Kitabı oku: «Medienerziehung und Medienbildung in der Grundschule»

Der Autor

Gerhard Tulodziecki ist emeritierter Professor an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. Nach dem Ersten und Zweiten Lehramtsexamen, einer anschließenden Lehr- und Forschungstätigkeit in der Erziehungswissenschaft sowie Promotion und Habilitation wurde er zum Professor für Medienverbund und Mediendidaktik berufen und leitete das gleichnamige Institut am Forschungs- und Entwicklungszentrum für objektivierte Lehr- und Lernverfahren (FEoLL). Im Anschluss übernahm er die Professur für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik an der Universität Paderborn. In dieser Zeit hat er mehrere Modellversuche zur Medienerziehung und Medienbildung in der Schule wissenschaftlich begleitet. Zudem war er Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen zu Fragen der Lehrerbildung und Medienpädagogik auf Landes- und Bundesebene. Unter anderem wirkte er am Orientierungsrahmen zur »Medienerziehung in der Schule« der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung mit.
Gerhard Tulodziecki
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040400-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-040401-4
epub: ISBN 978-3-17-040402-1
Vorwort der Herausgeberinnen
Die aktuellen gesellschaftlichen und häufig globalisierungsbedingten Veränderungen beeinflussen Grundschulen auf mannigfaltige Arten. Angesichts dessen thematisiert die neue Reihe »Grundschule heute« – herausgegeben von Dr. Sanna Pohlmann-Rother (Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Würzburg) und Dr. Sarah Désirée Lange (Akademische Rätin am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Universität Würzburg) – drängende Zukunftsfragen in ihrer Bedeutung für die Disziplin der Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Entwicklungen der Gegenwart betreffen Bereiche wie Digitalisierung, Inklusion, Globalisierung, Migration und Flucht und bringen weitreichende neue Herausforderungen für Lehrkräfte, Schulleitungen und für Eltern und ihre Kinder mit sich.
So stellt beispielsweise der mit den gesellschaftlichen Digitalisierungsprozessen verbundene Anspruch, Schülerinnen und Schüler zu einem selbstbestimmten und reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu befähigen, alle Beteiligten vor neue Herausforderungen. Auch Mehrsprachigkeit und Fluchtmigration sind Phänomene gesellschaftlicher Entwicklungen, die gegenwärtig in hohem Maße zur Komplexität professionellen Handelns von Lehrkräften beitragen.
Mit der vorliegenden Reihe soll der grundschulpädagogische Diskurs hinsichtlich der gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen der Gesellschaft weiterentwickelt werden. Dazu werden in jedem Band neben einer forschungs- und theoriebasierten Auseinandersetzung auch jeweils praktisch umsetzbare Ansätze für die Gestaltung von Unterricht und von grundschulbezogenen Bildungsprozessen herausgearbeitet.
In diesem Zusammenhang werden auch die aktuellen Strukturen und Inhalte der Ausbildung von Grundschullehrkräften hinterfragt. So werden in der Reihe »Grundschule heute« relevante Professionalisierungsfelder identifiziert, mögliche Implikationen für die Rahmenbedingungen der Lehrkräftebildung aufgezeigt und Anforderungen an eine qualitativ hochwertige und zeitgemäße Qualifizierung von Grundschullehrkräften diskutiert.
Zusammenfassend geht es darum, hinsichtlich gegenwärtiger und künftiger Herausforderungen die institutionellen Bedingungen der Grundschule mit dem Anspruch an grundlegende Bildung und die Frage nach zeitgemäßen Bildungsinhalten neu in den Blick zu nehmen. Damit verbunden ist die genaue Betrachtung kindlicher Lebenswelten und die Berücksichtigung aktueller Aufwachsensbedingungen der Schülerinnen und Schüler. Auf Schul- und Unterrichtsebene stellen sich dabei pädagogisch-didaktische Fragen, zu denen auch rahmende Raum-, Zeit- und Organisationsstrukturen gehören. Auf Seiten der Lehrkräfte umfasst dies anspruchsvolle und zum Teil spannungsreiche Aufgaben, die sich beispielsweise in einem reflektierten Umgang mit sprachlicher Vielfalt und Mehrsprachigkeit im Zuge von Migration und Flucht manifestieren oder mit der Forderung nach einem inklusiven Schulsystem verbunden sind.
Würzburg, im Mai 2021
Sanna Pohlmann-Rother und Sarah Désirée Lange
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort der Herausgeberinnen
2
3 Einleitung
4
5 1 Medien im Tagesablauf von Grundschulkindern
6
7 1.1 Beispiel: Pauls Tagesablauf
8 1.2 Grundformen der Mediennutzung und Nutzungsbereiche
9 1.3 Merkmale der Medienlandschaft
10 1.4 Allgemeine Chancen und Risiken der Mediennutzung
11 1.5 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
12 2 Bedingungen des Medienhandelns von Kindern
13
14 2.1 Beispiel: Mila und ihr Smartphone
15 2.2 Bedingungen des Medienhandelns
16 2.3 Modellvorstellung von menschlichem Handeln
17 2.4 Bedeutung für die medienerzieherische Begleitung von Kindern
18 2.5 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
19 3 Mediennutzung als bedürfnis- und situationsbezogene Handlung
20
21 3.1 Beispiel: Leon und seine digitalen Spiele
22 3.2 Bedürfnisse von Kindern
23 3.3 Annahmen zum Wirksamwerden von Bedürfnissen
24 3.4 Zum Verhältnis von Bedürfnissen und Emotionen
25 3.5 Umwelt als Rahmenbedingung für die Anregung von Bedürfnissen
26 3.6 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
27 4 Mediennutzung als erfahrungs- und wissensbezogenes Handeln
28
29 4.1 Beispiel: Linas und Ellas Tanzvideo
30 4.2 Zu Erfahrungen von Kindern in Medienzusammenhängen
31 4.3 Zum Wissen von Kindern über Medien
32 4.4 Erfahrungsformen und Wissenserwerb durch Medien
33 4.5 Gestaltungsmöglichkeiten von medialen Botschaften
34 4.6 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
35 5 Mediennutzung als entwicklungsbezogenes Handeln
36
37 5.1 Beispiel: Felix – Fernsehserie oder Kinderbuch?
38 5.2 Arten des Denkens und intellektuelle Entwicklung
39 5.3 Urteilsformen und sozial-moralische Entwicklung
40 5.4 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
41 6 Rahmen für die Medienerziehung und Medienbildung in der Grundschule
42
43 6.1 Beispiele zu grundsätzlichen Sichtweisen bezüglich medienbezogener Erziehungs- und Bildungsaufgaben
44 6.2 Grundpositionen zu Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Medienbereich
45 6.3 Ein konzeptioneller Rahmen für medienbezogene Erziehungs- und Bildungsaufgaben
46 6.4 Zusammenfassende Konzeptdarstellung
47 7 Nutzungsbezogene Aufgabenfelder der Medienerziehung und Medienbildung
48
49 7.1 Projektbeispiel: Bedrohte Tierarten
50 7.2 Merkmale von Unterrichtseinheiten oder Projekten zu nutzungsbezogenen Aufgabenfeldern
51 7.3 Weitere Unterrichts- und Projektideen zur reflektierten Nutzung von medialen Möglichkeiten für Information und Lernen
52 7.4 Unterrichts- und Projektideen zur reflektierten Nutzung von medialen Möglichkeiten für Unterhaltung und Spiel
53 7.5 Unterrichts- und Projektideen zur reflektierten Nutzung von medialen Möglichkeiten für Austausch und Kooperation
54 7.6 Unterrichts- und Projektideen zur reflektierten Nutzung von medialen Möglichkeiten für die Gestaltung und Präsentation eigener Beiträge
55 8 Inhaltsbezogene Aufgabenfelder der Medienerziehung und Medienbildung
56
57 8.1 Projektbeispiel: Ich sehe was, was du nicht siehst!
