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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 10

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10.
Graf Rottack bei Pfeffers

»Und was nun,« sagte Felix, als sie mitsammen die Straße hinabschritten und Jeremias noch einen scheuen Blick hinter sich warf, als ob er fürchte, daß ihnen diese entsetzliche orangefarbene Dame folgen könne – »wollen wir zu Pfeffers?«

»Herr Graf,« stöhnte der kleine Mann, »ich bin nicht im Stande – ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe in der Viertelstunde da oben bei dem schrecklichen Frauenzimmer, meiner Fräulein Schwägerin, mehr ausgestanden, als ob ich die ganze Zeit über auf einer Folterbank gesessen hätte!«

»Aber wußten Sie denn nichts von dieser Schwester?«

»Ich wußte, daß meine Frau eine Schwester hatte, habe sie aber nie gesehen, denn sie war damals schon lange beim Theater und irgendwo im Preußischen an einer kleinen Bühne engagirt, hatte sich auch nie mit ihrer jüngeren Schwester vertragen können.«

»Und der Bruder?«

»War Komiker an unserem Theater, entzweite sich aber ebenfalls mit meiner damaligen Frau, weil er gegen unsere Heirath gerathen, und hielt keinen Verkehr mit uns.«

»Sie müssen damals ein sauberer Zeisig gewesen sein, Jeremias?«

»Reden wir nicht davon,« sagte der kleine Mann mit einem aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »aber es ist ja nun vorbei und ich brauche doch wenigstens nicht mit einer Schwägerin gestraft zu werden, wenn ich nicht einmal eine Frau habe.«

»Aber was wollen Sie jetzt thun? Jene Dame wird unfehlbar ohne weiteren Zeitverlust zu ihrer kranken Schwester laufen und sie alarmiren.«

»Die wär's im Stande.«

»Darauf können Sie sich fest verlassen,« sagte Felix, »und ich bin überzeugt, daß sie selbst in diesem Augenblick in aller Hast ihre Toilette macht. Was dann?«

»Und wenn ich selber hingehe, jage ich der armen Frau vielleicht den Tod vor Schrecken ein, denn – hübscher bin ich nicht geworden.«

»Hören Sie, Jeremias,« sagte Graf Rottack, nach seiner Uhr sehend, »ich habe etwa noch eine halbe Stunde Zeit und die Sache einmal begonnen. Ich werde allein zu jenem Herrn Pfeffer hinaufgehen und sehen, wie Alles steht.«

»Ach, mein bester, herrlichster Herr Graf, wenn Sie das für mich thun wollten – sehen Sie, schicken Sie mich nachher durch die Hölle, wie den seligen Tamino durch Feuer und Wasser, wohin Sie wollen, ich springe mitten hinein!«

»Aber Alles kann ich doch nicht thun, Jeremias,« sagte Rottack, »ja, im Gegentheil würde meine Gegenwart später nur störend sein – nachher müssen Sie allein gehen.«

»Ja gewiß, mit dem größten Vergnügen!« rief der kleine Mann, dem der Angstschweiß auf der Stirn stand – »erzählen Sie nur vorher die Geschichte; sagen Sie ihr, wie ich geschafft und gearbeitet habe und ein ordentlicher Kerl geworden bin, und bitten Sie, daß sie – nicht mehr böse auf mich ist. und mir wenigstens erlaubt, ihr zu helfen.«

»Sie hatten ein Kind, Jeremias?«

»Ja, ein Mädchen,« sagte dieser kleinlaut.

»Sie wird herangewachsen sein – und kennt den Vater nicht einmal.«

»Lieber, bester Herr Graf, thun Sie mir den einzigen Gefallen und reden Sie nichts weiter, ich verliere sonst das kleine bischen Verstand – es ist wahrhaftig nicht viel, was mir noch übrig geblieben ist – gehen Sie hinauf, ich werde indessen hier unten auf und ab laufen.«

»Aber wo ist denn das Haus?«

»Hier muß es irgendwo sein, dies ist wenigstens die Straße, und – holla, sehen Sie wohl, Sie hatten Recht – da brennt meine orangefarbene Schwägerin eben hinein – ich kenne sie an der Haartour – glücklicher Weise hat sie uns nicht gesehen.«

»Gut, dann will ich ihr wenigstens Zeit lassen, das Eis zu brechen,« lächelte Rottack; »kommen Sie, wir wollen erst noch einmal die Straße hinab und wieder zurück gehen, und nachher besuche ich Ihre Verwandten.«

»Und ich laufe unterdessen hier Spießruthen.«

»Das fällt zu sehr auf. Dort drüben ist ein Bierlocal, gehen Sie da hinein und setzen Sie sich an's Fenster, daß Sie die Thür im Auge behalten.«

»Das ist recht,« sagte Jeremias, mit Allem einverstanden, was ihm nur das erste Bahnbrechen seines schweren Schrittes ersparte, und als sie Fräulein Bassini hinlänglich Zeit gelassen zu haben glaubten, ihre Neuigkeit anzubringen, und zu dem Eingang des Hauses zurückkehrten, trat Graf Rottack seinen nicht eben leichten Gang an. Jeremias aber, dem erlassenen Rath zufolge, postirte sich an das innere Fenster des benachbarten Wirthshauses und trank in Gedanken und Herzensangst ein Glas Bier nach dem andern.

Der junge Graf stieg indessen langsam die Treppe hinauf. Unten im Hause hatte er schon erfahren, daß Herr Pfeffer im zweiten Stock wohne, und wie er dort oben den Vorsaal erreichte, wußte er augenblicklich, wohin er sich zu wenden habe, als er das überraschte Gesicht und die orangefarbene Gestalt der Dame in der freilich gleich wieder zugeschlagenen Thür entdeckte.

Rottack war aber nicht der Mann, um schüchtern eine Einladung abzuwarten. Er ging ohne Weiteres auf die Thür zu, klopfte an und öffnete dieselbe auf das laute, etwas barsche »Herein!« Pfeffer's. Dieser hatte nämlich keine Zeit gehabt, in sein Zimmer zu gehen und den alten Schlafrock auszuziehen, da er vorher erst den Vorsaal hätte passiren müssen, und drückte sich nun, als der Fremde eintrat, vorsichtig an der Wand hin, um diesen Fehler so rasch als möglich zu verbessern. Der Schlafrock war wirklich in gar zu desolaten Umständen.

»Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Pfeffer zu sprechen? Ah, mein Fräulein, ich hatte schon vorher die Ehre…«

»Ja, mein Herr,« sagte Pfeffer, der sich hier keine Blöße geben durfte, »mein Name ist Pfeffer – Fürchtegott Pfeffer.«

»Und Ihre Frau Gemahlin? – Bitte, bleiben Sie liegen, Madame, ich möchte um Alles in der Welt Sie nicht derangiren, und muß so schon um Verzeihung bitten, so ohne Weiteres eingetreten zu sein!«

»Bitte – nein, nicht meine Frau, meine Schwester Auguste – dies meine Schwester Lise – Elise wollt' ich sagen – dort meine Nichte Henriette – mit wem hab' ich die Ehre?«

»Mein Name ist Rottack, und wenn ich mich hier in eine Familienangelegenheit dränge – denn ich darf wohl annehmen, daß Ihnen das Fräulein hier schon die Ursache meines Besuches mitgetheilt hat – so mag mich das entschuldigen, daß ich es in bester Absicht und in der Hoffnung thue, einen günstigen Erfolg für beide Theile zu erzielen.«

»Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Graf?« rief Fräulein Bassini und schritt nach dem Fenster zu, um dort einen leeren Stuhl zu holen.

»Pardon, mein gnädiges Fräulein!« rief Rottack und sprang ihr zuvor, während Pfeffer ein sauer-komisches Gesicht bei dem Worte »gnädiges« zog, den Moment aber auch benutzte, zur Thür hinaus zu fahren – »Sie erlauben mir wohl…«

Er hatte den Stuhl erfaßt, als sein Blick auf die Arbeit Henriettens fiel, die neben ihrem Arbeitstisch in ängstlicher Spannung aufgestanden war.

»Ah, mein liebes Fräulein, wie reizend und geschmackvoll Sie arbeiten! Die Blumen könnten wahrhaftig eben so gut in Paris gemacht sein – der Kranz ist prachtvoll!«

»Sie sind zu gütig, Herr – Graf,« flüsterte Henriette beschämt und tief erröthend – »ich habe sehr rasch daran arbeiten müssen.«

»Wirklich vortrefflich,« fuhr Rottack fort, den Schmuck aufnehmend und gegen das Licht haltend.

»Nicht wahr, Jettchen arbeitet hübsch?« sagte Fräulein Bassini, die ebenfalls zum Tisch getreten war und sich in dem Lobe der Nichte mit geschmeichelt fühlte – »ja, das macht ihr Keine hier nach – und so rasch, Sie glauben es gar nicht!«

»Dürfte ich da Ihre Zeit wohl auch einmal in Anspruch nehmen, mein liebes Fräulein,« sagte der junge Mann, »und Sie um einen Kranz von diesen Veilchen und solchen Maiblumen bitten? Ich weiß, daß ich große Freude damit anrichten würde.«

»Ja, Herr Graf,« sagte in dem Augenblick Pfeffer, der mit einer noch nie entwickelten Schnelligkeit seinen drüben mitten in's Zimmer geschleuderten Schlafrock abgeworfen und den langen braunen Rock angezogen hatte – »aber nur jetzt nicht; das Mädel hat sich schon halb caput zu dem verdammten Ball gearbeitet…«

»Ich werde Sie nicht drängen,« lächelte Rottack, »und wenn ich den Kranz erst in vier oder sechs Wochen bekomme.«

»Sie sollen ihn noch früher haben,« lächelte Henriette freundlich; »nur die nächsten Tage bin ich so sehr beschäftigt.«

»Und was war es nun, Herr Graf, was Sie uns zu sagen wünschten?« platzte Fräulein Bassini heraus, die ihre Ungeduld, das erwartete Geheimniß zu hören, nicht länger bezähmen konnte.

»Sie haben Recht, mein Fräulein,« sagte Rottack ernst. »Herr Pfeffer, ich habe Ihrer Frau Schwester eine wichtige Mittheilung zu machen, was eigentlich unter vier Augen geschehen sollte; da aber die arme Dame leidend ist, so erbitte ich mir Fräulein Henriettens – nicht wahr, das war der Name der jungen Dame? – Fräulein Henriettens Gegenwart dazu aus, da sie ja selber mit interessirt dabei ist.«

»Sehr wohl, Herr Graf,« sagte Pfeffer, der die Andeutung nicht mißverstehen konnte – »na, komm so lange mit zu mir hinüber, Lise.«

»Aber wir gehören doch eigentlich mit zur Familie!« rief Fräulein Bassini, von dem Gedanken empört, daß sie schon wieder nichts erfahren sollte.

»Na, komm nur, Alte,« lachte Pfeffer, »das hilft Dir nichts, ich lasse Dich drüben nicht einmal horchen – aber noch Eins, Herr Graf – bitte, machen Sie's kurz und regen Sie mir die Guste nicht zu sehr auf; sie zittert jetzt schon am ganzen Leibe!«

»Ich habe ihr nichts Trauriges mitzutheilen, mein lieber Herr,« sagte Rottack freundlich – »seien Sie versichert, daß Alles, was ich zu sagen habe, auf die schonendste Weise gesagt werden wird.«

»Bon,« sagte Pfeffer, und Fräulein Bassini – die doch nicht mit Gewalt da bleiben konnte, obgleich sie einmal nicht übel Lust dazu zu haben schien – bei der Hand nehmend, verließ er mit ihr das Zimmer.

»Jettchen!« rief die Frau.

»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Henriette, flog an ihre Seite und kniete vor ihr am Sopha nieder.

»Beruhigen Sie sich, verehrte Frau,« sagte Rottack herzlich, »ich habe Ihnen eine recht gute Mittheilung zu machen. So erfahren Sie denn vor allen Dingen, daß ich Ihre Familienverhältnisse genau kenne und sogar persönlich befreundet mit ihrem geschiedenen Manne bin…«

»Und er lebt?« sagte die Frau zitternd.

»Er lebt,« nickte Rottack freundlich, »und hat nicht allein seine frühere übereilte Handlung tief und aufrichtig bereut, sondern auch Alles gethan, was in seinen Kräften steht, um sie, so weit es irgend möglich ist, wieder gut zu machen.«

»Und so lange Jahre habe ich nichts von ihm gehört – hat er nicht ein einziges Mal nach seinem Kind gefragt?«

»Meine liebe, gute Mutter, rege Dich nur nicht auf!«

»Aber wo ist er?« fragte die Frau – »wird er nie wieder nach Deutschland zurückkommen?«

»Würden Sie ihm verzeihen, wenn er wiederkehrte?«

»Was kann ich ihm verzeihen,« sagte die Frau traurig – »wir waren Beide damals jung und unerfahren, trugen Beide wohl vielleicht gleichviel Schuld – ich – hatte mir nur nie gedacht, daß er mich so ganz vergessen könnte.«

»Und wenn ich Ihnen sage, daß er Sie nicht vergessen, daß er da drüben im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher Mann, daß es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, daß er sich aber keine Mühe verdrießen ließ, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte und nicht allein durch eisernen Fleiß, sondern auch glückliche Speculation und Umsicht ein Vermögen erwarb, mit dem er anständig hier in Deutschland leben könnte?..«

»Und in seinem Glück hat er unserer gedacht?« sagte die Frau leise und faltete wie unwillkürlich die Hände.

»Mehr als das,« fuhr Rottack herzlich fort; »es ließ ihm drüben in Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhängiger Mann wußte, verließ er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurück.«

»Er ist hier?« rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches Antlitz mit den Händen.

»Er ist hier,« sagte Rottack leise, »hier in der Stadt, und hat mich, der ihn drüben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen – ob er sein Kind wiedersehen darf.«

Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die großen, hellen Thränen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schläfen nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.

»Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter?« bat das Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang – »hast Das nicht manche lange Nacht in Thränen zugebracht, daß er fort war, und mir oft gesagt, wie er sich freuen würde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen könnte? – Und dann wird es Dir auch besser gehen,« flüsterte sie ihr leise zu, »Du wirst gesund und kräftig werden und brauchst keine Sorge mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher…«

Die Frau nahm die Hände von den Augen, öffnete ihre Arme, umschloß ihr Kind damit und preßte die Lippen auf ihre heiße Stirn.

»Ja, mein Kind,« sagte sie dabei leise, »er darf wiederkommen – wir haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine mehr, der Andere weniger – aber wir haben uns doch einmal geliebt, und es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.«

»Meine liebe, gute, gute Mutter!«

»Aber nicht heute,« fuhr die Mutter fort, »nicht heute – die Nachricht hat mich doch zu sehr angegriffen – ich würde es vielleicht nicht ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so elend fände – heute nicht, aber morgen früh. Es ist besser so für uns Beide – wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten – nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?«

»Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau,« sagte Rottack, der mit inniger Rührung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte, aber Zartgefühl genug besaß, um kein Wort da hinein zu reden. »Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch versichert, daß Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias ist ein braver, tüchtiger Mann geworden, älter zwar und ziemlich wohlbeleibt – wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung tragen –, aber durchaus brav und ehrlich, und er könnte glücklich sein, wenn ihn die Reue über das Vergangene nicht bis jetzt hätte zu keinem Frieden kommen lassen.«

Henriette hatte, während er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige Dankbarkeit über die guten Worte glänzte dabei in ihren Zügen.

»Und wie sollen wir Ihnen je dafür danken, daß Sie sich fremder, armer Leute mit solcher Liebe und Güte annehmen?« sagte sie herzlich.

»Mir, mein liebes Fräulein, haben Sie gar nicht zu danken,« lächelte Rottack; »es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich um lauter Sachen zu bekümmern, die mich gar nichts angehen, und um so mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog. Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gruß von Ihnen bringen?«

»Oh, einen recht herzlichen!« rief Henriette.

»Er mag kommen,« nickte die Frau, »morgen früh um zehn Uhr – nicht früher – ich will ihn dann erwarten. Grüßen Sie ihn auch von mir, lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die junge Frau, die er verlassen hat, wiedergefunden haben – er soll nicht erschrecken – ich bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.«

»Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mütterchen.«

»Wir wollen's hoffen, Kind,« sagte die Frau leise.

»Und jetzt überlasse ich Sie sich selber,« rief Rottack, »und wenn Sie mir erlauben, komme ich später noch einmal mit Freund Jeremias her, um zu sehen, wie es Ihnen geht, und – um mich nach dem Kranze zu erkundigen, mein liebes Fräulein.«

»Und den Vater?«

»Schicke ich Ihnen morgen früh um zehn Uhr mit dem Glockenschlage.«

Und damit hatte er seinen Hut aufgegriffen und das Zimmer schon verlassen, ehe die Frau noch einmal recht wußte, daß er gegangen war.

Kaum trat er aber unten aus dem Hause auf die Straße, so sah er auch, wie Jeremias am Fenster drin in die Höhe fuhr, und er schritt jetzt, um nicht von oben aus noch vielleicht beobachtet zu werden, rasch die Straße hinab, wo ihn der ihn Erwartende schon leicht einholen konnte.

Dieser kam aber noch nicht so rasch aus dem Haus hinaus. Wie er den jungen Grafen nur aus der Thür kommen sah, von welcher er die ganze Zeit kein Auge verwandt, sprang er in die Höhe, griff seinen Hut auf und wollte, alles Andere vergessend, aus der Thür hinausfahren.

»Holla,« rief da der Kellner, ihm rasch in den Weg springend, »erst bezahlen und dann fortlaufen!«

»Ja so,« sagte Jeremias ganz bestürzt, »das hätte ich beinahe vergessen.«

»Ja wohl, kennen wir schon,« lächelte der unverschämte Bursche – »merkwürdig, was die Leute jetzt beim Jahrmarkt für ein kurzes Gedächtniß – na, aber,« brach er kurz und erstaunt ab, als ihm Jeremias, ohne sich weiter mit ihm aufzuhalten, ein Zehngroschenstück in die Hand drückte, ihn bei Seite schob und aus der Thür schoß – »er wird doch nicht…« – und mißtrauisch sah er sich überall an der Stelle, wo der Fremde gesessen hatte, nach den verschiedenen Gegenständen um, ob er nicht vielleicht »in der Eile« etwas mitgenommen hatte – aber es war noch Alles in Ordnung: das Feuerzeug stand, die Zeitung lag auf dem Tisch, ein Stuhl fehlte auch nicht, Röcke und Hüte hingen dort nicht am Fenster. Der Kellner schüttelte mit dem Kopf, war aber doch vorsichtig genug, das Zehngroschenstück, welches sich ebenfalls als ächt erwies, zu wechseln und nur den wirklich verzehrten Betrag des sonderbaren Fremden an der Kasse abzuliefern.

Jeremias hatte sich indeß kaum losgemacht, als er schon wie ein Wetter hinter dem davoneilenden Rottack herschoß.

»Waren Sie oben?«

»Allerdings – kommen Sie erst mit um diese Ecke, Jeremias, daß wir vom Hause aus nicht mehr gesehen werden können – so, jetzt dürfen wir langsam gehen. Ich war oben, Freund, und habe Ihre Frau – und Tochter gesprochen.«

»Meine Tochter!« seufzte der kleine Mann aus tiefster Brust – »wie – wie merkwürdig das klingt – meine Tochter – und darf ich hinauf?«

»Ja – aber nicht heute.«

»Gott sei Dank!« stöhnte Jeremias, dem damit ein ordentlicher Stein von der Brust fiel – »heute hätte ich's auch nicht ausgehalten, die Aufregung war zu groß. Aber wie sah sie aus, lieber, bester Herr Graf?«

»Recht leidend, Jeremias, recht krank und elend, wozu auch vielleicht die Erregung des Augenblicks mit beigetragen hat. Aber sie freute sich darauf, Sie wiederzusehen.«

»Sie freute sich?«

»Ja, und Ihre Tochter ist ein liebes, herziges Kind, das heißt, kein Kind mehr, sondern ein großes, erwachsenes, hübsches Mädchen.«

»Ein hübsches,« sagte Jeremias kleinlaut.

»Ja, gewiß,« lächelte Rottack, »und außerordentlich geschickt im Blumenmachen, womit sie sich ernährt zu haben scheint. In ihrem Zimmer sah es dabei so nett und sauber aus, wie in einem Puppenstübchen, ärmlich zwar, aber deshalb nicht minder freundlich.«

»Und morgen?«

»Punkt zehn Uhr morgen früh sind Sie oben – ich habe ihnen das versprochen, denn ich kann bei der Sache nun nichts weiter thun, und um zwei oder drei Uhr kommen Sie dann bei mir vor und sagen mir Antwort, wie Alles abgelaufen.«

»Ach, Du lieber Gott,« seufzte Jeremias, »wenn es doch erst zwei oder drei Uhr wäre, und – was ich noch gleich fragen wollte, die orangefarbene Schwägerin war auch da?«

»Ja, aber ich schickte sie aus dem Zimmer.«

»Und was sagte Pfeffer?«

»Herr Pfeffer scheint ein komischer Kauz zu sein, aber ich glaube, daß Sie sich mit ihm vertragen werden – und nun Ade, Jeremias, ich habe selber zu Hause zu thun und schon zu viel Zeit hier versäumt.«

»Lieber Herr Graf, wenn Sie einmal in ähnliche Verlegenheit…«

»Ich hoffe nicht, Jeremias,« lachte der Graf Rottack laut auf, »wenn aber, so sollen Sie mein Vermittler sein, das verspreche ich Ihnen,« und dem kleinen Mann die Hand zum Abschied reichend, schritt er rasch die Straße hinab.

Jeremias folgte der andern Richtung, um in das Hotel zurückzukehren, wo er augenblicklich wohnte, als ihm plötzlich Jemand in die Ohren schrie:

»Nun, haben Sie die Dame gefunden?«

»Hurrjeh,« sagte der kleine Mann zusammenfahrend, »haben Sie mich erschreckt – ja so, Sie sind der Herr von heute Morgen mit dem Ballanzuge.«

»Ja,« schrie der Mann wieder – »haben Sie die Dame getroffen?«

»Allerdings, mein lieber Herr,« sagte Jeremias schüchtern, denn die Leute blieben schon stehen, weil sie glaubten, daß sich dort ein paar zankten, »aber ich muß Ihnen bemerken, daß ich gar nicht taub bin; ich höre vortrefflich, Sie brauchen deshalb nicht so laut zu reden.«

»Thu' ich auch nicht Ihretwegen,« schrie der Mann wieder, »sondern meinetwegen!«

»Ihretwegen?«

»Nein, meinetwegen!« brüllte der entsetzliche Mensch jetzt ordentlich – »ich bin der Souffleur beim hiesigen Theater!«

»Na, das nehmen Sie mir aber nicht übel,« sagte Jeremias – »wenn Sie da auch so schreien…«

»Das ist ja eben der Teufel,« rief der Mann wieder – »wenn man den ganzen Tag Probe und Abends Aufführung hat und nun in einem fort flüstern und zischeln muß, dann thut's Einem nachher um so wohler, wenn man einmal ordentlich schreien darf! Ich kriegte eine Gemüthskrankheit, wenn ich mich über Tag nicht manchmal ausschreien könnte!«

»So,« sagte Jeremias, »also deshalb?«

»Wo gehen Sie denn hin? – können vielleicht ein Glas Bier zusammen trinken.«

»Danke Ihnen sehr!« rief Jeremias, von der Idee erschreckt, seinen Nachmittag mit dem Schreier zuzubringen – »ich bin augenblicklich gerade beschäftigt.«

»So?« schrie der Mann wieder – »na, dann – leben Sie recht wohl!« und mit den Worten nickte er ihm zu und trat in das nächste Eckhaus, das auf einem Schilde draußen »Baierisch Bier« versprach.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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