Kitabı oku: «Engadiner Abgründe»
Gian Maria Calonder
Engadiner Abgründe
Ein Mord für Massimo Capaul
Kampa
I
Der Gasthof Zum Wassermann lag nicht weit vom Bahnhof Samedan, einem in die Jahre gekommenen Giebelhaus mit pickligem Rohputz, eingekeilt zwischen neueren Zweckbauten. Es sah aus, als wäre es einmal Teil einer ganzen Arbeitersiedlung gewesen, die inzwischen überbaut war, und nur der Wassermann-Wirt hatte sich widersetzt. Der Schaukasten von Elmer Citro war leer bis auf eine Kinderzeichnung der Samedaner Wappengestalt, ebenjenes Wassermanns, und ein mit Schreibmaschine beschriebenes Kärtchen, das mit Stecknadeln an die schimmlige Faserplatte geheftet war: Übernachtung ab 40,–. Laut Tourismusportal im Internet kostete sie inzwischen fünfzig.
Als Capaul die Tür aufstieß, mit dem Koffer die schweren vergilbten Plastikvorhänge auseinanderschob und sich hindurchzwängte, schlug ihm der Geruch von Kaffee-Schnaps, Kuhmist und Katzenfutter entgegen. Auch die Wirtsstube atmete den Geist alter Tage, über die Tische waren karierte Tücher geworfen, in einer Vitrine standen Pokale und Trophäen von Viehschauen. Am schweren eichenen Stammtisch saßen vier Männer, einen fünften hatte er draußen rauchen sehen. Offensichtlich waren es Bauern, sie trugen Faserpelzjacken und schwere, mit Kot verklebte Schuhe.
»Guten Tag, geht es hier zu den Zimmern?«, fragte er.
»Allegra«, sagte einer in einem Tonfall, als wollte er ihn nicht grüßen, sondern zurechtweisen. Die anderen musterten ihn stumm. Capaul war von durchschnittlicher Größe und Statur, eher stämmig als hager, er war unauffällig gekleidet – schwarze Cordsamtjeans, ein schwarz-blau kariertes Flanellhemd und gut eingetragene schwarze Halbschuhe, alles aus der Migros –, allerdings hatte er unüblich hübsche schwarze Augen mit fast endlos langen Wimpern und dunkles Haar voller Wirbel. »Kälbchen« hatte seine Mutter ihn in ihren freundlicheren Phasen genannt. Auch einer der Männer murmelte etwas wie »Jungstier«, dann rief er nach einer gewissen Bernhild.
Es schepperte in der Küche, und eine kleine, drahtige Frau wohl um die sechzig kam hinter der Theke hervor, wischte die Hände an einer Schürze ab, auf der in roten Lettern stand: Hier kocht der Chef, und richtete mechanisch die Frisur, ein eigenwilliges Gebilde, das Capaul im ersten Moment für ein Eichhörnchen hielt.
Sie betrachtete ihn mit unverhohlenem Interesse, bis er sagte: »Ich habe ein Zimmer reserviert.«
Etwas in ihrem Gesicht erlosch. »Das billige, ja? Das muss ich erst parat machen. Die für sechzig hätten das Bad auf der Etage.«
»Was hat das billige?«
»Das liegt unterm Dach, das Bad ist also einen Stock tiefer.«
»Aber es ist dasselbe Bad?«
»Ja, wir haben nur das eine.«
»Nein, dann bleibe ich beim billigen.«
»Nur damit Sie sich ein Bild machen können: Die unteren Zimmer grenzen direkt ans Bad, Sie müssen also nicht erst aufstehen und die Treppe runter, um festzustellen, dass es besetzt ist. Das werden Sie noch schätzen, denn der Flur ist nicht geheizt, und die Septembernächte hier oben sind kühl.«
»Haben Sie überhaupt andere Gäste?«, wollte er wissen.
»Das war mehr allgemein gesprochen. Aber hören Sie, das Mittagessen ist auf dem Herd, die Spaghetti kochen gleich über, die Bolognese brennt an. Ich richte Ihnen das Zimmer, kein Problem, aber dann stellen Sie sich so lange an den Herd.«
»Nein, ich gehe«, sagte einer der Bauern, bevor Capaul reagieren konnte, stemmte sich schwer hinter dem Tisch hervor und ging mit knallenden Schritten in die Küche, womöglich trug er Nagelschuhe.
Bernhild kramte währenddessen in einer Schublade nach dem Zimmerschlüssel, dann ging sie zu der schmalen Treppe. Capaul nahm den Koffer auf und wollte sie begleiten, doch sie sagte: »Bei mir bekommen die Gäste einen Welcome-Drink. Frank, zapf ihm ein Kleines.«
Jetzt erst bemerkte Capaul, dass jemand hinter ihm stand, es war der Bauer, der draußen geraucht hatte, offenbar hatte Capaul ihm den Weg versperrt. Freundschaftlich ließ der Mann seine schweren Hände auf Capauls Schultern fallen und schob sich an ihm vorbei, dann zapfte er ihm ein kleines Bier, drückte Capaul das Glas in die Hand und setzte sich zurück an den Stammtisch. »Wo ist der Peter?«, fragte er.
»In der Küche, abverdienen.«
»Der Idiot hat auch noch Nein gestimmt.«
»Viele, die verkauft haben, haben Nein gestimmt.«
Capaul wollte kein Bier, ihm war noch schlecht von der Fahrt über den Albulapass, weniger der Kurven wegen als der Horden von Motorradfahrern, die offensichtlich die letzten schönen Tage ausreizten. Mehrmals war er grob fahrlässig überholt worden – einmal, als er gerade den kleinen roten Waggons der Rhätischen Bahn nachsah, die in bizarrer Höhe über ein Viadukt zuckelten, vor Schreck hätte er um ein Haar das Auto in die Schlucht gelenkt. Zudem hatte er, wie meist, zu wenig gefrühstückt. Er trat, den Koffer noch in der Hand, an die Theke, um das Bier abzustellen, dann vertrieb er sich die Zeit damit, auf einem Stapel Tischsets die Landkarte des geplanten olympischen Skigebiets zu studieren.
Am Stammtisch wurde noch immer debattiert. »Ist ja auch egal, verkauft ist verkauft. Allerdings hat der Peter sein Geld nicht ausbezahlen lassen, jedenfalls nicht alles, der hat es stehenlassen. Er hat gehofft, dass es noch mehr wird. Wenn du dein Geld stehenlässt, und gleichzeitig stimmst du Nein, hast du doch einen Vogel.«
»Das sagt der Richtige, du hast doch auch Nein gestimmt. Und was trägst du auf deinem Idiotenschädel?«
»Das ist etwas völlig anderes, die Mütze war gratis. Im Gegenteil, wenn einer wie ich die trägt – ich bin ja nun keine Schönheit –, schade ich denen sogar. Negativwerbung nennt sich das.«
Jener Frank hatte das gesagt. Capaul tat, als suche er im Raum nach einer Uhr, und warf einen Blick auf die Mütze. Sie trug den Slogan der Olympia-Befürworter. Derselbe Slogan zierte die Tischsets. Frank fing seinen Blick auf und zwinkerte ihm zu. Alles war recht rätselhaft.
»Niemand kann sagen, ob das Nein richtig war«, stellte inzwischen der Älteste am Stammtisch fest, einer mit käsiger Haut und geröteten Augen, die er hin und wieder mit einem arg gebrauchten Stofftaschentuch auswischte. »Und überhaupt: Nachjassen stinkt.«
»Trotzdem hat der Peter nur wegen den Jungen das Lager gewechselt. Die haben ihn zusammengeschissen, dass er überhaupt verkauft hat, danach wollte er das Geld wenigstens noch rausziehen, aber zu spät. So fand er, das wenigste, was er noch tun kann, ist, Nein zu stimmen.«
»Ich frage mich, wie lange ihn die Bernhild noch anschreiben lässt.«
»Wieso, die hat auch Nein gestimmt.«
»Das meine ich nicht, sie …«
Dann stockte das Gespräch, denn Bernhild kam quietschenden Schrittes die Treppe herab. Sie trug grasgrüne Crocs.
»Hier, Ihr Schlüssel«, sagte sie zu Capaul. »Gehen Sie, bringen Sie den Koffer hoch, der verstellt hier alles. Dann kommen Sie essen. Spaghetti Bolognese für acht Franken, mit Menüsalat zehn. Oder ist Ihnen schon das zu teuer?«
Sie verschwand in der Küche, und Capaul nahm den Koffer wieder auf.
»Sie meint es nicht so«, erklärte der Triefäugige.
»Im Gegenteil«, sagte Frank. »Was sich liebt, das neckt sich.«
»Sagte die Katze und fraß die Maus.«
Das Pappfähnchen am Schlüssel trug die Zwanzig, an der Tür selbst war die Zwei abgefallen, ein Scherzbold hatte dafür eine zweite Null gemalt. Das Zimmer war winzig und lag in der Dachschräge, aufrecht gehen konnte man nur in einem ellenbreiten Korridor von der Tür zum Schrank. Es gab weder Kommode noch Stuhl, und der Spannteppich roch nach nassem Hund. Um das Kippfenster zu öffnen, musste Capaul sich aufs Bett knien, die Spiralfedern gaben bis fast zum Boden nach. Das Fenster kippte nicht hoch, sondern drehte um die Mittelachse. Als er sich mit sportlichem Schwung von der Matratze erheben wollte, schlug er sich an der Fensterkante den Kopf an.
In der Wirtsstube war es laut geworden, alle Tische waren mit Handwerkern und Bahnarbeitern besetzt. Bernhild platzierte ihn zu einem Trupp Maler oder Gipser, sie waren jedenfalls in weißen Overalls. Seine Portion stand schon bereit, Menüsalat inklusive. Bernhild trug ihm die Stange Bier nach und fragte: »Ist das Zimmer recht?«
Er zögerte. »Die Aussicht ist schön. Wie heißt der Berg?«
»Piz Padella. Sind Sie gut zu Fuß? Es gibt dort schöne Wanderwege. Gratis.«
Capaul hörte ihren Unterton und fühlte, wie er errötete. »Ich bin nicht in den Ferien. Ich bin der neue Polizist. Das heißt, ab Montag.«
»Polizist, Sie?« Es schien, als würde sie eine spitze Bemerkung hinunterschlucken. »In dem Fall eilt es mit dem Meldezettel wohl nicht«, sagte sie dann nur und wartete, bis er die erste Gabel im Mund hatte. »Schmeckt’s?«
Er antwortete nicht darauf, sondern fragte nur zurück: »Wo kann ich eigentlich parken? Mein Auto steht jetzt unten an der Straße, ich glaube, der Parkplatz gehört einem Stromunternehmen.«
Die Gipser, die mitgehört hatten, lachten über die Frage, und der Jüngste, ein Blondschopf, sagte: »Eine Buße werden Sie als Polizist ja wohl nicht kriegen.«
Capaul wusste darauf nichts zu erwidern, er trank jetzt doch einen Schluck Bier.
Währenddessen klingelte das altbackene Wandtelefon. Peter kam aus der Küche, nahm ab, dann rief er: »Ein Massimo Capaul?«
Er erhob sich.
»Polizei«, sagte Peter noch und gab ihm den Hörer.
Es war Linard, Polizist im zweiten Jahr. »Der Dienst ruft. In Zuoz brennt eine Scheune, fahr hin und schreibe den Rapport. Wir sind gerade unterwegs zum Malojapass. Dort hat’s gekracht, zwei Töffs.«
»Ich habe noch nicht mal den Dienstausweis.«
»Du sollst auch keinen verhaften. Der Rapport ist für die Versicherung.«
Capaul hängte auf, borgte von Bernhild einen Block – Calanda Bräu stand auf jedem Blatt – und ging zu seinem Auto, einem grün metallisierten Chrysler Imperial Automatic, Baujahr 1982. Unter dem Scheibenwischer fand er einen Strafzettel, sauber gefaltet. Er setzte sich in den Wagen, entfaltete ihn und las: Capaul, Capaul, das fängt ja gut an!
