Kitabı oku: «In Gottes Gegenwart»
Gerhard Tersteegen
In Gottes Gegenwart
Gedanken zum geistlichen Leben
Herausgegeben von Thomas Baumann

Klassiker der christlichen Spiritualität, Band 3
Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-718-8
Dieses Buch in gedruckter Form: ISBN 978-3-86256-012-7, Bestell-
Nummer 588 739
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über www.dnb.de abrufbar
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: ShutterStock®
© 2011 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit
Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
Folgen Sie dem Neufeld Verlag auch auf Facebook® und in unserem Blog: www.neufeld-verlag.de/blog
Inhalt
Zitate von Gerhard Tersteegen aus diesem Buch
Vorwort
I. Thomas Baumann: Gerhard Tersteegen
1. Ein stilles Leben?
Zur Biografie Gerhard Tersteegens
2. Zu diesem Buch
Lesehilfen
Zur Auswahl und zur sprachlichen Gestalt der Schriften
II. Gerhard Tersteegen: Schriften
1. Anhang eines Handbriefleins von der wahren Mystik
2. Kurzer Bericht von der Mystik
3. Schein und Sein, Gestalt und Kraft der Gottseligkeit oder des Gottesdienstes
4. Die wahre Klugheit oder Umgang mit Gott und sich selbst allein
5. Die Übung der liebreichen Gegenwart Gottes
6. Kurze Anleitung, Gott und dessen Angesicht zu suchen
7. Der vortreffliche Weg der wahren Liebe
I. Übung der Liebe
II. Völlige Überlassung der Liebe
III. Von der Bruderliebe
Zitate von Gerhard Tersteegen aus diesem Buch
Wir sind nur, weil du bist und weil du willst, dass wir sein sollen.

Ich bin nur eine Gestalt, ein armseliger Schatten, wenn du nicht in mir bist und ich in dir bin, wenn du nicht der Grund und das Wesen meines Wesens bist.

Bedenke, dass all dein Gut und dein bester Freund bei dir drinnen sei und sich mit dir unterreden will: Warum wolltest du denn ausgehen und ihn allein lassen?

Liebe auch diejenigen, die nicht in allem so wandeln wie du: Lass du einen jeden seinen Weg gehen, was geht’s dich an? Folge du Jesus nach.

Handle und wandle mit Gott von nun an gleichsam als unter vier Augen.

Es besteht aber diese Übung (der liebreichen Gegenwart Gottes) kurz darin: dass wir einfältig und andächtig glauben, dass Gott überall und auch in unseren Herzen gegenwärtig sei ...

Heilig sein und selig sein ist eins und eben dasselbe, nur dass in diesem Leben die Sache stufenweise unter Kreuz und Proben fortgesetzt, in jenem Leben aber in völligem und unwandelbaren Genuss und Glanz erscheinen wird.

Man setze vielmehr die Heiligung nach der Schrift in die wirkliche Reinigung von Unart und Verderben und in die Erneuerung des inneren Menschen von einer Klarheit zur anderen nach dem Bild dessen, der uns geschaffen hat; oder (welches einerlei ist) in die Gleichförmigkeit mit Jesus Christus.

Nicht nur ist es böse, wenn wir uns besser stellen, als wir sind, sondern es ist auch ein böses Affektieren (Verstellung und gemachtes Wesen), ja, vielfältig eine eitle Ehrsucht, wenn wir uns, es geschehe mit Worten oder auf eine andere Weise, elender, ärmer und böser darstellen, als wir sind, oder als wir glauben und fühlen, dass wir sind.

Wir sollen nur von unserem eigenen Tun ablassen, Jesus unser Herz wahrhaftig geben, bei ihm kindlich drinnen bleiben und ihn frei durch seinen Geist in uns wirken lassen.

Die Seele tue Gutes, so gebrechlich als es auch ist, und erwarte, dass der Herr es läutere und vollkommen mache. Niemand ist gut denn der einige Gott.

Wenn das Böse wesentlich oder gründlich in uns getötet und ausgerottet werden soll, so muss Gott solches tun und wir müssen’s leiden.

Es kommt mir eben so vor (ja noch unvernünftiger), als wenn einer, der nach Rom reisen wollte, sich einbildete, er müsste vorher alle Reisebeschreibungen, nicht allein nach Rom, sondern durch alle vier Teile der Welt durchlesen und von dem allen ein ordentliches Konzept ins Gedächtnis fassen, dabei aber sich nimmer auf die Reise begäbe und sich inzwischen doch einbildete, er wäre sehr weit in seiner Reise gefördert, ob er wohl nach wie vor stille in seinem Hause sitzen bliebe.

Ach! ich fürchte, dass mancher Gott und sich selber so unbekannt ist, dass er wegen solcher Leichtsinnigkeit besser weiß, was hundert andere machen, als was in seinem eigenen Herzen vorgeht und von Gott darin gewirkt wird. Noch ein anderer Griff des Tausendkünstlers, um gute Gemüter in dem einzig Nötigen zu hindern und aufzuhalten, ist, wenn er sie in eine übermäßige Wirksamkeit, Forschen und Spekulieren der vorwitzigen Vernunft führt, da man dann oft auf allerhand unnötige Streitfragen in der Theorie, auf äußere Umstände und Nebendinge oder auf Subtilitäten der Vernunft, auf diese oder jene Meinungen gerät.

Was dir auf deiner Reise zur Ewigkeit nicht beförderlich sein kann, lass dir auch ja nicht hinderlich sein.

