen hielt sie inne, rang nach Luft.

»Geh vorneweg«, sagte ich, nahm Julie auf den Arm.

Als ich ins Zimmer trat, hatte Barbara ihren Kopf in die rechte Schulter meines Bruders vergraben, schluchzte. Ich ging mit Julie näher an das Krankenbett heran. Barbara hob den Kopf, setzte Julie neben die Brust ihres Vaters.

»Papi, bist du krank?«, fragte Julie, betrachtete neugierig den eingegipsten Arm, der in einer Schlinge am Krankenbettgalgen hing.

»Wird schon alles wieder gut«, tätschelte mein Bruder zärtlich den Kopf seiner Tochter.

Meine Mutter und Barbara standen vor dem Bett, wischten sich mit ihren Taschentüchern die Augen trocken.

»Woher wisst ihr überhaupt, dass ich hier bin?«

»Ein Herr Grasshof war bei uns. Er ist mit dir hier ins Krankenhaus gefahren«, sagte mein Mutter.

»Aha, Grasshof. Er ist ein feiner Kerl.«

»Grasshof spielt mit in deiner Mannschaft?«, fragte ich neugierig.

»Er ist unser Rechtsaußen. Der Kerl ist schnell und hat ganz schöne Kraft in den Fußgelenken. Aber«, grinste mein Bruder, »manchmal ist er schneller als der Ball.«

»Der scheucht uns ganz schön.«

»Grasshof will jetzt Fußballtrainer werden. Er ist seit letztem Jahr geschieden. Zu Hause fällt ihm die Decke auf den Kopf. Und er ist wieder auf Brautschau.«

Es war ein trüber Regentag. Noch am Morgen schien die Sonne zwischen den Wolken, doch gegen Mittag überzog sich der Himmel mit einem undurchdringlichen Grau. Wir trainierten trotzdem. Auch Marion war da. Sie stand, eingehüllt in ein durchsichtiges, grün schimmerndes Regencape, hatte eine Kapuze über den Kopf gezogen.

Nach der Übungsstunde stand sie mit dem Regencape und der Kapuze vor dem Eingang zu unseren Umkleidekabinen. Ich ging auf sie zu, zog ihr die Kapuze vom Kopf, holte das Handtuch aus meiner Sporttasche, rieb zärtlich ihr Gesicht trocken. Marion hielt mir ihr Gesicht entgegen, sah mich aus ihren Augen warm und dankbar an. Ich konnte nicht anders, als sie zu umarmen, mein Gesicht an das ihre zu legen. Es fiel mir schwer mich aus der Wärme zu lösen, die von ihrer Haut kam. »Gehen wir.« Ein wenig verlegen blickte sich Marion um, ob uns jemand beobachtet hatte. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und wir gingen aneinander gelehnt zur Straße.

Der Regen wurde stärker. Marion zog wieder ihre Kapuze auf. Wir flüchteten in einen Hauseingang.

»Wohin gehen wir jetzt?« Ratlos sah Marion den Passanten nach, die unter Regenschirmen an uns vorübereilten.

»Da drüben ist ein Kiosk.« Ich fasste in meine Hosentasche. »Ein bisschen Geld habe ich. Für eine Bockwurst wird es reichen.« Marion nickte. »Ein bisschen Geld habe ich auch noch.«

Wir traten in den Raum des Imbisses. Ein feuchter Dunst, der von der nassen Kleidung der Gäste aufstieg und sich mit dem Geruch von Essen mischte, empfing uns.

Der Raum war ein geräumiger viereckiger Schlauch. An die Wände waren Ablagebretter geschraubt. In der Mitte reihten sich von Wand zu Wand Stehtische. An der rechten Rückwand hing ein Spielautomat, blinkte sein buntes Licht durch den Raum. In der Mitte des Schlauches war die Verkaufstheke gebaut. Durch das Glas der Wärmetheke waren die Schalen von Gulaschsuppe, Kartoffelsalat, Schnitzel und Gemüsesalaten zu erkennen. Daneben waren belegte Brötchen mit Schnitzelfleisch, Klopsen, Schinken, garniert mit Blattsalat und Eischeiben ausgelegt. Es gab keinen Bierausschank. Die Getränke, Bier, Limonade, Selters, Saft wurden in Flaschen ausgegeben.

Der Gastraum war voller Männer in Firmenanzügen. Sie gingen zur Verkaufstheke, sahen zu, wie die schmale Frau hinter der Theke die belegten Brötchen, die Bockwurst auf die Teller legte, mit der Schöpfkelle die Suppen in die großen Tassen füllte. Die Männer legten ihre Geldscheine auf den Tisch, suchten sich einen Platz an den Stehtischen. In der Ecke neben dem Spielautomaten saßen Gestalten mit langem, ungewaschenem Haar und schmuddeligen Jacken. Sie saßen sich am Tisch schweigend gegenüber, starrten auf ihre Bierflaschen. Manchmal warfen sie sich Worte zu, um dann wieder in ein dumpfes Schweigen zu verfallen. Ab und zu stand einer auf, ging zum Spielautomaten. Wenn der Apparat klingelte und Münzen auswarf, ging der Spieler triumphierend zurück an den Tisch. Wenn er sich dann zur Theke vordrängelte, um für sich und seine Kumpanen eine neue Flasche Bier zu kaufen, wurde gemurrt.

»Was soll ich machen«, wehrte sich die Wirtin. »Sie stehen jeden Abend hier vor der Tür. Sie trinken ihr Bier, aber tun niemandem etwas. Soll ich sie bei dem Regen da draußen stehen lassen?«

Ich drängte mich zwischen die Männer, kaufte für mich und Marion eine Bockwurst und eine Limonade, suchte uns einen Platz an den Stehtischen. In der hinteren linken Ecke rückten drei Männer zusammen, damit wir unser Geschirr auf den Tisch stellen konnten.

Die Männer grinsten uns an, musterten Marion unverhohlen. »Man müsste noch einmal jung sein«, murmelte einer von ihnen. Als Marion ängstlich aufblickte, legte ihr Nachbar seine Hand auf ihren Arm. »Keine Angst Mädchen. Wenn ich jetzt nach Hause komme ist meine Tochter da. Die ist genauso jung und hübsch wie du.«

Wir aßen unsere Wurst, teilten uns die Limonade. Ein älteres Ehepaar kam herein, kaufte sich Gulasch. Energisch blickte die Frau sich nach einem freien Platz um, sah unsere leeren Teller. Sie kam auf unseren Tisch zu. »Sie sind doch fertig?« Resolut packte sie unsere Teller ineinander, rief ihren Mann zu sich.

Marion und ich gingen wieder hinaus, standen ratlos vor der Tür. Der Regen prasselte jetzt. »Wir können zu mir gehen«, sagte Marion vorsichtig.

»Und deine Eltern?«

»Mein Vater ist ausgezogen. Er hat einen Reparaturstützpunkt in einer großen Agrargenossenschaft übernommen. Er wohnt dort bei einer Frau, die er von der Buchhaltung aus seinem alten Betrieb kennt. Ihr Mann ist nach einem Autounfall gestorben. Meine Mutter ist beleidigt. Sie rennt jetzt jeden Abend von Tanzlokal zu Tanzlokal.«

Trotz des Regenlichts, das durch die großen Fenster in das Treppenhaus fiel, erschien mir der Aufgang weiß und hell. Die getünchte Tapete schien das Graulicht in sich aufzunehmen und mit ihrem Weiß das Regenlicht zu verdrängen. Die grauen Fliesenstufen waren peinlich sauber. Mir kam es vor, als würde ich in einem Lichtturm aufsteigen. Die Wohnungstüren waren mit einer braunen Folientapete überzogen. Vor einer der Türen blieb Marion stehen, holte den Schlüssel aus ihrer Jackentasche: »Hier wohne ich.«

Marion schob sacht die Tür auf. Wir traten in einen kleinen mit pastellfarbenem Gelb tapezierten Flur. Sie öffnete die Tür zum Bad. Die Fliesen strahlten in einer sterilen Sauberkeit. An der gleichen Wandseite war die Tür zur Küche geöffnet. Zwischen Badtür und Küchentür war eine Garderobe gestellt. Neben der Garderobe hing ein großer Spiegel bis über Kopfhöhe.

