Kitabı oku: «Die Insel der großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames»

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Gerhart Hauptmann

Die Insel der großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames

Saga

Die Insel der großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1924, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726956566

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Eine Geschichte aus dem utopischen Archipelagus

Dem Ufer einer herrlich und verlassen prangenden, von Gebirgen überhöhten Insel im südlichen Teil des Stillen Weltmeers näherten sich eines Tages mehrere Boote, als die Sonne grade im Mittag brütete. Es waren insofern merkwürdige Boote, als sie nicht von dunklen Männern dieses von uns so entfernten Weltteiles, sondern von europäisch gekleideten Damen dicht besetzt waren und gerudert wurden. Das Ganze sah einer Lustfahrt nicht unähnlich, zumal die Fahrzeuge im Zickzack gingen und unter immer erneutem scheinbar heiteren Kreischen ihrer Insassen oftmals den Kurs wechselten, was auf übermütige Hände am Steuer zu deuten schien.

Nun war es aber durchaus nicht Vergnügen, was diese Fahrt verursacht hatte, die Gott sei Dank bei einer vollkommen ruhigen See vor sich ging, sondern die Boote waren Rettungsboote, und die Damen waren Schiffbrüchige.

Man landete endlich in einer kleinen Bucht, nachdem man unter viel Gekreisch und Geschnatter eine geringe Brandung bewältigt hatte, mit einem unendlichen Durcheinander von Lauten der Freude, der Angst, der Besorgnis, der Zärtlichkeit, des Protestes oder der Ermutigung. Und endlich hatten weit mehr als hundert Paar kaum ein wenig durchnäßte Weiberschuhe glücklich den festen Boden erreicht.

Da nun diese Landung den zunächst wichtigsten Schritt zur Rettung darstellte und das Bewußtsein davon vom größten Teil des Damenrudels empfunden wurde, setzte sogleich ein Rausch von Rührung und Jubel ein, der sich bis zu Umhalsungen, Küssen, schluchzenden Freudentränen, ja hie und da zu mehr oder weniger wilden Tänzen steigerte. Einige freilich der Geretteten hatte der Schreck oder die Strapazen in einen totenähnlichen Schlaf, andere in einen Zustand der Schwäche, wieder andere das ganze Ereignis in stumme Verzweiflung versetzt, weshalb eine Anzahl der Frauen mit Pflege und Zuspruch aller Art um sie beschäftigt war. Nur eine der Damen, Tochter eines vielfachen Millionärs, eine achtzehnjährige junge Frau, die auf der Hochzeitsreise um die Welt mitten im höchsten Glück und außerdem grade beim Diner durch die Katastrophe überrascht worden war, eine deutsche Lady, die ihren heißgeliebten Lord verloren hatte, wurde in ihrer Verzweiflung zu einer Rasenden und rannte entweder, mit der Absicht sich zu ertränken, in die Brandungen oder brach, zurückgeholt und von vielen Armen gehalten, in Schreikrämpfe aus.

Eine der Damen rief auf einem Block erkalteter Lava, den sie, um sich Gehör zu verschaffen, erklettert hatte, in den Wirrwarr immer nur dieselben Worte hinein: »Meine Damen, was ist zu tun? Meine Damen, denken Sie an die Hauptfrage, was tun wir zu unserer weiteren Sicherheit? Was ist zu tun? Was ist zu tun?«

Dies Geschrei mit gellendem, weithin dringenden Ton, der allerdings vom Geräusch der Brandung zum Teil verschlungen wurde, hatte bald eine Anzahl Damen am Fuße des Lavablocks vereint, die aufeinander lebhaft einredeten und zwischen den Schreien Gelegenheit fanden, sich mit der Schreienden zu verständigen: es war eine ältere Malerin.

Sie stand da in einem flohbraunen Seidenkleid, wie sie im Speisesaal des Ostindienfahrers zu Tisch gesessen hatte. Der weite Ausschnitt der kostbaren Robe war mit Brüsseler Spitzen besetzt. Ihr Haar, vom Alter gebleicht, sah aus, als ob es gepudert wäre. Und da es übrigens noch gekräuselt war, so glich die ganze Person einer Rokokodame. Ihre runzlige Haut und schmutzige Hautfarbe, die stark auslaufende Kieferpartie, ein breiter, niggerhaft wulstiger Mund gaben ihr eine Eigenart, die durch zwei blitzende braune Augen reizvoll wurde. Die ganze Erscheinung hatte einen durch schön oder häßlich nicht berührten, besonderen Reiz.

»Meine Damen, wir müssen beratschlagen«, sagte sie. »Und das darf nicht so wie bisher geschehen, wo alles wie in einer Judenschule durcheinandergeplappert hat, sondern mit Ordnung und System, wie es in Parlamenten üblich ist. Deshalb schreiten wir zuvörderst zur Präsidentenwahl!« – Man hörte, wie sich das Wort »Präsidentenwahl«, »Präsidentenwahl« von Mund zu Mund längs des Strandes fortpflanzte, ein Wort, das wohl seit Erschaffung der Welt an diesem Ufer zum erstenmal vernommen ward.

Als sich die Mehrzahl der Damen um die Rednerbühne der Malerin versammelt hatte, bat diese für einige kurze Worte um Gehör.

»Meine Damen«, begann sie, nachdem man sie durch Zuruf von allen Seiten zum Reden aufgefordert hatte, »was uns zugestoßen ist, soweit es den Schiffbruch und die Landung anbetrifft, ist schon unzählige Male passiert. Aber wohl niemals seit Erschaffung der Welt hat sich eine so bekleidete und, was das Geschlecht betrifft, so einseitig ausgebildete Gesellschaft von Schiffbrüchigen auf einer Südseeinsel wiedergefunden.« – Es wurde gelacht, und das lag in der Absicht der Rednerin, die, indem sie einen unversehrten Humor blicken ließ, den Damen Mut machen wollte.

»Sie werden sagen, die ganze Sache ist nicht programmäßig, und Cook sei verantwortlich. Jeder von Ihnen ist tatsächlich ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht worden; dennoch möchte ich Ihnen raten, wenigstens vorläufig von einer Klage auf Schadenersatz abzustehen.« – Man lachte stärker, nur einige entrüsteten sich. Ihr Schmerz ging in Empörung über, weil sie den furchtbaren Ernst ihrer Lage verhöhnt und unterschätzt glaubten; man brachte sie aber bald zur Ruhe.

»Ich befinde mich in einem Alter«, fuhr die Sprecherin fort, »wo ich so ziemlich alles, was mir das Leben bieten konnte, genossen und also hinter mir habe. So bin ich vielleicht unter Ihnen die einzige, der dieses niedliche Abenteuer nicht durchaus unwillkommen ist. Ich glaubte nämlich nicht, daß mein Geschick noch irgend etwas Neues für mich in petto habe.

Und nun: meine Stellung zu dem Vorfall, vermöge dessen wir mit einem plötzlichen Ruck aus der Kulturwelt herausgeschleudert sind, macht mich vielleicht besonders geeignet, Ihnen, meine Damen, mit philosophischem Gleichmut voranzuschreiten und dadurch nützlich zu sein.

Es gibt hier nur eine Dame, die meinen Namen und mein Vorleben einigermaßen kennt. Es ist die Frau, deren zwölfjähriger Knabe mit uns gerettet worden ist. Für die anderen sei bemerkt: Anni Prächtel heiße ich. Viele von Ihnen lieben ja Deutschland, das Land der Barbaren, nicht. Immerhin, in Ermangelung eines besseren Vaterlands, sei nicht verschwiegen, daß ich mir in diesem Lande und dessen Hauptstadt Berlin als Malerin einen Ruf geschaffen habe. Berlin ist übrigens der Sitz des Präsidenten der deutschen RepublikDiese Stelle wurde im Jahre 1916 geschrieben..«

Eine Stimme rief:

»Erstens, liebe Prächtel, kenne ich Sie. Ich bin aber nicht die Frau mit dem Knaben, sondern Frau Rosenbaum, Unter den Linden 8050, Inhaberin des bekannten Wäschegeschäfts, wo Sie früher öfters gekauft haben. Es sind also mehrere, die Sie kennen: aber bitte foppen Sie uns nicht. Sie machen ja fortgesetzt schlechte Witze.«

Fräulein Prächtel rief sofort: »Sie brauchen nur befehlen, Frau Rosenbaum, und auf der Stelle trete ich ab. Ich schmeichle mir freilich nicht, Sie könnten hier keine andre Persönlichkeit ausfindig machen, die der Situation und der Stellung als Leiterin einer weiblichen Schafherde so gewachsen wäre.«

»Wieso, wieso?« klang es von überall. »Führen Sie bitte Gründe an!«

»Dann möchte ich Ihnen Fräulein Rosita als Präsidentin vorschlagen.«

Auf diesen ohne jeden Übergang gemachten Vorschlag der Malerin erscholl ein wildes Geschrei von Verneinungen. Rosita war nämlich eine siebzehnjährige Kunstreiterin und derzeit das schönste Weib aller fünf Weltteile.

Durch diesen taktischen Winkelzug hatte Anni Prächtel sofort alle Stimmen auf ihre Seite gebracht, denn es wurde im Augenblick klar, es gab nicht eine unter den Damen, die sich durch die Schönheit der Malerin in den Schatten gestellt fühlen konnte.

Bald war die Malerin also durch Zuruf zur Präsidentin gewählt, und infolge ihres gewandten und schnellen Handelns wurden ohne Zeitverlust eine Reihe von Beschlüssen gefaßt und durchgeführt, die so zweckmäßig waren, wie sie im Augenblick sein konnten. Man teilte die Weiberherde in Zehnschaften. Nachdem Anni selbst sich an die Spitze der ersten gestellt hatte, wählte sie die vermutlich intelligentesten Frauenzimmer aus und machte jedes von ihnen in einer Zehnschaft zur Vorsteherin. Alle Führerinnen bildeten die Regierung, in der die Malerin den Vorsitz behielt. Eine allgemeine Bestandsaufnahme, wenn auch nur zum Zweck eines ungefähren Überblicks, war die erste Regierungshandlung, die man in Angriff nahm.

Gott weiß, durch welches Mißgeschick der »Kormoran« leck geworden und untergegangen war. Ja, war er überhaupt untergegangen? Er lag auf der Seite, und sein Hinterdeck wurde überspült, aber die Damen hatten ihn doch so lange gesehen, bis er als Punkt am Horizont verschwunden war. Das Unglück war bei schönstem Wetter und spiegelglatter See eingetreten. Man hatte zuerst Frauen und Kinder in die umfangreichsten Rettungsboote gebracht mit dem Gedanken, man könne sie von einer kleinen Dampfpinasse schleppen lassen. In aller Ruhe wurden Lebensmittel reichlich in die Boote verstaut, Äxte, Taue, Nägel und Handwerkszeuge aller Art, sogar Getreide, welches der »Kormoran« als Fracht führte. Alles dieses wurde von der neuen Machthaberin in Beschlag genommen.

Man hatte nach alledem, wie man aus dem Stand der Sonne schließen konnte, noch mindestens fünf Stunden bis zu ihrem Untergang. Diese Zeit wollte Anni ausnützen. Wiederum wurden fünf der kräftigsten Damen bestimmt, nachdem schon andere einen Quell vorzüglichen Wassers im nahen Felsen entdeckt hatten, wenn irgend möglich einen gewissen Gipfel zu ersteigen, der nach Annis und ihrer Räte Meinung in etwa anderthalb Stunden zu erreichen war und einen weiten Ausblick über die Insel eröffnen mußte. War sie klein oder groß, fruchtbar oder unfruchtbar, unbewohnt oder bewohnt? Alles das waren wichtige Fragen, die man auf dem Strande der Landungsbucht am Fuße einer fast kahlen Steilküste nicht beantworten konnte. Ein Umstand konnte wohl tröstlich sein: das Klima der Insel schien paradiesisch.

Zur Führerin der Erkundungstruppe wurde die schöne Miß Page, eine große und schlanke Amerikanerin, eine wahre Diana, ausgewählt. Man vertraute ihr einen der vorhandenen Brownings an. Sie wußte mit Waffen wohl umzugehen. Annis Mädchen für alles, die mit ihr gereist und mit ihr gerettet war, wurde als Adjutant der Diana mit einer Axt ausgestattet. Auguste war jeder Lage gewachsen und konnte förmlich Wunder tun. So hatte sie auch für ihre Herrin eine Höhle, sonnen- und regensicher, ausfindig gemacht und geradezu wohnlich eingerichtet. Ihr war es zu danken, wenn die Malerin allerhand Taschen, Köfferchen, ja sogar einen Koffer, Plaids und Kamelhaardecken gerettet hatte. Tatsächlich war in der Höhle sogar eine Teemaschine in Gang gebracht, und Rauch einer echten Havanna kroch längs der Wände.

Zum Empfang der letzten Befehle hatte sich Miß Page mit ihrer Truppe vor der Höhle aufgestellt, und zwar nicht mehr in großer Toilette, sondern in einem Kostüm, das von Anni und ihrer Regierung gleichsam drakonisch bei allen, aus Gründen der Stoffersparnis und mehr noch der körperlichen Tüchtigkeit, erzwungen worden war. Es machte sie, da es aus Tennisschuhen, ihrem gegürteten Hemd und nichts anderem bestand, der wahren Diana noch ähnlicher, während Auguste mit ebenderselben Kleidung nicht ebendenselben Eindruck machte. Ebensowenig das nahezu vierzigjährige, in allem Sportlichen ausgezeichnete Fräulein von Warniko, das als Waffe und Stab einen Bootshaken trug. Die zwei letzten Teilnehmer der Patrouille waren Lolo und Mucci Smith, hübsche Kinder, mütterlich aus deutschem, väterlich aus englischem Blute herstammend.

»So recht, meine Damen«, sagte die Malerin, aus ihrer Höhle hervortretend. Sie sprach schon beinahe imperatorisch, aber immer mit einem beabsichtigt heiteren Unterton. »So recht, meine Damen: wir müssen immer bedenken, daß wir unser Leben auf einer völlig neuen Basis aufzubauen gezwungen sind.

Myrmidonen«, fuhr sie dann fort, plötzlich den Rednerton bevorzugend, »ihr seid zu einer großen, der ersten großen Aufgabe, die uns hier obliegt, ausgewählt. Aus euerm Herzen sei jede Furcht, jeder Trübsinn, jedes weichliche Klagen verbannt der Dinge wegen, die nicht zu ändern sind. Die Furcht, die Angst, Trennung, Verrat, Krankheit, Hunger, Tod lauern auch in der Zivilisation. Auch da muß sich jeder sein Leben erobern. Wir haben hier ganz denselben Fall. Stellt euch vor, wir sind gelandet, um diese Insel zu erobern. Denkt, daß wir Eroberer sind. Denkt euch einfach, ihr seid Amazonen.« – Es muß gesagt werden, daß Miß Page Deutsch verstand, denn sie hatte mehrere Jahre in München, Dresden, Berlin dem Gesangsstudium obgelegen.

»Ihr gehorcht Miß Page!« schloß die Rednerin. »Daß sich keine vom Ganzen trennt! Wer nicht gehorcht, wird niedergeschossen.«

Unter Gelächter und mutigen Rufen traten die fünfe den Aufstieg an.

Die Stellung Annis wurde natürlich, wenn auch nicht öffentlich, angefochten. Ebenso selbstverständlich aber hatte die Malerin ihre versteckten Gegnerinnen sofort erkannt. Sie machte diese nach Möglichkeit unschädlich. Frau Rosenbaum wurde an die Spitze der zweiten Zehnschaft gestellt, Rodberte Kalb an die der dritten. Und Rodberte durfte sogar nach Abfertigung der ersten Unternehmung den Tee mit der Präsidentin in deren Höhle einnehmen, die von ihr scherzhaft das Weiße Haus genannt wurde. Abgesehen von der sonstigen Bedeutung dieser Bezeichnung traf sie auch insofern zu, als die Höhlung in einem weißlichen Mergel ausgebildet war.

Auch Rodberte war nicht mehr jung, aber doch wohl bedeutend jünger als die Malerin. Die letzten zehn Jahrgänge fast aller europäischen Zeitschriften enthielten einen ästhetisierenden, ethisierenden oder politisierenden Aufsatz von ihr. Eine hübsche Novelle, von ihr in französischer Sprache verfaßt – sie sprach und schrieb Englisch, Französisch und Deutsch mit gleicher Leichtigkeit –, hatte sogar die »Revue des Deux Mondes« aufgenommen. Sie hatte acht Jahre in England gelebt, war aber in Frankfurt, von einer französischen Mutter geboren, zur Welt gekommen, durch einen deutschen Vater gezeugt.

Rodberte, unnatürlich schlank, war beinahe so groß wie Miß Page. Ihr Schmuck war das reiche, blonde Haar, das sie schwer unterzubringen vermochte. Selbst Miß Pages Haarkrone übertraf die Rodbertes nicht, obgleich sonst die Amerikanerin der Kalb an Jugend, blühender Kraft des Wuchses und Adel der Gesichtszüge weit überlegen war. Aber die Kalb war bedeutend und merkwürdig. Sie bewahrte in allen Dingen gegen jeden, nicht nur gegen Miß Page, Überlegenheit. Sie konnte für keinen Engel gelten. Ihr Denken, dessen ruheloser Spiegel ihr etwas biberähnliches Antlitz war, machte vor Gottes Thron nicht halt. Vertrauter als himmlischer Hallelujagesang war ihr das feurige Element, das ihren schmalen und biegsamen Leib zu einem durch und durch brennenden machte. Die Malerin, die sie schon lange kannte, sogar gemalt und wieder und wieder studiert hatte, dachte auch jetzt, wo sie ihr in so abenteuerlicher Lage gegenübersaß: sie hat doch immer denselben marternden Hunger in sich, der dem einer Flamme ähnlich ist, die überall gierig um sich frißt, um sich auszudehnen oder nicht zu verlöschen.

