Kitabı oku: «Ohne Rauch geht's auch oder wie frau auch ohne Zigarette eine Liebeserklärung aussprechen kann»

Yazı tipi:

Gerd Mjø­en Bran­ten­berg
Erste Phase

Der 1. Tag –
Ball an die Wand

Ich kann es nicht ab, wenn Leute aufhören zu rauchen. Das Rauchen hat so etwas Gemütliches an sich. Und die Leute, die es tun, auch. Etwas Behagliches, Entspanntes und irgendwie Dekadentes. Dieses Ziellose, gerade dieses Ziellose, wenn man so dasitzt und den Rauch ausstößt, finde ich angenehm.

Und ich kann die Leute nicht ab, die gegen das Rauchen – und die Raucherinnen – hetzen und gegen zu viel Qualm in der Kneipe. Dieses ewige Gejammer. So ein bißchen Rauch müssen die ja wohl ertragen können. Ich finde das unsinnig, langweilig, absolut ungemütlich und phantasielos. Phantasie, oh ja! Genau die fehlt den Nichtrauchern.

Und wenn ich etwas kurzatmiger werde, macht das auch nichts. Was soll ich denn mit so viel Kondition?

Ich habe das Gefühl, daß mein gesamtes Wesen in dem Rauch liegt, der bläulich zur Decke steigt. Alles, was ich bin und was ich denke, liegt darin – im langsamen Tanz des Rauches von der Zigarette und den Lippen. Es ist in der Glut. Eine wunderschöne Glut, die aufglimmt, wenn es dunkel ist. Du kannst die Zigarette zwischen den Fingern halten, sie leicht drehen und die Glut betrachten, von der der Rauch sich hinaufwindet. Ab und zu kannst du am anderen Ende ziehen und den Rauch in den Mund saugen.

Du kannst dich vollkommen dieser Betätigung widmen, was anderes mußt du nicht tun. Nur die Zigarette anschauen und ihren Rauch einziehen – und denken. Manchmal kannst du gleichzeitig reden. Mit anderen, die auf die gleiche Art und Weise mit genauso einer schönen Glut dasitzen.

Also: Deshalb habe ich mich ganz sicher nicht entschieden, aufzuhören zu rauchen. Ganz im Gegenteil. Ich habe nur heute noch keine geraucht. Aber ich habe nicht daran gedacht, aufzuhören. Andersrum. Wann immer ich will, kann ich mir eine anstecken. Ha! Ich muß es nur tun – Tabak und Blättchen liegen da hinten auf dem Nachttisch. Irgendetwas hält mich zurück. Nicht, daß ich unbedingt aufhören muß zu rauchen. Warum sollte ich das, wo das Leben im großen und ganzen sowieso für’n Arsch ist? Nein, das ist es nicht. Es ist was anderes, was mich zurückhält.

Ich habe keine Lust, daran zu denken, daß ich mit dem Rauchen aufhören soll. Vor allem nicht jetzt. Es ist eben nur etwas, das ich gerade jetzt tu. Ich will nicht aufhören. Rauchen ist Wohlbefinden. Rauchen ist ein gutes Buch und ein bequemer Sessel. Rauchen ist ein leiser Flirt. Rauchen ist ein hitziger Streit. Rauchen ist Freizeit. Rauchen ist das, was du tust, wenn du aufhörst, das zu tun, was du mußt, und damit anfängst, das zu tun, was du willst. Der Lebensfunke. Das ist es, was Rauchen ausmacht. Natürlich verpeste ich die Luft für die NichtraucherInnen. Und das ist es ja auch, was die Nichtraucher so ungemütlich macht. Leute, die bei Veranstaltungen Rauchverbot fordern, sind das schlimmste, was ich kenne. Ich könnte es bleibenlassen, aufzuhören, nur aus Angst, so wie die zu werden. Ja, das könnte ich. Ich habe keinerlei Ambitionen in der Richtung, eine Nichtraucherin zu werden.

Nein, es hat einen ganz anderen Grund, daß ich es mir verkneife, mir jetzt eine zu drehen. Einen Grund. Dieser Satz. Der Satz, der die ganze Zeit in meinem Kopf hämmert. Nur jetzt nicht. Ich hab solche Lust auf einen Zug. Nur jetzt nicht. Ich hab solche Lust auf einen Zug. Jetzt nicht. Einen Zug. Nicht. Lust. Jetzt nicht. Jetzt nicht. Nur jetzt nicht. Nur jetzt nicht.

Seit neunzehn Jahren habe ich jeden Tag geraucht. Ich weiß nicht, wieviel ich am Tag rauche. Ich drehe die Zigaretten und will es nicht ausrechnen. Aber ein Päckchen reicht keine zwei Tage. Vor langer Zeit, als ich etwas weniger rauchte, habe ich einmal ausgerechnet, daß ich 65 dünne Zigaretten aus so einer Packung herausbekomme. Aber ich weiß nicht, ob das noch hinkommt. Wenn mich jemand fragt, wieviel ich rauche, antworte ich, daß ich es nicht weiß, sehe zur Decke und tu so, als ob ich die Frage schon vergessen hätte.

Es gab ein paar Tage im Laufe dieser 19 Jahre, an denen ich nicht geraucht habe. Das war, als ich mich bei Windstärke neun und mehr auf dem Skagerrak befand. Aber es war selten, daß mir so schlecht war, daß ich es nicht trotzdem geschafft hätte zu rauchen.

Ich habe nie versucht aufzuhören. Niemals. Wollte nie. Heute habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich anfing. Ich habe gedacht: Es gab ja mal eine Zeit, eine Zeit, die lange her ist, in der es einen Menschen gab, der ich war, die Nichtraucherin. Warum fing ich, die Nichtraucherin, an zu rauchen?

Ich war 16 Jahre alt, ging auf’s Gymnasium. Es war ein traditionsreiches Gymnasium »An der Fährstation am Ufer des Glomma«, wie es in einem der vielen Lieder heißt, die die Stadt und das Gymnasium preisen. Die Gelbe Anstalt. Als wir anfingen, an den Samstagabenden in die »Gymnasiastenvereinigung Vorwärts« zu gehen, rauchte nur eines der Mädchen in unserer Klasse. Inger Mette Jakobsen. Wir fanden, daß das sehr spannend und erwachsen aussah. Nach und nach, im Laufe des ersten Schuljahres, fingen die meisten von uns auch an zu rauchen. Wenn ich an den Samstagabenden im »Vorwärts« saß, war ich permanent nervös. Aber ich fing nicht an zu rauchen, weil ich nervös war. Ich glaube nicht, daß ich auf den Gedanken kam, daß diese Form der Aktivität mir dabei helfen würde. Nein, ich fing an zu rauchen, weil das toll aussah. Und toll soll heißen, daß du dasaßt und kapiertest, was in der »Gymnasiastenvereinigung Vorwärts« vor sich ging. Das bedeutete, daß du erwachsen wurdest. Erwachsen und damenhaft. Rauchen paßte zu hochhackigen Schuhen, Lippenstift und zu der Miene, die du aufsetzen solltest, wenn du ausgingst. So wie Inger Mette Jakobsen. Das paßte zu der Aufmerksamkeit, die die nun plötzlich wie Herren gekleideten Jungen dir widmeten. Eine schnell gezückte Flamme von einem dunkelblauen Jackenärmel, bevor du selbst Feuer finden konntest. Schneller Blick in die Augen. Oh, danke! Ein kurzes Lächeln. Machte er sich etwas aus dir? Das Kinn hoch und den Rauch ausgestoßen. Auf jeden Fall sollte er nicht denken, daß du nur darauf gewartet hattest.

Es paßte zu dem intellektuellen Niveau, das die Gespräche bekamen, und zu all den Fremdwörtern. Es war einfacher, mit der Zigarette in der Hand über die Witze zu lachen, die über dir unbekannte Fremdwörter gemacht wurden. Fast alle in der Klasse über uns rauchten. Einige der großen Jungen, die die meisten Fremdwörter kannten, rauchten ab und zu Pfeife. So bekamen sie eher Recht mit dem, was sie sagten.

Ich glaube, so fing es an. Alle meine übrigen Aktivitäten wurden mit der Zeit hoffnungslos kindisch. Es blieb nicht mehr so furchtbar viel übrig, was ich tun konnte, als ich anfing, damenhaft zu sein. Äpfelklauen, Bäumeklettern, Fußballspielen, Völkerball, sich im Dunkeln verstecken, Schlittschuhlaufen, auf die Dächer klettern, in den Lagerhäusern am Hafen herumschnüffeln – alles, womit ich mich, seit ich vierzehn war, vergnügt hatte, war kindisch. Außer den Wörtern. Sie waren das einzige, was übrig geblieben war von allem, was mein Leben ausgemacht hatte. Wir hatten ein Blumenbeet im Garten. Selbst das war hoffnungslos kindisch.

Als Ersatz für all das bekam ich die Zigarette. Wörter und Zigaretten. Große Wörter und kleine Wörter. Lange merkwürdige Wörter und kleine leichte. Wörter, mit denen du Versteck und Kriegen spieltest, damit die großen Jungen dich nicht ticken konnten. Wörter, mit denen du jongliertest, um dich darzustellen. Wörter, über die du lachen konntest. Wörter, mit denen du dachtest. Du bist jetzt erwachsen geworden. Du hast da mit deinen Perlonstrümpfen gesessen, die nicht zerreißen durften, und deinen hochhackigen Schuhen, die nicht für’s Gehen geeignet waren, und das einzige, womit du spielen konntest, waren Wörter.

Und so ging es weiter. Wörter. Wörter und Rauchen. Wörter im Rauch. Wie Rauch vergingen die Worte. Spiel mit Worten. Leicht rauchend mit dem Rauch spielen. Und so war es seither.

Wieso ist mein Leben heute wertvoller als es einmal – damals vor vielen Jahrhunderten – war, als ich eine Nichtraucherin von fünfzehn Jahren war? Bevor ich mich ernsthaft in Wörter und Rauch hinausstürzte? War ich dumm? War ich phantasielos? War ich langweilig?

Nein, ganz im Gegenteil: Ich kann mich erinnern, daß wir fast täglich auf dem Schulhof standen und uns totlachten. Über alles machten wir Witze. Alle neuen Wörter. Die Art und Weise, wie die Lehrer sie aussprachen. Hypothese. Was war das? Habt ihr gehört, wie er das gesagt hat? Hibbodüse. Ein etwas heruntergekommener Geschichtslehrer sagte sch statt s. Schoschialischmusch sagte er. Schoschialischmusch sagten wir draußen auf dem Schulhof und lachten. Wir bekamen einen neuen Religionslehrer. Über den lachten wir häufig. Ich schrieb auf Bestellung Liebesgeschichten für meine Freundinnen. Stürmische Liebesabenteuer mit ihnen und dem Englischlehrer in den Hauptrollen. Wir standen an der Mauer des neuen Gebäudes und lachten darüber. Inger Mette Jakobsen und ich hatten entdeckt, daß in der Stadt eine Firma Gørim und Co. hieß. Wir schrieben uns gegenseitig Zettel mit freundlichen Grüßen von »Gørim & Co.». Wir kugelten uns mit puterrotem Gesicht auf unseren Tischen und wurden wegen Gørim auf den Gang geschickt.

Nein, ich kann nicht feststellen, daß ich durch das Rauchen fröhlicher geworden bin. Oder daß Humor überhaupt mit Zigaretten zusammenhängt. Das ist ja auch eine absurde Idee. Aber von irgendwoher muß sie ja gekommen sein. Ich kann sie doch nicht einfach aus der Luft gegriffen haben?

Meine Schwester Bergliot kam unerwartet zu Besuch. Sie kommt fast immer unerwartet. Ich sagte nichts. Sie bekommt Kopfschmerzen, wenn Leute rauchen. Sie hat niemals selbst geraucht. Das war ein Problem zwischen uns, zu dem ich nie etwas gesagt habe, weil ich ja die Sünderin war. Ich habe keine Lust, ihr eine Freude zu machen, indem ich ihr erzähle, daß ich aufgehört habe, wenn ich doch wieder anfangen werde. Bald. Nur jetzt nicht. Ich habe auch keine Lust, damit anzugeben. Ich finde irgendwie, schon wenn ich es sage, ist das Angeberei.

Ich war guter Dinge, freute mich, sie zu sehen, und begann, mit ihr in der Stube Ball an die Wand zu spielen. Sie spielte mit, ohne zu fragen, warum ich es tat. Sie konnte ja nicht wissen, daß ich den ganzen Nachmittag hier in der Stube gestanden hatte und, weil ich nicht rauchte, Ball an die Wand gespielt hatte. Ich hämmerte auf der Maschine herum, weil ich nicht rauchte, saß keinen Augenblick still, weil ich nicht rauchte.

Gestern war der 8. März. Demonstration. Große Versammlung hinterher. Wir spielten, ich bin in einer Art Orchester. Ich stand da oben und sang, und wenn du so dastehst und auf ein Meer von Gesichtern schauen mußt, die rot werden und sich verwischen, weil es so viele sind, und du bist so nervös, dann ist es gut, deinen Blick an einer festmachen zu können. Da machte ich meinen Blick an Kari fest. Sie schaute durch ihre runde Brille zu mir zurück. Jedenfalls sah es so aus. Sie hat so was. Nachher hatten wir ein Fest und waren bis spät in die Nacht auf. Ich rauchte, rauchte, rauchte. Mußte die Gelegenheit nutzen. Tanzte Tango, wie man nur Tango tanzen kann, wenn man beschwipst ist. DRRRRAM tamtammmm! M! dzjam, dzam – dzjam djam dzjam zjam-zjam! Ich rauchte, rauchte, rauchte. Morgen werde ich aufhören, hatte ich gesagt. Ich rauchte. Den 9. März hatten wir abgemacht. Ob die anderen es vergessen hatten? Da hinten saßen sie, Greta und Emilie, und rauchten und hatten es ganz bestimmt vergessen. Pah, das war sicher nur ein Scherz. Nur sowas, was wir dahergeredet hatten. 9. März, hatten wir gesagt. Das war ein Scherz. So wie sie da hinten saßen und pafften, sah es nicht so aus, als dächten sie daran, in den nächsten fünfzig Jahren aufzuhören. Hinterm Rücken, unterm Bein durch, Kopfball. Bergliot spielte und lachte zurück.

Sobald es heute in der Schule zur Pause geklingelt hatte, dachte ich: Rauchen. Das habe ich die letzten sieben Jahre, seit ich diesen Schuljob habe, in jeder Pause beim Schrillen der Pausenklingel gedacht. Nur einer der vielen natürlichen Reflexe in der Welt – als wenn du dich beim Fallen abstützt oder von Essensgeruch hungrig wirst. Brrr. Rauchen. Brrr. Rauchen. Brrr. Rauchen. Jede Pause das gleiche. Riing. Eine Zigarette in der Gedankenblase über dem Kopf.

Aber als ich nach Hause kam, wurde es schlimmer. Da bekam ich die ganze Zeit diese Schocks. Ich bin es gewohnt, daß ich im Klassenzimmer nicht rauchen darf. Darum denke ich dort nie daran. Nur sobald es klingelt. Aber hier! Hier zu Hause, hier bin ich es ja gewöhnt, mir eine Zigarette anzustecken, wann immer es mir paßt. Zum Beispiel gleich nachdem die vorherige ausgedrückt ist. Zigarettenanzünden braucht keine bestimmten Signale. Das Signal, sich eine anzustecken, ist die Zeit selbst. Jede Zehntelsekunde. Jeder einzelne winzigkurze Zeitraum bietet eine neue Gelegenheit, sich eine Zigarette anzuzünden. Und als ich von der Schule nach Hause kam, passierte es, daß ich von jedem einzelnen dieser winzigkurzen Zeiträume einen neuen Schock bekam.

Es rumort unangenehm in meinem Bewußtsein: Es gibt etwas, das ich nicht kann. Es gibt etwas, das ich nicht kann. Was ist das? Schock. Ich kann keine rauchen. Das ist es, was ich nicht kann. Dann rumort es wieder ein wenig. Ich versuche, etwas anderes zu tun. Was ist das? Was ist das? Eine Zigarette! Ich kann mir keine Zigarette nehmen. Es kribbelt im Kopf. Es fühlt sich an, als seien tausend kleine Klauen da drinnen zugange. Sie kratzen in einem fort an meiner Hirnrinde. Da ist etwas, aus dem ich raus muß. Ich habe das Gefühl, als befände ich mich in einem Traum, obwohl ich weiß, daß ich wach bin, aber trotzdem versuche ich zu erwachen. Ich kenne den Weg, mich aus diesem Traum herauszuarbeiten, und zwar indem ich mir eine anzünde. Eine rauchen! Nur jetzt nicht. Nur jetzt nicht.

So ging es den ganzen Tag. Jetzt bin ich erschöpft.

Der 2. Tag –
Die alte Christiania Gjestgiveri und ein Puzzlespiel

Als ich heute morgen aufwachte, war es wirklich wie ein Wunder. Mein erster Gedanke: Oh Gott, du hast es geschafft, einen ganzen Tag ohne eine einzige Zigarette. Das war fast wie nochmals geboren zu werden. Ich fühlte mich so sauber, so rein.

Ich erinnerte mich, daß nachts etwas Merkwürdiges passiert war. Halb vier wachte ich plötzlich auf, war hellwach und dachte an Cecilie Hauge. Cecilie Hauge ist eine der aufmerksamsten Nichtraucherinnen, die ich kenne. Sie paßt immer auf, daß wir nicht rauchen. Manchmal rauche ich trotzdem und tu so, als ob sie darauf ja gar nicht achte.

Wir spielen zusammen in unserem Orchester, wir sind dort fünf, die Frauenlieder einüben und spielen. Cecilie sagt, daß Rauchen und Musikmachen nicht zusammengehören. Sie spielt Saxophon. Das Saxophon kann keinen Tabaksrauch vertragen, sagt sie.

Das Gefühl eines Wunders hat mich den ganzen Tag über erfüllt. Ich sehe mich fast wie von außen. Beim Job tu ich, als wäre nichts. Keiner merkt es. Es ist schwieriger, wenn ich nach Hause komme. Die Zigarette nach dem Essen. Manchmal habe ich ja nur gegessen, um eine zu rauchen.

Als wir nachmittags Kaffee trinken wollten, setzte ich mich hin und starrte Magnhild ununterbrochen an. Magnhild wohnt im gleichen Haus wie ich. Darum trinken wir manchmal Kaffee zusammen und rauchen eine. Diese eine, derentwegen wir Mittag essen. Das Haus ist ein großes rotes Holzhaus in Grefsen, es gehört uns nicht, und wir wissen nicht, wann wir rausmüssen, denn als wir einzogen, standen einige Möbel hier rum. Ich bin es gewohnt, so zu leben, aber eine Sache ist auf jeden Fall unveränderlich, und das ist die Zigarette zum Nachmittagskaffee. Gerade sie könnte es sein, die ein Drittel oder die Hälfte der Bevölkerung dazu bringt, 10, 20, 30, 40 Zigaretten am Tag zu rauchen. Die Zigarette zum Nachmittagskaffee. Wer will freiwillig auf sie verzichten? Darum saß ich also zur Nachmittagszigarette bei Magnhild und starrte sie unentwegt an, folgte allen ihren Bewegungen. Wie sie sich eine vom Petterøe-Tabak drehte, sie zwischen die Lippen steckte. Streichholzschachtel in die linke Hand, Streichholz raus mit der rechten. Anreißen. Die Flamme vor der Selbstgedrehten. Die Lippen pressen sich ein wenig zusammen. Sie saugt, die Zigarette ist angezündet, glüht auf. Eine feine zierliche Rauchsäule steigt aus der Glut empor. Magnhild lehnt sich zurück, nimmt die Kaffeetasse, genießt das Leben. Das Rauchen stört mich nicht im Geringsten. Es fällt mir auch nicht schwer zuzuschauen, wenn Leute rauchen. Ganz im Gegenteil. Es ist viel besser, die Raucher anzustarren. Denn so werde ich daran erinnert, was ich hier die ganze Zeit treibe und was ich nicht tu. Und damit umgehe ich diese permanenten Schockerlebnisse, die meinen Kopf so furchtbar ermüden.

Ich springe vom Kaffeetisch auf, stürze in mein Zimmer und komme gleich darauf mit meinem Whiskylikör und zwei kleinen Gläsern zurück. Das ist jedenfalls nicht verboten!

Ich sitze da und erzähle, wie positiv ich das Rauchen finde. Ein so wunderbarer Geschmack, so gemütlich und kommunikativ. So entspannend. Ich starre auf Magnhilds Zigarette. Sie weiß nicht, daß ich nicht rauche.

Ich habe heute lange mit Kari und Camilla darüber geredet. Wir saßen in der Christiania Gjestgiveri. Ich kam als erste, saß allein da. Einige Situationen sind stärker mit Zigaretten verbunden als andere. An Restaurants kann man kaum denken, ohne sich eine anzustecken. Ich saß mit den Ellenbogen auf der Tischplatte da. Angestrengt, verwundert, mit offenen Augen. Fast alle im Restaurant rauchten. Ich betrachtete sie, fasziniert. Als Kari und Camilla kamen, rauchten sie auch. Wir redeten über den Feminismus. Was in Zukunft aus der Frauenbewegung werden würde. Ich habe häufiger mit Grauen daran gedacht. Und hatte Angst, daß ich dort dann nicht mehr rauchen dürfte. Die Öko-Bewegung drängt sich mit ihrer frischen Luft ja überall rein. Es war komisch, sich so zu unterhalten. Ich war gezwungen, diejenige anzusehen, mit der ich redete. Starrte ihr direkt ins Gesicht. Ich konzentrierte mich eher auf das, was wir beredeten, griff ins Gespräch ein statt zu einer Zigarette.

Kari sah mich von der anderen Seite des Tisches aus durch ihre runde Brille an. Ich traute mich nicht, es zu erzählen, das hätte albern gewirkt. Ich saß nur da und zerpflückte ein Zigarettenpapier-Päckchen im Aschenbecher in 200 kleine Fetzen. Und das mehrmals. Sie achteten nicht drauf. Listig brachte ich das Gespräch auf Drogen. Ich hätte es so gern erzählt. Zigaretten erwähnte ich nicht. Wird nicht eigentlich viel zuviel getrunken und so . . .? Kari sagte, das sei, als höre sie sich selbst reden. Aber sie hätte vor vielen Jahren aufgegeben. Sie hätte keine Lust mehr, als Puritanerin angesehen zu werden. Jetzt waren es 300 Krümel geworden.

Kari sah mich durch die Brille an:

»Rauchst du nicht?«

»Oh doch!« rief ich, und mehrere der um uns Sitzenden drehten sich um und sahen uns an.

»Doch, doch. Ich rauche nur gerade jetzt nicht.«

Glücklicherweise fing Camilla an, von der Zeit zu erzählen, als Sie in Goa war. Warum sah sie mich so an? Merkte sie, daß mir der Kopf sauste, wenn ich sie anschaute? Ich guckte sie an. Ich war mir ganz sicher: Sie wußte, daß ich lüge. Camilla sagte, daß politisch aktive Gruppen gedopt würden. Das Blättchen-Paket konnte sich langsam mit einem Riesenpuzzlespiel für die Familie messen, also wechselte ich über zu einem Rotweinkorken. Die Europäer hatten auf dem Strand von Goa an der Ostküste Indiens gelegen und nur Opium geraucht und gemeint, sie lebten in paradiesischen Zuständen, alles andere sei Wahnsinn. Nachdem Camilla nach Hause gekommen war, hatte sie zwei Monate lang keinen Alkohol getrunken. Dann war sie zu einer Feier gegangen. Studentenparty. Wie üblich hatte sie Tee getrunken. Mit der Zeit waren die Gäste so merkwürdig geworden und hatten eine Menge dummes Zeug geredet. Da war ihr klargeworden, daß sie betrunken waren.

Wir lachten. Ich formte aus den Rotweinkorkenstücken ein Frauenzeichen. Kari fragte mich, ob ich nervös sei. »Nein!« rief ich, und einige der Umsitzenden drehten sich wieder um und sahen uns an. Camilla erzählte, daß sie mehrmals aufgehört hatte zu rauchen, weil ihr Arzt ihr gesagt hatte, daß sie es nicht vertrüge. Aber sie hatte wieder angefangen. Kari meinte, sie sei nur Gesellschaftsraucherin und das seit zehn Jahren. Aber die Kuchen! Wir könnten nur nach Hause gehen und uns mit unserem Nikotin ins Bett legen. Kuchen! Sie erzählte, wie sie sich in einem unaufhörlichen Strom einen Kuchen nach dem anderen in den Mund schaufeln könne, und fuhr mit einer eingehenden Beschreibung von Sahnetorten und Schokoladenkuchen, ihrem Aussehen, ihrer Form, Füllung und dem Geschmack bei den verschiedenen Konditoreien in der Stadt fort. Die Zigarette qualmte in ihrer Hand. Sie hatte fast keinen Zug aus ihr genommen, die Asche war lang und fest. Sie sah sie an und seufzte. Das Frauenzeichen aus Korken wurde breiter und breiter.

Aber als Camilla und ich zusammen mit der Straßenbahn nach Hause fuhren, erzählte ich es ihr doch.

»Du solltest aufschreiben, warum du aufhörst, sonst vergißt du es«, sagte Camilla.

Der 3. Tag –
Ehe ich es vergesse

Am liebsten würde ich mir einfach eine anstecken und aufgeben. Heute morgen entdeckte ich, daß ich noch eine halbe Stange Cecil von der Dänemarkfähre im Schrank habe. Ich fahre oft mit der Dänemarkfähre, denn Em wohnt dort. Em ist mein Verhältnis, oder war es. Es ist schon komisch, 35 Jahre alt zu sein und sein Verhältnis in Dänemark zu haben, aber manchmal ist es eben so. Jedenfalls bedeutet das, daß ich ziemlich oft die Fähre nach Dänemark nehme – und da liegen eben die Cecil im Schrank, und auch noch mehrere Packungen Tabak. Warum nehme ich nicht ’ne Zigarette und gebe auf, wenn es doch das ist, was ich am liebsten möchte? Nein, ich will nicht zugeben, daß es etwas gibt, von dem ich so abhängig bin. Daß ich von etwas vollkommen beherrscht werde, das ich nicht selbst entschieden habe. Ein Produkt, das ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Eine Kraft außerhalb meiner selbst, die zu einem bestimmten Zeitpunkt mein Leben erobert hat.

Es kotzt mich an, meine Qualen zu studieren. Gestern dachte ich noch, daß mein Zustand interessant sei. Es interessierte mich, mich selbst zu beobachten, meine eigene Abhängigkeit. Jetzt ist es anders.

Ein Vorhang hat sich in meinem Kopf herabgelassen. Ich bin fast immer müde, obwohl ich in den letzten Nächten neun Stunden geschlafen habe. Der Vorhang entsteht durch die Schockerlebnisse. Das Wissen um das Verbot grummelt in mir. Der Schock. Es ist besser, wenn ich mich zwinge, mir darüber klar zu werden, was ich glaube, machen zu müssen, aber nicht darf. Ganz bewußt jede Sekunde an Zigaretten denken, kristallklar: Zigaretten. Dann bekomme ich keinen Schock. Oh! Ich darf ja nicht rauchen! So bekomme ich ihn nicht. Stattdessen kann ich an nichts anderes denken. Ich kann zwischen diesen beiden Methoden abwechseln. Die Methode der kristallklaren Gedanken und die Grummel, Grummel, Schock-Methode. Das ist furchtbar ermüdend. Wie eine Art Finsternis im Kopf. Nein, nicht direkt Finsternis. Ein Nebel, wie der Nebel im Oslo-Kessel, und mein Kopf ist der Kessel. Wann wird er sich auflösen? Ich weiß ja, daß er aufreißen wird, wenn ich mir eine anstecke. Wenn ich nur dürfte . . .

Ich erzähle es fast niemandem. Ich glaube, nur Greta und Emilie wissen es. Selbst Magnhild weiß es nicht, obwohl wir im selben Haus wohnen. Ja, und Camilla weiß davon. Ich mag nichts sagen. Die Nachricht, daß Leute aufhörten zu rauchen, habe ich immer mit ziemlicher Säuernis aufgenommen, ihnen nie gratuliert. Die tun immer so, als würden sie gleich vor Stolz platzen, und ich fand immer, daß es sterbenslangweilig war, ihnen zuzuhören. Deshalb will ich jetzt nicht rumgehen und davon labern, daß ich aufgehört habe. Ganz im Gegenteil will ich die positiven Seiten der Zigaretten hervorheben.

Warum hab ich das gemacht? Warum hab ich angefangen, aufzuhören, wenn Zigaretten doch ausschließlich positive Seiten haben? Warum, warum.

Oh, doch. Mir ging es schlecht. Von Weihnachten bis jetzt war es am schlimmsten. Ich vermißte Em. Wir waren fünf Jahre lang zusammengewesen und hatten uns jetzt entschlossen, es vielleicht doch lieber nicht fortzusetzen. Das haben wir schon öfters gemacht. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, auch wenn es einem im Nachhinein nicht so erscheint. Zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens bedeuten fünf Jahre genau, daß ich vor dieser Zeitspanne jung war, und jetzt, wo sie vorbei ist, was bin ich da? Die Beziehung zu Em lief nicht die ganze Zeit so, daß wir jeweils im eigenen Land lebten. Die meiste Zeit lebten wir zusammen, und in solchen Perioden, in denen du tagein, tagaus Seite an Seite lebst, jeden Tag arbeitest und ab und zu mal liebst, kann die Zeit unglaublich schnell vergehen. Gerade in solchen Perioden wachst ihr zusammen und könnt euch nicht vorstellen, daß es noch eine andere Welt geben könnte als diese, in der ihr tagein, tagaus Seite an Seite lebt, jeden Tag arbeitet und ab und zu liebt. Im Laufe der Zeit haben wir häufiger getrennt voneinander gelebt, konnten uns aber nicht daran gewöhnen. Wir sehen einander so oft wie möglich, aber auch damit wollen wir vielleicht aufhören. Da ist nicht mehr viel übrig, nach fünf Jahren.