Die Weite des Tals, die scharf gezeichneten Berggrate und der veilchenfarbene Himmel versöhnten ihn gleich wieder, und nachdem er in Zuoz gebührenpflichtig beim Bahnhof geparkt hatte, genoss er beim Aufstieg in den Dorfkern die klare, würzige Luft. Zuoz gefiel ihm besser als Samedan, das Sitz der Kreisverwaltung war und entsprechend geheimnislos. Auch Zuoz war an seinen Rändern hässlich überbaut, doch der Dorfkern war bezaubernd: Ausladende alte Häuser mit schweren Toren und trutzigen Mauern standen um einen mit kopfgroßen Flusssteinen gepflasterten Platz wie Kühe um die Tränke. Die kleinen, nach innen versetzten Fenster gaben ihnen etwas Verschlafenes, und selbst die fast überall aufgepinselten Wappen hatten etwas eher Rührendes als Stolzes.
Gebrannt hatte es links vom Dorfplatz, im bescheideneren Ortsteil hinter Somvih, wobei »bescheiden« relativ war, denn auch hier standen wuchtige fünfhundertjährige Häuser, nur waren sie heruntergekommener.
Dem Haus, zu dem man ihn wies, hätte zumindest ein Anstrich gutgetan: Von der Fassade blätterten mehrere Schichten Farbe. Die Dachtraufe hing, und hier und da zerfiel ein Fensterrahmen oder -laden. Das einzige erhaltene Wappen, direkt unter der Traufe in eine Ecke gequetscht, zeigte den Bündner Steinbock.
Spuren eines frischen Brandes konnte er nicht entdecken, dafür saß eine brünette Feuerwehrfrau auf dem Treppenmäuerchen zum Heustall, spielte auf den Stufen mit ihrem Helm Karussell und reichte ihm, als er sich vorstellte, eine leicht schwitzige Hand. Ihren Namen verpasste er.
»Alles halb so wild«, berichtete sie. »Der Alte, der hier wohnt, ein Rainer Pinggera, hat Schlimmeres verhindert. Eine Art Heizgebläse hat Altpapier in Brand gesetzt, er hat mit dem Gartenschlauch Wände und Balken abgespritzt, damit das Feuer sich nicht ausbreitet. Bestimmt war es mehr Glück als Klugheit, dass er den Strahl nicht auf das Gebläse gerichtet und einen Stromschlag gekriegt hat. Wir haben das Teil vom Netz getrennt und das Feuer erstickt. Eine Sache von Minuten.«
»Wann genau war das?«
»Der Alarm kam zehn nach zwölf, zwanzig nach war alles vorbei, würde ich sagen.«
»Hatte er selber das Feuer gemeldet?«
»Nein, er hat am Brandherd ausgehalten, bis wir kamen. Touristen haben in der Bäckerei Klarer Bescheid gesagt, von dort hat jemand angerufen.«
Capaul notierte alles auf sein Blöcklein.
Sie sah ihm zu. »Wie einer von der Polizei siehst du zuletzt aus.«
»Die Uniform macht viel aus. Darf ich hinein?«
Sie lachte. »Das meine ich. Du bist die Polizei, was fragst du? Muss ich dich führen?«
Er versuchte zu lächeln, dann fragte er: »Wo finde ich diesen Pinggera?«
»Wir haben ihn zur Kontrolle ins Spital nach Samedan gebracht. Er wirkte verwirrt, außerdem kamen Chemikalien in Brand. Möglich, dass er eine Vergiftung hat.«
»Wohnt sonst noch jemand hier?«
»Ja, im oberen Stock. Rita und Fadri, aber die reisen seit drei Wochen durch die amerikanischen Nationalparks.«
Bevor Capaul den Stall betrat, schrieb sie ihm noch ihre Nummer auf den Block. Sie hieß Luzia. »Mir gehört der Geschenkladen bei der katholischen Kirche. Ich habe auch Kissen und Handtücher, für den Fall, dass du dich noch einrichten musst.«
Er murmelte etwas und nahm die Rampe, die hinunter in den Viehstall führte.
»Der Brand war oben im Heustall«, rief sie ihm nach.
Die Stallungen boten Platz für sicher drei Dutzend Vieh und waren sauber gewischt. Selbst die Abläufe waren rein gehalten, das Löschwasser war schon fast versiegt. In einer Ecke hingen Viehketten, in einer anderen stapelten sich Pappschachteln von Elektrogeräten des vergangenen Jahrhunderts.
Eine Leiter führte hinauf in den Heustall. Auch dort war alles ordentlich und gepflegt, vieles sah aus, als wäre es noch in Gebrauch, die Werkbank mit dem Schnitzzeug, den zahlreichen Hobeln, Messern und dem Werkzeug für die Weißküferei etwa oder der Malschrank. Die Eisengewichte der alten Waage waren frisch gefettet, keine Spur von Rost, und an einer der Sensen, die gemeinsam mit Sicheln, Harken, Hacken, Schaufeln, Spaten und anderem Gartengerät die Wand zum Wohnteil verstellte, klebte noch frisches Gras. Die meisten Gerätschaften sahen handgearbeitet aus, ausnahmslos alles war Vorkriegsware, manches sorgsam geflickt, nichts kaputt.
Den Brand ausgelöst hatte ein kleiner gelber Heißluftventilator, Marke Rextherm, der unter der Werkbank stand. Die Feuerwehr hatte, um die Stromzufuhr zu kappen, schlicht den Stecker gezogen. Capaul konnte sich denken, dass man kalte Füße bekam, wenn man hier im Winter hobelte: Zu drei Seiten hin war der Heustall großflächig nur mit Latten verkleidet, in die Verzierungen gesägt waren, die den Durchzug verstärkten. Den Brand schien eine Verkettung unglücklicher Umstände ausgelöst zu haben: Der Alte hatte unter der Werkbank einige Zeitungsbündel gestapelt gehabt, eines war offenbar vom Stapel gefallen und hatte eine Spanholzkiste derart angestoßen, dass die daraufliegende Schachtel Skiwachs und Belagsreiniger auf jenes Bündel gerutscht und damit direkt der Heißluft ausgesetzt gewesen war. Das Wachs war geschmolzen, hatte das Papier getränkt, dieses hatte sich entzündet, und die aufsteigende Hitze hatte eine Plastikflasche mit Farbreiniger schmelzen lassen, die auf der Werkbank gestanden und deren Inhalt ebenfalls zu brennen begonnen hatte. Glücklicherweise waren die Flammen schnell verpufft und hatten sich nirgends tiefer ins Holz gefressen, verkohlt war lediglich die Unterseite der Werkbank.
Um den Rapport abzuschließen, brauchte Capaul nun bloß noch Pinggeras Aussage und Unterschrift sowie eine Stellungnahme des Arztes, bei dem er eingeliefert worden war. Dass er noch einen Blick in den Wohnteil des Hauses werfen wollte, war pure Neugierde. Er kam auch nicht weit, auf halbem Weg erschreckte ihn eine fuchsrote Katze, die ihm plötzlich von einem der Heuböden vor die Füße sprang, daraufhin machte er kehrt und ging zurück zum Wagen.
Die Sicht talaufwärts auf die Alpen war noch imposanter. Hinter der ewigen Weite des Hochtals wirkten sie gleichzeitig verloren und drohend, und Capaul hätte um ein Haar die Ausfahrt nach Samedan verpasst.
Auch der Parkplatz des Spitals kostete, und nachdem er geparkt hatte, ging er nochmals zur Schranke zurück, um herauszufinden, wie er zu einem Beleg für die Spesenabrechnung kam, den zu beziehen hatte er in Zuoz versäumt.
Die Frau an der Pforte verwies ihn an einen gewissen Dr. Hauser, sie sprachen sich im Flur. »Herr Pinggera absolviert noch einen Lungenfunktionstest, der aber bisher unauffällig verläuft«, erklärte Hauser. »Abgesehen von seiner altersbedingten Verwirrung scheint alles in Ordnung. Wenn Sie kurz warten, können Sie ihn gleich nach Hause fahren.«
Capaul notierte, dann fragte er: »Wenn er verwirrt ist, wie Sie sagen, besteht dann nicht die Gefahr, dass er gleich noch so etwas anrichtet?«
»Oh, sein Neffe wird sich um ihn kümmern, Pinggera Rudi. Und morgen früh sieht die Spitex vorbei, das ist schon organisiert. Das Wichtigste ist, dass er viel trinkt.«
Die Bemerkung stieß Capaul darauf, dass er selbst viel zu wenig getrunken hatte, das erklärte seinen wachsenden Brummschädel. Während Hauser zurück zu Pinggera ging, suchte er eine Toilette, um vom Hahn zu trinken. Bevor er sie fand, zupfte ihn eine junge Frau am Arm, die wohl die Schwesternhilfe war.
»Sind Sie der Polizist?«
Rainer Pinggera war entlassen worden und wartete in der Cafeteria auf ihn. Er war ein kleines, verkrümmtes Männchen mit roter Strickmütze, das exzessiv in der Nase bohrte.
»Da drin ist immer noch alles voller Ruß«, erklärte er, als Capaul sich neben ihn setzte und anbot, ein Taschentuch zu besorgen. »Aber geh weg, du, ich warte auf die Polizei.«
»Ich bin die Polizei.«
»Du?« Pinggera wollte vielleicht lachen, es kam ein Husten. »Ausweis her.«
»Den bekomme ich erst am Montag.«
»Ja, aber davor fängst du dir eine. Der Pinggera Rainer kann sich wehren. Bist du überhaupt volljährig? Richte denen aus, wenn sie mich schon umbringen lassen wollen, dann durch einen richtigen Kerl. Oder noch besser durch so eine Killerblondine.«
»Niemand will Sie umbringen«, versicherte Capaul. »Sie sollten nur diesen Ofen nicht mehr benützen, den Rextherm. Sie hatten sehr viel Glück.«
»Sieh mich an«, befahl Pinggera. »Ein Leben lang war ich vom ersten April bis zum ersten Oktober in kurzen Hosen unterwegs, aus Prinzip, außer zum Holzen. Und was haben wir? September. Im September werde ich wohl heizen.«
»Sie tragen keine kurzen Hosen«, bemerkte Capaul.
»Nein, weil mir die neue Mode nicht gefällt. Wir hatten einen fahrenden Händler aus dem Vorarlberg, den Gustl. Irgendwann hat er übergeben, der Nächste auch, aber wir nannten sie alle Gustl. Gustl kam mit dem Handkarren, einmal im Jahr, und zwar im Juni, er brachte die Ware, die man bestellt hatte, dann zeigte er den Katalog, und man bestellte fürs nächste Jahr: Heuhemden, Wollhosen, Melkmützen. Anno ’97 kam er das letzte Mal, es hat ihm nicht mehr rentiert. Seither trage ich auf, was ich noch habe, danach kann ich sterben. Aber wie gesagt, das ist Qualitätsware, so schnell werdet ihr mich nicht los.«
»Ich will Sie nur heimbringen.«
»So nennt ihr das. Ich gehe mit keinem als mit Rudi.«
»Das ist Ihr Neffe, ja? Ich sorge dafür, dass man ihn ruft.«
Er tat es, danach warteten sie schweigend, Capaul sah Pinggera beim Nasebohren zu. Manchmal erwiderte Pinggera den Blick, sah ihn forschend an, und endlich sagte er: »Du hast Augen wie eine Kuh. Das ist ein Kompliment, woher hast du die?«
»Es hieß, von meinem Vater. Der war Sizilianer.«
»War? Hast du ihn auch kaltgemacht?«
»Niemand will Sie kaltmachen«, versicherte Capaul nochmals. Er wollte sich eben erkundigen, ob die Empfangsfrau Rudi erreicht hatte, da kam er durch die Tür, und Capaul begriff, warum Dr. Hauser den Namen so herausgestrichen hatte, als müsste man ihn kennen.
