Kitabı oku: «Spinner. Schelme. Scharlatane»
Johannes Sachslehner
PORTRÄTS aus dem
WIENER NARRENKASTL


ISBN 978-3-990-040438-6

Wien – Graz – Klagenfurt
© 2016 by Styria Premium in der
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Covergestaltung: Bruno Wegscheider
Produktion und Gestaltung: Alfred Hoffmann
Reproduktion und Bildbearbeitung: Pixelstorm, Wien
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Fast a jeder Wiener is a klaner Spinner
Der Goldmacher · Der Mann, der sich Sehfeld nannte
Der Handaufleger · Franz Joseph Graf von Thun
Der Narrendattel · Johann Lochner
Der geniale Illusionist · Johann Nepomuk Mälzel
Der Selbstverewiger · Joseph Michael Kyselak
Der Zauberer vom Cobenzl · Carl Ludwig von Reichenbach
Der Wuotanspriester · Guido von List
Der Eisnarr · Hanns Hörbiger
Der Verjünger · Eugen Steinach
Der Arioheroiker · Jörg Lanz von Liebenfels
Der verirrte Philosoph · Otto Weininger
Der politische Traumwandler · Peter Waller
Quellen- und Literaturverzeichnis
Bildnachweis

FAST A
JEDER WIENER
IS A KLANER
SPINNER
Die Menschen sind so notwendig verrückt, dass nicht verrückt sein nur hieße, verrückt sein nach einer anderen Art von Verrücktheit.
Blaise Pascal, Gedanken
Stultorum infinitus est numerus ·
Die Narren seynd ohne Zahl und ohne Ziel
Abraham a Sancta Clara,
Hundert Ausbündige Narren
Fast a jeder Wiener is a klaner Spinner“, sang einst der Wiener Liedermacher Hans Lang und das Publikum pflichtete ihm gerne bei – ja, die Wiener galten und gelten als etwas „ver-rückt“. Gleich hundert „ausbündige Narren“ wollte Abraham a Sancta Clara unter seinen Zeitgenossen erkennen: vom „Astrologischen Narren“ bis zum „Weiber-Narren“, vom „Bücher-Narren“ bis zum „Zauberey-Narren“. Ganz Wien war dem wortgewaltigen Barfußprediger und eifrigen „Narrengeißler“ (Ulrich Holbein) ein „Narrennest“ und ein „Karrn voller Narrn“ – „Wer die Welt nennt ein Narren-Häusel, der nennt sie recht“, war sein beliebter Spruch.
Die Wiener selbst bewiesen eine gewisse Neigung für das Närrische: Man schätzte die komischen Käuze, seltsamen Originale und schnurrigen Zeitgenossen, sie gehörten irgendwie dazu, boten willkommenen Stoff zur Belustigung, aber auch zu manchem Ärger. Man genoss die groben Possen des Hanswursts auf den Stegreifbühnen der Stadt, beklatschte den Harlekin der Commedia dell’arte und lachte über den Kasperl und seine Abenteuer. Hatte man partout keinen Narren zur Hand, so wanderte man am Sonntag zum Narrenturm beim Allgemeinen Krankenhaus, um hier die „Halbtollen“ und wirklich Wahnsinnigen zu sehen, oder man erfand so manch Närrisches einfach selbst – die „Unsinnsgesellschaft“ um Franz Schubert und Leopold Kupelwieser, die ihren Stammsitz im Gasthaus „Zum rothen Hahn“ auf der Landstraße hatte, ist dafür beredtes Zeugnis. Man liebte das Spiel mit närrischen Rollen, mit seltsamen Pseudonymen und allerlei Verkleidungen, es gefiel, die „Mitmenschen und sich selbst zum Narren zu halten“, wie Emil Karl Blümml in seiner Abhandlung über den „Narrendattel“ schreibt. Kurz gesagt: Die Narren waren den Wienern schon immer lieber als öde schulmeisterliche Belehrung. Sie ermöglichten das befreiende Lachen über eine in der närrischen Perspektive grotesk verzerrte Welt.
DER NARR UND DAS ABSEITIGE DENKEN
Der Narr, sagt Erasmus von Rotterdam in seiner berühmten satirischen Schrift Lob der Torheit, zeichne sich durch die Abwesenheit von Verstand aus. Das war nicht unbedingt ein Makel: Der unvernünftige „Hofnarr“ bewegte sich in unmittelbarer Nähe des Herrschers, der weise Berater und der Tor, beide standen dem Regenten gemeinsam zur Seite. Dem Narren war es vorbehalten, im Gewand der Narretei unverblümt Dinge sagen zu können, die dem Weisen nicht gut angestanden wären: Verrücktes, Lustiges, aber auch Kritisches, Provokantes. Man verzieh ihm ob seiner Torheit und lachte über seine Scherze. Der Narr war durch seine Tracht, die Narrenkappe, geschützt und konnte nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Erasmus geht in seinen Überlegungen zur Torheit aber noch weiter und wagt eine These: Er meint, dass es die „Narrheit“ brauche, um schöpferisch zu sein. Es sei Fiktion, dass das menschliche Dasein von Vernunft geleitet werde, gerade die „Narrheit“ sorge für neue Ideen.
Genau dieses „unkalkulierte, abseitige, ungebändigte, regellose, flanierende Denken“ (Alexander Košenina) zeichnet die Protagonisten dieses Buches aus. Die „Narren“, von denen hier die Rede ist, sind unbequem. Es sind „große Spinner“, skurrile Eigenbrötler, unorthodoxe Denker, störrisch-sture Exzentriker, die an ihren Ideen und „Spinnereien“ um jeden Preis festhalten. Sie beweisen außerordentlichen Verstand, sind gut gebildet und umfassend belesen, manche von ihnen sind technische Genies, Erfinder und Pioniere der Naturwissenschaft. Sie verkünden ihre Glaubenssätze und Überzeugungen in einer Sprache, die irritiert und fasziniert, zwischen Genie und Wahnsinn oszilliert.
Die Geschichte der modernen Wissenschaft, so sagt Christina Wessely in ihrer Studie über Hanns Hörbiger zu Recht, müsse immer auch „als Geschichte fantastischer Projekte, anachronistischer Utopien und spektakulärer Irrtümer“ erzählt werden, wobei es nicht um eine bloße „Bestandsaufnahme verrückter Theorien oder absurder Ideen, um Figurationen von Spinnern oder Fantasten“ gehe, sondern vor allem um die „Sichtbarmachung der Spuren“, die sie mit ihrer Arbeit hinterlassen haben. Die „gelehrten Narren“, „gescheiterten Gelehrten“ und glücklosen Welterklärer sind mehr als belanglos-kuriose „Unfälle“ der Wissenschaftsgeschichte: Gerade ihr Scheitern macht sie interessant, es sind bedeutsame Figuren, „deren Störungen produktiv sind und gerade erst zum Fortschritt der gefährdeten Ordnung beitragen“ (Christina Wessely). Das Paradoxe also: Die „Narren“ tragen zur Erhaltung des Systems bei. Die Ordnung, die sie ändern oder zerstören wollen, geht aus ihren Angriffen gestärkt hervor. In seiner Schrift über den Dilettantismus stellte der Philosoph Rudolf Kassner dazu fest, dass „man das Falsche in der Ökonomie des Ganzen“ brauche, die „unterhaltenden Irrlichter“ seien ohne das „alte Zermoniell, die alten Kulissen nicht zu denken“, denn nur dann könnten sie „transgredieren und hin und wieder laufen und mischen und brouillieren und doch nichts im wesentlichen ändern“.
„Navis stultorum“: Das „Narrenschiff“ wurde zur populären Metapher für das närrische Treiben der Welt. Titelblatt von Sebastian Brants Buch, 1497.
Soweit der philosophische Blick Rudolf Kassners – blickt man jedoch genauer auf die Leistung einzelner „Narren“, so zeigt sich, dass es ihnen zum Teil sehr wohl gelang, Breschen in die geschlossenen Fronten gültiger Lehrmeinungen zu schlagen. Was aber noch bedeutsamer war: Die „Narren mit der Lizenz zur geistreichen Umkehrung etablierter Meinungen und bestehender Ordnungen“ (Alexander Košenina) erreichten jene öffentliche Aufmerksamkeit, die der anerkannten akademischen Elite meist verwehrt blieb. Ihre exzentrischen Ideen, oft auch provokativ vorgetragen, befeuerten die Diskussion und setzten nachhaltige Impulse, wie immer man sie auch aus heutiger Sicht beurteilen mag.
ZWISCHEN GENIE UND WAHNSINN
Wir sind mit diesem Begriffspaar „Genie und Wahnsinn“ schnell zur Hand, wenn es darum geht, außergewöhnliche Leistungen „gelehrter Narren“ zu beschreiben. Die Formel „Genie und Wahnsinn“ erklärt zwar nichts, sie entschärft aber den „Tatbestand“, enthebt uns der Aufgabe, sich ein genial-wahnsinniges Gedankengebäude genauer anzusehen. „Genie und Wahnsinn“ ist die beliebte Metapher, um sich Fremdes, Unvertrautes im gewissen Sinne vertraut zu machen.
