Kitabı oku: «Mein Haus, mein Hof, mein Rudel»
Giesela Gersch-Gernoth
MEIN HAUS, MEIN HOF, MEIN RUDEL
Hundegeschichten mit Paula, einer Hovawart-Dame voller Überraschungen


INHALT
Cover
Titel
Vorwort
Unsere Kleine
Che bello cane
Die erste Läufigkeit
Schwimmen lernen
Die Bult
Nasho, Bicku, Quietschi
Ein Lamm und Kühe, überall Kühe
Cora und Sabinchen
Alles nur Erziehung
Am Atlantik
Der Hundeladen
Auf der Karmelisenalm
Die Hunde in der Nachbarschaft
L’amore
Kletten
Die entzündeten Pfoten
Der große Umzug
Die Jagdpächter
Nur ein bisschen
Olli und Pincel
Liegeplätze
Der Heißluftballon
Gegenseitiges Abtrocknen
Gefährliche Situationen
Adventszeit
Von Badeteich zu Badeteich
Besuch und zu Besuch
Resonanzen
Die Winterkönigin
Das Parkhaus
Das Alter
Abschied

Danksagung
Kurzbiografie der Autorin
Impressum
VORWORT
»Hovawarte bestechen wie kaum eine andere Rasse durch ihre einzigartige Mischung aus Eleganz und Energie, Sensibilität und Selbstbewusstsein. Wer einen Hovawart ins Herz schließt, erfährt Tag für Tag, was Freundschaft ist. Ob schwarzmarken, blond oder schwarz: Der schöne Hofwächter steckt voller Gefühle, Lernfreude, Verspieltheit und Charme.« Mit diesem Zitat aus dem Buch »Der Hovawart« von Susanne Kerl (Müller Rüschlikon Verlag, Stuttgart, 2012) möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, begrüßen.
Der Hovawart ist eine neue Rasse, die Anfang des vorherigen Jahrhunderts entstand. »Ein ›Bilderbuchhund‹ im besten Sinne des Wortes im Aussehen und Verhalten«, so sagt es Dr. Volker Wienrich (Der Hovawart, Verlag Paul Parey, Hamburg, 1994). »Hovewart« oder auch »Hofwarden« wurden seine Vorfahren im Mittelalter genannt. Die bäuerlichen Gebrauchshunde hatten vollen Familienanschluss. Sie erfüllten ihre Aufgabe als Wächter des Hofes, als Wächter von Hab und Gut. So waren sie keine Jäger und keine Streuner. In den deutschen Mittelgebirgen wie Odenwald oder Harz waren diese Hunde noch im 19. Jahrhundert zu finden. Das bezeugt das Gemälde »Hundefamilie mit altem Gaul« von Benno Adam 1869.
Er hat einen Hund dargestellt, der wie ein Hovawart aussieht. Zwei seiner Welpen sind auch blond (Bildersammlung Georg Schäfer, Schweinfurt, entnommen aus dem Buch von Dr. V. Wienrich). In der Neuzucht oder Wiederzucht unseres heutigen Hovawarts war dieser bäuerliche Hund die Grundlage. Verschiedene Hunderassen wie Neufundländer, Kuvasz, auch Schäferhund und Leonberger wurden eingekreuzt. So entstand ein anerkannter Gebrauchshund, der nicht nur als Wachhund dient, sondern auch als Rettungshund sowie Blindenführhund. Er bellt nur, wenn er einen Grund hat. Von seiner Veranlagung her ist er ausgeglichen und gutartig und durch die besondere Anbindung an die Familie ein hervorragender Begleit-, Schutz- und Wachhund.
Der Körper des Hovawarts ist kraftvoll, mittelgroß und leicht gestreckt. Sein kräftiges, etwas welliges Langhaar ist blond, schwarz oder schwarzmarken, d. h. das Haarkleid ist schwarz mit mittelblonder Markenzeichnung über den Augen, an den Lefzen und der Kehle, an der Brust sowie an den Vorder- und Hinterläufen.
