Kitabı oku: «Licht und Schatten – der Alltag eines Krankenhausarztes», sayfa 7

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Sie hatte mich mit ihrem Anruf nach dem langen Zeitraum seit ihrer damaligen Verlegung in die Uniklinik vollkommen überrascht. Selten habe ich mich mehr über ein Zeichen der Dankbarkeit gefreut, das sie mir auf ihre ruhige und stille Weise für die damalige Behandlung und Begleitung vermittelt hat.

Dankbarkeit als Erinnerung des Herzens.

9 Der Neubeginn

Im letzten Jahr der Tätigkeit an meiner alten Wirkungsstätte hatte ich, zunächst zusammen mit einer Kollegin, die Magenspiegelung (Gastroskopie) eingeführt, und dies in Konkurrenz mit dem alten Chefarzt, der unbeirrt an der Röntgenuntersuchung des Magens mit Kontrastmittel festhielt. Bald wurde aber deutlich, welche ungeheuren Chancen in dieser neuen Untersuchungsmethode lagen, ließen sich doch im Gegensatz zur Röntgenuntersuchung kleinste Magengeschwüre und -tumoren im Anfangsstadium erkennen und durch Entnahme von Gewebeproben beweisen. Seitdem nahm die Endoskopie, das Hineinschauen in innere Hohlräume, eine rasante Entwicklung.

Anschließend absolvierte ich gemäß der Ausbildungsordnung zum Internisten ein Jahr in einer großen Röntgenklinik in der Nachbarstadt, zunächst mit eingeschränkter Motivation, ich wollte schließlich kein Radiologe werden. In späteren Jahren sollten mir die dort erworbenen Kenntnisse aber noch sehr nützlich sein. Vor allen Dingen verfügte diese Klinik neben einem Computertomografen auch über ein gutes Ultraschallgerät. So konnte ich bei Patienten mit einem krankhaften Befund in der Computertomografie die Diagnose mittels Ultraschall studieren und nachvollziehen. Es wurden Hunderte von Untersuchungen, die ich vorzugsweise nach dem Dienstende durchführte. So brachte ich mir die Untersuchungstechnik mit Ultraschall zum großen Teil selbst bei. Die neuen Untersuchungsverfahren wie Endoskopie und Sonografie hatten mein Interesse für Erkrankungen des Bauchraums geweckt.

Nun betrat ich also meinen neuen Arbeitsplatz am Großklinikum der Stadt, das fast dreimal so groß wie das ehemalige Krankenhaus war, und dort die internistische Fachabteilung für Gastroenterologie, die für Magen- und Darmkrankheiten zuständig ist. Daneben gab es zwei weitere internistische Kliniken, die Kardiologie und die Nephrologie (Herz- und Nierenkrankheiten). Das Hauptgebäude war ein weithin sichtbarer Hochhausturm mit mindestens acht Etagen, mit angegrauter Betonfassade, vielleicht in den 60er-Jahren errichtet. Die überdimensional hohe Eingangshalle erinnerte mich an die unpersönliche Atmosphäre einer Bahnhofshalle und sollte zu einem späteren Zeitpunkt noch traurige Berühmtheit erlangen.

Die drei internistischen Abteilungen verfügten zusammen über eine bunte Mischung aus insgesamt etwa 30 Assistenzärzten. Ich traf sehr nette Kollegen, die mich mit offenen Armen aufnahmen, und mit denen man vertrauensvoll und freundschaftlich zusammenarbeiten konnte. Andere verhielten sich zunächst eher neutral und wollten den neuen Kollegen erst einmal abwartend beäugen. Dann aber gab es auch die kleine Fraktion der hochnäsigen Kollegen, die fast schon mitleidig auf mich herabschauten und ein gequältes Lächeln aufsetzten, sobald sie erfuhren, dass ich lediglich aus dem mittelgroßen Krankenhaus der Stadt kam. Mit dieser eher speziellen Willkommenskultur hatte ich auf gar keinen Fall gerechnet, zumal ich schon einige Jahre länger im Krankenhaus arbeitete als viele meiner neuen Kollegen. Zudem war ich in eine Art Ellenbogengesellschaft geraten, in der je­der Assistenzarzt um bestimmte Untersuchungen kämpfte, die ihn in seiner persönlichen Ausbil­dung zum Facharzt weiterbrachten. Der Konkurrenzdruck war hoch. Nicht so ganz selten aber hörte ich gerade von den überheblichen Kollegen große Worte mit wenig Substanz dahinter.