Marion öffnete die Tür an der Stirnseite des kleinen Flures zum Schlafzimmer. Die Deckbetten waren zurückgeschlagen, die Kissen an den Kopfenden der Ehebetten lagen wie Zwillinge ordentlich abgelegt. Auch das Wohnzimmer atmete diese Sauberkeit. An der linken Wandseite standen ein orangefarbenes Sofa und zwei Sessel. Zwischen den Sesseln war der Tisch postiert. Der Fußboden war mit dem Imitat eines orientalischen Teppichs bedeckt. Die bunten Muster des Teppichs waren ein Kontrast gegen die weiße Gardinenfülle vor dem breiten Fenster. Die Gardine war etwas zur Seite gezogen, ließ den Blick durch die Balkontür frei. Ich sah, wie der Regen auf die Blätter der Balkongeranien fiel. Die rechte Wandseite bedeckte eine leichtbraune Schrankwand. Hinter dem Schrankglas waren bunte Gläser, ein Familienfoto stand da, Sammeltassen und eine in Zinn gefasste Vase.

»Gefällt es dir?«, fragte Marion, beobachtete mein Gesicht.

Ich nickte nur. Über Marions Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. »Das hier ist mein Reich.«

Ich stand bewundernd im Türrahmen. Das Zimmer war schmal und endete an der Stirnseite in einem quadratischen Fenster. Gleich neben dem zur Seite geschlagenem Türblatt befand sich ein dreiteiliges Schrankregal. In den Schrankfächern standen eine Vase, das Bild eines offenen Fensters mit einem Rosenstrauß, ein paar Porzellanfiguren und ein Puppenpärchen. An das Schrankregal schloss sich ein kleiner Schreibtisch mit einer Leselampe an. Auf der Schreibtischplatte stand ein kleines Radio. Vor dem quadratischen Fenster hing weiß und straff gefaltet die Gardine. Auf der rechten Seite stand Marions Schlafliege. Am Kopfende stand eine Stehlampe mit einem glockenförmigen Stoffschirm. An der Rückseite der Liege waren Decken als Lehne gerollt. Ein großer Plüschbär saß unter der Stehlampe in der hinteren Ecke der Liege, starrte mich mit seinen stumpfen Glasaugen an. Draußen im Flur hörte ich Marion hantieren. Schubläden wurden aufgezogen und wieder verschlossen. Dann brummte ein Haarfön.

Marion kam ins Zimmer. »Nicht so schüchtern.« Sie schubste mich. Ich verlor das Gleichgewicht, setzte mich auf ihre Liege, sah Marion mit offenem Mund an. Sie hatte ihr Haar locker aufgefönt, ihre Lippen leicht rosa geschminkt. Sie trug eine offene rote Bluse und einen frischen Rock. Ihre Füße steckten in bunt bestickten Pantoletten.

»Gefalle ich dir?« Marion fasste mit ihren Händen rechts und links den Rock, drehte sich hin und her.

Ich fasste nach ihr, erwischte ihre rechte Hand, zog sie auf meinen Schoß. Marion roch leicht nach Parfüm. Sie legte ihre linke Hand hinter meinen Kopf, betrachtete mich mit ihren großen braunen Augen.

Ich konnte mich lange nicht aus unserem Kuss lösen. Marion rutschte von meinem Schoß herunter, ging zu ihrem Schreibtisch, schaltete das Radio ein. Sie kam zurück, setzte sich eng neben mich, lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Um diese Zeit bringen sie immer schöne Musik. Wenn ich allein bin, sehe ich dann immer aus dem Fenster und es ist, als verlasse ich mich selbst, bin da draußen mit den Wolken, der Sonne, dem Regen, bin in irgendwelchen Bergen, mitten in grünen Wiesen und abends zwischen den Sternen. Es ist schön so zu träumen. Wenn mich dann meine Mutter ruft, könnte ich mich mit ihr zanken.«

Marion hob ihr Gesicht zu mir auf. Erst glitten ihre Augen über mein Gesicht, dann strich sie mit ihren Fingern sacht über meine Stirn, die Wangen, das Kinn, legte ihre Hand auf meine linke Wange, zog meinen Kopf zu sich herunter: »Küss mich.«

Ich schob meinen rechten Arm um ihre Schulter, küsste sie und ich spürte, wie sie ihren Rücken nach hinten dehnte, gab nach.

Marion zog ihre Beine auf die Liege, rutschte zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich legte mich neben sie, öffnete ihre Bluse, begann mit meinen Lippen ihren Hals zu liebkosen, schob die Träger ihres Hemdes und des Büstenhalters zur Seite, berührte ihre Schulter, ihren Brustansatz mit meinem Mund. Meine Finger glitten in die Brustschale hinein, betasteten sanft das weiche Fleisch. Ich zog meine Hand von ihrer Brust zurück, fuhr mit ihr unter Marions Rock, streichelte die Außenseite ihres Oberschenkels, glitt nach innen, schob, ohne Widerstand zu spüren, meine Finger bis an ihren Schlüpfer heran, rieb dort, wo ihre Schamlippen waren. Während ich meine Hand in ihren Schlüpfer hineinschob, suchte Marion meinen Mund. Ich fuhr mit der Hand über ihr Gesäß, glitt vor zu ihrem Schamhaar.

Ich ejakulierte. Die Ejakulation war eine Erlösung. Die Spannung in mir fiel ab. Ich spürte meinen klebrigen Samen auf dem Unterbauch, empfand plötzlich mein steifes Glied als störend. Ich löste mich von ihr. »Ich habe keine Kondome mit.«

Marion schlug die Lider auf, blickte stumm mit ihren großen und braunen Augen auf mein Gesicht. Dann ging ihr Blick an mir vorbei, als holte sie sich aus einer großen Weite und Tiefe zurück. »Wenn ich ein Kind kriege«, flüsterte sie, »dann bekommen wir bestimmt auch so eine Wohnung.«

Ich setzte mich auf, stützte meinen Kopf in die Hände, wiegte ihn hin und her, wollte meine Benommenheit abschütteln. Ich erhob mich. Marion drehte sich mit dem Gesicht zur Wand, lag still.

Ich öffnete die Tür, schloss sie wieder, stieg die Stufen im Treppenhaus hinunter, als wäre nicht ich es, der da ging. Es regnete immer noch. Ich hielt mein Gesicht in den Regen. Die kalten Tropfen kühlten meine Haut.

Marion und ich sahen uns erst nach dem Abschlussball wieder. Es war ein warmer Juniabend. Wir gingen unsere alten Wege ohne uns zu berühren. Wir wussten beide, wenn wir uns wieder spürten, dass wir eins werden würden, gingen ein Stück aus der Stadt hinaus, überquerten das Gleis der Hafenbahn, setzten uns nebeneinander in das hohe Gras am Bahndamm, schwiegen.

Die Dämmerung kam. Der Himmel war wolkenlos und die Sterne begannen in der Dämmerung immer deutlicher zu strahlen. Vor uns am Horizont begann der Mond aufzusteigen.

»Was wirst du tun?«, fragte ich.

»Mein Vater hat mir in seinem alten Betrieb eine Lehrstelle als Technische Zeichnerin vermittelt.« Marion zog ihre Beine an sich heran, umschlang die Waden mit ihren Armen, legte ihr Gesicht auf die Knie, sah zu mir herüber. »Und du?«

»Ich werde lernen, Gleise zu bauen, mache gleichzeitig mein Abitur, um dann Eisenbahnbautechnik zu studieren.« Ich legte mich mit dem Rücken ins Gras, schaute in das Sternenmeer über mir, lachte leise in mich hinein. »Mein Vater sagt, ich soll mich anstrengen, vielleicht könnte ich dann mit zu den Sternen fliegen.«

Die Dunkelheit kam. Wir erhoben uns aus dem Gras, gingen langsam unseren Weg nebeneinander zurück bis zu Marions Haustür. Eine Weile standen wir stumm voreinander. Wie, als wäre es nicht sie, zog Marion den Haustürschlüssel aus ihrer Tasche, schob die Tür auf. Noch einmal drehte sie sich zu mir: »Wenn du zu den Sternen fliegst, nimmst du mich dann mit?«

Der Sommer ging vorüber. Marion war als Betreuerin in ein Kinderferienlager nach Thüringen gefahren Ich verbrachte meine Ferien in einem Jugendlager an der Ostsee, arbeitete zwei Wochen in einer Rotte auf dem Gleis, um mir Geld zu verdienen. Es war Ende August. Die Tage waren noch einmal heiß. Doch wenn die Sonne an Kraft verlor, wurde es schon unangenehm kühl.