Dein stetiges Werk sei, bei dir selbst zu bleiben und mit dem Herrn im Verborgenen deines Geistes so zu wandeln, als wenn du nur mit ihm allein in der Welt wärest.

Lass es dir sein, als wenn du in der Gesellschaft eines guten und lieben Freundes durch ein fremdes Land und eine wüste Einöde reistest.

Auf solche Weise der Welt und dir immer absterben und so mit Gott im Verborgenen leben, das heißt Jesus nachfolgen, darin besteht der Kern und das Wesen des Christentums.
Dies muss dein allein wichtiges, dein einziges und alltägliches Geschäft hier auf Erden sein, dies muss dein einziger Hauptzweck sein, den du bei allem stets im Auge haben und wozu du alles andere richten musst.

Alle seine Beschäftigung war nur, zu sein in dem, das seines Vaters ist (Lukas 2,49), ohne um fremde Dinge sich zu bekümmern, wozu er nicht in der Welt war.

Durch kein Mittel kann sich Gott des menschlichen Herzens besser bemächtigen als durch die Liebe, und durch kein Ding kann der Mensch Gott besser gefallen als durch die Liebe, denn sie ist des Gesetzes Erfüllung.

Er gewöhne sich daran, alles, was er tut, aus Liebe zu diesem Gott zu tun; alles, was ihm begegnet, in Liebe von diesem Gott anzunehmen; alles, was er zu leiden hat, in Liebe um dieses Gottes willen zu ertragen.

Liebe haben und Liebe fühlen, ist nicht allezeit beisammen.

