Kitabı oku: «Endstation Engadin»

Yazı tipi:

Gian Maria Calonder

Endstation Engadin

Ein Mord für Massimo Capaul

Kampa

I

Nach dem ersten Schnee und einigen verhangenen Tagen war das schöne Wetter zurück. Das Tal lag kurz vor sechs Uhr früh noch in tiefer Dämmerung, doch der Himmel über den scharfkantigen Bergraten strahlte bereits blau. Einige ganz zarte, rosenrot gefärbte Wolkenschleier durchzogen ihn. Sie erinnerten Capaul an den Brustflaum eines Flamingos und weckten die Fantasie, ein Jungvogel zu sein, der unter warmen, mütterlichen Fittichen dem Leben entgegenfiebert.

An einem solchen Morgen war es unmöglich, noch immer schlechter Laune zu sein. Die bittere Tatsache, sagte sich Capaul, dass er bereits vor seinem eigentlichen Dienstantritt suspendiert worden war, lächerlicher Formfehler wegen, musste man nicht zwingend als Schmach ansehen. Womöglich war Offizier Gislers Befehl: »Setzen Sie sich zu Hause hin und legen Sie die Hände in den Schoß, bis ich entschieden habe, was mit Ihnen geschieht«, nicht einmal eine Strafe, sondern nur der freundliche Rat, sich auszuruhen und Kraft zu tanken für die kommenden Aufgaben als Oberengadiner Polizist.

Im Bad pfiff er kreuz und quer vor sich hin und blieb hängen bei Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an, wohl weil gerade Sonntag war. Das musste Bernhild geweckt haben, denn als er in die Wirtsstube kam, war sie schon unten, in Bademantel und ihren grasgrünen Crocs, und deckte sein Feiertagsfrühstück, Café complet mit Aufbackgipfeli aus der Mikrowelle.

»So vergnügt heute?«, fragte sie. »Da hat wohl einer gute Nachrichten?«

»Die brauche ich gar nicht. Das Wetter ist einfach zu herrlich, ich fliege aus. Und zwar nach Bergün, mit der Bahn.«

Während sie auch für sich Kaffee machte, sagte sie auf, was wohl die Engadiner Tourismusbehörde den Gastwirten aufzusagen empfahl: »Hundertvierundvierzig Brücken und Viadukte, zweiundvierzig Tunnels, UNESCO-Kulturerbe. Auf gut einundsechzig Kilometern …« Mit dem Kaffee in der Hand wollte sie sich zu ihm setzen.

Doch Capaul hatte nur im Stehen ein Gipfeli in sich gestopft. Entschuldigend nuschelte er: »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung«, so hieß ein Buch, das seine Mutter geliebt hatte. Als er merkte, dass er völlig unverständlich war, spülte er mit Kaffee nach, doch dabei verschluckte er sich und musste husten. Und weil er dabei aus Anstand die Lippen zusammenpresste, gerieten ihm Kaffee und Krümel in die Nase.

Während er mit tränennassen Augen nach der Serviette tastete, um sich zu schnäuzen, trank Bernhild stumm ihren Kaffee, dann stellte sie spröde fest: »Es sollen schon Leute an ihrem Kaffee erstickt sein. Gute Fahrt denn, und denk bitte daran, dass immer sonntags die Miete fällig ist.«

Das versprach er, sich immer wieder räuspernd, weil noch immer Krümel in der Luftröhre klebten. Dann verließ er das Wirtshaus Zum Wassermann.

Zuvor las er auf dem Fahrplan der Rhätischen Bahn im Windfang, dass der Frühzug 06:07 schon fort sein musste, deshalb wollte er dorfaufwärts gehen, um beim Bankautomaten Geld zu ziehen. Als er auf die Straße trat, sah er allerdings einen der kurzen roten Züge abfahrbereit im Bahnhof stehen. Und weil der Wassermann nur wenige Schritte von der Station entfernt lag, beschloss er, sein Glück zu versuchen, und rannte los. Einer der Rangierarbeiter, die ihm entgegenkamen, weil sie wohl schon zu so früher Stunde bei Bernhild einkehren wollten, rief ihm etwas zu, vielleicht einen Gruß. Capaul rannte winkend weiter und erreichte glücklich Gleis 2, bevor der Zug anfuhr.

Er hatte sich ausgemalt, dass der erste Zug sonntags sicherlich leer sein würde, und wollte während der Fahrt durch den menschenleeren Zugwagon schlendern, mal auf dieser, mal auf jener Seite die Aussicht genießen, wie es ihm eben passte. Er wollte ein wenig Herr über eine dieser kleinen bulligen Maschinen spielen, die jeden Tag emsig und so unbeirrbar wie Steinböcke die Berghänge und Klüfte der Bündner Alpen bezwangen.

Daraus wurde nichts. Zwar war es tatsächlich der Frühzug, der mit bollerndem Motor auf Gleis 2 wartete, doch augenscheinlich waren die Fahrgäste – und das waren nicht etwa zwei, drei – gebeten worden, wieder auszusteigen. Denn das Perron war gut gefüllt mit Männern in der zweiten Lebenshälfte, offenbar einer Reisegruppe, die wiederum in verschiedenen Grüppchen beisammenstanden und fröhlich wie eine Grundschulklasse plauderten. Die meisten trugen über der Jacke ein rotes T-Shirt in XXXL, entweder mit der Aufschrift Albula II Juhei oder RhB, was wotsch no meh. Einige hatten ein RhB-Käppi auf, einer einen Kondukteurshut. Generell wurde Schweizerdeutsch gesprochen, einige schienen Franzosen oder Romands zu sein, und einer sprach eine Sprache, die Capaul nicht identifizieren konnte, aber es schien ihn auch sonst keiner zu verstehen. Dazwischen entdeckte Capaul drei vereinzelte Jäger mit Flinte und Rucksack, die stumm vor sich hin starrten.

Ein vergnügtes Quartett stand vorn bei der Lok, offenbar gab es dem Lokführer ein Ständchen.

Ȇsri RhB

Hät es Tunnel meh.

Ganz bequem und lässig

Fahred mir vu A nach B.«

Capaul erkundigte sich bei einem der Jäger: »Sagen Sie, gibt es ein Problem?«

»Nicht, solange ich nicht mitsingen muss«, murmelte der Jäger und blickte weiter vor sich hin.

»Ich meine, mit dem Zug. Ist etwas kaputt?«

Der Jäger sah ihn mit steingrauen Augen an, er hatte noch Schlaf in den Augenwinkeln.

»Die müssen wohl noch Material von den Schienen räumen, das ist beim ersten Zug nicht unüblich.«

»Material?«

»Ja, Material.« Der Jäger wandte sich ab und fixierte die Perronkante.

»Was muss ich unter Material verstehen?«

Der Grauäugige stieß hörbar Luft aus der Nase und lieh ihm nochmals einen kurzen, müden, vielleicht auch gereizten Blick. »Material halt. Steine, Dreck. Was so runterkommt. Die Berge, das ist nichts Festes, die sind stets in Bewegung. Das Gestein fließt. In einer Million Jahre wird hier alles flach sein. Weil sich eben dauernd Material löst.«

Eine Eisenbahnpfeife schrillte. Die Kontrolleurin stand auf der obersten Stufe der nächstgelegenen Wagontür und rief: »Sie können nun doch einsteigen, die Strecke ist jetzt freigegeben.«

Ohne ein Zeichen der Erleichterung setzte der Jäger sich in Bewegung und stieg dort ein, wo sie stand. Capaul folgte ihm.

Die Kontrolleurin stand so, dass sie den Fahrgästen beim Einsteigen behilflich sein konnte, natürlich lehnte Capaul das ab. Janine Hess, Zugchefin, stand auf ihrem Namensschild. Sie konnte kaum älter als zwanzig sein und wirkte trotz der frühen Stunde ausgesprochen munter.

»Wo kam denn das Material herab?«, erkundigte sich Capaul, doch sie schien ihn nicht zu hören, sondern konzentrierte sich ganz auf die nächsten Passagiere. Ausnahmslos alle erklommen die Treppe ohne ihre Hilfe, manche betont sportlich. Nachdem Capaul noch kurz gewartet hatte, ob vielleicht doch noch eine Antwort kam, suchte er sich einen Sitzplatz.

Der Wagon war einer der gemütlichen alten, mit herunterziehbaren Fenstern und abgewetzten Rippstoffbänken ausstaffierten Zweitklasswagen, es roch anheimelnd nach einer Mischung aus Gummi, Putzmittel und letzten Spuren von Rauch. Während Capaul sich einen Fensterplatz eroberte und hinaussah, fuhr der Zug an. Inzwischen tauchte die Morgensonne die ersten Gipfel in aprikosenfarbenes Licht, das Wolkengefieder hatte sich fast gänzlich aufgelöst. Nur über dem Bett des Inn lag blasser Dunst, und einige Krähen stritten um etwas, das Capaul nicht erkennen konnte.

In seinem Rücken betrat Janine Hess den Wagon, schloss schwungvoll die Tür und rief: »Die Fahrkarten bitte!« Capaul saß gleich im ersten Abteil.