Pinggera Rudi trug Sportkleidung, doch im Gegensatz zu der italienischen Sippschaft in Ski-Vollmontur, die den Empfang blockierte und dabei wie ein Pulk Osterhasen aussah, kam er daher wie ein Prinz.
Sein silberfarbener Ski-Anzug war offensichtlich maßgeschneidert, dazu hatte er den lässigen Gang eines Menschen, dem in seinem Leben alles glückt.
»Ach, Onkelchen«, rief er quer durch den Raum, »muss man dich jetzt rund um die Uhr bewachen?«
II
»Du hättest mich sehen sollen«, erzählte Rainer Pinggera seinem Neffen, während sie ihn zu Rudis Auto führten. Es stand nicht auf dem Besucherparkplatz, sondern im Personalbereich gleich beim Eingang. »Ich mit dem Gartenschlauch wie damals der Jenatsch. Ich sage dir, so leicht erledigen sie mich nicht.«
»Welcher Jenatsch? Der Schuhmacher von Ftan?«
»Nein, der Kämpfer natürlich, der Jenatsch eben.«
»Der Jürg? Den haben sie aber sehr wohl erledigt. Erst hat ihn einer, als Bär verkleidet, über den Haufen geschossen, die anderen sind danach mit Axt und Knüppeln über ihn her. Ich muss es wissen, Onkelchen, ich war im Schultheater der Bär.«
»Dann eben nicht wie der Jenatsch. Du hättest mich trotzdem sehen sollen.«
Rudi steuerte einen silbernen Mercedes C-Klasse an.
»Sind Sie der neue Polizist?«, fragte er.
»Ab Montag«, sagte Capaul.
»Ab Montag, und schon eingespannt?« Rudi lachte. »Lassen Sie mich raten, Sie sind Anfänger.«
»Ich arbeite gern«, sagte Capaul nur. »Ich habe bloß noch keinen Ausweis.«
Der Alte beschwerte sich: »Was flirtet ihr zwei Turteltäubchen da die ganze Zeit? Schließ auf. Oder besser, bring mich zurück, ich muss aufs WC. Die haben mich saufen lassen, dass es mir zu den Ohren rauskommt.«
Also gingen sie zurück, Rudi wusste, wo die Toiletten waren. Capaul wollte die Gelegenheit nutzen, um endlich zu trinken, doch Rudi hielt ihn zurück. »Ich glaube, das schafft er allein«, sagte er lächelnd, und ehe Capaul sich erklären konnte, fragte er: »Was ist eigentlich Ihre Lieblingsdisziplin?«
»Lieblingsdisziplin? Ich verstehe nicht.«
»Sport, ich rede natürlich von Sport.«
»Ach so.«
»Polizisten sind Sportskanonen. Also was? Skifahren? Tennis? Oder sind Sie etwa Leichtathlet?«
»Ich wandere gern«, sagte Capaul aufs Geratewohl.
Rudi lachte. »Kommt man heutzutage mit Wandern durch den Eignungstest?«
»Nein, da habe ich mich durchgebissen«, sagte er offen, doch Rudi redete schon weiter.
»Meine ist das Skifahren. Und inzwischen Tennis. Natürlich golfe ich auch, die wichtigen Deals werden fast immer auf dem Golfplatz abgeschlossen. Wissen Sie was? Ich nehme Sie mit.«
»Ich habe keine Ahnung von Golf. Ich weiß nicht …«
»Nein, auf dem Golfplatz hat einer wie Sie auch nichts verloren. Ich rede vom Skifahren.« Er öffnete die Toilettentür und rief: »Onkelchen, lebst du noch?«
Man hörte ein Stöhnen, dann krächzte der Alte: »Ja, ja, es dauert halt. In meinem Alter macht man kein Wettbrunzen mehr.«
»Dann lass dir Zeit.« Rudi schloss die Tür und sah Capaul mit stahlblauen Augen an. »Und? Kommen Sie mit?«
»Das hat ja noch Zeit. Erst muss es schneien.«
»Diese Flachländer, von Tuten und Blasen keine Ahnung!«, rief Rudi und verdrehte clownesk die Augen. »Was glauben Sie, wo ich gerade herkomme? Zermatt, Klein Matterhorn, herrliche Pisten. Zu der Zeit, als ich noch Rennen gewonnen habe, konnte man auch hier im Engadin im Sommer Ski fahren, St. Moritz, Pontresina, oder in Laax … Inzwischen muss man reisen, aber wozu gibt es Hubschrauber? Und den Flugplatz haben wir ja vor der Nase. Ich gehe aus dem Haus, eine Stunde später stehe ich auf dem Gletscher.«
»Was haben Sie damals gewonnen?«, wollte Capaul wissen.
Rudi stöhnte und raufte übertrieben das silbergraue, volle Haar – er schien ein Scherzbold zu sein. »Jetzt fühle ich mich richtig alt. Es gab Jahre, da konnte ich nicht auf die Straße, ohne um ein Autogramm angebettelt zu werden. Nein, ernsthaft, der Höhepunkt meiner Karriere war Olympia-Silber. Deshalb wollte ich jetzt die Spiele auch unbedingt zu uns holen. Wie die Abstimmung ausging, wissen Sie ja wohl. Passé, ich nehme es sportlich.«
Er gab Capaul seine Visitenkarte, im selben Moment kam sein Onkel vom Pissoir. »Gelöscht«, sagte er.
Rudi hakte sich bei ihm unter. »Dann schaffen wir es diesmal bis heim, Onkelchen? Was ist, Capaul, helfen Sie zwei Greisen noch mal zu ihrem Auto? Danach packe ich’s allein.«
Nachdem sie fort waren, wollte Capaul in seinen Chrysler steigen, doch sein Kopfweh war inzwischen so stark, dass er es sich anders überlegte und zum zweiten Mal ins Spital zurückging.
»Ich bin wohl die Höhe nicht gewohnt«, erklärte er der Pförtnerin und bat um eine Dafalgan-Tablette.
»Womöglich ist es auch der Wetterwechsel, am Wochenende soll es schneien«, sagte sie lächelnd.
Das schien ihm doch sehr unwahrscheinlich, viel zu lieblich leuchteten die goldenen Lärchen an den Hängen, er hatte Bienen summen hören, und im Park vor dem Spital tanzten Schmetterlinge.
»Ich gebe Ihnen eine Brausetablette, die wirkt schneller«, sagte sie noch.
Er bat: »Geben Sie mir zwei.«
Das tat sie. »Hier ist auch ein Pappbecher. Wasser finden Sie dort drüben.«
Sie zeigte zu den Toiletten, die kannte er ja inzwischen. Im Pissoir war der Fußboden überschwemmt, offenbar hatte der Alte wirklich nochmals gelöscht.
Capaul sagte einer Putzfrau Bescheid, dann setzte er sich ins Auto und fuhr zum Revier. Der Weg war gut beschildert, nur waren alle Parkplätze belegt. Dazu kam, dass unmittelbar hinter dem Polizeiposten die Straße in einem Durchfahrtsverbot endete, die einzige Abzweigung auch. Capaul wollte wenden, das wiederum verhinderte ein Kastenwagen der Polizei. Schließlich manövrierte ihn ein hilfsbereiter Passant rückwärts zwischen Steinpoldern und geparkten Autos hindurch. Er parkte auf dem Gebührenparkplatz unten beim Bahnhof und ging zurück ins Städtchen. Immerhin ließen dabei die Schmerzen nach.
Der Posten war in einem blassen Bürohaus im Dorfkern untergebracht, das Schmuckste daran waren ein überdimensioniertes Leuchtschild mit der Aufschrift POLIZIA CHANTUNELA GRISCHUN und ein leuchtend gelber Postkasten, der die Hälfte des Eingangs versperrte.
Capaul klingelte und musste eine Weile warten, ehe drinnen der Summer gedrückt wurde.
Der Schalterraum war möbliert wie wohl alle Bündner Polizeistationen, auch der Spannteppich war vermutlich der gleiche. Ein Polizist saß einsam hinter dem Computer, auf dem Namensschild stand L. Meier. Linard grinste, als er ihn sah.
»Capaul, Capaul! Und wo hast du jetzt geparkt?«
Capaul suchte das Glück in der Flucht nach vorn. »Euer Kastenwagen steht im Weg«, beschwerte er sich. »Da ist auch das Fahrverbot, man kann nicht wenden, und rückwärts kommt man nur mit gütiger Hilfe der Passanten.«
Linard feixte. »Das war Jon Lucas Einfall. Fahren die Leute durchs Verbot, schnappt er sie. Natürlich nur Touristen, sonst gäbe es schnell böses Blut. So kassieren wir innerhalb von zwei, drei Tagen unser Monatssoll an Bußgeld.«
Capaul konnte nicht erkennen, ob er sich einen Spaß erlaubte, und beschloss, das Thema zu wechseln. »Ihr wart vom Malojapass schnell wieder zurück.«
»Nur ich, um die Meldung aufzugeben. Die anderen sammeln noch Leichenteile ein. Keine Ahnung, ob die Motorräder stärker werden oder nur die Fahrer schlechter, jedenfalls gibt es jedes Jahr mehr Tote.«
»Woher willst du das wissen? Du bist doch erst ein Jahr im Dienst.«
»Weil ich lese, hier, Statistik.« Linard zeigte auf den Bildschirm. »Jetzt mache ich Platz, damit du den Rapport schreiben kannst.«
»Ich bin noch nicht so weit.«
»Was fehlt denn?«
»Die Aussage des Opfers.«
»Opfer«, wiederholte Linard. »Der Mann hat seine eigene Scheune angezündet. Hier, das sind Opfer.« Er tippte auf der Tastatur, drehte den Bildschirm und zeigte Capaul ein Foto des Motorradunfalls. Matsch in Ledercombi, hätte ihr Dozent in Forensik dazu gesagt. »Dein Klient dagegen«, sagte Linard, »ist doch schlicht senil.«
»Was weißt du davon?« Linard gefiel ihm nicht.
»Ich weiß noch viel mehr. Dass der Löschmannschaft deine traurigen Augen gefallen, zum Beispiel. Auch ich habe Kontakt zur Feuerwehr.« All das sagte er im selben süffisanten Tonfall. Dann fasste er in die Brusttasche, zückte seinen Ausweis und gab ihn Capaul. »Pinggera hat grauen Star im fortgeschrittenen Stadium und eine beidseitige Makula-Degeneration. Er wird nicht sehen können, wessen Ausweis du ihm unter die Nase hältst. Geh und schließ den Fall ab, sonst muss ich morgen der Sache nachrennen, und dazu habe ich nicht die geringste Lust. Wir sind für morgen mit den Münstertaler Kollegen zur Verkehrskontrolle auf dem Ofenpass verabredetet. Das heißt Sonne tanken. Man gönnt sich ja sonst nichts.«
»Das Wetter soll kippen, habe ich gehört.«
»Erst in der Nacht auf Sonntag. Laut Flugplatzwetterdienst. Wir handeln mit Fakten, Capaul, nicht mit ›soll‹ und ›habe ich gehört‹. Apropos, deine Handynummer. Ich kann dich nicht jedes Mal ausrufen lassen.«
»Ich habe kein Handy.«
Linard war einen Augenblick sprachlos. »Wie, ›kein Handy‹? In welchem Jahrhundert lebst du?«
Das wäre der Moment gewesen, sich abzuwenden und zu gehen. Er verpasste ihn. »Ich gehe gleich«, versprach er. »Aber habt ihr nicht auch eine Bescheinigung, die ich ins Auto legen kann, damit ich nicht ewig einem Parkplatz nachrenne? Auf den Gebührenparkplätzen zahlt man sich ja dumm und dämlich.«
»Du meinst so was wie das ›Arzt im Dienst‹-Schild?«
»Ja.«
»Du verkennst die Situation, du bist nicht im Dienst.«
»Was dann?«
»Du tust mir einen Gefallen, das ist alles.«
Also parkte er auch jetzt, zurück in Zuoz, wieder am Bahnhof und stieg ein gepflastertes Weglein ins Dorf empor. Als er Rainer Pinggeras Haus erreichte, war die Sonne hinter den Dächern verschwunden, und gleich wurde es empfindlich kalt. Mehrmals betätigte er die alte Zugglocke. Da er nichts hörte, nahm er an, dass sie nicht funktionierte, und drückte die Klinke. Die Tür war verriegelt. Er sagte sich, dass die Mieter eine eigene Klingel haben müssten, womöglich gab es einen zweiten Eingang. Er ging ums Haus, doch er fand nichts. Nachdem er abermals geklingelt und versucht hatte, die Tür zu öffnen, sah er hinter den Gardinen eines kleinen Erkers, der spitz wie eine Nase aus der Hausfassade in die Gasse hinausragte, den Alten hocken. Er starrte auf ihn herab, so schien es zumindest.