Vorwort
In einer Reihe „Klassiker der christlichen Spiritualität“ darf Gerhard Tersteegen nicht fehlen. Aber gerade weil wir ihn zu kennen glauben und er vor allem durch seine Lieder „Gott ist gegenwärtig“ und „Ich bete an die Macht der Liebe“ auch heute noch weithin bekannt ist, ist es reizvoll und lohnend, sich mit seinen kleinen Schriften, die er zu verschiedenen Anlässen verfasst hat, zu beschäftigen. Die Tiefe seiner Gedanken erschließt sich erst, wenn man diese kurzen Texte in ihrer schlichten Sprache langsam und am besten mehrmals liest. Ganz bewusst wurde Tersteegens Sprache deshalb auch weitgehend belassen und nur da, wo es uns heute unverständlich oder missverständlich schien, eingegriffen. Wir sind so gleichsam „gezwungen“, die Texte aufmerksam, nachdenkend zu lesen und kommen so der inhaltlichen Tiefe eher auf die Spur. Und mit jedem Lesen werden Ihnen die Texte wertvoller werden.
Es ist in unserer lauten und hektischen Welt nicht einfach, still zu werden, damit auch das „leise Säuseln“ nicht überhört wird, in dem schon der Prophet Elia Gott wahrgenommen hat. Das große Anliegen Gerhard Tersteegens war es, selbst in der Gegenwart Gottes zu leben und andere zu einem solchen Leben einzuladen.
Die in diesem Buch versammelten Texte spiegeln dieses Anliegen wider. Leitendes Motiv bei der Auswahl war die Aktualität der Gedanken für unsere Spiritualität heute. Es ging also nicht darum, das ganze inhaltliche Spektrum der Arbeiten Tersteegens abzubilden, sondern vielmehr das herauszugreifen, was uns besonders aktuell und inspirierend erschien für unser Leben und Glauben.
Thomas Baumann
I. Thomas Baumann: Gerhard Tersteegen
1. Ein stilles Leben?
Zur Biografie Gerhard Tersteegens
Wie geht das zusammen: Ein Mystiker, der jede Ablenkung und Zerstreuung fürchtet, der die Einsamkeit und die Stille sucht, und der doch ständig in Kontakt mit Menschen steht, die etwa brieflich und persönlich seinen Rat suchen, die ihn zu Predigtdiensten anfragen, sodass er schließlich sogar seinen Beruf aufgeben muss, um den Anfragen auch nur einigermaßen nachkommen zu können? Als er in jungen Jahren selbst sehr arm war, hielt ihn das nicht ab, das Wenige, das er entbehren konnte, mit den Armen in der Umgebung zu teilen, die er abends, wenn ihn niemand sah, in ihren elenden Behausungen aufsuchte. Er eignete sich im Lauf der Zeit umfassende medizinische Kenntnisse an und wendete diese vor allem bei Kranken an, die sich keinen Arzt oder Apotheker leisten konnten. Schließlich waren seine Arzneien so gefragt, dass er für ihre Zubereitung eine Hilfe einstellen musste!
Dass er „zu seinen Lebzeiten der einflussreichste Vertreter des reformierten Pietismus in Deutschland gewesen“ sei, werde wohl niemand bestreiten, stellte jüngst ein Pietismusforscher fest1. Man meint darin fast etwas wie göttliche Ironie zu sehen: Gerhard Tersteegen sucht die Abgeschiedenheit und hat doch ständig mit Menschen zu tun. Und es ist wichtig, diesen realen Lebenshintergrund zu kennen, damit die Gedanken Tersteegens zum geistlichen Leben nicht allzu einseitig als Einladung zum völligen Rückzug aus der Welt missverstanden werden.
Gerhard Tersteegen wurde am 25. November 1697 im niederrheinischen Moers geboren. Von 1703 bis 1713 besuchte er die 1582 im calvinistischen Geist von Graf Adolf von Moers gegründete Lateinschule. Die gründlichen Sprachkenntnisse, die er hier im Lateinischen, Griechischen, Hebräischen und Französischen erwirbt, werden ihm bei seinen zahlreichen Übersetzungsprojekten später gute Dienste leisten. Nach Abschluss der Schule ist an ein Studium aus Kostengründen nicht zu denken. Tersteegens Vater war schon 1703 gestorben, und so kommt Gerhard zu seinem Schwager, einem Kaufmann in Mülheim an der Ruhr, in die Lehre. Die vierjährige Lehrzeit war hart, zumal Tersteegen schnell klar geworden war, dass der Kaufmannsberuf, der viel Umgang mit Menschen bedeutet, nichts für ihn sein würde. Nach Beendigung der Lehrzeit wechselte er deshalb zur Leinenweberei, musste jedoch feststellen, dass er den Anforderungen dieses Berufs aufgrund seiner schwachen körperlichen Konstitution nicht gewachsen war. Er lernte das Bandweben und suchte als Bandwirker seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Was darüber hinausging, bekamen die, die noch bedürftiger waren als er. Oft genug hatte er aber schwer zu kämpfen, selbst sein Auskommen zu erwirtschaften.
Wie war Gerhard Tersteegens geistlicher Werdegang? Sein Vater muss ein frommer Mann gewesen sein, allerdings war die Prägung durch ihn durch seinen frühen Tod vielleicht nicht so stark. Einer seiner Brüder war Prediger. Wir können davon ausgehen, dass Gerhard früh mit den Fragen und Tatsachen des Glaubens in Berührung kam. Eine erste persönliche Glaubenserfahrung scheint er während der harten Zeit seiner Ausbildung gemacht zu haben2 und in Mülheim lernte er auch den Prediger-Kandidaten Wilhelm Hoffmann und dessen Gemeinschaft kennen. Die Begegnung mit diesem Pietisten gab Tersteegen wohl entscheidende Impulse für seinen Glauben und seine Spiritualität.