Ausgerechnet von demjenigen Assistenzarzt mit dem größten Mundwerk, den man recht treffend als Windhund oder Hans Dampf in allen Gassen bezeichnen konnte, fiel mir im Ultraschallraum ein Patient in die Hände. Diesen Patienten betreute der Kollege auf seiner Station selbst, und er hatte die Ultraschalluntersuchung vor einigen Tagen schon einmal durchgeführt. Dabei hatte er keinen wesentlichen krankhaften Befund feststellen können. Nun sollte daher eine Kontrolle erfolgen, die Fragestellung auf dem Anforderungsschein für die Untersuchung lautete wie bereits bei der Voruntersuchung „Unklare Oberbauchschmerzen“.

Als sich der Patient auf die Liege in dem abgedunkelten Ultraschallraum legte, bemerkte ich schon seinen eher unglücklichen Gesichtsausdruck: Dieser Mann hatte erstens noch weiterhin Beschwerden, er spürte zweitens, dass er ernsthaft krank war, und er machte sich drittens Sorgen um das Ergebnis der Untersuchungen. Seine Schmerzen konnte er recht genau etwas seitlich im linken Oberbauch lokalisieren, wenngleich diese Region relativ selten bei Bauchschmerzen angegeben wird. Bei der bereits durchgeführten Magenspiegelung hatte man keine Ursache für die Beschwerden finden können.

Ich gab ein Gleitgel auf seine Bauchdecke und verteilte es mit dem Schallkopf, dann begann ich die gründliche Untersuchung sämtlicher Bauchorgane in der Reihenfolge, die ich mir angeeignet hatte. Solch eine Reihenfolge ist sehr sinnvoll, um keines der zahlreichen Bauchorgane zu vergessen. Als ich bei der Milz im linken Oberbauch angelangt war, die am besten von der Seite aus dargestellt werden kann, wollte ich meinen Augen nicht trauen, aber es gab keinen Zweifel: Inmitten der vergrößerten Milz fand ich einen großen, nur noch zum Teil flüssigen, also bereits älteren Bluterguss, der aufgrund seiner Größe eigentlich nicht zu übersehen war. Zusätzlich war im linken Oberbauch am unteren Milzpol ein geringer, halbmondförmiger Flüssigkeitssaum zu sehen, der dort keineswegs hingehörte und auf einen Milzriss mit entsprechender Blutung hindeuten konnte. Der Patient hatte wahrscheinlich noch Glück, dass nicht eine noch größere Blutmenge ausgetreten war. Alle anderen Bauchorgane waren vollkommen in Ordnung. Damit war die Ursache seiner Oberbauchschmerzen hinreichend erklärt. Während ich dem Patienten das Gel mit einem Handtuch abwischte, teilte ich ihm den Befund mit, wie auch die weitere erforderliche Diagnostik und die sich daraus ergebende Konsequenz einer baldigen Operation. Er bedankte sich für die gründliche Untersuchung.

Bevor der Patient den Untersuchungsraum verließ, schaute ich noch rasch in seiner Patientenakte auf den Vorbefund meines Kollegen und konnte mich nur noch wundern: Er hatte alle Bauchorgane mit Ultraschall untersucht und beschrieben, aber eben mit einer Ausnahme: Die Milz hatte er überhaupt nicht erwähnt! Wenn er die Milz untersucht hätte, so hätte er sie mit diesem gravierenden pathologischen Befund ganz gewiss beschrieben. Alles deutete darauf hin, dass er sträflich vergessen hatte, sie zu untersuchen. Nun ist eine Verletzung der Milz ein mehr als seltenes Ereignis, dem ein entsprechender Unfall vorausgehen muss. Auf meine gezielten Fragen berichtete der Patient dann, dass er sich vor ungefähr drei Wochen mit der linken Körperseite sehr heftig an seiner geöffneten Autotüre gestoßen habe. Auch hierüber fehlten aber in dem Aufnahmebogen über die Krankenvorgeschichte jegliche Angaben.