Ich bereitet mich auf meinen Umzug ins Internat vor, wollte Marion noch einmal sehen. Auf der Klingelleiste an ihrer Haustür fand ich ihren Namen nicht mehr. Verblüfft schaute ich die Fensterfront hoch, als sich die Haustür öffnete und ein vierzehnjähriges Mädchen sein Fahrrad herausschob.

»Zu wem wollen Sie denn?«, fragte es mich, als befürchtete es, dass ich in das Haus trat.

»Zu Marion.«

»Marion. Die wohnt nicht mehr hier. Sie ist vor zwei Wochen mit ihrer Mutter ausgezogen.«

»Weißt du wohin?«

Das Mädchen schürzte die Lippen, zuckte mit den Schultern. Es schob sein Fahrrad ein Stück weg, drehte sich noch einmal um. Ich zwinkerte ihm zu.

Errötend stieg es auf sein Fahrrad, fuhr davon.

Carola

Nachdem ich mein Abitur gemacht und die Lehre beendet hatte, wurde ich im Oktober zur Armee eingezogen. Die Meldestelle war in der Turnhalle der Oberschule eingerichtet. Wir standen auf dem Schulhof, wurden dort den einzelnen Standorten zugeordnet, warteten darauf, auf die bereitstehenden Mannschaftstransportwagen aufzusteigen, die uns zu den Kasernen bringen würden. Ein Oberleutnant ließ uns mit einer Liste in der Hand noch einmal antreten. Jeder einzelne von uns bestätigte seine Anwesenheit, in dem er »Hier« rief, wenn sein Name genannt wurde.

»Eppers, Hermann!«

Niemand antwortete. Verärgert drehte sich der Oberleutnant um, suchte zwischen den Umstehenden. Auf der Eingangsseite des Schulhofes standen Frauen, Männer, Mädchen die gekommen waren, um sich zu verabschieden. Der Oberleutnant ging auf ein Pärchen zu, dass, ohne sich um die anderen zu kümmern, eng umschlungen stand.

»Eppers, kommen Sie.«

Eppers löste sich nur langsam von einem blonden und langhaarigen Mädchen. Ich konnte sein von Tränen verquollenes Gesicht erkennen. Es stand da, schnäuzte sich, hatte sich ein wenig nach vorn gebeugt, wie um loszurennen, Eppers noch einmal zu umarmen. Eppers nahm seine Tasche auf, deutete an, sich zu beeilen.

Eppers war ein schlanker muskulöser schmalschultriger Mann. Sein Haar war kurzgeschnitten. Er hatte einen dunklen Teint. Um seinen Mund über die Kiefer bis hinauf zu den Schläfen schimmerte sein Gesicht schwarz. Der Schimmer ging fast ins Bläuliche über. Er hatte große und dunkelbraune Augen. Sein Nasenrücken war leicht gebogen. Die letzten Schritte rannte er, rief dem Oberleutnant beschwichtigend zu: »Ja, ja.«

Der Oberleutnant zeigte sich zufrieden, fragte: »Sind sie Deutscher?«

Eppers lachte, zeigte seine weißen geraden Zähne. »Schon seit meiner Geburt.« Er schien diese Anspielungen gewohnt. »Mein Urgroßvater war römischer Legionär. Ihn hat man in der Schlacht im Teutoburger Wald vergessen zu erschlagen. Er hat sich im Wald versteckt, eine sächsische Frau vergewaltigt. Seitdem ging es weiter bis zu mir.«

Der Oberleutnant bog seinen Oberkörper zurück, lachte laut. »So etwas habe ich auch noch nicht gehört«, sagte er dann immer noch belustigt: »Steigen sie auf.«

Eppers kam auf die Ladefläche, drängte sich zwischen uns. Ich rutschte zur Seite, damit er sitzen konnte.

Wir waren vierzehn Mann auf der Stube. Eppers hatte sich das Bett über mir ergattert. In der Zeit zwischen Abendessen und Revierreinigen saßen wir am Tisch zusammen. Einige hatten sich auf ihr Bett gelegt, lasen, andere spielten Karten. Jeder erzählte von sich.

Eppers war der Älteste von uns. Er war Lehrer für Geschichte und Geografie, trainierte zu Hause im Stadtclub Langstreckenlauf. »Für die Olympiade hat es nicht gereicht«, zuckte er bedauernd die Schultern. »Das Mädchen, das du gesehen hast, ist meine Verlobte. Sie spielt Tennis. Ihr Vater ist Wolk, der Trainer des Boxclubs in unserer Stadt.«

»Wolk?«, wiederholte ich den Namen, sagte dann höflich. »Ja, den Namen habe ich schon in der Zeitung gelesen.«

Die Tage waren anstrengend. Immer wieder hieß es: »Rechts um! Links um! Geradeaus! Im Gleichschritt Marsch!« Ich fürchtete mich vor den Kraftübungen, schaffte an der Reckstange gerade drei bis vier Klimmzüge. Eppers sprang hoch, zog seine Brust zehnmal bis zur Stange, ließ sich abfallen, lachte, wenn er sah, wie wir uns mühten. Dann hing er sich wieder gestreckt an die Stange, zog seinen Körper um die Stange herum, stützte sich auf, ließ sich wieder fallen, wiederholte die Übung mehrmals. Die Eskaladierwand war für Eppers kein Hindernis. Während ich mit meinen Händen die Wandkante oben umklammerte und mühsam immer wieder mit meinem linken Bein Schwung holen musste, um über die Wand zu kommen, sprang Eppers hoch, war mit einem Satz auf der anderen Seite.

Im Ausdauertraining mussten wir regelmäßig 1000 Meter nach Zeit laufen. »Das ist doch keine olympische Disziplin«, mäkelte Eppers. »3000 und 5000 Meter sind olympisch. Die lassen uns 1000 Meter üben, weil die Schützengräben im Krieg etwa 1000 Meter gegenüberliegen. Das hängt mit der Reichweite der Kalaschnikow zusammen.«

Eppers tändelte beim Ausdauerlauf an der Spitze, lief vorneweg, ließ sich zurückfallen. »Los, los«, feuerte er mich an, »du musst unter drei Minuten kommen. Teile deine Kräfte besser ein.«

Wir verließen eines Tages nach dem Mittag das Küchengebäude, warteten auf den Abmarsch. In einiger Entfernung stand eine Gruppe Frauen, die miteinander schwatzten.

»Da sind sie.«

»Wer?«

»Na die beiden Frauen, die uns immer beim Exerzieren zusehen. Hast du keine Augen im Kopf?«

Eppers deutet auf die Frauengruppe, blaffte mich an: »Gaffe nicht so, sonst bilden die sich noch etwas ein.«

Ein junges Mädchen mit langem blondem Haar stand mit dem Gesicht zu uns, beobachtete den Ausgang des Küchengebäudes. Immer wieder hob es den Kopf, musterte die Soldaten, die auf die Straße traten. Es erkannte Eppers, errötete, schlug verlegen die Augen nieder. Seine Nachbarin, sie hatte einen dunklen kurzen Haarschnitt, lachte immer wieder, redete, lachte wieder, schlug dabei beide Hände auf ihre Oberschenkel.

Ich zuckte gleichgültig die Schultern. Es waren Frauen, die hierher gehörten. Ich war nur Soldat.

»Du musst nachher aufpassen. Die Blonde mit den langen Haaren steht im Verwaltungsgebäude immer am Fenster, wenn wir vorbeimarschieren«, belehrte mich Eppers wieder.

Wir gingen in die Unterkunft, legten unsere Ausrüstung an, marschierten zum Exerzierplatz. Ich sah im Vorbeimarschieren auf die Fensterfront des Verwaltungsgebäudes, erkannte hinter einer großen Fensterscheibe ein Gesicht und blondes Haar, sah, wie Eppers als rechter Flügelmann seine Schultern reckte.

Nach der Grundausbildung kam Eppers ins Zimmer, räumte seinen Spind aus. »Ich bin jetzt Gruppenführer«, grinste er. »Ich muss zu den Unteroffizieren ziehen.«

Eppers war jetzt der Kommandierende. Jedes Mal, wenn er uns vom Exerzierplatz marschieren ließ, führte er uns den Umweg an dem Verwaltungsgebäude vorbei. Einmal beobachtete ich, wie das blonde Mädchen hinter dem Fenster zu uns herabwinkte, lächelte. Eppers hob nur leicht seinen rechten Arm von sich weg, spreizte die Finger als geheimes Zeichen, dass er es erkannt hatte.