Der Wahnsinn, sagt Michel Foucault in seiner großen Studie über Wahnsinn und Gesellschaft, wird in der frühen Neuzeit zu einer „Bezugsform der Vernunft“, sie treten in eine „ständig umkehrbare Beziehung, die bewirkt, dass jede Wahnsinnsform ihre sie beurteilende und meisternde Vernunft findet, jede Vernunft ihren Wahnsinn hat, in dem sie ihre lächerliche Wahrheit findet“. Exakt in dem Spannungsfeld, das Foucault hier umreißt, bewegt sich die Auseinandersetzung mit den Protagonisten des Wiener Narrenkastls. Wir müssen uns daher die Frage stellen: Was bedeutet das, wenn wir jemanden einen „Narren“ nennen oder einen „Wahnsinnigen“? Kann es nicht auch sein, dass wir diesem Menschen nur deswegen Unvernunft oder „Nicht-Vernunft“ zusprechen, weil er unseren vertrauten Horizont überschreitet und wir ihn nicht auf Anhieb verstehen? Dann wäre der „Narr“ nur eine Metapher für jemanden, der unser vertrautes Bild vom Menschen transzendiert. Das Etikett „Narr“ oder „Spinner“ erspart uns auch die nähere Beschäftigung mit ihm, rückt es ihn doch an den Rand der Gesellschaft, die wie nie zuvor in der Geschichte dabei ist, eine normierte und regulierte Gesellschaft zu werden. Jemanden einen „Narr“ zu nennen, so die These dieses Buches, erspart uns jedoch nicht die Auseinandersetzung mit ihm, denn gerade er ist es, der die Zeitgenossen bewegt hat. Der viel zitierte historische „Kontext“ soll daher nicht außer Acht gelassen werden. Manche Vorstellungen entwickeln erst in der Wechselwirkung mit ihrem Publikum ihre Wirkkraft. Die Frage lautet dann: Wieso hat gerade der „Narr“ so viel Zulauf? Was ist das Faszinierende, Verlockende an den Auftritten des Unverständigen, Querdenkenden?
„Die Weisheit und der Wahnsinn“, sagt der französische Philosoph Pierre Charron in seiner Schrift Über die Vernunft, „sind sehr benachbart. Es ist nur eine halbe Umdrehung von der einen zur anderen“, es gebe keinen großen Geist, in den „sich nicht der Wahnsinn“ mischte.
Ein Wiener Beispiel sei hier vorab angeführt: der Anatom und Augenarzt Joseph Barth (1745–1818). Wien verdankt dem 1745 in La Valleta, Malta, geborenen Mediziner das erste anatomische Theater. Jene Bühne, auf der Tote die Hauptrolle spielten. Nackt zur Schau gestellt, aufgeschnitten und zerstückelt, waren sie die tragischen Helden in der vom Anatomen inszenierten Schau. Die Öffnung der menschlichen Hülle im Dienste der medizinischen Wissenschaft, die Zurschaustellung und „Entschlüsselung“ des menschlichen Inneren wurde zum Spektakel. Er wurde mit dem Titel „kaiserlicher Rat“ ausgezeichnet und was besonders zählte: Kaiser Joseph II. vertraute seinen Fähigkeiten, ab 1786 war Barth der „Leibaugenarzt“ des Herrschers und konnte diesen zum Bau des erwähnten „anatomischen Theaters“ bewegen. Barth unterstützte das Vorhaben mit einer Geldspende und stellte Bücher zur Verfügung.
Den Wienern blieb Barth durch seine „Narreteien“ in Erinnerung: So pflegte sich Barth in den Tagen der Französischen Revolution gerne als Sansculotte zu kleiden – eine provokante Geste, die im reaktionären Habsburgerstaat durchaus Mut verlangte. Und innerhalb seines Anwesens soll Barth einfach nur splitternackt herumgelaufen sein …

DER
GOLDMACHER
DER MANN,
DER SICH
SEHFELD
NANNTE
Die Alchymisten verheissen grossen
Reichtum/und haben selber nichts/
und das was sie suchen/finden sie nicht/
und was sie haben verliehren sie …
Abraham a Sancta Clara,
Goldmacher-Narr
Der Mann, der sich Sehfeld nannte, kam 1745 nach Wien. Über seine Profession machte er nur unklare Angaben – er sei eigentlich Oberösterreicher, hätte die letzten acht oder zehn Jahre im Ausland verbracht und wäre in der Herstellung von Farben und Arzneimitteln tätig gewesen. Der seltsame Fremde besaß offenbar ein überzeugendes Auftreten, denn es gelang ihm trotz des Misstrauens, das ihm entgegenschlug, von Kaiser Franz I. Stephan ein Protectorium, einen Schutzbrief, zu bekommen, der ihn berechtigte, sich weiter der Fabrikation von „chymischen Farben“ zu widmen. Doch dann tauchte ein böses Gerücht auf: Der „Wundermann“ sei eigentlich ein verkappter Goldmacher – und mit diesen Scharlatanen wollte vor allem Maria Theresia nichts mehr zu tun haben, zu oft schon war die kaiserliche Familie Betrügereien aufgesessen. Ihre und des Wiener Hofs Sorgen galten einem anderen Thema: Die Diplomaten der jungen Herrscherin konnten nach den schweren Niederlagen der habsburgischen Heere gegen Friedrich II. den Verlust Schlesiens nicht mehr verhindern, retteten aber zumindest die Kaiserwürde für ihren Gatten, der in Frankfurt als Franz I. Stephan gekrönt wurde. An der Schwelle zum Zeitalter moderner naturwissenschaftlicher Forschung bewies der Fall Sehfeld, dass der alte Traum der Alchimisten von der Transmutation der Materie noch immer gegenwärtig war.
Sehfeld, der rätselhafte Ankömmling, hielt sich denn auch nicht lange in der Residenzstadt auf, sondern begab sich, wie er verlauten ließ, zur Kur ins Badehaus von Rodaun, wo er auch Quartier bezog. Eigentümer des alten Mineralbades im Tal der Liesing am Rande des Wienerwaldes und zugleich Bademeister war zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Friedrich, dessen Frau und drei Töchter Tun und Lassen des Fremden mit großer Neugier beobachteten. Besonders verwunderlich war, dass er Friedrich bat, in aller Stille Schmelztiegel, Kolben und andere Gerätschaften für alchimistische Versuche zu beschaffen. Nach einigen Wochen fasste Sehfeld offenbar den Vorsatz, die aufdringliche Neugier der Damen für sich zu nutzen. Er beschloss, ihnen sein vorgeblich großes Geheimnis zu entdecken: Er könne Gold machen!
Vor den Augen des verblüfften Bademeisters und seiner drei Schönen demonstrierte Sehfeld in der Küche des Badehauses seine beeindruckende Kunst: Er schmolz ein Pfund Zinn und streute dann ein rotes Pulver auf das flüssige Metall. Unter Bildung eines in allen Farben leuchtenden Schaums verwandelte sich das geschmolzene Zinn zischend und brodelnd tatsächlich in gutes Gold – daran bestand zumindest für die gutgläubigen Augenzeugen dieses Wunders kein Zweifel! Der Fremde beließ es auch nicht bei dem einen Versuch: Woche für Woche stellte er nun mindestens zweimal Gold her, das Friedrich, der keinen Argwohn schöpfte, in Wien gegen klingende Münze verkaufte. Sehfeld war mit seinem Quartiergeber zufrieden und äußerte die Absicht, für länger im Rodauner Badehaus bleiben zu wollen, für den Bademeister würde das „ansehnliche Vorteile“ bringen. Er hatte zwar die Familie Friedrich um strengste Verschwiegenheit gebeten, doch gewisse Andeutungen im Gespräch mit Freundinnen und Bekannten konnten sich die Damen des Hauses offenbar nicht verkneifen und so rankten sich bald verschiedene Gerüchte um den Fremden. Sehfeld, der befürchten musste, dass sich die Bürokraten in Wien für ihn zu interessieren begannen, versuchte möglichen Schwierigkeiten zuvorzukommen und wandte sich daher mit der Bitte um einen kaiserlichen Schutzbrief an Franz I. Stephan – mit diesem Protectorium, das er auch erhielt, wurde ihm die Produktion von Farben und anderen Chemikalien erlaubt; für einige Zeit verstummten die Gerüchte um ihn. Pünktlich bezahlte er die vereinbarten Abgaben an die Hofkammer, man munkelte von 30.000 Gulden, die Sehfeld monatlich zu leisten hätte, eine enorme Summe, die allein schon Verdacht erregte. Andere wollten wiederum wissen, dass Sehfeld eine Schutzgebühr von 30.000 Gulden pro Jahr vereinbart hätte, auch das noch immer eine ansehnliche Summe.
Als Sehfeld eines Tages wieder einmal nach Wien reiste, beschloss die Familie Friedrich, in seiner Abwesenheit Gold zu machen, scheiterte aber kläglich: „Sie schmelzten Zinn, und streuten ihr Pulver darauf. Allein, es blieb darauf liegen, ohne einzugehen; und es erfolgten weder Schaum noch die Verwandlung in Gold.“ Erstaunt mussten der Bademeister und seine Frauen zur Kenntnis nehmen, dass Sehfeld nach seiner Rückkehr sofort darüber im Bilde war, dass sie sich in seinem Laboratorium zu schaffen gemacht hatten. Der Alchimist zeigte sich versöhnlich und demonstrierte ihnen, wie sie tatsächlich ohne sein Beisein Gold machen könnten: „Er ließ ihnen Zinn schmelzen, und blieb in der Stube. Anfangs wollte das Pulver nicht eingehen: als sie ihm dieses meldeten; so lächelte er, und hieß sie nunmehr in die Küche gehen, und es würde Gold werden. Als sie kaum wieder in die Küche traten, so erhob sich der Schaum, und es wurde Gold. Hierauf gründete sich ihre Meinung, dass sie ihn vor einen ausserordentlichen Menschen ansahen, ob sie gleich weit entfernet waren, ihn vor einen Zauberer zu halten.“ (Zitiert nach Justi, Gesammlete chymische Schriften, Band 2.)
