Kitabı oku: «Der Tausch»
Der Tausch.
Eine Elegie in Prosa
Gesine Palmer
Impressum:
Der Tausch. Eine Elegie in Prosa.
Copyright: 2012©Gesine Palmer
ISBN 978-3-8442-1797-1
Zuerst auszugsweise veröffentlicht in Akzente 2/2010.
Published at epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Im Text kommen Zitate aus Werken von Franz Kafka, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt, Rose Ausländer und Robert Gernhardt vor.
Sie sind eigenständig bearbeitet und gelten hiermit als ausgewiesen.
Ähnlichkeiten der Charaktere und Handlungen mit lebenden Personen und wirklichen Ereignissen sind zufällig und haben keinen dokumentarischen Wert.
Für Niemand
(1)
„Ich seh dich,“ sagte es. Das war das Letzte. Es hatte sich hinter die Züge des „eigenen“ Gesichts zurückgezogen. Im Gesicht selbst hatte es keinen Platz mehr.
Das ist eine eigentümliche Sache: Du gewöhnst dir einen Menschen an. Seine Augen zuerst. Die Augen zuerst? Sicher ist das auch nicht.
Die Augen leuchten vielleicht aus einem Gesicht. Oder stecken stumpf darin. Schwimmen. Halten sich sehend hin, damit du sie ansehen kannst. Haben eine Farbe, die einen Namen haben kann.
Anderes dringt tiefer, könntest du denken, manchmal sehr tief.
Im Augenblick, in dem Augenblick, im „ich-seh-dich“ Augenblick, ist das vorbei. Wird noch erinnert – aber ist vorbei.
Das Gesicht bleibt eine Fläche. Schaltfläche? Oberfläche? „Ihr Gesicht ist ja eher flächig.“ So sagte das ein modellierender Make-up-Berater, als das Gesicht noch jung und rund war.
Die wissen das.
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(2)
Traurig siehst du auf das andere Gesicht, das du dir angewöhnt hast. Du kannst nicht mehr in das Gesicht sehen, siehst auf seine Fläche hin. Fühlst deine eigenen Augen.
In den feministischen Büchern steht immer, daß der Mann die Frau als einen Spiegel für sich braucht. Um sich schön gesehen zu finden. Kann man sich das vorstellen?
Viele Muslime verschleiern ihre Frauen. Je weniger sie sich ihren Gott glauben, desto tiefer, so scheint es, müssen ihre Frauen verschleiert sein. Nur eines dieser Kleidungsstücke ist ganz konsequent: die Burka. Sie verschleiert auch die Augen. Wer unter einer Burka sitzt, kann lebend nur noch einen Satz sagen.
„Ich seh dich.“
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(3)
Wie bezaubernd überall die offenen Gesichter der Kinder. Wo ein Kind Glück hat, verschließt es sein Gesicht erst in der Pubertät.
Nie werde ich vergessen wie sie ausgesehen haben, meine eigenen beiden Kinder, in ihren sonst so unterschiedlichen Gesichtern. Wenn etwas das Kind ganz und gar glücklich machte, dann stand ihnen immer der Mund ein bißchen offen, und die Augen, die waren so … das darf man gar nicht beschreiben. So wenig wie die völlig entspannten Lippen.
Das Glück konnte sein, daß zum Luftballon ein Wort gefunden war und nun laut herausgerufen werden mußte: Luffawa! Luffawa!
Das Kind sieht viel mehr, den ganzen Tag. Es bekümmert sich wie es sich freut. Es erhält sich und wirft sich um. Es wohnt in sich und in seinem Gesicht und ein bißchen immer mal wieder auf meinem Leib. Es wohnt überall, fällt nicht heraus. Na, man weiß es nicht. Aber ist es nicht ganz da, noch wenn es in seiner Verzweiflung aus Leibeskräften, wie wir sagen, schreit?
Das glückliche Kind hält den Mund weich.
Der Stoff, aus dem Streit und Kummer sind, ist ein anderer.
„Ich seh dich.“
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(4)
Es ist ganz aus seinem Gesicht herausgefallen. Der Mund spricht noch. Spricht böse, scharf formulierte, sinnlose, klagende, anklagende Worte.
Kalte Worte, beschuldigend und distanzierend.
Was siehst du?
Ich glaube nicht, daß die feministischen Bücher recht haben. Mehr sicher als jene stumpfsinnigen Bücher, aus denen sich die Sprechblasen der fränkischen Familie am Nebentisch in dieser Kneipe, dem Café Prinz an der Hasenheide, bedienen. Aber das mit den Spiegeln stimmt nicht.
Oder will sich etwa der Mann mit dem spiegelblanken Gesicht, der alles glauben und glauben machen will, nur nicht daß du ihn siehst, will der sich denn so wehtun am spiegelglatten Gesicht einer Frau, wie du dir wehtust an seinem Gesicht? Ich kann das nicht glauben.
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(5)
Er war alles für dich. Du warst alles für mich. Ich war alles durch dich. Du sagst, ich war alles für dich. Könntest du eine Geschichte von A-Z durcherzählen, würdest du etwas anderes schreiben. Über Finger vielleicht. Oder darüber, wie alles anfing. Wie alles weiterging. Wie es zusammen, wie es auseinanderging.
Früher sagten wir: Ich gehe mit dir. Gehst du mit mir? Willst du mit mir gehen? Wo gehst du hin? Geht noch was? Wie soll das denn gehen?