»Sprechen Sie sich doch gefälligst einmal aus, liebe Rodberte: was machen Sie eigentlich im Ernst aus der Situation, in die wir verschlagen sind?« – »Gar nichts«, sagte Rodberte, »wir müssen abwarten. Vorläufig habe ich ein Gefühl, als hätte mir jemand, der sich die tückische Revanche eines Eselstritts jahrzehntelang verkniffen hat, diesen nun gründlich zuteil werden lassen. Im Bogen gleichsam ist man aus allem, was man für unverlierbar hielt, mit verblüffender Plötzlichkeit herausgesetzt. Die Geschichte mag tragisch sein, vorläufig habe ich einen diabolischen Spaß an dem diabolischen Streich, der uns gespielt worden ist. Mehrmals fragte man mich, noch im Boot, warum ich laut auflachte. Mir selbst war mein lautes Lachen unbewußt, innerlich freilich konnte ich aus dem Lachen nicht herausfinden.«

»Nun, nun, meine Gute, was war Ihnen da so lächerlich?«

Rodberte schlang Zigarettenrauch und lehnte sich geschlossenen Mundes im geretteten Deckstuhl zurück. Dann ließ sie Gelächter und Rauch zugleich aus dem Halse hervorbrechen.

»Machen Sie sich nur einmal klar, gute Anni, wie und auf welche drastische Weise die Unsumme der subtilsten Probleme, die uns schlaflose Nächte gemacht haben, mit einemmal gelöst worden sind. Sie sind ganz einfach nicht mehr vorhanden. Oder gibt es für Sie zum Beispiel noch ernstlich die Frage: Was ist besser, Republik oder Monarchie, Freihandel oder Zollschranken, Frauenemanzipation, aktives und passives Wahlrecht oder Knechtung der Frau? Ob man die Jesuiten nach Deutschland hereinlassen soll, ob der Militarismus eine fluch- oder segenbringende Sache ist? Ob Marées ein Maler und Böcklin keiner ist, oder Böcklin einer und Marées keiner? Und dahinter der ganze Schwanz von Kunstfragen. Oder die quälenden Fragen: Geh' ich im Sommer nach Berchtesgaden, nach Biarritz, oder mache ich eine Nordlandfahrt? Wo verbring' ich den Winter: Berlin, Paris, Florenz oder Rom? Oder reise ich an die Riviera? Oder welches ist die beste Sektmarke: Heidsieck oder Ayala? Diese Fragen waren noch akut gestern abend beim Dinner, bevor sie samt einer Million von anderen Kulturproblemen mit den tausenden Tons des ›Kormoran‹ untergingen.« Rodberte beschloß ihren Galgenhumor: »Ich habe mich übrigens fest entschlossen, bis auf weiteres weder in ein Theater noch Konzert noch Kabarett noch in eine Gemäldeausstellung, ein Museum oder in ein Kolleg zu gehen. Auch werde ich meinem Baron den Laufpaß geben.«

Die Malerin lachte. Sie lachte gern. Sie hatte der Schicksalsgenossin schalkhaft zugehört. – »Es geht mir nicht wie Ihnen«, sagte sie. »Obgleich ich kein Buch und auch leider wenig von meinen Malutensilien gerettet habe, werde ich mich noch lange, selbst wenn wir hier verschollen bleiben sollten, mit den Kulturgespenstern herumschlagen. Freilich nur so, wie jemand, dem man seine Liegenschaften genommen, den man von seinen Schlössern und Gutshöfen vertrieben hat, immer noch im Geiste seine Felder bestellt, die Fruchtfolge disponiert, seinen Hirsch schießt, seinen Viererzug anspannen und seinen Hengst satteln läßt. Irgendwie bleibt auch der Bettler, der im Reichtum gelebt hat, bis zu seinem Tode in dessen Besitz.

Nun bitte, Rodberte, denken Sie nicht, daß ich mich etwa sonst als Bettler fühle. Wir haben ja oft genug die Zivilisation in Grund und Boden kritisiert und uns aus den verkünstelten, verschraubten und doch vielfach so unsäglich verplatteten Zuständen in die reine, unverderbte Natur zurückgewünscht. Ist uns nicht beiden noch zuletzt im Speisesaal des ›Kormoran‹ inmitten der befrackten und dekolletierten internationalen Banalität, keineswegs aus Seekrankheit, sondern einfach wegen der Gespräche und der unsäglich gemeinen Varietémusik, speiübel geworden? Schien uns wohl diese aufgeblähte, grob genußsüchtige, profitwütige, hirnlos zynische Kaufmannskultur einen Pfifferling wert? Gut, wir haben sie überwunden. Wir sind an den Busen der Natur und, wenn Sie wollen, ins Paradies zurückgekehrt. Nun wollen wir uns nicht lumpen lassen und zeigen, was ohne Kulturschminke an uns ist.«

Schon während der letzten Worte, die Fräulein Prächtel mit erhobener Stimme sprach, waren gellende Laute vom Strande heraufgedrungen. Nun erschien Frau Rosenbaum und erklärte, daß sich der meisten Damen beim Anblick des Sonnenuntergangs große Erregung bemächtigt hätte. Viele liefen schluchzend und wimmernd, andre laut weinend und klagend am Ufer hin und her, als ob sie gegen das Verschwinden der Sonne protestieren und diese dadurch am Untergehen verhindern wollten.

Anni Prächtel erhob sich sogleich und lud Rodberte ein, mit ihr hinunterzugehen und den armen Frauen Mut einzusprechen. – »Es ist natürlich«, sagte sie, »daß jetzt ein Gefühl der Verlassenheit über sie kommt und ihnen beim Anbruch der Nacht die ganze Schwere des Schicksals, dem sie anheimgefallen sind, erst recht deutlich wird.« – Es war ein bräunlich-rötliches Licht grell in die Höhle eingefallen und hatte die Mergelwände leuchten gemacht. Hinausgetreten, wurden die Damen aber doch von dem Anblick überrascht, den sie innen als einen sattsam bekannten voraussetzten. Achttausend Seemeilen hatten sie von Cuxhaven aus zurückgelegt und den Sonnenuntergang fast Abend für Abend von Deck aus beobachtet. Aber hier haftete ihm wiederum eine neue, furchtbare Größe an, wie dem Finale der Symphonie eines hinter seinem Werk verborgenen gigantischen Demiurgen der Musik. – »Kein Wunder«, sagte die Präsidentin, »wenn im Angesicht eines solchen Vorgangs der Mensch im Gefühle seiner Ohnmacht von Angst und Entsetzen befallen wird.« – »Was wir hier sehen, sahen wir sicherlich oft, liebe Anni«, sagte die Kalb, »und zwar in der gleichen drohenden Schönheit und Majestät. Ebenso ist es mit den anderen. Aber unsre Seelen und die der anderen waren dem Ereignis niemals so nackt, niemals so wahr gegenübergestellt. Es taucht in uns allen etwas auf, was unter dem ganzen Gerümpel aus den Speichern der Zivilisation verschüttet gewesen ist. Vielleicht die Urangst der Kreatur, die im düsteren Lichte der Furcht die Schönheit und Macht der Schöpfung empfindet. Hören Sie doch, was oben am Rande des Steilufers ebenfalls für ein Lärm entstanden ist. Das Geschrei und Gekreisch der Vögel scheint dem der Damen unten sehr verwandt und könnte wohl ähnlichen Ursprungs sein.« – Es war in der Tat in höchster Höhe am Rande der Insel ein allgemeiner Tierlärm losgebrochen.

»Sicher ist, wir sind der Erkenntnis der wahren Lage des Menschen auf Erden und meinethalben im Weltall«, sagte Anni, »durch die überraschende Wendung unseres Geschicks bedeutend nähergerückt. Wir sind durch eine Masche des Netzes der Zivilisation, könnte man in dieser Beziehung sagen, wie gefangene Fische in den freien Ozean zurückgerutscht. Oder man könnte auch so sagen: Mit unserem ›Kormoran‹ hat zugleich ein anderes, größeres Schiff in unserer Vorstellung Schiffbruch gelitten, nämlich das Schiff der Zivilisation. Und wir sind selber zu einem unbekannten Urmeer geworden, in dessen tiefsten Grund es auf Nimmerwiedersehn versinkt.«

»Da bin ich neugierig«, sagte die Kalb, »was unser Geschick zum Ersatz für das Versunkene aus dem unbekannten Meer, das wir nach Ihrer Ansicht sind, alles heraufholen wird. Das kann ja möglicherweise gut werden. Ich kann mir jetzt kaum mehr vorstellen, daß ich einmal gefirmelt worden bin, auf der Schulbank gesessen, zu meines Vaters Geburtstag ein Verschen aufgesagt, mit dem Pfarrer gestritten, im Café Melange getrunken und Modeblätter durchschnüffelt habe, und so fort. Dafür regt es sich wirklich schon von allerlei fremden Ungeheuern dunkel in mir, so daß ich, weiß Gott, ohne die allergeringste Künstelei mit in die Laute der tierischen Urangst ausbrechen könnte.«

Die Prächtel rief: »Brechen Sie ruhig aus, liebe Kalb. Es ist vielleicht das unbedingt schöne Gefühl einer Aufgabe, die auf meinen Schultern liegt, was die Neigung, die Sonne anzukreischen, in mir nicht aufkommen läßt. Müssen Sie aber heulen, Rodberte, so gehe ich lieber allein an den Strand, denn mir scheint, daß zu vieles Geheul in Absicht der Fassung des Muts und der Kraft, die wir zu unserer Erhaltung brauchen, von schwächender Wirkung ist. Ich sage nichts gegen die Urangst der Kreatur, von der Sie mit Recht gesprochen haben. Ist sie durch unsre Lage zum Durchbruch gelangt und tritt sie meistens am Abend ein, so hoffe ich eben und setze bestimmt voraus, daß durch ebendieselbe Lage morgen früh etwa das Urglück zum Ausbruch gelangt. Denn als freie Fische im Meer haben wir ebenfalls Anspruch darauf.«

Der Malerin und Präsidentin der unter so schmerzlichen Umständen begründeten Frauenrepublik hatten sich auf ihren Wunsch bei dem Ermutigungsgange auch die Führerinnen der Zehnschaften angeschlossen, so daß Anni unter den aufgeregten Weibern mit einem Gefolge erschien. Sie zeigte schon jetzt eine gewisse Begabung zur Herrscherin durch die Art, wie sie den einzelnen Damen zu imponieren und so oder so, mit Scherz oder Ernst, mit Anteil oder mit Kälte, mit Güte oder mit Härte oder, wo Operationen nötig waren, mit dem schärfsten Sarkasmus beizukommen wußte. Eine Dame, deren ganze Erscheinung und Toilette auf ein gewisses Gewerbe hindeutete, rief immerzu: »Ich werde verrückt, ich werde wahnsinnig!« Und dann: »Meine Damen, das ist ja die Hölle! Ist man lebendig oder schon tot? Die Sonne ist ja ein höllisches Ofenloch. Sehen Sie doch den braunen Steinkohlenschaum. Das Meer ist ja schwarz wie flüssige Steinkohle.« Anni sagte: »Meine Beste, was schreien Sie denn? Denken Sie doch an Schokolade.« – Die Person wurde grob, wodurch sie denn auch sofort nach Annis Wunsch aus der Rolle fiel.

»Übrigens«, sagte Anni zu ihrer Begleitung, »ihr Vergleich ist gar nicht so uneben mit der Steinkohle und dem Steinkohlenschaum, und wenn es Lady Lambert geborene Lilienthal aus Berlin auch so auffaßt, dann bekommt sie sicherlich neue Anfälle. Deren Reichtümer, als sie noch Mitglied der großen Kulturgemeinschaft war, stammten nämlich aus Steinkohle.« – Das Schreien und Laufen hörte auf, als die Malerin mit Gefolge längs des zerstreuten Lagers einmal bis ans Ende geschritten war. Allmählich begriffen die meisten, daß eine Führung in Gestalt einer mit Verantwortlichkeit für das Wohl und Wehe aller behafteten Person vorhanden war. Diese und ihre Helfer wurden jetzt der allgemein mit Klagen, Wünschen und Fragen umstürmte Mittelpunkt.

Es war nicht leicht, diesen Stürmen standzuhalten und besonders die Fragen, die wie Schloßen daraus herabregneten, wenigstens einigermaßen plausibel zu beantworten. »Glauben Sie, daß mein Mann, mein Vater, mein Bruder gerettet ist? Hatten wir drahtlose Telegraphie an Bord? Wo geschah das Unglück eigentlich? Seit wann waren wir von Hongkong fort? Wann sollten wir in San Franzisko eintreffen? Wie geschah das Unglück überhaupt? Wie konnte es überhaupt geschehen? Wie durfte es überhaupt geschehen? frage ich.« – »Glauben Sie, daß man uns suchen, glauben Sie, daß man uns finden wird? Wo, meinen Sie eigentlich, daß wir sind? Ist die Insel bekannt? Hat sie einen Namen? Es wäre doch möglich, oder ist das ganz ausgeschlossen, daß irgendwo hier ein Hafen, eine Stadt mit Hotels, wenigstens mit ein bißchen Komfort zu finden ist? Wir können doch nicht wie die Tiere leben? Apropos, Tiere: Wilde Tiere gibt's doch nicht hier? Es kann doch zum Beispiel hier keine Tiger geben? Um Gottes willen, wenn es hier Schlangen, Tiger und Löwen gibt, was machen wir dann?« – »Da gibt's nur eins, meine Damen«, sagte die Präsidentin, »entschlossen, mutig, standhaft sein.«

Nicht diese lärmende und bewegliche Menge war es, die der Präsidentin und ihren Helfern die größte Sorge machte; diese vielmehr galt einer Anzahl Frauen, die vereinzelt und abgesondert umherlagen und die ein wahrer und furchtbarer Seelenschmerz in einen Zustand der völligen Willenlosigkeit und Unempfindlichkeit versetzt hatte. Zu diesen gehörte eine Deutsche, die Frau eines Architekten, die mit ihrem zwölf Jahre alten Knaben das Ufer erreicht hatte, deren Mann aber, nachdem er ihr und seinem Sohn ins Boot geholfen, vor ihren Augen untergegangen war. Und zwar hatte ihn, nachdem er freiwillig um Lady Lamberts willen, die gerade ins Boot drängte, die Hände von dessen Rande nahm, eine Menge wild aus dem Wasser greifender Arme Ertrinkender gepackt und in ihrer Verknäulung zur Tiefe gezogen. Bei dieser bewußtlos röchelnden Frau, die übrigens mehr einem Mädchen glich, wachte Miß Laurence, eine breit und kraftvoll gebaute, edel gewachsene Anglo-Holländerin.

Sie sagte deutsch, klar, aber mit etwas dicker Zunge: »Wir haben Phaon« – das war der gerettete Knabe – »mit seiner Erzieherin etwas abseits gebracht. Seine gesunde Jugend macht sich durch einen tiefen Schlaf geltend; es ist aber nicht so sicher, was aus dieser armen Frau werden wird. Ich denke, sie hat von uns allen am meisten verloren. Die Ärztin sagt, daß sie wieder aufkommen wird. Ich habe Gründe, es zu bezweifeln.«

Die Präsidentin ordnete an, daß Rita in ihre Höhle gebracht werden sollte. Dies wurde sofort und auf eine sehr einfache Weise durch die Anglo-Holländerin ausgeführt. Sie schob ihre Arme unter die Bewußtlose, erhob sich dann ohne Mühe mit ihr und folgte mit ihrer Last Rodberte Kalb, die ihr den Weg zu weisen abgeordnet war. Miß Laurence durchschritt den Sand mit einer gleichsam heroischen Leichtigkeit, der man eine Mühe nicht anmerkte.

Die schöne Anglo-Holländerin hatte man zunächst allgemein für eine verheiratete Frau gehalten, da sie beim Betreten des Rettungsufers ein Kind, kaum einjährig, in den Armen trug. Nach und nach aber wurde bekannt, daß sie sich unterwegs schon dieses Kindes, es war ein Mädchen, angenommen und es aus dem Zwischendeck heraufgeholt hatte, nachdem seine Mutter gestorben war.

Bei dem schlafenden Knaben, der nun von der Malerin besucht wurde, wachte Miß War, seit sieben Jahren seine Erzieherin. Daß sie geweint hatte, konnte man ihren von Ingrimm bewegten Zügen anmerken, auch in ihren heftig geflüsterten Worten verleugnete sich die Träne nicht, hinter einer allerdings abgrundtiefen Erbitterung. Sturzbachartig brach es auf englisch aus ihr hervor: »Warum mußte denn dies stupide Weib, dieses eitle, eingebildete, dumme Tier noch im letzten Augenblick auf den Platz springen, der für seinen Vater freigehalten war?« – Es war Lady Lambert, die sich als Gegenstand dieses Ausbruches, wenn sie gewollt hätte, zu betrachten berechtigt war. – »Dieses Vieh«, fuhr die Erzieherin fort, »mußte doch, wie wir alle und jeder wußten, bemerkt haben, welche Arbeit von Mr. Stradmann geleistet worden war. Wer wäre denn von uns noch am Leben, wenn er nicht die Boote für uns erzwungen hätte? Konnte denn diese überzählige, aufgeblasene dumme Gans nicht sehen, daß Mr. Stradmann kurz vorher in dem Bestreben, jemand zu retten, über Bord gefallen war und wie alles in unserem Boot nur den einen Wunsch hatte, – aus Dankbarkeit schon, aber auch im wohlverstandenen eigenen Interesse nur den einen Wunsch hatte, Mr. Stradmann wieder im Boot zu sehen? Aber nein: diese Talmilady springt herein. Diese leere Puppe raubt uns den einzigen Mann, bringt ihn um den Lohn seiner Aufopferung, und vor allem, bringt diesen Jungen um seinen Vater.«

Anni Prächtel war diese Ausschüttung eines heiligen Zornes nicht unwillkommen. Ihr selber lag die Berliner Lady nicht. Aber sie suchte zu beruhigen. »Ihr Schmerz ist selbstverständlich«, sagte sie, »wir wissen ja auch als Augenzeugen, daß Ihre Betrachtungsweise der Sache manches für sich hat. Aber da ist eben doch der Selbsterhaltungstrieb, und da kommt der Augenblick, wo der Instinkt rücksichtslos und verzweifelt wird.«

»Aber hat nicht das Weib ihren Mann an Bord gelassen? Hat er nicht mit dem ganzen Heroismus eines echten Engländers, ohne Wimpernzucken, mit dem Taschentuch zu ihr heruntergewinkt? Konnte und mußte sie nicht bei ihrem Lord bleiben?« – So raste die Miß gedämpften Tones fort, bis plötzlich der Knabe davon geweckt wurde. Er wachte aber nur einen kurzen Augenblick, rieb sich zwei große blaue Augen in einem von lichtem Gelock umgebenen Angesicht, lächelte mit verschlafener Verbindlichkeit, atmete auf und war entschlummert.

Längst war die Sonne untergegangen, als die Malerin und die Ihren der Höhle zustrebten. Man ordnete einige Wachen an und fand bei dieser Gelegenheit, daß neben Exaltierten, Fassungslosen und Gebrochenen Gott sei Dank auch eine erfreuliche Anzahl unternehmender junger Mädchenköpfe vorhanden war.

In einem Licht, durch das die Farben des Meeres und der Küste noch einmal in einer neuen magischen Schönheit aufglühten – man wußte nicht, ob es von oben stammte, wo kein Himmelskörper zu sehen war, oder ob es von der wirkenden eigenen Leuchtkraft der Erde herrührte –, wandte sich das Gespräch der rückkehrenden Damen dem vaterlosen Knaben zu und dem Verhängnis, das über ihm schwebte, auch noch die Mutter zu verlieren. – »Dieser Fall«, sagte Anni, »und die neue Wendung, die er genommen hat, geht mir sehr, sehr nahe, und ich werde um seinetwillen Mühe haben, die Fassung zu bewahren, die uns notwendig ist.«

»Der Knabe ist wirklich schön«, sagte Rodberte.

Anni darauf: »An dieser späten Ehe Stradmanns war eigentlich alles schön. Das häusliche Glück war mit der häuslichen Enge und der außerhäuslichen Weite zugleich eine Verbindung eingegangen. Sie waren wie die Turteltauben und waren doch ohne Philisterium. Stradmann hatte als Architekt nicht seinesgleichen, und sein Buch über Gotik schätzen die Fachleute nach Gehalt und Form als meisterhaft. Und er war absolut nicht einseitig. Ihn beherrschte ein zum Universellen strebender Bildungsdrang. Der hatte ihn nach Japan geführt, wo er auf vielen Gebieten gesammelt und Studien getrieben hat. Er wollte von dort nach Mexiko, um seine Studien über mexikanische Architektur durch den Augenschein zu vervollständigen. Der Mann hatte eine ungeheure Energie und Arbeitskraft und dabei eine so rührend weiche Seele, daß er während seiner fünfzehnjährigen Ehe kaum einen Tag von seiner Frau getrennt gewesen ist und seit Phaons Geburt auch nicht von diesem. Überallhin mußten Phaon und Rita mit. Mit Rita ist es derselbe Fall. Sie scheint energisch, ganz unsentimental und ganz selbständig, solange man sie mit Stradmann zusammen sieht, oder wenn sie wenigstens weiß, daß er in der Nähe ist. Einmal weiter von ihm getrennt, war sie tatsächlich nicht zu gebrauchen.«

Rodberte sagte: »Der Knabe ist wirklich schön!«

Es ward nun allmählich still am Strande der Schiffbrüchigen. Alle, die Alten sowie die Jungen, die Verzweifelten wie die Mutigen, wurden vom Schlaf übermannt. Manche träumten, was auch eine Art von Wachen ist: diese waren die weniger Glücklichen! Allein bei den meisten hatte die körperliche Ermattung infolge des Erlebten und Überstandenen einen solchen Grad erreicht, daß sie zur vollen Bewußtlosigkeit eingingen. Sie litten nicht mehr, denn sie waren nicht mehr! Weder Mädchen noch Frauen, Witwen noch Waisen: nicht einmal mehr Menschen, geschweige Schiffbrüchige. Um sie entfaltete sich, für sie nicht vorhanden, nutzlos die nächtliche Tropennatur. Am Himmel stand das Südliche Kreuz wenig über dem Horizont, höher hinauf der Zentaur. Gegen Norden herrlich strahlend der Arktur. Sternstaub, Milchstraße, Myriaden Welten. Und Myriaden und aber Myriaden von leuchtenden Welten enthielt auch das Meer, das Lichtwogen, fließende Funkenberge zum Strande her- und am Strande hinrollte und magische Helle am Ufer verbreitete. Die Schlafenden waren von alledem losgelöst und lagen doch darin wie im Mutterschoß, nur durch die Atmung damit verbunden wie gleichsam durch eine Nabelschnur.

Die Malerin wurde am frühen Morgen durch ein helles Geschrei vor der Höhle aufgeweckt. Die Erkundungsmannschaft war glücklich zurückgekehrt. »Euer Freudenruf«, sagte die Präsidentin, sich eilig in einen Pelz wickelnd, im Heraustreten, »euer Freudenruf ist mir für unser ganzes zukünftiges insulares Schicksal ein gutes Vorzeichen. Besser wurde ich nie geweckt als an diesem ersten Morgen im Stand der Verbannung.«

Ein neues Freudengeschrei war die Antwort.

»Kinder«, fuhr die Präsidentin fort, starr, als sei ihr ein Schreck in die Glieder gefahren, »ihr seid ja so übermenschlich schön, daß es über alle meine Begriffe ist. Wäre ich noch innerhalb der Welt der Zivilisation, ich würde mich nun erst an euch zum Maler entwickeln.« – Hochatmend, frisch und blitzenden Auges und in jeder Bewegung gleichsam triumphierend standen die tapferen Mädchen da, und jede von ihnen trug eine zehn bis zwanzig Kilo schwere grüngelbe Bananentraube auf der Schulter.

»Das für den Anfang«, sagte Miß Page, »es gibt aber mehr.« Und Fräulein von Warniko: »Präsidentin, die Brotfrage ist als gelöst zu betrachten. Wir würden Bananen und andere Früchte vollauf zu essen haben, wenn wir nicht nur etwa einhundert, sondern einhunderttausend Weiber wären.« Die liebe und hübsche zwanzigjährige Mucci Smith war eigentlich Gärtnerin. Sie legte der Präsidentin mit Ausbrüchen kindlich stolzer Freude grüne, gurkenartige Früchte vor, die sie als Früchte des Durianbaumes erkannt hatte. – »Probieren Sie diese Frucht, Präsidentin, und Sie werden glauben, wir seien im Paradiese!«

»Wenn ich nicht einen alten Vater zu Hause wüßte, der sich um mich ängstet«, sagte Fräulein von Warniko, »so würde ich meinesteils nicht bedauern, schiffbrüchig geworden zu sein. Denn diese Insel nur sehen, heißt beinah soviel als einen neuen Menschen anziehen, gegen den der frühere verstaubt, zerrissen, hinkend und schielend ist. Diese Landschaft muß die menschliche Seele besser machen, friedlicher, liebevoller, glückseliger. Man würde den Wunsch haben, gar nie mehr in die Welt zurückzugehen, könnte man sich seine Angehörigen nachkommen lassen.« – Lolo sagte, diese von Fruchtbäumen bedeckten Abhänge, diese köstlichen Palmen und Pisangtäler stimmten sie traurig. »Man muß genießen«, meinte sie, »man sättigt alle Sinne mit der ausgesuchtesten Herrlichkeit, und, sagt man sich, könnte der und der und die, die Mutter zum Beispiel, daran teilnehmen, dann würde das erst recht das wahre und über alle Begriffe glückselige Genießen sein. So aber hat man und hat doch nicht! Und erfährt die Pein, daß man etwas immer Ersehntes, eigentlich nur für das Jenseits Erhofftes endlich erreicht und es doch nicht ergreifen kann.«

»Nun, meine Damen, – lieber sage ich: meine Kinder, – nun, meine schönen und wackeren Kinder, ich gratuliere euch, gratuliere uns zu dem unverhofften Erfolg eurer ersten Expedition. Es werden andere, größere nachfolgen. Kommt und trinkt Tee und teilt mein bescheidenes Frühstück mit mir.«

Etwa ein Monat war vergangen, seit die Schiffbrüchigen auf der Insel ihre Landung glücklich vollzogen hatten. Während dieser Zeit hatte man täglich auf Hilfe gehofft, war aber dabei unter der willensstarken Leitung Anni Prächtels praktisch, und zwar vielfach mit Erfolg, tätig gewesen. So hatte man festgestellt, daß die Fläche des Eilands mehr als drei oder vier deutsche Quadratmeilen nicht ausmachte und daß sie, gebirgig, gleich fruchtbar in ihren Tälern und Hochflächen, in zwei Bergkegeln gipfelte. Die Insel legte sich hufeisenartig um einen weiten Golf, der nur im Westen durch ein schmales Felsentor mit dem Meere verbunden war. Aus einem der Berggipfel stieg zu jeder Tages- und Nachtzeit ein dünner Rauch.

Aus naheliegender Ursache wurde das Eiland »Île des Dames« getauft. Der Ankunftshafen »Port des Dames«: es war der einzige, den es besaß. Mit seinen Steilufern schien es im übrigen unzugänglich. Der Einfachheit halber wurde der Berg ein »Mont des Dames«, ein starker Bach, der zum Meere floß und den Grund eines herrlichen Tales bildete, »Fleuve des Dames« genannt. Man hatte an seinen Ufern Bambus gefunden und ihn zum Bau von Hütten in Form von Zelten benutzt: dazu lud nicht nur das Rohr, sondern auch das üppige Ufergelände des Flüßchens ein und nicht zuletzt die schattige Kühle der Taltiefe, in die selbst die Mittagsglut der Äquatorialsonne nicht hinabreichte. Man nannte mit ein wenig Humor die Siedlung »Ville des Dames«. Das ganze Tal aber »Vallée des Dames«.

Île des Dames prunkte mit einer buntgefiederten Vogelwelt. Man wünschte sich Glück, daß man bei allen Kreuz- und Querzügen weder auf einen Kannibalen noch den gefürchteten Tiger noch eine andere gefährliche Katze gestoßen war. Es gab außer dem inneren Golf äußere Buchten, zu eng für die Schiffahrt, die von Land aus zugänglich waren. Ihr Wasser, oft sieben bis acht Faden tief, war so klar, daß man auf dem schwarzen, vulkanischen Sande ohne Mühe die lebende Koralle sehen konnte: nicht eine Koralle, sondern eine märchenhaft farbenreiche Korallenwelt, über der Schwärme blau, rot und gelb gefärbter Fische, orangen und rosig durchhauchter Medusen umherschwammen. Man nannte den schönsten dieser Meereseinschnitte »La Rade des Poissons ensorcelés«.

Die Bambuszelte von Ville des Dames bildeten drei konzentrische Kreise. Die Behausungen waren so groß, daß jede Raum für höchstens drei Kolonistinnen bot. Manche bewohnten ein Zelt allein und hatten sich etwas abseits gezogen, ein Komfort, der ihnen von der Präsidentin bewilligt war.

Deren Hütte war zweigeteilt, weil sie Auguste unter demselben Dache haben, aber nicht im gleichen Raum mit ihr schlafen wollte. Zu den Einsiedlern gehörten Miß Page, Rodberte Kalb und Miß Laurence – ihr voller Name war Laurence Hobbema –, während das Kleeblatt Rita Stradmann, Phaon Stradmann und Miß War unter einem Dache schlief.

Rita hatte sich etwas erholt, aber leider nicht so, daß man auf volle Genesung rechnen konnte. Man brachte sie morgens von ihrer mit Bambus gedielten, leidlich hergerichteten Lagerstatt vor das Zelt, wo sie in Anni Prächtels Deckstuhl unter Kokospalmen den Tag in Apathie verbrachte. Diese wich nur dann für kurze Zeit, wenn Phaon sie besuchen kam oder wenn irgend etwas in ihrem Gesichtskreis sich mit ihm ereignete.

Der Knabe war, wie Rodberte gesagt hatte, wirklich schön. Er war es, wenn er schlief oder flüchtig erwachte, aber noch mehr, wenn er aufrecht stand und sich leicht und heiter umherbewegte. Miß War war nach Kräften streng mit ihm und setzte alles daran, den Zügel nicht aus der Hand zu verlieren, mit dem sie das edle Füllen zu leiten hatte, das, begreiflicherweise von allen Seiten verwöhnt, angelockt und festgehalten, in Gefahr geriet zu verwildern. Nicht bei Phaon und seiner Mutter, wohl aber bei sehr vielen anderen Mitgliedern der Kolonie machte sich die Engländerin dadurch unbeliebt; allein, obgleich sie das wußte und ihr diese Tatsache in scharfen Bemerkungen, die sie zu hören bekam, und in täglichen Zwistigkeiten unzweideutig entgegentrat, ließ sie sich dennoch in ihrem Verhalten nicht stören, weil sie es als ihre heiligste Pflicht empfand. Auch lag in ihrer Natur die Tugend des Lehreifers, der Treue, der Aufopferungsfähigkeit, nur nicht die Tugend der Nachgiebigkeit. Hier blieb sie streitbar, wenn auch nicht streitsüchtig.

Rita wußte, welchen Schatz ihr Sohn in Miß War besaß und daß er der Engländerin beinah so fest wie ihr selbst ins Herz gewachsen war. Außer wenn sie bei unvermeidlichen kleinen Streitigkeiten zwischen Zögling und Erzieherin mütterlich versöhnend auf seine Seite trat, fühlte Miß War sich durch Rita niemals behindert. Außer dieser standen in fraglichen Fällen jederzeit die Präsidentin selber, Rodberte Kalb und Laurence Hobbema hinter ihr.

Phaon wurde keineswegs kurzgehalten. Miß War ließ den Zügel mitunter sehr lang. Zuweilen wurde das Füllen auch losgebunden. Der Knabe beteiligte sich an der in Übung gekommenen Jagd. Hierin hätte den Unband auch niemand zu hindern vermocht, er durfte, allerdings nur in Begleitung der Miß, an ein und der anderen Expedition mit nicht zu weit gestecktem Ziele teilnehmen. Hauptsächlich aber an den Kampfspielen, Übungen mit Wurfkeulen und Bambusspeeren, die man gefertigt hatte; solche Übungen fanden meist unter den Blicken der Präsidentin des Morgens und am kühleren Abend statt, auf dem weiten Plan, der vom Kreis der Hüttstatt umschlossen wurde.

Noch war Phaon nicht groß genug, um es in den primitiven Künsten der Jagd und des Krieges einer Miß Page, einem Fräulein von Warniko, noch viel weniger einer gewissen Alma, einer schlank und sehnig gewachsenen Mulattin, gleich- oder gar zuvorzutun. Auch nahm er das zweckhafte Spiel noch zu sehr als ein zweckloses. Aber er ging den werdenden Amazonen mit leidenschaftlichem Eifer und nie ermüdender Lust voran, die von jedem Untertone des Kummers so frei waren, daß man es zeitweilig in Phaons Nähe vergaß, von aller Welt verlassen auf eine Insel des Südmeers verschlagen zu sein. Das ganze Wesen Phaons überhaupt war Zuversichtlichkeit. Solange er nicht etwa selber physisch schwer betroffen oder hinter Kerkermauern war, erlangte kein Schmerz mehr als eine kurze Gewalt über ihn. So hatte sein feuriger, im Rausche des Lebens glückseliger Geist den Schmerz über den Verlust des Vaters in eine an Gewißheit grenzende Hoffnung, er sei gerettet, verwandelt, und so kam auch der Gedanke an den möglichen Verlust seiner Mutter bei ihm keineswegs in Betracht. Eine Katastrophe hatte ja stattgefunden, bei der ein Schiff und viele hundert Menschen in den Wellen verschwunden waren. Indes sein Vertrauen in ein gewissermaßen unvergängliches, unzerstörbares Leben für sich und seine Mutter war dadurch seltsamerweise nicht im geringsten erschüttert worden. Diese unverbrüchlich feste Glücksgewißheit war es, die dem Geiste der Kolonie wie ein immer belebender Trunk zustatten kam, was man auch allgemein empfand.

Ein solcher Trunk war nicht selten notwendig. Wenn man sich auch mit der Lage, in der man war, einigermaßen vertraut gemacht hatte und sich zudem versichert halten konnte, daß man weder Hungers sterben noch unter den Messern von Kannibalen verbluten oder von wilden Tieren zerrissen werden würde, so blieb man doch von allem, womit und wofür man ehedem gelebt hatte, abgetrennt, für die Welt der Menschheit so gut wie begraben.

Île des Dames war gewiß kein Grab. Man konnte das Eiland ein Paradies nennen. Aber selbst Anni Prächtel, der eine Art Lebensaufgabe aus den Trümmern des Schiffbruchs erwachsen war, fühlte sich manchmal wenn nicht wie begraben, so doch zum mindesten eingesperrt. Dann wurde plötzlich das lachende Blau des Himmels in ein grausames Grinsen entstellt oder wurde zum Ausdruck der seelenlos steinernen Unerbittlichkeit der Kuppel, die ein Verlies überwölbt, Papageiengekreisch ward zum höhnischen Lärm von Dämonen, die Glut der Buchten, die Klarheit der Tiefen empfand man als Pein. Alle Schönheit schien Lüge zu werden, die grelle, schmerzhafte Phantasmagorie eines Fiebertraums.