Einige Zeit hindurch blieb in Rodaun alles ruhig und Sehfeld machte ungestört weiter „viel Gold“, doch irgendwelche Neider mussten den Goldmacher schließlich beim Kaiser angeschwärzt haben, denn die gestrenge Obrigkeit entschloss sich zum Handeln: Eine Abteilung der Wiener Rumorwache umstellte eines Nachts das Badehaus, arretierte Sehfeld und brachte ihn in die Stadt. Eine Zelle im Malefizspitzbubenhaus in der Rauhensteingasse wurde sein neues Zuhause. In den Verhören schwieg der Alchimist eisern, auch die Peitschenhiebe der Schergen in der Folterkammer brachten ihn nicht zum Sprechen. Und selbst wenn man ihm „den Kopf abhauen und durch tausend Martern das Leben nehmen“ wolle, so erklärte er angeblich standhaft, werde er schweigen. Polizeichef von Wien und Niederösterreich war in jenen Tagen Martin Joseph Mannagetta, der niederösterreichische Vizestatthalter – ob er tatsächlich dem Einsatz der Tortur gegen einen Goldmacher zugestimmt hätte, ist fraglich. Sehfeld wahrte jedenfalls sein großes Geheimnis und die Richter versuchten den verstockten Klienten vorerst einmal loszuwerden: Er wird wegen angeblicher Betrügereien, die großen Schaden verursacht hätten, zur Zwangsarbeit auf der siebenbürgischen Festung Temesvar verurteilt.
Die Verhaftung Sehfelds war in Wien nicht unbemerkt geblieben, vielfach wurde kritisiert, dass man den Alchimisten zu Unrecht festgenommen habe und das Urteil gegen ihn nicht gerechtfertigt sei. Manche wollten in ihm tatsächlich einen „wahren Adepten“ („Eingeweihten“) der Goldmacherkunst sehen; das rötliche Pulver im Besitz Sehfelds interpretierten sie als „Roter Löwe“ oder „Rote Tinktur“, also als jene prima materia, mit der es den „Eingeweihten“ gelingen würde, unedle Metalle in Gold zu verwandeln.
Ein Alchimist schlägt Münzen aus seinem Zauberstab. Stich von Matthäus Merian in der berühmten „Atalanta fugiens“ von Michael Maier, 1617.
Ein neugieriger Kaiser: Franz I. Stephan versuchte Sehfeld für „curieuse Experimente“ zu gewinnen.
Kommandant der Festung Temesvar war Karl Leopold Pontz Baron von Engelshofen (1692–1772), ein Mann, der sich ebenfalls für die „Transmutation“ von Materie in Gold interessierte und nun mit Sehfeld einen aufregenden Gesprächspartner gefunden hatte. Pontz ließ sich von der Unschuld Sehfelds überzeugen, anlässlich einer Dienstreise nach Wien sprach er in diesem Sinne sogar beim Kaiser vor – die Aufmerksamkeit Franz Stephans war nun geweckt. Während einer Wildschweinjagd in den Wäldern nahe Rodaun ließ er den Bademeister Friedrich zu sich holen, um sich von diesem die wundersamen Experimente Sehfelds ausführlich und authentisch schildern zu lassen. Als Franz Stephan ihn fragte, ob er sich vielleicht nicht doch geirrt habe, soll Friedrich Folgendes entgegnet haben: „Ihro Majestät! Und wenn der liebe Gott vom Himmel käme und spräche: Friedrich! Du irrest dich, Sehfeld kann kein Gold machen, so wollte ich antworten: Du lieber Gott! Es ist doch gleichwohl wahr; ich bin davon so gewiß überzeuget, als du mich erschaffen hast.“ (Zitiert nach Justi, Gesammlete chymische Schriften, Bd. 2.) Die offenen Worte des Bademeisters bewirkten bei Franz Stephan einen endgültigen Sinneswandel zugunsten Sehfelds. Naturwissenschaftlich und auch alchimistisch interessiert, kam er zum Schluss, dass es vielleicht doch klüger sei, die Kenntnisse des Verurteilten für „curieuse Experimente in der Chymie“ zu nutzen. Er befahl die „Loslassung“ Sehfelds vom Festungsbau und ließ ihn zurück nach Wien eskortieren. Der clevere Kaiser knüpfte allerdings eine Bedingung daran: Sehfeld müsse in seinem Auftrag chemische Versuche unternehmen. Er könne sich zwar frei bewegen und überall hinreisen, begleitet werden würde er jedoch immer von zwei Offizieren, die ihm Gesellschaft zu leisten hätten.
Stand vermutlich hinter dem Vorgehen gegen Sehfeld: Maria Theresias Leibarzt Gerard van Swieten.
Sehfeld nahm das Angebot des Kaisers an und widmete sich dem Wunsch des Herrschers entsprechend verschiedenen Experimenten, immer sah man ihn in Begleitung zweier Offiziere, die ihm schließlich zu Freunden und Gefährten wurden – des Kaisers Plan schien sich zu bewähren. Doch dann brach Sehfeld, der tun und lassen konnte, was er wollte, mit seinen beiden Begleitern – sie stammten aus Lothringen und waren wegen ihrer „unverbrüchlichen Ergebenheit“ zum Kaiser für diese Aufgabe speziell ausgewählt worden – zu einer Reise auf, von der sie auch nach Monaten nicht zurückkamen. Franz I. Stephan war beunruhigt und schickte ihnen Polizeibeamte nach, die ihren Aufenthalt ausforschen sollten – vergebens:Alle Nachforschungen waren vergeblich, Sehfeld und seine beiden lothringischen Freunde blieben für immer verschwunden … In Wien glaubte niemand an seinen Tod. Seine Anhänger waren überzeugt, dass Sehfeld einen Weg gefunden hatte, um sich der Beobachtung zu entziehen, man vermutete, dass er die beiden Offiziere davon überzeugt hatte, tatsächlich Gold machen zu können. Man glaubte ihn in England, dann in Holland und in der Schweiz, angeblich soll Sehfeld später in Amsterdam wieder aufgetaucht sein, eine andere Spur führte in die deutsche Stadt Halle …
DAS RÄTSEL DES „SCHMELZTIEGLERS”
Im Badehaus an der Liesing lagen inzwischen noch immer einige seiner Materialien und persönlichen Besitztümer, die niemanden zu interessieren schienen. Erst einige Jahre nach dem Verschwinden Sehfelds kam ein Mann nach Rodaun, der alles ganz genau wissen wollte: Der preußische Berghauptmann und Nationalökonom Johann Heinrich Gottlob von Justi (1720 - 1771), Professor der Kameralwissenschaften an der Theresianischen Ritterakademie, ein durchaus nüchtern denkender Aufklärer, führte mit der Witwe des inzwischen verstorbenen Bademeisters Friedrich lange Gespräche über die Ereignisse von 1745 und sammelte auch in Wien alles, was über Sehfeld noch zu erfahren war. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er in der kleinen Schrift Geschichte des Sehfelds, eines vermutlich noch lebenden Adepti, in der er die Meinung vertrat, dass es durchaus „starke und ungezweifelte Beweise“ dafür gebe, dass der Fremde von Rodaun die Kunst des Goldmachens tatsächlich beherrscht habe. Justi werden von der Familie Friedrich noch Reste einer Tinktur gezeigt, die Sehfeld verwendet haben soll und die aus einem himmelblauen Material – Justi vermutet Azurit – hergestellt worden war. Sein Resümee: „Ich leugne gar nicht, daß nicht unzählige Betrügereyen in dem Punct des Goldmachens gespielet worden sind. Allein, wenn je in einer Sache starke und ungezweifelte Beweise vorhanden sind, so ist es hierinnen: und man müsste allen historischen Glauben verwerfen, wenn man leugnen wollte, daß es von Zeit zu Zeit einige Leute gegeben hat, welche das Geheimniß, Gold zu machen, besessen haben.“
Unter den hundert „ausbündigen Narren“ fand der närrische Abraham a Sancta Clara auch einen „Bergwercks-Narren“.
Die Erinnerung an Sehfelds Wirken in Rodaun blieb jedenfalls wach, einige Zeit hindurch genoss das Badehaus den Rang einer Sehenswürdigkeit, wie der streitbare schwäbische Publizist und Aufklärer Wilhelm Ludwig Wekhrlin bezeugt. Über einen Ausflug nach Rodaun, der um etwa 1770 stattgefunden haben dürfte, berichtet er in seinen Denkwürdigkeiten aus Wien: „Heute war unsere Caravane zu Rodaun, einem eine Meile von der Stadt entlegenen Dorfe, um die Trümmern von den Öfen des Seefels (sic!), eines berufenen Schmelztieglers, zu sehen. Die Wiener erzählen Wunderdinge von diesem Mann. Man muß gestehen, wenn sie keine Goldmacher sind, so besitzen sie doch die Religion derselben. Ein Mann, der die Protokollen der Stadt genau kennet, versichert mich, daß man im Jahre 1752 dreyzehntausend und acht und vierzig Laboranten, Geisterbeschwerer, Freymaurer und Schatzgräber gezählt habe.“ Weckhrlin erwähnt auch ein Gerücht, das in Wien offenbar die Runde machte: Die treibende Kraft hinter dem harten Vorgehen gegen Sehfeld sei Maria Theresias Leibarzt Gerard van Swieten (1700–1772) gewesen – er habe es nicht verkraftet, dass er mit seinen eigenen chemischen Versuchen erfolglos geblieben sei. Er habe daraufhin alle Bücher zu alchimistischen Themen aus der Hofbibliothek entfernen und vergraben lassen.
Eine Wandplastik in der Ketzergasse 372 erinnert an den geheimnisvollen Goldmacher von anno 1745.
Ein Jahrhundert später gab es das Rodauner Bad noch immer, doch die Erinnerung an den Wundermann Sehfeld war längst verblasst, nun pilgerte man hinaus an die Liesing, um sich kulinarischen Freuden hinzugeben: Unter dem aus Breitenfurt stammenden Wirt Johann Stelzer (1852 - 1924) war die alte Gaststätte des Badehauses zum legendären „Wirtshaus von Österreich“ ausgebaut worden; beim „Stelzer“ traf sich an schönen Sommertagen die Prominenz der Monarchie: Adelige und hohe Beamte, Schauspieler, Künstler und Diplomaten.