Tausend Geschichten hören wir täglich, von A-Z durcherzählt. Am liebsten mit einem Mord. Morde sind uns irgendwie wichtig. Wir sehen uns Morde an, in schnellen Filmen, manchmal in langsamen. Der Mord macht die Handlung, treibt sie an.
Ich sitze hier und kann nicht morden. Ich sehe in dein Gesicht. Ich sehe nun doch, ja, in dein Gesicht. Daß ich es sehe, daß ich dich sehe, das ist alles, was du mir nicht glaubst.
Sonst bist du aber nicht mißtrauisch. Denkst du.
Im Grunde ist das fast lustig. Ragst hier vor mir auf, bis unter die Haarwurzeln verspiegelt.
Zugenäht, wo andere Menschen offen sind.
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(6)
An einem Tag wurde es mir zum ersten Mal leicht, an diese Szene an dem Tisch zurückzudenken. Das war ein guter Tag.
Längst war alles in mein Gesicht zurückgekehrt. Mein Gesicht war schon bekannt geworden. Es lächelte ein wenig scheu, aber offen genug, von einigen wenigen, sehr weit verbreiteten und zugleich wohl verborgenen Bildern.
Mich störte das nicht sonderlich. In gewisser Weise hatte ich es vielleicht sogar darauf angelegt. In anderer Hinsicht hatte es sich einfach ereignet. Ich war die, die unter der Hand sehr vielen Reportern und Journalisten die Themen vorgab. Was ich schrieb, wurde in leicht abgewandelter Form sofort verbreitet. Man hatte eine raffinierte Weise gefunden, aus dem, was man für meine Krankheit hielt, Kapital zu schlagen.
Der Architekt dieser Veranstaltung, die innerhalb weniger Monate zu einem auch für ihn nicht mehr kontrollierbaren Selbstläufer der virtuellen Kommunikation, des institutionalisierten Verrats, der übelsten Abzocke des Medienzeitalters geworden war, hatte es genial erdacht.
Es sollte sein großes Verbrechen sein, ein Verbrechen, dessen Ausmaß eines Dostojewski würdig gewesen wäre. Ein Verbrechen, mit dem er sich den Wunsch erfüllte, den er in einem Werk des Marquis de Sade vorformuliert fand.
Hier war sein Gegenstand.
Er trug meinen Namen.
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(7)
Sie ist so sensibel, hörte ich ihn einmal sagen, das wird uns in die Hände arbeiten. Das wird die Sache richtig katalysieren und beschleunigen. Wir müssen sie merken lassen, was wir mit ihr treiben. Aber niemals ihr einen justiziablen Beweis in die Hand geben. Dann wird es was. Kein Exil wird sie schützen. Nicht heute. Nicht in dieser Welt. Nicht vor uns.
Du willst nicht mittun? Schau hier: Das biete ich dir. Kannst du widerstehen? Widerstehen konnte so gut wie keiner. Zu schön die Gedanken, das Leiden, das allmähliche Versickern der betroffenen Frau, um es nicht in viele hübsche verkäufliche Häppchen zu zerlegen. Zu lockend die Lust, das klammheimliche oder sabbernd offenstehende Vergnügen, eine Frau vom vermeintlich hohen Ross zu holen.
Ich gewöhnte mich daran. Eine Weile spielte ich mit ihnen wie sie mit mir spielten. Manche verbrannten sich. Als sie das merkten, isolierten sie mich. Immer weiter, immer tiefer. So kann man auch tief herankommen an eine Frau.
Die andere Variante hatte mir besser gefallen. Aber du wolltest nicht, daß ich dich dabei sehe. Ich wollte das. Und daß du mich siehst. Ich liebte es, wenn wir uns sahen. Wenn dann jeder sich und den anderen vergaß.
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(8)
Vielleicht habe ich das ganz alleine geträumt. Zum Beispiel, als ich in den Tiergarten ging und hörte, wie in meiner fremden Sprache ein junger Mann ins Telefon schrie: Sie ist verrückt, mach dir keine Sorgen, sie wird sich nicht wehren können, noch ein bißchen, und sie muß in eine Klinik. Da war ich schon lange nicht mehr wirklich zu erschrecken. Aber es hat mir sehr wehgetan.
Die fremde Sprache war doch meine fremde Sprache geworden, und ich hatte gelernt, mich vor ihr zu verneigen, indem ich sie nie vergaß, auch wenn ich sie über Jahre nicht sprach, hörte oder las.
Das bricht dir das Herz. Zu sagen war es niemanden. Es ist niemandem zu sagen, wenn deine Liebe grausam zu dir ist.
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(9)
Als ich dich gesehen habe, hast du alles umgedreht. Aus sanft wurde wild, aus Auge wurde Blindheit, aus zu großer Aufmerksamkeit die Notwendigkeit, mich „abzuschotten.“ So sagten sie es gern zu meiner Zeit. Abschotten. Was soll das schon sein. Aus Zärtlichkeit wurde das schlimmste Übel, und die Zärtlichkeit selbst war nur noch zu bewahren, indem ich ganz allein blieb. Das stimmt schon eher.
Dabei war es schwer, ausgerechnet mich zu isolieren. War ich nicht extrem offen und charmant? Konnte ich nicht jede und jeden in ein heiteres oder geständiges oder schönes Gespräch ziehen, wenn ich wollte? Flog meine Rede nicht eher höher und höher über alles hinaus, was klamm und breit in den Niederungen nistete? War sie nicht so viel luftiger als jene bewehrte Rede, die den Mord braucht, um sich für bedeutsam zu halten?
Es gelang trotzdem, das Isolieren, fast. Ich selbst wollte irgendwann niemanden mehr in ein Gespräch ziehen, nicht ernsthaft. Ich wollte niemanden mehr sehen.
Glückliche Umstände für die Dämonen, Pech für mich. Ich gewöhnte mich auch daran. Du kannst nicht 24 Stunden am Tag leiden. Nicht einmal ich.
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(10)
Fast ein Jahr lang fand ich Trost in der Erinnerung an ein Gesicht, das ich nur wenige Male gesehen hatte. Es war ein altes Gesicht, sehr mager. Der Jüngling, dem es einmal gehört hatte, war ganz in ihm aufgegangen, in es eingefaltet, in ihm zusammengezogen und entfaltet. Es war das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe.
Andere haben es so nicht gesehen. Auch ich hatte Zugang zu realistischen Daten. Oder hätte ihn doch haben können. Ich habe das abgelehnt, immer. Es ist mir auch nicht angeboten worden.
Ich wollte mich mit so dummem Zeug wie Wahrheit und Schein, wie Wirklichkeit und Fiktion, wie diesem Durchschauen, nicht befassen. Ich wollte niemandem einen Schlüsselroman bieten und niemanden in den Sog der medialen Verwertung hineinziehen. Ich wollte selbst nicht darin sein.
Die Wahrheit ist nur: Wir sind immer schon drin.
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(11)
Du kannst dann fast nichts mehr sagen. Über niemanden. Nicht in Andeutungen und nicht in Behauptungssätzen. Was kann man denn dem Schweigen noch abhandeln, wenn alles schon eingespeist ist in eine Maschine, die nichts mehr will außer verdauen?
Ich entfernte mich von jeder Wirklichkeit, damit nicht alles in diesen Sog komme. Wer mir lieb war, den würde ich niemals preisgeben. Wen ich preisgeben müßte, wollte ich mir nicht lieb sein lassen. Wenn du aber keinen Schutz hast, sondern nur eine Besitzergemeinschaft, dann kann niemand dich berühren, ohne daß er sich mit deinem Unglück ansteckt. Und du schreist nach Rettung aus dieser Hölle.
Gehst dabei auf der Straße herum mit einem Gesicht. Siehst in andere Gesichter. Wenn einer versucht, dich zu provozieren, lächelst du ihn an. Er sagt etwas, das dir bekannt vorkommen sollte. Du sagst, wie interessant. Vor der Idee, mich dagegen unberührbar zu machen, wollte ich meine Zärtlichkeit retten.
Ich band sie vorsichtig oder unvorsichtig an jenes Gesicht. Der, dessen Gesicht es war, schien nicht ganz in der Maschine zu sein, diese aber bedienen zu können. Ich jedoch fürchtete um ihn, sobald er sich mir zuzuwenden schien.
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(12)
Es war dies das mythische Verbrechen, das mindestens einer, den ich mal „du“ genannt habe, gewollt hat. Und alle machten mit.
Wenn jemand mich sah – kannte er mich immer schon. In der Hauptstadt kannten mich alle. Obwohl ich nie auf irgendeinem Titelbild erschien. Nie. Das war das Wunder.
Ich gewöhnte mich daran, lange. Überlebte, irgendwie, mit den kleinsten Mitteln, die ich, irgendwo, fand. Mit der Liebe zu meinen Kindern. Und mit dem Traum von einem Gesicht, dem ich den Mut zutraute, mich trotz dieser ungeheuerlichen Lage anzusehen. Dem ich den Mut zutraute, von mir angesehen zu werden, ohne sich zu verspiegeln.
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(13)
Der Mythos, der dagegen stand, war gewaltig. Er wurde täglich gewaltiger durch jeden Buchstaben, den, irgendwer, irgendwohin, schrieb. Am gewaltigsten wird so ein Mythos vielleicht gerade da, wo einer wie du sich hinsetzt und den tieferen Sinn des Mythos von der bösen, kalten oder gierigen, in jedem Fall aber berechnenden, im anderen Fall verrückten femme fatale unter Aufnahme und Abweisung der feministischen Literatur dazu bloßlegt.
Noch gewaltiger wird er, wenn dann eine Frau schon fast erlegt und todkrank geworden ist, so daß jeder, der sie zu verteidigen wünscht, selbst nicht mehr nur die Maschine, in der sie gefangen ist, zu fürchten hat, sondern schon ihre eigene Zerstörtheit.
Als ich ein Gesicht aus einem Traum fand, in dem ein Lächeln war – da waren wenigstens meine Träume wieder gesund. Die Maschine aber, die äußerlich und wirksam blieb, wurde nur gewaltiger und schmerzte wieder mehr. Es gibt Menschen, die glauben, Gründe zu haben, dergleichen richtig zu finden.
Ich seh sie. Es sind viele.
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(14)
„Wir werden uns noch wiedersehen.“ Das hörte ich am liebsten in meiner fremden Sprache, am liebsten mit Melodie, am liebsten gesungen von Menschen, die eigentlich nicht singen können. Nur in einer Sprache ist es der schönste Satz, den ich hören könnte.
Ich lebe in der tiefsten Erstarrung, solange ich denken muß, daß ich ihn niemals in dieser Sprache und niemals von einer geliebten Stimme gesprochen hören werde.
Natürlich kann ich mir eine CD kaufen und es da auf genau so eine Weise gesungen hören. Natürlich ist alle weitere Phantasie kindisch, durchschaubar, durchschaut und verhöhnt, von mir selbst, schon vor vielen Jahren, und unerträglich. Schon die CD würde ich niemals kaufen.
