Kitabı oku: «Tetralogie des Erinnerns»
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© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2015
ISBN 978-3-86393-523-8
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Tetralogie des Erinnerns
Ertrinken Eine Kindheit im Dritten Reich
Streifen am Himmel Vom Anfang und Ende einer Reise
Die Suche Bericht über den Tod und das Überleben
Wunderbare Menschen Geschichten aus der Freiheit
Gerhard L. Durlacher
Ertrinken
INHALT
Peterchens Mondfahrt
Kerzen und Fackeln
Geburtstag
Der Ertrinkende
Maria und Lena
Schulzeit
Auswanderung
»Wir haben nichts gewußt« Nachschrift
PETERCHENS MONDFAHRT
In der Ankleidekabine von Kindlers Strickwarengeschäft hängt der Gummigeruch von alten Armblättern und ein warmer vertrauter Mief wie in Großmutters Zimmer. Die Stecknadelköpfe auf dem Parkett pieksen in meine Ferse, als ich auf einem Bein hüpfend mit dem anderen in das Hosenbein des dunkelblauen Matrosenanzugs fahre.
Mit halb zugekniffenen, stechenden Augen und spöttischbös gespannten Lippen beobachtet der Besitzer mein Gehopse. Meine Mutter, die, wie ich finde, in ihrem hellbraunen Fohlenpelz sehr schön und vornehm aussieht, steht verlegen schweigend mit prüfendem Blick halb hinter ihm. Er ist ein Feind, verkauft aber an Juden, wie ich zu Hause gehört habe. Die Hosenbeine sind unangenehm lang und kratzen grob über den Knien, und plötzlich weiß ich, so müssen sich die Nesselhemden angefühlt haben, die Elisa im Märchen für die Schwanenprinzen webte.
Verdrossen schaut mein Spiegelbild mich an, denn die Matrosenmütze, die vieles wettgemacht hätte, bekomme ich nicht. Stattdessen eine Wollmütze mit Schild, die an Festtagen auch als vorgeschriebene Kopfbedeckung dienen kann. Tausendmal lieber hätte ich eine Tiroler Lederhose mit hübschen Hirschhornknöpfen bekommen, wie die Nachbarsbuben sie tragen, aber den Gedanken daran wage ich nicht laut auszusprechen.
Kummer und Zorn überkommt mich, als der Saum der neuen Hose sich an der Innenseite meiner eiskalten Schenkel reibt.
Die Aussicht, in ein paar Tagen im großen Schauspielhaus die Weihnachtsvorstellung von Peterchens Mondfahrt mit meinen Eltern zu besuchen, läßt mich das Ungemach vergessen.
In einem Nebel kleiner Schneeflocken, durch den die Strassenlaternen wie Vollmonde schimmern, gehen wir zu dritt an den Fenstern der Geschäfte und Wohnhäuser entlang. Hinter den halbgeöffneten Vorhängen sieht man leuchtende Weihnachtsbäume und Adventskränze, die es bei uns zu Hause nicht gibt. Mutter kann mir meine Sehnsucht nachfühlen, aber Vater schlägt den Wunsch nach dem winterlichen Grün barsch ab: Dafür haben wir Chanukka.
Er geht ein paar Schritte vor uns her. Ein Riese in dunklem, schwerem Mantel und einem steifen schwarzen Hut mit runder Krempe, einem Bowler. Sein Spazierstock, ein Wunderding mit verborgenem Regenschirm, ist größer als ich. Fast nie benutzt er ihn als Stütze beim Gehen; es ist ein langer Zeigefinger, mit dem er auf Menschen und Gegenstände zeigt und den er beim Grüßen emporschwenkt.
An der Ecke zum Leopoldsplatz gesellt sich Onkel Rudi, Vaters Schulfreund, lachend zu uns. Er lacht oft und bringt es manchmal fertig, daß sich die scharfen Falten um Vaters Mund glätten. Von hier aus kann ich das hell erleuchtete Schaufenster seines Geschäftes mit dem Spielzeug, dem Porzellangeschirr und den Küchengeräten sehen. Die Spielzeugpistole, die er mir kürzlich geschenkt hat, hüte ich wie einen Schatz, aber leider ist die Munition ausgegangen und darf nicht nachgekauft werden.
Wir schlagen die Richtung zum Kurhaus ein, das ich im nebligen Licht undeutlich wiedererkenne, von den Sonntagmorgenspaziergängen zur Trinkhalle, wo ältere Leute das übelriechende Wasser trinken und wo ich von den schaurigen Wandmalereien mit geharnischten Rittern, Drachen, schnaubenden Pferden und verängstigten Jungfrauen eine Gänsehaut bekomme.
Links vom Kurhaus schimmern die milchweißen Kugeltrauben der Theaterlaternen durch die kahlen Bäume der Lichtenthalerallee. Während der Sommer- und Herbstspaziergänge mit Mutter und Senta, meiner schwarzen Schäferhündin, hätte ich mir nie träumen lassen, daß abends das rosa Theatergebäude zu einem Märchenpalast wird.
Rudi beschleunigt plötzlich seine Schritte, rennt mit flatternden Hosenbeinen voran und deutet auf zwei überlebensgroße Schneefiguren, rosafarben im Widerschein der Theaterfassade. Ein schlanker Mann, eine dicke Frau und zwischen ihnen ein großer dünner Windhund mit Kohlen als Augen.
An dem Hund erkenne ich die Figuren: meine Tante und ihren Verlobten, den Schauspieler mit Monokel, Pelzkragen und spitzen Schuhen. Die Kutscher der Droschken, in denen die beiden Abend für Abend ins Theater fahren, haben die Schneestatuen gemeinsam gebaut, aus Sympathie, oder, wie mein Vater behauptet, wegen der hohen Trinkgelder.
Die weiß-rosa Vorderfront des Theaters, der Balkon mit den Lämpchen, die Steinfiguren am First, alles erscheint größer, schöner, eindrucksvoller als bei Tage. Aus den Scheiben der vielen Bogenfenster funkelt Licht. Die mittlere der drei Eingangstüren steht weit offen und der rote Läufer kommt uns bis zur steinernen Treppe entgegen.
Alles um mich herum ist wie ein Märchen. Das dunkle Rot der unübersehbaren Stuhlreihen, der sanft ansteigende Fußboden, die hellblaue Decke mit rosa Baby-Engeln, die großen und kleinen goldfarbenen Leuchter, die Masken und pausbäckigen Posaunenbläser, die riesigen, wie Baumpilze vorspringenden Balkons, der rotglänzende, wellige Vorhang, das alles gleicht einem Königspalast, in den ich, der kleine Muck, auf Zauberpantoffeln hineingeflogen bin.
Nicht sehr weit vom Vorhang schiebe ich mich zwischen den Eltern zur Mitte einer Sesselreihe und versinke in rotem Plüsch. Hinter mir kichern zwei Mädchen mit blonden Zöpfen und Haarschleifen. Umzusehen getraue ich mich nicht.
Als die Lichter langsam verlöschen, verstummen auch die Geräusche unter den »Psst«-Gezischel der Eltern. Ein Hauch von Stille und Erwartung liegt über dem Saal bis zu dem Augenblick, als rechts hinter dem Vorhang ein Schlitten mit künstlichen weißen Rehen und Glöckchen auf die Bühne gleitet. Ein kleiner, gebeugter Mann mit langem Bart, Pelzmütze und einer braunen Kutte steigt ab. Auf seinem Rücken ein voller Jutesack, den er brummend mitten auf der Bühne auf den Boden stellt. Eindringliches Geflüster entlang den Reihen: »Der Weihnachtsmann, schau, der Weihnachtsmann.« Statt des erwarteten Märchenspiels, von dem meine Eltern mir zu Hause erzählt haben und dessen Melodien mir als Schlaflieder vertraut sind, steht dort ein Weihnachtsmann und macht mir Angst mit seiner Rute und dem Sack, in den er die Kinder steckt und mitnimmt.
Von seinem hohen, beleuchteten Platz herab spricht er zu uns, aber was er sagt, dringt nicht zu mir durch. Dann nennt er einen Namen oder zeigt auf ein Kind, das zu ihm heraufkommen soll. Einige sind in Tränen aufgelöst, andere klettern ganz mutig auf die Bühne. Mit polternder Stimme fragt er, ob das Kind in diesem Jahr ungehorsam gewesen sei. Er läßt die Rute liegen und packt Honigkuchen und Marzipan aus dem Sack, wenn der Junge oder das Mädchen ein Lied für ihn singt oder ein Gedicht aufsagt.
Das Herz stockt mir schier vor Schrecken, als ich meinen Namen höre. Mit glühendem Gesicht und Tränen in den Augen versuche ich vergeblich, meine Freiheit zu verteidigen. Der verlockende Lebkuchen und die ermutigenden Worte meiner Mutter reichen nicht aus, das Gefühl der Beklemmung zu vertreiben. Dann vernehme ich ein kichernd geflüstertes »Hosenscheißer« hinter mir und zornig stoße ich die Knie beiseite, die mir den Weg zum Seitengang versperren.
Die Stufen zur Bühne sind höher als vermutet, und als ich in die Schlucht des Orchestergrabens hinunterblicke, vergesse ich die Angst vor dem Weihnachtsmann. Hier oben sieht er viel größer aus. Er winkt mir freundlich zu und zögernd gehe ich über den Bretterboden zu ihm hin. Ich wage nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Die Reisigrute und der Sack halten mich in ihrem Bann, und als er brummend fragt, ob ich artig oder ungezogen war, antworte ich mit heiserem Flüstern.
Ich kann ihm ja nicht gut von meiner Missetat im Café Schweinfurt berichten, wo ich aus Langeweile und Ärger über das endlose Geschwätz meiner Tanten mit der Inhaberin alle Schokoladenröllchen und Kirschen von einer großen weißen Schwarzwäldertorte geklaubt und mir in den Mund gesteckt habe.
Ob ich ihm ein Lied vorsingen wolle? Ein Gedicht aufsagen? Meine Kehle ist wie zugeschnürt, mein Kopf wie eine Windmühle. Er brummt: »Kommt ein Vogel geflogen ...« Ich versuche zu singen, aber kein Ton kommt aus meinem Mund. Im Saal werden Stimmen laut. Er beugt sich vor und hält mir sein Ohr hin, damit ich hineinflüstere.
Dieses Ohr kenne ich, auch das Haar drumherum, und als ich seine Augen aus der Nähe sehe, weiß ich, daß jetzt alles gut ist. Die Angst verfliegt, ich möchte ihn umarmen.
Meine Kehle wird frei und meine Stimme jubelt: »Du bist ja gar nicht der Weihnachtsmann, du bist der Onkel Herbert!«
Ich merke, daß er erschrickt und mit zusammengepreßten Lippen lächelt, als von unten Zischen und schallendes Gelächter ertönt. Warum der Nachbar, der über uns wohnt, der Schauspieler, der so oft zum Kaffee zu uns kommt, jetzt auf einmal den Weihnachtsmann spielt, verstehe ich nicht. Ich singe ihm das Liedchen, das er mir vorgebrummt hat, ins Ohr, bekomme ein großes Lebkuchenherz und steige im grellen Scheinwerferlicht glücklich und zufrieden die Treppe neben dem gruseligen Orchestergraben hinunter.
Auf dem Weg zu der Reihe, wo meine Eltern sitzen, schauen mich die Leute mit schmunzelnden oder bösen Gesichtern an.
An vielen Knien vorbei schiebe ich mich zu meinem Platz. Ich bin noch ganz benommen von meinem Abenteuer, so daß ich die Bemerkungen der Zuschauer gar nicht höre. Die blonden Mädchen in der Reihe hinter mir wenden den Blick ab, als sei ich Luft. Ihr Vater beugt den Kopf mit der kurzgeschnittenen Stoppelfrisur zu mir herüber und herrscht mich wütend an: »Frecher Judenbub, ich könnte dich ...«
Die folgenden Worte gehen in den ersten Takten der Ouverture unter und mit klopfendem Herzen warte ich, bis der Vorhang aufgeht.
KERZEN UND FACKELN
»Boruch ...« »boruch ...« »Atho ...« »atho ...« »Adonai...« »adonai«: Wort für Wort plappere ich die unverständlichen Segenssprüche nach, die meinen unsicheren Versuchen vorangehen, mit einer brennenden Kerze eine andere Kerze anzuzünden. Auf dem halbrunden Deckel einer Keksdose, die mit roten Rosen auf weißem Grund bemalt ist, steht eine Kerze, die ich, befangen von der Feierlichkeit des Augenblicks, beinahe umstoße.
Links und rechts von mir drei festlich dunkel gekleidete Gestalten mit schwarzen Hüten und ernsten Feiertagsgesichtern, erhellt vom flackernden Schein der drei Chanukka-Leuchter auf dem Buffet. Mein Vater, Onkel Jacob, Großmutters jüngerer Bruder, und Albert, der »Sekretär-Onkel« mit demselben Nachnamen aber undurchschaubarer Familienzugehörigkeit, haben unter Absingen der drei Segenssprüche in einer fremdartigen, eintönigen Melodie die erste Kerze auf ihrer Menora angezündet; zuerst Onkel Jacob als ältester. Ich schäme mich über meine Unwissenheit und ärgere mich, weil ich als Jüngster mein Licht nur auf dem Deckel voller Wachsflecke anzünden darf.
Hinter mir Großmutter, Mutter und Tante, auch sie in festlichen Kleidern mit einem Schal auf dem Kopf, als wäre es hier drinnen kalt. Beifälliges Gemurmel und Seufzer der Erleichterung werden laut, als meine Kerze aufflammt. Endlich bin ich fertig mit dem Nachsagen der fremden Laute. Großmutter legt die Hände auf mein Käppchen, murmelt ein paar hebräische Worte und endet mit demselben Wort, mit dem ich gelernt habe, mein Abendgebet zu beschließen: Omein. Dann flüstert sie, für alle hörbar: »Wenn du die Broches aufsagen kannst, bekommst du von mir eine Menora, ganz für dich allein.«
Der Tisch mit den Päckchen lenkt wie ein Magnet meine Aufmerksamkeit von dem Chanukkalied ab. Alle singen es auf ihre eigene Weise, ohne auf Vater zu achten, der die Melodie auf dem Flügel spielt und versucht, uns mit seiner Kantorstimme den Takt vorzugeben.
Erleichtert trage ich die Hüte in den Gang. Das Fest, von dem meine Mutter meint, es sei wie Weihnachten, kann beginnen. Ein Baum, wie andere Kinder ihn zu Hause haben, mit Päckchen an den Zweigen, mit Lichtern, Girlanden, Nüssen und Lebkuchenherzen, wäre mir viel lieber, aber die große Schachtel auf dem Tisch verscheucht meine heimlichen Träume. Meine Finger sind steif vor Aufregung, als ich die faserige Schnur aufknüpfe.
Minuten später rutsche ich auf den Knien über den großen Perserteppich mit dem breiten Rand, der jetzt eine Straße ist, auf dem mein neues rotes Feuerwehrauto dahinbraust. Chanukka ist auch sehr schön!
Auf dem Leopoldsplatz, dem großen Platz, den ich nie überqueren darf, ohne daß jemand mich an der Hand hält, steht ein Riese von einem Tannenbaum, geschmückt mit Lichtern, Girlanden, silbernen Kugeln und unzähligen Sternchen. Davor ein Polizist in Grün mit einem schwarzen Helm wie ein umgestülpter Blumentopf, den er über die Wölbung des Hinterkopfes geschoben hat. Seine Arme gehen auf und ab wie bei einem Hampelmann und knicken an den Ellenbogen ein. Die ratternden Autos halten an, stinken, drehen eine Runde um den Baum und entfernen sich auf den Strahlen des Sterns, in dessen Mittelpunkt der Verkehrspolizist steht.
Marias schützende, warme Hand umklammert meine kalte Faust und drückt sie vor Vergnügen, als der Baum in Sicht kommt. »Er ist größer und schöner als in den vorigen Jahren«, sagt sie mit einem Wölkchen vor dem Mund und steckt unsere beiden Hände in ihre kitzelnde Manteltasche, als wir vor dem großen Stamm auf dem groben Pflaster stehenbleiben.
Jetzt fahren keine Autos mehr am Polizisten vorbei, wie es scheint, hat er nichts mehr zu tun. Um uns herum stehen Kinder mit ihren Vätern und Müttern. Ein Mädchen neben mir trägt Jungenschuhe und hat große gestopfte Stellen in den langen braunen Strümpfen. Daneben steht ihr Vater, ohne Mantel, und zittert in seinem viel zu weiten Anzug. Ich schäme mich zwischen den vielen armen Leuten, aber meine Befangenheit verfliegt im Nu, als die Musik zu spielen beginnt und mit den Hauchwolken das Lied »O Tannenbaum« aus allen Mündern erklingt. Marias helle hohe Stimme erhebt sich über die anderen Stimmen und mutig singe ich mit, obwohl das Lied zu Hause eigentlich verboten ist, aber sie erlaubt es mir. Niemals verrät sie unsere kleinen Geheimnisse. Immer ist sie für mich Wärme und Sicherheit.
Ein Lied folgt dem anderen, meine Füße werden kalt und meine Aufmerksamkeit läßt nach.
Durch die muffig riechende Menschenmenge drängen wir uns auf die gegenüberliegende Seite des Platzes. Angesichts der vorwurfsvollen Blicke aus den grauen, mageren Gesichtern bekomme ich Schuldgefühle wegen meiner Ungeduld.
Über der Rathaustreppe, hoch über der Straße mit dem Möbelgeschäft meiner Großmutter, türmt sich ein grauer, steinerner Ritter, der Bismarck heißt. Aus seinem weißen Schneehut ragt eine Spitze wie von einem Blitzableiter. Offenbar steht er auf Wache und ich fühle mich erleichtert, daß sein strenger Blick mir in das schwarze Marmorportal des Geschäftes nicht folgen kann.
Maria muß ein paarmal auf den kupfernen Klingelknopf drücken, bis hinter den dunklen Möbelkonturen und den gerollten Teppichsäulen ein Licht aufblinkt.
Am schlitternden Gang und am flatternden Arbeitskittel erkenne ich Alois, den Polierer. Er sucht nach dem Schlüsselloch und rüttelt mit zitternden Fingern an der Türklinke. Mit verschwommenem Blick sieht er uns aus feuchten, dunklen Augen freundlich an und brummt unter seinem Walroßschnurrbart, als sei es ihm peinlich: »Fröhliche Weihnachten«.
Schlurfend geht er uns voran zum Licht und zieht eine Spur von Branntwein- und Spiritusdunst hinter sich her. Den Geruch kenne ich. Vor kurzem hing er noch im Musikzimmer, wo Alois unseren Ibach-Flügel fast zwei Tage lang mit gleichmäßigen Armbewegungen und puffenden Geräuschen wie von einer Dampfmaschine glänzend rieb. Was Mutter mir damals über seine Trunksucht zuflüsterte, erweckte mein Mitgefühl, und ich bin froh, daß er heute beim Weihnachtsfest mitfeiern darf.
In dem gespenstischen Saal mit den weichen Fauteuils und Kanapees, den großen Holz- und Messingbetten mit Pullmannmatratzen, den turmhohen Buffets und den schweren, o-beinigen Tischen lasse ich Marias Hand los und stürze mich in das verbotene Abenteuer der elastischen Springfedern.
Aus der hellen Türöffnung höre ich meinen ungekürzten Vornamen rufen, und obwohl die Botschaft in Wolle, Plüsch und Bouclé verlorengeht, weiß ich, daß ich meine Entdekkungsfahrt unterbrechen muß, da das Fest beginnt.
Das Büro hinter dem Verkaufsraum badet im Licht und sieht viel fröhlicher aus als sonst. Die alten, kahlen Tische und Schreibtische, an Wochentagen mit Papieren, Tintenfässern, Löschpapier und drehbaren Ständern mit klappernden Stempeln vollgestellt, sind jetzt unter Mutters weißen Tischtüchern verborgen und mit roten Bändern und frischem Tannengrün geschmückt. Große Adventskränze, auf denen weiße Kerzen in Blechhaltern stecken, hängen an Schnüren von der gelb geräucherten Decke. Nach einem Christbaum brauche ich mich nicht umzusehen. Großmutter hat zu Hause mit schriller Stimme die Grenze bei den grünen Kränzen gezogen. Ein Baum wäre ihrer Meinung das gleiche wie Schinken oder Speck.
Auf dem weißem Damast unter den Kränzen liegt das Schlaraffenland. Die Torten und Napfkuchen, die Zimtsterne und Weihnachtsplätzchen halten meinen Blick gefangen. Erst nach Mutters leiser Ermahnung gebe ich den bekannten und weniger gut bekannten Leuten des Personals die Hand und wünsche ihnen fröhliche Weihnachten.
Wie Gäste sitzen sie in ihrem eigenen Zimmer auf Stühlen und Kisten, alle festlich gekleidet außer Alois, der noch seinen Arbeitskittel trägt.
Meine kleine Großmutter thront in einem neuen Lehnsessel aus dem Austellungsraum. Um ihre Schultern liegt das Umschlagtuch mit den weiten Maschen, durch die das Spitzenjabot des schwarzen Kleides schimmert. Ihre geäderte rechte Hand stützt sich auf den schwarzen Stock mit dem Silberknauf, und wenn sie zu Mutter oder zu meiner niederländischen Tante eine Bemerkung macht über die Leckerbissen und die Päckchen, die auf einem Tisch im Schatten ihres Stuhles liegen, zeigt sie mit dem Stock darauf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
Verärgert über diese Geste runzelt die Frau meines Onkels die Augenbrauen über den dicken, funkelnden Brillengläsern. Als ihr Mann Anstalten macht, den Päckchenabend mit einer Ansprache zu eröffnen, flüstert sie vernehmlich, das müsse mein Vater tun. Stolz, daß er sich ohne Zögern dazu bereitfindet, und neugierig auf den Inhalt der Päckchen schaue ich zu, wie er jedem Angestellten ein Geschenk, auf dem sein Name steht, in die Hand legt, und etwas sagt, worüber alle lachen müssen.
Martha, die blonde Verkäuferin mit den wie Kopfhörer über den Ohren gerollten Zöpfen, dreht den Verschluß der großen Flasche 4711 auf und träufelt Kölnisch Wasser auf mein sauberes Taschentuch.
Alois überlegt, ob er den Cognac anbrechen soll und entschließt sich, bis zu Hause damit zu warten, wenn Mutter ihm Schnaps verspricht.
Gersbach, Vaters Chauffeur, der kaum in ein Auto paßt ohne sich den kurz geschorenen Kopf anzustoßen, lacht erfreut, als seine großen Hände mühelos in die neuen gelben Handschuhe gleiten. Die Seidenkrawatte bindet er sich sofort vor dem Spiegel um und fängt spontan zu singen an. Vater fällt ein und das Perlenfischerduett, das sie auf langen Reisen oft im Auto ertönen lassen, bringt die einen zum Stutzen und die anderen zum Lachen.
Onkel Adolf, Großmutters Schwager, schaut stirnrunzelnd vor sich hin. Durch das große Pflaster auf seiner Stirn erscheint sein runzliges Gesicht weniger faltig als sonst. Ein »Zusammenstoß mit den Braunen« höre ich Großmutter mißbilligend murmeln, aber was das bedeutet, verstehe ich nicht so recht.