58 8.2 Merkmale von Unterrichtseinheiten oder Projekten zu inhaltsbezogenen Aufgabenfeldern
59 8.3 Weitere Unterrichts- und Projektideen zum Unterscheiden und Einschätzen von medialen Gestaltungsmöglichkeiten
60 8.4 Unterrichts- und Projektideen zum Erkennen und Aufarbeiten von Medieneinflüssen
61 8.5 Unterrichts- und Projektideen zum Erfahren und Bewerten von Merkmalen der Medienlandschaft
62 8.6 Unterrichts- und Projektideen zum Durchschauen und Beurteilen von Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung
63 9 Entwicklung schulspezifischer Konzepte für die Medienerziehung und Medienbildung
64
65 9.1 Zusammenfassende Übersicht für ein schulspezifisches Konzept
66 9.2 Entwicklung und Pflege schulspezifischer Konzepte
67 10 Medienpädagogische Kompetenz von Lehrpersonen und Professionalisierung
68
69 10.1 Ein Beispiel aus dem Lehramtsstudium
70 10.2 Medienbezogene Kompetenzerwartungen an Lehrpersonen
71 10.3 Zum Kompetenzerwerb in verschiedenen Phasen der Lehrkräftebildung
72 10.4 Kompetenzerwerb und Professionalisierung
73 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
74
75 Literaturverzeichnis
76
Einleitung
Kinder wachsen in einer Umwelt auf, die durch ein umfangreiches Angebot medialer Möglichkeiten gekennzeichnet ist. Die Palette der Medien reicht von Büchern und anderen Schreib- bzw. Druckmedien über auditive, visuelle und audiovisuelle Medien bis zu den digitalen Möglichkeiten. Aufgrund der digitalen Technik sind Medien praktisch an jedem Ort und zu jeder Zeit mit attraktiven Angeboten und Werkzeugen verfügbar. Als Beispiel dafür kann das Smartphone gelten. Es hat sich vom mobilen Telefon zu einem Universalgerät entwickelt, das auch für viele Kinder zu einem wichtigen Begleiter geworden ist. Mit seinen akustischen und optischen Möglichkeiten spricht es Kinder in vielfältiger Weise an. Dabei kommt es – wie auch andere Medien – den kindlichen Bedürfnissen nach Sinneserregung und Erkundung der Umwelt, nach Spannung und Entspannung sowie nach Orientierung und nach sozialem Eingebundensein entgegen. Aus der Wechselbeziehung von medialen Möglichkeiten und kindlichen Bedürfnissen ergeben sich mannigfaltige Formen der Mediennutzung. Beispielsweise lassen sich Medien zum Anschauen lustiger und spannender Geschichten, zur Suche nach interessanten Informationen und zum Lernen, zum Spielen und zu weiteren Formen der Unterhaltung, zur Herstellung eigener Fotos oder Videos und zum Austausch mit Freundinnen oder Freunden nutzen. In solchen Zusammenhängen entstehen einerseits Chancen, andererseits aber auch Risiken für die kindliche Entwicklung. Deshalb ergibt sich schon in der Familie und in der Kita und dann besonders in der Grundschule die Anforderung, Kinder zu einem verantwortlichen Medienhandeln anzuregen und sie auf dem Weg dorthin zu unterstützen. Dies umfasst sowohl Bemühungen, Kinder vor Gefährdungen durch problematische Medienangebote zu schützen, als auch Bestrebungen, Kinder zum Erwerb von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten anzuleiten, die es ihnen ermöglichen, vorhandene Angebote sinnvoll zu nutzen und eigene mediale Beiträge zu erstellen. Mit Blick auf die gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Situation ist davon auszugehen, dass es für die Persönlichkeitsentwicklung und für die Teilhabe am sozialen Leben immer wichtiger wird, die »Sprache« der Medien angemessen zu verstehen und sich in dieser »Sprache« ausdrücken zu können sowie Medieneinflüsse zu erkennen und aufzuarbeiten und die Medienlandschaft mit ihren digitalen Grundlagen und ihren Bedingungen – soweit es jeweils in entwicklungsbezogener Hinsicht möglich ist – zu durchschauen.
Insgesamt bedürfen der Erwerb eines entsprechenden Wissens und Könnens sowie die Entwicklung eines förderlichen Umgangs mit den medialen Möglichkeiten einer erzieherischen und bildungsbezogenen Begleitung und Einflussnahme durch Eltern, Erzieherinnen, Erzieher und Lehrpersonen. So ergeben sich auch für die Grundschule bedeutsame Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Feld der Medien. Dies gilt umso mehr, als Erziehung und Bildung mit der Weltbegegnung und Weltaneignung von Kindern verbunden sind und wesentlich durch Medien beeinflusst werden. In diesem Sinne gehören Medienerziehung und Medienbildung zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Grundschule. Dabei lässt sich Medienerziehung schwerpunktmäßig durch den Versuch einer Einflussnahme auf die Bereitschaft bzw. den Willen zu einem sozial verantwortlichen Verhalten in Medienzusammenhängen kennzeichnen, während bei der Medienbildung die Förderung der geistigen Entwicklung im Zusammenhang mit der Aneignung medienbezogenen Wissens und Könnens und eines entsprechenden Handelns im Mittelpunkt steht. Allerdings gibt es zwischen beiden Bereichen vielfältige Überschneidungen und Übergänge. Beispielweise sollten Bemühungen um ein sozial verantwortliches Verhalten damit verbunden sein, für Kinder Einsichten in medienrelevante Zusammenhänge zu ermöglichen, und gleichzeitig ist es wünschenswert, dass sich medienbezogenes Wissen und Können auch in sozial verantwortlichem Verhalten ausdrückt. Wegen der Überschneidungen und Übergänge zwischen beiden Begriffen – die sich im Übrigen auch in der allgemeinen erziehungswissenschaftlichen Diskussion widerspiegeln – erfolgt in diesem Buch keine strikte Trennung zwischen Erziehungs- und Bildungsaufgaben. Vielmehr werden beide Begriffe gemeinsam verwendet, ebenso wie die Bezeichnungen Medienerziehung und Medienbildung.
Vor diesem Hintergrund wird in Kapitel 1 – ausgehend von der Mediennutzung von Kindern – der Blick auf Medienausstattungen und auf Nutzungszusammenhänge gerichtet. Dabei kommen generelle Chancen und Risiken der Mediennutzung zur Sprache. In Kapitel 2 geht es um die Frage, durch welche Bedingungen das Medienhandeln von Kindern beeinflusst wird. Als Bedingungen werden situative Gegebenheiten im Rahmen der Lebenssituation, Bedürfnisse von Kindern und damit verbundene Emotionen, Erfahrungen und Wissen sowie der Entwicklungsstand in intellektueller und sozial-moralischer Hinsicht angesprochen.
In Kapitel 3, 4 und 5 sollen diese Bedingungen des Medienhandelns entfaltet und hinsichtlich ihrer Bedeutung für Erziehungs- und Bildungsaufgaben in der Grundschule besprochen werden. Die Überlegungen münden in Kapitel 6 in den Entwurf eines Konzepts für die Medienerziehung und Medienbildung ein. Bisherige Konzepte werden thematisiert und zu einem tragfähigen Konzept weitergeführt. Das entsprechende Konzept wird – mit Bezug auf die vorhergehenden handlungs- und entwicklungstheoretischen Überlegungen – hinsichtlich seiner Zielvorstellungen und Inhaltsbereiche sowie bezüglich zu bedenkender Formen und Bereiche der Mediennutzung sowie im Hinblick auf wünschenswerte Vorgehensweisen ausgefächert.
In Kapitel 7 und 8 sollen verschiedene nutzungs- und inhaltsbezogene Aufgabenfelder von Medienerziehung und Medienbildung und ihre Umsetzung in Unterrichtseinheiten und Projekte thematisiert werden. Dabei geht es zugleich um Konkretisierungen im Sinne eines erkundungs-, problem-, entscheidungs-, gestaltungs- und beurteilungsorientierten Vorgehens.
Da Medienerziehung und Medienbildung als fächerübergreifende Aufgaben der Grundschule gelten, sollen in Kapitel 9 Anregungen für die Entwicklung schulspezifischer medienpädagogischer Konzepte unter Beteiligung mehrerer Fächer gegeben werden. In der Fortführung sind in Kapitel 10 Überlegungen zur notwendigen medienpädagogischen Kompetenz und zu Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen zu diskutieren.
Da die Grundschule in den meisten Bundesländern vier Jahre umfasst, ist das Buch schwerpunktmäßig an der vierjährigen Grundschule orientiert. Allerdings gelten die meisten Überlegungen gleichermaßen für die sechsjährige Grundschule. Gegebenenfalls können Beispiele, die für die Jahrgangsstufen drei und vier möglich sind, auch an die Bedingungen der Jahrgangsstufen fünf und sechs angepasst werden.
Mit dem inhaltlichen und formalen Aufbau werden wichtige Intentionen der Reihe »Grundschule heute« aufgenommen – geht es in der Reihe doch um drängende Zukunftsfragen, die sich aus der gesellschaftlichen Entwicklung und aus dem Wandel der kindlichen Lebenswelt für die Didaktik und Pädagogik der Grundschule sowie für die Professionalisierung von Grundschullehrkräften ergeben (vgl. das Vorwort der Herausgeberinnen). Dass solche Fragen u. a. mit der Mediatisierung und Digitalisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft sind, wird sich in den Kapiteln des Buches immer wieder zeigen.
Das Buch ist sowohl für die Ausbildung von Grundschullehrkräften als auch für die Fortbildung gedacht und soll zur Auseinandersetzung mit den behandelten Themen anregen und dabei Hilfen geben. Darauf zielt auch der formale Aufbau des Buches. Jedes Kapitel beginnt mit einem Eingangsbeispiel. Von dort ausgehend werden jeweils grundlegende bzw. wichtige Inhalte behandelt. Am Ende jedes Kapitels finden sich »Hinweise für die Weiterarbeit«, die dazu anregen, das erworbene Wissen zu erproben, anzuwenden und/oder zu vertiefen. Insofern kann das Buch von Studierenden, Referendarinnen und Referendaren sowie Lehrkräften – falls sie möchten – auch als Arbeitsbuch genutzt werden.