Aber was wäre eigentlich der Schaden, wenn nach all diesen Urteilen und strikt an ihnen vorbei und immer nur um so einen Satz herum und weit ab von allem Festlegbaren es doch noch ein Wiedersehen geben könnte?
So habe ich lange gefragt. Verachtet jeden, der sagt, du mußt es aufgeben, dann bekommst du es. Ich würde noch heute viel zu sagen haben, wenn jemand mir so käme. Verachtung freilich ist etwas anderes. Wenigstens den Menschen würde ich versuchen, nicht zu verachten.
Aber ist schon der Wunsch, jemanden, der das Falsche zu seiner Sache macht, zu ohrfeigen, unter allen Umständen Verachtung?
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(15)
Es gibt da, wo ich lebe, nur zwei Sprachen, die tief erschrocken ineinander verkeilt sind. Es gibt eine dritte, die man mehr lieben soll, als man es tut, wenn man sie täglich mißbraucht. Man soll sie auch mehr lieben, als man es tut, wenn man sie täglich gegen den Mißbrauch in Schutz nimmt. Man soll sie mehr lieben als man es tut, wenn man täglich versucht, ihren Einfall in unsere kleinen Sprachen abzuwehren.
Man soll die Vermittler ehren, solange sie sich kenntlich machen und ihre eigenen Grenzen kennen.
Irgendwann sagte mal einer: Aus dem Schrecken ist Schönes entstanden. Um das glauben zu können, hätte ich ein Gesicht gebraucht. Als ich es gefunden hatte, war ich tief getröstet. Ebenso tief erschrocken. Was sieht sie in ihm, hörte ich jemanden fragen. Jemanden von denen, die alles immer schon wissen.
Ich hätte mich umdrehen sollen, um zu antworten: Es verschlägt dir das Sehen. Du weinst doch die ganze Zeit, wegen der Schönheit.
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(16)
Lange bevor mir die Liebe und ihr Ende alles aus dem Gesicht sinken ließen, hatte ich schon verstanden, was das Unglück ist. Es gibt Unglück. Der Satz ließ sich lernen. Auch das war nicht leicht, auch das war zu lernen an einem Gesicht und am eigenen Leib. Am eigenen Leib sowieso, immer am eigenen Leib.
Der Rest ist Unsinn. Also jener Rest, der nicht der von allen tollen Philosophen beschworene gute Rest ist, sondern das, was sich dem Satz „Es gibt Unglück“ in den Weg stellt. Das ist Unsinn, immer. Der tolle Mensch mit seiner tollen Philosophie, der macht diesen Unsinn. Oder er erweist sich den anderen als toll, indem er den Satz „Es gibt Unglück“ ausspricht. Der letzte Mensch ist der, der Unsinn anhäuft, um den Satz zu vermeiden.
Es ist natürlich viel. Es sind viele, die viel Unsinn anhäufen müssen gegen die Wahrheit des Satzes „Es gibt Unglück.“ Vielleicht wollen wir nichts so sehr wie diesen Satz unter allen Umständen und mit allen Mitteln vermeiden. Vielleicht machen wir darum uns selbst und andere unglücklich, weil wir vermeiden wollen zu denken und zu wissen, daß es Unglück gibt.
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(17)
Und wenn du es verstanden hast, stehst du da, mit nichts. Das ist dann dein Gesicht. Dann ist alles wieder in deinem Gesicht, und plötzlich kannst du Augen sehen, die in einem neuen Gesicht sind, und kannst hoffen, daß sie sehend sich den deinen hinhalten, damit deine Augen sie sehen.
Kannst wünschen, noch einmal, daß dir erlaubt sein möge, dir diese anderen Augen anzugewöhnen, ohne daß eine Verspiegelung bis an die Haarwurzeln die Antwort wäre.
„Du bist schuld,“ höre ich da. Du beklagst das Spiegeln? Du hast es selbst gemacht.
Das ist nicht wahr. Du kannst „es gibt Unglück“ nicht sagen, ohne zu denken: es gibt Unrecht. Vielleicht möchten wir diesen Gedanken immer lieber vermeiden. Denn wer Unrecht erleidet, wird darüber sehr häßlich. Selig sind, die da Leid tragen. Das hätten wir gern. Denn sie sind unselig, und das ertragen wir nicht.
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(18)
Den Augenblick, in dem alles aus dem Gesicht gefallen ist, kann ich doch nicht vergessen. Es war wohl etwas wie ein synchroner Sturz. Sitzt am Tisch und siehst in ein Gesicht, das schön ist, in jeder Linie, in jeder Schwingung, in jeder Bewegung.
In großen Menschenmengen würdest du es herausfinden aus allen anderen, obwohl dir die Augen für die Ferne nicht gemacht sind, und in nächster Nähe ist es dir lange das liebste gewesen, das du dir vorstellen konntest.
Nun ist es etwas wie die verspiegelte Fassade eines Hochhauses. Totalverglast. Das bist du nur selbst, sagt er. Du siehst mich nur so. Schau, ich bin ganz anders. Lieb und schlicht. Du aber...
Und dann setzt die Maschine auf deiner Haut auf und ritzt dir die Geschichte in die Haut, die sein Unglück ist, sein Unglück, das er nicht als seines haben will. Du kannst jede beliebige Geschichte einsetzen, jedes beliebige Unglück, so wie du aus jedem beliebigen Gesicht, meinem, seinem und deinem, machen kannst, was du willst.