An ein Geschenk für ihn wurde nicht gedacht, weil er Chanukka feiern sollte, was er aber nicht tut. Er bekommt das Päckchen, das eigentlich für Willy, den unlängst verschwundenen Buchhalter, bestimmt war, aber die Zigarren bessern seine Laune nicht.
Wie zum Scherz stimmt Gersbach die ersten Takte eines Weihnachtsliedes an, hört aber bald wieder auf, da nur Martha ein paar Töne mitpiepst.
Maria, Mutter und Tante teilen die Torte und den Napfkuchen aus, reichen Süßigkeiten und Plätzchen herum und schenken Kaffee und Schnaps ein, während Großmutter zuschaut, als sei sie nicht ganz wach. Der Kneifer fällt ihr in den Schoß.
Wie von fern höre ich das Stimmengesumm und durch die beschlagenen Fenster meiner Schläfrigkeit sehe ich, wie das Weihnachtsfest allmählich erlischt.
Maria liest mir aus dem dicken Märchenbuch mit den schaurig-schönen Bildern vor, aber heute abend höre ich nicht richtig zu. Satzfetzen über den Silvesterball, die durch die offene Tür des Schlafzimmers dringen, machen mich ungeheuer neugierig.
Meine Eltern kleiden sich zum Fest an. Schon mittags habe ich Vaters schwarzen Zylinder, der sonst in einer Schachtel unauffindbar im Schrank steht, die langen weißen Glacéhandschuhe meiner Mutter und die weiße und schwarze Seidenmaske mit sauberen Händen vorsichtig berühren dürfen. Später habe ich in einem unbewachten Augenblick vor dem Spiegel mit der viel zu großen schwarzen Maske auf der Nase Grimassen geschnitten.
Im Gang verabschiede ich mich von ihnen. Mutter hebt den Schleier über die Hutkrempe. Nur ganz vorsichtig darf ich meinen Gutenachtkuß auf ihre samtig gepuderte Wange drükken. Ihr Kuß ist heute abend wie ein Schmetterlingshauch, denn Lippenstift färbt ab. So schön habe ich meine Eltern noch nie gesehen, sie sind noch schöner als die Fotos in der Illustrierten.
Die Clips in den Ecken des graden Ausschnitts von Mutters schwarzem Crèpe-de-Chine-Kleid funkeln blau und grün. Der Fuchs um ihren Hals schaut mit schläfrigen Augen aus dem grauen Pelz, betäubt vom Parfüm.
Vater rückt die weiße Smokingschleife zurecht, nachdem er ungeduldig ein aufgegangenes Kragenknöpfchen zugeknöpft hat, das den steifen Klagen am Oberhemd mit dem weißen, einer Stalltür ähnelnden Plastron festhält.
Als Maria die Tür hinter ihnen geschlossen hat, kehrt wieder Ruhe in die Wohnung ein. Ganz fern surrt ein Auto und Glocken läuten in Erwartung des Neujahrstages 1933.
Leises Klirren von Tellern und Besteck dringt aus dem Eßzimmer. Maria bereitet das Frühstück, aber an diesem ersten Sonntag ist außer ihr und mir noch niemand wach.
Länger und lauter als sonst rufen die Glocken. Ich schlüpfe aus der Daunenwärme meines Bettes und jammere Maria so lange die Ohren voll, bis sie schließlich einwilligt, mich in ihre Kirche mitzunehmen.
Durch die prickelnd kalte Winterluft, aus der kein Schnee fallen will, gehe ich an Marias Hand zu dem großen gelben Kirchengebäude mit den hohen Türmen auf dem Platz, wo auch der Doktor wohnt. Mutter will nie hinein, jetzt werde ich endlich sehen, was sich dort verbirgt.
Viele fröstelnde Menschen stehen barhäuptig zwischen den harten Holzbänken. Unheimlich hoch sind Decke und Leuchter, Orgelklänge rollen dröhend durch meinen Bauch und das Gegurgel des Pastors hallt von allen Seiten wieder. Ich verstehe kein Wort, obwohl ich weiß, daß es kein Hebräisch ist. Enttäuscht von dem Geheimnis gestehe ich auf dem Heimweg, lange vor dem Schlußpsalm, daß mir ihre Kirche gar nicht gefällt.
Hinter der Haustür murmelnde Stimmen. Niemand fragt, wo wir gewesen sind. Bekannte meiner Eltern reden laut durcheinander und gestikulieren aufgeregt mit Händen und Armen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Einige haben den Hut aufbehalten wie in der Synagoge. Der dicke Kantor mit der großen glänzenden Nase hat ein rotes Gesicht. Er ist wütend. Die Eltern sehen unausgeschlafen aus, Vaters Stimme klingt matt.
Während Maria beim Kaffeekochen hilft, erzählt Mutter, was auf dem Neujahrsball passiert ist. Mit offenen Ohren fange ich Bruchstücke einer Geschichte auf, die einem makabren Märchen ähnelt.
Ein Ball mit Masken, Tanz, Champagner und Musik. Die Männer als Fürsten verkleidet, in alten Uniformen und mit gepuderten Perücken. Frauen mit weißen Korkenzieherlocken, in Spitzen und weiten Reifröcken. Seidene Gesichtsmasken, aber auch als Schweine, Kühe oder Löwen vermummte Gestalten. Schornsteinfeger und Aschenputtel, Clowns und Nymphen, Pierrots und Bauernknechte. Überall buntes Konfetti und Papierschlangen wie große Spinnweben, in die sich alle verstricken.
Und dann die Glockenschläge zum Neuen Jahr, das Knallen der Champagnerkorken, das Platzen der Knallbonbons, das Absetzen der Masken.
Nur einer, ein eleganter Pascha mit Turban und Krummschwert, läßt sein Gesicht bedeckt. In den weiß behandschuhten Händen hält er eine prächtig verzierte Schachtel mit auserlesenen Pralinen. Leicht sich verneigend geht er herum und bietet mit höfischer Gebärde den jüdischen Damen, manchmal auch den Herren, seine süße Gabe an. Mutter lehnt trotz des freundlichen Drängens ab. Champagner und Schokolade vertragen sich nicht recht miteinander, aber viele greifen gierig zu.
Niemand weiß genau, wann er hereingekommen ist, und genauso plötzlich ist er verschwunden.
Das rauschende Fest geht weiter und auf einmal fühlt Frau Roos sich nicht wohl. Nach Atem ringend, beide Hände krampfhaft auf den Bauch gedrückt, läuft sie in den Gang, wo schon andere Damen verzweifelt an den Toilettentüren hämmern.
Wüstes Gedränge bricht aus, die Frauen in den beschmutzten Kleidern weinen. Mutter versucht zu helfen. Sie ist wohlauf wie alle, die die Bonbons verschmäht haben.
Eine kleine Gruppe jüdischer Männer, verstärkt durch deutsche Freunde, nimmt die Verfolgung auf, findet aber den Übeltäter nicht. Ihre Beute ist lediglich der Turban und die leere Schachtel, auf deren Unterseite in großen schwarzen Lettern steht: »Die Juden stinken. Heil dem Führer.« Als Unterschrift: ein Hakenkreuz.
In die Eisblumen an den winterlichen Fenstern mache ich Gucklöcher mit einem Fünfmarkstück, das mir Mutter gegeben hat, und sehe den wirbelnden Schneeflocken zu. Morgen will ich auf meinem neuen Davoser Schlitten wie die anderen Kinder den Abhang hinuntersausen und hoffe auf eine weiße Welt.
Vater kommt hinter der Zeitung hervor, die ihn morgens und abends unsichtbar macht. Mit dem Kneifer auf der Nase verschwindet jetzt Großmutter hinter der Papierwand. Sie streitet sich mit ihrem Bruder, der sie jetzt fast täglich besucht, wer als erster die Zeitung lesen darf. Sie schimpfen böse über einen Adolf, offensichtlich einen anderen als meinen alten Onkel mit dem Pflaster auf der Stirn. Vater dreht an den beiden Knöpfen des jaulenden und knatternden Radioapparates, bis er Stimmen hört, die ebenfalls von diesem Adolf sprechen, aber sein Nachname klingt anders.
Niemand interessiert sich für den Schnee und im Bett träume ich davon, wie weiß und weich es jetzt draußen ist.
Der Januar bringt Winterfreuden, aber zu Hause ist keine frohe Stimmung. Sonntags sause ich vor oder hinter Vater, Mutter oder Maria den Hügel neben dem Theater hinunter, rolle manchmal vor Vergnügen und Angst kreischend durch den lockeren Schnee, wenn sich unser kleines Fahrzeug allein seinen Weg sucht. Neidisch schaue ich den anderen Kindern nach, die als geübte Rodelfahrer paarweise an uns vorbeirasen, und halte den Mund, wenn sie uns nach einem Sturz verspotten.
Die Woche über ist es langweilig. Selten hat jemand Zeit für mich. Alle lesen die Zeitung oder horchen auf die Stimmen aus dem Radiokasten. Vater klagt über die Firma, Mutter über die Geschäfte, wo es kaum noch Butter, Eier und Fleisch zu kaufen gibt. Und immer wieder die Namen von fremden Männern im fernen Berlin: Von Papen, Hindenburg oder Schleicher, und vor allem dieser Hitler, der auch Adolf heißt wie mein Onkel.
Von Tag zu Tag wird es kälter.
Die Eisblumen an den Fensterscheiben sind jeden Morgen dicker, und auf den Tennisplätzen an der Lichtenthaler Allee tummeln sich Schlittschuhläufer in Pudelmützen, Knickerbokkern und dicken Wollpullovern. Auch Vater schraubt die Schlittschuhe unter seine Wanderstiefel und gleitet schwankend übers Eis. Mutter und ich schauen lachend zu. Als er hinfällt, eilt sie zur Umzäunung, aber er hat sich schon hochgerappelt, versucht noch ein paar Schritte und gibt dann auf.
Auf dem Weg zum Haus seines Bruders freue ich mich auf die Kaninchen und Meerschweinchen meiner Vettern.
Wegen der Kälte stehen die Ställe im Wintergarten. Wie stolze Zirkusdirektoren lassen die Vettern ihre Tiere Kunststückchen vorführen und erzählen von der langen Reise nach Holland, die sie in Kürze antreten werden.
Überall im Haus stehen Kisten; das Spielzeug ist unauffindbar in Stroh und Zeitungspapier verpackt. Meine Tante ist schon vorausgereist in das unbekannte Rotterdam, die Vettern und mein Onkel werden ihr bald folgen. Ihre Aufregung stimmt mich traurig, denn ich habe ja nicht viele Freunde zum Spielen.
Am letzten Sonntag des Monats kann man immer noch Schlittschuh laufen, aber heute ist der vereiste Tennisplatz nicht voll. Viele Leute tragen auf der Brust ein rundes, rotweißes Abzeichen mit dem schwarzen Hakenkreuz in der Mitte. Die Kinder, die sie an der Hand führen oder die mit ihren Müttern am Gehsteigrand stehen, haben Papierfähnchen mit demselben Zeichen.
Ganz fern dröhnen Trommeln im Takt der Marschmusik und als der Wald von Fahnen, Bannern und funkelnden Instrumenten in Sicht kommt, stimmt die Kapelle die drohenden, dumpfen Töne des Horst-Wessel-Liedes an. Hunderte von gestiefelten Männern in braunen Hemden und Reithosen, mit Koppeln, Schulterriemen und Mützen, deren Band in das Doppelkinn schneidet, marschieren wie Marionetten im strengen Takt vorbei, den Blick starr auf den Nacken des Vorgängers geheftet. Um den linken Arm die rote Binde mit dem schwarzen Hakenkreuz im weißen Feld, und aus den Kehlen schallt rauh und abgehackt: »Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen!«
Riesige Fahnen flattern über ihren Köpfen und aus den Absätzen sprühen Funken wie bei den Pferden der Brauerei. Der Boden dröhnt unter den stampfenden Sohlen und in den engen Gassen klirren die Fensterscheiben.
Ich ziehe Mutter nach vorn, um besser sehen und hören zu können. Sie will nicht zwischen den Fähnchen schwenkenden Kindern und ihren winkenden Eltern stehenbleiben. Widerwillig folge ich ihr zu unserer Wohnung. Hinter dem Rücken der Leute zwängen wir uns an den Häusern und Geschäften entlang. Zwischen den hochgestreckten Armen und den Fähnchen sehe ich das Ende des Zuges, der mit donnerndem Trommelschlag vorbeizieht. Unsere Haustür auf der gegenüberliegenden Seite scheint unerreichbar. Um mich herum Kinder, älter und jünger als ich, stolz auf ihre Fähnchen. Ich komme mir nackt und ausgestoßen vor, als ich, von Mutter mühsam mitgezerrt, die schwere Tür hinter mir ins Schloß fallen höre.
Allmählich verklingt die Marschmusik. In Vaters Sessel sitzend, schlägt Mutter die Hände vor die Augen, auf ihren Wintermantel tropfen Tränen.
Montags ist der Kindergarten geschlossen. Vergeblich der lange, steile Spaziergang, vorbei am Kurhaus mit den kleinen Geschäften. Die Fotografin steht neben der Tür und fragt Mutter, wie ihr die Fotos in der Auslage gefallen. Auf einem Foto stehe ich, mit dicken Backen und gräßlich süßem Lachen.
Am Kiosk stehen frierende Männer, sie lesen die Zeitung und blasen Wolken aus Zigarrenrauch. Auf den Straßen laufen heute viel mehr Polizisten herum als gewöhnlich.
Zu Hause ist Waschtag. Im Keller steht Maria in einem Nebel aus Wasserdampf und wäscht, Mutter mangelt die Laken. Oben in der Küche dampfen Kohlrouladen auf dem Herd. Auch bei den Nachbarn im Treppenhaus rieche ich das Montagsgericht, das zum Waschtag gehört, das ich aber gar nicht mag.
Beim Mittagessen spricht niemand, alle hören den Stimmen aus dem Radio zu. Aus Angst vor den strengen Worten meines Vaters getraue ich mich nicht, am Essen zu mäkeln. Aber als ich herumtrödle und im Kohl stochere, weist mich niemand zurecht.
Mutter legt den Finger auf die Lippen. Jetzt schweigen auch die Stimmen aus dem Äther. Die Gabeln und Messer erstarren, eine heisere, aufgeregte Stimme meldet aus Berlin, wer jetzt Deutschlands neuer Herr ist: Reichskanzler Hitler, Adolf, wie mein Großonkel.
Der sitzt heute bei uns am Tisch und wird so weiß wie das Pflaster auf seinem Kopf. Auch meine Eltern sehen erschrocken aus. Maria trägt die halbvollen Schüsseln in die Küche zurück, an den Nachtisch denkt niemand. Was das alles zu bedeuten hat, verstehe ich nicht, bin aber sehr erleichtert, als Vater sagt, das könne nicht lange dauern, zur Sorge gebe es keinen Grund.
Unten auf der Straße ist es unruhig. Heute sind viele Braunhemden und mehr Spaziergänger unterwegs als gewöhnlich. Oma bleibt lieber zu Hause, Mutter überlegt, ob sie ausgehen soll.
Aus dem Radio schallt den ganzen Nachmittag Marschmusik; Männer sprechen von der Regierung und was sie für das Land tun wird. Auf der Theke beim Bäcker stehen viele rote Papierfähnchen mit Hakenkreuzen in einer Vase. Die Kinder vor mir bekommen eines, manche sogar zwei. Die Bäckersfrau meint, ich würde ja heute abend auf dem Theaterplatz ohnehin nicht mitsingen und bräuchte deshalb auch keine Fahne. Mutter gibt ihr in allem recht und darüber werde ich schrecklich böse. Mein Vetter, der nur ein wenig größer ist als ich, darf mitmachen. Wie ungerecht die Erwachsenen sind, denke ich, halte aber den Mund und sage nichts.
Nach dem Abendessen scheint der sonderbare Tag vorbei zu sein. Nach dem Abwaschen, als die Teller und Schüsseln sich wieder im Büffet stapeln, das Silberbesteck ordentlich in den Fächern liegt und ich von allen einen Gutenachtkuß bekommen habe, bringt Maria mich zu Bett.
Im Dunkel des Kinderzimmers verscheuche ich die Gespenster meiner Kinderangst und klammere mich an meinen kahl gestreichelten Bären. Ein dröhnender Schlag, und noch einer. Ein schwerer Paukenwirbel folgt, dann prasseln Trommeln, eine Tuba brummt, Trompeten schmettern.
Hellwach und erschrocken springe ich aus dem Bett, laufe aufgeregt ins Wohnzimmer und sehe meine Eltern mit den anderen am offenen Fenster stehen. Die Lampe ist ausgeschaltet, die riesigen Schatten an der Wand sind von flackerndem Licht umgeben, das von unten heraufkommt.
Auf einem Stuhlsitz kniend, in Omas Umschlagtuch gewikkelt, schaue ich hinaus und sehe etwas, das mich sprachlos macht. Bis ans ferne Ende der Straße auf beiden Seiten lange, lange Reihen von Fackellichtern wie sich windende Feuerschlangen. Die feuchtkalte Luft flimmert wie ein unruhiges Gewässer. Unter den Sturmmützen spiegeln sich die Flammen auf den Gesichtern der Braunhemden. Hunderte von Teufeln stampfen mit den Hufen auf das Granitpflaster und brüllen ihre Lieder. Fahnen flattern über den Flammen und werfen schwarze Schatten auf die Häuser. Eisenharte Männer mit Stahlhelmen hämmern mit den Stiefeln auf den Amboß der Straße.
Der Anführer sitzt hoch zu Roß, der Sattel ist ein Tigerfell. Die Flammen spielen um den Helm, das Gesicht ist aus Stein.
An beiden Seiten vor ihm Pauken, größer als Kessel, mit Schnüren bespannt, wie reißende Mäuler mit Wolfszähnen.
Mit den dick gepolsterten Trommelschlegeln schlägt er übers Kreuz dröhnend auf das straffe Fell, trommelt einen Wirbel, schleudert die Stöcke in die Luft und fängt sie auf wie ein Jongleur. Und das alles im Takt der Stiefel.
Unangreifbar, stolz und drohend reitet er vorbei, der grausame Ritter aus meinem Märchenbuch.
Ich folge ihm mit den Augen, bis er nicht mehr zu sehen ist, und höre meinen Vater flüstern: »Erlkönig«.
GEBURTSTAG
Aus dem fernen Land von Butter, Käse und Eiern ist meine Tante als Gast ins eigene Haus zurückgekehrt.
Das von den Reise zerdrückte fettige Päckchen, das sie Mutter gibt, kommt in die verschlossene Speisekammer: ein kostbarer Schatz.
»Holländischer Käse und holländische Butter« sagt sie mit der Betonung auf ›holländisch‹, denn dort ist ihrer Ansicht nach alles besser ...
Ich denke an grünes Gras, an bunte Kühe in einer Landschaft ohne Berge, wo die Ferne nur ein Strich ist: eine kleine Skizze in Tantes fast leerem Haus.
Für mich hat sie eine flache Schachtel mit wolligen Kätzchen auf dem Deckel mitgebracht. Im weißen Satinbett liegt eine lange Reihe Katzenzungen aus Schokolade, zu schön um sie zu essen.
Meinen Namen spricht sie so komisch aus, als würde sie sich beim G die Kehle räuspern, und manchmal verstehe ich nicht, was sie meint. »Das kommt daher, weil sie Holländerin ist«, hat Oma mir mit einem mitleidigen Lächeln anvertraut.
Sie streitet sich mit meinen Eltern und will sie überreden, ebenfalls in ihr wasserreiches Land auszuwandern. Vater sagt, das sei Unsinn und panisches Getue. An ihre Gruselgeschichten glaubt er nicht.
Ihre Augen blicken zornig durch die dicken Brillengläser, weil Vater sich ihren Worten gegenüber taub stellt, und beim Abschied deutet sie auf mich und sagt: »Tu es ihm zuliebe.«
In einem zu langen, mottenzerfressenen grauen Wintermantel mit schwarzem Samtkragen steht er vor unserer Wohnungstür. Auf seinem Kopf ein dunkler, fettiger Filzhut. Über dem Hutband weiße Linien wie verschwommene Schneeberge. Die langen braunen Haare fallen in Locken unter dem Hut hervor. Mit den traurigen Falten um Augen und Mund sieht er dem alten freundlichen Bluthund unseres Zahnarztes ähnlich.
Unter seiner linken Achsel klemmt ein abgestoßener Geigenkasten, an der Hand baumelt ein verbeultes und zerkratztes Köfferchen. Mit der anderen Hand sucht er Halt am Türpfosten. Aus seinem weinerlichen Deutsch verstehe ich nur so viel, daß er meine ›Mame‹ oder meinen ›Tate‹ sprechen will.
Mutter kommt die Treppe herauf. Sie erschrickt nur ein wenig, als sie den Mann an der Tür sieht.
Ihre Besorgtheit und ihr Mitleid kenne ich schon, denn er ist nicht der erste Flüchtling, der bei uns um Obdach, Essen oder Geld anklopft.
In der Küche, einen Teller mit Butterbroten vor sich, erzählt er zwischen den Bissen seine Geschichte, von der ich nur Bruchstücke verstehe.
Nach Polen muß er zurück. In Deutschland darf er nicht bleiben. Hausieren ist jetzt verboten, die Braunhemden haben ihn mit Knüppeln und Fäusten geschlagen. Wegen seiner jiddischen Aussprache hat man ihn verspottet, sogar die deutschen Juden sind manchmal hartherzig. Seine Geige will er uns verkaufen, aber Vater lehnt mißtrauisch ab. Er setzt den Preis herunter, klappt aber den schmuddeligen Kasten schließlich wieder zu, als ihm Vater etwas mürrisch Papiergeld in die Jackentasche steckt.
Abends im dunstigen warmen Badezimmer wickelt Mutter mich in das große weiße Frottiertuch und schlägt plötzlich die Arme um mich. Ihre Augen schimmern feucht: »So etwas darf uns nicht passieren, das kann nicht wahr sein.« Und unter Tränen lachend flüstert sie trotzig: »Und Vaters Geburtstag feiern wir trotzdem, Boykott hin oder her.«
Die runden weißen Marmortischchen, unverrückbar und stabil auf ihren weißen eisernen Löwenfüßen, sind fast alle leer. Nur am Fenster sitzen zwei alte Damen mit silbergrauem Haar und rühren in ihren Kaffeetassen. Die dicke Konditorsfrau mit der steifen weißen Schürze schneidet große Stücke Schwarzwäldertorte mit Kirschen und Schokoladeröllchen ab, legt sie behutsam auf die Teller und bringt sie schlurfend an ihren Tisch.
Auf dem Weg zurück zu meiner Mutter, die hinten im Café steht, nickt sie mir freundlich zu, wobei die rosigen Wangen und das mollige Doppelkinn ein wenig zittern. Sie zeigt auf die Salzstangen auf der Vitrine und erlaubt mir, ein paar davon zu nehmen.
Hinter den Glasplatten der Auslage stehen halbe und ganze Torten mit Schokolade und Früchten, eine sahnige Quarktorte, weißes Schaumgebäck und lange Eclairs mit brauner Glasur, die meinen Blick gefangenhalten.
Leise redet sie mit Mutter, die mich auf dem Weg zum Café durch die Straßen voll flatternder roter Hakenkreuzfahnen an Fahnenstangen mit goldenen Spitzen nervös hinter sich hergezerrt hat.