Er begann die Schriften der Mystiker zu lesen, deren Gedanken ihn sein ganzes Leben lang begleiten und prägen würden. Als junger Mann durchlebte er über mehrere Jahre zurückgezogen und in großer – teils erzwungener, teils selbst gewählter – Askese eine sehr schwere Zeit nicht nur äußeren Mangels, sondern auch innerer Leere und Dunkelheit. Schließlich erreichte ihn die befreiende Erkenntnis: „... die versöhnende Gnade Jesu Christi wurde ihm so gründlich und überzeugend bloßgelegt, dass sein Herz völlig beruhigt wurde.“3 In einer Art schriftlichem Gelöbnis, der sogenannten „Blutverschreibung“, weihte er sich am Gründonnerstag 1724 ganz Jesus. Dieses Datum markiert einen gewissen Wendepunkt auch in seiner äußeren Lebensgestaltung. Er lockerte seine bis dahin streng asketische Lebensweise etwas, gab seine Einsamkeit auf und eröffnete mit einem Geistesverwandten eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft. Er erteilte seinen Nichten und Neffen Religionsunterricht, schrieb erste Gedichte und begann die Schriften der Mystiker zu übersetzen, die ihm so viel bedeuteten. Auch der Beginn seiner seelsorgerischen Arbeit, die ihn bis zu seinem Tode zunehmend beschäftigen würde, liegt in diesen Jahren.
Von seiner Tätigkeit als Armenarzt und seiner Herstellung und dem Vertrieb von Arzneien war schon die Rede. So bietet sein Leben das interessante Bild eines Menschen zwischen Rückzug und Zuwendung, zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft, zwischen Stille und unermüdlicher Wirksamkeit.
Gerhard Tersteegen starb am 3. April 1769.
2. Zu diesem Buch
Lesehilfen
Jedes Denken und jede Theologie ist immer auch zeitgebunden. Manches an Tersteegens Gedanken können wir heute hinterfragen. Die Schönheit der Schöpfung, die Freude und das Lachen etwa kommen in seinen Gedanken nicht zu dem Recht, das sie in einer ausgewogeneren Theologie hätten. Aber selbst wenn wir manches an seinen Gedanken zum geistlichen Leben als einseitig empfinden mögen, bleibt doch noch sehr vieles, was uns heute tiefgehende Impulse zu geben vermag für unser Leben und Glauben. Die Weite seines geistlichen Horizonts, die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit seiner Nachfolge, die Radikalität seiner Liebe und vor allem seine Betonung eines Lebens in der Gegenwart Gottes beeindrucken und inspirieren uns heute noch.
Zur Auswahl und zur sprachlichen Gestalt der Schriften
Gerhard Tersteegens publizistische Arbeit bestand neben seiner geistlichen Dichtung, die er gesammelt im „Geistlichen Blumengärtlein“ schon 1729 veröffentlichte, vorwiegend in übersetzerischer Tätigkeit. Berühmt wurden seine Übersetzungen von Biografien vorbildlicher Christen, die unter dem Titel „Auserlesene Lebensbeschreibungen Heiliger Seelen“ in drei Teilen erschienen.
Seine zu verschiedenen Anlässen selbst verfassten kleinen Schriften fasste Tersteegen in einem Buch zusammen, dem er den Titel „Weg der Wahrheit“ gab. Aus der letzten von Tersteegen verantworteten vierten Auflage (1768), die 1968 bei Steinkopf in Stuttgart noch einmal nachgedruckt wurde, sind die Texte für unser Buch entnommen. Sie wurden lediglich geringfügig und im Wesentlichen orthografisch der heutigen Schreibweise angepasst. Die sprachlichen und stilistischen Eigentümlichkeiten Tersteegens wurden jedoch weitgehend belassen.
Den Herausgeber leitete bei der Auswahl der Schriften Tersteegens die Überlegung, das Herausfordernde der Spiritualität Tersteegens und zugleich ihre große Aktualität für unsere von Ablenkungsaufforderungen wimmelnde Zeit zu betonen.
1 Benrath, Gustav Adolf: Tersteegens Begriff der Mystik und der mystischen Theologie. In: Der radikale Pietismus. Perspektiven der Forschung. Hrsg. von Wolfgang Breul, Marcus Meier und Lothar Vogel. Göttingen 2010. S. 325.
2 Zumindest deutet das die „Lebensbeschreibung des seligen Gerhard Tersteegen“ an, die posthum von seinem engen Umfeld verfasst worden war. In: Gerhard Tersteegen, Wir sind hier fremde Gäste. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Hrsg. von Walter Nigg. Wuppertal 21980. S. 4.
3 Nach Cornelius Pieter van Andel, Gerhard Tersteegen. In: Orthodoxie und Pietismus. Hrsg. von Martin Greschat. Stuttgart 21994. S. 332 (= Gestalten der Kirchengeschichte Bd. 7).
II. Gerhard Tersteegen: Schriften
1. Anhang eines Handbriefleins von der wahren Mystik
In der Gnade Jesu geliebter Bruder!
Eure beiden Brieflein habe ich erhalten. Die innige Neigung zum verborgenen Leben mit Christus in Gott macht, dass ich jederzeit einige Abneigung gehabt, in mehrere äußere Bekanntschaften und Briefwechsel zu geraten. Gott fügt es aber vielfältig wider meine Neigung. Ich kann und will auch seiner Hand in keinem widerstehen. Jetzt finde ich Freiheit, Euch einfältig zu bezeugen, dass ich Euch herzlich liebe und öfters grüße im Geist der Liebe Jesu und dass mir Eure Brieflein angenehm und erquickend gewesen sind.
Ich freue mich sehr, dass Gott Euch einen Geschmack und Zug zur Einkehr und zum inwendigen Leben geschenkt hat. Zu diesem köstlichen Leben berufen sein, ist eine große, aber auch unverdiente Gnade Gottes, welche mit vieler Treue beantwortet werden muss.
Gott lädt uns ein zu seiner Liebesgemeinschaft. Er will unseren Geist sich zur Wohnung und Tempel zubereiten; da sollen wir im inneren Heiligtum schauen seine schönen Gottesdienste. Ach, welche Barmherzigkeit!
