Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 12

Yazı tipi:

»Halt, Schuft! Canaille – hab' ich Dich – steh' oder ich schieße!« schrie eine Stimme, die der Maulwurfsfänger nur zu gut kannte, denn es war die seines alten Freundes, des Försters. Wenn dieser aber geglaubt hatte, ihn damit wirklich zum Stehen zu bringen, so irrte er sich, denn der alte schlaue Gesell dachte an nichts weniger. Befand er sich doch auch unmittelbar vor dem Dickicht, das ihm seinen Rückzug vollständig decken konnte! Unter dem Schatten der Bäume war überhaupt kein sicherer Schuß möglich, und ohne deshalb auch nur einen Moment zu versäumen, floh er auf den nächsten dicken Busch zu und sprang dort gerade hinein, als der alte Jäger sein Gewehr an die Backe riß.

Freilich wußte dieser, daß er einen Menschen eines solchen Vergehens halber nicht gleich todtschießen durfte, und zielte deshalb tief, um ihn in die Beine zu treffen; aber das Korn seiner Flinte konnte er überdies nicht sehen, ja, die ganze Gestalt des Flüchtigen glitt nur wie ein Schatten über den dunkeln Boden, und ehe er zum Abdrücken kommen konnte, war der Verbrecher in dem Busch verschwunden.

Aber darum war er noch nicht entwischt, denn gerade dorthin, wohin er floh, schloß die nach unten ziemlich hoch abfallende Mauer den Park ein. Dort hinüber konnte er nicht, des Försters Meinung nach; dann aber blieb ihm kein anderer Weg, als dicht unter dem kleinen Wartthurmhügel, unmittelbar am Schloß vorbei, und wenn er dort die Leute alarmirte, gelang es vielleicht doch noch, ihn zu erwischen.

Mit dem Gedanken feuerte er sein Gewehr in die Luft ab, schrie: »Halt ihn, halt ihn auf! Dieb! Dieb!« und lief dann, so rasch ihn seine Füße trugen, etwas mehr links zurück, wo er das größte Dickicht umging und dem Flüchtigen, sobald er auf offenes Terrain hinauskam, den Weg abschneiden konnte. Ließ er sich aber davon zurückschrecken und blieb im Dickicht, so nahm er all' die Bedienten und Leute im Schloß zusammen, umstellte mit ihnen das Dickicht und hatte ihn nachher sicher.

Der Schuß und das Schreien war allerdings im Schloß gehört worden, hatte aber auch noch andere Leute alarmirt.

»Rudolph, um aller Heiligen willen, wir sind verrathen!« flüsterte Paula, indem sie sich aus des Geliebten Armen wand. »Oh, Du mein großer Gott!«

»Noch nicht, mein Herz,« rief Handor, der wohl auch erschreckt emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, daß der weit in den Büschen drin abgefeuerte Schuß ihm gegolten habe. – »Flieh' – das ist etwas Anderes – Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen kann; fort – dort hinüber in den Busch – wir dürfen nicht zusammen gesehen werden – ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurück, den ich gekommen bin.«

Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwärts thun konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Büsche – aber nur eine dunkle Gestalt ließ sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor, der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, daß er wenigstens hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu – aber von da hatten sie nichts zu fürchten. Der Bursche, welcher selber auf der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien da einen Moment zu zögern – aber es war auch nur ein Moment, denn im nächsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden jungen Baumes und hinter der Mauer, während der Wipfel des Stammes, an dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.

»Jetzt fort,« flüsterte Handor, der natürlich glaubte, daß eine Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden könne, wo er ihn zuletzt gesehen; »rasch hier gerad' aus durch die niederen Büsche zum Schloß, ich halte mich links – fürchte nichts, mein süßes Leben!« – Und noch einen flüchtigen Kuß auf ihre Lippen drückend, schob er sie freundlich drängend über den Kiesweg hinüber, während er selber, wie er sie nur von dem dunkeln Schatten der Büsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa folgen könnten.

Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand heranspringenden alten Förster in den Weg, der plötzlich, wie ein Tiger auf seine Beute, auf ihn zustürzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die Backe riß und mit lauter, donnernder Stimme schrie:

»Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, daß Du in sechs Wochen keinen Schritt thun kannst!«

»Um Gottes willen, schießen Sie nicht, lieber Freund!« rief Handor, der allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber keinen Moment verlor. Er mußte den Mann auch hier aufhalten, desto sicherer konnte Paula das Schloß wieder erreichen.

»Wenn Du stehen bleibst, nein,« rief der alte Mann, der jetzt ganz bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; »aber bei der geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spaße nicht! Heh, hallo!« schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie mußten ihn von hier aus – wo im Sommer im Schloß alle Fenster offen standen – hören können. »Hierher! holla, holla!«

»Und wären Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier festhalten und einen so greulichen Spectakel machen?« fragte Handor ruhig.

»Heh, hallo! Hui, heh!« schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer Antwort zu würdigen, und vom Schloß aus antworteten jetzt einzelne Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schuß und den ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thür.

Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben darüber hin in ihr Zimmer flüchten, als sie oben ihren Bruder an seinem Fenster bemerkte, während unten in der Gartenthür der Koch mit seiner weißen Schürze und Mütze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr deshalb nichts übrig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten, die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren. Blieb sie aber länger hier, so mußte sie entdeckt werden, wenn man sie nicht überhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie thun konnte, war, daß sie sich selber zeigte.

Als ob sie dort gestanden hätte, trat sie jetzt vor in das volle Licht des Mondes hinein und rief zu ihrem Bruder hinauf:

»Was ist das für ein Lärm, George?«

»Bist Du das, Paula?« rief dieser zurück. »Warte, ich komme gleich hinunter.« – Und er verschwand vom Fenster. Wenige Secunden später stand er auch schon neben ihr mit seiner Flinte in der Hand. – »Was machst Du denn noch so spät hier unten im Garten, Schatz?«

»Mein Kopf schmerzt mich zum Zerspringen. Was bedeutet der Lärm?«

»Gott weiß es; geh in's Haus, Kind, ich werde selber nachsehen,« rief der junge Mann und sprang jetzt, von ein paar Bedienten gefolgt, der Richtung zu, in der der alte Förster noch immer sein Heh, holla! lustig in die stille Nacht hinausschrie.

»Alle Wetter,« lachte George, als er ihm, sein eigenes Gewehr im Anschlag, nahe kam, »was giebt es denn hier? Wer ist das?«

»Ich, Herr Graf,« rief der Förster, der ihn schon an der Stimme erkannt hatte; »ich habe den verfluchten Fasanendieb erwischt!«

»In der That? Also der Herr hier? Wer bist Du, mein Bursche?« rief der junge Graf, indem die Bedienten um den Gefangenen herumtraten, der allerdings keine Hoffnung mehr hatte, zu entkommen, aber auch nicht die geringste Neigung zu einem Fluchtversuch zeigte. Dabei trat George dicht an den Gefangenen hinan und erkannte überrascht das im Mondlicht lächelnd ihm zugekehrte Gesicht des Fremden. »Handor!« rief er ganz erstaunt aus.

»Also Sie kennen ihn auch noch?« sagte der Förster, der jetzt den Hahn seiner Flinte in Ruhe setzte. »Das ist ein sauberer Patron!«

»Sie entschuldigen, Herr Graf,« lächelte Handor mit der größten Ruhe, »daß ich Ihnen hier etwas sehr öffentlich als Fasanendieb vorgestellt werde! Weshalb der gute Mann da Verdacht auf mich hat, weiß ich nicht recht, denn ich pflege mich gewöhnlich nur dann mit Fasanen zu beschäftigen, wenn ich sie gebraten in der Schüssel finde.«

»Aber wie, um Gottes willen, kommen Sie hier Nachts in den Park?« fragte George.

»Nur, um Sie zu sprechen,« sagte Handor. »Ich wußte nicht,« fügte er leise, sich zu dem jungen Grafen überbiegend, hinzu, »ob die Überraschung des Verlobungsabends auch vielleicht auf Ihre Eltern ausgedehnt war, und da ich Ihnen darüber Bericht erstatten wollte…«

»Aber, mein lieber Handor, das ist wirklich zu freundlich von Ihnen! Bester Förster, der Herr ist kein Fasanendieb, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«

»Kein Fasanendieb?« rief der Förster ordentlich erschreckt. »Und habe ich denn nicht, nachdem ich vorher den ganzen Abend im Busch herumgekrochen und hier auf der Lauer gelegen, den Fasan flattern hören und, wie ich zusprang, den Dieb weg und in den Busch hinein flüchten sehen?«

»Diesen Herrn?«

»Ja, wie Viele sollen sich denn hier Nachts herumtreiben? Über die Mauer konnt' er nicht, und als ich hier vorsprang, kam er gerade den Weg herunter und wollte am Schlosse vorbei und durchbrennen.«

»Das nun gerade nicht,« lächelte Handor, der sich jetzt vollkommen sicher fühlte; »über die Mauer habe ich allerdings Jemanden springen oder doch an einem der Bäume hinabklettern sehen, einige Minuten später oder vielmehr unmittelbar danach, als ich in den gewundenen Gängen den Weg verfehlte und auf eine Art von Terrasse kam, auf der ein alter Thurm steht.«

»Ah, dort – also da ist Ihnen Ihr Vogel doch entflogen, Förster,« lachte George. »Und nun, Handor,« rief er, indem er den jungen Mann unter den Arm faßte und mit sich fort führte, »erzählen Sie mir, was Sie haben und ob wir's rechtzeitig zu Stande bringen. Kommen Sie einen Augenblick hier im Weg mit auf und ab, denn zum Schloß kann ich Sie jetzt nicht führen, meine Schwester war eben noch auf der Terrasse.«

Damit gingen die jungen Leute, ohne sich weiter um den Förster zu bekümmern, den Weg entlang und Handor berichtete jetzt, daß er ein reizendes Lustspiel gefunden habe, welches sich leicht würde besetzen lassen. Er hätte es gleich mitbringen wollen, aber auf seinem Tisch zu Hause liegen lassen, werde es jedoch morgen in aller Frühe herausschicken.

»Haben sie denn wieder Fasanen gestohlen, Förster?« fragte einer der Diener, als die beiden Herren den Rücken wandten, den Alten. Dieser antwortete aber nicht. Mit einem lästerlichen Fluch warf er sein Gewehr auf den Rücken und kehrte, sich umdrehend, nach der Stelle zurück, wo er den Wilddieb zuerst gesehen hatte, um dort noch nach Spuren zu suchen und Beweise für seine spätere Anklage zu finden.

Handor und George gingen wohl noch eine Viertelstunde im Park auf und ab, um das Nöthige über Proben und Eintheilung zu besprechen; dann kehrte der Erstere auf dem breiten Fahrweg in die Stadt zurück.

Als George wieder in's Schloß kam und nach Paula fragte, berichtete das Kammermädchen, die Comtesse habe sich in ihr Zimmer zurückgezogen und sei zu Bett gegangen.

12.
Das Wiedersehen

Das war eine schwere Nacht für Jeremias gewesen, eine ruhelosere wenigstens, wie er seit langen, langen Jahren gehabt, und rastlos warf er sich auf seinem Lager umher, bis sich der Himmel schon wieder im Osten zu färben begann und er jetzt erst in einen kurzen, traumgequälten Schlaf fiel. Aber sonderbarer Weise hatte der Traum nicht die mindeste Beziehung auf das, was ihn den ganzen Tag beschäftigt und seine Seele erfüllt hatte. – Er war wieder in Brasilien und Nordamerika, und alle fatalen Lagen, in denen er sich je in seinem Leben befunden, spiegelten sich ihm mit tollen, verzerrten Bildern vor seinem innern Geiste ab, bis er endlich mit einem lauten Aufschrei in seinem Bette emporfuhr und dadurch den armen Hausknecht, der gerade gekommen war, um seine Kleider zum Reinigen abzuholen, bis zum Tod erschreckte.

»Herr Du meine Güte,« sagte der Mann, indem er ordentlich zusammenfuhr, »was schreien Sie denn nur so; es thut Ihnen ja Niemand 'was – nur die Kleider will ich auskloppen!«

»Guten Morgen!« sagte Jeremias, der sich verdutzt und noch immer halb im Schlaf umsah – »wie viel Uhr ist's denn?«

»Sieben Uhr vorbei – Sie haben wohl geträumt?«

»Ja, ein bischen,« gestand Jeremias, der sich jetzt vor dem Hausknecht schämte und nur verstohlen unter sein Kopfkissen griff, ob seine Brieftasche noch da wäre. Dann legte er sich wieder auf die andere Seite, als ob er noch einmal schlafen wolle. Aber er schlief nicht mehr; jetzt wäre es ihm nicht möglich gewesen, und um acht Uhr stand er auf, trank seinen Kaffee und lief dann mit schnellen Schritten in seinem etwas langen, aber schmalen Zimmer auf und ab.

So schnell er aber auch lief, so langsam verging ihm trotzdem die Zeit; hundertmal sah er nach der Uhr und hielt diese dann an's Ohr, weil er glaubte, sie müsse stehen geblieben sein, so wenig wollte der Zeiger von der Stelle.

Endlich, endlich war es halb zehn Uhr und er begann sich anzukleiden, was ihm aber auch nicht viel Minuten wegnahm, und noch fehlten zehn Minuten an der bestimmten Zeit, als er schon in Sicht des Hauses war, dem er aber noch nicht zu nahen wagte.

Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner Schwester fertig angezogen, denn er mußte wieder hinüber in die Probe.

Die Kranke fühlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast überirdischen Glanz verliehen.

»Höre 'mal, Guste,« sagte Pfeffer, während er sie kopfschüttelnd betrachtete, »Du gefällst mir heute gar nicht, und wenn ich wüßte, daß der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch kränker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber noch ein klein bischen da draußen auf dem Gang und schmiß ihn dann, wenn er sich oben blicken ließe, einfach die Treppe hinunter – steil genug ist sie.«

»Mir ist viel besser heute, Fürchtegott,« sagte lächelnd die Frau; »ich sehe nur ein bischen angegriffen aus.«

»Das weiß Gott!« brummte Pfeffer – »und wenn ich nur eigentlich wüßte, was er wollte? Geschieden seid Ihr und müßt geschieden bleiben…«

»Und kannst Du es ihm verdenken, daß er Sehnsucht nach seinem Kinde hat?«

»Hm,« knurrte ihr Bruder ärgerlich in den Bart, »hat dann verdammt lange Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!«

»Fürchtegott…«

»Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab – ich muß in die Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel lieber wär's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal hätte auf den Zahn fühlen dürfen – Windbeutel der – Herr Gott, jetzt ist's schon in drei Minuten Zehn, und ich fange an… – na also, halt' Dich tapfer, Alte,« sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte – »reg' Dich nicht zu sehr auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele – na, das wird ein bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, daß ich nicht dabei zu sein brauche,« – und seinen Hut aufstülpend, verließ er rasch das Zimmer.

Unten auf der Straße ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte vorn in den zugeknöpften Rock gesteckt, rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ältlichen Herrn begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal stehen blieb und an den Häusern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.

Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mißtrauisch über die Brille an. War das etwa der Schwager – so dicht am Hause und unmittelbar vor zehn Uhr?

Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie sich gegenseitig noch einmal um.

Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thür vorbei. Pfeffer hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen Moment Zeit mehr zu verlieren, um darüber nachzudenken, eben schlug es vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets außerordentlich pünktlich war, haßte er nichts so sehr auf der Welt – außer einem schlechten Glas Bier – als Strafe wegen Versäumnis zu zahlen.

Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser hatte ebenfalls einen starken Verdacht, daß der Herr, der ihn so aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wußte, als ihm augenblicklich angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei – richtig, er sah sich nach ihm um – immer noch ein Stück die Straße hinab, bis jener um die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurück. Es schlug gerade zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen, den er ersehnt und gefürchtet, Jahre lang – und auf den Hacken drehte er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.

Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach Stufe rasch empor, ja, er zählte die Stufen, während er sie betrat, vergaß aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz erreichte, mußte er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei das Herz schlug – er hätte es nicht für möglich gehalten, daß es im Leben so klopfen könnte. Aber was half es – er war angemeldet, die Zeit verstrichen, und je länger er hier zögerte… – die Zähne zusammenbeißend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben. Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehört. Jetzt stand er an der Thür und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in der Stirn, als ob sie ihr zähes Gewebe zersprengen wollten – es mußte sein.

»Herein!«

Langsam öffnete er die Thür – mitten im Zimmer stand bleich und zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha saß eine ernste und doch freundliche Frauengestalt – er sah aber ihre Umrisse nur, die düster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrändern zusammenflossen.

Er trat in's Zimmer und drückte die Thür wieder hinter sich in's Schloß, und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.

»Und bist Du das wirklich, Jeremias – bist Du wirklich endlich zurückgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen?« sagte die Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.

Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden nieder; mit beiden Händen deckte er sein Gesicht, und Thränen, heiße, brennende Thränen quollen ihm aus den Augen.

Aber da hielt sich Henriette nicht länger. –

»Vater!« rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn – »Vater, lieber, lieber Vater! oh, daß ich den Namen endlich gefunden habe – nun darfst Du nicht wieder fort von uns – nie, nie, darfst die Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!«

Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hände von den Augen, und sein Kind umfassend und an sich drückend, schluchzte er unter Thränen: »Jettchen, Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?«

»Mein lieber Vater – und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick gefreut! Komm zur Mutter!« und ihn leise führend, zog sie ihn zum Sopha, wo die Frau, ihre Augen von Thränen überströmend, saß – aber es waren Freudenthränen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.

Jetzt hatte er die Stelle erreicht – sehen konnte er kaum, denn wie ein Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen, aber er fühlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber recht wußte, wie ihm geschehen, saß er auf dem Sopha neben der Gattin, die ihr Haupt wie müde an seine Brust lehnte und leise weinte.

»Meine gute, gute Auguste – und kannst Du wirklich dem schlechten Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen, und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?«

»Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!«

»Das weiß Gott, das weiß Gott!« stöhnte der kleine Mann, indem er zum ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen – »recht viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen Begriff von dem, was zum Leben gehörte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld sühnen.«

Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen und Wiedergewonnenen, und Jeremias küßte ihre Stirn, und rascher als je rollten ihm die Thränen über die Wangen nieder.

Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefühlseindrücken lange gutwillig hingegeben hätte. Thränen – er wußte sich der Zeit nicht zu erinnern, daß ihm eine Thräne in's Auge gekommen wäre, und jetzt weinte er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie faßte er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich entschieden die Augen ab und sagte:

»Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend zurückdenke, wo ich dem Kind den letzten Kuß gab – aber nein, das ist jetzt vorbei, das ist überstanden! Ich bin wieder bei Euch – ich war damals ein schlechter – nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun, als das wieder gut zu machen, so viel es nämlich in meinen Kräften steht…«

»Mein lieber Vater…«

»Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind?« rief Jeremias gerührt. »Guter Gott, es ist so lange her, daß ich mich kaum noch erinnern kann, es hätte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!«

»Jeremias…«

»Ja, Auguste, Du!« sagte er herzlich – »und das einzige Wesen, das mich wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!«

»Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?«

»Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen – sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut für mich, und erst draußen mußte ich's einsehen, mußte ich's fühlen lernen, draußen unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stießen! Liebe – wer hat da draußen Liebe zu einem Andern!«

»Armer Vater!«

»Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: »armer Vater«, denn nicht allein, daß mir's so schlecht ging, daß ich Hunger und Noth zu leiden hatte – das geschah mir recht, und manchmal hätte ich mich ordentlich darüber freuen können, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, daß ich schlecht an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Möglichkeit sah, daß ich das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen könnte, wurde es besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden Reïs gespart und zurückgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen wohl, da wurde ich wieder froh und glücklich, und jetzt – Gott sei ewig Lob und Dank! – jetzt ist auch das überstanden, und Ihr sollt nun keine Noth mehr leiden!«

»Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias,« sagte die Mutter freundlich.

»Doch, Auguste, doch!« rief Jeremias, indem er noch einmal seine Augen abwischte und sich dann im Zimmer umsah – »ich seh' es an Allem – kümmerlich habt Ihr Euch bis jetzt behelfen müssen – und der Tisch da drüben? Wovon hat denn das Kind da so blasse Wangen und so rothe Ränder um die Augen?«

»Vom Weinen, Vater – vor lauter Freudenthränen, daß wir Dich wieder haben!«

»Und ich glaub's doch nicht – Graf Rottack hat mir's schon erzählt, und wenn ich mir auch nichts merken ließ, wollt' es mir doch fast das Herz abdrücken!«

»Es ist nicht so schlimm,« lächelte Henriette, »arbeiten muß ein Jeder, und ich möchte gar nicht ohne Arbeit leben.«

»Gott lohn' es Dir, was Du an Deiner Mutter gethan hast, Kind – und er wird's auch, er wird's auch – hab' jetzt guten Muth, und wenn Euch der junge Jeremias auch davongelaufen ist, so hat er Euch doch jetzt den alten hergeschickt, daß der die Geschichte wieder in Ordnung bringt. – Aber jetzt müssen wir auch die übrige Familie herbeiholen. Wo steckt denn der Schwager?«

»Onkel hatte um zehn Uhr Probe, Vater, und ging kurz vorher weg, ehe Du kamst.«

»Ob ich es mir nicht beinahe gedacht habe,« nickte Jeremias vor sich hin – »darum guckte er mich so an! Den hätt' ich aber nicht wiedergekannt…«

»Hast Du ihn gesehen, Jeremias?«

»Ich glaube ja, unten am Hause – und wann kehrt er zurück?«

»Er kann nicht lange bleiben; es ist nur Probe von einem einactigen Lustspiele. Er wird bald wiederkommen.«

Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet, und ein eigenes, wehes Gefühl zuckte ihm durch's Herz, als er in die bleichen, abgehärmten Züge schaute, auf denen ihn das augenblickliche Roth der Erregung nicht täuschen konnte. – »Aber, Auguste,« sagte er leise, »Du bist wirklich krank – was fehlt Dir nur? Hast Du keinen Arzt?«

»Ja Jeremias,« nickte lächelnd die Frau, »ich habe einen Arzt, aber er kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefühl, daß Du uns doch nicht ganz vergessen hattest und daß ich, wenn ich einmal von hier scheide, das arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurücklasse.«

»Meine Mutter…«

»Laß, mein Kind – wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und an dem Onkel hättest Du ja auch wohl eine Stütze gehabt; es wird jetzt gewiß wieder besser gehen.«

»Du bist recht krank, Auguste…«

Die Frau schüttelte lächelnd mit dem Kopf. – »Lange nicht so krank, als Du denkst. Aber nun erzähle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, daß wir neugierig sind, das zu hören.«

Jeremias fühlte recht gut, daß sie seine Aufmerksamkeit nur von sich selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in deren Augen wieder Thränen standen; aber wenn sie es selber wünschte, mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrängte Übersicht seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief manchmal ein Lächeln auf die Züge von Frau und Tochter. Je weiter er aber darin kam, desto wärmer wurde er selber, und wie er erst von der Zeit erzählen konnte, wo sich seine Umstände besserten, wo er anfing, Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde näher rücken sah, in der er zu den Seinen zurückkehren konnte, da glühte sein dickes, gutmüthiges Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzählen, was er verdient hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, »Hand über Hand«, wie er sich ausdrückte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzählen war, ging plötzlich die Thür auf und Pfeffer stand auf der Schwelle.

»Ob ich mir's denn nicht gedacht habe,« sagte er, mit dem Kopf nickend – »also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz häuslich niedergelassen…«

»Herzonkel!« rief Henriette und flog auf ihn zu – »ach, wir sind so glücklich, daß er wieder da ist!«

»Ih, seh'n Sie einmal an,« meinte Pfeffer, indem er über Henriettens Schulter wegzusehen suchte, »also eine glückliche Familie – auch eine komische Manier, eine Familie glücklich zu…«

Er kam nicht weiter. Henriette hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt und ließ ihn nichts mehr sagen, und Jeremias war aufgestanden, ging auf den Mann zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte er gutmüthig:

»Schwager – Schwager Pfeffer, wollen wir nicht auch Freunde werden?«

Fürchtegott Pfeffer legte vorsichtiger Weise seine beiden Hände auf den Rücken, und als ihn Henriette losließ, betrachtete er sich aufmerksam von Kopf bis zu Füßen seinen neuen Schwager und seine Schwester, die, wohl bleich und angegriffen, aber doch mit einem lange vermißten Zug von Glück in ihren milden Zügen auf dem Sopha saß.

»Und sehen Sie da, Herr Stelzhammer, was Sie angerichtet?« sagte er endlich.

»Schwager Pfeffer, gieb mir Deine Hand,« drängte Jeremias.

»Sehen Sie, wie es hier anderen Leuten gegangen, während Sie sich ganz vergnügt in Brasilien und bei der Königin Pomare und Gott weiß wo sonst noch herumgetrieben haben?« fuhr Pfeffer unerbittlich fort.

»Bester Schwager Pfeffer – Bruder – Onkel!« baten jetzt aber Alle miteinander – »gieb ihm die Hand – sei gut mit ihm – er hat ja versprochen, daß er uns Alle lieb haben will!«

»Das dank' ihm der Deubel!« brummte Pfeffer, immer noch in seiner alten Stellung – »und jetzt will er hier bleiben?«

»Er geht nicht wieder fort, Schwager,« sagte Jeremias, »er ist herzensfroh, daß er wieder da ist, und will auch, so weit das nur irgend angeht, gut machen, was er früher einmal schlecht gemacht hat – es thut ihm in der Seele weh!«

»Thut's ihm – so?« sagte Pfeffer – »und das geschieht ihm recht; verdient hätt' er 'was Anderes; aber da die Guste heute wieder einmal ein glückliches Gesicht macht, was ihr in langen, langen Jahren nicht vorgekommen, so… na, da ist meine Hand auch, Jeremias, und – sei willkommen in Deutschland.«

»Schwager Pfeffer!« rief Jeremias gerührt, indem er die Hand nahm und herzlich drückte, dann aber seine Gefühle nicht mehr bewältigen konnte und den Mann beim Kopfe faßte und herzhaft abküßte, was sich Pfeffer mit einer wahrhaft stoischen Ruhe gefallen ließ. Wie er aber glauben mochte, daß es nun genug sei, sagte er:

»So – und nun setz' Dich hin und betrag' Dich vernünftig – weiß es Gott, jetzt flennt der auch – na, da will ich nur hinübergehen und meine Wasserstiefeln anziehen.«

»Du darfst nicht fort, Onkelchen!« rief Henriette, rasch seinen Arm fassend – »Du mußt jetzt bei uns bleiben, und Deine Wasserstiefeln brauchst Du auch nicht – siehst Du, es ist Alles wieder trocken!«

»Hm – na da meinetwegen,« brummte Pfeffer, der sich noch immer nicht ganz behaglich zu fühlen schien, denn das Neue der Situation gefiel ihm nicht – »drüben ist's freilich gemüthlicher, und bei einer Pfeife… – rauchst Du, Jeremias?«

»Ja gewiß, Schwager!«

»Das ist wenigstens vernünftig – bespricht sich so Manches doch besser, was – wir gerade miteinander zu besprechen haben.«

»Heute dürft Ihr auch hier rauchen,« sagte die Frau freundlich; »die Brust ist mir heute viel leichter.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain