Kitabı oku: «Der Fisch»
Gerhard Nattler
Der Fisch
Kommissar Berendtsen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Kapitel 23.
Kapitel 24.
Kapitel 25.
Kapitel 26.
Kapitel 27.
Kapitel 28.
Kapitel 29.
Kapitel 30.
Kapitel 31.
Kapitel 32.
Kapitel 33.
Kapitel 34.
Kapitel 35.
Kapitel 36.
Kapitel 37.
Kapitel 38.
Kapitel 39.
Kapitel 40.
Kapitel 41.
Kapitel 42.
Kapitel 43.
Impressum neobooks
Kapitel 1.
Gerhard Nattler
KOMMISSAR BERENDTSEN
UND DER FISCH
Krimi
Impressum Texte: © Copyright by Gerhard Nattler
Umschlag: © shutterstock.com / Olga Polonska
Gestaltung: Katharina Erhardt
Verlag: Verm.-Ges. b. R.
Lessingstr. 1
45896 Gelsenkirchen
Druck: epubli, ein Service der
Neopubli GmbH, Berlin
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Der Halliburton Trolley rollte, von feingliedriger Damenhand sanft geführt, beinahe lautlos über den Marmorboden auf die Rezeption des Hilton Düsseldorf zu. Zielsicher steuerte sie den abseits gelegenen Schalter für Honors Mitglieder an, der wie gewöhnlich nicht frequentiert war. Wortlos präsentierte sie dem Concierge ihre VIP-Karte aus dem Wallet des iPhones. Er begrüßte sie mit einem »Herzlich willkommen, Frau Strasser. Wir freuen uns über Ihre Diamond Mitgliedschaft.« Er sprach mit leicht britischem Akzent. »Sie haben bereits für eine Nacht reserviert, wie ich sehe. Hätten Sie eine Kreditkarte für uns?«
Sie hielt ihre iWatch an das Lesegerät.
Nach einem Blick auf ihre Buchung fragte er: »Hatten Sie einen angenehmen Flug?«. Eine Antwort blieb aus. Stattdessen taxierte sie die Empfangshalle. Behände huschten die Finger des jungen Herrn im dunklen Anzug über die Tastatur. Einen Moment später schob er die ausgefüllte Anmeldung vor und legte einen schwarzen Kugelschreiber parat.
„Wir bieten Ihnen ein kostenloses Upgrade mit Zugang zur Executive Lounge. Ich hoffe, es ist Ihnen recht.«
Sie nickte unmerklich, während sie unterschrieb, ohne die feinen Lederhandschuhe abzustreifen.
Der Concierge erklärte mit wenigen Worten die Einrichtungen des Hotels, händigte die Zimmerkarte mit dem Hinweis »Zimmer achtzig einundzwanzig. Wenn Sie aus dem Fahrstuhl kommen, links den Gang entlang« aus und nickte gleichzeitig einem Boy für das Gepäck, den sie jedoch mit einem freundlichen Lächeln und einer minimalen Geste ablehnte.
»Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt, Frau Strasser.« Nebenbei ließ er ein üppig dimensioniertes Tip in seiner Billetttasche verschwinden.
»Vielen Dank, Herr Fuller«, erwiderte sie nach einem Blick auf sein goldenes Namensschild. Sie bewegte sich in Richtung Fahrstuhl. Der junge Concierge sah ihr nach. Sie trug blaue Nikes zur Levis und eine hellblaue Bluse. Eine schwarze Umhängetasche schaukelte über ihrer Hüfte. Das goldene Dreieck PRADA MILANO stach ihm ins Auge, als ihr roter Anorak, den sie wie einen Poncho über den Schultern hängen hatte, den Blick darauf einen Augenblick freigab. Die dunklen Haare reichten ihr in leichten Wellen bis auf die Schulter. Der linke Aufzug stand bereit. Der junge Mann hielt einen Blick in ihren Datenstamm für angebracht. Beatrice Strasser war Deutsche mit der Heimatadresse in Dorsten und sah von hinten deutlich jünger aus als die ausgewiesenen zweiundvierzig Jahre, fand er. »Von vorn ebenfalls«, gab er zu, als sie sich im Fahrstuhl drehte und ihm ein freundliches Lächeln schenkte.
Nach einer kurzen Dusche ließ sie sich in einem Badetuch auf dem Chaiselongue nieder und wählte eine Nummer aus den Kurznotizen ihres iPhones. Sie ließ einmal durchschellen, dann brach sie ab. Wenig später kam die anonyme Antwort. Nach zweimaligem Summen verstummt das iPhone. Sie löschte den Anruf und die Notiz.
Den Koffer hievte sie aufs Bett und stellte die Zahlenkombination ein, um die Reißverschlüsse aufziehen zu können. Sie entnahm die Garderobe, die sie anzuziehen gedachte, und legte sie auf dem Bett bereit. Von den darunterliegenden Bündeln mit Scheinen zu einhundert und zweihundert Euro entfernte sie die Banderolen. Diese verbarg sie in einem Seitenfach des Koffers. Die Banknoten verschwanden in der Handtasche. Im Koffer suchte sie nach einem kleinen Kosmetiktäschchen, prüfte mit einem Blick den Inhalt und brachte es ins Badezimmer. Ihre getragene Kleidung verstaute sie im Koffer und verschloss mit der PIN.
Vor dem Ankleiden lackierte sie einen Fingernagel neu, der ihr im Flugzeug abgesplittert war. Sie warf einen Blick auf die entfernten Flughafengebäude und beobachtete den kaum hörbaren Verkehr tief unten auf der rege befahrenen Straße, bis der Lack getrocknet war.
Eine Stunde später beobachtete der junge Concierge, wie sie frisch gestylt in einem blauen Kleid und eleganten Boots aus dem Aufzug trat. Ihre Handtasche unter dem Arm und mit dezentem, aber teurem Schmuck um Hals und Handgelenk schritt sie durch die Empfangshalle und verschwand durch die Drehtür. Der Portier winkte nach einem Taxi. Er öffnete für sie die hintere Wagentür und gab dem Fahrer Anweisung.
»Sie wollte auf die Kö«, erfuhr der Concierge.
Zurück auf dem Zimmer griff sie zu ihrem Handy und wählte einen vertrauten Mitarbeiter an, ihren Chauffeur. Er hatte bereits ihren Vater gefahren und kannte sie von Kindesbeinen an.
»Ja bitte?«
»Hier ist Beatrice. Ich habe versucht, meinen Bruder zu erreichen. Er meldet sich nicht. Weißt du, wo er ist?«
»Er hat sich mir gegenüber nicht geäußert.«
»Okay. Wie läuft’s?«
»Die Oxygene wird in Kürze anlegen. Sie ist bereits durch die Schleuse. Aber …«
»Was ›aber‹?«
»Hier erscheinen einige unbekannte Leute. Auffallend unaufgeregt. Es riecht nach Bullshit. Sollen wir abbrechen?«
»Auf keinen Fall. Sie werden nichts finden. Vertraue mir!«
»Sind Sie sicher?« Korrekt wie der Mann war, siezte er Beatrice seit ihrem achtzehnten Lebensjahr. Sie hatte ihn wiederholt gebeten, sie weiter zu duzen, aber er bestand auf dem ›Sie‹ und redete sie auch mit Chefin an. Die beiden mochten sich.
»Ganz sicher! Macht keine Dummheiten. Kein Widerstand. Wenn sie genug gesehen haben, melde dich.«
»Wissen Sie zufällig, um welchen Container es sich handelt?«
»Fünf, eins, Strich, dreifünfundsechzig. Werde nicht nervös. Lasst die Waffe am besten im Auto.«
»Sie sind zuhause im Tresor. Edwin hat keine ausgegeben. Sie sind sicher, Chefin …?«
»Beruhige dich. Ist Edwin vor Ort?«
»Edwin ist nicht hier. Er wird auch nicht mehr kommen, denke ich.«
»Dann sei zufrieden und beruhige dich. Wenn er nicht am Hafen ist, kommt auch keine Ware.«
»Stimmt … Okay, Beatrice. Ich vertraue Ihnen. Eine Frage noch: Haben Sie sich zurückgemeldet? Ich sollte Sie erinnern.«
»Ja, danke. Den Rückruf habe ich ebenfalls umgehend erhalten.«
Beatrice Strasser begab sich an einen Ecktisch hinten in der Hotelbar. Sie überflog die Karte und bestellte eine Currywurst mit Pommes frites und ein Alt. Sie hatte sich während des ganzen Fluges darauf gefreut. Sie genoss es. Zwischendurch sah sie mehrmals auf ihre Uhr. Als sie nach weiteren Wünschen gefragt wurde, bestellte sie ein Glas Merlot und ein gemischtes Eis, weil Tiramisu nicht im Angebot war. Die Auswahl der Aromen überließ sie dem Keeper. Die Uhr zeigte inzwischen zehn Uhr, als endlich die Bestätigung kam, dass die Fahndung nichts ergeben hatte.
»Es war eine Blamage sondergleichen, Chefin. Woher hatten Sie die Informationen? Inzwischen haben die ersten Wagen das Hafengelände verlassen. Der Zoll untersucht weiterhin die Container, aber unsere Kiste ist längst im Lagerhaus. Ich habe Bescheid gegeben, den Behälter abzuholen.«
»Richtig. Was sagt Mike?«
»Er war nicht dabei. War auch nicht nötig. Das Schiff war früh dran. Wir hatten ihn informiert, aber er konnte nicht abkommen. Er hatte einiges zu erledigen.«
»Weißt du, wo er war?«
»Ich glaube, er hat Entgelt für die Waren eingetrieben.«
»Wann holst du mich ab? Ich bin im Hilton.«
»Ich kann sofort los. Bin in einer Dreiviertelstunde am Eingang. Warten Sie in der Halle?«
»Ich habe bereits eingecheckt. Morgen nach dem Frühstück reicht mir. Halb elf?«
»Geht klar, Chefin. Bin zehn dreißig vor Ort.«
»Bis dann.«
Fuller bekam sie nur mehr aus den Augenwinkeln zu Gesicht. Er war beschäftigt. Sie hatte das Quick Check-out bevorzugt und die Zimmerkarte bei einem Kollegen zurückgegeben. Der Portier half ihr mit dem Koffer und den noblen Einkaufstaschen mehrerer bekannter Designerläden, denen sie offensichtlich gestern einen Besuch abgestattet hatte. Sie besprach sich mit dem Chauffeur. Als der Portier alles im Kofferraum des Siebener BMW verstaut hatte, ließ der Chauffeur die Dame hinter dem Beifahrersitz Platz nehmen. Er lehnte leise die Tür an, die sich mit einem kleinen Summton selbst zuzog. Beinahe unsichtbar steckte er dem Portier einen Schein zu als Aufmerksamkeit für die Hilfe.
Kapitel 2.
Es waren zwei Stunden nach Mitternacht, als Oliver Hallstein seinen Chef, Kommissar Berendtsen, aus dem Bett schellte. Das Handy lag auf dem Nachttisch. Es gab keine Ruhe. Berendtsen brauchte einige Sekunden, sich zu sortieren.
»Sag mal, weißt du, wie spät es ist? Bist du wahnsinnig?«, entfuhr es ihm. Die Frage tat ihm sogleich leid, denn Berendtsen wusste, dass Hallstein ihn nicht zum eigenen Vergnügen aus dem Schlaf riss.
»Das glaube ich nicht, Chef. Es gibt ein Problem. In Dorsten ist in einer Laube einer Schrebergartenanlage die Gasflasche explodiert. Die Feuerwehr wurde gerufen und stellte bald fest, dass es sich um einen Bombenanschlag gehandelt haben muss. Sie haben Spuren eines Zünders gefunden. Also ist es ein Fall für uns. Soll ich dich abholen?«
»Wie ich höre, bist du bereits vor Ort? Es hört sich nach viel Betrieb an.«
»So ist es, Albert. Ich bin seit einer Viertelstunde hier. Ich kann nichts unternehmen. Die Roten haben alles in Beschlag. Der Brand ist immer noch nicht vollständig gelöscht. Ein Nachbar hat die Feuerwehr und den Notarzt informiert.«
»Du brauchst mich nicht abzuholen. Ich kenne die Lauben. Es ist von hier aus nicht weit.« Er sah aus dem Küchenfenster den erhellten Himmel, nicht unähnlich dem über der EON-Flamme in Gelsenkirchen-Hassel, die er von Zeit zu Zeit aus seinem Garten beobachten konnte. Er benötigte samt Dusche und einem Schluck Kaffee, den seine Frau Irmgard ihm schnell in der Espressomaschine zubereitet hatte, fünfzehn Minuten bis auf die Brücke, von der aus er schon die Flamme erkennen konnte. Zwei Polizeiwagen waren ebenfalls vor Ort. In der Einfahrt zum Parkplatz der Anlage schaltete er sein Blaulicht ein, das in diesem Wagen bereits hinter dem Kühlergrill und neben den Scheinwerfern installiert war. So wussten die Herumstehenden gleich Bescheid und leiteten den Wagen durch das Gewimmel von Zuschauern zu der Hütte oder dem, was davon übrig war. Nicht eine Wand stand mehr. Den Bewohner hatten sie bereits geborgen. Er hatte drei Meter außerhalb der Hütte gelegen. Die Roten, wie die Polizei die Feuerwehrleute nannte, waren dank zweier Hydranten alsbald in der Lage, die letzten Glutreste zu ersticken. Eine Plastikfußmatte und das Linoleum qualmten fürchterlich.
»Irgendwelche Infos?«, sprach Berendtsen den erstbesten Mann an. Dieser verwies ihn an den Einsatzleiter. Die beiden kannten sich.
Der Mann öffnete sein Visier. »Guten Abend, Herr Berendtsen. Man kann schon besser einen guten Morgen wünschen. Also … die Sache ist die: Die Propangasflasche ist explodiert. Das steht fest. Aber es steht auch fest, dass sie nicht selbständig explodiert ist. Sie wurde ferngezündet. Wir haben das hier gefunden.«
Berendtsen besah sich eine wenige Zentimeter große Platine, an der eine kleine Antenne festgebacken war.
»Durch die Hitze?«, fragte er den Einsatzleiter
»Auf jeden Fall. Wir haben die restlichen Bruchstücke ebenfalls sichergestellt. Auch größere. Es war offensichtlich eine Fernzündung über ein Funkgerät, sehr klein, aber es hat gereicht.«
»Als Kind hatte ich auch so eins. Es waren zwei Kugelschreiber, mit denen mein Freund und ich miteinander sprechen konnten. Ich habe es zu Weihnachten bekommen. War zu der Zeit, als die ersten Spionagefilme im Kino auftauchten. Sie waren teurer als heute die Mobiltelefone. Sie reichten gerade von einem Zimmer zum anderen.«
»Es gab einen Toten. Der liegt dort drüben auf der Trage unter der Plane. Ein Nachbar hat ihn gefunden. Er war anscheinend nicht in seiner Laube, als es geknallt hat, aber auch nicht weit genug davon entfernt. Es hat ihn erwischt. Der Nachbar glaubt, er habe noch etwas sagen wollen.«
»Wo finde ich den Mann?«
»Er ist nebenan in seinem Garten. Er wartet auf Sie. Soll ich Sie hinbringen?«
»Den finde ich auch so.«
Berendtsen suchte und fand Hallstein. Sie gingen zusammen. Er suchte seine Taschen ab, aber er musste feststellen, dass er die Tüte mit den Gummibärchen zuhause hatte liegenlassen. Hallstein wusste, was fehlte. Er zog eine Minitüte Bärchen aus der Tasche.
»Bitte sehr.«
»Seit wann bist du Selbstversorger?«
»Ich war in der vorigen Woche mit den Kindern zur Vorsorge und zum Impfen. Weil sie so brav gewesen sind, durften sie sich eine Tüte nehmen. Allerdings musste ich sie vor dem Essen einstecken. Hinterher haben sie es vergessen. Heute Nacht habe ich sie in der Jackentasche wiedergefunden.«
Sie teilten brüderlich.