Für Anregungen und Unterstützungen beim Schreiben des Buches danke ich zunächst Anna Marie Hauf-Tulodziecki, die mir stets eine wichtige Gesprächspartnerin war und mich bei den Korrekturlesungen unterstützt hat. Besonderer Dank gilt auch Susanne Klingelhöfer für die Durchsicht des Bandes und ihre äußerst hilfreiche Rückmeldung aus schulpraktischer Sicht. Darüber hinaus sage ich Silke Grafe und Bardo Herzig großen Dank. Mit ihnen stehe ich seit vielen Jahre in einem stets anregenden Austausch zu Fragen von Medienerziehung und Medienbildung. Des Weiteren bedanke ich mich sehr herzlich bei Sanna Pohlmann-Rother und Sarah Désirée Lange (als Herausgeberinnen der Reihe) für viele wertvolle Anregungen bei der Überarbeitung des Manuskripts. Auch Alexa Strittmatter sei (als Betreuerin vonseiten des Verlags) für die stets konstruktive Begleitung beim Schreiben dieses Buches vielmals gedankt.
Über Rückmeldungen zum Buch freue ich mich.
Paderborn, im März 2021
Gerhard Tulodziecki
1
Medien im Tagesablauf von Grundschulkindern
Medien stellen einen bedeutsamen Bestandteil der Umwelt von Kindern dar. So verfügen Haushalte, in denen Kinder leben, in der Regel über eine beträchtliche Medienausstattung (vgl. mpfs 2019, S. 9). Auch Kinder selbst besitzen üblicherweise schon eine Reihe von Medien, die sie in unterschiedlichem Umfang und zu verschiedenen Tageszeiten nutzen (vgl. mpfs 2019, S. 10–20). Angesichts einer solchen Situation geht es in diesem Kapitel darum zu fragen, wie sich die Mediennutzung von Kindern vor dem Hintergrund der Medienlandschaft darstellt und welche – zunächst allgemeinen – Chancen und Risiken damit verbunden sind.
Ausgangspunkt für entsprechende Überlegungen soll der mögliche Tagesablauf eines Grundschulkindes sein. Beispielsweise könnte der Tagesablauf dieses Kindes – hier Paul genannt – mit Blick auf vorliegende Ergebnisse zur Medienausstattung und Mediennutzung (vgl. mpfs 2019) folgendermaßen aussehen. Dabei ist der Tagesablauf nur als ein Beispiel zu verstehen – generell bestehen zwischen der jeweiligen Mediennutzung von Kindern mehr oder weniger große Unterschiede.
1.1 Beispiel: Pauls Tagesablauf
Paul lebt mit seinen Eltern in einem Reihenhaus am Rande einer Großstadt. Er ist neun Jahre alt und hat eine vier Jahre ältere Schwester. Im Haushalt der Familie sind Fernsehgerät, Telefon, Smartphone, Radio, Internetzugang, Computer, Laptop, Tablet, Digitalkamera, CD- und DVD-Player, Spielkonsole, Bücher, Zeitschriften und eine Tageszeitung vorhanden. In seinem Kinderzimmer befinden sich eine Spielkonsole, ein CD-Player und Kinderbücher. Neuerdings besitzt er auch selbst ein Smartphone. Morgens lässt sich Paul in der Regel durch sein Smartphone mit seinem Lieblingston wecken. Wenn er zum Frühstück in die Küche kommt, hört die Mutter stets das Morgenmagazin im Radio. In der Küche sitzt üblicherweise schon die ältere Schwester, die beim Frühstück oft auf ihrem Smartphone nachschaut, ob ihre Freundinnen irgendwelche Nachrichten oder Bilder gesendet haben, wobei sie auf diese häufig sofort reagiert. Außerdem liegt auf dem Esstisch normalerweise die Tageszeitung, die der Vater durchgeblättert hat, bevor er zu Arbeit gegangen ist. Paul wirft meistens noch schnell einen Blick in den Sportteil der Zeitung.
Dann macht er sich auf den Schulweg. Dabei hört er des Öfteren über sein Smartphone Musik eines Audio-Streaming-Dienstes. Wenn er auf dem Schulweg Freunde trifft, unterhalten sie sich immer wieder über Sportereignisse, aktuelle Konsolenspiele oder Videos. In der Schule wird in der Regel mit herkömmlichen Hilfsmitteln wie Tafel, Kreide und Lernmaterialien gearbeitet. Manchmal lässt die Klassenlehrerin aber auch Internetrecherchen durchführen oder die Kinder an einzelnen digitalen Übungsprogrammen arbeiten. Wenn Paul nach der Schule nach Hause kommt, schaut er sich hin und wieder auf seinem Smartphone einzelne lustige Videos an, von denen er in den Pausen gehört hat. Nach dem Essen setzt er sich normalerweise an seine Hausaufgaben. Diese erledigt er meistens in seinen Schulheften. Hin und wieder muss er auch ergänzend zum Unterricht kleinere Internetrecherchen ausführen. Dazu verwendet er den Computer seiner Mutter. Während er Hausaufgaben macht, läuft im Hintergrund fast immer Musik von seiner Lieblingsband auf dem CD-Player. Bei besonderen Anlässen, z. B. bei Geburtstagen der Großeltern, nutzt er auch die Möglichkeit der Videotelefonie.
Nachmittags verabredet er sich häufig per WhatsApp mit einigen Freunden. Dabei nimmt er zunehmend den Sprachassistenten in Anspruch. Ein beliebter Treffpunkt ist der nahegelegene Spiel- oder Bolzplatz. Bei den Treffen kommt es ab und zu vor, dass er mit dem einen oder anderen Freund ein Selfie oder ein anderes Foto macht. Wenn Paul zurückkehrt, sitzt seine Schwester häufig im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schaut sich eine Vorabendserie an. Er guckt dann lieber Videos auf dem Tablet. Da die Eltern am Abend in der Regel Fernsehfilme oder andere Sendungen anschauen, die ihn weniger interessieren, hat er sich daran gewöhnt, nach dem Abendessen auf sein Zimmer zu gehen und an seiner Spielkonsole zu spielen. In seltenen Fällen greift er auch zu einem Kinderbuch in seinem Zimmer. Vor dem Schlafengehen schaltet er üblicherweise noch einmal den CD-Player ein, um bei Hintergrundmusik einzuschlafen.
Mit Blick auf eine solche Mediennutzung lässt sich u. a. fragen, welche Formen dabei zum Tragen kommen, in welchen Nutzungsbereichen sie erfolgt und welche Merkmale das Medienangebot bzw. die Medienlandschaft aufweist. Vor diesem Hintergrund ergibt sich dann die Frage, welche Chancen und Risiken mit einer entsprechenden Mediennutzung gegebenenfalls verbunden sind.
1.2 Grundformen der Mediennutzung und Nutzungsbereiche
An dem obigen Beispiel werden verschiedene Formen der Mediennutzung von Kindern erkennbar. Als grundlegende Formen der Mediennutzung lassen sich zunächst die Rezeption und die Produktion unterscheiden. Eine rezeptive Nutzung ist dadurch gekennzeichnet, dass Kinder mediale Botschaften bewusst wahrnehmen – etwa wenn Paul Videos anschaut, Podcasts oder CDs hört, sich für die Sportnachrichten in der Zeitung interessiert oder in einem Kinderbuch liest. Eine produktive Mediennutzung liegt vor, wenn Kinder sich selbst in medialer Form äußern – etwa wenn sie Fotos oder Videos aufnehmen oder in der Schule Aufsätze schreiben. Streng genommen stellen auch schon eigene WhatsApp-Nachrichten in einem Chat oder die Auswahl einer Internetseite im Rahmen einer Recherche eine selbsttätige Aktion in medialer Form dar. Allerdings werden die letztgenannten Formen häufig nicht der produktiven Mediennutzung zugeordnet, sondern eher als interaktive Mediennutzung bezeichnet. Dabei kann die Interaktion auf den personalen Austausch (wie beim WhatsApp-Chat) oder auf ein Informatiksystem (wie bei der Internetrecherche) bezogen sein. Dementsprechend kann man auch von interaktiv-austauschbezogenen oder interaktiv-eingreifenden Nutzungsformen sprechen. Interaktiv-austauschbezogene Formen liegen – außer beim WhatsApp-Chat – beim Telefonieren mit oder ohne Video oder beim Agieren in sozialen Netzwerken (social networks) vor. Als interaktiv-eingreifende Nutzung ist z. B. für Paul und viele andere Kinder das computerbasierte Spiel bedeutsam. Daneben kann man noch interaktiv-partizipative Formen (etwa das Agieren in Blogs oder Wikis) und interaktiv-steuerungsorientierte Nutzungsformen (etwa bei smart home-Entwicklungen) nennen, die allerdings für Kinder bisher weniger wichtig sind. Insgesamt kommen die genannten Grundformen – Rezeption, Produktion und Interaktion mit ihren Varianten – in verschiedenen Nutzungsbereichen zur Geltung.
Im eingangs skizzierten Tagesablauf von Paul dient die Medienverwendung beispielsweise dazu, eine angenehme Stimmung zu erzeugen (z. B. durch Musik im Hintergrund), sich zu unterhalten (z. B. durch das Anschauen eines Videos), zu spielen (z. B. durch Nutzung eines Konsolenspiels), sich zu informieren (z. B. bei Internetrecherchen), etwas zu lernen (z. B. bei der Bearbeitung eines Übungsprogramms), mit anderen zu kommunizieren (z. B. durch WhatsApp-Nachrichten) oder sich selbst oder etwas anderes darzustellen (z. B. durch ein Foto von einer Aktion auf dem Spiel- oder Bolzplatz). Darüber hinaus können schon Kinder erfahren, dass sich Medien zur Analyse, zur Simulation, zur Inanspruchnahme von Dienstleistungen sowie zur Steuerung und Kontrolle verwenden lassen. Beispiele dafür sind: die Aufzeichnung eines Rollenspiels mit anschließender Analyse des praktizierten Kommunikationsverhaltens, die Nutzung eines Spiels, in dem die Besiedlung eines Gebietes simuliert wird, der Verkauf von nicht mehr benötigtem Spielzeug mithilfe der Eltern über eine Verkaufsplattform, die Steuerung der Heizung und die Kontrolle des Bewegungsverhaltens mithilfe eines Smartphones. Dabei können sich die Nutzungsbereiche überschneiden. Beispielsweise mag das abendliche Konsolenspiel von Paul neben dem Spielen auch der Unterhaltung (im Sinne der Vermeidung von Langeweile) und der Information darüber dienen, welche Spiele zurzeit bei den Freunden »in« sind.
Für alle Nutzungsbereiche haben sich die Möglichkeiten durch die zunehmende Durchdringung des Alltags mit Medien erheblich erweitert. Dabei stellt die Medienlandschaft den allgemeinen Raum für die Mediennutzung dar. Deshalb liegt ein kurzer Blick auf Merkmale des Medienangebots bzw. auf die Medienlandschaft nahe.
1.3 Merkmale der Medienlandschaft
Als Merkmale der Medienlandschaft lassen sich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – nennen: Vielzahl medialer Möglichkeiten und Medienkonvergenz, umfangreiche Inhaltspalette, vielfältige Gestaltungsoptionen, ökonomische Orientierung, Digitalisierung und digitale Infrastruktur. Diese Merkmale werden nachstehend in aller Kürze erläutert. Selbst wenn Kinder einzelne Merkmale kaum oder anders, vielleicht auch noch gar nicht direkt wahrnehmen, ist es doch wichtig, den »Raum« im Blick zu behalten, in dem sich erzieherische oder bildungsbezogene Maßnahmen letztlich bewähren müssen.
Vielzahl medialer Möglichkeiten und Medienkonvergenz: Die Medienlandschaft umfasst eine Fülle verschiedener Medienarten. Diese reichen von Printmedien (z. B. Comic und Buch) über auditive Medien (z. B. Telefon und Radio), visuelle Medien (z. B. Fotografie oder Overhead-Folie), audiovisuelle Medien (z. B. Video und Fernsehen) und interaktive Medien (z. B. Computerspiele und Internet) bis zu dreidimensionalen virtuellen Räumen. Die einzelnen Medienarten können über unterschiedliche Präsentationsmöglichkeiten oder Mediengeräte zugänglich sein, z. B. über bedrucktes Papier, Overhead-Projektor, Dokumentenkamera, CD- oder DVD-Player, Radiogerät, Fernsehgerät, Tablet, Laptop, Computer, Beamer, Spielkonsole, Smartphone oder 3D-Einrichtungen. Abgesehen von spezifischen Geräten für die Schule sowie Beamern und 3D-Einrichtungen befinden sich solche Mediengeräte in der Regel in Haushalten mit Kindern und manche auch in Kinderzimmern (vgl. mpfs 2019, S. 8–10). Die leichte Zugänglichkeit zu Medieninhalten oder medialen »Werkzeugen« wird außerdem durch das Zusammenwachsen verschiedener Medienarten begünstigt. So hat die Verknüpfung von Radio-, Fernseh- und Computertechnologie dazu geführt, dass unterschiedliche Zeichensysteme, z. B. Sprache und Bilder, sowie verschiedene Sinnesmodalitäten, z. B. akustische und optische Darbietungsformen, von einer Plattform aus bearbeitet und präsentiert werden können. Diese Entwicklung wird auch als Medienkonvergenz bezeichnet. Dabei lassen sich beispielsweise schriftliche Texte, Hörbeiträge, Bilder, Filme und Spiele in vielfältiger Weise nebeneinanderstellen oder kombinieren, wie es u. a. im Internet der Fall ist. Verbunden mit der Miniaturisierung der Hardware, hat die Medienkonvergenz dazu geführt, dass heute verschiedene Medienarten praktisch an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung stehen. So kann man z. B. mit dem Smartphone u. a. telefonieren, chatten, recherchieren, fotografieren, Hörbeiträge empfangen, Videos anschauen oder Spiele nutzen. In der Regel ergeben sich so schon für Kinder vielfältige Zugänge zu medialen Möglichkeiten – wobei von den Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen allerdings Begrenzungen durch technische Filter oder Verbote bzw. Absprachen vorgenommen werden können (vgl. mpfs 2019, S. 71 f.).
Umfangreiche Inhaltspalette der medialen Möglichkeiten: Die Vielzahl medialer Möglichkeiten korrespondiert mit einer Fülle inhaltlicher Medienbotschaften. So lassen sich z. B. im Internet zu nahezu jedem Thema Beiträge finden, ob es nun um Alltag oder Glamour, um Arbeit oder Freizeit, um Ernährung oder Erziehung, um Umwelt oder Wirtschaft, um Kriege oder Katastrophen, um Kultur oder Politik geht. Sind die Themen bei den herkömmlichen Massenmedien nach wie vor insbesondere auf Information und Unterhaltung sowie auf Beratung und Bildung gerichtet, so hat sich durch die digitalen Entwicklungen zum einen die Inhaltspalette in diesen Nutzungsbereichen erweitert, zum anderen kommen Inhalte hinzu, die mit Bezug auf digitale Spiele, auf kommunikativen Austausch, auf Simulationen, auf die Abwicklung von Dienstleistungen oder auf mediale Steuerung und Kontrolle in den Blick geraten. Hinsichtlich des Aufgreifens von Themen können verschiedene Akteure tätig werden, beispielsweise etablierte Institutionen (z. B. Rundfunkanstalten oder politische Parteien), bestimmte Gruppierungen (z. B. extremistische oder sektiererische Verbünde), bekannte Personen (z. B. einzelne Politiker, Wissenschaftler oder Künstler), bisher unbekannte Leute (grundsätzlich jeder Einzelne) oder soziale Roboter (z. B. als virtuelle Chatpartner oder als Multiplikatoren für tendenziöse Botschaften). Die Vielzahl potenzieller Produzenten ist mit einer Vielfalt von Interessen und Inhalten verbunden. Diese können von einem ehrlichen Bemühen um faktengerechte Berichterstattung oder Aufklärung bis zu bewussten Manipulationen für eigene Zwecke und von prosozialen Darstellungen bis zu Gewalt- und Horrorszenarien reichen. Grundsätzlich ist das damit gegebene Inhaltsspektrum für alle Mediennutzer, d. h. sowohl für Kinder als auch für Jugendliche und Erwachsene zugänglich. Wenn es auch spezielle Angebote für Kinder gibt, z. B. Kinderbücher oder das Kinderprogramm im Fernsehen sowie bestimmte Suchmaschinen und Webseiten für Kinder, zeigen empirische Studien doch, dass Kinder nicht nur für sie gedachte Beiträge nutzen, sondern auch mediale Produkte aus dem allgemeinen Angebot, wobei sie unter Umständen mit problematischen Botschaften konfrontiert werden (vgl. mpfs 2019, S. 39–46 und S. 60–63).
