Kitabı oku: «Perlen ohne Glanz»
Gerd Willms
PERLEN OHNE GLANZ
Mit dem Herzen sieht man mehr
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Bild Pony: Mit Erlaubnis der Besitzerin verwendet
Coverbild „Wasserfall“ © Gerd Willms
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Widmung
Für meine Enkelin Eline

Dank
Herzlich danke ich meiner Tochter Melanie für ihre wertvollen Anregungen sowie dem Lektor Friedhelm Zühr und der Lektorin Daniela Lorenz für die Korrektur des Manuskripts.
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Danksagung
Ein »Pferde-Schweinchen«
Mit dem Herzen gesehen
Ein Präsidenten-Pferd
Unglück im Glück
Eine Perle ohne Glanz
Eine strahlende Frau
Ein guter Mann
Ein lieber »Großvater«
Verträumte Reitstunde
Strahlende Zukunft?
Ein dunkler Plan
Getrübtes Glück
Geblendete Gefühle
Ein dunkles Loch
Blinde Wut
Ein trüber Tag
Bedrückte Herzen
Neuer Glanz
Auftrag in der Schattenwelt
Liebes-Leuchten
Ein strahlendes Kind
Glänzende Aussichten
Ein glanzvolles Fest
Große Ausstrahlung
Ein freudiges »Ja«
Glänzende Augen
Pure Lebensfreude
EIN »PFERDE-SCHWEINCHEN«
Auf einem Bauernhof lebten drei verschiedene Pferde friedlich miteinander. So unterschiedlich sie auch waren, eines hatten sie gemeinsam: Sie wussten alle drei nicht, dass sich bald alles ändern würde. Boo war das größte und stärkste Pferd. Er hatte ein wunderschönes braunes Fell, das in der Sonne rötlich glänzte. Sein langer buschiger Schwanz reichte fast bis zum Boden. Auf seine volle Mähne konnte Boo besonders stolz sein. Das andere Pferd hieß Sina. Sie war die schönste der drei Pferde. Und sie war auch die schnellste von allen. Sina war eine Stute, trug ein schwarz-weiß geflecktes Fell und hatte lange schlanke Beine.
Bauer Erwin liebte den kräftigen Boo sehr. Zu allen Leuten sagte er: »Schaut doch mal diese Muskeln und dieses glänzende Fell an.«
Am liebsten erzählte er die Geschichte vom Traktor, den Boo aus dem Dreck gezogen hatte. »Mein Traktor blieb im nassen Boden stecken. Ich konnte nicht vorwärtsfahren und auch nicht rückwärts. ›So ein Mist‹, schimpfte ich. Was sollte ich bloß machen? Dann kam mir eine gute Idee: Ich legte Boo das Geschirr an und band ein dickes Seil an die beiden Zugriemen. Das andere Ende knüpfte ich an den Traktor. ›Los, Boo, zieh!‹, rief ich. Boo strengte sich an, seine Muskeln wurden immer dicker. Und siehe da: der Traktor bewegte sich. ›Bravo, Boo, mach weiter. Du schaffst es, zieh, zieh!‹ Boo strengte sich noch mehr an. Er stemmte seine starken Beine mit aller Kraft gegen den Boden. Aus seiner Nase strömte heiße Luft wie aus einem Dampfkessel, so sehr schnaufte er. Schritt um Schritt ging es langsam vorwärts. Und dann hatte Boo es geschafft: Der Traktor stand wieder auf festem Boden.«
Sina war ein Rennpferd. »Das ist meine Renn-Maus«, sagte Bauer Erwin stolz. »Sie war einmal das schnellste Pferd in der Gegend und hat schon viele Preise gewonnen.« Bauer Erwin liebte sein schnelles Pferd, den eleganten Körper und das schöne Fell. Wenn Boo und Sina in der Pferdekuppel um die Wette liefen, war Bauer Erwin immer für Sina.
Vor lauter Freude an seinen beiden großen Pferden vergaß Bauer Erwin manchmal, dass er ja noch ein drittes Pferd besaß. Es war eine Stute: nicht groß, nicht stark, nicht schnell. Ein schönes Fell hatte sie auch nicht – »zu zottelig« für Bauer Erwins Geschmack. Es war grauschwarz, meist etwas schmuddelig, denn nach dem Regen klebten ihre langen Haare zusammen. Bauer Erwin fand, dass sie dann wie ein Schwein aussah, das sich gerade im Dreck gesuhlt hatte. Dieses kleine »Pferde-Schweinchen« – so nannte er es manchmal – hieß Lia.
Als ein Besucher Bauer Erwin fragte, was er eigentlich mit dem Pony mache, erzählte er, wie Lia zu ihm gekommen war. So als wollte er sich entschuldigen, dass er überhaupt ein so nutzloses Pferd auf seinem Hof hielt. »Ja«, sagte er und kratzte sich am Kopf, »das kleine Pferde-Schweinchen habe ich aus Mitleid gekauft. Ein Bauer aus dem Nachbardorf wollte Lia nach Frankreich verkaufen. Da tat sie mir leid, und ohne zu überlegen, bot ich ein bisschen mehr Geld als der Mann aus Frankreich. Lia lebt nun schon ein ganzes Jahr bei mir.« Er schaute auf den Boden und machte ein trauriges Gesicht. »Ich weiß das so genau, weil meine Frau vor einem Jahr starb.« Ohne dass der Besucher weiter fragte, erklärte er: »Sie tut ja keinem was, und das bisschen Futter habe ich schon noch übrig für sie. Ach ja«, lenkte er die Aufmerksamkeit schnell wieder auf seine beiden anderen Pferde, »Sina kann auch hoch springen, und Boo – auf dem kann man auch reiten.«
Bauer Erwin behandelte Lia gut, aber stolz war er nicht auf sie. Stolz war er nur auf Boo und auf Sina. Sie waren seine Lieblinge.
MIT DEM HERZEN GESEHEN
Bauer Erwin war vor Kurzem sechzig Jahre geworden. Seine Frau hatte ihn »verlassen«. So hatte es sich angefühlt, als sie starb. Weil er keine Kinder hatte, lebte er allein auf dem Bauernhof und musste viel arbeiten. Wenn er in den Spiegel schaute, sah er einen Mann, der sich in den letzten Monaten verändert hatte. Seine kurz geschnittenen Haare waren grauer geworden, seine Nase länger und seine hellbraunen Augen trüber. Seine Stirn schien ihm runzliger und seine Falten im Gesicht tiefer.