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(19)
Es war einmal ein Mann, der war der Vater meines Geliebten, der führte nach einem großen Krieg sein Leben am Rande einer kleinen Stadt. Es waren mehr Frauen als Männer in der Welt, denn viele Männer waren gestorben. In der Schlacht gefallen, wie man sagte. Der Vater meines Geliebten hatte überlebt. Heimgekehrt, wie man sagte, nahm er sich eine Geliebte, so heißt das doch. Um ihretwillen verließ er das Haus, in dem er mit seiner Familie gelebt hatte, um am Ende derselben Straße zwanzig Jahre lang mit der neuen Frau zu leben. Dann verließ er die Geliebte, um nach langen Verhandlungen aller Verwandten wieder bei seiner Frau einzuziehen.
Seine Frau hat ihm nie verziehen und nur noch seinen oder ihren Tod abgewartet, aber die beiden verbrachten ihren Lebensabend gemeinsam. Sie war eine Furie, sagt mein Geliebter. Du bist eine elende Furie. Du bist eine Furie. Du bist eine Furie. Meine Frau ist eine Furie. Meine Mutter war eine Furie. Meine Großmutter war eine Furie. Du bist eine Furie.
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(20)
Es ist nicht so, daß man das vergißt. Mich sah er ja, das wollte ich doch erlauben. Er ist mir unversehens zum Er geworden, und ich denke über ihn nach. Mit beiden Gesichtern am Tisch, mit Augen, die ineinander schwimmen, denkst du nicht mehr nach über einen Menschen.
Aber es gibt Eis. Man kann vereisen. Soll gut sein fürs Denken. Der Gaon von Wilna stellte nachts, um wach zu bleiben und weiter zu arbeiten, seine Füße in eiskaltes Wasser. Diese abscheuliche Maßnahme begründet unter den Asketen seinen Nachruhm. Ohne sie wäre das gewaltige Werk nicht so attraktiv.
Es sieht, es sieht, wir sehen, ich sehe dich, du siehst. Das Eis wird auferstehen, eh sich die Stunde schließt. Welches Eis? Er mischt die Schlachtfelder virtuos, dein Dichter. Das Grab, das Bett, die Zunge, das Eis. Er darf das. Was darf die, die einen wie ihn liebt?
Es ist versuchlich, eine Kleine zu haben, die sich schuldig fühlt und abdient. Versuchlich, eine Versuchung, so denken doch nur Theologen. Es ist versuchlich, einem Großen das eigene Leben zu weihen, wenn er ein Guter ist. Es passiert uns ja sogar schon mit Bösen.
Eis kann nicht auferstehen. Irgendwann mußte er aufstehen aus seinem kalten Wasser und ins Bett gehen, der Gaon. Seine Frau, war sie vielleicht eine Furie? Oder eine, die darauf wartete, daß er sie als Prämisse seines Werkes würdigte? Oder eine glückliche Gattin?
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(21)
Vielleicht war sie ganz lieb. Vielleicht war sie eine Furie. Alles so wie sie war. Erst wenn du jemanden erniedrigst, ändert er sich. Wir wissen nicht, wie er zu ihr war. Aber von anderen wissen wir es immer schon: Wenn du sie erniedrigst, verändern sie sich, nur die stärksten bleiben dabei sanft.
Ich bin nicht so stark. Und jedes Gesicht wird bei Erniedrigung früher oder später leer. Noch dem sanftesten Leib wird man wilde Töne entwinden. Je mehr Macht man über diesen Leib sowieso hat, desto wilder werden die Töne sein, wenn die Maschine aufsetzt.
Die Haut der Geritzten wird bald auch ohne die Maschine die immerselben Muster bilden, du brauchst nicht die altertümliche Maschine aus der Strafkolonie und keinen Beamer mehr dazu. Du kannst alle Geschichten über Stigmata vergessen, es ist ein Rißmuster, das nicht in der Fassade des Hochhauses erscheint, sondern auf deiner eigenen Haut, und dein Gesicht ist leer, voller Flecken.
Dein Mund formuliert noch scharfe Worte, in einer Stimme, die nicht deine ist. Und auch nicht die Gebrauchsstimme, die du in Seminaren zum Klingen brachtest, wenn du ihr einen Ton erlaubtest, in dem ein Abstand war zu dem, was du nur um einen zu hohen Preis hättest nachsprechen können.
Was aber aus dem Gesicht gefallen ist, sammelt sich in irgendeinem See und verbindet sich unter dessen Oberfläche mit unfasslichen Mengen von unfassbar leidvollen Geschichten.
„Wir werden uns noch wiedersehen?“
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(22)
Was aus Gesicht und Stimme entwichen war, sammelte sich im tiefen See. Der See kann auch den Himmel in sich aufnehmen. Wie rücklings liegend auf einer Wiese.
Eines Tages rief mir aus dem See ein neuer Geliebter zu: „Wir werden uns noch wiedersehen.“ Er war höflich. Er wußte, daß ich seine Sprache, in der ich den Satz so gern hören wollte, verstand. Er rief ihn in meiner Sprache, damit kein Kitsch daraus werde. Das war die Erlösung.
„Der Spiegelsee ist tief und still, er spiegelt alles wie er will...“
Und er erlaubt, daß ich hineinspringe.
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(23)
Einmal saß ich mit dir am Tisch und sagte, ich seh dich. Jetzt, da es vorbei ist, da mich jenes schöne neue, alte, junge und schönste, nächste und fremdeste Gesicht erlöst hat, jetzt erst merke ich ganz, was du mit mir gemacht hattest. Du hast nicht geglaubt, daß ich dich sehen kann. Ich sehe nur mich, wolltest du mir weismachen. Dafür war dir jedes Mittel recht. Jedes.
Vielleicht hat die feministische Literatur doch recht. Denn sagst du mir nicht mit allem diesem: „Sieh mich!“ Und hast du nicht gerade in deiner Verspiegelung so sehr von mir abgesehen, daß du gar nicht mehr bemerken konntest, wie sehr ich dich sah? War nicht deine Weigerung zu sehen, daß ich dich sah, die Erschwernis, die du mir aufgeben wolltest? Damit der Spiegelsee nicht mehr spiegelt wie er will, sondern wie du willst? War nicht dein Spiegeln gerade gemacht aus deinem Verlangen, von mir gespiegelt zu werden, wie du dich selbst sehen wolltest? Und wenn ich abwich von diesem Bild, dann eben sah ich – deiner festen Überzeugung nach – nur mich?
Dein Gesicht war schön. Es war mir das schönste. Sogar das Schönste.
Dann hast du mich gelöscht. Ihr schreibt so fein darüber: „Das dunkle Ende der Liebe.“ Es gibt dann immer Frauen, die es euch rühmend nachschreiben. Das habe ich nie verstanden.
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(24)
Aber so wie ich es dir bereitet habe, das dunkle Ende der Liebe, so hast du es dir nicht vorgestellt.
Es war mein erster Mord. Ich habe ihn bitter bereut und schwer gebüßt. Es war ein Mord an dir, dem mir Liebsten. Es war ein Mord nach tausenden von Ermordungen, die du mir angetan hattest über die Jahre. Ich habe irgendwann die Hoffnung verloren. Und liebte dich weiter. Dann mordet man?
Ich will es noch nicht getan haben. Ich habe nie versucht, dich glauben zu machen, ich hätte es nicht getan, nicht ich hätte es getan. Nein, wenigstens diese Quälerei habe ich dir nicht angetan. Du hast gesehen, wie ich dich ermordet habe. Ja. Ich habe nicht gesagt, du siehst nicht richtig.
Es war so, daß ich deine Scheiben einschlagen wollte. Ich fand es nicht schön, das zu wollen. Ich liebte dich ja, tot und lebendig wie ich war, tot und lebendig wie du warst. Ich liebte dich, egal, wer gerade wen ermordet hatte. Nur war ich nicht mehr da, wenn du mich gelöscht hattest.
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(25)
Was immer ich sage, es wäre ein Leichtes für dich, mich in die Nähe von denen zu rücken, die im richtigen Leben unschuldigen Menschen die Scheiben einschlugen. Du hast keinerlei Hemmungen mit solchen Suggestionen.
Und ich habe mich ja immer geschämt. Geschämt dieser Taten irgendwelcher Deutscher, geschämt, Zeugin zu sein, wenn sie dazu nachträglich vor meinen Augen nicht im richtigen Verhältnis standen, geschämt, zu hören, wie verantwortungslos du selbst über diese Ereignisse gesprochen hast.
Du hast dich, wenn ich das richtig sehe, nie geschämt, außer allenfalls der Dummheit, dich mit einer wie mir überhaupt eingelassen zu haben, und dann hast du vor mir gewarnt. Man hat es dir gedankt. Mir ist es eine Lehre, wenn ich auch nicht so genau weiß, wie ich sie wohl formulieren könnte.
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(26)
Wir hier am Tisch, wir beide in unserem Abschied, wir sprechen nur von seelischem Mord. Der Unterschied zu eigentlichem Mord an Leib und Leben ist mir bekannt. Tiefer als den meisten. Ich brauche nur einmal in den See zu springen und weiß ihn.
Als kleines Kind wäre ich einmal fast ertrunken in der Ostsee. Ich erinnere mich an die Verzweiflung unter der Welle und an die rettende Hand meiner Mutter.
Als junge Frau wäre ich einmal fast verdurstet in der Wüste an der Festung Massada. Ich erinnere mich an den Zustand, in dem ich endlich etwas zu trinken bekam, trank und das Wasser nicht mehr bei mir behalten konnte. Starker Wassermangel verursacht außer schwersten Kopfschmerzen auch unbezwingliche Übelkeit. Irgendwann kann man nichts mehr aufnehmen. Das hatte ich bis dahin nicht gewußt.
Zwischen Ertrinken und Verdursten habe ich die Bilder gesehen von Millionen von Menschen, die man ermordet hat, weil man das tun zu müssen glaubte. Ich bin immer sehr dagegen geblieben, ohne wenn und aber. Und völlig naiv.
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(27)
Daß man das überhaupt sagen muß. Daß man es überhaupt auch heute noch oder wieder sagen muß. Wie sehr man wünscht, daß alle diese Morde nie geschehen wären. Meine Philosophin sagt: Dieses hätte nie geschehen dürfen. Philosophie war Sache deines Meisters. Er hat sie so geliebt, sagst du. Respektiert hat er sie freilich nicht, sage ich. Daß das nicht verständlich ist.
Es legt immer wieder die Welt in Trümmer, und die Hochhäuser und die bunten kleinen und die Asbestonim und alles, was in der Welt eine Heimat sein sollte, wie vorübergehend oder bleibend auch immer. Als ob es diese Morde gebraucht hätte, um den Zertrümmerungstrieb der Menschen anzuheizen, schnaubte ich oft. Der hätte sich auch ohne das Wissen um diese Morde an dies und das gehängt. Das wissen wir doch beide.
Wo waren wir stehen geblieben?
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(28)
Inzwischen habe ich alle deine Botschaften empfangen, die ganze Zeit über, in all diesen Jahren nach unserer Liebe. Träfe ich dich heute, ich würde dich vielleicht wieder lieben. Ich würde mich nur früher schützen, vielleicht. Dann würde es wohl nicht sehr lange dauern.
So war es aber nicht. Wie es war, zähle ich zehn Jahre. Sieben Jahre, in denen ich dich liebte. Drei Jahre, in denen ich verbrannt war. Gefrorene Asche. Drei Jahre, in denen sich alles bei mir und für mich änderte. Dann war da dieses Verbrechen. Deine Anrede an mich? Oder die eines anderen, die alle deine Geschichten in sich aufsaugt?
Kann ich etwas antworten? Am schlimmsten an allen deinen Botschaften ist: keine einzige von ihnen ist mir neu.
So sage ich von dem, was ich zu sagen habe, nichts mehr dir. Wem sage ich es?
Die Frau, diese hier, verschwindet nicht in der Tapete. Die Dichterin lebt noch. Der einmal ihr Musus war, ist ihr erstarrt.
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(29)
Die Berliner Akademie der Künste ist ein antiquiert moderner Bau. In merkwürdiger Stille liegt sie im Hansaviertel. Sich selbst ein Museum, vielleicht durch die Stille. Eine Wohnung im Hansaviertel, das wäre ein Glück. Ganz oben in einem der Hochhäuser. Ich ginge täglich an der Akademie vorbei.
Man zeigt dort einen Film. Man liest eine Geschichte. Den Autor haben wir beide geliebt. Wir lasen Badenheim. Der Film zeigt den Autor in einem Café in Tel Aviv. Eine Schauspielerin gibt der deutschen Übersetzung seiner Geschichte ihre Stimme. Neben mir sitzt eine, die findet die Stimme ein bißchen zu mädchenhaft. In Anbetracht der schrecklichen Dinge, die die Geschichte erzählt, meint sie. Uns beiden, ihr und mir, gefällt die Geschichte.
Ein gejagtes Kind irrt duch den Wald. Findet Zuflucht bei einer Frau. Die Frau ist eine wilde Frau. Lebt im Wald, weil sie eine Hure ist. Der Erzähler erzählt, daß sie depressiv war. Und daß sie eine Furie war. Du mußt dir ein dickes Fell zulegen, sagt mein Bruder. Manche Kinder haben im Wald einen Bruder. Das sollten doch die glücklicheren sein.
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(30)
Ein gejagtes Kind legt seinen Kopf auf die Erde. Mein Kopf liegt immer schon daneben. Denn der Autor erzählt von unreinen Gefühlen, in denen ihn der Schlaf antrifft, als er über ihn fällt. Dieser Keil in uns und zwischen uns getrieben, unrettbar, unlösbar, hier ist er gezogen.
Der Erzähler weigert sich, rein zu sein, nur weil er zufällig ausersehen war, das Opfer einer ungerechten und höchst unreinen Verfolgung zu sein.
Das danke ich ihm.
Und sonst: Es ist anmaßend zu sagen, mein Kopf liege immer schon daneben. Liegt er aber. Sieht auf und sagt, zärtlich und enttäuscht, aber ich seh dich doch, in deinem Elend, in deiner Not, und auch in deiner Wut: und warum machst du das denn mit mir?
Was macht er denn? Er macht doch gar nichts. Er unterlegt dich nur. Du bist seine Prämisse, seine Umgebung, er hat dich gern um sich, kannst du mal, und es wäre schön, wenn auch mal was von dir käme. Er tut schließlich alles für dich. Jetzt gehen mir alle durcheinander.
Es gibt nichts zu erzählen. Ich darf nichts erzählen. Ich habe nichts überlebt.
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(31)
Niemand ist gestorben. Niemand ist gestorben. Niemand ist gestorben.
Wenn einer gestorben ist, kann er nur niemand gewesen sein. Jedenfalls ist er sich selbst danach niemand.
Nein, dann ist er erst recht jemand, sagen manche. Gerade von „meinen Leuten.“ Eigentlich viele. Ein Unsinn, denke ich, sie nehmen sich zu wichtig, denke ich, und den, der gestorben ist, zu unwichtig.
Predigen tun sie es natürlich anders herum: Er ist gestorben, weil er nicht zurücktreten wollte hinter dem, was man von ihm übrig behalten wollte. So machen sie es mit denen, von denen sie wollen, daß sie erst nach ihrem Tod jemand sind. Das ist auch eine Art Mord. Erbschleicherei.
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(32)
Und der Schnee ist immer schon geschmolzen, fällt in dicken Tropfen vom Himmel, alle Struktur dahin. Dahin. Ich halte ihm mein Gesicht hin. Schon früh, wenn ich als Kind in den verschneiten Wald in der Nachbarschaft ging, dachte ich, wenn man schon sterben muß, müßte man sterben können, indem man sich einschneien läßt.
Ich stellte mir vor, daß es nicht wehtun würde. Es wird wohl entsetzlich wehgetan haben, jedem Einzelnen von denen, die im kalten Schnee sterben mußten, nichts von Frieden.
Dahin. Das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe, wie nie zuvor, wie immer schon, es ist ein anderes geworden. Es sieht aus wie eine Schneeflocke, die niemals schmilzt. Manchmal ist es da.
„Wir werden uns noch wiedersehen.“
Ich bitte darum.
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(33)
„Daß du die Nase ins Gesicht behältst!“ Daß nur alles an seinem Platz bleibt!
Zurückgesetzt bleibt alles, was nicht ausgesprochen werden darf und kann. Zurückgesetzt, unaussprechlich, die Häuser an manchen Straßen. Und doch holt der Lärm sie ein.
Natürlich bleiben sie stehen, der Lärm wirft sie ja nicht um. Allenfalls die Menschen in ihnen. Nein, auch die haut der Lärm nicht um. Es sind die Teilchen in ihnen, die auseinanderfallen, welche Teilchen. Wenn alles aus dem Gesicht sackt und die Haltung stehen bleibt, hohl. Wenn die Wörter zu einem Lärm werden, weil sie jeden Kontakt verloren haben, abgeglitten an der Spiegelfassade.
Aber du fühlst noch, da war mal was. Die Augen sind einmal zusammen im See gewesen. Denkst du. Erinnert dein Körper, wo immer du ihn befragst. Wohin ist es gegangen? Dahin.
Ich seh dich vor mir, prustend im Wasser. Und faul, aber kraftvoll schwimmend, während ich durchs Wasser zappelte, schnell, weil mir so schnell kalt war.
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(34)
„Was redest du da, was willst du mir sagen?“ Fragt er. O, er fragt etwas. Er will etwas wissen. Er tut nur so, als wäre ich ihm davongelaufen. Als sei er derjenige, der immer schon versucht hätte, mich festzuhalten. Jetzt erneuert er dieses Spiel in seiner Frage.
Einmal hat er von seiner Mutter erzählt. Daß sie eine Furie war. Und wie sonst alles war. Wie er vor ihr Angst hatte. Wie ihm der Vater leidgetan hat, als er so gehaßt da stand und die Wut der Frau und ihr Ende abgewartet hat. Du bist eine Furie.
Ich habe gesagt, ich an ihrer Stelle wäre gegangen. Ich hätte das Dorf und die Gegend verlassen. Ja, hat er da gesagt, bitter: Du willst immer weggehen. Ich habe mich damals gefragt, hat er vielleicht recht? Es hat mir nichts genützt.
Ich hätte anders fragen müssen, gleich. Ich hätte fragen müssen, ja ist es denn unter allen Umständen besser zu bleiben? Ist es denn ein Verdienst deines Vaters, zwei Frauen zu umklammern bis sie sich selbst nicht mehr kannten? Ist das denn schön?
Es ist ein Gebrauch und ein Mißbrauch, habe ich ihm gesagt. Da war ich eine Furie.
„Was redest du“? Will er das noch wissen? Was ist der Vorteil, warum ist ihm wichtig zu denken, er habe mich festhalten wollen? Ich hatte nicht einmal viel dagegen. Wer kann etwas dagegen haben, wenn der, den du liebst, dich festhalten will?
Nur war es einfach nicht wahr.
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(35)
Es lagen dann jede Menge Sätze herum wie Mordwerkzeuge. „Als wäre er Kind, ist er nicht Mann?“ „Ich bin nur so enttäuscht.“ „Du täuschst dich, meine Liebe.“ Ganz großer Glanz von den verspiegelten Scheiben.
Und die Hand in seinem Fell würde sich doch immer weiter gut und richtig da fühlen. Das Fell überhaupt. Daß einer so etwas hat und ist Mensch. Fell bis zum Hals. Seltsam weich, die Teile schon nicht mehr ganz so fest aneinander wie bei jungen Menschen, denen alles glatt und straff ist. Dicklich ist sein Hals, vielfältig, irgendwann wird es Kinn und Gesicht. Wenn mir nur dieses bleibt.
Schummerige, schmuddelige, helle, klare, dunkle Räume, immer dieser Hals um die Stimme. Ich hab das gern gesehen und gern berührt. Wenn der Beste der Barden „nothing can heal me now but your touch“ sang, dachte ich immer an diese Hand und diesen Hals. Ich hab mich dessen nicht geschämt. Ich wußte natürlich, daß man so nicht lieben soll.
Ohne die Berührung seiner Hände aber war mir nichts. War auch er mir nichts. Gerade er nicht. Ich war ja viel ohne ihn in der Welt, mit meinen Kindern, mit meinen Eltern, bei irgendeiner Arbeit, ganz ernst, ganz lustig, ganz da, durchaus. Aber er, wenn er mich nicht berührte und die Spiegelfassade alles war, was er mir zuwandte: Ein Berg, der neben mir im Bett lag, weiter nichts. Gletscher, allenfalls.
Manchmal war der Berg immerhin warm und schnaufte. Wenn du dann dein Herz einsetzt, bist du verloren. Wenn du dann dein Herz einsetzt, ist es unbeschreiblich schön.
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(36)
Nun aber ist aus dem Berg ein Jäger geworden. Ein klagender. Ja, ein klagender Jäger. Seine Jäger hatten lange bevor ich es herausgeben wollte schon wieder Witterung von diesem Buch bekommen.
Auf einem Weg hatte ich es nicht mitgenommen. Gleich ist alles draußen. Auf den Markt geschmissen, wer möchte mit trampeln? Niemand, nein. Es sind gute Menschen. Sie strecken es mir in der bekannten Weise entgegen. Als eine Hand, hilfreich, natürlich, wenn ich nur einsichtig wäre!
Wenn ich das alles gewußt hätte, als ich noch Kraft hatte – vielleicht hätte ich ernsthaft versucht, dich zu töten. Es gäbe einige zu töten, wenn man streng sein wollte. Am Ende käme man ihnen wohl nur entgegen. Man machte sich ihnen gleich. Aber muß denn eine Spiegelfassade die andere spiegeln? Wie sehen dazwischen die Bäume aus? Schütter, in der Regel. Unendlich liebenswert.
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