Kitabı oku: «Mai-Schnee»
Gertrud Wollschläger

• Jahrgang 1942
• geboren in Lodz / Polen
• Fahrlehrerin
• lebt in Egenhausen / Schwarzwald
• seit 1990 schriftstellerisch tätig
• Mitautorin der Anthologie „Der Club der Schwarzen Mamba“
• Märchenbuch „Merit und Merinda“ Bd. 1 (Sturm Lothar)
• Märchenbuch „Himmelblaus Traumzeit“ Bd. 2
• Gedichte und mehr „Der Nachtkrabb kommt“
Gertrud Wollschläger
MAI SCHNEE
Tat ohne Sühne
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Covergestaltung Elyssia-Sofie Dürr, lissyduerr@hotmail.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
www.engelsdorfer-verlag.de
Gegen das Vergessen:
Zur Erinnerung an ein Kind,
das nicht weiterleben durfte.
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Der Geißenschinder
Mai-Schnee
Hausschatten
Saure Kirschen
Heimkehr
Der Oberhof-Bauer
Die alte Kommissarin
Kommissar a.D. Dietrich Gleiser
Besuch bei der Kommissarin
Zugezogene – zwar gelitten, aber nie akzeptiert
Die Familie Trott
Ewald
Heiner
Wieder bei der Kommissarin
Die Spur
Eine Burg für Schneewittchen
Ein Sarg für Schneewittchen
Letzter Besuch bei der Kommissarin
Der lange Weg zur Wahrheit
Kommissar a.D. Martin Merkle
Tod eines „Wachtl“
Barbara
Danksagung
VORWORT
Wenn bittere Vergangenheit der Zukunft im Wege steht, nimmt die Seele Schaden!
Ein Parasit hatte sich in meine Gedanken eingenistet. 1972 war das, vor ziemlich genau 42 Jahren. Lange Zeit konnte ich gut mit ihm leben. Er war sozusagen zwar da, aber nicht wirklich mein Problem. Er meldete sich vor allem dann, wenn ich in die Gegend meiner Kindheit fuhr, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Wenn ich nachfragte: Haben sie den Täter? Wenn ich ihre unglaubliche Wut erleben musste, die sie auf den Mörder des Mädchens hatten.
Genaueres wussten sie nicht. Es gab viele Gerüchte. Das hartnäckigste und übelste – bis auf den heutigen Tag – wurde immer in gleicher Weise erzählt: Ja, man weiß, wer es war. Aber man will nicht, dass es herauskommt. Kann man sich das vorstellen?
Zwölf Jahre alt war sie. Auf dem Heimweg von der Schule war sie. Erstochen wurde sie! Mit vielen Messerstichen.
Die Menschen der Gegend hatten unvorstellbare Ängste. Kinder durften nirgends mehr alleine hingehen. Ab da gab es für meine Nichten und Neffen kein fröhliches Spielen mehr im Wald, kein Milchholen am Abend an der Milchsammelstelle. Man konnte die Kinder nicht mehr alleine in die Schule schicken oder auf den Sportplatz.
Er, der Mörder, war anwesend bei jedem Familientreffen. Abends, statt liebevoller Gute-Nacht-Geschichten, gab es angstvolle Fragen der Kinder und mahnende, warnende Worte der Eltern.
Ermittlungsbeamte der Soko im Mordfall erzählten mir: Der Täter wurde festgenommen. Wir waren uns hundertprozentig sicher – wir haben ihn! Doch der damalige Staatsanwalt, mittlerweile verstorben, ließ ihn laufen! Warum? In den Akten gab es nur vage Angaben für die Kommissare. Noch heute, vier Jahrzehnte danach, ist herauszuhören, wie frustriert sie waren und auch jetzt noch sind, wenn sie über die Geschehnisse von 1972 sprechen.
Der Zufall wollte es, dass mir jetzt, nach 42 Jahren, eine Frau vorgestellt wurde, deren Dorf Schauplatz dieses fürchterlichen Verbrechens war. Und genau jetzt wusste ich: ES IST ZEIT!
Ich merkte sehr schnell, dass der Zufall kein Zufall war. Es gibt Bestimmungen im Leben, die uns zugeteilt werden. Das konnte ich in der Folgezeit erfahren, wie ich es zuvor nie für möglich gehalten hatte. Ich sehe mich als Werkzeug, das eine Geschichte schreiben sollte über ein Kind, das bestialisch ermordet wurde.
Dabei erfuhr ich unglaubliche Hilfe von Menschen, die ich vorher nicht kannte. Ich wurde sozusagen „weitergereicht“ an Zeitzeugen, die es nicht erwarten konnten, mir davon zu berichten, was sie aus dieser Zeit noch wissen.
Ich stellte fest, dass über dem ganzen Fall, den einzelnen Ereignissen, den dunklen Tagen nach dem Geschehen, den Gedanken der Menschen des Dorfes so etwas wie eine dünne Schicht Staub lag. Schon ein leichtes Pusten, sogar der Windhauch eines Wortes, blies den Belag weg und die harte, grausame Wahrheit kam hervor. Und ich kratzte und wischte.
Ich versuchte, ein Brennglas auf die Wahrheit zu richten, um das Dunkle wegzuleuchten. Niemals vorher hätte ich mir vorstellen können, dass ich mit so vielen Brandflecken fertigwerden müsste.
Vieles war nach so langen Jahren zu Asche geworden. Schwarze und graue Asche, die von den Menschen untergegraben oder vom Wind verweht worden war. Doch ich konnte Reste finden. Die versuchte ich zusammenzulegen, um aus diesem Puzzle die Zeit der mörderischen Tat neu erstehen zu lassen.
Ich trug Fakten um Fakten zusammen. Viele Monate. Es ging mir nicht immer gut dabei, aber irgendetwas, eine unglaubliche Kraft, half mir voran.
Für die ermittelnden Kripobeamten hatte der mutmaßliche Täter von Anfang an festgestanden. Ich habe ihn am Ende übernommen. Gegen meine Überzeugung!
Fragen kann ich heute keinen mehr der dringend verdächtigen Menschen. Sie sind alle tot.
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Ich schreibe also eine Geschichte! Wie sie ausgeht, weiß ich heute noch nicht. Es wird meine Geschichte sein, in Anlehnung an die Geschehnisse im Jahre 1972.
Gewisse Ähnlichkeiten meiner Figuren mit noch lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht gänzlich zu vermeiden, da der Auslöser für dieses Buch ein reales Verbrechen ist. Doch in weiten Teilen entspringen die Akteure der Handlung meiner schriftstellerischen Fantasie.
Gertrud Wollschläger, 2014

DER GEIßENSCHINDER
Der Ostwind hatte ganz schön zu tun, bis er es schaffte, oben auf dem Plateau anzukommen. Meist brauchte er mehrere Anläufe, bis er die hohen Tannenspitzen, die den Berg mit seiner topfebenen Fläche von allen Seiten umgaben, überwinden konnte. Hatte er aber die letzte Hürde genommen, blies er an seinen besonderen Windtagen, was das Zeug hielt. Die Wipfel der Bäume tanzten dann mit ihm, brachen aber sein übermütiges Treiben meistens rechtzeitig, bevor er die Hochebene erreichen konnte. Häufig gebärdete er sich gerade in der Nachwinterzeit – Februar, März, April – nochmal wie ein Angeber-Krieger, der einen hohen Berg erstürmen will, dessen Atem dann aber doch nicht ausreicht, um kraftvoll an sein Ziel zu kommen. Genau dieses Windbrechen sorgte dafür, dass der Ostwind immer einige Grade wärmer oben ankam als anderswo. Es war die geschickte geografische Lage des Berges, die das seltene Phänomen hervorbrachte, so dass der andere, der Nordwind, wenn er sich zwischendurch auf die Hochebene traute, stets den Kürzeren zog. Dieser gemäßigte Ostwind war ein gern gesehener Gast bei den Bauern auf dem Berg. Hatten sie es doch ihm zu verdanken, dass auf ihrer Hochebene Kirschen reiften wie sonst kaum noch irgendwo im Land.
Aber es gab auch die anderen Jahre. Dann, wenn der Wind auf seinem Weg aus dem Osten zu viel an Kälte und Frost eingesammelt und nichts davon unterwegs abgeladen hatte, wenn er sich im Frühjahr noch einmal überraschend auf den Weg machte, wenn er heimlich über Nacht den Berg hochkroch und tagelang mit dicken Backen über die Obstbäume blies, deren erstes zaghaftes Anschwellen der Knospen bereits zu sehen war. Dann zerstörte er mit seinem kalten Atem alles, was sich bereits hervorgewagt hatte. In einer einzigen Nacht schaffte es der raue Geselle, alles zu vernichten, was er ungeschützt finden konnte. Brutal versetzte er den ersten Frühlingsboten einen tödlichen Schlag. Der mitgebrachte Frost sorgte dafür, dass sie danach wie matschiges Gemüse aussahen.
„Der Geißenschinder ist unterwegs“, sagten dann die Alten. „Holt die Geißen rein! Kümmert euch um unsere Hunde und Katzen! Lasst die Stalltüre einen Spalt offen, dass die Tierle verschlupfen können! Lauft! Holt Stroh aus der Scheune und stopft die Ritzen zwischen den Brettern im Stall zu!“ Die Hühner konnte man sich selbst überlassen. Die wühlten sich in ihre ausgekratzten Mulden, steckten die Köpfe unter die Flügel und verdösten den Tag. Wer aber seinen Ziegenstall nicht vorsorglich an die windgeschützte Seite der bestehenden Stallungen gebaut hatte und die Tiere dadurch dem berüchtigten späten Geißenschinder aussetzte, musste damit rechnen, dass sie in den folgenden Wochen mit seltsamen Krankheiten zu kämpfen hatten. Viele überlebten dann diese späte, harte Winterkälte nicht. Ein herber Verlust für die Kleinbauern! Waren die Ziegen vor Zeiten doch die Kühe vieler Familien auf den kleineren Schwarzwaldhöfen. Sie wurden gebraucht für das Überleben, die Geißen. Ihr Unterhalt kostete so gut wie nichts. Ihr karges Futter – sie fraßen tatsächlich alles – wuchs sozusagen vor der Haustür.
Die Landschaft, wenn man sie von oben anschaut, liegt fast topfeben da. Ein vielfarbiger Teppich, der sich mit jeder neuen Jahreszeit in ständig wechselnder Kleidung präsentiert, breitet sich vor dem Betrachter aus. Es sind die bunten Farben der Erde in allen Schattierungen. Das helle Frühjahr mit seinem überwältigenden Grün. Der farbige Sommer mit seiner einmaligen Blütenpracht, der die verschiedensten Sorten von Kräutern zum Blühen bringt und sie wie Edelsteine im Gras funkeln lässt. Ein Herbst, der nicht genug zeigen kann an farbigem Laub, das die Sonne an den freiliegenden Waldrändern in Gold und Rot aufleuchten lässt. Ein fahler, langer Winter? Bestimmt nicht! Die Äcker und Wiesen holen ihre Farben ein, ziehen ihre braunen Kleider an, von hell- bis dunkelbraun. Die knorrigen Obstbäume warten auf die Winterstürme, die ihnen helfen, sich von manchem überflüssigen dürren Ast zu befreien. Von allem gibt es auf dem Berg ein bisschen mehr, mehr Farben, mehr Schnee, mehr Wind, mehr Luft zum Atmen.
Steile Wege führen aus allen Richtungen auf den Berg. Wenn der Wanderer den Wald verlässt, breitet sich vor seinen Augen eine überraschend schöne Ebene aus. Mit dem kleinen Weiler mittendrin aus wenigen alten Bauernhöfen, die eng beisammenstehen, scheint es dem Betrachter, als sähe er Bilder aus einer anderen Welt. Man fühlt sofort: Hier kann keiner alleine. Jeder ist am Leben des anderen irgendwie beteiligt. Lattenzäune schützen die alten Hausgärten mit ihren Pflanzen, die sich ihren Lebensraum schaffen dürfen, wie es ihnen gefällt. Gemüse und Beerensträucher, die oft jahrzehntelang an immer der gleichen Stelle stehen und unermüdlich Früchte tragen, locken mit ihren reifen Früchten zur Erntezeit den Betrachter an die Zaunritzen. Wiesen wechseln sich mit Äckern ab, die großen Obstanlagen werden von Wanderwegen gesäumt. Eine Wallfahrtskapelle am Waldrand, Wegkreuze, ein Stück Jakobsweg und zwei gern besuchte Wirtshäuser runden das Bild ab. Es ist anders als anderswo. Es ist so, wie der Mensch im tiefsten Innern tickt, wie er eigentlich leben möchte, was seine Seele fordert, was seine Augen sehen wollen.
Und die, die hier wohnen? Die Menschen kennen einander. Oft besser als nur gut. Geht man in ihren Biografien etwas weiter zurück, ist festzustellen, dass sie meist irgendwo irgendwie miteinander verwandt sind. Diese Verwandtschaftsverhältnisse sind nicht immer einfach für die Beteiligten. Da kann man nicht einfach was sagen über jemand, denn es ist doch die Base von dem dabei, über den man an der Kaffeetafel heute so gerne geschimpft hätte. Etwas über den Acker, den die eigene Enkelin so gerne geerbt hätte, der jetzt aber in den falschen Händen gelandet ist. Wegen einer Tante, die sich von irgendeiner Seite einschmeicheln konnte.
„Jetzt gibt der doch denen den Acker. Der hat mal meinem Großvater g’hört. Den haben die dem abg’schwatzt für ein paar Kartoffelernten.“ „Von denen halt ich gar nichts mehr.“ „Komm mir bloß net mit der Sippe!“
Oder: „Mei Schwägerin, die Klara, hat doch scho lang gwusst, dass mei Mann a Verhältnis mit der Nachbarin hat. Des Luder! Aber mir hat sie natürlich nix davon erzählt. Kein Sterbenswörtle hat sie verlauten lassa. So isch die! Sie hat mi net aufrega wolla, hat sie mir gsagt. Ha, Ha! Des kennt mr jo! Vorne rum freindlch, henda rum schwätza. Wenn du recht gucksch, hat die sich no gfreit do drüber. Des Luder!“
Ist die Verwandtschaft sich aber einig über einen Eindringling von außen, klingt es natürlich ganz anders. Wie ein Bollwerk wird zusammengestanden und undurchdringlich abgeschottet. „Mir wisset nix und mir saget nix. Mir lasset nix raus. Brauchsch gar net weiterfragen. Ein Reingschmeckter erfährt von uns sowieso nix.“
Über eine geteerte, breitere Straße und mehrere kleine Seiten- und Feldwege ist der Ort aus jeder Richtung leicht zu erreichen. Steile Wege führen aus allen Richtungen auf den Berg. Wollten die Menschen ins Tal, gab es spezielle Abkürzungen, die steil oder schräg durch die Wälder nach unten führten. Die schmalen Trampelpfade kannte jeder schon von Kindheit an. Sie wurden weitergegeben von Generation zu Generation, wurden über die Jahre genutzt von Eltern und Großeltern. Jeder wusste sofort, was gemeint war, wenn jemand vom Schülerwegle, dem verschwiegenen Schleichweg der Jäger oder der alten Steige sprach. Während es auf der Teerstraße viele Kilometer nach unten ging, konnte man den unteren Ort auf diesen Spezialwegen in zehn Minuten erreichen.