Em war das Wochenende vor dem 8. März mit der kleinen Nichte Charlotte und der alten Freundin Alice B. Thorsen hier oben und hat sich in jemand anders verliebt. Das fand ich eine Schweinerei. Ich saß da, rauchte und trank und dachte an diejenige, in die Em sich verliebt hatte und fand es eine Sauerei. Das war das Wochenende, an dem wir abmachten, daß es wohl nicht mehr geht.

Das ist so was mit der Liebe. Was Verrücktes. Ich glaube, ich habe mich durch die Liebe geraucht und getrunken. Wenn sie kam und ging, immer ein Grund, Gift zu nehmen. Ich glaube fast, unsere ganze Kultur besteht daraus, daß wir uns durch die Liebe rauchen und trinken. Bedeutet mir Liebe so unnatürlich viel, weil ich eine Frau bin? Ich will es nicht akzeptieren, daß irgendetwas damit begründet wird, daß ich eine Frau bin. Aber so ist es nun mal. Die Liebe hat irgendwas. Etwas, um hin und her zu reisen, sich danach zu verhalten, sein ganzes Leben danach zu richten. Wir ziehen nicht dorthin, wo wir einen Job bekommen, wir ziehen dorthin, wo wir Liebe bekommen. Dorthin jedenfalls, wo wir es hoffen. Und es muß immer geraucht und getrunken werden, wenn geliebt wird, und wenn Schluß mit der Liebe ist, tun wir ja auch nicht gerade viel anderes, als zu rauchen und zu trinken. Denn es sind Frauen, mit denen es gemacht wird. Ein kleiner Drink, ein verliebter Zug. Ich liebe dich. Ein richtiger Streit, 40 Zigaretten am Tag. Ich liebe jemand anders. Glück, das kommt, Glück, das geht, eine Zigarette, ein Drink immer besteht!

Nein, das ist nicht lustig. Ich fand auch nicht, daß es lustig war, mir ging es schlecht, und am 7. März erreichte ich den Tiefpunkt. Mit Em und allem. Den einen oder anderen Tiefpunkt. Das passiert einfach. Ein Moment in einer Beziehung, in dem du genau weißt, jetzt ist der Tiefpunkt erreicht. Du hast den gleichen Tiefpunkt schon häufiger vorher erreicht. Aber du hast deine Grenzen, die schon zu oft überschritten worden sind. Jetzt mußt du dich zusammenreißen. Jetzt muß Schluß damit sein. Schluß. Schluß. Doch du hältst nicht mal den Gedanken aus. Also geht es trotzdem weiter.

Heute haben wir miteinander telefoniert, und ich sagte, daß ich am Wochenende doch nicht nach Kopenhagen käme. Ich hatte an der Fähre gesagt, daß ich käme, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß wir uns so lange nicht sehen sollten. Ich kann unsere Abschiede nie aushalten. Aus mir wird ein Stück herausgerissen. Hinterher füge ich mich mühsam wieder zusammen. Erst nach einigen Tagen schaffe ich es, vernünftige Dinge zu tun. Em hatte vergessen, daß ich gesagt hatte, ich wolle kommen.

Ich möchte nicht erzählen, daß ich nicht mehr rauche. Em macht meine Dinge zu den eigenen. Erzählt mir, was ich erlebe. Dann vergesse ich, was ich eigentlich erlebt habe, denn was Em sagt, ist nicht ganz falsch, es ist fast ganz richtig. Ja, manchmal sogar richtiger und klarer als das, was ich mir selbst hätte denken können. Aber es wird trotzdem falsch. Denn dann denke ich ja sozusagen meine eigenen Angelegenheiten in der Art, wie Em über sie denkt. Und seit ich zu diesem Ergebnis gekommen bin, ist mir fast unangenehm klar, was ich erlebe. Es ist, als seien die Erlebnisse physisch nah, wie die Sinne, unbestreitbar da, sie können nicht verschwinden und niemand kann kommen und darauf bestehen, daß sie nicht da seien. Ich sehe mich nicht von außen durch die Betrachtungen eines anderen Menschen über mich. Ich bin in mir drin, da sitze ich und blicke in die Welt.

Als wir miteinander telefonierten, hatte ich Angst, daß Em mein Erlebnis »davon« auch wieder für mich interpretieren würde.

Das durfte nicht geschehen. Ich wußte, wenn das passierte, konnte ich genausogut wieder anfangen zu rauchen. Nicht zu rauchen, gibt mir ein neues Gefühl, ich zu sein. Wenn ich zu Em sage »Ich rauche nicht mehr«, verliere ich es vielleicht wieder. Ich hatte Angst, stand mit dem Hörer in der Hand da, hatte Angst und wollte nicht sagen »Ich rauche nicht mehr«, aber Em schafft es immer, alles aus mir rauszukriegen, ich kann nichts verheimlichen, ich kann sowieso schlecht etwas verbergen, und das ist häufig ein echtes Handicap; wenn mir die Dinge nicht im Gesicht geschrieben stehen oder mit der Stimme hervorpurzeln, können die Leute es dennoch wie Saft aus mir herauspressen, und deshalb schaffte ich es nicht, ich sagte ziemlich schroff »Ich rauche nicht mehr«, ganz sachlich und emotionslos, »Ich habe seit Mittwoch nicht mehr geraucht«, war kurzangebunden und sagte tschüs.

Es ist etwas mit unserer Beziehung passiert. Nein, nicht direkt mit unserer Beziehung, sondern mit meiner Beziehung zu unserer Beziehung. Ich kann sie beiseite schieben. Ich kann Ems Gedanken aus meinen Gedanken entfernen. Zum ersten Mal schaffe ich das. Sonst waren sie immer dagewesen, mal schwächer, mal stärker, aber solange es die Beziehung gab, waren sie immer da. Seit Mittwoch habe ich nicht daran gedacht. Seit Mittwoch habe ich nicht daran gedacht, was Em wohl denkt. Seit Mittwoch habe ich an nichts anderes gedacht als an jede einzelne der ca. 120 Zigaretten, die ich seit Dienstag nicht geraucht habe.

Ich faulenze und lese Simone de Beauvoirs Autobiografie. Und endlich – S. 269 (Penguin Ausgabe) – kriegt sie ihren ersten Alkohol. Gleich um die Ecke gibt’s dort genug Liebe.

Die Uhr ist 10 nach 5, und ich muß die Straßenbahn kriegen. Ein Treffen mit einer Osterseminargruppe findet statt. Über Ostern wollen wir die Strategie der Frauenbewegung diskutieren.

Rauchen, rauchen, rauchen. Die Abende sind am schlimmsten. Wenn ich nach Hause komme. Dann bräuchte ich ja nur eine zu nehmen, den Rauch einzuziehen. Ich habe den ganzen Schrank voll. Direkt da hinten. Die Streichhölzer liegen genau vor meiner Nase. Ich muß es nur tun. Ganz einfach. Warum mache ich es nicht? Wieso in aller Welt komme ich dazu, mich auf sowas einzulassen? Ich, die nie daran gedacht hat aufzuhören. Ich, die ich mich unverdrossen bis zum letzten hartnäckigen rauchgeschwängerten Atemzug durch’s Leben rauchen wollte. Wie konnte ich nur auf sowas kommen?

Aber eigentlich war gar nicht ich es, die die Idee hatte. Es war an diesem schlimmen Wochenende, das ich am liebsten vergessen möchte, an dem es mit Em aus war und wir trotzdem nicht schafften, Schluß zu machen. Sonntag, der 6. März. Es war ein so strahlender Sonnentag, wie es ihn nur gibt, wenn du wirklich unglücklich bist. März, Neuschnee und weiche Loipen, in denen du nicht läufst. Em und Alice B. Thorsen nahmen die kleine Charlotte mit zum Linderudkollen, und ich konnte nur zu Hause sitzen und traurig sein. Ich saß zu Hause hinter den Scheiben und haßte die, mit der Em jetzt zusammen sein wollte, und ich haßte auch Em – und mich selbst, und das war fast am schlimmsten. Sogar Alice B. Thorsen, die immer nett und freundlich zu mir ist, haßte ich ein wenig, weil sie mit zum Linderudkollen war, während ich hier saß und sie alle und mich haßte.

Ich kann mir definitiv keinen typischeren Fall einer friedlichen Situation ohne jeden Gedanken an eine Gefahr denken, als diesen. Unfrieden und Gefahr herrschten derartig in mir vor, daß es unmöglich war, sich vorzustellen, daß irgendeine andere Gefahr oder unfriedliche Aktion in Gang sein könnten. Ich habe Lebenskünstler sagen hören: Ein Unglück kommt selten allein. Ich selbst bin ein Lebenstollpatsch und konnte nie mehr als ein Unglück zur Zeit ertragen. Deshalb weiß ich nicht, ob ich an diese Art Kettenreaktion glauben soll, aber das könnte der Grund gewesen sein, es jetzt zu tun, denn Greta kam zu mir in die Küche und fragte:

»Sollen wir aufhören zu rauchen, Gertrude?«

»Ja«.

Das war ich, die letzteres sagte. »Ja«, sagte ich. Und ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich sage »Ja« nicht bloß so auf blauen Dunst, wenn ich nein meine. Den großen und entscheidenden Fragen des Lebens gegenüber versuche ich immer so ehrlich wie möglich zu sein und sage »Vielleicht«.

Das hätte ich jetzt auch tun können. Ich hätte »Vielleicht« sagen können und unergründlich in die Märzsonne spähen. Aber ich tat es nicht. »Ja«, sagte ich.

Es war furchtbar. Und da saß Emilie und war Zeugin. Sie sagte sogar, daß sie daran gedacht hätte mitzumachen.

Wir lachten und steckten uns eine Zigarette an. Es war mir sofort klar. Sollte ich jemals aufhören zu rauchen, dann war das jetzt die Chance: Aufhören gemeinsam mit Emilie Didriksen und mit der Kettenraucherin Greta Granmo, mit denen ich zusammenwohne. Und genau das war es, was es so furchtbar machte.

Ich zog mich augenblicklich in mich zurück. Jetzt war guter Rat teuer. Ich fand, wir sollten das erstmal durchdiskutieren. Wir konnten uns nicht so einfach drauf stürzen. Zunächst einmal müßte ich motiviert sein, aufzuhören, und das war ich nun wirklich nicht. Am Rauchen fände ich schrecklich viel Positives, sagte ich. Ich mochte es gern. Ich hatte auch keine Beschwerden. Vielleicht, fand ich, sei es am besten, zu warten, bis ich einige Beschwerden bekäme? Ein bißchen Lungenkrebs oder so.

Greta sagte, sie sei motiviert, denn sie hätte durch das Rauchen reichlich Beschwerden, und auf jeden Fall schmeckten die ersten zehn Zigaretten morgens scheußlich.

Da kamen Em und Alice B. Thorsen mit Charlotte von ihrer Skitour zurück, und auch sie wurden Zeuginnen. Ich wurde stiller und stiller. Wir rauchten und sagten nichts.

Aber es war da. Es stand irgendwo zwischen uns in der Luft. Wir wußten, daß wir davon nicht so schnell loskämen. Greta nahm den Faden wieder auf. Na gut – sollten wir es nicht lieber gleich sein lassen? Nein, das ging nun doch zu schnell. Darüber waren wir uns jedenfalls einig. Also pafften wir los wie zuvor. Was ist mit morgen? Wir wiesen es im gleichen Augenblick, als es gesagt wurde, von uns. So schnell mußte es ja auch nicht sein. Und was ist mit dem 8. März? Das wäre doch eine passende Würdigung des Frauentages! Oh ja, am 8. März.

Binnen fünf Sekunden waren wir uns über den 8. März einig. Emilie und ich machten gleichzeitig den Mund auf. 8. März! Das ging ja nun gar nicht. Da sollten wir auf dem Fest singen und spielen und Emilie sollte vor Hunderten von Menschen ein Gedicht über Solidarität und Liebe zwischen Frauen vorlesen. Nein, das ging nicht.

Aber wenn wir aufhören wollten, mußten wir irgendeinen Termin festlegen. Wir konnten ja nicht einfach sagen »Ja, wir hören auf«, und dann den Tag, wann wir aufhören, terminlos vorbeischweben lassen. Oder konnten wir genau das?

»Am 9. März«, kam es schließlich betrübt. O.k. 9. März. Es gab keinen einzigen vernünftigen Grund gegen den 9. März. Danach sprachen wir kein einziges Wort mehr darüber, erwähnten es den Rest des Tages gar nicht. Auch am Montag sagten wir nichts darüber, redeten am 8. März nicht davon. Ich fragte mich, ob die anderen sich daran erinnerten. Ob es auch wirklich eine Abmachung war? Ob ich einfach so tun konnte, als hätte ich sie ganz vergessen? Es gar nicht so gemeint hätte? Meinte ich es denn? Ich sagte nichts.

Mittwoch, der 9. März kam. Kein Zug. Rauchlose Pausen. Ich ging nach Hause. Ich hörte, daß sie in Gretas Zimmer waren und hatte Angst, hineinzugehen. Plötzlich hatte ich Angst, damit allein dazustehen. Ich dachte, daß sie es vergessen hätten. Ich klopfte an. »Ja?« Jetzt sitzen die da drinnen und qualmen. Todsicher. Ich machte vorsichtig die Tür auf. Da drinnen saßen sie, sahen mich vom Sofa aus an und lächelten.

»Habt ihr heute geraucht?«

»Nee. Und du?«

»Nee.«

Wir starrten uns gegenseitig an.

»Ist das nicht fürchterlich?«

»Ja, absolut schrecklich.«

Dann stellten wir furchtbar albern fest, wie total grauenvoll es sei. Wir guckten uns an und lachten in einem fort. Ha, ha ha, Ha, ha, haa!!! Die Tränen liefen uns übers Gesicht.

Warum sollte ich mitmachen? Wieso hatte ich Lust dazu? Was war eigentlich der Sinn des Ganzen?

Im Grunde genommen finde ich es reichlich sinnlos. Ich glaube sowieso, daß ich wieder anfangen werde zu rauchen.

Aber die Sache war die, daß es mir schlecht ging. Es ging mir schon eine ganze Weile schlecht. Nicht nur an dem Sonntag, dem 6. März, als die Sonne so schmerzlich schien. Schon lange vorher. Es ist nicht so leicht zu sagen, was es war. Denn es war nicht so, daß ich es einfach erklären könnte und alle würden es verstehen. Sollte wohl an eine Kummerkastentante darüber schreiben. Was soll ich tun? Mein Verhältnis liebt mich nicht mehr. Ich bin nicht mal sicher, daß es so war, obwohl ich glaubte, daß Em mich nicht mehr liebte. Da war was in meinem Kopf. Eine Dunkelheit, die sich auf großen Rädern bewegte. Nach Weihnachten fuhr ich mit der Dänemarkfähre nach Hause. Das Schiff schaukelte so gleichmäßig, daß es herrlich war, dabei zu schlafen. Manchmal kam es aber vor, daß es im ganzen Schiffsrumpf zitterte. Es knackte im Metall, und das schwere schwarze Wasser ertränkte das Bullauge. Davon wachte ich nachts mit Schrecken auf, und die Dunkelheit in meinem Kopf war auch in der Kajüte, und die Finsternis der Kajüte war auf dem ganzen Schiff, und draußen gab es nur schwere, formlose, dunkle See. Ich wußte: Jetzt kommt es. Jetzt kommt die Katastrophe. Und ich war allein. Ich rief nach Em, das ganze Schiff zitterte, ich griff nach irgendetwas, um mich festzuhalten, fand nichts – und das Wasser donnerte mir entgegen. Ich saß vollkommen still, kerzengerade. »Wo sind wir?« fragte ich. Aber ich bekam keine Antwort.

Schließlich begriff ich, daß ich mich allein in einer 4-Bett-Kabine auf dem Weg von Kopenhagen nach Oslo befand. Ich knipste das Licht an. Ich hatte die Orientierung verloren. Ich wußte nicht, wo ich auf dem Schiff war oder wohin es fuhr, obwohl ich die Fahrt so oft gemacht hatte. Die Dunkelheit war immer noch in meinem Kopf.

Seitdem dachte ich, daß ich etwas tun müsse, und zwar etwas Drastisches. Ich fühlte etwas so Einfaches und Direktes wie den aktiven Drang, mein Leben zu verändern. Vielleicht ist das so ein Geisteszustand, der Menschen gläubig werden läßt. Ich war reif für die Errettung. Es mußte nur die richtige sein.

Und dann war es da: Wahrhaftig, zufällig. »Gertrude, wollen wir nicht aufhören zu rauchen?« Das war es! Das war krank genug. Auf genau so etwas vollkommen Blödsinniges hatte ich gewartet!

»Wollen wir aufhören zu rauchen?«

»Ja.«

Eine reichlich blödsinnige Reaktion. Es ist ja normal, an schweren, schlechten Tagen mehr zu rauchen und zu trinken. Ich reagierte so merkwürdig, weil ich das Bedürfnis hatte, daß etwas wirklich Merkwürdiges geschehen sollte. Ein Wunder in meinem Leben. Und was könnte einem Wunder in meinem Leben näher kommen – im rauchgeschwängerten Leben einer Kettenraucherin – als aufzuhören zu rauchen?

Besonders, wenn die Gründe dafür genauso im Nebel liegen wie das Rauchen selbst.

Nein, ich bin noch nicht ganz fertig damit, herauszufinden, warum ich mich auf dieses Rauchen-aufhören gestürzt habe. Der erste Grund ist klar, wenn auch unnormal: Mir ging es schlecht. Der zweite Grund, warum ich aufhöre, ist, daß ich angefangen habe aufzuhören. Gerade das ist wert, es sich zu merken. Gerade Grund Nr. 2 muß es gewesen sein, an den Camilla gedacht hatte, als sie sagte, ich solle meine Gründe aufschreiben, weil ich sie sonst vergäße.

Das heißt: Erst wenn ich anfange aufzuhören, sehe ich einen Sinn im Aufhören. Denn erst wenn ich anfange aufzuhören, sehe ich, wie abhängig ich davon bin, nicht aufzuhören.

Und ich will doch nicht abhängig sein. Ich will frei sein. Frei! Ich darf den zweiten Grund nicht vergessen.

Der dritte Grund ist am peinlichsten. Aber ich komme nicht daran vorbei. Also kann ich ihn genausogut gleich zugeben. Der dritte Grund: Die Warnungen vor dem Tabak.

Diese humorlosen Warnungen. Das Gehetze gegen das Rauchen, das bald unsere gesamte Gesellschaft durchsetzt. Gesundheitsministerium und Ökobewegung drängen sich überall hinein. Das Gehetze gegen das Rauchen wird immer schlimmer – jetzt auch schon in deinen eigenen Kreisen; von Kolleginnen. Von Feministinnen! Letzteres hat mich am meisten betrübt.

Eigentlich darf man überall rauchen. In den letzten Jahren gab es eine Reihe Schreibereien und Gerede darüber, daß das schlecht sei. In früheren Jahren war davon nie die Rede gewesen. Da war Rauchen genauso natürlich wie eine Südwestbrise an einem Sommertag. Jahrzehntelang, Jahrhundertelang wurde der Tabaksrauch in Ruhe gelassen. Seit John Smith ihn zu Beginn des 16. Jahrhunderts in seiner Pfeife von Virginia heim nach England brachte, hatte er das Recht dazu. Der Tabak kam als eine Segnung aus den von uns entdeckten überseeischen Gebieten zu uns, genau wie die Kartoffel 100 Jahre später. John Smith lernte die Kunst von den Indianern, die ihn gefangen nahmen, so wie ein Europäer in Süd-Amerika die Kartoffel durch die Schweine kennenlernte. Die wühlten mit ihrem Rüssel in der Erde, und zum Vorschein kam eine Kartoffel. Und zur Freude der Europäer, die bis dahin mit Steckrüben und ohne Tabak zurechtkommen mußten, fuhren beide, Kartoffel und Tabak, über den Atlantik. Und so wurden Tabak und Kartoffeln von den Menschen bis in unsere Tage genutzt.

Kein böses Wort haben wir gehört, ganz im Gegenteil: Lobpreisungen wurden auf den Tabak geschrieben, über seinen Duft, und sachliche Essays über seinen Nutzen. Und in Norwegen lasen die Herren das Buch »Die Kunst, eine Pfeife zu rauchen«.

Aber jetzt ist das alles vorbei. In Finnland wurde letzte Woche ein neues Gesetz verabschiedet. Es soll nicht mehr gestattet sein, in öffentlichen Gebäuden zu rauchen. Und Norwegen ist nicht weit davon entfernt. Bald kann man nicht einmal mehr eine Streichholzschachtel zücken, ohne daß ein paar nörgelnde Worte darüber ertönen, wie schädlich Tabak doch sei. Diese schönen Streichholzschachteln, auf denen früher Rebus-Rätsel waren. Der Staat gibt sogar finanziellen Zuschuß, um diese Freude zu ersticken. Diese Hetzer fahren fort, ohne sich über die Gewalt klar zu sein, die sie gegen die Raucher ausüben. Rauchen – das ist ja eine Art Atmen. Atmen mit Genuß. Und plötzlich soll das also an einigen Orten verboten sein. Was würden denn all die eifrigen Nichtraucher sagen, wenn morgen ein Erlaß des Königs käme, daß bestimmte Bereiche atemfrei bleiben sollten? Überall – im Zug, im Wartezimmer, auf Veranstaltungen – würden sie riskieren, daß herrische Stimmen sich erheben: Atemverbot! Dann können sie dastehen und die Luft anhalten. Was würden sie dazu sagen? Nirgends mehr kann man mit seinem unschuldigen kleinen Zigarettenpäckchen sitzen, ohne daß giftige Blicke darauf geworfen werden. Die Stimmen erheben sich dagegen. Laute Stimmen. Herrische Stimmen. Stimmen, die wissen, worüber sie reden. Die Stimmen sagen: Es sollten nicht die Nichtraucher sein, die Zuflucht in rauchfreien Lokalen suchen, stattdessen sollten sich die Raucher in ihrem Raucherloch verstecken!

Das Frauenhaus in Oslo, wo ich oft bin, es ist wichtig und gut, daß es so einen Ort für Frauen gibt – also, das Frauenhaus in Oslo ist in keiner Weise von dieser Welle ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil habe ich manchmal das Gefühl, daß genau hier diese Welle entstand. Hier gibt es Rauchverbote und den Kampf gegen die sogenannten Rauch-Imperialistinnen in rauhen Mengen. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen. Es wird dir nicht gestattet, friedlich in deiner Qualmwolke zu sitzen.