»Sind deine Kinder geweckt worden? Wer hat dich angerufen?«
»Feil hat mich kontaktiert. Er und Frank waren nach dem Notruf hierher beordert worden. Es war sehr schnell klar, dass es kein Unfall war. Da hat er mich – Gott sei Dank, der Mann hat mitgedacht – auf dem Handy angerufen. So sind nur meine Frau und ich geweckt worden. Ich war im Tiefschlaf. Musste mich erst einmal sortieren, bis ich gemerkt hatte, dass mein Handy klingelte.«
Der Nachbar, Walter Niesser, saß auf einem Hocker in der Tür. Mit einer Flasche Doppelkorn aus Raesfeld in der einen und einem Fuhrmannspinnchen in der anderen Hand. Seine Frau Renate hinter ihm nahm gerade den letzten Schluck aus ihrem kleineren Glas. Sie hatten Jacken über ihre Schlafanzüge geworfen. Er bevorzugte Karos, sie Streifen. Die Füße steckten in Filzpantoffeln.
»Sie haben die Feuerwehr benachrichtigt?«
»Und den Notarzt.« Er leerte sein Glas. »Ich habe den Knall gehört. Nicht nur ich. Die anderen kamen auch zusammen. Es war eine fürchterliche Hitze. Wegen der qualmenden Dachpappe konnte ich kaum etwas erkennen. Das Spalier und manche Bretter sind bis auf meine Scholle und an die Gartentür geflogen. Das Fenster an der Seite ist zersplittert. Wenn Sie sich das einmal ansehen wollen.«
»Dafür ist später noch Zeit«, wandte Berendtsen ein, aber der Mann war bereits unterwegs. Das Licht, das aus den beiden Vorderfenstern drang, war eben ausreichend, die schmalen Natursteinplatten zu erleuchten, die für den Weg zur Abfalltonne angelegt waren.
Hallstein schoss zwei Fotos zu seiner Beruhigung. Berendtsen sah sich um. Zwanzig Meter trotz Hecke.
»Dann hörte ich durch das Brandgetöse jemanden jammern und stöhnen. Ich fand ihn zwei Meter von der Tür entfernt in der Nähe von Willis Hecke, der Nachbar auf der anderen Seite. Als ich mich über ihn beugte, versuchte er, mir etwas zu sagen. Es klang wie: ›Baumarkt‹. Er zog mich am Arm und stöhnte zweimal ›Baumarkt‹. Dann klammerte er sich an mich, röchelte kurz und … das war’s. Diesen letzten Blick werde ich nie vergessen, Herr …« Er goss sich und seiner Frau nach.
Berendtsen wies sich aus und stellte sich vor.
»Hauptkommissar Berendtsen, Kriminalpolizei Recklinghausen. Mein Kollege Kommissar Hallstein.« Er steckte seine Karte wieder ein. »›Baumarkt‹ hat er gesagt?«
»So hat es geklungen. Sicher bin ich nicht. Ich konnte ihn schlecht verstehen. Das Getöse durch die Flammen war enorm. Er konnte nur mit Mühe sehr leise sprechen. Manni und ich haben ihn vom Brandherd weggezogen. Dann hat es noch einmal fürchterlich geknallt. Als wäre ein Benzinkanister explodiert. Die Flammen loderten nochmals mächtig auf. Als die Feuerwehr die Löscharbeiten im Griff hatte, hat der Sani nur noch seinen Tod feststellen können.«
Er goss sich und seiner Frau, die ihm ihr Glas hinhielt, nach.
»Auch einen?«
Mit einem freundlichen »Im Dienst« lehnten sie ab.
»Sie haben ihn vom Brandherd weggezogen. Wo hat er gelegen, als sie gekommen sind?«
»Er war zwei Meter von der Tür entfernt. Wir haben ihn bis an die Stellte gezogen, wo die Feuerwehr die Markierung aufgestellt hat. Wir haben befürchtet, dass er sonst völlig verbrennt. Beim zweiten Knall ist allerdings eine Spanplatte auf ihn geflogen. Ich glaube, es ist von ihm nicht viel übrig.«
»Kennen Sie den Toten?«, setzte Hallstein das Gespräch fort.
»Natürlich. Mike heißt er. Nachnamen weiß ich nicht. Er hat ihn mir genannt, als er einzog, aber wir sprechen uns hier alle mit Vornamen an.«
»Wo ist Manni jetzt?«
»Er kommt gerade durch das Tor.«
Niesser übernahm das Gespräch und stellte die Herren vor.
»Die Hauptkommissare Berendtsen und Hallstein … Herr Maranowski. Sie möchten wissen, wie Mike mit Hausnamen hieß.«
»Manfred Maranowski, angenehm. Ich weiß auch nur, dass er Mike heißt.«
»Haben Sie eventuell verstanden, was der Tote hat mitteilen wollen?«, fragte Berendtsen
»Ich kann dazu nichts sagen. Walter hat sich über ihn gebeugt. Ich habe nichts gehört. Ich habe wohl gesehen, dass er die Lippen bewegte. Angst hat er gehabt und Piene.«
»Haben Sie in den letzten Tagen oder Stunden irgendetwas beobachtet, was uns in diesem Fall weiterhelfen könnte?
»Nein. Nichts.« Beide schüttelten den Kopf.
Frau Niesser hatte ein zweites Fuhrmannspinnchen aufgetrieben. Manni nahm dankend an, nickte in die Runde, trank aus und zeigte das leere Glas vor. Dabei stellte er fest, dass die Kommissare nicht tranken.
Sie goss allen nochmals ein.
»Unbekannte Spaziergänger? Fahrradfahrer? Vielleicht jemand, der von dort oben an der Straße Fotos geschossen hat?«, präzisierte Hallstein.
Beide hatten nichts bemerkt. Freunde, die ihn besucht hatten, kannten sie auch keine.
Berendtsen bedankte sich für die Hilfe und bat die beiden, sich zur Verfügung zu halten. Hallstein notierte sich ihre Daten.
Berendtsen rieb sich die Arme. »Kalt ohne Feuer.« Dann fragte er: »Sag mal, Oliver, hast du etwas über den Toten erfahren?«
»Nein, aber der Platzwart ist unterwegs. Er hat mit Sicherheit ein Verzeichnis.«
»Kann mal jemand die Gaffer zurückdrängen?«, schrie einer der Feuerwehrleute. Die beiden Streifenpolizisten Joachim Frank und Robert Feil, die dabei waren, die Personalien der Zuschauer aufzunehmen, fühlten sich sofort angesprochen und drängten die Menge ohne Probleme zurück. Anschließend fuhren sie mit ihrer Tätigkeit fort. Eine Person wies sich als Reporter der Ruhrzeitung aus. Berendtsen kannte Herrn Leying aus früheren Begegnungen und gab Anweisung, ihn durchzulassen. Dieser bedankte sich und grüßte von Franz Roloff, dem Inhaber der Zeitung und Berendtsens Nachbar in der Puccinistraße in Dorsten.
»Hat man Sie hinzugezogen, Herr Berendtsen? Vermutet man Fremdeinwirkung?«
»Sie wissen, Herr Leying, ich kann und darf zu diesem Zeitpunkt keine Auskunft geben. Sie könnten allerdings für mich einige zusätzliche Fotos von den Zuschauern ringsum schießen. Um diese Leute kümmert sich die Spurensicherung nicht. Nicht für die Ausgabe! Ich verlasse mich auf Sie!«
»Gerne, Herr Hauptkommissar. Sie werden es nicht bereuen.«
»Geben Sie ihr Bestes! Ihr Allerbestes!«, empfahl Berendtsen. Er kannte den Mann, der stets seine Zusagen eingehalten hatte.
Alsbald kamen die Ameisen, wie er die Spurensicherung nannte. Heute in der Nacht hatte Willi Schmidt lediglich vier junge Leute mitgebracht. Die Feuerwehrleute brauchten einige Minuten, um ihr Gerät abzuziehen. Daraufhin bahnten sie sich den Weg rückwärts durch die abziehende Menge und hielten erst, als sie vor dem Gartentor standen. Sie waren mit dem kleinen Wagen da.
»Hallo Willi«, grüßte Berendtsen seinen Freund Willi Schmidt, den Chef der Spurensicherung. »Schon so früh auf den Beinen?«, ulkte er.
Die Mitarbeiter waren ausgeschwärmt und steckten kleine Tafeln mit Zahlen an markanten Punkten in die Erde. Die Eins steckte neben der Markierung der Feuerwehr.
Willi schoss einige Fotos mit einer Kamera, an der ein mächtiges Blitzlicht montiert war. Dann standen die Scheinwerfer. Willi gab die Kamera an den Fotografen der Spurensicherung.
»Was sollen wir machen, Albert? Haben wir eine Wahl? Hast du schon Interviews geführt? Weißt du schon, was passiert ist? Genau passiert ist, meine ich?«
»Viele Fragen auf einmal. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Wir warten auf den Platzwart.«
Willi schickte einen der vier Leute, die er mitgebracht hatte, vor. Er sollte sich überzeugen, dass keine Glut mehr auszumachen und Zutritt möglich war. Der Mann setzte eine ABC-Maske auf und machte sich mit einem Analysegerät an die Arbeit.
»Einsturzgefährdung besteht offensichtlich nicht«, witzelte Willi Schmidt.
»Keine giftigen Gase auszumachen.« Der Mann nahm die Gasmaske ab. »War nicht unbedingt zu erwarten. Es ist offensichtlich eine Menge Dachpappe, Styropor und Farbe verbrannt. Der leichte Wind hat alles vertrieben. Bloß gut, dass nicht so ein Sturm geht wie vorgestern. Der hätte das Feuer vorangetrieben. Dann Adieu Waldfrieden.« Er winkte seinen Kollegen zu. »Wir können rein!«
Die Kofferraumklappe hob sich und die Leute packten ihre Utensilien aus. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Drei Leute sahen sich im Garten um, der vierte beschäftigte sich mit der Leiche. Willi und Albert standen zusammen und besahen sich das Schlachtfeld.
»Wer kommt auf die Idee, einen Bombenanschlag in einem Schrebergarten zu verüben? Nichts anderes war es.« Willi rieb sich mit dem Ärmel über die Stirn. Ein Rest der Hitze war noch immer zu spüren.
»Sieh mal in seinen Hosentaschen nach!«, rief er dem Kollegen an der Leiche zu.
»Bereits geschehen. Nichts.«
Berendtsen lieh sich von einem Feuerwehrmann die Taschenlampe und suchte das Areal um den Toten ab. Er fand ein Smartphone. Er stülpte eine Plastiktüre darüber, packte es ein und gab es Willi.
»Gut, Albert. Danke.«
»Guten Morgen, die Herren.«
Berendtsen sah auf die Uhr. Halb vier.
»Ich bin der Platzwart. Heinz Drache. Ich habe sein Datenblatt mitgebracht.« Er hielt dem Kommissar die Mappe hin.
Berendtsen stutzte. Besah sich den Mann.
»Sie heißen nicht nur wie der bekannte Schauspieler, sie haben auch die gleiche Bürstenfrisur.«
»Nicht wahr?«, lachte der Platzwart.
»Wunderbar!« Berendtsen hatte die Seite überflogen. »Michael Hartmann, gemeldet in Bottrop. Vierunddreißig Jahre. Was macht ein solch junger Kerl hier mit einem Schrebergarten? Sie haben doch andere Interessen in dem Alter.« Er zeigte Willi den Eintrag.
Die Antwort wusste Hallstein. »Er wohnte hier ständig, sagt Niesser. »Eingezogen ist er am 1. Oktober. Auch im Januar und Februar, als es so kalt war.«
»Was macht er dann mit einer Adresse in Bottrop. Hat er sich mal darüber ausgelassen, ob es eine Wohnung, ein Apartment oder gar ein Haus ist?«, fragte Berendtsen den Platzwart.
»Nein.«
»Ruf mal im Präsidium an, Oliver. Vielleicht bekommt die Nachtschicht etwas über den Mann heraus.«
Die Spusi sammelte reichlich Material, aber Willi bezweifelte, dass etwas davon zu gebrauchen war. Alles war mehr oder minder verkohlt. Er präsentierte Albert seine magere Ausbeute: Ladegeräte, die ursprünglich weiß waren, bis auf das Metall abgebrannte Kopfhörer und eine Lampe mit Qi Ladestation. In der Wanne der Mitarbeiter sah es nicht anders aus.
Berendtsen sah, dass bei Niesser noch Licht brannte. Er ging hinüber und klopfte an.
»Entschuldigen Sie bitte, Herr Niesser. Ich habe noch eine Frage: Ist Herr Hartmann, so lautet der Nachname Ihres Nachbarn, regelmäßig einer Beschäftigung nachgegangen?«
»Er hat gearbeitet, aber nicht zu so regelmäßigen Schichten, wie wir Alten es kennen. Manchmal war er schon früh unterwegs, manchmal spät, manche Tage war er gar nicht weg. Dann wiederum bekam man ihn mehrere Tage nicht zu Gesicht. Er hat dann erzählt, dass er für die Firma zwei oder drei Tage unterwegs sein müsste und bat uns, auf sein Anwesen ein Auge zu werfen. Hinterher gab es immer eine Flasche Korn zum Dank. Es gab niemals etwas Ungewöhnliches. Computer und Internetanschluss hat er sich angeschafft. Er hat viel geschrieben.«
»Danke. Und entschuldigen Sie die abermalige Störung.«
»Macht gar nichts, Herr Kommissar. Wir beide können sowieso nicht schlafen. Wir sitzen am Tisch und reagieren uns ab.« Er prostete Berendtsen symbolisch zu und führte die Hand zum Mund.
»Kommt dort der Leichenwagen?«
Berendtsen nickte.
»Ich werde ihm die Durchfahrt freimachen«, beschloss er und bewegte sich auf die Einfahrt zu.
Kapitel 3.
»Hallo Beatrice«, wurde sie von ihrem Bruder Kris begrüßt, der ihr die Wagentür aufhielt. »Willkommen zuhause im schönen Wulfen! Wie war der Ausflug?«
Kris war neun Jahre älter als sie und stammte von der ersten Frau ihres Vaters. Von ihr hatte er die asiatischen Gesichtszüge geerbt. Vater hatte Phuong in Shanghai im Manhattan kennengelernt. Er hatte sie immer in diesem exklusiven Nachtclub besucht, wenn er in der Stadt war. Sie hatte ihn zu Banketts und Empfängen begleitet und war sogar zuweilen mit ihm im Land umhergereist, wenn es darum ging, neue Bekanntschaften aufzutun. Sie erklärte ihm die Benimm- und Tafelsitten, weil es ihm wichtig schien, bei einem Zusammentreffen um die Gepflogenheiten vorher zu wissen und sie nicht erst durch die Einheimischen kennenzulernen. Außerdem hatte sie ihn über die Leute informiert und in die chinesischen Sitten und Gebräuche eingeführt. So erklärte er seinen Erfolg in diesem Land. »Man muss diese Leute und ihre Lebensweise kennen und mitmachen. So erreicht man ihren inneren Zirkel. Dann folgen die Geschäfte mit Handschlag«, hatte er ihr immer eingetrichtert. Seit sie zwanzig war, musste sie mit. Anfangs war es ihr zuwider. Die Hygiene im Landesinnern und das Essen waren sehr gewöhnungsbedürftig. Er hatte nie darüber gesprochen, aber wie ein Geschäftsfreund, mit dem sie einige Nächte dort hatte verbringen dürfen, ihr unbeabsichtigt verraten hatte, musste er eine ordentliche Summe als Ausgleich zahlen, um sie auszulösen und mit nach Deutschland nehmen zu können. Das wäre unter normalen Umständen nicht möglich gewesen, aber Li war sein Freund gewesen. Hier in Deutschland hatten sie geheiratet. Ein Jahr später wurde Kris geboren.
Der Chauffeur nahm den Koffer und die edlen Tragetaschen aus dem Wagen und stellte alles vor die Haustür.