Sind dann die Ausflüsse der Liebe Gottes gegen unsere unwürdigen Seelen so überschwänglich: so sollen wir denn auch recht milde sein und uns in keinem Stück diesem ewigen Gut vorenthalten, da er uns ganz allein für sich haben will.
Ganz für Gott sein, ist das wahre Geheimnis des inwendigen (mystischen) Lebens, ein Christenleben, wovon sich die Leute solche seltsame und fürchterliche Bilder machen. Und so leben wir, wenn Christus selbst unser Leben wird.
Ein selbst gemachtes Christenleben, wovon nicht Christus im Inwendigen lebend der Ursprung und die Seele ist, ist nicht das, was es genannt wird, sondern eine tote Larve, eine äußere Gestalt ohne Leben und Kraft.
Wir sollen nur von unserem eigenen Tun ablassen, Jesus unser Herz wahrhaftig geben, bei ihm kindlich drinnen bleiben und ihn frei durch seinen Geist in uns wirken lassen.
Es ist nichts einfältiger, sicherer, lieblicher, fruchtbarer als dieses Herzensleben, welches nicht durch Lesen und Kopfanstrengen, sondern durch Sterben und Lieben gründlich erkannt und erfahren wird. Ist also mehr das Werk des Geistes Jesu in uns als unser eigenes Werk.
Auf die Wirkungen und Züge dieses Geistes acht haben, denselben zufriedenstellen und ihm folgen, macht uns zu eingekehrten und geistlichen Menschen. Dieser Geist der Liebe, wenn er wohl gewartet wird, flößet der Seele den Sinn Jesu Christi ein und bildet sie nach dessen Gestalt so unvermerkt, als fast ein Kind im Mutterleib gebildet wird; führt sie immer ein in das Loslassen aller Dinge und ihrer selbst und in die unbedingte Überlassung an Gott.
Er fordert dieses nicht mit gesetzlicher Strenge, sondern führt die folg-same Seele selbst hinein und gibt ihr übernatürliche Grundneigungen, dass sie es auch gern will (trotz ihrer Ichbezogenheit) und dem Lamme folgt, wo es mit ihr hingeht.
Je mehr wir inwendig aufgeräumt und in friedsamer Andacht uns befinden, desto besser und lauterer wandeln wir.
Die besondere Übung des Gebets oder der Einkehr dient hauptsächlich dazu, dass wir diesem zarten Führer kindlich aufwarten und er unserer recht mächtig werde.
Da gilt kein Selbstmachen oder Formen; es hindert nur. Man muss ein armer formloser Ton sein in der Hand des Töpfers. Diese Liebeshand formt uns nach ihrer Weise.
Sie führt ein in eine ungekünstelte Einfalt und süße Niedriggesinntheit, sie macht sanft und willenlos, sie lehrt allen eigenen Absichten nach und nach absagen und Gott lauter meinen. Sie setzt uns in eine gründliche Abgeschiedenheit von allem fremden und eigenen Leben, da Gott der alleinige und ganze Schatz der Seele wird und sich in ihr verklärt nach seinem Belieben. O wohl denen, die also ihr eigenes Haus immer mehr vergessen und im Hause Gottes wohnen; die loben ihn immerdar!
Dies sei denn hinfort unser Ganzes, lieber Bruder, blind und bloß dem zu folgen, der uns berufen hat mit einem so heiligen Ruf. Ich bin gewiss, dass Gott durch diesen Weg gesucht werden will und dass er wolle, dass man ihm auf diese Weise im Geiste und in der Wahrheit diene, ob ich wohl selbst elend genug bin.
Das wahre inwendige Leben ist keine besorgniserregende oder neue Sache. Es ist der uralte wahre Gottesdienst, das christliche Leben in seiner Schönheit und eigentlichen Gestalt. Recht innige Seelen machen keine besondere Sekte. Wenn ein jeder der Lehre und dem Leben Jesu durch dessen Geist folgte, so würden alle ohne Zweifel einig und innig und die Welt voller Mystiker werden, das heißt solcher Leute, die nicht einen bloßen Schein im Äußeren, sondern einen verborgenen Menschen des Herzens erlangten, der in dem unverderblichen Schmuck eines sanften und stillen Geistes so köstlich ist in dem Angesicht Gottes.
Ich weiß nicht, warum ich dieses schreibe, da der liebe Bruder schon genugsame Gewissheit vor dem Herrn in diesem Wege bekommen hat. Lasst uns dann nur bei dem Herrn bleiben und uns immer inniger ihm überlassen. Denn er ist sehr gut auch unter allen Prüfungen denen, die auf ihn warten. Er ist unserem Geiste ewig genug etc.
2. Kurzer Bericht von der Mystik
In Jesus geliebter Bruder!
Wie so oft haben wirs nicht bedauert, dass das inwendige Christenleben so unbekannt und gar verdächtig bei manchen Frommen, auch besonders bei Gelehrten sei, aber auch nur deswegen verdächtig, weil es unbekannt sei. Unlängst erfuhr ich, dass ein mit mir wohl bekannter frommer Prediger sehr seltsame Gedanken davon geäußert hatte. Ihn eines Besseren zu überzeugen, schrieb ich den hierbei gehenden Brief. Mystische Theologie ist eben das, was wir unter uns das inwendige Leben oder die Herzensgottseligkeit zu nennen pflegen. Gott befohlen.
Mülheim an der Ruhr, den 5. Sept. 1768.
G. T. St.
Sie verlangen zu wissen, was man eigentlich durch die Mystik oder mystische Theologie verstehe. Ich antworte: Das kann keiner recht sagen oder er muss selbst ein Mystikus sein, und keiner gebührend verstehen, wo er nicht selbst auf dem Wege ist, ein solcher zu werden.
Ich bin zu gering, nur dasjenige zu unterschreiben, was jene (vor der Welt verhasste, vor Gott und allen Kennern aber) große Männer und teure Zeugen Gottes unter den Protestanten, ein Arnold und Poiret4, von dieser Materie gründlich und reichlich bezeugt haben. Sie wollen aber doch auch meine Gedanken wissen.