Capaul rief: »Ich hätte noch ein paar Fragen. Sehen Sie, ich habe jetzt auch einen Ausweis.« Aber Pinggera rührte sich nicht.
Währenddessen war Rudis Mercedes die Gasse hinabgerollt, so geräuschlos, dass Capaul ihn erst bemerkte, als die Hitze aus der Kühlerhaube an sein Bein drang. Sobald Rudi ausstieg, öffnete auch der Alte das Fenster und rief: »Gut, dass du kommst, der stellt mir wieder nach.«
Rudi nahm Capaul kurz den Ausweis aus der Hand und betrachtete ihn lächelnd, dann rief er hoch: »Er ist wirklich Polizist. Und wenn der Staat dich würde töten wollen, Onkelchen, könnte er es viel leichter haben.«
»Wie denn?«, fragte Capaul verwundert.
»Ach, Alte seines Schlags muss man nur in ein Heim stecken, und dafür findet sich immer ein Vorwand. Sie sind wie Füchse, eher beißen sie sich die Pfote ab, wenn sie in die Falle tappen, als dass sie sich einsperren lassen.«
Capaul sagte darauf nur: »Ihr Auto ist vorschriftswidrig geparkt.« Es stand mitten in der Gasse.
Rudi winkte ab. »Das ist kein Problem, hier kennen mich alle. Wenn einer durchwill, meldet er sich. Jetzt kommen Sie, Sie sehen ganz durchgefroren aus.« Er schloss die Tür auf und führte ihn ins Haus. »Ich bringe den Polizisten«, rief er. »Er will dir helfen, damit die Versicherung den Schaden zahlt.« Dann fragte er Capaul: »Das stimmt doch, oder?«
Capaul zögerte. »Das ist einer der Zwecke des Rapports.«
Sie zogen die Schuhe aus und betraten eine enge Stube. Es sah aus, als hätte seit dem Krieg die Zeit stillgestanden: geklöppelte Deckchen auf den Armlehnen der Sessel, die Deckenlampe noch mit Kerze, das Linoleum mit Messingleisten und zahllosen Schräubchen verlegt. Gleichzeitig war alles penibel sauber gehalten, es roch nach Schmierseife und Javelwasser.
»Putzen Sie noch selbst?«, fragte er den Alten, während er niederkniete, um das modernste Objekt im Raum zu betrachten, einen Röhrenfernseher von Blaupunkt, wohl eines der ersten Farbmodelle.
»Natürlich, wer sonst?«
»Das stimmt nicht ganz, Onkelchen. Lina hilft dir.«
»Schweig du still, Lina geht die Polizei nichts an.«
Capaul notierte Schwarzarbeit?, doch nur um der Ordnung willen. »Wer räumt denn auf?«
»Ich«, versicherte der Alte. »Die Augen wollen nicht mehr, ohne Ordnung wäre ich am Arsch.«
Rudi lachte. »Du warst schon immer ein Pedant.«
»Ja, ja, ja.« Der Alte winkte missmutig ab. »Was muss ich denn jetzt erzählen?«
»Wie es war«, bat Capaul.
»Wobei du nicht sagen solltest, dass du vergessen hast, das Öfelchen auszuschalten, Onkel, sondern dass du die Stecker verwechselt hast.«
»Welche Stecker?«
»Du wolltest Licht machen, deiner Augen wegen, stattdessen hast du das Öfelchen eingesteckt, und dummerweise war es noch an.«
»Aber ich habe keine solche Lampe im Stall. Keine, die ich einstecken könnte.«
»Dann hast du dich eben geirrt, das kommt vor. Du hast dir kurz eingebildet, du seist im Schlafzimmer. Es geht nur darum, dass diese Öfelchen inzwischen verboten sind. Die Versicherung zahlt nichts, wenn du das Öfelchen mit Absicht verwendet hast.«
»Habe ich auch nicht. Aber ich verstehe dich nicht. Das Einzige, was kaputtgegangen ist, ist dieses Öfelchen. Was soll die Versicherung dann überhaupt bezahlen, wenn nicht das Öfelchen? Und wozu bitte habe ich Licht gebraucht?«
»Du wolltest doch die Klobrille reparieren«, erinnerte ihn Rudi. Zu Capaul sagte er: »Er hat noch ein Plumpsklo, die Brille ist aus Holz, und als er auf sie gestiegen ist … Wieso eigentlich?«
»Was ›wieso‹?«
»Wieso bist du auf die Brille gestiegen? Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn du ins Klo gefallen wärst.«
»Die Glühbirne ist kaputt. Dort habe ich nämlich wirklich eine Lampe, nur ist dauernd die Birne kaputt.«
»Ich wechsle sie dir nachher. Nächstes Mal steigst du nicht mehr hoch, lass einfach die Tür auf, dann scheint die Straßenlampe herein.«
Rudi ging hinaus, um sich die Sache anzusehen. Rainer Pinggera rief ihm nach: »Ich habe eine Taschenlampe. Aber kannst du beim Licht einer Taschenlampe sehen, ob dein Hintern sauber ist? Ich nicht.«
Capaul ging Rudi hinterher. Das Klo lag am Ende eines schmalen Balkons, eine leere Glühbirnenfassung hing direkt über der Schüssel.
»Wunderbar«, sagte Capaul gerührt. »Überhaupt ein wunderbares Haus.«
Rudi hatte nicht die Lampe untersucht, sondern am Brett gerüttelt, auf dem die Brille gelegen haben musste. »Das ist wohl Geschmackssache«, sagte er und richtete sich auf. »Eine richtige Toilette sollte er sich schon gönnen. Was heißt gönnen, ich würde sie ihm ja bezahlen. Aber der sture Bock nimmt nichts an. Wissen Sie, was er für die obere Wohnung an Miete verlangt? Dreihundertfünfzig Franken. Schön, sie hat keine Zentralheizung, und zum Bad muss man durchs Treppenhaus. Aber dreihundertfünfzig Franken in Zuoz, wo die popeligste Eigentumswohnung eine Million kostet.«
Rainer Pinggera rief von drinnen: »Rudi, bring mal meine Brille.«
»Deine Brille? Seit wann benutzt du denn die?«
»Die Klobrille natürlich, wovon reden wir die ganze Zeit?«
Capaul schlug vor: »Wenn Sie mir eine Glühbirne geben, schraube ich sie inzwischen ein.«
»Steigen Sie da bloß nicht hoch, das Brett ist nämlich lose«, sagte Rudi und ließ ihn stehen. Während er im Stall die Brille holte, sah Capaul sich all das Schnitzwerk im Treppenhaus an, eine Uhr, einen Schrank, zwei Truhen. Den Schrank öffnete er einen Spalt weit, in ihm stapelten sich, aufs Akkurateste gefaltet, Putz-, Geschirr- und Leintücher.
Dann kam Rudi wieder, sie gingen zurück in die Stube, und der Alte fragte: »Rudi, sieh nach, ob er etwas eingesteckt hat. Ich habe gehört, wie er herumgeschnüffelt hat.«
»Erklär mir lieber, wie du das hier flicken wolltest, Onkel.« Er drückte ihm mehrere Holzteile in die Hand.
»Ui, ui, ui«, sagte der Alte und breitete sie auf dem Tisch aus, um sie genauer zu betrachten. »Als ich sie in den Stall genommen habe, hatte sie nur einen Riss. Ich habe sie wohl fallen lassen.«
»Ja, so sah es aus, die Teile lagen auf dem Boden verstreut.«
Der Alte seufzte, dann sah er sich nach Capaul um.
»Glauben Sie, die Versicherung könnte mir eine neue Brille bezahlen? Wobei ich gar nicht wüsste, wo man so was noch bekommt. Das ist beste Handarbeit. Rudi, die hat dein Großvater geschnitzt.«
Rudi zwinkerte Capaul zu. »Bestimmt bezahlt die Versicherung das. Und ich kenne im Münstertal einen guten Antikschreiner. Aber dann musst du Herrn Capaul auch endlich erzählen, was passiert ist. Oder was passiert sein könnte. Also, du wolltest die Brille leimen und bist dafür in den Stall gegangen …«
»Leimen? Du hast keine Ahnung! Damit das hält, muss man so was schrauben oder zapfen, und danach muss man lackieren, schleifen, wieder lackieren. Sonst bleibt womöglich ein Spalt, in dem man sich was einklemmt. Hast du dich mal am Reißverschluss eingeklemmt? Dann weißt du, wovon ich rede.«
»Onkelchen, ich habe noch anderes zu tun. Sagen wir, du wolltest sie flicken, dazu hast du Licht gebraucht. Du wolltest die Lampe einstecken, obwohl du dort keine hast, ich weiß, aber du hast eben gedacht, du hättest eine, und stattdessen hast du das Öfelchen eingesteckt. Könnte es so gewesen sein?«
»Nein, wie soll das gehen?«, rief der Alte. »Ich stecke das Öfelchen ein, und der Stall steht in Flammen? So ein Öfelchen ist doch kein Bunsenbrenner. Du bist ein miserabler Lügner.«
»Wie war es denn wirklich, Herr Pinggera?«, fragte Capaul, während er eine Kuckucksuhr an der Wand betrachtete.
»Wie es war? Es hat gebrannt, als ich kam. Das Öfelchen hat ganz normal geblasen, und davor hat es gebrannt.«
»Die Zeitungen und der Farbverdünner?«
»Wieso?«
»Da gibt es kein Wieso«, schaltete sich Rudi ungeduldig ein. »Du hattest dort nun mal Zeitungen und offenbar Verdünner liegen, die Polizei erfindet so was nicht.«
»Nein, ich habe dort keine Zeitungen. Die Zeitungen sind im Schuppen, nicht im Stall, das weißt du doch, du trägst sie mir immer raus.«
»Da waren Zeitungen, Verdünner oder Pinselreiniger und Skiwachs«, versicherte Capaul. »Brandverursacher war das Skiwachs.«
Der Alte wurde still.
»Was ist, Onkelchen?«
»Nichts. Ich glaube, ich kann auch ohne das Öfelchen.«
»Sie wollen den Schaden gar nicht melden?«
»Nein.«
»Keinen Rapport?«
»Ich sage doch: Nein.«
»Onkelchen, natürlich braucht es einen Rapport. Was, wenn das Feuer noch irgendwo glimmt? Oder wenn du einen gesundheitlichen Schaden davonträgst?«
»Mir geht es gut«, versicherte Rainer Pinggera eigenartig bedrückt und stemmte sich hoch. »Ich muss jetzt nur zu Bett.«
»Meinetwegen, vergiss nur nicht zu trinken«, sagte Rudi und ging zu den Schuhen. »Morgen früh kommt übrigens die Spitex. Danach, dachte ich, machen wir ein Fährtchen hoch zur Padellahütte. Dort ist Kehrausparty, sie machen winterdicht. So was gefällt dir doch.«
»Du und ich allein? Bring Annamaria mit.«
»Wie du willst. Bist du sicher, dass es dir gut geht?«
»Doch, doch. Hast du die Glühbirne gewechselt?«
»Ich muss erst eine besorgen, ich komme nachher noch mal her.«
»Lass, das hat Zeit bis morgen. Ohne Brille kann ich sowieso nicht. Ich gehe hoch.«
Rudi wandte sich zu Capaul: »Das Bad, das zur Wohnung gehört, ist nicht gerade modern, aber es hat immerhin eine Toilette mit Spülung. Und die Mieter sind verreist.«
»Woher weißt du das schon wieder?«, fragte der Alte.
»Von dir, du Giftzwerg. Ach, Onkelchen, das heute war wohl alles etwas viel für dich. Schlaf dich aus, morgen sieht die Welt ganz anders aus.«
Er wollte ihn umarmen, aber der Alte ging schon zur Tür und hielt sie auf. »Vergiss nicht, diesen Polizisten mitzunehmen«, sagte er zum Abschied.
III
Als Capaul diesmal aufs Revier zurückkehrte, ging der Summer schon, bevor er überhaupt die Klingel gedrückt hatte. Inzwischen hielt Jon Luca die Stellung, er tippte mit zwei Fingern auf der Tastatur und fluchte auf Romanisch. Capaul sah jetzt auch den Bildschirm, auf dem man den Eingang sehen konnte.
»Woher wusstest du, wer ich bin?«, fragte er.
»Aus deiner Akte natürlich«, sagte Jon Luca, ohne aufzusehen. »Außerdem hat längst die Runde gemacht, dass du ein Hübscher sein sollst.«
Capaul hörte darüber hinweg. Er beugte sich über den Tresen und legte Linard den Ausweis ins Fach, dann fragte er: »Ich sollte den Brand in Zuoz rapportieren, aber das Opfer will gar keinen Rapport. Was tue ich jetzt?«
»Schreib einen internen Bericht, drei Sätze, dann geh und trink ein Bier darauf, so leicht machen sie es dir selten. Sieh mich an, ich bin fast den ganzen Tag einer Anzeige wegen unerlaubten Plakatierens nachgerannt. Du glaubst nicht, was ich angeschnauzt wurde. Und der ganze Mist gehört jetzt auch noch ins Protokoll.«
»Ich schreibe ja eigentlich gern.«
»Dann bist du hier definitiv richtig. Aber ich dachte, du fängst erst am Montag an?«
»Linard hat mich gebeten einzuspringen. Aber ich glaube, ich habe ihn genervt.«
»Ihn nerven alle. Nimm seine Launen nicht zu ernst. Er kommt mit den Leichen in unserem Beruf nicht klar, und das lässt er an jedem aus. Ich glaube kaum, dass er es bis zum Gefreiten schafft.« Den zwei Zacken auf den Schulterpatten nach war Jon Luca schon Korporal. »Wie steht es mit dir, hast du Probleme mit Toten?«
»Bisher nicht«, sagte Capaul.
»Hast du überhaupt schon welche gesehen?«
»Keine Verkehrstoten.«
»Sondern?«
Statt zu antworten, deutete Capaul auf den Bildschirm. »Wenn du willst, kannst du mir diktieren, und ich tippe.«
Jon Luca lachte und machte Platz. »Du bist mehr einer von der maulfaulen Sorte, was? Dafür lade ich dich nachher auf eine Cola ein. Du musst sie allerdings holen.«
Nachdem das Protokoll verfasst war, erklärte Capaul jedoch: »Ich bin müde. Die Höhe. Oder das Wetter. Ich gehe mal lieber zu Bett.«
»Um sieben Uhr abends?«
»Ich habe auch Kopfweh.«
Tatsächlich hatte die Arbeit am Computer es wieder befeuert. Er nahm einen Apfel aus dem Früchtekorb, der sollte ihm das Abendbrot ersetzen. Doch zuvor musste er noch das Parkplatzproblem lösen.
»Polizeistunde«, rief Bernhild von drinnen, als er die Tür zum Wassermann aufstieß.
»Ich bin es nur«, sagte er und schob den Kopf durch den Vorhang.
»Dann stimmt es ja sogar«, witzelte sie. »Polizeistunde ist das Einzige, was diese Bauern verstehen. Sage ich ›Geschlossen‹, quetschen sie sich erst recht rein, weil sie denken: ›Zwei, drei kleine Blonde, danach habe ich es mit diesem Mädel lustig.‹«
Sie saß am Stammtisch und rechnete Belege zusammen.
»Ich gehe gleich hoch«, versicherte er. »Aber wo kann ich das Auto parken?«
»Wo steht es denn jetzt?«
»Beim Bahnhof, aber dort muss man im Voraus zahlen, und ich hatte kein Kleingeld mehr.«
»Egal, lassen Sie es stehen, nach sieben Uhr kontrolliert keiner mehr. Morgen früh stellen Sie es bei mir hinters Haus, unters Schild mit dem Parkverbot, das habe ich da hingemacht. Ich muss aber noch mit dem Lieferwagen durchkommen. Und jetzt setzen Sie sich gefälligst, Sie hatten bestimmt noch kein Abendessen. Ich wärme uns Reste, geht aufs Haus.«
Da trotz des Apfels sein Magen knurrte, nahm er dankend an. Während sie in der Küche war, benutzte er kurz das Bad. Bernhild hatte zwei Handtücher auf die Kommode gelegt, auf jedes davon eine kleine Seife in Form einer Rosenblüte, die wieder je ein Zettelchen beschwerte: Auf einem stand Capaul, auf dem zweiten Unterpertinger.
»Haben Sie noch einen zweiten Gast?«, fragte er, als er zurückkam. Sie hatte aus den Spaghetti vom Mittag, einer Dose Mais und Mayonnaise etwas wie Nudelsalat gemacht, dazu gab es eine Essiggurke und Brot aus der Plastiktüte.
»Wein?« Sie schenkte zwei Gläser mit Merlot aus der Literflasche ein, dabei erklärte sie: »Unterpertinger, das bin ich. Es ist eben auch mein Bad, aber das reibt man nicht gern den Gästen unter die Nase.«
»Dann Entschuldigung, dass ich gefragt habe.«
Sie kicherte wie ein Schulmädchen. »Quatsch, für dich bin ich sowieso die Bernhild. Eigentlich für die meisten. Wie nennen sie dich?«
»Capaul.« Er begann zu essen.
»Ich verstehe, ein Polizist hat ja auch andere Stammgäste«, witzelte sie. »Aber deine Freunde?«
Er zögerte. »Capaul.«
Sie lachte. »Deine Mutter?«
Er probierte nochmals etwas Salat, dann legte er die Gabel beiseite, wischte sich den Mund ab und spülte ihn mit einem kleinen Schluck Kochwein aus. Er studierte die Aussicht aus dem Fenster – es war die nachtgraue Fassade eines Nachbarhauses – und fragte: »Kennen Sie einen Pinggera Rudi?«
»Wir waren beim Du.«
»Kennst du einen Pinggera Rudi?«
»Ja, natürlich. Rudi ist seit dreißig Jahren unser Goldjunge. Nein, unser Silberjunge. Kaum einer hat so viel fürs Oberengadin getan wie er. Schön, mit der Olympia-Kandidatur hat er es überzogen, aber das verzeiht man ihm gern. Bestimmt haben sogar viele, die eigentlich dagegen waren, nur ihm zuliebe Ja gestimmt. Obwohl wir wirklich nicht das Geld haben, uns solche Experimente zu leisten.«
Capaul bat um noch eine Gurke, dann fragte er: »Woher hat er denn sein Geld?«
»Ja, das wüssten alle gern. Ich habe gehört, auf seiner Visitenkarte steht Gesprächspartner. Vielleicht bezahlen ihn gewisse Leute wirklich dafür, dass er dabei ist. Er macht eben eine gute Figur, er gibt einem Anlass das gewisse Etwas. Man muss ihn einfach mögen, er ist ein Strahlemann. Und er ist einer von uns, irgendwie steht er stellvertretend für das Oberengadin: Wir sind ja nicht so reich, wie wir tun. Wir haben auch nicht die höchsten Berge. Wir geben nur an, und jeder spielt das Spiel mit. Gleichzeitig schämen wir uns immer ein bisschen für uns. Wir denken, das muss doch auffliegen, dass wir in Wahrheit nur ein Bauernkaff im schnieken Anzug sind. Aber soll ich dir was sagen? Auch die meisten Reichen, die hierherkommen, um Ferien zu machen, sind nur Bauern im schnieken Anzug. Und mit Ehrlichkeit wurde keiner von ihnen reich. Deshalb mögen sie es hier wohl auch.«
Inzwischen hatte Capaul auf Rudis Visitenkarte nachgesehen, es stimmte. R. Pinggera, Gesprächspartner, stand da in silberfarbenen Lettern. »Wie war Rudi unehrlich?«, fragte er.
Bernhild tat ihm ungefragt eine dritte und vierte Essiggurke auf den Teller, dafür war er sehr dankbar, dabei sagte sie: »Rudi hat gar keine Olympiamedaille. Sie wurde ihm aberkannt. Er wollte Gold, nicht Silber, und hat deshalb nach dem Rennen behauptet, der Sieger, ein Österreicher, hätte an einer Stelle, an der keine Kamera stand, ein Tor ausgelassen. Die Streckenposten hatten aber nichts gesehen. Dafür sagte dann der Österreicher: ›Messt lieber mal dem Pinggera seine Bindungsplatten nach.‹ Und die waren zwei Millimeter zu hoch, oder zwei Hundertstel oder zwei Tausendstel. Da konnte er die Silberne auch abgeben, und das Schlimmste: Jetzt waren zwei Oberösterreicher auf dem Podest und ein Südtiroler.«
»Was ist daran schlimm?«
Bernhild lachte fröhlich. »Dass wir in Tat und Wahrheit alle eine Familie sind, Tiroler, Südtiroler, Engadiner. Pinggera ist sogar ein Südtiroler Name. Aber wir neiden einander alles. Wer hat die schöneren Berge, mehr Schnee, mehr Gäste? Und vor allem: Wer hat die besseren Sportler?« Sie trug ab. »Wie kommst du überhaupt auf den Rudi?«, rief sie aus der Küche. »Ist ihm etwas passiert?«
»Nein, seinem Onkel. Und er hat mich zum Skifahren eingeladen, mit dem Hubschrauber.«
Sie kam mit zwei Schnäpschen wieder. »So läuft das eben. Wenn du geschickt bist, kannst du dir hier oben als Polizist bestimmt ein gutes Leben machen. Einen Hubschrauberflug kann ich dir nicht bieten, aber wenn du magst, ich habe oben ein kuscheliges Sofa. Warum sehen wir uns nicht den Kommissar-Brunetti-Film an, und danach haben wir etwas Spaß?«
»Ich fand es schon spaßig«, versicherte Capaul. »Jetzt muss ich ins Bett.«
Sie seufzte. »Ich kann dich wohl auch nicht mit einem Ausflug ins Cash & Carry in Samnaun locken, oder? Morgen früh?«
»Hast du morgen nicht geöffnet?«
»Das wäre vergebene Liebesmüh, samstags ist sowieso nur der Stammtisch besetzt, und vor dem ersten Schnee sind alle auf Trab, die einen müssen noch ernten oder mähen, die anderen bringen Jauche aus. Dazu kommt, dass ich noch die Sommerreifen draufhabe, die Winterreifen sind durch. Wer weiß, wann die Straßen wieder frei sind.«
»Ich wollte eigentlich auf die …«, er blätterte im Blöckchen, »… auf die Padellahütte. Dort ist Kehrausparty.«
»Na also, ich wusste doch, im Grunde bist du ein fröhlicher Gesell. Wenn das eine Einladung ist, nehme ich sie gern an. Und wenn du morgen ausgeschlafen bist, hast du ja vielleicht auch Lust, mit mir zu shoppen.«
Aus dem erholsamen Schlaf wurde nichts. Er versuchte, im Kopf den Bericht in drei Sätzen zu formulieren, und bekam ihn nicht hin. Rainer Pinggera entdeckte Feuer in seinem Stall. Er hielt es mit einem Gartenschlauch in Schach, und die Feuerwehr war schnell vor Ort, bestand streng genommen aus nur zwei Sätzen, und ersetzte er das Komma durch einen Punkt, holperte es furchtbar. Zudem schien ihm das Ganze zu knapp. Als Rainer Pinggera den Heustall betrat, um eine defekte Toilettenbrille zu reparieren, entdeckte er, dass ein Heizofen Altpapier in Brand gesetzt hatte. Er griff zum Gartenschlauch und hielt das Feuer in Schach, bis die Feuerwehr kam. Das war ausführlicher, aber nun waren es entschieden nur zwei Sätze. In beiden Versionen schien ihm auch etwas zu fehlen, sogar mehreres: Pinggeras Mordverdacht und die Tatsache, dass er – trotzdem oder eben deshalb? – auf einen Polizeirapport verzichtete.