»Ausflug? Es war anstrengend. Die Hitze war nicht das Problem, diese unheimliche Schwüle machte mir zu schaffen. Mit dem Erreichten bin ich zufrieden. Ja, ich möchte fast sagen, es war ein Erfolg.«
»Komm zuerst einmal herein.« Kris schnappte sich den Koffer. Beatrice nahm die Tragetaschen.
»Was hast du erreicht?« Er besorgte ihr einen Gin Tonic. Das regte immer ihren Kreislauf an.
»Raphael hat mir seine neuen Pläne unterbreitet. Ich habe ihm Vollmachten für das Geschäft in Benin übertragen und ihn zum Geschäftsführer befördert. Er hat neue Märkte aufgetan. Vor allem hat er unsere Lagerkapazitäten drastisch erweitern können. Wir können ab sofort so viele Autos liefern, wie wir auftreiben können. Er hat Platz für hunderttausend Autos, sagt er. Wir sind kurz umhergefahren. Es ist ein riesiger Platz. Das ganze Areal scheint mir größer als ein Quadratkilometer. Halb voll, schätze ich. Danke für den Drink.« Sie zog mächtig an beiden Strohhalmen. Mit dem Glas in der Hand lehnte sie sich in das Sofa zurück. Sie streifte die Schuhe ab, stützte sich mit dem freien Ellenbogen auf der Lehne ab und ließ die Füße gekreuzt auf der Tischplatte ruhen.
»Erzähle! Um welche neuen Absatzmärkte handelt es sich?«
»Er hat Kontakte mit Gebrauchtwagenzentralen in den Nachbarstaaten aufgenommen. Nur wenige bleiben in Benin. Viel geht inzwischen nach Burkina Faso, Togo und Ghana. Die meisten finden den Weg in den Niger. Das Land ist gut entwickelt, die Einwohnerzahl am höchsten und dementsprechend gibt es dort das meiste Kapital. Die Leute dort suchen nicht nur gebrauchte Fahrzeuge. Für Neuwagen hat Raphael ein eigenes Areal geschaffen.«
»Wir können Neuwagen liefern?«
»Wir können so viele Wagen liefern, wie wir auftreiben können. In Kenia und Tansania stehen die Leute auf chinesische Autos von FAW aus Changchun. Wir sollten uns dem Trend anschließen und diese Autos auch nach Cotonou liefern lassen. Von dort aus können wir den Markt aufrollen.«
»Ginge das nicht besser von Nigeria aus? Von Calabar zum Beispiel?«
»Dort gibt es auch mehrere große Häfen, die ebenfalls Schiffe mit reichlich Tiefgang vertragen können, aber dort gibt es nicht das Hinterland mit den riesigen Parkplätzen.«
»Dann sollten wir versuchen, ihren Hunger zu stillen und unsere Beziehungen zu FAW ausbauen.«
»Alles schon in trockenen Tüchern. Ich habe mit der Firma telefoniert. Sie erwarten mich in einigen Wochen. Ein genauer Termin hängt von den Bedingungen ab, die wir per Video aushandeln. Wenn alles steht, fahre ich hin.«
»Unsere Nissan und Toyota vertreten wir weiter?«
»Natürlich!«
»Wo ist der neue Sitz der afrikanischen Niederlassung?«
»In Cotonou an der alten Stelle am Rande der Stadt. Das neue Gelände grenzt direkt an das alte. Wir können es zu einer Einheit zusammenlegen. Es gab dort bisher eine Brennerei für Lehmziegel, die im vorigen Jahr abgerissen worden ist. Nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister hat dieser sich dafür eingesetzt, dass Raphael für uns das Gelände günstig erwerben konnte.«
»Er scheint dort gute Beziehungen aufgebaut zu haben.«
»Davon kannst du ausgehen. Er hat bei meiner Ankunft einen Empfang arrangiert, bei dem Leute von Rang und Namen anwesend waren. Offiziell als Eröffnungsfeier für die Erweiterung des Geschäfts.«
»Der Gebrauchtwagenhandel bleibt an Ort und Stelle wie er ist?«
»Genau wie immer. Der Lieferkette startet weiterhin in Rotterdam oder Zeebrugge. Dann geht es per Schiff nach Cotonou. Die Wechselstube im Libanon ist geblieben. Wir wickeln die Deals über den bewährten Agenten ab. Er überweiset die Beträge an die BCB, Beirut Commercial Bank. Diese Schiene arbeitet reibungslos, wie mir Raphael bestätigt hat. Auch die Übermittlung des Codes bleibt, wie sie war. Von diesem Zeitpunkt an bestimmen wir, wohin das Geld geht, zum Beispiel nach China oder Kolumbien. Der Rest landet auf unserem Konto in Luxemburg.«
»Damit ist es sauber.« Kris strahlte und zeigte seinen erhobenen Daumen. Dann kann unser Fond wieder zuschlagen.
Sie nickte zufrieden, während sie an den Strohhalmen zog. »Die Kosten der Transaktion bleiben gleich, auch wenn die Beträge durch die Geschäftserweiterung deutlich höher werden. Es gibt auch keinen Grund für eine Erhöhung, denn die Arbeit bleibt die gleiche. Im Moment ist Beirut ein gutes Pflaster für unsere Geschäfte. Seit die Lagerhalle im Hafen explodiert ist, sind die Behörden nicht so gefragt. Man hat im Moment gute Möglichkeiten, die Bekanntschaft von einflussreichen Leuten zu machen und Firmen zu unterstützen, die in diesen unruhigen Zeiten Geld brauchen. Wir haben schon eine Anfrage einer Versicherung, die beinahe alles in der Stadt versichert hat. Sie braucht jetzt Geld.«
»Wollen Sie ein Darlehn oder …?«
»Ich denke, mit ein wenig Verhandeln könnte man wenigstens dreißig Prozent übernehmen. Aber, lieber Bruder, noch ist nicht die Zeit, sich zu freuen. Gottes Mühlen mahlen langsam.«
»Ich müsste auch mal runterfahren nach Cotonou. Ich war nie dort und kenne den Mann nicht, habe ihn noch nie gesehen. Ich weiß nur, dass er Raphael heißt und Nanas Bruder ist.«
»Vertrauenswürdiger Gentleman. Pechschwarze Haare, knapp zwei Meter, groß, recht gutaussehend, sehr höflich, trug sogar einen Anzug trotz der Schwüle. Er hat sich vor drei Wochen einen Range Rover zugelegt. Schönes Auto. Er hat mich um den Platz fahren lassen.« Sie lachte. »Mehr hat er mir wohl nicht zugetraut. Sie haben es dort unten nicht so mit dem Können der Frauen, jedenfalls nicht beim Autofahren.«
»Dann sollten wir sehen, dass wir die Autos heranschaffen!«
Beatrice schob den Koffer in ihr Zimmer. Kris verzog sich ins Arbeitszimmer. Sie blieb in der Tür stehen.
»Ich habe gestern versucht, dich anzurufen. Du hast dich nicht gemeldet!«, rief sie ihrem Bruder zu. »Zurückgerufen hast du auch nicht.«
»Ich war bei Mike in der Sauna. Handy hatte ich sicherheitshalber im Auto gelassen. Ich bin kurz auf der Liege eingeschlafen. Erst als ich zuhause war, habe ich deinen Anruf bemerkt.«
Sie besuchte ihn im Arbeitszimmer.
»Gestern Abend ist alles gut gelaufen?«, fragte sie.
»Wie ich gehört habe, ist alles glattgegangen. Wieso haben wir von dem Polizeieinsatz nichts gewusst? Hätte vielleicht Ärger geben können.«
»Ich habe es mit Edwin abgesprochen. Er hat seit einigen Monaten einige Leute der Reihe nach gezielt mit der Falschinformation geimpft, dass sich in einem Container Ware befindet, auf die die Bullen scharf sind. Jetzt bin ich gespannt, wer das den Bullen gesteckt hat.«
»Meinst du, wir haben eine Ratte bei uns im System?«
»Nach diesem gezielten Polizeieinsatz ist es doch wahrscheinlich.«
»Wer ist es?«
»Ich weiß es noch nicht, aber ich denke, Mike kann uns dabei weiterhelfen. Wo steckt er eigentlich?«
Keine Antwort. Achselzucken. Kris starrte auf seinen Bildschirm, sah aber nicht hin. Er dachte an die Folgen, die eine Ratte haben würde. Sie mussten sofort reagieren.
Zurück in ihrem Zimmer packte Beatrice den Koffer aus und verstaute die Garderobe im Kleiderschrank. Dann begab sie sich in die Küche.
»Gibt’s nichts zu essen?«
»Ich habe nichts vorbereitet. Ich dachte, du kämst erst später. Sollen wir etwas bestellen oder sollen wir in ein Restaurant?«
»Restaurants habe ich in der letzten Woche genug gesehen. Haben wir noch Quiche Lorraine in der Truhe oder etwas anderes, das schnell fertig ist?«
»Gute Idee. Bin schon unterwegs.«
Während sie den Tisch deckte, war er auch schon mit vier Torteletts zurück. Er schob sie in den Backofen.
»Wie war es in Düsseldorf. Bist du erfolgreich gewesen?«
»Kann man so sagen. Ich habe eine Patek Philippe Nautilus. Was sagst du? Wäre das nichts für dich?« Sie kannte ihren Bruder. Er konnte an keinem Uhrenladen vorübergehen, ohne einen Blick in die teure Ecke zu werfen. Sie hielt sie ihm unter die Nase. »Außerdem habe ich eine für Ladies und eine Rolex Day Date. Außerdem drei Jaeger-LeCoultre.«
Er bewunderte die Uhren. Die Patek interessierte ihn am meisten. »Du konntest sie sofort mitnehmen?«
»Ich hatte sie vor Monaten dort bestellt. Ich war insgesamt in neun Uhrenläden. Sie kennen mich bereits als gute Kundin und deshalb machen sie manche Dinge möglich, die ein besonderes Engagement erfordern. Außerdem habe ich eine Patek mit ewigem Kalender bestellt und angezahlt. Sie wird in einem Jahr geliefert.« Sie heftete die Quittung zu den anderen in einen Ordner im Tresor.
»Wohin gehen sie?«
»Sie gehen allesamt nach China. Mit den Uhren, die wir schon haben, dem hochkarätigen neuen Schmuck und den beiden Bildern der Auktion haben die Waren einen Gesamtwert von fünfundzwanzig Millionen Euro. Damit haben wir nicht nur den Ausgleich geschafft, sondern sind etwas im Vorteil. Aber die Geschäfte ziehen jetzt hoffentlich an. Dann sind wir bald wieder pari.«
Kapitel 4.
Berendtsen fuhr gleichzeitig mit Hallstein um zehn Uhr auf dem Parkplatz des Präsidiums in Recklinghausen vor. Sie hatten sich zwei Morgenstunden gegönnt als Ausgleich für den nächtlichen Einsatz im Schrebergarten.
»Guten Morgen, Albert.«
»Hallo Oliver, hast du noch etwas Schlaf gefunden? Ich habe den Rest der Nacht wachgelegen. Gegen halb sechs bin ich dann eingeschlafen uns erst wach geworden, als Irmgard schon zur Schule war.«
»Dann sollten wir bei Uschi einen Kaffee trinken.« Es war bekannt, dass Uschi Bremer, Berendtsens Sekretärin, einen hervorragenden Kaffee kochte. Er galt als der beste im Präsidium.
»Einen Moment!« Berendtsen ging zurück zum Wagen und holte seine belegten Brötchen vom Rücksitz.
»Moin Uschi, ist der Kaffee fertig?«, fragte Berendtsen schmunzelnd.
»Steht bereits alles auf dem Tisch. Bedienen Sie sich, Chef. Ich habe schon gehört. Heute Nacht gab es einen Einsatz in einem Schrebergarten?«
»Zwei Uhr. Ich habe Albert aus dem Tiefschlaf gerissen. Nicht wahr, Albert?«
»Schlimm! Es hat einen jungen Mann erwischt. Eine ganze Gartenlaube ist abgebrannt. Gasexplosion. Offensichtlich herbeigeführt durch Fernzündung. Das ist die Einschätzung der Feuerwehr. Willi hat die Vermutung bestätigt. Ich werde für den Brandstifter wegen der unwirtlichen Zeit auf zwei Jahre Haft zusätzlich plädieren.«
Die Kommissare nahmen Platz.
Berendtsen spürte seinen Rücken. Er hatte sich offensichtlich in der Nacht verkühlt, sich erkältet und heute Morgen einen solchen Hustenanfall erlebt, dass er sich einen Hexenschuss zugezogen hatte. Mit leichten Dehnübungen hatte er das Schlimmste verhindern können. Das Außenthermometer seines Autos hatte sich auf dem Rückweg mit einem Ping gemeldet: ein Grad. Er hätte seinen Trenchcoat mitnehmen sollen. Irmgard hatte ihn hingehängt und ihn ermahnt. Dennoch hatte er den Mantel vergessen. Er ärgerte sich über seine Gedankenlosigkeit.
Hallstein hatte schon gefrühstückt, aber er aß noch ein Brötchen, um seinen Kollegen nicht zu enttäuschen. »Ich habe dir meine Jacke angeboten. Du hast sie ausgeschlagen, Albert. Nachts ist es oft noch sehr frisch, auch wenn es tagsüber an die achtzehn Grad geht.«
»Du hast recht, Oliver. Ich hätte sie überziehen sollen. Aber die Glut und die Flammen verbreiteten eine solche Hitze, da habe ich an meinen Rücken gar nicht gedacht.« Er trank einen Schluck. »Was hätte mir die Jacke letztendlich gebracht? Dann wärst jetzt du krank und ich hätte die Arbeit allein am Hals.« Er schaute seinen Kollegen vorsichtig an, aber der hatte die Ironie verstanden.
»Haben die Kollegen etwas über das Opfer herausgefunden, diesen Michael?«, fragte Berendtsen, während er mehrmals über den sehr heißen Kaffee blies und einen Schluck riskierte.
»Die Nachtschicht hat nichts herausgefunden«, erklärte Uschi. »Ich habe heute in der Früh bei den Einwohnermeldeämtern von Dorsten und Bottrop nach Hartmann gefragt – nichts, was auf unseren Mann passt. Seine Handynummer haben wir noch nicht. Herr Schubert ist dabei, die SIM-Karte zu identifizieren. Sie sei in Anbetracht der Umstände gut erhalten, meint er. Dann gibt es noch ein Ladekabel mit einem Mini-USB, das nicht zu seinem Handy oder seinen anderen Geräten passt. Ein Laptop, älteres Modell, konnte auch geborgen werden. Der ist allerdings kaum mehr zu verwerten. Er hofft, dass vielleicht die Festplatte noch etwas hergibt. Frau Günther ist zum Schrebergarten und befragt nochmals die Leute, deren Personalien Frank und Feil gestern genommen haben. Die Pathologie ist gerade erst mit dem Opfer angefangen. Vor elf Uhr brauchen Sie nicht fragen, meine Herren.«
»Wo sind Frank und Feil?« Berendtsen drückte seine Nasenflügel zusammen, um ein Niesen zu vermeiden. Er fühlte mit der Hand über die Stirn. Fieber hatte er nicht, fühlte sich aber schlapp.
»Zuhause, Chef. Sie haben Nachtschicht, wie sie wissen sollten. Sie haben sie heute Nacht selbst getroffen. Die beiden haben die ganze Woche Spätschicht.«
Berendtsen tippte sich an die Stirn. »Natürlich. Entschuldigung.«
Sie goss Kaffee nach und servierte Gebäck.
Berendtsen versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. Es misslang. »Bist du nicht müde, Oliver?«
»Es geht. Mit zwei Kindern hat man Übung darin, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen.«
Heiterkeit und Verständnis.
Berendtsen reckte sich mühsam. »Haben Sie ein Ibu für mich, Uschi?«
Sie hatte.
Berendtsen sah auf die Uhr. Uschi legte ihm die Tageszeitung hin. Der Anschlag war nicht aufgeführt. Das würde gegen Mittag erst auf der Homepage und morgen in den Nachrichten vom Kreis stehen.