»Ein hohes Parteitier«, Wagner heißt er, ist heute in der Stadt, und Mutter hat zu Hause lange überlegt, ob sie die Geburtstagseinkäufe machen könne. Wir waren an Braunhemden vorbeigekommen, die mit Handbürsten, von denen der Leim tropfte, weiße und gelbe Plakate mit dicken schwarzen Buchstaben an Wände und Litfaßsäulen klebten. Auf meine Frage, was die dort machten, blieb Mutter mir die Antwort schuldig und beschleunigte nur den Schritt. Jetzt höre ich aus ihrem lauten Geflüster heraus, daß die schwarzen Worte für uns Unheil bedeuten.
Die Salzstengel schmecken mir nicht, nicht einmal die große runde Torte, auf der »32 Jahre« in Schokoladenlettern steht, macht mich fröhlicher. Ich fühle mich wie unter einer gläsernen Glocke gefangen und höre die Stimmen wie von fern.
Den Heimweg erschwert die selbstauferlegte Aufgabe, die Gehsteigeinfassung aus grauem Granit nicht zu verlassen. Ein falscher Schritt kann ungeahnte Katastrophen zur Folge haben, und kurz bevor wir unsere Haustür erreichen, verliere ich, das Ziel schon in Sicht, mein Gleichgewicht.
Der Sabbat verläuft nicht ganz so wie sonst. Großmutter betet länger und verbeugt sich tiefer nach Osten. Beim Anzünden der Kerzen zittern ihre Hände so sehr, daß das Zündholz erlischt, und als sie mir die Hände auf den Kopf legt und den Segen spricht, spüre ich, wie sie bebt. Heute abend gibt es auch keinen ›gefillte Fisch‹ oder grünen Hecht. Onkel Jacob, Omas Bruder, fehlt, weil er sich nicht auf die Straße wagt.
Ohne Gäste ist es still am Tisch und Vater spricht rasch die Gebete zu Ende.
Das leise Flattern der Vorhänge in meinem Zimmers schläfert mich ein. In der graublauen Morgendämmerung des ersten Apriltages weckt mich das bramarbasierende Gröhlen eines Betrunkenen, das von den Hauswänden zurückgeworfen wird und zu meinem offenen Fenster hereinschallt.
Heute hat Vater Geburtstag, summt es mir durch den Kopf, und da ist auch noch etwas anderes, aber ich weiß nicht was.
Ich höre, daß sich im Haus etwas rührt, stelle mich aber schlafend, denn es ist noch viel zu früh. Die Geräusche draußen werden lauter. Klackende Stiefel im Marschrhythmus und Lieder mit unverständlichen Wörtern dröhnen durch die Straße.
Es ist noch nicht ganz hell, als Maria mich wecken kommt. Die Eltern sind schon aufgestanden und ich weiß nicht, was ich mit meinen Geburtstagsversen anfangen soll.
Auf dem Frühstückstisch stehen warme, knusprige Brötchen, die Maria in einem Leinensäckchen beim Bäcker nebenan geholt hat, ein zusätzliches Ei an Vaters Platz und neuer Honig, den er immer in die ausgehöhlte Brötchenspitze tropfen läßt.
Mit abwesendem Lächeln hört er sich mein Gedicht an und rührt im Kaffee. Ein Ei läßt er stehen, den Honig nimmt er hastig mit dem Kaffeelöffel aus dem Topf und kleckert auf das saubere Tischtuch.
Das Telefon klingelt.
Vater hält den Hörer fest, als wolle er ihn zerquetschen, und wird weiß im Gesicht. »Ich komme sofort«, sagt er heiser in die Telefonmuschel zu seinem Bruder, der offenbar vergessen hat, daß heute Samstag ist und außerdem sein Geburtstag.
Auf Französisch sagt er etwas zu Mutter, die gleichfalls vom Tisch aufgestanden ist und sonderbar blaß aussieht.
Diesmal hat es nichts mit mir zu tun, denn französische Wörter bedeuten sonst, daß für mich Bettzeit ist, aber jetzt ist es erst früh am Morgen. Sie fragt, ob sie mitkommen darf, aber er schüttelt beinahe böse den Kopf, fährt in seinen schweren dunklen Mantel und läuft ohne Hut und Stock zur Haustür hinaus, die Maria für ihn aufhält.
Schweigend sitzen wir am Tisch, Großmutter, Mutter, Maria und ich. Oma sagt unverständliche Dinge über die Nazis, die mir Angst machen. Mutter schreit sie an, sie solle den Mund halten und lieber die Sabbatgebete in ihrem Zimmer aufsagen, statt uns Angst einzujagen.
Ich will zu Mutter, aber Maria hebt mich hoch, versucht mich zum Lachen zu bringen und trägt mich in die Spielecke, wo sie mir aus Pinocchios Abenteuern vorliest.
Das Pochen in meiner Kehle läßt nach.
In den Pausen zwischen den Sätzen höre ich, daß Mutter telefoniert und daß vor den Fenstern draußen dumpf Marschlieder erklingen.
Trüb schleppt sich der Vormittag dahin.
Mutter sagt zu Maria, sie fühle sich, als habe man sie während eines Sturmes in eine Schiffskajüte gesperrt, sie will hinaus, ins Geschäft, zu meinem Vater. Maria zögert und sagt, das sei zu riskant, läßt sich aber überreden. Großmutter protestiert aufgeregt, daß sie nicht allein bleiben will, und bringt mit überkippender, zänkischer Stimme ihre Argumente vor. Ausnahmsweise setzt Mutter ihren Willen durch und läßt Oma tobend in ihrem Zimmer zurück.
Zwischen den beiden Frauen komme ich mir heute unwichtig vor. Ihre Hände sind kalt, der haarigen Stoff ihrer Mäntel kitzelt mich. Schweigend gehen wir durch ruhige steile Nebengassen, wo wenig Leute sind. In der Sophienstraße unter den kahlen Lindenbäumen, wo an anderen Samstagen Marktbuden aufgebaut sind, in denen dicke Bäuerinnen ihre Hühner und Eier anpreisen, und wo manchmal der weißhaarige Mundharmonikaspieler sein Äffchen zu den Klängen der blitzenden Hohner tanzen läßt, sehe ich Leute im Kreis vor Onkel Rudis Geschäft stehen. Hastig laufen wir hinter ihnen vorbei und Mutter umklammert meine Hand, als hätte sie Angst, ich könnte davonlaufen.
Dann und wann unterbricht ein lauter Befehl die Stille, das Murmeln der fröstelnden Zuschauer klingt wie eine Antwort.
Hinter den Reihen der Männer und Frauen erkenne ich undeutlich zwei Braunhemden. Wie Hellebardisten stehen sie da, mit Stangen in den Fäusten, an denen weiße Tafeln mit dicken schwarzen Buchstaben befestigt sind. Auf den Köpfen steife braune Mützen, das Band unterm Kinn. In der Ferne, auf dem großen Leopoldsplatz, steht eine dunkle Menschenmasse, gespickt mit dem Braun und Rot von Uniformen. Ich würde gern hingehen und zuschauen, werde aber an beiden Seiten von besorgten Händen festgehalten.
In der Straße hinter Omas Geschäft erkenne ich das Hotel Tannhäuser.
Zwei große Fensterscheiben sind zerbrochen, man kann von der Straße aus ungehindert hineinsehen. Der Eigentümer, ein Mann, an dem alles grau ist, sitzt stumm und reglos mit weit offenen Augen hinter der Theke und scheint uns nicht zu erkennen, obwohl er vor gar nicht langer Zeit bei uns zu Hause am Tisch gesessen hat, um die Hochzeitsfeier von Vaters Nichte zu besprechen. Wie fröhlich er damals war, und wie schön war das Fest! Nach dem Gottesdienst in der Synagoge, wo Vater eine Arie sang, die alle zu Tränen rührte, und wo das Brautpaar ein Weinglas zertrat, hatte ein langer Zug festlich gekleideter Verwandter aus dem Elsaß und aus den Städchen und Dörfern der Umgebung die Sophienstraße überquert und war in das Hotel geströmt. Dort waren in einem riesigen Viereck lange, weißgedeckte Tische aufgestellt, neben jedem Teller drei Messer, drei Gabeln und drei Gläser, dazwischen Blumensträuße und Leuchter mit langen Kerzen.
Meine Mutter, in einem langen, glänzenden gelben Kleid, sah fast noch schöner aus als Tante Selma in ihrem Brautkleid mit der langen Schleppe, die ich hatte tragen helfen.
Ich saß neben ihr und trieb am Tisch Späße mit meinen Vettern. Niemand achtete darauf, ob ich aß oder nicht, und immer wieder wurde der Teller vor mir weggenommen mit Resten, die ich zu Hause niemals hätte stehenlassen dürfen.
Der alte Onkel aus Rastatt, der den Kühen, mit denen er handelt, ähnlich sieht, schob mir sein Eis und die anderen Süßspeisen hin, und ich aß, bis mir beinahe übel wurde. Nach dem Dankgebet, das Benschen heißt, spielten wir unter dem Tisch, während die Onkel über uns dicke Uppmann-Zigarren rauchten.
Ihre Frauen hatten sich zusammengesetzt und kakelten wie Hühner in einem Käfig. Als Vater am Flügel seine schönsten Lieder sang, schwiegen alle oder summten mit. Onkel Edward, Omas französischer Bruder, ließ seine goldene Uhr für mich aufspringen. Sie bimmelte so schön und hell, und auf seinem Schoß schlief ich ein.
Er starrt vor sich hin und hört Mutters Worte nicht, als sie ihn durch das zerschlagene und verschmierte Fenster fragt, was hier geschehen sei.
Voll banger Ahnungen beschleunigen wir unsere Schritte, von Mutters Unruhe getrieben.
Unten auf der Straße, wo schon vor sehr langer Zeit die Römer aus den heißen Quellen tranken und wo das Wasser noch immer dampfend im Felstrog rauscht, biegen wir ab in die Richtung von Omas Möbelgeschäft. Auch hier stehen viel mehr Menschen herum als sonst, und ich begreife nicht, was sie dort zu suchen haben. Von Mutters hartem Griff tut mir die Hand weh.
Aus seiner Höhe schaute der graue Ritter Bismarck mit Schwert und Spitzhelm ungerührt auf uns herab, und vor uns sehe ich, was ich bislang nur geahnt habe.
Durch die Menge der Zuschauer drängen wir uns nach vorn. Einige sehen uns stirnrunzelnd an, andere gelassen oder verstört. Aber es sind auch manche dabei, die grinsen, als bereitete ihnen das Schauspiel großes Vergnügen. Herr Kindler vom Bekleidungsgeschäft um die Ecke ist unter ihnen. Mit gespreizten Beinen, die Hände in die Hüften gestemmt, steht er in der ersten Reihe und auf seiner Lederjacke glänzt das rote Abzeichen mit dem Hakenkreuz.
An beiden Seiten der Eingangstür stehen stämmige Männer in brauner Uniform, den Revolver am Koppel mit dem Schulterriemen, die Beine in glänzenden schwarzen Stiefeln, unbeweglich wie Statuen. Neben ihnen, an Stöcken befestigt, große Schilder mit Wörtern, die ich nicht lesen kann und trotzdem verstehe. Hochgeschossene Jungen, ein gutes Stück größer als ich, rufen die Parolen aus, ältere Leute in muffigen, abgetragenen Kleidern murmeln zustimmend oder kopfschüttelnd. »Kauft nicht bei Juden, sie sind euer Unglück« und »Die Juden verderben das Volk, Deutsche wehrt euch«. Die großen Schaufensterscheiben sind verschmiert mit Davidssternen aus tropfendem Kalk, der in langen weißen Schlieren von den Ecken herunterläuft und die schöne neue Fassade aus schwarzem Marmor verdirbt.
Der Chefmonteur der Garage, in der Vaters Auto steht, ein großer, breitschultriger Mann mit braunen Haaren und schmutzigen Händen, drängt sich neben uns nach vorn. Zwischen den Braunhemden hindurch versucht er die Ladentür zu erreichen, aber der eine streckt den Arm vor und hält ihn zurück. Er brüllt ihn an: »Kannst du nicht lesen, du blöder Judenfreund? Dir wird man ja noch vieles beibringen müssen!« Keine Stimme erhebt sich zu seiner Verteidigung, niemand protestiert.
Ohne ein Wort zu sagen geht er fort mit hängenden Schultern, den Rücken gebeugt.
Mutter wagt sich keinen Schritt mehr vor. Aber der andere SA-Mann hat uns erkannt und sagt mit einer Geste spöttischer Dienstbeflissenheit: »Gehen Sie nur rein, gnädige Frau, wir verhelfen Ihnen bald zur Pleite.« Und Maria lächelt er tückisch an: »Dir werden wir schon helfen.«
Dutzende Blicke verfolgen uns mit kühler, spöttischer Gleichgültigkeit oder wenden sich ab, als wir mit klopfendem Herzen und bleiernen Füßen die weißverschmierte Ladentür erreichen. Herr Kindler grüßt uns mit einem gemeinen Grinsen und mir wird schlecht vor Angst.
Der Ausstellungsraum ist kalt und verlassen. Hinter den Linoleumrollen im Büro brennt Licht.
Onkel und Tante sitzen da in ihren Sabbatkleidern. Vater herrscht Mutter böse an, sie hätte nicht herkommen dürfen. Sie bricht in Tränen aus; Gersbach versucht sie zu trösten und zu ermutigen, sagt, alles sei nur halb so schlimm, und ich glaube ihm aufs Wort.
Vom Schluchzen gestoßen erzählt Mutter, was draußen vor der Tür passiert ist. Die Augen meiner Tante sehen wütend durch die dicken Brillengläser. Offenbar ist es ein Fluch, den sie auf Holländisch zischt, und in ihrem guten Kleid verschwindet sie im Waschraum. Mit Schürze und Eimer, Scheuertuch und Schwamm geht sie, ohne ein Wort zu uns zu sagen, mit großen Schritten an den Polstersesseln und Betten vorbei zum Ausgang und stößt die Ladentür auf. Mit überschlagender Stimme ruft Onkel Benno ihr befehlend und weinerlich nach: »Komm zurück, Jet, das kann man hier nicht machen«, aber sie geht unbeirrt weiter.
Mit nassem Tuch und Schwamm wäscht sie die schmutzigen Scheiben ab, angestarrt von den stummen, kuhäugig glotzenden Zuschauern.
Ein Braunhemd schreit sie an, versucht, ihren Eimer umzustoßen. Sie schaut ihm gerade in die Augen und läßt ein donnerndes Gewitter niederländischer Wörter über ihn herabprasseln.
Er starrt sie verständnislos an und weiß nicht, wie ihm geschieht, als sie plötzlich die Sprache wechselt und auf Deutsch losschimpft, daß sie »den Botschafter der Niederlande benachrichtigen wird.«
Die Zuschauer trollen sich davon, als machte ihnen das Schauspiel keinen Spaß mehr. Nur ein paar schlaksige Jungen lungern noch herum.
Im Waschraum, wo sie den Eimer mit sauberem Wasser vollaufen läßt und sich die weiße Schmiere von den Händen wäscht, nickt Tante zufrieden und selbstbewußt: »So macht man das in Holland.«
DER ERTRINKENDE
Immer wenn mein bewegliches, rotbraunes Holzkämmerchen voller Spiegel ein Stockwerk passiert und an einer Gittertür vorbeigleitet, macht das Schmiedewerk des Fahrzeugs einen lauten Klick. Auf und ab fahre ich, vom Keller zum Dachboden, und zu meinem Glück fehlt nur noch die vielknöpfige rote Livree und die flache Mütze des echten Liftboys. Ich bediene die Knöpfe, wie ich es ihn in dem anderen Aufzug des Hotels habe tun sehen, und verschwunden ist die grimmige Langeweile, die mich am Tisch der Eltern und ihrer Bekannten geplagt hat. Niemand sprach dort mit mir und das, was ich aufschnappte, rief die vergessenen Ängste wieder wach, die mich vor einem Jahr überfallen hatten, als Männer in braunen Hemden und mit roten Hakenkreuzbinden die Schaufensterscheiben unseres Geschäftes beschmierten. Die geflüsterten Namen und Schimpfwörter kamen mir bekannt vor, aber der Sinn des Gesprächs blieb im Dunkeln; sogar meine Mutter nahm mit roten Wangen daran teil und vergaß, daß ich dabeisaß. Niemand hielt mich zurück, als ich den großen, hohen Saal verließ, wo aus den schwatzenden Mündern der vielen Erwachsenen die Rauchschwaden wie Schlechtwetterwolken zur Decke stiegen, und Oberkellner mit flatternden Frackschwänzen Tabletts voll Kaffeetassen und Gläser mit grünen, roten und gelben Getränken auf der Hand tanzen ließen, ohne etwas zu verschütten.
An der großen, glatten, glänzenden Theke, hinter der sich Hunderte von numerierten Fächern mit Briefen, Zeitungen und Schlüsseln befinden, komme ich nicht unbemerkt vorbei. Der kahle dicke Mann in moosgrüner Uniform, der mir gleich bei unserer Ankunft die Hand gab und nach meinem Namen fragte, sagt in seinem drolligen Deutsch, daß ich mich nicht verirren soll.
Langsam schlendere ich durch die langen Korridore und betrachte die Bilder mit Hirschen, Hunden und Vögeln an den Wänden. In einem langen, unbekannten Gang, dessen Läufer schon ein wenig verschlissen aussieht, entdecke ich einen Lift mit einem genauso verschnörkelten Gitterwerk wie in dem Gang, wo unser Zimmer liegt. Dort durfte ich weder die Knöpfe drücken noch die beiden Türen schließen. Mutter fürchtete, ich könnte mir die Finger einklemmen, obwohl ich zu Hause mit unserem Aufzug sehr gut umgehen kann.
Die rumpelnde Fahrt vom Keller zum Dachboden und vom Dachboden in den Keller fesselt meine Aufmerksamkeit nicht lange, und als ich auf einen Knopf drücke um anzuhalten, bleibt mein Käfig zwischen zwei Stockwerken hängen. Weder das Zerren an der Innentür noch die Fingerübungen auf den Knöpfen setzen das Fahrzeug wieder in Bewegung. Was zunächst so lustig aussah, ist jetzt bedrohlich geworden. Ich fühle mich wie ein Gefangener und aus den Spiegeln sieht mich ein ängstliches Gesicht mit großen Augen an.
Wie eine Schlange beschleicht mich die Furcht, hier jämmerlich und einsam sterben zu müssen, denn trotz der Hilferufe und gellenden Schreie kommt niemand, um mich zu erlösen.
Ich schrecke hoch, als der Käfig metallisch zu rasseln beginnt. Über mir sehe ich die Schuhe und Beine meiner Eltern und die grünen Hosenbeine des Oberportiers. Meine Hose ist kalt und naß. Die Scham ist größer als die Angst vor Strafe, als die Eltern mich an den neugierigen Erwachsenen vorbei auf unser Zimmer bringen.
Am späten Morgen des nächsten Tages, als sich der hellblaue Nebel über den Weingärten verzieht, erkunden wir das Schwimmbad von Meran mit den langen Reihen von rosafarbenen Kabinen, den bunten Liegestühlen, den kleinen und grossen, tiefen und flachen Becken und dem Kinderspielplatz, der mich wie ein Magnet anzieht.
Nirgends steht ein Schild wie zu Hause, das den Juden den Zutritt verbietet, trotzdem stammelt Mutter verlegen, als sie vor dem Mann an der Kasse steht.
Drinnen entdecken meine Eltern rasch Freunde aus dem hohen Hotelsaal, und die Gespräche werden fortgesetzt, als wären sie über Nacht nicht unterbrochen worden.
Der singende Ruf des Eisverkäufers: »Gelati, Gelati«, übertönt das aufgeregte Geplapper und weckt mich aus meinen Tagträumen auf dem Spielplatz.
Auf dem Rücksitz unseres dunkelblauen Adlers, Vaters makelloser Stolz, schaue ich schläfrig in die vorüberziehende gebirgige Landschaft hinaus. Auf langen geraden Wegstrecken, wenn das Auto ruhig brummt, schiebt er die weiße Reisemütze auf den Hinterkopf und singt aus voller Brust. Mutter fällt ein und die zweistimmigen Arien erklingen im Inneren des Autos freier und fröhlicher als daheim in unserem Musikzimmer.
Die Route entlang dem Gardasee vertreibt meinen Schlaf. In den gespenstischen, roh ausgehauenen Tunnels, in die wir immer wieder eintauchen, überläuft mich genüßliches Gruseln, und im grellweißen Sonnenlicht am Tunnelende kneife ich die Augen zu.
Wenn ich sie öffne, sieht die Landschaft immer wieder anders aus. Was bleibt, ist der tiefblaue See, die grau und rot geäderten Felsen und die weißen Dreiecke der kleinen Segelboote. Manchmal hält Vater bei einem Aussichtspunkt an, zeigt mir durchs Fernglas einen Marmorbruch, ein Dorf, einen Berg in der Ferne oder macht ein Foto.
Im Fernglas erkenne ich selten, was er mir zeigt, aber das sage ich ihm nicht, denn ich möchte nicht darauf verzichten, den schönen schwarzen Apparat in den Händen zu halten.
Riva ist unser Urlaubsziel. Nach dem Drehen am Rändelrad und ein wenig Hilfe beim Suchen des Bildes erkenne ich die meergrünen, blauen und rosa Häuser am Ufer, den Kai des kleinen Hafens, eine mit Flaggen geschmückte Fähre am Landungssteg, die Hotelterrassen mit den Markisen, die wie große Melonenschnitze über den Fenstern hängen, die Menschen an den weißen Tischen, die buntgestreiften Sonnenschirme und die an den Tauen dümpelnden Segelboote.
Kaum eine Stunde später gehören wir in Riva dazu und der Besitzer der Gelateria unserem Hotel gegenüber hat aus den tiefen Kühlzylindern mit den weißen spitzen Metalldeckeln drei bunte Eisbecher für uns gezaubert.
Die nächsten Wochen sind abwechselnd interessant und langweilig.
Auf den Spaziergängen nach Torbole entlang der Autostraße ist es drückend heiß. Voran Vater mit Spazierstock und weißer Mütze, in Knickerbockers und Polohemd. Mutter hinter mir, in leichten Schuhen, ruft ihm zu, seine Schritte ein wenig zu bremsen. Am Strand Badeanzüge mit breiten Streifen. Die Gummibademütze mit dem Band unter dem Kinn verwandelt Mutter in ein fremdartiges Wasserwesen.
Ich spiele mit Sand und Steinen. Manchmal werfen wir uns einen Gummiring zu, aber meistens muß ich mich selbst beschäftigen. Die anderen Kinder bleiben genauso wie ich bei den Eltern sitzen, und neidisch beobachte ich die Familien mit mehreren Kindern. Wie herrlich wäre ein Spielkamerad.
Vater geht spritzend und platschend ins Wasser und kommt als prustendes Seeungeheuer wieder heraus. Ein paar Meter weit wage ich mich mit ihm hinein, aber wenn das kalte Naß mir über die Taille steigt, kann auch seine ausgestreckte Hand mich nicht beruhigen.
Oft sitzen wir in der Sonne unter den Schirmen am Ufer und manchmal kommt ein Wind auf, der das dunkelbraune Haar meiner Mutter zerzaust. Sie steckt es mit Haarnadeln fest, die sie ständig verliert und die ich dann für sie suchen muß.