Vor allem das Schülerwegle war ein stark frequentierter Abflugweg für die Schulkinder, die die ersten Klassen der Dorfschule besuchten. Oben, am Anfang des Weges wurde Aufstellung genommen, die Arme wie die Tragflächen eines Flugzeugs ausgebreitet, und ab ging es mit lautem Fliegergebrumm auf schnellstem Weg ins Tal. Der Schulranzen, der auf den Rücken geschnallt war, hüpfte mit, mehr oder weniger hoch, je nachdem, wie kräftig die Sprünge seines Trägers waren. Nach Schulschluss ging es wieder den Berg hoch. Jetzt aber über die Abkürzungen der Abkürzungen, immer in der Hoffnung: „Wenn ich dabei die Teerstraße quere, könnte jemand vorbeikommen, der mich mitnimmt.“
Der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen heißen Tagen oder seinen Wetterunbilden wurde von Jung und Alt akzeptiert, so wie er war. Jedermann machte das Beste daraus mit den Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen.
Den Winter überstehen halfen festes Schuhwerk, warme Teddyjacke, handgestrickte Handschuhe und Schals, den Sommer kurze Hosen, Röcke, Hemd und Bluse, Sandalen oder barfuß.
Besondere Tage und unvergessene Höhepunkte des Sommers waren die Badetage im Fluss, der lebhaft plätschernd am Dorf vorbeiströmte. Das Wasser mal flach, mal tief. Jeder konnte sich seine Badestelle aussuchen. Wundervolle Nachmittage waren das. Die Freunde waren da, die ersten Mädchenblicke kamen bei den Jungen an, mal scheu, mal spitzbübisch frech.
Es gab die spannende Zeit des Kennenlernens, der kleinen Eifersüchteleien, später die großen Eifersuchtsdramen, am Ende die Schlägereien. All das gehörte zum Dorfleben. Keiner war deswegen ein geistig Gestörter oder gar ein Gewalttäter. Nein, sie waren Kameraden, Schulkameraden, wurden Freunde und blieben es oft ein Leben lang.
Und im Winter? Schlittenfahren war jetzt angesagt. Die ersten Skiversuche. Aber wer hatte damals schon Skier? Einige Auserwählte, die Besseren sozusagen. Doch es war für uns nicht wichtig, zu diesen Besseren zu gehören. Es war auch nicht wichtig, Ski zu fahren. Schneehäuser bauen war wichtig. Sich gegenseitig mit Schnee einseifen war herrlich.
Der Höhepunkt jeden Winters, überhaupt des ganzen Jahres, war aber Weihnachten. Bei diesem Fest war man sicher, dass es nie ausfiel, dass es das einfach immer gab. Niemand konnte es abbestellen, egal was geschah. Man hatte halt vorher brav zu sein. Das konnte man aber getrost auf die letzte Woche vor Heiligabend verschieben, das galt dann so, als wäre man es immer schon gewesen.
Der Christbaum mit dem alten Schmuck, den bereits die Oma gehabt hatte, wurde feierlich aufgestellt. Die Silberkugeln, die Goldzapfen, die weißen Vögelchen, alles schon etwas vergilbt und abgeblättert. Mit Wachsspuren darauf, die von jahrzehntelangem Gebrauch den Glanz verdeckten. Lametta, Jahre alt, zusammengeklebt, leicht kraus und trotzdem auf geheimnisvolle Weise prächtig anzusehen, wurde in jedem Jahr aufs Neue gebügelt und funkelte am Baum. Dem Zauber, der von der geschmückten Weihnachtstanne ausging, konnte sich keiner entziehen. Alles passte.
Oma und Mutter weinten ein bisschen, wenn ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wurde. Papa schnäuzte sich mindestens zwei bis dreimal ins Taschentuch. Opa klopfte mit dem Stock ungeduldig auf den Boden. Er wollte sein Essen und sein Geschenk. Das waren oft eine neue Pfeife oder Zigarren. Kaum hatte er es ausgepackt, lief Opa zu Hochform auf. Jedes Jahr wurde die ganze Familie eingehend belehrt über den rechten Umgang, wie die Pfeife zu stopfen war und die Zigarren vorschriftsmäßig angezündet werden mussten. Noch hinzuzufügen wäre: Nach ein paar Tagen hing wieder die alte Pfeife im Mundwinkel, abgenützt, verrußt mit angeknabbertem Mundstück.
Und für die anderen? Was das für Geschenke waren? Eine Haartrockenhaube für die Mutter, ein paar Filzhausschuhe für die Oma, gefüttert, mit Reißverschluss vorne. Sie war ja mittlerweile schon vierundsechzig Jahre alt. Eine Strickjacke zum Beispiel für Vater, patentgestrickt aus guter Schurwolle, filzfreudig, meistens braun, immer ein kleines bisschen zu eng. Aber das Strickmuster wuchs mit Vaters Umfang mit. Sie wurde nie abgelegt, hielt Jahr um Jahr. Vater und seine braune Jacke waren in der Erinnerung unzertrennlich.
Und die Kinder? Bunte Teller. Die mussten sein, mit Brötle, Mandarinen, Nüssen, einem Weihnachtsmann aus Schokolade. Dazu gab es eine Mütze, mit passenden Handschuhen und Schal. Selbstgestrickt natürlich, aus Wolle! Echte Schafwolle, die erbarmungslos auf der Haut kratzte. Herrlich jedoch waren andere Dinge: ein Bilderbuch, eine Puppe, Stofftiere, ein Ball, ein rotes Feuerwehrauto aus Blech, eine Eisenbahn zum Aufziehen.
Die Welt war in Ordnung auf dem Berg und im kleinen Dorf am Fluss und in den Familien. Na ja, fast! Was es halt so gibt, wenn alltägliche Dinge nicht immer passen, wo Menschen nah zusammen wohnen, aber trotzdem jeden Tag miteinander auskommen müssen und am Ende doch zusammenhalten und wissen, wo sie hingehören.
Es war gut, so wie es war. Bis, ja, bis zu jenem schrecklichen Tag im Mai vor vielen Jahren, als es geschah. Dieses Ungeheuerliche! Ohne jede Vorwarnung war es da, veränderte in wenigen Stunden diese kleine Welt und die ganze Umgebung. So schrecklich, dass heute noch, über vier Jahrzehnte danach, sofort wieder alles lebendig wird, was man glaubte, erfolgreich in der Schublade „Es war einmal …“ verstaut zu haben.

Später zur Kirschenzeit kommen sie wieder. Mit großen und kleinen Körben ausgestattet werden diese Köstlichkeiten gepflückt. Herrlich große, dunkle Herzkirschen. Dem Geißenschinder, der viel von seiner eisigen Kälte im Tal lassen musste, sei Dank. Nur dadurch können sie eine solche Größe und die süßesten Aromen erlangen. Das wussten unsere Eltern und Großeltern schon. Sie und später wir pflückten oder holten beim Bauern mit Freuden jedes Jahr Kirschen. So viel wir wollten.
Ich hätte gerne geschrieben: Bis heute! Aber das stimmt nicht. Eines Tages änderte sich für uns mit einem Schlag alles. Freude am Kirschenholen gab es nicht mehr. Ängste machten sich in unseren Familien breit. Es war Schreckliches geschehen! Ein junges Mädchen vom Berg war getötet worden. Feige ermordet. Die Gegend hatte ihren Glanz verloren.
In diesem Jahr machte ich mich wieder auf den Weg dorthin. Nach so langer Zeit. Nach über vierzig Jahren! Es musste einfach sein!
Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir dabei halfen, den gefürchteten einsamen Weg durch den Wald wieder zu gehen, Menschen, die mich begleiteten und viel erzählten, was sich aus der Vergangenheit in ihre Gedanken eingemeißelt hatte. Sie haben nichts vergessen. Alles war da, ganz nah, war mit ihnen gegangen, bis heute. Als ich aus dem Wald trat, war die Landschaft immer noch schön, wunderschön.
Den Mai-Schnee gab es in diesem Jahr wie immer. Die Kirschen reiften heran, üppig wie immer. Wir machten unsere Körbe voll, wie immer.
Irgendwann beim Pflücken kam dieses Kinderlied in meine Gedanken. Machte sich fest wie ein Ohrwurm:
Rote Kirschen ess ich gern,
schwarze noch viel lieber,
in die Schule geh ich gern
alle Tage wie…
Ich konnte die letzte Zeile nicht zu Ende singen. Das ‚wie…‘ blieb mir im Hals stecken. Das Kind kam ja nicht wieder. Es kam niemals wieder.
MAI-SCHNEE
In jenem Frühjahr war das Wetter so, wie man es in Bilderbüchern nachlesen kann. Wenn Kindern beschrieben wird, wie perfekte Jahreszeiten auszusehen haben.
Der Winter war pünktlich vorbei und die ersten warmen Tage verwöhnten das Land. Es war Mitte Mai. Der Mai-Schnee wurde in den nächsten Tagen erwartet. Alles sprach dafür, dass es eine gute Kirschenernte geben würde. Die ganze Hochebene war ein einziges Blütenmeer. Mit riesigen Zuckerwattehauben hatte sich jeder Baum geschmückt. So war das immer, wenn der Winter gnädig gewesen war. Wenn der Ostwind über den Nordwind bei seinen winterlichen Kraftspielen gesiegt hatte.
Die erste Heuernte des Jahres stand vor der Tür. Wiesenblumen und Kräuter blühten in allen Farben in verschwenderischer Fülle. Jetzt, am Vortag zu Fronleichnam, kam das herrliche Wetter gerade recht, brauchte man doch Blütenköpfe in riesigen Mengen. In der kommenden Nacht mussten Blumenteppiche gelegt werden. Prachtvolle, bunte Bilder wollten sie wieder erschaffen für die vorgesehenen Stationen der Prozession. Das war Ehrensache!
Nirgendwo sonst gab es eine solche Fülle und Auswahl, wie man sie hier oben auf den Wiesen rund um Muri pflücken konnte. Schon in den frühen Mittagsstunden waren Gruppen von Frauen auf den Berg gegangen und kniffen seitdem die Blüten von den Stängeln. Eine mühsame Arbeit, aber mit Schwatzen und Lachen verging die Zeit wie im Flug und die Körbe füllten sich.
Später wurden die Frauen gefragt: „Habt ihr denn nichts gehört? Ihr wart doch gar nicht so weit weg vom Tatort.“ „Nein, nichts!“ Niemand hatte etwas Außergewöhnliches gehört oder gesehen.
Ratlos horchten die Befragten in sich hinein. Sollte denn alles lautlos geschehen sein? Unvorstellbar! „Irgendwann haben wir zwar Edelgard nach der Sonja rufen hören, uns aber nichts dabei gedacht. Erst als sie aufgeregt zu uns kam und nach der Tochter fragte, machten wir uns Gedanken, wo das Mädle geblieben sein könnte.“ „Sicher hat die sich verschwätzt und wird schon heimkommen. Wo soll sie denn sonst sein?“, meinte die eine. Da war es später Nachmittag. „Wir hatten die Körbe voll und machten uns auf den Heimweg. Wir dachten uns nichts Schlimmes, bis die Sirenen heulten. Um 17 Uhr war das. Da ahnten wir, es muss was passiert sein“, erzählte eine andere.
Oma hatte den Tisch gedeckt wie jeden Tag. Eine große Familie war zu versorgen. Wenn alle zu Hause waren, acht Personen. Da musste was auf dem Tisch stehen.
Doch heute war es anders. Sonja war es, die fehlte.
Ihr Teller blieb unbenutzt. Alle anderen hatten längst gegessen und gingen wieder ihren Beschäftigungen nach. Nur der eine Teller wartete wie eine Anklage gegen einen unpünktlichen Menschen. Die zornigen Blicke der Großmutter streiften das Geschirr immer wieder. „Wo bleibt des Mensch bloß? Die isch doch bestimmt zur Tante in der Stadt. Hat mit Fleiß den Bus vertrödelt, weil sie heut Nachmittag net daheim schaffen will. Kartoffeln wäret zu hacken. Das hätt sie wahrhaftig eine Weile machen können. Der Mutter helfen, der es seit Wochen nicht so gut geht. Klar! Dort bei den feinen Verwandten isch es bequemer als wie hier der Mutter die eine oder andere Arbeit abnehmen. Und ich kann net abräumen, werd heute überhaupt net mehr fertig. Die Linsen werden fest, die Spätzle kalt und die Saitenwürstle sind aufgeplatzt. Die soll bloß kommen, so geht’s net! “
Inzwischen war Oma Mechthild richtig wütend geworden. „Edelgard, willsch du net nachgucken, wo sie bleibt? Du hasch doch den Traktor, fahr die Strecke ab! Wer weiß, wo sie sich rumtreibt“, drängt die Oma.
„Also bei der Tante isch sie net, ich hab dort scho ang’rufen. Jetzt will ich noch schnell dem Roland telefonieren. Der weiß ja, ob sie mit ihm im Bus heim’kommen isch oder net.“ „Haja, mach des no gschwind, mir langt’s jetzt“, maulte Oma Mechthild mit Nachdruck hinterher.
Unruhe ist in Edelgard. Sie spürt einen Kloß im Hals. Der war plötzlich da. Es gelingt ihr einfach nicht, den runterzuschlucken. Komisch ist das! Das leichte Zittern ihrer Hände fällt ihr auf, als sie das gelbe, abgegriffene Telefonbuch aus der Schublade nimmt und die Nummer von Herbert Heckner, dem Vater von Roland, heraussucht. Schulkamerad Roland ist am Telefon. „Hasch du die Sonja g’sehen, war sie mit dir im Bus? Sie isch noch net daheim.“ Sie merkt, dass ihre Stimme außer Atem klingt, ärgert sich selber über ihre Aufregung und kann doch nicht dagegen an. „Ha, doch“, sagt der Roland, „mir beide send mit dem Bus heim, wie immer. Sie isch ausg’schtiegen und hat noch mit ihrer Freundin, der Cordula gschwätzt. Dann hab ich noch g’sehen, wie die Sonja den Berg in Richtung heim gegangen isch.“
Ratlos hält Edelgard noch eine Weile den Hörer in der Hand und starrt die Sprechmuschel an, als könnte sie von dort eine Antwort bekommen. Unmerklich schüttelt sie den Kopf und legt langsam den Hörer auf die Gabel. Irgendwie ist es so unwirklich für sie, dass Sonja ohne Bescheid zu sagen nicht nach Hause gekommen ist. „Jetzt geh halt, Edelgard, und guck nach dem Mädle! S’ könnt ja au was passiert sei.“ Sorge schwingt in der Stimme der Älteren mit. Die Hände, die sie in den Taschen der bunten Kittelschürze vergraben hat, ballen sich zu Fäusten. „Ich will keine Aufregung mehr. Mir langt des schon, was ich jeden Tag sonst in der großen Familie erleben muss.“
Das Telefon klingelt. Edelgard reißt fast den Hörer von der Gabel. Bestimmt was wegen Sonja! Nein, nicht. Eine Nachbarin will eine Kaffee-Sammelbestellung machen. „Jetzt net. Denk mal, d’ Sonja ist noch net von der Schul daheim, ich muss los, nach ihr suchen.“ Sie schmeißt den Hörer auf die Gabel, rennt durch den Gang in den Hof. Dort steht der große Traktor noch so, wie sie ihn abgestellt hat, als sie vom Kartoffelacker nach Hause gekommen ist. Viel zu laut und viel zu schnell rattert sie vom Hof, die Dorfstraße entlang. Am Waldrand, auf einem kleinen Wiesendreieck, genau da, wo Fußweg und Teerstraße zusammentreffen, bleibt Edelgard stehen. Motor aus! Sie horcht, hält die Luft an. Stille! Dann fängt sie an zu rufen, zu schreien: „Sonja, Sonjaa!“ Sie legt die Hände als Trichter an den Mund: „Sonjaa, Sonjaaaa!“ Die Vögel verstummen von ihrem Geschrei.