Meinen Ultraschallbefund formulierte ich in diesem Fall ganz besonders präzise und bis in die geringsten Einzelheiten detailliert. Der diktierte Befund musste von den Sekretärinnen erst noch geschrieben werden und würde daher frühestens am Ende des Tages auf der Station vorliegen. Es bestand aber für den Patienten durchaus akuter Handlungsbedarf, weshalb ich den Kollegen vorab telefonisch über das Ergebnis informierte. Er fiel buchstäblich aus allen Wolken, auf denen er bis zu diesem Tag gewandelt war.

Meine Diagnose aus dem Ultraschallraum wurde anschließend in der Computertomografie voll und ganz bestätigt. Mit diesem Befund musste der Patient dringend operiert werden, weil der Bluterguss einfach zu groß und ein Milzriss auch weiterhin nicht auszuschließen war. Die Milz musste wahrscheinlich vollständig entfernt werden.

Mein Untersuchungsergebnis breitete sich so schnell wie ein Lauffeuer auf unserer Abteilung aus, zumal der Patient bereits zehn Tage lang ohne Diagnosestellung in der Klinik verweilte.

Seit diesem Ereignis wurde der Kollege aus dem kleineren Krankenhaus der Stadt nicht mehr mitleidig belächelt. Offenbar konnte man als Arzt selbst an einem nur mittelgroßen Krankenhaus gründliches Arbeiten lernen. In der Folgezeit wurde ich von Kollegen noch häufiger zur Kontrolle von Ultraschallbefunden hinzugezogen, wenn sich die Kollegen bei einem Befund nicht ganz sicher waren. Langsam entspannte sich das Arbeitsklima.

Der Kollege mit dem großen Mundwerk hatte sichtlich ein schlechtes Gewissen und wurde recht kleinlaut – wenn auch nur für wenige Tage.

10 Eine unerwartete Bedrohung

Es gibt keinen anderen Ort im Krankenhaus, an dem Freude und Leid so nah beieinanderliegen, wie die internistische Intensivstation. Hier wurden Patienten aufgenommen, die lebensbedrohlich erkrankt waren, und häufig waren bei einem Patienten gleich mehrere Organe betroffen, wodurch die Behandlung zusätzlich erschwert wurde. Ein kontinuierliches Arbeiten war häufig nicht möglich, wenn ein neuer Notfall dringend versorgt werden musste oder wenn bei einem bereits stationär liegenden Patient eine Reanimation (Wiederbelebung) erfolgen musste.

Bei der Reanimation wurden alle routinemäßigen Tätigkeiten stehen und liegen gelassen, Ärzte, Schwestern und Pfleger arbeiteten Hand in Hand, Herzmassage, künstliche Beatmung, Injektion von Medikamenten folgten. Als nächste Maßnahme erfolgte der Elektroschock mit dem Defibrillator, mit langsamer Steigerung der Stromstärke. Alle arbeiteten konzentriert, es gab kein Wort zu viel, sämtliche Maßnahmen mussten blitzschnell erfolgen. Jede Sekunde zählte, mit häufigem Blick auf den Herzmonitor, um das Ergebnis der Wiederbelebung, also möglichst den Beginn einer normalen Herztätigkeit, zu kontrollieren. Solch eine Reanimation konnte 20 Minuten und länger dauern, unter dauerhafter Fortsetzung der Herzdruckmassage auf dem Brustbein des Patienten, damit das Blut auf diese Weise durch den Körper strömen konnte. Solch eine Herzmassage ist durchaus anstrengend, muss sie doch in hoher Frequenz und durchaus kräftig erfolgen, sodass wir uns gegenseitig damit abwechselten. Eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff durfte nicht eintreten, und dazu musste das Blut im Körper des Patienten zirkulieren. Bereits nach fünf Minuten ohne Sauerstoff kann ein bleibender Gehirnschaden eintreten. Trotz sofortigem Beginn war längst nicht jede Reanimation erfolgreich, der Erfolg war auch abhängig von der Schwere der jeweiligen Grunderkrankung. Es gab teils erfreuliche, überraschende Erfolge einer Wiederbelebung, mit denen nicht unbedingt zu rechnen war, aber ebenso erlebten wir sehr bittere und unerwartete Niederlagen. Nach Abschluss einer solchen dramatischen Aktion musste die zuvor unterbrochene Versorgung der übrigen Patienten wieder aufgenommen werden.