»Es kam kein Material herab, es war ein Tier auf der Strecke«, sagte sie, als sie ihn sah.

Das verwunderte Capaul: »Welches Tier ist so schwer von der Strecke zu jagen? Wir haben eine halbe Stunde Verspätung.«

Der Gast neben ihm warf ein: »Bei S-chanf war mal ein Esel auf der Strecke. Der Bauer rannte hinterher, so liefen sie bis Zuoz, der Esel war nicht vom Gleis zu kriegen.«

»Kein lebendes Tier, ein totes«, präzisierte Janine Hess. »Mehr weiß ich auch nicht. Ihre Fahrkarten bitte.«

»Ich habe ganz vergessen, eine zu kaufen«, gestand Capaul. »Ich habe den wartenden Zug gesehen und bin gerannt. Gibt das eine Buße?«

Die Zugchefin schüttelte den Kopf: »Die RhB ist ja auch nicht pannenfrei. Aber ich muss einen Zuschlag von zehn Franken kassieren. Wohin fahren Sie?«

»Nach Bergün.«

Das machte hin und zurück vierundzwanzig Franken.

Während Capaul nach dem Geld kramte, fragte der grauäugige Jäger, der schräg gegenüber Platz genommen hatte: »Wo lag denn das Tier?«

Ehe Frau Hess antworten konnte, lachte Capaul: »Was für eine merkwürdige Frage. Will man nicht eher wissen, welches Tier? Vielleicht war es ja ein Bär.« Er meinte gelesen zu haben, dass im Engadin tatsächlich einmal ein Bär unter den Zug geraten war.

Die Miene des Jägers verriet eine gewisse Ungeduld. »Wir haben Hochwildjagd«, erklärte er. »Rehe und Gämsen sind zu leicht, ein Steinbock kommt nicht so weit runter. Es kann nur ein Hirsch gewesen sein, der wiegt schnell einmal zwei Doppelzentner. Die schafft keiner so leicht vom Gleis, schon gar nicht, wenn der Hirsch inzwischen festgefroren ist. Die Nächte in der Val Bever sind kalt. Ich will wissen, welcher Idiot ihn geschossen hat. Jeder von uns hat sein Revier. Und man schießt kein Tier, das man nicht bergen kann.«

Inzwischen war der Zug langsamer gefahren, nun hielt er an. Die Zugchefin warf einen Blick hinaus, murmelte eine Entschuldigung und eilte in den vorderen Zugteil.

»Spinas«, stellte einer aus der RhB-Truppe fest, »in Spinas hält sonst erst der 07:16 ab Samedan.«

Überall wurden die Fenster heruntergezogen, die Männer beugten sich hinaus, reckten die Hälse, diskutierten.

»Die Strecke ist geschlossen.«

»Ich sehe kein Signal.«

»Da, bei der Tunnelpforte. Beim Förderband. Das Gelbe ist ein Förderband.«

»Danke, so klug bin ich auch, Hermi. Schließlich bauen sie den Tunnel.«

»Nenn mich nicht Hermi.«

»Wir verpassen die Baustellenführung.«

»Was heißt ›verpassen‹? Wen will er denn führen, wenn wir nicht kommen? Das ist ein Exklusivanlass, der wird schon warten. Wer führt überhaupt, der Furrer?«

»Ist das dort das Klohäuschen? In Spinas soll das letzte Plumpsklo der RhB stehen.«

»Ich wüsste lieber, warum das Signal auf Rot steht. Hatte sie nicht gesagt, die Strecke ist freigegeben?«

»Offenbar liegt das Tier im Tunnel.«

»Ja, aber warum haben sie die Strecke freigegeben, und jetzt ist sie wieder zu?«

»Ruf doch den Furrer an.«

»Wozu? Der wird auch gehört haben, dass die Strecke zu ist.«

»Ja, aber vielleicht weiß er, wieso.«

»Jetzt warte doch ab, die Dame wird es uns schon sagen.«

»Merde alors, il fait froid, fermes les fenêtres. Jamais vu un train en arrêt?«

Capaul und der Jäger waren sitzen geblieben. Ein zweiter Jäger weiter vorn beugte sich in den Mittelgang vor.

»Uei«, rief er leise. »Adam.«

»Che?«, fragte der Grauäugige, ohne sich zu rühren.

»Eau nu craj cha que giaja inavaunt. Quecò nu d’eira üngüna bes-cha.«

»Quelo d’heja eir güsta m’impisso.«

Adam stand auf, schulterte den Rucksack, ohne dabei das Gewehr loszulassen, und verließ den Zug. Auch der andere Jäger kam den Gang entlang. Er war einiges jünger als Adam, doch Capaul sah, dass er die gleichen steingrauen Augen hatte. Auch er stieg aus, darauf sah Capaul draußen den dritten Jäger das Perron entlanggehen. Er hätte gern gewusst, was sie gesprochen hatten.

Dann kam Zugchefin Hess zurück: »Es geht nicht weiter«, erklärte sie. »Entweder Sie steigen hier aus und warten auf den 07:16, oder Sie fahren mit uns zurück nach Samedan.«

Gleich wurde sie von den RhB-Freunden belagert, aber freundlich schob sie sie beiseite und bahnte sich einen Weg zu Capaul. »Ich habe Ihnen noch gar kein Billett ausgestellt.«

»Glauben Sie denn, der 07:16 fährt nach Bergün?«

»Ich habe keinen Schimmer«, erklärte sie offen.

»Die Jäger gehen zu Fuß, glaube ich.«

»Aber die wollen auch nicht nach Bergün, die jagen da oben irgendwo.«

»Ich muss auch nicht unbedingt nach Bergün, ich will nur den Tag genießen.«

»Man kann in der Val Bever sehr schön spazieren gehen«, sagte Janine Hess und gab ihm sein Geld zurück. Dann wandte sie sich den anderen zu: »Bitte herhören. Ich habe im Gasthof Spinas angerufen, der Wirt öffnet früher für Sie. Sie können dort Kaffee trinken und werden informiert, sobald es weitergeht.«

»Was um Himmels willen ist das für ein Tier?«

»Wer sagt denn, dass es ein Tier ist?«

»Na, sie hat es gesagt.«

»Ruf den Furrer an.«

In großem Gedränge verließen alle den Zug. Capaul knöpfte die Jacke zu, draußen war es empfindlich kühl. Während die anderen auf den Gasthof zusteuerten, blieb er stehen, er hatte keine Lust auf Gesellschaft. Die Jäger offenbar auch nicht. Der dritte stand bei der Bahnhofsrampe, löste beide Schnürsenkel und knotete sie neu. Es sah nicht nach Notwendigkeit aus, eher nach Gewohnheit, oder mehr noch, als wollte er Zeit schinden. Adam betrat gerade die Brücke, die über einen schmalen Bach führte. Der Junge war bereits bei den ersten Bäumen, mit fliegenden Schritten stieg er den Berg empor. Der dritte wartete, bis auch Adam den Hang erreicht hatte, bevor er sich ebenfalls auf den Weg machte. Capaul war ziemlich sicher, dass es sich um einen Vater mit seinen Söhnen handelte.

Auch Capaul band seine Halbschuhe enger, denn er rechnete mit schwierigem Terrain. Dann ging er in dieselbe Richtung wie die Jäger. Der Weg führte an Baracken, Baumaschinen und Schutthalden vorbei. Ein Schild informierte über den Neubau des Albulatunnels, und an einem Bauschuppen hing eine Leuchttafel: Arbeitsgemeinschaft Neubau Albulatunnel II. Diese Baustelle ist unfallfrei seit 513 Tagen.

Hoch oben flog ein Helikopter, zu hoch, als dass man erkennen konnte, ob es die Rega war. Doch Capaul beschloss endlich, seinen Kollegen Jon Luca anzurufen.

»Hast du Dienst?«, fragte er. »Ich bin im Val Bever. Was ist im Tunnel passiert? Ich höre einen Helikopter, braucht ihr mich?«

»Nein«, sagte Jon Luca verschlafen. »Zweimal nein. Nein, ich bin nicht im Dienst. Und nein, wir brauchen dich nicht. Ich habe Piket. Wäre etwas, hätte ich einen Anruf bekommen. Keine Ahnung, ob im Albulatunnel etwas ist.«

»Es hieß, ein totes Tier ist auf der Strecke.«

»Na also«, sagte Jon Luca nur. »Darf ich jetzt weiterschlafen? Und wieso bist du nicht im Bett? Hat Gisler dir nicht Hausarrest gegeben?«

»Hausarrest? Nein, bestimmt nicht, das war nur ein guter Rat«, behauptete Capaul und legte auf.

Kurz war die gute Laune wie weggeblasen. Doch dann wehte der Duft von Lärchen und feuchter Erde herbei, ein leises, zauberhaftes Rauschen erhob sich, obwohl Capaul nur Lärchen und Nadelbäume sah – er wusste gar nicht, dass die so rauschen konnten. Und dann entdeckte er oben am Berg, an einer Stelle, die fast überschüssig war, einen Raubvogel. Es war kein Bussard, sondern etwas Größeres, ein Bartgeier oder Adler. Inzwischen reichte die Sonne bis dorthin.