Offenbar wusste er einfach noch zu wenig, um den Fall, der kein Fall war, abzuschließen. Wie immer legte er sich auf seine rechte Seite, um kurz vor dem Einschlafen auf die Linke zu wechseln, doch er hatte das Fenster einen Spalt geöffnet gelassen, und nun zog es ihm in den Nacken. Er schloss das Fenster, danach hielt ihn der Gestank wach. Im Halbschlaf war er überzeugt, der Teppich, die Matratze oder beides sonderten giftige Dämpfe ab. Umso mehr freute er sich, als ihm einfiel, dass er viel zu wenig getrunken hatte. Auf der Toilette trank er vom Hahn, und zurück in seinem Zimmer, entdeckte er ein an die Tür geschraubtes Klapptischlein. Es ließ sich zwar nur ausklappen, während die Tür geschlossen war. Doch so lange konnte er darauf seine Uhr und zwei, drei Dinge legen, die ihm wertvoll waren, wie etwa ein Kettchen aus Lotussamen aus dem kleinen Nachlass seiner Mutter. Das Zimmer gewann dadurch enorm an Wohnlichkeit.
Als Capaul zum Frühstück kam, saß Bernhild am Stammtisch und war dabei, Aromat in den Gewürzkörbchen nachzufüllen. Ihn hatte sie ganz auf die andere Seite der Stube gesetzt. »Ich selbst bin ja ein Mensch, der beim Frühstück seine Ruhe will«, sagte sie. Dafür hatte sie ihm ein mit Tesafilm verklebtes Klarsichtmäppchen neben den Teller hingelegt. Es enthielt einen Ausschnitt aus einer Boulevardzeitung, dem Blick wohl, und zeigte ein barbusiges Seite-3-Girl. Offensichtlich war es schon durch viele Hände gegangen. Capaul warf nur einen kurzen Blick darauf, dann öffnete er eine der Gerberkäse-Ecken und strich sein Brot.
Bernhild hatte ihm Kaffee gebracht, dann war sie dazu übergegangen, Maggi-Fläschlein aufzufüllen. Das war eine diffizile Angelegenheit, bei der sie immer wieder die Zunge vorschob und vor sich hin murrte. Ganz nebenbei bemerkte sie: »So rein körperlich habe ich mich ja seit damals kaum verändert.«
Nun las Capaul auch die Bildlegende: Bernhild (19) ist Kellnerin aus Leidenschaft. Wo sie serviert, bleibt kein Mund trocken.
»Hat die Zeitung dafür bezahlt?«, fragte er.
Schweigend stand Bernhild auf, nahm seine Tasse und ließ einen zweiten Kaffee aus der Maschine, dann setzte sie sich neben ihn.
»Wenn man so ein Bild sieht, Capaul, dann sagt man: Donnerwetter. Oder: Tolle Brüste. Oder: Mensch, da hab ich was verpasst. Oder: So was Süßes hätte ich ja auch gern mal in der Falle. Klar?«
»Donnerwetter«, sagte er folgsam.
»Ist das alles?«
»Donnerwetter, damals hattest du noch lange Haare.«
»Ich habe auch jetzt lange Haare, Dösel. Hast du überhaupt hingesehen?«
»Tatsächlich, waren sie denn damals auch schon rot?«
Sie nahm das Mäppchen an sich und stand kommentarlos auf. Nachdem sie die Gewürzkörbchen auf die Tische verteilt hatte, fragte sie: »Brauchst du noch was? Ich fahre dann sonst jetzt los. Ich nehme nicht an, dass du mitkommen willst.«
»Oh doch, eigentlich schon, also zumindest, wenn du mich ans Steuer lässt. Dein Lieferwagen hat doch sicher Gangschaltung, die muss ich noch üben.«
Ihr rostroter oder vielleicht auch nur rostiger Citroën Jumper war eine Herausforderung für sich mit seinem ausgeleierten Getriebe. Die Gänge sprangen öfters raus, und die Bremse griff nur, wenn Capaul mit voller Kraft aufs Pedal trat.
Samnaun war ein entseeltes Dörfchen mit einer stereotypen Einkaufsmeile, in der Edelmarken mit Sonderangeboten lockten. Etwas außerhalb des Dorfs erhob sich eine große Warenhalle mit den sonderbarsten Artikeln für Hotellerie und Gastronomie, von der Hundewaschanlage bis zum Serviettenhalter in Raketenform.
Bernhild kannte sich aus und steuerte gleich die relevanten Regale an. »Tomaten«, sagte sie etwa, und Capaul dachte: Schön, schnappen wir uns die Tomaten, doch dann öffnete sich vor ihm eine fast endlose Galerie an Dosen, Tuben und Einmachgläsern unterschiedlichster Herkunft und Qualität. Capaul lernte, den Preis von Konserven nach ihrem Einlagegewicht zu beurteilen und eingebeulte Dosen entweder zurückzustellen oder im Preis herunterzuhandeln. Er lernte, Kaffeesorten nach ihrem Duft zu beurteilen. Dazu stach Bernhild mit einer Stecknadel, die sie extra dafür am Revers mitführte, ein Löchlein ins Paket: »Guter Kaffee«, sagte Bernhild, »riecht wie Pipi auf der Haut.« Er erfuhr, dass Steinpilzsauce keine Steinpilze enthält, sondern ein Tubenextrakt lettischer Herkunft, dazu Rahmfix und Shiitakepilze, und er lernte, Kochwein von Tafelwein zu unterscheiden. Am Vorabend hatten sie doch Tafelwein genossen, Kochwein verkaufte sich per Gallone. Er erfuhr endlich, dass in Kaffeerahm kein Rahm steckt, sondern Abfallmolke, und dass Handwerker diese Abfallmolke echter Milch im Kaffee ebenso vorziehen wie sogenanntes Sägemehl dem echten Parmesan.
Als sie zwischen Lasagneblättern und Kehrbesen für Kinder schließlich einen Sonderposten Henna entdeckten, brachte sie ihm außerdem bei, dass die Wahl der perfekten Haarfarbe in keiner Weise Geschmackssache ist, sondern vom Hautton, der Augenfarbe und sogar der Lippenform abhängt: Je voller die Lippen, desto dunkler die Färbung. Bernhilds perfekter Farbton war leider schon aus.
Das viele neue Wissen machte Capaul regelrecht beschwingt. Der Dämpfer kam erst, als ihm sein Chrysler wieder einfiel, der noch immer unerlaubt auf dem Gebührenparkplatz in Samedan stand. Nun hatte er es eilig, zurückzufahren, was nicht nur beiden auf die Laune schlug, es beschleunigte die Sache auch nicht, weil er bei den Lichtsignalen an all den Baustellen regelmäßig den Motor abwürgte – zweimal verpassten sie so die Grünphase. Dann setzte Bernhild sich ans Steuer.
Beim Bahnhofskreisel ließ sie ihn raus, von dort war es nur ein paar Schritte bis zum Parkplatz. Erst als Capaul den Chrysler aufschloss, entdeckte er eine Wegfahrsperre am linken Vorderrad, unter dem Scheibenwischer klemmte ein zweiter Bußzettel. Darauf stand: Links, rechts, links, hinterm Hauptmann stinkt’s.
Kurz dachte er daran, auf dem Revier den Schlüssel für die Wegfahrsperre zu holen. Doch dann fiel ihm ein, dass Linard ihn sicher mit auf den Ofenpass genommen hatte, also ging er zum Wassermann, um Bernhild ausladen zu helfen.
Sie fragte nicht, warum er gekommen war, doch als er Hand anlegen wollte, winkte sie ab. »Die verderbliche Ware ist bereits drin, das andere eilt nicht. Fahren wir lieber gleich los, auf ein Tänzchen mit dir in der Padellahütte hatte ich mich nämlich am meisten gefreut.«
Sie wollte ihn sogar wieder ans Steuer lassen. Aber Capaul sagte: »Wenn ich aussuchen darf, sehe ich mir lieber die Landschaft an. Ihr habt es schon verflixt schön hier oben.«
IV
Er war auch deshalb froh, dass Bernhild fuhr, weil auf dem Bergsträßchen – oft kaum mehr als ein Pfad – gleich mehrmals ein Gemeindefahrzeug die Durchfahrt versperrte, Wegmacher schlugen mit Signalfarbe gestrichene Pfosten ein, um die Fahrbahn für den Winter zu markieren. Dabei brannte die Sonne fast sommerlich, über den Wiesen und zwischen den Lärchen flimmerte der Staub, und das Bergpanorama schien mit jeder Kurve an Tiefe und Kraft zu gewinnen. Im Vorbeifahren nannte ihm Bernhild die Flurnamen, und sie sprach sie so rund und geschliffen aus, als lutsche sie ein Bonbon: Crap Sassella, Bugliets, Muntarütsch, Surpunt Dadeins. Obwohl der Citroën Jumper stank und polterte, fühlte Capaul je länger, je mehr den Hauch von Ewigkeit, von dem einer seiner Ausbilder ihm vorgeschwärmt hatte, nachdem bekannt geworden war, dass Capaul die Stelle in Samedan bekam.
Als er Bernhild davon erzählte, setzte sie noch einen drauf: »Sechstausend Fuß jenseits von Mensch und Zeit«, zitierte sie erst Friedrich Nietzsche, danach gab sie gleich eine ganze Reihe Zitate zum Besten, herausgegeben vom Tourismusverein Engadin in einer Broschüre eigens für die Wirte und Fremdenführer des Tals. Das ihres Erachtens schönste, eines von Proust, sagte sie gleich mehrmals auf: »Wir haben einander geliebt in einem verlorenen Örtchen des Engadins, das einen zweifach süßen Namen trägt. Ringsum gibt es drei seltsam grüne Seen, die zwischen tiefen Tannenwäldern liegen.«
Danach herrschte im Citroën Jumper einen Augenblick lang eine Art aufgeladene Stille. Capaul brach sie, indem er fragte: »Der St. Moritzersee, der Silsersee, und welcher ist der dritte?«
»Eigentlich sind es ja vier«, antwortete Bernhild etwas widerwillig, »der Champfèrersee und der Silvaplanersee.« Gleich darauf erreichten sie die Padellahütte.
Die Kehrausparty war in vollem Gang, die Veranda gestoßen voll mit Menschen. Viele saßen in der Sonne und tranken, doch in der Hütte wurde auch getanzt, zu Ziehharmonika und Bass, und ein Junge, dessen verklärter Blick etwas Engelhaftes hatte, schlug mit Löffeln den Rhythmus. Während Capaul und Bernhild sich durch die Menge schoben, stimmte die Musik Alles fährt Ski an, wohl zu Ehren des Pinggera Rudi, denn er schwang mit einer älteren Frau das Tanzbein, der Mutter des Hüttenwarts, wie Bernhild ihm zurief.
Bernhild schwang mit ihm auch gleich die Arme, doch auf einen richtigen Tanz ließ Capaul sich nicht ein. »Ich hätte im Wirtshaus noch auf die Toilette gehen sollen«, sagte er und ließ sie stehen.
Vor allem wusch er ausgiebig das Gesicht, denn mit zunehmender Höhe waren die Kopfschmerzen wieder stärker geworden, und er hoffte, die Kälte würde sie vertreiben. Doch das eisige Wasser machte, dass er sich noch mehr verspannte. Während er den Nacken massierte und aufs Geratewohl einige Stellen drückte, die er für Akupressurzonen hielt, kam Rudi in den Waschraum.
»Die meinen es ja jeweils nur gut«, stöhnte er, »doch ich kann dieses Alles fährt Ski nicht mehr hören. Und Sie, wer sind Sie heute, Linard Meier oder Capaul?«
Capaul überging die Frage. »Wie geht es Ihrem Onkel?«, erkundigte er sich.
»Blendend, er amüsiert sich draußen. Ich glaube, er spielt Karten. Er war mal Preisjasser, eine richtige Wettkampfsau. Von irgendwem muss ich das Gen ja haben. Wenn Sie wollen, bringe ich Sie zu ihm.«
»Gern«, sagte Capaul. Doch dazu mussten sie an der Theke vorbei, und im Gedränge verlor er Rudi. Er sah eine Weile zu, wie Bernhild mit Peter, einem ihrer Stammgäste, tanzte, dann quetschte er sich durch die Masse, um an die frische Luft zu kommen. Er war fast draußen, als ihn jemand am Arm festhielt, es war Luzia.
»Du hast ja schnell herausgefunden, wo man sich trifft«, schrie sie ihm ins Ohr. »Wie wär’s mit einem Tänzchen?«
»Ich kann nicht tanzen.«
»Dann ein Gläschen.« Den glühenden Wangen nach schien sie schon einige intus zu haben, es wäre auch nicht nötig gewesen, dass sie so schrie.
»Ich bin im Dienst«, behauptete er.
Doch sie lachte nur. »Diesen Dienst kenne ich. Linard hat mir verraten, dass alles nur ein Spaß war.«
»Was heißt Spaß? Außer mir war niemand da, um den Fall aufzunehmen.«
Luzia zuckte mit den Schultern. »Klärt das besser untereinander.«
Sie wollte sich an ihm vorbeischieben, doch nun hielt er sie zurück. »Hast du ihn gesehen?«, fragte er.
»Linard? Der hat Dienst.«
»Nein, den alten Pinggera.«
»Ja, der war hier, aber das ist eine Weile her.«
»Und Annamaria?«
»Welche Annamaria?«
»Ich weiß nicht, ich glaube, sie ist Rudis Freundin.«
Doch die schien sie nicht zu kennen, sie schüttelte den Kopf und mischte sich unter die Tanzenden.
Als Capaul die Veranda erreichte, stand Bernhild mit Peter am Zaun, er rauchte, sie leistete ihm Gesellschaft.
»Stand dir jemand auf der Leitung?«, fragte sie gereizt. »Ich dachte, wir sind zusammen hier.«
»Ich habe den alten Pinggera gesucht. Kennst du eine Annamaria? Er wollte gestern, dass sie mitkommt mit Rudi und ihm.«
Bernhild zeigte auf eine Mittvierzigerin, das Haar mit einem roten Glarner Tüchlein zurückgebunden, die bei einer Jassrunde älterer Männer saß. Sie warf Kommentare ein, die Männer lachten, und Annamaria wirkte darüber jedes Mal von Neuem überrascht. In ihrer ganzen Erscheinung hatte sie etwas Rührendes, irgendwie Bedürftiges. Wie sie und der knallige Rudi zusammenpassen sollten, konnte Capaul nicht begreifen.
Während er sie beobachtete, sagte jener Peter: »Es stimmt, sie sind zu dritt gekommen, Rudi, sein Onkel und sie.«
Capaul stellte sich zur Jassrunde, wartete, bis Annamaria ihn ansah, und fragte: »Entschuldigung. Rainer Pinggera, wo finde ich den?«
Sie stand gleich höflich auf. »Drinnen, nehme ich an. Er wollte der Musik zuhören.«
»Sein Neffe meint aber, er wäre hier draußen.«
Annamaria überblickte kurz die Veranda, dann berührte sie scheu Capauls Schulter und versprach: »Ich werde ihn suchen.«
Die Männer setzten ihr Spiel fort. Der Kartengeber sagte zu den anderen: »Ich dachte, ich hätte gesehen, dass der Rudi mit ihm weg ist, am Mittag schon.«
»Ich dachte es erst auch, das neben Rudi war aber die Annamaria, die ist ja heute auch ein Rotkäppchen. Sie sind zusammen in die Pilze.«
Die Männer lachten, und weil inzwischen auch ausgeteilt war, konzentrierten sie sich wieder auf ihr Blatt.
Bernhild war Capaul nachgekommen. »Willst du jetzt etwa jassen? Meinetwegen jassen wir auch.«
»Ich kenne die Regeln gar nicht«, gestand Capaul. »Ich warte auf Annamaria, sie will Rainer Pinggera für mich finden.«
»Was willst du eigentlich von ihm?«
»Nur fragen, wie es ihm geht. Wie er sich vom Brand gestern erholt hat. Ob er noch immer keinen Rapport will.«
Annamaria kam ohne Rainer Pinggera, dafür mit Rudi. Er schimpfte: »Hat der Idiot sich heimlich davongemacht?«
Annamaria antwortete: »Vielleicht hat ihn jemand heimgefahren«, und Rudi rief gleich in Zuoz an, doch nahm keiner ab.
Bernhild war dafür, die Festgemeinde zu befragen, doch Rudi meinte: »Dann ist die Party gelaufen. Nein, ich fahre zu ihm nach Hause und sehe nach. Annamaria und Capaul, ihr sucht inzwischen die Gegend ab. Weit kann er nicht sein, höchstens auf einen Spaziergang, vielleicht hat er sich den Fuß verknackst.«
»Peter und ich helfen natürlich suchen«, sagte Bernhild. Sie teilten sich gleich auf.
Capaul bekam die leichteste Strecke zugeteilt, den Panoramaweg Richtung Alp Muntatsch mit Blick über den Morteratschgletscher, die Diavolezza und auf den über allem thronenden Piz Palü, der laut Annamaria aussehen sollte wie eine Teufelsklaue, die krampfhaft das Bergmassiv niederzieht, damit es nicht ganz in den Himmel wächst und den Menschen erlöst. »Sechstausend Fuß jenseits von Mensch und Zeit«, bemerkte Capaul und marschierte los.
Zu Fuß durch die wilde Landschaft zu ziehen hatte eine nochmals andere Kraft. In aller Heftigkeit fühlte er im Wald den steten Wechsel von Sonnenhitze und Schattenkälte, wohlig war das nicht, dafür umso eindrücklicher. Dazu der schwere Duft der Disteln, von Nadelholz und Heu. Der Waldboden gab unter seinen Füßen nach. Als er mit dem Schuh den Nadelteppich zur Seite schob, wimmelte es von Ameisen, roten, schwarzen, einige davon riesig.
Die Vögel, die er hörte, zwitscherten nicht, sie schrien. Auch Grillen glaubte er zu hören, wobei das ebenso die Heuwender und Jauchewagen sein mochten, die er klein und emsig wie Käfer auf dem Talboden ihre Spur ziehen sah. Ein Murmeltier beobachtete ihn, gleich darauf rannte ein Eichhörnchen vor ihm her, das doch ziemlich anders aussah als Bernhilds Frisur. Und die Aussicht über das Tal, durch das der Inn sich schlängelte wie eine Blindschleiche, auf kleine smaragdgrüne Bergseen und auf Gipfel, so scharfkantig wie gebleckte Wolfszähne, war von einer Wucht, die Capaul mit einem sehr tiefen Gefühl erfüllte, für das er allerdings keinen Namen hatte. Nur vom alten Pinggera fehlte jede Spur, er rief mehrmals vergeblich, und keiner der Wanderer, die er ansprach, hatte ihn gesehen.
Dann führte der Weg um eine Biegung, das musste das Val Bever sein, hier reichte die Sonne nicht hin, und sofort schlug ihm auch eisiger Wind entgegen. Sein Schädel pochte plötzlich wieder, zudem roch es nach Winter. Capaul hatte Angst, sich zu verirren und die Nacht am Berg verbringen zu müssen, und kehrte um.
Die Angst verschwand gleich wieder, als er zurück in der Sonne war, ebenso die Eile. Kurz bevor er bei der Padellahütte war, setzte er sich für ein paar Minuten auf einen Wegstein, schloss die Augen, ließ die Sonne aufs Gesicht scheinen und sah, als er sie wieder öffnete, wie ein Kleinflugzeug, das auf dem Flugplatz hatte landen wollen und wohl von einer Bö erfasst wurde, eine abenteuerliche Schlaufe flog, bevor es in zweitem Anlauf ruppig aufsetzte.
Summend kehrte er zur Hütte zurück, dort herrschte unerwartete Hektik. Capaul hatte die hohen Wolken gar nicht bemerkt, die sich inzwischen über dem Piz Padella türmten. Angeblich konnte es jederzeit zu schneien beginnen, dabei war der Schnee erst auf die Nacht hin erwartet worden. Viele Gäste waren schon talwärts gefahren, der Hüttenwart und seine Leute machten eilig klar Schiff. Bernhild hatte auf Capaul gewartet, auch sie drängte zum Aufbruch.
Er konnte kaum glauben, dass er drei Stunden fortgeblieben war. Annamaria hatte den Alten längst gefunden und die anderen, da sie untereinander die Handynummern ausgetauscht hatten, zurückgerufen. Unterhalb der Hütte, abseits vom Weg, lag ein Geröllhang, in dem nicht nur Steinschlaggefahr bestand, er hieß im Volksmund auch »Öv in painch«, Spiegelei, weil die Sonne ihn aufheizte wie ein Ei in der Pfanne. Dort hatte er gesessen oder gelegen, völlig betrunken. Annamaria hatte versucht, ihn hoch zur Hütte zu schaffen, dann wollte sie die Rega rufen. Doch inzwischen hatte Rudi den Hüttenwart mobilisiert, der eine Art Raupenfahrzeug hatte und den Alten hochgeschafft hatte.
Das alles erzählte ihm Bernhild unterwegs zum Lieferwagen, den sie einige hundert Meter tiefer am Wegrand geparkt hatten.
»Haben sie ihn ins Spital gebracht?«, fragte er.
»Ich weiß nicht, ich glaube, sie wollten ihn heimbringen. Rudi meinte, es sei nicht der erste Suff seines Onkels.«
»Zeig mir die Stelle, wo sie ihn gefunden haben«, bat Capaul, aber Bernhild zeigte ihm den Vogel.
»Wir haben Sommerreifen drauf«, erinnerte sie ihn. »Dazu bremst die Karre kaum noch. Wie willst du im Schnee vom Berg runterkommen?«
»Runter kommt man immer«, stellte Capaul fest, und der Scherz kam für Bernhild so unerwartet, dass sie ihn erst nur mit offenem Mund ansah.
