Kitabı oku: «Monopoly»

Giovanni Orelli, geboren am 30. Oktober 1928 in Bedretto, studierte in Zürich und Mailand und war Lehrer in Lugano. Seine erste Erzählung «L'anno della valanga» machte ihn schnell bekannt. Es folgten verschiedene Romane und Gedichtbände. Auf Deutsch sind im Limmat Verlag erschienen: «Der lange Winter», «Walaceks Traum» sowie der zweisprachige Gedichtband «Vom schönen Horizont / E mentre a Belo Horizonte ...». Heute lebt Giovanni Orelli in Lugano.
«Giovanni Orelli gehört gewiss zu den kühnsten, doch auch zu den heitersten Poeten dieses Landes. Ärmer wäre die italienische Literatur und wären die Literaturen der Schweiz ohne die melancholische Anarchie seiner Gedichte und seiner Prosa.» Neue Zürcher Zeitung
GIOVANNI ORELLI
MONOPOLY
ROMAN
Aus dem Italienischen von Elke Büsser-Schwenn

DAS MANUSKRIPT VON LAUSANNE
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Der Rat der Fakultät hat mir den dankenswerten Auftrag erteilt, den Nachlass des uns so teuren Professors Cornelius Agrippa zu ordnen. Er, der vor kurzem von uns gegangen ist, war Ordinarius für Geschichte der Magie an der Universität Lausanne.
Gewiss war ich als sein bescheidener Assistent hinlänglich vertraut mit Professor Agrippa, der mir in der leider all zu kurzen Zeit meiner Tätigkeit an der Universität Lausanne doch bald erlaubt hatte, ihn Cornelius zu nennen. Ich muss aber von vornherein gestehen, dass ich überrascht bin: In seinen Schriften konnte ich nur wenig, bedauernswert wenig entdecken, das als Ergebnis ernster wissenschaftlicher Forschung bezeichnet werden könnte. Ich fand einen Stoss abgenützte Zettel mit Notizen zu seinen Vorlesungen über Cyprian von Antiochien: über die glückliche Verbindung und Verflechtung von dessen Lehren mit denen des Okzidents und der daraus erwachsenen grandiosen Gestalt des Faust, der mit dem Teufel paktiert (behandelt von Marlowe, Calderón und Goethe): ein Thema, das Cornelius Agrippa sein ganzes Leben lang verfolgte; er betrachtete es nicht aus der Distanz des objektiven Forschers, sondern als ein Besessener. Hinzuzufügen sind einige Aufzeichnungen von geringem Interesse über Raimondo Lullo und die Geschichte der Magie von Thorndike. In vier 182 mal 126 Millimeter grossen, karierten Schulheften, deren Seiten fortlaufend mit römischen Ziffern nummeriert sind, fand ich hingegen etwas, das man vielleicht als Chronik oder als Tagebuch bezeichnen könnte und neben dessen Titel – «Das Monopoly-Spiel» – sehr deutlich ein Untertitel zu lesen steht: «Iter ludicrum per Helvetiam», und eine – am Rande vermerkte – Variante: «Iter iocosum»: Ich habe mich entschlossen, dieses Tagebuch oder diese Chronik abzuschreiben und dem Fakultätsrat zu übersenden, um mich zumindest meines Auftrags mit Anstand zu entledigen.
Aus Gründen wissenschaftlicher Genauigkeit muss ich allerdings festhalten, dass der gewöhnlich klar verständliche Text durch zahlreiche Streichungen und radierte Stellen in zwei Fällen Rätsel aufgibt. Im Kapitel «Basel» findet sich eine Erklärung dafür – wie man an gegebener Stelle sehen wird. Doch liegt der Fall ganz anders, sobald man auf den Namen Dash stösst. Es ist nicht meine Aufgabe, den rätselhaften Tod des Albin Dash und anderer Finanzgrössen zu untersuchen. Um dem Leser behilflich zu sein, könnte man vielleicht darauf hinweisen, dass auch Agrippa im Kapitel «Lausanne» gewisse merkwürdige Andeutungen macht. Hier sei nur vorweggenommen, dass Dash damals im Begriff war, zur bedeutendsten Persönlichkeit der Hochfinanz unseres Landes aufzusteigen, wobei er seinem erbitterten Gegner Helmut Crunch – der bei seinen kulturellen Tätigkeiten und in gewissen «public relations» von Cornelius Agrippa unterstützt wurde – um eine Nasenlänge voraus war – wenn es erlaubt ist, sich in diesen Dingen sportlicher Ausdrücke zu bedienen.
Im übrigen habe ich mich begnügt, die Interpunktion in Ordnung zu bringen, die von Professor Agrippa in geradezu altertümlicher Weise vernachlässigt wurde. Ich habe es jedoch sorgfältig vermieden, am Inhalt des Textes irgend etwas zu verändern, selbst wenn der Professor dabei nicht immer eine gute Figur machen wird. Er war in seinem Wesen voller Widersprüche, wenn ich so sagen darf; das trifft sich ja häufig bei Menschen, die gezwungen sind, ihr Leben lang im Dienst der Mächtigen zu stehen, in einem Land der «Gleichen», wie es heisst, wo aber jedermann das «Spiel der Liberalen» mitzuspielen hat, sonst wird es ihm schwerlich gelingen, in einer Villa zu leben, «deren Tor von einem Wachhund gesichert ist», wie Macchiavelli sich ausdrückt.
Agrippa trägt eine Maske – doch er lässt sich herbei, sein geheimes Ich in diesen Tagebuchblättern zu enthüllen (wie es die Besiegten oft zu tun pflegen). Das Ergebnis ist eine Mischung von Liebedienerei, Begierde, Anarchie, vagem Liberalismus und Opportunismus, wie es oft bei Menschen in Erscheinung tritt, die aus der Gosse kommen und mühselig bis zu den mittleren Ästen des Baumes emporgeklettert sind, um sich einen Platz an der Sonne zu sichern.
Doch Cornelius Agrippa lebt nicht mehr, und selbst wenn er es wollte, wäre er nicht mehr in der Lage, seinem Leser die Hand zu reichen, um gemeinsam mit ihm eine Reise anzutreten, die zuweilen in ein Labyrinth führt.
Was mich betrifft, so betone ich noch einmal: es liegt mir an unbedingter Manuskripttreue, und ich möchte der mahnenden Worte unseres Autors gedenken – dem ich jetzt das Wort überlasse.
Er pflegte den Vers eines antiken Schriftstellers zu zitieren:
O Qual der Feder, mit der man betrügt;
Schmerz ist das Brot, von dem man sich nährt.
Verwesung, Würmer, Knochen, gloria mundi.
Verwesung, Asche, Gestank, Knochen und Würmer,
Das ist dein Ruhm, das ist der Wahnsinn der Liebe.
G. O.
... Warum kann sich jeder Tyrann eurer Fäuste bedienen, wenn ihn nach Gütern und Macht anderer Völker gelüstet? ...
Tommaso Campanella
Aus dem Sonett «An die Schweizer und Graubündner»
WIE MAN MONOPOLY SPIELT
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Um Monopoly zu spielen, muss man mindestens zu zweit sein. Doch hat auch dieses Spiel seine Regeln und seine Ausnahmen. Man könnte nach dem Frühstück das Spiel vor sich auf den Tisch legen und anfangen, allein zu spielen, indem man die verschiedenen Rollen in seiner eigenen Person vereinigt: man ist gleichzeitig der Bankhalter, der verwegene Spieler, der bedachtsame Spieler, der x, y, z. Man könnte die Züge jedes einzelnen Spielers selber lenken und auf diese Weise Glück, Krise und Umsturz bestimmen.
Der Spielleiter kann den Spieler x verwöhnen, kann ihm zu seinem unerhörten Erfolg gratulieren, dagegen kann er den Spieler y bis zum letzten Rappen ausquetschen und ihn dann seinem Schicksal überlassen. Doch erst wenn man mit anderen Personen spielt, gewinnt das Spiel seinen wahren Reiz, erst dann ist es gerecht und billig – und es tut wohl. Wenn es wahr ist, dass Gott, der Schöpfer, sich in souveränem Gleichmut die Nägel putzte und dann sprach, «ES WERDE», so sollte man sich auch fragen, warum Gott am ersten Schöpfungstag überhaupt beschlossen hat, die Welt – und dann den Menschen – zu erschaffen. Was war vor dem ersten «ES WERDE»? Eine graue Ewigkeit? Ein Gott der Einsamkeit? Lichtjahre der Langeweile?
Gott hatte sicher seine guten Gründe, den Menschen zu erfinden, aber wer die ganze Schöpfung für einen Irrtum hält, hat wohl nicht ganz unrecht.
Das gleiche gilt für die Bank und für das Spiel Monopoly: welchen Reiz könnte es noch haben, wenn nicht mehrere Spieler daran beteiligt wären? Darum ist es zweckmässig, ja geradezu notwendig, einen Partner zu haben. In diesem Spiel braucht er keinen Namen. Für die Bank ist er nur eine Zahl, ein Nummernkonto.
Hauptperson ist das Geld. Es klirrt vergnüglich am Kassenschalter, auf dem überall reichlich vorhandenen Marmor. Kein Spieler wird also beim Namen genannt, und auch im Spiel bleibt unsere Bank einem ihrer heiligsten Prinzipien treu: der Geheimhaltung. Der Spieler hat natürlich die Möglichkeit, seine privaten Notizen über Gewinn und Verlust zu machen, genauso wie ich selber es hier tue.
Ich bin Cornelius Agrippa, und ich befasse mich mit Public Relations für einen der bedeutendsten Bankiers unseres Landes, Helmut Crunch. Ich komme aus einer Bauernfamilie, doch gehöre ich heute zu den wenigen, die in massgeblichen Gesellschaftskreisen Beachtung finden. Ich bin geboren und aufgewachsen in einer dem Namen nach liberalen Gesellschaft, die aber in Tat und Wahrheit konservativ ist und in der die Besetzung der leitenden Posten durch Parthenogenese geregelt ist, wobei diese Selbstreproduktion nach strengsten Auswahlkriterien vor sich geht, die zu Anfang in der Schule, danach in der Armee und auf anderen Gebieten wirksam werden.
Doch um das Gesicht einer demokratischen Gesellschaft vor sich und vor anderen zu wahren, um allgemein überzeugend zu wirken, gewährt man einer bescheidenen Anzahl von mittellosen, doch hinreichend intelligenten Leuten das Privileg, an den Brüsten der Wissenschaft zu saugen, an der Alma Mater, an unseren ausgezeichneten Universitäten zu studieren. Dort findet man darum nicht selten die Söhne von Bauern, Maurern und Schmieden, die mutig und ihres ehrenvollen Auftrags bewusst ihre Studien betreiben. Sie werden unterstützt und schliesslich in massgebliche Kreise aufgenommen, wo man sich ihres Eifers, ihrer respektvollen Dankbarkeit (wieviel Schweiss hat dieser Aufstieg gekostet!) zu bedienen weiss, um die Bindung zur Klasse der Kundschaft, zu den Klienten, im klassenlosen Abstimmungsritus neu zu festigen. Im vierten Studienjahr hat es mich auf die fantastischen Wege der Magie verschlagen. Das ist kein totes Gleis. Doch kehren wir zu den Namen zurück: Die Namen der anderen Spieler werden aus verständlichen Gründen verschwiegen, nicht aber die Namen der Männer, die – wie man so sagt – die Fäden in der Hand halten.
Meine Notizen werden also, während die Würfel rollen, bestimmte Persönlichkeiten beim Namen nennen: Bankdirektoren, Finanzleute, Grundbesitzer, Spekulanten, Versicherungsunternehmer – und auch andere, weniger wichtige Leute. Die bedeutendsten sind jedenfalls Helmut Crunch, mein Chef, Walter Krachnuss, Maximilian Galak, Jean-Marie Pralines, Rudolf (Rudi) Toblerone.
Es liegt in der Natur des Monopoly-Spiels, die Wirklichkeit zu verzerren. Da gibt es keine Landschaften, nicht einmal unfruchtbare Landstriche, man trifft weder auf Dörfer noch auf Vorstädte oder armselige Bergtäler. Jeder Staat wird durch vier Streifen dargestellt, die die Seiten eines Quadrates bilden. Jeder Streifen setzt sich aus zehn Feldern zusammen, und jedes Feld trägt den Namen eines charakteristischen Platzes oder einer bekannten Strasse einer Stadt. In der nationalen Fassung des Spiels ist Zürich daher den Städten Mailand, Paris, Frankfurt, New York gleichgestellt. Monopoly ist ein multinationales Spiel.
Es ist meine Pflicht, vor dem ersten Würfeln darauf hinzuweisen, dass schon zu Beginn des Spiels eine empfindliche Störung eintrat, und zwar durch den geheimnisvollen, noch ungeklärten Tod von Albin Dash jr., der auf dem Wege war, zur wichtigsten Finanzautorität des Landes aufzusteigen.
Dash ist über die Felsplatten eines steilen Wildbaches hinabgestürzt, der sich in Kaskaden bis zum Talgrund ergiesst. Dieser an sich schon mysteriöse Tod wird noch geheimnisvoller durch einige Ereignisse, die in der Geschichte unseres Landes einzig dastehen. Da sind drei Tage nach dem Tode von Dash – der am 26. September, dem Fest der Heiligen Cyprian und Justine, eintrat – in Olten, Montreux und Rapperswil sehr merkwürdige Dinge geschehen:
In Olten hat jemand um sechs Uhr morgens einen dumpfen Fall auf der Strasse gehört. Es hätte ein herabfallender Ast sein können; in der Nacht vorher herrschte ein gewaltiger Föhnsturm.
Es war jedoch kein Baumast, sondern ein schwarzgekleideter Mann mit neuen, schwarzen Schuhen. Wieso kauft man sich einen Tag vor seinem Tod neue Schuhe?
Es war ein Bankdirektor, ein sehr bekannter Mann aus Olten. Am selben Tag um acht Uhr morgens entdeckte in Montreux eine Putzfrau im Hause des Vizedirektors der dortigen Niederlassung die Leiche des Hausherrn. Er sass im Sessel, lässig ausgestreckt wie einer jener Schwachköpfe, die im Korbstuhl unter der sengenden Sonne dösen. Die Pistole war zu Boden gefallen.
Und am Abend desselben Tages sah ein Fischer, der am Ufer des Zürichsees in der Nähe von Rapperswil langsam dahinruderte, einen Schatten im Schilf liegen. Als er mit dem Boot näher heranfuhr, gab es keinen Zweifel mehr: ein schwarzgekleideter Mann lag auf dem Grunde des Sees, der hier nur etwa drei Meter tief ist. Das Gesicht lag im Schlamm. Die Identifikation machte keine Schwierigkeiten, und man kam zum längst gefürchteten Ergebnis: es war einer der bekanntesten Geschäftsleute der Bahnhofstrasse. All das geschah, während jeder normale Bürger seiner Arbeit nachging, während die Züge mit gewohnter Pünktlichkeit am Hauptbahnhof einliefen, während niemand an so etwas wie Streik dachte – den man hierzulande ja so gut wie abgeschafft hat –, während sich Arbeit und Freizeit in gewohntem Rhythmus ablösten; ein Virus war in höchste Kreise eingedrungen, ein tödlicher Wirbel erfasste die Exponenten der Hochfinanz.
Die begrüssenswerte Zurückhaltung, das Schweigen der Presse ist erklärlich.
Der Mann auf der Strasse aber fühlte sich doch ein wenig beunruhigt. Die Fälle von Olten, Rapperswil und Montreux blieben ja nicht die einzigen. An einem Morgen kann es passieren, dass man die Wohnungstür öffnet und auf dem Treppenabsatz einen leblosen Körper liegen sieht – einen Bankprokuristen –, doch passiert das nur selten, eigentlich geschah es nur ein einziges Mal, in Rorschach. Oder man sieht einen Mann kopfüber das Treppenhaus hinabstürzen, einen Chefbuchhalter. Viel häufiger sind jedoch die Fälle von Vergiftungen mit Barbituraten oder mit rasch wirkendem Zyankali.
Schliesslich verfielen die Zeitungen auf die merkwürdigsten Beschönigungen, Metaphern, Wortmalereien; wie sollte man diese immer weiter um sich greifenden Erscheinungen von weitreichender Bedeutung erklären! Es gibt viertausend Banken im Lande; es ist, als stocherte man in einem Haufen Kuhmist voller Fäulnis und Würmer.
Man sprach von Bankrott, von Unregelmässigkeiten, die bislang nicht geklärt werden konnten, und schliesslich von kolossalen Verlusten. Doch müsse man mit einem Urteil zuwarten, bis sich die Lage beruhigt hätte. Man ist dabei, den Fall zu untersuchen. Strengstens. Die Bank xxx ist geschlossen worden. Hunderte von kleinen Sparern haben ihre Einlagen verloren. Heute hat man sich davon überzeugt, dass eine Tür der Bank y zu einem Anwaltsbüro führt und dass dieses Anwaltsbüro Verbindungen zu einer Treuhandge sellschaft mit Sitz in Liechtenstein hat. Die Treuhandgesellschaft hat sich unvorsichtigerweise in allzu kühne Geschäfte eingelassen und fliegt auf.
Nicht jeder erträgt diese Panikstimmung. Mancher versucht, sich in Sicherheit zu bringen und demissioniert. Mancher besonders Sensible findet keine andere Lösung mehr als den Selbstmord. Anderen hat man nahegelegt, sich zur Verfügung zu halten. Die Schwesterbanken haben beachtliche Summen bereitgestellt, um die Verluste zu decken. Es ist in jedem Fall besser, Skandale zu vermeiden.
Endlich beruft der Generaldirektor der Zentrale die Aktionäre mit eingeschriebenem Expressbrief zu einer ausserordentlichen Generalversammlung ein. Er werde alle Fragen beantworten. Für diese Zusammenkunft mietet man den grossen Ausstellungspavillon im Schmuck aller Kantonsbanner und Städtefahnen. Man scheut das Licht des Tages nicht. Presse und Fernsehen sind geladen.
An den Wänden hängen grosse Tafeln mit grafischen Darstellungen, Zahlen, Prozentsätzen.
Der Generaldirektor spricht hochdeutsch, vermeidet den Zürcher Dialekt. Der Generaldirektor gleicht Arturo Toscanini.
Er spricht länger als zwei Stunden, erlaubt sich keine Zigarette, hat ein Stückchen Watte ins lange Mundstück gesteckt. Nur ein einziges Mal nimmt er die goldgeränderte Brille ab und putzt sie mit seidenem Taschentuch.
Nur ein einziges Mal trinkt er einen Schluck Mineralwasser. Glücklich die Männer, die niemals schwitzen!
Die Hände sind schneeweiss unter den Reflektoren der Fernsehkameras. Merkwürdige Fragen werden gestellt. Man könnte vermuten, dass die Fragen nur von den Neffen und den Schwiegersöhnen des Generaldirektors kommen.
Schon am gleichen Abend können Radio und Fernsehen dem Lande seine Sicherheit zurückgeben.
Als der Generaldirektor die Sitzung schliesst, geben die namhaften Persönlichkeiten aus Bankwesen und Politik, die die Versammlung über direkten Fernsehanschluss verfolgt hatten, ihren Sekretärinnen den Auftrag, herzliche Glückwünsche zu telegrafieren.
Die Seuche ist vorüber. Sie hatte sogar etwas Heilsames – wie alle Seuchen. Mit hartem Besen hat sie unbarmherzig die schwächsten Elemente hinweggefegt und hat den gesunden Geist der Bank gekräftigt. Verjüngt tritt sie aus dieser Prüfung hervor: Erneuerung des Blutes – wie bei den Radrennfahrern am Ende der Saison.
Als der Generaldirektor der Bank sich endlich zu den Seinen zurückzog, hatte er manchen warmen Händedruck zu erwidern. Das Übel war besiegt, das Leben kehrte in die gewohnten Geleise zurück. Auch das Monopoly-Spiel konnte beginnen.
I START
«Die Menschen sind freigeboren, sie leben in Freiheit und besitzen die gleichen Rechte. Soziale Unterschiede gründen sich ausschliesslich auf den Nutzen für das Allgemeinwohl. Lassen wir’s dabei: Diese Freiheit und diese Gleichheit bedeuten ganz einfach, dass alle Menschen grundsätzlich frei sind, ausser in den Fällen, wo sie abhängig sind; auch sind sie gleich in allen Dingen, ausser in den Fällen, wo sie ungleich sind: also eigentlich nie.»
Professor Vilfredo Pareto1 aus Lausanne trieb seinen Sarkasmus so weit, dass er endlich in lautes Gelächter ausbrach, was bei ihm äusserst selten vorkam. Dabei sah er dem Bankdirektor zu, wie er dem Spieler den Würfel überreichte, die Spielmarken, das Blatt mit den Spielregeln, die doch alle von klein auf kennen, und schliesslich – man sollte es nicht für möglich halten – eine beträchtliche Summe für jeden Spieler. Sind wir denn hier im Schlaraffenland? Klärt denn keiner den Professor Pareto darüber auf, dass die Regeln des Monopoly es so bestimmen? Meinetwegen – amüsiert euch nur, schmunzelte der grosse Ökonom. Verstohlen beobachtete er den Direktor der Nationalbank, der als «Starter» den ersten Wurf hatte und schon die schachbrettartig gemusterte Flagge zum Start erhob. Und er murmelte leise die dunklen Worte: «Die sogenannten Oberklassen sind gewöhnlich auch die reichsten.»
Am Anfang war der erste Wurf, und wir waren alle gleich. Der Bankhalter verteilte gelbe Couverts, die für alle Mitspieler die gleiche Summe enthielten. Ein junger Bursche unter der hoch über uns flatternden Fahne zählte bedächtig die Karten. Unsere Aufgabe war es, die empfangenen Gelder in bestmöglicher Weise zu nutzen, in vollem Vertrauen auf unser Glück und auf unsere Begabung, und in der Gewissheit des Fair Play. Ohne Gehässigkeit schauten wir einander an; wir sassen in einer Linie wie die Radrennfahrer vor dem Start, und wir lächelten uns zu, als ob die Fotografen mit ihren Blitzlichtern und die Fernsehleute schon bereitstünden. Der Direktor der Nationalbank, der Starter, blickte uns alle freundlich an.
«Auch du kannst mitmachen!», war auf seiner Stirne zu lesen. «Du kannst aufsteigen, Erfolg haben, Karriere machen, die Zukunft absichern, die anderen überrunden.»
Ein Spruchband über unseren Köpfen sprach es aus: «Wille ist Macht.» Da wurde über Lautsprecher bekanntgegeben, dass der Start um eine halbe Stunde verschoben sei. Der Grund wurde nicht erwähnt. Inzwischen konnte man in der Halle nebenan einen Kurzfilm ansehen, der von der Bankiersvereinigung zur Verfügung gestellt worden war. Er zeigte die Lebensgeschichte eines berühmten jungen Mannes, der vor hundert Jahren gelebt hatte: Albin Dash sen.
Tagtäglich klopfte dieser ärmlich gekleidete junge Mann an eine andere Tür. Einmal öffnete ihm ein Drogist, das andere Mal ein Typograf mit einer Schirmmütze, ein andermal ein Hufschmied mit dem Eisen in der Hand. Alle schüttelten den Kopf und zuckten die Schultern. Die Mutter begriff die Qualen ihres armen Jungen nur zu gut, und sie trocknete sich mit dem Schürzenzipfel die Augen, als sie wieder zum Waschzuber ging. Der Vater war ärgerlich, blätterte unwillig in der Zeitung. Und eines Tages schlenderte der Junge mit den Händen in den Hosentaschen durch die Stadt und geriet vor das Portal einer Bank, als ob der Himmel ihn dorthin geführt hätte. Warum nicht hier? Doch einer der Beamten gab ihm höflich und geduldig zu verstehen, dass es hier keine Arbeit für ihn gebe: Wir befinden uns in der Krise. Sie müssen sich anderswie behelfen.
Man behalf sich anderswie, das hiess, man lief wieder durch die Strassen, woher man gekommen war. Da sah der Junge plötzlich beim Durchqueren eines Innenhofs jener Bank eine Nadel am Boden liegen. Er bückte sich, um sie aufzuheben. Der Bankdirektor aber, der ihn von einem Fenster des ersten Stockwerks aus beobachtet hatte, schickte seinen Privatsekretär zu ihm hinunter: Der junge Mann solle heraufkommen. Und als sie beide oben angekommen waren, sah man den Direktor in seinem Büro auf und ab gehen. Seine neuen, schwarzen Schuhe knarrten. Er sah aus wie Arturo Toscanini. «Du bist ein braver Junge. Ich habe gesehen, wie du dich gebückt hast. Auch ich habe so angefangen. Von jetzt an bist du unser Lehrling.»
Der Film zeigte dann, welch rasche, glänzende Karriere dieser junge Mann in den folgenden Jahren durchlief. Jetzt wurde er von einem anderen Schauspieler dargestellt, einem eleganten, gut aussehenden Mann, und auch dieser ähnelte schliesslich immer mehr Arturo Toscanini. Nur schade, dass man seine Mutter nicht mehr zu sehen bekam. Vielleicht war sie noch am Leben.
Der Junge wurde einer der grössten Bankiers der Welt. Ihm war es zu verdanken, dass man unser Land allenthalben im Ausland respektierte, dass man den Fleiss und die Initiative seiner Bewohner schätzen lernte. Die Bankgesellschaft hat ihre Filialen in (alpuaueiiscu geordneu) Beirut, Bogotá, Buenos Aires, Caracas, Guayaquil, Hongkong, Lima, Mexiko, Panama, Rio de Janeiro, São Paulo, Singapur. Er hat uns seinen in aller Welt berühmten Namen, sein unerhörtes Glück hinterlassen. Er war ein Beispiel höchsten Pflichtbewusstseins.
«Das Leben der grossen Bankiers erinnert oft an das Leben der Heiligen», so äusserte sich eine Dame, als sie die Halle verliess. Uns geht es besser als dem alten Albin Dash (oder schlechter, je nachdem): wir besassen von Anfang an viel mehr als eine Nadel. Und unsere Kinder brauchten sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen.
In unserem Land erhält jedes neugeborene Kind ein auf seinen Namen ausgestelltes Sparkassenbüchlein. Mit anderen Worten: das ist sein erstes amtliches Dokument, etwa wie der Geburtsschein oder der Taufschein. Und jene erste Nadel ist ein Silbertaler – oder eine Banknote, ein Geschenk der Bank. Niemand kann mehr von sich behaupten, er sei arm zur Welt gekommen. Das Sparbüchlein ist ja etwas viel Gescheiteres als die Sparbüchse vergangener Zeiten oder das tönerne Sparschweinchen, das eines Tages in Trümmer geht, und die Patin beklagt sich bei der Mutter: es sei ein Jammer, wenn man gewissen Leuten Geld schenke. Doch am Ende beruhigte sich auch die Mutter. Man schwieg ein wenig, während man den Zucker in die Kaffeetasse rührte. Wenn das verdammte Sparschweinchen nicht gewesen wäre, wer würde sich heute – nach fünfzig Jahren – noch der Patin erinnern!
Das Sparschwein wird mit Münzen gefüttert, das Sparbüchlein mit Banknoten – jedes Ding zu seiner Zeit –, und die Häupter des Familienclans überweisen in regelmässigen Abständen; der Ritus der Zahlung wird eingehalten. Man ist den Kinderschuhen kaum entwachsen, hat man schon ein Vermögen auf dem Sparbuch. Der von der Bank verkündete Neopositivismus, der von fähigen Fachleuten für Public Relations glaubhaft vertreten wird, pflanzt ein neues Reis auf die alten Stämme der Rousseau, Pestalozzi und Claparède. Man erfährt nicht nur, dass die Erziehung des Menschen durch die Technik des Sparens etwa hundert Jahre vor seiner Geburt beginnt. Man lernt vor allem, dass es überaus wichtig ist, das neugeborene Kind von Anfang an, sobald seine gewaltige Lernfähigkeit sich zeigt, auf die richtige Bahn zu lenken: Sparsamkeit, Vorsorge für die Zukunft, Versicherung gegen die verschiedenartigsten Übel, Freude an gewissenhafter Arbeit, am ehrlichen Wettbewerb, technische Begabung, Fähigkeit zur Neuerung in der industriellen Produktion, Verantwortungsbewusstsein, Ent schei dungssicherheit, Führungskraft, Freude an gewinnbringender Tätigkeit. Alles im Zeichen eines gesunden Prinzips: Wer sich selber hilft, dem hilft Gott.
Durch diese Gedankengänge beflügelt, waren wir nun bereit, den Würfel rollen zu lassen. Ein Bote in kaffeebrauner Nestlé-Livree hatte sich dem Direktor der Nationalbank genähert, doch dieser zog es vor, den Start nicht weiter zu verzögern. Man war ja schon im Bilde, dass man in dieser Depesche allen Tochterfirmen den allzufrühen Tod des Albin Dash mitteilte, der durch einen Unglücksfall ums Leben gekommen war. Über Felsplatten war er abgestürzt, über marmorglatte, in Jahrtausenden abgeschliffene Gesteine – ein Sturz, in dem sich wie in rasendem Rücklauf sein steiler Aufstieg widerspiegelte, seine triumphale Karriere von einem Posten zum anderen, unaufhaltsam nach oben bis hin zum Sessel des ersten stellvertretenden Generaldirektors. Und jetzt dort unten, im sprudelnden Wasser, mit aufgerissenen Augen, ausgestreckten Händen – mit welchen Gedanken? An den höchsten Posten, der sich hoffnungslos in der Ferne verlor? An die Mutter? An den Grossvater Albin Dash Senior, dessen lebensgrosses Porträt wie ein weltlicher Heiliger, streng und gerecht, im Vestibül über der Eingangstür – zwischen einem Rubens und einem Böcklin – aus dem Rahmen blickte? Oder dachte er an die erste Schlittenfahrt mit fünf Jahren in den Winterferien, den Fuhrweg entlang, der das Bergdorf von oben bis unten durchschnitt. An einem Mäuerchen kam der Schlitten plötzlich zum Stehen und versank in den hohen Schneewehen eines Gartens.
Oder dachte er an die Kombination des Panzerschranks, der mit geöffneten Türen im Bachgrund lag und darauf wartete, verschlossen und gesichert zu werden.
Der Direktor der Nationalbank verlas die Trauerbotschaft und bat darum, sich zu einer Schweigeminute zu erheben. Natürlich wusste er, dass man eine Minute sagt, dann aber im Geiste nur bis sieben zählt, sich bedankt und wieder Platz nimmt.
Er beschloss daher, bis zwanzig zu zählen, sodass alle den Eindruck hatten, die schmerzliche Stille dauere mindestens drei Minuten. Daraufhin sprach der Direktor der Nationalbank mit leiser Stimme, nur den zunächst Sitzenden vernehmlich, aus, was man in solcherlei Fällen zu sagen pflegt: das Leben fordere seine Rechte, das Leben gehe weiter.
Ja, es blieb uns nichts anderes übrig, als weiterzuleben: Der Würfel fällt, es gelten die Regeln des Fair Play, zuerst die Frauen, dann die Kinder. Ohne Rücksicht auf jene, denen es – wie Dash – verwehrt war, noch einmal zu würfeln – in Ewigkeit.
1 Anmerkungen siehe Seite 222 ff.
II SCHAFFHAUSEN
Die Reihe war an mir, ich war ein wenig erregt und liess den Würfel über die Spielfläche rollen: er zeigte drei Augen. Ich ging nach Schaffhausen. Nun konnte ich mich endlich an Ort und Stelle davon überzeugen, ob der gewaltige Rheinstrom wirklich den Eindruck macht, als beklage er seinen Sturz in die Tiefe, wie Poggio2 im 15. Jahrhundert schrieb. Doch rief mich der Bankhalter in die Wirklichkeit zurück.
«Kaufen Sie?»
Ich begriff nur eines: bis jetzt hatte ich nichts begriffen. Ein Bankhalter ist aber geduldig: er steht im Dienste des Volkes. Er griff nach einem Blatt, das auf der linken Seite des Tisches lag und legte es ruhig nach rechts hinüber. Dann faltete er die Hände, legte sie vor sich auf die Tischplatte und erklärte:
«Passen Sie auf, Sie sind als erster auf dem Platz Schaffhausen angekommen. Wenn Sie wollen – und ich rate es Ihnen in Ihrem eigenen Interesse –, dann überweisen Sie mir 1200 Franken : das ist ein Pauschalbetrag. Die Summe wurde mit Rücksicht auf die Bedeutung der Stadt festgelegt. Für Zürich Paradeplatz würde eine andere Quote gelten: dort wären es 8000 Franken. Nun gut, Sie überweisen die 1200 Franken, und ich gebe Ihnen diese auf Schaffhausen Vordergasse ausgestellte Besitzurkunde. Sie können diese Besitzurkunde jetzt behalten. In diesem Fall muss Ihnen jeder Spieler, der nach Schaffhausen kommt, 80 Franken geben. Wenn Sie jedoch ausser in Schaffhausen auch in Chur Grundstücke erwerben, haben Sie die Möglichkeit, Häuser oder ein Hotel zu bauen. Je mehr Sie bauen, desto höher werden die Mieten, die die anderen Spieler Ihnen zahlen müssen. Es liegt auf der Hand, dass Fortuna nur dem Unternehmungslustigen hold ist, dem Furchtsamen aber den Rücken kehrt.» – «Die Schwachen sind gewöhnlich auch feige», fügte Professor Vilfredo Pareto seinerseits hinzu, «Sie begehen Diebstahl im Verborgenen, heimtückisch und geschickt – sie haben nicht das Herz, in aller Öffentlichkeit einen bewaffneten Überfall zu wagen.»
Vielleicht gehörte ich auch zu jener Sorte von Feiglingen?
In Schaffhausen erwartete mich eine Botschaft von Crunch, dem mächtigen Direktor der Zürcher Zentrale, dem Gegenspieler von Dash beim Sturm auf den Gipfel der Bankhierarchie des Landes. Und Dash war ja ausgeschaltet ... Da ich im Geschäftsleben von Crunch vor allem kulturelle Belange vertrete, bat mich der grosse Chef, bei der Eröffnung einer für Führungskräfte und hohe Bankfunktionäre einberufenen Tagung an seine Stelle zu treten. Der plötzliche Tod von Dash erlaubte ihm nicht, sich von der Walstatt zu entfernen. Die Früchte sind reif, so dachte ich. In der Botschaft hiess es weiter, der Humanist werde auf diese Weise Gelegenheit haben, eines der schönsten Schlösser des Landes zu bewundern, das einst ein Bollwerk gegen das Ausland gewesen war.
«Da gibt’s zu trinken», liess sich ein Kollege aus dem Clan von Krachnuss vernehmen und schaute dabei in den Spiegel, als wir in dem alten Hotel angekommen waren. «Schliesslich handelt es sich ja um ein Symposium.» Die Taxis warteten vor dem Palast der Gerechten. Ein Grüppchen Neugieriger hatte den Finanzminister erkannt und applaudierte. Um zehn Uhr kamen wir vor dem Schlosstor an. Unsere Lederschuhe knirschten vergnüglich auf dem Kies der Allee. Um zehn Uhr fünfzehn, wenn unendliche Vergangenheit und unendliche Zukunft zusammentreffen (das Thema des Symposiums hiess ja «Die Zukunft unserer Banken»), hält die flüchtige Gegenwart einen Augenblick an: Kaffee und Brötchen. Milch nach Belieben.
Gute, schweizerische Milch.
«Der wohlverdiente gute Ruf unseres Landes», begann der Finanzminister mit ernster, nachdenklicher Stimme, «hat infolge bedauerlicher vonälle in unseren Kreditinstituten einen schweren Schlag erhalten. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dieses trojanische Pferd rechtzeitig zu entlarven, mit welchem der Gegner sogar bis ins Innere unseres Staatswesens vorstossen könnte.»
Dann entspannte sich der Minister. Er sprach über die Massnahmen, die von der Regierung gemeinsam mit den entsprechenden verantwortlichen Stellen zu ergreifen waren. Er sprach von der Philosophie des Regierens, von seiner, des Finanzministers Philosophie. Doch dürfe man ihn nicht missverstehen: und mit feinem Lächeln betonte er, dass ein Minister der Jakobiner nicht etwa dasselbe sei wie ein jakobinischer Minister.
Er scherzte, offensichtlich, um die Stimmung aufzulockern, denn es näherte sich die Stunde des Aperitifs, den die Stadt Schaffhausen für ihre illustren und hochwillkommenen Gäste bereithielt. Während er seinen Rheinwein kostete, unterhielt sich der Minister mit Professor von Sogno, dessen Rede nach dem Mittagessen folgen sollte und der sich gegenwärtig eifrig mit einem Tellerchen voller Pommes Chips beschäftigte – für sein zahnloses Fischmaul zweifellos das Beste.
Der Kopf des Professors von Sogno war wie mit Lineal und Zirkel gezeichnet: kahl und rund, auf gleichfalls rundem Körper mit zwei gänzlich unscheinbaren Beinchen. So rollte er vorwärts wie der kugelrunde Lionardo in jenem Zeichentrickfilm der italienischen Fernsehserie für Kinder.
Professor von Sogno bemerkte, dass ich ihn mit übergrosser Aufmerksamkeit beobachtete, und er fragte sich vielleicht, wer da für ihn ein so grosses Interesse zeigen mochte. Als der Finanzminister von einem Funktionär begrüsst und in ein Gespräch verwickelt wurde, kam Professor von Sogno zu mir.
«Agrippa – Tessin, ach Tessin ... Einmal habe ich dort gesprochen, im Tessin ... in Locarno ...»
Ja richtig, ich hatte ihn schon einmal gesehen! Im Frühling 1945 bei einer Zusammenkunft der Bürger- und Patriziervereinigung.
Lionardo von Sogno begann alsdann von Wien zu sprechen, von seiner Zeit als Attaché in Wien. Und, en passant, erinnerte er sich an den Einmarsch der Mongolen. Die Wienerinnen ... In Kellern mussten sie sich verstecken, um nicht «dans les griffes des mongoles» zu fallen, in die Krallen der Asiaten, der Mongolen, wie er den Einmarsch der Roten Armee umschrieb. Niemals waren die Soldaten ja besonders höflich zu den Frauen gewesen. Aber die Mongolen!
Der Krieg führte diese Wildkatzen nach Europa; die Städte, die Häuser, die Frauen spiegelten sich in ihren Schlitzaugen. Da hiess es: aufspüren, anspringen, zerfleischen. Und dann das Geheul! Herrliches, weisses Fleisch, so zart, dass man sogar die Knochen verschlingen könnte!
Das beste Fleisch ist das Brustfleisch: die glänzende Tafel der Wiener, die kristallenen Gläser, der Walzer ... Asiatischer Samenfluss über weissem Leib ...
Einen ganzen Monat lang, bei Tag und Nacht.
Dies ac noctes.
Der Versammlungsraum war hellerleuchtet. Patriziat und Bürgertum vereint. Wie viele willige Frauen suchten ihre Straussenfederköpfchen zu verbergen und wussten nicht wo, wohin sich verstecken; und andere suchten mit ausgestreckten, schwachen Armen einen letzten Damm zu bilden gegen die alles verschlingende Flut.
Auch der kleine Hans hatte den Zeigefinger in das Loch des Deiches gesteckt und verhinderte so, dass Holland unter den Fluten begraben wurde.
Ein ekelerregender Geruch war in den Saal gedrungen und verbreitete sich von hier aus in der ganzen kleinen Stadt.
Die Mönche des die Stadt beherrschenden und beschützenden Sanktuariums mussten sich die merkwürdigsten Beichten anhören und bemühten sich aus allen Kräften, die seltsamsten Anfechtungen im Keim zu ersticken: «Beten Sie, meine Tochter, beten Sie unermüdlich!»
Und Lionardo von Sogno wurde vom gesamten Magistrat der Stadt, von den Vertretern der Zünfte und denen des Klerus, im Rathaus empfangen.
Er sah sich gezwungen, die Schrecken der Mongolen und der Frauen von Wien erneut zu erzählen: O ja, ja, ganz gewiss, das Ende der Welt. Das waren die Zeichen! Es gab keinen Zweifel.
Sie machten keinerlei Unterschied, die Asiaten, sie schauten weder auf das Alter noch auf die Schönheit.
Dies flüsterte von Sogno dem alten Bürgermeister ins Ohr, genau wie der Lionardo im Fernsehen, und dieser riss die Augen auf wie noch nie in seinem Leben, nicht einmal bei der denkwürdigen Begegnung von Stresemann und Briand im Jahre 1925. Er bedeckte die Augen mit seiner Rechten, als ob sie aus ihren Höhlen treten und über die Tränensäcke herabrollen könnten.
«Wieso sind denn die Asiaten nicht auf den Gedanken gekommen, in die Keller hinunterzusteigen?», fragte in der Osteria der Meister des Weinkellers von Canetti.
«In den Kellern lagert man ja vor allem den Wein. Möglich, dass die Nazischweine ihn schon bis zum letzten Tropfen ausgetrunken hatten. In Wien hat man ja besonders guten Wein. Solchen Wein hätten die Asiaten nicht so bald wieder gefunden.» Frauen und Wein! Dieses Lied hätte sich, wie der Walzer, von selbst ergeben, sobald sich die Schleusen dem gelben Mongolenstrom geöffnet hatten: ein wilder oder ein schwermütiger Gesang, voller Befriedigung und voller Melancholie, denn auch das mongolische Wesen ist, wie das europäische, post coitum triste.
Oder es hatte den Teufel im Leib wie die krähenden Hähne im Kollegium, wenn sie durch einen Drahtzaun von den Hennen getrennt waren. Einmal hatten wir ihnen eine Henne hereingeschoben, hatten sie angefeuert: «Geht los, Mongolen, zeigt was ihr könnt!», da klingelte es schon zum zweiten Mal, und wir mussten ins Klassenzimmer zurück.
Während der ganzen folgenden Unterrichtsstunde (der Didaktiklehrer fuhr in seinem Thema fort und verbreitete sich über die Vor- und Nachteile der dreifach gelöcherten Schreibfeder und der in der Elementarschule benutzten Schreibfeder Mitchell-la-rosa) hatten die Hähne, nach kaum zwei Minuten Pause, in der Hitze des Nachmittags ganz ausserplanmässig von Neuem ihren Gesang von Wien angestimmt und krähten im Kanon: Halleluja. Selbst der Ex-Seminarist, der in der Schule niemals den Mund verzog, lachte Tränen.
Der Lehrer aber nahm mit heftiger Bewegung die Brille ab. «Darf ich Sie bitten! Was nehmen Sie sich heraus!»
Doch konnte der Lehrer ebenso wenig wie alle anderen ehrlichen und gesunden Staatsbürger Mitteleuropas etwas ausrichten gegen diese mühsam erzwungene Keuschheit, die von jenen himmlischen Hähnen – nicht etwa von übersättigten Tieren – verhöhnt wurde.
Am Ende der Unterrichtsstunde gab es niemanden, der für die arme Henne Partei ergriffen hätte, sei sie aus Wien oder aus Padua, Rodeländer oder Leghorn, niemand, der sie bemitleidet hätte, als wir sie zertreten, aufgeschwollen und leblos im Gehege liegen sahen.
Die Federn der Erinnerung kratzen und knirschen – wie die Krallen der Mongolen.
Einige Wochen lang waren sogar die Hausaufgaben und die Klassenarbeiten durch die Mongolen infiziert. Aber der eigentliche Skandal brach erst in der Religionsstunde aus, als ein Junge die Frage sehr entschlossen auf seine Weise anpackte:
In der Wiener Vorstadt gibt es einen Stall, in dem sich eine junge Mutter verbirgt, eine junge Frau allein mit ihrem Kind. Der Mann, der sich als Vater des Kindes bekannt hat, ist ein Jude namens Josef – und er ist eines Tages im Morgengrauen von Gestapobeamten in Helmen und Stiefeln verhaftet worden. Er wurde mit vielen anderen in verschlossenen Waggons auf die Reise geschickt. Mit unbekanntem Ziel. Die junge Frau – sie heisst Maria – besitzt eine Maschinenpistole, die einer der Hirten unter der Futterkrippe versteckt hat. Ein anderer hat ihr beigebracht, wie man sie gebraucht. Als sich das Tor zum Stall öffnet und ein Mongole sich mit offenem Munde nähert – was wird die Jungfrau tun?
Schiesst sie oder schiesst sie nicht?
Dem Religionslehrer stieg die Röte ins Gesicht, und er war der Ansicht, hier gehe es um eine Entweihung der Muttergottes, gleichzeitig also um eine Herausforderung des Christentums. Ging also ipso facto zur Direktion, um den Fall anzuzeigen.
Tags darauf berichtete die Zeitung darüber und forderte strenge Massregeln gegen diese gotteslästerliche Frechheit der Jugendlichen. In der Stadt bildeten sich zwei Parteien: die einen hätten geschossen, die anderen nicht.
Ein uralter Priester, seinerzeit Vorsteher des Domkapitels, warf seine Stimme in die Waagschale und gab öffentlich bekannt: Nein, die Madonna hätte nicht geschossen, die Madonna benutze keine Maschinenpistole. Aber die Mehrheit gab sich nicht geschlagen.
Und wenn sie nun schwanger geworden wäre? Von einem Mongolen? Der greise Priester sagte nichts mehr. Er war erschöpft.
Glücklicherweise kam der Sommer, und mit ihm die ersten Ferien in Friedenszeit; die düsteren Wolken zerstreuten sich im frischen Ferienwind.
Seit Jahren war ich also mit jenem Bild des Mongolen vertraut, das eine Spur, eine Narbe wie von einem scharfen Messer, auf meiner jungen Haut hinterlassen hatte.
Hier ist nun ein jovialer Mann, der Pommes frites und Chips in sich hineinstopft wie der Frosch die Fliegen.
Mir kam der Gedanke, er sei mehr Frosch als Wissenschaftler, und ich war im Begriff ihn zu fragen, ob er sich noch an die Mongolen erinnere: doch er sollte ja gegen Schluss des Essens sprechen. Lionardo von Sogno erhob sich also beim letzten Gang, tauchte aus den Tischtüchern auf, faltete die Serviette sorgfältig zusammen und begann zu sprechen. Er begrüsste den Finanzminister, die Führungskräfte aus dem Finanzwesen, während er seiner Jackentasche ein Bündel dünner, kleiner Blättchen entnahm, die in seiner Hand bebten wie die Stanniol-Lamellen in den Weinbergen.
Herr Bundesrat, Herr Präsident, meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, signore e signori! Seine Augen waren nicht zu sehen, lagen tief wie in zwei schrägen Schlitzwunden. Das waren Augen, die die Mongolen gesehen hatten und vieles andere, wenn auch nur aus dem Fenster unserer Botschaft. Vielleicht war sein ständiges Pommes-frites-Kauen nur ein Ausdruck verhaltener Verzweiflung über das alternde Herz Europas, so übervoll von Weisheit und Machtlosigkeit.
«Meine Damen und Herren. Heute werde ich Sie ein wenig mit meinem Stammbaum langweilen.»
Es war ein wundervoller Stammbaum. Er führte weit zurück ins alte Wien und stand dank einiger kühner Eheschliessungen bald in üppiger Blüte: ein Urahn aus dem Rätoromanischen, eine Urgrossmutter aus einem der Täler am Lago Maggiore, andere Familienmitglieder aus der deutschen oder der welschen Schweiz, woraus sich ergab, in welch natürlicher Weise helvetischer Geist in ihm verschmolzen war: wie die Wasser, die von den Alpengletschern herabfliessen, gleich wie das Licht vom Heiligen Geist, wie in Manzonis «Pentecoste» die Flüsse Europas, wo es heisst:
Wie aus dem dunklen Schosse
Der Alpen Helvetiens dringen
hervor der Tessin und die Rhône
und auch der stolze Rhein ...3
Im Stammbaum von Sognos fand sich ein Ahnherr, der Hauptmann im Sonderbundskrieg gewesen war, im Jahre 1847; er hatte also auf der Seite der Katholiken gekämpft. Ein anderer war enger Mitarbeiter von General Dufour gewesen, gehörte also zu den Protestanten. Mit ein wenig gutem Willen und im Laufe der Zeit (wahrlich, die Geduld könnte zu unserer zweiten Landesfahne werden!) lassen sich die Extreme zu friedlicher Gemeinsamkeit zusammenführen. Übrigens ist ja im Sonderbundskrieg, der im Jahre 1848 die Eidgenossenschaft um ein Haar in zwei Teile, einen protestantischen und einen katholischen, gespalten hätte, kein Tropfen Blut geflossen. Höchstens Sperma – die Geschichte jedoch, die sich nicht bis zu solchen Niedrigkeiten herablässt, hat davon nichts zu berichten. Und wenn ja, dann nur in sonntäglichen, gleichsam touristischen Schilderungen: also nicht zu verwechseln mit Mongolenzeiten – man muss hier wohl zu unterscheiden wissen.
Eine Abteilung des Sonderbundheeres kam aus dem Wallis und rückte bis in den nördlichsten Zipfel des Tessins vor. Dort stand man auf der Seite der Protestanten, der Bundestruppen also, die von General Dufour befehligt wurden.
Es gibt keine Aufzeichnungen darüber; man weiss nur, sie lagerten dort im Gras, zwischen den Stangen für das Heu, schlugen sich die Bäuche voll und machten sich noch am Nachmittag auf den Heimweg über die Passstrasse.
Das ist die einzige Kriegshandlung, von der unsere alten Leute zu berichten wussten, so wie sie es von ihren Vorfahren vernommen hatten. Es klang ganz nach einer Landpartie. Glückliche Heimat du!
Von Sogno wollte die Ursprünge dieses Glückes erhellen und kam zurück auf die Versöhnung zwischen den Ungleichen, die Harmonie zwischen verschiedenen Rassen, Religionen, Sprachen, zwischen verschiedenartigen Kulturen und Klassen: hier war das Modell, eine Mahnung an das geplagte Europa. Doch wolle er unser Land keineswegs als «sozialtherapeutische Klinik» hinstellen – wie er endlich mit grossem Ernst betonte, als stünde er plötzlich am Fenster der Wiener Botschaft und habe von hier zu den Menschen zu sprechen.
Mit dem Schlusskonsonanten von «Klinik», diesem explosiven k, sprühten einige Speicheltröpfchen auf die Serviette und auf das Hemd, gerade unterhalb der Fliege, nicht aufs fliehende Kinn jedoch, das in den gewaltigen Massen des Halses verschwand.
«Meine Damen und Herren. Mein Anliegen ist es aber nicht nur, Sie mit Geschichten zu ergötzen. Mein Anliegen sind vielmehr die Banken. Die Bank ist wie das Meer. Sie empfängt alles und sie verteilt alles; sie folgt dem unermüdlichen Rhythmus der Natur, den Wechselfällen des menschlichen Lebens. Mein Urgrossvater väterlicherseits brachte seine ersten Ersparnisse auf die Bank von Chur, und ein glühender Verehrer meiner Urgrossmutter mütterlicherseits erhielt von einer Briger Filiale ein für jene Zeiten recht ansehnliches Darlehen, das in dreissig Jahren rückzahlbar war und zum Ankauf eines Waldes benötigt wurde.
Er war Junggeselle, wie Ihnen schon klar geworden ist, und als er das Darlehen erhielt, war er siebzig Jahre alt. Sicher, er war ein robuster Mann, doch bei einer Flasche Wein gestand er seinen Freunden, dass er doch nicht so ganz sicher sei, noch dreissig Jahre zu leben.
Er liess den ganzen Wald abholzen, und die Stämme rutschten ins Tal hinab. Aber gerade zu diesem Zeitpunkt ereignete sich jene denkwürdige Überschwemmungskatastrophe: das ganze Holz verschwand im Genfersee.
Er starb mit neunundachtzig Jahren, ohne dass er die Schuldsumme hätte zurückzahlen müssen – und Nachkommen hatte er ja keine.
Das ist die Bank. Ich habe an diesen Fall erinnert, denn er kann uns lehren, menschliche Schicksale mit einer gewissen philosophischen Haltung zu betrachten. Aber dazu musste ich Sie ja nicht erst auffordern, denn Sie haben die Güte gehabt, einen bescheidenen Mann mit seiner ganzen Sammlung von Erinnerungen einzuladen, und Sie haben die Güte gehabt, ihm zuzuhören.»
Warmer, herzlicher Beifall folgte auf die Worte von Sognos, der sich jetzt niederliess und seine Gesichtsfalten ordnete. Der Finanzminister drückte ihm kräftig die Hand.
Meine Damen und Herren.
Diesmal war es der Hausmeister, der seit einer halben Stunde auf Zehenspitzen hin und her ging, behutsam die Türen öffnete und anlehnte.
Wir gingen ins Freie. Den meisten war jedoch die Lust vergangen, die Burg zu besichtigen, Schilder und Inschriften zu entziffern. Den grössten Andrang verzeichneten jene Schilder mit DAMEN und HERREN. Vor HERREN bildete sich sogar eine kleine Schlange, bis ein Basler von der Ciba sich sogar eine kleine Schlange, bis ein Basler von der Ciba sich endlich ein Herz fasste und – Grundsätze und Regeln sind wie Hosen, die man bei Bedarf fallenlassen muss – mit einer Geste komischen Bedauerns in der Abteilung DAMEN verschwand.
Fröhliches Gelächter überall, auch bei denen, die sich an die alte Kanone lehnten, deren Rohr gähnend auf den Feind gerichtet war.
Jemand hatte seinen Spaziergang bis zur Zugbrücke ausgedehnt und schaute in den Burggraben hinunter, oder er blickte durch die Schiessscharten über die Ebene, die in grosse, rechteckige Felder, in geschlossene Waldstücke aufgeteilt war, regelmässig und sauber. Der Fluss durchquerte das Land in weiten Kurven oder in geraden Kanälen.
Schönes, wunderschönes Land.
Im Auto sass der Basler, korpulent, mit dem Stumpen zwischen den Zähnen. Denk an Wien! Ich fühlte Mongolenblut in meinen Adern.
Diese Wienerinnen in den Kellern!
Sollte doch die «kulturelle Thematik» zum Teufel gehen, alle die knallenden ks des Professors von Sogno.
III THUN
Ich würfelte 6 und machte einen Sprung bis nach Thun. Eine gepflegte Stadt. Hier hätte ich dem Professor Pareto von Lausanne begegnen mögen. Ich hätte ihm vorgehalten, dass es nicht genug sei, wenn man seinen Band Taine – wie üblich – schliesst und die Bourgeoisie in Bausch und Bogen verurteilt, die sich «an unflätigen Büchern weidet, mit denen verglichen das Satyricon ein geradezu puritanisches Werk ist, und in denen sie grausam verhöhnt wird. Es ist nicht nur die Faszination des Obszönen, es ist der perverse Genuss, mitanzusehen, wie alles in den Schmutz gezogen wird, was bis anhin Achtung und Respekt genoss. Die Hauptsorge einer derartverderbten Gesellschaft, die jegliche Würde verloren hat, sind denn auch die Frivolitäten im Theater.»
Der Kamerad Sbrinz jedoch, der das Fernsehen nur bei Cowboyfilmen einschaltet, befand sich im Einklang mit der vernichtenden Kritik des Professors Pareto und war ebenso besorgt: «Die Menschen sind unzufrieden mit allem. Sie sind zügellos. Sie beklagen sich über den steigenden Brotpreis und kaufen am Kiosk unsittliche Zeitschriften. Sie spotten über die Traditionen der Vergangenheit. Ausserdem ist viel zu viel Geld im Umlauf.» Und um alles noch schlimmer zu machen, fügte Professor Pareto hinzu: «Wann ist jemals soviel Schmuck unter die Leute gekommen? Die Juweliere, die Antiquitätenhändler verkaufen heute viel mehr als früher. Aber sie haben auch andere Kunden als früher.»
Ich war überaus betroffen von dieser Feststellung des Professors Pareto, und da ich ohnehin ein etwas langsamer Spieler bin, sagte die Dame, die nach mir an der Reihe war, leise, doch nicht allzu leise, zu ihrer Nachbarin: «Schläft er, oder macht er sein Testament?»
Nein, mein Testament machte ich nicht, aber ich war nahe daran: in Gedanken war ich beim Begräbnis von Dash, bei dem kleinen alten Mann, der aussah wie ein Jockey von Ascot und jetzt zerschmettert und zerschlagen nach dem fürchterlichen Sturz fünfhundert Meter über die Felsplatten in der Tiefe lag – einem Sturz von wenigen Minuten Dauer; entsetzliche Umkehrung eines lebenslangen Aufstiegs, der bis zum zweithöchsten Sitz der Bankhierarchie geführt hatte, von wo es nur noch ein kleiner Schritt zum höchsten war, zum Sessel des mächtigsten Mannes des Landes, in dem man bis zum Nabel versinken und die lange Zigarre kosten konnte, die allein dem Mächtigsten vorbehalten ist.
Ein geschickter Wärter hatte das Bündel Knochen in ein feierliches Totengewand gehüllt, die Gesichtszüge geglättet, soweit es nach der Verunstaltung noch möglich war. Der eingerissene Mundwinkel unter dem grauen Bärtchen betonte noch den Ausdruck von Verachtung und Strenge. Dieser Ausdruck war es, den er bei besonders wichtigen Unternehmungen zur Schau getragen hatte, und bei Dash war jede Unternehmung wichtig.
Diese Grimasse bekam etwas Komisches, wenn er in nervöser Laune zusätzliche Bestimmungen für sein Testament formulierte: Zum Beispiel verfügte er, dass sein Wagen im Falle seines Todes in der Zeitung zum Preise von 50 (fünfzig) Franken angeboten und dem ersten Interessenten verkauft werden solle, und dass diese fünfzig Franken nach geltendem Recht dem Erbe seiner Witwe zugeschlagen werden sollten, sofern diese nicht noch vor ihm von der Erde abberufen würde. Noch einmal, zum letzten Mal, sollte ihr nach seinem Tode klar werden, wer Dash war, dieser kleine Mann von einem Meter achtundfünfzig; seine Frau mass einsvierundsiebzig.
Die Nachträge zu seinem Testament waren nichts anderes als das Protokoll der Litanei von häuslichen Streitigkeiten. Letzthin hatten sie – während eines kurzen Waffenstillstandes – von Manila gesprochen, wie im Notizheft vermerkt war. (Die dortige Bank entwickelte eine lebhafte Tätigkeit.) Sie sprachen von einer durch Hunger verursachten Invasion von Mäusen und Schlangen, und sie, die Schwarzhaarige, hatte zu bemerken gewagt: «Du könntest doch einige Wochen lang dorthin gehen.»
«Wirklich?», und er hatte sein Testament wieder zur Hand genommen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Lachte er immer noch? Gab es im Jenseits eine Bank des Heiligen Petrus, eine Bank der Seraphim, der Throne und des ewigen Herrschers? Oder gab es im Jenseits viele Reihen von Gucklöchern, durch die die Toten zur Erde hinabschauen und sie bespitzeln?
Indessen treffen bei der schmerzerfüllten Witwe Tausende von Telegrammen ein, aus allen Landesteilen, aus dem Ausland – und dann kommt das Testament. Was mich betrifft, so scheint es mir gar nicht ausgeschlossen, dass ich – angesichts der Stadt Thun und des Zeughauses der Schweizer Armee – meinem letzten Willen die Bestimmung beifüge, in Uniform begraben zu werden. Hier könnte ich mich einkleiden, mich, wie die Frauen sagen, ins Zeug werfen. Ein Uniformrock mit steifem Kragen im Stil 1936 vielleicht? Ein Waffenrock aus der Kriegszeit, der bis zu den Knöcheln reicht? Ein schönes Paar Socken?
Besser, man denkt nicht zu oft an das Begräbnis von Dash, man sucht vielmehr, Körper und Geist in Einklang zu bringen, zusammenzuschweissen auf dem Waffenplatz Thun, wo man ständig Soldaten antrifft, einige mit – vermunich ungeladenem – Gewehr, andere ohne. Alte Kameraden treffen sich hier zur Inspektion. Mit Freude hören sie zu, wenn ihr Kommandant – wie in jenen goldenen Zeiten – verschiedene Einheiten zum Aufmarsch befiehlt oder das Gewehr präsentieren lässt wie ehemals, als der Zwanzigjährige mit jugendlicher Kraft und Energie das singende Gewehr zur Hand nahm und dem Befehl «Gewehr bei Fuss!» augenblicklich nachkam.
Die ganze Familie hatte mitgeholfen, als es galt, den Tornister zu packen, den Mantel nach den Regeln der Kunst um den Tornister zu schnüren und alle persönlichen Effekten blankzuputzen.
Kamerad Hermann Sbrinz, Sachverständiger des Zeughauses, ist davon überzeugt, dass die Inspektion genauso wichtig ist wie für einen praktizierenden Katholiken die österliche Beichte.
Das Zeughaus ist nur wenige Tage im Jahr für das Publikum geöffnet. Unser Volk ist ja von Natur aus ein Volk von Sammlern. Alles wird gesammelt: Bleisoldaten und Kupfermünzen, Bierdeckel und – neuerdings als Hobby der Hochfinanz – Platin. Kein Sammler lässt sich die Gelegenheit von Thun entgehen. Und Herrmann Sbrinz ermahnte mich bei unserem Gang durch die ausgedehnten Räumlichkeiten des Zeughauses:
«Jetzt überlegen Sie mal gut ...»
Ich überlegte nicht. Ich stellte mir vor, wir spazierten durch die Salons von Versailles. Sbrinz war einer der Minister in Amt und Würden, ich ein Emir aus Saudi-Arabien.
«Überlegen Sie mal: die Sammler von militärischen Effekten! Denken wir gar nicht an die Granaten-Hülsen, die vor allem von den Hausfrauen begehrt werden, aber manchmal auch von den Gattinnen hoher Bundesbeamter, die sich einen Spass daraus machen, hübsche Geranienbehälter daraus zu basteln; denken wir gar nicht an die historischen Gewehre, die vom Jahre Siebzig zum Beispiel. Ein Amerikaner ist einen Monat lang um mich herumgeschwirrt, weil er ein Bajonett wollte. Denken wir vielmehr an die Uniformen aus der Zeit vor 1870, als es noch kantonale Heere gab mit all ihren verschiedenen Schnitten und Formen. Aber kommen wir zu den höchsten Graden. Zur Generalsuniform. Wissen Sie, was eine Generalsuniform kostet? Aber seien Sie beruhigt: Sie ist unverkäuflich. Sie wissen ja: wir hatten nur vier Generäle, seitdem die Schweiz die Schweiz ist, und sie ist es ja schon ziemlich lange. Das waren: Dufour, Herzog, Wille und – last but not least – Henri Guisan. Generalsuniformen stehen nicht zum Verkauf, so wenig wie Leonardos Gioconda oder die Fassade von Notre Dame. Die römische Kirche verkauft ja nicht einmal die Pantoffeln des Papstes. Oder den Krummstab, die Tiara oder den Heiligen Stuhl. Sonst wäre schon eine Schiffsladung unterwegs nach Amerika. Uniformen niedrigerer Grade kann man hingegen kaufen, vom Stabsoffizier abwärts. Wissen Sie, womit man in jüngster Zeit die besten Geschäfte gemacht hat? Mit den Militärgeistlichen. Meine Güte, Sie wissen ja, mit denen ist in der Schweiz nicht viel Staat zu machen. Gewöhnlich werden ja die Priesteranwärter vom Militärdienst befreit. Wenn einer trotzdem einrückt und seine vier Monate in der Kaserne absolviert und alles mitmachen muss – man stelle sich vor, was das für ihn heisst: Flucherei, Frauengeschichten und so weiter –, dann wird er automatisch Hauptmann; Militärgeistlicher mit Hauptmannsgrad, und dann hat er während der ganzen Dienstzeit ein herrliches Leben. Er muss sich um die geistige Landesverteidigung kümmern, das heisst, er hat nichts zu tun – und wahrhaftig, er tut auch nichts.
Moment mal, das trifft vielleicht nicht ganz zu. Wenn zum Beispiel ein Hochverräter hingerichtet wird, dann müssen sie ihm Beistand leisten. Im letzten Kriege war das siebzehn Mal der Fall. Der Verurteilte soll ordnungsgemäss zum Tode geleitet werden. Gut also – aber ich komme jetzt nicht mehr drauf, wieviel die Berner und die Zürcher Sammler damals für einen mit Stempeln versehenen Degen eines Militärgeistlichen bezahlten. Einer besorgte sich die Liste sämtlicher Feldprediger und machte damit im ganzen Land die Runde.
Nur eine einzige Stadt liess er aus, nämlich Cham.
In Cham bei Zug war bisher alles glatt gegangen, das Geschäft war so gut wie perfekt, als der ältere Bruder des Militärgeistlichen dazwischentrat, der in der kirchlichen Hierarchie einen weit höheren Rang einnahm. Der Militärgeistliche ist im zivilen Leben Probst und hat immerhin das Recht auf den Titel Monsignore. Der Bruder aber war als junger Missionar ausser Landes gegangen, war in irgendeiner afrikanischen Wüste im Handumdrehen Erzbischof geworden und lebte jetzt im wohlverdienten Ruhestand, war rundlich und voll blühender Gesundheit, las die Messe mit Krummstab und weissen Handschuhen. In den Homilien sprach er lobend von der Gottesfurcht der Schwarzen, im Gegensatz zur Schamlosigkeit unserer ausschweifenden Jugendlichen, die wahrhaft Heiden seien. Doch werde Europa das zu spüren bekommen, und zwar bald.
Als ihm nun dieser angebliche Heimatforscher in die Hände fiel, in dem er sofort den Geschäftsmann witterte, kanzelte er ihn empfindlich ab und liess ihn vor die Tür setzen. Ein weiterer Entrüstungssturm entlud sich über dem unvorsichtigen Bruder, der ja Heereskaplan war: das Schwert, das die Heimat verteidigt hat, verkauft man nicht.
Nein, ein Offiziersdegen ist kein Soldatenkoppel, das dem Bauern dazu dient, sich den Hosenlatz zu schliessen oder den Wetzsteinbehälter mit seinem guten Wetzstein um die Hüfte zu schnallen.
Was den Degen betrifft, da heisst es Nein. Sonst wären wir bald so weit, das Réduit der Nation an den Meistbietenden zu verkaufen.
Alles hat seine Grenzen! Stellen Sie sich eine Anzeige im «Bund» von 1990 vor: zu verkaufen vier oberstleutnants, oder eine im Jahre 2000: grosse versteigerung von vier festungen mit brigadier, und endlich wird im Jahr 2020 in den bedeutendsten Zeitungen Europas zu lesen sein: WÄHLT FÜR EURE FERIEN EINEN SCHAUERLICHEN ORT, DAS REDUIT DER SCHWEIZ!
Nein, wenn die Publizität die Seele des Handels ist und der Handel die Seele der Nation, dann werden wir uns wohl schliesslich fragen müssen: «Was ist die Nation?»
Sbrinz schwieg, als ob er eine Antwort erwartete.
Dann wechselte er das Thema.
«Ein Mann wie Sie müsste sich einmal ein Heeresarchiv ansehen!»
«Beim nächsten Besuch will ich das gerne tun, aber nur mit Ihnen als Führer.»
Inzwischen konnte ich es mir als eine Art Archiv des Himmelreichs vorstellen. Wie viele Protokollblätter werden im Paradiese abgeheftet? Wie viele Anlagen? Wenn keines unserer Worte, keine unserer Taten, nicht einmal mein Schwätzchen mit Sbrinz verlorengeht und alles einst im Tale Josaphat wieder präsentiert werden muss, wenn der grosse Abrechnungstag der himmlischen Archivare hereinbricht!
Ich vermute, dass der Chef, der Sankt Peter der Archivare, ein Mann wie Sbrinz sein wird. Es könnte ja nicht nur die Türkei allein unser Zivilgesetzbuch übernommen haben. Auch der Himmel könnte von uns lernen. Oder nehmen sie dort oben alles auf Band auf? Auf Mikrofilm? Oder verfügen sie dort über andere, völlig fremde Mittel, die unsere armselige Vorstellungskraft übersteigen?
Die ganze Kette der Worte, die von der frühesten Kindheit bis zum Tode ausgesprochen werden, verdichtet in einem einzigen Tropfen Blut, sterilisiert, in einem Bläschen wie jenes über Sbrinz’ rechtem Auge ...
Und plötzlich stellte Sbrinz eine andere Frage:
«Haben Sie den General gekannt?»
«Gewiss, ich habe ihn mehr als einmal gesehen. Wir waren auf dem Dorfplatz, bei Fackellicht, als er mit anderen hohen Offizieren oben auf einer Treppe erschien. Er sprach französisch und deutsch. Und als er sich auch dazu herabliess, uns in der dritten Landessprache zu begrüssen, bekamen mein Cousin und ich plötzlich einen Schrecken. Er betonte nämlich falsch und sagte ‹cari giovàni› anstatt ‹cari giòvani›, sodass mein Cousin Giovanni glaubte, er habe ihn gerufen. Ein andermal haben wir ihn gesehen, als er an die Grenze kam.»
«Als er an die Grenze kam?», unterbrach Sbrinz aufgeregt. «Er inspizierte alles und ermunterte die Soldaten. Wir befinden uns sehr im Irrtum, wenn wir glauben, ein General sei nur in Kriegszeiten nötig. Wer führt uns, wer stärkt uns in der Zeit zwischen den Kriegen? Darf ich Ihnen etwas im Vertrauen sagen? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich denke manchmal – und auch meine Frau ist derselben Meinung –, dass es auch seine guten Seiten hätte, wenn der Krieg nie gänzlich aufhörte, wenn er um uns herum weiterginge, weniger heftig natürlich und mit sauberen Waffen, aber doch ständig weiterginge. In unserem Lande, verstehen Sie, würde der nationale Zusammenhalt gestärkt, und wir hätten den General immer unter uns.»
IV ELEKTRIZITÄTSWERKE
Der Würfel rollte, und um ein Haar hätte ich 1 geworfen, was Gefängnis bedeutet; aber Gott Merkur muss ihm noch einen kleinen Stoss versetzt haben, und so erschien die 3, also Elektrizitätswerke.
In unserer Sprache südlich des Gotthard haben wir gar kein Wort dafür, wir gebrauchen das deutsche. Wie schon Poggio im 15. Jahrhundert feststellen konnte – er weilte damals in Baden zur Kur –, dass die Deutschen das Wort Eifersucht nicht kennten, da sie nicht wüssten, was das sei, so geht es uns mit den Elektrizitätswerken. Unsere Gewässer fliessen fast alle hinüber ins Gebiet der Alemannen, und diese haben sie sich auf intelligente Weise nutzbar gemacht. So scheint es uns angemessen, das Wort aus ihrer Sprache zu verwenden und zu sagen: «Jetzt bin ich bei den Elektrizitätswerken angekommen.» Das Feld war – für Minderbegabte – mit einer metonymischen Glühbirne bezeichnet. Sie brannte.
Was den Schauplatz anbelangt, so befand ich mich hier in «quelque part» innerhalb jenes Alpengürtels, den die Verfasser der in den Schulen benutzten Geografiebücher unfruchtbares Land nennen und auf den Kartenblättern mit reichlich aufgetragener, grauer Farbe bezeichnen. Rote Farbe dagegen heisst Leben und bezeichnet die Mittellinie. Ein Besuch von wenigen Stunden in den Bergregionen – und in Begleitung von Sbrinz – dürfte das Gegenteil beweisen, wie ich selber erfahren habe. Wenn man über die Lage des «quelque part» keine ganz genauen Ortsangaben erhält, dann geschieht das nur darum, weil die Vorschrift lautet, über militärische Dinge strengstes Stillschweigen zu bewahren.
Wir haben zum Beispiel zahlreiche Soldaten auf der Erdkruste und im Berginnern angetroffen, die auf verschiedenste Weise produktiv waren. Auf verschiedenartigste Weisen, deren Sinn und Zweck dem Nichteingeweihten vielleicht nicht immer ganz klar geworden wäre. Ein Soldat, der am 10. Juli von Sbrinz darüber befragt wurde, was er mache, antwortete ihm, er suche Kleinholz für das Freudenfeuer am 1. August, unserem Nationalfeiertag. Es gibt ja immer gewisse Defätisten, die sich unterstehen zu protestieren, wie zum Beispiel jene vierundsiebzigjährige Alte, die bei der Rückkehr vom Stall, wo sie das Vieh versorgt hatte, die Dreistigkeit besass zu sagen, dass die Wachmannschaften der Bunker, die am Freitagabend wieder abzogen, ebensogut auch schon am Donnerstag oder am Mittwochabend hätten abziehen können – bei dem bisschen, was sie zu tun hätten.
Solchen Verleumdungen tritt man am besten entgegen mit dem Ausspruch des Professors Pareto von Lausanne, der sagt, dass «schon P. Scipio Emilianus dem an einem Aufstand beteiligten Gesindel vorgehalten habe, sie seien nicht einmal Italiener».
Um den Ausdruck unserer Welschschweizer zu benützen: Dem Kameraden Sbrinz war ich mehr und mehr im Obligo. Er fuhr mich in seiner neuwertigen Mercedes-Occasion herum. Es sei ihm doch ein Vergnügen – natürlich. Im Tessin besuchte er seine Familie, die dort bei einem Kompaniefeldwebel in den Ferien zu Gast war. Auf diese Weise könne er das Wochenende ausnutzen und an den zusätzlichen zwei freien Tagen in Ruhe irgendeine Kaserne, irgendeinen Waffenplatz besuchen. Im Tessin gebe es noch viele Orte, die für Waffenplätze bestens geeignet wären, vor allem in dieser Zeit, da so viele Bauern in die Städte abwandern. Auch zwei Zeughäuser wären zu inspizieren, aber das gehöre zu seinen dienstlichen Aufgaben.
Was die Inspektionen der Armee anbelangt, so gilt der Adjutant Sbrinz wohl als das schärfste Auge des Landes, auch wenn es viele andere, überaus tüchtige Inspektoren gibt. In dreissig Sekunden hat er heraus, wie viele Nadeln in einem Sanitätsschrank fehlen. Seine engsten Freunde nennen ihn Luchsauge Sbrinz, Elektronengehirn-Sbrinz, Cape-Canaveral-Sbrinz oder von Braun.
Ich fragte mich, ob ich Frau Sbrinz einen schönen Osterkuchen oder ein Buch über die Pflanzenwelt der Alpen schicken sollte, um mich zu revanchieren. Sie war eine begeisterte Kräutersammlerin und stellte Tees und Getränke selber her, gab keinen Franken in den Apotheken aus – Ruin des Landes. Und gerade ihr war es beschieden, das Schreckliche zu erblicken: im selben Augenblick, als sie die Augen von den Kräutern zum Himmel hob, um die Uhrzeit zu erraten, sah sie den fliegenden schwarzen Körper, wie er den Bergbach hinabstürzte, Dash, der in grausigem Fall das letzte Ende bergab flog und in einem Tümpel aufschlug, wo das Sturzwasser ihn wie einen Baumstamm um sich selbst drehte und ihn dann von Felsen zu Felsen hinabriss bis zu einem weitläufigen Teich in der Tiefe, im Schatten der Kastanien. Dort blieb er als jammervolles Bündel liegen und wurde dank den Angaben von Frau Sbrinz bald gefunden. Sonst hätten sie ihn wochenlang suchen müssen, hätten an Entführung, unterirdische Verstecke und andere üble Dinge denken müssen.
Nein, Frau Adjutant Sbrinz hatte tatsächlich nichts erkennen können, nur diese Puppe – sie entschuldigte sich für den Ausdruck –, aber genauso habe es ausgesehen, diese Puppe, die sich in den Tümpel warf: ein Wahnsinniger, oder was sonst? Frau Dash? Nein, Frau Dash, die in diesem Augenblick schon Witwe war, hatte sie nicht zu Gesicht bekommen. Beim Kräutersammeln hatte sie sich weit vom Bergpfad entfernt; sie hatte auch keinen Schrei gehört. Vielleicht war die Stimme von den Wasserfällen übertönt worden, ja, ganz sicher, so musste es sein. Ob sie alles gut beobachtet habe? Ach, sie zittere jetzt noch! Sie und ihr Mann waren in ihrem friedlichen Häuschen in Thun nicht an solche Teufeleien gewöhnt. Bescheidenen Leuten passieren solche Dinge nicht! Beim Sterben dieses Unglücksmenschen werden auch seine Millionen ein wenig mitgespielt haben, Millionen, die ihn wohl noch im Traum verfolgten. Nein, solche Ansprüche hatten sie nicht! Für den Teuerungsausgleich wird schon die Verwaltung in Bern besorgt sein, die diese Dinge ganz ordentlich macht. Und Gott möge die Gesundheit schützen: unsere und die von Bern.
Unter diesen Umständen wäre es vielleicht ein Missgriff, ihr ein Geschenk zu schicken. Besser, man beriet sich mit Crunch und man stellte sich tot. In diesem Wagen sass man weich. Sbrinz achtete auf die Strasse, die am Thunersee entlang führte, doch achtete er ebenso auf alles, was ihm der Aufmerksamkeit wert schien, nichts entging ihm.
Geranienschmuck auf den Balkons, Metzgereien, Brunnen, Einfamilienhäuser, Landmaschinen, die heute die Arbeit der Pferde verrichteten.
Er wies auf eine Herde Schweine mitten auf einer Wiese. Sie schienen ganz ruhig. Nirgends gab es Zeichen oder Spuren von Besessenheit. Ein Mann mit einer kurzen Leiter über der Schulter fuhr auf seinem Fahrrad die Landstrasse entlang. Er begegnete einer Frau, die zum Wasserholen an den Brunnen gekommen war. Sie grüssten einander, und er fuhr langsam weiter. Biblische Szene ... Christus? Wenn er nun die Dämonen in den Leib der Schweine bannte, und die Schweine stürzten sich alle in den See, da wäre die Polizei von Thun und auch die von Bern im Augenblick hier! Er würde in den ersten Zug gesetzt, der durch den Lötschberg-Tunnel fährt, und würde in sein Land zurückgeschickt, hinunter zu jenen «über dem Meere hängenden verfallenen Trümmern», wo es auch für ihn einen Platz geben wird. Konnte man nicht in Meiringen haltmachen? Nur einmal im Jahr ein Stück von der hausgemachten Torte essen, ein gutes Glas Bier trinken, und dann hinauf zu den Gipfeln des ewigen Schnees, der die Tätigkeit der Elektrizitätswerke in aller Frische am Leben hält. Sbrinz wandte die Augen jedoch nicht einen Augenblick von der Strasse und gab mit verschmitztem Lächeln bekannt:
«Jetzt fahren wir zu Fräulein Berta.» Er bog nach links ab und fuhr die steile Strasse hinauf.
«Das Fräulein Berta wohnt da oben, zweihundert Meter über uns.»
Wir kamen zu einem einsamen Häuschen mit nur zwei Fenstern und mit roten und weissen Gardinen. Ich lockerte meine Krawatte. Du willst doch nicht etwa andeuten, alter Sbrinz, dass es in der Schweiz geheime Bordelle gibt, Bordelle für Militärs? Aber ich sagte nichts und folgte Sbrinz eine kleine Strecke zu Fuss. Als wir bei dem Häuschen ankamen, erwartete ich, dass er Atem schöpfen, lächeln und ohne zu klopfen die Türe öffnen würde.
«Fräulein Berta, Doktor Agrippa.»
Da sah ich zum ersten Mal, wie Sbrinz den Mund voller Selbstzufriedenheit weit öffnete. Es ist immer gut zu wissen, worüber man in einem Land Befriedigung empfindet. Ich sah die Mundhöhle von Sbrinz bis ganz weit hinten, wo sich die schadhaften Zähne dem Zahnarzt hartnäckig verweigern. Die Tür ging auf, und mitten in der falschen Hütte stand eine glänzend polierte Kanone. Und vor dieser Kanone wurde Hermann Sbrinz wieder er selbst. Auf seinen Wink liess die Ordonnanz den Balkon zur Seite gleiten. Durch das mit den Gardinen gezierte Fenster, das wir von unten gesehen hatten, erschienen die Alpen im Licht. Sbrinz forderte mich auf, an das Zielfernrohr von Berta zu treten und hindurchzuschauen. Das Auge war voller Himmelsblau.
Die Ordonnanz klärte mich auf: Das Häuschen führte zu einem der zahlreichen Bunker, die unsere Alpen durchlöchern. Die Fassade, die sich hier auf den Felsen den angenommenen feindlichen Aufklärungsflugzeugen darbot, liess auf ein hübsches, rustikales Ferienhäuschen mit gardinengeschmückten Fenstern schliessen.
Man brauchte nur den Balkon zu öffnen, und die «dicke Berta» hätte gezeigt, was in ihr steckt. Dem Angreifer würde sie Feuer entgegenschleudern, und in weniger als einer halben Minute wären alle ihre sorgsam in den Bergfalten versteckten Schwestern in den Chor eingefallen.
Auf das Kommando des erfahrenen Wachsoldaten bewegte Berta ihr langes Rohr hierhin und dorthin, auf und ab, gewandter als jeder Zirkuselefant. Grossartig! Aber ich muss doch sagen, es wäre mir lieber gewesen, hier eine von den bleichen Bertas aus dem Kreis 4 in Zürich anzutreffen, die die Ziehharmonika spielen, wenn du dein Bier trinkst.
Diese hingegen, diese alte Kuh, zieht dir in einem Jahr ein Monatsgehalt aus der Tasche.
Sbrinz erhob jetzt den pädagogischen Zeigefinger und klärte mich auf:
«Die Architekten von heute imitieren uns beim Bau ihrer herrschaftlichen Villen, das sieht man ganz deutlich. Der Bunker ist das Leitbild des 20. Jahrhunderts. Wir vom Militär dagegen ahmen in gewissen Fällen die herkömmlichen Bauformen nach, wie sie für die Bergregionen typisch sind. Ich möchte nicht in der Haut eines feindlichen Piloten stecken. Er schaut hinunter, erblickt ein Berghäuschen, seufzt ein wenig auf und zieht davon. Aus dem Berghäuschen aber schiesst diese winzig kleine Mündung. Der Rest lässt sich denken.»
Ja, denken tut wohl. Im Geiste des löblichen Volksheeres halten friedliche Touristen ihren Körper fit und sportlich, indem sie mit der ganzen Familie die steilen Bergpfade hinauf- und hinunterwandern. Friedliche Kühe der Schwyzer Rasse trotten über die Alpenhänge und raufen die duftenden Bergkräuter aus, um sie in Alpenmilch zu verwandeln, die wiederum in Form von Käse in die ganze Welt versandt wird. Und nur wenig unter der Erdrinde das Wunderwerk des Pioniercorps: Forts und Unterstände, Waffendepots, Befestigungen vom Fuss bis zum Gipfel der Alpen, Abschreckung somit auch für die kampflustigsten Staaten.
Sbrinz ging noch weiter: «Unser Vaterland ist, als einziges Land auf der Erde, wie ich glaube, auf dem Milizheer und nicht auf dem Berufsheer gegründet. Darum hat jeder Soldat sein Gewehr bei sich zu Hause. Nun stelle ich mir die Frage – und ich stelle sie auch Ihnen, wie ich sie schon meinen Vorgesetzten gestellt habe: ebenso wie in jedem Neubau ein atomsicherer Schutzraum gesetzlich vorgeschrieben ist, so sollte doch auch – meinetwegen neben dem Gästezimmer – ein Raum für die Kanone vorgesehen sein, meinen Sie nicht auch? Der Rest lässt sich denken ...»
Ja, denken ist leicht. Wir fuhren bis zum Pass hinauf, den wir schon als Kinder zu lieben gelernt hatten.
Die lange Autoschlange der Touristen rückte bedächtig vor und blieb hie und da stehen.
«Erinnern Sie sich an Paul Egli4, den Radrennfahrer? Das waren goldene Zeiten. In der selben Zeit, die wir brauchen, um hundert Meter voranzukommen, machte er die ganze Abfahrt vom Gotthard. Es ist wahrhaftig ein Unfug, wenn irgendein Windbeutel aus Amerika behauptet, unser Land habe einzig und allein die Kuckucksuhr erfunden.»
In der Nationalakademie von Sbrinz gab es nicht nur die Leuchte Paul Egli. Hinter jeder Kurve, bei jedem Gangwechsel erschien eine neue Geistesgrösse. «Urs Graf, grosser Geist des Eklektizismus, Universalgenie!»
Kühn überholte er einen Lastwagen aus Baselland, der mit vielen Lampen bestückt war, und er rief aus:
«Oekolampadius!»
Er nahm eine Kurve, der Motor heulte auf:
«Euler! Paracelsus! »
«Grosse Philosophen haben wir leider keine hervorgebracht.» Sbrinz lächelte geduldig und machte die für Ostschweizer typische Handbewegung, mit der sie einen Einwand wie eine lästige Fliege abwehren.
«Ach!»
Auf seine Weise hatte er aber sehr gut verstanden, und hatte nicht auch jemand darüber geschrieben, dass es in unserem Land keine grossen Philosophen gibt und nie welche gab? Der Gedanke hat sich bei uns von Anfang an in die Bewältigung der Wirklichkeit, in Gesetzgebung, verwandelt. Die Philosophie realisierte sich im Gesetzeskodex. Jeder Schweizer wacht in Tat und Wahrheit über die Schweiz, die in jedem ihrer Bewohner wertbestimmend vorhanden ist. Jeder Mitbürger ist also von Natur aus ihr Wächter. Das ist unsere beste Waffe: der wachsame Blick. Schliesslich sind wir alle so weit, diese Wachsamkeit zu verinnerlichen, indem wir uns selber bewachen. Wachsamkeit über sich selbst und gegen sich selbst.
Diese persönliche Aufsicht ist wie das Wasser der Bäche, das sich heiter im grossen Becken vereinigt, dann auf die Turbinen der Wasserkraftwerke hinabstürzt und sich in Energie verwandelt; Hochspannungsleitungen schwingen sich, von kühnen Masten getragen, über Abgründe und transportieren die Elektrizität in alle Landesteile und bis ins Ausland. Unsere weisse Kohle! So ausserordentlich rentabel! Und kostet fast nichts.
«Sie müssen mir etwas versprechen. Sie müssen mit mir kommen und das nationale Reduit besichtigen. Das ist eine ganze, verborgene Stadt, hier unter uns, mit Küchen wie in den grossen Hotels, mit einem Bahnhof und Elektrizitätswerken, und in den Sälen ist Parkett verlegt worden.»
«Wir befinden uns auf dem Gipfel des kostbarsten Berges der Welt. Unter uns liegt ein Konzentrat unserer Heimat, die Quintessenz unseres Landes, unangreifbar.»
Ein Tourist hätte nichts bemerkt. Wer die Wege verlässt und sich in abgelegene Gebiete wagt, stösst hie und da auf ein Schild mit der Aufschrift: «Militärgebiet. Zutritt verboten.»
Für dieses Militärgebiet hatte man die schönsten Gegenden des Landes erworben und mit Stacheldraht umzäunt – dort, wo keine Lawinen- oder Überschwemmungsgefahr zu fürchten war. Genauso waren in vergangenen Jahrhunderten die Ordensgemeinschaften vorgegangen, wenn sie ihre Klöster bauen wollten.
«Jetzt geht es abwärts, und wir kommen in Ihre Gegend. Macht es Ihnen Freude, die Luft des Südens zu spüren?»
Er schaltete das Radio ein und suchte für mich den Sender Monteceneri. Man spielte Bach, und ich fragte mich, was wohl geschehen sein mochte, eine Naturkatastrophe, oder ob ein bedeutender Staatsmann gestorben sei. In den Nachrichten war aber nur die Rede von unerwarteten Schneefällen, die die Spuren des im schottischen Bergland verunglückten Flugzeuges ausgelöscht hatten.
Der Sprecher fuhr fort: «In Reno» – er sprach es geziert aus wie Riino – «sind nach einem Familienstreit sechs Tote und zahlreiche Verletzte zu beklagen; zu den Opfern des Wahnsinnigen gehören seine Verlobte und ein zwölfjähriges Mädchen, das mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.»
«Achhh! », rief Sbrinz aus und wurde plötzlich finster. «Die mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte! Wenn man bedenkt, dass alle so leben könnten wie wir!»
Er machte das Radio ärgerlich aus und sprach während der ganzen Abfahrt kein Wort mehr.
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