Wenn die Malerin solchen krampfhaften Anfällen auf ihre Art zu begegnen wußte, so unterlagen ihnen andere, weniger bedeutende, weniger widerstandsfähige Naturen oft in einem verzweifelten Grade. Es gab Tage, da wurde Weinen, Heulen, Um-Hilfe-, Um-Rettung-Schreien zur Epidemie, die nur mit vieler Mühe und viel Geduld durch die Präsidentin und ihre Leute zum Verlöschen gebracht werden konnte. Aber die Wache, die, alle zwei Stunden abgelöst, von Abend bis Morgen das Lager umschritt, hörte viel Wimmern, Weinen und Wehklagen unter den Zeltwänden, und alle Töne des Grams, des Heimwehs, des Trennungsschmerzes, der Verlassenheit, der ganze Jammer der Verbannung schlug Nacht für Nacht an ihr Ohr.

Die Präsidentin merkte sogleich beim täglichen Morgenthing, ob die verflossene Nacht in dieser Beziehung eine gute oder weniger gute gewesen war. Gab es gedunsene Gesichter und entzündete Augen, unausgeschlafene, ermüdete Züge, wenn sie ihren scharfen Maler- und Seelenblick im Ringe der schönen Kinder herumgleiten ließ, in der Überzahl, so war das ein Anlaß für sie, nicht nur, meist in einer längeren Rede, ihren Mut zum Ausharren, ihre Hoffnung auf Befreiung nach Möglichkeit aufzurichten, sondern auch Anlaß, durch einen besonderen Tagesplan den Dämonen der Langeweile, des Müßiggangs und der Trübsal entgegenzuwirken.

Die Mittel dazu waren im engeren Kreis der Präsidentin längst erörtert worden. Es gab da solche, die das Übel prophylaktisch, andere, die es symptomatisch behandelten. Das genaue Einhalten des Kalenders gehörte zu den prophylaktischen. Ebenso, daß der Sonntag gefeiert wurde. Unter den profanen Festen stand der Geburtstag der Präsidentin voran. Von den übrigen Geburtstagen, die man ohne Ausnahme feiern wollte, war es der Phaons, dem man mit der heitersten Erwartung entgegensah. Man hatte ein Kirchenzelt und ein Lesezelt gebaut oder war dabei, sie zu errichten. Miß Laurence, die, von ernster Gemütsrichtung, tiefer in religiöse Fragen eingedrungen war, eine Bibel gerettet hatte und einen Begriff von der brahmanischen und buddhistischen Lehre in ihrem von schlichtem schwarzen Haar umrahmten heroischen Kopfe trug, war zur Vestalin des Tempels gemacht worden. Man nannte ihn, weil man in dieser Gemeinde die weibliche Personifikation des Göttlichen der männlichen vorzuziehen sich für berechtigt hielt, »Notre-Dame des Dames«.

Mittel, die unvorhergesehene Fälle von Ausbrüchen der Trübsal bekämpfen sollten, gingen vielfach auf plötzliche Einfälle der Präsidentin zurück, wo sie nicht aus der Liste möglicher Divertissements genommen waren, die man aufgestellt hatte. Ein solcher Einfall bestand darin, Vorführungen anzuordnen, wo jede der Damen, die einer Kunst oder einer Fertigkeit mächtig war, sich damit sehen ließ. Die schöne Rosita war Seiltänzerin, und also mußte sie auf dem Seile tanzen. Miß Laurence sang. Fräulein Gerte Bergmann, die Geigerin, die ihr italienisches Instrument gerettet hatte, konzertierte, und so fort.

Am meisten natürlich wurde, und zwar automatisch, das Grillenfangen durch die notgedrungene Arbeit bekämpft, durch den Zwang zu essen, zu trinken, zu wohnen, gesundzubleiben und die Lebenshaltung insgesamt auf jede mögliche Art zu verbessern. Zeitungen gab es freilich nicht. Dafür hatte jedoch der Tag einen anderen Höhepunkt, dem man mit Spannung entgegensah: die Abendstunde, wo die zehn Strandwächter heimkehrten und die neusten Nachrichten von der Küste mitbrachten. Erzeugte sich doch die Hoffnung täglich neu, ein rettendes Schiff in Sicht zu bekommen.

Das Bad im Fleuve des Dames war eine Lustbarkeit, die sich jeden Morgen von selber bot. Oft wurde es mehrmals am Tage genossen. Im allgemeinen zog man das frische Wasser des Flusses dem der Buchten vor, dessen Temperatur mehr erschlaffte. Jede der Zehnschaften hatte ihren besonderen Badeplatz. Es war nicht schwer, an den gewundenen Ufern, unter Pisanghainen und akazienartigen Mimosen, solche von himmlischer Schönheit auszufinden: und wirklich würde der Kulturmensch, der etwa zur Stunde des Bades von ungefähr einen Blick in das Vallée des Dames getan hätte, geglaubt haben, ins Paradies geraten zu sein.

Um diese Zeit erscholl der Talgrund von ausgelassener Lustigkeit, wenn nicht etwa gerade irgendein außergewöhnlicher Druck auf der Kolonie lastete. Das Echo von all diesem Jauchzen, diesem Gelächter, diesen Schreien der Wollust, von all diesen tausendfachen Lauten einer bis zur Glückseligkeit gesteigerten Freude irrte in den Basaltfelsen der Talwände. Dem Auge aber boten sich Bilder von unvergleichlichem Reize dar. Der große Stil eines Gaspard Poussin und Claude Lorrain schien hier in der Welt der Tropen lebendig geworden. Die Landschaft, die zugleich heroisch und lieblich war, konnte recht gut als Garten der Götter genommen werden, die Badenden als die hesperischen Nymphen darin, die den Baum des Lebens mit seinen Hesperidenäpfeln, den goldenen Geschenken der Erde an Hera, bewachten.

Nicht die mehr modern gesinnte Malerin, sondern Miß Laurence Hobbema war es, die auf diesen Vergleich mit dem griechischen Mythos verfiel. Ihr Vater war nicht der alte, aber ein moderner Hobbema, der mit jenem nur den Namen gemein hatte. Er malte Bilder mit viel Licht, Männer und Epheben im Chiton, weißgekleidete, leichtgegürtete Griechinnen, den leuchtenden Himmel, die leuchtende Luft, die leuchtenden Marmore Griechenlands und hatte, in London lebend, als Malerfürst erreicht, daß seine Bilder in der ganzen Welt mit schwerem Golde bezahlt wurden. Die Tochter war nicht so schattenlos. Sie hatte tiefere Tiefen und höhere Höhen in ihrem Gemüt, also tiefere Schatten und lichtere Gipfel. Obgleich sie nicht malte und nur gewisse Versuche poetischer Art im stillen unternahm, war sie eine bei weitem reichere Menschlichkeit. Die Reife, die bei ihren siebenundzwanzig Jahren ihr Körper zeigte, besaß auch ihre ernst und religiös gerichtete Geistigkeit: aber Körper wie Geist behielten das Suchende.

Ihr war es ein Glück, daß himmlische Fügung ihr die kleine Waise in den Arm gelegt hatte, die in der Taufe mit dem Namen Dagmar bedacht worden war. Miß Laurence aber sagte, sie betrachte das Mädchen als Himmelsgeschenk, als gottgegebene Himmelstochter und wählte statt Dagmar den Namen Diodata für sie.

Die Adoption dieses Kindes, der Mut zur Pflicht und Verantwortung, die eine solche Handlungsweise zur Voraussetzung hat, zeigen allein schon, wes Geistes Kind diese Dame war, die übrigens bei der ganzen Katastrophe Beweise von Klugheit, Umsicht, Furchtlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit gegeben hatte.

Seit der Stunde, in der sie Phaons Mutter Rita auf den Armen in die Höhle der Malerin getragen hatte, war sie immer um Rita und Phaon bemüht. Ihre Verdienste in dieser Beziehung wurden sogar von Miß War ohne Eifersucht anerkannt. Selbst eine kleine Meinungsverschiedenheit, die Phaon betraf, zwischen beiden Damen, trübte ihr gutes Verhältnis nicht. Sie entstand bei der Frage, ob Phaon sich beim allgemeinen Bade beteiligen sollte.

»Nein, er durfte sich keinesfalls beteiligen!« sagte Miß War. Und das vertrat sie mit dem ihr eigenen Unvermögen zur Nachgiebigkeit. Laurence sagte: »Sie können damit nur das Gegenteil von dem erreichen, was Sie bezwecken, Miß War. Erstens sieht der Junge, und ganz mit Recht, in dem gemeinsamen Bade ein gemeinsames Fest. Er fühlt es als unverdienten Schmerz und Schmach, davon als einziger ausgeschlossen zu sein. Schon darum allein wird er Ihnen immer wieder, wie schon mehrmals, ausbrechen, und es werden sich Szenen entwickeln, wo sich, wie neulich, das ganze badende Weibervolk zur Verteidigung gegen Sie um ihn schart. Sofern Sie indes Ihren Willen durchsetzen: da Phaon, wie wir wissen, ein aufgeweckter Junge ist, so wird er die Frage nach dem Warum aufwerfen. Sagen wir lieber, er hat sie schon aufgeworfen. Er fragt mich: ›Laurence, habe ich etwas Schlechtes getan? Darf ich zur Strafe nicht mit beim allgemeinen Bade sein? Warum muß ich wie ein Sträfling unter Miß Wars Aufsicht allein baden?‹« – »Warum? Darum! Warum? Darum! pflege ich ihm zu antworten«, sagte Miß War. »Warum? Darum!, und das ist hinreichend.« – »Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß das hinreichend ist«, gab Laurence zurück. Sie fuhr fort: »Ich staune, bis zu welchem Grade Phaon eines eigenen, gewissermaßen reifen Denkens mitunter schon jetzt fähig ist. Ich glaube, er hält Ihnen dies und jenes verborgen. Er wird nicht eher ruhen, glauben Sie mir, bis ihm Ihr wahrer Grund erkennbar wird. Und dann wird ihm das gerade die Harmlosigkeit, sagen wir ruhig die Unschuld, geraubt haben, was ihm beides erhalten bleiben sollte.« – »Einerlei«, rief Miß War, »ich habe dann jedenfalls meine Pflicht getan.«

»Sie ist wie ein Esel oder wie ein Bock«, sagte die Präsidentin, mit dem ihr eigenen kurzen und trockenen Auflachen, nachdem auch sie sich vergeblich für Phaon verwandt hatte. Die kluge, erfahrene Dame hatte nichts gegen irgendwelche Moral, nämlich sofern sie das Recht der Sinne nicht einschränkte. Noch weniger hatte sie etwas gegen eine wie immer geartete religiöse Konfession, soweit sie eine Vermengung mit Moral nicht darstellte: denn es war für sie eine unter den göttlichen Eigenschaften selbst der wahren überkonfessionellen Religion, daß sie ihre Reinheit niemals durch die vulgäre Ehe mit einem Knüppelmoralsystem entheiligt hatte. Dieser Standpunkt erschien hier besonders bemerkenswert, weil er von einer alten Jungfer behauptet wurde.

Die Malerin wurde vielleicht am meisten von Rita und seltsamerweise von Phaon geliebt, der bei jeder Gelegenheit zu ihr lief und Stunden in ihrer Gesellschaft zubrachte. Sie sah ihn gern, liebte seinen immer beschäftigten, schnellen Geist, seine göttliche Zuversicht und seine Schlagfertigkeit. Sie selber litt an einer Neigung zu geistreicher Boshaftigkeit, die sie im allgemeinen weniger geliebt als gefürchtet machte. Ihre Stellung tastete niemand an. Denn wie sie auch in privater Unterhaltung sich gehen lassen mochte, bei ihren offiziellen Handlungen bewahrte sie überall den Geist einer leidenschaftslosen Gerechtigkeit, so daß, von ihrem unermüdlichen Wirken für das Wohl der Kolonie abgesehen, auch darin ein besseres und bequemeres Oberhaupt nicht zu denken war.

Die Zeit oder die Sukzession, die ihr ganzes Wesen ausmacht, nach dem Worte des Philosophen, stand nicht still. Und so war auf Île des Dames, wie überall, der zweite dem ersten, der dritte dem zweiten, der vierte dem dritten Monat gefolgt, bis der sechste zu Ende ging.

Da erschien der Tag, wo die Mutter Phaons, wie Miß Laurence sagte, zum Verlöschen kam.

Sie hatte lange in einem Dämmerzustand, die letzten Monate beinahe ganz umnachtet gelebt, nur durch den Lichtstrahl vorübergehend aufgeweckt, der von der Nähe, der Stimme, dem Kusse Phaons in ihr Dunkel fiel. Als das Ende sich nahte, überkam sie eine seltsame Lebhaftigkeit, die von Unerfahrenen als Besserung ihres Zustands aufgefaßt wurde. Der Wille zum Leben, der Anteil an ihrer Umgebung, die Hoffnung schien in ihr wiederum erwacht zu sein.

Die Ärztin Egli, die Präsidentin, Miß Laurence und Miß War täuschten sich über die wahre Bedeutung der eingetretenen scheinbaren Wendung zum Besseren nicht. Besonders Miß War schwamm stündlich in Tränen.

Rita erklärte plötzlich mit einem unsäglich rührenden, heimlich triumphierenden Lächeln, sie wisse nun, welcher wunderlichen Täuschung sie unterlegen sei. Aber das mußte natürlich so sein und habe in Gottes Plane gelegen. Der Schmerz der Trennung bewirke ja erst die Freude des Wiedersehns. »Wie hätte ich jemals ein solches Glück empfinden können wie jetzt«, sagte sie, »wenn ich nicht geglaubt hätte, daß Erasmus« – das war der Vorname ihres Mannes – »vor meinen Augen ertrunken sei. Es war ja klar, daß ihn der Genius retten mußte. Der Genius stand ja nicht nur in seinem Arbeitszimmer, auch wenn wir reisten, im Hotel, bei der Table d'hote, im Zimmer, auf dem Rigi, in der Grabkapelle des heiligen Franz, in der Lorenzkirche, am Sebaldusgrab schon immer hinter ihm. Nur gerade damals, als er ihn übers Meer davon unter die hohen Bäume auf die Insel der Seligen trug, sah ich ihn nicht. Ich sah dich nicht, süßer und himmlischer Genius, und nun schwebst du mit deinen goldenen Fittichen auf einmal wieder zwischen ihm und mir hin und her. Du wirst nicht kleiner, wenn du in der Ferne bist, du wirst nicht größer, wenn du in der Nähe bist. Wenn ich dich oben dort auf der Felsterrasse vor dem Purpurzelt mit Erasmus reden sehe . . .« So und ähnlich spann sie ihr Truggebilde fort. Es war, wie wenn sie einen breiten und reißenden Strom schwimmend zu überqueren unternommen hätte, mit der Strömung getrieben, dann gesunken und bewußtlos geworden, so aber doch endlich ans andere Ufer geschwemmt worden sei: hier nun erwacht, schien sie ein neues, höheres Dasein errungen zu haben.

»Es geht deiner Mutter nicht gut«, sagte Miß War. Aber Phaon bestritt das durchaus. Er gehörte zu denen, die in der gefährlichen Neubelebung den Beginn der Genesung sahen. Er hatte die letzten Jahre mit der Mutter mehr wie ein Bruder mit seiner älteren Schwester gelebt. Sie war mit ihm bereitwillig in die Phantasiewelt seiner Lieblingsbücher eingedrungen. Nicht nur in Cooper und Robinson, sondern auch in Dante und Ariost, die er in italienischer Sprache verschlungen hatte. Aus diesen, anderen und eigenen Elementen hatte sich unter seiner Führung eine gemeinsame Welt der Phantasmagorien zwischen ihm und der schwesterlichen Mutter gebildet, auf die sich auch ihre Unterhaltung und ihre fremde, mitunter unverständliche Redeweise meist bezog. So kam es, daß nun, wo die Sterbestunde der Mutter einen traumwachen Zustand zeitigte, die verworrenen Ausbrüche ihrer Seele von ihm mit jener Redeweise verwechselt wurden, zumal sie in der Tat von ihm altbekannten Elementen durchsetzt waren. Überdies ähnelte die mütterliche todesnahe, mystische Euphorie der Gemütsverfassung, in der er immer war und die man als eine gesunde Euphorie, eine wirklich-lebensnahe, bezeichnen konnte. Aus diesen Gründen entwirrte sich ihm gleichsam das Verworrene, und Seligkeit schlug in Seligkeit, um so mehr, als ihn Blut und Liebe innig mit der Kranken verband und er von ihrem möglichen Tod durchaus nichts wissen wollte.

»Genius, süßer, fasse mich bei der Hand!« Als Rita das zu Phaon sagte und er ihre Hand ergriffen hatte, war die letzte Minute ihres Daseins eingeläutet. »Genius, süßer, halte mich!« Phaon kniete und legte seinen Arm um sie, damit sie sich etwas im Sitzen aufrichte. Denn dies, so erschien ihm, war ihr Wunsch. In der Tat, es gelang, und sie bog ihren Kopf nach vorn, mit dem zugleich das gelöste Haar nach vorn flutete. Der Knabe bog sein Gesicht empor, in das sich langsam das Ritas herabsenkte. Sie hauchte: »Mein Liebling! Mein süßer Genius!« In Phaons Armen wuchs eine Last. »Trage mich, goldener Genius!« Da war es, als ob Phaon ein Berg zermalmen wollte. Ein Schnarchen erklang an seinem Ohr, wie wenn jemand den Duft seines Haares gierig eintränke. – Da nahm man die Last aus seinen Armen, von seinem Gesicht, seiner Schulter, seiner Brust herab.