Vielfältige Gestaltungsoptionen: Die Medienlandschaft stellt nicht nur ein umfangreiches inhaltliches Medienangebot bereit, sondern auch eine Vielfalt an Gestaltungen. So finden sich im Medienangebot aktuelle Berichte (z. B. Nachrichten), dokumentarische Beiträge (z. B. Dokumentarfilme oder Reisejournale), lexikalische Informationen (z. B. in Buchform oder in Wikipedia), fiktionale Darstellungen (z. B. Spielfilme oder Computerspiele), kommentierende Präsentationen (z. B. Zeitungskommentare oder Beiträge in einem Weblog), Werbung (z. B. Werbespots oder Produktplatzierungen) und Simulationen (z. B. zur Wetterlage, zur Entwicklung von Pandemien oder zu einem Flug in einem virtuellen Raum). Dabei können sich die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung überschneiden, z. B. wenn in einem Beitrag bei Youtube eine Influencerin die Kommentierung von einzelnen Produkten mit Werbung vermischt, wenn Simulationen in fiktionalen Computerspielen zur Geltung kommen oder wenn in Filmen über bedeutsame Ereignisse dokumentarische und fiktionale Darstellungen ineinander übergehen. Hinzu kommt, dass optische Darstellungen unter Umständen nicht mehr auf fotografischen Abbildungen beruhen, sondern (nur noch) auf computergenerierten Figuren und Ereignissen. Angesichts des breiten Medienangebots spielt der »Kampf um Aufmerksamkeit« eine immer größere Rolle. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass die Ausgestaltung einzelner medialer Formen unter Umständen durch starke Sinnesreizung akustischer oder visueller Art gekennzeichnet ist und zum Teil mit spektakulären Inhalten verbunden wird, z. B. mit Sensationen, Skandalen, Erotik, Gewalt und/oder Action. Entsprechende aufmerksamkeitserregende Effekte können mittlerweile durch dreidimensionale virtuelle Umgebungen (als virtual reality) noch verstärkt werden. Dabei führen die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten und ihre Vermischung dazu, dass notwendige Unterscheidungen immer schwieriger werden, z. B. zwischen faktengerechter Information und »fake news«, zwischen gut recherchierten Nachrichten und bloßer interessengebundener Verlautbarung, zwischen Aufklärung und Manipulation, zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Unterhaltung und Werbung, zwischen Wirklichkeit und Simulation, zwischen Realität und Fiktion.
Ökonomische Orientierung: Das, was im Rahmen der Medienlandschaft angeboten wird, zielt – sofern die Finanzierung nicht aus anderen Motiven geschieht – auf ökonomischen Gewinn. Dieser kann zum einen direkt erzielt werden, z. B. durch den Einzelverkauf medialer Produkte, durch Abonnements, durch Lizenzvergaben oder durch Gebühren für die Nutzung bestimmter Angebote, etwa des Bezahlfernsehens. Zum anderen kann sich der Gewinn in indirekter Weise ergeben, z. B. wenn mediale Angebote hohe Einschaltquoten erreichen und dadurch die Einnahmen der im Umfeld platzierten Werbung steigen oder wenn anfallende Daten gesammelt und verkauft werden. Eine gewisse Ausnahme bildet die Finanzierung öffentlich-rechtlicher Institutionen, z. B. der Rundfunkanstalten, deren finanzielle Grundlage durch Rundfunkgebühren gesichert ist. Aber auch dort spielen ökonomische Kriterien eine nicht zu unterschätzende Rolle, z. B. wenn mit Vorabendserien oder Sportübertragungen hohe Einschaltquoten angestrebt werden, um im Rahmen der erlaubten Werbezeiten möglichst viel Geld zu erwirtschaften, oder wenn erreichte oder angestrebte Einschaltquoten ins Verhältnis zum finanziellen Produktionsaufwand gesetzt werden. Insofern unterliegen auch öffentlich-rechtliche Produktionen Kosten-Nutzen-Erwägungen. Die wirtschaftliche Orientierung bei der Medienproduktion spiegelt sich auch auf der Ebene der Inhalte und Gestaltungsformen von Medien wider. So unterscheiden sich z. B. die Inhalte und die Gestaltung einer Kaufzeitung oder Boulevardzeitung deutlich von denen einer Abo-Zeitung, ebenso wie die Inhaltsauswahl und Machart von Programmen des Pay-TV im Vergleich zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wirtschaftliche Interessen sind außerdem bei vorhandenen Konzentrations- und Monopolisierungstendenzen im Medienbereich und dabei entstehenden Verflechtungen im Spiel, z. B. zwischen Printmedien, Fernsehen und Internet. Entsprechende Tendenzen gehen weit über den nationalen Rahmen hinaus und führen u. a. zu global agierenden Medienkonzernen. Dabei entsteht angesichts der zunehmenden Datafizierung und ihrer Nutzung, z. B. für Werbung, Produktentwicklung, Kontrolle, Wahlbeeinflussung und öffentliche Meinungsbildung, ein sogenannter »Datenkapitalismus« (vgl. Mayer-Schönberger u. Ramge 2017). Diese Entwicklung verweist zugleich auf ein weiteres Merkmal der Medienlandschaft: die Digitalisierung und digitale Infrastruktur.
Digitalisierung und digitale Infrastruktur: Gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen im Medienbereich hängen wesentlich mit der Digitalisierung zusammen. Diese hat mittlerweile dazu geführt, dass das Mediensystem auf einer digitalen Infrastruktur basiert. Ursprünglich ist mit Digitalisierung ein technischer Prozess gemeint. Dieser ist zunächst dadurch gekennzeichnet, dass die in einer Nachricht oder Botschaft enthaltene Bedeutung bzw. Information in bedeutungsfreie Daten umgewandelt wird, z. B. mithilfe der binären Ziffern 0 und 1. So lässt sich beispielsweise das Wort »heute« als Folge von binären Ziffern darstellen, wenn jeder Buchstabe des Alphabets durch binäre Ziffern verschlüsselt wird. Dabei haben binäre Ziffern den Vorteil, dass sie physikalisch leicht darstellbar sind: 1 und 0 z. B. als zwei unterschiedliche elektrische Zustände (vgl. Knaus 2016, S. 101). Aufgrund ihrer physikalischen Darstellbarkeit lassen sich die Daten technisch verarbeiten und im Ergebnis wieder so als Zeichenmuster präsentieren, z. B. als schriftlicher Text oder als Bild, dass Nutzende ihnen wieder eine Bedeutung zumessen können. Aufgrund der Verarbeitung von Daten und durch begleitende Hardware- und Software-Entwicklungen hat die zunächst technische Digitalisierung eine große Bedeutung erlangt und zu Wandlungsprozessen in vielen gesellschaftlichen Bereichen, z. B. in Beruf und Wirtschaft, geführt. Dabei ist der Begriff der Digitalisierung auf alle gesellschaftlichen Wandlungsprozesse erweitert worden, die auf der Digitaltechnik beruhen – in diesem Zusammenhang auch auf Wandlungen der Medienlandschaft bzw. des Mediensystems (vgl. Knaus 2016, S. 103). Dort hat die Digitalisierung zu einem neuen Mediatisierungsschub geführt (vgl. Krotz 2016, S. 27). In diesem Kontext sind für das Mediensystem zugleich Vernetzung, Sensorisierung, Datafizierung und Algorithmisierung wichtig geworden (vgl. Gapski 2016, S. 22; Schelhowe 2007, S. 39–74; Tulodziecki, Herzig u. Grafe 2021, S. 19). Mit der Zeit gewinnt zusätzlich das maschinelle Lernen bzw. die Künstliche Intelligenz an Bedeutung (vgl. Knaus 2017, S. 44; Tulodziecki 2020a, S. 36–42).
Vernetzung bedeutet, dass Computer bzw. Informatiksysteme zunehmend weltweit verknüpft sind und so jederzeit auf global verfügbare Daten bzw. Wissensbestände und Unterhaltungsangebote sowie weitere mediale Möglichkeiten zugegriffen werden kann. Dies ist u. a. mit der Chance verbunden, eigene Positionen und mediale Beiträge global zu verbreiten. Sensorisierung meint, dass eine wachsende Zahl elektronischer Messgeräte über Sensoren immer größere Mengen von Daten aufnehmen, z. B. im Haushalt, im Verkehr, in der sonstigen Umwelt oder am menschlichen Körper. Diese lassen sich dann zur Speicherung sowie zur Verarbeitung und Auswertung an onlinebasierte Speicher- und Serverdienste bzw. Rechnernetzwerke senden und nach der Verarbeitung medial präsentieren (vgl. Bader 2016). Dabei entsteht ein »Internet der Dinge«, in dem technische Einrichtungen, z. B. Haushaltsgeräte oder Maschinen in einer Fabrik, untereinander oder mit Menschen kommunizieren. Datafizierung bezieht sich darauf, dass immer mehr Zustände oder Lebenssituationen verschiedener Art in quantitativer Form als Daten erfasst werden und für eine Verarbeitung durch Informatiksysteme zur Verfügung stehen. Algorithmisierung beschreibt den Prozess der Strukturierung von Vorgehensweisen zur Lösung von Problemen oder Aufgaben in kleine Teilschritte, sodass sie in programmierter Form maschinell bearbeitet werden können (vgl. Gapski 2016). Im Zusammenhang der Vernetzung, Sensorisierung, Datafizierung und Algorithmisierung können zum einen Menschen mit Computern über eine medial zu gestaltende Mensch-Computer-Schnittstelle interagieren (vgl. Knaus 2017, S. 27). Zum anderen ist es möglich, dass auch Informatiksysteme ohne menschliche Eingriffe untereinander kommunizieren. Maschinelles Lernen führt zusätzlich dazu, dass Informatiksysteme nicht nur vorhandene Daten nach vorgegebenen Algorithmen verarbeiten, sondern dass Lernalgorithmen entworfen und umgesetzt werden, die – in Analogie zu menschlichem Lernen – sich selbst weiterentwickeln und damit Fähigkeiten simulieren, die sonst nur dem Menschen vorbehalten waren, und z. B. lernen, Schach zu spielen, Gegenstände oder Personen zu erkennen oder Sprache zu verstehen und zu produzieren. Dabei ist es ein Ziel von Forschungen zur Künstlichen Intelligenz (KI), möglichst bessere Leistungen zu erzielen als der Mensch – was auch in einzelnen Bereichen schon gelungen ist, z. B. beim Schachspiel oder im medizinischen Bereich bei der Erkennung von Krebszellen. Zugleich bemüht sich die KI-Forschung, immer weitere Funktionen maschinell auszuführen und immer mehr intelligente Denk- und Handlungsvollzüge zu simulieren. In Medienzusammenhängen ist besonders wichtig, dass sich mithilfe Künstlicher Intelligenz Medienbeiträge maschinell erzeugen lassen, ohne dass dies für Nutzende erkennbar ist.