Am Kai ist viel los. Der Raddampfer, der mir von einem Ausflug auf dem See bekannt ist und dessen ächzendes Metallgestänge im offenen Kasten ich mehr genossen habe als die allerseits bewunderte Aussicht auf dem Deck, bringt bei jeder Ankunft Dutzende von Feriengästen, Dorfbewohnern und Soldaten mit. Die Touristen lassen sich schnatternd auf den Terrassen um uns herum nieder, die anderen verschwinden zwischen den Häusern.
Atemlos schaue ich zu, als einmal eine schier endlose Reihe von Jungen, manche kaum größer als ich, mit dunklen Hemden und Käppis und einem roten Tuch um den Hals, singend die Laufplanke herunterkommt. Am Ufer stellen sie sich in Reih und Glied auf und marschieren singend zum Kai. Dort singen sie weiter, schlagen Trommeln und blasen auf kleinen Flöten. Die Kellner, Gäste und Einwohner eilen zu ihnen hinunter. Wir und die neuen Bekannten meiner Eltern bleiben sitzen, obwohl ich schrecklich gern auch hingegangen wäre. »Das ist die Balilla«, flüstert Vater mir ins Ohr und ich ahne, was das bedeutet.
Der große Oberkellner, Herr Fritz, mit straff zur Seite gekämmtem blondem Haar und großen Ohren, der immer im Frack herumläuft, auch wenn die anderen Kellner nur eine Weste tragen, zeigt mir manchmal die schönen Schiffe auf dem See, erkundigt sich nach meinem Zuhause, nach meinem Hund Senta und was ich später werden will, und bringt mir mit dem Eis oft einen Farbstift, einen Luftballon oder ein Blatt Papier zum Zeichnen. Er redet nicht viel, aber ich weiß, daß er mein Freund ist.
Es sind nur noch wenige Tage bis zum Ende des Urlaubs. Nach einer langen, mühsamen Kletterpartie zum Marmorbruch kehren wir, klebrig von Schweiß und Staub, auf die Terrasse zu unserem vertrauten Tisch zurück. Auch hier ist es schwül und feucht. Über dem See ballen sich graurosa Wolken zusammen, auf dem Kai ist mehr Gedränge und Lärm als sonst. Aus den offenen Fenstern schallen Radiostimmen auf deutsch und italienisch.
Männer stehen in kleinen Gruppen beisammen, hören den Lautsprechern zu und reden laut miteinander.
Ein Raddampfer legt an. Der Himmel färbt sich lila, weiße Sommerhüte fliegen über die Kieselsteine.
Ein Ehepaar mit zwei Jungen, der kleinere etwa sechs Jahre alt wie ich, der größere vielleicht acht, kommen von der Laufplanke geradewegs auf uns zu und setzen sich an den Tisch vor dem unseren. Beide Jungen haben weiße Hemden an. Eifersüchtig schaue ich zu, wie sie die riesigen Eisbecher, die Herr Fritz ihnen bringt, auslöffeln, und verspüre kein Mitleid, als ihre Mutter böse schimpft, weil sie ihre guten Sachen bekleckern.
Ihre und meine Eltern geraten ins Gespräch, und plötzlich scheint es, als redeten alle Erwachsenen auf der Terrasse miteinander und durcheinander. Ich sitze verloren und gelangweilt zwischen den aufgeregten großen Leuten, höre um mich herum die plappernden Stimmen, die schmetternden Lautsprecher, das Donnergrollen in der Ferne und schaue sehnsüchtig dem Spiel der beiden Jungen zu, die am Ende des Landungssteges ein kleines Boot an einer Schnur durchs Wasser ziehen.
Verlegenheit und Furcht vor dem großen Wasser fesseln mich an meinen Stuhl.
Windstöße rütteln an den Markisen und Sonnenschirmen. Boote mit gerefften Segeln tanzen knarrend an der Mole und zerren wie Hunde an ihren Leinen.
Gebannt beobachte ich die Versuche der Jungen, das losgerissene Spielzeugboot einzufangen.
Der Kleine steht weinend an der Stegkante, den Mund weit aufgerissen, aber sein Schrei ist nicht zu hören. Jetzt sehe ich nur noch seinen Bruder, der sich auf dem Bauch liegend tief hinunterbeugt, dann ist auch er verschwunden.
Niemand scheint etwas zu merken. Würgende Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich rufe um Hilfe, doch niemand beachtet mich.
Die Erwachsenen lauschen gespannt der metallenen Stimme aus dem Lautsprecher, die der pfeifende Wind in Fetzen davonweht.
Verzweifelt zeige ich auf den leeren Steg, doch keiner kümmert sich darum. Ich schreie sogar, werde aber wie ein lästiges Kind beiseitegeschoben, als ich an ihren Ärmeln ziehe. Ich renne zum Steg hinunter und sehe, wie der eine Junge im Wasser zappelt. Gleich daneben zwei Hände, die gerade noch über die Wasserfläche hinausragen.
Herr Fritz steht mit dem Rücken zum See und hört ebenfalls zu. Ich ziehe an seinen Rockschößen wie an einem Glockenstrang und fuchtele, fuchtele mit den Händen, stimmlos in den Alptraum schreiend.
Er sieht, was ich sehe, wirft wortlos den Frack ab und springt in den schäumenden See.
Er kämpft mit dem Wasser, zieht den älteren Jungen ans Ufer und sucht an der Stelle, wo die Händen des jüngeren untergegangen sind.
Meine Eltern und die anderen Erwachsenen erwachen aus ihrer Trance, drängen sich an den Rand des Wassers und rufen ihm Anweisungen zu.
Als ich durch einen Wald von Beinen Herrn Fritz erblicke, der triefend, mit zerknautschter, schlaffer Hemdbrust hinter dem Kleinen kniet und seine Arme wie Flügel hochreißt und an den Körper drückt, um ihn wieder zum Leben zu erwecken, bricht der Damm meiner Tränen.
Allmählich verflüchtigt sich der böse Traum. Die Metallstimme aus dem Lautsprecher schweigt, das Pfeifen des Windes läßt nach, das Krakeelen der Erwachsenen verstummt.
Vor mich hinstarrend, hin und wieder aufschluchzend, sitze ich zwischen den Eltern. Lebt er oder ist das schon der Tod? Immer wieder sehe ich vor mir sein bläulich-weißes Gesicht und Herrn Fritz, der seine Arme wie Pumpenschwengel auf und ab bewegt.
Der Applaus meiner Eltern und der anderen Gäste schreckt mich hoch. Herr Fritz kommt auf uns zu, in tadellosem Anzug ohne Knitterfalten. Die Hemdbrust ist steif und sauber, das Haar wieder glattgekämmt mit scharf gezogenem Scheitel. Er bleibt vor mir stehen, beugt sich vor, streicht mir über den Kopf und sagt: »Der Junge lebt, er hat Glück gehabt«, und zu meinen Eltern: »Die Nazis haben Dollfuß erschossen.«
Tage eher als vorgesehen, am frühen Morgen, als Nebelschwaden über dem See treiben und der Sonnenschirm an unserem weißen Tischchen traurig tropft, treten wir die Heimreise an. Auf dem Rücksitz des Adlers betrachte ich fröstelnd die Nacken meiner Eltern. Sie kommen mir gebeugt vor. Aus ihrem Mund kommt kein Lied wie auf der Herfahrt. Nirgends ist es warm und sicher.
MARIA UND LENA
»Schau lieber nicht hin«, sagt Maria und nimmt mir die Sicht auf dem Käfig, indem sie ihre Hüfte an die von Mutter drängt.
Wenn ich mich auf die Zehen stelle und den Hals recke, kann ich durch den ovalen Spalt zwischen ihnen trotzdem sehen, was passiert ist. Ein kleines Häufchen gelber Federn mit steif hochgezogenen Füßchen liegt mitten im Futter auf der Bodenplatte hinter den gelben Kupferstäben des Vogelbauers.
Ich bringe kein Wort heraus, Tränen kitzeln auf meinen Wangen, als gehörten sie nicht mir.
Dann öffnet sich der Schirm ihrer Körper und ich sehe, daß die Porzellanschälchen mit Wasser und Vogelfutter, die ich täglich füllen und saubermachen darf, unberührt sind. Was Kranksein bedeutet, weiß ich sehr gut, aber daß der Tod nie mehr geheilt werden kann, erklärt mir jetzt Maria mit feuchten Augen. Mutter streichelt meine Haare. Ihre Augen und Nase sind rot und ihre Trostworte klingen stark erkältet.
Maria wischt meine Trauer fort mit dem Versprechen, Hänsel an einem schönen Ort unter einem Lindenbaum zu beerdigen, wie es sich gehört. In der Nähstube sucht sie nach schwarzen Samtresten und Wolle, Mutter findet eine schöne große Zigarrenkiste, die noch nach Holz und Tabak riecht, und ich zeichne den schönsten Vogel auf meinen Malblock, um ihn Hänsel als Gefährten mitzugeben. Sein Samtbett steht auf dem weißmarmornen Küchentisch und behutsam bettet Maria das gelbe Körperchen, zusammen mit meiner Zeichnung, hinein.
Senta, meine schwarze Schäferhündin, darf heute nicht mit und begreift auch warum, als ich es ihr vor ihrem Korb im Gang hockend erkläre.
Maria hat für den ernsten Gang einen dünnen dunklen Mantel über ihr Dirndlkleid angezogen; der große Hut mit den roten Kirschen sieht vornehm aus über den weichen braunen Haaren, die ich manchmal flechten darf. Ihre rechte Hand halte ich ganz fest, in der linken trägt sie das Kistchen vor sich her.
Wir gehen am schäumenden, wilden Wasser der Murg entlang zum Kurhauspark, meiden aber die großen Wandmalereien der Trinkhalle, die wir beide scheußlich und gruselig finden.
Alte Leute mit Stöcken, die den Michaelsberg, den Hügel hinter dem Gebäude mit dem heißen Quellwasser, Schritt für Schritt hinaufsteigen, gehen an uns vorbei.
Zweimal werden wir neugierig angesprochen von Damen mit runzligen Gesichtern und schwarzen Bändchen mit goldenen Anhängern um den Hals. Maria erklärt ihnen, was wir tun, und ernst nickend lassen sie uns weitergehen.
Außer Atem schauen wir uns oben auf dem Hügel um. Maria zeigt auf unser Haus, weit unten im Tal, und meint, daß Mutter jetzt sicher Ausschau hält. Mit ihrem Taschentuch, das nach Kölnisch Wasser riecht, wischt sie mir die Stirn ab.
Auf der Kuppe des Michaelsberges, unter den alten Linden suchen wir unauffällig nach einem schönen Platz. Mit meiner Sandschippe, die Maria aus der Manteltasche zieht, graben wir abwechselnd ein Loch unter einem Strauch an einem Platz, den niemand kennt.
Hänsels Sarg paßt genau hinein, und als das Holz unter der Erde verschwindet, wird mir bewußt, daß ich meinen Vogel nie wiedersehen werde. Tränen füllen mir die Augen und durch die Tränen hindurch sehe ich, daß auch Marias Augen naß sind.
Sie legt zwei Holzstöckchen als Kreuz auf das Erdhäufchen, nimmt dann meinen Kopf in die Hände, an denen noch Erde klebt, drückt mir einen Kuß auf die Stirn und sagt leise: »Gott beschütze dich, Gerdl.«
Ihre Worte machen mich unsäglich traurig, ohne daß ich genau weiß, warum. Schweres Schluchzen drückt mir auf die Brust und sitzt in meiner Kehle, und als zu Hause meine Stimme heiser klingt, fragt Mutter, ob ich mich dort oben auf dem Hügel erkältet hätte.
Die Tage, die nun folgen, sind graue Regenwolken, aus denen halbverstandene Sätze tröpfeln. Maria muß zur »Gestapo«, bei ihren Eltern haben die Braunen vor der Tür gestanden. Bei Tisch erzählt sie von bösen Männern, die sie verspottet und ihr gedroht haben. Mit einem Kloß im Hals liest sie uns den Brief ihres Vaters vor, in dem er sie bittet, nach Hause zu kommen. Maria möchte lieber dableiben. Mutter zerknüllt ein naßgeweintes Taschentuch in der Hand. Vater ahnt Gefahr und stottert hin und wieder. Marias Angst zittert in mir nach. Ich schlage die Arme um ihren Hals, um sie festzuhalten.
Ganz, ganz oft wird sie an mich denken, an meine Eltern und an Senta. Sie wird mir viele Briefe schicken, verspricht sie flüsternd, bald wird der böse Spuk vorbei sein.
Zwei große rostbraune Mädlerkoffer mit hölzernen Beschlägen und Kupferschlössern stehen am nächsten Morgen im Gang, als ich unbemerkt mein Bett verlasse. Barfüßig und noch im Nachthemd betaste ich die Unheilsdinger und fühle, wie schwer sie sind. Wider besseres Wissen hoffe ich, daß die Koffer nicht ins Auto passen oder daß Maria es sich überlegt und lachend sagt: »Ich bleibe hier.« Durch meinen Kopf summt es: »O bleib bei mir und geh nicht fort!«
Die Sommersonne scheint, als Maria neben Vater im Auto sitzt. Die Koffer auf dem Rücksitz. Obendrauf ihr dünner dunkler Mantel und der Kirschenhut. Unter Tränen lächelt sie mir zu, und ich winke und winke und winke, bis sie in meinem Meer von Traurigkeit ertrinkt.
Ohne Maria ist unser Haus leer und unfreundlich. Die großen dunklen Möbel schauen streng, der Flügel glänzt schwarz und abweisend.
Der schwere grüne Staubsaugertopf, den ich hinter Mutter hertrage, brummt und jault. Das rote Tuch um ihren Kopf kann nicht verhindern, daß ihr immer wieder eine Locke ins erhitzte Gesicht fällt, die sie mit dem Handrücken wegzuwischen versucht. Sie sagt nicht viel beim Reinemachen und das bleibt auch später in der Küche so. Sentas Schwanz hängt traurig herab, sogar wenn sie zum Einkaufen mitkommen darf. Meine kleine graue Großmutter mit dem wackelnden Kneifer, dem langen schwarzen Kleid und dem gehäkelten Umschlagtuch sitzt täglich viele Stunden an der neuen Tretnähmaschine und flickt oder ändert die Kleidung, die ich anprobieren muß, obwohl die Stecknadeln darin mich pieksen. Seit Marias Abreise wohnt sie ständig bei uns, sie hat ihr Zimmer in Dunkelgrün und Braun tapezieren lassen. Die Ecke, in der ihr großes Bett aus Mahagoniholz steht, gleicht einer Erdhöhle. Der frische Geruch von Kölnisch Wasser und Feldblumen ist verflogen und hat dem von Baldriantropfen und Kampferspiritus Platz gemacht.
Morgens und am späten Nachmittag sehe ich zuweilen, wie Oma Gebete aus einem Buch aufsagt. Dabei steht sie vor der blinden Ostwand, nickt mit den Kopf, schaukelt den Oberkörper hin und her und antwortet nicht, wenn ich etwas frage oder sage.
Wenn es regnet und ich mich zu Hause langweile, lasse ich meine aufziehbare Eisenbahn durch ihr Zimmer tuckern oder baue eine Hütte aus zwei Stühlen und ihrer braunen Kamelhaardecke. Dann erzählt sie von ihrer Jugend im Elsaß, ihrer Lehrzeit als Modistin in Straßburg, von Onkel Edward aus Metz mit dem feuchten grauen Schnurrbart und der Melone, der bei Verdun so tapfer gewesen ist, von ihren noch lebenden Brüdern und Schwestern im sicheren Frankreich und von ihrem Geburtsdorf bei Kehl, das ich von langweiligen Sonntagsbesuchen her kenne.
An Samstagen betet sie länger als gewöhnlich und trägt das vornehme schwarze Kleid mit weißem Spitzenkragen und Jabot. Zur Synagoge geht sie nicht mehr, denn auf die Straße, wo viele Nazis herumlaufen, wagt sie sich nicht mehr hinaus.
Seit ihrer Ankunft haben sich die Freitagabende verändert. Auf einem glänzenden, weißen Damasttischtuch stehen die silbernen Leuchter, die noch Mutters Vater gehört haben. Das Rosenthal-Service mit dem Goldrand, bislang im Büffet vergraben, glänzt wie neu unter der großen seidenen Hängelampe. Großmutter segnet die Kerzen, murmelt ein Gebet und hält die Hände vor die Flammen, als wolle sie sie wärmen. Auf Vaters Kopf der schwarze Bowler, auf meinem die Schirmmütze aus Wolle, mit der ich mich unbehaglich fühle. Wir alle sind festlich gekleidet. Vater singt, als wir vor unseren Tellern stehen, und zu dem Stückchen Mohnbrot mit Salz und einem Schluck Wein aus dem alten verbeulten Silberbecher muß ich unverständliche hebräische Wörter nachsprechen.
Nach der Hühnersuppe bringt Mutter eine Schüssel mit einem großen Karpfen in braunem, manchmal grünem Gelee aus der Küche. Ich mag das Gericht nicht, aber aus Höflichkeit gegenüber Großmutter, die stolz auf ihr Werk ist, muß ich davon kosten.
Onkel Jacob, Omas Lieblingsbruder, der Sabbatgast an unserem Tisch, ißt manchmal einen halben Fisch. Er ist arm und klagt ständig über Rheumatismus und zu wenig Geld. Manchmal spricht er das Dankgebet und zieht es solange hin, bis die Eltern und ich vor Langeweile gähnen.
Wenn er unruhig und gehetzt meinem Vater überläßt, den Tisch aufzuheben, und nervös den Deckel seiner dicken Taschenuhr auf- und zuklappt, weiß ich nur zu gut, was nach dem Essen kommt. Das Zauberwort Bayreuth erlegt allen Schweigen auf. Onkel Jacob und Vater schleppen schwere Sessel vor den Radioschrank, auf dem das neue Blaupunkt-Superhet-Gerät steht und alsbald dröhnen die Walküren, die Meistersinger oder Elsa von Brabant durchs Eßzimmer. Mit einer Hand hinter der Ohrmuschel, um keinen Ton zu versäumen, sitzt Onkel dicht vor dem Lautsprecher, und die Geräusche beim Abräumen des Tisches, beim Öffnen einer Tür oder ein geflüstertes Wort zischt er wütend nieder. Wagner, die Bronzeplakette auf dem Flügel, ist unser Hausgott.
Einige Tage, nachdem mein Vater eine Geschäftsreise angetreten hat, wird Großmutter bettlägerig.
Doktor Roos, der alte Hausarzt mit einem Kopf wie ein glänzendes Osterei, einer goldenen Brille auf der Nase und großen roten Händen, mit denen er mir einmal wehgetan hat, als er sie mir in seinem Sprechzimmer auf den Bauch drückte, bleibt sehr lang bei ihr. Als er fortgeht, kneift er mich fest in die Wange und sagt, daß ich Oma nicht stören darf.
Meine Hoffnung auf gemütliche Tage mit Mutter schwindet, als ich merke, daß Großmutter sie ständig benötigt. Bald möchte sie hoch aufgerichtet sitzen, bald flach liegen, oder sie will Wasser, Suppe oder Kaffee aus einer Schnabeltasse, und die klappernde weiße Bettschüssel muß dauernd gebracht oder hinausgetragen werden.
Ich helfe beim Abstauben, bekomme aber böse Worte gesagt, wenn ich etwas falsch mache. Mutter ist traurig und bekümmert, ich fühle mich hilflos und bin widerspenstig.
In ihrem rosa Bettjäckchen thront Großmutter in den dicken Daunenkissen, die vor dem geflammten, hölzernen Kopfteil ihres Bettes aufgeschichtet sind. Die Haare, die Mutter morgens kämmt und bürstet, hängen offen herab. Sie häkelt ein neues Bettjäckchen, als erwarte sie, noch viel Zeit im Bett verbringen zu müssen. Oft und viel höre ich sie klagen, obwohl es ihr sichtlich besser geht.
Selten verläßt sie das Bett und streitet mit dem Doktor, als er sie zum Aufstehen ermutigt. Ich spiele wieder auf dem Teppich in ihrem Zimmer mit der Eisenbahn, dem Märklin-Baukasten und einer neuen Mickymaus, die mit den Armen schlenkert und läuft, wenn ich sie mit einem Schlüssel im Rücken aufziehe. Hebt man sie hoch, dann trappeln die schwarzen Füßchen, sie schüttelt den Kopf und rattert schneller als die Nähmaschine. Nimmt man sie in die Hände, so ist es, als sei sie lebendig und wollte davonlaufen.
Oma schläft unter ihrem Federbett wie Rotkäppchens Großmutter.
Auf der Hügellandschaft ihrer Bettdecke lasse ich meine Mickymaus frei. Omas Augen öffnen sich rund vor Erstaunen, ihr gebißloser Babymund versucht etwas zu sagen, und plötzlich kräht sie wie ein heiserer Hahn, weicht zurück und schlägt wild nach meinem Spielzeugtier. Sie kreischt Mutters Namen, und in meiner Verwirrung, Angst und Bosheit packe ich das zappelnde Ding und setze es ihr auf den Kopf. Nach und nach verheddert es sich in den grauen Haarlocken, während ihr Geschrei unvermindert anhält.
Meine Welt stürzt zusammen als Mutter die zuckende Mickymaus mit einer Schere aus dem grauen Gewirr befreien muß. Atemlos zischt Großmutter, ich sei ein »Mamser«, ein Teufel, und schwört, ich werde meiner Strafe nicht entkommen. Mutter steht das Weinen näher als das Lachen. Sie versucht zu beschwichtigen, träufelt Baldrian in ein Glas Wasser und schickt mich aus dem Zimmer.
Verdrossen vor Kummer und Schmerz über die harte Strafe, die Vater mir verpaßt hat, hungrig und mit pochenden Schläfen liege ich abends in meinem Bett. Seine brüllende Stimme schallt aus dem Eßzimmer und Mutter weint und schreit, daß sie allein, ohne Maria, die Belastung nicht länger ertragen könne.
Ein paar Tage später eilen wir vom Einkaufen nach Hause. Lena, Mutters neue Hilfe, soll sich heute vorstellen. Ich brenne vor Ungeduld und Neugier, sie zu sehen. Die Haustür zum Treppenhaus steht einen Spalt offen. Schon von unten höre ich Senta aufgeregt bellen.
Über die glatten Steinstufen renne ich vor Mutter zu unserer Wohnung im ersten Stock, halte aber an, als ich durch die Lücken des Treppengeländers sehe, wie Lena mit großen schwarzen Schnürstiefeln auf den Boden stampft, um den Hund einzuschüchtern.
Sie bemerkt uns erst, als wir neben ihr stehen. Hinter der weißen Wohnungstür mit den kleinen Scheiben taucht jetzt leise winselnd die Hundeschnauze auf.
Noch bevor Lena uns begrüßt und sich vorstellt, zetert sie, daß wir den Hund festhalten müssen, wenn wir die Tür öffnen.
Nervös steckt Mutter den Schlüssel ins Schloß und schickt Senta mit strengen Worten zu ihrem Korb. Mißtrauisch und wachsam beobachtet sie von dort aus unsere neue Hilfskraft.
Als ich Lenas große lila Hand schütteln muß, fühle ich tiefe Verbundenheit mit meinem Hund. Die große, derbe Frau mit der spitzen Nase und den hellen Augen ist mir unheimlich. Das graubraune Haar ist mit Haarnadeln zu einem dicken Knoten im Nacken aufgesteckt, und ich kann die Augen von den Haaren auf ihrem Kinn kaum abwenden. Wie ich spüre, ist auch Mutter erschrocken und läßt zu, daß Lena sofort zu arbeiten beginnt. Sie holt eine große braune Schürze aus ihrem geflochtenen Koffer hervor und nach wenigen Worten wischt und bohnert sie, als sei es ihr Haus.