Würde ich Ihnen nun sagen, mystisch sei dasjenige, was David Psalm 51 die Wahrheit im Verborgenen, die heimliche Weisheit nennt und es sei die verborgene geheime Weisheit, von welcher Paulus nur zu den Vollkommenen (1. Korinther 2,6.7) reden konnte, dann würde Ihre Antwort sein: das klingt zwar mystisch genug, allein ich weiß doch nun noch nicht, worin die Mystik besteht.
Sagte ich (und so ist es ganz eigentlich die Wahrheit), die Mystik sei nichts anderes als die christliche Gottseligkeit in ihrer besten Kraft, Schönheit und Fülle, dann würden Sie sagen: Nun, das klingt schön, aber man erklärt mir darum noch nicht, worin die Sache besteht.
Antworte ich endlich: Werden Sie dann selbst ein Mystikus, dann verstehen Sie erst, was es für eine Sache sei: so ist’s eben das, was ich schon anfangs geantwortet und sage nur, was Sie tun sollen, um die Sache recht zu erkennen; Sie sind aber dabei nicht weiter als Sie bisher gewesen und verstehen nicht mehr als Sie bisher verstanden. Ich will dann sehen, ob ich mich näher erklären kann.
Die Mystiker machen keine besondere Sekte aus, sie haben keine von anderen christlichen Parteien unterschiedene Lehrsätze: so wenig als die Kinder Levi (deren Erbteil der Herr war, 5. Mose 10,9) ein eigenes Land und eine von den anderen Stämmen Israels unterschiedene Religion hatten, sondern unter allen Stämmen zerstreut lebten.
Unter den Römisch-Katholischen, unter den Protestanten, in der griechischen Kirche können Mystiker sein, ohne Präjudiz ihrer besonderen Lehrsätze und Religionsübungen. Ich will damit nicht sagen, dass uns alle Religionsparteien gleichgültig sein müssen. Keineswegs! Zuvörderst müssen alle zur Seligkeit erforderliche Grundwahrheiten ihre Richtigkeit bei uns haben; in allem übrigen ist ein jeder im Gewissen verpflichtet, so zu glauben und so zu handeln, wie er’s vor Gott und nach der Schrift am richtigsten zu tun urteilt5. Ein Separatist kann auch ein Mystiker sein oder werden, obgleich ein wahrer Mystiker nicht so leicht ein Separatist wird: Er hat wichtigere Sachen zu tun.
Mystiker sind keineswegs Enthusiasten zu schelten. Das unschuldige Wort Enthusiast6 wird heutigen Tages nur in einem negativen Sinn gebraucht. Menschen (Gelehrte oder Ungelehrte), die sich für Werkzeuge oder für Gesandte Gottes ausgeben und wollen, dass man ihre eigenen Einfälle, Meinungen, Triebe, Eifer und Reden als göttlich und für Gottes Wort halten und annehmen soll, zeigen aber mit der Tat, dass sie nicht vom Geiste Gottes, sondern vom Geist der Welt und von ihrem eigenen Geist regiert werden, das sind dergleichen schädliche Enthusiasten. In diese Zunft aber gehören die Leute keineswegs, welche Paulus Kinder Gottes nennt, von welchen er will, dass sie alle wahrlich und unumgänglich den Geist Gottes haben müssen: der müsse in ihnen wohnen, sie treiben (Römer 8,14), regieren und alles, was gut, heilig und selig heißt, in ihnen wirken, wie solches die Früchte zeigen würden.
Ist’s nicht eine beklagenswürdige Torheit zu nennen, dass manche Theologen, wenn sie im leeren Felde mit Gegnern (Pelagianern, Sozinianern7 etc.) sich in Streit einlassen, die Notwendigkeit der inneren Wirkungen des Geistes und der Gnade tapfer genug verfechten können; denn so bringt es die Lehre mit sich: wenn sie aber mit Menschen zu tun bekommen, die wirklich solche heilsame Wirkungen in sich erfahren, alsobald mit Enthusiasten und Phantasten um sich werfen, unerachtet man wohl alle Sonntage singt: Gutes denken, Gutes dichten muss dein Geist in uns verrichten.
Gesichte, Offenbarungen, Eingebungen, Weissagungen und manche andere außerordentliche Dinge können zwar einem Mystiker auch ungesucht begegnen, gehören aber so gar nicht zum Wesentlichen der Mystik, dass vielmehr alle erfahrenen Mystiker hinsichtlich solcher außerordentlichen Sachen die wichtigsten Erinnerungen geben.
Mystiker sind auch nicht Schwätzer von großer Geistlichkeit, sie affektieren8 keine dunkle, hochtrabende, verblümte Redensarten, sondern sprechen das, was sie erfahren, so aus, wie sie es mit Worten (1. Korinther 2,13), die der heilige Geist lehrt, deutlich machen können. Sie reden wenig, sie tun und sie leiden vieles, sie verleugnen alles, sie beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott in Christus ist ihr ganzes Geheimnis.
Theosophie und Mystik sind auch unterschieden. Die wahren und Original-Theosophen, deren uns von der Apostel Zeit an sehr wenige bekannt geworden, waren alle Mystiker, aber weit gefehlt, dass alle Mystiker auch Theosophen sein sollten. Unter Tausenden nicht einer. Theosophen sind solche, deren Geist (nicht Vernunft, Esprit) die Tiefen der Gottheit (1. Korinther 2,10) nach göttlicher Führung erforscht und aus unzweifelbarer Schauung solche Wunder erkannt hat. Es könnte dieses genug sein, die Sache zu begreifen, ich komme aber näher.
Das Wort mystisch wird bisweilen im weitläufigeren, bisweilen im engeren Sinn genommen. Im ersteren Verstande ist es nichts anderes, als die praktische Theologie oder die Ausübung der Gottseligkeit, insofern sie Gnade und Herzensveränderung zum Grunde hat: demnach nicht eine bloß natürliche Moral.