Wir mussten Wache schieben. Eppers, als Wachhabender, hatte mich als Kontrolldurchlassposten eingesetzt. Er war vor sechs Uhr losgegangen, hatte die Außenwachen eingezogen, befahl mir, mich an das Kaserneneingangstor zu stellen. Manfred, mein Stubennachbar, war Bereitschaftsposten, musste die Fahrzeuge kontrollieren, die raus und rein fahren wollten. Meine Aufgabe war es, die Ausweise der Eintretenden zu kontrollieren. Besucher oder Handwerker, die keinen Kasernenausweis hatten, musste ich zu Eppers in das Wachlokal schicken. Er telefonierte, Offiziere kamen, begleiteten die Besucher zu den Dienstzimmern.

Ich stand stramm an dem Kaserneneingang. Der Stahlhelm begann nach einer Weile zu drücken und die Maschinenpistole hing auch mit leerem Magazin als Last vor meiner Brust.

Gegen sieben Uhr fuhren die ersten Busse aus den Offizierssiedlungen vor. Ich hörte das Öffnen der pneumatischen Bustüren. Es wurde laut. Gesprächsfetzen flogen, Morgengrüße wurden ausgetauscht, dazwischen war immer ein Lachen der Frauen. Das Kasernentor wurde aufgeschoben. Die Offiziere, die Fähnriche, die Unteroffiziere drängten sich durch das Tor. Die Offiziere und die Unteroffiziere kamen einzeln, ordneten sich diszipliniert in Reihe, griffen in ihre linke Brusttasche, zogen ihren Kasernenausweis heraus, zeigten ihn mir. Die Frauen kamen in Gruppen. Sie redeten, schwatzten, zogen nebenbei ihre Kasernenausweise aus ihren Handtaschen, hielten sie flüchtig hoch. Mit dem zweiten Bus kamen das blonde Mädchen und die Frau mit dem dunklen Bubikopf. Auf den paar Metern zwischen der Tür und mir hatte die Frau mit dem Bubikopf schon mehrmals ihren Kopf hin und her gedreht. Sie lachte, drehte sich wieder, gab eine Antwort, um sich dann wieder ihrer Nachbarin, dem jungen Mädchen mit dem langen blonden Haar, zuzuwenden.

Ich ärgerte mich, dass sie mich nicht zur Kenntnis nahm, hielt meinen Arm vor, hielt sie auf: »Ihren Ausweis bitte!« Erschrocken sah sie mich an: »Ich bin Carola Schwarz.«

»Ihren Ausweis«, wiederholte ich.

Die Schwarz blieb stehen, kramte in ihrer Handtasche, wurde nervös, weil sich hinter ihr die Eintretenden drängten. Während sie in ihrer Handtasche kramte, rief sie ihrer blonden Nachbarin hinterher: »Martina, warte doch.«

Die Schwarz fand ihren Ausweis, hielt ihn mir vor die Nase: »Können Sie lesen?«

»Passieren«, antwortete ich kalt.

Die Schwarz holte ihre Nachbarin ein. Doch bevor sie ihren Weg in das Dienstgebäude fortsetzte, drehte sie sich noch einmal empört um.

Eine Woche später musste ich mich beim Kompaniechef, Hauptmann Müller, melden. Unruhig ging ich in meinen Gedanken die letzten Tage durch, ob ich irgendwo etwas falsch gemacht hatte. Ich klopfte an der Tür des Kompaniechefzimmers an, trat ein, stand stramm, nahm mein Käppi in die rechte Hand.

Der Offizier saß hinter seinem Schreibtisch, musterte mich: »Sie sind also der Schaller?«

Er stand von seinem Stuhl auf, ging zum Fenster, grinste. »Kennen Sie eine Carola Schwarz?«

»Sie hat ihren Ausweis nicht gezeigt.«

Müller lachte, winkte ab, ging zu seinem Schreibtisch zurück, setzte sich, trommelte mit einem Bleistift auf seiner Schreibtischunterlage. »Sie sind Abiturient? Sie wollen Eisenbahnbautechnik studieren?«

»Jawoll.«

»Können Sie zeichnen?«

Ich zuckte die Schultern: »Das muss ich wohl.«

Müller lachte wieder in sich hinein. »Schaller. Sie sind ab morgen in die Dokumentenstelle abkommandiert. Der Stabschef hat Sie angefordert. Sie melden sich bei Stabsfeldwebel Klosch. Und damit es keine Unstimmigkeiten mit ihren Kameraden gibt, ziehen Sie in das Gruppenführerzimmer zu Eppers.«

Ich schlug die Hacken zusammen, setzte mein Käppi auf, wollte wegtreten. Müller saß, die Unterarme auf seinen Schreibtisch gestützt, hatte den Kopf gehoben, sah mir nach, sagte: »Eigentlich hatte ich für diese Stelle den Eppers vorgeschlagen.«

Klosch war ein kleiner zierlicher Mann mit dünnem weißblondem Haar, weißer Gesichtshaut und weißen Wimpern. Er musterte mich misstrauisch. »Wir werden doch miteinander klarkommen?«

»Ich denke schon«, antwortete ich dienstbeflissen. Er wies mich ein. Bereits am anderen Morgen musste ich die Ausgabestelle ab sieben Uhr besetzen.

Die Schwarz war eine der ersten Frauen, die kamen, um ihre Dokumententaschen zu holen. Sie legte ihre Karte vor. Während ich ging, um ihre Taschen aus dem Panzerschrank zu holen, fühlte ich ihre Blicke in meinem Rücken. Nervös legte ich ihr das Nachweisheft vor, in dem sie den Empfang der Taschen quittieren musste.

»Sie werden sich schon noch eingewöhnen.«, versuchte sie mich zu trösten, nahm die Taschen von dem Ausgabebord herunter, stellte sie ab, um die Ausgangstür zu öffnen. Während sie sich bückte, sah sie noch einmal zu mir auf. Um ihren Mund spielte ein selbstsicheres Lächeln.

»Du hast es gut«, begrüßte mich Eppers am Abend. »Du brauchst keine Wache mehr zu schieben. Darauf müsstest du eigentlich einen ausgeben.«

»In Ordnung. Ich trage mich für Sonnabend zum Ausgang ein.«

Es war ein später Sonnabendnachmittag. Ich wurde unruhiger, je mehr der Abend heranrückte, putzte meine Schuhe, holte meine Ausgangsuniform aus dem Schrank, lief hinüber zur Bügelstube, um die Falten aus meiner Hose zu plätten, bürstete meine Jacke aus, ging duschen, rasierte mich, wusch meine Haare, rieb sie intensiv trocken, zog frische Socken und Unterwäsche an.

Eppers lag auf seinem Bett, las ein Buch. »Du musst dich nicht beeilen«, lachte er. »Der Schwof geht erst um sechs los. Die Frauen und Mädchen kommen erst so gegen sieben. Sie kommen überall her, aus der Stadt, von den Dörfern. Sie kommen mit den Omnibussen, mit der Bahn, manche kommen mit dem Fahrrad. Sie wissen, wo die Männer sind.« Eppers schwang seine Beine aus dem Bett, gähnte. »Im Prinzip geht es erst nach um acht los. Dann sind die meisten von uns schon besoffen.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Kasernenhof. »Dann hast du mehr Auswahl.« Er lachte in sich hinein, warf sich sein Handtuch über die Schulter.

Es dämmerte bereits, als wir die Kaserne verließen. Wir gingen ein Stück stadteinwärts, überquerten die Hauptstraße, gingen auf dem Spazierweg, der zwischen dem Fluss, der vom Osten herankam, und der Landstraße in die Stadt hineinführte. Der Wasserlauf machte eine Biegung von der Straße weg. Wege führten in die weitläufige Aue, in die feuchten Wiesen. Während wir gingen, sah ich hinter den Baumkronen bereits die Lichter der Stadt. Musik klang zu uns herüber. An einer Wegbiegung sagte Eppers: »Ich muss hier entlang.« Er deutete in Richtung des Seitenweges, dessen Ende sich bereits in dem Nachtdunkel verlor. Am Ende des Weges sah ich durch das Gebüsch ein hell schimmerndes Kleid und blondes Haar. Verärgert, weil Eppers mich nicht eingeweiht hatte, ging ich weiter, beobachtete, wie eine Frauengestalt sich von einem Baumstamm löste, das Gestrüpp zur Seite bog, sich mir in den Weg stellte. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück, sah das Gesicht der Frau vor mir. Es war Carola Schwarz.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagte sie und es machte ihr Freude, mein Erschrecken zu beobachten. »Du bist also der Schaller?«, Carola trat etwas zurück, musterte mich mit funkelnden Augen: »Habe ich das nicht gut gemacht?«

»Was?«

»Na, dass du jetzt in der Verwaltung bist.«

Wie, als würde ich ihr gehören, umschlang sie meinen Hals, küsste mich, fuhr mit ihrer Zunge in meinem Mund herum, lehnte ihren Kopf zurück, betrachtete mein Gesicht. »Ich war neugierig, wer das ist, der mich da vorn am Kasernentor so blamiert hat. Ich habe mir deine Unterlagen geholt und gelesen, dass du zu den Sternen fliegen willst. Eigentlich ist Martina für die Besetzungsnachweise zuständig. Sie hatte auch schon den Eppers für diese Planstelle eingetragen. Sie ist ganz verrückt nach ihm. Ich habe Eppers ausradiert und dich dafür eingetragen.«

Carola drängte mich. Oben auf der Landstraße gingen Soldaten in Richtung des Tanzlokals. »Du brauchst keine Angst zu haben. Diese Leute kennen mich nicht. Mein Mann ist mit seiner Kompanie auf dem Schießplatz.«

Ich schob meine Hand unter ihren Rock, umfasste ihr Gesäß. Carola half mir ihren Schlüpfer herunterzuziehen. Ich musste in die Knie gehen, um in ihre Vagina einzudringen.

Wir gingen weiter. Jeden zweiten oder dritten Schritt blieb ich stehen, zog Carola an mich heran, küsste sie, liebkoste ihr Gesicht, ihren Hals, umfasste ihre Brüste. Diesmal drängte ich. »Es war alles so schnell vorhin.«

Wieder gingen wir. Ich konnte nicht genug kriegen von ihrem Entgegenkommen, ihrer Zärtlichkeit. »Carola.«, sagte ich, »wenn ich hier fertig bin, nehme ich dich mit.«

Diesmal war es Carola, die unser Gehen beendete. Sie schlang wieder ihre Arme um meinen Hals, legte ihr Gesicht an das meine und wir standen, als wollten wir uns nicht wieder voneinander lösen.

Doch dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie nahm ihre Arme zurück, sah mich an: »Zu spät, Johann.« Unbewusst gingen wir aneinandergeschmiegt tiefer in das Nachtdunkel des Parks hinein, gingen nebeneinander her, schwiegen, küssten uns, wussten, dass der Morgen anders sein würde.

»Johann«, begann Carola. »Ich bin fünf Jahre älter. Ich habe mit siebzehn mein erstes Kind gekriegt. Damals war ich in den Mann meiner Schwester verliebt. Ich habe sogar sein Passfoto aus der Geldbörse meiner Schwester geklaut und in meinem Portemonnaie versteckt. Eines Tages hat sie das mitgekriegt. Seitdem ist Krieg zwischen uns. Meine Neugier waren immer Männer, die älter waren als ich. An einem Tanzabend, da kam einer und holte mich immer wieder zum Tanz. Danach bin ich mit ihm vor die Tür gegangen. Er war zärtlich, drängend und ich war neugierig. Am nächsten Wochenende kannte er mich nicht mehr. Ich begriff, dass ich schwanger war, stellte ihn zur Rede. Er hat mich ausgelacht, denn ich würde ja jedes Wochenende hier beim Tanz sein. Ich habe mich geschämt, dass er mich zu einer Hure stempelte. Ich bekam meinen Sohn Mirko. Mein Vater und meine Mutter haben keinen Aufruhr gemacht. Im Gegenteil. Als Mirko da war, war es nicht mehr mein Kind, es war ihres. Sonnabends oder sonntags, wenn ich den Kinderwagen nahm, um mit Mirko spazieren zu gehen, kam ich mir vor, als würde ich mein eigenes Kind entführen. In der Innenstadt war ein großer Imbiss eröffnet worden, in den ich mühelos auch mit Kinderwagen hineinkam. Ich war neugierig, wollte einfach nur unter anderen Menschen sein, setzte mich an einen leeren Tisch, wollte warten bis der Menschenandrang an der Verkaufstheke nachließ, um mir eine Bockwurst zu kaufen. Robert kam beiläufig an meinen Tisch, trank einen Kaffee, aß seine Wurst.

Ich hatte Hunger. ›Würden sie mal auf mein Kind aufpassen? Ich will mir nur eine Wurst kaufen.‹ Er sah mich an, zog seine Augenbrauen zusammen. ›Sie werden doch nicht ihr Kind einem wildfremden Mann überlassen?‹ Er stellte sich wieder in die Reihe vor der Verkaufstheke, brachte mir eine Bockwurst und für Mirko einen Schokoladenriegel.

Es war, als hätte ich seit diesem Tag wieder ein Ziel. Jeden Sonnabend fuhr ich mit Mirko mit der Straßenbahn zum Markt, setzte mich immer wieder auf den gleichen Platz, beobachtete den Eingang, in der Hoffnung, Robert würde kommen. Eines Tages war er da. Er saß mit einem älteren Ehepaar am Tisch. Ich überwand meine Schüchternheit, ging auf den Tisch zu, schob meinen Kinderwagen heran, fragte: »Ist bei Ihnen noch ein Platz frei?«

Robert sah auf, erkannte mich, lachte. »Na klar. Das sind meine Mutter und mein Vater«, erklärte er mir kauend. »Sie wollen sich heute einen Fernseher kaufen.«

Roberts Mutter musterte mich. Sein Vater blickte zur Seite, als sei es ihm peinlich, sich zwischen mich und seinen Sohn zu drängen. Sie standen auf. Auch Robert wollte aufstehen.

»Lass man«, legte Roberts Vater die rechte Hand auf seine Schultern. »Wir können uns den Apparat auch alleine kaufen. Kümmere du dich um deine Frau.« Roberts Mutter lächelte, nickte mir zu. Seitdem war ich verheiratet.

Robert war Reparaturschlosser in der Braunkohle. Ich nähte Pantoffeln in der Schuhfabrik. Wir zogen in die Mansardenzimmer in seinem Elternhaus in Zwingau. Das Dorf war verwahrlost. Die Häuser standen grau und niedrig neben den von Braunkohlestaub verschmutzten mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen. Der Putz fiel von den Außenwänden und die Fensterrahmen waren von Wind und Regen zermürbt. Alle wussten, eines Tages würden die Bagger kommen, die Häuser zermalmen, den Boden aufreißen, um die Braunkohle aus der Erde zu holen. An warmen Junitagen saßen Robert und ich am Giebelfenster unserer Mansarde. Vor uns sahen wir die Bagger, die Abraumhalden. Vor unserem Haus war noch eine Wiese. Das grüne Gras war immer ein Zeichen für uns, dass es auf dieser Welt noch anderes gab. Manchmal hörten wir sogar Nachtigallen schlagen. Wenn wir dann aus dem Fenster sahen und der Himmel war wolkenlos, strahlten uns die Sterne an. Wir träumten, die Sterne zu uns ins Zimmer zu holen.

»Robert«, fragte ich, »wollen wir nicht da hoch fliegen?« Betreten stand er neben mir, als schämte er sich dafür, dass er noch hier war. Ich wurde schwanger als er zur Armee eingezogen wurde. Bei seinem ersten Urlaub sagte er mir, er habe sich für die Offiziersschule beworben. Dann kam er drei Jahre nur aller vier Wochen nach Hause. Nach seiner Ernennung zum Unterleutnant wurde er hierher als Zugführer versetzt. Wir erhielten eine sonnige Neubauwohnung. Ich bekam in der Kaserne Arbeit im Verpflegungslager. Eines Tages kam Major Meier, mein jetziger Chef, zu mir und fragte mich, ob ich nicht bei ihm arbeiten wolle. Die Gewerkschaft hätte zugestimmt und auch die Staatssicherheit hätte genickt. Er hatte in den Unterlagen gelesen, dass mein Mann aus Zwingau stammte. Er, Meier, war damals als Flüchtling mit seiner Mutter auf einem Gutshof nahe Zwingau einquartiert worden. Ich hatte zugestimmt. Außerdem gab es dort mehr Geld. Mein Mann wurde Kompaniechef, soll im nächsten Jahr zur Militärakademie gehen. Vielleicht wird er noch ein großer Kommandeur.«

Carola horchte auf. »Ich muss jetzt gehen. Sie spielen schon ›Muss i denn zum Städtele hinaus‹.« Vorsichtig bog sie die Zweige der Büsche am Wegrand zur Seite, stieg die kleine Böschung hinauf, die unseren Weg von der Landstraße trennte, kam zurück, schüttelte den Kopf. »Es sind noch zu wenige Leute auf der Straße.«

Carola wartete noch eine Weile. Bevor sie wieder losging küsste sie mich noch einmal, rieb mit ihrem rechten Zeigefinger auf meinem Nasenrücken, sagte drohend: »Mein lieber Schaller, wenn du eines Tages von deinem Sternenflug zurückkommst, oben auf der Bühne stehst, einen großen Orden empfängst, ich mit meinem Mann unten in der ersten Reihe sitze und du kennst mich nicht mehr, weil ich einen dicken Arsch habe, dann erzähle ich Jeder und Jedem, dass du mich gevögelt hast.« Sie bekräftigte ihre Drohung durch ein heftiges Nicken, drehte sich, sprang auf die Straße.

Ich hörte, wie ihre Absätze auf das Pflaster schlugen. Ich ging los als das Klacken ihrer Absätze immer leiser wurde.

Am Montag kam Carola wie immer als wäre nichts gewesen. Nur manchmal, wenn sie glaubte, ich würde es nicht bemerken, beobachtete sie mich aus den Augenwinkeln. Um ihren Mund spielte dann ein Lächeln.

Eppers hatte für das Wochenende Sonderurlaub beantragt. Ich hatte mit Verwunderung festgestellt, dass in den letzten Wochen seine rosaroten Briefe ausgeblieben waren. Er kam Montagvormittag vorzeitig zurück.

»Gibt es denn zu Hause etwas Neues?«, fragte ich.

Eppers zuckte die Schultern. »Der Bahnhof steht noch, die Straßenbahn fährt noch. Außerdem habe ich nicht viel mitbekommen.« Er stellte sich ans Fenster, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, blickte stumm auf den Kasernenhof.

»Ein anderer?«

Eppers zog resigniert seine Mundwinkel nach unten, nickte zu sich in die Fensterscheibe hinein.

Am Diensttagnachmittag ließ er wieder antreten, zog die Reihen auseinander, kontrollierte die Ausrüstung, marschierte mit der Wache zum Kasernentor. Seine Befehle waren wie immer klar und exakt.

Am Mittwochmorgen erwachte ich von der Salve einer Maschinenpistole. Ungläubig sprang ich aus dem Bett. Am Kasernentor war plötzlich lautes Rufen. Offiziere rannten hastig über den Kasernenhof. Oben vom Krankenrevier kam ungewöhnlich schnell der Sanitätskraftwagen gefahren. Klosch kam kopfschüttelnd ins Zimmer, legte seine Mütze ab, hing seinen Mantel an die Garderobe, stellte wie gewöhnlich seine Tasche an ihren Platz, schloss die Panzerschränke auf, schob mir die Kartenblätter hin, die ich für eine Bataillonsübung zusammenkleben sollte.

»Was ist denn da draußen los?«, fragte ich neugierig.

»Der Wachhabende hat sich am Kasernentor erschossen.«

»Eppers?«

»Ja, ich glaube er heißt Eppers.« Dann tippte er sich an die Stirn. »Wegen eines Mädchens.«

Meine Knie zitterten. Ich setzte mich auf meinen Stuhl am Schreibtisch.

Vom Flur her kam ein durchdringender Frauenschrei: »Nein!« Eine Tür wurde aufgeschlagen. Schnelle Frauenschritte waren zu hören. Der Schrei riss mich von meinem Stuhl hoch. Ich öffnete die Tür, sah Martina den langen Kasernenflur entlang rennen. Carola rannte hinter Martina her, rief immer wieder laut und ängstlich: »Martina, Martina.« Carola verlor ihren rechten Schuh, schleuderte den linken gegen die Wand, lief auf Strümpfen weiter, holte Martina ein. Beide verschwanden sie hinter der Tür der Damentoilette.

Nach einer Weile kam Carola zu uns in die Ausgabestelle. Sie lehnte sich erschöpft gegen den Türrahmen, legte ihren Kopf zurück, schloss die Augen, öffnete sie wieder. »Johann«, sagte sie, »Martina ist schwanger.«

Klosch horchte auf, weil Carola mich beim Vornamen nannte.

Ich suchte wieder meinen Stuhl: »Von Eppers?«

Carola nickte. Über ihr Gesicht rannen Tränen. Sie holte ein Taschentuch hervor, begann sich die Augen trocken zu reiben, schluchzte. Sie verließ das Zimmer wieder.

Ich wollte beginnen an den Kartenblättern die Ränder zu beschneiden. Doch meine Hände zitterten. »Stabsfeldwebel«, sagte ich. »Ich muss noch einmal auf die Unterkunft. Ich habe meine Essenmarken noch im Spind.«

Klosch sah von seinem Tisch auf, betrachtete mich eine Weile, nickte dann, hob drohend seinen rechten Zeigefinger. »Aber mach keine Scheiße.«

Ich lief über den Kasernenhof zur Unterkunftsbaracke. Die Sonne überflutete an diesem Tag bereits ungewöhnlich hell die Kasernenanlage. Die Luft war für einen Tag mild und es roch nach regennasser Erde. Im Zimmer setzte ich mich auf Eppers Stuhl, starrte auf sein Bett. Auf dem Kopfkissen lag noch das Buch, in dem er immer gelesen hatte. Draußen auf dem Flur hörte ich den Schreiber gehen, die angekommenen Briefe zu verteilen. Er erschrak, als er mich am Tisch sitzen sah, drehte unschlüssig einen rosaroten Brief in den Händen.

»Gib her«, sagte ich. »Ich schicke ihn zurück.«

Als der Schreiber wieder die Tür geschlossen hatte knickte ich den Brief zusammen, schob ihn in meine linke Brusttasche. Ich wusste, ich würde diesen Brief nie zurückschicken oder lesen.

Bettina

Es war mein letzter Urlaub vor dem Ende meiner Wehrdienstzeit. Ich hatte bei Klosch zwei Tage Sonderurlaub beantragt, um in der Woche meine Arbeitsstelle und meinen Studienbeginn zu klären.

»Willst du nicht länger machen?«, fragte mich Klosch. »Das hier ist eine Unteroffiziersplanstelle.«

Ich schüttelte den Kopf.

Carola kam ins Zimmer.

»Es hat nicht geklappt, Frau Schwarz«, rief Klosch zu Carola hinüber. »Dieser Schaller will unbedingt zu den Sternen fliegen.«

Carola nickte nur, als hätte sie das schon vorher gewusst, drückte mir fest die Hand. »Viel Glück, Johann.«

»Ich komme noch einmal für ein paar Wochen zurück.«

»Wir werden uns nicht mehr sehen. Mein Mann muss seinen Urlaub nehmen. Wir fahren an die Ostsee.« Sie suchte meine Augen: »Martina. Es ist ein Junge.«

Ab Berlin war der Zug überfüllt. Wir standen dicht aneinander gedrängt im Gang, hatten die Koffer und Taschen zwischen unsere Waden geklemmt, stützten uns an den Wänden ab, lehnten uns gegeneinander. Ich hatte auf dem Perron einen Platz neben der Toilettentür gefunden.

»Reisende von Bahnsteig sieben. Beim Umsteigen bitte beeilen«, hallte die Lautsprecheransage unter dem Hallendach.

Ich sah zu, wie immer noch mehr Menschen die Treppe aus der Unterführung heraufhetzten, den Zug entlangliefen, einen Einstieg suchten. Bettina warf mit letzter Kraft ihren Koffer auf den Bahnsteig, stolperte die Treppen herauf, griff nach dem Henkel ihres Koffers, schleppte ihn neben sich her, kam zu unserer Wagentür, warf den Koffer auf die Wagenstufen. Ich entriss ihr den Koffer, schob ihn rücksichtslos in das Wageninnere, fasste Bettina an der Hand, zog sie in den Wagen.

»Die Türen schließen«, hallte es wieder über den Bahnsteig. Die Bahnhofsaufsicht schlug unsere Tür zu. Ein Pfiff ertönte. Der Zug fuhr an. Bettina fiel gegen mich, versuchte sich gegen die Wand zu stemmen, blies mir ihren Atem ins Gesicht.

»Tut mir leid«, keuchte sie. »Aber es geht nicht anders.« Bettina erholte sich, stützte sich immer noch mit der rechten Hand an der Wand ab. Es war ihr peinlich mit ihrem Gesicht so nah an dem meinen zu sein. Sie legte ihren Kopf zur Seite, sah aus dem Fenster des fahrenden Zuges. Ich beobachtete wie ihre Augäpfel hin und her gingen, um die wechselnde Landschaft vor dem Fenster zu erfassen. Ab und zu versuchte sie sich zu drehen, ihr Gewicht von einem Bein auf das andere zu verlagern. Sie berührte mich dabei, lächelte mich entschuldigend an.

Ein Ehepaar quälte sich mit seinen Koffern durch den Gang. Immer wieder erklärte die Frau: »Wir haben Platzkarten in einem Wagen weiter hinten.« Sie drückte die Gangtür auf. Beide stiegen über die Koffer, drängten sich durch die Stehenden.

Ich sah, dass es Bettina schwer fiel, noch zu stehen Ich drückte meinen Rücken gegen die Nachbarn, um Platz zu gewinnen. »Setz dich auf meinen Koffer.«

Bettina seufzte erleichtert, setzte sich, sah zu mir auf. »Danke.«

In dem Gedränge fiel meine Schirmmütze neben sie. Sie hob die Mütze auf, gab sie mir. »Urlaub?«

»Ja, mein letzter. In vier Wochen bin ich wieder zu Hause.«

»Ich war auf einem Lehrgang bei Brandenburg. Zu Hause bin ich in einer Kunstmalergruppe für Laien. Jedes Jahr einmal organisiert die Gewerkschaft ein zentrales Treffen. Da halten Professoren von der Kunsthochschule Vorträge und Seminare. Wilhelm, mein Gruppenleiter, hat mich vermittelt. Da kann man viel lernen. Diesmal stand vor allem das Zusammenspiel von Licht und Schatten im Mittelpunkt.«

»Du malst? Was denn? So etwas?« Ich deutete auf das Werbeplakat über ihrem Kopf. Es zeigte ein mittelalterliches Portrait. Das Gesicht auf dem Plakat war von einer großen grauen Perücke umrahmt. Darunter waren in weißer Schrift das Datum und der Ort der Ausstellung angegeben.

Bettina drehte ihren Kopf nach oben, betrachtete kurz das Plakat, lachte. »Nein. So malt man heute nicht mehr. Die kannten damals keine Fotografie.«

»Was malst du dann?«

»Alles Mögliche. Ich probiere mich aus. Wenn du sehen willst, was ich male, musst du mich mal besuchen.«

Bettina und ich stiegen zusammen aus. Zielstrebig steuerte sie auf dem Bahnsteig in Richtung der Treppen in die Unterführung zu, drehte sich noch einmal um. »Ich wohne unten an der Saale, Weidenplan acht.«

Vor den Treppen zur Unterführung stand ein Buckliger. Unter seiner Mütze quoll dichtes, gelocktes graues Haar hervor. Sein Gesicht war knochig. Ich erkannte nur die borstigen Augenbrauen.

Bettina ging auf ihn zu, stellte ihren Koffer ab, umarmte den alten Mann. Er bückte sich, um den Koffer aufzunehmen. Doch Bettina wehrte ab. Beide verschwanden in dem Gedränge.

Ich hatte es nicht eilig, wartete bis das Geschiebe der Aussteigenden aufhörte. Auf dem anderen Bahnsteig standen Doppelstockwagen. An einem der Waggons war ein auf großes weißes Schild ›Pendelzug Hauptbahnhof-Neustadt und zurück‹ geschrieben. Ich wanderte den Zug entlang bis zum Ende des Bahnsteiges. Durch das Gewirr der Oberdrähte und Leitungsmasten erkannte ich hinter den Kirchtürmen der Stadt am Horizont die weißen Silhouetten hoher Wohnblocks. Die Horizontlinie wurde von Hochhauskonturen unterbrochen. Ich wandte mich um, ging zur Fahrplanübersicht. Neben der Übersicht war ein Gleisplan angebracht. Eine blaue Linie markierte die Strecke des Pendelzuges. Rote Linien zeigten den Verlauf von Gleisstrecken an, die geplant waren.

Ein Grauhaariger trat neben mich, hatte meine verwunderte Neugier beobachtet. »Das sind die Strecken unserer Stadtbahn. Ich bin nur gespannt, welche Farbe den Zügen gegeben wird.«

Ich lächelte zufrieden in mich hinein, dachte: »Einmal wirst du dabei sein«, ging zurück, um in die Unterführung hinabzusteigen. Das Gedränge hatte gewechselt. Aufsteigende hasteten die Treppen herauf, stießen mich an, stolperten über meine Tasche. Verärgert blickten sie auf, weil sie nicht mehr damit rechneten, jemand würde ihnen entgegenkommen, fluchten.

Vor den Treppen in der Unterführung stand ein Ehepaar mit Kinderwagen. Ein Mädchen im Alter von zwei und eines von drei Jahren standen um den Kinderwagen herum. Die Frau bückte sich ständig, um die Decke zurecht zu ziehen, in die das dritte Kind im Kindersportwagen eingehüllt war. Sie sah die Treppen zu mir prüfend herauf, ob sie mit dem Kinderwagen gefahrlos die Treppen hinaufsteigen konnte.

Mich durchfuhr es heiß. Mein Herz hämmerte. Es war Marion. Ich erkannte sie sofort an ihren schmalen und engen Augen, dem schmalen Nasenrücken, den breiten Nasenflügeln, der Hautfalte auf ihrer Oberlippe, dem etwas zu langem Kinn.

Marion war füllig geworden. Ein leichtes Doppelkinn machte ihr Gesicht rund. Das Runde ihres Gesichts wurde von ihrem kurzen Haarschnitt betont. Das Haar war an den Spitzen blond gefärbt. Die verschwitzten Haarsträhnen im Nacken stießen bei jeder Bewegung über ihren Blusenkragen. Ihre Brüste hingen prall in ihrer bunten Bluse. Wenn sie sich bückte fiel eine Bauchfalte über ihren Rockbund. In dem engen Rock zeichneten sich die Konturen ihres Unterbauches. Die kräftigen Oberschenkel ließen ihren Körper kleiner erscheinen.

Der Mann nahm die beiden Mädchen an die Hand, führte sie die Treppen bis zur Zwischenstufe hinauf, redete mit ihnen. Die Mädchen nickten, standen still, sahen zu, wie ihr Vater die Treppen wieder hinabstieg. Marion umfasste die Kinderwagenstange, der Mann griff in die Vorderräder des Wagens. Beide hoben sie ihn über die Treppen, setzten ab, als sie die beiden Mädchen erreichten.

Langsam stieg ich die Stufen herab. Wir begegneten uns auf der Zwischenstufe. Grasshof erkannte mich, hob grüßend die Hand, drehte die Handfläche der linken Hand zu mir als Zeichen, dass er die Zeit des Soldatseins hinter sich hatte. Er trug jetzt eine Brille.

Marion erkannte mich nicht. Für sie war ich nur ein Jemand in Uniform. Sie bückte sich wieder, um die Decke über ihrem Kind zurechtzurücken, die beim Herauftragen des Kinderwagens verrutscht war.

Marion und Grasshof brachten ihre Kinder auf den Bahnsteig. Oben ertönte die Lautsprecheranlage hinter mir her. »In den Pendelzug nach Neustadt bitte einsteigen.«

Mein Herz schlug immer noch heftig, als ich in die Bahnhofsvorhalle einbog. Es war alles immer noch so, wie ich es kannte, die Fahrkartenschalter, die Gepäckaufbewahrung, die Fahrplanaushänge, der Blumenladen, die Werbung. Mich bemächtigte ein Gefühl, Zeit verloren zu haben, ging über den Bahnhofsvorplatz unter der Brücke durch zur Straßenbahnhaltestelle. Über mir fuhr der Pendelzug. Marion und Grasshof fuhren mit diesem Zug Richtung Neustadt in ihr zu Hause.

Die Gewohnheit des Dienstablaufs machte die Zeit bis zu meiner Entlassung von der Wehrpflicht kurz.

Ich saß im Zug, hörte das Rattern der Räder auf den Gleisen und je näher ich meiner Stadt kam, umso mehr begann mich meine Zukunft zu drücken. Da war nicht mehr das morgendliche Aufstehen nach Disziplin, war nicht mehr der Gang in den Speisesaal, der Schlüsselempfang für die Panzerschränke, das Warten auf Klosch, auf Carola. Ich war frei. War ich frei? Eingebettet in den organisierten Ablauf jeden Tages war ich immer ich selbst gewesen. Ich stieg in die Straßenbahn, schloss die Augen. Die Bahn fuhr an, bremste. Beim zweiten Bremsen wusste ich, dass ich aussteigen musste.

»Na, da bist du ja«, begrüßte mich meine Mutter. Ich hörte aus ihrer Bemerkung die Sorge heraus, wie es mit mir weitergehen sollte. Im Flur stand ein Kinderwagen.

»Der ist für Barbara. Sie hat gestern einen Jungen geboren. Den Kinderwagen hat dein Vater bezahlt.« Meine Mutter putzte ohne aufzusehen weiter Gemüse. »Wir wollen sie morgen am Nachmittag besuchen. Vormittags sind wir nicht gern gesehen. Da ist im Krankenhaus viel Betrieb, sauber machen, Hygiene, Visite, Versorgung der Mütter. Wenn du mitkommen willst, musst du Barbara natürlich ein Geschenk mitbringen. Spielzeug braucht so ein Säugling noch nicht. Am besten ist, du kaufst einen Strampelanzug. Aber in Blau. Es ist ein Junge. Und Blumen. Wenn man Mutter wird, freut man sich immer über Blumen.« Die Nüchternheit meiner Mutter weckte in mir das Verlangen, mich wieder in meiner Dokumentenstelle zu verstecken.

Ich ging noch am Nachmittag los, fuhr mit der Straßenbahn bis zum Markt, ging auf das Kaufhaus zu, in dem es eine Abteilung für Kinderbekleidung gab. Neben dem Eingang in das Kaufhaus waren die großen Fensterscheiben der Auslagen. Zwischen Schaufensterpuppen, die sonst Tag und Nacht einsam im Licht standen, beobachtete ich an diesem Nachmittag zwei Frauen in weißen Kitteln hinter den Scheiben, die die Puppen neu ankleideten, sah ihnen neugierig zu. Ich erkannte Bettina. Mit offenem weißen Kittel bemühte sie sich einer männlichen Puppe eine Jacke überzuziehen. Ihr blondes Haar hatte sie am Hinterkopf zu einem Stummel gebunden. Zwischen ihre Lippen hatte sie Sicherheitsnadeln geklemmt. Ich klopfte an die dicke Schaufensterscheibe. Verärgert sah Bettina auf. Ihre Verärgerung löste sich auf, als sie mich erkannte. Sie deutete mit ihrem Kopf auf die Tür in der Dekorationswand. Ich verstand nicht. Wieder deutete sie auf die Tür, zeigte mit der Hand die Richtung an. Ich ging in das Kaufhaus hinein.

Bettina kam durch die Tür der Dekorationswand, begrüßte mich lachend. »Ah, der Soldat.«

»Gefunden«, lachte ich.

»Du Lügner. Du hast noch nicht einmal angefangen, mich zu suchen.«

»Na, ja«, versuchte ich mich zu rechtfertigen, »ich bin erst heute Mittag angekommen.«

»Hör zu«, sagte sie, »ich habe in einer halben Stunde Feierabend. Fahr hoch in die vierte Etage. Da ist ein Imbiss. Ich komme dorthin. Da können wir zusammen eine Tasse Kaffee trinken.«

Bettina ging zu ihrer Schaufensterpuppe zurück. Ich kaufte im Erdgeschoss einen Blumenstrauß, stieg in die Kinderabteilung in der zweiten Etage, kaufte einen Strampelanzug, fuhr dann wie mit Bettina verabredet in die vierte Etage.

Ich hatte kaum meine Bockwurst und meinen Kaffee auf einem der Tische abgestellt, stieß Bettina die Schwingtür auf, überflog den Gastraum, ging zur Verkaufstheke, zapfte den Kaffeeautomaten an, setzte sich zu mir an den Tisch.

»Woher weißt du, dass ich hier arbeite?«

»Meine Schwägerin hat einen Sohn geboren. Ich will sie morgen besuchen. Meine Mutter hat mich angewiesen für den Säugling einen Strampelanzug zu kaufen.«

»Ach so«, hörte ich aus Bettinas Stimme eine leichte Enttäuschung heraus. Sie hob den Kopf, schaute verloren in den Saal. »Kinder sind etwas Schönes.«

»Soll ich dich nach Hause bringen?«

Bettina schüttelte den Kopf. »Ich muss nachher zu meiner Malgruppe.«

»Du hast mich eingeladen, um mir zu zeigen, was du malst.«

»Am besten ist es am Sonnabend. Ich bin mit meiner Mutter allein zu Hause. Da male ich und muss nebenbei auf die Tochter meiner Schwester aufpassen. Ihr Kerl sitzt im Knast. Er hat Autos geklaut, auseinandergenommen und alles als Ersatzteile verkauft. Meine Mutter arbeitet drei Schichten in einer Baumwollspinnerei, kommt am Sonnabend aus der Nachtschicht, muss schlafen.«

»Weidenplan acht, hast du mir gesagt.«

»Du weißt die Adresse also noch?« Bettina stand von ihrem Stuhl auf, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die rechte Wange. »Also dann bis Sonnabend.«

Am anderen Nachmittag gingen meine Mutter, mein Vater und ich zu Barbara auf die Entbindungsstation. Barbara lag mit aufgelöstem hellem Haar in ihrem Kopfkissen, hatte ihre Arme neben sich gelegt, lächelte uns zu. Mein Vater ging an sie heran, tätschelte ihr die Hand, stellte sich dann stolz an das Fußende des Bettes. Meine Mutter strich ihr zärtlich über die Wangen. »Alles gut verlaufen? Und gesund?«

Barbara nickte.

Meine Mutter ging zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich legte Barbara die Blumen auf das Deckbett, drückte mein Gesicht an das ihre. »Herzlichen Glückwunsch.« Ich beugte mich wieder auf. Barbara sah mich verlegen an. Ihre blauen Augen strahlten.

Am Sonnabend ging ich los. Am Freitag hatte ich schnell noch drei langstielige rote Rosen gekauft, hatte sie in durchsichtige Folie einschlagen lassen, legte sie während meiner Straßenbahnfahrt vorsichtig auf meinen Schoß. Eine junge Frau setzte sich neben mich: »Oh. Rote Rosen!« Die Frau legte ihren Kopf zur Seite: »Sind die für mich?« Ich schüttelte verlegen den Kopf. Die Frau lachte, winkte mir lächelnd zu, als sie ausstieg.

Die Fahrstrecke der Bahn bis zum Flusshafen war lang. Sie führte aus meinem Industrieviertel über den Bahnhofsplatz durch die belebte Einkaufsstraße zum Markt, fuhr in die Altstadtviertel ein, überquerte einen seichten Flussarm. Fast zerfallene Häuser standen bis an das Wasser heran. Die Bahn machte einen Bogen, bog in das mit alten Bäumen gesäumte Villenviertel ein, fuhr unter den Bäumen bis zur Ruine der mittelalterlichen Burg, an deren mächtigen Mauern träge das trübe Wasser des Flusses vorbeiströmte, ließ die Altstadt und das Villenviertel hinter sich. Ich stieg am Friedhof der Vorstadt aus. Rechterhand der Straße erstreckte sich ein Ruinenfeld. Das Feld war eine Fabrik gewesen, die Teile für Flugzeugmotoren gebaut hatte. Nur Mauerreste waren noch da. Zwischen den Mauern, die stehen geblieben waren, wucherte Unkraut in den Fugen der Betonflächen. An den Flächenrändern wuchsen Jungbäume zu einem Waldsaum heran. Ich lief an der Friedhofsmauer entlang, fand mich plötzlich auf einem Dorfplatz wieder. Vor mir erhob sich eine weißgetünchte Kirche mit einem Schieferdach. Um die Kirche duckten sich Katen mit grauen Fassaden. An einer Hauswand erinnerte eine Metalltafel, dass hier einmal ein schwedisches Regiment gelagert hatte. Hinter dem alten Dorfplatz tauchten plötzlich die hellen Mauern von Neubaublöcken auf. Das Neubauviertel wurde durch eine Reihenhaussiedlung abgelöst.

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22 aralık 2023
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ISBN:
9783961451753
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