Dieser Ablauf bedeutete für Ärzte und Pflegepersonal der Intensivstation, dass kaum eine zeitliche Möglichkeit bestand, um die seelische und körperliche Belastung zu verarbeiten. Die praktische Durchführung der Wiederbelebung wurde zwar zur Routine, aber das Ergebnis trugen wir in unseren Kleidern mit nach Hause in die eigenen vier Wände, und hinter jedem Misserfolg stand ein Patientenschicksal. Die Gedanken daran verfolgten uns auch nach dem Ende eines Arbeitstages. Darüber hinaus war die Sterberate von Patienten auf der Intensivstation hoch, denn längst nicht jeder der lebensgefährlich erkrankten Patienten konnte trotz aller Errungenschaften der modernen Medizin gerettet werden. Die Begegnung mit dem Sterben und dem Tod war allgegenwärtig. Wir stießen oftmals an die Grenzen dessen, was derzeitig möglich war. Wir waren eben nicht die allmächtigen, weiß gekleideten Wunderheiler, die viel zitierten Halbgötter in Weiß, wir konnten nur versuchen, mithilfe der vorhandenen technischen Möglichkeiten unser Bestes zu geben. So lehrte mich die Arbeit auf der Intensivstation Demut und Bescheidenheit. Ich hinterfragte mich und mein Handeln oft genug, ob ich nicht etwas hätte besser machen können.

Ich hatte über Nacht einen neuen Patienten auf die Intensivstation bekommen. Er war etwas über 70 Jahre alt, hatte ergraute, kurz geschnittene Haare, einen ebenfalls ergrauten Schnurrbart, eine sehr hagere Statur, ausgemergelte Haut und saß aufrecht im Bett bei hochgestelltem Kopfende. Die Mitte seines Schnurrbartes wie auch seine Fingernägel waren nikotingelb verfärbt, wahrscheinlich war er Kettenraucher. Auch das leicht bräunliche Hautkolorit des Patienten fiel mir auf. Zwischen seinen Hustenanfällen spitzte er die bläulich angelaufenen Lippen, um die Luft besser ausatmen zu können, er hatte sichtlich Luftnot. Seine schlechte körperliche Verfassung verhieß nichts Gutes, er hatte keinerlei Kraftreserven.

Die Röntgenaufnahme seiner Lunge hatte ich mir bereits angeschaut, sie zeigte eine deutliche Lungenentzündung. Aber fast noch schlimmer war die massive Überblähung seiner Lunge (Lungenemphysem), wobei ich diese Kombination überhaupt nicht mochte. Dazu passte auch der Befund bei der körperlichen Untersuchung, sein Brustkorb war enorm vorgewölbt durch die dauerhafte, sicherlich seit vielen Jahren bestehende Lungenüberblähung. Die Mediziner sprechen sehr treffend von einem Fassthorax, einem fassförmigen Brustkorb. Das leise Pfeifen bei seiner Ausatmung sprach zusätzlich für relativ eng gestellte Bronchien, die das Ausatmen erschwerten, ähnlich wie bei einem Asthma bronchiale. Sein Hauptproblem war also die massive Lungenüberblähung in Verbindung mit der Lungenentzündung. Der Sauerstoffgehalt in seinem Blut war so weit erniedrigt, dass er kurz vor einer künstlichen Beatmung durch das Beatmungsgerät stand. Andererseits war sein Körper seit vielen Jahren an den chronischen Sauerstoffmangel gewöhnt, nur hatte die aktuelle Lungenentzündung seine noch funktionsfähige Atemfläche weiter eingeschränkt. Die schlimme Wahrheit war, dass seine Lungenfunktion selbst ohne die Lungenentzündung kurz vor dem Ende stand.

Wir versorgten ihn mit einem zentralen Venenkatheter in einer großen Vene, um lebenswichtige Medikamente direkt injizieren zu können, mit einer Kanüle in der Arterie über dem Handgelenk, um Blutproben für die Sauerstoffmessung entnehmen zu können, und mit zwischenzeitlichen Sauerstoffgaben über eine Nasensonde. Er erhielt breit wirksame Antibiotika, schleimlösende Medikamente sowie weitere Medikamente gegen die Verengung der Bronchien. Und er bekam mehrfach täglich eine Atemtherapie durch die Physiotherapeuten. Da er eben keine körperlichen Reserven hatte, hatte er auch nicht die Kraft, den in den Bronchien festsitzenden Schleim abzuhusten. Daher mussten wir ihm mehrfach täglich eine dünne Sonde in die Luftröhre einführen und mit steriler Kochsalzlösung eine Spülung der Bronchien vornehmen. Das abgesaugte Sekret wurde eingesandt, und nach dem Befund waren unsere Antibiotika gegen die nachgewiesenen Bakterien wirksam. Eine solche Bronchialspülung ist für den Patienten sehr unangenehm, zumal die Bronchialschleimhaut sehr empfindlich reagiert. Sobald unser Patient die dünne Spülsonde mit einigen erklärenden Worten unserer tüchtigen Intensivschwestern sah, reagierte er zunächst mit abwehrenden Handbewegungen, gefolgt von einem dankbaren Augenaufschlag, wenn er fühlte, dass seine Bronchien vom Schleim befreit waren und er wieder freier durchatmen konnte.

Er sprach nicht viel, vielleicht mit etwas osteuropäischem Akzent, er war aber kein unangenehmer Patient. Langsam bildete sich die Lungenentzündung zurück. Es folgten wenige Tage, an denen es ihm besser ging. Dennoch waren wir uns fast sicher, dass uns eine Behandlung über mehrere Wochen auf der Intensivstation bevorstand, und so sollte es auch kommen.

Einige Tage später betrat ich morgens zum Dienstbeginn eiligen Schrittes die „Bahnhofshalle“, also mit anderen Worten die Eingangshalle unseres Krankenhauses. Ich verlangsamte unwillkürlich meine Schritte und blieb entsetzt stehen. An der Wand gegenüber der Pförtnerloge standen aneinandergereiht einige wenige Stühle, vor denen über Nacht eine riesige Müllhalde entstanden war: leere Plastikflaschen, Pappschachteln, Papierberge, Zeitungen, Plastikbesteck, einige Essensreste, Trinkbecher, es fehlten eigentlich nur noch Zigarettenkippen. Ich war nicht nur entsetzt über den Schaden, sondern wunderte mich auch darüber, dass dieser Müllberg nicht durch unser Reinigungspersonal entfernt worden war. Alle Regeln der Krankenhaushygiene waren hier missachtet worden. Dieser Anblick erinnerte wahrhaftig an eine Invasion von Vandalen. Ich vermutete weit über 100 Invasoren, allein nach der Anzahl der Trinkbecher zu urteilen. Eine solch große Anzahl von Chaoten konnte unmöglich alleine aus unserer friedlichen Stadt gekommen sein, sie mussten aus größerer Entfernung angereist sein. Ich setzte meinen Weg auf die Intensivstation kopfschüttelnd fort. Abends auf dem Heimweg war der Müllberg verschwunden.

Als ich am nächsten Morgen die Klinik betrat, bot sich mir ein Anblick, als hätten am Vortag überhaupt keine Aufräumungsarbeiten stattgefunden: Der neue Müllberg rund um die wenigen Sitzmöglichkeiten hatte eher noch zugenommen. Inzwischen hatte man Papierkörbe aufgestellt, in denen jedoch gähnende Leere herrschte, der Müll war wieder breit auf dem Boden verstreut worden. Angesichts dieses eines Krankenhauses unwürdigen Anblicks ging ich zum Pförtner: „Sagen Sie mal, was ist hier eigentlich los?“ – Er antwortete: „Das waren die Sinti und Roma, die kommen immer abends oder nachts, wegen eines Patienten auf der Intensivstation.“ Bei diesen Worten beschlich mich langsam, aber sicher ein sehr ungutes Gefühl: Das wird ja wohl nicht …? Übrigens sollten die Müllberge in der Eingangshalle noch etwa sieben Tage anhalten, bis Ordnungsamt und Polizei die Situation in unserem kommunalen Krankenhaus in den Griff bekamen.