Berendtsens Handy meldete sich mit der Melodie ›Up To Date‹ vom aktuellen Sportstudio. Frau Dr. Rother, die Pathologin suchte ihn.
»Guten Morgen, Frau Dr. Rother.«
»Wenn Sie Lust auf Ergebnisse haben, Herr Berendtsen, kommen Sie vorbei. Versprechen Sie sich nicht zu viel«, beugte sie gleich einer Enttäuschung vor.
»Wir sind unterwegs. Komm mit, Oliver. Die Rother hat Ergebnisse.«
Einen Moment brauchten die beiden doch noch, um den Rest Kaffee zu trinken und die beiden letzten Plätzchen zu verteilen.
Auf dem Flur zog Berendtsen geschwind ein Päckchen Taschentücher hervor und schnäuzte intensiv seine Nase.
»Verkühlt heute Nacht?«, fragte Hallstein.
»Vermutlich. Hoffentlich kommt die Erkältung nicht durch.«
Ehe die Kommissare an die Tür der Pathologie klopften, griff jeder noch einmal in die Tüte mit den Gummibärchen.
»Sicherheitshalber?«, lachte Hallstein. Er mochte den Geruch in diesen Räumen nicht.
»Was gibt’s Gutes, Frau Dr. Rother?«, begrüßte sie Berendtsen.
Sie deckte das Leichentuch bis zur Schulter auf.
»Dieser junge Mann wurde von einem Metallstück am Kopf getroffen. Er hat noch kurz gelebt, wie wir auch von dem Zeugen wissen, aber lange kann es nicht gewesen sein. Vielleicht fünf bis sechs Minuten. Die Spusi hat ein rotes Stückchen der Propangasflasche in der Laube gefunden, die zu dem Einschlag passt. Er wurde mit solcher Wucht getroffen, dass es ein Loch in die Schädeldecke geschlagen hat. Durch die Gewalt der Explosion wurde er wohl aus der Laube herausgeschleudert. Vielleicht hat er es auch geschafft, aus eigener Kraft die Laube zu verlassen. Das müssen Schmidt und seine Mitarbeiter herausfinden.« Die Pathologin stocherte mit einer Pinzette, die sie aus der aufgenähten Brusttasche zwischen den Kugelschreibern und einem Spatel herausgefummelt hatte, mehrmals in das Loch der Schädeldecke hinein. »Mich wundert, dass er überhaupt noch etwas gesagt hat. Der Mann war in einer außerordentlich guten Verfassung. Muskulös, durchtrainiert, ein Meter Fünfundachtzig. Zähne leider ok. So konnten wir anhand des Gebisses keinen Hinweis bekommen. Er war noch nie beim Zahnarzt. Außer zum Nachsehen vielleicht. Es wird keine Unterlagen geben, geschweige denn ein Röntgenbild. So kann ich leider bei der Identität nicht weiterhelfen. Schuhgröße vierundvierzig. Nichts Auffälliges. Nur seine Leber hat er nicht geschont.«
»Er hat gesoffen?« Berendtsen war erstaunt.
»Nicht exzessiv, aber doch regelmäßig. Außerdem scheint er ab und an einem Trip nicht abgeneigt gewesen zu sein. Im Blut habe ich nichts gefunden, in den kurz geschnittenen Haaren auch nicht, aber die Nase zeigt innen Veränderungen auf, die auf das Schnupfen von Kokain und das Rauchen von Crack hindeuten, was auch an den Augenbrauen festzustellen ist.« Sie fuhr mit ihrer Pinzette über die spärlichen äußeren Haare der Brauen. »In jüngster Vergangenheit hat sich nicht viel abgespielt, aber bis vor einem, vielleicht anderthalb Jahren, scheint er Drogen konsumiert zu haben. Und zwar nicht zu wenig. Wahrscheinlich wollte er einen Neuanfang und hat sich deshalb die Haare kurz schneiden lassen und angefangen zu trainieren.«
»Damit es dort nichts mehr nachzuweisen gibt?«
»Genau. Ich vermute, er hat früher – wie viele dieser Hippies – wohl die Haare lang getragen. Dann wurde er abstinent und hat sich die Kokainreste abschneiden lassen. Machen viele Cleane.« Frau Dr. Rother bedeckte die Leiche. »Der Junge scheint ein Freund italienischer Küche gewesen zu sein. In seinem Mageninhalt fanden sich Reste von Tomaten, Mozzarella und Mascarpone. Das deutet auf Pizza hin. Als Dessert gab es Tiramisu. Dazu genoss er ein Glas Rotwein. Mehr war es nicht, denn der Alkoholgehalt in seinem Blut war 0,1 Promille. Dem Zersetzungsgrad nach war er bis mindestens halb zwölf in einem italienischen Restaurant zu Gast. Ich habe mit Herrn Schmidt gesprochen, der Essensreste weder im Jagdhaus noch im Schrebergarten gefunden hat.«
»Wir sollten herausfinden, wo er gegessen hat und mit wem.« Dessert und Rotwein, fand Berendtsen, könnte ein Anhaltspunkt sein, dass er nicht allein war.
Hallstein schlenderte, die Hände in den Hosentaschen vergraben, einmal um das Opfer herum. »Vierunddreißig Jahre alt? Kommt das hin?«
»Könnte er gewesen sein. Vom Erscheinungsbild her würde ich sagen, er war Mitte zwanzig, höchstens achtundzwanzig. Vielleicht auch dreißig.«
»Hast du dich um einige Jahre verrechnet, Albert?«
»Kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich werde noch einmal den Platzwart anrufen. Die Nummer habe ich irgendwo …« Er blätterte in seinem für diesen Fall neu angelegten elektronischen Notizbuch. Wie hieß er gleich …? Drache«, fiel ihm wieder ein.
Er meldete sich nicht.
»Es macht keinen großen Unterschied. Aber wenn du dich nicht verrechnet hast – wovon ich ausgehe -, dann wundert mich das schon. Sind die Daten in seinem Stammblatt absichtlich gefälscht? Was ist noch gefälscht?«
»Wir müssen den Platzwart Drache fragen, ob für die Anmeldung ein amtliches Dokument erforderlich ist.«
»Du meinst, Albert, er hat sein Alter absichtlich falsch angegeben?«
»Wenn kein Dokument erforderlich ist, könnte es durchaus sein, dass er sich älter dargestellt hat. Vielleicht darf man erst ab einem gewissen Alter einen Platz mieten.«
»Dann könnte alles getürkt sein. Name, Vorname, Adresse …«
Berendtsens Handy vibrierte.
»Berendtsen.«
Es war der Platzwart. »Sie haben versucht, mich zu erreichen. Ich habe diese Nummer im Display gesehen. Wusste allerdings nicht, dass es Ihre war, Herr Kommissar. Was liegt an?«
»Ich habe nur einige kurze Fragen: Muss bei der Anmeldung für den Platz ein amtliches Dokument vorgelegt werden? Personalausweis oder Führerschein?«
»Natürlich. Müssen wir haben. Ist Vorschrift. Es handelt sich nicht um ein Hotel. Wir benötigen eine Bankverbindung, denn die Miete wird per Lastschrift eingezogen. Wir brauchen auch eine Anschrift, zu der wir Nachrichten schicken können, wenn der Mieter längere Zeit abwesend ist. Außerdem muss eine Telefonnummer hinterlassen werden für den Fall eines unerwarteten Ereignisses. Ein Ansprechpartner muss immer erreichbar sein. Vor Jahren gab es hier ein Unwetter mit Regen und fürchterlichem Sturm. Kyrill, kennen sie den noch? Wir mussten den Leuten Dampf machen, damit sie auf ihre Dächer achtgeben. Manche Leute kommen nur ein bis zweimal im Jahr. Da kann sich viel tun.«
»Dann haben Sie auch eine Telefonnummer?«
»Natürlich. Ich werde sogleich nachschauen? Wollen Sie warten?«
»Wenn es nicht zu lange dauert, warte ich gern.«
Berendtsen hörte, wie er den Hörer auf der Tischplatte ablegte und eine Schranktür öffnete. Blättern. Schimpfen. Irgendetwas war ihm unverhofft entgegengefallen. Ein Schmunzeln überflog Berendtsens Gesicht.
Er gab die Handynummer durch. Die Kommissare notierten.
»Wie alt ist der Mann geworden?«
»Er las das Geburtsdatum vor. Demnach war er vierunddreißig Jahre alt. Er sah aber jünger aus. Ich kannte ihn gut.«
Hallstein stieß seinen Chef an und flüsterte: »Adresse überprüfen!«
»Können Sie mir die Adresse durchgeben?« Berendtsen stellte den Lautsprecher an.
»Bottrop, Am Sportplatz vier.«
Hallstein notierte.
»Habe ich notiert. Danke für die Auskunft.«
»Kein Thema!«
»Eins noch«, rief Berendtsen ins Handy, als er beinahe aufgelegt hatte. »Hatte er ein Auto?«
»Einen dunkelblauen BMW-Fünfer.«
»Wo steht der Wagen?«
»Er steht immer hier auf dem Parkplatz vor dem Eingang. Moment, ich sehe nach … Ich kann ihn nicht ausmachen. Bleiben Sie dran. Ich sehe mich dort kurz um. Einen Augenblick.«
Die Kommissare sahen sich an.
»Der Wagen steht hier nicht. Seltsam. Ich habe ihn gestern am Nachmittag noch hier stehen sehen. Am frühen Abend ist er noch einmal weg.«
»Die Sache scheint interessant zu werden, Albert.«
»Wir sollten uns seine Wohnung in Bottrop einmal ansehen, Oliver.« Er kontrollierte die Adresse in seinem Smartphone. »Ganz im Norden.«
»Einen Schlüssel wird die Spurensicherung sicher gefunden haben. Lass uns Willi einen Besuch abstatten. Tschüss, Frau Rother.«
»Viel Erfolg wünsche ich.«
»Danke.«
»Ach … Was ist mit den Fingerabdrücken. Haben wir sie vielleicht im System?«
»Es gibt keine Fingerabdrücke. Alles verbrannt. Wollen Sie es anschauen?«
»Nein Danke.«
Kurz und knapp.
Nach einem kurzen Abstecher bei Uschi, die allerdings keine Neuigkeiten zu vermelden hatte, erschienen die beiden bei Willi Schmidt.
»Wir haben einen Schlüsselbund in seiner Hosentasche gefunden«, berichtete Willi. »Ein Autoschlüssel gehört zu einem BMW, ein anderer passt zu der Laube und zwei weitere haben wir sichergestellt, die offensichtlich zu der Wohnung passen, also für Haus- und Wohnungstür. An einer angekokelten Schranktür fanden wir an der Innenseite drei Haken, die offensichtlich als Schlüsselanhänger dienten. An einem befand sich der Zweitschlüssel für die Laube.«
»Dann hat der Täter offensichtlich die drei anderen Schlüssel mitgenommen. Zwei für die Bottroper Wohnung, der andere war der Autoschlüssel, denn das Auto ist weg.« Berendtsen zog sein Taschentuch aus der Tasche und putzte sich die Nase.
Den Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbund hatte Willi den beiden Leuten mitgegeben, die nach Bottrop unterwegs waren, um sich die Wohnung anzuschauen.
»Ich habe sie heute Morgen gleich nach der Besprechung rausgeschickt. Sie sind bereits eine Weile bei der Arbeit.«
»Gib uns Bescheid, sobald sie etwas haben.«
»Sie haben schon angerufen. Es war bereits jemand vor ihnen in der Wohnung und hat alles auf den Kopf gestellt. Die beiden suchen nach Spuren. Interessant ist, dass das Schloss aufgebohrt war, obwohl der Täter offensichtlich einen Schlüssel hatte. Das Schloss ist zerstört, so konnten sie nicht feststellen, ob der Schlüssel, den sie mithatten, gepasst hätte.«
Die Kommissare beschlossen, die zwei Abgesandten erst einmal in Ruhe die Wohnung durchsuchen zu lassen.
»Wann wollen sie wieder zurück sein?«, fragte Hallstein.
»Du weißt selbst, Oliver, dass ich dazu nichts sagen kann. In einem solchen Durcheinander muss man mit einer langen Dauer rechnen.«
In diesem Augenblick meldeten sich die beiden Leute aus Kirchhellen.
»Wir sind im falschen Film, Chef. Das ist nicht seine Wohnung. Hier wohnt eine Familie Nowiczek.«
Kapitel 5.
Vor dem Haus in Wulfen fuhr Edwins roter Ferrari Portofino vor. Er war nicht allein. Nana war bei ihm, die jüngere Schwester Raphaels. Den Spitznamen hatte sie sich selbst zugelegt, weil sie sich als Kind immer so genannt hatte. Sie stammte ebenfalls aus Cotonou in Benin. Mit ihren strahlenden Augen und dem weißen Fleck an der linken Schläfe und der leichten, freundlichen Art, ähnelte sie ihrer Mutter. Zu ihrer Freude nicht in der Gestalt. In dieser Richtung hatte sie mehr vom Vater mitbekommen. Während der Körper der Mutter nicht zuletzt durch die Arbeit in der Landwirtschaft kräftig und gedrungen wirkte, hatte sie eher die Maße eines Models aufzuweisen. Ihr glattes Haar und der hellere Teint erinnerten die Familie daran, dass der Großvater aus Frankreich stammte. Er war Ingenieur gewesen und hatte beim Bau der Eisenbahn vom Hafen Cotonou in den Norden mitgewirkt. Heute war es eine der wichtigsten Transportrouten des Landes.
Edwin stammte aus der Flur »Station« der Gemarkung Vlodrop, einem kleinen Dorf in der niederländischen Provinz Limburg, wenige Kilometer von Roermond und weniger als einen Katzensprung zu Fuß von der deutschen Grenze entfernt. Er war immer noch bei seinen Eltern gemeldet, die dort ein feines Restaurant betrieben mit einigen Hotelzimmern für Leute, die dort ein Wochenende in der einsamen Ruhe der Heide genießen wollten. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr lebte er überwiegend in Deutschland. Seine holländischen Eltern konnte er nicht verleugnen. Groß, blond, blaue Augen. Wenn Edwin sie besuchte, fuhr er häufig durch den Wald über die Grüne Grenze. Das war kürzer, als mit dem Auto über den Grenzübergang zu fahren.
Beatrice öffnete die Tür und begrüßte sie freundlich. Sie waren nicht zu erreichen gewesen, erfuhr sie, weil die beiden mit einem auf einen Kleintransporter verladenen Fahrzeuge zum Hafen nach Zeebrugge unterwegs gewesen waren und deshalb ihre anderen Handys dabeihatten.
»Daran habe ich nicht gedacht. Hätte man mir auch sagen können. Ich habe euch gesucht. War der Transport nicht für übermorgen angedacht?«
»Wir hatten einen heißen Wagen. Er ist inzwischen verladen. Den findet keiner mehr«, klärte Nana sie auf.
»Das Schiff legt wie geplant heute Abend ab«, ergänzte Edwin. »Wir sind heute Nacht um halb zwei vom Hof gefahren. Wir waren gut unterwegs. Der Lademeister in Zeebrugge hat uns gegen ein kleines Taschengeld wie immer problemlos durchgeschleust, so konnten wir gegen elf Uhr zurück. Jetzt sind wir hier. Wir konnten Sie nicht benachrichtigen, Bea, weil Sie im Flugzeug saßen. Wie war Ihre Reise?«
»Der Flug war unkompliziert wie immer. Ich konnte über Nacht fliegen. Dann kommt es einem nicht so lang vor. Von Cotonou bis Düsseldorf war ich knapp fünfzehn Stunden unterwegs, weil ich in Rabat umsteigen musste. Aber das wolltet ihr nicht wissen. Euch interessiert das Geschäft. Es hat sich gelohnt. Ich bin zufrieden. Setzt euch. Raphael lässt dich herzlich grüßen.«
»Danke. Ich habe gestern Abend mit ihm telefoniert«
Beatrice schob die große Glastür zur Seite und frische Luft flutete über die Terrasse herein. Der Frühling hatte begonnen, aber nur kalendarisch. Es war jedes Jahr dasselbe. Sie wartete auf den März, dann den April, jetzt ging bereits dieser Monat dem Ende zu, aber einen durchschlagenden Erfolg hatte der Frühling noch nicht gebracht. Heute war indes ein wunderschöner Tag.