Mutter kocht, sie läßt sich nicht vom Herd verdrängen. Als wir um den Tisch sitzen, murmelt Vater leise, er sei froh, daß »das Mensch« lieber allein in der Küche ißt. Von nun an wird in unserem Haus viel geflüstert, denn Lena horcht an den Türen. Ich kann kaum glauben, daß Erwachsene so etwas tun, bis ich mit eigenen Augen sehe, wie sie im Flur davonrennt, als Vater mit einem Ruck die Tür öffnet.
In der Küche fallen harte Worte, das Geflüster hält an. Die Woche über verläßt Großmutter selten ihr Zimmer und drückt sich dann schweigend an Lena vorbei.
Allmählich wird Oma mir wieder gut. Auf den Stühlen an ihrem Bett oder neben der Nähmaschine, die sie zuweilen wieder schnurren läßt, schütten wir alle unser Herz bei ihr aus. Als spuke ein Drache im Haus, dem Vater als einziger Widerpart bieten kann.
Als auf dem Markt hinter der Stiftskirche dicke Bäuerinnen mit Körben voll länglicher, blauer Zwetschgen stehen, weiß ich, daß Mutter einen Kuchen backen wird. Auf rechteckigen Backblechen legt sie entsteinte und halbierte Zwetschgen wie Dachziegel in vielen Reihen nebeneinander auf den Teig, streut Zucker und Zimt darüber und gibt dünne Sahne dazu. Sie macht das geschickt und mit großem Vergnügen.
Der Kuchen ist noch warm und saftig, als wir die ersten Stücke kosten dürfen. Lena sieht beinahe freundlich aus, als sie sich eine doppelte Portion in den Mund stopft.
Mit Augen, die größer sind als der Magen, bitte ich um noch ein Stück und höre von Mutter, daß wir morgen, am Freitagabend, Gäste haben. Besonders schöne Stücke ohne Kruste legt sie auf eine große Platte und stellt sie in der Speisekammer neben der Küche sorgsam beiseite.
Schon im Gang verdüstert sich Onkel Jacobs Gesicht, als er hört, daß Mutters mollige Schwester und ihr Freund Harry, der Schauspieler mit dem Monokel, sowie Onkel Albert, ein entfernter Verwandter von Vater, heute abend zum Essen kommen. Er befürchtet und ich hoffe, daß Wagner diesmal nach dem Essen keine Chance hat.
Vater gibt sich andächtiger als sonst und singt die Gebete wie Arien. Still warte ich an dem festlich gedeckten Tisch auf den Zwetschgenkuchen. Den Karpfen im grünen Mantel rühre ich heute nicht an, denn auch Tante läßt ihr Stück stehen.
Mit überkippender Stimme ruft Mutter aus der Küche nach mir. Keiner Übeltat bewußt außer meinem Widerwillen gegen den Fisch, gehe ich zu ihr und sehe sie mit den Tränen kämpfend vor der Platte mit den Kuchenstücken stehen. Es ist kein Berg mehr, nur noch ein Hügel, und ich stehe da als Angeklagter. Erst nach einem heiligen Eid glaubt mir Mutter. Ihr Kreuzverhör erstreckt sich auch auf Vater. Er weiß von nichts und regt sich auf. Oma ist über jeden Verdacht erhaben. So bleibt nur Lena als Verdächtige übrig, aber sie kommt erst wieder am Montag morgen.
Aus der Waschküche im Keller dringt der Lärm eines schrillen, heftigen Streites durch das hallende Treppenhaus bis in unsere Wohnung, und ohne die Worte zu verstehen, weiß ich, worum es geht. Blaß und verstört, mit rotumrandeten Augen, stürzt Mutter ins Zimmer und stolpert atemlos über die eigenen Worte: Lena hat den Kuchen gestohlen, schlimmer: Lena stiehlt von Anfang an aus der Speisekammer. Aber das Schlimmste: Lena schimpft und höhnt, sie habe ein Recht darauf, sie werde ausgebeutet und bekomme viel zu wenig zu essen, die Juden würden die »Volksgemeinschaft« betrügen und sie werde uns die »Partei« auf den Hals hetzen, um uns ein für allemal Mores zu lehren.
Kuchen, Konserven, Wurst und Käse haben schlagartig ihre Bedeutung verloren. Der Ärger wird zur Angst, und in der Vorstellung sehe ich schon die Braunhemden mit Fackeln und Knüppeln vor der Tür stehen. Ratlos überlegen die Eltern miteinander, mit Freunden und Bekannten. Den ganzen Tag über rasselt die Wählscheibe des Telefons und atemlos spricht Mutter in den Hörer. Abends klingelt sie bei den Nachbarn an, oben, links und rechts.
Erschöpft und aufgeregt gibt sie mir einen Gutenachtkuß. Die Neugier schwelt in mir, als ich einschlafe, den tröstenden Kissenzipfel in den Armen.
Unwirsch und mit verkniffenem Mund tobt Lena morgens durch die Wohnung. Vor ihrer Wut klirrt das Geschirr in der Küche, wir sind für sie Luft. Sie tritt heftiger gegen Stuhl- und Tischbeine, als ich es im schlimmsten Jähzorn je gewagt habe, und als das dumpfe Knallen des Teppichklopfers vom Hof herauf tönt, tun mir die Teppiche leid.
Mutter kocht das Mittagessen. Ihre Wangen sind erhitzt, als wäre es glühend heiß in der Küche, und bei jedem Schlag und Knall im Haus oder von draußen zuckt sie zusammen.
Schweigend helfe ich ihr beim Tischdecken. Als die Suppe in der Terrine auf dem Tisch dampft, ruft sie Lena zum Essen.
Leise schließt Mutter die Küchentür und überläßt die Suppe schlürfende Lena, die weder auf noch um sich schaut, sich selbst. Wir essen wortlos unsere Suppe und ich verstehe nicht, was die erwartungsvolle Stille zu bedeuten hat.
Als die Türklingel läutet, springt Mutter auf, als hätte sie auf einer Feder gesessen, läuft zur Wohnungstür und kommt gleich darauf mit den Damen zurück, die geheimnisvoll leise gehen und flüstern, allen voran Frau Huber, unsere immer lachende, mollige Nachbarin von oben, im grünen Dirndlkleid, aus dem ihr üppiger Busen mit dem goldenen Kreuzchen darauf quillt.
Teils im Zimmer, teils im Gang warten alle auf den Augenblick, in dem Frau Huber die Küchentür aufreißt. Lena würdigt sie keines Blickes. Den linken Arm hat sie um den Teller gelegt, als müßte sie ihn gegen Diebe verteidigen. In ihrer rechten Hand die Gabel, mit der sie, ohne den Arm anzuheben, den Berg aus Sauerkraut, Kartoffeln und Fleisch mit großen Bissen in den Mund schaufelt.
Als die Nachbarin und die anderen Frauen in der Küche stehen, blickt Lena unwirsch vom Essen auf. Frau Hubers lachend gesprochene Worte: »Aber Lena, ich glaubte, man lasse dich hier verhungern« bringen die Gabel zum Stillstand. Eine Donnerwolke zieht über ihr Gesicht, der Mund ist ein verkniffener Spalt. Böse erhebt sie sich, umklammert die Gabel mit der Faust und sticht sie wie eine Heugabel mit Schwung ins Sauerkraut. Drohend schaut sie sich um, stößt Flüche aus, die ich noch nie gehört habe, reißt die braune Schürze vom Haken und ohne sie in den geflochtenen Koffer zu stecken, drängt sie uns in der Küchentür beiseite. Mit einem donnernden Schlag wirft sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloß. Im leeren Treppenhaus hallt ihr Fluch wider: »Juda verrecke!«
Bleich, mit Gesichtern, auf denen die Fröhlichkeit erloschen ist, gehen die Frauen hinaus. Mutters geflüsterte Worte des Dankes bleiben in der Luft hängen.
SCHULZEIT
Im Korridorspiegel erkenne ich mich kaum wieder. Das Weinen steht mir näher als das Lachen. Nur oben am Kopf sind noch Haare, aber darunter hat der Friseur mit seiner Haarschneidemaschine ein Stachelschwein aus mir gemacht. »Für die Schule muß es kurz und schneidig sein«, hatte er zu meiner Mutter gesagt. Bevor sie sich’s überlegen konnte, hatte er, ohne weitere Worte zu verschwenden, mir einen deutschen Schopf geschnitten. Auf den weißen Frisierumhang fallen braune Strähnen wie Herbstblätter und ich schließe die tränennassen Augen, um meine Verwandlung nicht ansehen zu müssen.
Auf dem Heimweg spüre ich den kalten Wind auf der nackten Kopfhaut und es scheint, als sei mir die Mütze auf einmal zu groß geworden. Harro, der Nachbarsjunge, Sohn des Chefmonteurs der Opel-Garage, in der Vaters Auto steht, kommt auf seinem fliegenden Holländer zu uns herangebraust. Auch er hat einen frischgeschnittenen Stachelkopf und ich bilde mir ein, daß er über meine viel zu große Mütze lacht, obwohl er sonst sehr nett ist. Ich zerre an Mutters Hand, um so rasch wie möglich im Treppenhaus vor fremden Blicken sicher zu sein und beruhige mich erst, als die Haustür ins Schloß fallt.
Mit einer knisternden, in braunes Packpapier gewickelten Überraschung lockt sie mich vom Korridorspiegel fort. Auf dem großen Eßzimmertisch liegt das graue Leinentischtuch, das Großmutter monatelang mit Blumen bestickt hat, angespannt murmelnd, die bebrillte Nase bei jedem Stich dicht am Tuch. Schrill ruft sie aus ihrem Sessel, das neue Tischtuch müsse erst zusammengefaltet werden, bevor ich die Schnüre des Pakets aufknüpfen darf. Durch das Papier hindurch dringt der aufregende Geruch frisch gegerbten Leders, und mit ungeduldigen Fingern entferne ich die braune Umhüllung von dem schönsten Schulranzen, den ich jemals angefaßt habe.
Sprachlos streichle ich das wunderbare, genarbte Leder, verfolge mit dem Zeigefinger die glatten, reckteckigen Bahnen auf der Klappe und stecke den Kopf in die Tasche hinein, um den würzigen Geruch tief einzusaugen. Auf dem Boden liegt ein langer hölzerner Federkasten. Erst nach vielem Probieren und Fummeln gelingt es mir, den geheimnisvollen Verschluß zu öffnen. Niemand im Zimmer kommt auf den Gedanken, daß man den Schiebedeckel zuerst halb herausziehen muß.
Glatt und schwer liegt der Kasten in meiner Hand, ein gefährliches Stück Holz. Farbstifte und ein Federhalter klappern in den Fächern. Einzelne Federn mit einer kleinen Kugel an der Spitze, ein Stück Sämischleder und ein wunderbar weicher grüner Radiergummi liegen in ihrem Geheimversteck verborgen.
Die ledernen Schulterriemen meines Ranzens sind steif und hart. Es kostet mich Mühe, den Haken des rechten Riemens ohne Hilfe in den Eisenring an der Unterseite einzuhängen, aber nach einigen vergeblichen Versuchen klappt es. Stolz laufe ich mit meiner neuen Schulausrüstung aus dem Zimmer zum Korridorspiegel und betrachte mich mit anderen, neuen Augen.
An dem Schulgebäude aus grauen, glitzernden Steinblöcken bin ich oft mit den Eltern oder an Marias Hand vorbeigekommen auf dem Weg zu meinem Freund Walter, dem Sohn des dicken Rabbiners, oder gelegentlich an Sonntagen, wenn wir uns von der seufzenden kleinen Bergbahn auf den Gipfel des Merkurs tragen ließen.
Auf den grauen Granitstufen, die vom Gehsteig zur breiten Terrasse hinaufführen, hinter der steinernen Balustrade und vor dem Bogen des dunkel drohenden Schuleingangs stehen viele Mütter mit Jungen, ebenso groß oder größer als ich, mit kurzgeschnittenem Haar; einige mit Ranzen aus Leder oder Leinwand, andere mit Leinenbeuteln oder Bündeln, die mit einer Schnur umwickelt sind. In den Armen halten sie große spitze Tüten aus bunter Seide, aus Karton oder braunem Papier, voll mit buntverpackten sauren Bonbons, Ostereiern und Zukkerwerk. Sie rufen einander zu, prahlen mit ihren Osterschätzen und tauschen Süßigkeiten aus.
Einige Mütter schwatzen laut miteinander, während ihre Söhne über der Balustrade hängen und die Sonntagskleider schmutzig machen.
Walter und ich stehen ohne Schultüten auf dem Gehsteig gegenüber der Schule. Unsere Mütter flüstern kaum hörbar, wir beschnüffeln unsere neuen Schulranzen. Seine abstehenden Ohren werden rot, als er nach dem österlichen Zuckerwerk schaut, und auch ich verspüre nagenden Neid.
Mit schmetternden Stimmen kommandieren die Lehrer die Jungen in Dreierreihen, und an der Hand unserer Mütter eilen wir die Treppe hinauf, um uns hinten anzuschließen. Ein Fotograf mit großem Stativ und Kamera drängt sich durch die Reihen in das Gebäude. Die Schüler verschwinden mit ihren Müttern und den Lehrern im dunklen Maul der Schule.
Wir, als letzte, werden an der Eingangstür von einem großen hageren Mann mit Glatze und grauem Haarkranz erwartet. Sein Schnurrbart ähnelt einer Bürste. Auf der glänzenden Nase klemmt eine Brille mit runden Gläsern. Er verbeugt sich ungelenk vor meiner Mutter, gibt ihr die Hand und stellt sich als Oberlehrer Kreis vor. Dann, als müßte er mühsam nach Worten suchen, bittet er sie und Walters Mutter, später am Tag oder besser erst morgen in die Schule zu kommen, jetzt gäbe es Schwierigkeiten, wegen den Klassenfotos ... jüdische Kinder ... »Sie verstehen ...« Wir gehen die Treppe hinunter und verabschieden uns mit wenigen Worten. Still gehe ich neben Mutter her. In meinem Ranzen klappert der Federkasten.
Unter all den auf uns gerichteten Augen erkenne ich nur Harros Gesicht. Wir stehen an der Klassentür, Walter und ich. Unsere Mütter reden leise mit Herrn Lehrer Kreis, während die Klasse uns betrachtet wie seltsame Fische in einem Becken. Die zwei unbesetzten Plätze liegen weit auseinander, Walter kommt nach vorn in die erste Reihe, ich etwa in die Mitte ans Fenster. Ich sehe nur ein Stück seines Hinterkopfes. Wir dürfen nicht nebeneinander sitzen.
Harro rettet mich aus meiner Einsamkeit und fragt, ob er den Platz tauschen darf mit dem mir fremden Nachbarn, der mir einen feindseligen Blick zuwarf, als ich mich neben ihn setzen mußte. In seinen neuen Lederhosen und echten Haferlschuhen stapft er stolz zu Harros Platz, froh, daß er nichts mehr mit uns zu tun hat.
Unsere Mütter verschwinden im Gang, ein Gefühl banger Verlassenheit macht meine Knie weich. Harro ist ein magerer Trost. Die unwirschen Stachelköpfe meiner Klassenkameraden, der hochgewachsene, grauhaarige Lehrer mit den scharfen, alles bemerkenden Augen, das Bambusstöckchen in der Ecke, die sonderbaren Buchstaben auf der Tafel, die gerade stehen und anders aussehen als die, die meine Oma mich zu Hause gelehrt hat: eine unbekannte Welt voller Gefahren.
Die Pause, in der die Jungen Butterbrote tauschen, aber nicht mit mir. Im WC, wo wir in einer Reihe nebeneinander gegen eine schwarze Wand pinkeln müssen und nach dem Pimmel der anderen gucken, entdecke ich den Unterschied zu den Jungen anderer Religionszugehörigkeit, und sie den meinen. Danach bin ich Gehässigkeiten ausgesetzt, ein Los, das ich mit Walter teile.
Geschichten über Strafen mit peitschenden Bambusstäben treiben wie Unwetterwolken durch die Gänge, aber Herr Kreis rührt das Stöckchen nie an. Manchmal stellt er jemand, der zu laut war oder ihn geärgert hat, zur Strafe in die Ecke, aber wirklich unfreundlich ist er nie. Allmählich fühle ich mich weniger unsicher. Er läßt nicht zu, das wir verspottet und beschimpft werden, und hält Ordnung in der Klasse.
Die geraden dicken Buchstaben lerne ich rasch und zähle, die Zungenspitze zwischen den Lippen, Rechensummen fehlerlos zusammen. Manchmal helfe ich Harro insgeheim, muß aber in der Klassenecke dafür büßen, als Lehrer Kreis mich dabei ertappt.
Morgens, als ich noch neben Maria durch die lange, leere Stephanienstraße mit den alten, abblätternden Hausfassaden gehe, warten wir oft auf Harro, der aus dem großen Garagentor angerannt kommt. Wir hüpfen und springen vor ihr her, mit Mühe hält sie uns zurück. Wenn wir an der Realschule vorbeigehen, geben wir ihr die Hand, denn die großen Jungen in dieser Schule mit ihren Uniformen, ledernen Koppelriemen und Hakenkreuzbinden um den Ärmeln sehen uns wie ein Rudel Wölfe drohend an.
Wenn aus der Schmiede die kreischenden Geräusche der Drehbank oder das dumpfe Dröhnen des Ambosses zu hören ist, stecken wir die Köpfe um die Ecke durch die Tür der Werkstatt und grüßen Harros Onkel, der dort Chef ist. Mit tiefer, rollender Stimme wünscht er seinem Neffen einen guten Schultag und nickt mir zu, als gehörte ich ganz selbstverständlich dazu.
Maria bleibt am Fuß der Steintreppe stehen, die zur Terrasse vor dem Schultor fuhrt, und winkt uns nach, wenn wir ordentlich in Dreiherreihen durch die große Tür hineindirigiert werden.
Einige Klassenkameraden grüßen mich flüchtig, doch die meisten schauen durch mich hindurch. Die Jungen, die sich um Fritz mit den Lederhosen scharen, wenden den Kopf ab. Herr Kreis hat sie bestraft, als sie Walter und mir ein Bein gestellt und uns zu Stinkjuden erklärt haben.
Wir klappen die Holzsitze an den quietschenden Scharnieren herunter, schieben uns in die Bank und nehmen die Hefte und Federkästen aus dem Ranzen.
Dann taucht hinter dem kleinen Fenster in der Klassentür der Kopf unseres Lehrers auf. Die Tür ist noch nicht offen, als die ganze Klasse aufspringt und jeder sich neben die Bank stellt. Sobald er vor dem Katheder steht, heben alle Jungen außer Walter und mir den gestreckten rechten Arm und rufen einstimmig: »Heil Hitler, Herr Lehrer.«
Er hebt nur die Hand mit der uns zugekehrten Handfläche und murmelt wie zum Dank ebenfalls Heil Hitler.
Wochenlang hat die Klasse geübt, um das Zeremoniell wie ein Mann auszuführen. Fast unhörbar hat Herr Kreis für mich hinzugefügt, daß ich den Gruß nicht mitzumachen brauche. Die Lieder singe ich mit, wenn auch nicht aus voller Brust. Die feindseligen Wörter summe ich nur und stelle mich dumm, als verstünde ich nicht, was sie für uns bedeuten.
In der Pause rede ich mit Harro; unsere Wege trennen sich erst vor dem Garagentor. Sein Onkel, der Schmied, ist auf dem Heimweg eine Bake der Sicherheit.
Vater ist sehr selten daheim. Er macht weite Reisen mit großen Koffern voll Gardinenstoffen und bedruckten Tischtüchern. Seit er kein Geschäft mehr besitzt, sehe ich ihn die Woche über nicht. Die kurzen Karten, die er mit dicken Buchstaben schreibt, sagen nicht mehr, als daß es ihm gut oder mäßig geht, und in einer Art Geheimsprache teilt er Mutter mit, wie hoch sein Umsatz an diesem Tag, in dieser Woche war. Wenn er samstags oder sonntags zu Hause ist, machen wir einen Ausflug. Von dem schiefen Bergbähnchen, in dem man trotzdem gerade sitzt, wenn es vom dicken schwarzen Kabel hochgezogen wird, lassen wir uns auf den Merkur tragen, oft in Gesellschaft von Freunden meiner Eltern, die nie einen Spielkameraden für mich dabei haben. Im Café oben auf dem Gipfel langweile ich mich und darf mit Münzen, die mir Mutter gibt, ein buntbemaltes Blechei aus dem Automaten ziehen, in dem etwa hundert solcher Eier hinter Glas aufgestapelt sind. Die Spielzeuguhr, die in meinem Ei steckt, geht noch am selben Nachmittag kaputt.
Als meine Tante mit dem Lockenhaar aus Berlin im Hotel Gretel auf dem Fremersberg wohnt, ist sonntags ein Fest. Senta, meine Schäferhündin, darf nicht mit. Tantes Barsoi ist sehr scharf und bissig, obwohl er mir gegenüber ganz zahm tut.
Ich treibe mich in den Gängen und im Garten herum und werde in der Küche mit Torte und Eis vollgestopft, bis mir beinahe übel wird. Die dicke blonde Küchengehilfin bekommt dafür einen Verweis von Dodi, der Chefin, einer Bekannten meiner Tante und ihres Freundes. Sie nimmt mich mit auf die Terrasse, wo alle bei Kaffee und Kuchen sitzen und flüsternd über die Artikel in den Sonntagsblättern reden. Manchmal ist Vaters Stimme zu hören. Mutter zischt warnend seinen Vornamen, und gedämpft plätschert das Gespräch weiter dahin.
Jetzt gehe ich morgens immer allein zur Schule mit Harro, der vor der Garage auf mich wartet. Marias trauriges Gesicht, ihre Hand, die mir hinter den Scheiben von Vaters Auto Abschied winkt, erscheint jeden Abend beim Einschlafen vor meinen geschlossenen Augen. Ihr Weggehen schmerzt mich noch immer und ich bete jede Nacht darum, daß sie zurückkommt.
Mia, eine entfernte Verwandte aus Frankfurt, ist kein Ersatz für sie. Ihr molliges Gesicht ist freundlich. Mit dunklen Augen schaut sie in die Ferne, aber nicht nach mir. Ihr Zopf ist lang und dick und braun. Ich darf nicht daran ziehen. Manchmal nimmt sie mich sonntags auf einem Spaziergang mit, schneidet sogar eine Vogelpfeife aus Kirschholz für mich. Wenn sie ihrer Freundin begegnet, die auf zwei Kleinkinder aufpaßt, dann redet und redet sie immerfort, als wäre ich nicht vorhanden.
Beim schrillen Klingeln des Telefons am Sonntagmorgen springt Vater erschrocken aus dem Bett. Ich schlafe längst nicht mehr und betrachte die großen ovalen Fotos von Mutters Eltern, die über den rotgeflammten Kopfenden hängen. Seit Vaters Mutter bei uns wohnt, steht mein Bett vor dem hohen Fußende der elterlichen Ehebetten. Ich habe genügend Gelegenheit, das Porträt meines Großvaters zu studieren. Ich habe ihn kaum gekannt, aber seine Lieder in einer fremden, weichen Sprache, seine Späße und seine hell bimmelnde goldene Uhr leben verschwommen und warm in meiner Erinnerung fort.