Und Phaon stand auf. Man sah ihn bis unter die Fingernägel weiß werden. Dann schoß ihm jählings das Blut zu Kopf. Und ehe jemand es ahnte, war er entsprungen.

Diesem Ereignis, Rita Stradmanns Tod, folgte auf Île des Dames eine Epoche tiefster Niedergeschlagenheit. Beim Begräbnis brach eine förmliche Raserei des Jammers aus, bei der sich die Europäerinnen, wie Klageweiber schreiend, die Brust schlugen. Die Präsidentin nannte es eine Massenhysterie, der sie überdies noch die Eigenschaftsworte »ekelhaft« und »verlogen« anheftete. Jedenfalls hatte man Not, sie zu bewältigen. Keinesfalls beruhte der maß- und hemmungslose Zustand bei allen, die ihm verfallen waren, auf Verlogenheit, nur mit Mühe konnte man einige Frauen vom Selbstmord abhalten. Andere wurden schwarz im Gesicht und röchelten krampfhaft, so daß es weithin schrecklich zu hören war, bis ihnen die Farbe wiederkam, wo sie dann weinten und schließlich einschliefen oder hockend stier vor sich hin brüteten. Eine Trauernde, die am Grabe unaufhaltsam geweint und geschluchzt hatte, brach auf einmal in stilles, immer lauter werdendes krampfhaftes Lachen aus, das andere ansteckte und, bevor man dagegen durch Entfernung der Befallenen einschreiten konnte, zu einem grausigen, ziemlich allgemeinen Lach- und Schreikrampf führte, der sehr widerwärtig war. So werden wir alle verlassen und einsam sterben wie du und werden die Welt nie wiedersehn. Das war der Gedanke, war das Geschrei, das alle von Sinnen brachte. Auch wurde zur Begründung des Selbstmords gesagt: Tote, dir geht es besser als uns, denn wir sind lebendig begraben.

Glücklicherweise hatte man Phaon in seinem eigensinnigen Beschluß nicht wankend gemacht, dem Begräbnis der Mutter fernzubleiben. Schon vor längerer Zeit hatte sich der Knabe abseits von Ville des Dames, höher hinauf am Fleuve des Dames, eine Bambushütte zurechtgemacht. Als er im Schrecken nach dem Tode seiner Mutter geflohen war, hatte man ihn dort gesucht, aber nicht gefunden. Dagegen fand man ihn in einer ebenfalls abgelegenen Hütte, die sich Miß Laurence Hobbema errichtet hatte, mit der kleinen Dagmar-Diodata beschäftigt.

Etwa vierzehn Tage nach diesen Ereignissen wurde ein neues Versammlungshaus eingeweiht, dessen Grund- und Aufriß von Thorgerd Grimm stammte, die von der Kunst- und Gewerbeschule her einige Fertigkeit im architektonischen Zeichnen besaß. Der unter Leitung der Malerin ausgeführte Pavillon war nicht übel ausgefallen, da man sich einen andern zum Vorbild nahm, den der Malerfürst, Miß Hobbemas Vater, in seinem Garten zu London errichtet hatte und dessen Photographie die Miß besaß. Hauptsächlich durch Mucci Smith, die Gärtnerin, aber auch durch ziemlich allgemeine Erinnerung aus der Schulzeit wußte man, welcher Wert der Kokospalme als Kulturpflanze innewohnte. Und da man bald entdeckt hatte, daß sie da und dort auf der Insel wuchs, so trank man nicht nur die Milch der dreikantigen, menschenkopfgroßen Kokosnuß, sondern war auch daran gegangen, die übrigen Eigenschaften des Baumes auszubeuten. Man gewann den Gummi, aß den Palmkohl und wußte auch bald den Palmwein zu bereiten. Und nun war man endlich so weit gelangt, sich des Kokosstammes als Bauholz zu bedienen.

Man hatte, wie gesagt, in den Rettungsbooten gut versehene Werkzeugkästen vorgefunden, so daß die Säge, der Hobel, der Bohrer, außer dem Beil und der Axt, hinreichend vorhanden war. Auch Nägel und mancherlei von dem, was dem Tischler, dem Zimmermann unentbehrlich ist. Und so hatte man rüstig Bäume gefällt, hatte zersägt, behauen, gehobelt, Pfähle in die Erde gerammt, Wasserwaage und Lot angewendet, Querbalken gelegt und ineinandergefügt, Pfeiler gestellt, und immer so fort, bis, eigentlich überraschenderweise, ein leichter, aber immerhin ziemlich geräumiger und recht gefälliger Bau fertig war. Man nannte ihn bei der Einweihungsfeier »Maison de la Bonne Espérance«.

Unter anderem sagte die Präsidentin bei ihrer Ansprache:

»Der Himmel hat es auch mit uns gut gemeint, als er die von uns allen geliebte Frau wenigstens nicht vor der Vollendung unseres Werks sterben ließ. Ich fürchte, es wäre sonst unterbrochen und vielleicht niemals beendet worden. Denn ich habe mit Schmerzen gesehen, daß der tätige, eifrige, zuversichtlich freudige Gemeingeist, dem wir die Entstehung dieses Rathauses verdanken, einer Gleichgültigkeit, einer schwächlichen Niedergeschlagenheit gewichen ist. Das muß anders werden, Freundinnen. Ich beschwöre euch, wieder die alten, will sagen, die unverwüstlich jugendfrischen Jungen zu sein.

War es nicht wundervoll zu erleben, welcher Geist über uns kam, als der kühne Plan dieser Stiftshütte auftauchte? Haben wir nicht im Verhältnis unsrer Mittel und unserer Zahl zu ihren Mitteln und ihrer Zahl mindestens so viel getan wie die Kinder Israel?« – Und die Rednerin schilderte nun den freudigen Eifer, mit dem jede der Frauen und Mädchen ihr Scherflein zum Gelingen des Ganzen beigetragen hatte. »Wie herrlich«, sagte sie, »klang die Axt von Miß Laurence! Wie flogen die Splitter unter dem weit ausholend geschwungenen Beil der olivenfarbenen Alma, die in ihren straffen und schlanken Formen doch so viel Geschmeidigkeit und Weichheit zeigt und deren Sehnen von Eisen zu sein scheinen. Wie tüchtig und überall gegenwärtig war unsre prächtige Warniko als Zimmerpolier! Die schwindelfreie Rosita, die weltberühmte Sylphide der Luft, wie thronte sie zwischen Himmel und Erde, schritt heiter und gerade die Balken entlang, als der Dachstuhl gerichtet wurde! Ich könnte nicht enden, wenn ich jedes Verdienst jeder unsrer Kolonisten im einzelnen würdigen sollte. Lolo Smith hat sich als ein kunstgewerbliches Genie offenbart, und die gefälligen und bequemen Bambusstühle, auf denen Sie sitzen, meine Damen, verdanken wir ihr. Und es ist Lady Lambert, wie gesagt werden muß, die gezeigt und gelehrt hat, wie aus der Faser des Kokosblattes das weiche, dauerhafte und elastische Geflecht der Sitzflächen hergestellt werden konnte. Frau Rosenbaum, unsre Proviantverwalterin, hat dabei für Ihrer aller leibliches Wohl gesorgt. Sie fanden die Tafel stets gedeckt. Sie genossen Bananen, roh, gekocht, gebacken, in Zucker gewälzt, gebratenes Fleisch, Geflügel nach Herzenslust und ein Schlückchen Palmwein zu seiner Zeit in unsern Bechern aus Kokosnuß, die Thorgerd Grimm so hübsch verfertigt hat. Der herrlichen Fische in allen Farben des Regenbogens wollen wir nicht vergessen, die uns nicht nur Gesine, die starke Isländerin, in den Buchten angelt.

Meine Damen, Frau Rita ist tot. Ich zähle bis siebenundzwanzig, wenn ich mich an die Begräbnisse naher Freunde und Verwandter erinnern will. Oder stirbt man etwa nur hier, und leben die Leute in New York, Paris und Berlin vielleicht ewig? Fahren Sie durch irgendein Kulturland mit dem Automobil, und Sie treffen beim Eintritt in jedem kleinen Flecken ein Sargmagazin und die bekannten Steinmetzhöfe, in denen die bekannten schauderhaften schwarzen und weißen Marmortafeln mit Goldschrift, plumpe Kreuze und kitschige Engelsfiguren auf Vorrat gearbeitet sind. Also hier ist der Tod, und dort ist der Tod. Sie sehen, ich bin ruhig und heiter, und doch wäre ich schließlich meinem Alter nach der nächste dran für die Sense Freund Heins. Gegen mich, meine Damen, sind Sie ja alle noch Kinder.

Sie sind ungeduldig, weil Sie meinen, daß Ihre Jugend in dieser paradiesischen Einöde ungenossen vorübergehen könnte. Ich gebe zu, wir Frauen haben keine rechte Gegenwart und keine rechte Zukunft, wo Männer nicht vorhanden sind. Aber haben Sie doch ein Weilchen Geduld. Ninon de Lenclos war siebzig Jahre, als sich ein Jüngling aus Liebe zu ihr erschoß, weil sie ihn nicht ausschließlich wiederliebte. Was bedeuten bei Ihrem Alter sechs Monate? Was bedeuten eins, zwei, drei . . . ja, was würde es Ihnen groß ausmachen, wenn wir vier Jahre auf der Insel zubringen müßten? Die Schönheit einer jeden von Ihnen, die jetzt schon, nach den sechs Monaten, so augenfällig zugenommen hat, würde dann höchstens für die schlaffen Schlingel von europäischen Gecken und Gigerln vollkommen niederschmetternd geworden sein.«

Man lachte sehr viel, und es zeigte sich wiederum, daß die Malerin ihre Leute zu nehmen wußte. Und als nach Schluß des feierlichen Teils in einem besonderen länglichen Raum an einer richtigen Tafel von mehr als hundert Gedecken festlich gespeist wurde, fühlte man auf eine höchst wohltätige Weise den Zusammenhang mit der großen Menschheitskultur wiederhergestellt und den Schmerz der Verbannung merklich gelindert.

Der Speiseraum war durch Schwester Herta, eine Krankenpflegerin, so zustande gekommen, die, bevor sie diesen Beruf ergriffen, in Darmstadt gelebt und bei den Meistern der dortigen Künstlerkolonie praktisch mitgewirkt hatte. Aber auch in den Helferinnen, die sie gehabt, wirkte jener im Kunstgewerblichen allgemeine fruchtbare Geist, der in Deutschland durch die Tätigkeit van de Veldes in Tat und Wort entbunden worden war. Sie hatte die Höhe und Form der Tafel, der Holzteller und der Holzbestecke ausgefunden, den Tisch mit einer feinen Matte, diese mit Ornamenten bedeckt, hatte hübsche Gefäße aus Kokosnuß als Tafelschmuck mit den köstlichsten Orchideen gefüllt, die Öffnungen nach außen im guten Verhältnis ausgespart. Diese führten auf eine Galerie, über die das Dach heruntergezogen war und auf der man das ganze Haus umschreiten konnte. Diese Galerie war ringsum durch Markisen aus Matten geschützt, denen wiederum das hübsche weibliche Zeichentalent mit Hilfe gefundener farbiger Erde einen rotbraunen Anstrich gegeben hatte. Ein unaufdringlicher Fries lief an den Wänden des neuen Refektoriums ringsherum. Er stammte von Anni Prächtels Hand; sie hatte darin durch nackte Frauen mit Äxten und Sägen und in allerlei sonstiger Bewegung und Tätigkeit die Entstehung des Baus versinnbildlicht, aber seltsamerweise immer wieder über oder hinter den Arbeitenden stehend, springend, winkend, vorauseilend oder zurückrufend, Bananen herbeitragend, tanzend, Flöte spielend oder nach dieser und jener der Damen mit dem Bogen zielend einen Genius dargestellt, Phaon ähnlich, der einzig und allein nicht das geringste am Bau getan hatte.

Man fand denn auch, als das Bankett mit Hilfe des Palmweins lauter und lauter geworden war, daß die Rolle Phaons in dem entzückenden Fries nicht recht verständlich sei, und drang in die Präsidentin, sie zu erklären. »Ach Gott! Nun was? Halt ein dummer Einfall«, lachte sie.

Die Malerin und Rodberte Kalb saßen einander gegenüber, allerdings nur mit einem Hemd und Gürtel bekleidet, aber sonst wie andere Europäerinnen auch, am Tisch, in einem angenehmen Gelaß des hübschen Kokos- und Bambushäuschens, das man nun auch für die Präsidentin errichtet hatte. Der zweite Februar, der erste Jahrestag der Landung auf Île des Dames, stand vor der Tür. Die Damen erwogen mancherlei, und auch die angemessene Form, ihn zu feiern.

»Seien wir nun einmal ehrlich, beste Rodberte«, sagte Anni. »Was halten Sie eigentlich im Ernst und unter uns von der ganzen sonderbaren Begebenheit? Wir sind nun wahrhaftig ein Jahr auf Île des Dames. Ich habe aber bei der ganzen Geschichte noch immer eine Empfindung von Unglaubhaftigkeit. Diese Empfindung hat, verglichen mit ihrer Anfangsstärke, als wir an dieser Küste landeten, nicht etwa ab-, sondern zugenommen, was doch in Anbetracht des in zwölf Monaten hier Erlebten und Geleisteten äußerst seltsam ist.« – Die Kalb sagte trocken: »Fassen Sie sich doch mal bei der Nase.« – Die Malerin lachte. Das, gab sie zur Antwort, habe sie mehr als einmal und immer vergeblich getan. Sie könne noch immer nicht dahinterkommen, ob sie nicht etwa nur nach ihrer Gewohnheit am Abend zu viel des Guten beim Vertilgen von Räucherlachs getan und die Folgen davon nun in einem krausen und übergrellen Alpdruck-Traum zu tragen habe. Sollte sich das als wahr herausstellen, so sei schon jetzt der Entschluß gefaßt, bald nach dem Erwachen diesen Spuk zu Papier zu bringen . . . »Dann«, sagte Rodberte, »fangen Sie lieber gleich damit an.«

Und weiter: »Wie ich nämlich diese neue und sonderbare Robinsonade einschätze, ist sie volle Wirklichkeit. Will man sie aber als einen Traum nehmen, so soll man wenigstens damit rechnen, daß es vielleicht erst in der Stunde des Todes ein Erwachen aus ihm gibt.« – »Zum Donnerwetter!« Die Präsidentin brach in das ihr geläufige Kraftwort aus und haute dabei die Faust auf die Tischplatte. »Meinethalben«, fuhr sie fort, »warum denn nicht? Aber zum Donnerwetter, der Traum wird langweilig.« – »Versuchen Sie's also dann lieber noch mal mit der Wirklichkeit«, sagte Rodberte. – »Ich kann nicht. Diese kitschige Damenkolonie bleibt mir unwirklich. Und was sollte denn aus ihr werden als platte Wirklichkeit, wenn sie als Traum schon so nüchtern und öde geworden ist. Sagen Sie nur, wie konnte dieser Schiffskoloß, dieser ›Kormoran‹, überhaupt zugrunde gehen?« – »Vielleicht«, meinte Rodberte, »durch ein Wrack der Flotte Roschdjestwenskis oder durch eine treibende Mine aus dem Russisch-japanischen Krieg, oder diese ganze schwimmende Kulturarche mit ihrer ganzen Ladung von bemaltem und hohlem Kulturtöpferkram ist von selbst auseinandergebrochen, weil sie windig gebaut und von Fäulnis zerfressen war.« – »Nun, beste Rodberte, unter uns«, so schloß die Präsidentin diesen Teil der intimen Aussprache, »ich muß bekennen, ich fange mich nun allgemach nach dieser uns fortgeschwommenen Riesenarche voll hohler Töpfe zu grämen an.«

In diesem Augenblick wurde es dunkel im Raum, weil Miß Hobbema, den Glanz des Tropengartens ausschließend, auf die Türschwelle trat. Ein riesiger Hut aus Bambusstroh wurde im Eintreten abgenommen, worauf das stolze, von dicken schwarzen Flechten gekrönte Antlitz der Theosophin zum Vorschein kam, deren große Kuhaugen den tiefen Glanz der Güte und der Weisheit vereinigten. Sie trug ein ärmelloses, rohseidenes Hemd, das in der Mitte durch ein breites Geflecht aus Kokosfaser gegürtet war, dazu Sandalen aus Bast, mit Bastbändern befestigt. Ihr Körper glich einer bewegten Statue, während der Stoff, aus dem sie gemacht schien, fleischgewordene bewegliche Bronze war. Wie eine andre Eule der Pallas saß auf den nackten Schultern der schönen Erscheinung ein Papagei. Er war schon seit Jahren ihr Gefährte und von ihr aus dem Schiffbruch gerettet worden. Sie liebte Schmuck und legte ihm, ihrer Natur gemäß, meist einen mystischen Sinn unter. Davon zeugte der Kranz gelber Orchideen, mit dem sie den Hut garniert hatte, und noch mehr die Spirale in Form einer Schlange aus schwerem Gold, die ihren köstlichen Oberarm umwand.

»Ich störe wohl, Präsidentin«, fragte Miß Hobbema. – »Niemals stört eine Göttin«, erhielt sie zur Antwort, »die in die Hütte einer armen Sterblichen tritt. Treten Sie näher, Hochwillkommene!« – Die Damen lachten, der Papagei lärmte dazu.

