Kitabı oku: «Der Penis-Komplex»
Gerhard Staguhn
Der Penis-Komplex
Eine Analyse:
biologisch, geschichtlich, psychologisch, persönlich

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ISBN 978-3-86674-653-4
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Penis (lat. eigtl. ›Schwanz‹) der (Rute, männliches Glied, Phallus), männl. Begattungsorgan bei vielen Tieren und beim Menschen; dient der Samenübertragung in den Körper des weibl. oder zwittrigen Geschlechtspartners, v. a. bei Bandwürmern auch in den eigenen (zwittrigen) Körper.
Meyers großes Taschenlexikon
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Definition
Vorwort
1. Kapitel: Die biblische Penis-Genese
2. Kapitel: Die biologische Penis-Genese
3. Kapitel: Ein aufrichtiges Organ
4. Kapitel: Der berühmteste Penis der Kunstgeschichte
5. Kapitel: Doktorspiele
6. Kapitel: Brüste, Brüste, Pollutionen
7. Kapitel: Von A (wie Antenne) bis Z (wie Zipfel)
8. Kapitel: Der einsame Onan
9. Kapitel: Penetrations-Phobien
10. Kapitel: Der ideale Penis
11. Kapitel: Die Schule des Fetischismus
12. Kapitel: Auf Umwegen zum Koitus
13. Kapitel: Das Fellatio-Problem
14. Kapitel: Die Antinomie der Geschlechter
15. Kapitel: Der pornografische Penis
16. Kapitel: Der künstliche Penis
17. Kapitel: Der impotente Penis
18. Kapitel: Der Penis der Zukunft – Die Zukunft des Penis
Verzeichnis der verwendeten Bücher

Der David, Statue von Michelangelo, Florenz
Vorwort
Als Autor weiß man, dass sich Franz Kafkas berühmte Sentenz »Wer sucht, findet nicht, aber wer nicht sucht, wird gefunden« nicht nur in der Liebe, sondern auch im Finden eines geeigneten Buch-Themas bewahrheitet. Bloß nicht verkrampft danach suchen! Beim vorliegenden Buch war es tatsächlich so, dass ich von diesem für einen Mann zwar nahe liegenden, für einen seriösen Autor gleichwohl etwas abwegig erscheinenden Thema gefunden, fast möchte ich sagen: heimgesucht wurde. Unangemeldet klopfte es ziemlich ungestüm an die Tür, wobei man als Freund des Kalauers geneigt ist, von der Hosentür zu sprechen.
Dass mir diese thematische Heimsuchung erst an der Schwelle zum Alter widerfuhr, erscheint plausibel. Im Alter wird sogar der Angsthase mutig – weil er, was sein bescheidenes Renommee betrifft, nichts mehr zu verlieren hat. Ein bisschen Autoren-Mut wird beim Thema ›Penis‹ in der Tat verlangt, zumal in Zeiten, die prüder sind, als man bei oberflächlicher Betrachtung meinen könnte. So ein Penis ist zwar das Natürlichste von der Welt, doch sobald man sich anschickt, ihn eingehender unter die Lupe zu nehmen, betritt man – wie sollte es anders sein? – das heikle Feld des Obszönen. Dieses ist bestens geeignet, einen Autor ins trübe Licht der Peinlichkeit zu rücken. Das Obszöne des ›Gegenstands‹ färbt auf den Autor ab, spätestens von dem Moment an, da er mit seinem Penis-Essay an die Öffentlichkeit tritt. Diesen Umstand zu beklagen, wäre allerdings nur larmoyant; schließlich zwingt einen niemand dazu, sich eingehend mit dem Geschlechtsteil des Mannes zu befassen, ihm schreibend auf den Grund zu gehen – und sich selbst gleich mit dazu.
Dabei hatte ich schon zu Beginn der Schreibarbeit, und erst recht in ihrem weiteren Verlauf, das dumpfe Gefühl, dass dieses Thema spätestens seit den krisenhaften Zeiten der Pubertät in mir geschlummert hat, tief versunken im Dornröschenschlaf der Verdrängung. Doch alles Verdrängte und Unerledigte kehrt irgendwann zurück. Diese Rückkehr kann faszinierend oder erschreckend sein; meistens ist sie beides zugleich.
Kurzum, das Thema ›Penis‹ birgt für einen Autor ein gewisses Gefahrenpotenzial. Es legt einem so manchen Fallstrick in den Weg. Es kollidiert mit der eigenen Schamgrenze, die sich zuweilen selber als Fallstrick erweist. Schreibend fühlt man sich ständig hin- und hergerissen zwischen Benennen und Verschweigen, Übertreiben und Verharmlosen, zwischen Erkennen, Bekennen und Verkennen, zwischen Entblößen und Verhüllen, Inszenieren und Zensieren. Das heißt, man muss erst mal herausfinden, wo die eigene Schamgrenze, dieses zensierende Geistgebilde aus Selbstschutz und Verklemmtheit, verläuft – und wo die mutmaßlichen Schamgrenzen der mutmaßlichen Leserinnen und Leser verlaufen könnten, wohlwissend, dass jeder Mensch seine ganz persönliche, mehr oder weniger flexible Schamgrenze hat, entsprechend seiner einmaligen Sexualität.
So richtig offenbart sich dieses Problem aber erst in dem Moment, da man als Autor meint, beim Thema ›Penis‹ sich selbst – inklusive Geschlechtsteil – ins Spiel bringen zu müssen. Das weckt verständlicherweise den Verdacht einer exhibitionistischen Neigung des Autors. Mit diesem Verdacht lässt es sich freilich in einer Gesellschaft, die ausgiebig dem Exhibitionismus (und Voyeurismus) frönt, sehr gut leben.
Mich und meinen Penis aus dem Spiel zu lassen, hätte in mir das ungute Gefühl erzeugt, mich schreibend aus dem Staub zu machen, mehr noch: mich schreibend zu kastrieren. Denn eine trockene akademische Studie zu verfassen, etwa unter dem Titel »Penis und Patriarchat unter besonderer Berücksichtigung von diesem und jenem« erschien mir alles andere als verlockend. Ich hätte mich beim Schreiben gelangweilt; und das ist wohl die schlechteste Voraussetzung für ein Buch, das kurzweilig sein will.
Zugegeben, der Penis des Autors ist so interessant nun auch wieder nicht. Er ist nur dann von Interesse, wenn die literarische Beschäftigung mit ihm das eine oder andere zum allgemeinen Erkenntnisgewinn beiträgt. Das ist nur dann der Fall, wenn sehr persönliche sexuelle Erfahrungen auf eine analytisch erzählende, bei Gelegenheit auch ironische oder komische Weise vermittelt werden. Das eröffnet dem Leser die Möglichkeit, sich im Erzählten wiederzuerkennen, ohne über sich selbst (und den Autor) bestürzt zu sein. Leser und Autor werden so zu Verbündeten.
An diesem Punkt meldete sich, bei allem Autorenmut, dennoch meine innere Schamgrenzen-Stimme und forderte eindringlich eine angemessene zeitliche Distanz zum literarisch entblößten Autoren-Penis. Angemessen, so ließ die Stimme verlauten, seien fünfzig Jahre. Das ist fürwahr eine lange Zeit. Und so erwies sich mein fortgeschrittenes Alter ein weiteres Mal als ein Vorteil: Ich würde mich und meinen Penis, der eigenen Schamgrenze zuliebe, nur im Hinblick auf Kindheit und Pubertät dem gnadenlosen Licht der Öffentlichkeit preisgeben. Die geschilderten intimen Erlebnisse würden in gewisser Weise verjährt sein. Sie hätten nur noch ganz entfernt mit mir, dem alten Mann von heute, zu tun. Ihre obszönen Peinlichkeiten wären über die Distanz eines halben Jahrhunderts hinweg nicht mehr in der Lage, mich in meinem jetzigen Dasein zu desavouieren; sie wären mit einer schützenden Patina aus Komik und Ironie literarisch derart veredelt, dass sie auch für andere genießbar sein sollten als aufrichtige Beispiele des Menschlich-Allzumenschlichen auf dem Feld der kindlichen und pubertären Sexualität. Das ist zumindest meine (vielleicht naive) Hoffnung.
Ziemlich überrascht war ich allerdings über das den Buchmarkt betreffende Faktum, dass es bis dato (außer einigen gut gemeinten und auch recht gut gemachten Aufklärungsbüchern für die pubertierende Jugend, dem einen oder anderen urologischen Ratgeber, und gleich mehreren Werken, die sich mit dem unverwüstlichen, wahrscheinlich seit dem Neolithikum die Männerseele bedrängenden Thema ›Penisverlängerung‹ befassen) kein einziges Werk gibt, das den Penis nicht nur als männliches Geschlechtsteil, sondern vor allem als ambivalentes Symbol der patriarchalischen Ordnung aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten und zu verstehen versucht. Wenn man so will, dann ist die vorliegende Arbeit – bei aller gebotenen Bescheidenheit! – der erste Versuch einer umfassenden Monografie über das angeblich beste Stück des Mannes. So liefert dieses Buch endlich den Beweis, dass der Penis nicht nur aus biologischer oder medizinisch-hygienischer, sondern viel mehr noch aus kulturgeschichtlicher, soziologischer, psychologischer und nicht zuletzt persönlicher Sicht von einigem theoretischen Interesse ist, ganz abgesehen von seinem allseits bekannten praktischen Nutzen.
Neben der von mir unterstellten schriftstellerischen Berührungsangst gegenüber dem Thema ›Penis‹ gibt es vielleicht noch einen weiteren Grund für die bisherige Zurückhaltung von Autoren und Verlegern ihm gegenüber: Man traut dem Penis nicht zu, gleich ein ganzes, womöglich sogar kurzweiliges Buch zu füllen. Oder mit den Worten meiner 83-jährigen Schwiegermutter beim Anblick des fertigen Manuskripts: »Wie kann man nur so viel schreiben« – Pause – »über so ein winziges Ding!«
Mal davon abgesehen, dass dieses ›Ding‹, zumal im erigierten Zustand, so winzig nun auch wieder nicht ist – als Thema ist es alles andere als winzig. An ihm lässt sich buchstäblich die ganze, bei Adam und Eva beginnende Geschichte des Patriarchats aufhängen, einschließlich seines schleichenden Niedergangs, der notgedrungen auch ein Niedergang des Penis ist – mitsamt dem Mann, der dranhängt.
Und mit der Nennung von Adam und Eva sind wir auch schon im ersten Kapitel.
Erstes Kapitel
Die biblische Penis-Genese
Mit der Genesis, dem Ersten Buch Mose, wird die Bibel eröffnet. Sie beginnt mit der Erschaffung der Welt durch Gott, für die er sechs Tage benötigt. Danach ist der Schöpfer erschöpft und gönnt sich am siebten Tag Ruhe. Die meiste Kraft, so scheint es, raubt ihm die Erschaffung des Menschen; sie will nicht so recht gelingen. Das Problem liegt wohl darin, dass Gott meint, den Menschen nach seinem Bilde gestalten zu müssen. Zumindest äußerlich soll der Mensch ein Ebenbild der göttlichen Vollkommenheit sein. Er soll aussehen wie Gott. Aber er darf nicht sein wie Gott – ein paradoxes Unterfangen, das selbst Gott zu überfordern scheint.
Diese Paradoxie der Ebenbildlichkeit von Gott und Mensch ist freilich keine biblische Erfindung, sondern bereits in der archaischen und später der klassischen Kunst der Griechen vorgegeben. Das menschliche Abbild verkörpert auch dort das göttliche Urbild: Der Mensch ist nach göttlichem Maß gebildet. Die Gottheit ist im Menschenbild gegenwärtig.
Bis zur Erschaffung des Menschen hätte Gottes Weltschöpfung nicht besser funktionieren können; das geht wie am Schnürchen. Was sein soll, muss von Gott nur benannt werden, und schon ist es da. Im doppelten Sinne des Wortes drückt Gott die Welt aus: sprachlich und materiell. Er drückt die Welt buchstäblich aus sich heraus, Er gebiert sie durch die Hebammenkraft seines sprechenden Geists, durch das Wort. Dass das Göttliche sich im Wort offenbart, ist das ursprüngliche Ereignis des biblischen Schöpfungsmythos. Aus Geist wird Materie.
Der sprechende Geist Gottes wird im Hebräischen ruach genannt: ein lautmalerisches feminines Substantiv. Der Geist Gottes ist weiblich. Gott gebiert die Welt wie eine Göttin. Er ist eigentlich eine Sie.
Allein bei der Erschaffung des Menschen verlässt sich Gott nicht auf die Allmacht seines weiblichen Schöpfergeists. Er gebraucht dazu die Hände. Ganz profan und sehr männlich, in der Art eines Bildhauers, formt Gott den Menschen aus einem Erdenkloß, nicht anders als Prometheus im griechischen Mythos. Hier zeigt sich Gott nicht mehr weiblich gebärend, sondern männlich fabrizierend. Das gibt zu denken. Fast möchte man meinen, der Mensch sei es nicht wert, vom weiblichen ›Geist Gottes‹, allein durch das schöpferische Wort, in die Welt ›ausgedrückt‹ zu werden. Selbst den Tieren wurde diese Ehre zuteil. Wie zum Hohn wird der Mensch dagegen aus dem wertlosen Staub auf dem Acker gemacht. Acker/Staub heißt im Hebräischen Adama. Und so ist Adam ursprünglich kein Eigenname, sondern das von Adama sich ableitende Wort für Mensch. Adam ist der von Gottes Hand aus Adama Gemachte: der Acker- und Staub-Mensch.
Wenn’s denn so einfach wäre! Tatsächlich wird die Erschaffung des Menschen in der Bibel gleich zweimal erzählt, und zwar auf vollkommen unterschiedliche Weise. Das macht die Sache kompliziert. Im ersten Kapitel der Genesis, Vers 26, heißt es: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei […]« Wohlgemerkt: gleich und nicht nur ähnlich! Demnach schuf Gott kraft seines weiblichen Geists auch den Menschen zuerst durch das Wort, wenngleich er, anders als bei den vorangegangenen Schöpfungsakten, hier nicht explizit die Schöpfungsformel »Es werde …« ausspricht.
Nicht ein einzelner Mensch soll gemacht werden, sondern derer zwei: ein Mann und eine Frau, wie weiter zu lesen ist: »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn: und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan […]« (Kapitel 1, Vers 27/28) Die Menschen, in Gestalt von Mann und Frau, sollen sich vermehren, nicht irgendwie, sondern indem sie, nicht anders als die Tiere, geschlechtlich miteinander verkehren. Zwar spricht Gott das nicht explizit so aus, aber, daran kann kein Zweifel bestehen, Er meint es so. Im Sexuellen macht Gott keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Gott hat sich in dieser Hinsicht für den Menschen nichts Eigenes ausgedacht. Der Mensch koitiert nicht anders als alle Säugetiere. Sexuell ist der Mensch auch nur ein Tier: das Menschentier.
Weil Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, müssen logischerweise auch die menschlichen Geschlechtsorgane dem Bilde Gottes entsprechen. Denn ein Ebenbild ist immer etwas Ganzes, nichts Halbes. Und weil Gott einen Mann und eine Frau erschaffen hat, betrifft die sexuelle Ebenbildlichkeit nicht nur Penis und Skrotum des Mannes, sondern ebenso Klitoris und Vulva der Frau. Daraus folgt die irritierende, aber zwingende Erkenntnis, dass der biblische Gott, um der von Ihm gewünschten Ebenbildlichkeit gerecht zu werden, ein geschlechtliches, genauer: ein doppelgeschlechtliches Wesen sein muss. Gott ist männlich und weiblich zugleich. Der biblische Gott ist Gott und Göttin in Einem.
Die mutmaßlich männlichen Autoren der Bibel sahen das freilich anders. Sie waren zwanghaft darum bemüht, uns einen männlichen Gott, das heißt eine sexuell halbierte Gottheit zu präsentieren. Allerdings ist in der Bibel von Gottes männlicher Geschlechtlichkeit an keiner Stelle die Rede. Sie wurde schlichtweg übergangen, man könnte auch sagen: verdrängt. Der patriarchalische Gott ist auf rätselhafte Weise ›geschlechtslos-männlich‹. Aber auf keinen Fall ist Er weiblich. Er ist nicht mal ›geschlechtslos-weiblich‹. Das hat eine paradoxe Konsequenz: Der ›geschlechtslos-männliche‹ Gott hat seinen beiden menschlichen Ebenbildern Genitalien verliehen, die Er selber entbehrt. Das ist das grundlegende, nämlich sexuelle Dilemma der biblischen Ebenbildlichkeit. Gott schafft den Menschen nach seinem Bild, gestaltet ihn aber nicht grundsätzlich anders als einen Schimpansen oder Kragenbären. Wenn der Mensch sowohl ein Ebenbild Gottes als auch des Tieres ist, dann ist in logischer Konsequenz auch das Tier, vermittelt über den Menschen, ein Ebenbild Gottes. Konsequent weitergedacht, führt das dazu, dass die ganze Schöpfung ein Ebenbild Gottes ist. Schöpfer und Schöpfung würden so in eins zusammenfallen.
Doch der Gott der Bibel darf kein Tier sein. Anders als die griechischen Götter, koitiert der biblische Eine nicht. (Nur nebenbei bemerkt: Die griechischen Götter koitieren – untereinander und mit Menschen –, aber sie defäzieren nicht, obwohl sie genüsslich speisen.) Erst das Christentum wird unter dem griechischen Einfluss, den der Apostel Paulus zu verantworten hat, dem Einen Gott einen einzigen Koitus erlauben, wenn auch nur auf die transzendente Art: Der Vater im Himmel, präziser: sein Heiliger Geist, schwängert die irdische Jungfrau Maria, ohne dass sie dabei ihre Jungfernschaft verliert. Er zeugt mit ihr den Menschensohn nicht mit der Kraft eines göttlichen Gemächts, sondern nicht anders als bei der Welterschaffung: mit der Allmacht seines Geists. Wenn man so will, dann wird die Jungfrau Maria vom sprechenden Geist Gottes durch das Ohr geschwängert. Das Ohr dient seit alters in vielen Kulturen als Symbol für das weibliche Genitale. So wird die Vulva auch als das ›Ohr zwischen den Beinen der Frau‹ bezeichnet. Satan weiß sehr wohl, was er tut, wenn er sich in Gestalt der Schlange, die für den Penis steht, in Evas Ohr einschleicht, oder treffender: einschleimt. Buddha, so die Legende, wird nicht nur über das Ohr seiner Mutter gezeugt, sondern über dieses auch geboren. Kassandra, die große Seherin des griechischen Mythos, gewinnt ihre seherische Gabe, nachdem ihr eine Schlange – da haben wir wieder der Penis! – das Ohr ausleckt. Im veralteten deutschen Sprachgebrauch gibt sich die Frau dem Mann hin, indem sie ihn ›erhört‹, ihm ›Gehör schenkt‹, soll heißen: ihm ihr ›Ohr zwischen den Beinen‹ schenkt.
Gottes matriarchalische Seite
Das biblische »Mehret euch!« verweist, bei aller Dominanz des Patriarchalischen in der Bibel, auf einen matriarchalischen Ursprung der Schöpfungsgeschichte, der mit der gebärenden Weiblichkeit des göttlichen Geists bereits angedeutet wurde. Es ist typisch für matrilineare Kulturen, dass sie ihre Wertmaßstäbe aus der sexuellen Konstitution der Frau ableiten. Liebe und Sexus betrachten sie als Erfüllung des göttlichen Willens zur Fortpflanzung. Die Sexualität wird im Matriarchat als Werkzeug der Großen Göttin im Dienst des Lebens aufgefasst. Aus matriarchalischer Sicht ist der Orgasmus eine Art von Offenbarung, durch die der Mensch die göttlich-weibliche Schöpfungsekstase für ein paar Sekunden nachempfinden darf – auch der Mann!
Das biblische »Mehret euch!« zielt vor allem auf die Frau als Schöpferin neuen Lebens; das Schöpfertum des Gebärens verleiht ihr einen göttlichen Glanz. Dem Mann bleibt dieser Glanz der ›Göttlichkeit‹ versagt. Daran ändert auch seine kleine Samengabe nichts, die die Frau zu ihrem Schöpfertum benötigt, wobei zu bedenken ist, dass in den matriarchalischen Frühkulturen der Zusammenhang zwischen Koitus und Schwangerschaft noch nicht gesehen wurde. Vielmehr stellte man sich vor, dass sich die Kinder als winzige Geister in den Schoß der Mutter einnisten, gewöhnlich unter Mitwirkung des Geistes einer verstorbenen Verwandten der Schwangeren.
Was die alten Muttergottheiten betrifft, so zeichneten sie sich vor allem durch die Qualität der Doppelgeschlechtlichkeit aus. Würde man, im Stil der Antike, das Abbild einer matriarchalischen Urgottheit gestalten, so müsste es fraglos hermaphroditisch, also zweigeschlechtlich sein. In der zweigeschlechtlichen Gottheit spiegelte sich die grundsätzlich bisexuelle Natur des Menschen, ja aller Lebewesen.
In der Erschaffung von Mann und Frau spaltet die männlich-weibliche Gottheit unter dem Diktat des Patriarchats ihre Doppelgeschlechtlichkeit in zwei Geschlechter auf. Hier denkt man unweigerlich an Platons berühmte Hypothese zum Ursprung der menschlichen Sexualität, die er im Symposion durch den Komödiendichter Aristophanes (ca. 445 v. Chr. – ca. 385 v. Chr.) entwickeln lässt. Danach werden Mann und Frau durch den Sexualtrieb unwiderstehlich zueinander getrieben, weil sie einen Urzustand wiederherzustellen trachten, in welchem das Männliche und das Weibliche noch eins waren. Mann und Frau, so erzählt der Mythos, gingen aus einem idealen mannweiblichen Urwesen hervor, an dem alles doppelt war: Es hatte vier Arme, vier Beine, zwei Gesichter und auch doppelte Geschlechtsorgane, sowohl Penis/Skrotum als auch Klitoris/Vagina. Doch Zeus, dem Göttervater, war dieses Wesen, das man sich als ein glückliches vorstellen muss, suspekt. Denn glücklich waren nicht mal die Götter. Und so ließ Zeus dieses menschliche Urwesen aus purem Neid zerteilen. Seitdem verspüren beide Hälften das unbezwingbare Verlangen, wieder eins zu werden. In der geschlechtlichen Vereinigung, wenn sie denn glückt, dürfen die beiden Halbwesen für kurze Zeit wieder eins sein. Damit ist die Sexualität der Urtrieb des menschlichen Daseins, wie ihn auch Sigmund Freud (1856 – 1939), in Anlehnung an Platon (ca. 427 v. Chr. – 348/347 v. Chr.), verstanden hat. Platons Mythos nimmt die moderne, von Freud begründete Erkenntnis vorweg, dass wir als Männer auch das Weibliche, und als Frauen auch das Männliche in uns tragen. Wenn wir als Mann eine Frau begehren, so begehren wir auch das Männliche in ihr, das wiederum mit dem Weiblichen in uns korrespondiert. Und umgekehrt.
Der hermaphroditische Gott
Wenn wir uns die schöpferische Gottheit des ersten Bibel-Kapitels als ein doppelgeschlechtliches Wesen vorstellen – die Bibel zwingt uns dazu –, so drängt sich die Nähe zum antiken griechischen Mythos auf, die ohnehin durch die erwähnte platonische Vorstellung eines doppelgeschlechtlichen Urwesens gegeben ist. Dass für die streng patriarchalische Bibel ein hermaphroditisches Gottesbild inakzeptabel ist, bedarf keiner Erklärung. Auch das Patriarchat im klassischen Griechenland hatte mit der Figur des doppelgeschlechtlichen Hermaphroditos, dieser von Hermes und Aphrodite gezeugten Gottheit, ein Problem. So zeigen die überlieferten Darstellungen fast immer einen patriarchalisch zugerichteten, man könnte auch sagen: entschärften Hermaphroditen. Seine Körperformen sind auffallend weiblich, einschließlich weiblicher Brüste, doch es fehlt ihm ein weibliches Genitale bei stets vorhandenem Penis. Die patriarchalisch geprägte Ästhetik des klassischen Griechenlands sah in den weiblichen Geschlechtsteilen ohnehin nur etwas Fehlendes – voran das Fehlen ästhetischer Reize. Die Götter, so dachte man, hätten das Genitale der Frau ästhetisch nicht nur vernachlässigt, sondern bewusst hässlich gestaltet. So fiel es, nebenbei bemerkt, den stark päderastisch ausgerichteten Griechen leicht, den Anus des Knaben ›edler‹ zu finden als die Vulva der Frau.
Da die Männer der griechischen Antike an der Vulva nicht sonderlich interessiert waren, schon gar nicht in ästhetischer Hinsicht, lag es nahe, sie bei künstlerischen Darstellungen des Hermaphroditos gleich ganz wegzulassen. Gezeigt wurde kein Mann-Frau-Wesen, sondern nur ein Mann mit weiblichen Körperformen. Im Grunde stellt die ganze antike griechische Plastik den Versuch dar, die Problematik der menschlichen Bisexualität irgendwie zu bewältigen und dabei den sexuellen Idealen eines päderastischen und auch sonst homosexuell orientierten Patriarchats gerecht zu werden.
Dieses klassische griechische Problem ist auch im biblischen Genesis-Mythos unterschwellig zu spüren. Dieser steht dem griechischen Mythos ohnehin näher, als man gemeinhin denkt. Die hermaphroditische Gottheit des ersten Bibel-Kapitels erschafft durch das Wort ihr Ebenbild in Gestalt des Mannes und der Frau. Damit wäre eigentlich alles gut, zumindest aus matriarchalischer Sicht. Aber nicht aus patriarchalischer. Und weil dem so ist, schiebt die Bibel sofort eine zweite Geschichte von der Menschenerschaffung hinterher, ohne die erste vollständig zu tilgen. Diese ist als matriarchalisches Fragment, das man leicht überliest, erhalten geblieben.
Adam, der erste Sohn und Geliebte Gottes
In der zweiten, breit erzählten, uns allen vertrauten Geschichte von Adam und Eva erscheint die Gottheit endlich als personifizierter Mann: als Patriarchengott. Dabei fällt auf, dass die christliche Ikonografie diesen Gott nicht als viriles Mannsbild zeichnet, sondern als weißhaarigen Opa – auch das ein Versuch, Gott zwar als männlich zu inthronisieren, ihn aber gleichzeitig zu entsexualisieren. (Aus ähnlichen Gründen wird man beizeiten auch den Heiligen Josef, den Ziehvater Jesu, zum alten, etwas vertrottelten Mann degradieren. Schließlich soll niemand auf die Idee kommen, Josef könne womöglich doch Jesus’ leiblicher Vater sein.)
Der Gott der zweiten Geschichte erschafft nicht mehr zwei gleichwertige erste Menschen durch das Wort, wie die erste Geschichte mitteilt, sondern nur noch einen einzigen. Und den per Hand. Als Ebenbild dieses nunmehr ausschließlich als männlich vorgestellten Gottes muss der erste Mensch logischerweise auch ein Mann sein. Auf die gleiche handwerkliche Weise auch eine Frau zu schaffen, unterlässt der männliche Gott, denn sie würde ja nicht der Ebenbildlichkeit genügen.
Dass sich Adam ohne Frau nicht fortpflanzen kann, scheint Gott fürs Erste nicht zu interessieren. Dieser Umstand verleiht der zweiten Schöpfungsgeschichte von Anbeginn an eine latente homosexuelle Note. Gott schafft sich in der Art eines Bildhauers eine lebendige Kopie seiner selbst: Adam, wenn man so will, ist das Abbild Gottes als junger Mann. Und dieses narzisstische Ebenbild seiner selbst will er offensichtlich ganz für sich alleine haben. Uns drängt sich der Gedanke auf, dass Gott sich dieses Ebenbild schafft, um sich auf die antike griechische Art narzisstisch in es zu verlieben. Er bläst ihm durch die Nase den ›lebendigen Odem‹ ein. Man könnte auch sagen: Gott gibt Adam einen Nasenkuss. Dieser ist alles andere als harmlos, stellt er doch die orientalische Form des Liebeskusses dar.
(Nicht umsonst hat die Nase von allen Organen des menschlichen Körpers die größte Affinität zu den Genitalien, ja sie ist, wie Wilhelm Fließ (1858 – 1928), ein langjähriger Freund Sigmund Freuds, entdeckt hat, ein verkapptes Sexualorgan, versehen mit ›Genitalstellen‹ von kavernösem Bau, die bei sexueller Erregung anschwellen, im Prinzip nicht anders als Penis und Klitoris. Von daher muss man nicht weiter erklären, was aus psychoanalytischer Sicht mit Gottes ›Blasen‹ von Adams ›Nase‹ gemeint ist.)
Die zarte homoerotische Spannung zwischen dem alten männlichen Gott und seinem jungen menschlichen Ebenbild hat Michelangelo in seiner berühmten Darstellung der Erschaffung Adams genial ins Bild gesetzt: in den zärtlich sich berührenden Zeigefingern. Finger haben per se einen starken erotischen Reiz: weil auch der Finger, nicht anders als die Nase, den Penis symbolisiert, nicht zuletzt in unseren Träumen. In der Berührung oder Fast-Berührung der beiden Finger hat Michelangelo nichts Geringeres als den Urreiz des Sexuellen dargestellt, zumal da Adams laszives Daliegen und sein auf dem Schenkel ruhender knabenhafter Penis auf subtile Weise mit dem Spiel der Zeigefinger korrespondieren.
Adam erscheint hier als Gottes erster Sohn – und als sein Geliebter. Jesus Christus, Gottes zweiter Sohn, wird in der christlichen Fortschreibung des alttestamentarischen Mythos als ›zweiter Adam‹ die konkrete Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott aufs Neue bezeugen. Jesus’ Geschlechtsteile sind, wie bei Adam auch, wie selbstverständlich darin eingeschlossen. Jesus’ Penis hat die christliche Ikonografie, zumindest bei der Darstellung des göttlichen Kindes, nie verleugnet, im Gegenteil, sie hat ihn geradezu genüsslich ins Bild gesetzt. Der Penis eines Knaben, egal, ob göttlich oder nicht, bewahrt durch alle Zeiten und Kulturen seine Unanstößigkeit. Hingegen gibt es kaum Darstellungen des Gekreuzigten mit entblößtem Geschlecht. Dabei weiß man, dass die Römer ihre Opfer nackt ans Kreuz geschlagen haben. Mir ist nur Michelangelos berühmtes Kruzifix in der Sakristei der Kirche Santo Spirito in Florenz bekannt. Freilich hat auch hier der Künstler den Penis des Gekreuzigten so zierlich gestaltet, dass er wie der eines Knaben erscheint und somit ebenfalls keinen Anstoß erregt. Selbst noch am Kreuz soll Jesus Christus die ›kindliche Gottheit‹ bleiben.
Doch zurück zu Adam. Dieser steht, aus gewässertem Ackerstaub geformt, mitsamt seinem Penis nackt und allein in der Welt: ein getreues Abbild seines Schöpfers. Er gleicht dem Herrn so sehr, dass, wie die jüdische Sage weiß, selbst die Engel ihn zuerst mit Gott verwechseln und in Ehrfurcht vor ihm erstarren. Adam ist »das Blut vom Blute des Ewigen«, wie es in den alten Sagen der Juden heißt. Seine Gestalt reicht gottgleich von der Erde bis zum Himmel. Erst später wird Adam von Gott zum Winzling eingeschrumpft, damit die Verwirrung der Engel ein Ende hat – und Gott nicht fürchten muss, dass ihm sein menschliches Ebenbild den göttlichen Rang streitig macht.
Adams tierischer Sexus
Adam weiß erst mal nicht, was er mit sich – und seiner Geschlechtlichkeit – anfangen soll. Auch darin ist er Gott gleich, dessen Männlichkeit ja auch eines weiblichen Pendants, einer Göttin, entbehrt. Doch Adam wurde von Gott als sexuelles Wesen, als Menschentier geschaffen, und so ist von Anbeginn ein sexuelles Begehren in ihm. Er spürt, eben weil ihn Gott nicht als Kind, sondern als jungen Mann erschaffen hat, das Verlangen, sich zu paaren – nicht anders als die Tiere auch. Es kann gut sein, dass ihm erst durch den Anblick der kopulierenden Tiere der Sinn seines Begehrens klar wird. Auch bei den Nachfahren Adams, also uns, funktioniert das Kopulieren ja nicht ›von selbst‹, sondern bedarf der gesellschaftlich vermittelten Anschauung. Die Tiere koitieren von Natur aus; dem Menschen muss man zeigen, wie’s geht, weil ihm mittlerweile der Instinkt dafür fehlt. Adam lernt es von den Tieren; es gibt ja sonst niemanden, von dem er es lernen könnte.
Unter dem Druck seiner Libido versucht Adam zuerst auf eigene Faust, eine Geschlechtspartnerin zu finden. Was liegt näher, als unter den Säugetieren danach zu suchen. Doch unter diesen »ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre«. (Genesis, Kap. 2, Vers 20) Die alten Sagen der Juden bemühen an diesem heiklen Punkt nicht den diffusen Begriff der »Gehilfin«, sondern sie teilen unverhohlen mit, dass Adam seinen Sexualtrieb an Säugetier-Weibchen zu befriedigen sucht: Er war »zuerst zu allen Tieren eingegangen […]; sein Gemüt wurde jedoch nicht eher ruhig, als bis er Eva fand und zu ihr einging.« (Die Sagen der Juden, S. 67) Mit »eingehen« ist in der Luther’schen Übersetzung ›koitieren‹ gemeint. Adam, so erzählt die Sage weiter, hatte nach seinen unbefriedigenden Versuchen in Sodomie gegenüber Gott zu murren begonnen: »O Herr der Welt! Alle Geschöpfe, die du in deiner Welt schufst, sind zu Paaren erschaffen worden; nur ich habe kein zweites Wesen, das zu mir gehörte.« (Die Sagen der Juden, S. 67)
Und endlich hat es auch Gott kapiert: Adam braucht eine Frau. Gottes eigene narzisstische Verliebtheit in sein menschliches Ebenbild hatte in ihm einen blinden Fleck erzeugt, ein psychisches Skotom (von griechisch skotos = Dunkelheit), wie die Psychoanalyse das zu nennen pflegt. »Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.« (Genesis, Kap. 2, Vers 18) Und weil Adams Frau in jeder Hinsicht zu Adam passen soll, wird Gott sie ihm anpassen. Eva ist die an den Mann angepasste Frau. Sie ist die Frau, die von Adam kommt. So soll gewährleistet sein, dass sie auch bei ihm bleibt. Zu diesem Zweck entnimmt Gott dem Adam eine Rippe und baut daraus Eva: eine Art von Ableger-Frau.
Über Adams erste Frau, also jene der ersten Menschenerschaffung, schweigt sich die Bibel aus; es ist, als wäre sie nie erschaffen worden. Ihr Name wird an keiner Stelle erwähnt. Dennoch wissen wir aus den Quellen der uralten jüdischen Sagen, dass ihr Name Lilith war, was soviel wie ›die Nächtliche‹ bedeutet. Sie passte, zumindest im Verständnis der patriarchalischen Bibel, überhaupt nicht zu Adam. Als starke, eigensinnige und eigenständige ›Urfrau und Urmutter‹ entstammte sie den altorientalischen Matriarchaten und fand, als gleichwertige Partnerin Adams, Eingang in die erste Schöpfungsgeschichte. Lilith war zu sehr sie selbst, als dass sie sich Adam unterworfen hätte, wie es die patriarchalische Bibel von der Frau verlangt. Sie legte Wert darauf, Adam auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Schließlich war sie von Gott auf die gleiche Art wie Adam erschaffen worden. »Bist doch nur meinesgleichen, beide sind wir von der Erde genommen«, wird sie Adam im Streit entgegenschleudern. Lilith fordert im Sexuellen – und auch sonst – die Gleichheit ein, jene vollkommene Gleichheit der Geschlechter, wie sie von der weiblich-männlichen Gottheit des Matriarchats repräsentiert wurde.
Die widerspenstige Lilith wird, wie zur Strafe, von den patriarchalisch geprägten Bibelautoren klammheimlich in die jüdische Sagenwelt verbannt, um in der Bibel, und bei den Lesern derselben, keinen Glaubensschaden anzurichten. Zum bösen weiblichen Dämon umgedeutet, verkörpert sie fortan die dunkle, rätselhafte, dem Mann Angst einflößende Seite der Frau. In der Kabbala, der jüdischen Mystik, genießt Lilith immerhin eine Art von negativer Verehrung als ›Königin des Bösen‹‹, als die sie im jüdischen Volksglauben bis heute ihr düsteres Dasein fristet. Mit Adam hatte Lilith immer nur Streit, bis sie ihn verließ und »davonflog in die Lüfte«. Nur einmal, so erzählt die Sage, kehrte Lilith zu Adam zurück: während jener 130 Jahre nach dem Sündenfall, in denen sich Adam seiner zweiten Frau Eva sexuell verweigert hat. Mit ihrem Unterleib aus »eitel Feuer und Flamme« suchte ihn Lilith eines Nachts heim, legte sich zu ihm »und gebar von ihm Teufel, Geister und Dämonen ohne Zahl. Wen diese befielen, der wurde geplagt und getötet«. (Die Sagen der Juden, S. 86)
Aus all dem ergibt sich eine bedeutende Diskrepanz zwischen Mann und Frau hinsichtlich unserer biblischen Stammeltern: Der Mann wird allein durch Adam verkörpert, die Frau durch Eva und Lilith zugleich.
Eva, die Adamsfrau
Gott zieht also die Lehre aus dem Desaster mit Adams erster Frau und formt die zweite aus Adams Rippe. Aber wieso aus einer Rippe?, so fragt man sich. Vielleicht, weil Adam auf eine Rippe gut verzichten kann, wo er doch zwölf Paar davon hat. Da kommt es auf eine mehr oder weniger nicht an. In den alten jüdischen Sagen finden wir den Hinweis, dass Gott überlegte, welches »Glied« des Adam er nehmen sollte. Wichtig war ihm, die Frau aus einem »keuschen Glied« zu bauen, »aus einem Glied, das auch zur Stunde, da der Mensch nackend dasteht, zugedeckt ist«. Und weiter ist zu lesen: »Und bei jedem Glied, das der Herr dem Weibe formte, sprach er zu ihr: Sei ein frommes Weib, sei ein züchtiges Weib!« (Die Sagen der Juden, S. 68) Was er damit sagen will, und der werdenden Eva buchstäblich einbläut, ist klar: Sei bloß nicht wie Lilith!
(An dieser Stelle sei gefragt, wieso Gott auf den Gedanken verfällt, der Gefährtin Adams, von der er Zucht und Frömmigkeit erwartet, ein so reizintensives, ausschließlich der weiblichen Lust dienendes Glied wie die Klitoris, dieses Unikum der menschlichen Anatomie, zum Geschenk zu machen. Im Sinne des Patriarchats hätte es ausgereicht, wenn der patriarchalische Gott die Frau mit einer weitgehend gefühllosen Geschlechtsöffnung ausgestattet hätte, mit jenem ›Loch der Löcher‹, von dem so mancher Mann gern ein wenig abschätzig spricht. Die um die Klitoris zentrierte Lust der Frau ist noch heute in 28 Ländern Afrikas, des Nahen Ostens und Südostasiens mit ihren neurotisch-patriarchalischen Gesellschaften ein Grund, den heranwachsenden Mädchen die Klitorisspitze – nicht selten mitsamt den Schamlippen – abzuschneiden, wobei ein Viertel der Mädchen an den unmittelbaren oder langfristigen Folgen des Eingriffs stirbt.)
Bleibt weiterhin die Frage: Wieso die Rippe?
In menschlichen Träumen ist es zuweilen so, dass mit dem konkreten Trauminhalt nur vertuscht werden soll, was uns der Traum eigentlich sagen will. Das kann so weit gehen, dass der Traum das genaue Gegenteil von dem erzählt, was er tatsächlich meint; er zensiert sich selber auf Weisung des Über-Ichs. Oft ist es die tabuisierte Sexualität, die in vermeintlich asexuellen Traumszenen verhandelt wird. Wenn die Genesis, wie alle großen Mythen, ein tiefgründiger Menschheitstraum ist, so spricht einiges dafür, dass mit dem »keuschen Glied« Adams (= Rippe), aus dem Eva gebaut wird, das genaue Gegenteil gemeint ist: Adams ›unkeusches Glied‹, soll heißen: sein Penis. Allein schon durch ihre phallische Gestalt eignet sich die Rippe in idealer Weise als Symbol für das männliche Glied. Die Rippe Adams stünde demnach für seinen vom mythischen Über-Ich zensierten Penis.
Hätte Gott dem Adam anstelle der Rippe sein bestes Stück entfernt, um daraus die Eva zu bauen, dann bräuchte der penislose Adam logischerweise keine Eva mehr. Dieser Widerspruch ließe sich auf die triviale Weise lösen: Adam hatte ursprünglich zwei Penisse. So abwegig wäre das nicht, wie wir im nächsten Kapitel am Beispiel der Spinnenmännchen sehen werden, bei denen einige Arten tatsächlich zwei Penisse besitzen. Aus einem der beiden Penisse Adams hätte Gott die Eva gebaut. Doch diese Konstruktion wäre weder elegant, noch überzeugend, eben weil wir Männer keine Spinnenmännchen sind.
Wie lösen wir das Problem? Nun, wir lösen es auf elegante und überzeugende Weise: Gott nahm von Adam nicht die Rippe, er nahm auch nicht den Penis, und schon gar nicht einen von ursprünglich zweien, sondern er nahm vom Penis nur den Knochen. Und mit einem Schlag ist die zweite biblische Geschichte von der Menschenerschaffung in sich logisch: Uns Männern fehlt keine Rippe, uns fehlt der Penisknochen!
Diese aufs Erste ziemlich gewagt anmutende These wird von der biologischen Evolution eindrucksvoll bestätigt: Alle Primaten, ausgenommen Homo sapiens, besitzen einen Penisknochen. Man findet ihn auch bei Hunden, Katzen, Bären, und anderen Säugetierarten. Unsere Hypothese ist auf einmal nicht mehr gewagt, sondern geradezu nahe liegend. Mit ihr bringen wir die archaische Genesis in Übereinstimmung mit der modernen Evolutionsbiologie. Letztere teilt uns mit, dass der so genannte Schwellkörper im menschlichen Penis nichts anderes ist als der weiche Überrest des einstigen Penisknochens. Oder umgekehrt: Der Penisknochen war die ursprüngliche knöchrige Form des heutigen Penis-Schwellkörpers.