Kommt ein Hovawart als Welpe ins Haus, wird Ihnen ein Wildfang begegnen, der sich durch neugierige Kontaktaufnahme zu allem »Beweglichen« und »Unbeweglichen« und durch große Verspieltheit charakterisieren lässt. Die Hovis sind bekannt dafür, dass sie erst spät reif werden, entsprechend dauert es auch seine Zeit, ehe sie sich zu absolut treuen Gefährten entwickeln. Bis es so weit ist, können Sie sich auf die eine oder andere Eskapade gefasst machen, sei es in der Begegnung mit anderen Hunden oder die Umsetzung einer spontanen Idee, die dem unbekümmerten Wesen dieser Hunderasse entsprungen ist. Lassen Sie sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Auch übermäßige Strenge ist nicht förderlich. Sanfte Führung mit Vertrauen auf diesen tollen Hund wird sich doppelt und dreifach in seiner Zuneigung und Treue zu Ihnen widerspiegeln.
In den sehr persönlichen Geschichten von meiner schwarzmarkenen Hovawarthündin Paula versuche ich, eine Vertreterin dieser Rasse in ihrer ganzen Lebendigkeit mit allen Höhen und Tiefen sowohl in Worten als auch in Bildern zu beschreiben und darzustellen. Um die besondere Atmosphäre, die die Kommunikation zwischen Paula und mir bestimmt hat, einzufangen, lasse ich meine Hündin am Ende jedes Kapitels einen Satz sprechen. Ich möchte damit ihrem Verhalten einen lebendigen Ausdruck geben, den ich in einer beschreibenden Form nicht erreichen könnte. Aber wir wissen ja, ein Hovi kann alles – nur kein Hochdeutsch. »… das gefühlvolle, bindungsbereite Energiebündel ist nicht mit links zu erziehen«, schreibt Susanne Kerl. Ja, und es ist eine große Achtung vor dem Wesen dieser Hunde erforderlich, um sie in ihrer Eigenwilligkeit und ihrem Temperament, die auch noch im hohen Alter spürbar sind, wertzuschätzen. Führung und Toleranz sind nötig und große Empathie – ist diese Basis vorhanden, wird die Beziehung immer inniger. Erziehungsfehler, die sich besonders bei Anfängern wie mir kaum vermeiden lassen, spielen dann keine bestimmende Rolle.
So habe ich es erlebt mit meiner besonders eigenwilligen Hündin, und davon möchte ich Ihnen nun erzählen. In diesem Sinne: Lassen Sie sich bezaubern von Paula.

Gemälde »Hundefamilie mit altem Gaul« von Benno Adam 1869
Bildersammlung Georg Schäfer, Schweinfurt

Die Welpenzeit geht schnell vorbei
UNSERE KLEINE
Nach einer fünfwöchigen Thailandreise, die meinen Ehemann Wolfgang und mich per Tuk-Tuk, Eisenbahn, Bus und Flugzeug fast durch das ganze Land führte und die uns die Einwohner, die Küche, das Klima und die buddhistische Kultur nahebrachte und schätzen lehrte, bekommen wir ungefähr zwei Monate später Besuch von einem jungen Mann, der Ansichtskarten aus verschiedenen Ländern verkaufen will. Er betritt unseren Garten, wo wir gerade arbeiten, und trägt sein Anliegen vor. Noch eingestimmt auf Urlaub, unterhalten wir uns mit ihm und kaufen auch ein paar seiner Karten.
Kurze Zeit später wacht Wolfgang nachts aufgrund eines Geräusches auf, das ihn veranlasst, überall Licht anzumachen und durch das Haus zu gehen, um nach dem Rechten zu schauen. Nichts! Doch er kann nicht wieder einschlafen. Es vergeht wohl eine Stunde, dann hört er wieder dieses unbekannte Geräusch, wie ein Knacken im Holz, erst sporadisch, dann regelmäßig in schnellerer Abfolge. Diesmal schleicht er im Dunkeln die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Er sieht an der hinteren Terrassentür einen Mann. Sofort stürzt er zur Tür und reißt sie auf … Doch der Mann flüchtet. »Gisela, ruf die Polizei!«, brüllt Wolfgang ins Haus. Ich sitze im Bett, vor Schreck gelähmt, völlig handlungsunfähig. Erst als Wolfgang aufgebracht nach oben kommt und mich schüttelt, bin ich in der Lage zu telefonieren. Oder telefoniert Wolfgang? Ich weiß es nicht mehr. Die Polizei ist schnell vor Ort, Spuren werden gesichert. Unsere Terrassentür ist angebohrt, fremde Fußspuren in der Rabatte zeugen von der Flucht des Täters. Einer der Polizisten vermutet einen Zusammenhang mit dem Besuch des Kartenverkäufers, der höchstwahrscheinlich zum Auskundschaften da gewesen sei. Er empfiehlt dringend abschließbare Fenster und Terrassentüren. Am wirkungsvollsten gegen Einbrüche sei jedoch eine lebendige Alarmanlage – ein Hund! Später sollte sich herausstellen: In dieser Nacht wurde in mehreren Häusern im Dorf eingebrochen. Was bleibt, ist ein spürbares Unbehagen, ein Gefühl der Verunsicherung in den eigenen vier Wänden, das uns noch lange Zeit begleitet – und das, obwohl der Einbruch abgewehrt wurde.
Wolfgang, der schon als Jugendlicher mit einem Terrier gelebt hat, denkt laut über die Anschaffung eines Hundes nach. Ich bin ambivalent, gerade habe ich nebenberuflich mit dem Besuch von praktischen Kursen an der Kunstfachhochschule begonnen. Frau Sordens, unsere Haushaltshilfe, ermutigt uns: »Ich komme dann rüber und lasse den Hund in den Garten, wenn Sie tagsüber lange weg sind. Oder mein Mann geht mit ihm mal spazieren. Oder wir nehmen ihn mit zu uns.« Ein Hundebuch, das die einzelnen Rassen vorstellt, wird gekauft. Unser Auge fällt auf einen Hovawart: Hüte- und Wachhund, kinderfreundlich, wandert gerne, wird spät erwachsen … In der Samstagszeitung studieren wir den Tiermarkt und werden fündig. Ein Hobbyzüchter bietet in einem Ort in dem Zipfel von Nordrhein-Westfalen, der nach Niedersachsen hineinragt, Hovawart-Welpen an. »Wir können sie uns ja mal anschauen, 70 Kilometer – das geht doch noch.«
Ein großer blonder Rüde mit tiefem Gebell, der Vater der Welpen, empfängt uns. Er wirkt Respekt einflößend. Mit so einem großen Hund habe ich nicht gerechnet. Seine Vorderpfoten liegen auf einem hohen Gatter, das ihn von den Besuchern trennt, die sich die Welpen anschauen wollen, welche sich um ihre schwarze Mutter, die deutlich kleiner ist als der Vater, drängen und herumtollen. Ihr Körper wirkt lang gestreckt. Ich nehme nicht wahr, ob auch andere Interessenten bei den Hunden sind, ich bemerke nur, dass ein schwarzmarkener Welpe an meinem Hosenbein knabbert. Kaum macht er sich bemerkbar, schon hat er unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und als wir dann erfahren, dass er ein Hundemädchen ist, ist unser »Mal-Anschauen« Vergangenheit. Unsere Herzen haben sich für dieses kleine Fellknäuel mit den so großen Pfoten entschieden. Im schwarzen Fell hat es ein hellblondes, dreieckiges Lätzchen und auch einen blonden Bruststreifen, der über dem Ansatz der Vorderbeine verläuft. Die Pfoten und Unterläufe, in die sich ein langgezogenes, schwarzes Dreieck hineinzieht, haben einen warmen Ockerton, der auch den noch wachsenden Behang der Beine bestimmen wird. Das Schwarz hat einen Schimmer von frisch aus der Schale gefallenen Kastanien und glänzt genauso wie diese. Das Bäuchlein unserer Paula, auf diesen Namen hatten wir uns in unseren Vorfantasien geeinigt, ist noch nackt. In Kürze wird dort weißblondes Haar wachsen, das sich an der Innenseite der Hinterläufe entlangziehen und besonders dicht den Anus bedecken wird. Paulas champagnerfarbene Dessous, wie ich es später immer ausdrücke – perfekt für eine elegante Hündin. Auch ihre Augenmarken sind schon zu erkennen.
Das Band ist geknüpft. Geimpft, entwurmt, mit Papieren – Birte vom Haselhorn, so heißt sie offiziell, geboren am 25. 8. 1993 –, so bekommen wir sie, zusammen mit einer Ration Futter für das Wochenende. Noch das Geschäftliche und ein paar Formalitäten, dann trage ich das Hundekind auf dem Arm, in ein Handtuch gewickelt, das wir in unserem Wagen gefunden haben. Halsband und Leine haben wir nicht dabei, wir wollten ja nur mal … Auf der Rückfahrt sitze ich mit unserer Paula auf dem Schoß hinten im Auto. Als wir die halbe Strecke zurückgelegt haben, spuckt sie ihre Nahrung wieder aus. Das Autofahren hat Übelkeit hervorgerufen, sicherlich hat sie neben der ganzen Aufregung auch Angst. Die Trennung von Mutter und Geschwistern, zwei fremde Menschen, die Fahrt – was wird ihr alles zugemutet! Wolfgang hält den Wagen an, wir steigen aus, und ich säubere uns, so gut es geht. Als Leinenersatz verwenden wir das Handtuch, das wir ihr um den Bauch legen. So können wir ein paar Schritte machen. Dann geht es weiter. Jetzt schläft die Kleine in meinen Armen ein. Später sagt Wolfgang immer wieder: »Als ich gesehen habe, wie gelassen du damit umgegangen bist, dass Paula sich übergeben hat, wusste ich, es wird alles gut.« Und so ist es auch, selbst meine Hautempfindlichkeit an den Händen vergeht durch das Streicheln ihres seidigen Fells schon bald.
Unser neues Familienmitglied hat sein Körbchen in unserem offenen Flur-Küchen-Wohnbereich mit den beiden Terrassentüren zum Garten. Dort halten wir uns am häufigsten auf. So kann die Kleine ganz schnell ins Freie, wenn sie zeigt, dass Sauberkeitsrituale geübt werden müssen. Zunächst reicht jedoch eine alte Zeitung, die sie untergeschoben bekommt, wenn sie die typische Drehbewegung einleitet, um sich zu lösen. Als Übergangslösung bewährt sich ein flacher Korb, in den wir sonst immer die Zeitungen legen. So klein ist sie noch. Die Treppen mit den offenen Stufen haben wir zugestellt, damit Paula ihre Gelenke im Welpenalter nicht zu stark belastet. Ich schlafe die nächste Zeit auf dem Sofa bei ihr unten, sodass sie nicht allein ist und auch jederzeit in den Garten kann. Wider alle Erwartung kommt sie nachts nicht zu mir. Sie bleibt für sich, zufrieden mit ihrem Schlafplatz. In der ersten Nacht legen wir einen tickenden Wecker unter das Kissen in ihrem Körbchen. Das würde den Herzschlag der Mutter simulieren und so ein vertrautes Gefühl vermitteln, lesen wir in einem Hundebuch. Heute glaube ich nicht mehr daran, dass ein Hund, sensibel wie er ist, mit seinem feinen Gehör diesen Unterschied nicht erkennt.
Am nächsten Tag, es ist Sonntagvormittag, klingeln wir bei unseren Nachbarn schräg gegenüber, deren Dackel schon vor längerer Zeit verstorben ist, und fragen, ob sie uns mit Halsband und Leine aushelfen können. »Selbstverständlich«, lautet die Antwort. Paula, die das Handtuch um den Bauch hat, wird liebevoll begrüßt, und wir werden beglückwünscht, denn die Freude an einem Hund sei doch so groß. Danach machen wir unseren ersten kleinen Spaziergang mit geliehenem Halsband und geliehener Leine. Die Dorfbewohner schenken uns große Aufmerksamkeit, sodass Paula gleich einige von ihnen kennenlernt. Heute Morgen ist kein weiterer Hund zu sehen. Es zeigt sich jedoch in den nächsten Tagen, dass sich fast alle Kontakte mit den Hunden in der unmittelbaren Nachbarschaft, die auch frei laufen dürfen, spielerisch freundlich gestalten. Nur Charly, ein älterer, mittelgroßer Mischlingsrüde mit zottigem Fell, ist ein Welpenfeind. Wir müssen Paula bei Begegnungen vor ihm schützen.