All dies legt es nahe, dass schon bei der Medienerziehung und Medienbildung in der Grundschule sowohl die inhaltliche und gestalterische Vielfalt medialer Möglichkeiten als auch ökonomische Interessen und die digitale Infrastruktur der Medienlandschaft zu thematisieren sind – wobei dies in altersgerechter Form geschehen muss. Bezüglich digitaler Grundlagen kann in diesem Band allerdings auf weitergehende Darstellungen verzichtet werden, weil diese im Rahmen der vorliegenden Reihe in einem eigenen Band zur informatischen Bildung zur Sprache kommen.
1.4 Allgemeine Chancen und Risiken der Mediennutzung
Die Medienlandschaft stellt mit ihren Merkmalen eine wichtige Bedingung für Erziehung und Bildung dar. Kinder begegnen ihrer Umwelt u. a. mit ihren Bedürfnissen nach Sinneserregung und Erkundung, nach Sicherheit und Orientierung, nach Zugehörigkeit und Liebe, nach Fantasieanregung und Wertschätzung, nach Wissen und Autonomie. Sie machen so Erfahrungen und verarbeiten diese auf der Basis ihres Kenntnis- und Entwicklungsstandes. Aus der Wechselbeziehung von Erfahrungsmöglichkeiten einerseits und kindlichen Bedürfnissen sowie Verarbeitungsmöglichkeiten andererseits ergeben sich sowohl Chancen als auch Risiken. Für die Beantwortung der Frage, ob Chancen genutzt werden und Risiken zum Tragen kommen, ist darüber hinaus das jeweilige soziale Umfeld wichtig.
Vor diesem Hintergrund sollen zunächst einige allgemeine Chancen und Risiken der Mediennutzung in der gebotenen Kürze angesprochen werden (vgl. zu entsprechenden Forschungsergebnissen z. B. Schaumburg u. Prasse 2019, S. 52–103). Dabei richtet sich der Blick auf Aspekte, die für Erziehung und Bildung besonders bedeutsam sind: Wahrnehmung von Welt, Umgang mit Informationen, Regulierung von Emotionen, Gestaltung von sozialen Beziehungen, Formen des Lernens, Entwicklung des Denkens, Erwerb von Verhaltens- und Wertorientierungen (vgl. Tulodziecki, Herzig u. Grafe 2021, S. 24–28).
Wahrnehmung von Welt: In der Medienlandschaft stellt sich die Welt den Kindern in einer vielfältigen Zeichensprache dar, z. B. in ruhenden und bewegten Bildern, in Hörbeiträgen oder in schriftlichen Texten, im Rahmen akustischer Räume sowie in zweidimensionalen oder dreidimensionalen Darstellungen und Simulationen. Mit dem Ringen um Aufmerksamkeit geht eine Verstärkung der Sinnesreizung in optischer und akustischer Hinsicht einher. So erscheint die Welt als ein schillerndes, die Sinne und gegebenenfalls auch das Denken anregendes Gebilde mit zahlreichen Möglichkeiten der Information, der Kommunikation und der Unterhaltung – sei es bei der Rezeption medialer Botschaften, sei es beim Agieren in sozialen Netzwerken oder in virtuellen Welten. Dabei besteht die Gefahr, dass Seh- und Hörsinn überreizt werden und nur noch starke Reize Aufmerksamkeit erregen. Unter Umständen geschieht die Aufmerksamkeitslenkung dann vorwiegend durch Sinnesreizung und weniger durch bedeutsame Inhalte. Insgesamt scheint die Präsentationsform gegenüber den Inhalten immer wichtiger zu werden – im Extremfall bis zum »Verschwinden der Inhalte« hinter der Form.
Umgang mit Informationen: Die Medienlandschaft schafft mit ihrer Fülle an Informationen über die physische und soziale Umwelt die Möglichkeit von Erfahrungen und des Wissenserwerbs über den sozialen Nahraum hinaus. In diesem Zusammenhang kann das einzelne Kind sowohl als Rezipient als auch als Produzent bedeutsamer Informationen in Erscheinung treten. Allerdings ergibt sich unter Umständen das Problem, dass die Informationsfülle zu kognitiven Überforderungen und zur Abwendung von wichtigen Fragen führt. Zudem machen es interessengeleitete Verlautbarungen, vielfältige Werbung, bewusste Falschmeldungen sowie das umfangreiche Spiel- und Unterhaltungsangebot unter Umständen schwer, irreführende Vorstellungen über die Realität zu vermeiden und Sachverhalte realitätsgerecht einzuschätzen. Außerdem kann die ständige Verfügbarkeit von Informationen zu der Annahme verführen, Wissenszugang könne die Aneignung von Wissen ersetzen (vgl. Vorderer u. Klimmt 2016, S. 33). Eine solche Auffassung hätte auf Dauer negative Folgen für die Motivation, eigenes Wissen zu erwerben, sowie für die Fähigkeit, das Informationspotenzial der Medien angemessen zu nutzen. Diese Fähigkeit setzt eine solide Wissensbasis voraus. Anders gesagt: Kinder, die über ein bestimmtes Wissen verfügen, haben bessere Chancen, in dem jeweiligen Bereich geeignete Informationen zu finden.
Regulierung von Emotionen: Bei der Mediennutzung entstehen – beispielsweise durch beruhigende oder anregende Musik, durch romantische oder dramatische Spielfilme, durch Comedys oder Actionszenen, durch Gewalt- oder Horrordarstellungen, durch positive oder schockierende Nachrichten – mehr oder weniger starke emotionale Eindrücke oder Stimmungen, z. B. Freude, Spaß, Vergnügen, Mitleid, Entsetzen, Furcht, Schrecken, Ekel, Sympathie, Zorn, Wut und Erleichterung. Solche Emotionen können sowohl bei der Rezeption von Medieninhalten als auch beim Interagieren in virtuellen Welten hervorgerufen werden. Demgemäß lassen sich beide Nutzungsformen – gegebenenfalls auch bewusst – zur Sinneserregung und Beseitigung von Langeweile, zur Spannungserzeugung und Entspannung, zum Stress- und Aggressionsabbau nutzen. In der Folge können sie aber auch zu Ängsten oder Machtfantasien sowie zu Sensationslust und Voyeurismus führen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass eine Gewöhnung an die Beobachterperspektive bei erschreckenden Ereignissen geschieht und eine »Flucht in Scheinwelten« im Sinne von Eskapismus begünstigt wird.
Gestaltung von sozialen Beziehungen: Soziale Netzwerke und Instant-Messaging-Dienste sowie E-Mail, Videochat und Telefonie bieten mannigfaltige und einfache Möglichkeiten der Kommunikation. So ist es leicht, mit anderen in Kontakt zu treten oder in Verbindung zu bleiben. Dies kann sich im Austausch zwischen einzelnen Kindern oder in unterschiedlichen Gruppen vollziehen und sowohl familiäre und freundschaftliche als auch lernbezogene Beziehungen erhalten und fördern. Unter Umständen ergibt sich allerdings die Gefahr, dass zunehmend räumliche Nähe durch elektronische Erreichbarkeit, Vertrauen durch Überwachung, Zuverlässigkeit durch Unverbindlichkeit, Gespräche durch kurze Bemerkungen, Freundschaft durch Followers und Wertschätzung durch reaktive Aufmerksamkeit ersetzt werden (vgl. Vorderer u. Klimmt 2016, S. 33). Probleme können zudem entstehen, wenn die Möglichkeiten des Netzes zu überzogenen Selbstdarstellungen, zur Bloßstellung von Anderen bzw. zu Mobbing oder zur Kontaktaufnahme unter falscher »Identität« führen.