Was die bedauernswerte Eva betrifft, so stellt ihre Erschaffung aus Adams Penisknochen von allen Varianten patriarchalischer Frauenerschaffungs-Mythen zweifellos die patriarchalischste dar. Den Bibelautoren wäre sie gewiss die liebste Variante gewesen. Doch in einem heiligen Buch spricht man nicht offen vom Penis, diesem ›unkeuschen Glied‹, schon gar nicht im Zusammenhang mit Gott. Und so behalf man sich mit der »keuschen«, aber immerhin phallisch geformten Rippe, um die Abstammung der Frau vom Mann mythologisch zu begründen.
Dass Adam, als er aus der Narkose erwacht, in die ihn Gott zum Zweck der Penisknochenentnahme versetzt hat, von seiner zweiten Frau begeistert ist, versteht sich, nach dem Debakel mit Lilith, von selbst. Freudig ruft er aus: »Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin [hebräisch Ischa] heißen, darum dass sie vom Manne [hebräisch Isch] genommen ist.« (Genesis, Kap. 2, Vers 23) Hier kommt ein unterschwelliges Inzest-Motiv zum Tragen: Adam wird mit seinem eigenen »Bein und Fleisch« Sex haben.
Die »Männin«, die bezeichnenderweise erst nach dem Sündenfall den Namen Eva (›Leben Schenkende‹) verliehen bekommt – und zwar von Adam, nicht von Gott! –, hat mit dem Penisknochen, aus dem sie gemacht ist, das Patriarchat, das in vielem ein ›Penisarchat‹ ist, buchstäblich verinnerlicht. »In einer männerrechtlichen Gesellschaft«, so schreibt der Sexualforscher Ernest Borneman (1915 – 1995), »orientiert sich die Frau an dem Mann und lernt seine sexuellen Attribute auch im eigenen Geschlecht zu schätzen.« Deshalb müssen wir uns die »Männin« als eine sehr männliche (phallische) Frau vorstellen.
Nun kann nichts mehr schiefgehen, denkt Adam. An die Stelle Liliths, einer selbstbewussten Frau, tritt eine »Männin«, eine Halbfrau: Adams weiblicher Abklatsch. Die vertuschende Art, mit der später der Sündenfall erzählt wird, legt den Verdacht nahe, dass auch hier eine latente Homosexualität im Spiel ist, wie wir sie im Verhältnis zwischen Gott und Adam zu spüren meinten. Was, von Satan eingefädelt, unter dem Baum der Erkenntnis geschieht, ist eh klar: Adam »erkennt« seine »Männin«, er »geht in sie ein«, soll heißen, er hat Sex mit ihr. Wenn ein Mann mit einer »Männin«, also einem Mann mit weiblichen Attributen, sexuell verkehrt, dann kann eigentlich nur ein Akt gemeint sein, bei dem die Vagina keine Rolle spielt.
Und in der Tat: Das »Erkennen« unterm Baum der Erkenntnis war ein Sexualakt, von dem die »Männin«, wie wir wissen, nicht schwanger wurde. Das gibt schon deshalb zu denken, weil sich ausnahmslos alle mythischen Geschlechtsakte dadurch auszeichnen, dass sie Nachwuchs zur Folge haben. Andernfalls bräuchte sie der Mythos nicht zu erzählen. Denn mit mythischen Geschlechtsakten, vornehmlich solchen zwischen Göttern und Sterblichen, soll nichts anderes als die Genealogie von Stämmen und Völkern – oder hier der ganzen Menschheit –begründet werden. Nur so funktioniert das patriarchalische Stammbaum-Denken.
Und so entsteht ein begründeter Verdacht, den zu äußern freilich nicht leicht fällt: Adam hat seine »Männin« unter dem Baum der Erkenntnis wie einen Mann penetriert. Dies dürfte auch der Grund sein, wieso Adam danach mit seiner »Männin« während 130 Jahren nicht mehr sexuell verkehrt. Das behauptet zumindest die jüdische Sage. Nach unserer Deutung ist Adams Askese die Sühne für den analsexuellen Sündenfall. Freilich hat Adam, der ein Alter von 930 Jahren erreichen wird, noch immer genügend Zeit, um Eva ›normal‹ zu begatten und so die Gattung auf den Weg zu bringen. Doch deren Weg ist nur von kurzer Dauer. Gott wird die Menschheit, ihrer sittlichen Verderbtheit wegen, in der Sintflut ertränken. Diese Verderbtheit hat in Adam ihren Ursprung. Von ihm spannt sich ein direkter Bogen zu Sodom und Gomorra (Genesis, Kap. 18/19). Zwar teilt die Bibel nicht eindeutig mit, welche »sehr schweren« Sünden in beiden Städten begangen wurden, doch es gibt allen Grund zu der Annahme, dass es jene ›Sexual-Sünden‹ waren, die Adam mit der Unschuld des ersten Menschen in die Welt gesetzt hat: Zoophilie, Analverkehr und Inzest. Letzteren begeht Adam insofern, als Eva für ihn zweite Frau und erste Tochter zugleich ist: sein eigen Fleisch und Blut. Notgedrungen war die ganze biblische Urfamilie inzestuös. Anders hätte die Menschheit auch nicht aus ihr hervorgehen können!
Diese drei biblischen Urformen ›perversen‹ Geschlechtsverkehrs sind im Laufe der Jahrhunderte als ›Sodomie‹ bezeichnet worden. Letztlich hat Gott selbst sie zu verantworten. Bei der Erschaffung seines menschlichen Ebenbilds ist der Allmächtige grandios gescheitert, nicht zuletzt im Hinblick auf dessen Sexualität. Den Menschen, nicht anders als den Tieren, einfach nur zu sagen: »Seid fruchtbar und mehret euch«, geht an der polymorphen ›Perversität‹ des menschlichen Sexus vorbei.
Zweites Kapitel
Die biologische Penis-Genese
Dass dem Menschenmann als einzigem unter den Primatenmännern der Penisknochen (Baculum) fehlt, lässt nicht nur Adams ›Rippe‹ in einem neuen Deutungslicht erscheinen, sondern gibt auch den Evolutionsforschern ernsthaft zu denken. Was ist der Vorteil eines knochenlosen Penis?, so fragen sie sich. Das fragen auch wir uns. Erstmal keiner, denkt der stets um seine Erektionsfähigkeit besorgte Menschenmann. Hingegen liegt der Vorteil eines Penisknochens buchstäblich auf der Hand: Mit einem Knochen im Penis hätte der Mann ein Sexualproblem weniger. Er müsste in kritischer Koitussituation nicht um den Erhalt seiner fragilen Erektion fürchten. Viele Männer bräuchten keine Potenzmittel mehr zu nehmen, um ihren Penis wenigstens leidlich hochzukriegen. Die Männer hätten, egal wie impotent sie sich fühlten, ständig einen Ständer – selbst noch im Sarg.
Doch die Evolution gehorcht einer anderen Logik: Wenn alle Männer, auch die impotenten, eine knochenharte Dauererektion vorzuweisen hätten, wäre Potenz kein Vorteil mehr bei der Partnerfindung, sondern ein allgemeines und permanentes Faktum der männlichen Sexualkonstitution. Bei den anderen Primaten spielt die Erektion als Imponierobjekt und Potenzbeweis keine Rolle, da der Penis ohnehin sehr klein ist und das Wenige auch noch vom Fellkleid größtenteils verdeckt wird. So muss man bei einem Gorilla-Mann, der durch seine stattliche Größe und offensichtliche Kraft imponiert, schon sehr genau hinschauen, um seinen kleinen, gerade mal drei Zentimeter großen Penis zu entdecken. Ohnehin ist es bei den Gorillas so, dass der überschaubare Familienverband von etwa zehn Individuen vom Silberrücken-Männchen dominiert wird, der keine Konkurrenten zu fürchten hat. Es gibt für ihn somit auch keinen Grund, mit einem möglichst großen Penis bei den Weibchen Eindruck zu machen; dafür reichen Statur und Körperkraft aus.
Bei den Schimpansen, unseren nächsten Tier-Verwandten, sieht es allerdings schon wieder anders aus: Es gibt in den relativ großen Horden massive Konkurrenz unter den Männchen um die Gunst der Weibchen. Und so haben Schimpansen auch einen relativ großen Penis von durchschnittlich acht Zentimetern. Noch imposanter aber sind ihre Hoden: Während diese beim Gorilla jeweils nur etwa dreißig Gramm wiegen, sind es bei dominanten Schimpansen-Männchen bis zu 120 Gramm! Auch bei den eng mit den Schimpansen verwandten Bonobos – früher auch Zwerg-Schimpansen genannt – haben die Männchen stattliche Hoden, obwohl sie in Matriarchaten leben und die sexuelle Konkurrenz zwischen den Männchen deshalb keine so große Rolle spielt. Soziale Konflikte werden bei den Bonobos nur selten auf aggressive Weise ausgetragen. Sex dient ihnen als eher beiläufiger sozialer Kitt und nicht, wie bei den Schimpansen, als Grund für Konkurrenz und Streit hinsichtlich der Begattungshierarchie in der Horde. Mit einem besonders großen Skrotum beeindruckt ein Schimpansen-Männchen nicht nur die Weibchen, sondern ebenso die Rivalen im Affen-Patriarchat. Hingegen muss ein Bonobo-Männchen mit seinem Geschlechtsorgan nur die Weibchen im Affen-Matriarchat auf sich aufmerksam machen.
Beim Menschen ist es nun so, dass zum schwach behaarten Körper ein auffallend großer Penis hinzukommt – bei ziemlich bescheidenen Hoden von gerade mal zwanzig Gramm Gewicht. Das fehlende Fell lässt den erigierten Penis noch größer erscheinen, als er eh schon ist, was, nebenbei bemerkt, wohl auch ein Motiv für männliche Intimrasur sein dürfte. Zudem rückt der aufrechte Gang den imposant aufgerichteten Phallus erst recht ins Blickfeld begattungswilliger Frauen, während das Skrotum als Imponierorgan nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Von den meisten Frauen wird es ohnehin kaum eines Blicks gewürdigt.
Relativ zur Körpergröße hat der Mensch den größten Penis unter den Säugetieren. Nicht einmal der Blauwal, mit bis zu dreißig Metern Länge das größte Säugetier der Erde, kann es mit seinem etwa zwei Meter langen Penis in dieser Hinsicht mit dem Menschen aufnehmen. Es scheint, als solle den Menschenfrauen der Penis des Mannes buchstäblich ins Auge springen. Bewegte sich der Mensch, wie die übrigen Primaten, nackt auf allen Vieren fort, würde ein großer Penis nur stören. Entsprechend liefe ein Gorilla mit erigiertem Zwanzig-Zentimeter-Penis ständig Gefahr, sich mit diesem im Urwaldgestrüpp zu verheddern und dabei Verletzungen davonzutragen.
Von dem bekannten Evolutions-Forscher Richard Dawkins stammt die Hypothese, dass die männlichen Vorfahren von Homo sapiens den Penisknochen im Lauf der Evolution eingebüßt hätten, weil der knochenlose Penis den Frauen ermöglicht habe, an der Erektionsfähigkeit die sexuelle und sonstige Gesundheit der um ihre Gunst werbenden Männer abzulesen. Denn Erektionsstörungen sind bei einem jungen Mann zweifellos als bedeutsames Krankheitssymptom zu werten. Welche Frau will schon einen Mann, der keinen hoch kriegt! Nun könnte man einwenden, dass so ein Erektionstest auch für Schimpansen- oder Gorilla-Weibchen von Interesse sein könnte. Doch dafür fehlt diesen Primaten die Intelligenz, die nötig ist, um von guter Erektion auf gute Gesundheit zu schließen. Zudem kann man davon ausgehen, dass Menschenaffen-Männchen ohnehin keine Erektionsprobleme kennen; diese sind eine Folge der Kulturentwicklung beim Menschen, die höchstwahrscheinlich erst mit dem Patriarchat in Erscheinung getreten sind.
Der große und knochenlose Penis beim Menschen ist also letztlich eine indirekte Folge des großen Menschen-Gehirns und der damit verbundenen hohen Intelligenz – in diesem Fall jener der Frauen. Evolutionsgeschichtlich ist also die Intelligenz der Frauen daran schuld, dass die Männer ohne Unterstützung eines Penisknochens erigieren müssen.
Die Menschenfrauen, die sich auf einen Mann mitsamt seinem Penis einlassen, können auch aus anatomischen Gründen froh sein, dass der Penisknochen fehlt. Dadurch ist die Gefahr von Koitusverletzungen stark vermindert, während sie zum Beispiel ziemlich groß ist, wenn eine Frau sich in perverser Anwandlung von einem Hund bespringen lässt »und durch plötzliches Herausreißen des Hundepenis der Penisknochen Einrisse am After oder in der Scheide bewirkt«. (Ernest Borneman: Lexikon der Liebe, S. 747) So können die Frauen der Evolution gegenüber nur dankbar sein, dass der Penis des Mannes so ist, wie er ist. Nicht nur, dass er einen Knochen haben könnte, nein, dieser könnte auch noch mit Widerhaken versehen sein, wie das zum Beispiel beim Katzenpenis der Fall ist.
Wer freilich als Mann glaubt, sein knochenloser Penis könne nicht brechen, der irrt. Ein Penisbruch, hervorgerufen durch ungeschickte, allzu heftige oder bewusst gewalttätige Penetration, passiert schneller, als man denkt. Zu Bruch geht dabei der Schwellkörper, also das, was vom einstigen Penisknochen übriggeblieben ist. Dabei können im schlimmsten Fall sogar schwere Blutungen im Penis auftreten, verbunden mit Urin-Infiltration, falls die Harnröhre mit verletzt wird. Von daher ist dem Mann zu raten, auch bei stürmischer Penetration nicht gänzlich die Kontrolle über sich und seinen Penis zu verlieren, zumal wenn er sexuell noch unerfahren ist und vielleicht sogar meint, volltrunken vögeln zu müssen. Und damit haben wir eine elegante, wenn auch triviale Überleitung zu den Vögeln.
Das Überraschende gleich vorneweg: Vögel vögeln nicht. Das gilt zumindest solange, wie mit dem Begriff ›Vögeln‹ eine penetrierende Kopulation gemeint ist. Denn zur Penetration fehlt den Vogel-Männchen schlichtweg der Penis. Das gilt zumindest für die allermeisten Vogelarten. Nur bei wenigen Vogelgruppen, etwa den Enten oder Gänsen, besitzen die Männchen ein bescheidenes ›Begattungsglied‹. Wenn wir also unser menschliches Koitieren als »Vögeln‹ bezeichnen, meinen wir eigentlich ein ›Gänseln‹ oder ›Enteln‹. Gleichwohl ist ›Vögeln‹ als volkstümlich-derbe Bezeichnung für den Koitus schon seit dem Mittelalter gebräuchlich: Mit vogelen war zwar ursprünglich ›Vögel fangen‹ gemeint, doch hatte es von Anbeginn auch die Bedeutung von ›begatten (beim Vogel)‹, um schließlich auch als Ausdruck für die menschliche Begattung verwendet zu werden.
Tiere, die sich tagsüber die meiste Zeit in der Luft befinden, müssen möglichst leicht sein. Und da die Natur die Fortpflanzung problemlos auch ohne Penis hinkriegt, hat sie dieses entbehrliche Fortpflanzungsgerät bei den Vögeln einfach weggelassen – aus Gewichtsgründen. Das Vogelweibchen wird also vom Männchen gar nicht penetriert, wie man meinen könnte, wenn man den Spatzen beim ›Vögeln zuschaut, sondern beide pressen nur ihre ›Kloaken‹ aneinander. Eine Kloake ist eine Art Sammelbecken, in welchem die Ausfuhrorgane für Kot und Urin, ebenso die Absonderungen der Geschlechtsorgane zusammenlaufen – eine Art organische Senkgrube. Im mittleren Teil der Kloake befinden sich beim Vogelmännchen seitlich von der Harnleitermündung die Ausgänge zweier Samenleiter. Das Weibchen hat an der entsprechenden Stelle die Scheidenöffnung. Das Männchen lässt bei der Kopulation sein Sperma einfach von seiner Kloake in die des Weibchens fließen, von wo es dann in die Scheide gelangt. Da die Vögel ohnehin nur ein- oder zweimal im Jahr ›vögeln‹, spricht eigentlich nichts gegen diesen so einfachen wie praktischen ›Kloakensex‹. Für den Menschen möchte man sich Geschlechtsverkehr durch Aneinanderpressen von Kloaken lieber nicht vorstellen, vor allem wegen der damit verbundenen Hygieneprobleme. Die Lust auf oralen Sex wäre einem auch verleidet.
Der Luxus zweier Penisse
Die Kloake haben die Vögel von ihren evolutionsgeschichtlichen Vorläufern, den Reptilien, übernommen. Die Kriechtiere ›vögeln‹ also wie die Vögel. Da bei ihnen das Körpergewicht keine Rolle spielt, kommen die männlichen Tiere sogar in den Genuss eines winzigen, zur Ausstülpung fähigen Penis in ihrer Kloake. Mit diesem übertragen sie den Samen in die Kloake des Weibchens, ohne dass eine Penetration, die diesen Namen verdient, stattfinden muss. Während männliche Schildkröten und Krokodile nur einen einzigen solchen Ausstülpungspenis besitzen, haben männliche Echsen und Schlangen gleich deren zwei. Man spricht von zwei Hemipenissen. Bei der Begattung stülpt das männliche Tier beide Halb-Penisse aus, führt jedoch nur einen von ihnen in die Kloake des Weibchens ein, und zwar jenen, der dem Scheideneingang am nächsten liegt. Die paarigen Penisse sind vertrackte Gebilde aus Falten, Wülsten, Spitzen und Zacken, die dazu dienen, das männliche Begattungsorgan in der weiblichen Kloake regelrecht zu verankern. Nach der Begattung werden die Hemipenisse zurückgezogen und dabei wieder eingestülpt. Es gibt allerdings auch einige Echsenarten, unter ihnen zum Beispiel die Brückenechse, bei denen die Männchen, in der Art der Vögel, ohne Penis auskommen. Bei der Begattung pressen sie in Vogelmanier ihre Kloake auf die des Echsenweibchens.
Beim Stichwort ›zwei Penisse‹ drängt sich dem Menschenmann natürlich sofort die Frage auf, ob der Besitz solch eines dualen Begattungsapparats nicht auch für ihn von Vorteil wäre. In Gedanken sieht er sich in wilder Doppelpenetration mit zwei Frauen, wie immer diese anatomisch zu bewerkstelligen, kräftemäßig zu bewältigen und seelisch zu verarbeiten wäre. Von diesem Gedanken kommt der Mann aber schnell wieder ab, wohl wissend, dass es schwierig genug ist, den einen Penis, den er hat, optimal, das heißt zur Zufriedenheit des Sexualpartners, zum Einsatz zu bringen. Ein Ausstülpmechanismus wäre gewiss praktisch, doch fehlte ihm die bezaubernde Eleganz einer langsam sich entfaltenden Erektion, deren Loblied in einem der folgenden Kapitel noch gesungen wird.
Bei einer besonders faszinierenden Tiergruppe, jener der Spinnen, gehört der Besitz zweier Penisse nicht nur zur Sexual-, sondern weit mehr noch zur Überlebensstrategie des Männchens. Denn das Männchen ist bei den meisten Arten wesentlich kleiner als das Weibchen. Der krasse Unterschied in der Körpergröße wäre nicht weiter tragisch, wenn die Weibchen nicht die fatale Neigung verspürten, nach vollzogenem Geschlechtsakt den Partner aufzufressen. Das kommt daher, dass bei ihnen der Beutetrieb nicht immer scharf vom Begattungstrieb getrennt ist. Koitierend zu sterben, womöglich im Moment des Orgasmus, ist freilich nicht die schlechteste aller denkbaren Todesarten. Zudem ist sie im Dienst der Arterhaltung gar nicht so abwegig, wie sie aufs Erste erscheinen mag. Wegen der raschen und großen Produktion von Eiern haben Spinnenweibchen einen sehr hohen Eiweißbedarf, den sie auf diese praktische und billige Weise decken. Das Männchen hat mit der Abgabe des Samens ohnehin seine biologische Pflicht, sich fortzupflanzen, erfüllt. Hier bestätigt sich auf eindringliche Weise ein grundlegendes Gesetz der Natur: Ihr Interesse gilt vorrangig der Art und nicht dem Individuum.
Das Penispaar der Spinnenmännchen ist evolutionsgeschichtlich nichts weiter als das zum Begattungsorgan umfunktionierte vorderste Beinpaar (Pedipalpen). Vor der Begattung befüllt das Männchen diese beiden ›Bein-Penisse‹ mit Sperma, das aus dem vorderen Teil der Bauchseite austritt. Zu diesem Zweck spinnt das Männchen ein kleines ›Sperma-Netz‹; auf dieses setzt es einen Tropfen Samenflüssigkeit ab und packt das Befruchtungspaket mit beiden ›Begattungsbeinen‹. Damit ist das Männchen begattungsbereit. Diese Vorbereitung auf den Koitus kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen – ein langes, autoerotisches Vorspiel des Männchens, wenn man so will. Wenn das Männchen sich schließlich einem Weibchen nähert, das Samen-Geschenkpaket vor sich hertragend, richtet es sich immer wieder hoch auf, erigiert gewissermaßen mit seinem ganzen Körper, und winkt der Auserwählten mit seinem geladenen ›Doppelpenis‹ zu. Das geht so lange, bis sich beide Tiere Kopf an Kopf gegenüberstehen. Falls das kleine Männchen Glück hat, und das vergleichsweise riesige Weibchen durch das winkende ›Penispaar‹ in Paarungsstimmung gekommen ist, kann es wagen, das Weibchen mit dem Mut des Begehrens anzuspringen, rasch seine beiden mit Samen beladenen Taster an der Geschlechtsöffnung des Weibchens zu positionieren und das Samenpaket eiligst in diese hineinzustopfen. Das ordinäre, vor allem im süddeutschen Raum gebräuchliche Wort ›stopfen‹ für koitieren bringt zumindest beim Spinnensex die Sache auf den Punkt.
Sie hat ihn zum Fressen gern
Bei einigen Spinnenarten benutzt das Männchen nur einen der beiden ›Tasterpenisse‹, der an speziellen Fortsätzen der weiblichen Geschlechtsöffnung einrastet. Meistens ist damit das Schicksal des Männchens besiegelt. Im Moment des Einrastens rastet das Weibchen buchstäblich aus; es schlägt, einem Tötungsreflex gehorchend, seine mächtigen Klauen in den Hinterleib des kopulierenden Männchens, falls dieses nicht flink genug ist, sich von seinem feststeckenden Penis loszureißen, diesen im Körper des Weibchens zurücklassend, um mit seinem anderen, heil gebliebenen Penis das Weite zu suchen. Falls ihm das gelingt, erbringt das Männchen den Beweis, dass es zumindest bei weiblichem Sexualkannibalismus nicht das Schlechteste ist, zwei Penisse zu haben. Falls das Männchen nicht entkommt und den tödlichen Biss erhält, ist damit die Samenübertragung nicht unterbunden. Der Penis des Toten führt sein Werk selbständig zu Ende. Ist dies geschehen, wird das Männchen, inklusive Penis, vom begatteten Weibchen verspeist. Erst verzehrt er sich nach ihr, dann wird er von ihr verzehrt. In sich stimmiger kann ein Liebesakt, zumindest aus weiblicher Perspektive, kaum sein.
Bei der Wespenspinne ist die Sache mit dem Sex ähnlich vertrackt, doch hat hier das Männchen eine reelle Chance, den Geschlechtsakt zu überleben. Das Weibchen ist nämlich nicht darauf fixiert, sich nur mit einem einzigen Männchen zu paaren. Es ist polygam, oder präziser ausgedrückt: polyandrisch. Das heißt, es will sich möglichst mit mehreren Männchen paaren und erst später entscheiden, welches Samenpaket es für die Befruchtung der Eier verwendet. Die Biologen sprechen in so einem Fall von ›kryptischer Weibchenwahl‹. Allerdings setzt die weibliche Spinnen-Anatomie der Polygamie Grenzen: Die Weibchen haben ›nur‹ zwei Geschlechtsöffnungen und können sich deshalb nur von zwei verschiedenen Partnern pro Paarungszeit begatten lassen. Anders als die Weibchen, sind die Männchen jedoch auf Monogamie geprägt, wenngleich auch sie im Besitz zweier Begattungsorgane sind. »In ihrem Interesse liegt es«, so meint die Verhaltensforscherin Jutta Schneider, »ein jungfräuliches Weibchen zu finden, mit ihm zu kopulieren und es dann zu monopolisieren.« Zu diesem Zweck verstopft das Männchen nach der Begattung die Geschlechtsöffnung des Weibchens mit der Spitze seines ›Taster-Penis‹– eine seltene Form der sexuellen Selbstverstümmelung. Jutta Schneider spricht von »Ein-Schuss-Genitalien«. Der Verlust der Penisspitze als Genitalpfropf lohnt sich für das Männchen insofern, als es dadurch sicherstellt, dass nach ihm kein Nebenbuhler in die von ihm besamte Geschlechtsöffnung des Weibchens eindringt und ebenfalls seinen Samen dort ablegt. Schließlich hat das Männchen ja noch einen zweiten Penis und kann damit ein weiteres Weibchen begatten und verpfropfen – vorausgesetzt, er kommt bei der ersten Kopulation mit dem Leben davon. Die flinksten Männchen haben so die Chance, zweimal im Leben zum ›Schuss‹ zu kommen, was ja ganz im Sinne der Evolution ist.
Auch bei den Walzenspinnen verläuft die Kopulation auf bemerkenswerte Weise: Das Männchen, das bei dieser Ordnung der Spinnentiere ausnahmsweise nur wenig kleiner ist als das Weibchen, fällt seine Geschlechtspartnerin regelrecht an und umklammert sie, wobei das Weibchen wie hypnotisiert in Bewegungslosigkeit verharrt. Danach wird es vom Männchen an einen sicheren Ort geschleppt und dort auf den Rücken gedreht. Mit Hilfe seiner Mundwerkzeuge weitet das Männchen die Geschlechtsöffnung des ›ohnmächtigen‹ Weibchens, setzt einen Samentropfen auf ihm ab und stopft ihn mit den Mundwerkzeugen hinein. Danach verschließt es die Ränder der weiblichen Geschlechtsöffnung, indem es diese zusammenkneift, und macht sich flink aus dem Staub, bevor das Weibchen aus seiner Sexualstarre erwacht. Auch beim Menschen gibt es Männchen, die am liebsten mit schlafenden oder sich schlafend stellenden Frauen koitieren – eine narzisstische Vorliebe, die dem Fetischismus zuzuordnen ist, genauer: dem Antifetischismus der Kinephobie (= Bewegungsangst).
Milben, die ebenfalls zu den Spinnentieren zählen, sind fast noch erfindungsreicher in ihrem Sexualverhalten als die Echten Spinnen. Bei einigen Wassermilben wird das Weibchen bei der Begattung vom Männchen nicht nur umklammert, sondern mit einer klebrigen Masse regelrecht festgekittet. Auch die Milbenmännchen haben sich darauf spezialisiert, ihren Samen mit den Mundwerkzeugen in die Geschlechtsöffnung des Weibchens zu stopfen. Bei manchen Arten legen sie allerdings keinen Wert mehr auf Körperkontakt beim Sex. Sie setzen ihre Samenpakete in der Nähe eines Weibchens ab und machen sich aus dem Staub. Die Weibchen stopfen sich diese Samen-Wurfpost, sobald sie sie entdecken, selber in ihre Geschlechtsöffnung – eine Art von masturbatorischer Kopulation. Freilich können die Männchen nie sicher sein, ob ihre abgelegten Samenpakete auch ans Ziel kommen oder womöglich nur in der Sonne vertrocknen.
Bei den Zecken – auch sie zählen zu den Spinnentieren – kriecht das penislose Männchen unter das an einem Warmblütler festgebissene Weibchen und steckt seinen Rüssel in die weibliche Geschlechtsöffnung, um diese zu weiten. Danach dreht das Männchen sich um, setzt ein Samenpaket ab und schiebt dieses mit Rüssel und Tastern in die geweitete Geschlechtsöffnung des Weibchens.
Die vielfältigen Sexualpraktiken bei den Spinnentieren, die postkoitale Tötung und Verspeisung des Männchens inbegriffen, bringt einem als Menschenmann zu Bewusstsein, dass auch die menschliche Fortpflanzung sehr gut ohne Penis auskommen könnte. Der Samen des Mannes muss halt irgendwie in die Vagina der Frau gelangen, um den biologischen Sinn des Lebens, der Fortpflanzung heißt, zu erfüllen. Der Natur ist es letztlich egal, auf welche Weise das geschieht. Wo immer bei den Spinnentieren so etwas wie Begattung stattfindet, sind es die aktiven Männchen, die sich an den passiven Weibchen sexuell abarbeiten, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Im Grunde kann man als männlicher Vertreter der Säugetierklasse froh sein, hin und wieder mit Frauen kopulieren zu dürfen, ohne bei ihnen während des Geschlechtsakts einen weiblichen Beutetrieb zu wecken, der aus mehr als nur Kratzen und Beißen besteht. Umgekehrt können freilich auch die Frauen froh sein, dass wir ihnen nach dem Geschlechtsverkehr nicht die Vagina mit unserer abgetrennten Peniseichel zustöpseln, um Nebenbuhlern den Zugang zu versperren. Die sexuelle Aktivität des Mannes gänzlich auf die Masturbation zu beschränken und die dabei anfallende Samenmasse gut sichtbar im öffentlichen Raum, etwa auf Parkbänken, in Bushäuschen, unter Straßenlaternen oder gleich in öffentlichen Damentoiletten zu deponieren, damit sich Frauen mit Kinderwunsch frei bedienen können, wäre zwar praktisch, aber auf Dauer sehr langweilig. Dann doch lieber penetrierend in den Klauen der Frauen lustvoll verenden.
Die hohe Liebeskunst des Maikäfers
Bei den Insekten geht es, im Vergleich zu den Spinnentieren, eher gesittet zu, mit einer Ausnahme: der zur Ordnung der Fangschrecken zählenden Gottesanbeterin. Bei dieser Art ähnelt das kannibalische Sexualverhalten des Weibchens dem der Spinnen. Hierzu liest man in Grzimeks Tierleben: »Selbst während der Paarung beginnt die Gottesanbeterin oft, den Mann vom Kopfe her zu verzehren, während dessen Hinterende die Begattung unentwegt fortsetzt« – eine kopflose Kopulation, so könnte man sagen.
Bei Käfern und Schmetterlingen wird man solche Sexualpraktiken vergeblich suchen; sie koitieren im Prinzip nicht anders als der Mensch, begnügen sich also mit Penetration ohne kannibalische Anwandlung. Zu diesem Zweck haben männliche Insekten Penis und Hoden, die durchaus mit denen des Menschen zu vergleichen sind. Der Penis sitzt auf der Unterseite des neunten Hinterleibsegments an dessen Hinterrand. Er ist, je nach Insektenart, einfacher oder komplizierter gestaltet. Die paarigen Hoden bestehen aus einfachen Schläuchen, die sich in den Samenleiter fortsetzen. Der Samen wird entweder in flüssiger Form oder eingeschlossen in einer Samenkapsel übertragen. Bei den meisten Käferarten, aber zum Beispiel auch bei vielen Fliegenarten, lässt sich die Paarung mit dem Coitus a tergo (= von hinten) beim Menschen vergleichen: Das Käfermännchen reitet beim Weibchen von hinten auf, beziehungsweise sitzt auf dessen Rücken und hält sich mit den Beinen an ihm fest. Manche Männchen suchen zusätzlich Halt, indem sie sich auch noch mit den Mundwerkzeugen am Weibchen festbeißen – ein Koitusreflex, der auch bei manchen von hinten koitierenden Menschenmännchen zu beobachten ist, ebenso beim Gockel, der seine Henne, oder beim Kater, der die Kätzin besteigt.
Bei den meisten Käferarten dauert der eigentliche Koitus, nicht anders als bei so manchem Menschenpaar, nur wenige Sekunden. Hingegen kann er sich, etwa beim Maikäfer, auch über mehrere Stunden hinziehen, was, auf den Menschen übertragen, zu dem geflügelten Wort ›Sie vögeln wie die Maikäfer‹ geführt hat. Der Maikäfer erweist sich überhaupt als ein versierter Liebeskünstler im Stil eines Casanova, vor allem, was das Nachspiel betrifft, das sonst im Tierreich kaum vorkommt und auch beim Menschen eine eher weibliche Vorliebe ist, während der Mann nach vollzogenem Akt meist den unbändigen Drang verspürt, entweder den Ort des Geschehens fluchtartig zu verlassen oder ebenso fluchtartig einzuschlafen. Das Maikäfer-Männchen hingegen lässt sich nach vollbrachtem Liebesopfer wie ohnmächtig auf den Rücken fallen und vom Weibchen in dieser Position vollkommen nutz- und ziellos in der Gegend herumtragen, bis sie sich endlich voneinander lösen.
Bei den Fliegen, etwa der Taufliege, ist vor allem das weibliche Paarungsverhalten interessant: Sie allein entscheidet, wann er darf. Dem Werben des Männchens wird nicht sofort nachgegeben, sondern das Weibchen inszeniert ein regelrechtes Programm der Zurückweisung. Es lockt, indem es sich ziert. Es gibt sich nur einem Freier hin, der sich werbend so richtig ins Zeug legt. Anders wäre es gar nicht begattungsbereit, das heißt, überhaupt nicht in der Lage, minutenlang stillzuhalten, was den rastlosen Fliegen naturgemäß schwer fällt. Denn das Männchen braucht ziemlich lange, bis es auf seine Partnerin geklettert ist und seinen Penis in die richtige Abschussposition gebracht hat. Aber auch das Weibchen benötigt diese Zeit, bis sich endlich seine Vaginalplatten öffnen. Mit den Spermien wird dem Weibchen auch ein Arsenal von Eiweißstoffen verabreicht, darunter ein so genanntes Sexpeptid. Dieses bewirkt, dass das Weibchen weitere Verehrer zurückweist; gleichzeitig regt es die Eierproduktion an. Das Weibchen wird also bei der Begattung vom Männchen chemisch auf Monogamie programmiert. Sexualität ist nun mal in hohem Maße Chemie, eben die Chemie der Hormone. Das ist beim Menschen im Prinzip nicht anders.
Bei den Fischen haben die Männchen in Sachen ›Penis‹ sehr wenig oder rein gar nichts vorzuweisen. Das verwundert kaum, denn im Lebensraum Wasser bietet es sich an, die Befruchtung der Eier außerhalb des weiblichen Körpers zu arrangieren, also Eier und Samen im freien Wasser zueinander zu bringen. Einzig bei den lebend gebärenden Fischarten, etwa den Haien oder den Rochen, haben sich »Begattungsorgane in Form von langen knorpeligen Anhängen […] der Bauchflossen ausgebildet. Andere lebend gebärende Fische […] besitzen Begattungsorgane, die aus der Afterflosse gebildet werden.« (Grzimeks Tierleben, Bd. 4, S. 65) Das Sexualleben der Fische ist von daher eine ziemlich langweilige Angelegenheit, die hier nicht weiter ausgebreitet werden muss.
Auch bei den Amphibien bleibt dem Penis, falls überhaupt einer vorhanden ist, nichts anderes zu tun, als mehr am Rande als im Innern der weiblichen Kloake herumzumachen, um schließlich unterhalb derselben einen so genannten Samenträger am Boden abzusetzen, den das Weibchen, wenn es Lust dazu hat, mit seiner Kloake aufnimmt. Dieses Prinzip der körperlosen Sexualität ist ja bereits vertraut. Es gibt auch Amphibien-Arten, bei denen die Weibchen den aufgenommenen Samenträger in einer Körpertasche verstauen, um sich bei Gelegenheit daraus zu bedienen. Von Penisaktivitäten auch hier keine Spur! Einzig ein nordamerikanischer Frosch mit dem zutreffenden Namen Schwanzfrosch bemüht sich um eine Kopulation, die diesen Namen aus menschlicher Sicht verdient. In der Tat verdankt diese Froschart ihren Namen nicht einem Schwanz im Sinne eines verlängerten Hinterteils, sondern einem Schwanz im Sinne von Penis. Gemeint ist eine bescheidene, nur fünf bis zehn Millimeter lange, nach hinten ausgestülpte röhrenförmige Verlängerung der Kloake, die dem Frosch-Mann als ›Penis‹ dient. Die Befruchtung geschieht also im Körperinnern des Weibchens. Das ist bei dieser Froschart auch sinnvoll, denn sie lebt in Gebirgsbächen mit reißender Strömung, was eine äußere Befruchtung unmöglich machen würde. Der Samen ginge buchstäblich den Bach runter.
Bei den Weichtieren (Mollusken) erwartet man von vornherein keinen Penis, zumindest keinen, der durch Härte beeindruckt. Der Tierklasse der Schnecken würde man damit allerdings Unrecht tun. Bei ihnen findet man sogar einen Penis, der zumindest optisch nichts zu wünschen übrig lässt. Da die Schnecken Zwittertiere sind, können sie sexuell mal als Männchen, mal als Weibchen aktiv werden. Oder sie sind beides zugleich, indem sie sich selber befruchten – aus menschlicher Sicht eine beneidenswerte Fähigkeit, die unser Sexualleben zweifellos bereichern würde. Man erlebte beim Höhepunkt der Selbstbegattung sowohl männliche als auch weibliche Orgasmen. Nicht nur unter orgastischen Gesichtspunkten erscheint die lebenslange Festlegung des Individuums auf ein Geschlecht nicht unbedingt als die glorreichste Erfindung der Evolution. Welcher Mann wäre nicht gern auch mal Frau – und umgekehrt! Aus purer Neugier. Tatsächlich hat die Evolution den Geschlechtswechsel bei der einen oder anderen Art ausprobiert, doch für die höheren Tiere bedauerlicherweise wieder verworfen.
Das Glied des Gliederwurms
Doch kehren wir zum Penis bei den Weichtieren zurück: Bei den Tintenfischen, diesen erstaunlich intelligenten Vertretern dieses Tierstamms, dient den Männchen einer ihrer acht oder zehn Arme als Penis. Man bezeichnet ihn wissenschaftlich als Hectocotylus. Ihn führt das Männchen bei der Begattung in die Mantelhöhle des Weibchens ein. Dann wird in einer Längsrinne des Begattungsarms eine Spermatophore mittels Kontraktionswellen bis zur weiblichen Geschlechtsöffnung transportiert, die sich tief in der Mantelhöhle verbirgt.
Bleiben zum Schluss dieser flüchtigen biologischen Betrachtung noch die Niederen Tiere, die zumindest im Sexuellen alles andere als niedrig sind. Gerade im Hinblick auf den Penis erlebt man Überraschungen, vor allem, was die Plattwürmer, Schnurwürmer, Schlauchwürmer, Gliederwürmer und Spritzwürmer betrifft. Schon in den Namen ist der Penis mehr oder weniger präsent, am stärksten natürlich beim Spritzwurm. Bei diesen recht einfach gebauten zwittrigen Tieren findet man erstaunlich fortentwickelte Geschlechtsorgane. Während zum Beispiel die ebenfalls sehr einfach gestalteten Schwämme oder Hohltiere ihre Samenzellen einfach dem Lebensraum Wasser übergeben, ähnlich wie die Fische, basiert der Wurmsex auf echter Penetration, soll heißen: Ein Wurmpenis dringt in eine Wurmvagina ein. Weil der Wurm selber schon einem Penis gleicht, haben wir hier gewissermaßen einen Penis mit Penis vor uns. Damit erweisen sich männliche Würmer als die Penis-Tiere schlechthin.
Nicht umsonst rückt auch der menschliche Penis wegen seiner wurmartigen Gestalt sprachlich in die Nähe des Wurms. ›Spritzwurm‹, ›Schlauchwurm‹ oder ›Gliederwurm‹, diese biologischen Klassifizierungen von Würmern, würden als volkstümliche Ausdrücke in idealer Weise zum menschlichen Penis passen. In manchen Gegenden Deutschlands wird der Penis volkstümlich als Hosenwurm bezeichnet.
Die zwittrige Fruchtbarkeit der Würmer ist erstaunlich. Das liegt vor allem daran, dass sie sich als schmarotzende Organismen zum Lebenserhalt um nichts kümmern müssen. Ihr einziger Lebensinhalt ist der Sex. Der Einfachheit halber begatten sie sich meistens selber, genauer: Der männliche Abschnitt des Wurms begattet den weiblichen. Diese einfachen Tiere sind bei passender Gelegenheit aber auch zur Begattung eines anderen Wurm-Individuums in der Lage. Bei den zu den Plattwürmern gehörenden Strudelwürmern hat sich der Penis aus ursprünglichen Abwehrwaffen des Tiers entwickelt. Im Grunde hat ja jeder Penis, voran der besonders groß geratene des Menschen, etwas von einer Waffe, freilich mehr von einer Angriffs- als von einer Abwehrwaffe. Bei den Strudelwürmern übernehmen so genannte ›birnenförmige Organe‹ oder ›Drüsenstacheln‹, die ursprünglich der Feindabwehr dienten, die Aufgabe der Samenübertragung. Mit ihnen wird die Körperwand des Partners durchstoßen; sein Körper wird gewissermaßen als ganzer penetriert. Einer eigens dafür vorgesehenen Geschlechtsöffnung bedarf es nicht.
Bei manchen Arten von Plattwürmern verwachsen beide Partner nach der Begattung miteinander und bilden für den Rest des Lebens einen einzigen Organismus. Bei den ebenfalls zu den Plattwürmern gehörenden Bandwürmern ist es ohnehin so, dass jedes Körpersegment fast nur aus männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen besteht, wobei die männlichen Segmente neben zahlreichen Hodenbläschen auch einen beachtlichen ausstülpbaren Penis aufweisen. Bandwürmer wachsen beständig in die Länge und bilden dabei reihenweise immer neue Fortpflanzungsorgane. In der so entstehenden Gliederkette reifen die zwittrigen Geschlechtsorgane von vorne nach hinten, und zwar die männlichen vor den weiblichen. So können oftmals die vorderen oder mittleren männlichen Glieder mit ihren langen Penissen die hinteren, eben erst entstandenen weiblichen Glieder sofort begatten, ohne dass diese schon geschlechtsreif sind. Sie reifen gewissermaßen dem in ihnen abgelegten Samen entgegen. So bildet sich eine Art von Begattungskette, die auch dann noch funktioniert, wenn der Wurm zerteilt wird. Das führt zu einer extrem hohen Rate an Nachkommenschaft.
Als aus menschlicher Sicht geradezu skurril erweist sich das Sexualleben der Fadenwürmer. Bei einigen Arten nehmen die Geschlechtsorgane im Laufe ihrer Entwicklung stark an Umfang zu, bis am Ende das ganze Tier fast nur noch aus dem Geschlechtsteil besteht. Die Tiere kopulieren nicht mehr mit ihren Geschlechtsorganen, sondern als Geschlechtsorgane. Auf den Menschen bezogen wären wir Männer irgendwann nur noch Penis, was wir auf der gedanklichen Ebene ohnehin meistens sind. Die Frauen wären nur noch Vulva. Das muss man sich mal bildhaft vorstellen, zum Beispiel als menschliches Treiben auf einem großstädtischen Boulevard. Überall wären flanierende Penisse und Vulven unterwegs! Bei der Kopulation, die freilich nicht auf dem Boulevard stattfände – oder vielleicht doch –, würde der Penis-Mann vollständig in der Vulva-Frau verschwinden. Den meisten Männern dürften solche Fantasien nicht fremd sein. Das hat mit ihrer Neigung zu tun, sich besonders stark mit ihrem Geschlechtsteil zu identifizieren. »Solchen Tagträumen«, meint Ernest Borneman, »liegt die sogenannte Mutterleibsphantasie zugrunde, in der man sich beim Akt wünscht, in den Leib der Frau (= Mutter) zurückzukehren, was nur dann möglich ist, wenn der gesamte Körper (zumindest in der Phantasie) durch den Penis […] ersetzt wird.« (Lexikon der Liebe, 1978, S. 1260)
Und so endet dieses Kapitel, zumindest für uns Männer, in der Erkenntnis: Fadenwurm müsste man sein! Dann könnten wir endlich jenen unbewusst herbeigesehnten Liebesakt erleben, bei dem Eros und Todestrieb in eins zusammenfallen – der Anfang unseres Seins mit dem Ende.
Drittes Kapitel
Ein aufrichtiges Organ
Sobald ein Penis entblößt und aufgerichtet im Raum steht, wird er zum obszönen Gegenstand, der in dem Maße, wie er vom Körper absteht, dem Betrachter buchstäblich entgegensteht. Man stößt sich leicht an abstehenden Gegenständen; sie sind anstößig. Der erigierte Penis, dieses ›Ding‹ des Mannes, ist eigentlich ein Unding – wie alles Obszöne. Im schlaffen Zustand, wurstförmig am Körper hängend, ist er nicht mal ein Unding: ein formloses Etwas, das man nicht so recht definieren kann: ein Dings.
Anders als die normalen Glieder des Körpers, die dem Menschen als Gliedmaßen zur Verfügung stehen, erweckt der erigierte Penis den Eindruck, als gehöre er nicht zum Körper und wäre diesem nur aufgepfropft zu einem temporären Zweck. Er hat etwas von einer Bestückung oder Bewaffnung. Nicht umsonst preisen sich Männer in sexuell motivierten Kontaktanzeigen mit dem Terminus ›gut bestückt‹ an – oder gleich mit der Konfektionsgröße eines Kleidungs-Stücks: L, XL, XXL mit nach oben offener Skala.
Das männliche Glied ist einmalig unter den Gliedern. Es ist das Glied der Glieder, oder treffender, nämlich obszön ausgedrückt: der Schwanz der Schwänze. Unter den Schwänzen ist er auch deshalb einmalig, weil er vorne am Körper sitzt. Nur Satan, religiöser Inbegriff der Perversion, trägt seinen Penis hinten – oder er tritt gleich in phallischer Gestalt auf.
Einzigartig am Penis ist vor allem die Fähigkeit, auf einfache und gerade dadurch beeindruckende Weise seine Gestalt zu verändern. Souverän bewegt er sich in zwei Welten: schlaff in der urologischen, steif in der sexuellen. Damit müssen wir ihn als ein ›urogenitales Mischglied‹ betrachten. Oder mit den Worten Heinrich Heines (1797 – 1856): »Was dem Menschen dient zum Seichen, damit schafft er seinesgleichen.« Hierzu passt ein anderes Bonmot des Dichters: »Der frühen Zeit gedenk’ ich, / Da alle Glieder noch gelenkig. / Bis auf eins. / Diese Zeiten kehren niemals wieder, / Versteift sind alle Glieder. / Bis auf eins.«
In seiner phallischen Gestalt ist der eben noch schlaffe Penis nicht wiederzuerkennen – eine echte Metamorphose: Ein amorphes, eher unansehnliches fleischiges Püppchen verwandelt sich im Idealfall in eine ansehnliche, vor Kraft strotzende Erektions-Imago, die freimütig und für jeden verständlich mitteilt, wonach ihr einzig der Sinn steht: Penetration. Sieht man dieser phallischen Entpuppung nicht zu, sondern nimmt nur ihr Endergebnis wahr, so könnte man meinen, das schlaff, ja geradezu defätistisch hängende Ausgangsobjekt habe mit dem harten, aufrecht stehenden, fordernden Endprodukt nichts zu tun. Es wäre gewiss nicht einfach, den Fotos von schlaffen Penissen das jeweilige Erektions-Foto zuzuordnen. Das gilt vor allem für kleine schlaffe Penisse (so genannte Blutpenisse), die beim Erigieren nicht nur viel stärker an Größe zulegen als große schlaffe Penisse (so genannte Fleischpenisse), sondern auch einen größeren Formwandel zeigen.
In seiner triumphalen Feldherrenpose gleicht der erigierte Penis einem dicken ausgestreckten Finger, der einem unmissverständlich sagt, wo’s langgeht. Erigierter Penis und erigierter Finger sind auf dem Felde des Sexus nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch Brüder der Tat. Nicht umsonst spricht man vom Penis als dem ›elften Finger‹– eine Metapher, die auch der Erotiker Goethe im obszönen Teil seiner Venezianischen Epigramme verwendet hat: »unklug schob er den kleinsten der zehen finger ins ringchen, nur der gröszte gehört würdig, der eilfte, hinein.« Auch in Träumen und archaischer Symbolik ist mit dem Finger fast immer der Penis gemeint. Selbst der erhobene Zeigefinger des Moralisten muss als verschlüsselte Drohung mit Penetration gedeutet werden. Beim erigierten Mittelfinger weiß ohnehin jeder, mit welcher Art von Penetration gedroht wird.
Somit ist der erigierte Penis verkörperte Sprache. Eine Erektion ist Körpersprache in ihrer einfachsten, klarsten und direktesten Form; sie spricht Klartext. Stehend sagt ein Penis alles, was er zu sagen hat; er verheimlicht nichts. Freilich ist es immer das Gleiche, was er sagt. Aufgerichtet ist er absolut aufrichtig. Er bringt die Sache, um die es ihm geht, knallhart, unübersehbar und unmissverständlich auf den Punkt. Er behauptet steif und fest das männliche Begehren in seiner rohen Einfachheit. Im Gegensatz dazu manifestiert sich das weibliche Begehren fast gänzlich im Verborgenen. Vom Schlüpfrigwerden ihrer Vagina weiß oft nicht mal die Frau etwas.
Das phallische Aufrichten ist ein schamloses Aufzeigen eines inneren Zustands des Mannes: seiner Geilheit. Damit ist der zum Phallus sich wandelnde Penis ein äußerst verräterisches, den Mann bloßstellendes Organ. Er steht im wahrsten Sinne des Wortes für das Obszöne, nach dem ihm der Sinn steht. Sein Stehen ist verkörperte Obszönität. Im Erigieren wandelt sich der Penis vom banalen ›Seich-Zeug‹ zum exponierten ›Zeig-Zeug‹: ein ›Zeug‹, das nicht nur einen Gefühlszustand des Mannes aufzeigt und bezeugt, sondern zu allem Überfluss auch noch zeugen kann.
Schon Hegel (1770 – 1831) philosophierte, nicht anders als Heine, über das triviale biologische Faktum, dass das männliche Organ des Seichens auch das Organ des Zeugens ist. Dazu passt der Hinweis, dass mit ›Zeug‹ ursprünglich das Pfluggerät gemeint war. Mit dem Pflug – und mehr noch mit dem Schwert – hat sich der patriarchalische Penis von jeher, wenn auch unbewusst, identifiziert. Die Frau wird, nicht anders als Mutter Erde, vom Penis-Pflug aufgerissen, um anschließend den Samen in sie ausschütten zu können. Hierzu sei nur nebenbei bemerkt, dass sich mit Pflug und Schwert, diesen archaischen Penissymbolen, das Patriarchat in vorantiker Zeit gewaltsam gegen das auf den Hackbau gegründete, weder Pflug noch Schwert kennende Matriarchat durchgesetzt hat.
Der steife, grotesk vom Körper abstehende Phallus ist bei nüchterner Betrachtung weder schön noch hässlich. Er überzeugt weniger in ästhetischer als in funktionaler Hinsicht. Ein zumeist recht kleines, belanglos wirkendes Ding wächst sich zu einem ziemlich großen, Aufmerksamkeit heischenden Monstrum aus – und dies im wahrsten Sinne des Worts. Denn das Wort ›Monstrum‹ (= großer, unförmiger Gegenstand) leitet sich von lateinisch monstrare ab, was ›herzeigen, hinweisen‹ bedeutet und sich zum Beispiel auch im Wort ›demonstrieren‹ verbirgt, ebenso in der Monstranz, diesem katholischen Kultgerät, das der Priester, symbolisch erigierend, vor seiner Gemeinde in die Höhe reckt als sichtbaren Beweis der Anwesenheit Gottes. Der Phallus ist, wenn man so will, ein Demonstrant. Als solcher will er mit fast schon drohendem Gestus auf etwas hinweisen beziehungsweise eine unmissverständliche Absicht bekunden und deren Verwirklichung einfordern.
Anschwellen und versteifen kann am menschlichen Körper so manches. Aber dass sich das Anschwellend-Versteifende dabei auch noch aufrichtet, macht immer wieder staunen, selbst wenn man als stolzer Eigentümer dieses körpertechnischen Wunderwerks schon unzählige Male dabei zugeschaut hat. Das weibliche Pendant zum Penis, die Klitoris, genauer: ihre aus dem Körper ragende Spitze, ist zwar auch zur Schwellung fähig, richtet sich dabei aber nicht auf, und selbst wenn sie es täte, würde es keiner bemerken.
Synchron zum Anschwellen des Penis schwillt naturgemäß auch die sexuelle Erregung des Mannes an, mehr noch, der Mann erlebt eine Art von innerem Anschwellen seiner ganzen Person und Persönlichkeit. Wer hier wen zum Anschwellen bringt – der Mann den Penis oder der Penis den Mann –, ist nicht eindeutig zu sagen: der klassische Fall einer dynamischen, sich selbst verstärkenden Wechselwirkung.
Das Anschwellen/Versteifen/Aufrichten könnte man von daher als ein dreifaches Synonym für den männlichen Sexus verwenden, ja vielleicht sogar für den Mann schlechthin. Der Ausdruck ›seinen Mann stehen‹ meint unterschwellig genau das: ein zutiefst sexuelles Gefühl. Freilich gilt dies auch in einem negativen Sinn für den Fall, dass der Mann meint, sich künstlich ›aufmanndeln‹ zu müssen, indem er sich körperlich aufrichtet, breitbeinig dastehend und in seinem ganzen Habitus versteifend, was beim Gegenüber höchste Potenz assoziieren soll. Zu allem Überfluss wird dann auch noch verbal erigiert.
In der allgemeinen Fixierung auf den erektilen Schwellvorgang beim Mann wird leicht übersehen, dass das Sexuelle schlechthin von anschwellender Art ist, bei der Frau nicht weniger als beim Mann. So schwillt bei der sexuell erregten Frau nicht nur die Klitoris, sondern es schwellen ebenso die großen und kleinen Schamlippen, wie auch die im Schwellen sich versteifenden Brustwarzen. Was den sexuell erregten Mann betrifft, so schwillt und versteift in gewisser Weise auch das sonst eher schlaff hängende Skrotum, wobei es sich im Idealfall als pralle Halbkugel an den Penis heranzieht, als suche es mit ihm jene verschworene Potenz-Gemeinschaft zu bilden, die in früherer Zeit als Gemächt bezeichnet wurde: Sinnbild eines mächtigen virilen Strotzens. Schließlich geht, was selten bedacht wird, die ganze sexuelle Kraft des Penis von den Hoden aus.
Der Penis als Waffe
Die zylindrische Grundform des erigierten Penis überzeugt bei einem Sexus, der die Penetration, also das Eindringen und Durchdringen, zum Ziel hat. Penetration ist ja überhaupt nur nötig, sobald der zu penetrierende Körper, genauer: dessen Öffnung, der Aufnahme des Fremdkörpers einen gewissen Widerstand entgegensetzt, den es penetrierend zu überwinden gilt. Denkbar wäre ja auch eine Begattung, bei der ein weiches männliches Geschlechtsorgan in eine weite weibliche Öffnung gehängt wird, ähnlich wie man einen Teebeutel in eine Tasse hängt. Denkbar wäre auch ein ohne Penetration auskommender Kloakensex, wie bei den Vögeln. Doch wenn es ums Penetrieren geht, dann stellt der an seiner Spitze gerundete Zylinder zweifellos die Idealform eines penetrierenden Sexualorgans dar. Die Evolution hat für die Säugetiere den zylindrischen Penis und die ebenfalls zylindrische Vagina gewiss nicht umsonst als bestes aller möglichen Genitalmodelle kreiert.
Begattung bedeutet bei den Säugetieren das Versenken eines mehr oder weniger harten Rohrs in einen elastischen Schlauch. Der Vorgang verspricht eine optimale, nämlich reibungsintensive Verbindung. Tiefgründige Penetration verlangt mit geradezu physikalischer Notwendigkeit nach dem Zylinder: dem vollen männlichen, der sich in den hohlen weiblichen zwängt und sich darin mehr oder weniger schnell vor- und zurückbewegt. Natürlich lässt sich der Penetrationsvorgang auch umgekehrt formulieren: Der hohle weibliche Zylinder stülpt sich über den vollen männlichen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Frau im Geschlechtsakt den aktiven Part übernimmt.
Das Aggressiv-Penetrierende der zylindrischen Form findet sich auch in archaischen, Körper durchdringenden Waffen wieder: Dolch, Schwert, Lanze, Speer, Spieß oder Pfeil. Ihnen fühlt sich der Penis insgeheim anverwandt. Entsprechend wurde die männliche Potenz im misogynen antiken Griechenland als ›Waffenkraft‹ verstanden und gegenüber der Frau auch so eingesetzt. Das Wort ›Kraft‹ ist hier im Sinne von Beherrschung gemeint. Doch jeder Wille zum Beherrschen hat seinen Ursprung in der Schwäche. Denn insgeheim weiß der Mann, dass er der weiblichen sexuellen Potenz unterlegen ist. Das Patriarchat verschafft ihm die Möglichkeit, seine Schwäche in Herrschaft umzumünzen – auf Kosten der Frau.
Seit der griechischen Antike, jener Gründer- und Hochzeit des Vaterrechts, hat man den heterosexuellen Koitus mit dem Zufügen einer klaffenden Wunde verglichen. Als solche wurde das weibliche Geschlecht ohnehin assoziiert. Nach antikem Verständnis fügt der penetrierende Penis der Frau auf paradoxe Weise eine Wunde zu, die sie schon hat und die, passend zum Bild, auch einmal im Monat blutet. Der Koitus mit einer Frau erscheint so als kriegerischer Kampf, bei dem die Frau unterworfen und besiegt werden muss, indem sie aufgespießt wird. Der Penis ist die Stich- und Stoßwaffe, die bei diesem Kampf zum Einsatz kommt. Am Ende, wenn der Mann ›abschießt‹, verwandelt sich sein Penis sogar in eine Schusswaffe, die freilich nur die Qualität einer harmlosen Spritzpistole hat.
Der soldatische Penis
Die Begriffspaare Mann/Penis und Soldat/Waffe stehen zueinander in einer auffallend starken Wechselbeziehung. Der strammstehende Soldat hat etwas von einem erigierten Penis, der ja auch nichts anderes tut, als stramm zu stehen – auf Befehl des Gehirns. Wenn der Soldat sein Gewehr ›präsentiert‹, verkörpert er gewissermaßen eine Doppelerektion: Der versteifende und sich dabei aufrichtende Soldat zeigt auf exhibitionistische Weise seine steil nach oben gerichtete Schusswaffe – stellvertretend für seinen erigierten Penis. Beim soldatischen Parade-Stechschritt, der besonders im NS seine groteske Übertreibung fand, wird das Gehen mit den nach oben geworfenen steifen Beinen in gewichsten Schaftstiefeln zu einer Art voranschreitender Dauererektion. Mehr noch: Im Wort ›Stechschritt‹ schwingt ein gewaltsames Penetrieren mit, insofern der obszöne Wortschatz mit ›Stechen‹ das Koitieren meint. In diesem Zusammenhang bringt sich auch der so genannte Hitlergruß als symbolische Erektion ins Spiel. Die Kommunisten ›erigieren‹ symbolisch auf ähnliche Weise, wobei der hochgereckte und dabei abgewinkelte Arm wegen der geballten Faust erst recht einem erigierten Penis gleicht.
Aus aggressiv-patriarchalischer Sicht verkörpern Krieger und Soldat den phallischen Mann schlechthin. Seine Selbstreduzierung auf die stets abschussbereite Phallus-Waffe geht, wie Klaus Theweleit in seinem Buch Männerphantasien (1977) überzeugend nachgewiesen hat, mit der Reduzierung der Frau auf die Vulva einher. Alle soldatischen Rohre, mit denen abgeschossen, also stellvertretend ejakuliert wird, zielen auf die als erdhaft vorgestellte ›Weib-Natur‹, wie sie sich für den Frontsoldaten in den feuchten, nassen, verschlammten und zuletzt verschlingenden Erd-Löchern des Grabenkriegs manifestiert. Der Aufmarsch einer Armee ist eine Art von kollektiver Dauererektion aller ihrer ›Glieder‹. Laut Theweleit berichtete der Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897 – 1957) aus seiner klinischen Praxis, »dass soldatische Männer tatsächlich oft unter Dauererektionen litten«. In logischer Konsequenz stirbt ein Soldat auch nicht, sondern er fällt. Doch fallen kann nur, was steht. Entspannung, also Erschlaffung, ist für den soldatischen Penis-Mann gleichbedeutend mit Kapitulation: jenes Sich-Ergeben, das im patriarchalisch geprägten Koitus keinesfalls vom Mann, aber dafür umso mehr von der Frau erwartet wird.
Der traditionelle Kanon der ›Männlichkeit‹, der bei uns bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gültig war, speiste sich dementsprechend aus dem Militärischen. Der ideale Mann (auch für die Frau) war der soldatische, freilich nicht in Gestalt von ›Schütze Arsch im letzten Glied‹– gemeint ist eigentlich: Schütze Arsch mit kleinstem Glied –, sondern in der des Offiziers. Der junge, fesche, immer etwas steife Leutnant in seiner stramm sitzenden, die Körperformen mitsamt den Geschlechtsteilen stark betonenden Uniform, erfreute sich bei Frauen jeden Alters und aller Gesellschaftsschichten besonderer Beliebtheit. Der soldatische Mann verkörperte Härte, Standhaftigkeit, Stehvermögen, Geradlinigkeit, Unbeugsamkeit und Durchsetzungsvermögen – alles Attribute, die auch den Phallus auszeichnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die deutschen Verlierer-Frauen keinen Hehl daraus, dass sie die amerikanischen Soldaten in ihren ›schneidigen‹, perfekt sitzenden Uniformen ungemein attraktiv fanden. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass die Amerikaner mit der phallischen Potenz des Siegers auftreten konnten, während den eigenen Männern nichts anderes übrig blieb, als ihre böse versengten Verlierer-Schwänze einzuziehen. Sie hatten den Kürzeren gezogen. Mit dem ›Kürzeren‹ ist nichts anderes als der kürzere Penis gemeint.
Der phallische Degen, die phallische Pistole, das phallische Gewehr und nicht zuletzt die zu Hochglanz gewichsten phallischen Schaftstiefel trugen zu allen Zeiten das Ihrige dazu bei, die Figur des Soldaten sexuell aufzuladen, gerade auch, was die latent-homosexuellen Aspekte der Kameradschaft in den Mannschaften betrifft. So verwundert es nicht, dass der Begriff ›Wichsen‹ (für Onanieren) in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geprägt worden ist.
Die Penisbezogenheit des Mannes korrespondiert auf fast schon tragikomische Weise mit der Allgegenwart des Phallischen in der Welt. Der Penis, so meinte Sigmund Freud, »findet symbolischen Ersatz erstens durch Dinge, die ihm in der Form ähnlich, also lang und hochragend sind, wie: Stöcke, Schirme, Stangen, Bäume, und dgl. Ferner durch Gegenstände, die die Eigenschaft des In-den-Körper-Eindringens und Verletzens mit dem Bezeichneten gemein haben, also spitzige Waffen jeder Art, Messer, Dolche, Lanzen, Säbel, aber ebenso durch Schießwaffen: Gewehre, Pistolen und den durch seine Form so sehr dazu tauglichen Revolver. In den ängstlichen Träumen der Mädchen spielt die Verfolgung durch einen Mann mit einem Messer oder einer Schußwaffe eine große Rolle«. (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Lizenzausgabe 1933, S. 165) Diskret umgeht Freud ein Faktum, das ihm als Sexualforscher zweifellos vertraut war: dass der Penis nicht nur einen »symbolischen Ersatz« in phallischen Gegenständen findet, sondern manche dieser Gegenstände sich für die Frau als praktische Masturbations-Instrumente geradezu aufdrängen. Freuds Diskretion mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass er zwar »Stöcke, Schirme, Stangen« nennt, aber die dem Penis wesentlich ähnlicheren Gemüse- und Obstsorten geflissentlich übergeht, von der Vielfalt phallischer Wurstsorten ganz zu schweigen.
Stolz und Komik der Erektion
Woher kommt es eigentlich, dass ein nackter Mann, der stehenden Glieds im Raum steht, bei allem erektilen Begattungsernst einer gewissen Komik nicht entbehrt? Vielleicht, weil der nackte Mann, wenn er mit seinem Phallus posiert, nicht merkt, dass dieser, mehr als es dem Manne recht sein kann, mit ihm posiert. Da wedelt symbolisch der Schwanz mit dem Mann. Und hat, diese Urkomik verstärkend, ein nackt dastehender erigierender Mann nicht etwas von einem minimalistischen Kleiderständer? Wer hat als junger Kerl, als die Erektion noch steil nach oben zeigte, der Geliebten nicht dadurch zu imponieren versucht, dass er die soeben ausgezogenen Kleidungsstücke an seinen Ständer hängte – und dieser spielend der Last widerstand. Besonders gut machte sich ein Hut, vielleicht auch deshalb, weil der Hut in der Traumsymbolik selbst für den Penis steht. Doch am komischsten wirkt ein nackter Mann mit Erektion, sobald er damit den Raum durchquert: Dann trägt er seinen Phallus wie eine Pflugschar vor sich her.
Im Gegensatz zum abstehenden steifen Penis ist der schlaff hängende überhaupt nicht komisch. Er ist nicht mal obszön. Ihm fehlt die Komik des Obszönen, die Obszönität des Komischen. Das gilt zumindest für den privaten Raum. Ja es gilt selbst für den halbprivaten Raum, etwa dem einer öffentlichen Sauna oder eines Nacktbadestrands. Dort tummeln sich schlaffe Penisse zuhauf, ohne dass sie das öffentliche Ärgernis oder gar einen Menschen erregen würden; sie wirken auf geradezu biedere Weise natürlich, also nicht obszön, und – wie alles Natürliche – unkomisch. Aber wehe, es ließe sich ein schlaffer Penis unter lauter bekleideten Menschen sehen, indem er aus dem offenen Hosenschlitz ragte! Mann und Penis wären der Lächerlichkeit preisgegeben.
Es ist schon bemerkenswert, dass sich ein und derselbe Körperteil von dem Moment an nicht mehr öffentlich zeigen darf, da er ein paar Zentimeter größer wird und sich dabei aufrichtet. Ab einem bestimmten Aufrichtungsgrad gilt er als pornografisch und darf zum Beispiel in jugendfreien Filmen nicht gezeigt werden. Auch in einer öffentlichen Sauna oder am Nacktbadestrand sind Erektionen tabu, wenngleich diese an sich harmlose Erscheinung am männlichen Körper für niemanden eine Gefahr darstellt. Auch ein erigierender nackter Mann bleibt ein nackter Mann. Tatsächlich aber wird so getan, als mutiere er zu einem Schrecken erregenden – oder schrecklich erregenden – Monster. Eigentlich ist nicht die Erektion das Problem, sondern das männliche, insgeheim mit Gewalttätigkeit in Verbindung gebrachte Begehren, das sie überdeutlich und irgendwie bedrohlich zum Ausdruck bringt. Die Frauen sind in dieser Hinsicht fein raus: Falls ihnen danach ist, können sie sich in der Sauna oder am Nacktbadestrand ganz entspannt ihren sexuellen Fantasien hingeben, ohne dass ihr Körper sie auf obszöne Weise verraten würde. Die Frau kann ihre Geilheit – und ebenso ihre Frigidität – sehr gut verheimlichen.
Nun wurde schon mehrmals das Wort ›obszön‹ gebraucht, aber was ist eigentlich mit diesem Begriff gemeint? Verbirgt sich in ihm womöglich das lateinische Wort scena (= Szene), und zwar in dem Sinn, dass etwas, das im privaten Raum ganz natürlich scheint, in dem Moment Anstoß erregt, da es sich öffentlich präsentiert, also in Szene setzt? So wurden zum Beispiel jene Szenerien im antiken römischen Theater als ›obszön‹ bezeichnet, bei denen sich die Schauspieler, etwa zum Fest der Flora, Riesenphalli aus Leder umbanden und ›auf offener Szene‹ allerlei derb-sexuellen Schabernack trieben. Doch das Wort ›Szene‹ führt uns auf eine falsche Fährte. Tatsächlich leitet sich das Wort obszön nicht von scena, sondern von caenum ab, was Schmutz, Schlamm, Kot und Unflat bedeutet. Obszön ist, was uns abstößt, wobei stets eine dreifache Abneigung gemeint ist: eine körperliche, ästhetische und moralische. Obszön ist, was allgemein als hässlich, unsittlich und eklig empfunden wird. Und das ist meistens dann der Fall, wenn das Sexuelle den privat-intimen Raum verlässt; dieser ist die einzige Bühne, auf der Obszönität inszeniert werden kann, ohne obszön zu sein. Darin zeigt sich die Ambivalenz des Obszönen: In allem Abstoßenden schlummert eben auch eine anziehende Kraft, die nur einer entsprechenden Intimsphäre bedarf, um wirksam zu werden. Das Obszöne ist das Anziehend-Abstoßende.
Wegen seiner gewitzten Biomechanik zählt der Penis zweifellos zu den originellsten Organen, die die Natur hervorgebracht hat. Seine Verwandlungsmacht hat etwas von Zauberei oder zumindest von der Illusionskunst des Varietés. Der Vorgang verblüfft, ohne dass man ihn für einen Bluff halten müsste. Der Penis führt eine Doppelexistenz; er ist ein Zwitterwesen und gleicht darin weniger einem halbseidenen, mit Tricks arbeitenden Varieté-Künstler als einem Schauspieler, dessen Kunst ja ebenfalls darin besteht, zwei Geschöpfe in einem zu sein. Der Penis, so könnte man sagen, hat eine starke Neigung für die Schaubühne. Dieser zwittrige Mime beherrscht die Fähigkeit, je nach Bedarf seine Gestalt und damit seinen Charakter zu ändern, sich abwechselnd zu entpuppen und zu verpuppen, zwischen Sein und Schein zu wechseln in der Art des Gauklers und Maskenspielers.
Vielleicht darf man sogar die Behauptung wagen, dass der Penis in seiner zwittrigen Lust zum Masken- und Schauspiel das Zwitterwesen der männlichen Homosexualität verkörpert. Der weiche, schlaff hängende Penis erscheint in seinem ganzen Habitus eher weiblich als männlich, zumindest im Gegensatz zu seiner steifen, aufgerichteten Gestalt, die männlicher nicht sein könnte. Und so korrespondiert das Zwitterwesen des Penis mit dem Zwitterwesen der Schauspielkunst, die wiederum mit dem Zwitterwesen der Homosexualität korrespondiert. Auch Homosexuelle wechseln gern von weiblicher zu männlicher Rolle, wie ja überhaupt bei vielen eine starke Neigung zum Schauspiel, zu Maskerade und Kostümierung zu beobachten ist. Aus all dem wäre der (freilich nicht ganz ernstzunehmende) Schluss zu ziehen, dass der Penis, seinem komödiantischen Doppelwesen gemäß, ein Homosexueller ist. Damit stünde er in schönstem Einklang mit der in jedem heterosexuellen Mann schlummernden Liebe zum eigenen Geschlecht.
Mit etwas Übertreibung könnte man beim Anblick einer zügig sich entfaltenden Erektion nicht nur von einem Schauspiel, sondern von einem Mysterium sprechen – wenn man nicht wüsste, wie eine Erektion rein biomechanisch funktioniert, nämlich ziemlich einfach. Die Biologie spricht von einer reflektorischen Anschwellung, Aufrichtung, Vergrößerung und Versteifung des männlichen Glieds durch Blutzufuhr in dessen Schwellkörper bei gleichzeitig vermindertem Abfluss des Bluts. Man kennt diesen Effekt von am Boden liegenden Gartenschläuchen: Diese richten sich auf und wedeln schwanzartig in der Gegend herum, sobald mehr Wasser in sie einschießt, als an der Öffnung entweichen kann. Wie der unter Überdruck stehende Gartenschlauch, so scheint auch der sich in Erektion befindliche Penis ein Eigenleben zu führen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Er versteift sich ja nicht durch den Willen seines Eigentümers, und ist durch diesen auch nicht zu kontrollieren. Gegenüber dem Mann hat der Penis auf dem Gebiet des Sexus immer das letzte Wort – und eigentlich auch das erste. Wohl deshalb sind die Männer geneigt, in Sexualdingen jede Verantwortung für dieses eigenwillige und eigenständige Lebewesen zwischen ihren Beinen abzulehnen.
Wegen seiner Fähigkeit zur Eigenbewegung hat der Penis in der Tat etwas von einem primitiv gebauten Weichtier. Es kann anschwellen und sich dabei langsam aufrichten, wobei es sich pulsierend und nach oben schraubend um seine Basis dreht. Es kann auf verzückende Weise in Zuckungen verfallen, kann einfache Schlenkerbewegungen ausführen oder wie zustimmend nicken. Es kann sich erschöpft niederlegen und in sich zurückziehen, ›einen auf introvertiert oder beleidigt machen‹, um sich kurz danach erneut aufzurichten und in freudiger Erwartung dazustehen – gewissermaßen ein mit sich selbst wedelnder Schwanz. Auch das Skrotum zeigt diese Lebendigkeit, allerdings weniger augenscheinlich. Man muss schon genauer hinsehen, um zu bemerken, wie sich die Hoden in sanftem Fließen gegeneinander bewegen wie kleine, in ein Täschchen eingeschlossene Tiere.
Manchmal steht der Penis völlig unmotiviert einfach so in der Gegend herum, zumeist morgens beim Aufwachen, ohne dass der dazugehörige Mann eine sexuelle Erregung verspürte. Das nennt man salopp eine Morgenlatte. Hierfür reicht der mechanische Druck der vollen Harnblase gegen die Prostata. Nicht selten führt das dazu, dass, spätestens unter der Morgendusche, die Erregtheit des Penis auf den Mann überspringt. Dann, so könnte man sagen, wird der Mann von seinem eigenen Penis verführt.
Dies alles bedenkend, erscheint der Penis als jenes Körperglied des Mannes, dem man fast schon eine Art von Charisma zusprechen möchte. Dieses fließt ihm freilich erst im Anschwellen, Versteifen und Aufrichten zu. ›Charisma‹ meint ja ursprünglich nichts anderes als eine Gnadengabe, wie sie etwa einem religiösen Propheten oder weltlichen Herrscher von Gott als eine Art göttliche Berufung zuteil werden kann. Die Erektion ist das Charisma des Penis, sie ist seine auf Hingabe zielende Begabung, seine Berufung. Umso schwerer wiegt sein Versagen. Es vernichtet schlichtweg das Männlichste am Mann.
Viertes Kapitel
Der berühmteste Penis der Kunstgeschichte
Der Penis hat, in der Art des altrömischen Gottes Janus, zwei Gesichter: ein langweiliges, weil schlaff hängendes, und ein aufregendes, weil markant aufragendes. Dieses Vermögen, sein Gesicht – und damit seinen Charakter – von Grund auf und je nach Bedarf zu wechseln, verleiht ihm nicht nur Charisma, sondern auch einen Hauch von Geheimnis. Denn jedes Geheimnis ist janusköpfig.
Umso erstaunlicher, dass der Penis es allein in Gestalt des schlaffen Würstchens zu ästhetischem Ruhm gebracht hat. Phalli kommen, zumindest seit der griechischen und römischen Antike, in der abendländischen Bildenden Kunst nicht vor. Selbst der patriarchalische Wahn der alten Griechen ging nicht so weit, den idealen nackten Männerkörper, der für sie ohnehin ein Knabenkörper war, mit erigiertem Penis darzustellen. Zumindest sind solche Werke nicht überliefert. Hingegen gibt es unzählige antike Darstellungen von Phalli, mit denen göttliche oder halbgöttliche Gestalten im Gefolge des Weingottes Dionysos ausgestattet sind, voran der bocksfüßige Hirtengott Pan oder die Fruchtbarkeitsgötter Priapos, Satyr und Silen.
Die klassischen griechischen Darstellungen von nackten Göttern und Heroen, etwa eines Ares, Herakles, Theseus oder Achilles, zeigen nicht nur keinen Phallus, sondern lassen den Heldenpenis knabenhaft klein, ja geradezu winzig erscheinen. Dem Heroismus des Helden tut das keinen Abbruch. Der Held selbst ist die Erektion; er verkörpert das Phallische in Gestalt des Kämpfers und Kriegers. Das ist auch der Grund, wieso der antike griechische Heros fast ausnahmslos nackt dargestellt wird: Man erkennt ihn an seinen typischen Waffen-Insignien und an seiner Nacktheit. Das ist insofern verwunderlich, als der nackte Körper so gar nicht zum Krieger passt; diesen verlangt es nach einer schützenden Rüstung.
Die Darstellung eines nackten Mannes mit erigiertem Penis verbietet sich in der Kunst, und dies gewiss nicht nur aus Gründen der Scham, sondern ebenso aus Gründen der Ästhetik. Nicht, dass der Phallus an sich hässlich wäre, nein, er kann sogar schön oder zumindest wohlgestaltet sein. Doch selbst der schönste und stolzeste Phallus würde die nackte männliche Gestalt, gerade wo sie als Skulptur ein klassisches Ideal verkörpern soll, ins Lächerliche ziehen. Nicht nur, dass der Anblick Anstoß erregte – der harmonische Gesamteindruck der Figur wäre auf groteske Weise gestört. Denn das Groteske ist letztlich nichts anderes als entstellte Harmonie. Diesen verzerrenden, die Harmonie störenden Effekt kennt man auch von stark abstehenden Ohren, zu Berge stehenden Haaren oder extrem großen Nasen. An einem Körper darf nichts übermäßig abstehen, wenn er dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen soll.
Das Groteske ruft im Betrachter drei grundlegende Reaktionen hervor, die sich mit unserem ästhetischen Empfinden nur schwer vereinbaren lassen: Zuerst ein Erstaunen, das sich bis zum Erschrecken steigern kann, dann ein Gelächter, das sich mit Hohn und Spott vermischt, und schließlich ein Abscheu, der im Ekel endet. Gewiss, das Groteske im Allgemeinen und die Groteske im Besonderen sind der Kunst nicht fremd, doch ein Künstler, der mit seinem Werk weder Erschrecken, noch Gelächter und vor allem keinen Ekel erzeugen will, wird das Groteske meiden.
Der steife, grotesk abstehende Penis störte aber nicht nur das äußere Gleichmaß der Figur, sondern er zerstörte über die männliche Geilheit, für die er steht, auch ihr inneres Gleichgewicht. Dem Bild oder der Skulptur eines nackten erigierenden Mannes fehlte jedes Geheimnis. Vom Geheimnis aber lebt alle zählende Kunst. Kunst ist Illusion – und das Geheimnis ist die höchste Form der Illusion. Eine Erektion jedoch ist die Desillusionierung schlechthin. Bei der künstlerischen Darstellung eines nackten Mannes mit erigiertem Penis wüsste man sofort alles über den momentanen inneren Zustand des Dargestellten: Der Mann ist geil, und sonst nichts. Da ist kein Platz mehr für Geheimnis und Illusion.
Daraus folgt mit zwingender Notwendigkeit, dass eine künstlerisch ernstzunehmende Darstellung des nackten männlichen Körpers keine Erektion erlaubt. Das Männlichste am Mann wird von den Musen, den Hüterinnen einer harmonischen Ordnung, entschieden zurückgewiesen. Vom Phallus wenden sie sich ab mit Grausen. Hinzu kommt, dass der öffentliche Raum, zu dem auch die Räume der Museen zu zählen sind, den Phallus trotz allgemeiner Sexualisierung unseres Alltags nicht duldet. Ein erigierter Penis hat noch immer das Potential, zu erregen – voran das öffentliche Ärgernis.
Selbst ein großer schlaffer Penis ist aus ästhetischen Gründen in der Kunst problematisch; auch er stört die Harmonie des nackten Männerkörpers, wenn auch weniger massiv als ein erigierter. Dies mag auch der Grund sein, wieso man es in der Kunstgeschichte bei Darstellungen nackter Männer fast ausnahmslos mit bescheidenen Knabenpenissen zu tun hat. Eine berühmte Ausnahme stellt Albrecht Dürer (1471 – 1528) mit seinem kleinformatig gezeichneten Selbstporträt als Akt dar, von ihm selbst als »nackett pild« bezeichnet. Das zweifellos sehr intime Selbstbildnis zeigt uns das beachtliche Gemächt des genialen Künstlers – in schlaffem Zustand, versteht sich. Das Kunstwerk besticht durch seine natürliche, völlig unverkrampfte Schamlosigkeit. Man fragt sich, ob diese zu halten gewesen wäre, wenn Dürer sich mit erigiertem Penis gezeichnet hätte. Ein Tabubruch war es so oder so. Das wusste auch Dürer, weshalb er dieses kleine, aber ausdrucksstarke Werk nie aus den Händen gab.
An Dürers Tabubruch wagte sich die bildende Kunst erst wieder an der Wende zum 20. Jahrhundert heran, allerdings mehr von der weiblichen Seite her, wenngleich ein Maler wie Egon Schiele (1890 – 1918) immerhin einige Selbstbildnisse als nackter Mann mit schlaffem Penis geschaffen hat. Hingegen zeigt Schiele – wie auch sein Lehrer Gustav Klimt (1862 – 1918) – in meisterhaften Zeichnungen und Skizzen masturbierende Frauen in Serie, doch niemals sexuell erregte Männer! Denn anders als beim Mann, bleibt der Körper einer sexuell erregten Frau äußerlich weitgehend unverändert, weshalb es, die Ästhetik des nackten Frauenkörpers betreffend, vollkommen unerheblich ist, ob ein Künstler eine sexuell erregte oder sexuell unerregte nackte Frau darstellt. Ihre Nacktheit ist in beiden Fällen die gleiche. Beim Mann hingegen stört auf einmal ein sperrig sich ins Blickfeld drängender, den Blick absorbierender Gegenstand.
Von den großen Malern der jüngsten Moderne hätte man am ehesten einem Lucian Freud (1922 – 2011) zugetraut, dass er in der einen oder anderen seiner zahlreichen Darstellungen nackter Männer einen zumindest halbwegs erigierten Penis zeigt. Doch auch der malende Enkel Sigmund Freuds ging dieses Wagnis nicht ein; zumindest ist ein solches Werk bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Sein Oeuvre zeigt in schamloser Draufsicht zwar jede Menge Penisse, aber keinen einzigen in phallischer Hochform, ja nicht mal auf dem Weg dorthin.
Immerhin gelang es im Jahre 1963 dem deutschen Maler Georg Baselitz mit zwei Gemälden (Die große Nacht im Eimer und Nackter Mann) ein öffentliches Ärgernis zu erregen, weil auf ihnen masturbierende Männer zu sehen waren. Die Werke wurden von der Polizei aus einer Galerie heraus beschlagnahmt. Es kam zur Gerichtsverhandlung, doch das Verfahren wurde schließlich eingestellt, da man dem Künstler nichts »Böswilliges« nachweisen konnte.
Michelangelos David
Die berühmteste künstlerische Darstellung eines nackten Mannes ist gewiss Michelangelos Marmorstatue des biblischen David, die der Künstler zwischen 1501 und 1504 geschaffen hat. Zu bestaunen ist sie in der Galleria dell’Accademia in Florenz. Bis zum Jahre 1873 stand sie auf dem Platz vor dem Palazzo Vecchio. Ihren Ruhm verdankt die Skulptur nicht zuletzt ihrer monumentalen Größe: Sie ist, ohne den Sockel, auf dem sie steht, über vier Meter hoch! Dargestellt ist David in jenem Moment, da er sich dem Riesen Goliath zum Zweikampf stellt. Darüber berichtet die Bibel im Ersten Buch Samuel. Michelangelo, und das ist das Verblüffende, gestaltet David selbst als Riesen mit ungefähr jener Körpergröße, die die Bibel für Goliath nennt: »sechs Ellen und eine Handbreit«, was ungefähr vier Meter sind. Dieser riesenhafte David oder David-Riese erscheint als Inbegriff männlicher Schönheit, männlicher Kraft, männlichen Willens und männlichen Zorns. Als stünde er mit der geballten Kraft seiner phallischen Existenz im Zentrum der Welt. Seine männlichen Eigenschaften stehen allerdings in einem krassen Gegensatz zum biblischen David, wie er uns im heiligen Buch als halbwüchsiger Schafhirte ohne alle Potenzattribute vorgestellt wird. Dort heißt es lapidar, er sei »bräunlich, mit schönen Augen und guter Gestalt«. (Samuel, Kap. 16, Vers 12)
Dass Michelangelo die biblische Figur eines Hirtenknaben in einen erwachsenen Mann im Zenit seiner Virilität verwandelt, muss verwundern. Knabenhaft ist an seinem David nur der Lockenkopf, der in der antiken griechischen Männerskulptur als Symbol jugendlicher Tatkraft dient. Die Steinschleuder, die er sich lässig über die linke Schulter gelegt hat, passt nicht zum dargestellten Typus des heroischen Mannes, sie wirkt als Davids einziges Erkennungszeichen weit hergeholt und irgendwie aufgesetzt in der Art eines Hinweisschilds: Hier sehen Sie, wegen der Schleuder, keinen Anderen als David! Ohne dieses Symbol käme wohl niemand auf den Gedanken, im Dargestellten den biblischen David zu vermuten.
Dabei stört die Steinschleuder massiv die Heroen-Aura. Denn zum Heros antiker Prägung gehört entweder das gezogene Schwert oder der in den Boden gepflanzte Speer oder, im Falle des Herakles, die geschwungene Keule: alles phallische Symbole einer aggressiven männlichen Potenz, wie sie in den antiken Heroen-Darstellungen ihren klassischen Ausdruck gefunden hat. Die Schleuder ist alles andere als phallisch; sie mutet in ihrer rundlich-weichen Form eher weiblich an. Davon abgesehen ist sie aus Heroensicht absolut inakzeptabel: die typische Distanzwaffe für Halbwüchsige und Feiglinge. Ein Heros wirft nicht mit Kieselsteinen; er stellt sich dem Kampf Mann gegen Mann. Und wenn er schon meint, etwas werfen zu müssen, dann ist es der Speer. Von daher erscheint die Steinschleuder auf Davids Schulter geradezu als Persiflage der klassischen griechischen Ikonographie des Helden.
Dabei erkennt der unbedarfte Betrachter die leicht zu übersehende Schleuder gar nicht als solche. Er sieht in dem schlaff hängenden Gebilde eher ein übergeworfenes Tuch. Dieser nackte junge Mann könnte, das Handtuch lässig über die Schulter gelegt, geradewegs aus einer Sauna kommen. Die typischen Utensilien eines Schafhirten, die in der Bibel auch eigens benannt werden, lässt Michelangelo weg: die Hirtentasche, in der David »fünf glatte Steine aus dem Bach« verstaut hat, und den Hirtenstab. Und was er vor allem weg lässt: die Bekleidung. Natürlich wusste Michelangelo, dass Hirtenjungen auch in biblischen Zeiten nicht splitternackt durch die Gegend gelaufen sind. Und erst recht gilt das für einen Schafhirten, der sich anschickt, einen Riesen von Mann und gefährlichen Krieger zum Zweikampf herauszufordern, zu dem es, durch die tödliche List des Knaben, nicht kommen wird.
Damit ist eines klar: Michelangelo geht es gar nicht um die Darstellung des biblischen David. Er benutzt ihn nur als literarisches Vehikel. In Wahrheit geht es ihm um nichts anderes als um die Darstellung nackter männlicher Schönheit – und dies in der Tradition der klassischen Antike. Diese Schönheit repräsentierte, neben dem Knabenkörper, vor allem der athletische Körper des gottgleichen Heros. Einen solchen haben wir in Michelangelos David vor Augen, freilich um den Preis einer absichtlichen Verfehlung des Themas durch den genialen Künstler. Der Dargestellte ist zweifellos ein schöner, kraftvoller junger Mann, aber nie und nimmer ist er der biblische David. Das, so ist zu vermuten, war auch Michelangelo klar.
Das Rätsel um Davids Vorhaut
Michelangelos Verfehlung des Themas war pure Absicht, und diese erweist sich vor allem an Davids Penis. Das setzt allerdings voraus, dass man diesen sehr genau betrachtet, mehr noch: ihn buchstäblich unter die Lupe nimmt. Zu diesem Penis (samt Skrotum) kehrt der schweifende Blick des Betrachters, wie magnetisch angezogen, immer wieder zurück. Er ist das heraus- und hervorragende energetische Zentrum der Figur, eben weil es das sexualenergetische Zentrum des Mannseins ist.
An Davids Penis bestätigt sich die These, dass mit dem Dargestellten, Schleuder hin oder her, nicht der biblische Hirtenjunge und spätere König der Juden gemeint sein kann. Denn die fotografische Vergrößerung offenbart, dass dieser Penis unbeschnitten ist und somit nicht der Penis eines Juden sein kann. Oder anders gesagt: Michelangelos David ist ein Jude mit Vorhaut – und damit eine paradoxe Figur. Was sich Michelangelo dabei gedacht hat, wissen wir nicht. Es kann gut sein, dass er sich gar nichts gedacht hat. Vielleicht, dass ihm die Vorhaut einfach so von der Hand gegangen ist, weil ihm die Jüdischheit Davids nicht bewusst oder einfach nicht so wichtig war – der klassische Fall einer verdrängenden Fehlleistung. Vorstellbar wäre immerhin, dass das Christentum der Hochrenaissance, nach Jahrhunderten der Feindschaft zu den Juden, zumindest auf der religiösen Ebene verdrängend vergessen hatte, dass die großen Identifikationsfiguren der Bibel, Jesus inbegriffen, Juden waren, mehr noch: dass die Bibel, mitsamt dem Neuen Testament, ein jüdisches Buch ist.
Selbstverständlich wusste Michelangelo, dass David als bedeutende Figur des Alten Testaments ein Jude war, aber seine David-Skulptur zeigt, dass auch er es nicht glauben wollte. Oder war Davids Vorhaut am Ende nur eine (unausgesprochene, aber selbstverständliche) Forderung der christlichen Auftraggeber, die Michelangelo zu erfüllen hatte? Streng genommen ist diese Vorhaut, wie Michelangelo sie zeigt, ein fauler Kompromiss: Sie bedeckt die Peniseichel nicht vollständig, sondern lässt deren Spitze hervorlugen. Aus der Distanz könnte man meinen, es mit einem beschnittenen Penis zu tun zu haben. Selbst bei Fotos in Großaufnahme muss man schon sehr genau hinsehen, um den fein herausgearbeiteten Vorhautrand zu erkennen. Irgendwie macht diese Vorhaut den Eindruck, als wäre sie halb beschnitten. Als Arzt würde man vielleicht sogar eine Vorhautverengung (Phimose) diagnostizieren, die aus medizinischen, nicht aus religiösen Gründen eine Beschneidung nötig machen würde.
Michelangelos David – um die Paradoxie des Dargestellten weiterzuspinnen – ist der Jude, der keiner sein darf. Sonst könnte sich ja kein Christ mit der Figur identifizieren. Er wird von Michelangelo mittels der dargestellten Vorhaut nachträglich christianisiert, freilich nur halbherzig in Gestalt einer ›halbherzigen‹ Vorhaut. Wenn man so will, dann hat Michelangelo seinen David gezwungen, zum Christentum überzutreten. Er lässt an seinem David jenes Wunder geschehen, das einem wirklichen Juden, der zum Christentum konvertierte, versagt bliebe: dass ihm die Vorhaut wieder nachwächst. Dieser von Michelangelo als nackter Riese gestaltete Hirtenknabe tritt uns als ›der Unbeschnittene‹ gegenüber. Exakt als solchen schmäht der biblische David mehrmals seinen gefährlichen Feind. Der David Michelangelos hat sich, im Sinne Nietzsches, selbst in einen unbeschnittenen Goliath verwandelt: Wer gegen Riesen kämpft – bei Nietzsche sind es Drachen –, wird selbst zum Riesen.
Unabhängig von dieser religiösen Paradoxie der Davidfigur, die sich buchstäblich in ihrer Penisvorhaut zuspitzt, zeigt die gesamte David’sche Geschlechtspartie eine weitere, nämlich biologische Paradoxie: in Gestalt eines Knabenpenis über dem respektablen Skrotum eines erwachsenen Mannes. Dieses Mischensemble wird überdacht von einem regelrechten Gebüsch aus idealisiertem Schamhaar, das züngelnden Flammen ähnelt. Es wirkt wie aufgeklebt und dadurch irgendwie komisch. Es hat etwas von einer übertrieben gelockten Perücke am falschen Platz. Zusammen ergibt das ein ›Gemächt‹, bei dem man nicht so recht weiß, ob man es bewundern oder belächeln soll.
Und wie steht dieser David überhaupt da! Nun, er steht klassisch-griechisch da: im kokett-femininen Kontrapost, womit der harmonische Ausgleich zwischen Ruhe (des Standbeins) und Bewegung (des Spielbeins) gemeint ist – exakt jene Haltung, die für die griechischen und römischen Heroen-Statuen typisch ist. Doch in einer realen Kampfsituation wird sich kein Mensch so hinstellen.
Mit seinem David distanziert sich Michelangelo vom päderastischen Körperideal der alten Griechen, obwohl es vortrefflich zu einem Hirtenknaben passen würde. Doch er distanziert sich nicht mit letzter Konsequenz, eben weil er dem Knabenpenis treu bleibt und nur dem Skrotum und dem Schamhaar eine erwachsene Männlichkeit zugesteht. Nun kann man einwenden, dass auch so mancher erwachsene Mann einen knabenhaften Penis haben kann, der sich erst im Erigieren zu einem respektablen Mannsphallus auswächst. Dieser Einwand ist überzeugend, bekräftigt aber letztlich nur die These, dass wir es hier nicht mit dem biblischen Schafhirten David zu tun haben, sondern mit dem Mann an sich, und zwar in der vollen Blüte seiner Männlichkeit. Michelangelo hat sich für den kleinen Penis aus Gründen der klassisch-griechischen Ästhetik entschieden, vielleicht aber auch aus Gründen des christlichen Schamgebots. Immerhin sollte die Monumentalplastik auf dem belebten und repräsentativen Hauptplatz der Stadt Florenz aufgestellt werden. Seit dem Ende der Antike, das heißt seit über 1000 Jahren, wurde damit zum ersten Mal wieder eine monumentale Statue eines nackten Mannes auf einem öffentlichen Platz gezeigt – ein gewiss sehr heikles Unterfangen. Es heißt, dass es über die Jahrhunderte immer wieder zu Anschlägen, etwa Steinwürfen, gegen das Kunstwerk gekommen ist.
Tatsächlich verschwindet der ohnehin klein geratene Penis fast vollständig hinter dem Skrotum, sobald man als Betrachter direkt vor der Statue steht und von schräg unten, buchstäblich aus der Froschperspektive, auf sie blickt. In direkter Anschauung der David-Figur wird deren Männlichkeit weitaus stärker vom Skrotum und vom Schamhaar als vom Penis repräsentiert. Das Skrotum erscheint nicht als beutelartige, runzelige Hauttasche, sondern die Hoden sind von einer glatten, transparent wirkenden Haut überzogen, sodass sie fast wie bloßgelegt wirken und dadurch stärkste Präsenz erlangen. Davids ganzer Sexus steckt in diesen Hoden, während sich der zierliche Knabenpenis schamvoll dahinter versteckt.
Die Hoden, griechisch didimoi (Zwillinge), kokkoi (Beeren), kyamoi (Bohnen), orches (Oliven) oder sphairidia (Kügelchen), galten schon den alten Griechen als der eigentliche Sitz einer potenten erwachsenen Männlichkeit. Das bevorzugte Wort für ›männlich‹ war enorcha (hodig). »Der Same«, so meinte der antike, aus Griechenland stammende römische Arzt Galenos (129 – 199), »macht die Männer warm, gelenkig, haarig, tiefstimmig, hochgemut, stark im Denken und Handeln.« Das sind exakt die Eigenschaften, die Michelangelos David ausstrahlt – neben einigen anderen mehr. Davids Skrotum, nicht sein Penis, weisen ihn als ›ganzen Mann‹, als enorches aner, aus, wie die Griechen zu sagen pflegten: als ›Hodenmann‹. Und ein besonders potenter Mann wurde lapidorchas genannt: ›Hodenkönig‹. Einen solchen haben wir wahrhaftig in Michelangelos David vor Augen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Michelangelos David gleich in mehrfacher Hinsicht in sich widersprüchlich ist: Der Dargestellte ist ein Knabe (Lockenkopf, knabenhafter Penis), aber gleichzeitig ein erwachsener Mann (Schamhaar, Skrotum). Er ist ein antiker Heros (Nacktheit), aber ohne Heroen-Waffe; vielmehr trägt er die hinterhältige Waffe des Feiglings. Gleichzeitig ist er ein biblischer Schafhirte, aber ohne die typischen Attribute eines solchen. Der Dargestellte ist Jude (biblischer David), aber ebenso kein Jude (vorhandene Vorhaut). Das will alles nicht so recht zusammenpassen.
Ob Michelangelo mit seiner Skulptur wirklich den biblischen David gemeint hat, ist letztlich zweitrangig. Denkt man sich die überflüssige, weil antiheroische Schleuder weg, dann ist keine bestimmte Person mehr gemeint, sondern, wie schon gesagt, das Ideal der Männlichkeit. Das gilt nicht nur in körperlicher, sondern ebenso in geistiger Hinsicht. In Davids Gesicht spiegeln sich Mut, Willenskraft und Entschlossenheit; sie formen jene markanten Gesichtszüge, wie wir sie, grotesk überzeichnet und zur Maske erstarrt, in den faschistischen Kolossalplastiken wiederfinden. Dort verkehren sie sich in ihr Gegenteil und verweisen auf nichts anderes als männliche Impotenz, die kriegerisch kompensiert werden muss. Durch diesen leeren NS-Klassizismus, ja durch alle klassizistischen Nachahmungen, ist uns die Freude an Michelangelos monumentalem Meisterwerk tatsächlich ein wenig vergällt.
Nicht zuletzt gibt es noch ein Drittes, das, neben Gesicht und Skrotum, in besonderem Maß die Virilität der David-Figur bekundet und den Blick des Betrachters immer wieder auf sich zieht: die rechte Hand. Sie springt nicht nur wegen ihrer fast schon expressionistisch überzeichneten Größe ins Auge, sondern ebenso durch ihre eigenartig gekrümmte, dadurch einerseits gespannte, gleichzeitig aber auch lässige Haltung. Diese Hand ist auf fast schon magische Weise präsent: eine Hand, die ohne Geste auf eindringliche Weise gestisch wirkt. Als meisterhaft durchgearbeiteter Ausdrucksträger der Figur übertrifft sie in ihrer Intensität fast noch das Gesicht und tritt nicht nur in eine spannungsreiche Beziehung zu diesem, sondern viel mehr noch zum Penis. Dieser erscheint im Verhältnis zur Hand noch kleiner, als er eh schon ist. Man stelle sich nur vor, David würde mit dieser Riesenhand sein kleines Ding ergreifen! Es würde zwischen den großen Fingern nahezu verschwinden. Das Spannungsverhältnis zwischen Hand und Geschlecht wäre allerdings auch bei einer normal großen Hand gegeben, insofern die Hand als wichtiges ›Vollzugsorgan der Sexualität‹ eine besondere Beziehung zu den Genitalien hat: jene der Masturbation.
Doch um Masturbation geht es hier nicht. Vielmehr scheint sich die Libido, die Davids Knabenpenis entbehrt, in die Hand verschoben zu haben. Davids ganzer Eros steckt in dieser überdimensionierten rechten Hand; sie ist sein erotischster Körperteil. Sie verkörpert den männlichen Eros, den Davids enterotisierter und dadurch gelähmter Penis nicht haben darf. In dem Maße, wie sich der dem Penis abhanden gekommene Eros auf Davids rechte Hand verschoben hat, verschiebt sich auch das erotische Interesse des Betrachters auf diese Hand, die in ihrer Übergröße und Angespanntheit tatsächlich etwas Erigierendes an sich hat. Die Hand, so könnte man sagen, erigiert stellvertretend für den Penis, der nicht erigieren darf, vielleicht auch gar nicht dazu fähig ist. In dieser Hand konzentriert sich alle sublimierte Libido. Sie ist die schöpferisch erregte Hand des Künstlers, konkret: die Hand Michelangelos, die auf geniale Weise befähigt ist, den Trieb zu sublimieren und in unsterbliche Kunst zu verwandeln.
Und nun stelle man sich, um zum Anfang dieses Kapitels zurückzukehren, das Unvorstellbare vor: Dieser David präsentierte uns eine formvollendete, von Michelangelo meisterhaft ausgearbeitete Erektion! Von einer Sekunde zur nächsten würde die Statue den Schritt vom Erhabenen ins Lächerliche vollziehen – und das, obwohl der ideal gestaltete Phallus, für sich genommen, nichts Lächerliches an sich hätte. Doch es bliebe nicht bei der Komik, die genau genommen eine Situationskomik wäre. In diese mischte sich ein Erschrecken über die rohe Triebseite des Mannes, die sich mit der idealisierten, triebfernen Schönheit des Dargestellten nicht in Einklang bringen ließe. Der Phallus machte auf drastische Weise das Tier sichtbar, das der Mensch, bei aller Ebenbildlichkeit mit Gott, eben auch ist – aber nicht sein will.
Und so kommt endlich die These, die längst im Raum steht: Michelangelos David ist gar nicht David. Aber wer ist er dann? Der soeben verwendete Begriff der ›Ebenbildlichkeit‹ liefert uns eine mögliche Antwort: Vor uns steht Adam, der Ur-Mensch in seiner gottgleichen Riesenhaftigkeit. (Zu diesem passte, nebenbei bemerkt, auch der Stein als Waffe; er war die Distanzwaffe des Urzeit-Menschen.) Vor uns steht der gottgleiche Adam vor dem Sündenfall, der noch keine Eva hat und noch ganz dem Schöpfer gehört, dessen erster Sohn und Geliebter er ist.
Aber er ist noch mehr. Er ist auch Michelangelos Sohn und Geliebter. In seinem David, diesem Adam ohne Eva, kommt Michelangelos eigene Homosexualität zum Tragen, nicht anders als in seinem berühmten Sixtinischen Bildnis von der Erschaffung Adams mit den symbolträchtig sich berührenden Fingern, mit denen symbolhaft die Penisse gemeint sind. Mit seinem David schlägt Michelangelo, über die formale, klassisch-antike Ästhetik der Figur hinaus, den Bogen zur päderastischen Homosexualität der Griechen, die deren plastische Kunst so stark geprägt hat. In der antiken griechischen Homosexualität, so meinte der Psychoanalytiker Otto Rank (1884 – 1939), kommt »die Hochschätzung nicht so sehr der Sexualität, als ihres Produkts, des Sohnes, zum Ausdruck, in dem das eigene Ich und die eigene Seele weiterlebte […] das lebendige Abbild seiner eigenen Seele, die in einem möglichst körpergleichen (oder idealisierten) Ich materialisiert erscheint«. Auch Gott schuf sich in Adam kein rein geistiges Ebenbild. Vielmehr stellt Adam, dieser leibliche Sohn Gottes, eine ebenbildliche Widergeburt Gottes als rein ›körperliches Ich‹ dar. Und dieses ist ausschließlich im gleichen Geschlecht zu finden, das bei einem männlichen Gott nun mal das männliche ist.
Wenn Michelangelos David in Wirklichkeit Adam ist, dann schlüpft der geniale Künstler wie von selbst in die Rolle des Schöpfergottes. Der künstlerische ›Schöpfer-Gott‹ Michelangelo hat sich in der Kolossalstatue des David ein vollkommenes, individualisiertes Unsterblichkeitssymbol geschaffen. Für einen göttlich-genialen Künstler wie ihn ist die Homosexualität, wie bei den antiken Griechen auch, keine bloße Sache der Geschlechtlichkeit, sondern ein Bemühen um die Schaffung der eigenen Wiedergeburt als idealisiertes menschliches Ich. Und dieses Ideal ist der Sohn als Geliebter. Diesen geliebten ebenbildlichen Sohn, und niemand anderen, suchten die Griechen unbewusst in ihrer Knabenliebe. Der biblische David, »bräunlich, mit schönen Augen und guter Gestalt« ist dieser Sohn und Geliebte, den Michelangelo eigentlich meint. Aber er muss ihn, wie Gott, als ganzen Mann, als Adam gestalten, genauer: als heroischen Adam und Ebenbild Gottes. Hierfür hatten die Griechen die Bezeichnung Heros theos (Gottheros). Adam ist nicht nur der gottgleiche erste Mensch, sondern ebenso der erste Held – freilich ein tragischer, wie alle echten Helden. Denn Adam, und darin liegt seine Tragik, ist nicht nur idealer Gottheros, sondern ebenso das triebhafte Menschtier. Aus diesem Gegensatz erwächst das ganze Heroismusproblem des menschlichen Daseins: dieses ewige Scheitern an der Welt und an sich selber.
Um am Ende auf die oben imaginierte Erektion des David/Adam zurückzukommen: Wer genau hinsieht, wird mit etwas Fantasie zu Füßen der Figur eine Art von stellvertretender Erektion entdecken, jenen phallisch aufragenden, die Figur abstützenden Baumstrunk hinter Davids Standbein. Diese symbolische Erektion steht in einem deutlichen homosexuellen Bezug zu David/Adam, indem sie ganz unverhohlen auf sein Gesäß gerichtet ist. David/Adam müsste nur in die Hocke gehen – und schon wär’s passiert!