Eines Tages setzte er sich in sein Auto und fuhr ins Dorf. Er sah nicht glücklich aus. Zuerst ging er in einen Holzladen und kaufte ein großes Brett. Dann schlenderte er in ein Farbengeschäft und kaufte verschiedene Farben und zwei Pinsel. Alles packte er in sein Auto und fuhr nach Hause. Das Brett, die Farbe und die beiden Pinsel brachte er in sein Arbeitszimmer und legte alles in eine Ecke. Er räumte seinen Arbeitstisch frei, legte das Brett darauf und setzte sich auf den Stuhl. Dabei stieß er laut die Luft aus, als hätte er etwas Schweres abgelegt, und saß erst mal ein paar Sekunden mit gekrümmtem Rücken da. Dann richtete er sich auf, holte tief Luft und kramte in der Schublade herum. Endlich fand er, was er suchte: ein Lineal. Er nahm einen Bleistift und fing an zu zeichnen.
Zuerst zog er mehrere gerade Linien über das Brett, dann malte er Buchstaben über die Linien. Zuerst ein »P«, dann ein »f«, ein »e«, ein »r«, ein »d« und wieder ein »e«: Pferde. Als er den Rest schrieb, wurde er etwas ruhiger. Aber die Buchstaben ließen erkennen, dass seine Hand gezitterte hatte. Und die Tropfen auf dem Brett zeigten, wie traurig er war. Er fummelte ein dreckiges Taschentuch aus seiner rechten Hosentasche hervor und wischte die Tränen vom Brett.
Nach einer halben Stunde stand er auf. Er hustete und hustete. Davon wurde er sehr müde und musste sich erst einmal ausruhen. Er ging in die Küche, füllte ein Glas mit Wasser, steckte eine große Tablette in den Mund und trank das Glas leer. Dann schlurfte er ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. »Ach ja, ich bin alt geworden«, sagte er und schlief ein.
Nach einer Stunde wurde Bauer Erwin wieder wach. Er streckte sich, setzte sich grade hin und machte einen geraden Rücken. Dann ließ er die Arme kreisen, einmal rückwärts, einmal vorwärts, und wackelte ein bisschen mit dem Kopf hin und her. Er atmete schwer und stand langsam auf. »Na, siehst, es geht ja wieder!«, sagte er zu sich selbst.
Dann holte er die Farben und die Pinsel, setzte sich an den Tisch und malte die Buchstaben aus. Als er fertig war, bohrte er an jedem Ende des Brettes ein Loch und zog eine dicke Schnur durch. Vorsichtig nahm er das Brett, ging zur Straße und band es ans Tor. Dann schleppte er sich mit schweren Schritten auf die andere Straßenseite und schaute zurück. Ja, es war gelungen, alle Leute, die vorbeikamen, konnten lesen:
PFERDE ZU VERKAUFEN
Gebückt tippelte er mit kurzen Schritten wieder zurück. »Es ist besser so«, sagte er leise und zog seine Hose hoch.
Schon zwei Tage später kam der erste Käufer: ein dicker Mann aus dem Nachbardorf, den Erwin gut kannte. Er hieß Klaus. »Ich brauche ein starkes Pferd«, sagte er. »Ich arbeite im Wald und manchmal komme ich mit meinen Maschinen nicht nah genug an die gefällten Baumstämme ran. Ein starkes Pferd würde mir helfen, die Stämme aus dem Gebüsch zu ziehen. Ich weiß, dein Boo ist nicht mehr der Jüngste, aber er muss ja auch nicht jeden Tag arbeiten. Ich werde ihn gut behandeln.«
Bauer Erwin dachte: Vielleicht kommt noch ein besseres Angebot, ich warte noch ein bisschen, bevor ich zusage.
»Vielen Dank«, sagte er freundlich, »ich werde mich in den nächsten Tagen bei dir melden.« Er schrieb die Telefonnummer auf und verabschiedete den dicken Klaus.
Zwei Tage später stöckelte eine freundliche Frau auf hohen Absätzen auf den Hof von Bauer Erwin. »Ich heiße Sandra Heilmann«, stellte sie sich vor. »Sie werden sicher schon von mir gehört haben, ich gewann vor zwei Jahren den ersten Preis im Kunstreiten.« Bevor Bauer Erwin eine Frage stellen konnte, erklärte sie: »Ich will das Pferd dem Kinderheim schenken.« Dann machte sie ein mitleidvolles Gesicht und sprach mit weinerlicher Stimme: »Die armen Kinder im Heim tun mir so leid, ich will ihnen eine Freude bereiten.« Sie wartete ab, wie Bauer Erwin reagierte.
Der war ganz erstaunt und sagte: »Das ist aber sehr lieb von Ihnen, so viel Geld für die Kinder auszugeben.« Er zeigte ihr Sina, denn nur die kam infrage, dachte er sich.
Sandra Heilmann stellte befriedigt fest, dass Bauer Erwin ihr die Geschichte glaubte. »Ich werde den Kindern natürlich auch Reitunterricht geben«, fügte sie noch an, um Bauer Erwin zu überzeugen, dass sie die richtige Käuferin für die schöne und schnelle Sina war.
Bauer Erwin war froh, wenn sein schnelles Pferd Sina in ihrem Alter noch ein gutes Werk tun konnte und beschloss im Stillen, sie an Sandra Heilmann zu verkaufen. Aber er wollte noch ein paar Tage abwarten. Wer weiß, sagte er sich, vielleicht kommt jemand, dem ich meine Renn-Maus noch lieber gebe.
Weil Frau Heilmann von armen Kindern gesprochen hatte, fiel ihm eine alte hässliche Geschichte ein, die er vor Jahren im Radio gehört hatte. Es ging um einen Unfall mit einem Pferd und einem Kind. Er hatte sich aber nie genauer damit beschäftigt.
Der Namen Sandra Heilmann sagte ihm nichts, aber er wollte der Frau gegenüber auch nicht unhöflich sein. Es würde ihm sicher später einfallen, um welche Kunstreiterin es sich handelte.
Nun blieb nur noch sein Pferde-Schweinchen übrig, für das sich niemand interessierte. Bauer Erwin sagte sich: Ich verstehe die Leute. Wer will schon so ein kleines nutzloses Pferd haben? Wenn es wenigstens ein bisschen schöner aussehen würde! Aber so, na ja, ich würde das Pony auch nicht kaufen. Aber ich werd es schon los, der Schlachter nimmt es gern.
Er ging zur Koppel und rief seine Gäule zu sich. Wie immer kümmerte er sich vor allem um den starken Boo und die schnelle Sina. So schöne Pferde, dachte er und gab ihnen etwas Hafer und streichelte sie am Kopf. Lia bekam auch etwas hingeworfen, aber sie liebevoll zu streicheln oder ihr einen Klaps zu geben – auf die Idee war er noch nicht gekommen.
Bauer Erwin hatte Lia eigentlich noch nie richtig angeschaut. Sie war einfach da, fast wie eine Sache, die man eben hat. Immer hatte er nur Augen für seine beiden anderen Pferde gehabt. Heute änderte sich das.