Als er zur Ruhe gebracht worden war und sich die Miß gegen die Erhebung in den Stand einer Gottheit entschieden verwahrt hatte, konnte Anni sich doch nicht versagen, diese Maßregel zu verteidigen – vielleicht versprach sie sich eine heitere Viertelstunde davon:

»Ich habe mich manchmal gefragt: auf welche verschiedene Arten und Weisen könnte wohl unsre Rettung vonstatten gehen. Wir erwogen ja auch diese Frage oft und ganz allgemein. Es wurde unter anderem gesagt: Zufall müsse dabei das Beste tun. Oder es müsse gelingen, unsre Lage durch irgend etwas der fernen Kulturwelt bekanntzumachen. Zu diesem Zweck haben wir ja auch einige von den geretteten Flaschen als Flaschenposten abgefertigt, das heißt, dem Stillen Ozean anvertraut. Wir haben auch Seevögel eingefangen und ihnen Medaillons mit Inhalt an die Ständer befestigt. Unser etwas überspanntes Fräulein Babette Lindemann, deren Geistesgaben ich übrigens nicht verunglimpfen will – sie hat sich ja, wie Sie wissen, vom Dienstmädchen zur Kammerjungfer, von der Kammerjungfer zur belesenen Reisebegleiterin heraufgearbeitet –, also unser Fräulein Lindemann hat ja sogar den Versuch gemacht, eingeschlossen in einen stockfinsteren Raum, durch eine Swedenborgsche Fernwirkung, also Gedankenübertragung, einer alten Tante in Lübeck unsre Lage bekanntzumachen und alles, was sie für unsre Rettung tun soll, zu suggerieren. Ich halte von diesem Versuch nicht viel. Aber er hat doch wenigstens einige Wochen lang unsre Kolonie beschäftigt, in Atem gehalten, den Trieb zur Selbsttäuschung befriedigt und vor allen Dingen die Hoffnung belebt. Wäre die Methode Babette Lindemanns ein gangbarer Weg, so würde ich den Kontakt jedenfalls nicht mit der alten Tante in Lübeck, sondern mit jemand ganz anderem, am liebsten mit dem Sultan gesucht haben.« – Hier fing der Papagei, angeregt durch die Damen, wieder auf eine fürchterliche Weise zu kreischen an.

»Ich wollte nämlich nur sagen«, fuhr Anni fort, »wir blieben hier nicht mehr vierzehn Tage allein, wenn nur einige einflußreiche und entsprechend begabte Vertreter der Männerwelt einen Begriff davon bekommen könnten, welche Menge schöner und hilfloser Weiber, junger Mädchen und junger Witwen hier beisammen sind. Man hat Nansen gesucht, Emin Pascha gesucht. Sollte sich nicht ein Peters, ein Stanley oder ein Sven Hedin finden, oder sagen wir ein Sardanapal, wenn er wüßte, was für ein unerhörter Fischzug, nicht zu schlecht für den Harem eines Königs aller Könige, hier zu machen ist.« – Der Papagei schlug mit den Flügeln und kreischte wild und mit dicker Zunge, die er von seiner Herrin geerbt zu haben schien: »Laurence, koch Kaffee! koch Kaffee! koch Kaffee!« Er schloß mit einem Schnabelklappen, durch das hindurch ein seltsames Wort, ähnlich wie »Nemqueteba«, erklang, und steigerte durch dies alles merkbar die Lustigkeit. Die Präsidentin fuhr fort, indem sie ihr braunes Knie, das magere Knie einer älteren Indianerin, streichelte:

»Man hat mich zur Präsidentin gemacht. Ich bin dazu prädestiniert durch mein Alter, womit ich allen voranschreite, und eine andere ebensowenig zu überbietende Eigenschaft. Zu dieser sind Sie meiner Ansicht nach der Gegenpol, Miß Hobbema. Sie waren es, und nicht Miß Page, auch nicht die holde Sylphide der Luft, deren aphrodisischem, fruchthaftem Reiz ich jede Gerechtigkeit widerfahren lasse, auch nicht irgend jemand anders, sondern nur Sie, der ich bei der imaginierten Schönheitskonkurrenz, die ich mitunter veranstalte, stets meine Stimme gegeben habe. Es ist so. Sie mögen mich da auslachen und abwehren nach Herzenslust.

Und weil Sie somit unser Schönheitsgipfel sind, so habe ich, da alle irdischen Hoffnungen, uns der Welt bemerkbar zu machen, mehr als vage sind, auf Sie die Hoffnung meiner mehr und mehr den Boden der Wirklichkeit verlierenden Träumereien gestellt. Ich sehe in Ihnen Andromeda und erwarte den Perseus, der Sie rettet.«

Nicht nötig zu sagen, daß der Göttervogel auf der gleichsam polierten Bronzeschulter der britischen Holländerin auch diese Sätze, mit dem Schopfe nickend, durch das unzähligemal wiederholte »Laurence, koch Kaffee!« beantwortete, mit einem Organ, das ohrzerreißend war. – »Was ist mir Perseus«, sagte Miß Hobbema. »Dann wünsche ich mir schon lieber den Herakles.« Und sie kam auf das alte Lieblingsspiel ihrer Einbildungskraft zurück, wobei sie das Eiland zur Insel der Seligen, zum Garten der Hera umwandelte, wo hesperische Nymphen den Wunderbaum des Lebens mit den goldenen Äpfeln der Hera bewachten.

»Fließen nicht«, fuhr sie fort, »tatsächlich auf unserer Wunderinsel Nektarbäche? Weht nicht paradiesische Kühle, mit den Düften der herrlichsten Spezereien gemischt, überall und auch hier zu den Fenstern herein? Sie wissen, ich esse kein Fleisch und bin natürlich erst recht keine Jägerin. Das hindert nicht, daß ich bereits mehreremal bis zum obersten Gipfel, dem Krater des Mont des Dames vorgedrungen bin. Ich glaube kaum, daß unsre Diana Page in jeder geringen Einzelheit der Topographie unsres Inseljuwels und seiner oft fast überirdischen Geheimnisse so wie ich bewandert ist. Ich erlebe bei meinen Streifen weit mehr, als nur ein Wild zu überlisten und abzuschießen. Inmitten der ungeheuren Pracht des mit mir steigenden blauen ozeanischen Glastes ringsum dringt eine Größe, dringt eine Herrlichkeit ohne Maßen in mich ein, in der ich nur durch den Gedanken die erhabensten Visionen verwirkliche. Ich spreche mit Zeus. Ich habe die Höhle gesehen, wo er mit der jugendlichen Hera sein Beilager hält. Ein Halbkreis von Bäumen ist um sie her, von denen jeder in sich die Kraft und den Saft einer vieltausendjährigen Jugend, am Riesenstamm die harten Runzeln und Schwielen einer vieltausendjährigen Dauer, in der grünen Welt seines Wipfels eine Welt der Farbe, eine Welt der strotzenden Blütenglut, eine Welt der ausgesuchtesten Wonne trägt und eine Welt der Himmelsmusik, nicht zu vergessen.

Das nennt man, nicht wahr, Überschwenglichkeit? Gut, ich lebe im Überschwenglichen. Gebe ich meinem prächtigen Phaon zum Beispiel Unterricht und unterhalten wir uns über die griechische Mythologie, die ich, dank meinen Eltern, gleichsam mit der Muttermilch eingesogen habe, so vergesse ich manchmal, wer er eigentlich ist. Es scheint mir vielmehr, als gäbe ich dem Sohne Hyperions Unterricht, dem jugendlichen Helios, der bestimmt ist, später einmal die Welt zu erleuchten. Ich warte des Tages, wo er seinen Flug zu den Äthiopen auf seinem goldenen Bette und mit seinem goldenen Bette antreten wird, wo das herrliche Spielzeug des Sonnenwagens und der feurigen Sonnenrosse für ihn bereitet steht.

Dieser Hesperidenmythos ist es, der dem Atmungsbedürfnis meiner Seele am meisten entspricht. Ich empfinde und sehe die Insel, die, wie unsre, außerhalb der Welt gelegen ist, dicht bei den Gorgonen, hart an den Grenzen des ewigen Dunkels. Ich stelle mir gerne vor, daß diese gewaltige, uns allen mit gleicher Macht täglich Licht und Glut spendende Sonne nicht die alte Sonne der Erde, sondern nur die unsrer hesperischen Insel wäre, und fühle mich selbst meinethalben als Hygieia, eine der lichtberauschtesten Töchter der Nacht.

Sie mögen denken, da haben wir wieder einmal die übergeschnappte Engländerin. Übrigens bin ich mehr Holländerin, wie Sie wissen, was ja schon mein Name besagt. Aber denken Sie immerhin, was Sie müssen! Ich sehe nicht ein, weshalb ich hier, von jeder Beziehung zur alten Erde losgelöst, nicht die höchsten inneren Genüsse suchen sollte, deren mein Wesen fähig ist. Ich habe damit erreicht, daß ich vielleicht als einzige unter uns allen mit dem Geschick, das mich traf, voll im Einklang bin.«

Man kannte die Exaltationen, zu denen Laurence manchmal hingerissen wurde. Die höhergearteten Kreise der Kolonie hatten dawider nichts zu erinnern. Die Präsidentin fühlte sich durch diese von funkelnden Blicken begleiteten, gleichsam lichttrunkenen Ausbrüche mitunter wie durch ein Bad verjüngt und immer angeregt. – »Nun also, ich hatte doch eben recht«, betonte sie, »wenn ich Sie vorhin eine Göttin nannte. Wir andern, ich mache durchaus keinen Spaß«, fuhr sie fort, »bleiben mit dem Fluche der Trivialität behaftet, dessen verderblicher Wirkung schließlich und endlich kein Großstadtmensch entgeht. Und ich finde, daß England, daß Europa, Amerika und so weiter nur noch gleichsam ausgelaufene Großstadt sind. Meine Flügel werden steif, ihre Gelenke trocknen ein. Und wenn es eine Zeitlang gedauert hat, so benütze ich sie höchstens noch als Flederwische zum Staubwischen. Sie haben Phönixflügel, Laurence. Und wenn Sie mich nicht von Zeit zu Zeit am Kragen packen und mitreißen, so sehen Sie mich vielleicht binnen kurzem nur noch als Regenwurm am Boden hinkriechen. Ich habe vorhin zu Rodberte gesagt: der Traum wird langweilig. Ich meinte den Traum, den wir alle zu träumen hier gezwungen sind. Nun, liebe Laurence, Sie allein haben es erreicht, wenn er mir nun wieder in besserem Lichte erscheint.«

»Ich will Ihnen einmal sagen, Anni, warum Sie eigentlich dem scheußlichen Dämon der Langeweile verfallen sind, dessen Sargdeckel übrigens die ganzen Vereinigten Staaten niederhält. Um nicht zu ersticken, werden sich die Amerikaner eines Tages vielleicht in irgendeinen widersinnigen Krieg stürzen.«

Es war Rodberte, die so sprach, eine Pause machte und dann ihre Rede von neuem begann:

»Sie hatten Pläne. Sie wollten etwas Positives aus uns und der Situation entwickeln, die nun einmal gegeben war. Sie wollten Ihre Bildnerkraft einmal am lebendigen Fleisch statt nur an Farben und Leinwand ausüben. Sie wollten die Gelegenheit zu einem kommunistischen Versuch beim Schopfe fassen. Unser Arzt, unser Erretter, unser Gesetzgeber, unser Moses sein. Überdies Vater und Mutter in einer Person und letzten Endes unser Erlöser. – Aber obgleich Ihnen in vieler Beziehung gelungen ist, unsre Tüchtigkeit aufzurufen, dies und das mit uns durchzuführen und jedenfalls unser Versinken in Marasmus zu verhüten, so wird uns doch andrerseits das Leben durch dieses insulare Schlaraffenland allzu leicht gemacht, um moralische Eigenschaften in uns großzuzüchten. Eine straffe Organisation hält sich nicht oder erweist sich als unnötig. Die Damen gedeihen und schwellen wie Früchte, trotzdem ihr Gemüt belastet ist. Sie brauchen nur nach Laune etwas zu arbeiten, denn wenn sie selbst das Händchen nicht ausstrecken wollen, die Paradiesäpfel hängen ihnen ja in den Mund. Was fühlt aber ein Arzt, ein Erretter, Erhalter, Gesetzgeber, ein Moses, Vater und Mutter, ein Erlöser, wo niemand krank ist, niemand errettet und erhalten zu werden braucht, alle so zahm, üppig, faul und friedlich sind, daß ein Gesetzgeber oder gar ein Moses mit irgendwelcher Übertretung, einem Ungehorsam, einer Gewalttat gar nicht zu rechnen hat? Was fühlt ein Vater, eine Mutter, wo die Natur Vater und Mutter ist?

Ohne Zweifel«, fuhr sie fort, »hat Ihre unermüdliche Peitsche, wie gesagt, etwas ausgerichtet. Ville des Dames mit ihrem Rathaus, ihren freundlichen Pavillons zeugt davon. Weiter aber geht es nun nicht. Denn gerade die zwei Dinge, die nötig wären, um das Erlöserwerk zu tun, auch nur im Irdischen zu tun, besitzen Sie nicht.

Es steht nämlich so: auch der Kulturmensch bezeichnet inmitten der Volks- und Weltgemeinschaft die Erde als Jammertal und sehnt sich nach einem besseren Zustande. Dieser wird ihm durch seine Religion unter gewissen Voraussetzungen für die Zukunft im Jenseits garantiert. Unser Jenseits ist aber die große Gemeinschaft der Kultur. Und die Gewißheit, dorthin zu gelangen, in diese uns allen genau bekannte Realität, können und wollen Sie uns nicht geben. Auch uns wie Moses aus der Fremde ins Gelobte Land zurückgeleiten, das vermögen Sie nicht. Im Hauptpunkt unsrer begründeten Sehnsucht können Sie kein Erlöser sein, das macht Sie verdrossen, das ist Ihnen langweilig. Es ist übrigens möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß unser Hauptpunkt, das Ziel unsrer höchsten Sehnsucht, nicht Ihr Hauptpunkt ist. Bleibt also der andere, in bezug auf den Sie ebenfalls leider ohnmächtig sind. Sie können uns Ausgestoßenen von den zwei Dingen keines beschaffen, die zur Erlösung notwendig sind: nicht die Heimat und nicht das andere.« – Anni und Laurence fragten schnell: »Was meinen Sie mit dem anderen Ding?«

»Ja, was meine ich mit dem anderen Ding? Adam wohnte bekanntlich im Paradies, als Gott den Gedanken bekam: es sei nicht gut, daß der Mensch allein wäre. Was kann das heißen als: Adam habe sich im Paradies allein nicht wohlgefühlt. Er hätte sich auch nicht wohl und hätte sich allein gefühlt, und wenn Gott flugs noch tausend Adams aus Lehm geknetet, mit seinem Odem belebt und neben den ersten ins Paradies gesetzt hätte. Um sein Unglück zu heben, mußte eine Eva geschaffen sein. Tatsächlich war er vorher nichts als ein steriler Golem, unfruchtbarer bewegter Ton, gleichsam ein Topf voll Atem, aus dem der Schöpfer seinen Odem jederzeit wieder austrinken konnte. Dann war es ein leerer Topf, weiter nichts, der nur eben durch seine Leere Bedeutung hatte. Aber Adam wurde Gott ähnlich, geriet in Besitz des Schöpfergeheimnisses, freilich cum grano salis, als er Eva bekam. Wer wüßte nicht, daß er von da ab ebenfalls selbständig Menschen machte.«

Wieder tobte und wetterte der Papagei fürchterlich.

»Kurz«, schloß die Kalb, »denken Sie sich die Eva ins Paradies als den ersten alleinigen Topf des Töpfers. Wäre nicht Adam dazugekommen, sie würde je nachdem ein leerer oder ein voller Topf, aber immer nur ein einziger Topf, nie aber mit Adam zu gleichen Teilen und zum größeren Teil die Schöpferin des Menschengeschlechts geworden sein. Auch nicht, wenn man ihr tausend andere Even an die Seite gesetzt hätte.«

»Ich verstehe«, sagte nach kurzem Schweigen die Malerin, worauf dann ein belustigtes Auflachen bei geschlossenem Munde verriet, daß ihr irgendwelche Gedanken, die ihr im Anschluß an Rodbertes Ausführungen kamen, Vergnügen machten. – »Ich verstehe, jawohl, ich verstehe ganz gut, Fräulein Kalb«, sagte nun ebenfalls Miß Hobbema, jedoch sehr ernst: nicht so, als ob es sich etwa nur um einen geistreichen Spaß Rodbertens gehandelt hätte.

Laurence fuhr fort:

»Ich weiß nicht eigentlich, wie ich darauf gekommen bin. Ich grüble, finde aber mit dem, was Sie eben entwickelt haben, keinen Zusammenhang. Und doch will ich es mir von der Seele reden. Selbstverständlich ist ein Zustand wie der unsere ungesund, und je länger er dauert, je ungesunder. Ich als quasi Seelsorgerin der Kolonie gewinne dafür leider viele Merkmale. Was nützt es uns – das ist am Ende nicht das Schlimmste, daß wir der Welt lebendigen Leibes gestorben sind. So haben wir eben ein Jenseits erlangt. Und tot für die Welt, wer zweifelt daran, daß wir uns selber trotzdem leben –: schlimmer ist in der Tat, was Sie berührt haben, Fräulein Kalb. Man sage mir, was man wolle, ohne eine wahre, gleichsam unendliche menschliche Zukunft gibt es auch keine runde und volle menschliche Gegenwart. Eine soziale Gemeinschaft aber, die sich nicht fortpflanzen kann, ist wie ein Segelschiff, das etwa in einer windlosen Zone des Stillen Ozeans unbeweglich festliegt und so zerfällt. – Oder sie gleicht einem Blütenwald, aber nur von blühenden Zweigen, abgeschnitten und in Wasser gestellt: er kann nicht Wurzel schlagen noch Frucht tragen. Sicherlich stünden wir anders da, hätten wir diese Möglichkeit. Dann würden wir einen Tag erleben, wo wir die verlorene Kulturgemeinschaft aus uns selbst wieder hergestellt hätten. Die Empfindung des von Gott und Menschen Verlassenen, diese Empfindung der Verdammnis würde allein schon durch das Bewußtsein wahren Werdens behoben sein.