»Warum seid ihr zu zweit nach Zeebrugge gefahren? Ihr seid in einem Rutsch hin und zurück kutschiert? Du hast einen Führerschein für Lastwagen, glaube ich.«
»Genau, aber für den Transporter habe ich ihn nicht benötigt«, antwortete Nana. »Wir wollten uns abwechseln. Für einen allein ist die Tour zu weit. Zu zweit konnten wir innerhalb von einem Tag wieder zurück.«
»Sagtet ihr schon. In Benin habe ich – besser gesagt Raphael - die Voraussetzungen geschaffen, den Umsatz mit Gebrauchtwagen zu verdreifachen. Dein Bruder«, sie blickte Nana an, »hat es geschafft, ein an unser Gelände grenzendes Grundstück zu erwerben. Beide Grundstücke zusammen wollen wir als Lagerplatz für Wagen benutzen. Das Areal ist über einen Quadratkilometer groß. Raphael meint, es gehen bis zu einhunderttausend Autos auf den Platz.«
Sie ließ die Worte sacken.
Die Antwort kam von Nana. »Ist es das Gelände der alten Fabrik? Sie haben Steine gebrannt, glaube ich.«
Bea nickte.
»Dann müssen wir hier neue Zentren aufbauen, an denen wir die Wagen kaufen. Sportplätze wie in Essen reichen dann nicht mehr aus. Mir fallen spontan die Parkplätze vor Fußballstadien ein. Wenn man dort mit fünf Leuten antritt … jeder schafft drei Wagen in der Stunde … sind in drei Stunden«, er überschlug, »fünfundvierzig Autos. Müsste zu schaffen sein. So kommen wir bei drei Tagen in der Woche auf einhundertfünfunddreißig Wagen. Bei drei Stadien sind das rund vierhundert Autos in der Woche.«
»Damit können wir jede Woche einen Zug Richtung Zeebrügge beladen. Die Autotransportschiffe laden dort bis zu achttausend Wagen ein. Da werden wir unsere Vierhundert problemlos unterbringen können. Ich kann mich umhören. Ich kenne einen Verlademeister, der uns helfen kann … und wird. Er ist immer sehr entgegenkommend.«
»Bekommen wir so viele Autos zusammen? Gehst du davon aus?«, fragte Bea. »Raphael hat mir versichert, er schafft die Menge. Er kann mit der doppelten Anzahl Wagen fertigwerden.«
»Wenn wir hier in unserem Umkreis nicht so viele Autos ankaufen können, dürfen wir uns nicht auf unser Einzugsgebiet beschränken. Wir müssen expandieren. Wir könnten uns nach Norddeutschland ausbreiten und diese Autos über Bremerhaven verschicken. Andere Häfen schaffen diese Menge Autos nicht, da sie nicht die Parkplätze vor den Anlegern zur Verfügung haben. Dazu kommen die Fahrer, die die Autos auf die Fähren bringen.«
»Was passiert«, wandte Beatrice ein, »wenn wir anderen Mitbewerbern in die Quere kommen?«
»Ich denke, da werden wir Wege finden.« Edwin rasierte einmal mit dem Daumen an seiner Kehle vorbei und lachte.
»Es wäre schön, wenn wir die Möglichkeiten, die uns geboten werden, ausschöpfen könnten. Nicht jedoch sofort an Krieg denken.«
Kurze Pause. Dann fuhr Beatrice fort:
»Was gibt es von euch aus Neues? Habt ihr etwas über die Ratte erfahren können, von der du mir erzählt hast, Edwin?«
»Nein. Ich vermute jemanden von außen, der sich bei uns eingeschleust hat und uns ausspioniert.«
»Du meinst, wir haben einen Bullen im System?«
»Jedenfalls sollten wir vorsichtig sein und Informationen nur an den innersten Kreis weitergeben.«
»Könnte es Mike sein?«
»Wie kommst du auf den?«, fragte Nana.
»Er wusste, dass die Oxygene den Dorstener Gewerbehafen anlaufen solle, war aber nicht zugegen, als sie einlief und der Polizeieinsatz anrollte. Die Kontrolle des Schiffes wäre seine Aufgabe gewesen.«
Nana war erstaunt. »Ich denke, er hat die Gelder eingesammelt?«
»Sagte er, aber ich bin heute die Dealer abgefahren und habe das Geld eingesammelt. Sie haben ihn das letzte Mal vor einer Woche gesehen.«
»Also beim letzten Kassieren?«, vermutete Beatrice.
»Haben sie gesagt. Nur bei May war er und hat kassiert. Zweiundzwanzigtausend.«
»Wann war das?«
»Vorgestern Abend. Ich habe vorher mit ihm telefoniert. Er sagte, er sei unterwegs zu ihr. War er auch, aber er ist nur bei May vorbeigefahren. Das hat sie mir bestätigt. Warum er die anderen nicht besucht hat, weiß der Himmel.«
»Wo ist das Geld jetzt?«
»Gefunden haben wir sie nicht. Ich will nicht hoffen, dass er mit den zweiundzwanzig Riesen durchgebrannt ist.«
»Dazu ist der Betrag zu gering.« Beatrice schüttelte den Kopf. »Was will er damit? Er kommt nicht einmal einen Schuss weit!«
»Nun …, wer weiß, ob er May besucht hat? Vielleicht hat sie das Geld noch und behauptet, es ihm ausgehändigt zu haben. Wir sollten das nachprüfen.«
»Das machte nur Sinn, wenn sie wüsste, dass Mike nicht mehr auftaucht. Also müssen wir ihn dringend sprechen. Wo treibt er sich herum?«
»Wir wissen es nicht. Ich nicht und Nana auch nicht. Wir haben versucht, ihn zu erreichen, aber sein Handy scheint abgeschaltet.«
»Würdest du bitte zu seiner Kneipe fahren und nachsehen? Frage ihn auch, warum er das Geld nicht eingesammelt hat.«
»Ich kümmere mich drum.«
»Ist er abgetaucht? Es gibt keinen Anhaltspunkt. Eine Nachricht hat er nicht geschrieben. Haben wir andere Infos?«
»Ich habe nichts gehört«, erklärte Edwin.
»Ich auch nicht, gar nichts«, bestätigte Nana.
»Wieviel hast du eingesammelt?«
»Sechsunddreißig. Wir waren zusammen unterwegs. Die neuen Dealer sind noch nicht so vernetzt. Sie haben bisher keinen festen Kundenstamm.«
»Was ist mit den Wettbüros?«
»Sie haben das Geld transferiert. Ich denke, es ist bereits im Libanon. Es waren dreihundertachtzigtausend.«
Kapitel 6.
Gegen Mittag waren die beiden Leute der Spurensicherung zurück. Willi Schmidt hatte Berendtsen und Hallstein zu sich gerufen.
Den Mann, Berendtsen schätzte ihn auf sechzig Jahre, ›leicht untersetzt‹, wie diese Körperform in der Sprache der Gallier beschrieben wird, stellte Willi als altgediente und erfahrene Kraft vor.
»Bei dem Haus handelt es sich um ein Zechenhaus, ein Doppelhaus. Links eine Familie, rechts eine andere. Wir parkten vor der linken Haustür. Sie war aufgebohrt und stand offen. Die Wohnung war offensichtlich durchsucht worden. Alles stand Kopf. Ganze Arbeit. Wir fanden verschiedene Dokumente, die auf den Namen Uli und Inga Nowiczek lauteten. Auch in einem Telefonverzeichnis fanden wir weitere Leute mit diesem Namen. Damit nicht genug, Chef. Während wir uns umsahen, kamen Kollegen aus Bottrop und sahen nach dem Rechten. Die Nachbarn der anderen Seite hatten sie benachrichtig. Unser Mann hatte mit dieser Adresse nichts mehr zu tun. Natürlich war die Angelegenheit leicht geklärt. Wir durften dann weiter nach Hinweisen auf den Einbrecher suchen, obwohl das Sache der Bottroper Spurensicherung gewesen wäre. Die Kollegen der Bottroper KTU kamen dann und wir haben uns ausgetauscht.«
»Wir haben uns entschuldigt, weil wir nicht auf das Klingelschild geschaut haben, aber für uns war die Sache klar. Die Adresse stimmte, die Tür war aufgebrochen. Passte alles. Tut uns leid. Die Kollegen haben bei ihrer Dienststelle nachgefragt. Der Mann ist dort noch immer gemeldet. Die Nachbarn haben uns aufgeklärt. Er hat ein knappes Jahr dort gewohnt. Eines Morgens hat er die Wohnung verlassen und ist nicht zurückgekommen. Wenig später sind die neuen Nachbarn eingezogen«, ergänzte die hübsche junge Frau, die dem Dicken zur Seite gestellt war und von ihm lernen sollte. »Anscheinend hat er seinen Wohnsitz nicht umgemeldet. Das scheint unser Täter nicht mitbekommen zu haben. Er hat die Adresse aus dem Melderegister oder aus dem Verzeichnis vom Platzwart.«
»Irgendein Hinweis auf den, der die Wohnung vor euch besucht hat?«, fragte Berendtsen.
»Nichts was ins Auge springt.« Er zog die Schultern hoch. Aus dem Doppelkinn wurde ein dreifaches. Er griff in seine Hosentasche und förderte ein ordentliches Taschentuch zutage, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Anschließend befreite er sich von seinem Anorak und hielt ihn über dem Arm. »Wir haben mehrere Fingerabdrücke genommen. Sie sind bereits in der KTU.« Aus der anderen Hosentasche holte er die Schlüssel und legte sie Willi auf den Schreibtisch.
»Danke für eure Mühen. Wenn ich euch brauche, melde ich mich. Wenn euch noch etwas einfällt … Alles klar. Eines noch! Was haben diese Leute Nowiczek zu eurem Auftritt gesagt?«
»Wir haben sie gar nicht kennengelernt«, schmunzelte der Dicke. »Es ist ein Ehepaar, Rentner bereits. Die Frau liegt im Krankenhaus, er hat sie besucht. Das wissen wir von den Nachbarn. Er fällt in Ohnmacht, wenn er nach Hause kommt.«
»Vielleicht erreichen die Nachbarn sie vorher und können sie schonend vorbereiten«, hoffte das Mädchen.
»Es ist immer ein Schock für die Leute, wenn sie nach Hause kommen und finden die Wohnung nach einem Einbruch vor. Alles durchsucht. Sie brauchen lange, bis sie sich wieder in privater Atmosphäre wähnen. Wir haben das schon oft erlebt. Schließlich sind wir immer die ersten am Tatort. Nach den Einbrechern natürlich.«
»Alles klar. Wir sehen uns!«
»Bis dann.«
»Haben Sie DNA genommen?«, rief Berendtsen hinterher.
»Insgesamt sechs Proben von Umschlägen und herausgerissenen Schubladen. Die müssten dann vom Täter sein. Allerdings müssen wir bei den Alten noch die Gegenproben nehmen. Vom Tatort Schrebergarten haben wir nichts. Alles verbrannt. Was übrig war, haben die Kollegen heute Nacht schon eingesammelt. Die DNA vom Opfer hatten sie bereits sichergestellt. Sie ist schon ausgewertet. Der Mann war mehrfach wegen kleinerer Drogendelikte vorbestraft.
Berendtsen winkte kurz. Sie wussten, dass sie sich entfernen durften.
»Auf Wiedersehen, Herr Kommissar.«
»Dann ist Anschrift auf dem Personalausweis des Opfers veraltet. Der Mörder kannte offensichtlich die neue Adresse nicht. Er hat – wie auch immer – die Daten in dem Verzeichnis des Schrebergartens eingesehen«, überlegte Berendtsen. Er griff in seine Jackentasche und zog Gummibärchen hervor. Hallstein hatte inzwischen auch Geschmack daran gefunden.
Hallstein vermutete, dass der Täter bereits vor dem Attentat die Laube nach irgendetwas Bestimmten durchsucht hat. »Er hat es nicht gefunden und deshalb dieses riesige Spektakel veranstaltet. Er hätte den Mann auf einfachere Art und Weise töten können. Leise und geräuschlos wäre wohl sicherer gewesen. Man hätte erst Tage später einen Toten gefunden.«
»Darauf kam es ihm offensichtlich nicht an. Er wollte – oder musste – sichergehen, dass das, was er gesucht und offensichtlich nicht gefunden hat, nicht mehr zu erkennen ist. Unseren Hartmann musste er ebenfalls aus dem Weg räumen, weil er etwas wusste oder zur Aufklärung hätte beitragen können«, steuerte Willi bei.
Hallstein zog daraus den Schluss, es handele sich um eine »dicke Sache, Chef. Wir sollten uns auf eine Menge Arbeit einrichten. Solchen Aufwand betreibt kein Einzeltäter. Vielleicht war er selbst nicht in Bottrop. Dort könnten auch Helfer gewesen sein.«
»Du meinst …« Willi sprach nicht weiter. Wollte sich nicht festlegen.
Hallstein nickte. »Genau das meine ich. Clan oder Mafia oder Hells-Angels oder ganz allgemein eine Gang.«
Berendtsen ging zur Tür, legte die Hand auf die Klinke, wandte sich nochmals um. »Wie geht’s zuhause?«
»Alles gesund und munter. Und selbst?«
»Alles zu unserer Zufriedenheit. Ich hoffe inständig, dass ich mir heute Nacht keinen Husten geholt habe. Ich hatte heute Morgen einen solchen Hustenanfall, dass mich nebenbei die Hexe angeschossen hat. Mit einigen Dehnübungen habe ich das Schlimmste verhindert. Zuhause habe ich kein Schmerzmittel eingenommen. Ich hoffte, es geht ohne. Ich habe von Uschi eine Tablette bekommen. Jetzt scheint es besser zu werden. Wenn nicht, gibst du mir eine Spritze.«
»Geht klar. Grüße an Irmgard.«
»Richte ich aus.«
Die Kommissare hörten ein fröhliches Lachen auf dem Gang. Frau Günther war von der Befragung der Laubenbesitzer zurück. Sie stand mit Uschi direkt hinter der Ecke und plauderte. Der typische Flurfunk. Schließlich ebbte das Kichern ab.
»Wir müssen den Kommissaren Bescheid geben«, fanden sie.
Mit einem »Schon sind wir da!« kamen Berendtsen und Hallstein um die Ecke und jagten den beiden Damen einen rechten Schock ein.
»Um Gottes Willen! Mussten Sie uns so erschrecken?«
Hallstein musste lachen. »Wir sind die schnelle Truppe, wie ihr wisst. Was gibt es denn für fröhliche Nachrichten?«
»Nur Weiberkram, Herr Hallstein«, antwortete Frau Günther.
Galant hielt Hallstein den Damen die Tür zum Büro auf. Er schob Albert einen Stuhl vor Kopf und setzte sich gegenüber von Frau Günther. Uschi setzte sich neben ihre Freundin.
Berendtsen warf eine halbleere Tüte Gummibärchen auf die Tischplatte.
»Bedienen Sie sich!«
»Vierzig Personen standen auf der Liste, einunddreißig Personen habe ich erreicht«, berichtete Frau Günther und hätte beinahe ein Bärchen ausgespuckt.
»Sprechen mit mehr als zwei Bärchen im Mund will gelernt sein«, spottete Berendtsen. Er erntete ein süßliches Lächeln.