Stille! Alles ist still. Die Vögel geben ihr eine Weile Zeit zum Horchen. Als Antwort hört sie nur das leise Rauschen der Baumwipfel. Eine erdrückende, unheimliche Stille kommt ihr aus der Tiefe des Waldes entgegen. Sie läuft hin und her, die wenigen Schritte zwischen Teerstraße und Fußweg. Nichts, gar nichts kommt zurück! So sehr hätte sie sich eine Antwort gewünscht. Einen leisen Hilferuf vielleicht oder ein schwaches Stöhnen. Alles wäre besser gewesen als dieses schweigende Nichts.
Mit einem Schlag wird ihr klar, dass etwas geschehen sein muss, das für sie nicht mehr fassbar ist, etwas, das sie alleine nicht mehr im Griff hat und alleine nicht aushalten kann. Hätte ihr Kind verletzt auf seinem üblichen Waldpfad gelegen, hätte es die Mutter rufen gehört und Antwort gegeben. Edelgard ist sich plötzlich gewiss: „Sonja ist irgendwo anders, aber wo?“
Sie hat keine Idee, wo sie suchen könnte. Fast körperlich spürt sie, dass etwas nicht mehr stimmen kann. Aber was? Sie blickt ratlos um sich, sieht Menschen auf den Wiesen, die Blumen pflücken für die Blumenteppiche vor den Altären. Sie weiß: Morgen ist Fronleichnam. Pflückt Sonja am Ende Blüten mit jemand? Sie rennt zu den Frauen. „Ist Sonja bei euch? Habt ihr sie gesehen?“
Lotte, die unten im Dorf an der alten Kirchsteige wohnt, dreht sich erstaunt zu ihr um: „Was, isch die noch net daheim? Ich hab sie doch g’sehen, wie sie die Straße zum Berg nauf gangen isch. Ja sag mal, wo kann die denn hin sein? He, Anna, du warsch doch vor dem Haus, du musch d’ Sonja doch au g’sehen haben, wie sie vorbei’gangen isch!“
„Ja klar“, sagt Anna. „Oh, die Mädle, immer habet sie anderes Zeugs im Hirn. Mach dir net so viele Sorgen, die wird schon auftauchen. Vielleicht isch sie ja inzwischen daheim! Wahrscheinlich isch die einfach bei jemand eing’schtiegen, der sie mitg’nommen hat.“
Etwas von der Panik fällt von Edelgard ab. „So wird es sein“, wünscht sie sich und geht mit schnellen Schritten zu ihrem Traktor zurück. Ihre Blicke streifen die vollen Blumenkörbe, die am Wegrand zum Abtransport aufgestellt sind. Weiße Margeriten, roter Klee, gelber Löwenzahn, lilafarbene Pfeifenputzer, blaue Kornblumen, all das leuchtet ihr in den schönsten Farben entgegen. Sie wünscht sich, dass das heute auch ihre Arbeit gewesen wäre. So gerne hätte sie dazugehört, zu der schwatzenden, lachenden Schar von Frauen, die sorglos einfach nur Blumen pflücken dürfen.
Langsam tuckert sie auf den Hof zurück. Sie fühlt sich müde und erschöpft.
Schon als sie in den Hof einfährt, ist ihr klar: „Sonja ist nicht zu Hause!“ Ihre Mutter steht in der Haustür, starrt sie an und schüttelt nur den Kopf. Schwerfällig kriecht Edelgard vom Sitz des Traktors mit einer solchen Schwäche in den Beinen, wie sie sie noch nie erlebt hat. Schweigend gehen beide Frauen ins Haus. Es ist still. Sie treten in die halbdunkle Küche. Fliegen summen überlaut. Ohne ein Wort zu wechseln, setzen sie sich einander gegenüber auf die Eckbank. Sehen sich nur an. Ratlos. Verkrampfen ihre Hände ineinander, jede für sich. Die eine im Schoß, die andere auf dem Tisch. Schweigen.
Der Fliegenfänger, der als Klebestreifen mit unzähligen toten Tieren daran von der Decke hängt, trennt ihre Gesichter voneinander. An ihm muss man vorbeischauen, wenn man sich in die Augen sehen will. „Diese vielen Fliegen“, muss Edelgard in diesem Moment denken, „das ist die frühe Wärme in diesem Jahr.“ Eine Weile sieht sie den noch lebenden zappelnden Tieren zu. „Man sollte ihn irgendwann auswechseln“, geht es ihr durch den Kopf.
„Jetzt schwätz scho, was ist?“, fragt die Mechthild-Oma. „Hast du sie gefunden? Weißt du was?“ Edelgard schüttelt den Kopf und starrt ihre Mutter mit großen, aufgerissenen Augen an. „D’ Lotte hat sie heimgehen sehen und d’ Anna, em Fritz Schäuble sei Anna, au“, meint Edelgard. „Aber sie isch net da! Oder meinsch du, sie könnt sich versteckt haben – im Hof oder im Stall?“, rätselt sie.
„Auf“, bestimmt Mechthild energisch, „komm, mir gehet jetzt mit’nander suchen, au auf den Höfen in der Nachbarschaft. Los, komm, des machet mir glei!“ Mit diesen Worten macht Mechthild schon die Haustür auf. „Weisch, ich hab jetzt kei Ruh mehr. Des passt doch net zur Sonja. Jetzt isch es bald Viere und die isch no net daheim.“ Edelgard ist froh, dass die Mechthild die Initiative übernimmt. „Gut, dass Mutter da ist!“ Sie spürt, wie sie immer noch von der energischen Kraft der Älteren profitiert.
Sie eilt der alten Frau hinterher, rüber in den Anbau des Onkels. Dort öffnen sie alle Türen, laufen hinters Haus, in den Stall, in die Scheune. Sie rufen hoch ins Heu. Edelgard steigt die Holzleiter hinauf, kriecht im Heuboden herum. Nichts! Sie gehen hinunter in den uralten Gewölbekeller, den die Kinder überhaupt nicht mögen. Sie ist nicht da. „Was sollte sie auch hier?“, überlegt Edelgard. Es gab für Sonja bessere Verstecke, wenn sie eines gebraucht hätte.
Ihr lautes Rufen hören die Nachbarn. Irgendwann fangen sie an mitzusuchen. In jedem noch so versteckten Winkel der alten Bauernhäuser wird nachgeschaut. Nichts! Das Kind fehlt, wie jemand, der pünktlich losgewandert ist, seinen gewohnten Weg genommen hat und doch an seinem Ziel nicht angekommen ist. Sonja wird nicht gefunden. Keine Spur von ihr hier oben. Nicht in den Häusern, nicht zwischen den Häusern.
Der Wald hat sie behalten! Warum? Es war, als habe er das Mädchen verschluckt. Sie ist unten hineingegangen und oben nicht wieder herausgekommen.
Dass etwas Unheilvolles geschehen sein musste, wird in Edelgard zur gefühlten Gewissheit. Sie braucht nur ihre Mutter anzusehen und weiß, dass die keinen anderen Gedanken hat. „Wenn doch bloß der Arthur da wäre!“, wünscht sich Edelgard sehnlichst. „Der wüsste Rat, was zu tun ist. Aber gerade heute ist er auf der anderen Seite des Tales, auf den beiden großen Pachtwiesen, um nach dem Rechten zu sehen.“
„Geh, ruf Hilfe!“, sagt die Mechthild sehr bestimmt. Es klingt energisch, aber Edelgard hört die zitternden Tränen im Hintergrund heraus. „Wen ruf ich an?“, überlegt sie kurz. „Am besten unseren Freund Herbert, Rolands Vater. Der weiß meistens Rat. Der wird wissen, was zu tun ist. Heute am Mittwochnachmittag sind die meisten auf Arbeit, aber den Herbert könnte ich erreichen, der werkelt bestimmt in seiner Schreinerei herum.“
„D’ Sonja isch net heimkommen!“ Edelgard schreit diesen Satz förmlich in die Muschel. „Wie, net heim’kommen?“, fragt Herbert mit ruhiger Stimme. „Was meinsch du?“ „Ja von der Schul! Jetzt isch es fast Fünfe und sie isch no net da. Wir haben schon überall g’sucht. Sie sei in Richtung heim gangen, haben d’ Leut g’sagt, aber sie isch verschwunden, sie isch weg!“ Ohne abzusetzen sprudelt es aus Edelgard heraus. In der folgenden Stille hören beide nur das Atmen des anderen.
Dann sagt Herbert: „Also am besten, wir alarmieren die Feuerwehr, machen gleich Nägel mit Köpfen.“ Herbert spricht jetzt hochoffiziell mit fester Stimme, wie es sich für einen wichtigen Mann im Dorf gehört. In solchen besonderen Situationen glänzt er sogar mit seinem erlernten Hochdeutsch, auf das er ganz besonders stolz ist. „Ja so was“, denkt er für sich, „was kann denn da passiert sein? Vielleicht liegt das Kind wo und hat den Fuß gebrochen. Die klettern doch alle Abkürzungen den Wald hoch. Wahrscheinlich hat das Mädle seine Mutter gar nicht rufen gehört. Da muss man danach gucken! Vor drei Stunden in den Wald rein und kommt nicht mehr raus. Da ist doch was faul.“ So denkt der Herbert, wäscht sich schneller als sonst die Hände, lässt sich nicht mal Zeit zum Abtrocknen und gibt fast wortgleich seine Gedanken von vorhin übers Telefon dem Feuerwehrkommandanten weiter. „Da muss man freilich danach gucken“, kommt die kurze, bündige Antwort zurück. „Ich mach das!“
Kurz darauf heulen Sirenen. Die Menschen halten inne, egal was sie gerade tun. Brennt’s denn? Wo? Sie rennen auf die Straße. Weiß der Nachbar was? Nein. Aber da muss es doch wo brennen! Die Sirenen heulen weiter, gehen durch Mark und Bein. Grausig ist das. Bis einer es weiß: „D’ Sonja ist von der Schule noch nicht daheim. Man muss sie suchen.“
Die Feuerwehr stellt gerade einen Suchtrupp zusammen. Alle, auch die Kerle von der Jugendfeuerwehr, müssen kommen und helfen. Das laute Heulen der Sirenen ist verstummt, aber die Menschen behalten ihre Gänsehaut. Die bleibt, so wie Anspannung und Herzklopfen bleiben. Wer Kinder hat, sieht sie heute mit anderen Augen an. Gott sei Dank, sie sind zu Hause! Es gibt an diesem späten Nachmittag und Abend wohl kein Haus in der Gemeinde, wo nicht diskutiert und gemutmaßt wird, was mit Sonja passiert sein könnte. Irgendwie schmeckt heute das Vesper nicht so wie sonst. Manch einer schiebt es schneller von sich, als er es eigentlich vorhatte.
Auch auf dem Berg hören die Bewohner das Dröhnen und Heulen der Sirenen. Als Echo klingen die Töne aus verschiedenen Ecken zurück und hinterlassen den Eindruck eines Infernos. Edelgard und ihre Mutter fahren so erschrocken zusammen, als hätten sie einen Schlag mit einer Keule bekommen.
„Die Sirenen! Die Sirenen müsste Arthur hören“, fährt es Edelgard durch den Kopf. „Er muss sich doch denken, dass im Ort was g’schehen ist. Fünfe ist es auch. Eigentlich Zeit für ihn zum Heimkommen“, überlegt sie. „Oh Herrgott“, fleht Edelgard, „lass den Arthur heimkommen!“ Jetzt wissen es alle, es ist sozusagen amtlich. „Mit unserem Mädle ist was passiert!“ Wenn doch wenigstens der Vater da wäre, aber der ist am Morgen früh weg, musste nach München, Kunden besuchen.
Beide Frauen hält es nicht mehr im Haus. Sie rennen in den Hof, der an die Dorfstraße grenzt. Ihre Nachbarn sind da, sie stehen in kleinen Gruppen beieinander und diskutieren. Nicht zu laut, denn man weiß ja nichts Genaues. „Die wird man schon finden, Edelgard, mach dir net so viel Sorgen! Jetzt gucket ja ganz viele nach ihr. Man hat sie doch noch gesehen nach der Schule, also muss sie hier au wo sei. Geh nur rein zu deine andere Kinder! Mir gehen jetzt au zum Wald und helfet suchen. Mir saget dir gleich Bescheid, wenn mir was Neues erfahret.“
Kein bisschen getröstet geht Edelgard ins Haus. Es stimmt ja, sie muss nach ihren drei Jungs sehen. Die Buben haben sich so erschrocken, als die Sirenen heulten, und sind ins Haus gerannt. Dort hocken sie eingeschüchtert mit großen Augen in der Küche.
Schweigend haben sie heute ihre Hausaufgaben gemacht und danach schweigend die kleinen Spielautos auf dem Tisch herumgeschoben. Ihre Brummlaute, mit denen sonst die Fahrzeuge in allen Lautstärken begleitet wurden, kommen ihnen nur leise über die Lippen. Die Mutter hatte ihnen vorhin kurz gesagt: „D’ Sonja isch no net von der Schul daheim und jetzt suchen alle nach ihr.“ „Warum redet die Mutter nur so komisch?“ Eine ganz neue Stimme hatte sie. „Des war doch net so schlimm, wenn die Sonja mal später heimkam.“ Erst als sie begriffen, dass die Sirenen ihrer Schwester galten, erstarrten ihre Kinderseelen vor Angst und Schrecken. Sie trauten sich nicht, Fragen zu stellen, denn jeder Versuch wurde von der Oma mit harschen Worten abgetan. „Still jetzt, mir wollet jetzt nix mehr hören, setzt euch hin und haltet den Mund!“
„Fangt ganz unten am Fluss an zu suchen! Teilt euch auf!“, rief der Kommandant.
„Immer Zehner-Reihen, fünf alte und fünf junge Leut. So schaffen wir uns den Berg hoch. Auf der Teerstraße nach oben stehen Autos. Wenn jemand was sieht oder findet, gibt er Signal. Einen überlangen Hupton! Die Fahrzeuge sind offen, Zündungen sind an. Also los, guckt genau, ob ihr vielleicht Gegenstände findet oder ob es Spuren gibt, die nicht hingehören! Alles, auch die kleinste Kleinigkeit ist wichtig!“ Mit energischen Befehlen wurden die Suchtrupps eingeteilt und losgeschickt.
Gerade biegt Arthur auf die Straße nach Muri ein, als er den ersten Leuten von der hiesigen Feuerwehr begegnet. Hält und sieht sich neugierig um. „Was ist passiert, Willi? Wo brennt’s?“, fragt er den ersten, der ihm gerade über den Weg läuft. „Gut, dass du da bist, Arthur“, kommt es ernst von dem Feuerwehrmann zurück. „Es geht um eure Sonja. Die ist nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Wir fangen gerade an zu suchen.“
Mit einem Satz springt Arthur vom Traktor. Das ist etwas, was er im Moment zwar hört, aber überhaupt nicht einordnen kann. Das ist fremd. Automatisch gehen seine Gedanken sofort zu den Frauen daheim. „Wie mag es ihnen gehen?“ Er ahnt, dass er zuhause dringend gebraucht würde. Trotzdem bestimmt er kurz: „Ich suche mit!“ Das ist ihm im Augenblick näher und wichtiger. „Ja, mach das. Komm mit mir und meinem Trupp. Wir fangen mit dem unteren Teil der Strecke vom Fluss aus an.“
Inzwischen lag eine ungeheure Spannung über den Suchenden. Jeder von ihnen fürchtete mittlerweile, er könnte etwas finden, was er sich nicht wünschte. Es war ein Junge der Jungfeuerwehr, der sie fand. Der rief und schrie: „Hilfe, hier! Hil.....“ Das letzte ‚Hilfe‘ blieb ihm buchstäblich im Hals stecken. Der Magen würgte ihm entgegen. Er brach sich die Seele aus dem Leib, der Junge. Einer hupte. Lange Pause, noch mal lange. Ein Klagen, das jeden, der den Ton hören musste, erschauern ließ.
Ein Beben erfasst den abendlichen Wald. Alles rennt. „Der Ton kommt doch vom Berg!“ Sie keuchen den Berg hoch. Von allen Seiten kommen sie zum Hupton. „Da, da unten!“, schreit es ihnen entgegen. „Ein kleines Stück unterhalb der Teerstraße, da liegt sie.“
Wer mitgesucht hat oder zufällig vorbeikommt, sieht sich den Fundort an, zertrampelt Spuren, die im Nachhinein so wichtig gewesen wären. Das Entsetzen über den Anblick der Leiche, das Blutbad, das sie ertragen müssen, lässt die Männer verstummen oder aufstöhnen wie im tiefsten Schmerz, lässt sie in die Büsche taumeln, wo sie sich erbrechen, lässt sie weinen und beten.
Ein Kripobeamter sagt Jahrzehnte später: „Ich war wie gelähmt von dem, was ich da sehen musste. Es überstieg meine Vorstellungskraft. Nur weg von diesem grauenhaften Anblick! Nur einen Augenblick umdrehen und Welt sehen, die noch so war wie immer! Ich rannte zwischen die Tannen, konnte es nicht mehr ertragen, wie Tod aussehen konnte. Ich lehnte mich an einen Baum, brauchte Hilfe, konnte nur noch beten. Und ich betete: Lieber Gott, lass uns den Täter finden! Hilf uns, den Täter zu finden, hilf uns! Sonst möchte ich nie mehr was von dir!“
(aus Befragung Kommissar I. im August 2014)

HAUSSCHATTEN
Er wusste, dass er zu Hause nichts sagen oder fragen durfte wegen seiner Ängste, die ihn seit dem Tod seiner großen Schwester verfolgten. Wie oft schon hatte er versucht, bei der Mutter Antworten auf sein Warum zu bekommen. „Jetzt nicht“, sagte die dann oft mit schmerzlich verzogenem Gesicht. Und beim Vater ging gar nichts. Der wurde sofort grob: „Hast du nichts anderes zu tun, als wie dumme Fragen stellen? Mach deine Arbeit und lass mir meine Ruhe.“
Dabei hätte er doch so viele Fragen an die Eltern gehabt, also solche wie „Wer passt jetzt eigentlich auf uns drei auf, den Hannes, den Ludwig und mich? Das ist doch gefährlich, wenn wir kehren müssen hinter der Scheune etwa, wo uns keiner sieht. Da kann sich doch leicht einer anschleichen.“ oder „Wie hat der das gemacht mit der Sonja, wie kriegt der die tot? Warum hat sie denn nicht um Hilfe geschrien?“ Er, Jürgen, wusste doch ganz genau, wie stark seine Schwester war. Keine Chance hatte er gegen sie, wenn die mal richtig hinlangte. Schließlich gab er es auf, quälte sich durch den Tag und fürchtete die Nacht, alleine in der Dunkelheit seines Zimmers.
Es kostete den Jungen jeden Tag eine große Überwindung, in den dunklen Hausgang zu gehen. Schon wenn er die Tür aufmachte, hielt er den Atem an. Er wollte ihn nicht riechen, diesen Geruch nach Finsternis, feuchter Kühle und der unbeschreiblichen Mischung aus dem Unheimlichen, das ihn aus jeder dunklen Ecke ansprang. Jürgen ließ die schwere Eingangstür aus Holz, die immer so seltsame Geräusche von sich gab, hinter sich offen, als könnte er vom Sonnenlicht und der sommerlichen Wärme etwas ins Haus mitnehmen.
Er hatte auch festgestellt, dass die Treppenstufen, die nach oben in die Wohnung führten, weniger laut knarrten, wenn er schnell über sie tappte. Langsam und leise schleichen ging gar nicht. Er konnte den Flur nicht schnell genug hinter sich lassen. Es gab Tage, an denen er fest davon überzeugt war, in der Dunkelheit unter der Treppe sitze einer. Jürgen hätte auch schwören können, dass er jemanden schnaufen hörte. Ganz deutlich war das zu hören, wenn er am Abend dem Vater ein Bier aus dem Keller holen sollte.
Dann meldete sich das Angstgespenst in seiner Brust und umklammerte ihn ganz stark, so dass er fast keine Luft mehr bekam. Irgendwie schaffte er es aber immer wieder, während kaltes Grausen über seinen Rücken lief. Hoch und runter lief es, immer abwechselnd, runter und hoch, hin und her. Das rollte und rollte wie ein Wellholz auf dem Nudelteig, von einer Richtung in die andere. Froh war er, wenn er sich in die hell erleuchtete Küche retten konnte und dem Vater vor lauter Erleichterung mit weit aufgerissenen Augen, viel zu laut, die Flasche ungestüm auf den Tisch stellte.
„Spinnst du, was rennst denn so? Im a Weile lässt du noch die Flasche fallen, dann haben wir die Sauerei.“ Die Mutter hob dann nur den Kopf und sah ihrem Sohn still ins Gesicht mit einem fernen Blick, den Jürgen von ihr nicht kannte. Dieses Schauen der Mutter war fremd und neu. Er spürte, dass sie weit weg war von ihnen.
Er hatte auch bemerkt, dass der Vater nicht mehr mit der Mutter zurechtkam. Der war jetzt noch öfter unterwegs als früher. Es vermisste ihn auch keiner. Im Gegenteil. Es war ein ruhigeres Arbeiten und Leben auf dem Hof.
Der Kurtle hatte sicher Recht. Der sagte nämlich in der großen Pause zu ihm: „Du wirst schon sehen, bestimmt müsst ihr jetzt alle sterben. Du als nächster, weil du gleich nach deiner Schwester kommst. Solche machen das immer so, dem Alter nach, weißt, halt nacheinander.“ Im Kreis standen sie beisammen auf dem Schulhof und verdrückten, zwischen den ziemlich präzisen Mordvoraussagen, hungrig ihre Vesperbrote. Die anderen nickten arg mit dem Kopf, als wüssten sie alle genau Bescheid, was mit ihm und seinen Geschwistern in der nächsten Zeit passieren würde.
Eigentlich ging es ihm gar nicht so schlecht, denn seit Tagen schon, um genau zu sein, seit dem Tod seiner Schwester, war er der Gefragteste unter seinen Mitschülern. Jeder wollte plötzlich sein Freund sein, tat sich wichtig mit ihm. Aber heute, als er diese ungeheuerliche Neuigkeit hörte, wäre es ihm lieber gewesen, er hätte wohin verschlupfen können, wo ihn kein Mensch auf der Welt mehr finden konnte.
Er dachte an seine zwei Brüder. Vielleicht war ja einer von denen der nächste und nicht gerade er. Er würde heute Abend auf jeden Fall intensiv um eine gute Lösung beten. „Das hilft“, hatte die Mutter früher immer gesagt, wenn in der Familie irgendwas Schlimmes passiert war und es einfach nicht weiterging. Er wusste bloß noch nicht, wen er von den Brüdern opfern sollte. Den Hannes oder den Ludwig? Über die hatte er schon das Sagen und konnte oft bestimmen, wo es lang ging. Wobei ihn der Ludwig mehr ärgerte und verpetzte. Wegen dem hatte er schon mehr Hausarreste aushalten müssen, als wie er Vierer in Klassenarbeiten geschrieben hatte. Aber dafür konnte der gut Fußball spielen und das würde ihm, Jürgen, bestimmt fehlen. Also der Hannes! Aber auch das hätte Auswirkungen auf sein Leben und zwar schlechte. Der Hannes war noch klein, gerade mal sechs Jahre alt, aber dem konnte er schon so manche Arbeit auf dem Hof und im Stall aufs Auge drücken, wenn er selbst keine Lust dazu hatte. Wenn man dem noch versprach: „Du darfst am Sonntag mit in die Hütte“, dann machte Hannes ohne Murren alles für einen. Ihre Hütte im Wald war nämlich ein sicherer Ort, wo man alles tun konnte und wo die Erwachsenen einen nicht störten.
In solch anstrengende Gedanken versunken ging Jürgen die Dorfstraße entlang. Schwüle Mittagshitze lag wie eine zu heiße Glocke über dem Tal. Die Sommersonne brannte in seinen Nacken, der in diesem Jahr schon tiefbraun war. Wer ihn kannte und so gehen sah, merkte sehr schnell, dass mit dem Jürgen heute was nicht stimmte. Kein bisschen Kinderfröhlichkeit war zu spüren. Ein erfrorenes Gesicht und entsetzte Augen waren es, die dem Betrachter entgegenblickten. Aber wer sah das schon? Eigentlich keiner. Und wer hinsah, schaute schnell wieder weg, um nicht Antworten geben zu müssen. Sie waren nicht leicht, diese Antworten. Fanden die Erwachsenen doch selber keine auf all die drängenden Fragen. Eigentlich machte sich niemand viele Gedanken über die Gefühle der Geschwister. Überhaupt war der Kerle doch schon groß, überragte seine Mitschüler um einiges. Für seine neun Jahre sah er älter aus, als er tatsächlich war. Glaubte man deshalb: „Der wird schon damit fertig werden?“
Jürgen legte einen Zahn zu. Er durfte nicht trödeln, sonst fuhr ihm der Bus vor der Nase weg. Er musste rechtzeitig an der Haltestelle sein. Keinesfalls wollte er alleine den schrecklichen, einsamen Waldweg auf den Berg nach Hause gehen, wo doch hinter jedem Baum der Eine stehen konnte mit einem Messer in der Hand. Bei dem Gedanken liefen seine Beine von ganz alleine schneller. Er fühlte sein Herz kräftig an seine Rippen klopfen.
Heute Mittag war er der erste am Bus. Der stand schon da. Penibel genau geparkt neben der vorgeschriebenen weißen Linie. Sein Motor brummte beruhigend leise vor sich hin. Herr Schaible, der Busfahrer, saß gemütlich auf dem Trittbrett an der Fahrerseite und zog an seiner Zigarette. „Du bist ja heute so früh, sogar der erste und ganz verschwitzt bist du. Bist du so schnell gelaufen? Ja, ja, es ist aber auch heiß heut. Sitz nur rein, wenn du möchtest.“
Der Herr Schaible sah Jürgen mitleidig an. Er dachte an die Geschehnisse und fand, dass es eine echte Heimsuchung war, was dieser Familie geschehen war. Der Fahrer stand auf, schaute auf den Jungen hinunter und fuhr ihm kurz mit der Hand durch das dunkle Haar. „Du bist schon ein armes Büble, was du alles miterleben musst.“ Die mitleidigen Worte kamen wie Peitschenhiebe bei Jürgen an. „Der Herr Schaible weiß sicher auch Bescheid, dass ich der Nächste sein werd.“ Er zog den Kopf weg, machte, dass er in den Bus kam und ließ sich auf seinen Sitz fallen. Warm war es im Bus. Jürgen war froh, dass noch keiner der Freunde da war. Er hatte so viel zu denken. Der Schulranzen, der sonst als erstes unter den Sitz flog, blieb auf dem Rücken. Er hatte ihn vergessen.
Jeder hatte seinen Platz im Bus. Wehe, einer setzte sich falsch hin, dann war der Streit vorprogrammiert und der Busfahrer musste streng durchgreifen. Dieser Bus war neu. Seit dem Tod seiner Schwester wurde er eingesetzt. Kein Kind sollte mehr nach Schulschluss alleine durch den Wald nach Hause gehen müssen.
Die Anspannung nahm dem Bub die Luft. Er weinte. Merkte nicht, wie seine Schultern zuckten. Es war ein trockenes Schluchzen und Schlucken, das den Körper erschütterte. Jürgen presste sein Gesicht an die Scheibe und empfand die glatte Glasfläche wie eine wohltuende Berührung.
Von Weitem hörte er seine Schulkameraden lärmend und durcheinanderredend die Straße entlangkommen. Sie drängten und schoben über die Treppe in den Bus, schubsten sich rauf und runter. „Da bist du ja. Warum bist du ab?“ Mit lautem Geplapper haute sich der Erwin in den Sitz neben Jürgen. „Ach lass doch den! Der wollt bloß der erste im Bus sei“, schnaubte ziemlich verächtlich der Edgar, der ihn sowieso nicht leiden konnte. „Wir waren noch am Kaugummiautomat. Der Kurtle hat Geld dabeigehabt. Zwei Mark. Wir haben alles verputzt. Guck, was wir rausgeholt haben! Eine Pfeife und einen Ring.“ „Und der Ewald hat am Schluss noch den Schlitz vom Kasten mit einem Kaugummi zugeklebt. Da kommt nix mehr raus. Die werden sich wundern!“
„Komm Jürgen, ruck mal auf die Seite, des isch doch mein Platz auch. Mach dich net so breit, zieh deine Haxen ein!“ So ging es durcheinander, bis Herr Schaible ein Machtwort sprach. Dann war Ruhe. Jeder hatte seinen Platz eingenommen und es wurde durchgezählt. Achtundzwanzig Kinder. Es stimmte. Vom Berg waren es sieben, die anderen aus der Nachbargemeinde.
Jürgen saß steif auf seinem Platz und hoffte, dass ihn keiner mehr ansprach. Sein einziger Gedanke war: „Hoffentlich fährt der Bus bald los. Ich muss zu meinem Onkel Arthur, der weiß bestimmt Rat.“
Der Onkel wusste immer Rat. So manches Mal hatte er ihn schon vor dem Vater in Schutz genommen, wenn ihm, Jürgen, eine saftige Strafe drohte. Meistens wegen einer Arbeit, von der es auf dem Hof genug gab, die nicht im Sinne der Eltern erledigt worden war. Der Vater war für seine Überstrenge bekannt. Ein Glück, wenn Onkel Arthur in der Nähe war. Da genügte schon ein scharfer Blick vom Onkel hin zum Vater, dessen Wut nach kurzem, lautem Geschrei in ärgerliche Maulerei umschlug. Hochrot im Gesicht und mit geballten Fäusten drehte der Vater meist ab und ging seiner Wege. Schon immer hatte Jürgen das Gefühl, dass der Onkel der eigentliche Bauer auf dem Hof war.
Nach fünfzehn Minuten Fahrt über die kurvige Strecke fuhr der Bus am Ortsschild Muri, Gemeinde Bergwiesen, vorbei und hielt an der ersten Haltestelle. Sofort drängte Jürgen zum Ausgang, benützte heute sogar seine Ellbogen, was er sonst von den anderen überhaupt nicht leiden konnte. Am liebsten hätte er mitgedrückt, damit die Tür schneller aufging. Auf die anderen warten, das war heute unmöglich, ging gar nicht. Er rannte den kürzeren Weg hinter den Häusern herum auf den elterlichen Hof. Ihr Gehöft lag ziemlich in der Dorfmitte, von den zwei Bushaltestellen war eine am Anfang und eine ziemlich am Ende des kleinen Weilers. Das sollte den Kindern ein sicheres Nachhausekommen ermöglichen.
Onkel Arthur kommt gerade um die Ecke, hat eben wohl Holz mit der Schubkarre zum Wohnhaus gebracht, als Jürgen auf den Hof einbiegt. „Was rennst du denn so?“, fragt der Onkel verwundert. „Wir haben noch nicht gegessen. Deine Mutter ist noch auf dem Acker, aber der Ludwig ist bereits da. Der hockt bei der Oma in der Küche und spielt. Die Oma wird schon rufen, wenn‘s so weit ist.“ Von Jürgen kommt kein Wort zurück. „Stimmt was nicht? War was in der Schule?“, hakt Arthur genauer nach. „Hast du zu viele Hausaufgaben? Ich schau mir nachher an, was ihr machen müsst.“
Gute Noten, das ist für Arthur das Wichtigste, damit aus den Kindern was wird. „Ihr müsst Abitur machen“, das hämmert er ihnen immer wieder ein, „sonst werdet ihr nix.“ Solche Sätze kennen die Kinder zur Genüge. Auch heute gebraucht er wieder gebetsmühlenartig den Abi-Satz. Normalerweise kommt dann ein wenig überzeugtes „Ja, ja!“ zurück. Heute nicht. Gar nichts kommt heute.
Jetzt erst merkt Arthur, dass sein Neffe noch kein Wort gesagt hat. Er dreht sich zu ihm um, mustert ihn von oben bis unten. Sagt auch nichts mehr. Hantiert mit seinem Schubkarren, lehnt ihn an die Wand vom Holzschuppen, geht ruhig auf Jürgen zu, legt den Arm um die Schultern des Jungen und führt ihn mit sanftem Druck zu seinem Anbau neben dem Wohnhaus, dem Zuhause des Onkels. Hier hat Jürgen stets das Gefühl von Sicherheit und Heimkommen. Sobald dort die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, müssen seine Sorgen und unerledigten Missgeschicke draußen bleiben. Vor allen Dingen sind sie, von hier aus betrachtet, nur noch halb so schlimm. Es sind meist glückliche Stunden für die Kinder vom Hof, wenn der Onkel Zeit für sie hat. Wenn sie mit ihm in der Scheune im Heu verschwinden können und Onkel Arthur erzählt oder Geschichten vorliest. Der ist nämlich gescheit, hat auch Abitur, weiß deshalb, wovon er redet, wenn er von Bildung spricht.
„Setz dich, Bub! Also was ist los?“ Sprechen kann der Bub nicht, bringt kein Wort heraus, es schüttelt ihn ein Weinkrampf. Er heult laut, wie kleine Kinder heulen, wenn ihre Furcht besonders groß ist, wenn sie Aufmerksamkeit und Trost brauchen.
Jürgen fängt an, Worte zu stammeln. Unzusammenhängende Wortfetzen, die zwischen den Stößen von Schluchzern hervorbrechen. „Der kommt wieder – vom Kurtle – Messer – und – sterben – ich der Nächste – bald sind alle tot.“ Verzweifelt legt er den Kopf auf den Tisch. Nur noch leises Weinen, das sich wie ein unaufhörliches, leierndes Summen anhört, kommt aus dem Kind. „Was erzählst du da? Von was und von wem redest du? Hat der Kurtle ein Messer und wer stirbt?“ Erschrocken blickt Arthur auf seinen Neffen hinunter. Sieht auf den empfindsamen, schlanken Kinderhals und spürt ein tiefes Mitleid mit dem Jungen. Ihm ist sofort klar, mit was das gestammelte Wörtergemisch zusammenhängen muss. Ihm wird abwechselnd heiß und kalt. Jetzt nur keinen Fehler machen und nix Falsches sagen! Ratlosigkeit überflutet ihn wie eine Riesenwelle und lässt ihn hilflos und schwach werden. „Ich muss was sagen. Etwas das überzeugt, was die Furcht von dem Kind nimmt!“ Er spürt, wie ihn eine große Wut zu überwältigen droht, was er aber nicht zulassen kann. Arthur hat plötzlich einen dicken Brocken im Hals, an dem er einige Male heftig schlucken muss, bis er seine Sprache wiederfindet. Wut und Hass sollen sein Leben nicht bestimmen, auch nicht das Leben der Kinder. Dann hätten sie schon verloren. Allesamt!
„Komm, red! Beruhig dich, was ist denn los?“ Arthur zieht einen Stuhl vom Tisch her und setzt sich Jürgen gegenüber. Der Junge wird stiller. Nur noch einzelne Schluchzer sind zu hören. Er hebt den Kopf, blickt den Onkel an und fängt an zu reden. Stockend erst, dann fließt es aus ihm heraus, das Entsetzen und die Todesfurcht. Von seinem nahen Sterben und dass sie alle dran sind. Warum das bei ihnen so ist. Wenn einer mal den Anfang gemacht hat, gehe es der Reihe nach ganz schnell. Vor allen Dingen, dass der Kurtle alles ganz genau weiß.
„Du lieber Himmel, was tut man dem Buben noch alles an?“ Das mühsame Verdrängen der Geschehnisse in den letzten Wochen, sein „Alles wird wieder gut!“ zu den Kindern, alles vergeblich und umsonst? „Ich muss ihm helfen!“ Nichts anderes denkt Arthur in diesem Moment. „Nicht der Kurtle ist wichtig. Heut der Kurtle, der so schwätzt, morgen ein anderer. Dem Bub das Richtige sagen ist wichtig, ihn muss ich stark machen! Es wird noch mehr kommen, bis der Täter gefasst ist. Selbst dann ist noch nicht Schluss. Dann werden Fragen nach dem Warum kommen. Ich muss ihm helfen, stark zu werden, das ist es. Verdammt, was sag ich nur?“ Krampfhaft sucht Arthur nach den richtigen Worten.
Automatisch geht er zum Schrank, bedächtig. Viel langsamer als sonst bewegt er sich, holt ein Glas heraus und lässt es voll Sprudel laufen. Zitrone, den mag der Junge am liebsten. Den hatte der Onkel stets parat. Das wussten die Kinder und nutzten es gründlich aus. Da hieß es dann schon mal: „Trink nicht im Unverstand, sonst kriegst du jetzt Hahnenwasser.“ Heute hätte der Bub von ihm aus eine ganze Kiste Zitronensprudel trinken können, wenn er gewollt hätte. Am liebsten hätte Arthur gesagt: „Weißt, ich versteh dich, ich habe doch selber Angst. Dieses freilaufende Ungeheuer belastet mein Leben genauso wie deines.“ Das hätte er in Wirklichkeit gerne zu Jürgen gesagt, aber das ging gar nicht. Beruhigung und Trost mussten her.
Mit etwas wackliger Stimme fängt Arthur an zu reden: „Was der Kurtle gesagt hat, stimmt doch überhaupt nicht. Der hat ein großes Maul und hat sich nur wichtig gemacht. Weißt, gerade auf dich und deine ganze Familie passt jetzt die Polizei besonders gut auf. Du siehst die bloß nicht, weil sie das im Geheimen machen. Sogar nachts sind sie in Verstecken auf dem Hof, im Wald und im ganzen Dorf. Alle Leute passen jetzt aufeinander auf. Die wollen den doch alle fangen, der die Sonja tot gemacht hat. Du wirst sehen, bald haben sie ihn! Und wenn der bis nach Amerika abgehauen ist, kriegen sie den!“
Beim Hinweis ‚Amerika‘ ruckt der Kopf von Jürgen hoch. Die Aussicht, dass das Böse nach Amerika verschwunden sein könnte, ist überzeugend gut. „Nach Amerika“, flüstert er zum Onkel hoch, „das ist ganz weit weg.“ Arthur sieht die Hoffnung in den Augen des Buben. „Ja was glaubst denn du? Der wartet doch nicht hier in einer dunklen Ecke, bis man ihn findet. Der weiß genau: Wenn sie mich erwischen, muss ich mein Leben lang ins Gefängnis. Also nichts wie weg!“ Jürgen trinkt seinen Sprudel mit wenigen Schlucken leer. „Noch eins?“, fragt der Onkel. Das leere Glas wird energisch über den Tisch geschoben. „Ja, voll!“ Nie im Leben vorher, wie Arthur später erzählte, war er mehr als erleichtert gewesen, dass er an diesem Tag die richtigen Worte gefunden hatte.
„He, was ist? Muss man euch eine Extra-Einladung schicken? Die Oma hat schon ein paar Mal zum Essen gerufen. Auf jetzt!“, ruft die Mutter von der Haustür her. „Los, Jürgen, wasch dein Gesicht!“, schickt ihn der Onkel an den Schüttstein. „Dann machen wir, dass wir an den Tisch kommen. Nimm einfach das Geschirrtuch zum Abtrocknen“, weist er den Jungen noch mit einem Blick über die Schulter an, während er schon zur Tür hinausgeht.
Es herrscht, wie jetzt an jedem Tag, eine sonderbar gedrückte Stimmung am Mittagstisch. Seitdem der eine Stuhl leer bleibt, ist es so. Oma Mechthild stellt gerade den großen Topf mit der Gemüsesuppe in die Mitte, als Arthur und Jürgen in die Küche kommen. Dicke Scheiben Brot stapeln sich im geflochtenen Brotkorb. Das Stoffdeckchen darin gibt es schon so lange, wie es den Korb gibt. Keinem wäre jemals eingefallen, ein anderes hineinzulegen. Ab und zu ausschütteln genügte. Brot macht nicht dreckig. Etwas Mehlstaub bleibt drauf, mehr nicht.
Mechthild bemüht sich redlich, jeden Tag aufs Neue, Alltag zuzulassen. Mit kleinen Bemerkungen wie „Esst nur, es ist genug da!“ oder „Ist die Suppe salzig genug?“ versucht sie, das schmerzliche Thema ‚Sonja‘ auszuklammern. Es weiß auch so jeder, an was der andere denkt. Wie viel einfacher wäre es für alle gewesen, offen darüber zu reden! Das hartnäckige Schweigen, das Nicht-Nachfragen-Dürfen, konserviert den Schmerz, macht alle noch verletzlicher. Die aufgenommene Angstsaat wird in der Seele festgedrückt, nein, festgestampft, geht auf für die folgenden Jahre.
Der Kampf um ihr Überleben hatte erst begonnen. Es war der Anfang eines langen schmerzvollen Weges, den sie noch zu gehen hatten. Gut, dass Onkel Arthur da war! Gut, dass jeder neue Tag einen neuen Anfang versprach. Auf dieses Versprechen gingen sie alle gerne ein, auch wenn sie bis zum Abend feststellten, dass sich nicht viel verändert hatte. Anders heute, als Jürgen erfahren durfte, dass der Schreckliche vielleicht, sogar höchstwahrscheinlich, nach Amerika abgehauen war. Für Jürgen wurde es zu einer gewünschten Gewissheit. „Der ist weg, weit weg“, hatte Onkel Arthur gesagt, „und der hat Recht, der weiß das!“ Ein anderes Weiterleben in seinem gewohnten Umfeld wäre für den Bub auch gar nicht möglich gewesen.
Jürgen war heute schneller mit dem Essen fertig als die anderen. Er wollte raus, hinter die Scheune, sich auf die Holzbeuge setzen und nachdenken. Die Schwüle in der Küche machte ihm zu schaffen. Oma hatte, wie jeden Tag, sommers wie winters, das Feuer im Beistellherd angezündet. Das war schon immer so. Was in der kalten Jahreszeit höchst willkommen war, wurde im Sommer zur Plage. Es standen immer Kochtöpfe und der ewig gleiche Wasserkessel darauf. Ihr leises Zischen und Summen war das gewohnte Geräusch in der Küche. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn von Jürgen. Er merkte, wie seine Anspannung wuchs. Seine aufgeregten Gedanken brauchten dringend ein Ventil. „Ich muss raus!“ Mit diesem Hinweis schob er den Stuhl zurück und verließ eiligst die Küche. „Was hat denn der?“ Oma Mechthild schaute die Runde fragend an. „Lass ihn laufen, er muss nachher noch eine Menge Hausaufgaben machen“, nahm Arthur seinen Neffen in Schutz. „Wahrscheinlich ist es ihm hier drin einfach zu warm.“
„Wir müssen später nochmal aufs Feld, Arthur, ich bin nicht fertig geworden. Mir wär es recht, wenn du mitkommsch.“ Es waren die ersten Worte, die Edelgard heute Mittag sprach. „Der Vinne kommt heut erst spät heim und muss morgen in aller Früh wieder fort. ‚Ihr werdet’s scho schaffen, ihr seid ja zu zweit und könnt’s euch einteilen‘, hat der noch g’meint.“
Edelgard rührte abwesend durch die Suppe in ihrem Teller, schaute nicht auf, sagte einfach nur, was sie sagen musste. Wer genau hinhörte, konnte eine gewisse Bitterkeit bemerken, die im letzten Satz mitschwang. Ein schneller Blick von Arthur zu Edelgard, dann zur Mechthild genügte. Sie waren sich einig, diese drei. „Wir machen das. Wir sind es doch gewohnt, das Schaffen ohne ihn!“ Es waren diese tägliche Arbeit und ihre häuslichen Pflichten, mit denen sie den Schmerz zudecken konnten. „Ich komme mit“, nickte Arthur. „Die Arbeit im Wald läuft mir nicht davon, die kann warten. Das geht morgen auch noch.“ Und als hätte jemand ein heimliches Kommando gegeben, verließ einer nach dem anderen die Küche.
Die beiden Jüngsten machten, dass sie auf den Hof kamen. Den Schulranzen, den Hannes im Hausgang großzügig in eine Ecke geworfen hatte, würdigte er mit keinem Blick. Auf Hausaufgaben hatte er jetzt keine Lust. Raus und spielen wollte er. Niemand aus der Familie nahm sich richtig Zeit für sie. Hannes und Ludwig waren es nicht anders gewohnt. Unbewusst machten sie das Beste daraus.
Wenn der Jürgen sie nicht gerade für eine Arbeit einspannte oder einen Kick-Nachmittag mit ihnen machte, beschäftigten sie sich allein miteinander oder mit ihren diversen Spielsachen. Wie auf Kommando gingen sie heute zu dem Sandhaufen, der seit langem am hinteren Ende von Onkel Arthurs Anbau lag. Seit sie ihre ersten Schritte gemacht hatten, steuerten sie den herrlichen Dreckhaufen an. Auf dem Hof wurde immer wieder irgendwo eine Schaufel Sand gebraucht. Wenn nichts mehr da war, wurde welcher hingeschüttet. Meistens war es eine Restladung von einem Bauvorhaben in der Nachbarschaft.
Bunte Plastikteile lagen lose oder halb eingegraben auf der Spielhalde herum. Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke waren das. Lastwagen, große und kleine. Ein Schlepper und mehrere Eimer. Das große, rote Feuerwehrauto war ihr ständiges Zankobjekt. Es gehörte beiden. Der Streit hatte schon beim Auspacken der großen Schachtel zu Weihnachten begonnen. Er endete damit, dass der Heilige Abend nur gerettet wurde, weil der Vater das ganze Paket kurzerhand in das elterliche Schlafzimmer verbannte. In den Wochen danach wurde die Spielzeit genau eingeteilt, ein Tag Hannes, ein Tag Ludwig. Aber sie merkten bald, dass auch das nicht in ihrem Sinne lief. An manchen zugeteilten Tagen passte ein Brand einfach nicht zu dem Bauprojekt, das sie gerade in Arbeit hatten. Viel wichtiger war es dann, mit zwei Lastwagen Sand an eine bestimmte Baustelle zu fahren.
Sie spielten gerne zusammen, die beiden Buben. Kameraden waren sie, vereint in einer schwierigen Situation. Sich selbst überlassen. Eine Situation, die sie aber nicht ändern konnten, die von beiden gelebt werden musste.
Sie fühlten, wie angenehm es war, die nackten Füße in den warmen Hügel einzubuddeln, wenn die Sonne den Sand aufgeheizt hatte. Sie gruben und tätschelten die feinen Körner, schmissen sie sich in Gesicht und Haare. Ganz spannend war für beide der Tag, an dem Hannes dem Ludwig wichtigtuerisch erklärte: „Du, den Sand kann man auch essen, der schmeckt wie Brei. Trocken halt, aber mit Wasser wie Brei!“ Er wies seinen kleinen Bruder an: „Mach du zuerst!“ „Nein, du!“ „Also komm, miteinander!“ „Also, jetzt!“ Die Zungen wurden in den Sand gesteckt und alles, was daran hängen blieb, mit Todesverachtung hinuntergeschluckt. Das war nicht wenig. Aber abgemacht war abgemacht. Eine Wiederholung des Spiels ‚Sandschlecken‘ fand allerdings unausgesprochen zu keiner Zeit mehr statt.
In der Küche ist es still geworden. Dieser Moment ist für Mechthild der schwerste des ganzen Tages. Jetzt muss sie Gedanken zulassen, die an die Oberfläche drängen. Wie Gespenster wabern die unausgesprochenen Fragen durch die Küche. Sie macht dann jedes Mal die Fenster auf, als könne dadurch im Austausch wieder ein Gleichgewicht geschaffen werden. Die normale Welt gegen eine Welt von etwas, das nicht hätte geschehen dürfen.
Sie räumt den Tisch ab und merkt, wie kraftlos ihre Hände geworden sind. Abwaschen, aufräumen, ausfegen, alles geschieht mechanisch. Nichts lenkt ab. Sie ist alleine, die erdrückenden Gedanken sind da, unbezwingbar, sie denken, was sie wollen. Der Spruch ‚Die Gedanken sind frei…‘ stimmt für sie. Ihre Gedanken sind von ihr nicht zu steuern. Die gehen ihre eigenen Wege. Sie sind von ihr nicht beherrschbar.
Sobald Mechthild fertig ist, setzt sie sich in ihren alten abgewetzten, aber bequemen Sessel im Wohnzimmer und starrt aus dem Fenster. Lässt alles zu, was aus ihrem Kopf zu ihr kommt. Von Zeit zu Zeit drängt ein tiefes Seufzen aus ihr. Sie merkt es nicht einmal. Holt einen Korb mit Flickzeug. Kann zwischendurch die Nadel nicht einfädeln, weil Tränen die Augen trüben. Das kann sie beim Flicken überhaupt nicht gebrauchen. „So komm ich mit dem Stopfen nie voran! Nicht mal das klappt wie früher.“ Der Zorn über das zerstörte Leben, das wie eine böse Heimsuchung über sie hereingebrochen ist, nimmt ihr die Luft zum Atmen. Ohne darüber nachzudenken, saust plötzlich ihre Faust mit donnernder Kraft auf den Tisch. Die Schere, die vor ihr bei der Wolle liegt, macht einen kleinen Satz und antwortet mit einem metallischen Klicken. Erschrocken über sich selbst blickt Mechthild um sich. Gut, dass keiner ihren Ausbruch gesehen hat. Der Schmerz in der Schulter bringt sie wieder zu sich. „So nicht! Das hilft mir nicht und keinem. Davon wird nichts besser. Zorn und Verbitterung, das kann jetzt keiner von uns gebrauchen. Es wäre das Ende der Familie, wenn das die Oberhand gewinnen würde.“ Energisch geht Mechthild in die Küche, nimmt die Blechkanne mit dem Restkaffee vom Morgen vom Herd und schenkt sich eine große Tasse voll. Nimmt viel Milch und Zucker dazu und trinkt mit langsamen Zügen das ganze Gefäß leer.
Hinter der Scheune sitzt Jürgen auf dem warmen Holz, das der Onkel am Vormittag aufgeschichtet hat. Er hört mit halbem Ohr, wie die Mutter und Onkel Arthur mit dem Traktor vom Hof fahren. Er bleibt heute draußen. Demonstrativ! Er will sich heute beweisen, dass er keine Angst mehr hat. Er, Jürgen, hat einen Plan. Er wird den Kampf aufnehmen, zusammen mit einem mächtigen Verbündeten. Mit dem wird er heute Abend in seiner Kammer sprechen. So wie es ihm seine Mutter immer gesagt hat, früher, als jeder noch mit seinen Sorgen zu ihr kommen durfte. „Wenn man was ganz fest will“, hat sie gesagt, „muss man nur inständig darum bitten, dann geht es auch in Erfüllung.“
Jetzt sagt sie das nicht mehr. „Aber ich werde es trotzdem tun. Schaden kann es ja nicht! Überhaupt werde ich heute Abend dem Herrn Gott klarmachen, dass wir ja schon eine hergegeben haben. Das langt doch!“ Das würde der bestimmt einsehen. Er sei doch gerecht. Das hat der Pfarrer in der Kinderkirche schon oft gesagt. Der weiß es sicher genau, sonst wäre er doch nicht Pfarrer geworden. Wenn der solche Sachen weitererzählt, muss ja was dran sein. „Ich werde es sogar schriftlich machen und meine zwei Mark von Onkel Arthur darin einwickeln. Dann stecke ich den Zettel in den Opferstock. Ich muss sowieso wieder am Sonntag mit allen in die Kirche. Nachher kann der Pfarrer alles miteinander beim Herrn Gott abgeben. Es darf halt keiner sehen – das Opfergeld und meine Nachricht.“
Ein tiefes Aufatmen war von Jürgen zu hören. „Warum bin ich nicht schon lange darauf gekommen? So werde ich es machen! Ist doch ganz einfach. Man muss nur reden miteinander“, dachte er noch, während ihn eine neue Lebensfreude fast überwältigte. Er schwang sich vom Holz. Einige der sauber aufgeschichteten Scheite fielen hinter ihm herunter. Er merkte es nicht. Er rannte und hüpfte auf die Dorfstraße, an den Häusern des kleinen Weilers vorbei, lief die vertrauten Wege zwischen den Wiesen und Feldern, bis er am Ende schwer atmend wieder vor seinem Zuhause stand.

SAURE KIRSCHEN
Jahrgang 1959, ich habe Ende Juni Geburtstag, um genau zu sein am achtundzwanzigsten. Beginn der Reifezeit unserer Kirschen. Dreizehn glückliche Jahre lebte ich auf dem gesegneten Fleckchen Erde, das ich Heimat nennen darf. Viele unvergessene Tage mit Sonja, in einer Freundschaft, wie sie nur in der Einsamkeit des Landlebens erlebt werden kann. Es war kein anderer da, mit dem wir unsere Freundschaft teilen mussten. Wir beide erlebten gemeinsam unsere Kindertage, unsere Schultage, Geburtstage, Sonntage, Sommer- und Wintertage… Einfach irgendwie fast jeden Tag.
Ich wäre gerne so schön gewesen wie sie. Standen wir beide nebeneinander, war ich zwar anwesend, aber gesehen hat man nur sie. „Bisch du aber a saubers Mädle, du siehsch ja aus wie’s Schneewittchen“. Und so hieß sie dann auch bald „Schneewittchen“. Das stach schon manchmal ein bisschen in der Magengegend, aber doch nur kurz, dann überwog der Stolz, dass ich so eine schöne Freundin hatte.
Meine Gedanken lassen sich nicht mehr aufhalten. Ich möchte sie steuern in eine andere, eine harmlose Richtung, aber sie kommen dem Grauen am Tag vor Fronleichnam 1972 immer näher. Sie sind nicht aufzuhalten, genauso wenig wie der Zug, in dem ich sitze und der mich mit unwiderstehlicher Kraft in Richtung Süden bringt. Ich spüre wieder diese aufgedrehte Unruhe in mir, die mich in den letzten drei Jahren immer wieder mehr oder minder panikartig überfallen hat.
Zuerst dachte ich an eine Schilddrüsenüberfunktion. „Aber nein, es ist nichts, es ist nichts Organisches“, sagte der Arzt, „etwas anderes nagt an Ihnen. Was, das müssen Sie herausfinden und abstellen.“
Ich musste nicht suchen, um das zu finden, was mich belastete, was mich mit aller Macht hinunterzog in diese unbezwingbare Finsternis, die sich vor vielen Jahren in irgendeine Ecke meines Körpers zurückgezogen hatte. Bestimmt hat sie dort gelauert, auf den richtigen Moment gewartet, um bei passender Gelegenheit wieder hervorzukriechen.
Was sagte der Doktor noch? Abstellen? Wie denn? Die längst überwundenen Albträume kamen wieder. Erst schleichend, dann heftiger. Die Bilder waren wieder da. Bilder, die ich glaubte, überwunden und im Griff zu haben. Sie ließen sich nicht mehr zurückdrängen und ich spürte: „Es ist Zeit! Du musst nach Hause, du musst dich den Orten stellen, die du, krank an Leib und Seele, vor vierzig Jahren verlassen hast, verlassen musstest. Ruhig gestellt von den Eltern und dem Doktor Eberwein.“
Viele Jahre später erzählte Mutter immer noch davon, dass ich eines Morgens nicht mehr aufgestanden war. Sie brachten mich dann weg. Weit weg. Nach Berlin. Für mich fühlte sich die große, fremde Stadt an wie ein anderes Land. Ich kam zu einer Frau, die Tante Elvira hieß. Ein Name, der zuvor ab und zu bei Unterhaltungen innerhalb der Verwandtschaft gefallen war. Das war jemand, der mich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht interessiert hatte. Eine Kusine meiner Mutter, der das Schicksal rechtzeitig den richtigen Mann geschickt hatte. Herbert hieß der, ein sogenannter ‚Stromer‘, der mit seinem Arbeitstrupp quer durch Deutschland unterwegs war. Diese Männer mussten draußen auf dem Land die Stromversorgung sichern. In meiner Erinnerung kletterten die Männer mit ihren Steigbügeln auf die hohen Strommasten, legten neue Leitungen, so dass jeder Haushalt an das öffentliche Stromnetz angeschlossen werden konnte.
Ob Herbert anfangs ihr Traummann war, weiß keiner. Auf jeden Fall wurde später erzählt, dass Tante Elvira keinen größeren Wunsch gehabt hatte, als vom ‚Berg‘ wegzukommen. Egal wie! Landwirtschaft war das größte Übel, das es für sie gab. Dazu die strengen Eltern, mit denen sie bis zu deren Tod nicht zurechtkam. Dies ließ sie ihren Entschluss „Nur weg hier und zwar so schnell wie möglich!“ von heute auf morgen in die Tat umsetzen. Herbert war sozusagen der ersehnte Retter, der zur richtigen Zeit aufgetaucht war.
In all den Jahren danach bekam unsere Mutter ab und zu Briefe von ihrer Kusine Elvira oder Postkarten mit Urlaubsgrüßen von irgendwo. Telefonieren kostete damals richtig Geld, also gab es Telefonate nur bei wichtigsten Anlässen. Die Briefe behielt Mutter stets einige Tage in der Tasche ihrer Kittelschürze. Ich nehme an, dass sie der Nachbarschaft vorgelesen wurden. Post aus Berlin, das war was, damit war man dann selber auch schon mit einem Fuß in der großen, weiten Welt. Dagegen bekam Tante Elvira immer mal wieder Zeitungsausschnitte, die Mutter nach Berlin schickte.
So auch über Neuigkeiten von der schlimmen Tat, die in unserem Heimatort passiert war. Die wurden dann mir und unseren Besuchern regelmäßig vorgelesen und die Tante erklärte später dazu passend, dass darum ‚das Kindchen‘ jetzt bei ihr in Berlin war. „Krank vor Angst ist die Barbara geworden. Weil sie den Kerl ja noch immer nicht geschnappt haben, hat es das Mädchen nicht mehr ausgehalten“, erklärte sie genauestens jedem, der sich nach meiner Herkunft erkundigte.
Auch Jahre später schwang immer noch eine Spur Mitleid in der Stimme von Elvira mit. „Nachdem der Herbert endlich weg war, habe ich sie gerne bei mir aufgenommen. Ich hab sowieso recht bald gemerkt, dass der Herbert sein Leben wie früher als lediger Stromer weiterführen wollte. Damit hab ich mich lange genug rumgeplagt!“ An ihrer gelassenen Stimme konnte man erkennen, wie endgültig Tante Elvira mit dem Thema ‚Herbert, der Stromer‘ abgeschlossen hatte. „Gell, Kindchen, es war für dich nicht gerade einfach, vom Dorf weg gleich in die Großstadt Berlin zu ziehen. Aber wir haben es geschafft! Und jetzt ist hier dein Zuhause. Ist doch ein ganz anderes Leben hier. Was hätte sie denn auf dem einsamen Berg schon gehabt? Man sieht ja, was sich dort für Gesindel herumtreibt!“ Wenn Tante Elvira endlich eine Redepause einlegte und mir den Arm um die Schultern legte, musste ich zur Bestätigung nur noch mit dem Kopf nicken und die Tante war zufrieden.
An all das gewöhnte ich mich im Laufe der Jahre. Es schien mir nichts mehr auszumachen, wenn ich von zuhause die neuen Vermutungen und Erkenntnisse der Ermittlungsbeamten mitgeteilt bekam. Nach dem Abitur, das ich mit hervorragenden Noten bestand, fuhr ich zum ersten Mal nach Hause. Fünf Jahre hatte ich bis dahin in Berlin verbracht. Mein Bruder Martin, der älteste von uns Geschwistern, feierte seine Hochzeit, und ich war zusammen mit Tante Elvira eingeladen. Es war für uns beide eine ganz schön aufregende Zeit, die Wochen vor der Reise in die Heimat. Geschenke mussten besorgt und vor allen Dingen die Kleiderfrage musste gelöst werden.
Es war ein schönes Fest, das wir dann erleben durften, aber beide waren wir auch froh, als der Tag unserer Abreise zurück nach Berlin kam. So recht hatten wir mit den meisten der Hochzeitsgäste nicht wirklich etwas anfangen können. Fremd waren sie mir geworden während der langen Zeit der Trennung. Ihre Themen waren nicht die meinen.
Ansonsten merkte ich sehr wohl, dass dem Thema ‚Sonja‘ ausgewichen wurde. Es war für alle gewiss nicht einfach, mir hier zu begegnen. War ich doch als deren beste Freundin die lebende Erinnerung an die grausame Tat. Unter der Oberfläche war das Geschehene noch allgegenwärtig. Die Last der Frage „Wer hat das getan?“ drückte noch immer auf ihre Schultern. Sie litten, die Menschen auf dem Berg, jeder für sich, auf seine Weise, und keiner konnte offen darüber reden.
Weitere Jahre in Berlin folgten, in denen ich mich voll und ganz meinem Jura-Studium widmete, das ich schließlich erfolgreich abschloss. Ohne Mühe bekam ich eine Stelle als selbständig arbeitende Anwältin in einem Berliner Anwaltsbüro. Endlich war genug Geld da für eine eigene Wohnung, ein Auto und Urlaubsreisen mit Freunden in alle Welt. Endlich konnte ich der Mutter mitteilen: „Du musst mich nicht mehr unterstützen, brauchst kein Geld mehr zu schicken an Tante Elvira, für das Wohnen und Essen bei ihr.“
An jedem Monatsanfang, immer ganz pünktlich, war die abgemachte Summe angekommen. Taschengeld für mich, Unterhaltsgeld für Tante Elvira. Ich konnte mir vorstellen, wie schwer es für Mutter gewesen sein musste, für mich über so viele Jahre regelmäßig Geld nach Berlin zu schicken. Doch jetzt ging es mir finanziell richtig gut! Ich hatte keine Sorgen, war mit meinem Leben mehr als zufrieden. Bis auf einmal, von einem Tag auf den anderen, fast von einer Stunde auf die nächste. Nach über vierzig Jahren fing es wieder an. Das tiefe Fallen ins Dunkle, Bodenlose, wo es kein Auffangen gibt.
Im Nachhinein zermarterte ich mir immer wieder den Kopf. Was war der Auslöser gewesen? Was hatte in meinem Kopf, in meinen Gedanken mit einem Klick alles verändert? Was war das, was von mir nicht zu steuern war? Ich war doch ein absoluter Verstandesmensch geworden. Hatte gelernt, was mir guttat oder was ich meiden musste. Nach vier Jahrzehnten! Wo doch alles abgehakt schien. Es war einfach wieder da, aus dem Nichts.
Alle Untersuchungen brachten kein Ergebnis. Der Neurologe bestätigte mir: „Eigentlich alles in Ordnung!“ Es gab nichts, was ein klares Krankheitsbild ergeben hätte. Keine Schilddrüsenerkrankung. Nicht der Kreislauf, der zwar hin und wieder verrücktspielte, aber nicht der Grund sein konnte. Auch die Schlaflosigkeit mit den anstrengenden Albträumen war mit Berufsstress alleine eigentlich nicht zu erklären. „Es ist das Vegetativum. Das ist nicht zu steuern. Mit dem eisernsten Willen nicht! Es ist was in Ihnen, das will heraus! Ihr Körper will es loswerden. Es ist in Ihnen gewachsen, eine Geschwulst aus einer Last, die Sie mit sich herumschleppen. Was es ist, müssen Sie herausfinden!“ Das war die vorläufig letzte Diagnose. „Gehen Sie zu einem Therapeuten, der kann Ihnen helfen“, empfahl mir daher der Hausarzt, der mich und Tante Elvira seit Jahren betreute.
Doktor Winkler, ein erfahrener, älterer Psychiater, fand dann auch schnell heraus, an was meine Seele litt. Er überzeugte mich davon, dass sich die Ängste meiner Kindheit, die Trennung von zuhause, das Drama um meine Freundin Sonja und der noch immer unaufgeklärte Mord an ihr wieder gemeldet hatten. An mir nagte die Frage: „Hat sich denn niemand richtig um letzte Aufklärung bemüht?“ Ich merkte sehr bald, dass es vor allem diese Frage war, die mit einer neuen, nie gekannten Wucht über mich hereingebrochen war. „Warum hat mich damals eigentlich keiner richtig befragt? Ich hätte doch was gewusst!“ Es hatte nur einige oberflächliche Fragen der Polizei an mich gegeben: „Kannst du was von dem Tag erzählen?“ Und gleich nachgeschoben: „Sicher net! Du warst ja in der Zeit in der Schule im Dorf unten.“ Aber ich hätte doch was gewusst! Von den Tagen vor der Tat hätte ich erzählen können.
Er nahm sich viel Zeit für mich, der Doktor Winkler, als ich ihn in seiner Praxis besuchte: „Heilung gibt es nur, wenn Sie sich den Geschehnissen endlich stellen! Zudecken hilft nicht! Das Unrecht schreit laut und anklagend bei jeder passenden, vor allem aber unpassenden Gelegenheit unter dem Teppich hervor. Dadurch gibt es auch kein Vergessen! Ein Verbrechen fordert Sühne. Das Opfer verlangt danach. Nur dann ist Ruhe. Für alle!“ Mit ernsten, eindringlichen Worten sprach der Arzt zu mir. Seine Brillengläser blitzten mich bei jeder Bewegung an wie Spiegel. Ich hatte den Eindruck, als leuchte der Doktor mein Innerstes aus und könne in aller Klarheit sehen, was mir fehlte.
„Ich weiß, dass er Recht hat“, war mir sofort klar. „Er hat die richtige Stelle bei mir getroffen. Ich merke jetzt schon: Das ist die beschädigte Saite. Sie muss ausgewechselt werden, damit das Instrument wieder klingen kann! Ich will heim. Will den Ballast loswerden, egal, was auf mich zukommt.“
Ich schließe die Augen, lehne mich in die Polster zurück. Sofort sind unvergessene Bilder da. Ich sehe mich zuhause in der Küche sitzen, wo ich der Mutter bei der Arbeit zuschaue. Heimelig und geschützt fühle ich mich hier bei ihr, keine Ängste haben Macht über mich. Die Mutter macht Teig an dem großen Küchentisch, der mitten im Raum steht. Fasziniert schaue ich den flinken Bewegungen ihrer Hände zu. Kneten, schwungvoll Mehl nachstreuen, kneten, zusammendrücken, wieder kneten. Geübt und sicher sitzt jeder ihrer Handgriffe. Hunderte Male im Leben schon gemacht. Bestimmt ist sie in Gedanken überall, nur nicht beim Teigmachen.
„Nimm das Körbchen und hol Kirschen, saure“, unterbricht sie meine Betrachtungen. „Morgen, kommen die Verwandten vom Dorf herauf, da müssen wir was hinstellen. Bring genug, dann mache ich gleich zwei Kirschkuchen, dann haben wir an beiden Tagen was zum Kaffee.“
Morgen am Sonntag, heißt es für unsere Familie früh aufstehen. Zuerst in den Stall, das Vieh versorgen, dann Frühstück machen, sich selbst schnell sonntäglich herrichten, in die Kirche gehen, gleich wieder nach Hause laufen, Mittagessen kochen, – fünf Leute hatten Hunger – , abwaschen und endlich – frei. Zwei Stunden frei – herrliche Stunden! Sonja und ich – frei für die Obstgärten, frei für die Wiesen, frei für den Wald. Auf Bänkchen sitzen, die Beine baumeln lassen und erzählen. Harmloses, Wichtiges. Sachen, die man nur flüstern durfte, oft mit dem Mund am Ohr der anderen.
Was wir alles machen würden, später, und natürlich wollten wir immer beieinanderbleiben. Das war ja klar! Am besten wir machten auch gemeinsam Hochzeit. Was für ein Aufsehen das in unserem Dorf geben würde. Mit weißen Kleidern und langen Schleiern. Die trugen dann Mädchen mit Blumen im Haar. Wir würden aussehen wie Prinzessinnen. Die Bräutigame wurden zwischen uns stets gerecht verteilt. Einmal ich mit Dieter, dann Sonja mit Günther oder umgekehrt. Uns fielen immer wieder andere Jungs ein, die wir nach Belieben hin und her tauschen konnten.
Ich schlucke, schlucke und schluchze, während ich im Zug sitze, Zeit habe zu denken, und mich meine Gedanken überwältigen. Das gleichmäßige Ratta-ta, Ratta-ta der Räder beruhigt mich wieder und wenn ich genau hinhöre, kann ich sogar Worte heraushören wie: „Ich fahre heim, ich fahre heim, ich fahre heim ...“
Heim! Ich lasse die Erinnerungen zu, wie sie kommen. Wieder bin ich zu Hause in meiner Kindheit! Wie war das noch? Diese Sonntage, die immer so erwartungsvoll anfingen? Um vier Uhr am Nachmittag hieß es, wieder zu Hause sein. Kaffeetisch decken, brav bei den Verwandten sitzen, abräumen, danach mit der Familie den ganzen Hof inspizieren.
„Ja, s’ Vieh steht guat da. Bloß no zwoa Saua? Hent ihr gschlachdet? S’ Heu trocka reibrocht? S’ war jo a Sauwetter, de letschde Däg.“ So in etwa lief die Unterhaltung zwischen dem Besuch und meinen Eltern. „Ja, euer Sach isch ordentlich“, war am Ende das höchste Lob. Die spitzen Kommentare wurden überhört, im Nachhinein im engen Familienkreis aber umso lauter und feindseliger diskutiert!
In bester Stimmung wurde später zum deftigen Abendvesper am Küchentisch Platz genommen. Jedermann langte kräftig zu und genoss die hausgemachten Köstlichkeiten, die Mutter schon am Morgen auf großen Platten zurechtgelegt hatte. Und endlich war es dann auch Zeit für den Heimweg. Ein freundliches Winken auf beiden Seiten und mit behäbigen, festen Schritten machten sich die vom unteren Dorf auf nach Hause. Wenn wir an einer bestimmten Stelle des Hofes standen, konnten wir noch lange sehen, wie sie in den Abend marschierten. Jetzt nur schnell umziehen, melken, Kannen spülen und endlich gehörte der Abend uns.
Wir setzten uns auf die Bank vor dem Haus, mit immer den gleichen Leuten. Sie kamen nach kurzer Zeit aus ihren Häusern, unsere Nachbarn, als hätten sie miteinander eine geheime Verabredung getroffen. Nachbarin Magda und ihr Mann Jakob, der Großbauer Rudolf Hellstern mit seiner Frau Elsa. Jedermann nannte ihn nur den Hektarkönig. Er war der reichste Mann im Ort und wahrscheinlich sogar in der Umgebung. Sein Spruch, der zum geflügelten Wort in der ganzen Gegend geworden war, klingt mir heute noch im Ohr: „Schönheit vergeht, der Hektar besteht!“ Danach war für ihn die Frau ausgesucht worden und so hat er es auch mit seinen Kindern, zwei Söhnen, gemacht. Mit seinem stets breiten, zufriedenen Lächeln lehnte er sich auf der groben Holzbank neben der Haustür zurück, um von Zeit zu Zeit einen tiefen Schluck aus seinem Mostglas zu trinken, das zwischen seinen Füßen auf der Erde stand. Der Hofdreck klebte nach einer Weile an seinem Glas wie Hagelzucker an den Weihnachtsbrötle. Er fuhr immer in gleichmäßigen Abständen mit dem Glasboden über seinen rechten Schenkel. Am Ende der Woche war die Schleifbahn schon von Weitem zu sehen. Sie war ein untrügliches Zeichen, ob die Hose diese Woche gewaschen worden war oder ob seine Frau Elsa gesagt hatte: „Die Hos ziesch nomal an, des duats nomal!“
Später kam noch Sonjas Mutter mit ihrem Mann Vinzenz dazu. Seltener Arthur, den alle nur den Häusler nannten. Arthur war ledig und hatte immer ein wenig andere Gedanken als andere, die er hartnäckig zum Besten gab, auch wenn es keiner hören wollte. „Der mit seinem obergescheiten G’schwätz“, hieß es da oft, „muss dauernd beweisa, dass er auf der Oberschul war.“
Oft hatte Edelgard, Sonjas Mutter, ihre liebe Not mit ihm, ihrem Bruder, wenn der allzu sehr den Hofbauern herauskehrte und ihrem Mann Vinne damit den Tag verdarb. Er wohnte im Anbau am Haupthaus, den er sich als Wohnstätte gerichtet hatte. Jeden Mittag saß er mit der Familie am Tisch und langte kräftig zu. „Wer recht schafft, der hat au Hunger.“ Geschafft hat er fleißig, als Familienknecht und nebenher noch als Waldarbeiter, denn Geld war knapp, man musste schon noch „was dazu macha, sonst langt’s net“. Auf jeden Fall war er der Meinung, dass er ein wichtiges Wörtle mitzureden hatte, denn er hatte schließlich den Traktor gekauft von seinem Waldgeld. Damit war er für die Familie ein unentbehrlicher Mann geworden.
Es war mit der Zeit auf dem Hof zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden, dass nicht mal Vinzenz, Sonjas Vater, ihm was zu sagen hatte. Der war doch bloß a „Herramale“, mit seinem wichtigtuerischen Gehabe als Vertreter für Bettwäsche und Vorhänge. „Das ist man nicht, wenn man einen Bauernhof zu Hause hat.“ Sowas dachte nicht allein der Arthur über seinen Schwager. Also wurde er, Arthur, mit der Zeit der heimliche Herr auf dem Hof.
Die Spannungen zwischen den ungleichen Schwägern wurden im Laufe der Zeit für jedermann spürbar. Besonders schlimm war es bei den gemeinsamen Mahlzeiten, wenn die ganze Familie um den großen Tisch in der Küche saß. Dann gab ganz schnell ein Wort das andere. Bestimmend der Arthur, angriffslustig der Vinne. Dann konnte man deutlich sehen, wie Edelgard den Kopf einzog. Ihr Hals wurde förmlich kürzer, die Schultern fielen nach vorn, sie bediente dann noch emsiger, aber ihr Gang wurde schlurfig und müde. Vier Kinder hielten den Atem an und wünschten sich an einen anderen Fleck auf der Erde.
So saß die sonntägliche Hofrunde draußen in der beginnenden Dämmerung, wann immer es das Wetter erlaubte. Das Abendprogramm konnte beginnen. Wir Kinder versuchten stets, uns unsichtbar zu machen, denn was da alles erzählt wurde, ließ uns staunen oder gruseln. Das meiste war für Kinderohren nur bedingt geeignet und verfolgte uns noch lange bis unter die Bettdecke, die man sich ganz fest über den Kopf ziehen musste, wenn die Angst mit ins Zimmer schlüpfte. Je ruhiger wir Kinder waren, desto mehr konnten wir erfahren. Und wir verhielten uns ruhig. Mucksmäuschenstill waren wir! Wenn wir uns weit in den Abendschatten zurückzogen, vergaßen die Erwachsenen, dass wir da waren. Bis es jemandem bei einem besonders heiklen Thema wieder einfiel: „Schwätzet net so Zeugs, die Junge spitzet d’ Ohra!“ Dann war es schlagartig ruhig. Der letzte angefangene Satz stand förmlich in der Abendstille. Wenn uns dann noch energisch mitgeteilt wurde: „Ihr g’höret scho lang ens Bett“, waren wir förmlich nicht mehr zu sehen.
Es gab damals nichts Interessanteres für uns als diesen Dorfklatsch. Manch einer aus dem Flecken wurde von uns Kindern in der nächsten Zeit besonders intensiv angeschaut. Mal scheu, mal nachdenklich. In besonders bedenklichen Fällen starrten wir den Leuten hinterher, mal mit Herzklopfen, mal mit Gekicher. Irgendwann am späten Abend kam der letzte energische Befehl von unserer Mutter: „Jetzt aber ab und glei ens Bett! Morgen isch Schul, dann wollet ihr wieder net aufstehen und ich hab mei liebe Not mit euch!“ Diesem Ton wagte keiner mehr zu widersprechen. Wir drückten uns noch ein bisschen in den Ecken herum, denn jede zusätzliche Minute aufbleiben zählte als Sieg über die Eltern. Spannend und unvergessen waren sie, diese Sonntagabende auf dem Hof mit unseren Nachbarn.
Waschen vor dem Zubettgehen entfiel regelmäßig. Einmal in der Woche richtig abseifen war genug. Am Morgen ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht und Zähne putzen, das genügte! Der Zuber mit dem Badewasser, der samstags in der Küche aufgestellt wurde, sah nach den drei Kindern zwar aus wie das Spülwasser nach einem guten Sonntagsessen, fettig und trüb, manchmal sogar mit diversen Stückchen drin, aber wirklich gestört hat sich daran keiner. Wir stiegen, stets überzeugt von unserem sauberen, blanken, neuen Lebensgefühl, aus der Wanne und schlüpften in frische Wäsche. Wohlgemerkt nur am Wochenende. Fand das Badevergnügen zwischendurch statt, musste man bestimmt zum Doktor, aber auch dann war es nicht so wichtig. Der Spruch von unserem alten Hausarzt Dr. Eberwein ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Mir ist ein Bauernbub mit Mist zwischen den Zehen lieber als so ein Herrenbübchen aus der Stadt mit seinen Käsfüßen und einem Pilzgewächs dazwischen.“
Das Ratta-ta, Ratta-ta kommt wieder lauter an mein Ohr. Ich habe Durst. Eine Thermosflasche steckt in meinem Rucksack, den ich in der Gepäckschale über meinem Kopf verstaut habe. Nach ein paar tiefen Zügen aus dem abgeschraubten Deckel wird mir wohler. Ich merke, wie mir die Gedankenpause guttut. Seit Stunden sitze ich schon im ICE Berlin – Stuttgart. Meine Gedanken beschäftigen sich so intensiv mit zu Hause, als würde ich über meine Kindheit in einem spannenden Buch lesen. Spannend und belastend! Die Mitreisenden in meinem Abteil habe ich glatt vergessen. Eine ältere Dame, die mit ihren Zeitschriften beschäftigt ist, und eine junge Frau, die unentwegt auf ihrem Smartphone herumtippt und zwischendurch telefoniert. Zum Glück so leise, dass es mich nicht stört. Nach anfänglich einigen freundlichen Bemerkungen, die von mir recht einsilbig beantwortet wurden, schweigen beide.
Das Ratta-ta, Ratta-ta dringt in Wellen zu mir, mal lauter, mal leiser. Nach jeder Weiche, die der Zug passiert, werde ich in die Gegenwart zurückgeholt. Dann drücke ich mich tiefer in meine Ecke am Fenster. Hinter mir am Haken hängt mein leichter Sommermantel, in den ich mich bei Bedarf einkuschle und wo ich dann auch mal die Augen zumachen kann.
Sobald das Ratta-ta gedämpfter wird und mich einlullt, treten die Bilder und Erinnerungen an die schrecklichen Tage des Jahres 1972 glasklar vor meine Augen. Wieder steht die Mutter vor mir mit ernstem Gesicht. Sie hat damals ihr Möglichstes getan, um in unsere Familie ein Stück Normalität zurückzubringen. Heute sehe ich, wie begrenzt ihre Möglichkeiten waren. Auch sie hatte niemanden zum Reden. Allein gelassen waren damals die Menschen mit ihren Nöten. An wen hätten sie sich auch wenden sollen? Den Pfarrer, den Lehrer, den Doktor? Sie alle waren sprachlos, wussten keine Antworten, kämpften um die eigene Fassung. Ihr ganzes Leben lang schwärte es in ihnen, wie eine Wunde, die nie abheilt.
Wieder sehe ich mich zuhause, am Backtag in unserer Küche. „Geh schon, Barbara, lass dir nicht alles zweimal sagen! Ich brauche die Kirschen jetzt, ich möchte endlich anfangen zu backen. Sonst werde ich heute überhaupt nicht mehr fertig.“ Ich versuchte erst gar nicht zu widersprechen. Diesem energischen Ton der Mutter war einfach nur zu gehorchen. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert. „Warum tat Mutter das? Mich allein rausschicken zum Kirschenholen. Sie wusste doch, was ich für eine grauenhafte Angst davor hatte, alleine in die Obstanlagen zu gehen.“ Ich spürte wieder, wie mir das Entsetzen den Rücken hoch kroch. Es machte meinen Nacken steif und in meinem Kopf und in den Ohren fühlte sich in diesem Augenblick alles unnatürlich wattig an.
Als es damit bei mir begonnen hatte, sagte der Doktor zur Mutter: „Ihre Seele ist eingefroren, ihr Körper steht still. Aber das wird schon wieder, es braucht halt seine Zeit.“ Dabei sah er mich mitleidig an: „Gell Barbara, mir schaffen das.“ Zur Mutter gewandt meinte er noch: „Man muss des Mädle halt ablenken von der ganzen Sache. So schlimm das auch alles ist, sie kann ja doch daran nichts ändern.“ Die Stimme von Dr. Eberwein klang aber wenig überzeugend in meinen Ohren. Auch dass er meinen Augen unsicher auswich, bemerkte ich instinktiv.
Es war jetzt schon ein Jahr her, dass man sie gefunden hatte, meine Freundin Sonja, womit das Schreckliche, Unfassbare über das kleine Dorf, ihre Familie, die Freunde und Nachbarn, über uns hereingebrochen war. Doch nichts ist besser geworden in dieser Zeit, die nur mühsam überdeckt wurde mit Alltag, mit Lachen, das keines mehr war, und den steten Gedanken, die immer um das Gleiche kreisten: Wer war es? Warum? Wieso Sonja? Meine Sonja, die ganz bestimmt niemals einem Menschen was Unrechtes getan hatte.
Für mich hörte es niemals auf. Das Poltern der Erde auf Sonjas Sarg. Was hat der Pfarrer gesagt? Erde zu Erde! Was sollte das? Was tat Sonja da unten in der dunklen Erde? Zu mir herauf gehörte sie doch. Hier oben in die Sonne, auf die Wege, unser beider Wege zwischen den Wiesen und Kirschbäumen. „Sie wird darüber hinwegkommen.“ Das hat der Doktor auch noch gesagt. Zur Mutter. Er hat aber nicht gesagt, wann. „Keine Ahnung hat der! Vielleicht kommt er ja darüber hinweg, ich nicht.“ Ich wartete Woche um Woche, Monat um Monat. Von wegen ‚darüber hinwegkommen‘. Ich merkte nichts davon.
„Bestimmt macht Mutter das heute mit Absicht“, hadere ich, „damit ich mich wieder daran gewöhne, rauszugehen. Damit ich meine Ängste überwinde und ein normaler Alltag wieder stattfinden kann. Aber weiß sie denn nicht, dass das gar nicht geht? Wie denn? Ihn gibt es doch noch da draußen! Ihn, das Monster, den Unaussprechlichen, das Grauen höchstpersönlich! Der Todstecher meiner besten Freundin. Meiner Sonja!“ ER sollte mein absoluter Alptraum werden, der meine Kindheit schlagartig beendete.
Sie haben ihn einfach nicht gefangen. Er war frei, lief herum, wohnte irgendwo. Aber wo? Kannte ich ihn oder kannten ihn meine Eltern? Wer, wo, warum? War er alt oder jung? Niemand gab Antwort. Ich fühlte ihn überall. Hinter jedem Baum, in der Scheune, im Stall, in jeder dunklen Ecke des Hauses. Mein Zimmer gehörte mir nicht mehr alleine. Es wurde von zweien bewohnt. Von ihm und von mir. So oft fühlte ich ihn hinter mir. Hörte seinen Atem. Fühlte seine Hände auf meinen Schultern, auf meinem Rücken. Dann kroch eine bleierne Lähmung über mich, rauf und runter. Er konnte auftauchen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Was für eine Belastung für mein, für unser Leben! Ich hätte der Mutter das alles so gerne gesagt, aber ich hätte sie damit nicht erreichen können. Meine Ängste waren für mich nicht in Worte zu fassen. Das Entsetzen hat seine eigene Sprache, die ich als Kind nicht hinausschreien konnte. Es blieb mir nur Zittern und Weinen.
Ich wehre mich nicht mehr. Nehme hastig das Körbchen, drücke es bebend gegen meine Brust, renne den dunklen Gang entlang zur Haustür. Raus! Renne und renne und heule laut den ganzen Weg entlang, bis zu den Kirschbäumen. Ich habe Angst. Schreckliche Angst! Aber ich pflücke, nein, ich reiße die Kirschen ab. Sie fliegen mit Ästchen und Blättern in meinen Korb. Egal! Nur fertig werden und fort hier! Ich will keinen Kirschkuchen mehr. Nie mehr! Sie sollen ihn selber essen. Alle können ihn essen. Sollen sie doch diese elenden Kirschen verschlingen! Ich will keine mehr sehen. Sie merken doch nicht einmal, wie sauer sie seit einem Jahr geworden sind. Ich renne zurück. Putze die Rotznase in das Kleid, wische mein Gesicht trocken. Sie brauchen es nicht sehen, mein Heulen. Ich haue die Tür zur Küche auf, knalle den Korb auf den Tisch, mache kehrt und renne in meine Kammer, werfe mich aufs Bett.
Mein Körper krümmt sich zusammen wie ein Wurm, und krampfhaftes Schluchzen nimmt mir die Luft zum Atmen. Nach einer Weile kommt meine Mutter. Sie setzt sich auf die Bettkante und nimmt mich ganz ruhig in den Arm. Mutter spricht kein Wort, streicht mir nur immer wieder übers Haar. Ihre Hände sagen ihre Worte. Immer die gleichen Worte, immer gleich, immer dasselbe: „Ist ja gut. Alles wird gut, ist gut, ist ja gut…“ Nichts wird gut! Sie finden ihn einfach nicht. Ein Jahr ist jetzt vorbei und ihn gibt es immer noch da draußen.
Im Herbst kam mein Bruder Tobias zur Welt. Da hatte Mutter was, das sie ablenkte, das menschlich war, das sie lieb haben konnte. Aber ich fühlte mich noch verlassener. Meine Ängste türmten sich auf, hoch und übereinander, wie ein Gebirge, über das keiner drüber kann. „Wieso stellte Mutter den Kinderwagen vors Haus? Einfach so.“ Da lag doch Tobias drin. Wenn sie auf dem Feld war, schob ich den Wagen in den Hausflur zurück, schloss die Tür ab und hockte krampfhaft lauschend auf der Stiege. Jedes Knarren und Knacken, Kettenrasseln und Poltern aus Haus und Stall klang überlaut an mein Ohr und erschreckte mich.
Ich merke, wie das Chaos jener Tage wieder anfängt, meinen Körper zu beherrschen. Frost ist in mir, trotz der Hitze des Sommertages, die sich im Innern des ICE fortsetzt. Meine Hände sind eiskalt geworden. Ein untrügliches Zeichen, dass diese elende bekannte Lähmung wieder meinen Kreislauf bestimmt. „Nimm deine Gedanken an die Leine! Versuche Punkte zu setzen! Dicke Punkte. So etwa wie: Bis hier und nicht weiter! Eventuell auch noch Ausrufezeichen. Vermeide auf jeden Fall Fragezeichen!“ So gescheite Sachen hatte mir mein Therapeut geraten. So viele Jahre habe ich mit dieser Strategie an mir gearbeitet. Aber der Erfolg war nicht allzu groß, auch nach über vierzig Jahren nicht.
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