Und wer sehr genau hinsieht, wird in diesem Stellvertreter-Phallus sogar eine kleine, gleichsam aus der homosexuellen Verdrängung zurückkehrende Vulva entdecken.
Fünftes Kapitel
Doktorspiele
Es ist ja keineswegs so, dass man als männlicher Mensch erst mit Beginn der Pubertät ein Interesse für seinen Penis entwickeln würde – und als weiblicher Mensch für seine Vulva. Da man kaum Erinnerungen an die eigenen frühkindlichen Sexualaktivitäten hat, ist man geneigt, seine ersten Lebensjahre für asexuell zu halten. Seit Freuds bahnbrechender Erforschung der menschlichen Sexualität wissen wir, dass der Mensch von Geburt an – ja sogar schon im Uterus – ein sexuelles Wesen ist und somit auch Sex hat. Er hat ihn vor allem mit seiner Mutter, an deren nährender Brust er saugt. Das Saugen ist mit oralsexueller Lust verbunden. Auf dezente Weise hat der neugeborene Mensch aber auch Sex mit dem Vater – vorausgesetzt, dieser ist geneigt, sein Kind zu streicheln und zu liebkosen. Denn auch die Haut ist ein veritables Sexualorgan, vielleicht sogar das wichtigste von allen. Und nicht zuletzt, sondern vor allem, haben Kinder Sex mit sich selbst.
Bei der kindlichen Autosexualität spielen Fantasien eine zentrale Rolle. Sie machen sogar den Großteil der frühkindlichen Sexualität aus, wie Freud nachweisen konnte: Die ursprüngliche Aktivität der kindlichen ›Sexualorganisation‹ ist symbolischer Natur. Damit war eine der wichtigsten Entdeckungen der Psychoanalyse gemacht: Die menschliche Sexualität ist etwas, das sich nicht nur im Körper und mit dem Körper, sondern vor allem im Kopf abspielt. Und so wird die Fantasie zum entscheidenden Schlüssel für das Verständnis von Neurosen, deren Wurzeln zumeist in der frühen Kindheit liegen.
Die Ursache der Neurose besteht weniger in der Verdrängung von tatsächlichen sexuellen Ereignissen in der frühen Kindheit, als vielmehr in der Verdrängung sexueller Fantasien des Kindes. Bei den frühkindlichen sexuellen Fantasien handelt es sich zumeist um höchst komplizierte Szenerien der Verführung durch den Vater oder die Mutter, wobei sich oftmals Wunsch- und Angstvorstellungen miteinander vermischen. Diese beherrschen das Leben des kleinen Kindes und können bis ins Erwachsenenalter, etwa in Gestalt von Missbrauchs-Fantasien, wirksam bleiben. Frühkindliche inzestuöse Wunschbilder können so intensiv sein, dass der erwachsene Mensch sie in seiner Erinnerung für real geschehene Erlebnisse hält.
Die frühkindlichen sexuellen Fantasien der Verführung gehen oft mit Manipulationen an den eigenen Genitalien einher. Kinder onanieren von klein auf. Selbstbefriedigung ist subjektiv nicht nur angenehm und beruhigend, sondern objektiv wichtig für die Entwicklung einer ›normalen‹, oder sagen wir besser: ›normal‹ Sexualität, wie die meisten von uns sie leben, die eigentlich auch neurotisch ist. Wer aufgrund rigider Verbote und Bestrafungen durch Eltern oder Erzieher in seiner Kindheit nicht oder nur mit schweren Schuldgefühlen masturbiert hat, dem wird es als Erwachsenem schwer fallen, im ›normal-neurotischen‹, also nicht perversen Geschlechtsakt mit einem anderen Menschen Befriedigung zu finden.
Dass man schon vor den wissenschaftlichen Entdeckungen Sigmund Freuds von den Masturbationsaktivitäten des Kindes wusste, beweisen die massiven, geradezu sadistischen Praktiken, mit denen sie dereinst bekämpft wurden. Dass man dabei die Masturbation der Knaben viel strenger sanktionierte als die der Mädchen, versteht sich von selbst: Die der Mädchen wurde meistens übersehen, da sie naturgemäß weniger auffällt. Doch selbst wenn man sie wahrnahm, wurde sie ignoriert – und zwar in dem Maße, wie man die weibliche Sexualität aus patriarchalischer Sicht für nicht so wichtig und erst recht nicht als gleichwertig ansah. In Entsprechung hierzu wurde auch die männliche Homosexualität rigoros verfolgt, während man um die weibliche nicht viel Aufhebens machte.
Gegen die Onanie der Knaben wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein in der Art von Teufelsaustreibungen vorgegangen. Vor allem in den bürgerlichen, religiös geprägten Schichten herrschte ein moralischer Horror vor der kindlichen Sexualität. Es gab vielfältige Onanieverhinderungs-Konstruktionen, angefangen bei extra langen Nachthemden, die unterhalb der Füße zusammengebunden wurden. Freilich konnte der Knabe seine Genitalien durch den Hemdstoff hindurch berühren, weshalb es naheliegend erschien, ihm auch noch die Hände am Bettgestell festzubinden. Sogar Zwangsjacken, wie man sie in psychiatrischen Anstalten einsetzte, wurden den Jungen zum Schlafen angelegt.
Eine Kindheit ohne Kastration
Derartige Folterwerkzeuge zur Onanieaustreibung blieben mir erspart, selbst in den verklemmten, noch schwer vom NS gezeichneten fünziger Jahren, in die ich hineingeboren wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwelche Probleme im Zusammenhang mit meinem sich versteifenden Kinderpenis gegeben hätte. Kastrationsdrohungen, in welcher Form auch immer, wurden – zumindest in meiner Erinnerung – nicht ausgesprochen.
Zum Komplex meiner kindlichen Onanie hat sich eine einzige Szene, die den Charakter und die Qualität einer Freud’schen Urszene hat, in erstaunlich klaren Bildern in meinem Gedächtnis aufbewahrt, freilich unter der Voraussetzung, dass man den Erinnerungen aus früher Kindheit nicht unbedingt trauen kann: Ich bin wohl um die fünf Jahre alt und liege nachts allein im Ehebett der Eltern – auf der Mutterseite, wie man sich denken kann. Diese Seite bevorzuge ich allein schon wegen des angenehmen Geruchs, den sie, im Gegensatz zur Vaterseite, verströmt: ein verführerischer, geradezu himmlischer ›Rundum-Geborgenheits-Geruch‹. Ich spiele mit meinem steifen Penis, bis dieser sich irgendwann derart mit der Schlafanzughose verheddert, dass ich das buchstäbliche ›Gewurschtel‹ nicht mehr zu entwirren vermag, beziehungsweise mir einrede, es nicht mehr entwirren zu können. Denn tatsächlich will ich es gar nicht entwirren. So habe ich einen willkommenen Grund, nach der Mutter zu rufen. Sie eilt auch sofort herbei und versucht, das echte oder wahrscheinlich nur vorgetäuschte Durcheinander zwischen meinen Beinen in Ordnung zu bringen. Dabei bekommt sie zwangsläufig meinen steifen Penis zu Gesicht, muss ihn vielleicht sogar anfassen. Mir ist das nur recht, mehr noch: Es ist das verborgene Motiv meiner Aktion. Aber was heißt schon ›verborgen‹! Es könnte offensichtlicher kaum sein. Nicht die geringste Spur einer Peinlichkeit oder Beschämung trübt meine Erinnerung an diese objektiv peinliche Situation.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es, bewusst oder unbewusst, darauf angelegt hatte, die Mutter zu mir und meiner Knabenerektion ans Bett, beziehungsweise ins Bett zu locken – ein klarer Fall von ödipaler Verführungssituation, wie sie typisch ist für die phallische Phase der kindlichen Libido-Entwicklung: Ich nötige die Mutter, unter Vortäuschung eines Problems mit der Schlafanzughose, an meinem steifen Penis herumzumachen und ihn dabei anzuschauen. Auf ziemlich raffinierte Weise mache ich mich zu ihrem Verführer und Liebhaber, noch dazu – wie symbolträchtig! – im elterlichen Ehebett. Dessen für mich unangenehm riechende Vaterseite – die Seite des Geschlechtsrivalen, den ich nicht ›riechen‹ kann, – ist verwaist. Der Vater ist nicht da, soll heißen: Er ist nicht mehr da. Ich habe ihn beseitigt. Der abwesende, unbewusst von mir beseitigte Vater steht meinem Wunsch nach körperlichem Besitz der Mutter nicht mehr im Weg. Und dieser Besitz geschieht in gewisser Weise ja auch – sogar mit einer leibhaftigen Erektion im Zentrum des Geschehens. Ich weiß noch, dass ich, als die Mutter wieder fort war, äußerst zufrieden mit mir war. Wenigstens für kurz war ich der Mann meiner Mutter gewesen.
Wer weiß, ob meine Mutter die nicht zu übersehende sexuelle Erregung ihres fünfjährigen Sohnes als den Versuch einer Verführung verstanden hat. Wahrscheinlich nicht. Es war zwar nur ein kindlicher, doch keineswegs unschuldiger Versuch. Denn ab einem gewissen Alter ist es mit der sexuellen Unschuld des Kindes vorbei. Jedenfalls wurde mir nach dieser unterschwellig inzestuösen Urszene die manuelle Beschäftigung mit meinem ›Pfeiferl‹, wie die Mutter das kleine Ding auf gut-bairische Art zu nennen pflegte, nicht verboten. Nicht die Spur einer Kastrationsdrohung! Und so blieb mir ein kindliches Sexualtrauma erspart, das geeignet ist, nicht nur die Beziehung zu den Eltern massiv zu stören, sondern in den späteren sexuellen Beziehungen zum anderen oder eigenen Geschlecht mannigfaltige Probleme zu schaffen. Da keine Kastrationsdrohung ausgesprochen wurde, blieb ich logischerweise vom Kastrationskomplex verschont. Und so bin ich legitimiert, grundsätzliche Zweifel an Freuds pauschaler Annahme eines geradezu schicksalhaften, einen jeden betreffenden Urkomplexes anzumelden.
Freilich haben vor mir schon andere und wesentlich kompetentere Leute solche Zweifel geäußert. Es ist gewiss richtig, dass jeder kleine Junge lustvoll an seinem Schwänzchen herumspielt. Aber nicht jeder kleine Junge wird dabei entdeckt oder wünscht sich, wie in meinem Fall, nichts sehnlicher, als von der Mutter entdeckt zu werden, um sich bei dieser Gelegenheit als ihr Liebhaber anzudienen. Selbst wenn er entdeckt wird, so muss nicht automatisch die fatale Drohung ausgesprochen werden, ihm zur Strafe seinen Penis abzuschneiden, falls man ihn noch einmal dabei erwischen sollte. Aus dieser elterlichen Drohung, die nach Freud jeder Knabe früher oder später erfahre und die im Wesentlichen eine väterliche Drohung sei, entstehe eine lebenslange Kastrationsangst, die das Sexualleben aller Männer maßgeblich präge. Damit machte Freud aus einer zufälligen katastrophalen Erfahrung eine allgemeine – und diese müsse von jedem Knaben auf dieser Welt und zu allen Zeiten mit zwingender Notwendigkeit gemacht werden.
Vermutlich war die Kastrationsdrohung zu Freuds Zeiten für sehr viele Knaben tatsächlich eine reale traumatische Erfahrung. Freud unterlief nur der Fehler, daraus eine Art von universalem Naturgesetz zu formulieren, das ausnahmslos für jede männliche Biografie in allen Kulturen gültig sei. Freuds fragwürdige These wird nicht dadurch überzeugender, dass er auch die Mädchen dem Kastrationskomplex unterwirft. Die kleinen Mädchen, so Freud, seien in der kindlichen Vorstellung ja gerade der augenscheinliche Beweis, dass die Kastration nicht nur als Drohung ausgesprochen, sondern auch ausgeführt wird. Die Mädchen haben keinen Penis, was in der kindlichen Vorstellung nur bedeuten könne, dass er ihnen abgeschnitten wurde. Daraus folgt, dass der Kastrationskomplex nicht nur Knaben, sondern auch Mädchen betrifft, zumindest von dem Moment an, da sie zum ersten Mal bei einem nackten Jungen den Penis sehen, den sie selber nicht haben, genauer: nicht mehr haben. Und der Junge sieht am nackten Mädchen die Kastrationsdrohung der Eltern augenscheinlich bestätigt, weil sie offensichtlich an einem Anderen bereits in die Tat umgesetzt wurde. Die weiblichen Genitalien würden somit in den Augen des Kindes die Realität der Kastration bezeugen. Das heißt: Mädchen sind – in den Augen des Kindes – auch nur Knaben, allerdings solche, denen der Penis bereits abgeschnitten wurde.
Überzeugend ist das nicht. Die Argumentation Freuds wirkt, bei aller innerpsychoanalytischen Plausibilität, irgendwie bemüht und vordergründig – zumindest aus heutiger Sicht. Wer droht heutzutage einem kleinen Jungen noch mit Kastration, wenn er beim Herumfingern an seinem Penis beobachtet wird! In der verklemmten großbürgerlichen Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Freud die Grundlagen seiner Theorie entwickelt hat, war das bedrohliche Kastrationsszenario wahrscheinlich allgegenwärtig. Hätte Freud im Arbeiter- oder Bauernmilieu geforscht, dann wäre seine Theorie wahrscheinlich in mancher Hinsicht anders ausgefallen.
Allein unter einer allgegenwärtigen Kastrationsdrohung erscheint überhaupt das grundlegende psychoanalytische Argument plausibel, das da lautet: Wenn der Knabe einmal zur Kenntnis genommen hat, dass es menschliche Wesen gibt, die keinen Penis besitzen, dann erscheint ihm dieses Organ als etwas, das vom Körper entfernt werden kann. An so etwas denkt das Kind aber nur, wenn es die Kastrationsdrohung im Kopf hat. Ohne diese Drohung erscheint der Unterschied einfach als etwas, das naturgemäß so gegeben ist. Schließlich nimmt das Kind auch wahr, dass es menschliche Wesen gibt, die Brüste haben, und andere, die keine haben. Entsprechend wäre auch die weibliche Brust etwas, das vom Körper entfernt werden könnte. Männer wären demnach Frauen, denen die Brüste, freilich nicht die Brustwarzen, abgeschnitten worden sind.
In heutigen Durchschnittsfamilien, ebenso in Kindergärten und Schulen, wird den Kindern deutlich vor Augen geführt, dass es von Natur aus – und nicht wegen Kastration – zwei Geschlechter gibt und nicht nur eines. Die Kinder erleben von klein auf, dass Mädchen und Frauen etwas Eigenes sind und nicht bloß kastrierte Knaben und Männer. Wenn bereits kleine Kinder, wie Freud überzeugend nachweist, um die eigene Sexualität und die der Eltern ›wissen‹, dann ›wissen‹ sie logischerweise auch, dass es von Haus aus zwei Geschlechter gibt – und vermutlich ahnen sie sogar, wozu! Nur so hat es einen Sinn, dass der kleine Junge insgeheim die Mutter begehrt und mit seinen kindlichen Mitteln zu verführen versucht – und das kleine Mädchen den Vater.
Wie man weiß, sehen Kinder sehr genau hin. Sie sehen, dass Mädchen – eben weil es Mädchen sind und nicht bloß kastrierte Jungs – anstelle des Würstchens nicht nur etwas quantitativ Anderes – etwas Fehlendes – haben, sondern etwas qualitativ Anderes, das entfernt einem geschlitzten Semmelchen ähnelt. In meiner bayerischen Heimat wird diese weiche, geschlitzte, inzwischen von Bäckern kaum noch angebotene Semmelart Eiweckerl genannt. Der Anblick jenes ›Eiweckerls‹, das kleine Mädchen zwischen den Beinen haben, war mir als kleiner Junge ganz vertraut, denn ich hatte das Glück, mit fünf Jahren ein Schwesterchen zu bekommen. Mangels erlebter Kastrationsdrohung kam ich gar nicht auf den Gedanken, dass man meiner kleinen Schwester zur Strafe den Penis abgeschnitten haben könnte. Schließlich war sie ja mit diesem ›Eiweckerl‹ zur Welt gekommen, wie ich mit den wachen Augen eines Fünfjährigen sofort festgestellt hatte. Sie, die als Er zur Welt gekommen wäre, hätte unsinnigerweise gleich nach der Geburt die Kastration erlitten. Aber wofür?
Das ›Eiweckerl‹ meiner kleinen Schwester war für mich die Bestätigung dessen, was ich eh schon wusste: dass es zwei ›Sorten‹ von Menschen gibt, nämlich männliche und weibliche. Zudem sah das ›Eiweckerl‹ meiner Schwester überhaupt nicht wie eine frische, ja nicht mal wie eine vernarbte Wunde aus. Wunden, auch vernarbte, sind hässlich. Doch das ›Eiweckerl‹ meiner Schwester war alles andere als hässlich; ich fand es hübsch, wohlgeformt und, wie die echten Eiweckerl beim Bäcker, irgendwie zum Reinbeißen. Ich empfand keinen »Schrecken über die verstümmelte Kreatur«, wie Freud ihn unterstellt, weil da nichts nach Verstümmelung aussah.
Es mag ja sein, dass die Entdeckung des Geschlechtsunterschieds bei Kindern auch heute noch einen gewissen natürlichen Schrecken hervorruft, aber es ist gewiss kein Schrecken über eine angenommene grausam vollzogene Verstümmelung durch die geliebten Eltern. Vielmehr könnte man als Kind über das existenzielle Faktum erschrecken, dass man genauso gut mit dem anderen Geschlecht hätte zur Welt kommen können. Der Schrecken, oder besser: die Irritation, läge dann in der Entdeckung der Zufälligkeit unserer geschlechtlichen Bestimmung und damit unserer ganzen Person und Existenz. Man ist ein Junge, könnte aber genauso gut ein Mädchen sein, vielleicht sogar beides zugleich. Damit fehlt uns eine grundlegende Freiheit: sexuell der zu sein, der wir sein wollen. Doch dieses Erschrecken über die Zufälligkeit unseres Geschlechts hält sich naturgemäß in Grenzen. Denn was wäre eigentlich schlimm daran, dem anderen Geschlecht anzugehören! Nichts. Und weil das so ist, übernimmt so mancher kleine Junge in den Spielen der Kindheit auch gern mal die Rolle des Mädchens – und umgekehrt –, allein zu dem Zweck, sich ein wenig in das andere Geschlecht hineinzufühlen, das man selber entbehrt. Darin erweist sich weniger ein Geschlechter-Erschrecken als vielmehr eine Geschlechter-Faszination.
Weniger ist manchmal mehr
Es kann ja sein, dass so manches kleine Mädchen auch gerne ein Penis-Würstchen hätte, mit dem man so frech wie zielsicher in der Gegend herumpinkeln kann. Womit wir beim Penisneid, dieser anderen fragwürdigen Theorie Sigmund Freuds, angelangt wären. Zu fragen ist, ob es für ein kleines Mädchen wirklich triftige Gründe gibt, auf den Penis des Knaben neidisch zu sein. Beim Pinkeln den Harnstrahl lenken zu können, reicht für ein massives, die Seele belastendes Neidgefühl wohl kaum aus. So wichtig ist das Wasserlassen nun auch wieder nicht. Darüber hinaus besitzt der Penis eines kleinen Jungen keine weiteren Qualitäten, für die es sich lohnte, Neid zu entwickeln.
Freuds grundlegender Gedankenfehler besteht, wie schon gesagt, darin, die Vulva als ein Organ zu betrachten, dem wegen imaginärer Verstümmelung etwas fehlt. Tatsächlich aber fehlt einer Vulva nichts. Sie ist so perfekt wie der Penis; sie hat bei genauer Betrachtung sogar mehr zu bieten als dieser. Die Vulva als ein ›Organ des Fehlens« – und damit als etwas Mangelhaftes – zu betrachten, ist einem typisch patriarchalischen, auf den Penis fixierten Blick geschuldet. Ihn pflegten schon die alten Griechen. Sie sahen in der Vulva eine offene, zu allem Übel auch noch regelmäßig blutende Wunde. Diese wird, wie schon erwähnt, vom Mann bei jedem Koitus auf paradoxe Weise nicht nur aufgerissen, sondern der Frau im ›Liebeskampf‹ ein jedes Mal neu zugefügt.
Darüber hinaus reproduzierte Freud mit seiner Theorie des Penisneids auch noch den patriarchalisch-biblischen Mythos von der Frau als unvollkommenem Adam. Ihr fehlt nicht nur der Penis, sondern mit diesem auch ein Begehren, das einzig als ein phallisches denkbar erscheint. Oder mit den Worten der Philosophin Svenja Flaßpöhler: »So unmöglich ist die sexuell begehrende Frau gesellschaftlich gesehen, dass ihr von einem kulturgeschichtlich wirkmächtigen Diskurs, der Psychoanalyse, jede eigene sexuelle Position abgesprochen wird. ›La femme n’existe pas‹, behauptete Jacques Lacan: Die Frau gibt es nicht. Das weibliche Geschlecht ist das Abwesende, ein furchterregendes und peinliches Fehl. Die Frau hat ein Nichts zwischen den Beinen, aus dem nichts folgt, weder ein eigenes Begehren noch eine eigene Subjektivität. Bezugspunkt für die Frau ist somit auf ewig der Phallus. Ihre angestammte Position ist eine rein auf den Phallus bezogene […].« (Süddeutsche Zeitung vom 21. 6. 2016)
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