Lia schaute ihn von der Seite an. Er sah ihre runden braunen Augen, die so treuherzig dreinschauten. Fast könnte man meinen, sie sei traurig. Meist waren ihre Augen von ihren Stirnfransen verdeckt. Dann bemerkte er auch ihre kleinen süßen Ohren, die sie ihm entgegenstreckte, als wollte sie hören, was er ihr zu sagen hatte. Hatte sie ihn schon immer so angeschaut?
Warum habe ich Lia so lange übersehen?, fragte er sich jetzt. Sie ist doch so herzig! Und bestimmt kann sie etwas, was die anderen beiden Pferde nicht können. Das müsste man herausfinden, dachte er. Aber dann verdrängte er seine Gedanken wieder, denn es war ja alles zu spät. Er musste sie abgeben, egal wohin. Und in den letzten Tagen noch zarte Gefühle für sie zu entwickeln, das wollte er nicht.
»Es tut mir leid, es ist zu spät, ich mag einfach nicht mehr«, sagte er laut zu Lia und kraulte zum ersten Mal ihre buschige Mähne. Er hatte in diesem Moment das Gefühl, Lia habe schon lange darauf gewartet und wolle ihm sagen: »Du hast mich immer übersehen, aber ich habe dich stets bewundert, weil du so gut zu uns Vierbeinern bist.«
EIN PRÄSIDENTEN-PFERD
Am zweiten Sonntag im Mai bog ein großes Auto auf seinen Hof. Gleich darauf folgten ein zweites und ein drittes. Langsam rollte das große Auto bis kurz vor die Haustür. Die beiden anderen blieben kurz nach der Einfahrt stehen. Bauer Erwin zog sich schnell die schönste Jacke über und ging nach draußen. Das sind ganz reiche Leute, dachte er, zum Glück habe ich mein starkes Pferd Boo und die schnelle Sina noch nicht verkauft. Jetzt kriege ich viel Geld.
Zuerst öffnete sich die linke Tür des grossen Wagens. Ein sportlicher Mann mit Pistole im Gurt stieg aus: »Sind Sie Bauer Erwin?«, fragte er, ohne zu grüßen.
»Ja, der bin ich, was kann ich für Sie tun?«
»Guten Tag, erst mal. Mein Chef möchte Sie sprechen.«
Jetzt erst öffnete sich die hintere rechte Tür des Wagens. Bauer Erwin war sehr aufgeregt, er merkte gar nicht, dass seine Hose flatterte. Als er sah, wer da auf seinen Hof gefahren war, wusste er nicht, was er tun sollte. »Gu… Gu… Guten Tag, Herr Präsident«, stotterte er. Zuerst ging er einen Schritt auf den Präsidenten zu, dann fiel ihm ein, dass er vielleicht doch lieber stehen bleiben sollte. Also trat er wieder einen Schritt zurück.
»Guten Tag, Herr Erwin«, grüßte ihn der Präsident so freundlich, als hätte er einen alten Bekannten getroffen.
Bauer Erwin wurde jetzt locker und fing an zu plappern wie ein Marktverkäufer: »Ich nehme an, Sie wollen ein starkes Pferd kaufen, da sind Sie bei mir genau richtig.« Dann dachte er an Sina und fügte schnell an: »Natürlich kann ich Ihnen auch ein schnelles Pferd verkaufen, Herr Präsident. Sagen Sie einfach, welches Pferd Sie wollen, Ihnen verkaufe ich es ganz bestimmt.«
Der Präsident hob den Arm, wie er es immer tat, wenn er wollte, dass die anderen ihm zuhörten. Bauer Erwin verstand und sagte sich: Vielleicht sollte ich einfach mal den Mund halten und hören, was der Präsident wirklich von mir will.
»Herr Erwin«, ergriff der Präsident nun das Wort. »Wie heißen Sie eigentlich mit Nachnamen?«
»Bauer – nein, natürlich nicht Bauer – das ist ja mein Beruf, ich heiße Hanke, Erwin Hanke.«
»Gut, Herr Hanke, ich bin heute zu Ihnen gekommen, weil ich ein Pferd von Ihnen kaufen will.«
Sofort holte Bauer Erwin Luft, um seine beiden Rösser, das starke und das schnelle, anzupreisen, aber der Präsident hob wieder seine Hand. Bauer Erwin machte den Mund wieder zu und kratzte sich vor Verlegenheit am Bauch.
»Herr Erwin, nein, Hanke sagten Sie, Herr Hanke, ich suche ein kleines ruhiges Pferd für meine kleine kranke Tochter. Haben Sie so ein Pferd?«
Bauer Erwin hörte erst mal kurz auf zu atmen, so überrascht war er. »Ja, ja, natürlich, aber …«
Wieder hob der Präsident seine Hand und Bauer Erwin schwieg. »Zeigen Sie mir das Pferd«, bat der Präsident. Er schaute seinen Leibwächter an und machte eine kaum sichtbare Kopfbewegung.
Der Mann mit der Pistole ging auf Bauer Erwin zu und bat ihn, nun sofort loszugehen. »Der Präsident hat wenig Zeit, wissen Sie«, tuschelte er ihm leise ins Ohr.
Bauer Erwin verstand, er war ja nicht dumm, und trottete sofort los. Dabei stolperte er über seine eigenen Füße und wäre auf dem Boden gelandet, wenn der Leibwächter ihn nicht aufgefangen hätte. Erst jetzt bemerkte er, dass er mit seinen alten kaputten Latschen vor dem Präsidenten gestanden hatte. Die beiden großen Zehen guckten vorn heraus. Und die Zehennägel hatte er auch schon lange nicht mehr geschnitten! Seine Wangen wurden heiß und rot, so sehr schämte er sich.
Der Präsident war begeistert von dem kleinen schwarzen Pferd. »Genau das richtige Pferd für meine kranke Tochter«, rief er seinem Leibwächter zu. »Sie liebt schwarze Pferde über alles. Wie heißt es denn?«
»Lia.«
»Und wie alt ist Lia?«
»Noch nicht alt, vielleicht drei Jahre.«
»Wie viel wollen Sie denn für Lia haben?«
Bauer Erwin überlegte rasch, was er jetzt sagen sollte. Der Präsident konnte sicher ein bisschen mehr zahlen als andere. Aber wenn er einen zu hohen Preis verlangte, würde der Präsident vielleicht nein sagen. Er war ja froh, Lia überhaupt loszuwerden. Dann nannte er eine Summe, die ein bisschen höher war, als die, die der Schlachthof ihm geben würde.
»Waaaas …?«, sagte der Präsident, als er die Summe hörte.
Bauer Erwin setze wieder zum Reden an, um ein bisschen weniger zu verlangen, aber der Präsident hatte seinen Arm nach oben bewegt und Bauer Erwin hatte inzwischen verstanden, dass er jetzt zuhören sollte, anstatt zu reden.