Nach dem Ersten Weltkrieg verkaufte Johann Stelzer seinen Betrieb, neuer Besitzer wurde Paul Deierl, der den Gasthof bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiterführte; 1960/61 wurde das desolate Gebäude abgerissen. Eine Wandplastik und eine Gedenktafel in der Ketzergasse 372 erinnern heute an den „Goldmacher von Rodaun“, dem Ludwig Bechstein mit dem Roman Geheimnis eines Wundermannes (1856) und Gustav Meyrink mit der Erzählung Der seltsame Gast (1925) literarische Denkmäler gesetzt haben.
Bleibt letztlich die Frage, was damals, anno 1745, wirklich passiert ist – war Sehfeld ein Betrüger und mit welchen Tricks konnte er die Familie Friedrich von seiner geheimnisvollen „Kunst“ überzeugen? Welche Intrigen wurden von den Neidern wie van Swieten gegen ihn gesponnen? Wer war dieser Mann wirklich?

1734–1800
DER HAND-
AUFLEGER
FRANZ JOSEPH
GRAF
VON THUN
Das reinste Fluidum, welches die Seele genannt wird, wird als ein magnetischer Strohm betrachtet, und dieser magnetische Strohm ist das belebende Fluidum woraus ein Chaos der Dinge entspringt, und das Organn der Gottheit zur Erhaltung des ganzen All bildet.
Franz Joseph Graf Thun, Encyclopedie
Mit dem Grafen Franz Joseph von Thun, tritt uns eine faszinierende Figur entgegen, ein Aristokrat, der sich im Spannungsfeld von Aberglauben, Aufklärung und Wissenschaft bewegt, ein Mann, der an Geister glaubt und sich gleichzeitig für die „halbgöttliche“ Luftschifffahrt begeistert, der nach der letzten Wahrheit sucht und den Menschen Gutes tun will, ein leichtgläubiger Schwärmer, der sich magischen Ritualen unterwirft, und ein gewandter Weltmann, der auf die Freiheit der Vernunft und den Fortschritt der Technik setzt – so begeistert er sich etwa auch für den berühmten „Schachtürken“ des Hofrats Wolfgang von Kempelen, von dem er glaubt, dass es sich tatsächlich um einen Automaten handelt (siehe dazu auch das Kapitel „Der große Illusionist“).
Franz Joseph von Thun wird am 14. September 1734 als ältester Sohn des reichen Landbesitzers Johann Joseph von Thun geboren, die Güter des Vaters liegen in Nord- und Mittelböhmen. Seine Mutter Marie Christine ist eine geborene Fürstin von Hohenzollern-Hechingen. Gemeinsam mit seinem Bruder Wenzel Josef beginnt er in Prag ein Studium der Rechte, das die beiden Brüder 1755 abschließen können. Wie in jenen Tagen für junge Adelige üblich, begeben sich die beiden Thuns anschließend auf Kavalierstour durch Europa. Auf dieser Reise, so soll Franz Joseph einem Freund erzählt haben, sei er auf einen „seltsamen Mann“ gestoßen, der ihn in die Geheimwissenschaften eingeweiht habe. Thun und sein Sekretär hätten von dem geheimnisvollen Fremden so etwas wie eine „Taufe“ und „geistige Instruktionen“ empfangen – Franz Joseph sieht sich von nun als „Wissender“. 1761 heiratet der junge Adelige Maria Wilhelmine Gräfin von Uhlfeld, die Tochter des Obersten Hofmeisters Anton Corfiz Uhlfeld, und tritt am Wiener Hof seinen Dienst als Kämmerer an, eine Stelle, die er wahrscheinlich bis 1785 ausgeübt hat. Das Ehepaar Thun hat sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichen: der Sohn Josef Johann und die Töchter Marie Elisabeth, Wilhelmine Christine und Marie Karoline. Als erstgeborener Sohn erhält Franz Joseph von Thun 1785 ein Drittel des Familienvermögens, das Fideikommiss Klösterle (Klasterec nad Ohrí).
DER SALON THUN
Im Salon von Maria Wilhelmine Gräfin Thun nahe der Minoritenkirche treffen sich in den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts Künstler und Wissenschaftler, hohe Beamte und Aristokraten. Unter den Gästen sind Ignaz Born, Aloys Blumauer und Mozart, ja selbst Kaiser Joseph II. pflegt „fast wöchentlich einmal im Circle abends bei ihr einzusprechen“, wie der junge deutsche Weltumsegler und Freimaurer Georg Forster in seinen Briefen aus Wien berichtet. Forster, Mitglied der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“, lernt in der Gräfin die „vortrefflichste, aufgeklärteste Dame in Wien“ kennen, er schätzt ihre Liebe zu den Wissenschaften und ihre „ausgebreitete Lektüre“, die es ermögliche, sich mit ihr in „feinster Unterredung“ zu ergehen. Sie hört ihm geduldig zu, wenn er ihr einen Abend lang englische Gedichte vorliest, er kann mit ihr aber ebenso über Fragen der Erziehung oder des Glaubens sprechen.
Georg Forster schätzt die „feinsten Unterredungen“ mit Gräfin Thun. Porträt von J. H. W. Tischbein.
Vom Gatten der so glänzend geschilderten Dame schweigt Forster jedoch. Dabei ist Franz Joseph Graf Thun so wie er Mitglied der Loge „Zur wahren Eintracht“, allerdings unterhält der Graf auch Kontakte zu den Rosenkreuzern und zu magisch-mystischen Schwärmern, vor allem aber ist er ein überzeugter Anhänger des Mesmerismus und er glaubt offenbar an Geister – Dinge, die dem nüchternen Aufklärer Forster wohl doch zu weit gehen.
Selbst Mozart, der vom gräflichen Paar tatkräftig unterstützt wird, kann mit den seltsamen Vorlieben seines Gönners für Mystik und Magnetismus wenig anfangen. Er lernt das Ehepaar Thun bereits in der ersten Woche seines Wiener Aufenthalts kennen – Mozart trifft mutterseelenallein in einer Postchaise am 16. März 1781 in der Habsburgerresidenz ein – und ist von der Persönlichkeit der Gräfin sofort tief beeindruckt. Das „ist die scharmanteste, liebste Damme (sic!), die ich in meinem leben gesehen; und ich gelte auch sehr viel bey ihr“, schreibt er an seinen Vater Leopold. Der junge Künstler schätzt das offene Haus, das die Gräfin führt, fast täglich ist er nun bei ihr zu Gast. Was den Grafen betrifft, so bleiben Mozart dessen eigenwillige Züge nicht verborgen – in einem Brief an seinen Vater vom 24. März 1781 urteilt Mozart über den Mann seiner Wohltäterin: „Ihr Herr ist noch der nembliche sonderbare – aber gutdenkende Cavalier.“ Im Laufe seiner Wiener Jahre hat Mozart Gelegenheit, den Grafen und seine esoterischen Neigungen näher kennen zu lernen, so begleitet er Thun im Juni 1784 auf einer Reise nach Baden, gut möglich auch, dass es, wie Ivo Cerman vermutet, der Graf ist, der den genialen Musiker im Dezember 1784 zum Eintritt in die Loge „Zur wahren Eintracht“ bewegt.
Die beiden Töchter Marie Elisabeth und Wilhelmine Christine zählen zu den besten Partien Wiens – die beiden Mädchen sind im Kloster erzogen worden und werden im November 1784 verheiratet: Marie Elisabeth wird die Frau des Fürsten Rasumowsky, des späteren russischen Botschafters; Wilhelmine Christine heiratet den Fürsten Lichnowsky. Die beiden jungen Frauen gehen völlig ahnungslos in die Ehe; die Brautnacht wird für Marie Elisabeth, die als Erste Hochzeit hält, zum verstörenden Erlebnis, sie beklagt sich über die „Misshandlung“ und „Abscheulichkeit“, die ihr zuteil geworden sei – daraufhin löst Schwester Wilhelmine Christine die Verlobung mit dem Fürsten Lichnowsky, nur mit Mühe kann sie von der Familie doch noch zur Hochzeit überredet werden.
DIE HOMUNCULI DES GRAFEN VON KUEFFSTEIN
Gegen Ende der 1770er-Jahre taucht in den Freimaurerkreisen Wiens ein Mann auf, der Fantastisches mit sich im Gepäck führt: Johann Ferdinand Graf von Kueffstein (1727–1789) ist Herr über acht Homunculi, die er, betreut von seinem Diener Josef Kammerer, in verschlossenen Gläsern mit sich führt. Die acht, etwa „zwei Spannen langen“, angeblich im Misthaufen eines Klostergartens in Kalabrien mit Unterstützung eines Abbé Geloni „gezeugten“ Geister – sie verkörpern die Charaktere König, Königin, Seraph, Ritter, Architekt, Mönch, Nonne und Bergknappe – besitzen die Gabe der Wahrsagung. Neben den sichtbaren Homunculi führt der Graf noch zwei unsichtbare Geister mit sich, den „blauen“ Geist und den „roten“ Geist. Auch diese beiden Geister leben in wassergefüllten Gläsern, zeigen sich allerdings nur, wenn der Graf dreimal mit einem kleinen silbernen Hammer auf das Glas klopft und dazu ein jüdisches Gebet spricht – dann beginnt sich das Wasser himmelblau bzw. feurig rot einzufärben und es erscheinen die Gesichter der beiden Geister. Der blaue Geist zeigt sich „lieblich und fromm“, das Gesicht des roten Geistes ist aber „fräch und garstig, wie ein boshafter Teufel, streckte auch manchmal die Zunge langmächtig heraus und verdrehte die Augen wie ein Hinfallender, das einem völlig todtenangst dabei wurde“. Joseph Kammerer sorgt dafür, dass die zehnköpfige Geisterschar gut versorgt ist: Alle acht Tage muss das Wasser in den Gläsern gewechselt werden, alle drei bis vier Tage bekommen sie zu essen: „ein etwa erbsengroßes Stück von einer rosenfarbigen Salbe oder Latwerge, die der Graf mit einem ‚noch ungebrauchten‘ Ohrlöffelchen einer silbernen Dose“ entnimmt. (Zitiert nach Rainer Schmitz, Schwärmer – Schwindler – Scharlatane.)
Das „Arcanum“ der Alchimie: die Erzeugung des Homunculus, eines künstlichen Menschen. Illustration zu Goethes „Faust II“, 19. Jh.
Von Zeit zu Zeit präsentiert der Graf seine Geistertruppe ausgewählten Logenbrüdern. Ort dieser magischen Sitzungen, die um 11 Uhr abends beginnen und um 1 Uhr früh enden, ist das „fürstlich Auerspergische Haus“ in der Schenkenstraße, die acht Homunculi imponieren den staunenden Brüdern „mit Enthüllungen der wunderbarsten Art“ (Rainer Schmitz) und mit Prophezeiungen, die „fast immer“ eintreffen. Joseph Kammerer, dessen Aufzeichnungen in seinem „Verrechnungsbuch“ wir die Kenntnis von diesem seltsamen Treiben verdanken, berichtet aber auch, dass die Geister, vor denen kein Geheimnis im Himmel und auf Erden sicher sei, manchmal schlechter Laune sind – dann seien sie „bockbeinig und gar nicht zum tractiren“ und ihre Orakelsprüche reiner Unsinn. Jeder Homunculus hat sein Fachgebiet: Der König und die Königin wissen über die politische Entwicklung in der Zukunft Bescheid, Mönch und Nonne zeigen sich als Wissende auf religiösem Gebiet, der Architekt gibt Auskunft zu freimaurerischen Fragen, der Ritter ist Experte in militärischen Dingen, der Seraph überblickt das Geschehen in den Lüften, der Bergknappe jenes unter der Erde. Über diesen acht stehen der blaue und der rote Geist, die alles wissen, was „Gott im Himmel und Satan in der Hölle eben getan“.
Graf Thun, der „an allen geistigen Epidemien seiner Zeit sehr stark laborirende adelige Herr“ (Gustav Brabbée), ist von der Geisterschar fasziniert und gewinnt bei Kueffstein eine Vertrauensstellung. Als der Graf während eines Beschwörungsrituals das Gefäß mit dem Mönchsgeist unabsichtlich vom Tisch wischt, das Glas zerbricht und der Homunculus an den Folgen des Sturzes stirbt, nachdem er „verschiedene Male schwer und mühsam nach Luft geschnappt und die Äuglein erschröcklich verdreht“ hatte, wird Thun zu Hilfe gerufen – ein neuer Geist, so der Wunsch Kueffsteins, soll gezeugt werden, am besten wieder ein Mönch. Thun sagt begeistert seine Unterstützung zu: Irgendwo in der Wiener Vorstadt wird – wohl mit seinem Geld – ein Laboratorium eingerichtet, mehr als einen Monat lang versuchen sich die beiden Grafen an der Schöpfung eines Ersatzgeistes, das Ergebnis ist jedoch ernüchternd. Aus der Phiole, in der der Homunculus heranwachsen soll, können sie schließlich nur „ein gar winzig Ding“ herausziehen, nicht größer als „ein junger Blutegel“, das nach „kurzem Zappeln jämmerlich verreckt“. Die beiden adeligen Herren sind schwer enttäuscht, der tote Homunculus wird verbrannt, seine Asche in alle Winde zerstreut. Josef Kammerer, der brave Diener, denkt sich seinen Teil: Die Herren, so notiert er, müssen bei ihrem Schöpfungsexperiment „etwas Wichtiges“ vergessen haben.
Aus menschlichen Spermien, die man in Pferdemist verfaulen ließ, glaubte man Homunculi züchten zu können. Buchillustration, 1721.
Um 1780 scheint sich der Graf von Kueffstein von seinen Homunculi getrennt zu haben, angeblich auf Zureden seiner Gemahlin und seines Beichtvaters, die ihn beschworen, sein Seelenheil nicht weiter durch diesen „gotteslästerlichen Unfug“ zu gefährden.
Gustav Brabbée, geboren 1822 in Wien, selbst Freimaurer und von Beruf Beamter in einer Wiener Sparkasse, der die Aufzeichnungen Kammerers 1873 auszugsweise im freimaurerischen Taschenbuch Die Sphinx veröffentlichte, behauptete, dass sich diese im Besitz eines „ehrwürdigen, nunmehr 84-jährigen Freundes“ befunden hätten, der wiederum hätte sie im Nachlass seines Vaters gefunden, der einst Besitzer der Nürnberger Warenhandlung „Beim Todtenkopf“ in der Bognergasse war. Brabbée, dessen Todesdatum unbekannt ist, wollte jedenfalls an der Echtheit des „Verrechnungsbuches“, bestehend aus siebzig lose gehefteten Blättern, nicht zweifeln. Stellt sich die Frage: Was ist mit dem Original passiert? Oder saß Brabbée doch einer Mystifikation auf?
DIE GABLIDONE-AFFÄRE
Der gemeinsam mit dem Grafen Kueffstein veranstaltete alchimistische Zeugungsversuch bleibt nicht der einzige Kontakt Thuns mit der Welt der Geister. Als Mitglied der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ – im Brüderverzeichnis des Jahres 5785 wird er als Inhaber des dritten Grades geführt – sollte er dem nüchternen Geist der Wissenschaft verpflichtet sein, doch der leichtgläubige k. k. Kammerherr kann sich der Faszination „magischer, theosophischer, alchymistischer und sonstiger krankhafter Aftergebilde“ (Gustav Brabbée) nicht entziehen. So lernt er um 1766 einen zwielichtigen Taschenspieler und Zauberkünstler kennen, der sich als „Rechner Magnanephton“ ausgibt und behauptet, mit einem spiritus familiaris, einem Geist namens „Gablidone“, in Verbindung zu stehen. Thun ist Feuer und Flamme, eine „Gablidone-Brüderschaft“ wird gebildet, der u. a. auch ein gewisser Reiter und andere Freunde des „Rechners“ angehören. Die besondere Leistung des „Rechners“ liegt darin, die angeblich von Gablidone diktierten Botschaften in Zahlenreihen zu übersetzen und diese dem Publikum mitzuteilen. Jedem Buchstaben ist ein Zahlenwert zugeordnet, die Dechiffrierung daher einfach.
Lavater stellt in seinem „Protokoll“ dem Geisterseher Thun ein ausgewogenes Zeugnis aus.
Thun nimmt das „schnöde Gaukelspiel“ (Gustav Brabbée) jedenfalls für bare Münze, über zwölf Jahre lang lässt er sich von Gablidone „Lektionen“ geben, der Geist weiß „auf eine unzählige Menge von Fragen über geschehene und existirende Dinge“ die „richtigsten uund treffendsten Antworten zu geben“. Von Gablidone selbst erfährt Thun, dass er der Geist eines jüdischen Magiers aus der Zeit vor Christi Geburt sei, der seinen eigenen Vater getötet habe und nun dazu verurteilt sei, „8 Rechnern oder ähnlichen Magiern viele Jahrhunderte lang, jedem in besonderen Stunden, zu Gebote zu stehen“. „Rechner Magnanephton“, von dem erwartet wird, dass der Geist auf alle Fragen eine Antwort weiß, zeigt sich allen heiklen Situationen gewachsen, so weiß er sich auch Rat, als Thun und Reiter verlangen, dass Gablidone sein Porträt auf Papier zeichnen solle, sie würden gerne sein Gesicht sehen. Der „Rechner“ willigt ein und inszeniert eine Sitzung, bei der für den spiritus familiaris eine Staffelei und Malwerkzeug bereitgestellt werden. Gablidone lässt sich dann auch nicht lange bitten: „Alle drei beteten, stimmten um 7 Uhr des Abends beim Betglockengeläute den 51. Psalm an – Magnanephton that wie immer vorher seine leise Beschwörung oder Citation – sie knieten alle drei, jeder eine Schnur oder Quaste, die an dem Rahmen des Gemäldes angemacht war, der auf einer Art von Staffelei stand, in der Hand haltend“. Noch mitten im Psalmengebet hören die drei Adepten plötzlich „einen Schlag wie einen Pistolenschuss. Dieser Schlag schlug den Pappendeckel hinter dem leinenen Tuch, das mit Papier überkleistert war, weg an den Boden. Nun hörten sie ein mächtiges Gezische und Geräusche in den Farbenmuscheln, die schnellen Striche des Pinsels und bemerkten, da die Lichter nahe bei dem Rahmen standen, durch das leinene Tuch, wie den Schatten einer kleinen Hand, die sich auf dem Tuche bewegte.“ Nachdem das Zischen verstummt ist, wagen sich die drei aus ihrer Deckung und gehen zur Staffelei – Gablidone hat tatsächlich ein mit Wasserfarben „schnell und kühn“ gemaltes Bild hinterlassen, das Porträt entspricht der Erwartungshaltung der drei: „ein gerade vor sich hinsehendes Sehergesicht, ein klein, rund, schwärzlich Käppchen auf dem Scheitel, dünne, zart und flüchtig gerollte Haare, ziemlich grosse, offene, ungestarrte Augen, eine markichte, aber nicht erhaben stylisierte Nase, einen nicht gemeinen, wohlgeschweiften Mund. Im Ganzen ist bei aller Rohheit, die bei Wasserfarben auf einem stehenden Blatte wohl nicht zu vermeiden war, das Gesicht wacker, keck, sehr natürlich und ganz anders gezeichnet, als es ein gemeiner, menschlicher Maler zeichnen würde. Die Höhe des Gesichtes ist ungefähr zwei Zoll, die Figur hat einen weissen, liegenden Kragen bis an’s Ende der Achsel, und einen schwarzen Rock. Von den Händen sieht man nichts.“
Offen für den Geisterspuk: Johann Caspar Lavater. Gemälde von Alexander Speisegger, 1785.
Thun, der den Geisterspuk weiter ernst nimmt, nimmt die Zeichnung im Juli 1781 mit nach Zürich zu Johann Caspar Lavater, mit dem er befreundet ist und dessen Ansichten zur Physiognomik er teilt. Die Gablidone-Brüderschaft ist inzwischen zerfallen, nach dem Tod des „Rechners Magnanephton“ findet sich kein entsprechend geschickter Schwindler mehr. Lavater zeigt sich von den Berichten Thuns jedoch angetan und stellt tatsächlich das verlangte „Protokoll“ zusammen. Seinem adeligen Freund aus Wien stellt er darin ein sorgfältig abgewogenes Zeugnis aus: „(Thun) war im Juli 1781 zu mir gekommen, und hatte sich etwa vierzehn Tage bei mir aufgehalten. Ein Mann von 46 Jahren, der sich allen und jeden Menschen, die ihn kennen lernten, durch seine Grossmüthigkeit, Natürlichkeit, Dienstbegierde und kurz durch seinen kindlichen Geist sogleich und mit jedem Augenblick mehr empfohlen hatte. Er ist weder ein ausserordentliches Genie, noch viel weniger ein eigentlicher Gelehrter. Sein Haupttalent ist Mechanik. Er hat eine gewisse gutherzige, sich nicht verbergende Eitelkeit, die aber nichts Drückendes hat. Sein Herz ist immer auf seiner Zunge. Es ist schlechterdings unmöglich, ihm böse zu sein, oder in seine Aufrichtigkeit ein Misstrauen zu setzen. Er scheint mir einer der liebenswürdigsten Etourdis (= leichtsinnigen Menschen, J. S.) zu sein, die alle Augenblicke Prise über sich geben, davon aber niemand, als ein determinirter Schurke oder abscheulicher Schiefkopf Gebrauch oder Missgebrauch machen kann.“
Zurück in Wien, verteilt Thun Abschriften des Protokolls an seine Freunde, kann jedoch nicht verhindern, dass es in unberufene Hände gelangt und 1787 unter dem Titel Lavater’s Protokoll über den Spiritus Familiaris Gablidone sogar in Druck erscheint. Die kuriose Schrift, von einem unbekannten Herausgeber mit einer Einleitung versehen, erregt bei den „Wissenden“, wie Brabbée schreibt, einiges Aufsehen, Thuns Name wird zwar durch drei Sterne ersetzt und kein einziges Mal erwähnt, die Wiener wissen jedoch, wer sich dahinter verbirgt. Mehr denn je gilt Thun in der Öffentlichkeit als seltsamer Schwärmer mit einem Hang zum Okkulten. Wie Ivo Cerman gezeigt hat, steht Thun möglicherweise auch in Kontakt mit einer neuen „Sekte“, die sich in den 1780er-Jahren in Wien bildet, den „Asiatischen Brüdern“. Der vollständige Name dieser Illuminaten-Gruppierung lautet „Orden der Ritter und Brüder St. Johannis des Evangelisten aus Asien und Europa“, ihre Instruktionen verfasst der Abenteurer Moses Dobruschka. Die Asiatischen Brüder zeichnen sich durch ihre tolerante Haltung gegenüber Juden aus und messen der Licht-Symbolik besondere Bedeutung zu. Einem Bericht des französischen Pamphletisten Luchet de la Roche du Maine zufolge sollen die Mitglieder des Ordens einem Orakel namens „Gablidone“ gefolgt sein – trifft dies zu, muss auch Thun bei den Asiatischen Brüdern eine Rolle gespielt haben!
AERONAUTISCHES ZWISCHENSPIEL
Noch jahrelang bemüht sich Thun vergeblich um Anerkennung für seine Erfahrungen, die er in der Gablidone-Brüderschaft gemacht hat. Auch der ersehnte neue „Rechner“, der den Namen „Masson“ tragen soll, erscheint nicht und so entdeckt er schließlich ein neues Steckenpferd: die Aeronautik. Die Luftschifffahrt ist die technische Sensation jener Tage, für den wachen Geist des Grafen die richtige Herausforderung. Gemeinsam mit einem Baron Lütgendorf geht er nach Augsburg, im August und September 1786 wollen sie hier mit einer großen Montgolfière zu einer Luftreise aufsteigen. Glaubt man Wilhelm Ludwig Weckhrlin, der in seiner Zeitschrift Das graue Ungeheuer (8. Band) über die große „Mystification zu Augsburg“ berichtet, so hat der Graf mit seinem Gefährten nicht die beste Wahl getroffen – Lütgendorf, der aus Franken stammt, gilt als Abenteurer, der ihm, wie Brabbée vermutet, „den Beutel tüchtig fegen will“. Zur Illustration seines Urteils erzählt Weckhrlin noch eine Episode vom Wiener Aufenthalt Lütgendorfs: Wie Christus auf dem Meere wollte dieser offenbar über die Donau gehen, sei dabei aber fast ertrunken, die Wiener mussten ihn aus dem Wasser ziehen.
Berichtet in seiner Zeitschrift „Das graue Ungeheuer“ aus Augsburg: Wilhelm Ludwig Weckhrlin.
Der Aufstieg der Montgolfière ist ursprünglich für den 25. August 1786 geplant, wird aber von Regen verhindert, dann zeigen sich plötzlich mysteriöse Löcher in der Ballonhaut – Gerüchte werden laut, dass Lütgendorf die Schäden aus Angst vor der Luftreise selbst bewerkstelligt habe. Der Aufstieg muss zum Leidwesen des ungeduldigen Publikums jedenfalls neuerlich verschoben weden. Weckhrlin schildert seinen Lesern die Lage in Augsburg:
„4. September. Morgen soll ein neuer Versuch gemacht werden. Graf Thun, der berühmte Wissenschafts-Enthusiast, der den Künstler in Schutz genommen, besteht darauf. Dieser Herr ist einer der fleissigsten Grossen unserer Nation, leidenschaftlicher Priester im Tempel der Musen, und für sein Lieblingsfach, Physik und Mathematik, Professor. Er ist’s, der die Physiognomik, eine Theorie, die uns einst Ehre machen wird, wenn sie, so wie alle andern, dem Spott genugsam gezollt hat, in Schutz nahm, und sich dadurch ein Denkmal in den Fragmenten Lavater’s erwarb. Nächstdem ein edler und liebenswürdiger Charakter voll Licht und Güte. Und dieser Charakter ist kein Gemeingut der heutigen Epoche in Oesterreich. Graf Thun philosophirte und studirte schon in Theresianischen, d. i. in Zeiten, wo der (sic!) Genie nicht in der Mode war. Ein Verdienst mehr!“ – Mit dem Aufstieg scheint es aber auch am 5. September nicht geklappt zu haben, denn Weckhrlin nennt Lütgendorf später einen „Betrüger der niedrigsten Klasse“, der mit Fleiß dem Burgunder zuspricht, während die Augsburger noch immer auf das Ballonspektakel warten – das geplante aeronautische Abenteuer wird zum Fiasko.
Lütgendorfs und Thuns Wege trennen sich in der Folge, der Sommer des Jahres 1787 sieht den Grafen in Karlsbad, wo er die hier versammelte haute volée mit neuen Ideen unterhält. In einem „Schreiben aus Karlsbad“ vom 6. Juli 1787 berichten die österreichischen Provinzial-Nachrichten: „Vorige Woche wurde auf einem Balle von dem in Erfindung und schönen Geschmack berühmten Herrn Grafen von Thun ein ganzes Schachspiel von Masken vorgestellt und so, wie man sagt, auch wirklich von zwei Kavalieren gespielt; sie waren beide im Nebenzimmer und riefen bloß die Nummern der Statisten aus, die, so oft eine gehoben wurde, von zween Masken abgeführt ward.“ Gleich darauf gibt Thun wieder den Mann der Wissenschaft, und zwar den „Professor der Physik“. Angeblich hat er eine Maschine entwickelt, die jene „Luft“ auffängt, die aus dem Karlsbader Sprudelwasser entweicht. Das Experiment findet in Gegenwart mehrerer Ärzte statt, Ziel ist es herauszufinden, wie viel das Karlsbader Mineralwasser „verlieren muss, wenn es in die entfernten Häuser getragen wird“. (Zitiert nachProvinzial-Nachrichten, 8. August 1787)
DER WUNDERHEILER
Bereits während der Abenteuer mit den Homunculi des Grafen Kueffstein hatte sich Thun unter dem Eindruck der Lehre Franz Anton Mesmers vom „Animalischen Magnetismus“ mit der Heilkraft von Magneten beschäftigt und selbst auch Heilmagneten eingesetzt. Durch Zufall gewinnt er im Herbst 1787 jedoch eine völlig neue Erkenntnis: Er benötigt gar keinen Heilmagneten, denn die heilende Kraft wohnt in seinen Händen und mit dieser Kraft kann er wahre Wunder bewirken.
Über diesen „Zufall“ wird er 1794 in der Juliausgabe der Berlinischen Monatsschrift Folgendes erzählen: „Ein Buch, welches ich meinem Buchbinder zum Einbinden schickte, ward mir von demselben so lange vorenthalten, dass ich endlich verdrossen ward, und selbst zu ihm ging, um ihn zur Rede zu stellen. Während er nun wegen einer Lähmung seines Armes sich entschuldigen wollte, legte ich von ungefähr meine rechte Hand auf den kranken Theil. Augenblicklich hatte der Mann eine veränderliche Empfindung, und indem er fortfuhr zu sprechen, fühlte er sich endlich von seinen Beschwerden so erleichtert, dass er verwunderungsvoll ausrief: ‚Herr Graf, was haben Sie in Ihrer Hand?‘ – Ich stutzte. Aber der gute Mann betheuerte mir höchlich, dass seine Empfindung nichts weniger als Täuschung sei. Er, seine Frau und ich erstaunten, dass er sich seines Armes, den er wegen eines krampfhaften Schmerzes schon seit einigen Monaten nicht gebraucht hatte, itzt ohne Beschwerden bedienen konnte. Sie können leicht denken, dass ich seit der Zeit auf die Wirkungen meiner Hand aufmerksam ward. Ich versuchte es mit ihr seitdem an verschiedenen anderen Kranken der Art; ich sah dieselbe Wirkung erfolgen. Kaum war in Wien von einigen Zirkeln davon gesprochen, so hatte ich einen solchen Zulauf, dass ich oft meine Patienten durch Militär in Ordnung halten musste, so sehr drängte sich alles zu mir, um meiner Hilfe theilhaftig zu werden. Ich konnte wohl in Wien allein an 30.000 Kranke (sic!) zählen, denen, wenn auch nicht immer mit dem besten Erfolge, ich meine Hilfe angedeihen liess.“
Auch wenn Thun mit der Zahl seiner Patienten hier übertreiben mag – der Zulauf zum „neuen Messias aller Gichtbrüchigen und Lendenlahmen“ ist groß, dem Grafen muss man zugute halten, dass er für seine „Behandlung“ kein Honorar verlangt, auch das wohl ein Grund für viele Kranke, es auch bei ihm zu versuchen. 1793 verlässt er Wien und geht zunächst nach Karlsbad, im Frühjahr 1794 taucht er zur Ostermesse in Leipzig auf und sorgt hier gleich für Aufsehen: Er lässt verkünden, „dass er, vermöge einer in seiner rechten Hand wirkenden Materie, die Kraft besitze, gewisse rheumatische Schmerzen, gichtische Lähmungen und podagrische Stockungen vermittelst blosser Berührung zu heben. Dass dies keine grundlose Behauptung sei, wolle er durch seinen Stand und seinen Reichthum, der ihn vor der Beschuldigung eines jeden daraus zu ziehenden Gewinnstes hinlänglich sichere, und durch die Menge auffallender Kuren, welche er in Wien und an verschiedenen anderen Orten verrichtet habe, erhärten.“ Sein „einziger Beweggrund“ für die Reise nach Leipzig „wäre, die hiesige Fakultät aufzufordern, die in seiner Hand sich äussernde Materie und die dadurch entstehenden Wirkungen sorgfältiger zu untersuchen, als dies bisher geschehen sei“. (Zitiert nach Brabbée, Der Thaumaturg.) Die letztere Bemerkung stößt jedoch vor Ort auf Kritik: Der Schriftsteller Saul Ascher, der von der Berlinischen Monatsschrift nach Leipzig geschickt wird, um über Thun zu berichten, weiß um die Vergangenheit des Grafen und kennt auch die Gablidone-Affäre. Ascher stellt Thun daher als Schwärmer dar, der einer Selbsttäuschung zum Opfer falle oder einfach schon wieder betrogen werde. Weiters stellt Ascher die nicht unberechtigte Frage, warum Thun nicht bereits die Professoren der Wiener Universität in seiner Sache um eine Expertise gebeten habe. Aschers Resümee: „Ein Mann, der eine so entzündbare Einbildungskraft besitzt (…) kann schwerlich, bei all seiner Ehrlichkeit, für unbefangen genug gehalten werden, um Glauben zu verdienen, wenn er itzt mit einem Wunder auftritt.“ (Zitiert nach Cerman, Aufklärung oder Illuminismus.)

Wien wird zu einem Zentrum der Freimaurerei: Sitzung der Loge „Zur gekrönten Hoffnung“ mit Mozart und Emanuel Schikaneder.
Thun lässt sich zunächst nicht beirren: In einem angemieteten Haus empfängt er während der Messe zahlreiche Patienten, seine „Heilmethode“ ist nach wie vor unspektakulär: Er legt seine Hand auf den schmerzenden Körperteil des Patienten und lässt diese so lange liegen, bis der Kranke ein Brennen oder einen Kitzel empfindet. Dann streicht er mit den Fingern über die Stelle, um den Schmerz in Richtung Hand oder Fuß des Patienten abzuleiten. Tatsächlich hat Thun damit auch Erfolg: Alle, die sich der „Wunderheilung“ unterziehen, behaupten unmittelbar danach, dass sie von ihrem Leiden geheilt seien, das ändert sich allerdings nach einigen Tagen: Nun klagen manche der Behandelten, dass sie ihr altes Gebrechen wieder verspüren würden.
Die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig hat inzwischen beschlossen, dem Wunsch des Grafen Thun nachzukommen und die Wirkkraft seiner Hand wissenschaftlich zu untersuchen. Ein Privatarzt namens Langermann, der zuvor bereits Zeuge von Thuns Handauflegungen geworden ist, organisiert eine erste Sitzung, an der auch ein angesehener Universitätsprofessor teilnimmt. Während der Behandlung der Patienten ruft Thun dabei angeblich wiederholt „Und das ist Imagination!“, um so den Haupteinwand seiner Gegner von vornherein zu entkräften. Die Behandlungen an diesem Tag verlaufen erfolgreich, der Universitätsprofessor zeigt sich beeindruckt. Das ändert sich jedoch bei einer zweiten Sitzung: Thun ist an diesem Tag in schlechter Verfassung, die Handauflegungen zeitigen keinen Erfolg. Der Graf ist enttäuscht, die Stimmung wird jedoch vollends eisig, als er von einem Experiment Langermanns erfährt: Der Arzt führt Kranke mit verbundenen Augen in ein Zimmer, in dem ihnen angeblich Thun die Hand auflegt, tatsächlich ist dort jedoch eine andere Person – dennoch behaupten manche der Patienten, dass sie nun geheilt seien. Langermann, bis dahin ein Bewunderer Thuns, verliert damit seinen Glauben an die Wunderkraft in Thuns Hand, der Graf beschließt, das „undankbare Leipzig“ zu verlassen.
Eine Schar von Patienten wartet auf die Behandlung mit Franz Anton Mesmers heilkräftigem Magneten. Stich von Henri Thiriat.
Die „magischen Finger“: satirisches Blatt zu der von Mesmer angeblich entdeckten neuen „Naturkraft“, um 1778.
Öffentliche Polemik muss Thun in Leipzig auch von Seiten der Kirche hinnehmen. Ignaz Spalt, der Superior der Leipziger katholischen Gemeinde, wirft ihm vor, ein Scharlatan und Enthusiast zu sein, und mahnt ihn, die Heilungen aufzugeben. Spalt, der befürchtet, Thuns Wunderheilungen könnten die antikatholischen Vorurteile wieder bestärken, beruft sich in seinem Urteil auf eine Entscheidung der französischen königlichen Kommission des Jahres 1785, die das Prinzip der mesmerischen Heilungen damals verworfen hatte. In einem Brief an Spalt rechtfertigt sich Thun mit dem Hinweis, dass seine Fähigkeit ein physikalisches Phänomen sei und mit Religion nichts zu tun habe.
Die „Niederlage“ in Leipzig entmutigt den 60-jährigen Grafen nicht – jetzt wendet er sich an die Medizinische Fakultät der Universität Wien und bittet um eine wissenschaftliche Prüfung seiner Fähigkeit. Die Fakultät schickt ihm einen Fragebogen zu, den Thun auch ausfüllt. Seine heilende Kraft, so gibt er an, „sei eine Art elektrische Energie, die sich durch eine wandelnde Kombination der Naturkräfte äußere“. (Zitiert nach Cerman, Aufklärung oder Illuminismus.) Wie die Fakultät auf diese Ausführungen reagierte, ist nicht überliefert, das Schweigen der Quellen lässt vermuten, dass er seine Wunderheilungen auch in Wien allmählich eingestellt hat – der Spott in Leipzig hat ihn doch schwer getroffen. In der Folge widmet er sich ganz der Arbeit an seiner großen „Enzyklopädie“, einer „Sammlung alphabetisch niedergeschriebener Wahrheiten“ – das Manuskript dieses Kompendiums zum esoterischen Wissen der Zeit ist im Nachlass im Familienarchiv in Tetschen (Decin) erhalten und umfasst etwa 2.000 Seiten. Im Artikel Glaubens-Bekanntnuß der Enzyklopädie gibt der alternde Mystiker und Schwärmer zu, dass er Fehler begangen habe und sich von Freunden und Verwandten betrügen habe lassen. Er bedauere dies jedoch nicht, „da ihm all das Böse und das Gute die Geheimnisse des menschlichen Herzens offenbart hätten. Ohne all dies hätte er den Menschen nicht kennen gelernt.“ (Zitiert nach Cerman, Aufklärung oder Illuminismus.)
Franz Joseph Thun stirbt 1801 in Wien, ein Jahr nach seiner Frau Maria Wilhelmine.

1756–1819
DER NARREN-
DATTEL
JOHANN
LOCHNER
Jeder, der zum Narrendattel geht, Hat die Absicht, daß er Spaß versteht …
Aus dem Narrendattellied
Donnerstag, 4. März 1813. Europa steht im Zeichen des Kampfes gegen Napoleon. Russische Truppen ziehen in das von den Franzosen geräumte Berlin ein, Preußen steht knapp vor der Kriegserklärung an Frankreich. In der kaiserlichen Residenzstadt Wien hat man anderes im Blick: Die hochlöbliche Polizei-Oberdirektion sieht sich mit einer heiklen Beschwerde konfrontiert: Fürsterzbischof Sigismund Anton von Hohenwart zeigt erbost an, dass sich der Vorstadt-Gastwirt Johann Lochner „vulgo Narrendattel“ am Abend des Faschingdienstags erkühnt habe, in seinem Bierhaus in Lichtental ein „nach kirchlichem Gebrauch eingerichtetes Begräbniß des Faschings“ zu inszenieren, dabei habe er eine „lächerliche pöbelhafte Leichenpredigt“ gehalten. Die Polizei-Oberdirektion sieht den Tatbestand „Herabwürdigung der katholischen äußerlichen Religionsübungen“ erfüllt und lässt den „Narrendattel“ verhaften. Der Übeltäter ist kein Unbekannter, sondern stadtbekanntes Original: Johann Lochner, der Wirt vom Bierhaus „Zur heiligen Anna“ in der Badgasse in Lichtental (Nr. 130, heute Badgasse 29), berühmt für seine Grobheiten, die er den Gästen an den Kopf zu werfen pflegt.