Formen des Lernens: Aufgrund des vielfältigen und umfangreichen Inhaltsspektrums in unterschiedlichen Medien – vom Buch über dokumentarische und lernförderliche Bilder und Videos oder Hörbeiträge bis zu informativen Webseiten und Simulationen – eröffnen die Medien zahlreiche Chancen für neue Formen des Lernens, z. B. für ein zeit- und ortsunabhängiges, für ein entdeckendes und kooperatives, für ein selbstgesteuertes und selbstverantwortetes Lernen. Zugleich werden sinnvolle Abstimmungen zwischen individuellen und sozialen Lernphasen möglich. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Bedeutung des direkten personalen Kontakts beim Lernen und die soziale Einbettung von Lernprozessen nicht hinreichend berücksichtigt bzw. insgesamt unterschätzt werden. Außerdem setzt die Wahrnehmung der mannigfaltigen Lernmöglichkeiten die Motivation zum Lernen und die Fähigkeit voraus, sein Lernen – mindestens bis zu einem gewissen Grad – selbst zu organisieren. Solche Voraussetzungen sind bei benachteiligten Gruppen häufig nicht gegeben, sodass sich unter Umständen die Kluft zwischen privilegierten und benachteiligten Bevölkerungssegmenten vergrößert.
Entwicklung des Denkens: Medien bieten nicht nur vielfältige Informationen, sondern auch unterschiedliche Denkanstöße zu bedeutsamen und gegebenenfalls strittigen Fragen von Alltag und Freizeit, von Wissenschaft und Kunst, von Wirtschaft und Gesellschaft. Solche Fragen können grundsätzlich aus lokaler, regionaler oder globaler, aus ökologischer, ökonomischer oder sozialer Perspektive bearbeitet werden. Eigene Medienbeiträge lassen sich mit persönlichen Akzentuierungen einbringen und verbreiten. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Sichtweisen bei der Rezeption und eigenen Gestaltung von Medienbeiträgen kann ein mehrdimensionales Denken sowie eine offene Atmosphäre und Toleranz fördern. Allerdings ist auch mit der Gefahr zu rechnen, dass die Vielfalt von Sichtweisen eine für Kinder zu hohe Komplexität erzeugt, sodass möglicherweise eine Verfestigung einfacher Denkmuster erfolgt. Solche Vereinfachungen werden dann unter Umständen noch durch gezielte Manipulation stabilisiert. Außerdem kann die inhaltliche Vielfalt an Informationen bei Recherchen von vornherein durch algorithmische Verfahren auf der Basis einer Analyse der bisherigen Nutzung von Medienbeiträgen maschinell begrenzt werden (filter bubble), so dass gegebenenfalls eine mehrperspektivische Auseinandersetzung erschwert wird.
Erwerb von Verhaltens- und Wertorientierungen: Für viele Situationen des Alltagslebens präsentieren Medien mannigfaltige Verhaltensmuster und Wertorientierungen, z. B. für das Leben in Familien oder Freundesgruppen, für das Ernährungs- und Umweltverhalten, für die Gestaltung der Freizeit, für das Verhalten in Konfliktfällen, für das Vorgehen bei Problemlösungen oder für den Umgang mit Behinderungen oder Benachteiligungen. Die präsentierten Verhaltensmuster und Wertorientierungen können z. B. durch Egozentrismus oder Rücksichtnahme, durch Achtsamkeit oder Ignoranz, durch Respekt oder Missachtung, durch Verständigungsorientierung oder Machtausübung, durch friedvolles Miteinander oder aggressives Vorgehen, durch Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit, durch verantwortungsloses oder verantwortungsbewusstes Handeln gekennzeichnet sein. Welche solcher Verhaltensorientierungen von Kindern gegebenenfalls erprobt und übernommen werden, hängt zum einen mit ihren Bedürfnissen, ihren sonstigen Erfahrungen und ihren kognitiven Voraussetzungen und zum anderen mit den rezipierten Medieninhalten und Mediengestaltungen sowie mit dem sozialen Umfeld zusammen. Dabei wird es zunehmend wichtig, dass Kinder zwischen dem Agieren in normfreien virtuellen Räumen und dem Handeln in der sozialen Realität zu unterscheiden lernen. Insgesamt können sich – je nach gegebenen Voraussetzungen und Bedingungen – pädagogisch wünschenswerte oder unerwünschte Wertorientierungen bzw. förderliche oder problematische Verhaltensmuster entwickeln.
1.5 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
Die aufgezeigten Chancen und Risiken der Mediennutzung stellen für Kinder eine Hilfe oder eine Behinderung bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben dar. Zu solchen Entwicklungsaufgaben gehören z. B. die Aneignung der kognitiven und psychomotorischen Voraussetzungen für die Ausführung alltäglich anfallender Tätigkeiten, der Aufbau einer positiven Einstellung zum körperlichen Wachstum, der Erwerb von Fähigkeiten zur Regulierung von spontanen Bedürfnissen, die Entwicklung eines angemessenen Verhaltens in Familie und Gleichaltrigengruppe, der Aufbau von Freundschaften, die Entwicklung von Motivationen und Fähigkeiten sowie Fertigkeiten zur Bewältigung schulischer Anforderungen, erste Auseinandersetzungen mit Rollenerwartungen an Mädchen und Jungen und das Erlernen eines angemessenen Umgangs mit der Geschlechterrolle sowie die Entwicklung von Wertvorstellungen.
Für all diese Entwicklungsaufgaben bieten Medien unterschiedliche Orientierungen. Dabei kommt es darauf an, entsprechende Angebote für eine Förderung der Persönlichkeit im Rahmen eines sozial angemessenen Verhaltens wirksam werden zu lassen und gleichzeitig Gefährdungen zu vermeiden. Dies ist umso wichtiger, als sich ein förderlicher Umgang mit Medien keineswegs bei der Mediennutzung von selbst ergibt, sondern der Anleitung, der Anregung und der Unterstützung durch pädagogische Maßnahmen bedarf. In diesem Sinne entsprechen Medienerziehung und Medienbildung einer wichtigen Anforderung an die Grundschule: der Erschließung der Lebenswirklichkeit der Kinder und der Unterstützung bei der Bewältigung von Lebensaufgaben (vgl. Schorch 2005, S. 42). Erzieherische und bildungsbezogene Einflussnahmen stehen dabei im Rahmen einer grundlegenden Bildung als zentraler Aufgabe der Grundschule (vgl. Jung 2021, S. 57–59; Irion 2020, S. 59–63). In diesem Kontext sollen Medienerziehung und Medienbildung auf Einstellungen, Wissen und Können zielen, die es Kindern ermöglichen, die Chance, die in den medialen Möglichkeiten liegen, wahrzunehmen und Risiken zu vermeiden.
Hinweise für die Weiterarbeit
Sehen Sie sich nun bitte den eingangs skizzierten Tagesablauf von Paul noch einmal an. Überlegen Sie – mit besonderem Bezug auf die Abschnitte 1.4 und 1.5 –, welche Chancen und Risiken mit der Mediennutzung von Paul verbunden sein können. Gehen Sie darüber hinaus Sie in einer ersten Einschätzung der Frage nach, welche Einstellungen, welches Wissen und welche Fähigkeiten bei Paul wünschenswert wären, damit Chancen wahrgenommen und Risiken vermieden werden. Es geht hierbei nicht um einen umfassenden Katalog, sondern vor allem darum, erste Ideen zu der Frage zu sammeln, auf welche Grundlagen Medienerziehung und Medienbildung zielen sollten.
Entsprechende Grundlagen zu schaffen wird immer wieder Thema der folgenden Kapitel sein.
Informationen darüber, wie sich der Medienbesitz und die Mediennutzung sowie die Einstellung von Eltern zu einzelnen medienerzieherisch relevanten Fragen in unserer Gesellschaft insgesamt darstellen, finden Sie in der jeweils aktuellen Fassung der Kinder-Medien-Studie (KIM-Studie) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest: https://www.mpfs.de/studien/.
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Bedingungen des Medienhandelns von Kindern
Das Medienhandeln von Kindern steht – wie Medienhandeln generell – im Kontext unterschiedlicher Bedingungen. In diesem Kapitel geht es zunächst darum, solche Bedingungen im Überblick aufzuzeigen. Des Weiteren wird die Frage angesprochen, welche Bedeutung diese Bedingungen für die medienerzieherische Begleitung von Kindern und für eine grundlegende Bildung haben.
Ausgangspunkt soll eine Situation sein, wie sie sich im Alltag eines Grundschulkindes – hier Mila genannt – abspielen könnte. Hintergrund dafür ist die Tatsache, dass mittlerweile ein großer Teil der Kinder über ein eigenes Smartphone verfügt. Außer für die Kommunikation mit Eltern oder Gleichaltrigen nutzen sie dieses gerne zum Anschauen von Fotos und Videos oder zum Spielen (vgl. mpfs 2019, S. 17). Dabei machen sich manche Eltern Sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit mit ihrem Smartphone verbringen (mpfs 2019, S. 66). Insofern kann man sich z. B. folgende Situation im Alltag eines Grundschulkindes vorstellen.
2.1 Beispiel: Mila und ihr Smartphone
Mila wünscht sich schon länger ein eigenes Smartphone, wie es auch viele ihrer Freundinnen besitzen. Die Eltern zögern, weil sie befürchten, dass ihre neunjährige Tochter dann zu viel Zeit mit dem Anschauen von Videos und mit Spielen verbringen könnte. Erst als Mila verspricht, dass sie nur eine begrenzte Zeit für Videos oder Spiele verwenden wird, willigen die Eltern ein und schenken ihr ein eigenes Smartphone. Dabei einigen sie sich darauf, dass Mila das Smartphone maximal 60 Minuten pro Tag verwenden darf. Kurze Zeit darauf hat Mila an einem frühen Nachmittag eine Reihe lustiger Sketche angeschaut und auch noch ein kleines Spiel genutzt. Damit hat sie die vereinbarte Zeit voll ausgeschöpft. Am späteren Nachmittag trifft sie sich mit ihrer Freundin Hanna, die selbst noch kein Smartphone besitzt, aber von anderen Freundinnen gehört hat, dass die von einer Youtuberin total begeistert sind. Hanna möchte nun unbedingt einige Videos von dieser Youtuberin anschauen und erwartet selbstverständlich, dass Mila die Videos mit ihr gemeinsam ansieht. Mila zögert jedoch und überlegt, wie sie sich verhalten soll.
Im Hinblick auf Situationen solcher oder ähnlicher Art stellt sich die Frage, mit welchen Bedingungen es zusammenhängt, ob Mila einwilligt oder zu ihrem Versprechen gegenüber den Eltern steht.
2.2 Bedingungen des Medienhandelns
Zunächst lässt sich aus dem Beispiel schlussfolgern, dass das Medienhandeln mit der Lebenssituation von Mila und situativen Anforderungen verbunden ist. So ist ihre Lage u. a. dadurch gekennzeichnet, dass Medien und ihre Nutzung ein wichtiger Bestandteil der Lebenswelt vieler Kinder sind. In diesem Zusammenhang haben es die ökonomischen Verhältnisse der Familie offenbar erlaubt, dass die Eltern ihrer Tochter ein Smartphone schenken konnten. Des Weiteren ist für die Situation von Mila bedeutsam, dass sich die Eltern um die Mediennutzung ihrer Tochter kümmern und dass es ihnen keineswegs gleichgültig ist, in welchem Umfang Mila ihr Smartphone nutzt. Wäre Letzteres nicht der Fall, entstände für Mila gar nicht die Anforderung, sich zwischen dem Wunsch der Freundin und den Erwartungen der Eltern entscheiden zu müssen. Außerdem hängt die Anforderung damit zusammen, dass Hanna (noch) kein Smartphone besitzt und von ihren Freundinnen weiß, dass sie für eine bestimmte Youtuberin schwärmen. Schließlich ist für das Medienhandeln in diesem konkreten Fall wichtig, welchen Stellenwert die Freundschaft mit Hanna für Mila hat. Je größer der Stellenwert der Freundschaft ist, umso eher wird Mila geneigt sein, dem Wunsch der Freundin zu entsprechen.
Ausgehend von solchen situativen Aspekten kann man annehmen, dass durch die gegebene Anforderung bestimmte Bedürfnisse bei Mila geweckt werden. So kann z. B. durch den Hinweis von Hanna die eigene Neugier auf die Videos der beliebten Youtuberin angesprochen werden. Zugleich wird Mila vermutlich sowohl vermeiden wollen, dass die Beziehung zu ihrer Freundin durch eine mögliche Ablehnung Schaden nimmt, als auch, dass das Vertrauensverhältnis zu den Eltern gestört wird. Insofern käme das Bedürfnis nach Sicherheit in der Beziehung zur Freundin einerseits und zu den Eltern andererseits ins Spiel. Außerdem könnte durch die Situation das Zugehörigkeitsbedürfnis angeregt werden, insbesondere wenn Mila weder die Freundin noch die Eltern enttäuschen möchte. Die in einem solchen Prozess angeregten Bedürfnisse sind mit dem Empfinden verbunden, sie gegebenenfalls befriedigen oder nicht befriedigen zu können. Dies ruft bestimmte Gefühle hervor. So könnte z. B. die Sorge, entweder Hanna oder die Eltern enttäuschen zu müssen, bei Mila zu unangenehmen Emotionen führen.
Des Weiteren entsteht beim Medienhandeln von Mila ein Bezug zu ihrem Erfahrungs- und Wissensstand. Je nach bisheriger Erfahrung kann Mila möglicherweise einschätzen, wie ihre Freundin bei Ablehnung des Wunsches nach Anschauen der Videos reagiert oder was sie von ihren Eltern zu erwarten hat, wenn diese mitbekommen, dass sie sich nicht an die Zeitbegrenzung gehalten hat. Darüber hinaus könnte ihr ins Bewusstsein kommen, wie sie sich selbst in früheren Fällen – wenn es denn solche gab – gefühlt hat, wenn sie eine Abmachung verletzt hat. Darüber hinaus mag sie aufgrund vorhergehender Erfahrung wissen, wie man sich in entsprechenden Fällen (noch) verhalten kann, dass z. B. die Möglichkeit besteht, der Freundin die Situation zu erläutern und den Vorschlag zu machen, nicht direkt, sondern erst am nächsten Tag die Videos anzuschauen, sodass sie sich die notwendige Smartphone-Zeit dafür aufbewahren könnte.
Mit den obigen Überlegungen deutet sich bereits an, dass die Entscheidung und das Handeln von Mila nicht nur mit situativen Bedingungen und Bedürfnissen sowie Erfahrungen und Wissen zusammenhängt, sondern auch mit ihren intellektuellen Gewohnheiten oder Arten des Denkens. Insbesondere ist wichtig, wie viele Handlungsmöglichkeiten Mila bereit und in der Lage ist einzubeziehen. So könnte sie z. B. in Konfliktfällen dazu neigen, sich sehr schnell auf eine Lösung festzulegen, ohne Handlungsalternativen zu bedenken, z. B. sofortige Übernahme oder Ablehnung des Wunsches von Hanna. Sie könnte aber auch sorgfältig zwischen diesen Alternativen abwägen und gegebenenfalls noch die Möglichkeit bedenken, sich im Gespräch mit der Freundin auf eine andere Alternative zu verständigen.
Im Zusammenhang mit den Arten des Denkens kann die Handlungsentscheidung von Mila durch ihre sozial-moralischen Orientierungen beeinflusst werden. Wenn Mila z. B. nur daran denkt, bei ihrer Entscheidung Schwierigkeiten für sich selbst zu vermeiden – sei es vonseiten ihrer Freundin, sei es vonseiten ihrer Eltern – wird sie geneigt sein, die Handlung zu wählen, die möglichst wenig Schwierigkeiten bringt. Wenn sie dagegen nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse im Blick hat, sondern auch die Interessen von Beteiligten, z. B. die Interessen der Freundin und der Eltern, wird sie eher eine Lösung suchen, die möglichst sowohl ihren eigenen Interessen als auch den Interessen der Beteiligten gerecht wird. So könnte der Blick z. B. darauf gerichtet werden, die Videos erst an einem späteren Tag anzuschauen. Unter Umständen wäre Mila auch bereit, ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen gegenüber den Erwartungen der Freundin oder der Eltern zurückzustellen. In diesem Fall wäre es für sie bedeutsam einzuschätzen, ob ihr die Erwartungen der Freundin oder der Eltern wichtiger sind oder wie sie – ohne Rücksicht auf eigene Schwierigkeiten – am ehesten den Erwartungen entsprechen kann. Solche sozial-moralischen Orientierungen lassen sich als unterschiedliche sozial-moralische Urteilsformen auffassen. Diese sind mit bestimmten Wertorientierungen verbunden. Im Fall von Mila können sie sich z. B. auf Werte wie Vertrauen, Loyalität oder Ehrlichkeit beziehen.
Die obigen Überlegungen verweisen darauf, dass Handeln mit einer Entscheidung für eine Handlungsmöglichkeit und deren Ausführung nicht abgeschlossen ist. Vielmehr verschafft die Handlung eine weitere Erfahrung, die emotional und gedanklich verarbeitet wird. Beispielsweise könnte Mila bei einer spontanen Zustimmung zum Wunsch von Hanna einerseits zwar ihr Bedürfnis nach Sicherheit in der Beziehung zu ihrer Freundin befriedigen und dabei positive Emotionen empfinden, andererseits aber ein »schlechtes Gewissen« mit unangenehmen Gefühlen bekommen, weil sie gegen die Abmachung mit den Eltern verstoßen hat. Beides könnte ihr bisheriges Wissen ergänzen. Zugleich ist denkbar, dass die Erfahrung eines »schlechten Gewissens« dazu anregt, beim nächsten Mal weitere Handlungsmöglichkeiten in ihr Denken einzubeziehen und bei der Bewertung nicht nur eigene Interessen und die Interessen der Freundin zu beachten, sondern auch die Erwartung der Eltern stärker zu berücksichtigen. Insofern könnte die gemachte Erfahrung zu einer Anregung hinsichtlich einer Weiterentwicklung des Denkens und des sozial-moralischen Urteilens führen.
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