Mit blassem, bestürztem Gesicht kommt Vater vom Telefon zurück, flüstert aufgeregt etwas zu Mutter und beide ziehen sich in größter Eile, fast ohne Worte an. Mia soll mit mir spazierengehen, sie müssen in einer dringenden Angelegenheit zu Tante Mina, Omas jüngster Schwester.
Es ist sonnig, aber kühl. In meiner neuen Lederhose, mit bloßen Knien, spaziere ich neben Mia zum Hügel hinter der Schule. Dort trifft sie ihre Freundin, und hinter dem Kinderwagen herlaufend reden sie pausenlos miteinander. Ich weiß nicht, was ich mit den kleinen Kindern spielen soll. Aus Langeweile reiße ich Gras und Blumen ab, blase auf den Halmen, werfe mit Kieselsteinen und spüre plötzlich ein ganz dringendes Bedürfnis. Ich schäme mich, es vor Mias Freundin offen zu bekennen und beschließe, allein nach Hause zu gehen. Zuerst gehe ich schnell, dann renne ich durch die Straßen, die am Sonntagmorgen wie ausgestorben sind, an Onkel Rudis Geschäft entlang zum Leopoldsplatz und am Kino vorbei in unsere Straße, als mir in meiner großen Not einfällt, daß niemand zu Hause ist und daß Tante Minas Wohnung um die Ecke mir Rettung verspricht. Ich hämmere an die Tür und läute, als stünde das Haus in Flammen.
Mit großen, erschrockenen Augen öffnet Irene, Tante Minas Tochter, die Haustür, und schlägt ängstlich die Hand vor den Mund mit den Kaninchenzähnen, als ich sie beiseite dränge und zum WC stürze.
Im Gang höre ich ein Durcheinander aufgeregter Stimmen, Mutter will zu mir herein und hören, was mit mir los ist. Sie ist verstört und hat verweinte Augen, und einen Augenblick lang fürchte ich, ich könnte schuld daran sein.
Als ich, beschämt über mein Mißgeschick, mit Mutter das Zimmer betrete, sitzen die Verwandten mit blassen Gesichtern und roten Augen um den Tisch. Fragend sehe ich Vater an, und fast tonlos sagt er zu mir: »Heute nacht haben sie Onkel Adolf nach Dachau abtransportiert.« Ich verstehe nicht recht, was er meint, weiß aber ganz sicher, daß es tausendmal schlimmer ist als das, was mir soeben passiert ist.
Vater reist am nächsten Montagmorgen später ab als gewöhnlich. Mutter sagt mit erstickter Stimme, sie habe Angst um seine Sicherheit, doch er winkt fast fröhlich ab und meint, ihm könne so etwas nicht passieren.
Ich würde heute gern die Schule schwänzen, aber beide finden, das könnte zu sehr auffallen.
Harro erwartet mich ungeduldig am Garagentor und runzelt die Stirn, weil ich zu spät komme. Auf dem Weg zur Schule erfahren wir, daß sein Onkel, der Schmied, nicht in der Werkstatt ist; der Geselle sagt, er sei seit gestern abend nicht zu Hause gewesen.
Auf dem Treppenabsatz vor der Schule stehen mindestens zehn Klassenkameraden in den braunen Uniformen des Jungvolks um Fritz herum. Die Koppeln blitzen, die braunen Hemden sind frisch gebügelt, als gäbe es in ihrem Club ein Fest. Sie schauen kriegerisch drein, und die älteren Jungen, ebenfalls in brauner Montur, geben sich ihnen gegenüber kameradschaftlicher als sonst.
Fritz ruft mir etwas zu, aber ich verstehe es nicht oder will es nicht verstehen. Beim Hineingehen in der Reihe zischt er so laut, daß sogar Herr Kreis hören kann, was er sagt: »Du kleiner Stinkjude, bist du taub? Wir werden dir die Ohren auswaschen.«
Während des Unterrichts kommt Unruhe auf, aber Herr Kreis greift kaum ein, als spürte er, daß da etwas schwelt, was er nicht löschen kann. In der Pause lungere ich in seiner Nähe herum und Walter tut es mir nach.
Bevor noch die Meute drinnen ist, sitzen wir als erste in der Bank. Harro flüstert vorsichtig, wenn die Glocke nach der letzten Stunde läutet, müßten wir uns so schnell wie möglich auf die Beine machen.
Ich passe beim Unterricht nicht auf und meine falsche Antwort löst höhnisches Gelächter hinter mir aus.
Der erste Glockenton ist noch nicht verstummt, als Harro und ich aufspringen. Den Ranzen unverschlossen unterm Arm geklemmt, rennen wir ohne Gruß zur Klasse hinaus, rasen die Treppe hinunter zur Tür, die gerade aufgemacht wird. Über die eigenen Füße stolpernd, mehr rutschend als laufend, erreichen wir über die Granitstufen vor der Terrasse den Gehsteig. An der Ecke der Stephanienstraße, wo der Weg steil ansteigt, ringen wir keuchend nach Atem und sehen, daß der Feind sich hinter uns vor der Schule versammelt; einige schnallen ihre Koppeln ab.
Während des Laufens schiebt Harro den schweren Federkasten auf den Boden des Ranzens, macht ihn zu und löst den Schulterriemen. Er ruft, ich solle dasselbe tun und die Tasche als Schleuder zur Verteidigung benutzen.
Mit klopfendem Herzen folge ich seinem Beispiel und versuche mit ihm Schritt zu halten. Langsam aber unaufhaltsam holt uns die braunrote Horde ein. Unsere Klassengenossen erscheinen uns wie Fremde, wie hungrige Wölfe im Schnee.
Die Schmiede gewährt keinen Schutz. Die Tür ist verschlossen und bleibt auch nach heftigem Hämmern zu.
Vor der Tür stürzen sie sich mit Kriegsgeschrei und sausenden Koppeln auf uns. Die Flucht nützt nichts mehr. Rasend lassen wir unsere Ranzen wie Mühlenflügel kreisen. Als ein Koppel mich trifft, schlage ich zitternd vor Wut, ohne den Schmerz zu fühlen, zurück. Das Schimpfen verstummt, der Kampf ist kalt und verbissen.
Zwei Passanten in Arbeitskleidung befehlen uns mit donnernder Stimme aufzuhören, und plötzlich ist alles vorbei.
Hinkend und blutend, voller Schrammen und Beulen setzen wir den Heimweg fort. Fritz und seine Meute bleiben stehen. Umzusehen wagen wir uns nicht.
Vor Kummer schluchzend vergrabe ich mein tränenüberströmtes, geschundenes Gesicht an Mutters Brust, als sie die Tür öffnet. Ich finde keine Worte.
Ein paar Tage später, fast wieder geheilt, warte ich am Garagentor auf Harro. Seine Mutter kommt heraus und sagt mit abgewandtem Blick, er sei allein gegangen. In der Klasse sitzt er auf einem anderen Platz, an der Tür, weit weg von mir.
AUSWANDERUNG
Vom Gelobten Land, das sich spitzwinkelig auf der blauen Sparbüchse abzeichnet, hat uns Rabbi Grünfeld während der Hebräischstunde in der muffigen Kammer neben der Synagoge schon viel erzählt. Dabei steht er hinter meinem Stuhl oder dem eines anderen Kindes, den linken Fuß auf der Stuhlleiste, weist mit dem dicken Zeigefinger, den er auch zum Bohren in seiner großen Nase benutzt, auf Passagen in der Kinderbibel und sticht zornig auf Buchstaben oder Schriftzeichen, die wir falsch benennen.
Palästina ist ein Land aus einem verworrenen Märchen, das nur in dem Augenblick ein wenig Wirklichkeit gewinnt, wenn die bebrillte, grauhaarige Dame kommt, um die Münzen aus der Büchse zu nehmen. Mit einem kleinen Schlüssel öffnet sie die Klappe an der Unterseite, zählt die Münzen mit enttäuschtem Gesicht und belehrt uns, wieviel Geld benötigt wird für jenes ferne Land, in dem Milch und Honig fließen.
Die Bilder in dem Buch, das sie uns hinterläßt, haben nichts mit den biblischen Geschichten zu tun, die ich kenne. Bauern und Bäuerinnen, die Steine aus dem Acker graben, pflügen oder Orangen ernten, Handwerker, die Bretter hobeln, Möbel anfertigen, Baracken bauen, ein Schmied, der Hufeisen schmiedet und vor einem Amboß Pferde beschlägt, Monteure, die Traktoren reparieren und Frauen mit weißen Kopftüchern, die Kühe melken und buttern, erinnern überhaupt nicht an den Tenach.
Wenn sie atemlos von DEM LAND erzählt, glänzen ihre Augen und sie bekommt rote Flecken auf den Wangen.
Mutters Lippen werden schmal. Sie sagt kein Wort, Vater rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Wenn die Tür hinter der Zionistin ins Schloß fällt, atmet er tief und erleichtert auf. Mit spöttischem Lächeln klappt er das Buch zu, schüttelt den Kopf und sagt, sowas sei nichts für ihn. Mutter zögert und gibt mir das Buch: Ob es nicht doch gut wäre, für später? Für eine Zukunft, die nicht mehr hier in Deutschland liegt?
Die Schulferien sind Befreiung und Verdammnis zugleich. Graue Tage kriechen wie Schnecken dahin. Walter und sein Schwesterchen Miriam sind verreist, vorausgeschickt nach England. Niemand, mit dem ich reden oder spielen könnte. Sogar ein entzündeter Hals unterbricht die zähe Langeweile nicht, verstärkt sie eher. Übelgelaunt liege ich im Bett und mache meiner Mutter das Leben sauer.
Mit Mühe bekomme ich das Fenster der Abteiltür auf, indem ich mich mit meinem ganzen Gewicht an den breiten Lederriemen hänge und ihn dann loslasse. Wind und fetter Kohlenqualm wehen ins Abteil. Meine Haare flattern, ich spüre die Geschwindigkeit des Zuges, der Mutter und mich nach Freiburg bringt. In dem Kinderheim der Hachschera, das wir noch nicht kennen, soll ich mich vorstellen, wo man auf das Land, das auf unserer Büchse abgebildet ist, vorbereitet wird. Mit bangen Vorgefühlen lausche ich dem Dreivierteltakt der Eisenbahnräder. Die Vögel auf den Notenlinien der Drähte, die schwarzen Wälder und fernen blauen Berge, die Süßigkeiten, die ich bekommen habe, und die Bahnhöfe, auf denen laute Stimmen warme Wurst und Kölnisch Wasser feilbieten, vertreiben zeitweilig meine innere Angst.
Das große kahle Haus mit den breiten Steintreppen, die hohen Säle mit den langen Tischen und Holzbänken, auf denen Dutzende von weinerlichen Kindern sitzen, stapelweise Butterbrote von verbeulten Emailletellern essen und warme Milch mit einer Haut darauf aus Blechbechern schlürfen: All das bestätigt nur meine angsterfüllte Phantasie.
Mutter sitzt unten im Büro bei der grauhaarigen Dame, die manchmal die Büchse bei uns leert.
Nicht laut, aber in befehlendem Ton weist ein Mädchen, das Mia ähnelt, aber dicker ist und schwarze Locken hat, mich zu einem Platz an dem Tisch, wo ich essen soll. Kein Bissen rutscht mir durch die Kehle, die zugeschnürt ist vor Angst und Verzweiflung, daß Mutter fortgeht und mich hier unter all den Fremden mit ihren hebräischen Liedern und komplizierten Horra-Tänzen zurückläßt.
Die Kinder neben mir sehen mich schadenfroh an, und als meine Tränen in die Milch mit der dicken Haut fallen, kennen sie kein Erbarmen. Ich klettere über die Bank und laufe zur Tür, wo das Mädchen mit den Locken mich aufhält und etwas freundlicher als vorhin fragt, warum ich schon vom Tisch aufgestanden bin.
Erbittert schiebe ich sie zur Seite, renne durch die Korridore mit knarrenden Dielen, über Treppen, die ich nicht kenne, vorbei an Schlafsälen, wo Betten in Reih und Glied stehen. Ich schreie meine Todesangst und Verzweiflung ohne Scham und Zurückhaltung heraus und stoße jeden, der mich anspricht oder aufhalten will, aus den Weg. Unten an der großen Treppe, am Ende des Alptraums, sehe ich Mutter stehen, die Augen vor Entsetzen geweitet. Sie stürzt mir entgegen. Ich klammere mich an ihr fest, um sie nie mehr loszulassen.
Im Zug auf der Heimreise komme ich wieder zu mir. Alles will ich ertragen, alles lieber, als allein ins Gelobte Land fahren.
In München werde ich acht Jahre alt. Mein Vater war dort schon vorher in Geschäften. Wir sind ihm nachgereist. Aus dem Fenster des Hotels Metropol sehe ich das Getümmel auf dem Platz vor dem Bahnhof. Die Straßenbahnen, mir aus meiner Geburtsstadt unbekannt, klingeln und machen ein Feuerwerk mit ihren Bügeln. Immer wenn ich Mutter frage, warum wir nie damit fahren, antwortet sie ausweichend, bis ich aus Gesprächsfetzen während des Frühstücks begreife, daß der öffentliche Verkehr für Juden riskant ist. Die Braunen werden manchmal sehr grob und unverschämt, und Mutter hat Angst, daß uns etwas zustoßen könnte.
Im Frühstücksraum ist hinten in einer Ecke ein Tisch für uns gedeckt. Der Ober, den Vater schon seit Jahren kennt, nickt nur. Er bringt den Honig und das Vierminuten-Ei, als die anderen Gäste den Saal schon verlassen haben, und sagt leise, plötzlich vertraulich: »’s Maul muß i halt’n, i darf Sie nit mehr kennen.« Vater senkt den Kopf und murmelt, er verstehe das. Mit besorgtem Gesicht macht er sich auf und geht seinen Geschäften im Zentrum der Stadt nach.
In der dunklen Wohnung einer Tante, die ich nur aus den Erzählungen von Oma kenne, treffen wir uns Stunden später. Bis dahin gehe ich mit Mutter durch windige Geschäftsstraßen und stehe staunend vor Schaufenstern mit vielen Märklin-Eisenbahnen, die mit großer Geschwindigkeit durch Tunnels und an bayrischen Spielzeugdörfern entlang fahren, gezogen von großen Dampflokomotiven mit echten Tendern. Die grünen und roten Waggons winden sich wie glitzernde Schlangen durch die Berglandschaft, und atemlos, die Stirn gegen die kühle Scheibe gepreßt, verfolge ich ihren Lauf. Diese Schätze sind für mich unerreichbar, aber ein schöner Trostpreis fällt mir zu. Stolz trage ich mein Geburtstagsgeschenk am hölzernen Griff, einen echten Märklinbaukasten mit Rädern, Platten, Verbindungsleisten, Bolzen, Muttern und glatten Stäben.
Auf dem glänzend polierten Tisch in Tantes düsterem Eßzimmer packe ich, auf dem harten Sitz eines mit Leder bezogenen Stuhls kniend, mein Festgeschenk aus. Vater kommt herein. Mit abwesendem Blick betrachtet er das Spielzeug. Sein Gesicht ist weiß. Kaum hörbar, heiser, ohne einen von uns dabei anzusehen, sagt er: »Mein ältester Kunde hat mich vor die Tür gesetzt, aus Feigheit oder noch Schlimmerem.«
Auf dem Weg zu Moische Schwarz und seiner koscheren Gaststätte, wo Vater während seiner Studentenzeit oft gegessen hat, klärt sich sein Gesicht auf. Er erzählt Anekdoten über Moische, den polnisch-jüdischen Gastwirt, der seine Gäste auf Jiddisch lobt, wenn sie die Teller leergegessen haben. Sein »Minnischt werden gepitzt« (muß nicht mehr geputzt werden) klingt von zu Hause her vertraut, wo Vater es bei Tisch oft scherzend zitiert hat.
Die Gaststätte von Schwarz ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. In einer großen Wohnung im Obergeschoß, wo drei Zimmer ineinandergehen, stehen mit weißem Damast gedeckte Tische, darauf große Porzellanteller und schwere Messer und Gabeln. Leinenservietten, so groß wie Schürzen, liegen neben dem Besteck; einige der Gäste, denen der Schweiß auf der Stirn perlt, haben sie zu Eselsohren um den Hals gebunden.
Große silberfarbene Terrinen mit dampfender Nudelsuppe stehen auf den Tischen, und Moische, ein kleiner dicker Mann mit einem Käppchen auf den schwarzen Locken, freundlichen runden Kohlenaugen und einer Fleischerschürze vor dem Oberhemd, fischt für mich zwei große Klöße aus der Schüssel, weil heute mein Geburtstag ist. An der Tür hat er Vater wie einen wiedergefundenen Sohn umarmt und mich gelobt, daß ich schon so groß bin.
Immer wieder setzt er sich auf den vierten Stuhl an unserem Tisch, und wenn einer der Gäste ihn dringend ruft, macht er eine beschwichtigende Handbewegung und sagt: »Schoyn, schoyn.«
Erregt diskutieren die Gäste miteinander, drehen sich halb um, reden mit den Nachbarn am Nebentisch und stellen Fragen an uns. Sooft er Zeit dazu findet, redet Moische auf meine Eltern ein. Ich versuche die krummen deutsche Sätze zu entwirren und gähne vor Müdigkeit.
Als nach der schweren, süßen »Birnen-Kugel« sich Zigarrenrauch mit dem Kaffeeduft vermischt, höre ich wie von ganz fern seine Stimme, die sagt: »Ihr seid meschugge, wenn ihr bleibt in diesem Land.«
Der Name Effie David summt durch meinen Kopf. Mia reist nach Amerika, um dort zu heiraten. Die Eltern reden von Effie David wie von jemanden, den sie von dort erwarten. Ist es die Tochter meines Großonkels, Großvaters Bruder, der Arzt in New York ist? Warum sollte er sie nach Deutschland schicken?
Mit meiner Frage, wie alt sie sei, bringe ich Mutter zum Lachen. Es handelt sich nicht um ein Mädchen, sondern um ein offizielles Schreiben. Der Großonkel muß es unterschreiben, damit wir die Erlaubnis bekommen, ins sicher-ferne Nordamerika auszuwandern.
Die Abbildungen der riesigen Hochseeschlösser mit hunderten von Bullaugen und Fenstern in langen geraden Reihen übereinander, die gigantischen schiefen Schornsteine, vor denen winzige Menschlein sich wie Mücken auf den Oberdecks ausnehmen, die schlanken Buge mit den weiten Nasenlöchern für die Ankerketten bewundere ich jedesmal, wenn wir auf dem Weg zum Kurhaus am Schaufenster des Reisebüros vorbeigehen. HAPAG steht mit großen Buchstaben auf dem Aushängeschild, und auf der Karte des Ozeans, der Europa von Amerika trennt, sehe ich an den dünnen schwarzen Linien, wo diese Riesen fahren. Wenn Opas Bruder uns ein Affidavit schickt, werden wir vielleicht auch zu den Passagieren gehören und meine Phantasiebilder werden Wirklichkeit.
Vater öffnet die große Glastür des Reisebüros, als sei es selbstverständlich, daß wir hineingehen.
Innerlich jauchze ich, halte aber meine Worte zurück. Mutter drückt aufgeregt meine Hand.
Hinter der hohen, hölzernen Theke, auf der unter Glas noch weitere Karten mit einem Wirrwar von Linien liegen, steht ein Herr in einem eleganten karierten Anzug und mit Pomade in den blonden Haaren. Er spricht zu Vater über Schiffe und Geld, über Papiere und Genehmigungen, und Mutter hört zu, um kein Wort zu verpassen.
Von dem Plakat mit dem bärtigen Seemann, der mit beiden Armen den Erdball umspannt, von den kleinen Frachtschiffen, vor allem aber von dem Modell des Ozeandampfers, an dem alles richtig dran ist, sogar das Schwimmbad und die Rettungsboote, vermag ich die Augen kaum abzuwenden.
Nur unter stillem Protest gehe ich wieder mit nach Hause und möchte unbedingt wissen, ob und wann wir fahren werden.
Abwechselnd klopfen die Eltern an Omas Tür und rufen leise oder laut, flehend oder eindringlich »Mutter« und »Mutter, mach auf«. Dann legen sie das Ohr an das glatte weiße Paneel und gebieten mit der Hand Stille.
Panik überkommt mich und weinend schreie ich: »Oma, Oma.« Senta erschrickt und bellt laut und durchdringend. Vater brüllt: »Ruhe«.
Klickend wird das Schloß von innen geöffnet und in der Tür steht Großmutter im langen weißen Nachthemd. Das graue Haar fällt ihr offen auf die Schulter, ihre Augen sind starr, die Lippen des gebißlosen Mundes verstört zusammengekniffen. Mutter sieht sie mit tränenüberströmten Gesicht an. Vater überhäuft Oma mit Vorwürfen. Sie geht zum hohen Holzbett zurück und, barfuß auf der Kante sitzend, bricht sie in heftiges Schluchzen aus. Feige fliehe ich in den Gang zu Senta. Noch nie habe ich Oma so gesehen.
Klagen und Anschuldigungen schwirren im Zimmer hin und her, ein Gewirr weinerlicher Stimmen: »Ich will nicht nach Übersee ...« »Das ist das beste ...« »Nicht so weit weg ...« »Du bringst uns alle in Gefahr ...« »Nicht zu ihr nach Holland ...« »Du mußt dich endlich anpassen ...« »Egoist ...« »Tyrann ...«
Die Badezimmertür trennt mich von dem Kreischen und Schimpfen. Mein Spiegelbild öffnet den Mund und fragt: »Wo werden wir hingehen?«
Alles an unserem Gast ist schwarz. Der Name – er heißt Schwarzschild –, das lange Haar, die Augen und die runden Brillenränder. Der schlotternde Wintermantel, den er selbst im Zimmer anbehält, aber auch sein Anzug, die glänzenden großen Schuhe und der Schlapphut. Seine Äußeres flößt mir keine Angst ein. Trotz der schwarzen Worte, die ich nur zum Teil verstehe, ist er gutmütig, sogar freundlich. Eine traurige, zahme Krähe.
Vater könnte vielleicht seine Stelle in einer Fabrik in Chemnitz bekommen, denn er selbst geht fort, weit weg nach Übersee, er sieht schwarze Wolken aufkommen. Bei Tisch bittet er Vater, die Stelle abzulehnen und bald seinem Beispiel zu folgen.
In den Zeitungsstapeln, die neben seinem Stuhl wachsen, liest er täglich stundenlang. Nur das Röcheln der schwarzen Pfeife und das knisternde Umwenden der Blätter unterbricht die Stille im Zimmer bis zu dem Augenblick, in dem er aufspringt und meinen Eltern eine Passage in einer Zeitung zeigt oder vorliest, wie Hitler und Goebbels Gift und Galle über die Juden speien.
Nach seiner Abreise, als das Gästebett und die Zeitungen fortgeräumt sind, bleiben wir niedergeschlagen zurück und Vater nennt ihn Jeremias.
Der nächste Gast ist blond wie Siegfried aus dem Nibelungenlied. Keine Spur von Trübsal. Er sei Parteimitglied, sagt Vater, habe aber nichts gegen Juden.