»Die anderen werden zuhause sein oder unterwegs. Die meisten sind erst gekommen, als die Feuerwehr anrückte. Sie hatten nichts gesehen. Aber…! Etwas Glück muss der Mensch haben.« Sie nahm einen USB-Stick aus der Untersuchungsmappe und hielt ihn den Kommissaren vor die Nase. »Hierauf sind zwölf Fotos, die jemand von seinem Dach aus geschossen hat. Er hat die ganze Meute drauf. Mit Handy, aber die Helligkeit der Flammen hat ausgereicht, viele sind zu erkennen. Vielleicht haben wir Glück und finden den Täter. Wir haben Möglichkeiten, zu vergrößern und zu interpolieren. Ich hoffe, wir finden ihn. Zum Zweiten: Vier Leute haben in den letzten Wochen einen Mann beobachtet, der sich den Schrebergarten aus dem Flurfenster des zweiten Stocks des Nachbarhauses angesehen hat. Zu verschiedenen Zeiten. Einer sagt, es sei ein Chinese gewesen. Ob das nun ein Chinese war, kann man glauben oder nicht. Jedenfalls war er, dem Aussehen nach, ein Asiat. China, Vietnam, Japan. Auf diese Distanz können die wenigsten Europäer die Leute auseinanderhalten.«
»Was haben die Leute gesehen?«
»Dieser Mann hat mehrmals mit einem Feldstecher am Fenster gestanden. Fotos gemacht und beobachtet. Sie haben schon gedacht, es gibt einen neuen Bebauungsplan, von dem sie irgendwann aus der Zeitung erfahren, wenn es keine Möglichkeit mehr zum Widerspruch gibt. Einer von den Leuten, der in der Nacht die Fotos gemacht haben, ist leidenschaftlicher Fotograf. Er schießt Bilder aus der Umgebung für die Ruhrpott-Kalender, die man zu Jahresende in vielen Geschäften kaufen kann oder geschenkt bekommt. Er hat mit einem Tele den Fenstergucker auf Platte verewigt. Er hat mir ein Bild von ihm auf seinem Rechner gezeigt. Ich glaube, Roland kann damit etwas anfangen. Das ist noch nicht alles. Auf diesem Stick …«, sie ließ ihn zwischen Daumen und Zeigefinger wippen, »… gibt es ein Foto, auf dem man den BMW vom Parkplatz fahren sehen kann.«
Das war weitaus mehr, als die Kommissare erwartet hatten. Sie hatten Bilder von Leuten, die zumindest mit der Tat in Zusammenhang standen. Roland Schubert, der Spezialist für EDV, war bereits informiert und erschien in diesem Moment mit seinem Laptop unter dem Arm.
»Was ist mir dir passiert?«, wunderte sich Berendtsen. »Bist du unter die Mähmaschine gekommen? Wo ist deine Haarpracht geblieben?«
Roland hatte seine langen Haare, die zuweilen mit einem einfachen Gummiband in einem kleinen Zopf zusammengehalten worden waren, gegen einen biederen Façonschnitt eingetauscht, was sofort auffiel, denn sein Erscheinungsbild wurde durch diese Maßnahme völlig verändert. Außerdem trug er ein Flanellhemd mit zwei kleinen Brusttaschen. Standesgemäß war in der linken Tasche ein USB-Stick mit einer Klammer festgesteckt, wie bei einem Kugelschreiber.
Roland ging auf den Spaß nicht ein. Berendtsen war wohl nicht der erste Mensch, der ihn darauf ansprach.
»Neue Freundin?«, fragte Hallstein
Er brummte Unverständliches vor sich hin.
»Bitte?«, fragte Hallstein überdeutlich.
»Jaa-haa!«, tönte er.
Kapitel 7.
Beatrice kam die Treppe herauf.
»Geht klar. Ich bin in vierzig Minuten dort«, bekam sie noch mit. Dann legte Kris den Hörer auf.
»Du möchtest noch weg?«, fragte sie ihren Bruder. »Wohin fährst du?«.
»Ich habe den Warenbestand im Lager nachgesehen. Wir brauchen Nachschub an Stoff. Der letzte Frachter im Hafen war leer, wie du weißt. Du hast es selbst arrangiert. Die heutige Lieferung kommt im Yachthafen an. Die Beutel wurden schon in Datteln umgeladen. Unsere Boote wurden noch nie kontrolliert. Wir sollten überlegen, das immer so zu handhaben.«
»Wieviel erwartest du?«
»Angekündigt sind fünfzig Kilo.«
»Hast du das Geld?«
»Die vier Koffer stehen im Flur. Es sind dieses Mal viele kleine Scheine darunter.«
»Soll ich dir helfen?«
»Ich nehme den Luba. Der steht im Keller. Dann brauche ich nicht durch die Haustür.«
»Hast du eine Eskorte? Du kannst nicht mit so viel Geld allein zu einer Übergabe. Wieviel nimmst du mit?«
»Zweieinhalb. Es ist etwas günstiger als im Winter. Ich habe gehört, dass die FARC in Kolumbien mehr Bauern unter Vertrag hat als vor dem Deal mit der Regierung.«
»Das ist nicht zu glauben!«
»Das Schöne ist, dass der Preis auf der Straße steigt. Somit steigt die Spanne. Die Leute geben mehr Geld für ihr Vergnügen aus. Sie gönnen sich eine Linie. Inzwischen haben wir die ersten Hotspots auf dem Lande. Es muss nicht immer das Ruhrgebiet sein.« Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.
»Wer fährt mit?«
»Nana und Edwin. Das ist die beste und sicherste Begleitung. Sie gehören zur ›Familie‹, wie du immer betonst. Wir treffen uns an der Eishalle.«
Beatrice fühlte sein Jackett. »Welche Waffe nimmst du mit? Deine Walther?«
Kris nahm die Waffe aus dem Holster, sah das Magazin nach und schob es mit kräftigem Ruck in die Griffschale zurück.
»Neu? Zeig sie mal her.« Beatrice wog die Waffe in ihrer Hand, betrachtete sie eingehend. »Kommt mir leichter und kleiner vor.«
»Sowohl sicherer als auch präziser. Sie reicht. Wang ist kein Fernziel. Wenn ich sie gebrauchen muss, dann höchstens auf eine Distanz von zehn Metern. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist. Wir haben schon so viele Geschäfte zusammen gemacht. Das Vertrauen ist da. Deshalb geht der Austausch auch so einfach vonstatten. Kein Nachzählen, kein Probieren. Sie laden den Stoff um, ich stelle das Geld auf den Steg. Fertig. Fünf Minuten. Die alten Koffer bringt er immer wieder mit. Sparsam ist er.«
Sie lachte. Er drückte sie kurz und verschwand mit zwei Koffern in der Kellergarage. Beatrice trug ihm die anderen beiden nach.
»Wann wirst du zurück sein?«
»Zwei Stunden. Ich lade es direkt in der Halle ab.«
Nana und Edwin blieben im Wagen. Wang hatte vier Leute mitgebracht, die kräftig anpacken konnten. Die Übergabe der einhundert Teebeutel funktionierte wie immer reibungslos. Der eine wog nicht, der andere zählte nicht – vor den Augen des anderen. Man vertraute sich. In der Halle allerdings würde die Ware nachgewogen und auf Gehalt geprüft. Kris wusste, dass Wang ebenfalls kontrollierte. »Dieses Mal hat er viel zu tun«, dachte Kris. Alles Zwanziger und Fünfziger. Wenige große Scheine. Da müssen sie bis zweieinhalb Millionen lange zählen. Er selbst würde wohl fünfundzwanzig Millionen Euro damit erzielen.
»Darf ich Ihnen meine Mitarbeiter vorstellen, Lao Wang?«
»Die beiden im Auto? Ich habe sie gesehen. Gerne.«
Kris klopfte auf das Autodach und gab ihnen ein Zeichen.
»Edwin und Nana. Sie werden in der nächsten Zeit die eine oder andere Lieferung annehmen. Ich möchte, dass Sie sie kennenlernen und die Geschäfte reibungslos weiterlaufen.«
»Ich glaube, den Herrn kenne ich schon. Ich habe ihn bereits einmal am Hafen gesehen. Kann das stimmen?«
Edwin beugte sich leicht vor. »Guten Abend Lao Wang.« Er wusste, wie man einen älteren Chinesen respektvoll anzureden hatte. »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ja wir haben uns einmal am Hafen gesehen, sind uns allerdings nicht vorgestellt worden. Ich bin der Einkäufer der Firma. Ich habe die Ware zu prüfen, die ankommt. Erst dann wird verladen. Bei Ihnen ist es etwas Anderes. Ihnen vertrauen wir.«
Wang begrüßte die jungen Leute.
»Ich freue mich, zwei weitere Mitglieder Ihrer Firma kennenzulernen. Herzlich willkommen im Club. Mein Name ist Cai Wang. Selbstverständlich werde ich sie als Geschäftspartner akzeptieren. Geben wir dem Nachwuchs eine Chance!« Wang zog die beiden neuen Mitarbeiter an seine Brust und gab ihnen den Bruderkuss auf beide Wangen. Dann trat er einen Schritt zurück und deutete seinerseits eine Verbeugung an.
Nach einem kurzen, durch einen angedeuteten Diener unterstützten, dankbaren »Danke Lao Wang« verschwanden sie im Auto.
»Bis wann können Sie Nachschub besorgen?«, erkundigte sich Kris, als die beiden anderen bereits im Auto saßen.
»Dieselbe Menge? Gleicher Ort?« Wang überlegte kurz. »Drei Tage?«
»Reicht. Danke. Auf Wiedersehen! Zàijiàn, Lao Wang!«
»Hǎodǎi«
»Auf jeden Fall«, übersetzte Kris. Wenn er auch kein Chinesisch sprach, so kannte er doch gewisse Redewendungen.
Er stieg in den Wagen und stellte den Hebel auf ›D‹.
Ehe er die Tür zuschlagen konnte, rief ihm der Chinese nach: »Shāo děng yīhuǐ'er! Einen Moment, bitte!«, wiederholte er auf Deutsch und trat zu Kris ans Auto. »Wann kann die große Lieferung kommen?«
»Ich rufe Sie an. Bald.«
»Sollen wir auch Crystal Meth mitbringen? Wir können günstig liefern. Aus Malaysia. Kilo unter zehn Mille.«
»Wunderbar! Was können Sie auftreiben?«
»Die Lager sind voll. Deshalb der Preis. Bei hundert Kilo gehe ich auf acht fünf.«
»Qualität?«
»Mindestens fünfundneunzig Prozent. Garantiert.«
»Ich nehme hundert Kilo. Wie ist es verpackt? In Teesäcken?«
»Säcke zu fünfzig Kilo. Hälfte Speed. Der Rest ist Ceylon Tee.«
»Den Tee können Sie behalten. Ich brauche nur das Meth. Ich habe nicht vor, hier mit einem Lastwagen vorzufahren.«
»Okay. Wir packen es aus für Sie.«
»Schicken Sie mir eine Nachricht. Danke. Wiedersehen.«
»Hǎodǎi«
Unterwegs schellte das Telefon. Wang. Kris drückte auf den Hörer am Lenkrad.
»Ja?«
»Haben Sie von der Explosion erfahren?«, fragte er.
»Explosion? Welche Explosion?«
»Ich wurde soeben informiert. Auf dem Schrebergarten in Dorsten ist in einer der Lauben eine Gasflasche explodiert? Haben Sie Ihre Hand im Spiel, Kris?«
»Davon höre ich von Ihnen zum ersten Mal. Was ist genau passiert?«
»Eine Leiche, männlich, Anfang dreißig. Hat ihre Firma das organisiert? Warum habt ihr mir nichts davon gesteckt?«
»Wir haben keine Explosion ausgelöst. Wir sind nicht verrückt. Wenn wir jemanden zu beseitigen haben, geschieht das nicht so spektakulär. Wir lieben die unaufgeregte Stille, wie Sie wissen. Krawall ist nicht unser Stil.«
Wang hatte bereits aufgelegt und die letzten Sätze nicht mehr mitbekommen.
»Weï! Hallo!« Yú, der Fisch, hatte Wangs Nummer erkannt.
Yú, der »Fisch«, war der Chef der 18K-Triade, einer chinesischen kriminellen Vereinigung, die ihre Aktivitäten seit einigen Jahren nach Europa, speziell nach Deutschland ausgeweitet hatte. Niemand kannte den Fisch. Er meldete sich stets anonym über Telefon und immer mit verschleierter Stimme und leicht chinesischem Akzent. Es gab nur wenige Leute, die wussten, wie er erreicht werden konnte.
»Ich wurde soeben informiert, dass im Schrebergarten ein junger Mann durch eine Gasexplosion ums Leben kam. Steckt Ihre Firma dahinter?«, fragte Wang. »Es könnte sich um einen fatalen Fehler gehandelt haben, wenn es sich bei dem Mann um Mike handelt. Warum wurde die Sache nicht mit mir abgesprochen? Der Kerl hat viele wichtige Daten von meinem Rechner gezogen. Wenn diese in falsche Hände geraten, bin ich dran. Und Sie gehen mit! Sorgen Sie dafür, dass wir die Daten umgehend zurückbekommen!«
»Mike beobachtet Sie bereits seit langem. Meine Leute haben erfahren, dass dieser Mann ein Informant des LKA war. Er hat wiederholt Daten an seinen Betreuer geschickt, die wir bisher abfangen konnten. Er scheint Verdacht geschöpft zu haben. Wir mussten ihn ausschalten. Auch zu Ihrer Sicherheit. Wir werden die Daten finden und zurückgeben. Noch Fragen?«
»Warum so aufwändig?«
»Meine Leute wollten sichergehen, dass alle Spuren vernichtet werden. Das ist nach meinen Informationen auch gelungen.«
»Okay. Ich verlasse mich auf Sie.«
Wenige Minuten später erreichten die Drei das Lager. Eine Fertighalle aus Beton zwischen Schermbeck und Wesel in einem Industriegebiet, eingerichtet mit einer Rezeption hinter Sicherheitsglas und allerlei Glücksspielgeräten, an denen die Leute aus der Umgebung ihr Geld verlieren durften. Er setzte das Auto vom Parkplatz aus rückwärts in die Einfahrt zur Halle vor die Rampe, die die Geldtransporter anfuhren. Sobald das Garagentor geschlossen war, luden sie die fünfzig Kokainbeutel und die zwei leeren Koffer, die Kris vom Don zurückerhalten hatte, auf die Rampe. Mit Hilfe seines Smartphones ließ er die für nicht eingeweihte Leute nicht auszumachende Plattform absinken. Die hundert Plastikbeutel verstaute er in einem Raum, der durch Verschieben eines Wandschranks zu begehen war. Edwin und Nana wogen die Beutel nach. Fünfhundert Gramm exakt. Er selbst nahm stichprobenartig einige Prisen aus verschiedenen Beuteln und analysierte das weiße Pulver auf Gehalt. Dazu öffnete er eine Phiole mit Testmittel, gab das Pulver hinein, verschloss das Gefäß und schüttelte. Anhand der beiliegenden Farbskale ermittelte er einen »Sehr hohen Gehalt«. Genau wie er erwartet hatte. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«. Dieses war ein gutes Wort von Lenin. Das zweite, was er von ihm kannte, war »Ein Mensch mit einer Waffe kann hundert Leute ohne eine Waffe kontrollieren«. Dieses Zitat war für ihn nicht weniger wichtig.
Kapitel 8.
Es war schon spät, als Berendtsen in die Puccinistraße einbog. Die Garage seines Nachbarn war geschlossen. Daher nahm er an, dass Franz Roloff, Chefredakteur der Ruhrzeitung, noch nicht in die Redaktion gefahren war. Die Entscheidung, ob er ihn noch stören dürfe, wurde ihm abgenommen.