Im engeren und eigentlichen Verstande bedeutet es denjenigen Grad der Erfahrungserkenntnis Gottes, welchen Paulus und alle Mystiker nach ihm genannt haben die Erleuchtung, welche der Apostel wohlgemerkt den Gläubigen (Epheser 1,17.18) noch erbittet (weit unterschieden von der anfänglichen Erleuchtung) (Apostelgeschichte 26,18; Hebräer 10,32).
Es gehört demnach und ferner dahin das Bleiben in Jesus (Johannes 15,4); das Anhangen an Gott (1. Korinther 6,17), um ein Geist mit ihm zu werden; das Wandeln (1. Mose 17,1) in der Gegenwart Gottes; das Anbeten im Geist und in der Wahrheit (Johannes 4,23); die wirksame und leidentliche Reinigung von allen Befleckungen des Fleisches und des Geistes (2. Korinther 7,1) (welche was anderes ist als die anfängliche Reinigung von den toten Werken [Hebräer 6,1]); die Ausgießung der Liebe Gottes ins Herz (Römer 5,5), einer Liebe, welche endlich alle Furcht austreibt (1. Johannes 4,18); die Salbung (1. Johannes 2,20), welche in allen Dingen lehrt; das Beschauen der Herrlichkeit Gottes mit aufgedecktem Angesicht (2. Korinther 3,18); die Offenbarung (Johannes 14,21.23; 17,1; 2. Korinther 6,16; Epheser 1,17.18) oder Inwohnung Gottes in der Seele (welche auch den gläubigen Korinthern noch eine Verheißung war); das Leben Gottes, da der Mensch oder das Ich nicht mehr lebt, sondern Christus in ihm (Galater 2,20); das Wandeln im Himmel (Philipper 3,20); der Friede Gottes, welcher über allen Verstand ist (Philipper 4,7); das Vollkommensein in Eins (Johannes 17,23) etc.
Dieses und unzählig anderes, welches wir wörtlich in der Schrift ausgedrückt finden, heißt und ist mystische Theologie, wovon sich die Leute so fürchterliche Vorstellungen machen.
Nicht aber bei allen (auch gereiften) Frommen finden sich diese Sachen so auf einmal, auf einerlei Weise, in einerlei Maße und Fülle, sondern nach der Ausleerung, Stärke und Fähigkeit eines Gefäßes gießt Gott das Übernatürliche hinein (übernatürlich und mystisch ist ein und eben dasselbe). Das höchste Gut ist reich und bereit zu geben: Tue deinen Mund weit auf (Psalm 81,11), so will ich ihn füllen. Aber ach! der bedürftige Mensch will nicht nehmen.
Die Patriarchen, die leuchtenden Heiligen des Alten Testaments, die ersten brennenden Christen überhaupt leerten sich ganz aus, kehrten sich völlig zu Gott, übergaben sich unbedingt seiner Führung hin. Diese waren demnach alle wahre Mystiker und haben, ein jeder in seinem Teil, die oben erwähnten und andere Wunder göttlicher Gemeinschaft erfahren.
Bei dem hernach erfolgten Abfall von dem ersten Ernst und Lauterkeit gab es zwar noch immer gottsuchende fromme Menschen in der Christenheit, welchen sich auch Gott, der Heiland aller Menschen, nicht entzog, sondern ihnen Gutes tat und das wenige Gute in ihnen unterhielt. Da aber insgemein ihre Ausleerung9 sehr gebrechlich, ihre Hingabe so unvollkommen und unterbrochen und die ganze Gemütsbeschaffenheit so matt und krank war und blieb: so nahm zwar der Herr das Wenige, so sie ihm gaben (wenn sie aufrichtig zu Werk gingen), gütigst an, ließ ihnen auch nach eines jeden Fähigkeit Gutes widerfahren und förderte sie, so weit eines jeden Umstände, Temperament, Vorurteile, Mut und Treue es zuließen; fast alle aber blieben bei der Wahrnehmung der sogenannten Gnadenmittel, beim buchstäblichen Wissen, bei gutgemeinten Andachtsübungen, bei vorübergehenden sinnlichen Rührungen stehen. Ihre Führer selbst wussten und wollten auch nichts Besseres. Da wurde demnach das innere Leben oder die Mystik immer rarer und unbekannter, endlich gar verdächtig; der Unvollkommenheit und allem Elend machte man ein feines Pflaster; aber die Wirkung des Geistes Gottes im Inneren abwarten und derselben Raum geben (nach Römer 8,14), das hieß Ketzerei und enthusiastisch. Und so steht’s noch in der Christenheit bis auf den heutigen Tag.
Ein Mystiker setzt voraus zum unbeweglichen Fundament alle Wahrheiten der heiligen Schrift, auch besonders die durch Christus geschehene Versöhnung; aber er lässt es nicht dabei bewenden, dass er nur allein und immerdar dieses Fundament besehe und davon rühme, sondern er sieht hauptsächlich zu, dass auch was Schönes, Gold, Perlen und Edelsteine auf dieses Fundament gebaut werde, kann sich darum mit Holz, Heu und Stoppeln von allerhand Nebensachen nicht viel aufhalten (1. Korinther 3,11.12).
Dennoch aber kann ein wahrer Mystiker auch nach den Umständen mit unverstellter Andacht und Herzensverehrung sogar von den ersten Anfängen christlicher Lehre reden, lesen und hören. Nichts ist ihm klein und gering, was von seinem göttlichen Urheber kommt, was von demselben zeugt und dahin weist. Das Große, so er in Gott und in allem Göttlichen sieht, macht ihm nur das Sichtbare klein (2. Korinther 4,18) und dass er auch selbst wahrlich klein wird ohne Kleinmütigkeit. Ein hochmütiger Mystiker ist eine Unmöglichkeit, eine sich selbst widersprechende Redensart.
Schließlich bedaure und erinnere ich noch dieses, dass in diesen unseren Tagen bei anfänglich Bekehrten die Notwendigkeit des Fortgangs in der Heiligung nicht gebührend beherzigt noch darauf gedrungen wird, wovon doch die Schrift so deutlich und so reichlich zeugt.
So wird auch die Glückseligkeit dieser Sache nicht recht beherzigt und angezeigt. Heilig sein und selig sein ist eins und eben dasselbe, nur dass in diesem Leben die Sache stufenweise unter Kreuz und Proben fortgesetzt, in jenem Leben aber in völligem und unwandelbarem Genuss und Glanz erscheinen wird. Selbst die anfängliche Seligkeit bei der Vergebung der Sünden setzt schon voraus den Anfang der Heiligung in wahrer Buße und Glauben.
Auch dieses müsste als wichtig und vorsichtig angezeigt werden, dass diese Heiligkeit nicht gesucht und gesetzt werden müsse in einiges bloß äußere Ding, Übung oder Werk, als welches alles, aufs Beste genommen, nur Handleitungen oder auch Früchte der inneren Heiligkeit sind; woraus aber, wenn man die Sache selbst darin setzt und sein Vertrauen darauf stellt, anstatt Gnadenmittel wohl Verhinderungen der Gnade werden können.
Man setze vielmehr die Heiligung nach der Schrift in die wirkliche Reinigung von Unart und Verderben und in die Erneuerung des inneren Menschen von einer Klarheit zur anderen nach dem Bilde dessen, der uns geschaffen hat; oder (welches das Gleiche ist) in die Gleichförmigkeit mit Jesus Christus. Und man suche sie, bei Verleugnung alles anderen, durch Herzensgebet und Einkehr bloß in dem inwendigen Umgang und Gemeinschaft mit Gott, so wie er uns in Christus unaussprechlich nahe ist, um uns kraft dessen Auferstehung durch den Geist (Römer 1,4) der Heiligkeit von Grund aus zu heiligen, zu bewirken und zu beleben.
Und eben dieses ist der sichere Weg zur wahren Mystik oder zum inwendigen Christenleben, es besteht auch großenteils darin.
Ich bin etc.
3. Schein und Sein, Gestalt und Kraft der Gottseligkeit oder des Gottesdienstes
Ehedem an einen Freund holländisch geschrieben
Sie haben den Schein (oder Gestalt) der Gottseligkeit, aber derselben Kraft verleugnen sie.
2. Timotheus 3,5
1
Wenn ich über die Materie der mir mitgeteilten Schrift auch meine Gedanken zurückschicken soll: so sage ich nur kurz, dass alles dasjenige, was nicht das Inwendige und Gott selbst in Christus zum Grund und Ursprung hat, bloß ein Schein und kein Sein oder Wesen des Gottesdienstes zu nennen sei. Aus diesem allgemeinen Satz ist unschwer herzuleiten alles, was ich sonst noch über diese Materie zu sagen habe.
2
Erstlich, wenn wir vor Menschen im Reden, Tun oder Gebärden uns anders aufführen oder bezeigen, als wir’s meinen, oder anders, als wir in der Tat sind oder wünschen zu sein, wie bedeckt und subtil solches auch zugehen möchte: so wandeln wir nicht einfältig, es ist Lügen und keine Wahrheit, oder wenigstens es ist ein gemachtes, verstelltes Ding, ein Schein und kein Sein, ein Gräuel in den Augen Gottes.
3
Nicht nur ist es böse, wenn wir uns besser stellen, als wir sind, sondern es ist auch ein böses Affektieren (Verstellung und gemachtes Wesen), ja, vielfältig eine eitle Ehrsucht, wenn wir uns, es geschehe mit Worten oder auf eine andere Weise, elender, ärmer und böser darstellen, als wir sind, oder als wir glauben und fühlen, dass wir sind.
4
Ich bediente mich aber vorhin mit Bedacht des Ausdrucks: sind oder wünschen zu sein. Denn einer, der böse, hochmütig, zornig usw. ist, dennoch aber die entgegenstehenden Tugenden in Aufrichtigkeit zu haben wünscht, der ist verpflichtet, nach der Anforderung des göttlichen Gesetzes und seines eigenen Gewissens dem Bösen zu widerstehen und es zu unterdrücken, dass es nicht ausbreche: und indem er dieses tut, so heuchelt oder verstellt er sich nicht, im Gegenteil würde er sich verstellen, wenn er’s ausbrechen ließe, da er doch in seinem Herzen das Gute und nicht das Böse meint und wünscht. Sollte aber ein solcher, der das Böse (zum Exempel den Zorn) in sich unterdrückt und sich sanftmütig zeigt, deswegen sich einbilden, dass er schon die Tugend der Sanftmut wesentlich besäße oder bei anderen für einen sanftmütigen Menschen wollen gehalten sein, der würde sich betrügen. Er hat den Schein, aber noch nicht das Sein oder Wesen dieser Tugend.
5
O mein Gott, wie so sehr hat die Heuchelei, Gleißnerei und Verstellung den durch den Sündenfall verstellten Menschen durchdrungen! Und wie so wenig sehen wir diese Gräuel in uns selbst: Da wir der inneren dicken Finsternis und Verwirrung wegen nicht merken, was drinnen ist, weil wir so wenig bei uns selbst und noch weniger bei dir bleiben! Lehre mich, o Gott, der du meinem Äußeren und meinem Inneren so unaussprechlich nahe bist, wandeln unter der Aufsicht deiner Augen, in dem reinen Licht deiner Wahrheit, damit ich einfältig zu Werk gehe in allem meinem Tun und Wesen!
6
Zum anderen folgt aus obigem allgemeinen Satz, dass alle Pflichten des Gottesdienstes, welche nicht die wahre Andacht des Herzens, die Anbetung Gottes im Geist und Wahrheit zu ihrem Grund und Ursprung haben, weiter nichts sind als nur ein Schein, eine Larve, eine Gestalt des Gottesdienstes, aber kein Wesen.
7
Ich merke deswegen an, dass es nicht gut sei, zumal für eine innige im Geist wandelnde Seele, wenn sie gar zu viele äußere gottesdienstliche Übungen annimmt, weil dadurch die innere Kraft und Andacht leicht geschwächt und abgemattet wird: nur muss sie die wenigen gemäßigten Übungen, so sie hat, mit so viel größerer Bedachtsamkeit und Herzensandacht wahrzunehmen sich angelegen sein lassen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.