Ja, nun habe ich doch den Gedankengang aufgedeckt, durch den ich auf Fräulein Lindemann, von der Sie ja selbst gesprochen haben und von der ich nun sprechen will, gekommen bin.

Fräulein Lindemann ist viel in dem von mir verwalteten kleinen Heiligtum, das wir etwas großartig Notre-Dame des Dames genannt haben. Ich muß gestehen, daß sie manchmal etwas viel von meiner Zeit in Anspruch nimmt. Ich stehe ja jedem gern zu Diensten und denke, es ist am Ende mein Beruf, wenn jemand das Bedürfnis hat, mir seine geistigen Schmerzen und Nöte zu beichten, und meine Hilfe in Anspruch nimmt, ihm mit Rat und Tat beizustehen. Opfre ich aber gern einen großen Teil meiner Zeit, so ist es für alle, nicht für einen allein. Und wie gesagt, Fräulein Lindemann scheint manchmal in ihren Ansprüchen etwas weitgehend.

Sie ist in Bombay aufs Schiff gekommen. Ihre Dame war aus dem Annie-Besant-Kreis. Freilich etwas beschränkt, etwas unkritisch. Ich habe die Dame ja noch kennengelernt. Jedenfalls ist der Einfluß der indischen Mystik, wie er von ihrer Dame und den Kreisen in Bombay und Benares ausgeübt worden ist, zunächst wohl für Babette Lindemann zu mächtig gewesen. Sie ist wie ein Ofen, der innen von wildchaotischen Verbrennungsprozessen bis fast zum Zerbersten loht. Von ihr kann man sagen, was der Buddha in seiner Feuerpredigt lehrt: ›Alles, ihr Mönche, brennt, das Auge brennt, die Erscheinungen brennen, das Ohr brennt, die Töne brennen, das Auffassen mit dem Ohr brennt, die Wahrnehmung mit dem Ohre brennt. Die Nase brennt, die Gerüche brennen, das Auffassen mit der Nase brennt. Die Zunge brennt, der Geschmack brennt. Der Körper brennt. Die Berührungen brennen‹ – So ist es in ihr. Ich habe das alles in ihr selbst gefühlt und auch an ihr gefühlt, wenn sie sich zu meinem Leidwesen mit beiden Armen schluchzend an mich hängt. Und ich weiß auch, es brennt ihr Verstand, es brennen alle ihre Gedanken. Wie der Buddha sagt: durch das Feuer der Lust, durch das Feuer der Sünde, durch das Feuer des Irrtums, durch alle Arten von Kummer, Trauer, Leiden und Verzweiflung brennen sie.«

Die Malerin sagte: »Sie hat diese überhitzten Augen.« Rodberte: »Sie ist unintelligent und überspannt.«

»Ich weiß manchmal nicht«, erklärte Miß Hobbema fortfahrend, beide schlanken und braunen Hände in den Kokosgürtel gesteckt, »ich weiß manchmal nicht, wie es in Wahrheit mit ihr beschaffen ist, trotzdem ich hier etwas berichten muß, wodurch Ihre letzte ziemlich deutliche Erklärung, Fräulein Kalb, wie es scheint, bestätigt wird. Sie behauptet nämlich nichts Geringeres als, ihr müsse etwas Ähnliches widerfahren sein wie das, was in der herrlichen Darstellung durch Fra Angelico an einer Wand von San Marco zu Florenz durch einen Engel der Jungfrau verkündigt wird. Sie könne es sich nicht anders denken und es gäbe nur diese eine Möglichkeit.«

Annis Entsetzen war ungeheuer.

»Ich habe so etwas schon lange geahnt«, sagte sie, »denn ich bin ja nicht blind und sehe ja, was für ein kindisches, überspanntes und lächerliches Unwesen trotz aller meiner scharfen, unzweideutigen Äußerungen bereits eingerissen ist. Noch gestern, Gott soll mich bewahren! aber ich denke ja – um mit einem Schulausdruck zu reden –, ich denke ja, daß mich der Affe laust, – also noch gestern erst höre ich da hinter einer Hütte ein Gott weiß wie zärtlich gesungenes Kinderliedchen: ›Sause, liebe Ninne, was raschelt im Stroh . . .‹, und so weiter. Ich trete hinzu. Hat sich da ein rothaariger Rubensscher Bauernstrunk, der überall, soweit man noch von Bedeckung reden konnte, nur so überquillt, – hat sich da so ein kerngesundes Mensch eine Rohrwiege gezimmert und wiegt, ich glaube, ein Schnabeltier. Eine Berlinerin läuft in Mannshosen herum und hat einen geklebten Schnurrbart unter der Nase. Irrsinn steckt, wie wir wissen, an. Ich warte nur drauf, daß eins der Weibsbilder zu mir kommt und mir geradezu erklärt: Präsidentin, ich bin ein Mann.«

»Warum sollen sich diese armen Weiber, nämlich die, die so geartet sind, nicht im Todeskampf ihrer Sinnlichkeit mit Illusionen behelfen!?« sagte Rodberte Kalb. »Weshalb machen wir überhaupt so viel Umstände? Für was spart man sich schließlich hier noch auf? Oder was hätte man hier für einen Grund, unbedingt bei Verstande zu bleiben, wenn man durch Tollheit glücklicher wird? Bildet sich Babette Lindemann ein, etwa mit dem künftigen Buddha gravid zu sein, nun, so lasse man ihr das Vergnügen. Oder was kann man ihr bieten, sie zu entschädigen?

Macht man nicht inmitten der Welt der Zivilisation kleine Mädchen durch Puppen mit Absicht glücklich und wahnsinnig?« fuhr sie fort. »Wäre die Puppe Babettens meinethalben nur für uns alle ausreichend. Ich würde gewiß kein Spielverderber sein. Und denken Sie, Laurence, welche Möglichkeit für unsere Notre-Dame des Dames! Warum sollte nicht der Glaube an die Puppe Babettens eine Kraft erreichen, die Berge versetzt und uns am Ende nach Europa?«

Miß Laurence sagte:

»Möchten Sie doch einmal den Versuch machen, Babetten den Buddha auszureden, nur um sich zu überzeugen, daß es unmöglich ist. Aber nun hat sie selbst einen Schritt erzwungen, der ihr, wenn noch ein Funke Vernunft in ihr ist, ihre hysterische Illusion nehmen muß. Sie hat Fräulein Doktor Egli zu sich gebeten.«

»Lupus in fabula«, sagte die Kalb, denn Fräulein Egli trat eben ein.

Fräulein Egli war zweiundzwanzig Jahre, von Mittelgröße, an Schultern und Hüften breit. Es schien sich in ihr ein Frauentypus ähnlich den Zeichnungen Baseler Frauen des jüngeren Holbein anzukündigen. Ihr Haar war von unbestimmtem, mehr dunklem Blond, aber fast ebenso reich wie das der Kalb und Miß Hobbemas und ebenso um den Kopf genommen. Ihr Gesicht war groß, breit und voll Sommersprossen, aber es wies die Form der alemannischen Rasse in hoher Vollendung auf. Der Brutalität der Kiefer und Backenknochen gesellten sich Brauen und Nase von äußerster Feinheit und Regelmäßigkeit. Das Profil war ins feinste konturiert, wobei die außergewöhnliche Feinheit und Schmalheit der Nase mit dem starken und üppigen Kinn, dem Kinn einer jugendlichen Berenike, im Gegensatz stand. Das ganze Haupt erinnerte in seinem edlen und doch volkstümlichen Schnitt an eine Gudrun, Königstochter und Magd zugleich, in Gefangenschaft. Diese Vorstellung wurde verstärkt durch ihre meist zusammengezogenen Brauen, ein gewisses verstecktes und doch nicht ganz zu verbergendes düsteres Feuer der Augen und durch den Willenskraft und Leidenschaftlichkeit verratenden, meist von schmerzlichem Ernst umspielten Mund.

»Nun erzählen Sie«, rief ihr Miß Laurence entgegen, »erzählen Sie, erzählen Sie!«

»Viel zu erzählen«, sagte die Ärztin, »habe ich nicht: nach meinem Befunde kann ich nur sagen, daß Babette Lindemann bei ihrer Vermutung nicht im Irrtum gewesen ist.«

Der Eindruck, den diese Eröffnung machte, tat sich zunächst durch eine schweigende Verblüffung kund. Dann wollte man sich den Anschein geben, als wisse man wohl, die Ärztin habe einen Scherz gemacht. Das ernste Befremden der Schwäbin, die nicht weit davon entfernt war, durch solches Betragen verletzt zu sein, machte diesem jedoch ein Ende: aber nun hatte das junge Mädchen einem Kreuzfeuer von Fragen standzuhalten. Ob sie an Wunder glaube? Ob sie vergessen habe, daß man nur eine Woche weniger als zwölf Monate auf der Insel sei? – Oder daß, mit Ausnahme Adams und Evas, jeder Mensch zwei Eltern habe? Und wo sie den Vater des Kindes zu suchen gedächte, da doch notorisch kein Mann auf der ganzen Insel sei? Sie sagte dagegen, merkbar unangenehm berührt, im Tone kühler Sachlichkeit: sie habe einen physiologischen Tatbestand festgestellt, der ja zweifellos seine natürliche Ursache habe. Damit wäre die medizinische Frage beantwortet, die an sie gestellt worden sei. Die neuerlichen Fragen müsse sie aber von vornherein ablehnen, sie gehörten nicht in den Rahmen der ärztlichen Wissenschaft. – Die Kalb wollte wissen, im wievielten Monat das Rätsel bereits auf Île des Dames heimisch sei. Nach Ansicht der Ärztin bereits im dritten; und wieder stellte man mit ihr ein Examen an, in dem der Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Diagnose sich nicht genügend verstecken konnte. Man sah nun bald, daß man sie ernstlich verstimmt und in ihrer Berufsehre gekränkt hatte, und gab sich nun ganz den Anschein, als ob man von der Wahrheit der Tatsache völlig durchdrungen sei. Fräulein Egli indessen blieb nun einsilbig und empfahl sich schnell, nachdem sie vorher gefragt, ob man noch Wünsche an sie hätte, und die Frage verneint worden war.

Nicht bei Laurence, die sich übrigens an dem ganzen Gespräch nur wenig, und zwar immer begütigend beteiligt hatte, – nicht also bei ihr, sondern bei Rodberten zumeist und auch bei der Malerin brach, kaum daß sich die Ärztin entfernt hatte, aufs neue der Zweifel aus. Er steigerte sich bis zum völligen Unglauben. »Ich glaube«, sagte Rodberte, »daß diese junge Person, die, wie sie mir erzählt hat, kaum vierzehn Tage vor der Ausreise mit dem Staatsexamen fertig geworden ist, die Gelegenheit ergreift, um sich mit ihren frischgebackenen Kenntnissen ein bißchen wichtig zu machen.« – Sie glaube das nicht, warf Laurence ein. Diese Deutsche sei ein harter, gründlicher Kopf, wofür sie genügend Beweise habe, und obgleich sie, Miß Laurence, in bezug auf Erklärung des Falles vollständig ratlos sei, würde es ihr doch schwer, die durch Fräulein Egli verbürgte Tatsache zu bezweifeln. – Dann bliebe nur eine Möglichkeit, sagte die Malerin, es müßte sich eben doch irgendwo, entweder mitten unter uns oder sonst auf der Insel, ein Mann verborgen haben.

»Erlauben Sie«, sagte Laurence, »ich werde einmal bei der Patientin selber zum Rechten sehen.« Sie ging und trat nach kurzer Zeit in Begleitung Babettens wieder ein.

»Nun, was haben Sie denn, meine liebe Babette«, lautete die Begrüßung der Präsidentin. Sie zwang sich, was Inhalt und Form ihrer Rede, Stimmton und Ausdruck ihres Gesichts betraf, zu dem ihr möglichen höchsten Grade von Liebenswürdigkeit. Die Absicht war, vertraulich zu scheinen und eben dadurch vertraut zu machen. – »Nun, meine liebe, beste Babette, was bringen Sie denn? Kommen Sie, setzen Sie sich, Babette. Ich muß Ihnen gleich ein Kompliment machen. Sie haben sich verjüngt und verschönt. Rodberte, liegt nicht über ihr geradezu etwas Festliches? Wenn es hier eine Post gäbe, würde ich sagen, Ihnen hat heute ganz gewiß der Briefträger eine wundervolle Nachricht gebracht, etwa vom Tod einer alten Erbtante oder daß der Herzallerliebste kommen wird, um Sie heimzuführen. Wie sie lächelt! Welches Licht, ein glückliches Licht, in ihren Augen ist. Beichten Sie, schütten Sie uns Ihr Herz aus, Babette.«

»Also wissen Sie es noch nicht«, sagte mit tiefgezogenen Wimpern schamhaft und doch gleichsam selig errötend Babette. »Die edle Miß Laurence sagte mir nämlich, Sie wüßten von der Bestätigung.« – »Ja und nein«, sagte die Malerin. »Ich kann wahrhaftig nur ja und nein sagen. Sie werden mir ja doch zugeben, liebste Babette, daß der ganze Vorfall nicht nur im gewöhnlichen Sinne ungewöhnlich ist, sondern im ungewöhnlichen Sinne außergewöhnlich.« – Das wurde mit Feierlichkeit bestätigt. »O ja, o freilich, das ist er gewiß.«

»Können und wollen Sie uns nun sagen, wie es nach Ihrer Ansicht so gekommen ist?« fuhr die Präsidentin fort. – »Das kann ich, das will ich«, war die Antwort, »soweit nämlich nicht das Allerheiligste, das Unaussprechbare mit im Spiele ist.« Sie wiederholte versonnen: »Das kann ich, das will ich.«

Man machte nun mit vieler Sorgfalt für das Wundermädchen einen Sitz zurecht und gestand sich, daß etwas innig Verzücktes, eine Art Verklärung über sie ausgegossen war. Sie legte versonnen die Hand auf die Stuhllehne und ließ sich in einer Weise nieder, die bewies, daß ihre Aufmerksamkeit auf etwas im tiefsten Grund ihrer Seele Verborgenes gerichtet war. Dann hob sie plötzlich den Blick empor, um ihn fest in Annis Augen zu senken.

Sie sprach: »Ich habe das lange erwartet. Ich ahnte schon in Benares, als ich das Bad im Ganges genommen hatte, es müsse eines Tages so kommen, wie es gekommen ist. Es mag gegen Anfang Dezember gewesen sein, als sich die Welt um mich her veränderte. Ich merkte, merkte ganz im geheimen, daß ich mit neuen Sinnen begabt worden war. Oder anders und vielleicht besser gesagt, jeder meiner Sinne schien vertieft und vervielfältigt. Ich glaubte plötzlich zu wissen, wie jeder Sinn, das Auge, das Ohr, eine Unendlichkeit von Sinnen mit unendlich vielen Erkenntnisorganen darstelle. Von allen Seiten, beinahe zu stark für mich, zu mächtig für eure arme Magd, drangen die neuen Dinge durch die neuen Sinne in mich ein.«

Nachdem sie das gesagt hatte, starrte Babette gedankenvoll lächelnd vor sich hin.

Sie besaß jenen Reiz, der schwärmerischen Naturen eigen ist. Obgleich ihr im ganzen zierlicher Körper in der Wärme und Ruhe dieses glücklichen Klimas ebenfalls eine gewisse Fülle erlangt hatte, ihr Antlitz, ein schönes Oval, mit anmutsvollen Grübchen behaftet war, lag doch eine schmachtende Blässe über ihr, die auf verzehrende Sehnsucht und Nachtwachen deutete. Sie trug das gewöhnliche Frauenhemd, darüber einen mit Leibchen verbundenen blauen Rock, Sachen aus dem kleinen Bestande, den sie gerettet hatte. Es war, als ob sie durch Schlichtheit und Verhüllung gegen die malerische Hüllenlosigkeit der üblich gewordenen Trachten auftreten wollte. Ihr dunkles Haar war gelöst und sammelte sich in ihrem Schoß.

Man hatte ihr Schweigen nicht unterbrochen, um nicht den Eindruck zu machen, als dränge man sie, und so Mißtrauen und Widerstand in ihr aufzurufen. So fing sie denn auch wirklich von selber wieder zu sprechen an:

»Nun also, ich weiß ja, daß ich mich der edlen und guten Laurence gegenüber befinde, unsrer edlen und guten Mutter Präsidentin gegenüber befinde und der hochgebildeten, durchblickend klugen, edlen und guten Rodberte Kalb; warum sollt' ich denn meine Gnadenerfahrung nicht mitteilen? Ich wußte plötzlich die heimlich himmlische Ursache, die kosmische Ursache, die außerkosmische Ursache, aus der ich auf diese Wunderinsel gebracht worden bin. Und denken Sie, ich habe sie plötzlich wiedererkannt. Denn lange bevor ich körperlich hier landete, war ich nachts mit der Seele hier und empfand das deutlich vor, was mir nun begegnet ist.«

Sie hielt die bebenden Hände in ihrem Schoß und in die Flut ihres Haares verwühlt: nun tropften Tränen darauf herunter.