Eines Tages protestierte ich auf einem Treffen der Sonnenscheingruppe dagegen. Die Sonnenscheingruppe soll eine einfache feministische Oper machen, aber das ist bis jetzt noch nicht so recht in Gang gekommen. Wäre Cecilie Hauge dabei gewesen, hätte sie zweifellos gesagt, daß Rauchen und Oper nicht zusammenpassen. Jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob sie damit Recht hat, aber sie ist nicht dabei, sondern Tore Maribråten. Also, eines schönen Tages bei einem Treffen dieser Sonnenscheingruppe wurde mein gemütliches Zigarettendrehen wie üblich vom »Rauchverbot« gestoppt, laut und deutlich von Tore Maribråten ausgesprochen. Tore Maribråten hat sehr große braune Augen und singt Sopran. Mit anderen Worten – ich war verzweifelt. Ich war ausgepumpt, hatte den ganzen Tag gearbeitet, mich keinen Augenblick lang ausgeruht und wirklich einen dieser aufzehrenden Einsätze für die Gesellschaft geleistet, von denen das Leben einer Frau so voll ist, deshalb fühlte ich augenblicklich und unumgänglich den Drang, mich zu setzen und 15 Zigaretten nacheinander zu rauchen. Wußten sie eigentlich, was sie von mir verlangten? Ich bekam richtig Lust, das mit ihnen zu diskutieren. Und die Diskussion sollte so aussehen, daß ich Tore Maribråten und all den anderen Nichtraucherinnen in der Gruppe klarmachte, was sie mir antaten, wenn sie mir an einem Tag wie diesem das Rauchen verweigerten.

Aber dadurch wurde es für die, die dasaßen und vom Rauch gestört wurden, ja auch nicht angenehmer, sagte Tore. Nein. Wirklich nicht? Aha. War’s das? Ja, das war’s wohl.

Es schien, als kapierte ich etwas. Etwas ganz Einfaches. Nichts gibt ein derartiges Gefühl deutlicher Erkenntnis, als wenn man etwas ganz, ganz Einfaches versteht. Und das tat ich damals. Ich hatte sicher 1000 Mal davon gehört. Aber es war mir nie ins Bewußtsein gedrungen. Es gibt eine Art Raucher-Idiotentum. Das ist eine Krankheit, die unter Rauchern weitverbreitet ist. Nicht Lungenkrebs, nicht Herzinfarkt, nicht Arterienverkalkung, sondern Blindheit. Eine glückselige Blindheit gegenüber der Abneigung anderer gegen Rauch. Raucher-Idiotie.

Würden wir nicht an dieser Krankheit leiden, glaube ich nicht, daß wir je rauchen könnten. Man muß daran leiden, um keine Skrupel zu haben, unschuldigen Mitmenschen die Luft mit Dreck vollzupaffen. Und genau an diesem Herbsttag bei dem Sonnenscheintreffen verstand ich davon einen winzigen Bruchteil. Ich empfand große Sympathie für Tore Maribråten. Nicht, daß ich sie vorher nicht gehabt hatte. Wer hat die nicht? Aber weil sie es über sich gebracht hatte, mir so etwas Vernünftiges und Einfaches zu sagen. Daß sie es schaffte, das zu sagen, anstatt nur: Igitt! zu sagen. Wir brauchen diese Diskussion nicht! Wir hatten sie tausend Mal vorher, auch wenn es vielleicht mit anderen war. Ich hatte nie genau das gesagt, was ich meinte. Ich hatte das getan, was ich meinte, nämlich geraucht. Aber ich hatte nicht gesagt: »Ihr tut mir Gewalt an. Wißt ihr das? Wißt ihr, daß Rauchverbot ein Angriff ist?« – Das hatte ich nie gesagt. Und das mußte gesagt werden, um widersprochen zu werden.

Was ich also brauchte, war eine Gruppe, in der Raucherinnen und Nichtraucherinnen übers Rauchen redeten. Aber das Hoffnungslose daran ist ja, daß ich mir nie im Traum einfallen lassen würde, mich bei einer Gruppe mit so einem Thema anzumelden.

Ob ich wollte oder nicht, etwas drängte sich meinem Bewußtsein auf. Rauchverbot ist ein Unding. Es hat etwas grenzenlos Irritierendes an sich. Warum ist das so? Auf Essenspausen und Eßzimmer reagiere ich ja auch nicht so. Stattdessen finde ich jeden Tag pünktlich um halb zwölf zufrieden mein Brotpaket, zwei Scheiben mit Gouda. Ich nehme sie immer zum gleichen Tisch hin mit, tagaus, tagein.

Warum reagiere ich darauf nicht? Warum protestiere ich nicht dagegen, daß mir Zeit und Ort zugewiesen werden, wann und wo ich essen soll? Wo ist der Unterschied?

Ein Teil des Witzes beim Rauchen liegt darin, daß ich sitzen kann – in der sozialen Situation, in der ich bin – und rauchen, während ich gleichzeitig so tu, als rauchte ich eigentlich gar nicht. Ich tu, als beschäftigte ich mich mit ganz was anderem. Das Rauchen ist etwas Zufälliges, das ich völlig selbstverständlich betreibe, während ich klöne, diskutiere, esse, denke, mit Leuten, die ich kenne, zusammensitze – Rauchen ist ja nun mal so gemütlich und weist dich als frei und unabhängig aus. Durch das Rauchverbot verschwindet ein Teil dessen, was das Rauchen ausmacht. In dem Augenblick, wenn ich mit 25 anderen freien und zufällig rauchenden Individuen in einen anderen Raum gestaucht werde, wird mir klar, wie widersprüchlich das ganze Rauchen in sich ist.

Denn es ist ja nicht zufällig, und das Rauchen ist nicht etwas, wozu ich mich frei entscheide. Ich konnte es nie ab, an einen Ort zu gehen, um zu rauchen. Ziel und Sinn der Rauch-Aktivität ist die Freiheit.

Sonst müßte ich wohl anfangen, im Einzelzimmer zu rauchen, und zwar nur dort.

Daß einige Leute von gesunder Kost und vegetarischem Essen reden und wie zerstörerisch Rauch für den Körper ist und daß Tabak die Erde in den Entwicklungsländern auslaugt, bringt mich nun nicht gerade dazu, aufzuhören. Eher werde ich diesen Öko-Enthusiasten gegenüber immer aggressiver.

Gesundheitsapostel nannten wir sie früher, mit einem Kichern dabei. Jetzt gibt es dieses Öko-Volk und die Ökofeministinnen überall, und niemand kichert mehr über sie.

Wir sollen nicht rauchen, wir sollen kein Fleisch essen, wir sollen kein Auto besitzen, keinen Hund (die essen Proteine, die die Inder hätten bekommen sollen), wir sollen ABBA nicht anhören (kommerzieller Schwindel mit Sex), wir sollen keinen Job im Gesellschaftsystem annehmen, und wir sollen mit der Gesellschaft, auf welche Weise auch immer, keinen Kompromiß eingehen. Wir sollen unsere eigenen Dinge und unsere eigene Kultur machen.

Ja, das ist gut und schön. Feministisch und sozialistisch. Aber was ist zu tun, wenn wir das nicht schaffen? Wir haben verschiedene Erfahrungen, kommen aus unterschiedlichem Milieu, haben verschiedene Formen von Scheiße erlebt. Ich habe mir oft gedacht: Was wissen die jungen Frauen davon, wie es ist, 35 zu sein? Was wissen sie von der Einsamkeit in den 50er Jahren? Für sie hat es immer eine Frauenbewegung gegeben.

Wir haben unsere Gründe. Unser ganzes Leben ist unsere Begründung. Ich habe meine Gründe, meine heimlichen Gründe, warum ich rauche, die ich niemandem mitteile.

Und eins ist klar: Wir können uns nicht unter allen Umständen raushalten. Wir fassen in die Scheiße, wo wir gehen und stehen. Selbst den Protest vereinnahmt das System für sich. Schluck, schluck. Hoffnungslos.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
190 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711456125
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar