Kitabı oku: «Der Reiher»

Yazı tipi:

Die italienische Originalausgabe erschien 1968 unter dem Titel L’airone bei Arnoldo Mondadori Editore in Mailand. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1970 beim Piper Verlag in München. Die Übersetzung wurde nach der Ausgabe der 1998 bei Arnoldo Mondadori in Mailand von Roberto Cotroneo herausgegebenen Opere durchgesehen.

Diese Ausgabe wurde in freundlicher Zusammenarbeit mit der Fondazione Giorgio Bassani veröffentlicht.


E-Book-Ausgabe 2020

© 1968, 1974, 1980 Giorgio Bassani. All rights reserved

© 2007 für diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung Julie August unter der Verwendung einer Fotografie © Roy Botterell / Corbis. All Rights Reserved.

Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 978 3 8031 4303 7

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 2574 3

www.wagenbach.de

Erster Teil

1

Nicht jäh, sondern eher mühsam aus der bodenlosen Tiefe des Unbewußten auftauchend, suchte Edgardo Limentani mit der rechten Hand den Nachttisch zu erreichen. Der kleine Reisewecker, den ihm seine Frau Nives vor drei Jahren in Basel zu seinem zweiundvierzigsten Geburtstag geschenkt hatte, hörte nicht auf, im Dunkeln sein Stakkato zu läuten. Es war, bei aller Gedämpftheit, ein schriller, hartnäckig mahnender Ton, den man zum Schweigen bringen mußte. Limentani zog die rechte Hand zurück, öffnete die Augen und drehte sich auf die Seite, wobei er sich mit seinem ganzen Gewicht auf den rechten Ellenbogen stützte, während er gleichzeitig die linke Hand ausstreckte; und in dem Augenblick, in dem er mit den Fingerspitzen das feine, schon etwas abgenutzte Wildleder des Weckers berührte und durch einen Druck auf den Knopf das Läutwerk abstellte, las er auf dem Zifferblatt an der Stellung der leuchtenden Zeiger die Stunde ab. Es war vier Uhr: genau die Zeit, zu der er, wie er sich am Abend vorgenommen hatte, aufstehen wollte. Wenn er in Volano rechtzeitig ankommen wollte, durfte er jetzt keine Minute mehr verlieren. Alles brauchte seine Zeit: aufstehen, auf die Toilette gehen, sich waschen, rasieren, anziehen, einen Espresso trinken und so weiter, so daß er sich kaum vor fünf Uhr ins Auto setzen konnte.

Aber als er Licht gemacht hatte und sich, auf dem Bett hockend, langsam im Zimmer umblickte, packte ihn plötzlich ein solches Gefühl der Niedergeschlagenheit, daß er versucht war, alles zu lassen und nicht zu fahren.

Vielleicht lag es an der Kälte oder an dem allzu schwachen Licht, das von der Deckenbeleuchtung herabschien, jedenfalls war ihm sein Schlafzimmer, in dem er, abgesehen von einer kurzen Zeitspanne nach seiner Heirat und natürlich von den anderthalb Jahren in der Schweiz, seit seiner Kindheit geschlafen hatte, noch nie so fremd und unfreundlich erschienen. Der dunkle Schrank, der, groß, breit und bauchig, wie er war (Schrank mit Bauch hatte ihn seine Mutter immer genannt), einen großen Teil der linken Wand einnahm; die plumpe Kommode auf der rechten Seite, über der ein kleiner ovaler Spiegel hing, der jedoch so trübe war, daß man sich nicht einmal die Krawatte vor ihm binden konnte; der Gewehrschrank aus Mahagoni und Glas im Hintergrund, klein neben der Vertikalen der grauen Übergardine; die Stühle; der Kleiderständer, an dem seine Mutter schon am gestrigen Nachmittag sein wollenes Unterzeug unübersehbar aufgehängt hatte, eine Kombination aus Unterjacke und langen Unterhosen (den Rest seiner Jagdausrüstung samt den Stiefeln hatte sie drüben ins Bad gelegt); schließlich die verschiedenen Wechselrahmen an den Wänden, in denen etwa sein Doktordiplom oder Fotografien steckten, vorwiegend Aufnahmen aus den Bergen: Alles, worauf sein Blick fiel, jedes einzelne Möbel und jeder Gegenstand, war ihm zuwider. Ihm war, als sähe er das alles zum erstenmal, oder, genauer gesagt, als vermöge er erst jetzt, die schäbige, abstoßende, ja absurde Seite daran zu sehen.

Er gähnte und fuhr sich mit der Hand über Wangen und Kinn, die sich rauh und unrasiert anfühlten. Dann schlug er die Bettdecke zurück, setzte die Beine auf den Boden und nahm vom Stuhl den kamelhaarfarbenen wollenen Morgenrock, den er über den Schlafanzug zog, und schlüpfte in die Hausschuhe. Einen Augenblick darauf stand er am Fenster und blickte durch die Fensterscheiben und die halbgeschlossenen Läden auf den Hof hinunter.

Zu sehen war so gut wie nichts. Der Hof war noch in so tiefes Dunkel getaucht, daß man den Brunnen in seiner Mitte kaum erkennen konnte. Aber aus dem Küchenfenster der Hausmeisterleute, der Manzoli, fiel ein greller Lichtstreifen, so hell, daß er auf der hohen Mauer gegenüber, die mit der Vorderseite auf die Via Montebello blickte, die obersten Zweige der großen Kletterrose erreichte, die im Sommer die Hofseite der Mauer fast vollkommen bedeckte. In Böen spielte der Schirokko mit ihnen und zauste sie. Dürr und leicht bewegten sie sich ruckweise, wie unter elektrischen Stromstößen. Es regnete nicht. Solange der Wind anhielt, würde es auch nicht regnen.

Dann sah er zum Hausflur hinüber. Die Tür zur Wohnung der Manzoli im Erdgeschoß hatte sich geöffnet. Vor dem Lichtschein, der aus dem Türrahmen drang (und der sehr viel schwächer war als der aus dem Küchenfenster), zeichnete sich plötzlich eine gebeugte, vermummte Gestalt ab.

»Romeo ist schon auf«, brummte er.

Aufmerksam, regungslos, verfolgte er alle Bewegungen des Hausmeisters. Er beobachtete, wie er auf das schmiedeeiserne Gitter zuging, das den Hof vom Hausflur trennte, einen Türflügel öffnete und ins Freie trat; wie er nach oben sah und den dunklen Himmel musterte und nun, da er offensichtlich ihn, seinen Herrn, am Fenster erkannt hatte, grüßend die Mütze zog.

Er öffnete die doppelten Fensterscheiben, stieß die Läden auf und lehnte sich hinaus, um sie an der Mauer festzumachen. Ein Windstoß traf ihn, feucht, lau, fast warm.

Er richtete sich wieder auf.

»Guten Morgen«, sagte er, zum Hausmeister gewandt. »Sagen Sie bitte Imelde, sie möchte mir, wenn sie doch schon auf ist, Kaffee machen.«

»Gehen Sie trotz des Wetters, Herr Rechtsanwalt?« fragte der Hausmeister, auch er mit leiser, ruhiger Stimme.

Er nickte mit dem Kopf; dann schloß er die äußeren Fenster. Als er sich umdrehen wollte, sah er gerade noch, wie Romeo wieder die Mütze zog. Wie viele Jahre standen die Manzoli schon in ihren Diensten, überlegte er auf dem Weg ins Badezimmer, nur für einen Augenblick, als er am Gewehrschrank vorbeikam, von den hinter Glas funkelnden Gewehrläufen abgelenkt. Er kam zu dem Schluß, daß die Manzoli seit ungefähr vierzig Jahren bei ihnen im Hause sein mußten.

Er zog den Morgenrock aus und hängte ihn an den Haken an der Badezimmertür; dann ließ er heißes Wasser ins Becken laufen und nahm das Rasierzeug aus dem ledernen Etui. Währenddessen blickte er in den Spiegel.

Dies war sein Gesicht; und dennoch stand er hier und betrachtete es, als ob es nicht zu ihm gehörte, sondern das Gesicht eines anderen wäre. Mit einer argwöhnischen Genauigkeit musterte er alle Einzelheiten: die kahle, gewölbte Stirn; die drei waagrechten, parallellaufenden Falten, die sie von einer Seite bis zur anderen durchfurchten; die Augen von einem verwaschenen Blau; die dünnen, übertrieben hochgezogenen Brauen, die dem Gesicht sozusagen einen Ausdruck ständiger Unsicherheit und Ratlosigkeit verliehen; die ziemlich kräftige, aber wohlgeformte aristokratische Nase; die dicken aufgeworfenen Lippen, ein wenig wie die einer Frau; das Kinn, das durch ein Grübchen, das wie ein Komma aussah, entstellt war; die ziegelrote Farbe des länglichen, unzufriedenen Gesichts, auf dem der Bartwuchs so schwarz war, daß er ins Bläuliche spielte. Wie kläglich und unsympathisch er sein Gesicht fand – wie lächerlich! Seine Mutter hatte zwar immer gemeint – und natürlich einen Vorzug darin gesehen –, daß es dem Gesicht des Exkönigs Umberto ähnelte. Möglich. Soviel war jedenfalls sicher: Wenn die sozialistisch-kommunistische Flut weiter anstieg (und von wem sollte sie wohl eingedämmt werden? Von De Gasperi? Sah der so aus?), dann würden alle Gutsbesitzer einer bestimmten Größenordnung, zu denen zwangsläufig auch sie, die Limentanis, mit einem Besitz wie der Montina von über vierhundert Hektar, gehörten, sehr bald abdanken müssen.

Er begann sich einzuseifen und fing bei der Kinnspitze an. Und während seine Gesichtszüge allmählich im Seifenschaum verschwanden, empfand er wieder, noch stärker als kurz zuvor, Unbehagen, wenn er an den vor ihm liegenden Jagdtag dachte.

Er allein hatte ihn sich auferlegt. Und warum? Was war der Zweck? Hätte er nicht besser daran getan, endlich einmal diese Idee der Jagd in der Tonne aufzugeben? Sogar sein Vetter Ulderico Cavaglieri, der doch in Codigoro wohnte, und das hieß, sozusagen nur einen Schritt von den Valli entfernt, und der im Schutz seiner stattlichen, patriarchalisch-katholischen Familie, die er im Lauf von fünfzehn Jahren um sich versammelt hatte, auf die Meinung der Kommunisten ebenso pfeifen könnte wie einst auf die der Faschisten der Republik von Salò oder der deutschen SS – nun, sogar er hatte es nichtsdestoweniger für zweckmäßig gehalten, mit der Jagd einstweilen noch zu warten. Ja, im Herbst 1938, nach dem Erlaß der Rassengesetze (Ulderico war damals vierzig Jahre alt gewesen, während er, Edgardo, heute fünfundvierzig war), hatte es Ulderico nicht einmal darauf ankommen lassen, daß man ihm den Waffenschein verweigerte! Er hatte einfach keine Verlängerung seiner Erlaubnis beantragt. Und 1945, nach der Befreiung, hatte er sich gehütet, den Fehler zu begehen und sich sogleich einen neuen Waffenschein ausstellen zu lassen.

Er rasierte sich mit der gewohnten Sorgfalt. Dann – da es noch eine Weile dauern würde, bis sich die Wanne mit warmem Wasser gefüllt hatte, streifte er die Pyjamahose ab und setzte sich aufs Klo. Seit ein paar Jahren hatte er mit seiner Verdauung morgens Schwierigkeiten. Blieb sie aus – sei es, daß er am Abend zuvor zu reichlich gegessen hatte, sei es, daß er zu zeitig aufgestanden war –, war er den ganzen Tag über schlechtester Laune; es konnte sich sogar Herzklopfen einstellen. Wie er hätte voraussehen können, war dies ein widriger Morgen. Aber so konnte er unmöglich losfahren; er riskierte dabei, unterwegs halten zu müssen, womöglich ohne Gelegenheit, sich waschen zu können.

Also harrte er aus, indes sich das Wasser mit Getöse in die Wanne ergoß und er den stetig steigenden Wasserspiegel in der Wanne nicht aus dem Auge verlor. Er dachte an die Jagd in den Valli – daran, wie sie vor dem Krieg gewesen war und wie sie vermutlich heute geworden war. Wenn vor dem Krieg ein Herr aus Ferrara am Sonntag in der Gegend von Codigoro oder Comacchio auf die Jagd ging, konnte er überall einer freundlichen Aufnahme und des allgemeinen Respekts sicher sein. Und darüber hinaus, was die praktischen Dinge, die Organisation, anging, so war alles zum besten bestellt und vorbereitet – es war deutlich, daß man seit Jahrhunderten an diese Jagdbesuche gewöhnt war –, kurz, es war dafür gesorgt, daß der Gast aus Ferrara sich ohne Schwierigkeiten überall bewegen, daß er sich stärken konnte und an Ort und Stelle alles fand, was er irgend brauchen mochte. Doch heutzutage? Ganz abgesehen davon, daß es schon ein Wagnis war, im Auto über Land zu fahren (genauso wie in den Jahren 1919 und 1920 war es vorgekommen, daß man einem Autofahrer die Windschutzscheibe mit einem Stein eingeworfen hatte, der von unbekannter Hand hinter einer Hecke hervorgeschleudert wurde), was konnte man, wenn man sich, ob mit oder ohne Doppelflinte, in jener Gegend zeigte, anderes erwarten als scheele Blicke, als Menschen, die einem die kalte Schulter zeigten oder gar frech und feindselig anstarrten? Die Zeiten des Lächelns, in denen man höflich den Hut zog und sich verbeugte, waren vorbei. Für alle vorbei: politisch oder rassisch Verfolgte des faschistischen Regimes nicht ausgenommen.

Er konnte auch nicht umhin, wieder einmal – wie schon so oft seit einigen Monaten – an das böse Abenteuer zu denken, das ihm, ausgerechnet ihm, widerfahren war, als es ihm im vergangenen April in den Sinn gekommen war, sich in der Montina einmal selbst vom Fortgang der Planierungsarbeiten zu überzeugen.

Es war alles ganz plötzlich geschehen, sozusagen ohne die geringste Vorwarnung.

Er sah sich wieder am Grabenrand sitzen, in der endlosen Weite der Felder, umringt von mindestens dreißig Landarbeitern (fast alles Gesichter, die ihm seit vielen, vielen Jahren bekannt waren), die mit erhobener Hacke – bereit, sie ihm über den Schädel zu schlagen – von ihm die sofortige Änderung der Lohnverträge forderten. Natürlich hatte er zunächst einmal nachgegeben, und Galassi-Tarabini, sein Anwalt, den er gleich nach seiner Rückkehr in die Stadt konsultierte, hatte seine Taktik vollkommen gebilligt, jedoch im gleichen Atemzug den Rat erteilt, sich um das gegebene Versprechen nicht weiter zu kümmern, vielmehr die ihm widerfahrene Bedrohung bei den Carabinieri von Codigoro anzuzeigen. Daraufhin aber hatte er seit jenem Tag nicht mehr den Mut gehabt, sich auf der Montina sehen zu lassen (statt dessen hatte er von Zeit zu Zeit seinen Verwalter, Ragionier Prearo, geschickt, der mit Benazzi, dem Pächter, über die kleinen Beträge abrechnete, um die es sich da handelte); und da 1939 der gesamte Grundbesitz des verstorbenen Leone Limentani auf seine Schwiegertochter Nives überschrieben worden war – Pimpinati Nives, katholisch, arisch und damals im achten Monat –, mußten nunmehr Leones Erben in direkter Linie, sein Sohn Edgardo und seine Witwe, Erminia Calabresi, die gut vierhundert Hektar der Montina – wenn nicht gar das Haus in der Via Mentana in Ferrara, in dem sie schlecht und recht noch immer wohnten – definitiv als fremdes Eigentum betrachten.

Außer mit Galassi-Tarabini und selbstverständlich mit Ragionier Prearo hatte er mit niemandem über den Zwischenfall auf der Montina gesprochen, weder mit seiner Mutter noch mit seiner Frau. Seine Mutter – nun, man brauchte nur zu sehen, wie ruhig sie war – hatte bisher nichts von alledem erfahren. Aber Nives? Ob sie nicht vielleicht durch Prearo, mit dem er sie letzthin so oft im Büro der Verwaltung im vertraulichen Gespräch sah, bereits ausführlich über den Zwischenfall unterrichtet war? Und was erst die Landbevölkerung betraf, von Codigoro und Umgebung bis mindestens Pomposa – vor allem war hier natürlich an das ländliche Proletariat zu denken –, so müßte es ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen, wenn sich die Gewerkschaft nicht sofort auf den Fall gestürzt und den Leuten damit gehörig eingeheizt hätte!

Aber eben darum: Wenn es so stand, warum mußte er sich dann – so fragte er sich – irgendwelchen Gefahren aussetzen? War es wirklich der Mühe wert, sich weitere Unannehmlichkeiten zuzuziehen, vielleicht sogar physischer Art, nur um dem Vergnügen frönen zu können, ein paar Flintenschüsse abzufeuern?

Was war denn nun wichtiger, die Jagd oder …

Mißmutig erhob er sich. Er gab es auf, dort länger sitzen zu bleiben (»Es ist ja doch zwecklos«, brummte er vor sich hin). Er beugte sich über die Wanne, um die Hähne zuzudrehen.

Das Badezimmer hatte sich inzwischen mit einem dichten, lauwarmen Nebel gefüllt.

2

Er stand vor der geschlossenen Tür, die Hand auf der Klinke, noch ohne sie hinunterzudrücken, und überlegte, ob er es schaffen würde,sich heimlich davonzustehlen.

Von seiner Mutter und von seiner Frau hatte er sich gestern abend verabschiedet und gleich nach dem Essen das Speisezimmer verlassen, wo sie stumm vor dem Kamin mit den halbverglühten Scheiten sitzen blieben und strickten. Rory, sein Töchterchen, hatte er allerdings am Abend nicht mehr sehen können, da er erst um neun Uhr nach Hause gekommen war, als Rory schon seit mindestens einer Stunde schlief. Aber, wie dem auch sei, jetzt konnte er sich unmöglich noch länger aufhalten lassen. Wenn er, um Rory einen Kuß zu geben, sich auch von Nives noch einmal verabschieden mußte, die in dem Zimmer schlief, das zwischen seinem und dem Rorys lag und das eigentliche eheliche Schlafzimmer war (das Zimmer seiner Mutter dagegen lag nach vorn heraus – isoliert und in gehörigem Abstand, Gott sei Dank!), ach nein, dann wollte er lieber auch auf Rorys Kuß verzichten.

Behutsam öffnete er die Tür seines Zimmers und trat hinaus.

Auf dem Korridor schaltete er das Licht ein, wandte sich um und schloß seine Tür, bevor er vorsichtig die ersten Schritte auf dem linoleumbedeckten Gang machte. Obwohl er amerikanische Militärstiefel mit ungenagelten Sohlen trug, setzte er seine Füße äußerst vorsichtig auf. Er wog ungefähr achtzig Kilo – doch heute, in seinen Jagdsachen und mit zwei Gewehren, der Browning und seiner alten Krupp Drei Ringe, wog er gut zwanzig Kilo mehr. Und das leiseste Knarren, das ein solches Gewicht dem Parkett unter dem Linoleumbelag entlockte, würde höchstwahrscheinlich genügen, daß Nives aus ihrem leichten Schlaf erwachte und ihn dann rief.

»Edgardo!«

»Pst!« machte er instinktiv.

Er hatte nicht das geringste Geräusch verursacht – dessen war er sicher –, und doch hatte ihn Nives, er wußte nicht wie, gehört. »Verdammt!« brummte er. Wenn er nicht sofort zu ihr ging, würde sie ihn bestimmt wieder rufen.

Er steckte den Kopf in das stockfinstere Zimmer. »Pst!« zischte er. »Was ist denn los? Warte einen Augenblick.«

Es war ihm unangenehm, in diesem Aufzug das Zimmer seiner Frau zu betreten: mit den Gewehren und der Patronentasche vorm Bauch, vor allem aber mit der fünfschüssigen Browning-Flinte in dem eleganten, naturfarbenen Lederfutteral, die er, seinem so oft verkündeten Sparsamkeitsprogramm zum Trotz, im vergangenen September bei Gualandi, dem ersten Waffenhändler Bolognas, gekauft hatte. Darum legte er sie ab, behutsam in jeder Bewegung, und hängte sie mit dem Schultergehänge über den Griff des Vorderfensters. Er schickte sich an, das gleiche mit der Doppelflinte zu tun, als ihm einfiel, daß er sich mit dieser ungeniert vor Nives zeigen konnte, da sie ihn damit schon in den Zeiten von Codigoro gesehen hatte, als sie, Nives, noch seine Geliebte gewesen war. Die Waffe würde ihr also wahrscheinlich gar nicht auffallen. Ganz zu schweigen davon, daß es, um Schwierigkeiten jeglicher Art zu vermeiden (möglich, daß sie irgendwelche Absichten hatte: Sie war durchaus fähig, sich dafür ausgerechnet diesen Augenblick auszusuchen!), das Allerbeste war, ihr sofort zu verstehen zu geben, daß er im Aufbruch begriffen war und keine Minute Zeit für müßiges Geschwätz hatte.

Er trat ein.

Nives schaltete die Nachttischlampe ein, während er sich zur Mitte des Zimmers hin bewegte, den rechten Daumen zwischen das lederne Schultergehänge und seine Jacke aus rauher schottischer Wolle geschoben. Und da, als er schon fast vor dem großen, aus rötlichem Holz geschnitzten Ehebett stand, in dem er, als einziger Sohn, von seiner Mutter empfangen worden war und in dem er selbst, in den Jahren nach 1939, so selten mit seiner Frau geschlafen hatte, ergriff ihn zum zweitenmal an diesem Morgen ein sonderbares Gefühl von Absurdität. Ja, noch einmal war es ihm, als schiebe sich zwischen ihn und die Dinge, die er sah, eine dünne, transparente Glasscheibe. Die Dinge waren alle dort – und er stand hier und betrachtete sie voller Verwunderung.

Nives gähnte. Träge hob sie den nackten Arm und bedeckte den Mund mit dem Handrücken. Der goldene Trauring war halb begraben in dem fetten, wachsbleichen Fleisch ihrer Hand und kaum zu erkennen.

»Wie spät ist es?« fragte sie schließlich.

»Zwanzig Minuten vor fünf«, antwortete er und sah ihr dabei ins Gesicht. »Ich muß gehen.«

»Du lieber Gott! Und wer weiß, wie kalt es heute ist! Ist es kalt?«

»Nein, nicht sehr. Ich glaube, es wird regnen.«

»Nimm dir ja deinen Tarnregenmantel mit, Edgardo!«

»Er liegt schon im Wagen.«

»Auch deine langen Gummistiefel?«

»Ja, die auch.«

Sie sahen sich in die Augen, während sie miteinander sprachen. Er stand, mit den Händen auf das Geländer des Bettes gestützt, und Nives lag wie immer auf ihrer Seite des Bettes, der rechten. Aber – dies war klar – was sie sagten, war völlig unwichtig. Auch ihr diente es nur dazu, Zeit zu gewinnen. Auch sie prüfte, erwog und überlegte.

»Ich kann einfach nicht verstehen, was für ein Vergnügen es sein soll, im Winter auf die Jagd zu gehen«, sagte Nives. »Noch dazu in diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr! Willst du durchaus mit einer Lungenentzündung nach Hause kommen?«

»Aber nicht doch, wieso denn? Man muß sich nur warm anziehen.«

»Hast du wenigstens wollenes Unterzeug angezogen?«

»Ja. Dafür hat Mama gesorgt. Sie hatte mir alles zurechtgelegt.«

Er hatte sich nichts bei diesen Worten gedacht; das hätte er beschwören können. Aber Nives zog ein Gesicht.

»Weil deine Mutter immer für dich sorgen will, hätte ich es für unhöflich gehalten, wenn ich ihr zuvorgekommen wäre«, erklärte sie und nickte dazu mehrmals mit dem Kopf, der voller Lockenwickel steckte.

Glücklicherweise wechselte sie gleich wieder den Ton.

»Wie kann man nur fünf, sechs Stunden hintereinander im Wasser bleiben? Herrgott, du mußt doch einmal daran denken, daß du kein junger Mann mehr bist! Bei dem bloßen Gedanken überläuft es mich eiskalt. Brrr.«

Sie sah ihn lachend an, mit den kleinen grauen, ausdruckslosen Augen blinzelnd. Und als er da so stand und neugierig ihre Augen musterte und darauf die Nase – sie war kurz und gebogen wie der Schnabel eines Raubvogels –, schließlich den Mund mit der fast unsichtbaren dünnen Oberlippe und der dicken aufgeworfenen Unterlippe (ein Mund, von unten nach oben gesehen, ein verkehrter Mund, wie er fand), da wurde sein Erstaunen immer größer. Zwar war er sich vollkommen klar darüber, wie es dazu gekommen war, daß diese Frau vom Lande, zwischen dreißig und vierzig Jahren alt, seine Frau geworden war – und ob er sich klar war! Doch zugleich konnte er es nicht fassen, daß es wirklich so war, wenn er hörte, wie sie da vor ihm die Dame der feinsten Gesellschaft der Stadt spielte, die noch nie einen Fuß aufs flache Land gesetzt hatte, von der Bassa ganz zu schweigen. Das war seine Nives? Wie hieß sie noch mit ihrem – also: Familiennamen? Ach ja: Pimpinati. Pimpinati Nives.

»Wann kommst du heute abend zurück?«

»Ich weiß nicht. Nach fünf.«

»Besuchst du auch deinen Vetter?«

Natürlich war nichts dabei, daß sie ihm eine solche Frage stellte. Denn daß er sich nach beinahe zehn Jahren endlich entschlossen hatte, die Beziehungen zu Ulderico wieder aufzunehmen (wenn auch zunächst nur telefonisch und unter dem Vorwand, ob er ihm nicht jemanden nennen könne, der bereit wäre, ihn zur Jagd in den Valli im Boot zu begleiten – aber das Eis war jedenfalls damit gebrochen), war gewiß kein Geheimnis geblieben! Immerhin mußte ihr die Frage doch in gewisser Hinsicht gewagt und taktlos erschienen sein. Zwar tat sie so, als messe sie dieser Frage kein Gewicht bei, aber er kannte sie zu gut: Wer weiß, was ihr jetzt so durch den Kopf ging. Der arme Ulderico! Wahrscheinlich konnte sie es ihm noch immer nicht verzeihen, daß er 1939 alles getan hatte, um ihm von der Heirat mit ihr abzuraten …

»Ich weiß nicht«, antwortete er. »Vielleicht.«

»Und wie machst du es mit dem Essen? Wo willst du essen?«

»Keine Ahnung. Vielleicht in Caneviè … Oder in Codigoro, wie gewöhnlich im Bosco Elìceo. Groß ist die Auswahl ja nicht.«

Sie rümpfte die Nase.

»Bei diesem alten Faschisten Bellagamba?« fragte sie. »Zu diesem Schwachkopf von einem Wirt. Entschuldige bitte, aber dann kannst du doch besser zum Essen zu uns aufs Gut gehen. Du könntest dir von der Frau von Benazzi etwas machen lassen: einen Teller Pasta asciutta, ein Stück Fleisch … Schließlich«, fuhr sie fort, und in ihre Augen kam ein Ausdruck von Härte, und sie sprach nun, als beträfe die Sache sie persönlich, ja weit mehr sie als ihn, »schließlich gehört ja die Montina, wenn ich nicht irre, immer noch uns!«

Worauf wollte sie wohl hinaus?

»Ich weiß, daß ich das könnte«, antwortete er mit einem gewissen Unbehagen und wandte den Blick ab. »Aber wenn ich vielleicht erst um drei Uhr dort hinkomme, oder halb drei, oder vier Uhr, was auch möglich ist, so wären das zu viele Umstände. Für alle Beteiligten. Da esse ich lieber irgendwo unterwegs. Ich werde schon etwas finden!«

»Wie du willst«, gab sie nach und lächelte mit zusammengepreßten Lippen.

»Du mußt ja selber wissen, was du zu tun hast. Trotzdem: Weißt du was? Die Genugtuung, mich von Zeit zu Zeit da draußen, in der Montina, sehen zu lassen, meinetwegen in Begleitung von irgend jemandem, die würde ich mir an deiner Stelle nicht entgehen lassen. Alles schön und gut soweit. Aber weil du immer nur Rücksicht nimmst, weil du nicht stören möchtest, wird das Ende vom Lied sein, daß sich die da allmählich unser Gut aneignen. Und das ohne jeden Streit, du wirst sehen.«

Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder wußte sie nicht, was ihm im April in der Montina widerfahren war, und in diesem Fall hatte sie mit ihrem die da (beim Ansprechen hatten ihre Lippen die Form eines Zirkumflex angenommen, wie er bemerkte) ganz allgemein die Tausende und aber Tausende von Pimpinatis, Benazzis, Callegaris, Callegarinis, Patrignanis, Tagliatis und so fort im ganzen Delta zwischen Ferrara und der Küste gemeint, unter denen es seit mehr als einem Jahr gärte und die immer wieder neue Forderungen an die Grundbesitzer stellten. Oder aber sie wußte Bescheid, und dann bedeuteten ihre Worte die Aufforderung an ihn zu sprechen, sich ihr zu eröffnen und ihr seine Sorgen anzuvertrauen.

Aber gerade diese Aussicht erfüllte ihn plötzlich mit einigem Schrecken. Sich Nives anvertrauen! Und was hätte er ihr eigentlich sagen sollen?

»Hör dir einmal an, was mir gestern abend Ragionier Prearo gesagt hat«, fuhr Nives fort. »Folgendes hat er mir erzählt …«

»Darum geht es ja nicht«, unterbrach er sie. »Aber ich möchte nicht gern noch zehn Kilometer weiter fahren müssen. Und wenn es regnet, riskiere ich obendrein, im Schlamm steckenzubleiben.«

Mit einer jähen Bewegung richtete er sich auf, trat vom Bett und wandte sich zum Gehen.

»Wenn du noch nach fünf unterwegs bist, dann gib auf den Nebel acht, hörst du?« rief sie ihm mit lauter Stimme nach.

Er drehte sich kaum um, mit einer Handbewegung, die sie mahnen sollte, nicht solchen Lärm zu machen.

»Schon gut. Ja, ich habe verstanden.«

Seitdem sie allein schlief, hatte sie sich nach eigenem Geschmack eingerichtet. Auf ihrem Nachttisch standen neben einem Bild der Hilfreichen Madonna, der die Hauptkirche von Codigoro geweiht war, ein kleiner Radioapparat, ihr Nähkorb, die Fotografien ihrer Eltern und ein Kartenspiel. – Warum, fragte er sich im Hinausgehen, lebten sie noch zusammen, warum trennten sie sich nicht endlich?

Draußen, auf dem Korridor, blieb er wieder einen Augenblick unschlüssig vor der Browning stehen. Er sah auf die Uhr (eine goldene Armbanduhr, eine Vacheron Constantin – auch sie ein Andenken aus der Schweiz): Es war vier Uhr achtundfünfzig. Spät, sehr spät, sagte er sich, und trotzdem … Und plötzlich zog er eine Taschenlampe aus der Jackentasche, ließ das Gewehr am Fenstergriff hängen und ging auf das Zimmer seines Töchterchens zu.

Er löschte das Licht auf dem Gang und knipste seine Taschenlampe an; dann drückte er die Klinke nieder und trat leise und behutsam in das Zimmer. Ja, sich trennen – dachte er, während er sich auf Zehenspitzen in dem vagen Geruch von Talkpuder, Schulheften, Kreide und Bohnerwachs, der immer in diesem Zimmer hing, voranbewegte –, Trennung, das war leicht gesagt. Aber praktisch gesprochen: Wie erreichte man sie? Was würde sie allein an Anwaltshonoraren kosten: nicht gerade wenig. Und wie wollte er, der doch zum Habenichts geworden war, die nötigen Summen aufbringen? Schließlich gehört, wenn ich nicht irre, die Montina immer noch uns, hatte Nives gerade gesagt und dabei die Worte irre und uns besonders betont. Wirklich, sie hätte nichts sagen können, was ihn lebhafter daran erinnerte, wie die Dinge tatsächlich lagen.

Aber abgesehen davon – was würde aus Rory werden?

Vor ihrem kleinen Bett blieb er stehen. Fast ohne zu atmen, während ihm das Herz bis zum Halse schlug, richtete er den Strahl seiner Taschenlampe erst auf den kleinen Weihnachtsbaum, der in einem Topf neben dem Kopfende ihres Bettes stand, dann auf ihren kleinen Körper unter der Decke aus weicher rosa Angorawolle. Er fing bei der winzigen Wölbung der Bettdecke am Fußende an und lenkte dann den Lichtstrahl langsam weiter nach oben, bis zu den Schultern und der unteren Gesichtshälfte. Als er Rory betrachtete, immer wieder überrascht, sie so schön, so lebendig und so kräftig zu finden (doch: Ihr Gesicht hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem eigenen, besonders die Augen – nur daß sie größer waren, sie hatte so große Augen! – und dann die Zeichnung des Mundes), überkam ihn auf einmal eine tiefe Beklommenheit, eine unsagbare Verzweiflung, für die es kein Heilmittel gab. Er wußte nicht, warum. Es war, als habe sich jemand plötzlich, schweigend, auf ihn gestürzt; als habe ihn ein wildes Tier gepackt.

Er beugte sich über das kleine Mädchen und drückte leicht die Lippen auf seine Stirn. Dann verließ er wieder das Zimmer und trat zum drittenmal auf den Korridor hinaus. Er drehte den Lichtschalter und blickte auf die Uhr. Es war fünf Uhr fünf. Er nahm die Flinte vom Fenstergriff, hängte sie sich über die linke Schulter und machte sich auf den Weg. Wenige Sekunden später stieg er mit dem Gefühl, sich in einen Brunnen fallen zu lassen, die große, dunkle, spiralförmige Treppe hinab, die zum Hausflur führte.

3

Es war kalt im Hausflur – eine feuchte, tückische Kälte, bei der man an Brunnen und Keller dachte. Durch die Haustür, die Romeo bereits, Gott weiß, warum, weit aufgemacht hatte, fuhr der Wind in Stößen und brachte den kleinen schwarzen, schmiedeeisernen Kronleuchter an der dunklen getäfelten Decke gefährlich zum Schaukeln.

Der Hausmeister stand bewegungslos in der Tür und blickte, wie es schien, mit gespannter Aufmerksamkeit auf das Haus gegenüber, das vom Flur aus unsichtbar blieb. Was gab es da zu beobachten? Mit seinen runden Schultern – fast war es ein Buckel –, die er ihm hartnäckig zugewandt hielt (als wollte er streiken), schien er nicht nur seine Anwesenheit nicht bemerkt, sondern auch vergessen zu haben, daß er vor dem Aufbruch noch seinen Kaffee haben mußte und daß der Motor wie sonst auch, besonders aber im Winter, langsam, ohne Überstürzung, erst warmlaufen sollte.

Mitten im Hausflur stand, melancholisch-vertraut, seine alte dunkelblaue Aprilia, mit dem Kühler zur halboffenen Gittertür, die auf den Hof führte. Er ging um den Wagen herum und legte die Waffen auf der Truhe ab, die an der dem Treppenhaus gegenüberliegenden Wand stand; dann ging er zum Wagen zurück, öffnete die rechte Tür und setzte sich ans Steuer. Während er sich abmühte, den Motor in Gang zu bringen (der Anlasser wollte nicht gleich funktionieren, was natürlich an der Kälte lag, aber auch an der Batterie, die einfach zu alt war – wie der ganze Rest), wandte er nicht den Blick von Romeo, den er, eine starre, rätselhafte Gestalt, im Rückspiegel beobachtete. Seit fast dreißig Jahren, in denen Romeo seinen morgendlichen Aufbrüchen zur Fahrt aufs Land beiwohnte, hatte er sich noch nie so benommen. Hatte er sich plötzlich geärgert, daß er wieder wie einst noch vor Morgengrauen aufstehen mußte, noch dazu an einem Sonntag? Wollte er ihm das zu verstehen geben? Heutzutage war alles möglich. Dies hier war jedenfalls wieder etwas Neues und nicht besonders Angenehmes.

Endlich, nach einigem Stottern, sprang der Motor an. Behindert durch die Patronentasche, die er um den Leib gebunden trug, beugte er sich mühsam vor und suchte unter dem Armaturenbrett den Gashebel. Als er sich wieder aufrichtete, fand er sich zu seiner Überraschung Auge in Auge mit Romeo. Da stand er vor der Wagentür, leicht gebeugt, als habe er sich vor ihm verbeugt, und sah ihn an, mit einem Blick unter den schweren Lidern hervor, dem Blick einer alten Schildkröte.

»Kommen Sie auf einen Kaffee herein?« fragte er leise.

Er kannte doch den Charakter dieses Mannes durch und durch: Er war rauh, gelegentlich sogar mürrisch, aber von einer Anhänglichkeit und Treue, die jede Probe bestanden hatten. Es war also nicht nur ganz klar – und ihm wurde weit ums Herz, so erleichtert fühlte er sich –, daß Romeo nicht den geringsten Groll gegen ihn hegte, sondern mehr noch: Aus dem unbestimmten Ausdruck von Vergnügen, der um seine Augen zuckte, entnahm er – mochte seine Miene auch beherrscht und gleichmütig wie je sein –, wie froh und zufrieden er insgeheim war, daß er nach so langen Jahren das erstemal wieder auf die Jagd ging.

Er kletterte aus dem Wagen.

»Ist er schon fertig?« fragte er.

Romeo nickte. Mit einer Bewegung des Kinns auf die beiden Jagdgewehre weisend, fragte er, ob er sie im Kofferraum unterbringen solle.

»Wenn Sie mir den Wagenschlüssel geben, packe ich Ihnen das alles in den Kofferraum.«

»Das ist nicht nötig«, antwortete er, bemüht, den kühlen Ton und die gemessene Haltung zu wahren, die ihre Beziehung charakterisierten. »Legen Sie lieber alles auf den Rücksitz. Auch das hier, bitte.«

Er entledigte sich seiner Patronentasche und hängte sie ihm mit dem Riemen über den Arm; dann ging er mit raschen Schritten auf den Lichtschein zu, der durch den Türspalt drang.

Die Wohnung der Manzolis bestand aus drei ineinandergehenden Räumen, die alle in einer Reihe lagen: am einen Ende die Küche mit dem Fenster zum Hof hinaus, am anderen das Schlafzimmer, das auf die Via Mentana ging; dazwischen ein sehr geräumiges Zimmer, das die beiden Alten, nachdem sich ihre Tochter Irma verheiratet hatte und nicht mehr bei ihnen wohnte, mit hochglanzpolierten Serienmöbeln vollgestellt hatten, ohne es praktisch je zu benutzen. Seit jenem Vorfall in der Montina im April war es immer dasselbe gewesen: Er brauchte nur den Fuß in die Wohnung des Hausmeisters zu setzen – zumal in die Küche, die so sauber und ordentlich, so hell und, nicht zuletzt, so gut durchwärmt war von den glühenden Herdplatten –, und mit einem Schlag hob sich seine Stimmung. So war es auch diesmal. Hier, so stellte er, plötzlich wieder guten Mutes, fest, konnte man es sich wohl sein lassen, hier war er wirklich und wahrhaftig zu Hause! Auf die Manzolis konnte er sich verlassen!

Er setzte sich an den Tisch und begann, langsam den kochendheißen Kaffee aus der für ihn reservierten henkellosen Schale zu schlürfen (seinem Tassenkopf, wie Romeo sie nannte). Imelde indessen, das spitze Gesicht halb verborgen in den Falten ihres schwarzen Kopftuchs, wie es die Bauernfrauen im Delta trugen, hantierte eifrig weiter.

Über den Rand seiner Kaffeeschale hinweg verfolgte er aufmerksam jede ihrer Bewegungen.

Weder sie noch Romeo konnten Nives leiden. Mehr oder weniger unverhüllt mißbilligten sie alles an ihr, und diese Mißbilligung und Ablehnung erstreckte sich auch auf Ragionier Prearo, die Köchin Elsa und sogar auf Rory, mit anderen Worten auf alles und jeden, der nach dem Jahre 1938 in das Haus in der Via Mentana Nummer zwei gekommen war. Wenn sie von Nives sprachen, nannten sie nie ihren Namen; sie bezeichneten sie ihm gegenüber regelmäßig als Ihre Frau, während die wahre, die einzige Herrin des Hauses die Signora Erminia, seine Mutter, blieb und Lilla, der dreijährige Zwergpudel, der seiner Mutter sogar im Bett Gesellschaft leisten durfte, das einzige Baby im Hause, das man nach Strich und Faden verwöhnen mußte. An Nives aber ließen sie nichts Gutes. Er brauchte nur auf einen Augenblick zu ihnen hereinzukommen, und schon begannen sie mit den üblichen Beschwerden.

Vor kurzem zum Beispiel hatten sie ihm von der Angewohnheit seiner Frau berichtet, von der Einrichtung der Sprechanlage keinen Gebrauch mehr zu machen, sobald er nicht im Hause war. Das bedeutete, daß aus kleinstem Anlaß sie oder Elsa an einem der Hoffenster erschienen und sich, was sie sich mitzuteilen hatten, mit einer Lautstärke zuschrien, daß es selbst auf dem Hof der großen Mietskaserne in der Via Mortara nicht lauter zugehen konnte … Und jetzt? fragte er sich und senkte die Lider, als könnte er dadurch leichter aus dem unendlichen Vorrat seiner Geduld schöpfen. Was würde er also jetzt über seine Frau zu hören bekommen? Sicher hatte Imelde etwas auf dem Herzen.

Er schlug die Augen wieder auf.

»Was gibt es denn?« fragte er.

Aber er hatte sich wieder geirrt; auch diesmal hatte er falsch vermutet. Imelde hatte rotgeweinte Augen und führte fortwährend das Taschentuch an ihre Nase. Aber kaum trat Romeo vom Hausflur aus in die Küche, als sie plötzlich begann, einen gewissen William laut zu verwünschen, diesen Tagedieb und Kommunisten, der zwar sein Diplom als Elektrotechniker gemacht, aber keine Lust zur Arbeit hatte und alles Geld im Bordell verjubelte. Er lebte mit seiner Frau praktisch auf ihre Kosten, auf Kosten ihrer armen alten Eltern!

Er wandte sich Romeo zu.

»Wer ist dieser William?« fragte er.

»Irmas Mann«, antwortete er lakonisch und beugte den Kopf, so daß das Licht auf sein silbernes Haar fiel.

Einen Augenblick verstand er nichts. Es war, als wolle sich ihm das Gedächtnis versagen, um so seine Ruhe zu verteidigen.

Aber dann kam die Erinnerung.

Richtig, der Mann, der die Tochter der beiden geheiratet hatte. Wie konnte er das nur vergessen haben? Es war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, erinnerte er sich – schmächtig, schmutzigblond, von gewandter Ausdrucksweise und guten Manieren; es war noch nicht lange her, daß er ihn ziemlich häufig zwischen Hof und Hausflur herumlaufen sah und daß sich der junge Mann einmal sogar nicht nur erboten hatte, ihm das Auto zu waschen, sondern sich auch geweigert hatte, irgend etwas dafür anzunehmen. Kommunist? Das konnte sehr gut stimmen. Um auf diesen Verdacht zu kommen, brauchte man sich nur sein Gesicht mit den hageren, bleichen Wangen anzusehen, das wie verzehrt schien von einer Art Gier und weiß Gott welchem geheimen Groll. Und man brauchte ihm nur zuzuhören, wie er sich in seinem Radio-Italienisch ausdrückte, glatt und ungezwungen, gewiß, aber auch wenig vertrauenerweckend. Das erstaunliche aber war, daß gerade Irma, ein so sanftes, feines und anständiges Mädchen, das in der Nähschule der Schwestern der Via Borgo di Sotto erzogen worden war und das rot wurde, sobald jemand, ich sage nicht, das Wort an sie richtete, sondern ihr nur auf der Straße begegnete und sie grüßte – daß gerade sie sich von einem Menschen dieses Schlages hatte betören lassen.

Und jetzt war Irma im sechsten Monat, wie ihm Imelde erklärte, und trotzdem mußte sie ihrem Nichtsnutz von Mann das Geld für sein ausschweifendes Leben besorgen, indem sie von früh bis spät als Hausschneiderin arbeitete …

Obwohl er sich immer unbehaglicher fühlte, blieb er auf seinem Platz sitzen und konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen. Er sah auf die Uhr: fünf Uhr fünfunddreißig. Ulderico hatte sich am Telefon sehr bestimmt ausgedrückt: Der Mann, den er ihm als Jagdbegleiter vermittelt hatte und der ihn im Boot von Lungari di Rottagrande bis zu seiner Tonne bringen sollte (ein gewisser Gavino, wenn er richtig verstanden hatte), würde ab sechs Uhr fünfzehn in Volano auf ihn warten, vor dem Tuffanelli-Haus. – Fünf Uhr fünfunddreißig. Es war ausgeschlossen, daß er die Verabredung um Viertel nach sechs einhalten konnte. Nicht vor halb, spätestens dreiviertel sieben würde er da sein. Zu schweigen davon, daß man, soweit er sich erinnern konnte, vom Tuffanelli-Haus bis Lungari di Rottagrande wenigstens zu einem Drittel um die Valle Nuova herumfahren mußte, was noch eine gute halbe Stunde mehr bedeutete. Kurz und gut, wenn alles glattging, konnte er frühestens Viertel nach sieben oder halb acht in die Tonne steigen, das hieß, bei hellem Tageslicht. Aber auch das nur unter der Voraussetzung, daß er unverzüglich aufbrach.

Er blickte wieder auf die Uhr, um sich selbst zur Eile anzutreiben und die Kraft zum Aufbruch zu finden. Umsonst. Eine unsägliche Trägheit, die stärker war als jede Willensanstrengung, hielt ihn auf dem strohgeflochtenen Küchenstuhl, als sei er an ihn festgebunden. Wenn er doch, allem zum Trotz, hier in der behaglichen Wärme der Hausmeisterwohnung bis zum Abend bleiben dürfte, ohne daß es jemand im Hause oder überhaupt jemand wußte! Dafür hätte er alles gegeben.

Er hob den Kopf und sah Imelde an.

»Aber nun erklären Sie mir doch einmal«, sagte er, »warum Ihr Schwiegersohn nicht arbeiten will.«

Imelde zuckte die Achseln. »Was weiß ich«, sagte sie. Nur etwas wisse sie genau, fuhr sie fort, daß ihr Schwiegersohn den ganzen Tag im Bett liege, und wenn ihre Tochter es sich etwa herausnehmen sollte, ihm deshalb Vorwürfe zu machen, er imstande wäre, sie zu prügeln, dieser Spitzbube von einem Kommunisten!

Dies sei die Wahrheit, beteuerte sie. Dafür bürgten ihnen allein die Gesichter der beiden, von kaum zurückgehaltener Wut verzerrt das seine, und erst recht das Gesicht ihrer Tochter mit den Augen der Frau, die zum Opfer bestimmt ist – und damit vielleicht obendrein insgeheim einverstanden ist.

Verwirrt machte er Anstalten aufzustehen.

»Wenn er nicht arbeitet«, gab er zu bedenken, »ist der Grund vielleicht, daß er keine Arbeit findet.«

»Ach was«, mischte sich Romeo ein und schüttelte den Kopf. »Er hat einfach keine Lust, etwas zu tun.«

»Aber warum lassen Sie dann nicht Ihre Tochter –« und damit wandte er sich an Imelde, »wieder zu Ihnen kommen?«

Imelde seufzte. Sie habe es ihrer Tochter unzählige Male vorgeschlagen, sagte sie. Aber Irma sei hart, härter als Stein. Sie wollte nicht einmal davon reden hören.

»Sie ist verliebt«, schloß sie und verzog die dünnen Lippen zu einer Grimasse der Verachtung.

Verliebt, selbstverständlich – wie er übrigens bereits vorher verstanden hatte. Und jetzt war auch die Küche der Manzolis plötzlich unbewohnbar für ihn geworden, auch sie ein Ort, den er zu räumen hatte. Und das sofort.

In dem Schweigen, das den letzten Worten Imeldes folgte (vom Hausflur drang durch die Mauern nur gedämpft das Brummen des Motors seiner Aprilia), blickte er wieder auf die Uhr. Fünf Uhr zweiundfünfzig.

»Na, dann wollen wir mal«, sagte er, umklammerte mit beiden Händen die Tischkante, richtete sich auf und machte die ersten Schritte. Und als Imelde ihm nachkam und ihn anflehte, doch irgend etwas für ihre Irma zu tun (wenn er vielleicht ihren Schwiegersohn einmal zu sich bestellte und ein Wort mit ihm redete – wer weiß, ob der Unglücksmensch dann nicht doch zur Einsicht kam und sein Leben änderte?), antwortete er nur mit einem mal sehen, das, wie er selbst am besten wußte, überhaupt nichts bedeutete.

Diesen Kerl sollte er zu sich bestellen, fragte er sich, während er auf den Hausflur trat und auf seinen Wagen zuging, und ein Wort mit ihm reden? Wenn er sich vorstellte, er sollte sich mit dem jungen Elektriker mit dem totenblassen Gesicht unterhalten, überkam ihn eine Art Widerwille. Ein Widerwille, in den sich Furcht mischte.

Er setzte sich ans Steuer, schaltete die Scheinwerfer ein. Mit einer winkenden Bewegung der Hand den respektvollen Gruß Romeos erwidernd, der das Manöver Schritt für Schritt bis auf die Straße hinaus verfolgt hatte und ihn nun, das dünne Licht der Einfahrt im Rücken, vom Rand des Bürgersteigs her stumm ansah, wechselte er den Gang und fuhr los.

4

Er konnte es kaum erwarten, Codigoro hinter sich zu lassen. Während der ganzen Fahrt von der sogenannten Prospettiva, dem Triumphbogen auf dem Corso Giovecca bis zum Stadtrand von Codigoro hatte er die Augen fast nur auf die Straße vor sich gerichtet gehabt. In Volano wartete ja bereits der Mann mit dem Boot, also mußte er sich beeilen. Aber davon abgesehen, war es so, daß er erst, wenn er über Codigoro und Pomposa hinausgekommen wäre und wenn sich im ungenauen Licht der Dämmerung nach und nach die verlassene Landschaft der Niederung abzeichnete, nur unterbrochen von ausgedehnten Flächen scheinbar stehender Gewässer – scheinbar, denn in Wirklichkeit standen sie mit dem Meer in Verbindung –, daß er erst dann sich wohl zu fühlen begänne und wieder aufatmete.

Aber gerade als er die Peripherie von Codigoro erreicht hatte und im Begriff stand, nach etwa hundert Metern in die glatte Umgehungsstraße einzubiegen, zwang ihn plötzlich ein jäher Schmerz in der Gürtelgegend, dem eine Sekunde zuvor ein leichtes Herzklopfen vorangegangen war, sich über das Steuerrad zu beugen.

»Ein Glück, daß es jetzt kommt«, brummte er vor sich hin, während er von unten mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe auf die beiden Schornsteine der Zuckerfabrik Eridania sah und auf den nicht weit davon entfernten Schornstein der Pumpwerke des Consorzio Bonifiche.

Er kannte sich. Höchstens zehn Minuten würde er aushalten können, länger nicht. Würden sie genügen?

Im Licht der ersten, in weiten Abständen aufeinanderfolgenden Straßenlaternen, die im Wind heftig über dem ländlichen Kopfsteinpflaster schaukelten, blickte er auf die Uhr. Sechs Uhr vierzig. Um diese Zeit würden die beiden Cafés an der Piazza gewiß die Jalousien schon aufgezogen haben. Um so mehr ein Grund, zunächst auf die Weiterfahrt nach Volano zu verzichten und lieber hier, in Codigoro, haltzumachen. Wenn er es erst einmal geschafft hatte, bis zur Piazza zu kommen, dann war er gerettet.

Geradeaus fahrend, erreichte er in wenigen Augenblicken das Zentrum und die Piazza. Nirgends ein Licht – er sah es sofort, in seiner Erwartung enttäuscht, gewiß, und doch absurderweise zugleich mit einer Spur von Erleichterung – weder in den beiden gegenüberliegenden Cafés auf der rechten Seite noch in dem zehnstöckigen Gebäude des Nationalen Versicherungsinstituts, der I.N.A., auf der anderen Seite, in dem Ulderico mit seiner Familie wohnte, noch in irgendeinem der anderen großen und kleinen Häuser an der Piazza. Alles geschlossen, alles dunkel. Nirgends eine Menschenseele.

Er fuhr auf die linke Seite des Platzes, um dort, vor dem großen Gebäude der früheren Casa del Fascio, aus der heute eine Kaserne der Carabinieri geworden war, zu parken. Er stellte den Motor ab, schaltete die Scheinwerfer aus, stieg aus und schloß in aller Ruhe die Wagentür ab. Codigoro. Die Piazza von Codigoro. Seit rund zehn Jahren, seit dem Jahr 1938, war er nicht mehr zu so früher Stunde hier gewesen. Aber einen so menschenleeren Platz hatte er, soweit er sich erinnern konnte, noch nie gesehen. Was hatte wohl eine solche Verlassenheit bewirkt? War es der kommunistische Terror, fragte er sich mit einem spöttischen Grinsen. Oder einfach Weihnachten?

Es war nicht kalt; und vom Wind war zumindest in dieser Ecke so gut wie nichts mehr zu merken. Seltsam – auch die Leibschmerzen hatten aufgehört. Aus dem Schatten des Laubengangs vor dem Versicherungsgebäude kam ein Hund, ein Pointer, nach seinem Gang zu urteilen. Er sah, wie er ins Freie kam und zur Mitte des Platzes hinlief (ja, es war ein alter Vorstehhund), wo er vor dem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs haltmachte, gründlich am Sockel schnüffelte, bevor er das Bein hob, um dann in langsamem Trab nach rechts hin, in einer Gasse, zu verschwinden. – Und wenn er es bei Bellagamba versuchte, überlegte er, nun wieder allein auf dem Platz. Möglich, daß auch der Bosco Elìceo noch nicht geöffnet hatte, zugegeben. Andererseits aber konnte er sich schlimmstenfalls an die Glocke hängen, da es ja immerhin auch ein Hotel war (wenn er auch persönlich dort noch nie übernachtet hatte; aber er hatte des öfteren gehört, daß es oben Zimmer für Gäste gab).

Er öffnete den Kofferraum, entnahm ihm eine graue Astrachanmütze (ein altes Stück, das er schon als junger Mensch getragen hatte, zur Jagd in den Valli ebenso wie zum Skilaufen im Gebirge), die er sich nun auf den Kopf stülpte, und ging dann die etwa zwanzig Meter bis zur Ecke, die das einstige Parteihaus, die heutige Carabinieri-Kaserne, mit der nächsten Querstraße bildete. Er spähte zum Bosco Elìceo hinüber: Nein, er hatte sich nicht getäuscht, auch er war noch geschlossen. Also würde ihm tatsächlich nichts übrigbleiben, als so lange zu läuten, bis man ihm aufmachte. Denn hier haltmachen mußte er unter allen Umständen; also blieb ihm keine Wahl.

Aber als er dann vor den herabgelassenen Rolladen stand, über seinem Kopf das leuchtende Neonschild, da genügte die Vorstellung, plötzlich von Angesicht zu Angesicht Bellagamba gegenüberzustehen – es war ja keineswegs ausgeschlossen, daß er ihm selbst die Tür öffnete –, um ihn doch noch zurückzuhalten.

Er erinnerte sich an Bellagamba aus den Jahren 1938 und 1939, als er die Uniform eines Korporals der faschistischen Miliz trug (Gino hieß er, wenn er sich nicht irrte, Gino Bellagamba), den Fes in den glattrasierten Stiernacken geschoben, so daß ihm die schwarze Quaste halb über den Rücken hing. Er erinnerte sich an seine Physiognomie: Man dachte an einen ländlichen Bramarbas, der dank der Ereignisse wieder in den aktiven Dienst eingestellt worden war. Fast den ganzen Tag stand er auf der Piazza, wie ein Wachhund, genau vor der Casa del Fascio. Er erinnerte sich der drohenden, verachtungsvollen Blicke, mit denen er damals auch ihn bedacht hatte, weil er Jude war, weil er unpolitisch war und weil er Grundbesitzer war, wenn er auf dem Weg in die Montina durch Codigoro kam und das Pech hatte, ihm über den Weg zu laufen … Nein, diesem Mann plötzlich gegenüberzustehen, mit dem er übrigens in seinem ganzen Leben noch nie ein Wort gewechselt hatte, und ihn darum bitten zu müssen – nämlich um die Erlaubnis, seine Toilette zu benutzen –, das würde alles andere als angenehm für ihn werden. Er war nahe daran – wenn es nur ein bißchen später wäre – kehrtzumachen und bei seinem Vetter Ulderico zu läuten.

Und wohin sonst hätte er gehen können? Und übrigens, lohnte es sich, offen gesagt, wirklich, es sich selbst so schwerzumachen? Er hatte es seinerzeit immer vermieden, die Mitgliedskarte der Faschistischen Partei zu erwerben (nicht weil er je dagegen gewesen wäre, um die Wahrheit zu sagen, sondern nur so, aus jenem gewissen Zug seines Charakters heraus: dem Mangel an sozialem Empfinden); in dieser Hinsicht hatte er es anders gemacht als Ulderico, der es sich nicht zweimal hatte sagen lassen, als man ihm im Jahre 1932 die Mitgliedschaft anbot; er hatte sofort zugegriffen. Aber, wenn man es recht bedachte, waren die Faschisten von vor 1943 wirklich so viel schlechter als die Kommunisten von heute? Und die heutigen Gewerkschaften, eingerichtet als Zentren der Anmaßung und der Übergriffe gegen den, der etwas hatte, waren sie vielleicht besser als die faschistischen Organisationen? Im Falle Bellagambas allerdings stimmte vielleicht sogar, was Nives behauptete: daß er sich nach dem Zwischenspiel Badoglios zu den Faschisten von Salò geschlagen hatte. Durchaus möglich. Aber wenn selbst die Kommunisten, die heute die absoluten Herrscher von Codigoro waren, ihn in Ruhe ließen, warum sollte da ausgerechnet er Geschichten machen? Außerdem war es ja bekannt, daß Nives die Manie hatte, ihren Landsleuten eins auszuwischen. Dazu war ihr jede Gelegenheit recht …

Während er so noch dastand, unschlüssig, aber auch in Unruhe wegen der beiden Jagdgewehre, die er für jedermann sichtbar auf dem Rücksitz seines Autos hatte liegenlassen (vielleicht sollte er doch lieber sofort zurückgehen und die Flinten zusammen mit der Patronentasche in den Kofferraum schließen), glaubte er auf einmal, aus dem Innern des Lokals Geräusche zu hören. Es war ein Ächzen, Stöhnen und Knarren, als ob da drinnen jemand mit großer Anstrengung Möbel rückte.

Er wartete eine Pause ab; dann klopfte er bescheiden mit den Knöcheln an das Wellblech.

Eine Stimme fuhr ihn an, laut, zornig und doch zugleich auch Angst verratend:

»Wer ist da?«

»Ich«, antwortete er leise.

»Wer ist ich?«

Er zögerte. Er hörte da drinnen Schritte näher kommen, die schließlich stockten.

»Limentani«, sagte er.

»Wer?«

»Li-men-ta-ni«, wiederholte er, ohne die Stimme zu erheben und plötzlich verwundert über seinen eigenen Namen und darüber, wie fremd die Silben im Freien widerhallten.

Mit einem Ruck wurde der Rolladen hochgezogen.

Es war wirklich Bellagamba; er erkannte ihn gleich; er war nur noch stärker, dicker und stierhafter geworden. Unter dem Unterhemd zeichnete sich seine Brust wie die einer Frau ab. Jäh von seinem alten Widerwillen gepackt, war er drauf und dran, sich umzudrehen und wieder zu gehen. Vielleicht war jetzt noch Zeit dazu.

Aber es war schon zu spät. Der andere riß die Augen auf (hellblaue Augen); er hatte ihn erkannt.

»Das ist aber eine Überraschung!« erklärte er mit gedämpfter Stimme.

Er lächelte ihm zu, wie von der Freude übermannt, wobei er seine kleinen kräftigen Boxerzähne zeigte.

»So eine Überraschung!« wiederholte er. »Aber wissen Sie, Herr Rechtsanwalt«, fuhr er flüsternd fort und blinzelte ihm, höflich beiseite tretend, komplizenhaft zu, »wissen Sie, daß Sie mir beinahe einen Schrecken eingejagt haben? Aber kommen Sie doch herein, ich bitte Sie! Es ist kalt draußen. Treten Sie näher!«

Alles hätte er erwartet, nur nicht diesen herzlichen und so wortreichen Empfang (merkwürdig: Auch Bellagamba sprach wie jener William, der Mann Irma Manzolis, ein gewandtes, flüssiges, korrektes Italienisch). Wie dem auch sei, er war darüber nicht glücklich. Fast wäre ihm ein schlechter, feindseliger Empfang noch lieber gewesen, bei dem es ihm überlassen geblieben wäre, dann die Rolle des großmütig Verzeihenden, des vornehmen Herrn zu spielen, der über gewisse Dinge hinwegsieht. Und was sollte diese Pose des Mitverschworenen, in der sich Bellagamba gefiel? Rechnete er etwa damit, er könne ihn, wenn er ihn erst einmal in seine Höhle gezogen hatte, dazu bewegen, mit ihm gemeinsam den schönen Zeiten des faschistischen Imperiums oder gar der Republik von Salò nachzuweinen? Sicher wußte auch Bellagamba so gut wie jeder andere in Codigoro genau, was ihm im vergangenen April in der Montina zugestoßen war. Aber wenn er sich jetzt vielleicht einbildete, er würde bei ihm seinem Herzen Luft machen, dann hatte er sich gründlich geirrt. Er hatte gegen niemanden etwas, und schon gar nichts gegen Bellagamba. Aber, wohlverstanden, keine plumpen Vertraulichkeiten!

Indessen war er eingetreten, übrigens mit dem Gefühl – vielleicht auch des ungemein starken Geruchs nach gebratenem Fisch wegen, der ihm schon auf der Schwelle schier den Atem benahm –, tatsächlich in eine Höhle zu kommen, in den Bau eines wilden Tieres. Er nahm seine Pelzmütze ab und sah sich um. Er befand sich in einem mittelgroßen, saalartigen Raum, der in fast vollkommene Dunkelheit getaucht war. Nur an der dem Eingang gegenüberliegenden Seite verbreitete auf einer Art Katheder eine Tischlampe mit grünem Seidenschirm ein wenig Licht.

Das Katheder war freilich, wie er bald begriff, nur die Rezeption des Hotels; alles funkelnagelneu. Hinter dem Tisch, an der Wand, hingen an numerierten Haken, die in doppelter Reihe in der frisch gekalkten Wand angebracht waren, zehn oder zwölf Schlüssel. Mehr konnte er in dem schwachen Lichtschein nicht erkennen, aber es genügte ihm. Ihm genügte der Tisch der Rezeption mit den Schlüsseln an der Wand, um sich bewußt zu werden, wie wenig dieses Lokal, das der einstige Korporal der faschistischen Miliz zu einem Restaurant und Hotel gemacht hatte, der anspruchslosen ländlichen Schenke glich, wie sie in seiner Erinnerung existierte.

Bellagamba war zurückgeblieben. Er hörte ihn leise fluchen: Der Rolladen wollte sich nicht wieder herunterziehen lassen. Dazwischen rief er ihm in Abständen zu, ja vorsichtig zu sein. Auf dem Fußboden stehe eine erst halb geöffnete Kiste mit etwas Schwerem darin – einer Schnellwaage; sie war gestern abend mit der Post aus Mailand gekommen. Er möge also aufpassen, daß er nicht darüber stolperte und sich weh tat.

Aber schließlich kam auch Bellagamba. Er ging an ihm vorbei, nicht ohne ihn versehentlich anzustoßen und ihn in dem Augenblick, in dem er ihn streifte, mit dem Geruch seiner Achselhöhlen zu belästigen. Hinter der Bank der Rezeption drehte er einen neben den Schlüsseln befindlichen Schalter an. Dann saßen sie sich endlich bei dem nicht sehr hellen Licht einer großen Neonröhre gegenüber, die in der Mitte der Decke angebracht war, er in einem kleinen Sessel aus Kunstleder und Bellagamba sozusagen in seinem Büro, die breite Kieferpartie wie halbiert von dem gelben Licht der Lampe auf der Tischplatte vor ihm.

Mehr denn je mit dem Gefühl, sich außerhalb der Welt zu befinden, wußte Edgardo nicht, wie beginnen. Irgend etwas zu sich zu nehmen kam nicht in Frage. Er hatte das Empfinden, daß sich sein Magen wie eine Faust geschlossen hatte.

Doch Bellagamba kam ihm zu Hilfe.

»Aber was hat Sie«, fragte er in einschmeichelndem Ton und auf einmal in den Dialekt übergehend, wobei er die wasserhellen Augen halb schloß, »entschuldigen Sie, was hat Sie in diese Gegend verschlagen? Sind Sie vielleicht zur Jagd nach Codigoro gekommen?«

Angesichts seiner Kleidung erübrigte sich die Frage eigentlich. Aber der Ton, in dem sie gestellt worden war, einschmeichelnd und demütig – der Ton, in dem sich noch vor ein paar Jahren ein Bauer auf seinem Besitz an ihn hätte wenden können –, dieser Ton gab ihm ein Minimum an Selbstvertrauen zurück.

Er nickte.

»Ja«, bestätigte er dann. Tatsächlich sei er aus diesem Grunde gekommen – um ein paar Schüsse abzugeben. Aber ob er dazu noch kommen würde, fügte er in fragendem Ton hinzu und zweifelte plötzlich wirklich daran. Er habe sich verspätet, fuhr er fort. Um diese Zeit habe er längst in Volano sein wollen, ja schon um Viertel nach sechs. Wohingegen es jetzt (und er schob mit einem Finger den Ärmel zurück und warf einen Blick auf seine Armbanduhr) bereits nach sieben sei.

Endlich entschloß er sich.

Mit einem suchenden Blick rundum stand er auf.

»Dürfte ich einen Augenblick die Toilette aufsuchen?« fragte er.

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