Trotz weitgehender Rückbildung der Lungenentzündung blieben die Sauerstoffwerte im Blut unseres Patienten unbefriedigend, mit diesen Werten würde er im Alltag keinesfalls belastbar sein. Wir versuchten, unsere Therapie zu variieren und anzupassen. Wir hatten natürlich die Möglichkeit einer künstlichen Beatmung, wollten diese aber unbedingt vermeiden, darin bestand Einigkeit. Kurzfristig würde der Patient davon natürlich profitieren, aber wir konnten ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wieder von dem Beatmungsgerät abtrainieren, dazu waren die Grundvoraussetzungen seiner Lungenfunktion zu schlecht. Und schon kündigte sich leider die nächste Lungenentzündung an.

Eines Morgens kam die für das Zimmer meines Patienten zuständige Schwester zu mir und bat mich, zur Eingangstüre der Intensivstation zu gehen, dort würde es Ärger durch Angehörige meines Patienten geben. Vor der Türe erwarteten mich vier junge Männer mit bronzefarbenem Hautkolorit, pechschwarzen Haaren und dunklen Augen. Was ich gar nicht mochte, war der Umstand, dass ich dieser Horde junger Männer alleine, also ohne Zeugen, gegenüberstand. Mit vor Wut glühenden, weit aufgerissenen Augen forderten sie den sofortigen Einlass, um meinen Patienten zu besuchen. Sie waren sehr aufgebracht, zornig, emotional gesteuert, vollkommen respektlos. Wahrscheinlich hatte es zuvor mit der Schwester schon ein entsprechendes Wortgefecht gegeben. Diskussionen in solch aufgeheizter Stimmung konnten sehr gefährlich werden, und sie führten häufig zu gar keinem Ergebnis. Ich hatte mir sehr frühzeitig angewöhnt, in solchen Situationen einfach wortlos zuzuhören, und mein Verstehen einfach durch sporadisches Kopfnicken anzudeuten. Sollten sie doch erst einmal ihr Pulver verschießen und ihren Ärger loswerden. Es folgte wie erwartet eine Schimpftirade über das Krankenhaus im Allgemeinen und die Intensivstation im Besonderen, Schuldzuweisungen über den schlechten Gesundheitszustand des Patienten, über die Dauer der Behandlung, das eingeschränkte Besuchsrecht. Endlich trat eine kurze Gesprächspause ein, so dachte ich jedenfalls. Ich versuchte mit ruhigen Worten zu erklären, dass gerade die Visite stattfände und anschließend noch die anderen beiden Patienten in dem Zimmer zu versorgen wären. Danach wäre ein kurzer Besuch für zehn Minuten möglich, ein längerer Besuch wäre zu anstrengend für den Patienten, denn er bräuchte viel Ruhe.

Darauf aber ging plötzlich alles blitzschnell und ohne jegliche Vorwarnung: Es machte klick, jedenfalls ein schnappendes, metallisches Geräusch. Schneller, als mein Auge es erfassen konnte, hatte der Wortführer ein Stilett aus seiner Jackentasche hervorgerissen und hielt mir die Spitze der ausgefahrenen, blitzenden, langen Klinge vor die Brust. Ich spürte den leichten Druck der Klingenspitze auf meinem Brustbein. Der Mann mit dem Stilett fauchte mich an: „Du lässt uns jetzt sofort rein, sonst passiert was!“ Nun reichte es mir aber endgültig, ich trat den sofortigen Rückzug an. Ich schloss ebenfalls sehr rasch die Eingangstüre, die von außen nicht zu öffnen war. Ein wütendes Rütteln an der Türe von außen folgte noch und zum krönenden Abschluss ein kräftiger Tritt gegen die dicke Milchglasscheibe. Ich war für wenige Sekunden vollkommen schockiert. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ein Arzt, der immerhin alles Mögliche für die Gesundung seiner Patienten unternimmt, mit Waffengewalt bedroht werden könnte.