Capaul betrat das Brücklein und spuckte zum Spaß in den Bach, dann begann er wieder zu pfeifen: Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an. Als er kurz nach Spinas zurückblickte, sprang am Bauschuppen die Leuchttafel gerade zurück auf null.

II

Capaul hatte eine wilde, urwüchsige Landschaft erwartet, doch die Tour durch das Val Bever entpuppte sich als besserer Spaziergang. Die Jäger waren steil bergwärts gestiegen, dem Albulapass entgegen. Er hingegen wollte nur über Bever zurück nach Samedan, und jener Weg war gut gepfadet, mancherorts gar gekiest. Überall waren Zeichen der modernen Zivilisation: Lustige Holzskulpturen säumten den Weg, zudem passierte Capaul einen bunten Eimer für Hundekot mit der freundlichen Mahnung Ihr Liebling hat etwas liegen lassen, zwei temporäre Toilettenhäuschen sowie eine an eine Tanne geschraubte Sparbüchse mit der Aufschrift Spende für die Winterfütterung der Vögel, danke. Als er einen Spielplatz mit mannsgroßer Pingu-Figur und einer Plastikrutschbahn in Form einer Enzianblüte erreichte, rastete er kurz und freute sich über den Waldduft, den Raureif, der hier und da den Boden bedeckte, und an den Kühen, die frei zwischen den Bäumen umherstreiften. Sie trugen nicht einmal Glocken.

Er hatte Hunger, klugerweise hätte er sich vor der Tour im Gasthaus Spinas mit einem Stück Nusstorte oder einem Salsiz eingedeckt, außerdem fror er. Trotzdem raffte er sich erst auf, als er zwischen den Bäumen jemanden kommen sah und plötzlich dachte, dass es vielleicht ungehörig war, als Mann auf einem Kinderspielplatz zu sitzen. Der andere Wanderer trug eines jener roten Leibchen Albula II Juhei und über der Schulter eine massige Fototasche. Sein wirres schwarzes Haar und der schlecht gestutzte Vollbart erinnerten an Räuber Hotzenplotz, und Capaul wunderte sich, dass der Mann ihm nicht schon in Samedan aufgefallen war. Da er zügig unterwegs war, ließ Capaul ihn passieren, grüßte, wie es sich gehörte, mit »Allegra« und erntete dafür ein unbestimmtes Grunzen. Danach machte er sich auch wieder auf den Weg. Doch nun war er in Gedanken erneut bei der Bahn, und als der Hotzenplotz bei einer Bank hielt und die Fototasche durchsuchte, sprach er ihn an.

»Verzeihung, wir waren wohl im selben Zug. Ist die Strecke wieder frei? Ist inzwischen bekannt, was den Unterbruch verursacht hat?«

»Keine Ahnung«, sagte der Hotzenplotz mit Basler Akzent. »Wenn morgens um sieben schon Wein fließt, mache ich mich rar. Die Führung war mir nicht so wichtig. Ihnen ja offenbar auch nicht.«

»Ich weiß von gar keiner Führung.«

»Die RhB-Freunde erhalten heute eine Sonderführung durch die Tunnelbaustelle. Nicht die übliche Tour den Schaukästen nach, nein, richtig tief hinein in den Tunnel, dorthin, wo gebohrt und gesprengt wird. Das ist so interessant wie obszön, ich jedenfalls muss nicht zum bloßen Vergnügen zusehen, wie die Männer Tag für Tag im Berg für schlechten Lohn ihr Leben wagen.«

»Ja, aber warum sind Sie dann überhaupt mitgefahren?«

Darauf erhielt Capaul keine Antwort. Der Hotzenplotz hatte gefunden, was er suchte, ein kleines Fernglas, das er sich um den Hals hängte. »Bald wimmelt es hier von Familienausflüglern«, sagte er. Offenbar wollte er das Gespräch beenden.

»Ich hatte mir den Weg auch romantischer vorgestellt, hier hat es bald mehr Toiletten als Bäume«, sagte Capaul im Versuch, dem Hotzenplotz ein Lächeln zu entlocken.

Doch der wurde noch finsterer: »Wäre Ihnen lieber, hier wäre alles verkotet? Sie spazieren nun mal auf dem Märchenweg. Märchen, das bedeutet Kinder, und Kinder bedeuten Kot, Rotz und Kotze, das liegt in der Natur der Dinge.«

»Na, na«, rief Capaul. »Ich erwarte ja nicht, dass jeder Kinder mag, aber sie auf ihre Ausscheidungen zu reduzieren …«

»Moment, wer sagt, dass ich keine Kinder mag? Ich verschließe nur deshalb nicht die Augen. Leider leben wir in einer Epoche exzessiver Schönfärberei, alles hat nett, angepasst und duftend zu sein. Was ist die Folge? Darunter kocht die Jauche umso höher.« Der Hotzenplotz schulterte die Tasche und enthüllte eine Inschrift an der Bank: Silva Family. »Ich sage Ihnen«, fuhr er engagiert fort, »das wird für unsere rosarote Zuckerwattegesellschaft noch ein übles Erwachen. Scheiße wird nämlich nicht zu Gold, indem man sie vergoldet, auch wenn sich das alle noch so sehr wünschen. Und der böse Bube ist letztendlich nicht, wer unter der glänzenden Oberfläche die Scheiße wittert. Der böse Bube ist, wer ein Vermögen damit macht, dass er euch Dummen Scheiße für Gold verkauft. Aber bis ihr das begreift, wird es zu spät sein.« Damit war das Gespräch endgültig beendet, und er marschierte mit ausgreifendem Schritt weiter.

Capaul setzte sich auf die Bank und sah ihm nach, dann blickte er sich nach Zeichen des Märchenwegs um, den der Mann erwähnt hatte. Er konnte sich darunter nichts vorstellen. Ob der Spielplatz Teil davon war? Oder diese Holzfiguren? Er entdeckte ein Tier, das in einem Loch in der Bank verschwand und in einem anderen wieder auftauchte, wohl eine Schlupfwespe, stand auf, um nicht etwa gestochen zu werden, und sah ihm kurz zu, dann hörte er irgendwo im Wald leises Klappern. Rund fünfzig Meter oberhalb des Wegs, halb hinter Bäumen verborgen, sah er etwas Buntes, vielleicht ein Häuschen. Er stieg den frostigen Boden empor, manchmal musste er sich abstützen, wobei der Raureif unter seinen Fingern schmolz. Als er näher kam, begriff er, dass das Klappern vom Rauch eines schmalen runden Blechkamins herrührte – oder besser vom dünnen Deckel, der den Kamin deckte, wohl damit es nicht hineinregnete. Der austretende Rauch hob ihn immer wieder kurz an, dann fiel er mit leisem »Pling« zurück. Das Häuschen war im Übrigen kein Häuschen, sondern ein Bauwagen aus bemaltem Blech.

»Hallo?«, rief er und stieg weiter. »Allegra.«

Gleich darauf wurde das einzige kleine Fenster aufgeschoben, und eine betörende Frauenstimme sprach halb, halb sang sie:

»Come in, come in

Whoever you are

And meet a young lady

Who fell from a star.«

Das ließ Capaul sich nicht zweimal sagen. Er stieß die Tür auf und betrat den gut geheizten Wagen. Drinnen brannte kein Licht, das Fenster war trüb. Nachdem seine Augen sich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erahnte er eine Frau in weißem Kleid, die im Schneidersitz auf einem Fellbett saß und ihn erwartungsvoll ansah.

»Das ist ja ganz bezaubernd«, hörte Capaul sich sagen, er wunderte sich über seine eigenen Worte. »Aus welchem Märchen sind Sie denn wohl?«

Die Frau stand schweigend auf und zündete umständlich eine Art Grubenlampe an, die in der Mitte des Bauwagens von der Decke hing, dann winkte sie ihn näher und betrachtete ihn lächelnd im rötlichen Licht der zischenden Lampe. Endlich sagte sie, wieder mit dieser warmen, brüchigen Stimme: »Ein neues Gesicht, sieh da. Und wie heißt du?«

»Massimo.« Und du?, wollte er fragen, aber irgendwie blieb ihm die Stimme weg.

Sie war nicht so jung, wie er zuerst gedacht hatte. Im Lächeln bildeten sich um ihre Augen Krähenfüße und in den Mundwinkeln mehrere feine, scharfe Grübchen. Sie hatte breite Wangenknochen, eine kindlich kleine Nase mit Sommersprossen und aschblondes Haar, das sie wohl selbst zu einer Art Pagenkopf geschnitten hatte. Trotz des Rauchs im Wagen roch Capaul Rosenduft und glaubte den warmen Hauch ihres Atems zu spüren.

»Wie heißt das Märchen?«, fragte er stattdessen, fast tonlos.