»Hallo Albert. Ich habe schon auf dich gewartet. Habt ihr viel Arbeit mit der Explosion im Schrebergarten?«
»Wir fangen mit den Ermittlungen gerade erst an. Ich weiß noch nicht, ob es viel Arbeit wird. Wir haben einige Handyfotos von Umstehenden. Ich habe sie mir angeschaut. Für Handys nicht schlecht, aber manche sind einfach zu unscharf. Die meisten Leute haben den automatischen Blitz nicht ausgeschaltet und nicht bedacht, dass das Handy daran die Belichtung ausrichtet. Im Vordergrund ist alles hell belichtet und gestochen scharf, aber das, was uns interessiert, ist nur mit Vorbehalt zu verwenden. Lediglich ein Fotograf, der dort ein paar Tage verbringt, hat vernünftige Aufnahmen abgeliefert. So kommst du mir gerade recht. Dein Mann hat auch Aufnahmen von dem Geschehen gemacht. Könntest du mir davon einige zeigen? Ich denke, sie sind besser als die Laienfotos.«
»Möchtest du kurz reinkommen? Ich habe die Bilder auf meinem Rechner. Du kannst sie gerne anschauen.«
Berendtsen fiel sofort ins Auge, dass diese Bilder ein Profi gemacht hatte. Der Mann hatte neben den Aufnahmen vom Brand und Feuerwehreinsatz, die für die Zeitung vorgesehen waren, nicht vergessen, Details zu fotografieren, die nicht für eine Veröffentlichung geeignet waren. Darunter eindeutig zu identifizierende Leute, sehr derangiert in ihren Schlafgewändern mit übergeworfenen Jacken. Diese waren für Berendtsen interessant.
»Du brauchst sie nicht sofort zu analysieren, Albert. Ich habe sie alle als Kopie gespeichert.« Er drückte ihm den Stick in die Hand. »Nimm sie mit ins Büro als Dank für die Hilfsbereitschaft.«
»Keine Ursache. Bist du auf dem Weg in die Redaktion?«
»Ich wollte längst dort sein, aber ich habe auf dich gewartet, damit du die Aufnahmen noch bekommst.«
»Ganz vielen Dank, Franz. Morgen hast du wieder einen Exklusivbericht auf der ersten Lokalseite. Freue mich schon drauf.«
»Es wird sogar auf der Seite ›Geschehen im Vest‹ abgedruckt. Ein Obolus für Leying, den Redakteur, wird wohl dabei herausspringen. Schönen Feierabend wünsche ich dir. Gruß an Irmgard.«
»Richte ich aus.«
»Na, mein lieber Mann, wie geht es dir? Du hattest einen anstrengenden Tag. Ich sehe es dir an. Hast du Rückenschmerzen? Du hast heute Nacht vergessen, deine Jacke anzuziehen.«
Irmgard nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn. Sie kannte ihren Albert und wusste, was er jetzt brauchte. Es hatte eine Leiche gegeben. Sie hatte ihn heute Nacht nicht mehr gesprochen. Er hatte in Maximilians Bett geschlafen, der wegen seines Studiums zurzeit in Aachen weilte. Sie wusste von dem Vorfall im Schrebergarten, weil er ihr eine kurze Nachricht geschrieben hatte. Sie war bereits in der Schule, als sie die Nachricht erhielt.
Er setzte sich in seinen Sessel, lehnte sich zurück und genoss seinen Single Malt von der schottischen Insel Islay. Er hatte in jungen Jahren mit zwei Freunden eine Fahrt durch Schottland unternommen. Dabei hatten sie verschiedene Destillen besucht und deren Whisky probiert. Er bevorzugte seitdem die Sorte Laphroig. Es gab bessere, aber diese Sorten waren nichts für Whiskyliebhaber, sondern nur für Freaks, die entsprechend Geld dafür ausgaben. Mehr als sechzig Euro für eine Flasche auszugeben, um nach einem gruseligen Arbeitstag die Gedanken herunterzufahren, war er nicht bereit.
Als Irmgard ihm einige Schnittchen hingestellt hatte, mit Gurke und Tomate verziert, entspannte sich sein Gesicht. Sie hätte gerne gewusst, wie sein Tag verlaufen war, aber sie begann das Gespräch nicht. Sie fühlte seine Stirn.
»Ich werde mich nie daran gewöhnen«, eröffnete er die Unterhaltung. »Ich bin dreißig Jahre bei der Polizei, davon vierundzwanzig bei der Mordkommission. Die Leute lernen nie, dass sie mit Morden einer Gefängnisstrafe nicht entgehen. Wir schnappen sie früher oder später. Warum glauben manche, dass sie davonkommen? Wie oft sind Morde dazu da, eine Straftat zu vertuschen. Selbst schwere Delikte wie Bankraub oder eine Erpressung werden heute nicht so schwer bestraft wie Tötungsdelikte. Für Mord gehen sie fünfzehn Jahre hinter Gitter. Für einen Banküberfall bist du bei guter Führung nach einigen Jahren wieder draußen. Dennoch begehen Leute Morde, zum Teil an Komplizen, um die eigentliche Tat zu vertuschen. Schon bekommen sie lebenslänglich.«
Albert besah sich die Schnittchen. »Wunderbar!«, lobte er seine Irmgard.
»Nicht alle Morde sind Vertuschungstaten. Manche dienen anderen Zwecken, wie Erbe oder Geld oder … was auch immer«, wandte Irmgard ein.
»Du hast recht, meine liebe Frau.« Er streichelte ihr über die Hand, die auf der Lehne ihres Sessels lag. »Wie war es in der Schule? Sind deine Schüler fleißig und tüchtig wie immer?«
Sie lächelte ihn an. »Wenn es nur so wäre, Albert. Der Unterricht ginge zügiger voran. Aber ich kann mich nicht beklagen. Meine Kurse sind alle gut dabei. Viele Lehrer vergessen vor der Klasse ihre eigenen Schandtaten. Wenn ich daran denke, was wir uns früher ausgedacht haben … Ich denke gerade an unseren Musiktest.«
Irmgard lächelte in sich hinein.
»Erzähle!«
»Ich habe es dir schon einmal erzählt. Ich glaube bereits zweimal.«
Er drängte sie, alles noch einmal zu berichten. Die Geschichte war zu schön.
»Unser Heinzel«, begann sie, »er hieß Heinz Ellermann, schrieb am Ende eines Schuljahres Tests, die im Grunde keinem schwerfielen. C-Dur-Akkord aufschreiben und solche Dinge. ›Wie viele Kreuze hat D-Dur?‹. Dementsprechend war niemals jemand vorbereitet. Eines Tages erfuhren wir unmittelbar vor unserer Musikstunde auf dem Schulhof, dass ›richtige‹ Fragen auf dem Test standen: ›Aufbau einer Symphonie‹. Panik! Johannes – den Hausnamen weiß ich nicht mehr – versprach Abhilfe. Der Test wurde ausgeteilt. Allerseits Schweigen. Plötzlich rief Johannes: ›Hier ist eine Maus!!‹ Er sprang auf den Stuhl und rief weiter: ›Ich schreib kein Wort mehr!« Im selben Augenblick hatten alle Schüler Angst vor der Maus. Heinzel konnte nicht verstehen, dass Schüler der zehnten Klasse Angst vor Mäusen hatten. Der Test fiel aus.«
Beide lachten so herzhaft, als wäre der Streich heute passiert. Die Folge waren erneute Schmerzen im Rücken.
Als Albert die Schnitten und einen zweiten Whisky genossen hatte, nahm er eine Tablette gegen die Schmerzen und berichtete auf Nachfrage von seinem Tag. Details über die verbrannte Leiche ließ er weg.
»Hast du Fieber, Albert?« Gegen seinen Willen zog sie das Fieberthermometer hinzu. Drei Minuten Schweigen. »Siebenunddreißig drei. Du wirst hoffentlich nicht krank, Albert. Warum hast du den Mantel nicht mitgenommen. Ich hatte ihn hingehängt.«
Er ging nicht weiter auf den Vorwurf ein.
»Die Bilder, die die Leute aus dem Schrebergarten aufgenommen haben, sind gut und hilfreich«, schloss er seinen Vortrag, »aber ich verspreche mir noch mehr von den Bildern des Reporters. Es wäre zu schön, wenn der Täter irgendwo in der Menge zu finden wäre, denn ich gehe davon aus, dass er sich über die Folgen der Tat informieren wollte. Er musste schließlich sicher sein, dass die Tat von Erfolg gekrönt war. Wie sich die Sache darstellt, hat er nicht nur den Tod dieses Mannes angestrebt – das hätte er einfacher und unspektakulärer gestalten können – sondern er wollte unbedingt Spuren vernichten. Warum sonst solcher Aufwand? Er gibt damit die erste Info über sich preis: Er oder sie hat Kenntnisse von Schaltungen und Funk! Außerdem besitzt er Plastiksprengstoff und hat Erfahrung damit. Er hat gerade so viel Masse verwendet, wie nötig ist, das Haus komplett in die Luft zu jagen, aber niemand anderem zu schaden. Die Verwüstung betraf nur dieses Areal von dem Toten. Einzelne Bretter und Scherben sind auf die Nachbargrundstücke geschleudert worden. Bagatellen.«
»Das gibt Anlass zu Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Falles?«
»Sollte man meinen, aber diese Anschläge von Spezialisten gestalten sich meistens sehr schwierig. Es sind oft Täter, die mit dem Opfer nicht unbedingt in Verbindung stehen. Die meisten Morde geschehen durch Personen, die dem direkten Umkreis des Opfers zuzuordnen sind. In unserm Fall rechne ich damit, dass der Täter von außerhalb kommt.«
»Auftragsmord?« Sie sah ihren Mann bedenklich an. »Bringe dich nicht in Gefahr, Albert!«
»Passt nicht auf diesen Tathergang. Dann wäre das Auto des Opfers noch auf dem Parkplatz. Es muss einen Grund geben, warum das Fahrzeug verschwinden musste. Wir haben ein Foto, auf dem das Nummernschild des Wagens teilweise zu sehen ist. Ich hoffe, dass wir morgen ein Bild finden werden, auf dem das Nummernschild vollständig zu erkennen ist. Dann müssen wir versuchen, es über das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg auszumachen. Wir haben die Daten online eingesehen. Den Wagen haben wir nicht gefunden. Auf eine direkte schriftliche Abfrage per Fax haben wir bisher keine Antwort erhalten. Die Nummer ist zu unvollständig für eine Suche oder es ist gefälscht. Es handelt sich auch nicht um eine Doublette. Wenn wir auf Basis dieser beiden Kenntnisse auf die Tat sehen, dann haben wir auf der einen Seite einen Täter mit professionellen Kenntnissen, auf der anderen Seite begegnen wir Leuten, die Zugriff auf gefälschte Ausweise und Nummernschilder haben. Im schlimmsten Fall bis in die Behörde hinein. Die Tat war - von dem Täter oder einem Komplizen - sorgfältig vorbereitet. Ehe alles in die Luft gesprengt worden ist, wurden die Schlüssel für seine Hausadresse und der Autoschlüssel entwendet. Ich bin der festen Überzeugung: Dahinter stecken Profis!«
»Du meinst … glaubst du … die Mafia steckt dahinter?«
Kapitel 9.
Beatrice saß bei einem Glas Wein im Sessel. Sie hatte die Füße hochgelegt und las bei leiser Musik in einem Buch.
»Seid ihr erfolgreich gewesen?«
»Er hat die gesamten fünfzig Kilo aufgetrieben. In der nächsten Woche erhalten wir die gleiche Menge noch einmal. So können wir die Schiffladung beinahe kompensieren. Wegen der großen Lieferung werden wir in den nächsten Tagen telefonieren. Hast du etwas von einer Explosion mitbekommen?«
Beatrice wusste von nichts. Sie schlug vor, auf der Internetseite der Ruhrzeitung nachzusehen. Sie wurden fündig.
Explosion in Dorsten – Bombenanschlag?
»In der Nacht zu Mittwoch wurden die Dorstener Anwohner im Stadtteil Berge von einer heftigen Explosion geweckt. Im Schrebergarten der ›Blumenfreunde‹ war in einer Laube eine Gasflasche mit Propangas geborsten. Die Feuerwehr war in Minutenschnelle vor Ort und hatte die Lage bald unter Kontrolle. Noch während die Löscharbeiten andauerten, erschien die Kriminalpolizei mit zwei Beamten des Dezernats Tötungsdelikte. Unser Reporter war vor Ort und hatte die Möglichkeit sich ein Bild von der Lage zu machen. Die Polizei hält sich bei Fragen zu der Ursache zurück. Die Nachbarn kennen den Toten als netten und umgänglichen Mitbürger deutscher Nationalität ohne Migrationshintergrund. Sie schließen ein Attentat nicht aus, weil Feuerwehrleute von einer Fernzündung sprachen. Wie auf einigen Aufnahmen unseres Reporters zu sehen ist, wurde der Wagen des Opfers während der Löscharbeiten vom Parkplatz entwendet. Nach Ansicht des Platzwartes konnte das nur von zwei oder mehreren Tätern durchgeführt werden. Kommt der Terror jetzt nach Dorsten?«
Darunter waren Bilder der abgebrannten Laube und des verwüsteten Gartens sowie der Menschenmenge, auf der keine einzelnen Personen zu identifizieren waren. Auf einem kleineren Foto war ein Auto zu erkennen, das den Parkplatz des Schrebergartens verließ. Das Nummernschild war geschwärzt. Kein Foto und keine Erwähnung der Leiche. Darauf folgten einige Interviews mit Leuten aus der Nachbarschaft, darunter auch Niesser und Maranowski.
Die Geschwister sahen sich fragend an. Ihre Firma hatte mit dieser Explosion nichts zu tun.
»Wie kommt Wang dazu, uns hinter dem Anschlag zu vermuten?« Kris war besorgt. »Handelt es sich bei dem Toten um Mike, den wir seit vorgestern nicht erreichen können?«
»Versuche, ihn zu erreichen.«
Er wählte dessen Nummer. Es meldete sich die Stimme mit der bekannten Ansage von der Unerreichbarkeit des Teilnehmers.
»Warum sollte Wang uns hinter dem Anschlag vermuten, wenn er nicht an Mike denkt?«, überlegte Beatrice. »Er verhält sich stets sehr distanziert und ist vorsichtig mit seinen Äußerungen. Und er ist immer gut informiert«, stellte sie fest.
Kris stimmte ihr zu. »Soll ich den ›Fisch‹ einmal anrufen?«, fragte er?
»Auf keinen Fall! Lassen wir ihn in Ruhe. Er wird uns wissen lassen, was geschehen ist, wenn er es für nötig hält.«
»Wann triffst du dich mit Wang?«, meldete sich Kris aus der Küche.
»Wir haben keinen Termin ausgemacht.«
Er kam mit einem Weinglas zurück. »Hast du einen Schluck für mich?«
Sie schenkte ein.
Sie nahmen einen Schluck.
»Sag mal, Beatrice«, dachte Kris nach einer Weile laut nach, »sollten wir zum Schrebergarten fahren und die Situation vor Ort begutachten? Von diesen Nachbarn, die interviewt wurden, könnte man etwas über den Toten erfahren, das nicht in den Nachrichten steht.«
»Was wollen wir sie fragen? Wir werden nur auffällig. Die Polizei wird das Gelände abgesperrt und nur für Mitglieder geöffnet haben. Aber …«
Ihr Handy meldete sich und kündigte durch den Ton eine verschlüsselte Nachricht auf der Signal-App an.
»Dann wollen wir einmal nachsehen, wer an uns denkt.« Es handelte sich um eine Nachricht, für die sie ein Passwort benötigte. Das bedeutete, die Mitteilung löschte sich selbständig, wenn sie nicht kurzfristig geöffnet würde.
»Der Lange schreibt:
›Habe die Leiche nicht sehen können. Das Auto wurde entsorgt. Mike soll mit letzter Kraft noch Hinweise gegeben haben. Yú hat Mike als Spitzel enttarnt und will, dass ihr die Firma auf weitere Ratten abklopft. Sucht nach einem USB-Stick und evtl. nach Dokumenten. Seine Adresse ist Lembeck (s. Karte). Schlüssel liegt ab heute Nacht bei euren Eltern. Der zweite Schlüssel ist für einen Stauraum unter der Treppe‹.«
Eine zweite Nachricht erschien mit der angemeldeten Karte.
Sie schob es Kris hin. Er las die Nachricht und betrachtete die Karte.
»Dann ist Mike der Tote? Das ist entsetzlich! Er soll der Spitzel gewesen sein? Um Gottes willen! Was wusste er?« Er öffnete die Karte. »Scheint ein Haus abseits in dem Wald gelegen, durch den der Lembecker Weg führt.«
»Scheint mir auch so. Ich habe eine Idee. Lass uns heute Abend etwas essen gehen. Auf dem Rückweg fahren wir dort kurz vorbei. Vielleicht ist der Schlüssel schon dort.«
»Der Friedhof wird geschlossen sein, Beatrice. Schau auf die Uhr.«
Kris wartete kurz ab. Die Nachricht löschte sich wie gewöhnlich dreißig Sekunden, nachdem sie als ›gelesen‹ markiert worden war. Sie schob das Smartphone in ihre Handtasche, die auf dem Tisch lag.
»Dann lass uns noch ein Glas trinken.«
Kapitel 10.
Berendtsen erschien halb neun in der IT-Abteilung bei Roland Schubert. Voller Stolz präsentierte er ihm den USB-Stick seines Nachbarn. Der IT-Mann startete voller Erwartung den Ordner, als er hörte, dass die Aufnahmen von einem Profi stammten. Sofort war das vollständige Nummernschild des Fünfer BMW auszumachen, der den Parkplatz zu verlassen schien. Berendtsen wies Oliver an, es sogleich mit der Bitte um sofortige Identifikation an Uschi zu übermitteln. Das Profil des Fahrers war auszumachen, aber nicht zu verwerten. Auf einem anderen Foto wurde ein einzelner Mann entdeckt, der von der Straße aus Fotos vom Einsatzgebiet mit seinem Handy schoss.
»Dieser Kerl könnte für uns von Bedeutung sein«, stellte Roland fest und vergrößerte einen Ausschnitt.
»Selbst wenn er nicht mit der Tat in Zusammenhang steht, könnte er etwas beobachtet haben, da er aus einer anderen Perspektive auf das Geschehen blickt. Da gebe ich dir recht, Roland. Wir sollten sein Konterfei auf die Handys der entsprechenden Streifen schicken. Vielleicht können wir ihn finden.«
Roland speicherte den Ausschnitt.
»Hier ist er noch einmal. Er ist offensichtlich zu Fuß.« Der Mann war am Rand eines anderen Bildes zu sehen und machte sich augenscheinlich Richtung Norden auf den Weg. »Dann wohnt er nicht weit weg. Er hat den Knall gehört und ist nachschauen gegangen. Er müsste zu finden sein«, glaubte Berendtsen.
»Was stellst du dir als Text für die Bilder vor, Albert?«, fragte Roland.
»Einfach: ›Zeuge Schrebergarten Dorsten‹.«
»Up to Date« erklang, der Klingelton auf Berendtsens Handy.
»Das aktuelle Sportstudio meldete sich«, kommentierte Roland.
Es war Uschi.
»Was gibt’s?«
»Nichts, Chef. Deswegen rufe ich an. Ich habe alle Möglichkeiten durch. Es gibt nichts über das Auto. Das Kennzeichen ist nicht ausgegeben. Ich habe in Marl bei der Zulassungsstelle versucht, das Kennzeichen für eine Zulassung zu reservieren. Ich erhielt den Hinweis, das Kennzeichen wäre nicht verfügbar. Flensburg erteilt keine Auskunft.«
»Danke. Ich werde auf dem Rückweg bei Ihnen vorbeischauen. Ist Hallstein schon an Bord?«
»Ich habe ihn schon getroffen. Er war auf dem Weg in sein Büro. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
»Nicht nötig, mache ich schon selbst.« Dann wandte er sich an Roland. »Du weißt, was zu tun ist. Wir müssen nach dem Kennzeichen fahnden, Kameras der Verkehrsüberwachung ansehen, den Mann auf der Brücke finden und den Asiaten ausmachen, der im Nachbarhaus am Fenster Fotos geschossen hat. Ziehe Frau Günther hinzu. Von ihr brauche ich die Vernehmungsprotokolle und die Namen der Leute, die sie im Schrebergarten nicht erreicht hat.«
Bis zu Hallsteins Büro war es nicht weit.
»Moin Oliver, wir können das Nummernschild dieses Fünfers vom Schrebergarten nicht identifizieren. Es ist nirgends registriert, auch in Marl kann man im Archiv keine Daten finden. Also ist es niemals zugelassen worden. Verwunderlich ist, dass man aber dieses Kennzeichen nicht für eine Neuzulassung reservieren kann.«
»Die Nummer müsste frei sein.«
»Ich habe eine Idee: Hast du noch immer deine Beziehung zum Verfassungsschutz in Köln?«
»Mit ihnen habe ich in der letzten Woche noch gesprochen.« Oliver schaltete sofort. »Das könnte etwas ergeben. Du meinst, dass ich dort einmal nachhören soll? Augenblick!« Er sah in einer passwortgeschützten Adressdatei nach. Er wählte, wartete und deutete Albert, sich zu setzen, denn er bemerkte, dass Albert immer noch ein wenig schief stand. Auf der Durchwahl meldete sich niemand. Er wählte die Zentrale an.
»Hallstein, Kriminalpolizei Recklinghausen. Ist Herr Schneider aus der Ermittlergruppe Drei zu sprechen? … Okay … ich warte. Ich habe eine Ermittler-Nummer.« Er musste seine Dienststellennummer aus Recklinghausen angeben, dann seine Personalnummer und schließlich die Kennung aus Köln.
»Ja, es ist sogar sehr wichtig!« Hallstein wurde ungehalten.
Er nickte Albert zu.
»Sie wird ihn anfunken. Dauert nicht lange.«
Hallstein nahm auf seinem Sessel Platz. Er zog mit der Schuhspitze die unterste Schreibtischlade aus und kreuzte seine Füße darauf.
Schließlich hatte er Schneider am Apparat. Kurze Floskeln. Allen ging es gut.
»Du könntest mir einen Gefallen tun, Karl. Ich brauche Auskunft über den Fahrer des Wagens mit dem Kennzeichen …« Er schob einige Dokumente aus seinem Schreibtisch beiseite. Dann konnte er die Nummer durchgeben.
»Einen Moment, mein Freund. Ich bin gerade auf dem Weg in mein Büro. Dort kann ich die Daten einsehen. Moment. Bleib dran!«
Flurgeräusche, kurzer Smalltalk mit einem Kollegen, Türen klappern. Es dauerte einen Moment.
»So, jetzt kannst du loslegen. Was möchtest du wissen?«
Hallstein gab die Nummer ein zweites Mal durch.
»Was? … Düsseldorf? … Klasse. Noch einmal zum Mitschreiben. Wie ist der Name? Aha … Hast du eine Durchwahl? … Danke. Revanchiere mich gelegentlich … Geht klar. Vielen Dank.« Er zog die letzten Ziffern nochmals deutlicher nach und wählte. »Der Wagen läuft über das Landeskriminalamt.«
Die Durchwahl stimmte. Hallstein wies sich aus und trug sein Anliegen erneut vor. Er hörte eine Weile zu.
»Ganz im Gegenteil! Das scheint mir sogar sehr relevant zu sein!«, erwiderte Hallstein sehr bestimmt, »denn der Mann, der mit diesem Auto unterwegs war, ist einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen. Wenn wir nicht so gut recherchiert hätten, würde Ihre Firma sich in den nächsten Wochen darüber wundern, warum er sich nicht mehr meldet. Somit hätten Sie ein riesiges Problem, den Mann zu orten. Ich erwarte von Ihnen eine Auskunft! … Am besten gestern! … Bis dann.«
»Düsseldorf ist im Spiel?«, fragte Albert.
»Sie rufen heute noch zurück.«
»Wenn das LKA in dieser Sache tätig ist, dann sind wir an einer dicken Sache dran, Oliver. Dann wird’s meistens spannend.«
»Müssen wir beim Einsatz des LKA Frau Dr. Zimmermann informieren, Albert? Kannst du das übernehmen? Du hast doch gute Beziehungen zu ihr.«
»Ja. Ich muss sie ohnehin noch über unseren Fall unterrichten.« Er sah auf seine Uhr. »Vielleicht ist sie noch im Haus. Ich wünsche dir einen schönen Feierabend. Komm gut heim.«
Er hatte Glück. Frau Dr. Vera Zimmermann, die Direktorin des Polizeipräsidiums Recklinghausen war noch in ihrem Büro und bat ihn herein. Sie begrüßte ihren alten Freund mit einem Küsschen auf die Wange. Manchmal wurde Berendtsen das Gefühl nicht los, dass sie ihre Jugendliebe erneut aufblühen lassen möchte. Dabei war sie glücklich mit Paul verheiratet, einem erfolgreichen Architekten.
»Wie geht es dir und deiner Familie, Irmgard und den Kindern? Alles gut bei euch? Gehst du krumm?«
»Alles in bester Ordnung. Irmgard geht es gut. Mir auch, aber mich hat es leider in der Dienstagnacht im Rücken erwischt. Es war recht kalt, was man aber bei dieser Brandhitze nicht bemerkt hat. Der Rücken ist kalt geworden. Als ich es auf der Heimfahrt bemerkt habe, war es zu spät.« Berendtsen reckte sich. »Es wird besser. Ich denke morgen oder übermorgen …«
»Du siehst angeschlagen aus. Hast du dich erkältet?« Sie fühlte ebenfalls seine Stirn. Berendtsen hielt es für eine weibliche Marotte, immer seine Temperatur zu fühlen.
»Ich habe kein Fieber.« Er nahm unaufgefordert Platz.
»Du hast ein größeres Problem zu lösen, wie ich gehört habe, Albert?« Sie öffnete eine kleine Flasche Mineralwasser, das immer auf ihrem Konferenztisch stand, und goss ein.
»Es deuten verschiedene Indizien darauf hin.« Er nahm einen Schluck und goss den Rest der Flasche nach. »Wie du weißt, gab es eine Explosion einer Gasflasche in einem Dorstener Schrebergarten. Eine ganze Scholle wurde professionell abgeräumt. Dabei ist auffällig, dass nur diese eine Scholle betroffen ist. Ich will damit sagen: Wer ist dazu in der Lage, die Sprengkraft so anzupassen, dass dieses Grundstück völlig zerstört wird und in der Nachbarschaft bis auf einige Scherben alles heil bleibt? So etwas kann nur von einem Profi durchgeführt worden sein. Mir ist schleierhaft, wie von einer Gasflasche eine solche Kraft ausgehen kann. Ich denke, dass zusätzlich Sprengstoff verwendet wurde.«
»Gehst du von organisierter Kriminalität aus?« Vera setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl. »Mafia?«
»Von diesem Verein möchte ich gar nicht mal sprechen. Hier bei uns ist die Mafia nicht sonderlich auffällig. Sie hält sich vorsichtig zurück.«
»Schließlich hast du selbst dem Verein vor zwei Jahren eine heftige Schlappe zugefügt. Das war großartige Aufklärungsarbeit, Albert. Wollte ich dir immer schon gesagt haben.«
»Hast du bereits mehrfach getan, Vera. Nochmals vielen Dank für die Anerkennung.« Er drehte den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch um, ließ sich rittlings nieder und legte die Arme auf die Lehne. »Auf jeden Fall waren mehr als ein Täter in diese Tat involviert. Einer hat gezündet, einer hat das Auto vom Parkplatz entfernt. Lege mich aber nicht auf zwei Personen fest. Es sieht so aus, als hätte mindestens ein Dritter das ganze geplant. Es ist noch zu früh, etwas Genaues zu sagen. Willi ist mit der Spurenauswertung noch lange nicht durch, sagt er.«
»Wenn du Hilfe brauchst … beim Staatsanwalt, Richter oder einer anderen Behörde, greif auf mich zurück. Manchmal geht es auf dem kurzen Dienstweg einfacher und schneller.«
»Weiß ich. Im Moment liegt nichts an. Ich wollte dich nur kurz informieren, damit alles seine Richtigkeit hat.«
»Fein, ich danke dir. Machst du jetzt Feierabend?«
»Ich bin auf dem Weg.«
»Grüß Irmgard und die Kinder.«
»Danke. Was macht Paul? Immer noch mit dem Neubau des Klinikums beschäftigt?«
»Immer noch. Es wird auch noch dauern. Er kommt damit besser klar, als ich zunächst gedacht habe. Er hat sogar noch Zeit für mich.«
»Grüße ihn. Bis dann.« Berendtsen stand bereits in der Tür.
»Ich werde mit Irmgard telefonieren. Wir sollten uns zu einem Barbecue verabreden. Willi würde bestimmt auch gern kommen. Er grillt gerne.«
Berendtsen winkte kurz. »Genau. Tschüss.«
»Bleibe einen oder zwei Tage zuhause und erhole dich!«, rief sie ihm nach. »Besorge dir Lindenblütentee!«
Teetrinken war nicht sein Ding. Er entschied sich, auf dem Weg nach Hause kurz bei seiner Apotheke vorbeizufahren und sich von seinem Apotheker, Herrn Simons, beraten zu lassen. Der kannte ihn.
Irmgard inspizierte die Tüte und wollte ihm sogleich die Medikamente verabreichen. Er zog es allerdings vor, zuerst den Abend mit seinem Whisky und dem Abendessen einzuläuten.
»Guten Abend, Papa, wie geht’s?«, grüßte ihn Maximilian.
»Du bist zuhause? Ich denke, du kommst erst morgen.«
»Als ich von deiner schweren Erkältung gehört habe, bin ich direkt in den nächsten Laden gesprintet und habe dir etwas mitgebracht. Bitte sehr!«
»Das war eine gute Idee! Printen … und genau die richtigen. Danke!«
Zwei Stück wurden vertilgt, ehe die Abendbrötchen auf dem Tisch standen.
»Ist Sophie auch schon da?«
»Sie kommt morgen. Sie hat noch Termine. Sag mal, Papa, was ist das für ein Fall, den du jetzt bearbeitest? Mama deutete an, dass die Mafia ihre Hände im Spiel hat?«
»Ob es die Mafia ist, vermag ich nicht zu sagen. Das Vorgehen deutet darauf hin, dass es mehrere Profis sind, die diesen Anschlag geplant und ausgeführt haben. Das kann eine Familienbande sein, ein Clan, oder eine andere kriminelle Verbindung. Hier in der Gegend, sprich Ruhrpott, weiten sich die Aktivitäten verschiedener Gruppen aus. Es handelt sich vorwiegend um orientalische Familien. Iraner, Iraker, Afghanen und auch IS-Kämpfer treiben hier ihr Unwesen. Dazu gesellen sich neuerdings die Westbalkanstaaten. Albanien, Kosovo und Montenegro. Die Mafia ist hier ebenfalls vertreten, aber die leben hier eher zurückgezogen. Sie agieren von Deutschland aus, vor allem NRW, aber sie agieren nicht in NRW. Sie verhalten sich hier ruhig. Sie bringen vor allem hier ihr Schwarzgeld in Immobilien unter. Sie kaufen einerseits alte, baufälliger Häuser, renovieren diese und vermieten oder verkaufen teuer. So ist ihr Geld gewaschen. Auf der anderen Seite kaufen sie in TOP-Lagen die teuersten Anwesen zu einem niedrigen offiziellen Preis mit reichlich Cash in offene Taschen, um sie irgendwann später für reines Geld auf dem Konto zu verkaufen.«
»Mafia ist hier nicht so schlimm?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, die Mafia verhält sich hier ruhig, im Sinne von unauffällig, still. Sie betreiben schon ihre Geschäfte und ab und an wird auch jemand liquidiert, aber eben nicht auf so auffällige Weise. Es knallt nicht. Dieser laute Mord will nicht zu ihrem Verhalten passen.«
»Deshalb glaubst du, eine andere Gruppe steckt dahinter?«
»Hmm. Das denke ich.«
Die Fortführung des Gesprächs war nicht möglich, weil das Fieberthermometer anrollte. Irmgard war von dem neuen Thermometer, das die Temperatur auf Knopfdruck von der Stirn ablas, begeistert.
»Achtunddreißig zwei«, kommentierte sie. Wie befohlen nahm er die Arznei.
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