Ich informierte den zuständigen Oberarzt, und der verständigte die Polizei. Die Polizisten konnten die vier Halunken noch vor der Eingangstüre in Empfang nehmen. Da die Roma wahrscheinlich aus guten Gründen weder mit der Polizei noch mit Justizbehörden engeren Kontakt pflegen wollten, wurde folgende Vereinbarung getroffen: Ich verzichtete auf eine Anzeige gegen die Bedrohung mit dem Messer, und sie hatten die Regeln des Krankenhauses zu akzeptieren: zehn Minuten Besuchszeit durch maximal zwei Personen nach Absprache mit dem Pflegepersonal, und nur ein Ansprechpartner für den täglichen Arztbericht über den Krankheitsverlauf. Ich konnte ja unmöglich mit 150 aus ganz Europa angereisten Roma kommunizieren. Dieser Ansprechpartner sollte die anderen informieren. Seitdem normalisierte sich das Verhältnis zu den Angehörigen weitgehend, mit Ausnahme einiger kleinerer Scharmützel.

Obwohl ich nun wirklich kein furchtsamer Mensch bin, muss ich gestehen, dass ich am Ende dieses Arbeitstages das Klinikum nicht wie üblich durch den Haupteingang, sondern durch einen wenig benutzten Nebeneingang an der Rückseite des Gebäudes verließ. Bevor ich nach draußen trat, hatte ich mich vorsichtig in alle Richtungen umgeschaut, um mich zu vergewissern, dass mir niemand auflauerte oder folgte. Vielleicht würden sich die Roma daran erinnern, dass wir die Polizei verständigt hatten, wer wusste schon, was in ihren Köpfen vorging? Es ging aber alles gut, und ich kam unbeschadet nach Hause. Es war ein sehr seltener Moment in meinem Leben. Ich hatte wirklich große Angst um meine körperliche Unversehrtheit, Angst um mein Leben. Selbst heute noch, nach so vielen Jahren, weiß ich sehr genau, auf welchen Teil meines Brustbeins der Täter die Messerspitze drückte, und ebenso wenig habe ich seine hasserfüllten Augen vergessen. Solch eine Erfahrung vergisst man nicht, sie verfolgt einen ein Leben lang. Es ist nicht so, dass man daran denkt, oder gar davon träumt, aber man vergisst sie nicht.

Mir war klar geworden, dass mein Patient ein bedeutender Stammeshäuptling unter den Roma war. Einerseits bewunderte ich den Zusammenhalt dieser Volksgruppe. In der Vergangenheit hatte ich immer einmal wieder Patienten im Krankenhaus sterben sehen, einsam und ohne Begleitung durch ihre Familie, obwohl es sehr wohl Angehörige gab. Aber diese Missachtung aller Regeln, diese Respektlosigkeit, Forderungen bis zur Gewaltandrohung, die provozierende Verschmutzung der Klinik, von der sie eigentlich Hilfe erwarteten, waren eine Schande.

Meinem Patienten ging es leider immer schlechter. Trotz mehrfacher, sehr ausführlicher Aufklärung über die Chancen und insbesondere die Risiken einer künstlichen Beatmung bestanden die Angehörigen und auch der Patient auf der Ausschöpfung aller bestehenden Möglichkeiten. Also wurde der Patient an das Beatmungsgerät angeschlossen und musste daher in ein künstliches Koma versetzt werden. Damit hatten wir endgültig eine Grenze überschritten: Wir verlängerten nicht mehr sein Leben, sondern wir verlängerten sein Sterben. Trotz mehrfacher Versuche ließ er sich nicht mehr von der künstlichen Beatmung entwöhnen, so wie wir es bereits befürchtet hatten.

Er verstarb drei Wochen später infolge einer erneuten Lungenentzündung im Beisein der engsten Angehörigen. Ich hatte an diesem Tag nach einem Nachtdienst auf der Intensivstation dienstfrei. Wie ich hörte, hat man ihm einen würdigen Abschied bereitet.

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