»Sag du es mir.«

»Ich weiß nicht, was steht denn zur Auswahl?«

Mit einem leisen Seufzer blies sie die Lampe wieder aus und zündete eine Kerze an. Aus einem Krug, der auf dem Bollerofen stand, goss sie Rauchtee in eine Tasse und reichte sie ihm, dann setzte sie sich zurück aufs Fellbett. Weil Capaul keinen Stuhl fand, setzte er sich auf eine leere Getränkekiste.

Abermals musterte sie ihn, dann sagte sie, wieder mit dieser unerhört einlullenden rauchigen Stimme: »Ich muss ja gestehen, ich hatte einen anderen erwartet.«

»Oh – soll ich wieder gehen?« Capaul stand auf. Er wollte die Tasse abstellen, wusste aber nicht wohin, denn der Tisch war von Büchern übersät, von denen einige sehr alt und vermutlich kostbar waren, und behielt sie dann doch in der Hand.

»Nein, nein, setz dich wieder. Nichts geschieht grundlos. Und das ist keine Plattitüde. Seit ich hier im Wald lebe, hat jeder einzelne Mensch, der angeklopft hat, mich auf ganz eigene Art reicher gemacht.«

Capaul hatte sich gesetzt, nun sprang er nochmals auf. »Ach so, ja. Natürlich kann ich auch etwas bezahlen. Sind dreißig Franken angemessen?« Er fand die Scheine nicht gleich, denn im Zug hatte er sie nur eben in die Jackentasche geschoben.

Still sah sie ihm beim Suchen zu, nahm das Geld und schob es unter die Felle. Dann sagte sie: »Danke, an Geld hatte ich gar nicht gedacht.«

»Sonst kann ich auch Holz hacken oder abwaschen. Ich bin ein guter Abwäscher.«

Sie lachte leise, bestimmt hatte sie nicht mehr als einen Teller, etwas Besteck und diese Tasse. »Holz nachlegen kannst du. Nur ein Scheit, da drüben liegen welche.«

Er holte eines und schob es ins Rohr, was nicht ganz einfach war, weil er noch immer die Tasse hielt. Danach war ihm schwummrig zumute, und er setzte sich. Sein Kopf war heiß. »Und nun?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Ja, wenn ich das wüsste«, sagte sie verspielt. »Irgendwie werde ich mir das Geld verdienen müssen.«

Die Bemerkung hatte nichts Obszönes, nicht im Geringsten, trotzdem fürchtete Capaul um den heiligen Moment. »Oh, ich bin schon reich beschenkt, ich erwarte gar nichts«, versicherte er eilig.

Diesmal lachte sie laut. »Umso besser. Dann verrate mir, Massimo, was dich so früh in die Val Bever treibt.«

Er stutzte. »Ich dachte immer, es heißt ›das Val Bever‹.«

»Nein, nein«, versicherte sie. »La val, il piz. Das Tal ist weiblich, der Gipfel männlich, das Romanische ist sehr direkt. Also, was treibt dich her?«

»Der Zufall.«

»Es gibt keinen Zufall.«

»Ja, was dann, die Vorsehung? Vielleicht ein Fluch?« Er lachte. In seinem Kopf herrschte eine ganz unbekannte Leichtigkeit, Worte und Gedanken schwebten schillernd wie Seifenblasen. »Jedenfalls blieb der Zug stehen, der Tunnel ist gesperrt.«

»Ach so.« Sie sagte es, als erkläre sich daraus so einiges, doch Capaul hatte den nächsten Satz schon auf den Lippen und war zu benommen, um zu reagieren.

»Auf der Strecke lag nämlich ein totes Tier«, erklärte er, »ein Hirsch vermutlich.« Wieder lachte er.

Verwundert fragte sie: »Massimo, was gibt es da zu lachen?«

»Ja, eigentlich gar nichts«, gab er zu. »Der arme Hirsch.« Trotzdem lachte er weiter.

Sie beugte sich leicht vor und sagte eindringlich: »Zum Leben gibt es zwei Wege. Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg.«

»Genial in welchem Sinn?«, fragte Capaul heiter.

Aber offenbar war die Lektion damit beendet, denn sie stand auf und öffnete die Tür.

»Zeit, mich zu verabschieden.« Er erhob sich ebenfalls und stellte die Tasse auf die Kiste.

»Ich wollte nur lüften, die Karbidlampe stinkt.« Aber sie hielt ihn nicht zurück, sondern folgte ihm nach draußen.

»Darf ich wiederkommen?«, fragte er. Bei Tageslicht war ihr Kleid nicht weiß, es war aus ungefärbtem Leinen. Und sie hatte auch auf der Stirn spinnwebfeine, aber messerscharfe Falten. Er schätzte sie auf etwa gut vierzig.

»Falls du ein zweites Mal herfindest.«

Während er sich an den Abstieg machte, blieb sie draußen stehen. Die Sonne reichte inzwischen bis auf den Talboden, der Raureif war geschmolzen, auf der Erde tanzten Lichtflecken. Capaul drehte sich nochmals um, er wollte winken – wie ein Schulbub, der sich schwertut, von daheim loszuziehen. Allerdings sah sie ihm nicht nach, sondern talaufwärts, zum Albula hin.

Alles war wie verwandelt, das Licht so golden, das Grün so satt. Capaul wartete nur darauf, hinter der nächsten Wegbiegung einem Einhorn oder Zwergen zu begegnen. So wunderte er sich auch nicht, als er das Rumpeln, Trappeln und Gebimmel einer Pferdekutsche hörte. Darin saß eine Gruppe angeheiterter RhB-Freunde. Capaul machte Platz, um sie vorbeizulassen, doch jener, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vielleicht eine Art Anführer, bat den Kutscher zu halten: »Wir hätten noch Platz. Zweien von uns ist schlecht geworden, die laufen lieber.«

»Ja dann«, sagte Capaul und stieg auf, denn der Hunger plagte ihn inzwischen heftig, und auch der Marsch strengte an.

»Ist der Tunnel noch immer gesperrt?«, schrie er gegen den Fahrlärm an, als die Pferde weitertrabten.

Die anderen winkten ab. »Es war nur zu spät für unsere Sonderführung. Und nach Preda fahren wir dann sowieso zum Durchstich.«

»Und was für ein Tier war es nun?«

»Gar keines, ein Mensch. Der Lokführer konnte nur erst nichts erkennen. Lokomotivscheinwerfer strahlen im 45-Grad-Winkel. Wenn etwas zu nah am Führerstand ist, sieht man nichts. Und vielleicht traute er sich nicht auszusteigen. Jedenfalls musste die Polizei anrücken, und das hat natürlich gedauert.«

»Und geputzt musste werden«, fügte ein anderer hinzu. »Stell dir vor, es hält ein Zug im Tunnel, und an den Wänden klebt noch die ganze Schweinerei.«

»Es heißt, es hat ihn regelrecht gehäutet.«

»Wobei wir es gerade davon hatten, ob es wirklich der Zug war und nicht eher das Tuntschi.«

»Welches Tuntschi?«, fragte Capaul, dem nun auch leicht übel war.

»Sag nur, du kennst das Sennentuntschi nicht!«

Capaul konnte nicht antworten, weil jetzt alle durcheinanderredeten.

»Die Jäger würden sagen, er war abgebalgt.«

»Willst du behaupten, den hat einer erlegt?«

»Ihr redet alle Schwachsinn. Gerätst du in einem so engen Tunnel wie dem Albula zwischen Zug und Tunnelwand, raspelt es dir erst die Kleider ab und dann die Haut. Vor ein paar Jahren sind japanische Teenager durch den Brienzer Tunnel spaziert. Sie hatten den Wanderweg verloren. Und plötzlich war da nur noch eine Felswand, und eben der Eisenbahntunnel. Die wurden auch geraspelt.«

»Ich wäre geschwommen.«

»Wann? Wieso?«

»In Brienz. Die Zugstrecke führt direkt am See entlang. Und ich kenne keinen schöneren See.«

»Und der Silsersee? Der Silvaplaner?«

»Der schönste ist der Lai da Palpuogna, das ist Fakt, darüber haben die Schweizer abgestimmt.«

»Wie soll der heißen?«

»Lai da Palpuogna, gleich oberhalb von Preda.«

»Wer putzt da eigentlich?«

»In Preda?«

»Im Tunnel. Nach so einem Unfall.«

»Die RhB, denke ich.«

»Nein, jedenfalls haben wir so was nicht gemacht, als ich noch dabei war. Dafür gibt es Tatortreiniger.«

»Tatortreiniger! In Zürich vielleicht, aber hier draußen …«

»In Zürich wirft sich keiner vor den Zug. Wenn schon, dann …«

»Aber klar doch, von der Hardbrücke.«

»Wenn schon, dann …«

»Überhaupt ist es eine verdammte Rücksichtslosigkeit, sich auf die Art und Weise umzubringen. Egal, wer da geputzt hat, solche Bilder brennen sich ein. Und zwar allen, dem Lokführer, dem Zugchef, der Putztruppe. Davon träumst du noch Jahre danach.«

»Um sich umzubringen, geht doch keiner in den Tunnel.«

»Die lange Gerade vor Zug-Schutzengel ist beliebt.«

»Was ›Schutzengel‹?«

»Zug-Schutzengel, das ist ein Vorort bei Zug, also bei der Stadt Zug. Da saß ich schon zweimal im Zug, also in der Eisenbahn, und er fuhr einfach nicht weiter. Viertelstunde, halbe Stunde. Und dann die Durchsage: Personenunfall.«

»Selbstmord, Schutzengel … Wie passt das zusammen?«

»Ist doch egal, vielleicht ist es Zufall, und es ist einfach eine Neunzigerstrecke.«

»Es gibt keine Zufälle«, bemerkte Capaul, um auch wieder einmal etwas zu sagen, aber zu leise, um gehört zu werden.

»Cazis, in Graubünden werfen sie sich bei Cazis vor den Zug. Weil dort die Klinik ist.«

»Damit sie sich gleich wieder zusammenflicken lassen können?«

»Nicht so eine Klinik, Idiot, die Psychiatrie.«

»Das war einmal, jetzt kommt man nicht mehr so leicht aufs Trassee, sie haben einen Zaun gebaut.«

»Wie auch immer, da müsste einer schon sehr, sehr bekloppt sein, um extra nach Preda zu fahren und in den Tunnel zu schleichen, um sich umzubringen.«

Unverhofft erhielt Capaul von hinten einen Schlag auf die Schulter und zuckte zusammen. Es war der auf dem Bock. »Wir werden nach La Punt kutschiert, weil wir dort einquartiert sind. Willst du vorher raus?«

»Nein, nicht nötig«, sagte Capaul, sprang dann aber doch schon in Bever ab. Er aß am Bahnhof einen Appenzeller Biber aus dem Automaten und rief nochmals Jon Luca an. Der drückte den Anruf allerdings weg.

III

Als Capaul zum Wassermann kam, stellte Bernhild gerade die Wirtstafel vor die Tür. Darauf stand: Ab 12 Uhr geöffnet. Sie war noch immer im Bademantel.

»Sieh mich an«, stöhnte sie, »seit sechs Uhr ein Kommen und Gehen, eben sind die Letzten raus. Nicht einmal das Haar richten konnte ich.«

Er sah keinen Unterschied zu sonst, und weil ihm nichts zu sagen einfiel, legte er freundlich die Hand auf ihren Arm, solange sie den Schlüssel drehte. Seufzend lehnte sie sich an ihn, und plötzlich wurde sie ganz weich.

»Ich sterbe vor Hunger«, stellte Capaul fest. »Ist die Küche zu?«

Bernhild bohrte in komischer Verzweiflung die Stirn in seine Schulter, er sah den fast kahlen Haaransatz und roch Schweiß und sauren Kaffeedunst. »Ich habe noch Reste einer Pasta bolognese, die stelle ich dir in die Mikrowelle. Aber dann gehe ich hoch.«

Er folgte ihr in die Küche. »Was war denn los?«

»Ein Toter im Tunnel, zwei Stunden lang war die Strecke nach Bergün blockiert. Erst kamen die Rangierarbeiter, die nicht weitermachen konnten, dann drei oder vier gestrandete Reisegruppen. Und zuletzt Fluri, der Lokführer, der die Leiche gefunden hat. Es brauchte drei Kaffee-Schnaps, bis er überhaupt anfangen konnte zu erzählen. Ich habe sie ihm mit einem Trinkhalm serviert, weil er so gezittert hat. Bediene du mal drei Gruppen und spiele gleichzeitig Kummermutter.«

»Armer Fluri«, sagte Capaul, obwohl er ihn nicht kannte. »Ich war ja auch im Zug. Also im blockierten.«

»Ja, stimmt«, sagte sie und trug ihm den Teller in die Gaststube. »Streukäse ist auf dem Tisch.«

»Danach bin ich das Val – die Val Bever hinabgewandert. Dieser Märchenweg ist ja toll.«

»Die Senda da parevlas, mit Skulpturen unter anderem von Not Vital und Geschichten von Dichterinnen des Tals wie Milli Weber, die mit ihren Zeichnungen von Blumenkindern Berühmtheit erlangt hat«, sagte sie mechanisch auf, während sie noch eben die Krümel auf dem Tisch mit einem nassen Lappen verschob.

Capaul setzte sich und verschlang die Nudeln. »Mag sein, aber da ist viel mehr«, versicherte er kauend. »Vor allem diese Märchenerzählerin. Oder vielleicht ist sie auch eine Fee oder Hexe. Das wollte ich eben von dir wissen.«

»Nein, die Senda da parevlas, das sind sechs Skulpturen und sechs oder sieben Märchen, die man dort auf Tafeln lesen kann«, sagte sie und ging schon zur Treppe.

»Ich schwöre dir, da war diese blonde Frau, sie haust in einem angemalten Wägelchen, und wenn man mit ihr redet, wird einem ganz anders. Und ein Hotzenplotz, und …«

Sie machte kehrt. »Moment, was heißt, dir wurde ›anders‹?«, fragte sie gereizt. »Du plauderst mit dieser Frau, und dir wird ›anders‹?«

»Oh, das war alles andere als Geplauder. Sie sagte Dinge wie …« Er versuchte sich zu erinnern. »Ich kriege es jetzt nicht mehr wörtlich hin, aber es war etwas in die Richtung, dass der Weg zum Leben über den Tod führt.«

»Und das macht dich schwach? Solche Sprüche liefere ich dir im Dutzend.«

»Ach, du bist ordinär! Es war nicht nur das, sie hat auch eine Stimme, die … Ich weiß nicht, irgendwie war der ganze Moment heilig. Ja, genau, heilig.«

»Habt ihr gebumst?«

»Ach, jetzt hör aber auf. Nein! Heilig, sage ich, heilig!«

»Glaubst du etwa, Heilige bumsen nicht? Bei der wärst du jedenfalls nicht der Erste und bestimmt nicht der Letzte. Ihren wirklichen Namen kenne ich nicht, wir nennen sie Fräulein Nietzsche. Sie ist so eine Tingeltangel-Künstlerin, klappert jeden Sommer unsere Täler ab. Und jetzt gehe ich endlich duschen.«

»Nietzsche«, wiederholte er verwundert, »ist sie verwandt mit dem Nietzsche?«

Bernhild war am Ende ihrer Geduld. »Ich sagte dir doch, wir nennen sie nur so. Capaul, die hat dir ins Hirn geschissen. Hast du das Geld?«

Er fasste sich an die Stirn. »Stimmt, das wollte ich noch holen.«

»Ja, dann los. Und danach such dir eine andere Bleibe.«

»Wieso das jetzt plötzlich?«

»Darum. Peter will es so. Er ist eifersüchtig.«

»Aber ich habe ihm doch damals alles erklärt. Ich rufe ihn an, das lässt sich ganz schnell klären.«

»Ich muss das Zimmer renovieren.«

»Dann nehme ich das andere.«

»Ich muss beide renovieren.«

»Ich helfe dir. Wir renovieren das eine, dann ziehe ich dort ein, und wir renovieren das andere.«

»Heute Nacht darfst du meinetwegen noch bleiben«, sagte sie und stieg die Treppe hoch.

»Kriege ich keinen Kaffee?«

Es kam aber keine Antwort mehr.

Während er die letzten Nudeln aß und danach das Geschirr abtrug, dachte er an Fräulein Nietzsche, und sofort verflog sein Ärger. Am liebsten wäre er gleich wieder in die Val Bever spaziert, doch erst wollte er mit Jon Luca sprechen. Der nahm noch immer nicht ab, also beschloss er, ihn zu besuchen. Die Wohnung war nicht schwer zu finden, er wohnte im Haus hinter dem Parkplatz, auf dem sein Auto stand.

Jon Luca kam in Unterhose an die Tür. »Was willst du? Das ist nicht unser Fall, habe ich dir doch gesagt. Außerdem ist schon alles geklärt, ich habe mit Tiefencastel telefoniert.«

»Entschuldige, ich wollte dich nur auf einen Kaffee einladen.«

Jon Luca stutzte, dann sagte er: »Komm rein, wir trinken hier einen.«

Die Küche war so winzig wie der Flur, ein handtuchschmaler Schlauch. Kaum hatten sie sie betreten, huschte vor der Tür jemand vorbei. Capaul sah nur ein wehendes Tuch und hörte eine Frauenstimme: »Ich gehe dann mal ins Bad.«

Jon Luca knipste die Kaffeemaschine an und zog einen Pullover über, dann wies er auf einen Blechtisch am Fensterchen, beides kaum größer als ein Blatt Papier, und forderte Capaul auf: »Setz dich.«

Capaul quetschte sich hinter den Tisch, setzte sich auf die Heizung und sah zu, wie Jon Luca Kaffee machte.

»Ich war heute in der Val Bever«, setzte er an.

»Ich weiß, du hast mich ja angerufen. Es war einer der Mineure, die von Preda her den neuen Tunnel bauen. Vermutlich war Alkohol im Spiel. Wer von den Arbeitern am Wochenende nicht heimkann, gönnt sich halt zwischendurch einen Schnaps. Danach hat er wohl den Weg verfehlt, fand nicht mehr aus dem Tunnel und ist betrunken eingeschlafen. Dumm gelaufen, würde ich sagen.«

Er schob Capaul eine Tasse hin und kippte seine im Stehen. »Zucker?«

»Ja, gern. Was ich sagen wollte: Auf der anderen Seite des Tunnels, in der Val Bever …«

Jon Luca fiel ihm ins Wort. »Er war schon fast dort, jedenfalls jenseits der Wasserscheide.«

Das Wort verwirrte Capaul. »Wieso Wasserscheide? Die ist doch auf dem Berg, nicht im Berg. Das ist, wo die Regentropfen sich Lebewohl sagen, die einen fließen in die Nordsee, die anderen ins Mittelmeer. So haben wir das in der Schule gelernt.«

»Der Inn fließt nicht ins Mittelmeer«, stellte Jon Luca klar, »und der Albulatunnel hat eben auch eine Wasserscheide, wegen dem Wasser, das durch den Berg drückt. Die Strecke steigt an, und dann fällt sie wieder ab. So kann alles schön abfließen.«

»Clever«, sagte Capaul. »Apropos clever, diese Philosophin …«

Im selben Moment erschien Jon Lucas Freundin in der Tür. »Hallo.« Sie hatte gescheiteltes kastanienbraunes Haar und freundliche, geheimnislose Augen.

»Du musst Monika sein.« Er versuchte aufzustehen, um Monika den Stuhl zu überlassen, aber damit er hinter dem Tisch hervorkam, musste Jon Luca aus dem Weg, und da stand eben Monika.

»Lass, bleib sitzen«, sagte sie. »Ich bin das Stehen gewohnt, im Laden stehe ich den ganzen Tag.«

Capaul erinnerte dunkel, dass sie als Schuhverkäuferin in St. Moritz arbeitete. »Massimo«, sagte er, und irgendwie schafften sie es, sich um Jon Luca herum die Hand zu reichen.

»Der einsame Polizist, mit dem du Sirtaki getanzt hast?«, fragte sie ihren Freund.

»Na ja, einsam …«, bemerkte Capaul. »Ich habe nur noch keine feste Bleibe. Eine WG wäre schön.«

»Nicht bei mir«, sagte Jon Luca eilig.

»Bei mir leider auch nicht«, erklärte Monika. »Aber ich werde mich umhören. Johnny, bekomme ich auch einen Kaffee?«

»Ich wäre auch mit einem Bauwagen zufrieden. So einer, wie ihn dieses Fräulein Nietzsche hat.« Und zu Monika: »Ich war heute in der Val Bever. Die Frau ist ja vielleicht speziell!«

»Im Bauwagen?« Jon Luca lachte. »Ein Polizist im Bauwagen? Und im Winter?«

»Warum nicht?«, wandte Monika ein. »Wohnt nicht dieser Lehrer in einem Bauwagen? Wie hieß er noch? In Das fliegende Klassenzimmer. Einer meiner Lieblingsfilme. Genau, sie nennen ihn Nichtraucher.«

»Jedenfalls, dieses Fräulein Nietzsche. Ich wüsste ja zu gern, wie es kommt, dass sie …«

Monika rief dazwischen: »Nein, alles falsch, sein Freund ist der Lehrer, er selber ist Anwalt oder Arzt oder so, ein Aussteiger. Und es ist natürlich auch kein Bauwagen, sondern ein Eisenbahnwagen.«

»Und bestimmt nicht auf zweitausend Metern«, stellte Jon Luca klar. »Wie willst du den warm kriegen? Und fließend Wasser kannst du auch vergessen. Wenn du bei uns die Leitung nicht einen Meter tief eingräbst, gefriert sie dir und platzt.«

»Wie macht sie es dann?«

»Wie macht sie was?«

»Im Winter? Ein tolles Öfelchen hat sie ja. Aber ohne Wasser? Ich nehme an, sie schmilzt Schnee. Oder sie hext etwas. Ihr ist alles zuzutrauen.« Er lachte verschämt.

»Im Winter ist sie im Unterland«, erklärte Jon Luca, »sie verbringt nur die Sommer hier oben. Erst hat sie in Sils gewohnt, in einem Zelt hinterm Hotel Waldhaus, aber das passte nicht allen. Andererseits lebt das Engadin von solchen Originalen. In der Val Bever stört sie niemanden. Wobei mir der Bauwagen ebenso neu ist wie der Ofen, vielleicht müssen wir da doch einschreiten.«

»Oh nein, dann will ich nichts gesagt haben. Sie hat mich ganz verzaubert.«

»Ja, das kann sie gut«, erwiderte Jon Luca.

Monika sagte: »Das ist diese Silke, oder? Bruno hat sie letztes Jahr für seine Party engagiert, sie hat Geschichten von dieser lesbischen Zürcherin gelesen, von ihr und ihrer Freundin.« Sie schnippte mit den Fingern. »Der Name fällt mir grad nicht ein. Jedenfalls: Obwohl sie nur gelesen hat, waren wir danach alle gaga. Die Frau ist wie ein Chamäleon. Wenn eine Textstelle süß ist, wird sie zum Püppchen, wenn es heftig wird, ist sie ein Dämon. Ich weiß noch, an einer Stelle habe ich richtig geheult, da ging es um … Auch vergessen. Jedenfalls habe ich nach der Party das Buch gekauft, und das war nicht halb so gut.«

»Und diese Silke kann man also buchen, und dann liest sie?«

»Genau, oder sie erzählt Geschichten«, sagte Jon Luca. »Bei uns auf dem Revier war sie auch schon, damals, als der Chef gewechselt hat. Da hat sie etwas Blutiges erzählt, das Sennentuntschi. Eigentlich ist sie Schauspielerin, irgendwo ganz groß, in Hamburg oder so. Aber so was interessiert hier niemanden. Und jetzt sei mir nicht böse, Capaul, aber Monika und ich haben auch nur jeden zweiten oder dritten Sonntag für uns.« Er schob Monika freundlich in den Flur und machte Platz, damit Capaul aufstehen konnte.

»Warum ›auch‹?«, fragte Capaul, während er sich zwischen Tisch und Wand durchquetschte.

»Na, wie diese armen Kerle im Tunnelbau.«

»Danke für den Kaffee«, sagte Capaul im Treppenhaus. »Dann lasse ich euch jetzt in Ruhe frühstücken.«

»Genau.« Jon Luca schloss die Tür.

»Ich hab’s! Schwarzenbach!«, hörte er Monika noch rufen. »So hieß die Lesbe. Und ihre Freundin Sonja, wie meine beste Freundin.«

»Welche Sonja?«, hörte er Jon Lucas Stimme.

»Früher, in der Schule.«

»Aber ihr wart nicht lesbisch, oder?«

»Das wüsstest du gern!«, sagte sie kichernd. »Warte, halt, halt! Und das Frühstück?«

Capaul zog es in die Val Bever, aber das war unsinnig. Er hob erst Geld für die Miete ab, danach suchte er aufs Geratewohl nach einem Hotel oder einer Herberge mit bezahlbaren Zimmern, natürlich vergeblich. Einer der Concierges riet ihm schließlich, es im CVJM-Heim in La Punt zu versuchen. Dort wohnten die RhB-Freunde, und die hatten ihn auch schon eingeladen, einen ihrer allabendlichen Diavorträge zu be- suchen.

Diesmal nahm er das Auto. Als er ein paar Minuten später ankam, war es schon fast vier Uhr und sehr still. Im Haupthaus fand er niemanden, auch im ersten Nebenhaus nicht, dem Haus Kesch. Im zweiten, Haus Ot, ging er durch die Räume und stand plötzlich zwei zehn- oder zwölfjährigen Kindern gegenüber, ein Junge, ein Mädchen. Sie saßen in der Großküche auf einem Chromstahltisch und spielten mit einer Art Propeller. Er war klein genug, dass ein Kind die Nabe beidseits mit je einem Finger halten, sie mit der anderen Hand anschlagen und danach fast endlos surren lassen konnte. Als die beiden Capaul kommen sahen, sprangen sie vom Tisch und ließen das Spielzeug in der Tasche verschwinden.

»Lasst euch nicht stören. Ich suche jemanden, der hier arbeitet. Und außerdem eine Gruppe Männer mit roten Leibchen.«

»Die Tschutschu-Bähnler«, sagte der Junge mit leichtem Spott. »Die wohnen im anderen Haus.«

»Und ihr wohnt hier?«

»Genau.«

»Allein? Oder anders gefragt, ist hier noch ein Zimmer frei?«

Die Kinder sahen sich vielsagend an, dann erklärte das Mädchen: »Wir können jederzeit die Polizei rufen.«

Capaul wurde rot. »Oh, ich bin von der Polizei. Und nicht dass ein Missverständnis entsteht. Ich suche nur eine Wohnung oder ein Zimmer, ich bin neu im Tal und trete meine Stelle erst an, sozusagen.«

»Wiezusagen?«, fragte der Junge. Beide Kinder wirkten äußerst aufgeweckt.

»Ich will damit sagen, es ist kompliziert. Ich war kaum hier, da habe ich einen Mord aufgeklärt. Allerdings habe ich im Eifer ein paar Richtlinien missachtet. Und nun bin ich suspendiert. Wisst ihr, was ›suspendiert‹ bedeutet?«

»Klar«, antwortete das Mädchen, »wir werden auch oft suspendiert. Wenn wir zum Arzt müssen. Was für einen Mord haben Sie aufgeklärt? Ist der Mörder hinter Gittern?«

»Nein, das interessiert uns nicht«, fuhr der Junge dazwischen. »Im Unterschied zu Ihnen sind wir nämlich nicht suspendiert, sondern haben Küchendienst, und gleich kommen die anderen. Bis dann muss hier aufgeräumt sein.«

Capaul sah sich um. »Es ist doch alles blitzblank.«

»Mensch, ein Mord«, sagte sie zum Jungen. »Weißt du, wie cool!«

»Ja, aber du weißt auch, was Freiburghaus gesagt hat.« Er flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Capaul schnappte das Wort »herumgeistert« auf. »Ihr habt ganz recht, Fremden gegenüber muss man vorsichtig sein. Ich gehe jetzt auch. Sagt mir nur, woher habt ihr dieses Spielzeug? Es gefällt mir.«

»Das sind Fidget Spinner«, sagte der Junge. »Damit kann man allerlei machen.« Er zog seinen hervor, ließ ihn drehen und lässig von einem Finger auf den anderen hüpfen, allerdings stoppte dabei die Drehung, und er musste ihn auffangen. »Schlecht gelagert«, erklärte er, »hat auch nur zwei Franken gekostet, hier im Volg.«

»Bei uns sind die seit Ewigkeiten out«, schob das Mädchen nach.

»Was heißt ›seit Ewigkeiten‹? Und wo ist ›bei uns‹?«, wollte Capaul wissen.

»Bestimmt seit den Sommerferien«, sagte das Mädchen.

»Eher noch länger«, bemerkte der Junge. »Und wir sind aus Aarau.«

»Ich bin aus Leimbach, Zürich-Leimbach.«

»Oje, voll die Provinz«, sagte der Junge. »Unser Lehrer kommt von da. Der hat uns Fotos gezeigt.«

»Na ja, man sucht es sich nicht aus. Kann ich euch so einen Spinner abkaufen? Für vier Franken?«

»Klar.« Gleich beide streckten ihren hin.

»Ich brauche nur einen.«

»Ladys first.« Der Junge steckte seinen wieder ein.

Capaul zahlte. »Dann gehe ich jetzt. Übrigens, ich bin Massimo, oder Herr Capaul.«

»Das ist Robin, ich bin Laura.«

»Und nur damit das geklärt ist, wir sind ein Paar.«

IV

Capaul lehnte sich an den Kotflügel seines Wagens und sonnte sich, bis eine Angestellte des CVJM-Heims kam, Frau Rudolf, und ihn ins Büro bat. Dort erhielt er kurz und bündig Auskunft, dass er auch hier auf kein Bett hoffen konnte.

»Haus Ot ist an eine Schule vermietet, Haus Kesch an eine private Gruppe, die belegt auch die beiden Ferienwohnungen und das sogenannte Spatzennest. Der bevorstehende Tunneldurchstich ist ein Publikumsmagnet. Wir konnten nicht einmal alle Gruppenteilnehmer unterbringen, ein paar mussten wir an den Zeltplatz Madulain verweisen, dort hausen sie in ausgebauten Weinfässern. Wenn Sie möchten, rufe ich auch für Sie dort an.«

»Sehr gern«, sagte Capaul, doch dort war ebenfalls alles belegt.

Er trat wieder hinaus. Nur ein paar Berggipfel hatten noch Sonne, es windete und war empfindlich kalt. Capaul erwog, zurückzufahren und Bernhild zu beknien, ihm doch noch eine Woche zu schenken, doch in diesem Moment kehrten die RhB-Freunde heim. Derjenige, der am Morgen neben dem Kutscher gesessen hatte – sie nannten ihn »Götti« –, winkte ihm schon von Weitem.

Nachdem er Capaul mit markigem Handschlag begrüßt und seinen grün metallisierten Chrysler Imperial bewundert hatte, klatschte er in die Hände und rief: »Kleine Sonderdarbietung, wir gehen fremd. Freund Massimo wird uns etwas über seinen sehenswerten Oldtimer erzählen.«

Das brachte Capaul in Verlegenheit. »Ich habe von Autos keine Ahnung. Es ist ein Automatik, Baujahr 1982, viel mehr weiß ich nicht. Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, er hat ihn nie gefahren. Und dummerweise sind Alljahresreifen aufgezogen, ich kam beim ersten Schnee hier oben schön ins Schlittern.«

Damit erntete er Lacher, und ganz selbstverständlich nahmen sie ihn mit in den großen Saal im Haupthaus. Die Männer rochen nach Rauch und Würstchen, sie hatten auf dem Zeltplatz bei den Romands gegrillt und sich die Bäuche so vollgeschlagen, dass sie mit Handaufheben beschlossen, das Abendessen zu streichen. Capaul war gezwungen, sich von Chips und Salzstangen zu ernähren.

Trotzdem mochte er sich nicht verabschieden, er fand die Runde je länger, je liebenswerter.

»Was uns alle eint«, erklärte der Götti, »ist die Liebe zur RhB oder generell zur Eisenbahn. Wir alle sind hier, um wohl das historische Ereignis des Jahrhunderts mitzuerleben, den zweiten Albuladurchstich. Abgesehen davon sind wir ein bunter Haufen von Eisenbahnfotografen, sogenannten Trainspottern, Modellbahnfotografen – was bereits etwas völlig anderes ist –, Modelleisenbähnlern und pensioniertem Zugpersonal, in erster Linie Lokführern. Die Fotografen fachsimpeln über Brennweiten, wir Modellbähnler haben es mehr mit Schienenweiten, die echten Bähnler wieder sind verliebt in technische Daten zu den Zugkompositionen. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, eben die Begeisterung für die Ingenieursleistung am Albula, wie da Megatonnen aus dem Berg gesprengt werden. Und auch eine Fahrt mit der Nostalgiekomposition lässt keinen hier kalt, im Salonwagen im Pullmanstil mit Nussbaumtäfelung, Messinglampen und Plüschfauteuils, vornweg die sogenannte ›Tante‹, wie die erste D 3/4 von 1889 genannt wird. Böse Zungen nennen uns übrigens Ferrofile oder auch Eisenbahnsexuelle. Dabei ist unser Begehren ganz keusch.«

Er grinste und stellte ihm die Männer am Tisch vor, es waren dieselben wie in der Kutsche.

Einer hatte schon mehrmals gedrängt: »Jetzt sind aber wir mit Referieren dran, Götti.«

»Das ist der Hermi«, erklärte der Götti seelenruhig, »ein Modelleisenbähnler, spezialisiert auf die selten gewordene Spurbreite 0.«

»Du wirst sehen, die kommt schon wieder«, sagte Hermi. »Und nenn mich gefälligst Hermann.«

Der Götti lachte nur und fuhr fort: »Jimmy zu deiner Linken ist Modellbahnfotograf und unser schwarzes Schaf. In erster Linie ist er nämlich Ferrari-Fan.«

Grinsend zeigte Jimmy seine in Rosso Corsa gehaltene Handyhülle. »Schnell ist schnell, und stark ist stark.«

»Dann haben wir da noch Richard, pensionierter Lokführer.«

»Fast vierzig Jahre lang, nenn mich Richi.« Er stand höflich auf und gab Capaul die Hand.

Blieb noch ein bleicher, hohläugiger Bursche mit Hawaiihemd. Der Götti klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Das ist Jacek aus Polen. Er ist unser Tor zur großen, weiten Welt. Jacek versteht sehr gut Deutsch und spricht es angeblich auch, nur können wir ihn nicht verstehen. Deshalb kommunizieren wir via Facebook.«

»Wie geht das denn?«, wunderte sich Capaul.

»Wirst du noch sehen«, versicherte der Götti und erhob sich. »Ich werfe noch eben den Beamer an, und los geht’s.«

»Bestimmt ruft er wieder Margot an, seine Frau«, zog Hermi über ihn her, »sie telefonieren mindestens einmal die Stunde. Dabei hat er sie dabei, sie zeigt sich nur nicht. Er schläft ja auch nicht hier, sie wohnen ganz mondän im Bever Lodge. Angeblich ist sie dort in einer Frauenclique und macht Nordic Walking.«

»Bitte alle herhören!«, rief der Götti aus der Mitte des Saals und ließ per Handy das Glockensignal einer Schranke ertönen. »Aussi nos amis philosophes, merci.«

»Offenbar hat er sie nicht erreicht«, witzelte Hermi.

»Warum ›philosophes‹?«, fragte Capaul flüsternd.

Jacek schien Bescheid zu wissen, aber Capaul verstand nur ›Fass‹, und das half ihm nicht weiter.

Der Götti verlas die Referatsliste für den ersten Block, dann ging es los. Die projizierten Bilder waren nicht schwer zu begreifen. Ein Zug reihte sich an den anderen, manche rot, andere nicht, einmal echt, einmal als Modell, begleitet von Geraune, manchmal Applaus. Dazu meist knappe, doch offenbar sehr aufschlussreiche Kommentare, denn sie wurden ebenfalls allesamt von Geraune, manchmal Applaus begleitet.

»RhB Ge 2/2 Nr. 162 ›Mini Krokodil‹ mit C 114 ›Bucunada‹ in Poschiavo.«

»Zug 1044 von Malans Richtung Landquart. Aufnahmen mit der Nikon D750, ASA 300 bis 1000, 1/50 bis 1/250 Sek. Blende 16.«

Nur Richi uferte in seinem Vortrag aus – obwohl der Götti mehrmals mahnte: »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.« Er hatte daheim ausgiebig in seinen Alben gekramt und kämpfte mit den Tränen, als er bemerkte, dass er nur einen Bruchteil der geliebten Schätze würde präsentieren können. Dann übermannten ihn die Gefühle völlig, er musste unterbrechen.

»Zugabe, Zugabe!«, rief der Saal.

Und endlich versprach der Götti: »Wir räumen dir morgen noch ein Zeitfenster ein.«

Danach gelang es Richi, das Schluchzen zu unterdrücken und auch das letzte Bild zu kommentieren: »Der in den Sechzigerjahren mit einem Stahlkasten versehene Be 4/6 1607 am dritten Juni 1974 in Luino. Wegen ihres etwas klobigen Aussehens wurden sie liebevoll ›Geranienkistchen‹ genannt und hatten die seltene Achsfolge A1A A1A. Bis 1994 verschwanden die letzten Fahrzeuge dieses von 1923 bis 1927 gebauten Typs.«

Das tat auch er. »Etwas frische Luft schnappen«, murmelte er, als er an den Tischgenossen vorbeiging.

Capaul ging ihm nach. Dabei sah er den Hotzenplotz bei der Tür stehen, er musste sich nachträglich hineingeschlichen haben.

Richi stand am Ende des Vorplatzes an einen Altglascontainer gelehnt und trocknete sich mit einem karierten Stofftaschentuch die Tränen.

»Wie kindisch, so zu heulen«, sagte er mit kläglichem Lachen, als er Capaul kommen sah, und schnäuzte sich ausgiebig. »Aber für uns Alte ist eben die Erinnerung alles, was wir haben. Auf diese Be 4/6 waren wir ja so stolz, und auf uns, denn man musste schon ein ganzer Kerl sein, um sie zu meistern. Beschleunigung auf der Rampe von null auf fünfzig in gerade mal zweieinhalb Minuten, stell dir vor!« Er seufzte, dann suchte er eine trockene Stelle im Taschentuch und schnäuzte sich nochmals.

Capaul sah hoch in den Nachthimmel, der so tiefschwarz und klar war, dass er die Milchstraße im ersten Augenblick für ein Nebelband hielt. »Was gibt es da noch zu sagen. Aber weißt du, wir Menschen sind doch sehr klein im Vergleich mit alldem da draußen.«

»Wo?«

»Da oben.«

Richi folgte seinem Blick. Kurz waren beide still, dann nickte er. »Wohl wahr. Du verstehst es zu trösten, Massimo. Ich glaube, wir können wieder rein.«

Im Saal begann gerade die Pause, die Ersten kamen heraus, um zu rauchen. Darunter war auch Hermi.

»Du hast noch gar nichts von dir erzählt«, sagte er zu Capaul. »Was ist eigentlich dein Steckenpferd?« Der Götti gesellte sich zu ihnen, und Richi ging allein weiter.

»Mein Steckenpferd?« Capaul dachte nach. »Ich fange gerade an, mich für Märchen und Sagen zu interessieren.«

Hermi tat das offensichtlich nicht. »Aha«, sagte er bloß. »Und was tust du beruflich?«

»Ich bin Polizist.«

»Ei, ei, ei«, rief Hermi aus, »im Ernst?«

Und der Götti neckte: »Einer von der Trachtengruppe, sieh mal an. Wie viele böse Buben hast du bisher eingelocht?«

»Erst einen, ich bin aber ganz neu dabei. Davor war ich ein paar Jahre Pfleger in einem Sterbehospiz.«

»Echt? Das wird ja immer schlimmer«, feixte Hermi.

Der Götti nickte. »Das stelle ich mir auch deprimierend vor.«

Capaul schüttelte den Kopf. »Kranke Menschen können deprimierend sein, aber sterbende sind sehr schön. Wenn sie sich erst damit abgefunden haben, dass sie gehen, fangen sie an zu leuchten. Fast so, als wären sie schon drüben.«

»Drüben«, wiederholte der Götti, »und wo ist das?«

Capaul lachte. »Ja, das ist die große Frage. Aber manche Menschen wurden so schön und ruhig, dass ich richtig Sehnsucht danach bekam.«

»Gesülze«, warf ein Zigarillo rauchender Schnauzbart ein, den Capaul bisher nicht bemerkt hatte. »Der im Tunnel hat wohl kaum geleuchtet.«

»Richtig, du als Bulle weißt da bestimmt mehr«, witterte Hermi.

Capaul hob die Schultern. »Nur, dass es ein Mineur von der Baustelle war.«

»Aber stimmt es, dass er gehäutet wurde?«

Capaul zögerte. »Es war jedenfalls ein Unfall.«

Der Schnauzbart trat seinen Zigarillo aus. »Scheiße mit Reis, auf die Art will ich echt nicht abkratzen.«

Das war das Stichwort für den Götti. »Genießen wir also das Leben, solange wir können«, sagte er und klatschte in die Hände. »Leute, es geht weiter. Allez, les philosophes.«

Während sie gemeinsam zurück ins Haus gingen, fragte Capaul: »Habt ihr eine Idee, wo ich ab morgen unterkommen könnte? Meine Vermieterin hat mit dem Zimmer andere Pläne, und ich kann partout nichts Zahlbares finden. Reist nicht bei euch einer früher ab?«

»Oder tritt ab«, scherzte der Götti, »wie der Mineur? Nein, nichts in Sicht. Wobei mir einfällt, der Moor hat in Bever eine ganze Pension gemietet, wohlgemerkt die Traumpension eines jeden Eisenbahnfreunds, direkt in der Streckenverzweigung Engadin–Albula. Nur mag er keine Gesellschaft.«

»Probieren kann ich es ja. Wo finde ich diese Pension?«

»Brauchst du gar nicht, er steht da drüben bei der Tür. Peter Moor. Er besteht darauf, dass man ihn siezt.«

Er zeigte auf den Hotzenplotz.

»Ha«, entfuhr es Capaul, denn er war in der Mittelschule ein halbes Jahr lang mit Schillers Räubern gequält worden. »Nomen est omen.«

Doch der Götti verkündete bereits die Startliste des zweiten Blocks. Capaul setzte sich so, dass er Peter Moor im Auge behielt.

Die zweite Vortragsrunde geriet fröhlich. Ein dadaistisch anmutendes Gedicht auf das Modellbahnzubehör der Firma Sommerfeldt wurde gegeben, und Jacek hielt einen Vortrag, der zum munteren Ratespiel ausartete. Der Lärmpegel stieg rasant, Capaul hielt sich die Ohren zu, und als er zu Moor hinsah, war der verschwunden. Hastig erhob er sich und eilte nach draußen, der Götti gab ihm noch aufmunternd das Zeichen: Daumen hoch.

Erst glaubte Capaul, er habe ihn verloren, doch er hatte nur in die falsche Richtung geschaut. Der Hotzenplotz ging nicht dem Inn zu, was naheliegend gewesen wäre, wenn man nach Bever wollte, sondern zügigen Schritts quer über den Parkplatz und den angrenzenden Hof bergwärts. »Herr Moor«, rief er und rannte ihm nach. »Herr Moor, warten Sie!«

Der Hotzenplotz missachtete die Rufe und schritt noch energischer aus. Capaul erreichte ihn dennoch, der Hotzenplotz blieb kurz stehen. »Was fällt Ihnen ein, meinen Namen in die Welt hinauszuschreien?«

Er ging weiter, einen Kanal entlang, Capaul folgte ihm.

»Verzeihen Sie, es ist dringend.«

»Für mich nicht.«

Sie überquerten den Kanal und gingen auf der anderen Seite zurück. Sie folgten einem Sträßchen mit verstreuten Einfamilienhäusern.

»Wohin gehen wir?«

»Ich weiß nicht, wohin Sie gehen. Ich gehe schlafen.«

»In Ihre Pension? Deshalb wollte ich Sie sprechen. Ich bin ab morgen ohne Bett.«

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