»Wenn ich weine«, sagte sie, »ist es Glück. Sie müssen mir glauben, Sie dürfen nicht daran zweifeln, daß ich eine Wissende bin. Dunkel wußte ich ja von alledem schon von Kindesbeinen an. Die Weihrauchwolken von diesem Eiland meiner Bestimmung haben schon meine Wiege eingehüllt. Eia! Da sah ich es schon gar lieblich in meinem Traum und wandelte schon glückselig in seinen wollustreichen Hainen herum, schwamm selig in seinen Flüssen und Buchten. Freilich, als ich mit meiner Dame das Schiff bestieg, die Welt zu umkreisen, da schien es ein Zufall. Außer daß mich oft heimlich ein rätselhafter Schauer überkam, durfte sich nach dem Plane der heiligen Prädestination nichts meinem Herzen so früh verraten. Kurz« – sie schlug die Augen zu vollem Glanze auf –, »ich trage den Sohn eines Gottes, den Friedensfürsten der Welt, in meinem Schoß.«

»Meine liebe gute Babette«, sagte die Malerin, »Sie müssen selber fühlen: was Sie uns da zu hören geben, ist für uns einfache Sterbliche, na, jedenfalls eine harte Nuß, wie man sagt. Ich gestehe gern, ich bin nicht wissend. In meinen Jugendträumen hat zwar die allbeliebte Insel der Seligen auch schon ihre Stätte gehabt, aber keineswegs gerade diese Insel und ihre mysteriöse Bestimmung. Deshalb seien Sie lieb, und helfen Sie meinem Durchschnittsverstande nach.«

»Sie müssen wissen, ich habe in England die heißen Bewerbungen eines älteren Lords, in Frankreich die Bewerbungen eines jungen Menschen abgelehnt, der seinen Namen nicht nennen wollte. Aber eine Gräfin sagte zu mir: ›Babette, der Prinz beklagt sich über Sie.‹ Ein berühmter Dichter in Deutschland hat um meinetwillen sein Weib verlassen. Was konnte ich tun? Ich habe ihm auch dann nicht den kleinsten Vorteil gewährt. Er tat mir leid. Doch was konnte ich tun gegen meine Bestimmung?«

»Gut, gut, Sie haben uns ja gesagt, daß Sie Ihrer Bestimmung im allerhöchsten Sinne bereits erlegen sind«, unterbrach sie Anni wiederum, und es war ihr doch eine gelinde Ungeduld anzumerken, da sie gegen alles, was sie unter Hysterie verstand, einen mitleidlosen Abscheu hegte. »Es wäre doch nun gut, damit wir in die Lage kommen, in der Behandlung Ihres Falles nichts Verkehrtes zu tun, uns einen Wink zu geben, wie dieses übernatürliche Ereignis im Bereiche der natürlichen Welt möglich geworden ist. Genauer gesagt, Zeus hat sich der Europa als Stier gezeigt, der Semele als ein schöner Jüngling, bevor sie an seiner wahren Gestalt zugrunde ging, der Leda als Schwan, und so fort und so fort. Wie ist er nun also Ihnen begegnet?«

Babette schüttelte ganz entschieden den Kopf. Dann sagte sie sehr bestimmt und ernst: »Nein, Mutter Präsidentin, Zeus war es nicht.« Dabei war das Lächeln um ihren feinen Mund fast geringschätzig. – In diesem Augenblick stand es im Geiste der Hörer beinah fest, daß man es mit einer Verrückten zu tun hatte. Man verwarf bei sich die Diagnose der Ärztin wiederum und wollte nur noch wissen, in welche bestimmte Form der Wahnwitz Babettens sich kleidete. Man fragte: »Wenn es nun Zeus nicht war, wer war es dann?«

»Mukalinda war es«, sagte Babette.

Die Präsidentin sah Rodberte Kalb und diese die Präsidentin mit ziemlich dummem Ausdruck an, während Miß Laurence ernst und aufmerksam zuhörte. Dann fragte die Präsidentin: »Wer ist denn das?«

Die Brust Babettens hob sich zu einem tiefen Atemzug, dann antwortete sie mit Umständlichkeit: »Damals, als der Vollendete, der Heilige vollkommen erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte noch auf der Erde war, pflegte er einstmals der Betrachtung unter dem Mukalindabaum. Sieben Tage lang saß er da mit gekreuzten Beinen. Aber es kamen große Unwetter, schwarzes Gewölk, das ununterbrochen stürmend Schnee, Hagel und Regen über ihn goß. Da war es, als der Schlangenkönig Mukalinda seine Behausung verließ und mit seinem Körper sieben schützende Ringe um den Erhabenen legte und über den Kopf des Erhabenen schützend sein großes Haupt. Dafür ward Mukalinda gesegnet, als er in Gestalt eines schönen Jünglings vor den Erhabenen trat. Was ist aber Zeus, verglichen mit Mukalinda, dem Gesegneten?

So aber, ihr Frauen, ging es zu. Deborah, die junge Jüdin, schläft mit mir in einem Zelt. Sie nahm ihr Bett, da ihr die Luft im Zelt – es wehten damals heiße Winde – zu drückend war, und bettete sich unter einen Baum am Ufer des Fleuve des Dames. Auf diese Weise blieb die Tür unsres Zeltes offen und ich allein. Nun aber befiel mich eine gewaltige Unruhe. Oh, ihr Frauen, eine ähnliche Unruhe, eine ähnliche Erwartung hatte ich nie gefühlt! Das Mondlicht drang zur Tür herein. Dann kreischte ein Vogel im nahen Wald. Der Ruf galt mir, das konnte ich schon verstehen. Oh, gute und edle Frauen, mein Herz schlug gleichsam hier in der Kehle. Da flüsterte etwas: Wisse, du bist ein Weib! Und schon war ich in einem mehr süßen als furchtbaren Schrecken aufgesprungen. Ich wußte nicht, ob ich noch träume oder soeben erwacht wäre. Da war ja der Fluß, eine breite, silberne, schuppige, wühlende Schlange, gleißend dahinkriechend. Eben noch hatte ich ihr Rascheln und Rauschen gehört, nun aber war alles ohne Laut. Plötzlich brach es fast ohrenbetäubend wieder vor, um ebenso plötzlich wieder abzuschneiden. Ich horchte gespannt und wie jemand, der sterben müßte, wenn das nahe, erwartete Glück sich wenden, sich nicht dem Schmachtenden, dem sich in Liebe Verzehrenden schenken würde. Ich flüsterte: Göttlicher, komm und mache mich satt! Alles blieb still, so gierig ich auch nach jedem Laut auf der Lauer lag. Wiederum sprang ich auf. Mein ganzer Körper war schmerzhaftes Licht geworden. Ich brannte innen, mein ganzer Leib war zum Verbrennen heiß. Die Glut, den Durst willst du löschen, das schmerzhafte Licht willst du löschen. Die kleinen Dämonen, die silbernen Schlänglein, die wie knisternde Blitze aus deiner Haut fahren. Geh, dachte ich, lösche dein brennendes Fleisch.

Ich weiß nicht, habe ich nun im Fluß gebadet oder nur gedacht, ich wollte die aufgespeicherte Sonnenglut des Tages hineinschütten. Ob träumend, ob wachend, mich umspülte die Flut, und da war es, wo Mukalinda in Jünglingsgestalt mich bei der Hand faßte. Aber wie stark war diese Hand, obgleich er scheinbar beinahe noch Knabe war. Und wie furchtbar seine Gewalt, als ich, ich weiß nicht, wie dahin gekommen, ohne mich regen, ohne atmen, ohne schreien zu können, wieder im Zelt auf meinem Bette lag. Ich stöhnte: Gnade! Lockre doch deine sieben Ringe, Mukalinda, o Mukalinda, lockre sie doch! Oh, Mutter Präsidentin, wie habe ich da die erstickende, wogende Kraft der sieben göttlichen Ringe um meinen ganzen Leib, um alle meine Glieder gespürt; ich dachte, es sei meine letzte Stunde. Aber da, eia, oh, Mukalinda, oh, Mukalinda! Da brach er mit mir durch sieben Himmel. Und im siebenten war ein purpurnes, blumenbedecktes Pfühl aufgetan, und dort eben hat die mystische Hochzeit stattgefunden.«

»Es ist weiter darüber kein Wort zu verlieren«, sagte die Malerin, als Miß Hobbema Babette weggeführt hatte. »Wir haben hier einen Fall von Hysterie, wo sich ein unbefriedigter Organismus das einbildet, an dessen Mangel er gerade krankt.« – »Und so hätten wir gleich den Mangel, Anni, den ich vorhin schon berührte«, gab Rodberte zurück, »zu dem Ihr Werk, unser allzu reiner Amazonenstaat, leider für alle Zeiten verurteilt ist. Wäre es dieser Mangel allein, so möchte die Sache am Ende noch hingehen. Er bildet aber einen dauernden Herd von Krankhaftigkeit. Ein Beispiel haben wir eben erlebt, und geben Sie acht, es werden bald andere folgen. Wer wüßte denn nicht, wie leicht ein solcher Wahnsinn um sich greift, auf andre Subjekte übergreift, in denen dieselbe Disposition vorhanden ist.«

»Da ist es schwer einen Riegel vorstoßen«, sagte die Malerin. »Droht uns von dieser Seite Gefahr, so weiß ich augenblicklich wahrhaftig nicht, wie man ihr mit einiger Aussicht auf Erfolg entgegentritt. Die poetische Geistesrichtung und der Einfluß der guten Laurence gießen da nur höchstens Öl in den gefährlichen Brand hinein, oder auf andre Weise ausgedrückt: ihre mythologische, schönheitstrunkene Schwärmerei ist nicht geeignet, den Locus minoris resistentiae unsrer Kolonistinnen mit größerer Widerstandskraft auszurüsten.

Ich denke, wir lassen die ganze Geschichte einstweilen ruhn und fassen sie nur von der Seite auf, mit der sie unsre Chronik bereichert. Ich hoffe, liebe Kalb, Sie haben gut zugehört.« – Nur Rodberten war nämlich wegen der beschränkten Mengen an Tinte, Federn und Papier das Schreiben mit diesen Materialien erlaubt, aber sie hatte damit die Pflicht übernommen, das Leben auf Île des Dames von Tag zu Tag in einer genauen Chronik festzuhalten.

Thorgerd Grimm hatte, wie immer erfinderisch, ein sogenanntes Tamtam verfertigt, und zwar auf dem Wege über ein Durchschlagsieb, das ehemals herzustellen Augusten, dem Mädchen der Präsidentin, gelungen war. Das Küchengerät wurde einfach mit einem Lappen gegerbter Haut eines Zwergkänguruhs überspannt und anfänglich mit einem Quirl, später mit einem sorgfältig ersonnenen Schlegel bearbeitet. Die Pauke wurde eines Tages durch die schöne Mulattin Alma in der Weise gerührt, die für den Fall verabredet war, daß man die Vorsteherinnen der Zehnschaften zusammenrufen wollte. Bald darauf fanden sich denn auch Frau Rosenbaum, Rodberte Kalb, Miß Laurence und Miß Tyson Page auf dem Rathause ein, wo Anni Prächtel, die Präsidentin, umgeben von einigen anderen Damen, sie erwartet hatte. Die forschenden Blicke der Herbeigeeilten, die gern gewußt hätten, welcher Anlaß der ungewöhnlichen Maßregel zugrunde lag, vermochten nicht hinter die gelassene Miene der Präsidentin zu dringen, über die allerdings manchmal ein leises Schmunzeln ging, was zum mindesten nicht auf einen tragischen Vorfall hindeutete.

Die fünf Gewaltigen setzten sich um den ovalen Versammlungstisch, an dem dann auch die übrigen Anwesenden Platz nahmen: nämlich die Ärztin, Thorgerd Grimm und Gerte Bergmann, die Geigerin.

Anni begann:

»Meine Damen, ich habe Sie zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenberufen. Da ich, wie Ihnen bekannt sein muß, nur in äußersten Notfällen Ihre Ruhe durch eine solche Maßregel störe, werden Sie sich mit Recht sagen, mein Beweggrund könne kein geringer sein. Nein! Ich habe Ihnen auch in der Tat etwas sehr Ungewöhnliches mitzuteilen, wenigstens wenn man unsre Lage in Rücksicht zieht.

Um Sie nicht auf die Folter zu spannen und Ihnen falsche Vermutungen zu ersparen, bemerke ich gleich: nichts von dem, worauf Ihre Gedanken in diesem Augenblick verfallen könnten, kommt für das, was wirklich geschehen ist, in Betracht. Weder hat man ein Schiff gesichtet, noch hat der Briefträger einen Brief aus Europa gebracht, noch ist jemand erkrankt, verunglückt oder gestorben. Auch ist weder ein Menschenfresser, ein Tiger noch eine Klapperschlange gesichtet worden. Vermuten Sie etwa Rebellion, so mögen Sie wissen, daß niemals ein gut fundierter Staat ruhiger als der unsre gelaufen ist. Auch ein Staatsstreich, eine Revolution von oben, etwa ein monarchischer Putsch, bleibt außer allem Betracht. Ich denke, Sie kennen mich zur Genüge, um zu wissen, daß ich mir eher die Hand abhacken als sie nach der Krone ausstrecken würde. Île des Dames bleibt frei. Das ist so gewiß, als ob ich zehntausend furchtbare Eidschwüre auf unsre republikanische Verfassung feierlichst abgeleistet hätte.«

Die Damen lächelten ein wenig verwirrt. Sie wußten nicht recht, wo Anni hinauswollte.

»Ich möchte ferner noch so viel vorausschicken«, fuhr diese fort, »lassen Sie sich nicht etwa, wenn Sie meine Eröffnung gehört haben werden, zu dem Irrtum verleiten, ich sei blödsinnig. Sie lachen. Die Sache ist gar nicht lächerlich. Ich habe mich selbst mehr als einmal gefragt, ob ich meinen Verstand noch beisammen habe. Es ist nämlich eine sehr, sehr harte Nuß, die er da zu knacken hat. Wäre mein Verstand ein Gebiß, er hätte sich längst alle Zähne dran ausgebissen. Ich wette, Sie geben mir recht, wenn Sie eine Weile selbst Nußknacker gespielt haben werden. Dennoch: ich bin gewiß nicht verrückt. Sie müssen sich von dieser so naheliegenden Meinung, es könnte eine Feder in meinem Gehirnkasten gesprungen sein, unbedingt frei machen.«

Infolge dieser Worte stieg natürlich die Spannung der Zuhörer. Aber es hatte den Anschein noch nicht, als ob die Präsidentin durch den Grad dieser Spannung bereits befriedigt sei. Sie hob wiederum an:

»Halten Sie das also fest, meine Damen, halten Sie das unter allen Umständen eisern fest, meine Freundinnen und Gefährtinnen, daß ich voll bei Verstande, nicht irgendwie aus dem Lot und närrisch bin! Übrigens ist, was ich mitteilen werde, eine Tatsache. Aber gerade der Umstand, daß Sie es mit einem unzweifelhaften Faktum zu tun bekommen, macht meine Lage so lange gefährlich, als ich von ihr nur erzählen kann. Es ist nämlich von solcher Art, daß Sie, bevor Sie der Augenschein überführt, durchaus nur von meiner Tollheit sich überzeugt halten können. Also Achtung, Damen, ich bin nicht toll! Achtung im weiteren, damit nicht etwa die bloße Voraussetzung geistiger Anomalie bei Ihrer Präsidentin auf Sie zurückwirke und Sie selbst anormal mache. Dies geschähe durchaus nicht zum erstenmal. Und der leidige Satan beginnt oft sein nichtswürdiges Spiel mit einer Spiegelfechterei, darin er einen Zustand des Verderbens lügt, damit wir ihn als unentrinnbar vorhanden annehmen und ihn so erst tatsächlich hervorrufen. Nein, beim Himmel, ich bin nicht toll. Aber die Sache ist um so toller.«

»Handelt es sich am Ende wieder um die Fischverteilung, Präsidentin?« fragte Frau Rosenbaum. »Da kann ich nur sagen, ich habe die Sache selbst in die Hand genommen, und keine Seele darf sich beklagen.«

»Wäre es das, meine vorbereitende Rede könnte viel kürzer sein.«

»Ist es vielleicht der Unfug, den eine Anzahl Frauen und Mädchen getrieben haben«, warf Miß Page jetzt ein, »die sich, wie sie behaupten, von einer unwiderstehlichen Raserei befallen, auf den Mont des Dames gezogen haben, wo sie vier oder fünf Tage und Nächte hindurch vor Palmwein, Tanz und Taumel nicht zur Besinnung gekommen sind?«

»Ich habe bereits gesagt, liebe Mitbürgerinnen«, rief die Prächtel aus, »ganz vergeblich ist jeder Versuch, zur Nutzlosigkeit verdammt, der dieses Begebnis irgend erraten, meiner Eröffnung vorgreifen will. Halten Sie immer nur fest: ich bin nicht toll, und wir alle müssen bei klarer Vernunft bleiben!

Es sind Symptome vorhanden, die das letztere zu unsrer vielleicht schwersten und wichtigsten Aufgabe machen.

Wir sind nun im ganzen ein Jahr sechs Monate auf der Insel. Frauen, nur Frauen, bedenken Sie das! Die maniakalischen Anwandlungen, die Sie erwähnten, liebe Page, sind ja nur eins unter vielen Anzeichen dafür, daß eine schleichende Zersetzung oder zum mindesten eine Umlagerung unserer kolonialen Psyche im Gange ist. Die geistige Inzucht bekommt uns nicht. Übrigens kann ja nicht einmal von einer solchen die Rede sein. Gehört doch auch zur geistigen Zeugung wie zur physischen Mann und Weib. Wir kranken an einer geistigen Haltlosigkeit. Und wie wir mehrere ewige Feuer unterhalten mußten, ehe wir unsren Feuerbohrer in Gang brachten, so geht es mit unserer Geistigkeit. Sie brennt und brennt noch von Olims Zeiten. Etwas dem Feuerbohrer Analoges, was uns den heiligen Quell des terrestrischen oder himmlischen Urfeuers wieder erschließen würde, haben wir nicht. Uns fehlt der Bohrer, uns fehlen die Reibungen, der, natürlich geistige, Kampf – bitte, mich nur nicht mißzuverstehen: ich meine den Kampf zwischen Mann und Weib.«

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