Dem neuernannten Direktor der Fabrik in Mutters sächsischer Geburtsstadt hören meine Eltern zu wie einem gestrengen Lehrer. Sie nicken eifrig, als er ihnen den Vorschlag macht, Vater in Holland als seinen Stellvertreter anzustellen.
Als sein Mercedes brummend vor unserem Haus anfährt, winken sie ihm vor der Haustür hinterher wie einem abreisenden Freund.
Ich schaue ihm von oben nach und weiß, wohin wir gehen werden.
Sonntag um Sonntag sitzen wir bei alten Onkeln und Tanten am Tisch. Überall dieselben Gespräche, überall Zimtsterne und überall lange Umarmungen, Tränen und gestammelte Abschiedsworte. Großmutter will ihre Brüder und Schwestern noch einmal sehen, und die Orte, die sie aus ihrer Mädchenzeit kennt. Vater, der sonst nicht besonders für die Familie schwärmt, ist jedesmal blaß und traurig. Die alten Leute in den engen Stuben mit dem glattgebohnerten Linoleum und den fleckenlosen Spitzendecken sind auch ein Stück von ihm, nur Mutter sitzt ein wenig verloren daneben.
Der Großonkel in Rastatt hat sein letztes Vieh für einen viel zu niedrigen Preis verkauft, um seinen Sohn Walter auf die Insel Zypern schicken zu können. Stolz, mit tränenrauher Stimme, zeigt er eine Ansichtskarte, auf der die Insel abgebildet ist wie eine Hand, die mit ausgestrecktem Finger nach Osten zeigt, nach Palästina, nach dem Gelobten Land.
Sie steht schon in der Tür, als unser Auto vor dem Haus zum Stehen kommt, und versucht noch rasch die Schürze abzubinden. Wir alle bekommen einen dicken Kuß und ich werde umarmt, bis ich keine Luft mehr kriege. Oma kann kein Wort hervorbringen.
Um meine Großtante hängt der Duft von süßem Gebäck. In der »guten Stube« steht eine große Kaffeekanne, darum herum selbstgebackene Torten und das Festtagsservice.
Als meine beiden Vettern mit ihrer Schwester Selma hereinkommen und uns begrüßen, ist das Zimmer plötzlich voll.
Alle versuchen sich normal zu verhalten, stellen Fragen im bäurischen Dialekt von Freistett, aber immer wieder zerreißen Löcher der Stille das Gespräch. Dann klirren die Tassen und nur das Kauen des krümeligen Gebäcks ist zu hören.
Allmählich löst sich das Unbehagen und meine Vettern wagen, nach unsere Abreise zu fragen. Tante wendet das Gesicht ab, um die Tränen zu verbergen. In der Ferne gellt die Dampfpfeife der kleinen Bummelbahn. Die kleinen Fenster, die auf die staubige Hauptstraße des Dorfes hinausgehen, werden plötzlich verdunkelt durch die schwarze Lokomotive mit den zwei Holzwaggons, die dicht an den Häusern vorbeifährt. Die Tassen tanzen auf den Untertassen. Das Rumpeln und das durchdringende Gellen der Zugpfeife übertönen das Gespräch.
Selma erklärt mir das Dominospiel, aber nach kurzer Zeit ziehe ich die Gesellschaft meiner Vettern vor, die mir die Ziegen und Hühner auf dem Hof zeigen.
Vom Dachboden aus, wo das Heu aufgestapelt ist, höre ich weit unten Mutter ängstlich rufen. Durch den herzförmigen Ausschnitt der Aborttür hinter dem Hühnerstall ruft sie um Hilfe, denn ein großer Hahn versperrt ihr den Weg zum Haus. Schmunzelnd befreit meine Großtante sie und auf einmal ist die Traurigkeit verflogen.
Auf dem Rücksitz von Vaters dunkelblauem Adler kniend, sehe ich meine Verwandten kleiner, immer kleiner werden, bis sie in einem Schleier von aufgewirbeltem Staub unsichtbar geworden sind.
Die Fahrt zur eisernen Rheinbrücke bei Kehl ist kurz, aber die Angst dauert lang. Vor der Auffahrt stehen sie in ihren grünen Uniformen, mit Stahlhelmen oder steifen grünen Mützen.
Großmutter keucht vor Aufregung und bekommt von Mutter einen Löffel durchdringend stinkender Baldriantropfen.
Der barsche Befehl zum Aussteigen ertönt. Oma darf sitzenbleiben. Auf einem langen Holztisch mit Metallkanten nimmt einer der Beamten alle Fläschchen und Tiegel aus dem ledernen Toilettenkoffer und schraubt die Deckel ab. Er schnüffelt in Vaters Papieren und befiehlt den Eltern, zur Leibesvisitation ins Zollgebäude zu gehen.
Ich warte beim Koffer und stottere vor Angst, als ein Stahlhelm mich fragt, was ich bei mir habe.
Schweigend, mit blassen Gesichtern kehren sie zurück. Im Auto herrscht Totenstille, als wir die Schlagbäume passieren. Erst drüben, wo die französischen Zöllner stehen, höre ich wieder ihren Atem, als hätten sie ihn die ganze Zeit über angehalten. Oma öffnet die Augen und streichelt meine Hand.
Die schnurrbärtigen Grenzer in Dunkelblau mit roten Litzen gucken flüchtig in die Pässe. Einer überschüttet Mutter mit einem prasselnden Wortschwall, bis ihr aufgeht, daß er den Inhalt des Kofferraums kontrollieren will. Als er Großmutter auf dem Rücksitz sieht, winkt er belustigt ab: »Laßt nur«, und bedeutet uns, den Weg fortzusetzen.
Beim Schilderhäuschen schwenkt ein alter Mann seinen Regenschirm wie einen Scheibenwischer hin und her. Grinsend begrüßt er uns und zieht mit Schwung den schwarzen Filzhut vor seiner Schwester. Mit einem feuchten, vom Zigarrenrauch vergilbten Schnurrbart küßt Onkel Edward uns auf beide Wangen und hält Großmutter noch länger fest als uns. Mit ihm fährt sie vor uns her nach Straßburg hinein. Fachwerkhäuser und Kathedralen, geräumige Plätze und bewachsene Ufer ziehen wie im Traum an mir vorüber. Vor einem Restaurant, das Crocodile heißt, halten die Autos an. Ein Franzose mit einem großen dunklen Barett, ein Vetter, den ich nicht verstehen kann, wartet dort auf uns.
Im Gänsemarsch gehen wir durch große dunkle Säle, auf dicken Teppichen an vornehm speisenden Gästen vorbei, die leise redend oder in andächtiger Stille vor ihren Tellern und Gläsern sitzen. Ein steinernes grünes Krokodil spuckt plätschernd Wasser in einen Brunnen. Der Geschäftsführer verbeugt sich wie ein Klappmesser vor meinem weißhaarigen Onkel und führt uns zu einer abgeschirmten Ecke in einem von kleinen, weißgrünen Scheiben erhellten Saal. Das reihenweise aufliegende Silberbesteck und die Weingläser neben jedem Teller außer dem meinen verheißen eine lange, langweilige Sitzung.
Nachdem der Kellner die Gläser gefüllt hat, hebt Onkel Edward feierlich das seine und spricht mit feuchten Augen von Freiheit und Wiedersehen, von seinen Schwestern und Brüdern, von Verdun und »les Boches«, die Frankreich schon Mores lehren wird.
Vetter Rolf ist sparsam mit Worten. Erst nach der langen Mahlzeit, als Zigarrenrauch und Schlaf mir in den Augen brennen, höre ich von weitem, wie Vater ihn bittet, etwas für uns nach Holland zu bringen.
Sehr bald nach diesen Worten, am späten Nachmittag, kehren wir zurück in das Land, das uns haßt.
Senta ist tot, Senta ist tot, Senta ist tot. Im Takt meines Herzklopfens weine ich die Worte in mein Kissen. Ich bin untröstlich, obwohl mir die Eltern im neuen Land einen neuen Hund versprochen haben. Senta war krank, Senta war krank, Senta war ...
Mit ihren lieben großen Hundeaugen hat sie mich heute morgen noch angesehen, die Ohren wachsam aufgestellt, den Schwanz wie ein Pendel schwenkend.
»Sie kann nicht mit.« »Sie ist krank.« »Man läßt sie nicht ins Land hinein ...« Nichts davon will ich heute hören, nichts.
Ich begrabe meinen Kummer in ihrem schwarzen Fell.
Schweifwedelnd geht sie mit Vater, krank aber froh.
Ohne sie kommt er zurück. Sogar ohne Halsband!
Ich stehle ihr ovales Porträt aus dem Fotoalbum und verstekke es als meinen kostbarsten Schatz.
Drei baumlange Männer trampeln über den Dielenboden unserer Wohnung. Die Teppiche haben sie aufgerollt. Tische, Stühle und Polstersessel stehen nebeneinander und aufeinander an den Wänden. In schmuddelig-braunen Arbeitsschürzen, die Ärmel hochgekrempelt, packen die Männer in fliegender Eile Geschirr, Bücher und alles, was herumliegt oder herumsteht in Zeitungspapier. Mit großen, von Druckerschwärze und Staub fleckigen Händen legen sie jedes Stück sanft und doch fest in Umzugskisten aus rohem Holz. In unverständlichem Holländisch rufen sie in dem laut widerhallenden Zimmer einander etwas zu, machen Späße und lachen schallend. Neugierig betrachte ich die flinken Finger und die muskulösen, geäderten Arme, auf denen die blauen Tätowierungen von Frauen und Herzen mich abstoßen und zugleich fesseln.
Mutter will helfen, doch die Stücke, die sie heranträgt, werden ihr aus den Händen gerissen und verschwinden, in Zeitungen gewickelt, unerkennbar zwischen dem anderen Hausrat.
Sie ermahnt mich, nicht im Weg zu stehen und die Männer nicht von der Arbeit abzuhalten, aber einer sagt gutmütig im drolligen Deutsch meiner holländischen Tante, daß ich sie nicht störe.
Gereizt stampft Vater durch das Haus, gibt Anweisungen, die von den Umzugsleuten selten befolgt werden, da sie nicht verstehen können oder wollen, was er sagt.
Mutter und mir gegenüber wird er ausfällig, aber nie so laut, daß die Männer es hören. Ängstlich besorgt vor Kratzern und Flecken auf den Möbeln und dem Flügel, seinem besonderen Hätschelkind. Mit Schweißperlen auf den roten Gesichtern, die Gurte wie Taue um Nacken und Schultern gespannt, Anweisungen zischend, keuchend und stöhnend schleppen die Riesen das schwere Ungetüm über Korridore und Treppen zum Möbelwagen auf dem Gehsteig. Oben meine Eltern, blaß und ruhig.
Unten, neben den mit Jute überzogen Ladeklappen, steht in all den Stunden ein Deutscher mit grünem Tirolerhut und Feder, eine schwarzlederne Aktentasche vor den Füßen, eine Stange Kreide in der Hand. Auf jedes verladene Stück macht er ein Zeichen und schreibt es auf in seinem Buch.
Zu den Eltern und zu den Männern sagt er kein Wort und runzelt nur die Brauen, wenn diese ihre Späße treiben.
Argwöhnisch kontrolliert er das Verriegeln der Türen und versiegelt die Schlösser mit Blei.
Kahl und leer ist die Wohnung. Die weiße Tür, hinter der Senta das Haus bewacht hat, fällt hinter uns ins Schloß. Das Klicken hallt scharf durch das Treppenhaus. Keiner hört es, niemand kommt heraus, um uns nachzuwinken.
Mein Zuhause fort, mein Zimmer fort, mein Hund fort, mein Spielzeug fort, fort, fort, alles fort. Kein Harro mehr, keine Schule mehr, sogar mein Bär ist fort. Alles, was mir geblieben ist, liegt in einem Koffer neben mir auf dem Rücksitz, wo eigentlich Oma hätte sitzen sollen.
Sie ist mit der Bahn vorausgefahren, geradewegs nach Rotterdam. In dem Abteil, in dem sie saß, als führe sie zur Schlachtbank, jammernd, daß sie die Reise nicht überleben werde, verschwand sie aus meinen Augen.
Dörfer und Städte gleiten vorbei. Ein Kilometerstein folgt auf den anderen. Wenn Hunger, Durst oder andere Bedürfnisse meinen Vater zum Halten zwingen, beginnt die Suche nach einem Gasthaus, wo nicht »Juden unerwünscht« auf den Türen steht. Sehr oft setzen wir die Reise fort, ohne einen Zufluchtsort gefunden zu haben, und fahren weiter bis zu einem Platz, wo wir die unterwegs gekauften Lebensmittel auf einer Bank oder im Gras sitzend essen können. Es ist wie ein Picknick, aber lustig ist es nicht.
Durch Wälder und über Hügel brummt Vaters Adler. Eintönig verschlingt er das Band aus Asphalt und Kopfstein, bis die Dunkelheit einbricht.
Wir sind müde, sehr müde, als ein Wegweiser Mönchengladbach anzeigt.
Von Hotel zu Hotel zu Hotel; wie Bettler vor den Türen abgewiesen. Zuletzt eine Pension von Juden für Juden.
Der Schlaf will nicht kommen, ich habe keine Tränen mehr.
Vorhänge flattern leise im Wind. Durch das Fenster scheinen die Sterne der letzten Nacht in meinem Geburtsland.
»WIR HABEN NICHTS GEWUSST«
Nachschrift
Offenburg, Appenweier, Achern; Namen auf Schildern an den Landstraßen, undeutliche Echos aus meiner Kindheit.
Aus den blaugrünen, dunstig verregneten Wäldern des Schwarzwaldes fahren wir in die Rheinebene. Wir kommen aus der Schweiz und nehmen auf dem Rückweg in die Niederlande die Route über mein Herkunftsland.
Beim Überschreiten der Grenze fühle ich die Reste fünfzig Jahre alter Angst, nicht durchgelassen zu werden, und dann den prickelnden Triumph beim Handzeichen des Beamten, der uns in sein Land fahren läßt, ohne auch nur den Paß zu kontrollieren.
Mein kleiner roter Citroen mit niederländischem Nummernschild, meine Frau neben mir und meine schlafende jüngste Tochter auf dem Rücksitz erwecken das Vertrauen der Grenzposten an allen Übergängen. Ich bin kein unerwünschter Flüchtling mehr, sondern ein Tourist, der seine Devisen ausgeben will.
Ein Punkt auf der Landkarte, fast unauffindbar, ist Freistett am Rhein in der seit Jahrhunderten umstrittenen Tiefebene, die trotzdem von allen Machthabern vergessen wurde.
Darf ich die Heimreise nach den sonnigen Ferien am Genfer See durch eine Fahrt stören, die fünfzig Jahre alte Gespenster wachruft? Der Ortsname Freistett zieht mich magisch an, zieht das Kind von damals an, das auf dem Rücksitz des blauen Adlers seine Verwandten in einem hochgewirbelten Staubschleier aus seinem Leben verschwinden sah.
Auf ruhigen geraden Straßen, durch kleine Dörfer lenke ich den Wagen in der beinahe holländischen Landschaft. Ich fahre wortlos wie damals mein Vater fuhr. Ich sehe, was er sah, was ich sah. Einen Augenblick lang bin ich er.
An der Kreuzung verfehle ich die Abzweigung. Will ich wirklich sehen und hören? Nach rechts: das retuschierte Foto meiner Erinnerung, zweihundert Meter vor uns. Sand und Staub sind jetzt Asphalt. Die Schmalspurbahn ist verschwunden. Gehsteige an beiden Seiten, neu und sauber. Häuserfassaden: rosa, grün und gelb; moderne Geschäftsfronten: ein vollkommenes Potemkinsches Dorf.
Und doch noch dasselbe: die Haustür links, die Stalltür rechts, die überhängenden Dachgesimse, die flachen roten oder schwarzen Ziegel.
Ich suche das Haus. Erkenne es und kenne es nicht wieder. Ein Laden für Papier, Zigarren, Zeitungen. Die städtisch aussehende Verkäuferin weiß von nichts. Wem das Haus gehört hat, wer darin gewohnt hat, damals und später? Der Chef, jünger als meine Erinnerung alt ist, verweist mich an eine ältere Nachbarin zur rechten. Hinter ihrem Getränkeladen eine hochbetagte Schwiegermutter mit straffem grauem Haarknoten, wie ihn die Frauen des Dorfes in meiner Kindheit trugen. Ihr angegrauter Sohn führt das Wort. Auf dem breiten Gesicht ein Grinsen, mißtrauisch, dann verlegen, er ist auf der Hut, wird dann offen und ernst.
Ob er meine Tante und meine Vettern gekannt hat?
Freunde sind sie gewesen, und gute Nachbarn!
Er führt uns auf den Hof hinter dem Haus. Der braunschwarze Schäferhund hinter Gittern fletscht die Zähne und springt wild gegen die Stäbe, als spürte er die Nervosität seines Herrn. Dieser ruft nach einer alten Nachbarin, die auf dem Hof meiner Tante Hermine, hinter dem Haus mit dem Papiergeschäft, ihre Wäsche aufhängt.
Nichts ist verändert, nichts umgebaut. Die Stalltür, der Heuboden, die Grube, über der der Abtritt hing ... lächelndes Erinnern, ja, vor zehn Jahren abgerissen.
Das Gespräch in schwerem Dialekt läuft sozusagen um uns herum, über uns aber ohne uns. »Weißt du noch, die Bertha von nebenan, und die Rosel, die ein bißchen einfaltig war?«
Die alten Frauen und der Sohn entwirren die Zweige meines Stammbaums, auch solche, die ich selbst nicht gekannt habe.
Betretene Stille, als ich ihre Frage beantworte, was aus uns geworden sei. Lagernamen fallen wie Steine in eine Schlucht. Befangen sieht der Nachbar mich mit unruhigen Augen an, seine Finger zupfen an einem Knopf: »Wir haben nichts gewußt, die haben uns den ganzen Krieg lang für dumm verkauft.«
Dann auf einmal vertraulich lächelnd, halb zu uns, halb zu den Frauen um uns herum gewandt, erzählt er von seiner Kindheit, als die Väter ihren Söhnen mit einer neuen Strafe drohten: dem KZ.
Das Lager bei Kuhberg war nicht weit, Gerüchte darüber sickerten ins alltägliche Leben durch, aber von der »Endlösung der Judenfrage« hat niemand im Dorf damals gewußt. Erst nach dem Krieg hätten sie davon gehört und nicht begreifen können, was »mit die Judde« geschehen war.
Selbstsicher setzt er das moralische Großreinemachen fort. Mit schrägem Blick sieht er mich an und schimpft auf die Alliierten, die Franzosen, die Holländer, die seiner Meinung nach alles gewußt und trotzdem den Judas gespielt haben. Unentwegt redet er weiter: Sein Vater trug die schwarze Uniform der SS und mußte in Dachau Dienst tun, aber sein Gewissen konnte die Last nicht ertragen. Noch vor Kriegsausbruch kam er ganz verstört nach Hause und weigerte sich, das befohlene Henkerswerk länger auszuüben.
Was soll ich, in meinen Zweifeln, in meiner Unsicherheit sagen? Was haben sie wirklich gewußt, was aus ihrem Bewußtsein verdrängt, um leben zu können?
Fort will ich, weg von dem Ort, wo meine gebrechliche Tante mit ihren achtzig Jahre alten Augen mitansehen mußte, wie in der Kristallnacht des November 1938 ihr armseliger kleiner Laden und ihre Wohnung zertrümmert wurden. Mein Kopf dröhnt vor Wut, als wir an dem tobende Schäferhund vorbei wieder die Straße erreichen.
Aber vor Wut auf wen?
Auf den alten Gustaf, der auf seinem Ostfront-Bein angehinkt kommt, um die Erinnerungen an meine umgekommenen Verwandten aufzufrischen? Auf Hilda, die Landarbeiterin, mit der Schaufel auf der Schulter und den großen Körben voll Gemüse am verrosteten Fahrradlenker, die mit kargen Worten erzählt, sie sei damals Dienstmädchen bei der Familie gewesen?
Vor Wut über das grauenhafte Schicksal, das die Juden Europas getroffen hat?
Meine Tochter auf dem Rücksitz des Autos hat ihren Walkman auf den Ohren. Wir fahren weiter. Die alten Leute winken. Wir winken zurück, Zweifel und Verwirrung im Herzen.
Nachts werden wir zu Hause sein, schneller als damals. Und frei.
Die Fahrt durch grünes Niemandsland, den Blick auf Unendlich gestellt, den Fuß fest auf dem Gaspedal: die deutsche Autobahn.
Gedanken an die Vergangenheit haben keine Chance. Hitlers Heeresstraßen sind vorzüglich geeignet, um schnell von Süden nach Norden zu gelangen, aber Grübeleien sind gefährlich.
Die Städte sind Namen auf blauen Schildern: Wörter aus dem Atlas. Bis plötzlich der Doppelname auftaucht, der zur Einkehr mahnt: Baden-Baden, Wiege und Kindheit.
Diesmal ist es Neugier, die mich in den Ort zieht. Schon vor Jahren habe ich dem Wunsch von Frau und Kindern nachgegeben und bin über die Abzweigung in meine Kindheit gefahren. Damals sah ich die Stadt wie ein Fremder und verschloß mich allem, was Schmerz bereiten konnte. Später, beschützt und sicher auf der Analyse-Couch, stiegen die Bilder herauf, die Tränen der Trauer und Wut, und ich bekannte mich zu den Jahren meiner Knabenzeit.
Ein paar Kilometer nur: Wir fahren an den alten gelben Wohnkasernen der Vorstadt vorbei. Ich erkenne nur wenig. Der Radius meiner Kindheit reichte nicht so weit. Wo die Stadt beginnt, ist plötzlich alles wieder da. Das Damals und Jetzt fallen beinahe zusammen. Die Rosensträucher, die Blumenbeete, die raunende Murg, klar wie ein Kristall, die luxuriösen Hotels, vor denen sich ein Mercedes fast bescheiden ausnimmt, die Trinkhalle mit den einst gruseligen, jetzt abstoßend häßlichen Wandmalereien von Rittern, Drachen und blassen Jungfrauen, die Konditoreien mit bunten Sonnenschirmen und weißlackierten Stühlen: Alles ist gleich und doch anders. Heute Mädchen in Shorts, Jungen in Jeans, damals Männer mit Panamahüten und Frauen in Seide.
Das Möbelgeschäft meiner Oma, unverändert, gehört noch immer dem Mann, dessen Name zu Hause mit Zorn ausgesprochen wird. Und Bismarck starrt immer noch unerbittlich in die Ferne.
Zu Fuß, bürgerliche Eintagstouristen, gehen wir weiter. Ich betrachte Fassaden, die keinen Touristen interessieren, ich weiß genau, wo ich bin. Vor meiner Schule bleibe ich stehen. Niemals bin ich fortgewesen, nichts hat sich verändert. Zusammen mit Harro fliehe ich über die Treppe zur Stephanienstraße. Jetzt läßt die Steigung mich meine Jahre spüren. Keuchend stehe ich an der Stelle, wo wir unsere Ranzen als Waffen gebraucht haben, und suche nach Zeichen an dem Ort, wo einst die Synagoge stand.
Frau und Tochter folgen mir wie Pflegerinnen, die hinter einem Schlafwandler herlaufen, besorgt um meine Sicherheit.
Die Synagoge aus weißem Stein mit ihren schlanken Säulen und bogenförmigen Fenstern, den vielfarbigen Rosetten und der breiten Treppe mit den hohen Stufen, die ich als Kind mit Mühe erklimmen konnte, steht nicht mehr. Eine ebenerdige Garage für Lastwagen hat ihren Platz eingenommen. Kein Zeichen der Erinnerung an den Ort, wo SS-Leute in schwarzen Uniformen am Abend des neunten November 1938 alte jüdische Männer ohne Kopfbedeckung dazu zwangen, Nazilieder zu singen, das Gesicht dem Schrein mit den heiligen Thorarollen zugewandt, die unter dem Hohngelächter der Männer des Totenkopfregiments angezündet wurden und wie der brennende Dornbusch loderten.
Die Photographien, die einer von ihnen als Andenken an das komische Ereignis gemacht hat, und die Jahrzehnte in Archivschränken verborgen lagen, sind unauslöschlich in mein Hirn geätzt.
Das brennende Gebetshaus, in Ruß und Rauch gehüllt, die in Marschreihen gezwungenen Greise ohne Hüte, mit blassen, nichts begreifenden Gesichtern über dunklen Wintermänteln, entkräftet von Rekrutenübungen und Todesangst: Kristallnacht.
»Wir haben nichts gewußt, fast nichts«, lautet stets die Antwort, die der Frage vorgreift und sie zum Schweigen verurteilt.
Hier, in der Biegung der Stephanienstraße, quält sie mich.
Dies ist kein Land von Blinden, Stummen, Tauben. Jeder, der hören wollte, konnte hören. Jeder, der sehen wollte, konnte sehen. Die Reden, in denen heisere Demagogen unseren Untergang verkündeten, tönten seit Januar 1933 aus allen Lautsprechern. Die Maßnahmen zu unserer Isolierung, mit denen sie Tag für Tag ein Stück von unserer Freiheit abschnitten, standen in fetten Lettern in allen Zeitungen.
Unzählige Deutsche ließen sich zur Barbarei verleiten.
Unzählige Deutsche, gleichgültig oder vor Angst gelähmt, sahen uns direkt vor ihren Augen ertrinken.
Nur einzelne Mutige, wie der Kellner Fritz in Riva am Gardasee, retteten einen Ertrinkenden aus den Fluten.
Gerhard L. Durlacher
Streifen am Himmel
Inhalt
Prolog
Nachschrift
Der Beginn einer Reise
Die Illusionisten
Rückblick
Befreiungen
Nachwort
Anmerkungen
Bibliographie
Streifen am Himmel
Eli, Eli, lama asabthani Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!
Prolog
Aus der Erinnerung steigen unterbelichtete Bilder, abwechselnd mit grellen, überbelichteten Szenen, eingeätzt in meine Netzhaut. Manchmal, wenn auch lückenhaft, gelingt es, diese Filmblitze zu erkennen und zu ordnen. Die Gefühle von damals, Angst und Verzweiflung, Ohnmacht und Wut, Schmerz und Kummer liegen tief verborgen, Lava in einem scheinbar toten Vulkan.
Die Erzählungen einstiger Mithäftlinge, Bücher, ein Foto, eine Assoziation beschwören die Bilder herauf, von versengenden Emotionen begleitet.
Im Herbst 1981 erschienen zwei solcher Bücher: The Terrible Secret von Walter Laqueur und Auschwitz and the Allies von Martin Gilbert. Der jeweilige Untertitel schließt jedes Mißverständnis über den Inhalt aus: Die Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers ›Endlösung‹ und How the Allies responded to the news of Hitler’s Final Solution. Zwei nüchterne und ernüchternde Bücher über den Mord, das Wissen über den Mord und die Reaktionen der Welt auf die Ermordung von sechs Millionen Juden zwischen 1939 und 1945.
Ich sah uns wieder, grau vor Erschöpfung, in Fünferreihen. Mit geschwollenen Knöcheln, schwindelndem Kopf, hohlem Magen. Zusammen mit den russischen Gefangenen standen wir dort auf dem Appellplatz. Die späte Nachmittagssonne der ersten Augusttage 1944 spiegelte sich auf geschorenen Schädeln. Wir zählen ab: einmal, zweimal, zehnmal. Wir werden gezählt. Emil, der polnische Blockälteste, stößt die Reihen zurecht, zählt mit, nervös, heiser. Der Blockführer zählt, schlägt mit dem Spazierstock* auf die Köpfe der ersten und letzten Reihe. Wir wagen nicht, den Platz zu tauschen. Der Durst übersteigt den Hunger. Die Suppe können wir vergessen. Irgendetwas ist passiert, denn die Sirenen haben geheult. Durch den stinkenden Rauchschleier des Krematoriums III sehen wir den blauen Himmel; wir taumeln, manche fallen in Ohnmacht. Die Kameraden zu stützen, raubt uns die letzten Kräfte. Emil dirigiert die Kranken in die hinterste Reihe und wird von einem SS-Mann angebrüllt. In der Ferne hören wir Donnergrollen wie von Gewitter. Unsere Blicke treffen sich: russische Artillerie in den Beskiden? Sie müssen in der Nähe sein; das Flugzeugkommando** hat doch erfreuliche Nachrichten gemeldet?
Das heisere Gebrüll der Kapos und SS-Leute wird von dem rhythmischen Summen in der Luft übertönt und plötzlich sehen wir alle die weißen Schafwollfaden, die von kaum erkennbaren Metallstückchen über das helle Blau des Himmels gezogen werden. Hunderte von Augenpaaren folgen den Fäden, bis die SS-Männer, mit quadratisch aufgerissenen Mäulern schreiend und Schläge austeilend, abermals abzählen lassen.
Dort oben tobt das Scheingewitter, das uns die Kraft schenkt, auf den Füßen zu bleiben, und das ein kaum merkbares Lächeln auf unsere Gesichter zeichnet. Der Appell endet in der Nacht, nachdem die Sirenen nochmals geheult haben. Von den fünf geflohenen Häftlingen sind drei lebend aufgegriffen worden: Piechowiak, Wagschal und Kenner. Blutverschmiert und geschunden werden sie zurückgebracht in unser Lager, das Männerlager Birkenau II D.
Als wir am Abend des 8. August in Fünferreihen, die Kranken stützend oder tragend, schmutzig und erschöpft durch das Tor der befreienden Arbeit getrieben werden, sehen wir zwei der Geflohenen hängen. Singend, den Tod im Herzen, von Orchestertönen begleitet, marschieren wir mit nach innen gekehrtem Blick an den beiden Galgen vorbei. Ein Tod, wahrscheinlich sanfter als der, der Piechowiak in der Strafkompanie erwartet.
Am selben Abend wieder die Wollfäden am Himmel. Hatte man uns vergessen dort draußen, dort droben? Waren die Ölraffinerien von Blechhammer und Trzebinia von größerer Bedeutung als wir und unsere Verbrennungsöfen? Im folgenden Monat brannten sie nicht mehr Tag und Nacht. Die Juden aus Ungarn hatten das Leiden auf Erden fast hinter sich. Aus Westerbork kam der letzte Transport: 1019 Menschen, von denen 470 nicht sofort den Flammen zum Opfer fielen. Unter ihnen Anne Frank, damals noch ein unbekanntes Mädchen im Ozean des Todes.
Zu der Zeit wußte ich kaum, was geschah. Ein Vorhang hatte sich vor mein Wahrnehmungsvermögen gesenkt. Ich registrierte das grauenhafte Geschehen, ohne es zu Kopf und Herz durchzulassen.
Jetzt, nach fast vierzig Jahren, fällt dann und wann ein Archivblatt aus dem Panzerschrank meines versunkenen Gedächtnisses.
Den Bombenangriff auf Monowitz, den Gilbert beschreibt, haben meine Kameraden vom Rollwagenkommando und ich laut und deutlich gehört. Am 13. September 1944 dachten wir einen Augenblick an Befreiung. Einen Augenblick lang wußten wir hinter unseren glasigen Hirnfassaden, daß es ein »Draußen« gibt und daß Auschwitz nicht auf einem anderen Planeten liegt.
Den ganzen Morgen lang hatten wir keuchend, von Flüchen und Schlägen gescheucht, Holz und Asphaltpappe ins Mexikolager transportiert. Wo wir es abgeladen haben, weiß ich nicht mehr, aber weit von der Rampe, dem Umsteigeplatz zur Ewigkeit, wird es nicht gewesen sein. Der SS-Mann verschwand, vermutlich in einem Schutzraum, und wir standen da, als warteten wir auf einen warmen Sommerregen.
Der Bombenangriff auf die I. G. Farben kann nicht lange gedauert haben. Um uns herum Sturm, Staub und Getöse. Keine Angst. So müssen Bauern fühlen, wenn auf ihr Flehen plötzlich Regen fällt. Die wenigen Bomben auf Birkenau gaukelten uns einen Moment lang vor, die Krematorien seien getroffen, aber das war blitzartig vorbei. Was von diesem Wunschtraum übrigblieb, war Enttäuschung, staubverklebte Augen und ein handgroßer Granaten- oder Bombensplitter, den Jiri D. aufgehoben hatte. ›Gejts mit Gott, abber gejt’s‹, schrie der Kapo und der überfrachtete Wagen, mit uns als Karrenhunden davor, setzte sich langsam in Bewegung.
Die Frage, ob man uns da draußen und da oben vergessen hatte, brannte vielen von uns lange auf der Zunge. Warum diese Frage erst seit wenigen Jahren wirklich ausgesprochen wird und auch heute noch nicht beantwortet ist, läßt sich nur vermuten.
Der plausibelste Grund ist sicher in den Archivgesetzen der betreffenden Länder zu suchen. Englische und amerikanische Archive geben erst seit kurzem Bruchstücke der jüngsten Geschichte preis. Die Historiker Laqueur und Gilbert haben aufgrund ihrer früheren und derzeitigen Arbeiten die besten Voraussetzungen für die Spurensuche. Laqueur als Direktor des ›Institute of Contemporary History‹, auch bekannt als ›Wiener Library‹ in London, jenes Institutes, das während des Zweiten Weltkriegs für die British Intelligence eine der wichtigsten Informationsquellen über Deutschland war, und Gilbert als offizieller Biograph von Winston Churchill, mit Zugang zu Geheimakten, von denen kein Laie zu träumen gewagt hatte, daß sie für die Nachwelt erhalten bleiben würden.
Ein anderer Grund für das lange Schweigen über die grauenhaften Ereignisse erinnert mich an die Sphinx und Ödipus: Die richtige Antwort auf das Rätsel stürzt sie von ihrem Sockel. Das Rätsel ist gelöst, aber der Preis ist bitter und das Ende ohne Illusionen.
Auch wir kennen jetzt die Antwort auf unsere Frage und auch für uns ist der Preis bitter. Die wenigen Illusionen, die wir bewahrt hatten, wurden zunichte gemacht.
Es sind dieselben Fragen, die Laqueur und Gilbert quälen, doch bereits aus dem Untertitel ihrer Bücher geht hervor, daß der jüngere, 1936 geborene Gilbert mehr ertragen kann (oder konnte) als der um fünfzehn Jahre ältere Laqueur. Der Untertitel von Laqueurs Buch: Die Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers Endlösung offenbart gewissermaßen auch die Verdrängungsarbeit des Autors. Seine Geschichte endet im Dezember 1942 und er begründet diesen Zeitpunkt mit dem Argument, daß »die Mehrheit der Juden in Osteuropa wie auch Millionen Deutsche und viele Einwohner in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten schon damals von der Massenvernichtung wußten«. Außerdem vermeidet er geflissentlich die Frage, was diese Menschen mit ihrem grauenhaften Wissen anfingen.
Ich kann mir nur zu gut vorstellen, daß ein Mann wie Laqueur, 1921 zur Zeit der Weimarer Republik geboren, dessen Jugend durch die Nationalsozialisten zerstört wurde und der ihnen nur knapp entkam, eine solche Rationalisierung und Verdrängung braucht. Dennoch kann man das Datum des Dezember 1942 nur schwer akzeptieren. Keiner meiner Mithäftlinge noch ich selbst wußten von dem Fegefeuer von Birkenau, bevor wir durch das Haupttor getreten waren. Erst nachdem Vrba und Wetzler im April und später Rosin und Mordowicz im Mai 1944 die Flucht lebend überstanden hatten und erst als ihre Berichte den Alliierten vorlagen, konnte niemand, weder aus den Kreisen der Regierung und des Militärs, noch irgendein lesender oder hörender Bürger mehr mit gutem Gewissen behaupten: »Wir haben nichts gewußt.«
Martin Gilbert hat seinem Buch den Untertitel gegeben: How the Allies responded to the news of Hitler’s Final Solution, und eine jener »responses«, nämlich die des englischen Diplomaten A. R. Dew, der auf dem Weg zur Konferenz von Jalta verunglückte, lautete am 7. September 1944: »Meiner Meinung nach wird hier im Amt unverhältnismäßig viel Zeit für die Beschäftigung mit diesen jammernden Juden vergeudet.«
Die Arbeiten von Laqueur und Gilbert scheinen sich auf den ersten Blick in einigen Bereichen zu überschneiden, doch durch die Fragen, die sie stellen, ergänzen ihre Untersuchungen einander.
»Mit diesem Buch«, schreibt Laqueur, »versuche ich, eine Antwort auf die folgenden Fragen zu finden: – Wann erfuhren Juden und Nichtjuden zum erstenmal von der ›Endlösung‹?
– Über welche Kanäle wurden die Berichte verbreitet? – Wie war die Reaktion derer, die davon hörten?«
Er stellt sich dabei unter anderem die Aufgabe, nachzuweisen, daß ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland, der Geheimhaltung und den verstümmelten Informationen zum Trotz, durchaus wissen konnte und sogar tatsächlich wußte, daß Massaker bereits in den ersten Kriegsjahren stattfanden. Dabei drängt sich die Frage nach der Bedeutung von »Wissen« und »Glauben« auf, mit anderen Worten, inwieweit die grauenhaften Nachrichten in Deutschland selbst und in der übrigen Welt Glauben fanden.
Vor allem die übrige Welt sei in der Lage gewesen, so viel zu tun, und habe dennoch so viel unterlassen, das zum Überleben der europäischen Juden hätte beitragen können.
Bei der Lektüre von Laqueurs Buch überkam mich manchmal das Gefühl, sein eigenes Bedürfnis, den grauenhaftesten Teil des Geheimnisses, die Massenvernichtung, zu verdrängen, habe ihn zu einer milderen Analyse bewogen, als ich selbst und andere für gerechtfertigt halten.
Nach Angaben der SS waren vor Ende 1942 2 500 000 Juden deportiert und umgekommen. Die meisten Opfer waren aus Polen, Rußland und den baltischen Ländern verschleppt und von Einsatzgruppen ermordet worden.
In den Vernichtungslagern Chelmno, Belzec, Majdanek, Sobibor und Treblinka rauchten die Verbrennungsöfen unaufhörlich. Über 200 000 Juden aus Deutschland und den besetzten Gebieten waren deportiert, und weit über 2 000 000 polnische und russische Juden waren umgebracht worden.
Trotz der Tarnsprache der Nationalsozialisten und trotz Zensur von Radio, Presse und Post, trotz abgefangener Kuriere und Telegramme wußten unzählige Menschen von den Greueltaten im Osten. Von Tausenden wurden über viele Kanäle die meist mündlichen Berichte weitergegeben. Familienmitglieder der Wehrmacht und der SS wußten aus Erzählungen und Briefen von Ehemann, Sohn und Bruder oft besser Bescheid, als sie nach dem Krieg jemals zuzugeben wagten.
Aber auch Geistliche, Widerstandskämpfer, Schmuggler und Bahnbeamte gaben Berichte aus erster oder zweiter Hand in den Westen weiter oder verbreiteten die Schreckensnachrichten in den damals noch vorhandenen Gettos in Polen. Mit Archivmaterial aus England, aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und Israel, aber auch durch Gespräche mit zahllosen Überlebenden gelingt es Laqueur, das Netzwerk von Informationskanälen zu rekonstruieren und überzeugend darzulegen, daß der Prozeß der Endlösung schon Ende 1942 im wesentlichen hätte bekannt sein müssen.
Aber waren die Tatsachen auch wirklich bekannt, oder besser: Wurde den Tatsachen in den politischen Kreisen der Allierten auch Glauben geschenkt? Laqueur liefert den Beweis für die psychische Abwehrhaltung, die selbst Felix Frankfurter, ein prominenter amerikanischer Jurist und Richter am Obersten Gerichtshof, einnahm: Als Jan Karski, ein polnischer Offizier und Kurier von den Massenmorden in Europa berichtete, bekam er zu hören, Frankfurter sehe sich außerstande, das zu glauben.
Vor Ende 1942 war kaum jemand im Westen über den vollen Umfang der Tragödie unterrichtet. Unter den wenigen waren die geflohenen polnisch-jüdischen Parlamentarier Zygielbojm und Schwarzbart, die in London die begründete Befürchtung äußerten, die Massaker des Jahres 1942 seien erst der Anfang der Katastrophe. Sie mobilisierten die englische Presse und einen kleinen Teil der öffentlichen Meinung.
Von Verzweiflung übermannt, in dem Gefühl, die Welt lasse die Juden untergehen, ohne einen Finger zu rühren, nahm Zygielbojm sich im Mai 1943 das Leben, nachdem die SS den Aufstand im Warschauer Getto in Blut und Asche erstickt hatte. Sein bewegender Abschiedsbrief erschien in der Presse, löste aber nur zurückhaltende Reaktionen aus.
Die Katastrophenmeldungen aus dem Osten wurden überwiegend von Gerhard Riegner, einem jungen deutsch-jüdischen Juristen aus Berlin, und von seinem um dreißig Jahre älteren Kollegen Richard Lichtheim durchgegeben, beide Vertreter der Jewish Agency in Genf. Über Informanten, zu denen ebenso Industrielle und Journalisten wie Kuriere und Schmuggler zählten, liefen bei ihnen die Schreckensmeldungen ein, die sie weiterzuleiten suchten zu Staatsoberhäuptern und Ministern, oft mit Hilfe von Vermittlern wie dem Oberrabbiner Stephen Wise oder Richter Frankfurter. Ihre Aufgabe muß eine entsetzliche Last gewesen sein, denn in Whitehall und im Weißen Haus waren die Herzen und Ohren aus Granit.
Natürlich war die Botschaft unerträglich und deshalb unglaubwürdig; aber war das der einzige Grund für die Kleingläubigkeit, die Abwehr und den Skeptizismus von Roosevelt, Eden und ihren Beamten und Diplomaten?
Laqueur gibt sich in seiner Analyse milder und toleranter als Gilbert und Wasserstein, aber sein Langmut geht mir denn doch zu weit. Daß die Regierungskreise und die Medien in England und in den Vereinigten Staaten in den ersten Kriegsjahren auf die blutigen Nachrichten mit einer gewissen Zurückhaltung reagierten, ist nicht unverständlich. Das Argument von der schwierigen Verifizierbarkeit und den mangelhaft arbeitenden Nachrichtendiensten ist möglicherweise stichhaltig, obwohl abzuwarten ist, was aus den bislang verschlossenen Archiven der Alliierten zutage treten wird. Aber das damit verbundene Argument, die Alliierten hätten nicht in den Fehler der Greuelpropaganda verfallen wollen wie im Ersten Weltkrieg, als außer den Sensationsblättern auch Schriftsteller wie Arnold Toynbee und John Buchan über die Barbarei der Deutschen während des Einfalls in Belgien im August 1914 schrieben, scheint mir weit hergeholt. Wird die Naivität der Alliierten auf diese Weise nicht allzu leicht entschuldigt?
Ganz abgesehen von der Invasion im Jahre 1914 in Belgien, die vielleicht nicht ganz so barbarisch war wie die englische Sensationspresse damals behauptete, war die Periode, die Laqueur beschreibt, »quite a different cup of blood«.
In Whitehall und Washington kannte man ja die Pläne der Nationalsozialisten: Mein Kampf war seit fünfzehn Jahren auf dem Markt, die Gespräche mit Hitler seit zehn Jahren. Der Einfall in die Tschechoslowakei und Polen, die Kristallnacht und die Euthanasie-Aktion waren noch frisch in Erinnerung. Die Konzentrationslager im Reich waren bereits berüchtigt, die Totenkopfdivision von Eicke und die Einsatzgruppen hatten schon rund zwei Millionen Morde auf dem Gewissen.
Es hat wenig Sinn, diese Liste mit Dutzenden von Angaben zu verlängern. Einem sachlich denkenden, informierten Bürger hätte dies genügen müssen, um die Berichte über die Massenmorde in Polen glaubhaft erscheinen zu lassen, ohne den Nebengedanken an Greuelpropaganda. Und für Regierungen mit gutgeschulten Diplomaten und Geheimdiensten? War es Naivität oder vorgeschützte Angst, die Bürger könnten die Berichte mit Greuelpropaganda verwechseln? War es lediglich Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Millionen oder fällt die Erklärung weitaus zynischer – und realistischer – aus?
Laqueurs Analyse ist beängstigend genug, erweckt in mir aber den Verdacht er schrecke vor der letzten Konsequenz zurück. Er schreibt: »Auch als man in London und Washington eingesehen hatte, daß die Angaben über die Massenmorde stimmten, sorgten die Regierungen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten dafür, daß ihnen nicht zu viel Publizität gegeben wurde.« Warum diese Besorgtheit über zu großes Aufsehen? Bei den Juden in diesen Ländern ist die Furcht, als Panikmacher angesehen zu werden, durchaus begreiflich. Doch bei den nichtjüdischen Alliierten? Es sind genau diese Fragen, die uns heute noch genauso heftig schmerzen wie damals.
Ich weiß nicht, ob Gilberts Buch bislang viele Leser gefunden hat. Für mich hat es viele quälende Fragen beantwortet. Die Sphinx ist gestürzt und alle Illusionen sind zerstört. Die Buchseiten stapelten sich wie Bleigewichte auf meinem Geist. Was muß Gilbert beim Schreiben dieser dreihundertfunfzig Seiten empfunden haben? Mit erschreckender Präzision zählt er in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse, die Besprechungen, Aufzeichnungen und Memoranden der Allierten auf, die sich auf den Verlauf der Endlösung von Mai 1942 bis Mai 1945 beziehen.
Politischer Zynismus, Opportunismus, Trägheit, Gleichgültigkeit, Haß und Naivität stehen gegenüber der Verzweiflung und dem Untergang der Verfolgten und ihrer Verwandten, Gefährten und Freunde.
Die wenigen Gerechten in Amts- und Regierungsfunktionen wurden daran gehindert, mehr zu tun, als in strategischen und politischen Begriffen zu denken. Gilbert gibt nicht nur die katastrophalen Berichte wieder, sondern zeigt auch, wie Schritt für Schritt, mit jedem Bericht, die Namen der Vernichtungslager zum lähmenden Alptraum wurden.
Es dauerte bis 1942, bevor die Alliierten sich in mühsam errungener Übereinkunft zu einer Erklärung bereitfanden, in der sie Deutschland wegen seiner Ausrottungspolitik verurteilten und in der von Vergeltung und Strafe die Rede ist. Auschwitz wird in dieser Erklärung noch nicht genannt. Es ist bloß ein Name auf der Karte, wenn auch auf einer strategischen Karte.
Die Erklärung, mit großer Mühe zustandegekommen, hat keinen Einfluß auf die Vernichtungspolitik. Wie auch der Krieg verläuft, die endlos langen Viehwaggonzüge rollen unaufhaltsam weiter zu den Gaskammern in Polen.
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