Der Präsident wandte sich an seine Begleiter mit der Pistole und machte eine winkende Handbewegung. Der griff sofort an den Gürtel und kramte ein ledernes Etui heraus. »Geben Sie ihm das Doppelte«, befahl er.
Bauer Erwin hatte vergessen, seinen Mund zuzumachen. Und jetzt riss er ihn noch weiter auf, so überrascht war er.
»Das Pferd wird morgen abgeholt«, sagte der Präsident. Mit einer Kopfbewegung deutete er in Richtung Auto. Er gab Bauer Erwin die Hand, bedankte sich und redete davon, wie glücklich seine Tochter sein würde und dass er hoffe, dass das Pferd ihr helfen werde, wieder gesund zu werden.
Aber von all dem bekam Bauer Erwin nicht mehr viel mit. Erst, als die Autos vom Hof brausten, kam er wieder zu sich. Habe ich dem Präsidenten eigentlich danke gesagt?, fragt er sich.
Noch ziemlich verwirrt eilte er in seine Küche, füllte ein Glas mit Wasser, warf eine Tablette in den Mund und trank mit großen Schlucken alles aus. So was!, dachte er, nein, so was hatte er noch nie erlebt.
Lia! Ja, Lia durfte weiterleben. Er musste sie nicht schlachten lassen. Sie war nun ein »Präsidenten-Pferdchen«, kein Schweine-Pferdchen mehr. Und so eine schöne Aufgabe, dachte er sich. Lia darf der Präsidententochter helfen, wieder gesund zu werden.
Bauer Erwin schüttelte nachdenklich den Kopf und kratzte sich am Bauch. »Schade eigentlich, dass ich das nicht miterleben darf«, sagte er leise.
UNGLÜCK IM GLÜCK
Als Lia am nächsten Tag abgeholt wurde, wurde Bauer Erwin sehr traurig. Ich habe mein kleines Pferde-Schweinchen doch lieber gehabt, als ich dachte. Und er bekam jetzt ein schlechtes Gewissen. Ich hätte ihr wirklich ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen.
Als das Auto mit dem Pferdeanhänger vom Hof gefahren war, setzte er sich auf einen Stuhl und ließ seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. An einem Bild blieb er hängen: Boo und Sina rannten mal wieder um die Wette. Sina leichtfüßig und schnell wie ein Reh. Boo dagegen stampfte mit seinen starken Füßen auf den Boden, er kam aber nicht so recht in Schwung. Und die kleine Lia? Ihre kurzen Beine bewegten sich zwar sehr schnell, was auch ganz putzig aussah, aber weil sie so kleine Schritte machte, kam sie einfach nicht voran und blieb weit zurück.
Bauer Erwin stand ruckartig auf, wischte sich mit dem Ärmel über seine Augen und sagte hart zu sich selbst: »Schluss jetzt, was vorbei ist, ist vorbei.«
Bald verließen auch Boo und Sina den Hof: Boo kam zum dicken Klaus und würde ihm helfen, Stämme aus dem Wald zu schleppen. Er hatte ja genug Kraft dafür. Sina würde die Kinder im Heim glücklich machen.
»Ja, ja«, seufzte Bauer Erwin traurig, »so ist das Leben. Aber ich habe wirklich keine Kraft mehr für all die Arbeit auf dem Bauernhof.«
Nach zwei Wochen verkaufte er den ganzen Hof.
Bauer Erwin hatte nun viel Geld auf der Bank. Er nahm sich ein Zimmer im Hotel und wollte sich erst mal gründlich ausruhen. Und überlegen, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Irgendwann musste er auch eine Wohnung für sich finden, ewig im Hotel leben wollte er nicht.
Abends dachte er: Ich bin ein reicher Mann. Morgens dachte er: Ich bin ein armer Mann. Vormittags dachte er: Ich bin ein glücklicher Mann, weil ich nicht mehr arbeiten muss. Und nachmittags dachte er: Ich bin ein unglücklicher Mann, weil ich keine Beschäftigung mehr habe. Was soll ich bloß den lieben langen Tag machen ohne Arbeit und ohne meine Pferde?
Jeden Tag kauft er sich eine Zeitung. Zeit zum Lesen hatte er ja jetzt. An einem Vormittag saß er zusammengesunken auf seinem Bett und blätterte in der Tageszeitung. Einfach mal durchblättern, dachte er, lesen kann ich später. Plötzlich richtete er sich auf und zog das Blatt näher ans Gesicht: »Neues Wohnheim für Senioren«, las er laut vor. »In ruhiger Umgebung, mit schönem Blick auf den See«, stand da. Mehr musste er nicht wissen. Er ging an die Rezeption und ließ die Nummer wählen.
»Ja, natürlich haben wir noch eine Wohnung frei, wir haben ja gerade erst eröffnet«, sagte eine freundliche Frauenstimme.
Zwei Stunden später lenkte Bauer Erwin – er war ja eigentlich kein Bauer mehr – seinen Wagen auf den Hof der schönen Anlage. Wie gepflegt alles war. Und die großartige Aussicht! Die Chefin des Hauses begrüßte ihn freundlich und zeigte ihm mehrere kleine Wohnungen. Es roch nach frischem Anstrich. Erwin durfte sich ein Appartement aussuchen. Es sollte nicht zu klein sein, aber auch nicht zu groß; nicht zu dunkel, aber auch nicht zu hell. Die Wohnung sollte ruhig sein, aber nicht zu ruhig; etwas höher liegen, aber auch nicht zu hoch. Er wollte auf das Wasser schauen können, aber auch auf den Wald und die Wiesen. Erwin brauchte mehr als eine Stunde bis er alles bedacht hatte und sich entscheiden konnte. Schlussendlich nahm er die Wohnung im zweiten Stock. Von hier aus konnte er nach rechts auf den See schauen, wenn er es wollte, aber auch links auf die Wiesen und den kleinen Wald, wenn ihm danach war.
Als er sich entschieden hatte, ging er glücklich zur Hausleitung und unterschrieb den Mietvertrag. So eine gute Wahl, dachte er. Ich habe genau die richtige Wohnung für mich gefunden. »Darf ich noch mal schnell nach oben gehen und sie anschauen?«, fragte er die Chefin, als alles geregelt war.
»Ja, selbstverständlich, sie gehört ja jetzt Ihnen und Sie haben ja schon den Schlüssel in der Tasche.«
Erwin ging voller Erwartung die Treppen hoch. In seine eigene Wohnung! Hoffentlich habe ich nichts übersehen, fing er an zu zweifeln, ob er wirklich richtig entschieden hatte. Er hätte auch den Lift nehmen können, aber das wollte er nicht. »Wer Treppen steigt, bleibt fit«, sagte er sich nun fast übermütig.
Er öffnete seine Wohnungstür, ging sofort zum Fenster und öffnete es. Doch, er hatte vorhin etwas übersehen: Links, unweit des kleinen Wäldchens, beleuchtete die Sonne jetzt ein großes rotes Hausdach, das vorher im Schatten gelegen hatte. Arme Leute sind das nicht, dachte er und schloss das Fenster.
EINE PERLE OHNE GLANZ
Seit Anfang des Jahres hatte Dana immer wieder Bauchschmerzen. Inzwischen war es schon Mitte Mai und Frau Furler, ihre Mutter, hatte gehofft, dass es nach dem Winter besser werden würde.
Dana stand am Fenster und weinte.
»Noch immer Bauchweh?«, fragte die Mutter.
Dana legte ihre Hände an den Bauch und nickte.
»Du musst noch ein bisschen warten, gleich geht’s dir besser.«
Das Kind zog die Schultern hoch, sagte aber nichts.
»Willst du dich lieber hinsetzten?«
Dana schüttelte den Kopf. »Dann sehe ich ja nichts«, flüsterte sie.
»Noch fünf Minuten, dann kommt das Schiff«, versuchte die Mutter die leidende Dana abzulenken. Ablenkung half manchmal. Immer diese Bauchschmerzen, dachte sie. Und das jetzt schon ein halbes Jahr lang. Kein Arzt kann uns sagen, was sie hat. Hoffentlich hilft die neue Idee!
»Gibt es irgendetwas, das Dana sich sehr wünscht?«, hatte der Kinderarzt gefragt. »Oder etwas, worüber sie sich sehr freuen würde? Gehen Sie doch mal in den Zoo oder auf einen Reithof«, hatte er vorgeschlagen. »Vielleicht ist das die beste Medizin!«
Danas Mutter hatte sofort mit ihrem Mann gesprochen. Schon am nächsten Tag hatte er angerufen und ihr von seiner »sehr guten Idee« erzählt. Sie erinnerte sich noch gut an das Gespräch am Telefon.
»Weißt du, ich glaube, ein Tier könnte ihr helfen. Man hört doch immer wieder, dass Tiere eine heilsame Wirkung auf Kinder haben.«
»Meinst du Delfine?« hatte sie gefragt. »Delfine haben wir nicht in unserem See.«
»Es müssen ja nicht gleich Delfine sein, was ist mit einer Katze, einem Hund, oder …«
»Einem Pferd?«
»Ja, genau, ein Pferd!«
»Es muss natürlich ein kleines Pferd sein, Dana ist ja erst fünfeinhalb.«
»Ja, natürlich … Und Platz haben wir ja in unserem Stall.«
»Aber wie kommen wir zu einem Pferd?«
»Lass das mal meine Sorge sein, ich schicke meine Leute los …«
»Mama, komm«, rief Dana laut, »ich sehe das Schiff.«
Danas Mutter eilte zum Fenster und stellte Dana auf den Fenstersims. Sie konnte jetzt auch das Ufer sehen, wo das Schiff anlegte. Genau im richtigen Augenblick, denn jetzt fuhr ganz langsam ein Auto mit einem Anhänger auf den Hof. Dana bemerkte nichts. Sie beobachtete, was unten am Ufer passierte. Ein paar Leute stiegen aus dem Schiff, andere gingen über den kurzen Steg ins Boot. Es waren immer nur wenige Menschen, die ein- oder ausstiegen. Nach zehn Minuten legte das Schiff wieder ab und fuhr auf die gegenüberliegende Seite des Sees. Oft stand Dana so lange am Fenster, bis sie das Boot nicht mehr sehen konnte. Aber nicht heute.
»Wie geht’s dem Bauch?«, fragte Danas Mutter.
»Besser«, antwortete Dana, ohne sich umzudrehen.
»Komm, ich will dir was zeigen«, sagte die Mutter mit halblauter Stimme.
»Nein, lass mich noch ein bisschen schauen, ich seh das Boot noch.«
Danas Mutter ging auch ans Fenster und legte ihren Arm um Danas Schulter. Sie tat so, als wäre das andere, was sie ihr zeigen wollte, nichts Besonderes. Darum redete sie langsam. »Aah-Ohahaaa«, gähnte sie, »dann schaue ich halt allein ….« Sie ging ein paar Schritte, drehte sich dann aber wieder zurück zu Dana. »Aber vielleicht ist das, was ich dir zeigen will, dann traurig, wenn ich ohne dich komme.«
Dana spürte, dass ihre Mutter nur mit ihr spielte. In ihrer Stimme lag etwas Geheimnisvolles. Sie drehte sich zu ihr und streckte ihre Arme aus. »Maamaaa, was willst du mir zeigen?«, fragte Dana nun voller Erwartung. Ihre Augen glänzten.
Die Mutter öffnete ihre Arme: »Spring!« Sie stellte Dana auf den Boden und machte eine wegwischende Handbewegung: »Ich verrate nichts, du musst schon mitkommen.«
»Dann los«, lachte Dana, »ich will’s jetzt sehen.« Sie fasste die Hand der Mutter und riss sie mit zur Tür.
Der Wagen mit dem Anhänger war inzwischen wieder vom Hof gefahren. Dana sah nichts Auffälliges, als sie aus der Tür trat. Als ahnte sie etwas, zog sie ihre Mutter zum Stall. Im Vorderteil waren allerlei Geräte abgestellt: Rasenmäher, Leitern, Baumscheren und ein alter Pflug vom früheren Besitzer. Der hintere Teil war leer. Bis heute.
Dana zog ihre Mutter zur hinteren Tür und öffnete sie vorsichtig einen Spaltbreit. Ein besonderer Geruch schlug ihr entgegen. Links bewegte sich etwas. Dana hielt den Atem an und öffnete die Tür etwas weiter. Langsam drehte sie ihren Kopf nach links und guckte um die Ecke: »Ein Pferd!«, prustete sie laut. »Mama, ein Pferd!« Sie war so aus dem Häuschen, dass sie die Tür wieder zuschlug, ihre Mutter ansprang, sie drückte, wieder losließ und sich erneut auf die Tür stürzte, so als wollte sie nachprüfen, ob sie wirklich richtig gesehen hatte. »Mama, ist das mein Pferd?«
»Ja, mein Schatz, das ist dein Pferd.«
Die Mutter hatte Tränen in den Augen, weil Dana sich so freute. Die schien erst jetzt zu begreifen, dass da ein Pferd im Stall stand, das ihr gehörte. Sie drückte die Tür wieder zu, hüpfte um ihre Mutter herum, klatschte in ihre Hände, jauchzte und lachte. Die Freude war zu groß, sie konnte einfach nicht ruhig sein und still stehen.
Danas Mutter wurde von dieser Freude angesteckt und konnte jetzt auch nicht mehr ruhig dastehen. Sie hatte ihr Kind schon lange nicht mehr so fröhlich erlebt. Sie schnappte ihre tanzende Tochter, drückte sie fest an ihr Herz und drehte sich im Kreis mit ihr. Bis ihr schwindlig wurde. Hurtig lehnte sie sich an die Tür und atmete zweimal tief durch. Auch Dana wurde jetzt wieder ruhiger.
»Komm, wir gehen jetzt zusammen in den Stall«, sagte die Mutter. Sie fasste die Hand ihrer Tochter, die leicht zitterte, und öffnete langsam die Tür. Schritt um Schritt näherten sie sich dem Pferd.
»Es ist schwarz«, stellte Dana fest. »Wie heißt es?«
»Lia«, sagte die Mutter leise, »dein Pferd ist ein Mädchen und es heißt Lia.«
»Lia«, hauchte Dana verliebt und streckte ihre Hand nach ihr aus, um sie am Kopf zu streicheln. Lia wich etwas zurück.
»Weißt du, Dana«, erklärte die Mutter, »Lia ist noch ein bisschen aufgeregt von der Reise zu uns. Du wirst sehen, bald wird sie sich von dir streicheln lassen. Schau doch, sie fühlt sich bei uns schon ein bisschen zu Hause, sie frisst ja schon«.
Dana und ihre Mutter blieben noch eine Zeit lang vor dem Trog stehen und schauten, wie Lia ihr Maul in den Trog steckte, etwas Korn mit ihren Lippen aufnahm und geräuschvoll zerkaute.
Dana ging an diesem Tag später ins Bett als sonst. Sie war einfach zu aufgeregt, um schlafen zu können. Sie hatte auch schon mit ihrem Vater telefoniert und ihm von Lia erzählt. Aber dann kam doch die Müdigkeit und Dana wollte ins Bett. Wie jeden Abend betete ihre Mutter mit ihr, bevor sie einschlief. Auch Dana sprach oft ein kurzes Gebet. Meist hatte sie darum gebeten, dass die Bauchschmerzen aufhörten. Diesmal dankte sie Gott für Lia und schlief mit einem Lächeln ein. Mit Tränen der Dankbarkeit ging Frau Furler leise aus dem Zimmer und dachte: Dana ist wieder froh.
EINE STRAHLENDE FRAU
Erwin lebte in einer gemütlichen Wohnung und es ging ihm gut. So lange er denken konnte, war dies sein erster Sommer ohne viel Arbeit.
Er aß gesund.
Er schlief viel.
Er arbeitete nicht.
Er hatte keine Sorgen.
Er hustete nicht mehr und fühlte sich wieder fit.
Wer gut isst, wer genug schläft, wer nicht schwer arbeitet, wer keine Sorgen hat und nicht krank ist, der ist ein glücklicher Mensch, dachte er. Wenn Leute ihn fragten: »Wie geht’s?«, antwortete er: »Gut, mir geht es ausgezeichnet.«
Aber bald hörte er auf, so zu denken, und sagte sich, es stimmt einfach nicht, ich bin nicht wirklich zufrieden. Und so entschied er, nie mehr zu sagen, dass es ihm wirklich gut ginge. Es fehlte etwas: eine Aufgabe, eine sinnvolle Tätigkeit. Ja, und sicher auch eine Partnerin, mit der er sein Leben teilen konnte. Einfach nur allein rumzuhängen, macht keinen Sinn, stellte er fest.
Wenn Leute ihn jetzt fragten, wie es ihm gehe, dann antworte er lediglich: »Gut«, und dachte gleichzeitig: Aber ich bin innerlich nicht wirklich erfüllt! Das war die Wahrheit, und es reichte, wenn die Leute nur die eine Hälfte der Wahrheit kannten.
In dieser Zeit stellte Erwin sich vor den Spiegel und schaute sich an: »Mann, bist du fett geworden«, sagte er zu seinem Spiegelbild. Das stimmte gar nicht, aber so dachte Erwin. Klar, er hatte zwei Kilo zugenommen, aber dick war er noch lange nicht. Aber Erwin sagte zu sich selbst: »Alter Mann, so geht das nicht weiter. Immer nur essen und schlafen, das ist nicht gut für dich. Du musst was tun, ab und zu mal Treppen zu steigen, ist nicht genug.«
Er zog seine Schuhe an und ging zum Lift. Er wollte gerade auf den Knopf mit der grünen Schrift ›Lift kommt‹ drücken, da fiel ihm ein, dass er sich ja mehr bewegen wollte: »Nix da, mein Junge, du nimmst die Treppen«, befahl er sich selbst.
Fünfzehn Minuten später betrat Erwin das einzige Schuhgeschäft im Dorf. Es roch nach neuen Schuhen. »Wanderschuhe, haben Sie auch Wanderschuhe?«
»Guten Tag, ja, natürlich. Bitte kommen Sie mit nach oben«, antwortete ihm eine schlanke Frau und huschte die Treppe hoch. Die ist fit, dachte Erwin und schleppte sich langsam die acht Stufen hoch. Als er oben ankam, prustete er wie Boo, als er den Traktor aus dem Dreck gezogen hatte.
Die Frau, die er fünf Jahre jünger schätzte als sich selbst, brachte ihm ein Paar Schuhe. Erwin ließ sich auf einen Stuhl fallen und zog den Bauch ein.
»Na, dann probieren wir mal«, sagte die Schlanke und kniete sich vor Erwin nieder, zog ihm seine Schuhe aus, steckte seine Füße in die Wanderschuhe, band die Schuhriemen zu und wischte mit der rechten Hand über die linke Schuhspitze. »So, stehen Sie mal auf.«
Erwin hatte die ganze Zeit nur an die Frau vor ihm auf dem Boden gedacht und gar nicht richtig zugehört. Sie ist vielleicht doch jünger, als ich dachte, ging es ihm durch den Kopf.
Schöne Hände hat sie.
Ein schönes Gesicht.
Eine sympathische Stimme.
Eine liebe Art!
»Stehen Sie doch mal auf«, wiederholte die nette Frau.
»Oh, natürlich, ja, wissen Sie, ich, äh, mir … ja, natürlich«, stotterte Erwin herum und stand flott wie ein junger Bursche auf.
»Und, wie fühlen Sie sich?«
»Wie ich mich fühle? Wie dreißig!«
»Nein, ich meine, passen die Schuhe? Fühlen Sie sich wohl in den Schuhen?«
»Ja, ja, die nehme ich, die sind genau richtig.« Er schaute die Verkäuferin an und dachte: Mit dieser Frau könnte ich glücklich werden.
»Vielen Dank, Sie sind genau die Richtige, äh, ich meine, ich bin genau ins richtige Schuhgeschäft gekommen.«
»Das ist nicht schwer«, sagte die freundliche Frau, »es gibt ja nur dieses in unserem Dorf.« Sie lächelte Erwin dabei so nett an, dass es ihm warm ums Herz wurde.
Erwin zahlte und wandte sich zur Tür.
»Brauchen Sie sonst noch was?«
Erwin schaute zurück. Wieder lächelte sie und Erwin dachte: Ja, ich brauche noch ganz viel. Ich werde jeden Tag hierherkommen und etwas kaufen. Aber er sagte etwas anderes: »Ja, vielleicht noch ein paar gute Socken.«
Erwin zahlte und ging. Sie kam ihm hinterher, öffnete ihm die Tür und gab ihm die Hand zum Abschied. Sind die Leute aber freundlich hier!, dachte er. Oder war sie nur zu mir … Hör auf zu spinnen, Alter, würgte er den Gedanken ab und ging in die nächste Kneipe.
Zwei Stunden später kam er wieder raus. Nein, betrunken war er nicht, aber vielleicht ein bisschen angeheitert. Es gibt zwei Wege nach Hause: einen kürzeren, der aber nicht am Schuhgeschäft vorbeiführte, und einen längeren, vorbei am Schuhgeschäft. Ich will ja abnehmen, überlegte er, also nehme ich den längeren!
Direkt am Schuhladen vorbeigehen wollte er nicht. Was würde die Verkäuferin von ihm denken? Also wechselte er die Straßenseite und tat so, als habe er es eilig. Dann fiel ihm ein, dass er ja gar nicht wusste, wann das Schuhgeschäft offen hatte. Nach ein paar Metern ging er wieder zurück auf die andere Straßenseite und schlenderte gemütlich von Geschäft zu Geschäft. Vor der Tür des Schuhgeschäfts hielt er an. Mit dem Finger zeigt er auf den Anschlag mit den Öffnungszeiten, fuhr langsam von oben bis unten daran entlang und bewegte seine Lippen. Seine Augen allerdings suchten das Innere des Ladens ab. Ja, da stand sie und tippte gerade Zahlen ein. Als sie ihn sah, hob sie ihre Hand zum Gruß. Er grüßte zurück, indem er die Tasche mit den Schuhen hochhielt und schwenkte. Dann zeigte er auf den Zettel, so als wollte er sagen: »Hab schnell mal geschaut, wann Sie offen haben«, und marschierte los.
Er hatte den längeren Weg nach Hause gewählt, weil er fit werden wollte. Bald würde er feststellen, dass der längere Weg noch aus einem anderen Grund der richtige gewesen war.
Erwin ging bis zur Mitte des Dorfes, dann schwenkte er nach rechts in eine schmale Gasse ein und befand sich nach 500 Metern auf einem schmalen Landweg. Der bog bald nach rechts ab. Erwin ging wieder in Richtung Wohnheim. Rechts von ihm lag das Dorf, in dem »eine wunderbare Frau« arbeitete, links erhoben sich einige Kilometer entfernt die Berge. Auf beiden Seiten breiteten sich weite Kornfelder aus. Vor ihm lag ein kleiner Wald. So, wie es aussah, führte der Weg in den Wald hinein. Eine wunderschöne Gegend, dachte er. Er breitete beide Arme aus, sog das Duftgemisch aus Blumen und Korn tief ein und sagte laut: »Ich liebe das Land, den Wald und die Berge. Es ist so schön hier!« Ungewollt hatte er sich dabei in Richtung Dorf gedreht.
Der Weg führte tatsächlich durch das kleine Wäldchen und Erwin gelangte schnell wieder auf ein freies Feld. Er hatte einen weiten Blick nach vorn. Ja, da ging es etwas bergab zum See. Vorn rechts von ihm lag das Wohnheim. Und links tauchte jetzt das Haus mit dem roten Dach auf, das er von seinem Fenster aus gesehen hatte. Er nahm sich vor, das Anwesen mal aus der Nähe anzuschauen.
An der Kreuzung blieb er stehen. Der Landweg, der weiter zum See führte, wurde hier von einer asphaltierten Straße gekreuzt, die vom Dorf hinauf zum Haus verlief. Rechts, nur wenige Meter von der Kreuzung entfernt, stand ein buschiger Haselnussbaum einsam in der Landschaft. Zwei Tauben saßen halb verdeckt auf einem Ast dicht nebeneinander.
Erwins Aufmerksamkeit richtete sich auf das große Haus links von ihm. Ein umgebauter Bauernhof, ging es ihm durch den Kopf. Links der Stall, rechts das Wohnhaus. Alles sauber und gepflegt. Das ganze Gelände mit einem hohen grünen Drahtzaun umgeben. Wer wohnt hier wohl?, fragte er sich und gab sich gleich selbst die Antwort: »Wahrscheinlich eine wichtige Persönlichkeit!« Seine Vermutung bestätigte sich, als er nach links auf den asphaltierten Weg abbog und die Einfahrt sah. Ein schwarzes Auto stand vor der Tür. Eine Wache. Das Haus wird sicher bewacht! Es hätte ihn gereizt, noch näher heranzugehen, um herauszufinden, ob wirklich ein Mann mit einem Gewehr im Auto saß. Aber vielleicht ein andermal, entschied er.
Er ging zurück, vorbei an der Kreuzung, wo die Tauben schliefen, und beschleunigte seinen Schritt. Zum Abendessen wollte er zu Hause sein. Hinter ihm wieherte ein Pferd und er vernahm eine fröhliche Kinderstimme. Aber das kümmerte ihn jetzt nicht, er war müde und hatte Hunger. Er hatte nur noch den gedeckten Abendbrottisch im Sinn.
Nach zehn Metern blieb er ruckartig stehen, als wäre er an eine unsichtbare Wand gelaufen. Er schaute zurück. Ein Pferd?! Nein, das war nicht irgendein Pferd, das war Lia! Es gab keinen Zweifel, er hatte seine Lia gehört.
Erwin drehte sich viel zu hastig um. Es wurde ihm schwindlig. Er blieb einen Augenblick ruhig stehen und atmete tief durch. Dann marschierte er entschlossen auf den Eingang zu, vor dem der schwarze Wagen stand. Er würde dem Mann mit dem Gewehr erklären, wer er war und was er wollte.
An der Stelle, wo die Wege sich kreuzten, blieb er stehen und dachte: An der »Taubenkreuzung« habe ich Lia wiedergefunden. Und er stellte fest, dass es ihn außerordentlich berührte. Es war mehr als Wiedersehensfreude. Lia hatte nur gewiehert, aber es hatte sich angefühlt, als hätte sie ihm zugerufen: »Erwin, du stehst nicht zufällig an dieser Kreuzung.« Er ahnte, dass etwas Bewegendes auf ihn zukam. Sein Blick wanderte wieder Richtung Dorf.
Schon die Begegnung mit der Verkäuferin war ihm so tief unter die Haut gegangen. Ja, er hatte sie als Frau nett und anziehend gefunden. Aber da war mehr! Erwin überlegte, was es gewesen sein könnte, fand aber keine Antwort. Was passiert hier eigentlich mit mir?, fragte er sich. Es waren gute, mächtige Gefühle, die sich in ihm breitmachten, aber sie verunsicherten ihn auch. Es fühlte sich an, als wäre da noch jemand anderes im Spiel. Dies war ihm fremd, er hatte so was noch nie erlebt.
EIN GUTER MANN
Mustafa kam aus dem Irak. Zwei Jahre hatte es gedauert, bis er seine vorläufige Aufnahme erhalten hatte. Er hatte erwartet, eine Asylanerkennung zu bekommen. Leider hatten die Behörden ein paar Unstimmigkeiten bei seiner Befragung festgestellt. Bevor die nicht geklärt waren, hatte er keine Chance, als Asylbewerber anerkannt zu werden. Aber das war ja immer noch möglich. Auch mit dem »Ausweis F«, den er jetzt hatte, bekam er eine eigene Wohnung und durfte arbeiten. Nun wollte er ein neues Leben beginnen.
Aber so einfach war das nicht! Er musste immer wieder daran denken, wie schrecklich es im Krieg gewesen war. Ein Jahr hatte er im Gefängnis gesessen und war nicht gut behandelt worden.
Mustafa nahm jede Beschäftigung an, die man ihm anbot. Er ging jeden Tag zum Deutschkurs – vormittags und abends. Und am Nachmittag arbeitete er als Hauswart. Wenn er beschäftigt war, ging es ihm besser.
Als er die Stelle als »Mädchen für alles« beim Präsidenten bekam, konnte er sein Glück kaum fassen. Es gab viel zu tun und das gefiel Mustafa. So war er abgelenkt und musste nicht ständig an seine Familie im Irak denken. Er mähte den Rasen, beschnitt die Bäume, räumte hier auf, putzte dort.
An dem Tag, als das Pferd kam, hatte er frei genommen. Als er am nächsten Tag in den Stall ging, sah er das Pony zum ersten Mal und erschrak so sehr, dass er die Tür sofort wieder zuknallte. Ein Pferd, das war das Allerschlimmste, was er sich vorstellen konnte. Als kleiner Junge war er von einem Pferd getreten worden. Er erinnerte sich noch gut, wie das passiert war.
Mit seinem Vater war er zum Nachbarn gegangen, der ein Pferd auf dem Hof hielt. Als sich die beiden Väter unterhielten, wurde es ihm langweilig. Er sah das Pferd und fand es lustig, wie es mit seinem Schwanz die Fliegen vertrieb. Er hatte plötzlich Lust, mit dem Pferd zu spielen und das hin und her schweifende Haarbüschel festzuhalten. Unbeobachtet von den Erwachsenen stolzierte er los, direkt auf das Hinterteil des Pferdes zu. Als er nah genug dran war, schnappte er den wedelnden Pferdeschwanz und zog kräftig daran. Erschrocken schlug das Pferd nach hinten aus und traf ihn an der Hüfte. Sofort holte man einen Arzt und er wurde ins Krankenhaus gebracht. Zwei Jahre dauerte es, bis er wieder normal gehen konnte. Noch heute hatte er ab und zu Schmerzen in der rechten Hüfte – und fürchterliche Angst vor Pferden!
»Mustafa«, sagte Danas Mama, »ab heute hast du eine weitere Arbeit: den Stall ausmisten und dafür sorgen, dass immer genug Futter vorhanden ist. Dafür ist Dana noch zu klein.«
Wie immer sagte Mustafa zu dem, was die Chefin ihm auftrug, freundlich ja. Und wie sonst auch, bekräftigte er sein Ja mit einem breiten Lächeln. Mustafa liebte Frau Furler und ihre Tochter und war froh, bei ihnen arbeiten zu dürfen.
»Danke, Mustafa«, sagte Frau Furler und dachte: Mustafa ist wirklich ein guter Mann. So freundlich und so willig. Er war ein anständiger Kerl und hatte ein gutes Zeugnis von seinem Sozialarbeiter vorgelegt. Er wäre sonst auch nicht angestellt worden. Über seine Fluchtgründe hatte sie keine Information. Sie wusste auch nichts über seine Gedanken und seine Wünsche. Im Grunde hatte sie keine Ahnung von seinem Leben.
Da war sie nicht die Einzige: Die Geschichte, die Mustafa den Schweizer Behörden erzählt hatte, war an manchen Punkten zweifelhaft. Mit seinem jetzigen Ausweis konnte Mustafa wieder ausgewiesen werden. Das wusste er und darum bemühte er sich, möglichst unauffällig zu leben und nirgends Anstoß zu erregen.
Als Mustafa an diesem Tag von der Arbeit nach Hause kam, ging er sofort ans Telefon und rief einen Bekannten an. Er hieß Carlo. Eigentlich war das kein deutscher Name. Carlo war ein Schweizer, den er bei einer Arbeitsvermittlungsstelle kennengelernt hatte. Er war froh, jemanden zu kennen, mit dem er Deutsch reden konnte. Aber gut kannte er ihn nicht. Er wusste, dass er immer noch keine Arbeit gefunden hatte. Manchmal wunderte er sich, warum sein Bekannter so wenig Zeit hatte.
Mustafa erzählte von seinem Problem mit dem Pferd. »Wie soll ich machen, ich Angst vor Pferd?« Mustafa hatte noch etwas Mühe mit der deutschen Sprache, manchmal ließ er Wörter aus oder verdrehte sie. Aber man wusste immer, was er meinte.
Carlo überlegte kurz und sagte: »Mustafa, mach dir keine Sorgen, mir fällt schon was ein. Ich muss jetzt weg und melde mich dann später wieder.«
Er legte auf und rief sofort seinen Kollegen an: »Ja, der arbeitet beim Präsidenten! – Klar kann man da was machen. – Aber vor dem Eingang steht ein Wachmann. – Nein, das geht nicht, aber hinter dem Stall, da … – Mustafa muss uns natürlich ein bisschen helfen, dann klappt das schon.«
Carlo legte auf und rieb sich die Hände. So ein Hammerding, dachte er. Dann überlegte er: Mustafa darf sich seine Angst vor dem Pferd auf keinen Fall anmerken lassen. Zum Schluss kündigt man ihm noch. Das wäre wirklich schade.
Wenig später rief er bei Mustafa an: »Hör mal, Mustafa, du kannst ja den Stall ausmisten, wenn das Pferd nicht drin steht. Es darf keiner merken, dass du Angst hast, das könnte man falsch verstehen. Und dir gefällt die Arbeit doch, oder?
Mustafa hatte verstanden. Er würde alles tun, um seinen Job zu behalten.
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