Kitabı oku: «Mutige Studenten»
Geri Schnell
Mutige Studenten
Jagt nach Diamanten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Aufbruch zum Dschungeldorf
Anna
Neues aus dem Dschungel
Studentenalltag
Die Kiste
Schiffbrüchige
Falsche Angaben
Lösungen sind gefragt
Zusammenhänge
Dschungelberg
Interessenkonflikt
Wer ist Jörg Herbst?
Besuch aus Zürich
Die Scheidung
Ein kritischer Vortrag
Der Einbruch
Die Fahrradtour
Semesterabschluss
Reise nach Paraguay
Semesterferien
Überraschungen
Expedition ins Mato Grosso
Unter Weltraumfreaks
Überlebenskampf
Börsenkasino
In Gefangenschaft
Eine erste Spur
Im brasilianischen Gefängnis
Die Überraschung
Tallahassee
Endlich Ferien
Die Trauminsel
Kendari
Planänderung
Die Flucht
Auf hoher See
Darwin
Auf Forschungsreise
Die Hochzeit
Weitere E-Books von Geri Schnell
Impressum neobooks
Aufbruch zum Dschungeldorf

Cover kreiert von Beatrice Schnell
Korrekturen M. Moser
Olivia beobachtet, wie sich das Boot langsam einer Bucht nähert. Das Boot bringt sie auf die Insel Pulau Taliabu. Vom kleinen Ort Desa Tikong aus, wird sie mit einem Fahrzeug in den Dschungel fahren. Es ist geplant, dass sie sechs bis acht Wochen bei einem einheimischen Stamm wohnen wird. Bis ins Dschungeldorf ist noch ein weiter Weg. Die Uni Basel hat alles organisiert, doch es ist anzunehmen, dass es noch einige Probleme geben wird.
Die ersten Probleme gab es bereits in Jakarta. Die Visa zum Besuch dieser Insel werden sehr restriktiv gehandhabt. Der grösste Teil der Insel steht seit Jahren unter Naturschutz. Deshalb sieht man es nicht gern, wenn sie von Europäer besucht wird. Sogar einheimische Studenten bekommen nur in seltenen Fällen eine Bewilligung.
Nur dank den guten Beziehungen von Professor Tobler, hat sie es doch noch geschafft ein Visum zu bekommen. Als Gegenleistung werden vier Studenten aus Indonesien in der Schweiz zum Forstwart ausgebildet.
Olivia ist froh, dass sie endlich in ein ruhigeres Gewässer einfahren. Das kleine Boot schwankt auf dem offenen Meer stark. Ursprünglich war ausgemacht, dass sie mit einem Helikopter eingeflogen wird, doch davon wollte man in Jakarta nichts wissen. Mit einem Flugzeug flog sie nach Bobong. Dort wurde ihr Gepäck auf ein kleines Boot verladen, da musste sie auch ihr Handy abgeben.
Nun sind sie schon fünf Tage mit dem Boot unterwegs. Immer wieder besuchten sie kleine Küstenorte und luden Waren aus. Olivia muss sich umstellen. Hektik bringt hier nichts. Den Leuten läuft die Zeit nicht davon. Das Wort Eile gibt es in ihrer Sprache nicht.
Vorsichtig steuert der Bootsführer das Boot in die Bucht. Er muss achtgeben, dass sie nicht auf Grund laufen. Das Wasser ist nicht tief und zudem gibt es Korallen, die nahe an die Wasseroberfläche reichen, die darf man nicht beschädigen.
Endlich ist das Boot am Steg vertäut und die wartenden Frauen beginnen mit Ausladen. Der Lastwagen kann nicht bis zum Landungssteg vorfahren, deshalb muss Olivias Material von Frauen zum Lastwagen gebracht werden. Geschickt balancieren die Frauen die teilweise unförmigen Lasten auf ihren Köpfen. Es wird Olivia einige Dollars an Trinkgeldern kosten. Man hat sie entsprechend mit kleinen Scheinen ausgerüstet.
Am Landungssteg winkt ihr ein junger Mann zu. Das ist sicher Jusuf, er wird sie auf der Fahrt begleiten. Erstens verlangt dies die Regierung und zweitens, ist es sicher kein Nachteil, wenn sie jemand dabei hat, welcher sich mit den Örtlichkeiten auskennt und die Sprache versteht.
«Hallo, sie sind sicher Miss Hauser?», begrüsst sie Jusuf auf Englisch, «ich bin Jusuf», erklärt er und lächelt.
«Ja, ich bin Miss Hauser», lächelt sie zurück, «bitte nenne mich Olivia, das ist persönlicher.»
Mit kritischem Blick mustert Jusuf seinen Gast. Die blonden Haare und ihre Körpergrösse, von einem Meter siebzig, sind auf dieser Insel eher selten. Sie verwirren ihn. Dank ihren strahlenden blauen Augen findet er die Fassung wieder.
«Olivia, ein schöner Name. Komm ich zeige dir den Lastwagen», erklärt er voller Stolz.
Olivia folgt ihm durch das kleine Dorf. Die Häuser bestehen aus Bretterverschlägen und sind meistens mit Blechen von aufgeschnittenen Fässern bedeckt. Der Weg ist mit Schlamm bedeckt und sie ist froh um ihre guten Schuhe.
Hinter einem grossen Busch steht der stolz angekündigte Lastwagen. Doch Olivia findet nichts, worauf man stolz sein könnte. Der Lastwagen ist ein uraltes Relikt aus der Zeit, als man hier noch Tropenhölzer fällte und versuchte eine Holzindustrie aufzubauen. Dieser Versuch scheiterte zum Glück an den Bedingungen. Es gab keine Möglichkeit mit grossen Schiffen das Dorf zu erreichen. Deshalb wurde der Versuch relativ schnell aufgegeben und die Insel zum Naturschutzgebiet erklärt.
«Ein guter Lastwagen», erklärt Jusuf, «ist das einzige Fahrzeug in dieser Gegend.»
«Ich hoffe, das alte Ding läuft noch», entgegnet Olivia, «ein Fussmarsch wäre zu anstrengend.»
Mit einem zuversichtlichen Grinsen beantwortet Jusuf ihre Bedenken. Er ist etwa eins siebzig gross, mit braun glänzender Haut und breiten Schultern. Für Olivia dürfte er etwas grösser sein, doch er gefällt ihr recht gut.
Jusuf springt auf die Ladefläche und verstaut die Kisten, welche von den Frauen angeliefert werden. Lediglich den Rucksack mit Olivias persönlichen Sachen hängt sie sich selber um.
«Komm, ich zeige dir, wo du heute Nacht schlafen kannst», erklärt Jusuf, nachdem er eine Plane über die Kisten gespannt hatte, «wir haben für dich ein Feldbett, die Hängematten sind für Europäer etwas unbequem».
Ihr reicht es schon, dass sie ohne das Schwanken des Schiffes schlafen kann. Im Dschungeldorf wird sie sich später noch an die Hängematte gewöhnen müssen.
«Ich lade dich ein, auf dem kleinen Platz hinter dem Dorf werden heute Abend Fische gebraten und eine kleine Feier veranstaltet, es würde uns freuen, wenn du unsere Einladung annimmst.»
«Ja gerne, kann ich mich noch etwas frisch machen?»
Die Frage war eigentlich nicht nötig. Sie zieht die Schuhe aus und springt vom Steg, im Shirt und den Shorts in Meer. Schon beim untertauchen sieht sie, dass sie in ein Traumwelt eingetaucht ist. Die Augen brennen, aber diese fantastische Unterwasserwelt muss sie einfach sehen. Immer wieder taucht sie zu den Korallen ab und kann nicht genug sehen. Als sie kurz auftaucht, erinnert sie Jusuf daran, dass sie noch eingeladen ist und sich beeilen muss. Sie watet aus dem Wasser. Ihr Shirt klebt an ihrem Körper. Ihr BH zeichnet sich deutlich ab. Jusuf wird etwas verlegen und weiss nicht wo er hinschauen soll.
«Gibt es eine Dusche», fragt sie Jusuf.
«Natürlich, die Hütte hat nebst dem Bett auch eine einfache Dusche, ich warte am Feuer auf dich, du kannst es nicht verfehlen.»
Die Dusche war kalt und das Wasser reichte kaum aus, das Shampoon auszuwaschen. Dann suchte sie ihm Rucksack ihre besten Jeans heraus und machte sich mit hochgesteckten Haaren auf, zum Feuer.
Der über dem Feuer gebraten Fisch schmeckt ausgezeichnet. Trotzt erheblichen Sprachproblemen wird es ein lustiger Abend. Doch schon kurz nach Sonnenuntergang zieht man sich zurück. Man will morgen bei Tagesanbruch aufbrechen und Olivia braucht dringend noch etwas Schlaf. Wer weiss, wann sie wieder in einem Bett schlafen kann?
Es ist noch dunkel, als Jusuf an ihre Türe klopft. Sie windet sich aus dem Schlafsack und schiebt das Moskitonetz zur Seite. Verschlafen öffnet sie die Türe.
«In einer halben Stunde fahren wir los», erklärt Jusuf und stellt ihr einen Krug mit heissem Kaffee auf den Tisch, «beeil dich, der Fahrer wartet nicht gerne, jede Minute ist kostbar.»
Ein kurze Dusche und schon ist Olivia munter. Auf was hat sie sich da eingelassen? Doch für Bedenken ist es zu spät, jetzt kann sie nicht mehr abbrechen.
Sie setzt sich eben hin, um den Kaffee zu trinken, als von aussen ein ohrenbetäubender Lärm zu hören ist. Eine Fehlzündung nach der anderen weckt das ganze Dorf. Olivia befürchtet, dass der Motor nie in Gang kommt. Als sie den Kaffee getrunken hat, läuft der Motor bereits ohne Unterstützung des Anlassers. Noch könnte man ihn nicht belasten, immerhin, er tönt immer besser. Es wird Zeit, dass sie ihre Sachen in den Rucksack verstaut und zum Lastwagen eilt.
Während Jusuf hinten auf der Ladefläche sitzt, hat sie das Privileg, neben dem Fahrer zu sitzen. Ein wilder Kerl. Leider versteht er kein Wort Englisch, alles deutet auf eine langweilige Fahrt hin.
Noch immer ist der Fahrer bemüht, den Motor besser einzustellen. Durch sanftes Antippen des Gaspedals versucht er, den Motor in Schwung zu bringen. Der Motor beantwortet seine Bemühungen mit einer dicken schwarzen Rauchwolke, die aus dem über der Fahrerkabine angebrachten Auspuff in den Himmel entweicht.
Ein breites Grinsen des Fahrers deutet darauf hin, dass es gleich losgeht. Geräuschvoll legt er den ersten Gang ein. Dann gibt es einen kleinen Ruck und der Lastwagen setzt sich in Bewegung. Zuerst nur langsam und von heftigem Rucken begleitet, doch dann schafft er es, den zweiten Gang einzulegen, nun wird die Fahrt schneller und ruhiger. Die Strasse ist in einem recht guten Zustand und mit dem ersten Sonnenstrahl verlassen sie das Küstendorf.
Schon nach zehn Minuten wird die Strasse steiler und vor allem schlechter. Der Lastwagen braucht die ganze Strassenbreite. Die engen Kurven werden ohne abzubremsen durchfahren. Olivia hat am Anfang Angst, wenn jetzt einer entgegen kommt, dann kracht es. Erst allmählich wird sie ruhiger. Das Risiko, dass ein Fahrzeug entgegen kommt, ist ausgeschlossen, es ist ja das einzige Fahrzeug weit und breit. Zudem hört man sie sicher schon aus einigen Kilometer Entfernung.
Auch wenn der Fahrer kein Wort spricht, die Fahrt ist alles andere als langweilig. Mal rutscht der Lastwagen gefährlich auf die Seite und droht in den nun sehr dichten Dschungel auszubrechen, oder dann hängen Äste sehr weit hinunter. Geschickt weicht der Fahrer aus oder verlangsamt die Geschwindigkeit soweit, dass der Ast ohne Probleme von Jusuf weg geschoben werden kann.
Wenn die Büsche etwas Platz lassen, riskiert Jusuf einen Blick ins Heckfenster, das keine Scheibe mehr hat und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Mit gehobenem Daumen zeigt sie an, dass alles in Ordnung ist.
Für Olivia ist die Fahrt durch den dichten Urwald ein Ereignis. Sie kann sich an der unterschiedlichen Pflanzenwelt nicht satt sehen. Bei ihrem Ethnologie Studium hat sie Biologie, also die Pflanzenfauna zur Zeit der Pfahlbauer in der Schweiz, als ihr Hauptthema gewählt. Deshalb hat sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Seit der Fernsehsendung über die Pfahlbauer interessiert sie sich für dieses Thema. Sahen die Wälder zur Zeit der Pfahlbauer in der Schweiz ähnlich aus, wie dieser Urwald? Nun, in sechs Wochen kann sie die Frage hoffentlich beantworten.
Sicher hatten die Pfahlbauer keine solch halsbrecherischen Fahrten mit einem Lastwagen zu bestreiten. Der Fahrweg steigt inzwischen stark an. Auf dem glitschigen Weg ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie nicht mehr weiter kommen. Olivia hält sich krampfhaft am Haltegriff fest. Noch geht es im Schritttempo vorwärts. Auf der Ladebrücke hält Jusuf ein dickes Holzstück bereit. Als es nicht mehr weiter geht, springt er ab und schiebt das Holzstück unter die Hinterräder. So verhindert er, dass der Lastwagen zurückrollen kann.
Wie friedlich wäre es doch, jetzt in einem Einbaum über einen ruhigen See zu paddeln. Stattdessen beobachtet sie wie Jusuf mit dem Ende eines Drahtseils, welches jetzt von der Winde abgewickelt wird, versucht den steilen Weg hochzusteigen. Je höher er kommt, umso schwerer wird das Drahtseil. Olivia steigt aus, sie will ihm helfen. Mit ihren guten Schuhen hat sie besseren Halt als Jusuf, welcher barfuss im Schlamm steht. Mit vereinten Kräften schaffen sie es, einen starken Baum zu erreichen und das Seil zu befestigen.
Nun heult der Motor wieder auf. Das Seil spannt sich. Langsam bewegt sich der Lastwagen die Steigung empor. Meter um Meter wird der Lastwagen hochgezogen. Olivia und Jusuf sind damit beschäftigt, das Holzstück nachzuschieben. Nach zwanzig Meter wird die Position gesichert und das Seil an einem Baum weiter oben befestigt. Meter um Meter überwinden sie die Steigung. Endlich wird es etwas flacher und auch der Weg ist trockener. Das Seil kann eingerollt werden und es geht wieder zügiger weiter.
Stunden später scheint die Passhöhe erreicht zu sein. Auf einem kleinen Platz stellt der Fahrer den Lastwagen ab. Unter den Bäumen ist ein Unterstand. Zeit für eine Pause. Olivia sucht sich im Rucksack etwas zu essen. Noch hat sie einige Reserven mit Proviant aus der Zivilisation. Jusuf lehnt den Schokoriegel, den sie ihm angeboten hat, ab, er hat seine eigene Verpflegung. Er kaut auf einer Wurzel, noch hält sich ihr Forscherdrang im Rahmen. Sie fragt gar nicht, um welche Pflanze es sich handelt. Sie ist total erschöpft und will jetzt noch keine Experimente mit fremden Nahrungsmitteln eingehen. Später im Dorf muss sie sich an die einheimische Nahrung gewöhnen.
Nun nimmt sie den kleinen Fotoapparat hervor. Am Morgen hat sie ganz vergessen, einige Bilder von dieser abenteuerlichen Fahrt zu schiessen. Nun holt sie es nach. Von Lastwagen sieht man beinahe nichts mehr. Er ist vollständig mit einer Schlammschicht bedeckt. Während der Fahrer noch einigermassen sauber aussieht, sehen Jusuf und Olivia aus, wie wenn sie eben vom Schlammkatschen kommen. Stolz stellen sie sich vor den Laster und der Fahrer macht einige Fotos. Ihre Freundin Anna wird sich kranklachen wenn sie diese Bilder sieht. Die liegt jetzt in Basel in ihrer Studentenbude und wird noch tief schlafen. Eine solche Fahrt wäre sicher nichts für sie, da könnten ja ihre Fingernägel schmutzig werden.
Nachdem sie sich etwas erholt haben, winkt ihr der Fahrer zu. Anscheinend soll sie im Folgen. Hinter dem Unterstand führt ein schmaler Fussweg in den Wald. Sie folgt ihm mit einem mulmigen Gefühl. Der Weg steigt nochmals leicht an, ist jedoch nicht so glitschig. Sie kommen gut voran.
Nach einer Viertelstunde lichtet sich der Wald. Sie erreichen eine baumfreie Zone. Am einen Ende der Lichtung ist eine Kante sichtbar. Offensichtlich befinden sie sich auf einem Berg, dessen Flanke auf einer Seite beinahe senkrecht abfällt. Vorsichtig nähert sie sich der Kante und ist verzaubert. Von diesem Punkt aus kann man weit über die Insel blicken. Ein unglaublicher Ausblick. Der Wald unter ihr muss unendlich gross sein. Soweit man schaut, eine geschlossene grüne Decke. Sie macht zahlreiche Fotos.
«Dort ist dein Dorf», erklärt ihr Jusuf und zeigt auf einen Punkt in der Ferne.
«Das ist noch sehr weit weg», meint Olivia, «kann man diesen Felsen vom Dorf aus sehen?»
«Vermutlich nicht, die Bäume sind zu hoch. Die Dorfbewohner kennen vermutlich eine Stellen, von der aus man die Wand sehen kann.»
Olivia kann sich kaum satt sehen. So viel Natur auf einmal, hat sie noch nie gesehen. Welche Tiere leben wohl in diesem Wald? Sicher ist, man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht verläuft, man würde nie mehr herausfinden.
«Komm», erklärt Jusuf, «es gibt noch eine Überraschung!»
Jusuf folgt der Kante der Felswand und winkt. So schnell wie möglich versucht sie ihm zu folgen.
Einige Meter von der Kante entfernt sieht sie eine mit Blättern bedeckte Hütte. Jusuf geht direkt auf sie zu. Als sie sich nähern, tritt ein Mann aus der Hütte.
«Komm, hier kannst du telefonieren», erklärt Jusuf voller Stolz.
«Was, Telefonieren?»
«Ja, die Regierung hat hier ein Satellitentelefon installiert.»
«Du meinst ich kann nach Hause telefonieren?»
«Ja, und erst noch kostenlos. Die Regierung ist sehr grosszügig. Eigentlich muss Prior den Wald beobachten und Waldbrände oder andere Vorkommnisse nach Jakarta melden, doch ein privates Gespräch ist nicht verboten.»
Prior ist ein kleiner jünger Eingeborener mit einem breiten Lachen im Gesicht. Mit einem verschmitzten Grinsen bittet er Olivia ihm zu folgen.
Staunend betritt Olivia die Hütte. Prior bietet ihr einen Stuhl an. Dann bemerkt sie das Gerät. Auf einem Tisch steht tatsächlich ein Satellitentelefon.
«Hast du die Nummer, welche du anrufen willst?»
«Ihr Telefonbuch hat sie nicht mitgenommen, die Nummer ihrer Wohnung weiss sie natürlich auswendig. Schnell schreibt sie sie auf ein Blatt Papier. Prior beginnt zu wählen. Es knackt und rauscht, dann ein Summton. Wieder Knacken und endlich hört sie den vertrauten Summton. Viermal, fünfmal, sechsmal. Ist Anna nicht zu Hause?
Dann endlich die verschlafene Stimme: «Ja, was gibt’s?»
«Olivia! - Hallo Anna, ich wollte mich noch einmal melden!»
«Bist du wahnsinnig geworden, mich um sechs morgens Uhr zu wecken?»
«Entschuldigung! – Ich weiss gar nicht welche Zeit ihr in der Schweiz habt. Seit mehreren Tagen habe ich erstmals die Möglichkeit zu telefonieren, da wollte mich kurz melden.»
«Ach du bist es, Olivia», langsam wird Anna wach und begreift, wer sie anruft, «natürlich darfst du mich um diese Zeit anrufen, ich bin nur noch nicht richtig wach», entschuldigt sich Anna.
«Du glaubst nicht wo ich bin?», beginnt Olivia.
«Also, mach’s nicht so spannend, schiess los, so früh am Morgen bin ich nicht für ein Quiz geschaffen.»
Damit war der Bann gebrochen. Olivia erzählt ihrer Freundin alles, was sie in den letzten Tagen erlebt hat. Die Männer schauen sich verwundert an. Sie verstehen kein Wort was die beiden miteinander zu besprechen haben. Sie wundern sich nur, dass es so lange dauert. Was will man machen, sie haben Verständnis, schliesslich ist es für Olivia das letzte Telefongespräch für längere Zeit.
«Ach Olivia, ich muss leider abbrechen, es ist Zeit, ich muss zur Uni. Dein Anruf hat mich gefreut.»
«Gut Anna, ich mache jetzt Schluss, die Männer schauen auch schon langweilig in der Gegend rum, sie wollen weiter. Ich wollte nur, dass du weisst, das ich unterwegs bin.»
«Bist du sicher, dass du das durchstehst?», fragt Anna, «für mich tönt es sehr gefährlich.»
«Ich bin auch nicht mehr sicher, dass ich hier heil rauskomme, es dürfte eine harte Prüfung werde. Doch jetzt ist es zu spät, ich kann nicht mehr zurück. Drück mir die Daumen, ich glaube ich werde es brauchen.»
«Mach ich, - übrigens Tim hätte gern einige Steine von dieser Insel, wenn du etwas findest, bringe sie mit. Er meint die Insel könnte geologisch sehr interessant sein.»
«Geologisch interessant? – Ich sehe nur Bäume, vielleicht finde ich doch noch einige Steine, dann bringe ich sie mit, allerdings nur kleine.»
«Schon gut, wenigstens einige Steinchen, das wird ihn zufrieden stellen.»
«Also, tschüss», Olivia kommen beinahe die Tränen, sie muss das Gespräch beenden.
«Tschüss Olivia, - pass auf dich auf!»
Anna
Anna muss sich beeilen, sie hat eine Verabredung mit ihrem Professor. Auch wenn zurzeit keine Vorlesungen zu besuchen sind, Ferien hat sie keine. Der Professor will mit ihr das Thema für ihre Semesterarbeit besprechen. Sicher wartet er nicht gerne, auch wenn sie eine gute Entschuldigung hat. Das Schminken muss heute ausfallen und auch Kaffee braucht sie keinen mehr, sie ist noch total aufgedreht. Die Olivia, die traut sich was, das wäre nichts für sie.
Rechtzeitig erreicht sie das Büro von Professor Gander. Er beendet eben noch ein Telefongespräch, dann wendet er sich ihr zu.
«Guten Morgen Frau Fuchs, haben sie verschlafen?»
«Warum, sieht man es?»
«Ja, auch einem älteren Mann fällt es auf, wenn man die Schönheit der Jugend ohne Korrekturen bewundern kann», versucht sich Professor Gander herauszureden. Die Bemerkung war ihm rausgerutscht, jetzt ist sie ihm peinlich. Die Anna hat so verführerische Augen. Da wird man als Mann leicht nervös, auch wenn er weiss, dass dieser Blick nicht ihm gilt, sie schaut immer so.
«Eigentlich bin ich sehr früh geweckt worden», entschuldigt sich Anna, «Olivia hat von Indonesien angerufen, leider hat sie die Zeitverschiebung nicht berücksichtigt, das Telefon klingelte bereits vor sechs Uhr früh.»
«Wie geht es ihr?», will der Professor wissen, «ist sie nicht auf einer abgelegenen Insel?»
«Ja, sie durfte mitten im Dschungel ein Satellitentelefon benützen, da wollte sie mich über die Ereignisse der letzte Tage informieren.»
«Eine sehr mutige Frau, ich bin gespannt was sie nach ihrer Rückkehr zu berichten hat.»
«Wenn sie wieder zurückkommt! - Ich mache mir Sorgen, es hat sich sehr abenteuerlich angehört, ich glaube am liebsten würde sie umkehren. Doch das geht jetzt nicht mehr.»
«Richtig, das wird leider nicht mehr möglich sein», bestätigt der Professor, «sind sie froh, dass Sie Wirtschaft als Fach gewählt haben, da bleiben ihnen solche Abenteuer erspart.»
«Das schon, dafür ist es eine trockene Angelegenheit.»
“Upps, das hätte sie besser nicht gesagt“, denkt sie.
«Finden Sie?»
Danach hält er ein kurzes Referat über die Herausforderungen, welchen sich die Weltwirtschaft zurzeit stellen muss. Nach einer halben Stunde verlässt sie mit einem Ordner das Büro des Professors. Er scheint überzeugt, dass nur die Wirtschaftswissenschaftler die Welt vor dem Kollaps retten können. Nur wie, das liess er offen. Das ist nun die Aufgabe einer kleinen Studentin.
Als sie in ihrer Studentenbude den Ordner durchblättert, stellte sie fest, dass es doch nicht so gemeint war. Sie muss lediglich die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit untersuchen. Das hat doch etwas weniger mit der Rettung der Weltwirtschaft zu tun, als es ihr übermotivierte Professor angekündigt hatte. Viel einfacher macht es die Sache nicht. Sie wird sich vorerst auf die Suche nach Daten machen.
Nach drei Stunden intensivem Surfen im Internet, unterbricht sie die Arbeit. Sie hat noch ein Treffen mit Tim. Sie will mit ihm essen gehen. Vielleicht schleppt er sie danach noch in die Disco. Seit Olivia weg ist, kümmert sich Tim etwas mehr um sie. Da er durchaus angenehme Umgangsformen hat und dazu noch gut aussieht, hat Anna nichts dagegen.
Sie trifft Tim am Wettsteinplatz. Nach kurzer Diskussion steht fest, dass er Lust auf italienisches Essen hat. Die Pizzeria Picobello, ist ganz in der Nähe. Sie finden zwei Plätze und bestellen.
«Ich wurde heute bereits vor sechs Uhr geweckt!», beginnt Anna, «du wirst nicht glauben, wer mich geweckt hat?»
«Dürfte nicht schwer sein», sinniert Tim, «das kann nur Olivia gewesen sein.»
«Du bist unmöglich», beschwert sich Anna, «wieso findest du das so schnell heraus, das ist unfair.»
«Na, es musste jemand sein, welcher weit weg ist, in Basel würde es niemand wagen, dich um diese Zeit anzurufen. Da es sich zudem um eine gemeinsame Bekannte handeln muss, war das Rätsel nicht schwer. Was hatte sie zu berichten?»
«Sehr viel, der Anruf hatte sicher zwei Stunden gedauert. Sie fand mitten im Dschungel ein Satellitentelefon. Ich hatte den Eindruck, dass sie etwas Angst hat. Der Traum von einem Inselparadies hat sie sich vermutlich anders vorgestellt. Sie scheint tief im Schlamm zu stecken.»
«Ich war immer etwas skeptisch. Im Dschungel zu wohnen ist für uns zivilisierte nicht einfach. Olivia ist dickköpfig genug. Sie wird ihre Erfahrungen machen.»
«Sie hat übrigens versprochen, dir einige Steine mitzubringen.»
«Wieso das? Sie interessiert sich doch nicht für Steine?»
«Nun ganz einfach, ich habe sie darum gebeten», erklärt Anna stolz, «einer gute Freundin kann man keinen Wusch abschlagen.»
«Danke, ich bin schon froh, wenn sie überhaupt zurückkommt. Wenn sie einige Steine mitbringt, werde ich sie gerne untersuchen. Die Insel ist geologisch gesehen ein weisser Fleck auf der Karte.»
Der Kellner serviert das Essen und das Thema ist damit abgeschlossen. Später konnte sie Tim noch überreden, mit ihr den Fame Klub zu besuchen. So kann sie noch etwas für ihre Fitness tun. Sport ist sonst nicht ihre Sache, doch beim Tanzen ist sie Topfit. Im Verlauf des Abends rückte Tim immer näher, es kommt sogar vor, dass seine Hand ihren Busen streift, dieser Lüstling, alles wirkt rein zufällig. Dabei hätte sie gar nichts dagegen, wenn er richtig zupacken würde, doch das traut er sich nicht.
Drei Wochen später sitzt Anna wieder in ihrer Bude und grübelt über den zahlreichen Diagrammen, Statistiken und Berichten, die sie inzwischen gesammelt hat. Alles gut. - Material hat sie inzwischen reichlich, doch was soll man daraus herleiten?
Die Diagramme, welche sie ausgedruckt hat, zeigen, dass Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit eng miteinander verknüpft sind. Das ist eigentlich offensichtlich. Laufende Wirtschaft bedeutet viele Jobs. Wie soll man daraus einen Bericht verfassen. Nun zumindest kann sie mit ihren Diagramen den Zusammenhang belegen.
Sie ist vorerst zufrieden. Nun will sie erneut mit Tim ausgehen. Unter der Dusche denkt sie an Olivia. Wie geht es ihr im Urwald? Sicher kann sie sich unter einem kristallklaren Wasserfall duschen. Das muss herrlich sein. Doch dann bekommt sie Zweifel, so romantisch wird es wohl nicht sein. Überall wo sie hintritt ist der Boden schlammig, zum Essen gibt es nur Fische und ab und zu eine fette Made, nein wirklich, Olivia ist nicht zu beneiden.
Nun, sie ist selber schuld, sie hat sich freiwillig gemeldet. Einen Moment überlegt sie, ob man das Fernsehen haftbar machen kann? Nur auf Grund der Sendung über die Pfahlbauer von Pfyn, ist Olivia überhaupt auf eine so verrückte Idee gekommen.
Die Fahrt im Tram verscheucht ihre Gedanken an Olivia. Bald ist der Wettsteinplatz erreicht. Tim wartet schon, sie hat sich um eine Tram verspätet. Zum Glück ist er ein geduldiger Typ und lässt sich mit einer einfachen Entschuldigung abspeisen. In dieser Beziehung ist er ein kleiner Philosoph. Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren! ist sein Motto. Sicher wird er noch versuchen, sie zu mehr Pünktlichkeit zu erziehen, doch, zwanzig Minuten warten ist immer noch besser, als allein zu essen.
Tim schlägt vor, im schmalen Wurf zu essen. Anna hat nichts dagegen, sie will nichts riskieren, wenn er schon so lange warten musste.
Um ihn etwas abzulenken erkundigt sie sich, wie es mit seiner Semesterarbeit läuft. Dieses Thema ist genau die richtige Medizin, um seine Laune etwas aufzumuntern.
«Es ist ein interessantes Projekt», beginnt er, «so einfach, dass sogar ein Laie begreift, um was es geht. Wir klären ab, ob es Möglichkeiten gibt, dass man CO2 unterirdisch lagern kann, sodass es die Atmosphäre nicht mehr belastet.»
«Das müsste doch kein Problem darstellen», meint Anna.
«Eigentlich nicht, nur ist das Gas so leicht, dass es sich durch den Boden nach oben arbeitet, wenn man es nicht in einer gasdichten Gesteinsschicht einschliesst.»
«Das dürfte doch unter dem Meeresboden kein Problem sein.»
«Denkste, das Gas würde durch die Flüssigkeit hochsteigen, so einfach ist es nicht.»
Danach beginnt Tim ein kleines Referat, dass sich Anna schon reuig ist, das Thema angeschnitten zu haben. Wenigstens weiss sie jetzt, dass es nicht so einfach ist, die Welt zu retten. Nicht nur die Wirtschaft macht es einem schwer, auch die Natur wartet immer mit neuen Überraschungen auf.
Allerdings ist für Anna der heutige Abend gelaufen. Nach diesem Vortrag von Tim hat sie keine Lust mehr auf einen Diskobesuch. Das ist auch für ihr Budget besser, so kann sie wieder einiges einsparen.
Seit jenem Abend mit Tim hat sie sich wieder vermehrt ihrer Semesterarbeit gewidmet. Auch wenn sie gegenüber anderen Wissenschaften sehr offen ist, die Ökologie ist eher ein Feind der Wirtschaft. Wenn Tim nur nicht so gut aussehen würde. Sie will in warm halten, vielleicht wird er noch etwas mutiger, wenn er seine Arbeit abgegeben hat. Die Hinhaltetaktik ist auch für ihre Semesterarbeit von Vorteil. Sie ist froh, wenn sie etwas vorwärts kommt, wenn Olivia zurück ist, wird sie sicher weniger Zeit haben.
Olivia ist ein gutes Stichwort, eigentlich könnte sie jetzt wieder zurück sein, nur, so genau war ihr Aufenthalt nicht definiert. Den Rückflug wurde noch nicht gebucht. Olivia rechnete damit, dass sie nach drei Wochen genug vom Dschungel hat und froh ist, wenn sie wieder in die Zivilisation zurückkehren kann. Anscheinend gefällt es ihr als Jean im Dschungel. Womöglich hat sie noch einen Tarzan gefunden und kann sich nicht von ihm lösen. Als Optimistin geht sie eher von dieser Möglichkeit aus, die andere Alternativen macht ihr bedeutend mehr Sorgen. Was ist wenn sie, aus welchem Grund auch immer, nicht zurückkehren kann? Noch versucht sie diesen Gedanken zu verdrängen, mit jedem Tag den sie nichts hört, werden ihre Sorgen grösser und drängt sich diese Möglichkeit in den Vordergrund.
Heute Nachmittag hat sie noch ein Treffen mit Professor Gander. Das reicht als Ablenkung. Den ganzen Morgen ordnet sie ihr umfangreiches Material. Ein klares Konzept ist leider noch nicht auszumachen. Der Professor wird nicht begeistert sein. Sie hofft, dass sie ihn mit dem Thema Olivia ein wenig ablenken kann. Bis sie den fertigen Bericht abgeben muss, hat sie noch einige Wochen Zeit, doch wenn sie heute Minuspunkte holt, kann sie diese nur schlecht ausbügeln.
Diesmal ist sie fünf Minuten zu früh und sauber geschminkt. Sie will nicht, dass der Professor schon schlechte Laune hat, bevor sie ihm ihre Sammlung zeigen kann. Die Zeit die sie heute Morgen investiert hat, könnte etwas bringen. Die Tabellen sind alle in einem Ordner klassiert und bereits gut leserlich beschriftet.
«Grüezi Herr Professor!», mit gespieltem Optimismus betritt sie sein Büro.
«Ah, - Frau Fuchs», er reicht ihr die Hand, «diesmal sogar pünktlich. Sie steigern sich.»
«Olivia hat heute nicht angerufen», sie versucht sofort das Gespräch in die richtigen Bahnen zu lenken, «ich muss beinahe sagen, leider. Ich mache mir etwas Sorgen um sie.»
«Wie lange wollte sie bleiben?»
«Sie hat vom maximal sechs Wochen gesprochen. Ich ging jedoch davon aus, dass sie schon nach drei Wochen genug hat. Anscheinend täusche ich mich, das Leben ausserhalb der Zivilisation scheint doch Spass zu machen.»
«Warten wir ab, bis die sechs Wochen verstrichen sind», versucht sie Professor Gander zu beruhigen, «danach können wir versuchen mit dem Botschafter in Jakarta kontakt aufzunehmen.»
«Haben sie gute Beziehungen zum Botschafter?»
«Ich nicht, aber Professor Tobler. Er hatte mit ihm zu tun, als er sich um die Visa bemühte. Er und der Botschafter waren in der gleichen Studentenverbindung.»
«Das ist ausgezeichnet, gute Beziehungen sind sicher kein Nachteil.»
«So – nun zu Ihrer Arbeit», wechselt der Professor das Thema, «wir sitzen ja deswegen zusammen, wie sind sie vorangekommen?»
«Ach, ganz gut!», versucht Anna einen guten Eindruck zu vermitteln, «ich habe bereits viel Material gesammelt. Leider sind die meiste Daten zwei Jahre alt, für eine schlüssige Aussage sind sie zu alt, doch sie lassen eine Tendenz erkennen.»
«Gut, schauen wir uns die Daten an.»
Der Professor blättert im Ordner. Noch ist ihm nicht anzumerken, ob er zufrieden ist. Nach zehn Minuten hat er den Ordner durchgeblättert. Ab und zu stellt er eine Frage oder blättert wieder einige Seiten zurück.
Nach weiteren fünf Minuten klappt er den Ordner zu. Er zieht seine Brille aus und schaut Anna an: «Ist das alles?»
Anna ist überrascht, er hatte offensichtlich mehr erwartet. Was soll sie nun antworten.
«Ja, es gibt noch einige Tabellen, die mir unwichtig erschienen, deshalb habe ich sie noch nicht eingefügt, mehr konnte ich nicht finden. Die Daten sind einfach zu alt. Die Zahlen werden wie Staatsgeheimnisse gehütet».
«Ich weiss, Daten sind das Eine, damit bin ich zufrieden, doch wie sieht es mit eigenen Schlüssen und Ideen aus?»
«Die kommen noch!», versucht sich Anna herauszureden, «das Suchen nach Daten war zeitraubend, nun muss ich noch alles zu einem Bericht zusammenfügen, ich habe schon einige Versuche gemacht, doch es gab immer Probleme, entweder sind die Vorschläge nicht realisierbar, zu teuer oder politisch oder ethisch nicht vertretbar.»
«Lassen wir es für den Moment gut sein», der Professor erhebt sich, «ich erwarte noch einige Ideen, auch wenn sie politisch nicht realisierbar sind, als Student darf man auch ab und zu provozieren.»
«Ich werde es versuchen!», sie packt ihren Ordner in die Tasche und steht auf.
«Wenn Sie etwas von Olivia hören, möchte ich eine kurze Information – also, auf wieder sehen und bitte nur Mut. Provokation schadet nicht!»
«Auf wiedersehen Herr Professor!»
Als Anna das Büro verlässt, muss sie tief durchatmen. Geschafft, doch sie weiss auch, dass sie den Professor nicht überzeugt hatte. Es wird noch ein hartes Stück Arbeit, noch ist sie weit davon entfernt, die Welt zu retten.
Neues aus dem Dschungel
Olivia sitzt müde auf ihrem Rucksack. Die fünf jungen Männer aus dem Dorf haben ihre fünf Körbe mit Studienmaterial bis zur Strasse getragen. Nun muss sie auf den LKW warten. Eigentlich sollte er bereits hier sein. Die Männer bereiten das Nachtlager vor, sie wird noch eine Nacht im Dschungel schlafen müssen, auch wenn der Lastwagen noch eintreffen würde, weit könnten sie nicht mehr fahren.
Zwischen Bäumen werden die Hängematten aufgehängt. Mit Blättern flechten sie ein einfaches Dach. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es heute wieder regnen. Nach Sonnenuntergang, verschwinden alle in ihren Hängematten. Der Marsch war anstrengend.
Olivia hat sehr schlecht geschlafen, auch wenn sie sich inzwischen an das Schlafen in der Hängematte gewöhnt hat. Sie macht sich Sorgen, warum ist der Lastwagen nicht gekommen? Wie lange muss man auf ihn warten? Kommt er überhaupt noch?
Die Fragen beschäftigen sie die ganze Nacht und verfolgen sie im Traum. Soll sie zurück ins Dorf oder soll sie dem Lastwagen entgegen gehen? Die Entscheidung ist nicht einfach. Zurück ins Dorf möchte sie nicht mehr, schliesslich haben die Männer ihre Körbe zwei Tage lang durch den Dschungel getragen.
Als die Männer ihre Hängematten verlassen und sich um ein Feuer versammeln, schwingt sich auch Olivia aus ihrer Hängematte. Sie hat sich entschieden, sie wird dem Lastwagen entgegengehen. Nur weiss sie nicht, ob sie die Männer begleiten. Wenn sie zu ihrem Dorf zurückkehren, wird sie allein weiter marschieren, dann muss sie viel Studienmaterial zurücklassen. Insgeheim erwartet sie, dass die Männer sie nicht hängen lassen. Zumindest bis sie den Hügel mit dem Telefon erreicht, hofft sie auf ihre Unterstützung. Am Telefon könnte sie nachfragen, was los ist.
Nach dem Tee informiert sie die Männer über ihren Plan. Sie besprechen sich. Die meisten sind für umkehren, doch zwei setzen sich für sie ein. Schliesslich können sie die anderen überzeugen, dass man sie weiter begleiten muss. Man kann sie nicht allein dem Dschungel überlassen.
Schon kurze Zeit später machen sie sich in Einerkolonne auf den Weg. Auf der Strasse kommen sie recht gut voran. Olivia denkt zurück an ihre Zeit im Dorf. Die Bewohner sind ihr ans Herz gewachsen. Besonders die Frauen haben es ihr angetan. Die stoische Ruhe mit der sie ihren nicht einfachen Alltag meistern hat sie beeindruckt. Mit den Männern hatte sie etwas mehr Probleme. Sie sind stark in ihren Ritualen gefangen. Sie müssen dauernd darauf achten, dass sie sich richtig verhalten. Der ganze Tagesablauf wird diktiert. Sie arbeiten nicht so streng wie die Frauen, trotzdem ist ihr Tagesablauf nicht einfacher, alles wird ihnen genau vorgeschrieben. Im Gegensatz zu den Frauen, stehen sie unter einem starken Leistungsdruck. Ihre Jagt muss erfolgreich sein, sonst verlieren sie sofort an Ansehen.
Dass sich fünf Männer als Träger zur Verfügung stellten, ist etwas Aussergewöhnliches. Das Schleppen von Lasten ist eigentlich Frauensache. Nur der Umstand, dass Olivia die Träger mit Medikamenten bezahlen konnte, wertete ihre Arbeit auf. Auch wenn die Dorfbewohner für jede Krankheit ihre Kräuter kennen, hatten die Erfahrungen gezeigt, dass die Medizin der Weissen, in gewissen Fällen Vorteile bietet.
Die Gruppe kommt gut voran. Das Telefon werden sie jedoch heute nicht mehr erreichen. Sie müssen nochmals im Wald übernachten. Früher hätte sie Angst gehabt, Olivia befürchtete, dass sie von Tieren angegriffen werden. Inzwischen weiss sie, dass es im dichten Wald sehr selten zu Begegnungen mit Tieren kommt. Ob es so wenige Tiere hat, oder ob diese den Menschen ausweichen, konnte sie nicht feststellen. Die jungen Männer müssen tagelang durch den Wald ziehen, bis sie auf ein wildes Tier treffen. Lediglich Insekten scheinen sich im dichten Wald wohlzufühlen. Für alle anderen Tiere ist der Lebensraum Dschungel nicht attraktiv. Das Überleben ist hart.
Von der Strasse zweigt ein kaum sichtbarer Weg ab. In kurzer Zeit ist eine heftige Diskussion entbrannt. Die Männer wollen diesen Weg nehmen, da sie davon ausgehen, dass er in ein kleines Dorf führt. Olivia will eigentlich die Strasse nicht verlassen. Sie erinnert sich jedoch, dass die Strasse sehr weite ausholt, um die Steigung zur Passhöhe zu überwinden. Zu Fuss ist man auf dem direkten Weg sicher schneller.
Der Weg ist gut begehbar. Dies deutet darauf hin, dass er regelmässig benutzt wird. Olivia kann nicht feststellen, ob die Benutzer Tiere sind, oder ob es zu einem Dorf führt.
Nach einiger Zeit erreichen sie eine kleine Lichtung. Zwischen Baumkronen kann man die Felswand erkennen. Olivia ist beruhigt, die Richtung stimmt, es war durchaus eine Abkürzung. Die Felswand ist nicht so steil, wie es von oben ausgesehen hatte. Es besteht die Möglichkeit, über die Felswand hochzusteigen.
Durch Zeichensprache verständigt man sich, man will versuchen, an den Fuss der Felswand zu gelangen. Dort wird es einfacher voran zu kommen. Die Vegetation ist dort weniger üppig. Doch noch fehlt rund ein Kilometer. Der ausgetretene Weg endet bei einer Lichtung, die von einem kleinen Bächlein durchquert wird. Den Weg zur Felswand versperrt dichter Dschungel.
Da die Sonne schon relativ tief am Himmel steht, beschliessen sie hier zu lagern. An den Bäumen am Rande der Lichtung hängen sie ihre Hängematten auf. Die jungen Männer suchen Holz für ein Feuer. Vielleicht haben sie Glück und ein Tier besucht in der Abenddämmerung den Bach. Mit etwas Glück könnten sie es mit dem Blasrohr erlegen.
Es ist nicht einfach trockenes Holz zu finden, sie müssen einige Meter in den Wald eindringen. Das Holzsammeln überlässt Olivia den Männern. Sie entspannt sich und sucht eine Stelle, von der sie die Felswand beobachten kann.
Später gibt sie das Beobachten der Wand auf und schlendert den Waldrand entlang. Sie spürt eine gewisse Unruhe. Wie von unsichtbarer Hand geführt, zieht es sie plötzlich in den Wald hinein. Sie hat das Gefühl, dass der Wald an dieser Stelle weniger dicht ist. Sie kann ohne Probleme weiter in den Wald eindringen.
Dann bleibt sie plötzlich überrascht stehen, unter einem sehr grossen Baum steht eine Hütte. Es ist nur ein Bretterverschlag, doch der ist eindeutig das Werk eines Weissen. Die Hütte dürfte schon jahrelang nicht mehr benutzt worden sein. Sie hat keine Tür, lediglich ein alter löchriger Vorhang schliesst den Eingang. Olivia geht zurück und holt sich den Anführer der Träger. Er soll mit ihr die Hütte untersuchen. Nur unwillig folgt ihr der Führer ihn den Wald. Als er die Hütte bemerkt, will er sofort umkehren. Olivia kann ihn überreden, mit ihr die Hütte zu inspizieren. Mit einem brennenden Holzstück, leuchtet sie in die Hütte, während der Führer ihr ängstlich und mit viel Widerwillen folgt. Zwei einfache Betten stehen an den Seitenwänden. Gleich rechts neben dem Eingang gibt es eine Feuerstelle mit einigen Töpfen. In der Mitte erspäht sie ein Tisch auf dem eine Petrollampe steht.
Olivia ist erleichtert, die Hütte ist leer. Sie hatte schon befürchtet, eine Leiche anzutreffen. Doch dieser Anblick bleibt ihr erspart. Anscheinend hatte der oder die Bewohner die Hütte vor Jahren aufgegeben.
Kurz überprüft sie die Stabilität der Betten. Eines hält noch und besitzt oben an der Decke eine Einrichtung zur Befestigung des Moskitonetzes. Sie beschliesst, wieder einmal eine Nacht in einem Bett zu schlafen.
Von der Lichtung ertönt ein Geschrei. Zwei der Männer hatten Jagdglück und erlegten zwei hühnergrosse Vögel. Sie sind bereits am rupfen der Federn, sie werden später über dem Feuer gebraten.
Olivia hat ein Bein des gebratenen Huhns abgenagt. Es schmeckt beinahe wie ein Grillhähnchen zu Hause. Kurze Zeit später zieht sie sich in die Hütte zurück. In einem Bett zu schlafen, da kommt Vorfreude auf.
Bevor sie sich zur Ruhe legt, inspiziert sie die Hütte genauer. In einer Ecke findet sie eine Kiste. Sie ist mit einem durchgerosteten Schloss verschlossen. Sie muss sie mit Gewalt öffnen. Hat sie einen Schatz gefunden? Die Durchsuchung ist eine Enttäuschung, die Kiste enthält keinen Schatz, in ihr liegen nur zwei Schreibhefte. Die Seiten sind zusammengeklebt, es ist nicht möglich sie zu öffnen. Auf dem Umschlag kann sie die Jahreszahl 1942 entziffern.
Die Kiste scheint schon einige Jahre verschlossen hier zu liegen. Sie Verstaut die zwei Hefte in ihrem Rucksack. Das wird eine gute Übung für die Archäologiestudentin – Leni, die muss sich oft mit alten Schriften herumschlagen. Sicher kann sie die Hefte so präparieren, dass sie deren Inhalt entziffern kann.
Zufrieden legt sie sich im Schlafsack aufs Bett und verkriecht sich unter ihr Moskitonetz. Sie schläft herrlich, auch wenn sie einige Male erwacht und an die gefundenen Hefte denken muss. Wer lebte hier zur Zeit des Krieges? Sie wird es herausfinden, es könnte eine spannende Geschichte werden.
Am nächsten Morgen fühlt sie sich seit langem wieder ausgeschlafen. Das Schlafen in einem Bett hat schon Vorteile. Sie fühlt sich wesentlich besser. Nun gilt es, die Felswand zu bezwingen. Hoffentlich hat sie sich bezüglich der Steilheit nicht verschätzt. Wenn sie nicht mehr weiter kommen, könnte das fatale Folgen haben. Es kann nicht damit gerechnet werden, dass ihnen eine Rettungskolonne zu Hilfe eilt, sie sind auf sich allein gestellt.
Mühsam bahnen sich die Männer einen Weg durch den dichten Dschungel, bis sie die Felswand erreichen. Nochmals sucht sie die Wand mit dem Feldstecher ab. Sie ist Steil, doch nirgends überhängend. Dazu scheint der Fels sehr griffig zu sein. Nach langem Überlegen entscheidet sie sich, noch einige hundert Meter dem Fuss der Wand zu folgen. Sie sieht, dass sich weiter vorne die Felsen verworfen haben. Diese Verwerfung ist etwa ein Meter breit. Sie bildet einen schmalen Weg, der wesentlich weniger steil ansteigt und er bietet zusätzlichen Halt. Noch weiss sie nicht, wie berggängig die Männer sind.
Die Sorge, ob die Männer mit der Steilwand zurechtkommen, hat sich erübrigt. Wie Bergziegen erklimmen sie den steilen Pfad. Selbst das transportieren der Körbe auf ihren Köpfen scheint sie nicht zu behindern. An einigen Stellen müssen sie die Hände zu Hilfe nehmen, doch an diesen Stellen reichen sie sich die Körbe weiter. Der Aufstieg geht sehr ruhig und kontrolliert vor sich. Sie hat sogar Zeit, einige Steine aus der Wand auszubrechen, zu markieren, die Stelle zu fotografieren und den Stein in ihrem Rucksack zu verstauen. Tim wird über dieses Geschenk erfreut sein.
Bis gegen Mittag haben sie die Hälfte der Wand erklommen. Der obere Teil scheint eher etwas flacher zu sein. Zügig kommen sie voran. Immer wieder macht Olivia Fotos von der Wand und der überwältigenden Aussicht, die sich ihnen bietet. In den Schweizer Bergen ist es nicht schöner. Sie ist begeistert und verzeiht es dem Lastwagen, dass er nicht rechtzeitig gekommen ist. Vermutlich ist er noch nicht unterwegs. Das Geräusch würde man meilenweit hören. Ausser den üblichen Geräuschen des Dschungels ist nichts zu hören. Ab und zu brüllt laut ein Affe und Frösche quaken um die Wette.
Im Laufe des Nachmittags erreichen sie die Kante der Felswand. Die Hütte mit dem Telefon ist einige hundert Meter weite hinten. Stolz blickt Olivia die Wand hinunter. Kaum zu glauben, dass sie da hochgeklettert sind. Nun ist das Schlimmste überstanden. Auch wenn sie noch keine Ahnung hat, wie es von hier aus weiter gehen soll. Sie hat zumindest eine Möglichkeit, ihre Freundin anzurufen. Die wird erfreut sein, nachdem sie sich mittlerweile doch um einige Tage verspätet hat.
Sicher macht sich Anna mittlerweile Sorgen. Sie wird es ihr Verzeihen, wenn sie wieder mitten in der Nacht anruft. Sie will einfach nicht noch zwei Stunden warten, bis es in der Schweiz acht Uhr ist.
Der Mann, welcher das Telefon hütet ist über den Besuch erstaunt. Von dieser Seite erwartet er keinen Besuch. Für ihn galt die Felswand als unbezwingbar.
Nach der kurzen Begrüssung stellt Prior endlich die Verbindung her. Es knackt mehrmals in der Leitung, dann endlich der Summton, es läutet. Wie nicht anders zu erwarten war, dauert es lange bis sich Anna meldet: «Hallo – bist du’s Olivia?»
«Ja ich bin’s – Guten Morgen Anna. Entschuldige, dass ich wieder mitten in der Nacht anrufe.»
«Das macht doch nichts, die Hauptsache ist, dass du noch am Leben bist, ich habe mir solche Sorgen gemacht», dann war sie vorerst sprachlos, sie kämpft gegen die Tränen. In ihrer Fantasie hat sie sich schon die schlimmsten Geschichten zusammengereimt. Nun schämt sie sich dafür.
«Anna, mir geht es gut. Es hat nicht alles so geklappt wie es geplant war, doch jetzt habe ich zumindest das Telefon erreicht. Es war nicht einfach. Der Lastwagen ist nicht gekommen und wäre auch nie gekommen, er scheint endgültig den Geist aufgegeben zu haben. Genaues weiss der Mann, welcher das Telefon hütet leider nicht.»
«Das ist nicht so wichtig, die Hauptsache ist, dass du noch lebst», Anna findet langsam ihre Sprache wieder, «los erzähl, wie ist es dir ergangen.»
«Später, jetzt muss ich zuerst mein Problem lösen», unterbricht Olivia, «ich sitze hier rund hundert Kilometer von Meer entfernt auf einem Bergkamm und habe keine Ahnung, wie ich das Meer erreichen soll, zu einem Fussmarsch von hundert Kilometer habe ich keine Lust, die rund vierzig Kilometer, die bereits hinter mir liegen, reichen mir.»
«Kann ich dir helfen?»
«Ich weiss nicht, vielleicht sollten wir erst mal herausfinden, wie du mich erreichen kannst. Auf dem Apparat steht keine Nummer, ich weiss also nicht, ob du mich zurückrufen kannst. Momentan kannst du sicher nichts unternehmen, in der Schweizer schlafen alle noch, oder?»
«Ja vermutlich schon, was glaubst du, wie könnte ich dich erreichen?»
«Versuche bei der Telefongesellschaft herauszufinden woher der Anruf kommt», schlägt Olivia vor. «Ich werde in genau einer Stunde nochmals anrufen, vielleicht können sie den Anruf zurückverfolgen.»
«Gute Idee, ich werde mich darum kümmern.»
«Also bis in einer Stunde, tschüss Anna, danke!»
Gegen Abend hat Olivia es geschafft. Professor Tobler ruft sie an. Er verbreitet bei Olivia einen gewissen Optimismus, hat sie es tatsächlich geschafft? Professor Tobler wird versuchen, einen Helikopter zu entsenden. Noch ist nicht sicher, ob er eine Landebewilligung erhält. Da der Lastwagen offensichtlich nicht mehr repariert werden kann, wird die Lage sicher als Notfall eingestuft. Doch ohne Beziehungen wird es nicht gehen und einiges an Entwicklungsgelder werden auch fliessen müssen.
«Frau Hauser, Sie legen sich jetzt schlafen», erklärt ihr der Professor, «ich hoffe, dass wir Morgen etwas mehr wissen. Auf alle Fälle bleiben Sie da wo Sie jetzt sind, so können wir Sie erreichen. Bei ihnen wird es Nachmittag sein, bis wir uns melden, bitte nicht nervös werden. Ich wünsche eine gute Nacht.»
Damit ist das Gespräch beendet. Die Aussicht, dem Dschungel mit einem Helikopter zu entrinnen stimmt Sie optimistisch.
Nun verabschiedet sie sich von ihren Trägern, sie können in ihr Dorf zurück. Der Mann am Telefon hatte zum Glück noch etwas Salz und einige Speerspitzen aus Metall, welche Olivia ihm abkaufen konnte. So kann sie die Männer ohne schlechtes Gewissen, verabschieden. Sie werden als Helden in ihr Dorf zurückkehren. Beruhigt legt sich Olivia schlafen.
Da sie schon die vorherige Nacht gut geschlafen hat, ist sie bereits bei Sonnenaufgang munter. Sie nutzt die Zeit um die Umgebung zu Fotografieren. Sie kann sich nur schlecht mit dem alten Mann verständigen. Sie Essen gemeinsam, sonst geht sie eigene Wege. Der Mann ist mit sich selber beschäftigt. Die ständige Einsamkeit hat ihre Spuren hinterlassen.
Als die Sonne den Zenit überschritten hat, bleibt sie in der Nähe des Telefons. Sie will den Professor nicht warten lassen.
«Hallo Frau Hauser, sind Sie am Apparat.»
«Ja, hier spricht Frau Hauser», ruft sie in Telefon.
«Die Verbindung ist heute relativ schlecht. Also nur kurz, ich versuche einen Helikopter zu organisieren. Der Botschafter in Jakarta setzt alle Hebel in Bewegung. Es wird sicher noch zwei Tage dauern, ich hoffe, Sie halten es noch so lange aus.»
«Kein Problem, ich habe genug zu essen und schlafen kann ich auch. Auf einen Tag kommt es nicht an. Schauen sie, dass Sie dem Mann hier ein kleines Geschenk mitbringen können. Er schaut gut zu mir.»
«Machen wir, also, nochmals eine gute Nacht, ich melde mich Morgen nochmals.»
Drei Tage später landet Olivia in Ambon. Der Flug mit einem Armeehelikopter verlief ohne Probleme. Sie konnte ihr gesamtes Gepäck mitnehmen. Ambon, ist eine Stadt mit über zweihunderttausend Einwohnern. In der Universität logiert sie für drei Tage in einer Studentenbude. Einfach eingerichtet, aber mit richtigem Bett. Ihre gesammelten Gegenstände werden in einer Kiste verpackt, zum Hafen gefahren und per Schiff nach Europa verschickt. Die persönlichen Gegenstände packen sie in ihren Rucksack. Am Tag darauf sitzt sie bereits in einem kleinen Flugzeug, welches sie nach Bali bringt. Dort soll sie sich noch einige Tag erholen und anschliessen mit einem Charterflug in die Schweiz zurückfliegen.
In Bali wird sie im Flora Beatch Hotel in Kuta untergebracht. Dort ist es ihr zu laut. In einer Bar trifft sie eine Gruppe mit Tauchern, die bieten ihr an, sie für einige Tage nach Tulamben zu begleiten, dort sei es ruhiger. Im Ocean-Sun Ressort teilt sie sich mit einer anderen Taucherin das Zimmer.
Für den nächsten Tag bucht sie einen Tauchkurs, günstiger kann sie das Tauchbrevet nirgends machen. Am Ende des Kurses, taucht sie mit der Gruppe zur “Liberty“ ab. Das im zweiten Weltkrieg gesunkene Schiff hat ein einzigartiges Biotop geschaffen. Die Fische fühlen sich hier wohl und sind deshalb sehr zahlreich zu bestaunen. Diese Lebensfülle, einfach unglaublich. Auf engstem Raum leben gegen hundert verschiedene Tierarten. Vom Überlebenskampf ist nichts zu sehen. Die Fische leben friedlich in den Tag hinein. Gross und klein schwimmt aneinander vorbei, meistens ohne Angst. Jeder respektiert den Sicherheitsabstand. Dass es unter den bunten Fischen auch Räuber gibt, fällt nicht auf. Zu selten packen die Räuber zu. Meistens gelingt den möglichen Opfern die Flucht. Was für ein Gegensatz zum Dschungel. Dort führt jedes Lebewesen einen dauernden Kampf ums Überleben. Man geht jedem anderen Tier aus dem Weg. Wenn eine Begegnung nicht mehr zu verhindern ist, führt es sofort zu einem Kampf auf Leben und Tod. Hier im Wasser wirkt alles so friedlich. Olivia ist begeistert und muss vom Führer am Ende aufgefordert werden, aufzutauchen, sie hatte die Zeit vergessen.
Nach einer Woche gehen die Ferien der Tauchergruppe zu Ende. Sie darf mit der Gruppe im Bus nach Denpasar mitfahren. Im Internet bucht Olivia noch den Rückflug in die Schweiz. Auch wenn ihr der Aufenthalt in Bali sehr gut gefallen hat, sie freut sich auf die Heimreise. Endlich wieder in Basel, das ist zu verlockend. Sie hat Heimweh. Sie freut sich auf die Schweiz. Sie vermisst ihre Freundinnen.
Studentenalltag
Am Flughafen Zürich wird Olivia von Tim und Anna abgeholt. Sie ist froh, dass sie nicht mit dem Zug nach Basel fahren muss. Tim hat den Audi von seinem Vater ausgeliehen. Er muss lediglich das Benzin zahlen. Solche Eltern sollte man haben, denkt Olivia, doch das ist ein anderes Thema. Im Moment freut sie sich über die herzliche Umarmung von Anna. Die scheint sich echt zu freuen. Anscheinend macht es ihr nichts aus, dass sie die Wohnung nicht mehr für sich allein beanspruchen kann.
Auch Tim umarmt sie stürmisch und gibt ihr die obligatorischen drei Küsse auf die Wange. Mit einem Seitenblick beobachtet sie Anna. Ist sie eifersüchtig auf Tim? Anscheinend nicht. Sie hatte ihn ja acht Wochen für sich beanspruchen können. Entweder funkt es in dieser Zeit, oder man lässt es sein. Immerhin vertragen sich die Zwei noch, viel kann Olivia also nicht verpasste haben. Ausserdem ist sie vom langen Flug müde und hat kein Verlangen zum Flirten.
«Nun erzähl doch, was hastet du die ganze Zeit gemacht», will Anna wissen, «wurdest du die ganze Zeit von Männern verführt?»
«Ach die Männer! Du interessierst dich sicher für das unterm Lendenschurz. Da muss ich dich enttäuschen, das erinnert eher an die hängenden Gärten von Babylon. Es war selten, dass sich ein Lendenschurz aufrichtete, dies passierte ab und zu, wenn ich mit einem Kerl allein Pflanzen einsammelte und er in meinen Ausschnitt schaute. Da stellte ich fest, dass sie recht gut bestückt sind.»
«Du bist unglaublich», protestiert Anna, «als ob ich nur an das Eine denke, ich bin doch kein Mann!»
«Entschuldigung, ich wusste nicht, na lassen wir das. Zurück zu den Männern, die hatten zu viel zu tun, das Beschaffen der Nahrungsmittel erfordert im Dschungel einen grossen Aufwand. Die Jagt ist nicht einfach, da brauchst du Tage, um ein paar Kalorien aufzutreiben.»
«Du meinst, die brauchen die gesamte Zeit, um sich die Lebensmittel zu beschaffen», fragt Anna nach, «das ist nicht besonders wirtschaftlich, ich hoffe, du konntest ihnen zeigen, wie man es besser macht.»
«Nein, ich war nicht als Entwicklungshelfer im Dorf», berichtigt Olivia, «das Leben dort ist nicht so hektisch wie hier, die Bewohner sind den ganzen Tag beschäftigt ihren Kalorienbedarf zu decken.»
«Sie haben sicher Zeit, das Leben zu geniessen», meint Tim, «was machen Sie zur Entspannung?»
«Wenn sie etwas Zeit haben, dann sind sie kreativ tätig. Sie flechten einen Korb oder schnitzen eine Figur. Die Männer basteln dauernd an ihren Blasrohren oder Pfeilbogen herum, sie versuchen sich steht’s zu verbessern, diese Eigenschaft scheint dem Menschen angeboren zu sein.»
«Eine erstaunliche Feststellung», meint Tim, «diese Eigenschaft scheint selbst im Dschungel nicht zu verkümmern, je härter die Bedingungen, umso mehr ist man gefordert, wirklich eine erstaunliche Feststellung.»
«Machst du dich lustig über diese Menschen?»
«Nein, keineswegs, es war nicht ironisch gemeint, ich bewundere die Leute, die sich unter solchen Bedingungen durchschlagen müssen. Allerdings befürchte ich, wenn sie sehen, wie man anderswo lebt, werden sie sich auf den Weg machen, um das einfachere Leben zu suchen.»
«In diesem Dorf besteht keine Gefahr. Die sind so abgelegen, dass wirklich keine Kontakte zur Zivilisation hergestellt werden kann.»
«Sie hatten doch Kontakt zur Zivilisation», bemerkt Anna, «allein deine Anwesenheit war genug Kontakt, die werden sich fragen, wozu du dies und jenes Utensil benötigst, dann müssen sie nur noch eins und eins zusammenzählen, dann kommen sie schon drauf wie der Hase läuft.»
«Sicher war meine Anwesenheit eine Provokation für die Leute», versucht sich Olivia zu erklären, «deshalb bin ich auch nicht als Entwicklungshelferin hingegangen, im Gegenteil, die Leute hatten Mitleid mit mir, weil ich im Dschungel so hilflos war. Das war auch der Grund, warum ich keine moderne Ausrüstung mitnehmen durfte. Deshalb hatte ich kein Mobiltelefon mit dabei, lediglich der Fotoapparat wurde mir von der Regierung gestattet. Ich benutzte ihn übrigens recht selten und wenn, nur so, dass es niemand bemerkte. Ich habe auch keine Fotos gezeigt, wenn sie mich mit dem Apparat hantieren sahen, wussten sie nicht, was ich damit mache.»
«Schon gut Olivia», beruhigt Anna, «du musst dich nicht verteidigen, ich denke, du hast es schon gut gemacht. Jetzt ist es eh zu spät, die Dorfbewohner müssen deinen Besuch verkraften. So wie du es erzählst, werden sie es schaffen.»
Inzwischen verlassen sie bereits die Autobahn, schon bald sind sie zu Hause in ihrer Studentenwohnung. Olivia freut sich auf ihr Bett, auf eine Bratwurst und viele andere Kleinigkeiten, auf die sie die letzten Wochen verzichten musste.
Am späteren Vormittag macht Anna Kaffee. Vorsichtig klopft sie an die Türe von Olivia.
«Hast du Lust auf feinen Bohnenkaffee?»
«Da kann ich nicht nein sagen, ich bin schon einige Minuten wach, ein Kaffee ist genau richtig.»
«Gut, ich hole zur Feier des Tages noch frische Brötchen in der Bäckerei, ich bin in drei Minuten zurück.»
«Mit was habe ich das verdient», fragt Olivia, als Anna von der Bäckerei zurückkommt.
«Nun, du hast mir gestern bei meiner Semesterarbeit sehr viel geholfen.»
«Ich?», fragt Olivia verwundert, «ich habe doch gar nichts Schlaues gesagt, ich war viel zu müde.»
«Doch hast du!», erklärt Anna, «die Bemerkung über die Dorfbewohner, welche sich den ganzen Tag abmühen müssen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, damit triffst du einen wunden Punkt in unserm Wirtschaftssystem.»
Das war nun Olivia zu hoch. So früh am Morgen war sie noch nicht in Stimmung zu grossen Diskussionen. Sie ist zufrieden, dass sie Olivia helfen konnte.
«Wir benötigen nur siebzehn Prozent unserer Tagesarbeit zur Beschaffung der Nahrungsmittel. Wenn wir sie Importieren, ist der Prozentsatz noch tiefer.»
«Und, wenn schon, was hat das mit der Wirtschaft zu tun?»
«Es trifft genau ins Schwarze. Uns ist es langweilig, wir wissen nicht mehr, womit wir uns beschäftigen müssen. Jahrelang war die Autoindustrie unser Motor, welcher die Wirtschaft am Leben hielt. Nun hat beinahe jeder sein Auto, zudem wird die Lebensdauer der Autos immer länger, der Absatz stagniert. Da hilft auch Werbung nichts mehr, die Menschen haben sich abgestumpft. Zudem ist inzwischen jedem klar geworden, dass ein grosses Auto kein Statussymbol mehr ist, die Probleme mit der Umwelt reduzieren den Anreiz zusätzlich.»
«Da erzählst du doch nichts Neues», wirft Olivia ein, die eigentlich noch zu wenig wach ist, um eine solche Diskussion zu führen.
«Jede Kultur nutzte die überschüssige Zeit damit, Dinge zu bauen, die keinen direkten Nutzen bringen. Als bestes Beispiel fallen mir die Pyramiden ein. Weil das Niltal so fruchtbar war, musste man nicht jeden Mann in der Landwirtschaft einsetzen. Bereits die Pharaonen wussten, dass der Mensch eine Beschäftigung braucht, sonst wird er unzufrieden. Deshalb begannen sie, die Pyramiden zu bauen. Sie mussten die Kriegsgefangenen beschäftigen und entschieden sich, Pyramiden zu bauen, wie die Geschichte zeigt, eine lohnende Investition in die Zukunft, noch heute profitieren die Menschen am Nil von den Touristen, welche die alten Bauwerke bestaunen wollen.»
«Jetzt bist du ganz übergeschnappt», entsetzt sich Olivia, «die Pyramiden wurden von den Pharaonen aus reiner Geltungssucht und aus ihrer Überzeugung, dass sie nach dem Tod ein neues Leben erwartet, gebaut. Nur deshalb versuchten sie möglichst viel mitzunehmen und liessen die Pyramiden bauen.»
«Natürlich stimmt das, doch bedenke, wenn sie neunzig bis hundert Prozent zur Nahrungsbeschaffung hätten aufwenden müssen, hätten sie die Pyramiden nie bauen können, weil ihnen die Bauarbeiter verhungert wären. Ist doch logisch – oder!»
«Ja, so gesehen hast du Recht, doch was hat das mit unserer Wirtschaft zu tun?»
«Sehr viel, zu jeder Zeit setzten die Menschen ihre überschüssigen Ressourcen für Dinge ein, die es nicht unbedingt braucht. Ein zweites Beispiel, die Dombauten im Mittelalter, hier zeigt sich auch deutlich, wie die Finanzierung geregelt wurde. Leute die nicht direkt mit dem Bau zu tun hatten, mussten durch hohe Steuern den Bau finanzieren.»
«Ja und die armen Familien sind dabei beinahe verhungert.»
«Schon, doch es hatte gereicht, die Kirchen stehen in unseren Städten, wie viele Leute dabei ihr Leben hergeben musste, das interessierte niemand. Das Leistungsprinzip spielte schon damals, nur wer arbeitet und Leistung bringt, hatte ein Recht zu überleben.»
«Das ist doch eine gewagte Theorie, die würde ich nicht herumerzählen.»
«Natürlich gilt dieses Prinzip heute nur noch bedingt, die Menschen sind sozialer geworden, wir können uns Wohltätigkeit leisten.»
«Zum Glück, mit dem Mittelalter möchte ich mich nicht beschäftigen, das war mir zu grausam. Da bin ich mit meinen Pfahlbauern besser bedient, die hatten es friedlicher.»
«Schon, damals gab es noch genügend Raum, die Gegend war nur dünn besiedelt, sicher haben auch sie ihre Probleme gehabt. Einfach war das Leben auch damals nicht, das müsstest du besser wissen als ich.»
«Nur waren die Probleme ganz anders gelagert als heute, die Sorgen galten der Gemeinschaft, die Familie war alles», erklärt Olivia.
«Die hatten Glück, sie haben einen guten Zeitpunkt erwischt, um hier zu leben. Sicher waren schon zu jener Zeit nicht alle Leute frei in unserem Sinne, sie wurden von den Häuptlingen gut kontrolliert», stellt Anna nüchtern fest.
«Ja vielleicht, doch wer sich an die Regeln hielt, lebte angenehm, es ist halt so, dass man der Gemeinschaft dienen muss, das ist doch nicht schlimm», verteidigt sich Olivia.
«Solange die Häuptlinge nicht zu mächtig werden, ist das in Ordnung. Doch wer kontrolliert die Leute, die zu viel Macht an sich gerissen haben, da hat der Einzelne keinen Möglichkeit mehr sich zu wehren.»
«Danke für den Kaffee, ich bin noch nicht in Stimmung, solche Diskussionen zu führen. Ich glaube ich brauche noch etwas Ruhe, ich fahre mit dem Bike auf den Blauen, ich muss mich etwas sammeln, der Kulturschock wirkt noch zu stark.»
«Wie du willst, es wird dir gut tun. Ich muss mich sowieso an meinen Bericht halten, dank dir weiss ich jetzt wenigstens was ich schreiben muss».
Olivia rüstet sich für ihren Trip mit dem Mountainbike zum Blauen. Das ist der Hausberg der Basler.
Anna zieht sich an ihren Schreibtisch zurück und schreibt an ihrer Semesterarbeit. Die Diskussion mit Olivia hat sie so richtig beflügelt. Zumindest bekommt der Professor einiges zu lesen, ob er davon begeistert ist, wagt sie zu bezweifeln. Sie ist jetzt so richtig in Fahrt gekommen. Für ihre Theorie, dass sich die Menschen mit angeblich unnötigen Dingen befassen müssen, wenn sie ihre Grundbedürfnisse befriedigt haben, findet auch in der Neuzeit viele Bespiele. Der Autobahnbau der Nazis und das Apollo-Projekt der Amerikaner sind nur die bekanntesten Beispiele.
Im einundzwanzigsten Jahrhundert haben die Menschen in Europa zwei Probleme, erstens ist das Vertrauen in das Geld gesunken und zweitens, - vermutlich der Auslöser des Ganzen, hat sich die Autoindustrie derart in eine Überproduktion gesteigert, dass es in diese Richtung nicht mehr weiter geht. Alternativen, wie die Rüstungsindustrie, die Produktion von Luxusgütern und das Gesundheitswesen, stossen ebenfalls an ihre Grenzen. Beim Militär ist es sogar so, dass, zumindest in Europa, eine Abbauphase eingeleitet wurde, dies kostet zusätzliche Arbeitsplätze. Das alles kombiniert mit den Umweltproblemen, macht eine Lösung nicht einfacher. Die Wirtschaft braucht mittelfristig neue Ziele.
Inzwischen ist Olivia mit dem Regionalzug drei Stationen aus der Stadt herausgefahren. Wieder mit einem Fahrrad fahren, ein anstrengendes aber schönes Erlebnis. Noch steigt die Strasse nur leicht an, da kommt sie noch gut voran, doch später auf dem Waldweg, wird es schwieriger. Schon mit dem Kies auf dem Weg hat sie grössere Probleme, als dann der Weg noch stärker ansteigt, muss sie absteigen und das Bike schieben. Sie schiebt das Bike nicht gern, früher fürchtet sie die mitleidigen Blicke der anderen Biker, doch heute ist sie allein im Wald, also kein Grund, sich zu quälen, schliesslich muss sie ihre Form zuerst wieder finden.
Langsam gewinnt sie an Höhe. Auf einem Aussichtspunkt setzt sie sich auf die Bank und entnimmt dem Rucksack das Mittagessen. Sie lässt ihren Blick über die Wälder des Tafeljura schweifen. Könnte man in diesen Wäldern noch überleben? Gäbe es ausreichend Früchte und genug Wild zum Jagen? Sicher nicht, das beginnt schon damit, dass man nur im Herbst jagen darf, auch das Sammeln von Pilzen ist zeitlich begrenzt. Früchte tragen die Bäume ebenfalls nicht, die Buchen und Tannenwälder sind nicht zur Ernährung des Menschen geeignet.
Nach einer Stunde packt sie ihre Sachen zusammen und macht sich vorsichtig auf die Abfahrt. Sie fühlt sich besser, als vorher, die Ruhe des Waldes hat ihr gut getan. Noch fühlt sie sich nicht zuhause angekommen. Das wird noch einige Tage dauern. Vielleicht kann sie sich nach Eintreffen ihres Gepäcks neu motivieren. Noch fühlt sie sich ausser Stande, an ihrem Bericht zu schreiben. Sie hat sich noch nicht einmal aufgerafft, ihren Computer zu starten. Sicher ist ihre Mailbox zum Bersten gefüllt, doch das lässt sie noch kalt.
Die Kiste
Im Briefkasten findet Olivia den Zettel, dass sie ihre Kiste abholen kann. Tim organisiert das Auto seines Vaters und sie fahren ins Zollfreilager am Hafen. Mit einigen Problemen verladen sie die Kiste hinten in den Kombi und fahren mit ihr zur Uni. Mit Hilfe eines Schubkarrens bringen sie die Kiste in die Werkstatt. Dort wird sie geöffnet.
Tim ist von den Steinen sofort begeistert. Auf den ersten Blick erkennt er, dass es sich um Tiefengestein handelt. Das hilft ihm bei seinem CO2-Problem wenig. Inzwischen hat er sich soweit mit Geologie beschäftigen müssen, dass er weiss, dass Tiefengesteine selten sind.
Bis jetzt wurde immer angenommen, dass die Insel aus vulkanischem Gestein besteht, es wurde jedoch nirgends ein Vulkankegel gefunden. Das Tiefengestein wird seine Geologie Kollegen sicher noch beschäftigen, so kann er ihnen etwas zurückgeben, denn für seine Arbeit mit dem CO2 einlagern, braucht er die Unterstützung von Geologen.
Olivia ist besonders an den gefundenen Tagebüchern interessiert. Vorsichtig nimmt sie das erste Heft aus der Kiste. Sie belässt es in der Plastiktüte, in das sie es eingewickelt hatte. Sie hofft, dass sie mit Unterstützung eines Antiquars eine Möglichkeit finden, das Heft soweit zu präparieren, dass es wieder lesbar wird. Für die Sammlung zu ihrem Fachgebiet findet sie momentan noch wenig Motivation.
Die Sammlung an Werkzeuge der Dorfbewohner, Pflanzen aus der näheren Umgebung des Dorfes und ihre Notizen, konnte sie nur wenig Interesse aufbringen, sie stellt sie in einen Schrank. Die Dinge müssen noch warten, bis sie besser motivieren ist, als dies in den letzten Wochen der Fall war. Noch immer hat Olivia Probleme, sich mit der Hektik des Studiums auseinander zu setzen.
Tim lädt Anna und Olivia zum Nachtessen ein. Er ist von den Steinen so begeistert, dass er die Spendierhosen anzieht. Vielleicht war es auch nur ein Vorwand, weil er sich endlich intensiver mit den beiden beschäftigen möchte. Noch kann er sich nicht entscheiden, welche der beiden seine Gefühle am stärksten bewegt.
Nach dem Essen ist er in dieser Beziehung noch nicht wesentlich weiter. Olivia ist hübsch, schön schlank und sehr nett, doch im Moment scheint sie nicht ihn bester Stimmung zu sein. Noch hat sie mit dem täglichen Leben Probleme. Anna betört ihn mit ihren schönen grünen Augen. Ihre dunkelblonden Haare passen gut zu ihr. Sie ist kleiner als Olivia und wirkt fraulicher. Zurzeit sprüht sie vor Unternehmungsgeist, da gibt es wenig Platz für einen Mann wie Tim. Bei Olivia kommt so etwas wie Beschützerinstinkt zum Tragen. Er möchte ihr helfen, damit sie aus ihrer kleinen Krise rauskommt. Doch dabei stösst er auf Granit, sie scheint überzeugt zu sein, dass er mit Anna liiert ist und will sich nicht dazwischen drängen. Eine komplizierte Angelegenheit. Soll er sich anderweitig orientieren? Bei den beiden scheint die Lage festgefahren. Auch das Nachtessen bringt ihn nicht weiter. Nach dem Essen begleitet er die beiden in ihre Studentenwohnung. Sie schauen sich gemeinsam noch einen Film an, doch Tim fühlt sich als Fremdkörper. Nach dem Film verabschiedet er sich. Der Abend wird als Fehlinvestition abgebucht. Er ist keinen Schritt weiter gekommen.
In den folgenden Tagen stürzt sich Tim in die Arbeit. Die Felsstücke welche Olivia mitgebracht hatte, finden die Geologen interessant. Steine mit einer so hohen Dichte findet man selten. Bei seinen weiteren Untersuchungen stellen er fest, dass diese Steine einen extrem hohen Schmelzpunkt aufweisen. Mit der Anlage der Uni kommt er in den Grenzbereich. Die Proben haben einen Schmelzpunkt von über eintausend achthundert Grad Celsius. Das ist wirklich überraschend. Auch mit der Altersbestimmung des Gesteins kommt er an die Grenzen, zwei Milliarden Jahren sind sehr alt. Wenn die Messung überhaupt stimmt. Wie kann man sich so etwas erklären?
Noch trauen sie den Messwerten nicht, die Angaben zu den Fundstellen sind verwirren und passen nicht in die gültige Theorie. Sie wiederholen die Messungen, diesmal genau nach der von Olivia angegebenen Reihenfolge, wie sie die Steine gefunden hatte. Zuerst die vom Fuss der Wand, dann in aufsteigender Reihenfolge die nächsten. Es gibt feine Unterschiede, doch alle Proben sind sehr alt und bestätigen die ersten Messungen.
Während Tim sich mit den Geologen wegen der Steinen wundert, hat Anna ihre Arbeit dem Professor abgeliefert. Sie hat sie persönlich vorbeigebracht und er hat die Kurzzusammenfassung gelesen.
Sein Mine wirkt skeptisch, noch sagt er kein Wort und liest sie ein zweites Mal genauer durch. Für Anna ist es schwer auszumachen, ob er ihrer Theorie zustimmt, oder ob er sie für Schwachsinn hält, wie er sich gerne Ausdrückt, wenn ihm ein Student nicht die richtige Antwort gibt.
Nachdem er die Zusammenfassung nochmals durchgelesen hat, blättert er durch den Bericht. Ab und zu bleibt er auf einer Seit etwas länger, dann blättert er ohne einen Kommentar abzugeben weiter. Anna bekommt es langsam mit der Angst zu tun. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass der Professor nicht einverstanden ist. Doch noch hat er sich nicht richtig geäussert. Doch dann blickt er auf, bald wird das Urteil gefällt.
«Ja Frau Fuchs», beginnt er und scheint sich seinen Kommentar noch zu überlegen, «ich weiss nicht, wie Sie zu diesen Schlüssen gekommen sind, sehr gewagt, ich hoffe, dass Sie die Theorie gut begründen können.»
«Ich hoffe schon.»
«Wenigstens haben Sie sich die Mühe gemacht, etwas Eigenständiges abzuliefern und nicht nur Berichte aus dem Internet umgedichtet, das werde ich ihnen als Pluspunkt anrechnen. Nur die Theorie sollte schon auf einer guten Grundlage aufbauen. Da bin ich skeptisch, ich muss mir wohl oder übel die Zeit nehmen, alles genau zu studieren. Sie hören noch von mir.»
Damit war die Besprechung beendet. Mit einem gemischten Gefühl verlässt Anna das Büro des Professors. War sie zu weit gegangen? Ein Gefühl der Angst steigt in ihr auf und sie fühlt sich schlecht und dabei sollte sie eigentlich erleichtert sein, sie hat ihre Arbeit abgegeben, jetzt kann sie wieder mit dem zivilen Leben beginnen.
Olivia befasst sich langsam mit den eingesammelten Pflanzen. Sie legt einen Katalog an und bereitet Proben zur Bestimmung der DNA vor. Solche Versuche dauern einige Zeit, sie wird noch einige Wochen auf ein Ergebnis warten. Allzu viel erhofft sie sich von den Ergebnissen nicht. Schon vom geografischen Standpunkt aus, kann es keine bedeutende Übereinstimmung geben, die Proben wurden auf der gegenüberliegenden Seite der Erde genommen. Zudem sind die Klimabedingungen und das Alter der Proben soweit auseinander, dass man davon ausgehen muss, dass es gar keine Übereinstimmung gibt.
Dies würde die Sache wieder interessanter gestalten. Immerhin hat sie Pflanzen gefunden, die von der Art her, eine gewisse Ähnlichkeit mit Pflanzen aus der Pfahlbauerzeit aufweisen. Dies könnte unter Umständen so interpretieren werden, dass die Schöpfung unter ähnlichen Bedingungen zu ähnlichen Konstruktionen kommt. Doch um solchen Schlüsse zu ziehen, braucht sie die genauen Ergebnisse.
Heute Nachmittag hat sie noch einen Termin bei der Kollegin, welche versucht, das Tagebuch zu retten. Sie hofft, dass man wenigstens das Alter des Fundes herausfinden kann.
«Hallo, ich bin Leni», wird sie von der jungen Frau im weissen Kittel begrüsst.
«Ich weiss, - Ich bin Olivia.»
«Komm mit, ich zeige dir wie weit wir mit deinem Fund gekommen sind.»
«Kann man etwas entziffern?»
«Ich hoffe schon, nur, es ist in einer sehr kleinen Handschrift geschrieben, zudem hatte die Tinte eine schlechte Qualität, doch wir werden das Ding schon schaukeln, es ist alles eine Frage des Aufwandes.»
«Danke für die Hilfe», bedankt sich Olivia, «ich bin gar nicht sicher, ob sich ein solcher Aufwand überhaupt lohnt. Ich habe auch kein Budgets für solche Untersuchungen.»
«Das lass meine Sorge sein, es ist eine gute Übung, ich kann die Kosten unter Versuche abbuchen, das ist kein Problem.»
«Da bin ich dankbar, es interessiert mich einfach, es muss einen Grund geben, warum das Tagebuch so gut versteckt wurde.»
«Die ersten drei Seiten haben ich bereits soweit vorbereitet, dass wir sie einscannen können. Wir würden auf dem Papier nichts mehr erkennen, doch der Scanner registriert die feinsten Unterschiede, so wird der Text lesbar.»
«Und, hast du schon herausgefunden, in welcher Sprache es geschrieben ist?»
«Du wirst es nicht glauben, es ist in deutscher Sprache geschrieben, allerdings in einer verschnörkelten Handschrift, es wird nicht einfach sein, den Text zu entziffern, viele Buchstaben kann man kaum voneinander unterscheiden, aus Erfahrung weiss ich, dass man sich sehr schnell an eine Handschrift gewöhnt, sobald man deren Eigenheiten einmal erkannt hat, wird es einfacher.»
«Gut, wir werden sehen, was es zu erzählen gibt.»
«Morgen schicke ich dir ein PDF, dann kannst du beginnen, die Story zu lesen, viel Spass.»
«Danke, ich kann es kaum erwarten.»
«Erwarte nicht zu viel», beschwichtigt Leni, «manche Leute schreiben ein Tagebuch, dabei haben sie gar nichts zu erzählen.»
Schiffbrüchige
Wie versprochen erhält Olivia am nächsten Morgen das versprochene Mail. Sie ist überrascht. Die ersten Seiten wurden mit einer gut leserlichen Schrift in kurzen Sätzen geschrieben. Der Schreiber schildert, die damaligen Ereignisse. Olivia taucht in eine weit zurückliegende Zeit ein.
Ein gewisser Urs Sommer, war als Offizier einem Transportschiff zugeteilt. Peinlich genau notierte er, die Ereignisse auf dem Schiff. Aus dem geschriebenen geht hervor, dass das Schiff kriegswichtige Güter aus Deutschland nach Japan transportieren musste. Leutnant Sommer hatte das militärische Kommando über die Jütland, wie das Schiff hiess. Zivilsten stellten die restliche Besatzung stellte. Leutnant Sommer war dafür verantwortlich, dass die Interessen des Führers eingehalten wurden. Es gab einige Eintragungen über das Verhalten von Besatzungsmitgliedern, die für die Betreffenden bei der Heimkehr nach Deutschland zu Problemen führen könnten.
Dann kam der Eintrag vom 7. Mai 1942. Das Schiff war mit einem Konvoi in der Sulawesi See unterwegs. Der Konvoi wurde von amerikanischen Schiffen angegriffen. Leutnant Sommer wollte den japanischen Kriegsschiffen nicht in die Quere kommen und ging auf Kurs West, um die Philippinen mit grossem Abstand zu umfahren.
Man war schon ausser Sichtweite des übrigen Konvois und kam gut voran. Von weitem hörte man Kanonendonner, doch der Lärm wurde immer leiser. Stunden später flogen amerikanische Flugzeuge über das Schiff. Sie waren auf der Rückkehr von der eigentlichen Schlacht.
Dann geschah das Unglaubliche. Eines der Flugzeuge hatte noch Bomben an Bord und da sie sich von der Schlacht entfernten, fanden sie, dass auch ein Handelsschiff ein lohnendes Ziel sei und warfen die Bomben auf die Jütland. Das Schiff geriet in Brand und die Besatzung musste die Jütland aufgeben.
Der nächste Eintrag ins Logbuch wurde erst zwei Tage später datiert. Er besagte, dass sich sechs Leute in ein Rettungsboot retten konnten. Ob es weitere Besatzungsmitglieder in ein anderes Rettungsboote geschafft hatten, wusste der Schreiber nicht. Das Rettungsboot war mit sechs Personen besetzt. Nebst dem deutschen Funker Jürg Eicher, war der Matrose Knut Heglund und Leutnant Sommer als Deutsche im Rettungsboot. Dazu drei Japaner, ein Offizier mit der gleichen Funktion wie Leutnant Sommer, der Schiffskoch und ein japanischer Matrose. Eine illustre Gruppe, die nicht besonders gut harmonierte, wie Olivia schnell feststellte.
Anscheinend hatte Leutnant Sommer das Logbuch versteckt. Er fürchtet, dass die früheren Eintragungen im Logbuch, den Funker und den Matrosen in erhebliche Schwierigkeiten bringen würden, falls die Aufzeichnungen je in die Hände der Gestapo gelangen sollten. Vermutlich schrieb er nur dann, wenn im keiner seiner Leidensgenossen beobachtet, denn, was Jürg Eicher mit ihm machen würde, wenn er die Einträge lesen würde, beunruhigte ihn, denn Jürg war nicht gut auf Hitler zu sprechen und sagte dies jedem der es wissen wollte. Leutnant Sommer schien sich vor Jürg und Knut zu fürchten. Hier im Rettungsboot konnte er sich nicht auf seine hierarchische Stellung verlassen.
Die sechs Männer waren nun aufeinander angewiesen. Gleichzeitig waren sie auch Konkurrenten, denn die Nahrungsmittel im Boot waren begrenzt. Im Logbuch ist die tägliche Ration vermerkt, die jeder der sechs Männer pro Tag zugeteilt erhält. Es ist heute schwer zu berechnen, ob die Rationen gut dosiert waren. Eine Scheibe Wurst kann mehr oder weniger Kalorien enthalten, je nach Grösse und Fettgehalt. Für Olivia ist es auch nicht wichtig, entscheidend ist, dass die Rationen knapp bemessen waren.
Nach acht Tagen waren die Schiffbrüchigen immer noch auf See. Leutnant Sommer hatte Probleme, das sieht man an seiner schlechter lesbaren Schrift. Er braucht alle Kraft für seine Eintragungen, sie sind auch sehr knapp gehalten. Zuletzt schreibt er, dass es kurz geregnet hat und sie sehr froh darüber waren, dass die Sonne einmal nicht scheint. Mehr hat er nicht geschrieben. Das ist die letzte Eintragung in seiner Schrift. Danach geht es unleserlich weiter. Leni hat versprochen, diese Schrift noch besser lesbarer zu machen, doch das dauert.
Olivia stellt sich die Männer im Rettungsboot vor, sie werden von Tag zu Tag schwächer. Keiner traut dem andern. Zum Glück gab es ab und zu Regen, sodass der Wasservorrat regelmässige auffüllt werden konnte.
Auf einer Karte versucht Olivia die Position des Rettungsbootes herauszufinden. Wenn sie davon ausgeht, dass zumindest einer der Insassen die Insel Pulau Taliabu erreicht hatte, kann sie ungefähr ausrechnen, wie lange die Schiffbrüchigen um ihr Leben kämpfen mussten. Es müssen mindestens zwei Wochen gewesen sein. Zwei Wochen in einer Nussschale auf hoher See. Eine harte Angelegenheit. Zwei Wochen Überlebenskampf für jeden von ihnen. Sicher mussten sie um die Rationen kämpfen. Dazu kam die unterschiedliche Mentalität. Offiziere und Matrosen, Europäer und Japaner auf engstem Raum und in dauernder Lebensgefahr.
Olivia stellte sich das Leben im Rettungsboot vor. Misstrauen und Missgunst, zusammen mit einem Überlebenswillen, der sie zur Zusammenarbeit zwang. Am Anfang konnten sie sich noch auf Grund der beiden Autoritäten an Bord einigen, doch je schwächer die Offiziere wurden, umso schwieriger wurde die Zusammenarbeit. Olivia ist sicher, dass nicht alle Schiffbrüchigen die Insel lebend erreichten, sonst hätte nicht die Schrift im Logbuch geändert.
Am Morgen erhielt sie ein Mail mit der nun besser lesbaren Fortsetzung des Logbuchs. Noch hat sie Probleme, die Schrift zu entziffern. Mit jedem Satz den sie sich zusammenreimen kann, wird es besser. Es ist der Funker Jürg Eicher, welcher jetzt das Logbuch weiter führt. Datums gibt es jetzt keine mehr. Er hat die Übersicht verloren und weiss nicht mehr, an welchem Tag er schreibt.
Olivia ist sicher, dass er die Führung des Logbuchs erst einige Tagen später weitergeführt hat. Er versucht die Ereignisse der Landung auf der Insel im Nachhinein zu erzählen.
Nach seiner Beschreibung lagen die fünf Männer halb besinnungslos im Rettungsboot. Der eine Japaner war, als Jürg wieder einmal zu sich kam, nicht mehr im Boot. Ob er sich selber über Bord gestürzt hatte, oder ob jemand nachgeholfen hatte, hat er nicht erwähnt.
Er erinnert sich nur noch, dass es Knut war, welcher plötzlich Land erspähte. Aus dem Nichts war der dunkle Streifen am Horizont aufgetaucht. Knut und Jürg begannen zu rudern. Die drei anderen Männer bekamen davon nichts mehr mit, sie waren bereits zu erschöpft. Gemeinsam schafften sie es, das Rettungsboot in die Nähe der Brandung zu bringen. Doch nun verloren sie die Kontrolle. Das Boot rollt und schlug auf den Wellen. Eine kontrollierte Landung war nicht möglich. Je näher man dem Ufer kam, umso höher wurden die Wellen. Dank den Steuerkünsten von Knut schafften sie es bis ans Ufer. Knut und Jürg sprangen aus dem Boot und versuchten es an Land zu ziehen, doch ihre Kräfte schwanden. Als das Boot auf Grund lief, befestigten sie eine Leine an einem Baum, dann brachen sie erschöpft unter einem Baum zusammen.
Als sie, vermutlich Stunden später, wieder zu sich kamen, war das Rettungsboot verschwunden. Sie konnten nur ihr Leben retten. Für eine Suchaktion fehlte ihnen die Kraft. Sie brauchten jetzt dringend etwas zu essen und zu trinken. Als Erstes fanden sie einige Beeren, später Kokosnüsse. Als die Kräfte langsam zurückkamen, suchten sie am Strand nach Krebsen und brieten sie über einem Feuer.
Langsam kamen die Kräfte zurück. Die Insel war menschenleer. Noch wagten sie sich nicht, weit in den Wald. Sie folgten dem Strand in der Hoffnung, dass ein Bach aus den Bergen ins Meer mündet. Jürg war überzeugt, dass bei so hohen Bergen ein Bach ins Meer fliessen muss. Nach einigen Tagen fanden sie tatsächlich die Mündung eines Flüsschens. Sie liessen sich am Fluss nieder, und bauten sich eine Hütte.
Inzwischen waren bereits mehrere Tage vergangen. Die Beschaffung von Nahrung wurde einfacher. Man lernte schnell. Die beiden Männer kamen langsam wieder zu Kräften. Als sie sich gut eingerichtet hatten, brachen sie auf und gingen den Weg zurück. Sie suchten nach dem Booten.
Nach drei Tagen fanden sie die Reste des zerschellten Rettungsboots. Am Strand lagen einige Werkzeuge. Unter anderem fand Jürg das Logbuch und nahm es mit. Männer oder Leichen haben sie keine gefunden, sie fanden auch keine Spuren im Sand. Auch sonst gab es keine Anzeichen, dass sonst jemand überlebt hat.
Mit einigen Werkzeugen und dem Logbuch kehrten sie zu ihrer Hütte zurück. Jetzt begannen sie, sich auf einen längeren Aufenthalt einzurichten. Anscheinend führte Jürg Eicher das Logbuch weiter.
Falsche Angaben
Nach einer Woche hat Tim seine Resultate fein säuberlich aufgelistet. Jetzt geht es um die Analyse. Kaum hat er mit der Auswertung begonnen, stutzt er. Olivia muss die Messwerte vertauscht haben, anders kann er sich die Resultate nicht erklären. Die oberen Schichten waren eindeutig die älteren Gesteinsarten, als die, vom unteren Teil der Wand. Das konnte nicht sein, er muss mit Olivia reden. Sicher hat sie etwas durcheinander gebracht. Ist unter den Umständen wie sie die Proben einsammeln musste, nur zu verständlich.
Er klemmt sich die Liste und die wichtigsten Dokumente unter den Arm und verlässt das Labor. Er will Olivia besuchen und sie nochmals fragen, wie sie die Steine eingesammelt hat. Sicher wird ihr dann einfallen, wie die Verwechslung geschehen konnte. Ist ja nicht weiter schlimm, die falschen Angaben lassen sich einfach in die richtige Reihenfolge umsortieren.
Olivia war zuhause. Als Tim klingelte, legte sie das Tagebuch beiseite und öffnete die Türe.
«Hallo Tim», begrüsst sie ihn, «ich bin überrascht dich zu sehen.»
«Ich muss dich sprechen, kann ich reinkommen?»
«Natürlich, Anna ist aber nicht da.»
«Das macht nichts, ich will ja mit dir reden.»
Olivia gibt die Türe frei und bittet Tim einzutreten. Ein mulmiges Gefühl beschleicht sie, hat er sich entschieden, welche der zwei Freundin seine Herzdame ist? Olivia ist verunsichert. Wie soll sie reagieren. Sie beschliesst ein Ablenkungsmanöver: «Kaffee?»
«Ja gerne, bitte nicht zu stark», entgegnet Tim und macht es sich auf dem Sessel so gemütlich wie es eben geht. Der Sessel ist eine Fehlkonstruktion, das hatte er schon früher bemerkt, nach einer halben Stunde schmerzt einem der Rücken.
«Da ist der Kaffee», Olivia stellt die beiden Tassen auf den Tisch, «was gibt es so dringendes?»
«Nun, es ist mir nicht recht», beginnt Tim vorsichtig, «doch ich muss es genau wissen, es ist für mich sehr wichtig!»
Ah, - sie soll ihm sagen ob Anna in ihn verliebt ist, denkt Olivia, da wird sie ihm keine Antwort geben können, sie weiss es nämlich selber nicht und Anna vermutlich auch nicht.
«Es geht um die Gesteinsproben, die du freundlicherweise für mich eingesammelt hast», beginnt er vorsichtig.
Was haben denn die Gesteinsproben mit Anna zu tun, denkt Olivia, da soll einer die Männer verstehen.
«Was ist mit ihnen?», fragt sie.
«Nun, bist du sicher, dass du Sie in der richtigen Reihenfolge eingesammelt hast? Könnte es sein, dass du die Reihenfolge vertauscht hast?»
«Was meinst du mit vertauscht?»
«Die Reihenfolge, es ist unmöglich, dass du die Steine an diesen Stellen gefunden hast.»
«Und wieso, glaubst du das? Ich war nicht besoffen, nein, die Steine habe ich so gefunden – Pasta!»
«Du musst dich nicht aufregen, jeder macht mal einen Fehler, kann doch passieren.»
«Ist es aber nicht, ich war bei vollem Verstand und zudem weiss ich genau, welche Steine ich die Felswand hoch geschleppt habe und welche nicht.»
«Nun verstehe ich gar nichts mehr», Tim versucht Olivia zu beruhigen, er merkt, dass sie ausser sich ist, «aber die Analyse lässt keinen anderen Schluss zu.»
«Dann ist deine Analyse falsch, ich habe Fotos von jeder Fundstelle gemacht, komm, ich zeig dir die Aufnahmen sind noch auf dem Computer.»
Mit diesem Kompromiss kann Tim leben, vielleicht erkennt er, wo der Fehler gemacht wurde. Die beiden machen es sich vor dem Computer gemütlich. Nach kurzem Suchen hat sie die richtige Datei gefunden und beginnt. Das erste Foto erscheint.
«Da, siehst du», erklärt Olivia, «hier habe ich Stein Nummer eins gefunden.»
Tim schaut sich das Bild genau an und schüttelt den Kopf.
«Von dieser Stelle stammt Probe sechs», erklärt Olivia das nächste Bild, «und hier», sie zeigt auf eine Stelle an der Kante der Wand, «von hier stammt die letzte Probe, ich weiss nicht mehr genau, welche Nummer die hatte.»
«Das sieht alles sehr ungewöhnlich aus», erklärt Tim, «normalerweise ist die Krümmung der Gesteinsgrenzen eher in die andere Richtung, an dieser Wand ist alles umgekehrt, sehr aussergewöhnlich, langsam denke ich, dass du nichts falsch aufgeschrieben hast, doch dann ist dies hier eine grosse Überraschung. Wie man die bewerten muss, das weiss ich noch nicht, es ist einfach aussergewöhnlich.»
«Da bin ich froh, dass ich doch nicht das Dummerchen bin, für das du mich hinstellen wolltest.»
«War doch nicht so gemeint», entschuldigt sich Tim.
«Schon gut», in diesem Moment geht die Wohnungstür auf und Anna tritt ein. «Ach, du hast Besuch – Störe ich?»
«Nein, wir sind sozusagen fertig.»
«Interessant, womit seit ihr fertig?»
«Mit dem Analysieren von Fotos über die Fundstelle der Steinproben.»
«Ach so, ihr habt nur Fotos analysiert», bemerkt Anna etwas besorgt.
«Du mit deiner verdorbenen Fantasie», kontert Olivia. Tim schaut der Diskussion verlegen zu. Er weiss nicht, wie er sich verhalten soll.
«Du musst gar nicht sauer sein, es ist wirklich nichts passiert.»
«Ich bin nur wegen meinem Professor sauer, was ihr macht, geht mich nichts an.»
«Wieso, - was hat der Professor mit deiner Laune zu tun?»
«Nun, meine Arbeit hat ihm nicht gut gefallen, der Ansatz sei nicht schlecht, nur die Schlüsse die ich daraus gezogen habe, seien total falsch.»
«Du meinst das mit der Deckung der Grundbedürfnisse und der Beschäftigungstheorie, damit die Leute etwas zu tun haben?»
«Genau, ausserdem hat es ihm nicht gefallen, dass ich die Nazis als Beispiel aufführte und die Beschäftigung der Leute einfach so zum Spass, hat ihm schon gar nicht gefallen».
«Ich hab’s dir ja gesagt, die Theorie ist zu gewagt!»
«Ja schon, aber, er hätte mich nicht beleidigen müssen, ich kann ja nichts dafür, dass man die Wirtschaft nicht so einfach retten kann. Ich habe mir gedacht, wenn man weiss warum, findet man eher eine Lösung.»
«Sicher, aber die Lösung muss realistisch sein.»
«Jetzt fang du auch noch an!», beschwert sich Anna, «du hast mich schliesslich auf die Idee gebracht.»
«So, nun darf ich noch Schuld sein, wenn dein Semesterarbeit durchfällt», beschwert sich Olivia, «heute hacken alle auf mir rum, zuerst Tim und jetzt noch du.»
«Ich habe nicht auf dir rumgehackt», wehrt sich Tim, «ich kam mit dem Ergebnis der Probe einfach nicht klar, dass du einen Fehler gemacht hast, wäre die einfachste Lösung gewesen.»
«Ja genau, das Einfachste ist, wenn man Olivia die Schuld gibt, das habe ich begriffen.»
«Ich habe mich ja bereits entschuldigt, falls du es nicht gemerkt hast», wehrt sich Tim, «nun muss ich die Lösung für dieses Problem woanders finden.»
«Was haltet ihr von einer Pizza», fragt Anna, «ich habe Hunger, zudem entspannt ein gemeinsames Essen die Situation.»
Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden. Alle auf andere Gedanken bringen, das ist in dieser Situation sicher das Beste. Das mit der Semesterarbeit wird sicher nicht so schlimm sein und auch Tim wird eine andere Erklärung finden.
Lösungen sind gefragt
Olivia wäre froh sie hätte solche Probleme wie ihre Freunde. Sie kommt mit ihrer Semesterarbeit nicht voran. Dass sie ihren Freunden geholfen hat, hilft ihr nicht weiter. Sie hat jetzt die Untersuchungen der verschiedenen Pflanzen, doch sie kommt nicht weiter. Es gibt nicht den geringsten verwendbaren Zusammenhang zwischen den Pflanzen zur Zeit der Pfahlbauer und jenen aus dem Dschungel.
Lediglich die Werkzeuge, welche sie im Dschungel angetroffen hatte, weisen gewisse Ähnlichkeiten mit denen der Pfahlbauer auf. Der Erfindergeist der Menschen läuft mit einer gewissen Kontinuität ab. Das Blasrohr und die Verwendung von Giften zum Betäuben der Beute, waren allerdings den Pfahlbauer in der Schweiz unbekannt. Vielleicht entsteht da ein Ansatz für die Semesterarbeit.
Wie gut es doch Anna hat, sie bekommt mehr Zeit, um neue Schlüsse aus ihrem anscheinend richtige Ansatz zu ziehen. Hoffentlich ist Professor Tobler auch so tolerant.
Noch besser hat es Tim, dank der ungewöhnlichen Schichtung der Gesteine, scheint er etwas Spezielles entdeckt zu haben. Das ist natürlich ein Glücksfall. Wenn die Tatsachen für sich sprechen, ist es immer einfacher. Um das Tagebuch kann sich Olivia zur Zeit nicht kümmern, es würde sie schon interessieren, was aus den Männer im Rettungsboot geworden ist, doch momentan hat sie andere Probleme, sie muss eine Semesterarbeit abgeben, da kann sie nicht mit Seemannsgarn aufwarten.
«Guten Morgen», Anna taucht ebenfalls beim Frühstück auf.
«Tag», antwortet Olivia, dass sie nicht bester Laune ist, kann Anna sofort am Ton erkennen.
«Oh, schlechte Laune», bemerkt Anna, «sorry, sag’s mir, wenn ich dir helfen kann.»
«Ich finde einfach keinen Ansatz für meiner Semesterarbeit, wenn es so weiter geht, weiss ich nicht, ob ich weiter machen soll, langsam habe ich die Leistungsgesellschaft satt. Im Dschungel gibt es keinen Stress, da hat man seinen Tagesablauf und schläft am Abend glücklich ein. Allein die Tatsache, dass man satt ist, bedeutet, dass man einen erfolgreichen Tag hatte.»
«Siehst du das nicht etwas düster?», fragt Anna, «ich beschäftige mich gerne mit Problemen die mich fordern.»
«Und was springt dabei raus?»
«Ich kann gut einschlafen», erklärt Anna selbstsicher, allerdings, wenn sie an letzte Nacht dachte, als sie sich lange im Bett wälzte, weiss sie genau, dass es Selbstbetrug ist.
«Warum bist du so wütend auf den Gander?»
«Natürlich würde ich besser schlafen, wenn meine Arbeit respektiert wird, doch ab und zu muss man über seinen Schatten springen.»
«Was hat den dem Professor nicht gefallen?»
Nun erklärt Anna ihrer Freundin von der Theorie, die sie als Resultat ihrer Untersuchung abgegeben hat. Sie kam zu Schluss, dass zu viele Dinge hergestellt werden, nur dass die Wirtschaft boomt. Dass man damit Ressourcen verschwendet, bemerkt niemand, wichtig ist nur das Prozent Wirtschaftswachstum. Keiner wagt es, eine Produktionsstrasse abzustellen, nur weil die Nachfrage momentan stockt. Besonders die Autoindustrie unternimmt alles, dass sie ihre Luxusschlitten an den Mann bringen. Bei den Leasingraten kann ein junger Mann schwach werden und leistet sich ein Auto, welches über seinen Verhältnissen liegt.
«Ich schlug vor, dass man Leasing verbieten sollte», resümiert Anna, «so würden die zu grossen Autos von den Strassen verschwinden.»
«Wau, - das hast du als Resultat dem Professor vorgelegt?», Olivia schaut ihre Freundin erstaunt an, «da verstehe ich deinen Professor.»
«Ist ja schon gut», Anna schmollt jetzt deutlich sichtbar, «jetzt hackst du auch noch auf mir rum, ich weiss natürlich, dass das zu extrem formuliert wurde.»
«Warum schreibst du so etwas?»
«Ich habe meine Idee nur konsequent zu Ende gedacht, was die Folgen sind, hat mich nicht interessiert, es ging mir um die Kernaussage. Oder kaust du im Dschungel etwas auf Abzahlung?»
«Natürlich nicht. Wir wollen doch nicht auf das Niveau des Dschungels zurück, da bin sogar ich dagegen», wendet Olivia ein.
«Schon gut, ich hab’s begriffen, ich bin zu weit gegangen, also werde ich meine Schlussfolgerung anpassen. Ich schlage vor, dass Leasing nur für Leute die älter sind als zweiundzwanzig zu erlauben. Lieber mit kleinen Schritten ans Ziel, als eine Katastrophe provozieren, ich bin ja nicht doof!»
«Gut, dann bin ich beruhigt, nur hilft mir das überhaupt nicht, wie meine Semesterarbeit aussehen könnte, steht noch in den Sternen.»
«Du musst zuerst wieder in der realen Welt Fuss fassen, vorher geht sicher nichts».
«OK. – Danke für deinen Optimismus, ich muss jetzt zur Uni. - Bis später!»
Olivia will noch schnell Tim im Labor besuchen. Sie hat ihm einige Fotos, die sie auf der Insel geschossen hat, auf seinen Laptop geladen. Nun sucht er nach Anhaltspunkten, weshalb an dieser Felswand alles anders ist, als die Theorie besagt.
«Hallo Tim! – Bist du weiter gekommen?»
«Leider nein», beantwortet Tim ihre Frage pessimistisch.
«Nun, die Insel ist anscheinend etwas verhext», vermutet Olivia.
«Wie meinst du das?»
«Nun, - du sagst, alles ist genau umgekehrt als man es erwartet, deshalb muss die Insel eine ganz andere Geschichte haben, als wir bisher angenommen haben.»
«Meinst du? Ich hoffe, wir finden noch eine vernünftige Erklärung. Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass die Messungen stimmen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich nach Messfehler suche, statt das Ergebnis so zu akzeptieren, wie es eben ist und die entsprechende Theorie zu entwickeln, die dazu passt. Aber eigentlich muss sich der Geologe darum kümmern. Ich habe mit meinem CO2 genug zu tun.»
«Du wirst es schon schaffen», motiviert in Olivia, die einen Vorwand sucht, damit sie sich zurückziehen kann. Ihren ursprünglichen Plan, mit Tim essen zu gehen, lässt sie sausen. Sie mag nicht den ganzen Abend über Steine mutmassen. Da isst sie lieber allein zu Hause oder teilt sich eine Pizza mit Anna.
«Du willst schon gehen?»
«Ja, ich glaube Anna braucht noch eine Motivationsspritze.»
«Lass sie grüssen!», ruft ihr Tim noch nach.
Im Tram überlegt Olivia, was sie mit dem Tagebuch anfangen soll, eigentlich hat sie keine Zeit, es zu lesen und doch, sie kann es nicht einfach ignorieren, vielleicht leben irgendwo Verwandte der beiden, die wären möglicherweise an einem Lebenszeichen interessiert. Sie wird versuchen, im Internet nach ihnen zu suchen.
Als sie in ihre Wohnung kommt, hat Anna bereits eine tiefgekühlte Lasagne im Backofen. Es duftet verführerisch. Sicher gibt ihr Anna etwas von der Lasagne ab, sie muss nur das Thema geschickt auf die Figur bringen, dann wird es schon klappen.
«Das war sehr gut», Olivia wischt sich mit einer Papierserviette den Mund sauber, «danke für die Einladung, nun muss ich meine Fahrradtour verlängern oder neue Kleider kaufen. Ich werde mich erst morgen entscheiden.»
«Nun, ich muss dir danken, wenn du nicht gekommen währst, hätte ich glatt die ganze Lasagne allein aufgegessen.»
«Weist du, wie man es anstellt, wenn man nach einer Person suchen will?»
«Im Internet gibt es verschiedene Möglichkeiten, willst du wirklich im Netz nach einen Mann suchen? - Das überrascht mich, das hast du doch nicht nötig.»
«Ach du, - natürlich nicht so, ich möchte das Tagebuch einem Verwandten des Schreibers zurückgeben, das ist alles.»
«Ach so, du hoffst, dass er einen Sohn im heiratsfähigen Alter hat, das wird schwierig werden, immerhin ist es schon einige Zeit her, ich stelle mir vor, dass der Gesuchte nicht mehr lebt und ob sich Verwandte noch an ihn erinnern, wage ich zu bezweifeln.»
«Ich möchte es wenigstens versuchen», meint Olivia, «sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.»
«Ich glaube an der Universität in Essen haben sie eine entsprechende Kartei», überlegt Anna, «vielleicht solltest du es dort versuchen.»
«Noch am Abend füllt sie ein entsprechendes Formular aus, damit ist für sie die Angelegenheit erledigt.»
Noch bis tief in die Nacht liest sie im Tagebuch weiter. Sie will so schnell wie möglich damit fertig werden, erst dann kann sie sich wieder auf ihr Studium konzentrieren.
Zusammenhänge
Tim macht sich auf den Weg um Olivia zu besuchen. Auf sein Klingeln öffnet ihm Anna. Er ist zunächst etwas verwirrt.
«Ist Olivia zuhause?»
«Nein, sie ist im Labor, bitte komm doch rein, vielleicht kann ich dir helfen.»
«Dank, eigentlich brauche ich keine Hilfe, ein Kaffee würde mir sicher gut tun.»
«Kein Problem, setz dich, vielleicht kommt Olivia noch, in letzter Zeit hält sie es nicht lange im Labor aus.»
«Wie geht es mit deiner Semesterarbeit voran», fragt Tim um eine Unterhaltung in Gang zu bringen, während Anna in der Küche die Kaffeemaschine mit Wasser nachfüllt.
«Ach geht so», meint Anna, «irgendwie passt es nicht zusammen und ich habe das Gefühl, dass ich an der Fragestellung vorbei schreibe.»
«Die Erkenntnis, dass wir nur zwanzig Prozent zum decken des Grundbedarfs brauchen, ist eine entscheidend Feststellung, da kann es doch nicht so schwer sein, die restlichen achtzig Prozent sinnvoll zu nutzen.»
«Das sagst du, doch so einfach ist es nicht, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhundert wurden in Europa noch Konsumgüter in rauen Mengen produziert, doch heute werden die aus dem fernen Osten importiert. Zur Zeit des kalten Krieges wurden die Ausgaben für das Militär immer mehr gesteigert, nur das Beste war gut genug. Das schaffte viele Arbeitsplätze. Dieser Wirtschaftsmotor verlor glücklicherweise, seit dem Ende des kalten Kriegs, an Bedeutung. Momentan versucht Trump diesen Wirtschaftszweig anzukurbeln, indem er von den Europäern höhere Ausgaben für die Verteidigung verlangt. Am liebsten wären im, sie würden amerikanische Flugzeuge und Raketen kaufen.»
«Ja Trump kommt mir vor wie ein Waffenhändler», erklärt Tim begeistert, «ähnlich wie die Frau Merkel alles für die Autoindustrie unternimmt. Jeder schaut zuerst für sich.»
«Das ist zweifellos so», gibt Anna zu bedenken, «sie haben noch nicht bemerkt, dass alles seine Zeit hat und man sich mit anderen Problemen auseinandersetzen muss.»
«Der Mensch hat sich immer wieder auf neue Situationen einstellen können, so gesehen, habe ich eigentlich keine Bedenken, es wird schon eine Lösung geben.»
«Die Sorgen der Jungend über das Klima, wären eine gute Alternative.»
«Genau», bestätigt Anna, «da liegt für den ganzen EU-Raum ein grosses Potential. Die Entwicklung und Verbesserung der erneuerbaren Energien könnte die Wirtschaft in grossen Stil ankurbeln. Firmen mit Produkten, die durch den Fortschritt überholt sind, müssten auf die neuen Technologien ausweichen und sich eine Nische erkämpfen. Auch Rüstungsbetriebe und die Autoindustrie müssen umsatteln.»
«Wurde auch endlich Zeit. Noch läuft die Produktion von Autos, doch längerfristig kann es nicht so weitergehen. Die Probleme mit dem Auto werden immer grösser. Unfälle, Smog und nervenaufreibendes Warten im Stau. So kann es wirklich nicht weiter gehen.»
«Das schon, doch wie soll man da Vollbeschäftigung erreichen?»
«Das weiss ich nicht, ich denke im Gesundheitswesen gibt es noch viel zu tun, die Bevölkerung wird immer älter.»
«Ja, nur bezahlen will die zusätzlichen Kosten keiner», wirft Anna ein.
«Das ist das gleiche mit der Umwelttechnologie, niemand will wirklich gross investieren, jeder hofft, dass der Staat subventionieren wird, doch wenn es darum geht, Steuern zu bezahlen, weichen alle aus. Die Reichen suchen mit teuren Anwälten Schlupflöcher und die weniger begüterten, wehren sich mit dem Stimmzettel, in dem sie Steuererhöhungen ablehnen. So kommt man einfach nicht weiter.»
«Ich denke da ähnlich», meint Anna, «der Staat muss die Richtung vorgeben.»
«Ich frage mich immer mehr, ob es überhaupt sinnvoll ist, dass die Wirtschaft wieder hochfährt. Können wir das unserer Umwelt antun? Jede gut florierende Firma produziert auch entsprechende Abfälle und Unmengen an Schadstoffen. Für die Erde ist der Handelskrieg zwischen USA und China ein Glücksfall, sie bekommt nochmals eine Schonfrist.»
«Jetzt schliesst du deutlich über das Ziel hinaus. Wir brauchen eine gute Wirtschaft, sonst steigen die Sozialkosten ins Unendliche.»
«Genau, immer geht alles über die Kosten», Anna ereifert sich, «doch wie berechnet man Lebensqualität, lässt sich die in Franken und Euros definieren? Natürlich kann man die Gesundheitskosten, die ja teilweise direkt mit der Umwelt zusammenhängen, als Gradmesser hinzu ziehen, doch die reagieren viel zu spät, man muss geeignete Massnahmen einleiten, bevor alle krank sind.»
«Und, was schlägst du jetzt deinem Professor vor?»
«Wenn ich das wüsste, dann wäre ich ruhiger. Vermutlich wird es auf einen Kompromiss herauslaufen. Investitionen von Staat in umweltverträgliche Infrastrukturen, wie das Eisenbahnnetz, umweltfreundlichere Autos und besser isolierte Gebäude. Dazu alternative Energiegewinnung wie Wind, Bio- und Solar- Energie. Mehr weiss ich auch nicht.»
«Das ist doch recht viel.»
«Schon, doch langfristig wird es nicht reichen, man muss sich von den alten Zöpfen befreien, noch immer will man veraltete Firmen retten, langfristig ist es aus meiner Sicht ein Fehler, man muss mit der Zeit gehen, alte Strukturen haben keine Überlebenschancen mehr. Dies Firmen brauchen neue Produkte mit neuen Technologien», stellt Anna fest.
In diesem Moment öffnet sich die Tür und Olivia kommt heim. Überrascht bemerkt sie den Besuch.
«Hallo ihr zwei, was streitet ihr euch den so emotional?»
«Ach nichts persönliches, es geht um Annas Bericht, da liegt viel Zündstoff drin.»
«Dann ist es ja gut, ich hatte schon befürchtet, ihr seid euch in die Haare geraten.»
«Nein, das war nur rein fachlich, zudem sind unsere Standpunkte gar nicht weit entfernt», erklärt Tim, «wie geht es dir? Du siehst recht fröhlich aus.»
«Ich habe eben eine kleine Überraschung erlebt.»
«Überraschung tönt gut», greift Anna den Faden auf.
«Leni konnte das durchgestrichene Wort entziffern», erklärt Olivia und macht es bewusst etwas spannend.
«Na, sag doch endlich, was haben sie gefunden?»
«Diamanten!»
Das Wort hing wie ein Zauber in der Luft. Die drei schauen sich gegenseitig an. Am meisten verwundert war Tim, mit dem hat er nun gar nicht gerechnet.
«Diamanten», wiederholt er langsam, «wie kommen Diamanten in diese Region, bis jetzt hat man dort keine Bodenschätze gefunden.»
«Es hatte auch niemand danach gesucht. Die Gegend ist so abgelegen, dass es keine Geologen dorthin verschlagen hat, das mussten schon Ethnologen für sie erledigen.»
«Du hast natürlich Recht, doch es gab wirklich keine Hinweise auf Edelsteine, schon gar nicht auf Diamanten.»
Dschungelberg
Als Olivia endlich ins Bett geht, kann sie nicht einschlafen. Das Schicksal der Männer im Boot beschäftigt sie immer noch. Aus den kurzen Sätzen im Tagebuch kann sie sich eine Geschichte zusammenreimen, ob sie stimmt, das weiss sie nicht.
Jürg und Knut bauten sich an der Mündung des Flüsschens eine kleine Hütte aus Blättern. Nachdem sie einige Wochen das Meer beobachtet hatten, ob sich ein Schiff näherte, sahen sie ein, dass sie abseits jeder Schifffahrtsroute gestrandet waren.
Als dann noch der Fluss austrocknete, beschlossen sie, das Innere der Insel zu erkunden. In den Wochen am Strand hatten sie viele Vorräte angelegt. Getrocknete Fische, Kokosnüsse und Fleisch von Tieren, die sie erlegen konnten. Danach flochten sie sich Körbe zum transportieren der Vorräte. Jürg war der geistige Führer, während Knut der Mann zum Anpacken war. So entstand ein gutes Team.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, gaben sie ihre Hütte auf und machten sich auf den Weg ins Landesinnere. Vielleicht war die andere Seite der Insel bewohnt. Zudem interessierte sie, wie gross die Insel eigentlich war.
Den ersten Tag folgten sie dem Flusslauf. Im ausgetrockneten Flussbett kamen sie gut voran. Gegen Abend fanden sie auch Wasserlöcher, in welchen sich kleine Mengen Trinkwasser übriggeblieben waren.
Als sie an einen ausgetrockneten Wasserfall kamen, mussten sie das Flussbett verlassen. Sie drangen in den dichten Dschungel ein. Immer auf der Hut, dass sie nicht von einem Tier oder Einheimischen überrascht wurden. Am meisten fürchteten sie die Affen. Sie mussten aufpassen, dass die ihnen nicht ihre Vorräte stahlen. Deshalb schliefen sie erst, als es bereits Dunkel war. Sobald es hell wurde, waren sie wieder auf den Beinen. Am Tag wichen ihnen die Affen aus, sie hatten anscheinend schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und blieben auf Distanz. Jürg hatte allerdings immer das Gefühl, dass sie ihn beobachten und nur auf einen Fehler warten.
Eines Tages steht im Tagebuch, dass Knut vermutet, einen weissen Menschen erspäht zu haben. Allerdings nur kurz. Der Erspähte versteckte sich sofort wieder und verschwand. Jürg glaubt ihm nicht und meinte, dass er Gespenster sehe. Doch, was war, wenn noch einer vom Rettungsboot überlebt hatte und ebenfalls durch den Dschungel irrte? Doch, warum gab sich die Person nicht zu erkennen? War es Leutnant Sommer, der sich nicht getraute? Befürchten er, dass Jürg den Eintrag im Tagebuch gelesen hatte, in welchem er ihn als latenten Deserteur anschwärzte. Solche Notizen konnten einem in diesen Zeiten eine Reise an einen besonders gefährlichen Frontabschnitt einbringen und darauf konnte Jürg gut verzichten. Er versteckte das Tagebuch immer gut, damit es ja nicht in fremde Hände gelangt. Sogar Knut traute er in dieser Beziehung nicht, auch wenn sie sonst ein sehr gut harmonierendes Team waren.
Auch wenn Jürg nicht an den ominösen Mann glaubte, so waren sie doch wachsam. Allmählich stiegen sie immer höher den Berg hinauf. Weiter oben war der Wald weniger dicht. Sie kamen etwas schneller voran. Doch wie gross die Insel tatsächlich war, konnten sie noch nicht feststellen. Die Bäume waren so hoch, dass man nirgends über die Insel blicken konnte. Eines war inzwischen schon sicher, da sie bereits mehrere Tage bergauf gewandert waren, musste die Insel doch recht gross sein. Wenigstens fanden sie immer wieder Wasser und auch ein Wildschwein konnten sie erlegen, so hatten sie ausreichend zu essen.
Gelegentlich kamen sie auch in die Nähe von einheimischen Dörfern. Da sie genügend zu Essen hatten und nicht wussten, ob die Einheimischen freundlich waren, blieben sie vorsichtig. Die Siedlungen konnten sie schon früh am Geruch orten und umgingen sie in einem grossen Bogen. Da sie sehr vorsichtig waren, bemerkten sie auch einheimische Jäger rechtzeitig und gingen ihnen aus dem Weg. So kamen die zwei nur langsam voran, doch sie hatten es nicht eilig. Eigentlich ging es ihnen im Dschungel besser, als im Krieg. Denn eines war sicher, sollten sie von einem Soldaten, egal aus welchem Land, entdeckt werden, so hatten sie nur zwei Möglichkeiten, Gefangenschaft oder ab an die Front. Zu beiden Alternativen hatten die beiden keine Lust.
Es dauerte Wochen, bis sie einen Berggipfel erreichten, von welchem man einen Überblick über einen grossen Teil der Insel hatte. Wie sie schon vorher vermutet hatten, war die Insel sehr gross, es beruhigte sie, je grösser die Insel, umso besser konnte man sich verstecken.
In den folgenden Monaten zogen die zwei wie Nomaden über die Insel. Geschickt wichen sie den Siedlungen aus. Dank den relativ hohen Bergen gab es ausreichen frisches Wasser und dank dem riesigen Gebiet, welches sie beanspruchten, hatten die Früchte genügend Zeit, nachzuwachsen. Sie waren mit ihrem Leben zufrieden. Kein Krieg, nur die Suche nach Nahrung beherrschte ihren Tagesablauf.
Olivia fand das Leben, welches die beiden lebten, als erstrebenswert. Könnte man heute noch in eine verlassene Gegend ziehen und von dem Leben, das die Natur hergab? Wohl kaum, irgendjemand käme sicher auf die Idee, dass man die Steuern noch nicht bezahlt hat. Eigentlich schade.
Anscheinend wurde das ruhige beschauliche Leben der Beiden durch ein Ereignis gestört. Vermutlich hatten sie etwas gefunden, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Etwas, das so wichtig war, dass jemand die entsprechende Stelle im Tagebuch so dick übermalte, dass man nicht mehr entziffern konnte, was sie gefunden haben. Doch der Fund scheint ihr Leben verändert zu haben. Es war der letzte Eintrag im Tagebuch. So bleibt die weitere Geschichte der beiden Männer ein Rätsel.
Olivia war nach dem sie das Tagebuch zu Ende gelesen hat, enttäuscht. Haben die Männer das Kriegsende auf der Insel erlebt, oder habe sie nie erfahren, dass der Krieg zu Ende war? Leider wird sie es nie erfahren.
Nachdem sie sich stundenlang im Bett gewälzt hatte, war sie endlich in einen tiefen Schlaf gefallen. Tage später fand sie die Motivation und begann ihre Erlebnisse aus der Zeit im Dschungeldorf aufzuschreiben. Dabei halfen ihr die Erinnerungen, die sie letzte Nacht hatte, als ihre Gedanken die beiden Männer im Dschungel begleiteten. Das Leben im Dorf war einiges komplizierter. Auch wenn sich die Bewohner theoretisch nur um die Beschaffung von Nahrung kümmern mussten, war das Leben im Dorf stark von Regeln bestimmt.
Von Freiheit war wenig zu spüren. Vielleicht hatten die Dorfältesten, zu einem bestimmten Grad die Freiheit des Alters. Sie hatten immer Recht, keiner wagte es, ihnen zu widersprechen. Als frei würde Olivia jedoch auch die Dorfältesten nicht bezeichnen, sie standen immer unter Beobachtung. Auch wenn keiner widersprechen würde, die Alten mussten sich so benehmen, wie man es von ihnen erwartete, sonst wäre das ganze Dorf unglücklich.
Olivia erinnert sich, dass sie mit den Ritualen und Zwängen im Dorf Mühe hatte. Dabei war natürlich ihre Sonderstellung ausschlaggebend. Als Fremde passte sie nicht in die seit Jahrhunderten entwickelte Überlebensstrategie des Dorfes und ihren Bewohnern. Keiner im Dorf wusste, wie sie mit ihr umgehen müssen. War es für die Sippe gut, wenn sie ihre Geheimnisse weitergaben, oder war Vorsicht angebracht? Konnten die Erkenntnisse, die sie später aus dem Dschungel in die Zivilisation mitnahm, der Sippe schade?
Deshalb fasste sie spontan einen Entschluss, sie wird die Erlebnisse, die sie im Dorf erlebte für sich behalten. Die bereits geschriebenen Seiten löschte sie aus dem PC. Sie wird ihre wissenschaftliche Arbeit auf die Pflanzenwelt und die Ernährung der Dorfbewohner begrenzen. Wie wirken sich mangelhafte und einseitige Ernährung auf die Gesundheit aus?
Nach dem Frühstück schreibt sie an ihrer Semesterarbeit. Endlich hat sie den Einstieg gefunden. Sie weiss jetzt schon, dass ihre Arbeit nicht sehr spektakulär ausfallen wird. Wenn man bedenkt, wie gross die Kosten ihrer Reise waren, wird ihr Professor von einer Fehlinvestition sprechen. Sie selber möchte auf ihre Erfahrungen im Dorf nicht verzichten. Sie betrachtet ihr Lebensinhalt aus einer neuen Sicht.
Interessenkonflikt
Als Olivia den Briefkasten öffnet, findet sie eine Karte. Ein eingeschriebener Brief muss abholten werden. Wieso erhält sie einen eingeschrieben Brief? Sie erwartet nichts, was kann das sein?
Am nächsten Morgen holt sie den Brief ab. Mit erstaunen stellt sie fest, dass der Brief von einem Anwalt in Tallahassee stammt. Was hat sie mit einem Anwalt in Tallahassee zu tun? Ist es etwa der reiche Onkel aus Amerika, der verstorben ist? Sie weiss jedoch nichts von Verwandten in Amerika.
Sie wagt es nicht den Brief in der Post zu öffnen. Sie beeilt sich, um nach Hause zu kommen. Sie geht auf ihr Zimmer und schliesst ab, bevor sie weiss, um was es geht, will sie das Geheimnis nicht mit Anna teilen.
Endlich kann sie den Brief öffnen. Das Dokument ist sehr eindrucksvoll mit vielen Stempeln und Unterschriften. Der Anwalt teilt ihr mit, dass sie es zu unterlassen hat, nach Urs Sommer, Jürg Eicher und Knut Heglund zu suchen. Sie soll ihre Recherchen unverzüglich einstellen, sonst muss sie mit einer Klage rechnen.
Jetzt versteht sie überhaupt nichts mehr. Wieso will jemand verhindern, dass sie nach den drei Personen sucht? Das soll einer verstehen. Dabei hat sie auf ihre Anfrage noch keinerlei Hinweise erhalten. Warum droht der Anwalt? Sie hat nichts Verbotenes gemacht, das muss sie nun doch mit ihrer Freundin besprechen.
Als Olivia Anna den Brief zeigt, ist auch sie erstaunt. Das ist doch nicht normal, weshalb droht der Anwalt mit einer Klage? Aus ihrer Sicht hat sie nichts Unrechtmässiges gemacht. Das sieht der Anwalt offensichtlich anders. Steckt hinter dem Schicksal der drei Männer mehr, als sie bisher angenommen hat?
«Was willst du jetzt machen?», fragt Tim, der später noch zu Besuch kommt.
«Keine Ahnung, vermutlich muss ich meine Anfrage zurückziehen, für mich ist es ja nicht so wichtig», entgegnet Olivia.
«Sicher ist es vernünftig, sich da herauszuhalten», bestätigt Tim, «andrerseits würde es mich schon interessieren, was dahinter steckt. Der Anwalt hat mich erst recht neugierig gemacht».
«Mich auch», bestätigt Olivia, «doch ich habe Angst, uns geht die Sache doch wirklich nichts an.»
«Nun», philosophiert Tim, «was ist, wenn es etwas mit den Diamanten zu tun hat, immerhin ist dies der letzte Eintrag im Tagebuch.»
«Schon, nur wie willst du nach so langer Zeit herausfinden, was damals geschah?», meint Anna, «wurde jemand ermordet? Hat man ihn beraubt? Irgendetwas ist doch faul, sonst würden der Anwalt nicht so reagieren.»
«Nun, als Erstes werde ich einem Freund in Amerika den Brief schicken! Kannst du den Brief einscannen?»
«Natürlich ich bin gut eingerichtet, was glaubst du?», bestätigt Olivia, «das mit dem Freund in Amerika finde ich allerdings nicht gut, du weisst, wir müssen uns raushalten.»
«Mein Freund Dean wird sich sicher nicht so dämlich anstellen», meint Tim.
«Was meinst du mit dämlich! Hast du etwas gegen Frauen?»
«Entschuldigung, das war nur eine Redensart, legt doch nicht alles auf die Goldwaage.»
«Das war nicht sehr feinfühlig», meint auch Anna, «so seid ihr Männer, voll von Klischees, - zur Sache, ich denke auch, dass das Einschalten von Dean zu vertreten ist.»
«Gut, mir ist es nicht wohl bei der Sache», willigt Olivia ein, «doch wenn was schief läuft, lasst ihr mich nicht im Stich, versprochen!»
«Natürlich nicht, so einfach können sie dir keinen Prozess anhängen, oder hast du nächstens vor, nach Amerika zu reisen?»
«Nein, ich habe im Moment genug vom Reisen.»
Damit war man sich einig. Tim scannte den Brief ein und schrieb das Mail an seinen Freund Dean Richards in Florida. Er ist Rechtsanwalt und ist mit dem amerikanischen Rechtssystem vertraut. Tim kennt ihn von einer Studienreise vor fünf Jahren. Dean wollte damals noch Ökologie studieren, da ihm die Anwaltskanzlei zum Halse heraus hing, deshalb beteiligte er sich an einem Trip zum Mount Sankt Hellen.
«Hoffentlich stellt er keine Honorarforderung», meint Olivia, die über die Stundensätze von amerikanischen Anwälten schon schlimmes gehört hat.
«So, das Mail ist unterwegs», meint Tim, nachdem er das Iken senden gedrückt hat, «jetzt gibt es kein Zurück mehr.»
Damit war das Thema Brief erledigt. Die drei wenden sich wieder ihren Alltagsproblemen zu. Die Ablenkung hatte allen gut getan. Nun können sie sich wieder an ihre Arbeit machen. Während Olivia noch mit grosse Motivationsproblemen kämpft, hat Anna bereits hunderte von Varianten entwickelt, am Ende scheitert alles an der Frage, wer soll es bezahlen. Auch Tim dreht sich im Kreis, das Einlagern von CO2 ist nicht so einfach. Das Zeug dringt durch alle Gesteine hindurch.
Vor dem Einschlafen liest Olivia nochmals die Stelle im Tagebuch: «wir haben heute “durchgestrichen“ gefunden.»
Ursprünglich hat es also geheissen, «wir haben heute Diamanten gefunden!»
Was lassen sich daraus für Erkenntnisse herleiten? Als Erstes ist deutlich, dass es sich um mehrere Diamanten handelte, denn der Schreiber verwendet die Mehrzahl. Als nächstes geht daraus hervor, dass der Fund beiden Männern bekannt war. “Wir“ bedeutet, dass sie die Diamanten gemeinsam entdeckt hatten. Rätselhaft bleibt, warum danach das Tagebuch nicht weiter geschrieben wurde. Platz wäre noch vorhanden gewesen, vielleicht ist die Tinte ausgegangen, doch das merkt man vorher und hätte es entsprechend vermerkt.
Interessant wäre zu wissen, ob Diamanten sofort, oder erst später, eventuell durch eine andere Person durchgestrichen wurde.
Leider bringen Olivia diese Überlegungen nicht weiter. Sie legt das Tagebuch weg. Sie muss es vergessen.
Vor dem Einschlafen stellt sie sich vor, was die Männer erlebt hatten. Am Fusse der Felswand hatten sie sich eine Hütte gebaut. So waren sie vor dem Regen geschützt. Ihre Vorräte konnten sie so vor Tieren schützen. Die Hütte war nicht besonders gemütlich. Sicher waren die Männer mehr draussen unterwegs. Erstens um Nahrungsmittel zu beschaffen und zweitens suchten sie nach einem Ausweg, die Insel zu verlassen. Doch da beginnen die ersten Rätsel. Warum baut jemand die Hütte am Fuss einer Felswand, wenn sie die Insel verlassen wollen? Haben sie in der Nähe der Hütte die Diamanten gefunden und sie deshalb an dieser Stelle gebaut? Stand die Hütte dort, weil sie eine strategisch günstige Stelle war, die man immer wieder finden konnte. Auch das wäre möglich, die Felswand ist sehr markant und man konnte sie aus grosser Entfernung sehen.
Wie lange haben die beiden Männer in der Hütte gelebt? Im Tagebuch wird sie nicht erwähnt. Sie versucht sich zu erinnern, wie die Hütte innen ausgesehen hatte. Es gab zwei Schlafstellen, also haben Jürg und Knut gemeinsam dort geschlafen. Die Männer haben noch zusammen hier gewohnt. Doch wo sind sie geblieben? Es gab keine Leiche in der Hütte. Zu dumm, dass sie die Umgebung der Hütte nicht besser abgesucht hatte, vielleicht hätte es in der Umgebung ein Grab gegeben. Das war nun zu spät.
Wie haben die Männer den Fund der Diamanten verkraftet. Diamanten sind schön und wertvoll, doch im Dschungel haben sie keinen Wert. Eine Wasserquelle oder ein Baum mit nahrhaften reifen Früchten, wären wertvoller gewesen. Die Diamanten wurden erst dann wertvoll, wenn sie damit die Zivilisation erreichten. Da das Tagebuch im Dschungel blieb, gibt es darüber nicht den geringsten Anhaltspunkt. Wann verliessen sie die Insel? Waren sie noch zusammen, oder haben sie sich getrennt. Natürlich darf sie auch den Leutnant Sommer nicht ausser Acht lassen. Hat er die beiden aufgespürt und sie beobachtet? War er die Person die sie einmal kurz gesehen hatten? Wie reagierte dieser, als er von den Diamanten erfuhr. Schon viele Menschen wurden für Diamanten umgebracht.
Schliesslich muss sie eingeschlafen sein. Dann beschliesst sie, sich endgültig von dieser Geschichte zu lösen. Sie muss sich damit abfinden, dass sie die waren Hintergründen nicht herausfinden wird.
Nach zwei Tagen erhält Tim ein Mail von Dean. Der teilt ihm mit, dass es für ihn unmöglich ist, herauszufinden wer dem Anwaltsbüro den Auftrag zu diesem Brief gegeben hatte. Dies sei auch deshalb nicht möglich, weil er sich damit strafbar macht und das sei ihm die Sache nicht wert. Er bestätigt ausserdem, dass der Brief nichts als eine leere Drohung sei. Die amerikanische Justiz würde in dieser Sache nie international tätig werden.
Tim ist beruhigt, dass die Rechtslage auf ihrer Seite steht, doch gleichsam enttäuscht, weil sie keinen Schritt weiter gekommen sind. Im Klartext heisst das, dass Dean ihn nicht unterstützen wird. Wenigstens machen sie sich nicht strafbar, wenn sie weiter suchen. Im Internet gibt es mehrere Suchfunktionen, doch so einfach kommt man nicht an die entsprechenden Infos heran.
Der giftige Ton seines Handys ertönt. Er sollte endlich einen etwas ruhigeren Klingelton einstellen.
«Ja! – Was gibt’s?»
«Ich bin’s Olivia», meldet sich die vertraute Stimme, «ich habe erfahren, dass du ein Mail aus Amerika erhalten hast.»
«Woher weist du das schon wieder?»
«Ich weiss es eben, so was spürt eine Frau, stimmt’s?»
«Ja es stimmt, Dean hat sich gemeldet. Er hat momentan keine Zeit, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Er hat mich insofern beruhigt, dass die amerikanische Justiz bei solchen Fällen von der Schweiz keine Unterstützung erhält. Mit solchen Bagatellen, kann man niemand belangen.»
«Wenigstens das, doch es hilft uns nicht weiter, was gedenkst du als nächstes zu unternehmen?»
«Nichts, ich habe keine Zeit, zudem geht es mich nichts an.»
«Nichts, der Herr hat keine Zeit, schön und was ist, wenn ein Mordfall dahinter steckt?»
«Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?»
«Vielleicht, doch ich kann den Mord auch nicht ausschliessen. Ich möchte schon wissen, warum jemand auf eine simple Nachfrage so heftig reagiert. Da muss mehr dahinter stecken.»
«Und wenn, was geht das uns an?»
«Nun, ich bin die, die etwas gefunden hat. Ich fühle mich verpflichtet, das Rätsel zu lösen.»
«Richtig, Du! - fühlst dich verpflichtet, bei mir ist das etwas anderes, ich war nicht auf dieser Insel, ich habe keine Beziehung zu den Männern. Ich habe nicht einmal ihre Eintragungen gelesen.»
«Danke für deine Hilfe», Olivia will auflegen.
«Jetzt musst du nicht gleich sauer sein», versucht Tim die Situation zu retten, «ich weiss wirklich nicht, wo man anfangen könnte.»
«Stimmt», muss im Olivia zustimmen, «wir stehen noch am Anfang, doch nichts haben wir nicht. Wir wissen, dass Diamanten im Spiel sind und den Zeitraum, in welchem sie auf den Markt gebracht wurden. Kann man damit nichts anfangen?»
«Ich nicht, dazu brauchst du einen Hacker und nicht nur einen gewöhnlichen, nein, es brauchte ein Genie!»
«Und bist du das?»
«Nein mit Sicherheit nicht, ich werde mich rum hören, vielleicht hat einer Interesse.»
«Danke ich wusste, dass ich auf dich zählen kann», antwortet Olivia, «ich werde mich noch mit Ray in Zürich in Verbindung setzten, der hat sehr gute Computerkenntnisse. Vielleicht kann er etwas herausfinden.»
«Eine gute Idee», bestätigt Tim.
«Ich versuche es einfach», bestätigt Olivia, «ich schicke ihm die gleiche Mail, die wir bereits Dean geschickt haben. Je mehr Leute suchen, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, einen Treffer zu landen. Danke für die Hilfe!»
Wer ist Jörg Herbst?
Eine Woche nachdem sie Dean das Mail geschickt hatte, erhält Olivia einen Anruf: «Hallo!»
«Hallo, hier ist Ray Kammber.»
«Ach du bist es, ich habe deine Nummer nicht erkannt», meldet sich Olivia, «schön dass du dich meldest. Wie läuft‘s in Zürich?»
«Recht gut, ich bin stolz, dass mich eine Baslerin um Hilfe bittet.»
«Schon gut, es handelt sich um einen Notfall, sonst würden wir uns selber helfen, doch bei illegalen Sachen sind uns die Zürcher überlegen!»
«Ja natürlich, für die Drecksarbeit sind wir gut genug», macht Ray das Spiel Zürich gegen Basel mit.
«Oh sorry, ich werde dir eine Packung Seife schicken, dann kannst du dir wenigsten die Hände waschen.»
«Danke nicht nötig», entgegnet Ray, «wer hat gesagt, dass ich mir die Hände schmutzig mache, vielleicht habe ich ja dein Mail direkt in den Papierkorb verschoben.»
«Könnte ich dir nicht übel nehmen», erwidert Olivia, «nur würdest du mich dann vermutlich nicht anrufen.»
«Da hast du Recht», erklärt Ray, dessen Ton etwas ernster klingt, die Eröffnung des Gesprächs ist somit beendet, jetzt kommt er zum eigentlichen Grund des Anrufs, «ich habe natürlich versucht, den Leuten aus unseren Vororten zu helfen, es ist gar nicht so einfach. Bis jetzt habe ich nur eine einzige heisse Spur, doch sie könnte genauso gut im Nichts enden.»
«Und ich bin gespannt, was hast du herausgefunden?»
Danach erklärt er ihr, wie er zuerst nach den drei Namen gesucht hat. Verdächtige konnte er keine ermitteln. Keiner hatte etwas mit Diamanten zu tun. Danach hat er die Suche erweitert. Er suchte nach verwandten Namen, also nach Namen, die eine Ähnlichkeit mit einem der drei Männer hatten. Dabei gab es unzählige Kombinationen. Ich habe alle durchlaufen lassen. Ein einziger Name ist dabei hängen geblieben.
«Jörg Herbst!»
«Jörg Herbst, wer ist das?»
Nun erklärt er ihr weitere Details. Dieser Jörg Herbst hat sich im Jahr 1949 in Paraguay angemeldet. Auf jeden Fall hatte dieser Herbst sich in Paraguay niedergelassen und ist sehr schnell zu Wohlstand gekommen. Er eröffnete in Asunción einen Juwelierladen, der schnell grösser wurde. Besonders Diamantringe waren seine Stärken. Schnell erlangte er einen gewissen Einfluss in Südamerika. Er kaufte Betriebe und restaurierte sie. Sein Wirkungskreis reichte über Brasilien, Argentinien bis Venezuela. Er hatte gute Verbindungen zum Holländer de Beers, dessen Imperium bekanntlich den Diamantenhandel beherrscht. Im Jahre 1980 expandierte Jörg Herbst in die USA. Er eröffnete je ein Geschäft in Miami, Las Vegas und New York.
«Das könnte tatsächlich unser Mann sein», bestätigt Olivia, «gibt es noch mehr Infos?»
«Bis jetzt weiss ich nicht einmal, ob er noch lebt, doch in letzter Zeit war es sowieso ruhig um ihn geworden.»
«Danke für die Hilfe, es könnte tatsächlich unser Mann sein, nur weiss ich jetzt nicht, um welchen der drei Männer es sich handelt.»
«Ich werde mich auf ihn konzentrieren, vielleicht findet man beim nachhacken weitere Informationen. Mit wem hat er verkehrt? War er verheiratet? Gibt es eine Ehefrau? Diese Fragen könnten uns nun weiter bringen, oder was meinst du?»
«Das mit der Ehefrau», greift Olivia den Faden auf, «könnte erfolgsversprechend sein.»
«Also das war’s», versucht Ray das Gespräch zu beenden, «vielleicht komme ich nächste Woche mal in die Provinz. Ich war schon lange nicht mehr auf dem Land. - Dürfte ich bei euch reinschauen?»
«Natürlich, Anna freut sich über jeden Männerbesuch. Doch Vorsicht, sie ist sehr anspruchsvoll, also bis nächste Woche», Olivia beendet das Gespräch.
«Was ist mit mir», fragt Anna, die eben reinkommt und offenbar den Schluss des Gesprächs mitbekommen hat.
«Ach nichts», wimmelt Olivia ab, «nur ein neuer Verehrer, ich denke, er wird nicht in dein Beuteschema passen, wenigstens war er eine grosse Hilfe.»
«Ich höre nur Beuteschema», Anna ist nun etwas eingeschnappt und kommt auf Olivia zu, «als was stellst du mich wieder hin, wer war das überhaupt?»
«Kennst du nicht, einer aus Zürich.»
«Ah – sicher dieser Ray, was wollte er?»
«Er will uns nächste Woche besuchen, er hat einen Verdächtigen ausfindig gemacht.»
«Wer ist der Verdächtige?»
«Jörg Herbst», antwortet Olivia, «doch das wird dir nicht weiter helfen. Ich kenne den Typen auch nicht, zudem dürfte er inzwischen doch in die Jahre gekommen sein.»
«Wie kommt ihr denn auf den?»
«Wie kommt Ray auf den?», korrigiert Olivia, «einfach durch kombinieren. Herbst statt Sommer und Jörg statt Jürg. Ein kleiner Hinweis zu zwei der drei Männer. Zugegeben etwas dürftig, doch er hat zusätzlich noch mit Diamanten zu tun.»
«Nicht schlecht», Anna ist beeindruckt, «Und wo lebt dieser Herbst?»
«In Paraguay, falls er überhaupt noch lebt, das versucht Ray jetzt herauszufinden.»
«Und dieser Ray kommt nächste Woche nach Basel?»
«Ja, er will wieder einmal aufs Land», erklärt Olivia, «wir müssen ihm zeigen, dass Basel nicht ein Provinznest ist, das sind wir Basel schuldig.»
«Du willst diesen Zürcher noch beeindrucken?», ereifert sich Anna, «das musst du schon alleine durchziehen, ich werde mich verdrücken, wenn er auftaucht.»
«Wir werden ja sehen, wie wär’s mit einem Kaffee?»
«Klingt gut, dabei kannst du mir erzählen, was es mit diesem Herbst auf sich hat».
Während dem Kaffeekochen erzählt Olivia ausführlich, was sie erfahren hatte. Dabei schmückte sie die Geschichte bereits detailliert aus. Der Mister Jörg Herbst hatte seine beiden Kontrahenten ausgeschaltet und sich in Besitz der Diamanten gebracht, das war für sie klar. Nur, welcher der drei Männer der Überlebende war, das ist auch für Olivia noch nicht eindeutig. Alles deutet aus ihrer Sicht auf den Leutnant Sommer hin, doch der neue Vorname macht sie stutzig. Jürg und Jörg waren sich sehr ähnlich, den Vornamen zu behalten ist viel einfacher und wesentlich weniger verdächtig. Doch auch Knut kann man nicht ausser Acht lassen, was ist, wenn er sich aus den Namen seiner Rivalen einen neuen Namen kreierte, das wäre noch viel sicherer.
Für Anna war andrerseits klar, dass einer der jemand umbringt, sich seinen neuen Namen nicht aus den Namen der Ermordeten zusammenstellt, so verrückt kann doch keiner sein. Dieser Herr Herbst ist für sie nur eine Fata Morgana. Doch wenn es Olivia beruhigt, warum nicht, so kommt sie auf andere Gedanken. Doch warum der Zürcher nächste Woche persönlich vorbeikommen will, das ist für sie das grössere Rätsel. Hat er etwa Absichten? Will er bei ihnen in der Wohnung übernachten? Dieser Gedanke bringt sie etwas durcheinander, wie er wohl aussieht, dieser Zürcher?
«Hier ist der Kaffee», Olivia stellt die Tassen hin, «du bist so in Gedanken versunken, träumst du von Ray.»
«Ach du, ich habe nicht nur Männer im Kopf. Ab und zu denke ich auch an meine Arbeit», flunkert Anna.
«Ach so wie läuft es denn?»
«Recht gut, ich habe jetzt einige Projekte aufgestellt, in die der Bund investieren könnte, um damit die Wirtschaft anzukurbeln und gleichzeitig die Umwelt zu schützen.»
«Hört sich interessant an, - erzähl!»
Nun erklärt Anna einige Projekte. Diese sind vor allem aus dem Bereich Energieeinsparung. Zum Beispiel Umrüsten der Strassenbeleuchtung auf LED-Technologie, damit könnte man viel Strom sparen, in der Nacht sollte die Beleuchtung nur noch einschalten, wenn ein Bewegungssensor meldet, dass jemand im Gebiet unterwegs ist, das spart nicht nur Strom, auch die Natur könnte sich wieder an den normalen Tag- und Nachtrhythmus gewöhnen. Windkraftwerke auf den Jurahöhen und Kleinkraftwerke in abgelegenen Gegenden, damit die langen Leitungen reduziert werden können und so keine Verluste entstehen, brächten weitere Vorteile.
«Das sind doch keine neuen Ideen, die kennt schon jeder, damit holst du keinen hinter dem Ofen hervor.»
«Natürlich sind die Projekt bekannt, doch es macht keiner Vorwärts. Eine kleine Motivationsspritze würde solchen Projekten gut tun, sonst landen sie plötzlich wieder in den Schubladen.»
«Gut, bin mal gespannt ob es etwas nützt.»
«Ich habe auch etwas für die Autoindustrie», verkündet Anna stolz. Dann erzählt sie von ihrer Idee, neue Taxis zu entwickeln. Diese würden die Luft in den grossen Zentnern wesentlich weniger belasten.
«In Städten wie New York, London und in praktisch allen Grossstädten in Asien, hat das Taxi eine dominante Rolle. Die Taxis in New York verbrauchen zum Beispiel rund 40 Millionen Liter Benzin im Jahr. Der Verbrauch könnte ohne grossen Aufwand auf 20 Prozent reduziert werden. Wenn es gelingt, dass in Zukunft nur noch kleine umweltfreundliche Taxis durch die Städte fahren, bringt dies der Umwelt sehr viel», schliesst sie ihren Beitrag.
«Ein guter Vorschlag, doch was wird aus den ausrangierten Autos?»
«Nun, das ist das kleinste Problem, die kann man an Privatpersonen weiter verkaufen. Für diese Personen reicht die Qualität noch lange, sie würden den durchschnittlichen Schadstoffausstoss nochmals herunterdrücken, weil sie noch ältere Automodelle günstiger ersetzen könnten.»
«Ich merke schon, du hast an alles gedacht», bemerkt Olivia anerkennend, «doch wer soll das alles umsetzen?»
«Das wird das Problem sein, zuerst müssen Autofirmen sich mit den speziellen Anforderungen, die an ein Taxi gestellt werden, auseinandersetzen. Mit dem umweltfreundlichen Antrieb ist es noch nicht gemacht. Ein Taxi müsste noch weitere Bedingungen erfüllen. Komfort, Sicherheit und kleinere Grundfläche, müssen den speziellen Bedingungen angepasst werden. Da liegt noch viel drin.»
«Jetzt bin ich echt beeindruckt.»
«Wenn die Taxis kürzer werden und zudem dank Abstandssensoren enger aufschliessen können, könnten mehr Taxis in der gleichen Zeit eine Ampel passieren, der Verkehrsfluss würde verbessert», ergänzt Anna, «Wirtschaft bedeutet eben mehr als nur Zahlen und Statistik. Da brauch es eine Gesamtübersicht.»
«Ich merke schon, ich habe mit meiner Ethnologie ein Mauerblümchen unter den Wissenschaften ausgesucht, es ist anzunehmen, dass ich nie einen grossen Beitrag an die Menschheit weitergeben kann.»
Ein Telefonanruf unterbricht das Gespräch.
«Hallo», meldet sich Olivia.
«Hallo, ich bin’s Tim!»
«Ach du», meldet sich Olivia, «hast du schon das Neuste von Ray gehört?»
«Ja, er hat mich angerufen, sehr interessant. Ich habe darauf in den Archiven der Zeitungen von Asunción nachgeforscht und dabei einen Artikel gefunden. Ich schick dir den Artikel per Mail.»
«Gut, was steht den drin? Mach’s nicht so spannend.»
«Nur, dass er der Regierung für seine Einbürgerung eine halbe Million Dollar bezahlt hatte. Wenn man bedenkt, wie viel Geld das im Jahre 1952 war, sagt es einiges aus.»
«Ich vermute, dass er sehr schöne Diamanten gefunden hatte, sonst hätte er sich das nicht leisten können.»
«Gut, ich schau mir den Artikel an, hast du ihn schon geschickt?»
«Mache ich sofort nach dem Telefonanruf», erklärt Tim, «bis Morgen! Noch einen schönen Gruss an Anna!»
«Werde es ihr ausrichten, bis Morgen. – Tschüss Tim.»
«Komm, wir müssen das Mail von Tim lesen», drängt Olivia, «er hat etwas wichtiges herausgefunden.»
«Hast du nicht etwas vergessen?», fragt Anna nach.
«Was? Ach so, ich soll dich noch grüssen, aber das hast du ja gehört!»
«Natürlich, doch ich wollte es noch von dir hören.»
Die beiden starten den PC auf und öffnen das Mail von Tim. Da steht, dass Jörg Herbst sich in Paraguay einbürgern liess. Bei der Einbürgerungsfeier überreicht er dem Bürgermeister einen Scheck über eine halbe Million Dollar. Der Artikel erscheint auf der zweiten Seite. Ein Foto dokumentiert die Übergabe des Schecks.
«Der eine Mann auf dem Foto dürfte der Bürgermeister sein, der andere Mann ist Jörg Herbst», stellt Olivia fest.
Dass man jetzt weiss, wie dieser Herr aussieht, ist zwar erfreulich, doch weiter bringt es sie nicht. Man weiss ja nicht, wie die anderen beiden in Frage kommenden Herren aussahen.
Immerhin hat man jetzt eine Ahnung, mit wem man es zu tun hat. Der Herr ist blond und wird sicher um die ein Meter achtzig gross sein. Das Foto beweist, dass sich der Herr sicher fühlt, er musste zumindest in Asunción keine Angst haben. Die Vergangenheit scheint ihn nicht mehr zu belasten.
Besuch aus Zürich
Die beiden Frauen fiebern, ohne dass sie es zugeben würden, dem Besuch aus Zürich entgegen. Olivia war noch beim Friseur, Anna hat sich die Nägel machen lassen. Beide betonen, dass es nichts mit Ray zu tun hat. Der Termin beim Friseur sei schon vor vier Wochen abgemacht worden. Auch Anna erzählt jedem der es wissen will, dass sie die Nägel schon lange störten und sie sich deshalb endlich aufgerafft hat, sich diesen Luxus zu leisten.
Zu dritt holen sie Ray am Bahnhof ab. Danach geht es an die Uni. Sie werden im Labor eine Besprechung durchführen. Offizielles Thema, die Untersuchungen der Pflanzen die Olivia in der Uni Zürich analysieren liess. Doch bereits auf der Fahrt mit dem Tram, wurde über Jörg Herbst diskutiert. Anscheinend hat jeder etwas gefunden. Das Stöbern im Internet war erfolgreich. Nachdem man sich auf eine Person fokussiert hatte, wurde man beinahe bei jedem Suchvorgang fündig. Jetzt muss man sich nur noch ein Gesamtbild zusammenstellen. Bis es soweit war, hatte Olivia den Zürcher für sich, erst wurden die Pflanzen analysiert.
Im Labor übergab er ihr die Messergebnisse mit dem jeweiligen Kommentar des zuständigen Biologen. Diese Analysen brauchte Olivia zur Aufwertung ihrer Semesterarbeit. Es ist ihre letzte Chance aus ihrer Dschungelreise einen vernünftigen Bericht zusammenzustellen. Ihr ist schon längst klar, wenn es so weiter geht, kann sie dieses Jahr vergessen, sie kommt einfach nicht vom Fleck.
Während Olivia mit Ray im Labor arbeiten, hat Tim Anna zu einem Kaffee in die Kantine eingeladen. In einer ruhigen Ecke unterhalten sie sich über ihre eigenen Arbeiten, doch es reicht nur zu einigen oberflächlichen Bemerkungen.
Anna ist erleichtert, als die beiden mit einem Höflichkeitsabstand in die Kantine kommen. Ihr Alptraum war, dass die beiden eng umschlungen durch die Türe schreiten. Doch das will nichts heissen, man wird sehen.
«Wir sind fertig», meint Ray, als er an den Tisch kommt, «wie geht es jetzt weiter?»
«Am einfachsten ist, wenn wir auf unsere Bude gehen», meint Anna, «da können wir ungestört über unseren Mister Herbst diskutieren, wir haben auch etwas zum Essen vorbereitet.»
Es ist erstaunlich, wieviel man im Internet über eine Person herausfinden kann, selbst wenn die Zeit weit zurückliegt. Nachdem jeder seine Daten ausgebreitet hat, ist Jörg Herbst kein unbekannter mehr.
Wann er nach Paraguay einreiste, konnte man nicht genau herausfinden. Es dürfte 1949 gewesen sein. Erstmals tauchte er in einem Zeitungsartikel von 1950 auf. Auf seiner Gummiplantage streikten die Arbeiter. Auf der abgelegenen Plantage war alles im Besitz von Herrn Jörg Herbst. Beim Essen, Schlafen und den Drinks in der Kneipe, bei allem verdiente Herbst tüchtig mit. Der Streik wurde von einer privaten Sicherheitstruppe brutal beendet. Mehrere Arbeiter wurden dabei getötet. Es gab nicht einmal eine Untersuchung. Einen wilden Streik beurteilte die damalige Regierung als Aufruhr, die Sicherheitsleute hatten nichts zu befürchten.
Nur kurz ging der Ertrag der Plantage zurück. Der Grossteil der Belegschaft wurde durch brasilianische Arbeiter ersetzt. Jörg Herbst wurde immer reicher. Er lebte ausserhalb Asunción auf einer Hazienda. Diese war luxuriös, abseits des Wohnbereichs mit Pool und kleinem Park, glich die Hazienda einer Festung. Sie wurde von einer paramilitärischen Truppe bewacht. Mehrmals im Jahr veranstaltete er prunkvolle Partys. Diese waren auch der Grund, weshalb man von Herbst regelmässig in der Zeitung lesen konnte, denn auf diesen Partys tummelte sich die Prominenz von Paraguay, was die Paparazzi in Scharen anlockte.
Etwa zwei Jahre später heiratete Jörg Herbst, eine fünfzehn Jahre jüngere, in Paraguay sehr populäre Sängerin. Natürlich war die Zeitung voll mit Fotos vom diesem gesellschaftlichen Ereignis des Jahres. Herbst hatte in Paraguay politisches Gewicht. Sicher standen nebst der Presse, auch mehrere Beamte auf seiner Lohnliste. Die Geschäfte liefen sehr gut. Der Preis für Naturkautschuk kletterte, dank dem Auto Boom, immer höher. Herbst hatte aufs richtige Pferd gesetzt. Nebst dem Gummi, mischte er auch in anderen Geschäften mit. Im nördlichen Distrikt von Paraguay hatte er das Monopol für Alkohol. Alle Kneipen in dieser Gegend wurden durch seine Sicherheitsleute kontrolliert. Die meisten Kneipen wurden wie Bordelle geführt. Dazu kamen noch die Edelhölzer, die bei der Vergrösserung der Plantagen so quasi als Nebenprodukt, gute Gewinne abwarfen. Dieser Jörg Herbst führte sein Reich wie ein Patriarch und wurde immer reicher.
Nur eines konnte noch nicht geklärt werden, welcher der drei in Frage kommenden Männer war Jörg Herbst? Wer versteckt sich hinter dem Namen? Hatte er seinen Vornamen nur leicht verändert und den Familiennamen von Sommer abgeändert, oder war es sogar Knut, welcher aus den beiden Namen einen neuen zusammenstellte. Eigentlich war es nicht von grosser Bedeutung, denn über das Schicksal der beiden anderen Männer wurde nie etwas gefunden. Es gibt keine Hinweise auf ein Verbrechen, auch keine Leichen. Sicher ist nur, dass Knut im Tagebuch nie vermisst wurde. Auch über seinen Tod konnte man nichts lesen. Dass Leutnant Sommer das Rettungsboot lebend verlassen konnte, ist eher unwahrscheinlich. Die Art von Herbst deutet eher auf einen Offizier hin. Natürlich traut man auch einem Funker einiges zu, doch dieses rücksichtslose Vorgehen, passt nicht zu ihm, der war nach Angaben des Tagebuchs, ein eher ruhiger und besonnener Mann.
Tendenziell vermuten die vier, dass Leutnant Sommer der Überlebende ist. Man will sich jedoch nicht weiter mit der Frage beschäftigen, sie wird sich vermutlich von selbst auflösen.
«Hatte er eigentlich Kinder?», wollte Anna wissen.
«Ich glaube drei, einen Sohn und zwei Töchter», beantwortet Ray die Frage, «warum fragst du?»
«Nun, ich denke, dass die vielleicht etwas weniger senil sind. Der Alte sitzt, wenn er noch lebt, sicher in seiner Altersresidenz und lässt sich von einer Krankenschwester pflegen.»
«Du hast Recht, er müsste jetzt über neunzig sein», bestätig Olivia und zeigt, dass sie gut im Kopfrechnen ist.
«Ja, doch er scheint immerhin noch so fit zu sein, dass er Drohbriefe schreiben lässt», wendet Tim ein.
«Wer sagt denn», meint Anna, «dass er es war, der die Drohung verschickte, es könnte auch sein Sohn gewesen sein.»
«Das schon, doch seine Erben hätten ja nichts zu befürchten», wendet Ray ein, «die wissen vermutlich von den Ereignissen in den Kriegsjahren nichts, so etwas hängt man nicht an die grosse Glocke.»
«Wie auch immer», wendet Anna ein, «von den Nachkommen wird man mehr erfahren, als vom alten Mann.»
«Vermutlich schon», bestätigt Tim, «es bringt uns nicht weiter, da wir weder diesen Herr Sommer, noch den Herr Herbst, noch seine Erben kennen.»
«Ich schlage vor», wechselt Olivia das Thema, «wir beide kümmern uns nun um das Essen.»
Alle nickten zustimmend. Die beiden Frauen ziehen sich in die Küche zurück, während Tim und Ray sich der Sportschau im Fernsehen widmen.
«Essen ist fertig», melden sich die Mädels aus der Küche. Das heisst, Fernseher aus. In Gedanken versunken essen sie die Lasagne. Sie ist den Mädels ausgezeichnet gelungen.
«Für eine Lasagne aus der Tiefkühltruhe ist sie ausgezeichnet», bemerkt Tim, «wirklich, super.»
«Sorry – das war kein Fertiggericht, wir haben sie selber zubereitet.»
«Entschuldigung – umso besser, ist ja wie bei Mutter.»
«Stimmt, sie hat mir Tipps gegeben, doch die Hauptsache ist, sie schmeckt.»
«Finde ich auch», meldet sich Ray, «wirklich hervorragend.»
Nach dem Essen mussten die Männer den Abwasch besorgen. Widerwillig erledigten sie die Arbeit. Anna hilft beim Einräumen des Geschirrs. Gerne hätte sie den Beiden die Arbeit abgenommen, doch Olivia bestand darauf, dass sie auch etwas beisteuern.
Nach zehn Minuten setzten sich alle wieder an den Tisch, Kaffee mit Keksen sind angesagt. Nun konnte man wieder diskutieren. Ray machte eine kurze Zusammenfassung, der alle zustimmten.
«Was hat eigentlich Dean herausgefunden?», fragt Ray.
«Nun, eigentlich nichts, ausser, dass wir in der Schweiz vor dem US-Gesetz in Sicherheit sind», erklärte Olivia, «wir sollten ihm noch ein Mail schicken, vielleicht hilft ihm die eine oder andere Information weiter.»
«Gute Idee», bestätigt Ray, «wir schreiben noch das Mail und dann bin ich gespannt auf das Nachtleben von Basel. Hier gibt’s doch Dancings – oder?»
«Natürlich und erst noch sehr gemütliche», bestätigt Anna, «sie sind nicht so versnobt wie in Zürich.»
«Du meinst», nimmt Ray den Faden auf, «wie in Zürich vor zehn Jahre? Gut, ein bisschen Nostalgie kann nichts schaden.»
«Da nimmt aber einer den Mund etwas voll», kontert Tim, «die Basler sind fröhliche Leute, du wirst schon sehen, in Zürich wirst du nichts Vergleichbares finden. Pass nur auf, dass man dich nicht gleich als Zürcher erkennt».
«Gut, ich lasse mich überraschen.»
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