Des Narrendattels „Leichenpredigt“ ist ihm ein Dorn im Auge: Sigismund Anton von Hohenwart.
Für die Predigtparodie wird eine Geldstrafe von 100 Gulden beantragt, die dem Armenfonds zufallen solle, eine Arreststrafe will man dem Hausinhaber und Wirt nicht antun; für die Zukunft werden ihm jedoch „alle unanständigen Scherze bei strenger Verantwortung, alle Beziehungen und Gespräche von Religion sowie die Produzierung kirchlicher Ceremonien“ streng untersagt, ansonsten drohe ihm der Verlust seines Gewerbes. Der Polizeibezirks-Direktion wird aufgetragen, dem zuvor bereits zweimal verwarnten Narrendattel „ununterbrochen“ ihre Aufmerksamkeit zu schenken, immerhin habe man die Gewinnsucht als „Triebfeder seiner pöbelhaften, oft anstößigen Scherze“ erkannt. Johann Lochner betreibt sein Wirtshaus „auf der Wiesen“, wie die Wiener das Lichtental auch nannten, zusammen mit seiner Frau Maria Anna seit dem Jahre 1800; die Bezeichnung „Zur heiligen Anna“ wird 1726 erstmals erwähnt, das Grundstück hat eine Gesamtfläche von 75 Wiener Quadratklaftern, also etwa 270 m2. Das Wirtshaus hat hier Tradition: Auf dem Besitz haftet seit 1699 eine Bierschank-Gerechtigkeit – im Lichtental nichts Außergewöhnliches: Etwa ein Fünftel aller Häuser sind Gaststätten. Das kleine Lokal umfasst ein Schank- und ein Extrazimmer, zehn Tische, drei Doppelbänke, 27 Sessel und ein Kanapee – für die feineren Gäste – bilden die ganze Einrichtung. Über einen kleinen Hof gelangt man zum Gastgarten, von Josef Richter in den Eipeldauerbriefen abschätzig als „Hühnersteign“ bezeichnet.
Ein grünes Käppchen in die Stirne gedrückt, pflegt Lochner seine Gäste mit den legendären Worten zu begrüßen: „Na, ist denn nirgends a Bradl z’haben als da bei mir?“ Jedes „Frauenzimmer“, das in sein Wirtshaus kommt, wird – auch in Begleitung eines Mannes – von ihm „punziert“, das heißt: Er gibt ihm einen Kuss. Lochners Erfolgsrezept sind seine „göttlichen“ Grobheiten, die er den Gästen an den Kopf wirft und über die sich diese „fast bucklicht“ lachen (Emil Karl Blümml und Gustav Gugitz, Altwienerisches).Als Josef Richter 1807 in den Eipeldauerbriefen über den pfiffigen Grobian aus der Vorstadt berichtet, wird Lochner endgültig zu einer Wiener Berühmtheit, das Geschäft blüht. Wie Richter, der mit dem Narrendattel persönlich bekannt ist und von ihm so manche Grobheit einstecken muss, später erzählt, hat der Eipeldauer-Artikel diesem „einige tausend Gulden tragn“.
Altwiener Vorstadt Lichtental: die Badgasse im Jahre 1901. Foto von August Stauda.
Anno 1811 widerfährt dem Wirt in Lichtental die Ehre, zum Helden eines Theaterstücks aufzusteigen. Joachim Perinet widmet ihm ein Lustspiel mit dem Titel Die Zusammenkunft beim Narrendattel, das am 13. Juli 1811 am Leopoldstädter Theater Premiere feiert und beim Publikum großen Anklang findet. Kritiker wie Adolf Bäuerle sprechen zwar von einem „läppischen, elenden Geistesproduct“, doch das kümmert die Zeitgenossen wenig – sogar in Graz, wo das Stück 1812 aufgeführt wird, kommen die Zuschauer in Scharen. Die Titelrolle des Narrendattel verkörpert in Wien Karl Schikaneder, der in Vorbereitung seiner Rolle beim wirklichen Narrendattel „Lektion nimmt“; Johann Lochner selbst verfolgt die Premiere aus einer Loge des Theaters; das Publikum applaudiert ihm am Ende der Vorstellung.
Der Erfolg verlangt wie damals üblich nach einer Parodie und diese wird prompt von einem unbekannten Autor geliefert: Am 18. August 1811 erlebt am Josefstädter Theater das Stück Die Wiedervereinigung beim Narrendattel seine Uraufführung, wieder ist der Zuspruch des Publikums groß, die Figur des Narrendattel wird von Tobias Kornhäusel verkörpert, dem es angeblich gelingt, Johann Lochner „in seiner ganze Eleganz von Grobheit“ darzustellen.
Der Wirt ist populärer denn je, sein Lokal bestens besucht, wie Josef Richter bestätigt: „Seit d’Leut sein Kopie aufn Theater haben kennen glernt, lauft alles ins Lichtenthal hinaus, um’s Original z’kennen, und da hat er sein Gartl täglich voll, und da denkt er sich also, und sagts seinen Gästen so gar ins Gsicht: ich bin ein Narr in mein Sack; ihr seyd aber die wahren Narrn, weil ihr so weit zu mir herauslauft, um Grobheiten z’hohln.“
Der Narrendattel Johann Lochner wird zu einer stehenden Figur, auf ihn bezieht sich Ferdinand Raimund in seinem 1822 verfassten Zauberspiel Die gefesselte Phantasie, wenn der grobe Harfenist Nachtigall im 1.Aufzug, 14.Auftritt, ein „zweiter Narrendattel“ genannt wird.
ZU TODE GESTORBEN

„Zwölf Anekdoten zum Todlachen“: Die Geschichten rund um den Narrendattel fanden reißend Absatz.
Bei seinem frühen Tod durch „Schlagfluß“ am 27. Jänner 1819 hinterlässt der 63-jährige Johann Lochner immerhin 4.929 Gulden Wiener Währung, unter großer Teilnahme der Wiener Bevölkerung wird er am Währinger Allgemeinen Friedhof vor der Nußdorfer Linie beigesetzt. Es ist ein Leichenbegängnis, wie er es sich gewünscht hätte: Alle, die „auf den Gründen draußen“ Bier trinken, sind gekommen: Biermusikanten und „Bierharpfenisten“, Blinde und Sehende, Zuckerwerk-Hausiererinnen und Krapfenweiber. Drei Priester begleiten den Zug, drei Glocken läuten und zwei Posaunisten entlocken ihren Instrumenten klagende Töne, „alles had g’wannt und bet’t“, erzählt Franz Xaver Karl Gewey, der Nachfolger Richters, in seinem launigen Nachruf, verfasst in eigenwilliger Wienerischer Mundart, in den Eipeldauerbriefen: „Der 27te Jäner 1819 war an allgemein’r Tag der Trau’r für alli Narr’n in Wien, b’sunders für die Liechtenthaler, denn an den Tag seyn’s alli armi Wais’n wor’n, indem ihnen herzinniggeliebtester Vater, oder Datl, der Weltberühmte sogenannte Narr’ndat’l, Herr Johann Lachner (sic!), privilegirter Spaßvog’l, Bierwirth und Hausinhaber Nro. 130 in Liecht’nthal das Zeitliche mit den Ewig’n verwechselt, und si zun größt’n Leidwes’n sein’r Kinder wirkli z’tod gestorb’n had – nid umsunst had die Natur den Mann Gottes den Nahmen Lachner g’geb’n, indem er dö Narr’n, dö zu ihm häuffi hinauspofelt seyn, durch alli seini Schnack’n und Schwänk, Verklaidungen und Scenespielarei’n, Glampf ’ln und Poss’n so rasend had lach’n g’macht, daß se si oft a Hand, oder an’n Fueß häd’n auslach’n mög’n, dadurch had si der Herr Lachner (tröst’n God) sehr große Verdienst um den Staat erworb’n, da er n den Zeitpunkt, wo die Zeit’n g’rad so schlecht war’n, daß der g’mani Mensch völli allerweil verzweif ’lt’r um’rgang’n iß, durch sein’n gued’n Hamor den’n niderg’detscht’n Leud’n, dö zu ihm als ihner’r Tröst’r auf a Glas Bier eini gang’n seyn, alli Traurikeit weg narriert …“
Johann Lochner, der Grobian und „privilegierte Spaßvogel“ aus der Badgassse in der Vorstadt Lichtental, wurde zur literarischen Figur, man begegnete ihm auf den Bühnen und belustigte sich an den zahlreichen Anekdoten über ihn.
Das Gasthaus in der Badgasse 29, später „Zum Narrendattel“ genannt, existierte bis in unsere Tage. Ein „Kulturverein Narrendattel“ bemühte sich um einen regelmäßigen Kulturbetrieb im Lokal, das, so der Wunsch der Betreiberfamilie, in seiner Ursprünglichkeit erhalten bleiben sollte. Im Jahr 2000 musste der Betrieb jedoch eingestellt werden, das Haus stand in der Folge leer. Da das Bundesdenkmalamt einen Denkmalschutz für nicht gerechtfertigt hielt, wurden das Haus „Zur heiligen Anna“ und das Nachbargebäude „Zum Blumenstock“, beide aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammend, schließlich 2014 abgerissen – ein Altwiener Erinnerungsort verschwand unwiederbringlich.
Geblieben ist im Wienerischen der „viel liebenswürdiges Gemüt verratende Ausdruck“ (Blümml/Gugitz) „Narrendattel“ für einen „Spaßmacher“ und nicht allzu verrückten Menschen, vergessen ist jedoch der Mensch, für den der Begriff einst geprägt wurde und der die Traurigkeit der Zeitgenossen so erfolgreich weg narrierte …
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