»Schau an, der Partymuffel taut auf! Aber jetzt eingestiegen.«
Und wirklich, sie hatten kaum den Lieferwagen im Hof des Wassermanns geparkt, als die ersten, dicken Flocken fielen.
Schönerweise war gleichzeitig Capauls Kopfweh wie weggeblasen. Das ließ ihn wieder unternehmungslustig werden, und nachdem er festere Kleidung angezogen hatte, machte er sich auf zum Polizeiposten, um die Wegfahrsperre an seinem Auto loszuwerden. Zwar brannte auf dem Revier Licht, doch auf sein Klingeln öffnete niemand.
Also nahm er den Zug nach Zuoz, um sich nach Pinggeras Befinden zu erkundigen. Er freute sich, denn er fuhr in einer jener kleinen roten Kompositionen der Rhätischen Bahn, wie er sie am Albulapass gesehen hatte, mit Waggons wie aus einer anderen Zeit, selbst die Fenster ließen sich noch öffnen. Und für eine Minute, bis jemand schimpfte, hielt er das Gesicht in den Fahrtwind und war glücklich wie ein Schulbub.
Die Bahn zuckelte durch die Abenddämmerung von Bahnhof zu Bahnhof – Bever, La Punt-Chamues-ch, Madulain –, tiefblau breitete sich die verschneite Ebene hinter den Waggonfenstern aus, und nur in den Kegeln der Stationslampen sah er, in wie dicken Flocken inzwischen der Schnee fiel. Während er in Gedanken wieder bei den drei Sätzen für den Bericht war, ahnte er auf der parallel zum Bahngleis verlaufenden Kantonsstraße ein Chaos, vielleicht ein kleinerer Auffahrunfall. Im Stillen grüßte er hinüber zu seinen Kollegen, danach genoss er die gemütliche Zugfahrt noch mehr und fing, als er in Zuoz ausstieg, mit der Zunge ein paar Schneeflocken. Der Schnee schluckte die Geräusche, wie durch Watte hörte er aus mehreren Richtungen Gehupe und war abermals froh, dass er den Zug genommen hatte.
Auch hinter Rainer Pinggeras Fenster brannte Licht, und obwohl Rudis Mercedes in der Gasse stand, öffnete ebenso keiner auf Capauls Klingeln. So machte er einen kleinen Spaziergang durchs Dorf, betrachtete die Auslage in Luzias Lädelchen und wunderte sich darüber, wofür andere Menschen augenscheinlich Verwendung fanden: Duftkissen mit Arvenspänen, Flaschenabtropfhalter und Handtücher mit aufgestickten Sprüchen wie Vergissmeinnicht oder Dû bist mîn, ich bin dîn, we lôve Engadîn.
Als er in die Foura Chanels zurückkehrte, war Rudis Auto fort, und er brauchte nur einmal zu klingeln, gleich kam Annamaria an die Tür. Sie sah verweint aus.
»Ich dachte, Rudi hat etwas vergessen«, erklärte sie ihre Eile.
Capaul sagte: »Ich bin froh, dass sein Onkel nur betrunken ist. Darf ich kurz reinkommen?«
Annamaria zögerte, trat dann aber beiseite und wies ihm den Weg den Flur entlang. »Das Schlafzimmer ist rechts.«
Rainer Pinggera lag in einem antiken Kastenbett, es war noch für viel kleinere Menschen gebaut, dafür unüblich breit, so als hätten in alten Zeiten ganze Familien darin geschlafen. Pinggera lag unter einer Federdecke, die mehr wie ein überdimensioniertes Kissen aussah, nur seine Füße und der Kopf sahen heraus, beides feuerrot. Die Stirn kühlte eine Kompresse, seine Augenlider flatterten, und er winselte fast ununterbrochen.
»Oh, das sieht aber gar nicht gut aus«, stellte Capaul fest. »Müsste er nicht ins Spital?«
»Rudi holt gerade Medikamente«, erklärte Annamaria. »Wir haben mit der Notfallzentrale telefoniert, die Spitäler sind überfüllt mit Leuten, die auf dem Schnee ausgerutscht oder mit dem Auto geschlittert und irgendwo reingekracht sind. Sie haben explizit darum gebeten, dass wir Rainer zu Hause pflegen. Man kann sowieso nicht viel tun, er hat einen Sonnenstich. Einen Suff und einen Sonnenstich.«
Sie tauschte die Kompresse aus, und als der Alte würgte, stellte sie einen emaillierten Nachttopf aufs Bett und wollte ihm hochhelfen. Doch er wehrte sich überraschend heftig, und nachdem sie ihn erschreckt hatte fahren lassen, fiel er willenlos wie eine abgetane Sau ins Kissen zurück und röchelte zwar, doch das Würgen immerhin blieb aus.
»Kann ich helfen?«, fragte Capaul. »Man könnte ihm die Beine mit Alkohol einreiben und mit einem rauen Tuch frottieren.«
Annamaria sah ihn überrascht, vielleicht auch einen Hauch amüsiert an. »Was sind das denn für Methoden?«
»Keine Methoden, nur ein Gefühl, dass ihm das helfen könnte.«
»Haben Sie noch mehr solche Gefühle?«
Statt darauf zu antworten, sagte er: »Was ich nicht verstehe, ist, warum er heimlich trinken musste oder wieso er sonst aus der Hütte abgehauen ist.«
Annamaria suchte nach einer Erklärung: »Er gibt nie unnötig Geld aus. Ich weiß nicht, ob er arm ist, jedenfalls ist er sparsam. Die Flasche Wein hat er bestimmt nicht in der Padellahütte gekauft.«
»Woher wissen Sie, dass es Wein war?«
Sie stutzte. »Ich glaube, ich habe die Flasche gesehen. Außerdem, schauen Sie.« Sie schob die Lippen des Alten auseinander, sein Zahnfleisch hatte die typische Rotweinverfärbung. »Die Zunge sieht genauso aus.«
Capaul spann den Faden von vorhin weiter. »Aber zahlt Rudi nicht für ihn? Und bestimmt hätten viele seinem Onkel eine Runde ausgegeben, nach dem, was ihm gestern passiert ist.«
Annamaria presste den Mund zusammen und dachte nach, dann schüttelte sie aber den Kopf. »Keine Ahnung, vielleicht hatte er mit Rudi Streit und wollte ihn bestrafen, indem er sich volllaufen ließ. Das würde zu ihm passen. Und die beiden liegen sich eigentlich permanent in den Haaren.«
»Weswegen?«
»Ach, wegen allem Möglichen. Manchmal denke ich, es ist nur ein Sport.«
Capaul betrachtete den Alten. »Warum ist eigentlich seine Kopfhaut so rot? Ist das Sonnenbrand? Hatte er nicht die Mütze auf?«
Annamaria versuchte sich zu erinnern. »Ich kann nicht sagen, ob er sie noch aufhatte, als ich ihn gefunden habe. Womöglich hat er sie bei der Rettungsaktion verloren, die lief ziemlich ruppig ab. Aber die Füße sind genauso rot, angeblich ist das typisch für einen Sonnenstich. Dafür ist der Körper ganz käsig und kalt, deshalb die Daunendecke.« Kurz sahen sie beide auf den Alten, als würden sie ein Gemälde betrachten, dann sagte sie: »Jetzt möchte ich aber schon gern hören, was Ihr Gefühl vorhin noch gesagt hat.«
Capaul schüttelte den Kopf. »Nichts Relevantes.«
»Etwas über mich?« In ihrem Blick war ein Funken Koketterie.
Ja, er hatte gedacht, dass sie eine Frau war, die sich leicht ausnutzen ließ. »Sollte er nicht sehr viel trinken?«, lenkte er ab. »Wasser, meine ich, oder Suppe?«
Annamaria erschrak. »Doch, natürlich. Als Sie geklingelt haben, war ich unterwegs in die Küche.«
Capaul verstand das als Aufforderung zu gehen.
»Danke, dass Sie mir aufgemacht haben«, sagte er, und zum Alten: »Alles Gute, Herr Pinggera. Ich bleibe dran.«
Die Lider des Alten zitterten wieder heftig, dann riss er mit einem Ächzen oder mehr Krächzen die Augen auf und warf ihm einen dieser starren, flehenden Blicke zu, wie Capaul sie von Menschen kannte, die der Tod bereits gepackt hält.
Bernhild nutzte den Großeinkauf, um die Ordnung in ihrer Speisekammer auf den Kopf zu stellen, deshalb hatte sie auch noch nichts gekocht.
»Soll ich uns eine Pizza holen?«, fragte Capaul.
»Nicht nötig, Capuns oder Pizochels?«, fragte sie und öffnete den Tiefkühler. »Acht Franken für die Capuns, zehn für Pizochels. Freundschaftspreis.«
Capaul wählte Pizochels.
»Man gönnt sich ja sonst nichts«, sagte sie – ob zu ihm oder zu sich, blieb offen – und schob sich auch eine Portion in den Ofen.
Während Capaul ihr half, die Konservendosen einzuordnen, und die Pizochels im Ofen auftauten, stöhnte sie: »Das war vielleicht eine Aufregung heute. Wobei, für euch von der Polizei ist das ja Alltag. Wie geht es dem Dummkopf?«
»Er sah nicht gut aus. Aber Annamaria kümmert sich um ihn.«
»Über die könnte ich dir auch Geschichten erzählen. Sie war mit dem Stadtpräsidenten von St. Gallen liiert – was sage ich liiert, verheiratet. Würde man auch nicht von ihr denken, oder? Willst du wissen, wie es auseinanderging?«
Capaul antwortete nicht. Er hatte soeben einen Fleck auf sein Hemd gemacht, das erinnerte ihn daran, dass er mit einem Koffer voll Schmutzwäsche angereist war, weil in seiner Wohngruppe in Amriswil alle vor der Abreise noch dringend hatten waschen wollen, und es war nicht seine Art, sich vorzudrängeln. »Gibt es in Samedan einen Waschsalon?«, wollte er wissen.
»Einen Waschsalon? Wie in Amerika? Nein.«
»Oder in St. Moritz?«
»Nein, kann ich mir nicht vorstellen.«
»Dann dürfte ich vielleicht bei dir waschen?«
»Dürftest du, wäre die Maschine nicht kaputt. Ich wasche bei meinem Bruder. Meinetwegen kann ich ab und zu ein Hemd von dir reinschmuggeln, aber mehr nicht. Hans bereut schon längst, dass er so nett war.«
»Aber Handwäsche, das geht?«
»Nein, bei aller Liebe. Ich will nicht dauernd deine Unterhosen in meinem Bad hängen sehen. Und nasse Wäsche im Zimmer geht schon gar nicht. Der Teppich würde leiden.«
Er hatte eine Bemerkung zum Teppich auf der Zunge, doch dann fragte er nur: »Was tue ich jetzt?«
Bernhild zuckte mit den Schultern. »Schlussendlich ist alles eine Frage des Geldes. Für fünfzig Franken pro Nacht kannst du keinen Zimmerservice wie im Kempinski erwarten.«
»Ich habe nun mal nicht mehr. Ich werde mir eine WG suchen. Aber waschen muss ich jetzt.«
»Warum eigentlich so geizig? Die anderen Polizisten leisten sich nette Wohnungen, manche ernähren eine Familie. So schlecht könnt ihr nicht bezahlt sein.«
»Ich stottere ab«, gestand er.
»Viel?«
Capaul zuckte mit den Schultern, gleichzeitig nickte er.
»Dann zahlst du das Zimmer von jetzt an besser im Voraus.«
»Das werde ich tun«, versprach er und wollte sie gerade um einen Rat wegen seines Berichts bitten, als plötzlich Peter im Durchgang zur Küche stand.
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