Schon in den ersten Tagen zeigt Paula eine große Eigenständigkeit. Sie weiß genau, was sie möchte und was nicht, so verweigert sie z. B. beim ersten Tierarztkontrollbesuch das angebotene Leckerli. Diese Unbestechlichkeit entwickelt sich später zu einem ihrer wesentlichsten Charakterzüge. Uns gegenüber ist sie vertrauensvoll, doch von einer Schmusehündin kann man nicht sprechen. Ein bisschen streicheln und dann ist gut. Nachdem Paulas Knochen gefestigt sind und wir die Barriere vor der Treppe nach oben entfernt haben, kommt sie nachts ins Schlafzimmer und legt sich zum Schlafen auf den Teppich vor unserem Bett. In das Bett krabbelt sie nur, wenn sie allein ist. Eine dort entstandene, sandige Mulde verrät es. Unten im Wohnzimmer erobert sie sich schon nach kurzer Zeit einen schweren Sessel, der vor den bodentiefen Glaselementen der Fenster zur vorderen Terrasse in Richtung Westen, zur Straßenseite hin, steht. Dort kann sie sich zusammenkringeln und dösen, dann aber auch den Kopf auf das runde Polster der Seitenlehne ablegen, sodass sie einen freien Blick nach draußen hat. Ein strategisch wichtiger Platz!
Die Reinlichkeitserziehung geht spielend schnell. Nachts gehe ich mit ihr vorbeugend nach draußen, was sie bei den ersten Malen ausnutzt, um den ganzen Garten zu durchschnüffeln. Hinter und unter Büschen muss ich sie suchen, weil sie gar nicht daran denkt, auf mein Rufen hin zu mir zu kommen. Seitdem bleibt sie an der Leine, und ich selbst werde nicht unnötig putzmunter und kann den Rest der Nacht nicht mehr schlafen. Es dauert nicht lange, und Paula kann ihre Blase die ganze Nacht kontrollieren. Muss sie ins Freie, stellt sie sich vor die Tür und schaut uns auffordernd an. Ihren Essplatz hält sie peinlich sauber. Fällt ein Bröckchen daneben, wird es sofort aufgeleckt.
Erst als sie deutlich älter wird, ändert sich das. Ins Freie möchte sie immer, egal, ob es regnet oder stürmt, und auch das ändert sich erst im Alter.
In den ersten vierzehn Tagen kann ich Paula durchgängig betreuen. Auch danach ist sie nicht allein, denn nun hat Wolfgang Zeit für sie, und so kann sie sich ganz an ihr kleines Rudel gewöhnen. Der Tagesablauf ändert sich für uns drastisch. Vor dem Frühstück ein kleiner Spaziergang zum Feldweg, nach dem Frühstück ein großer, denn danach muss Paula lange allein bleiben, bis dann am Mittag einer von uns wieder da sein kann. Wann immer es möglich ist, fahre ich kurz während meiner Arbeitszeit nach Hause, um nach Paula zu schauen. So können wir die Zeitspannen, in denen wir sie allein lassen, langsam verlängern. Einmal in der Woche kümmert sich auch unsere Frau Sordens zwischendurch um Paula und lässt sie in den Garten. »Gleich kommt Sordi Sordens«, sage ich am Mittwochmorgen, wenn sie kommt. Paula jauchzt, läuft zur Tür, wo Sordi stürmisch empfangen wird, und verliert vor lauter Freude etwas Pipi. Die beiden verstehen sich sehr gut; Sordi unterhält sich auch immer mit Paula und erklärt ihr, was sie gerade macht. »Sie wird ja so ein großer Hund. Dann kann ich mit ihr leider nicht spazieren gehen.« Sordi glaubt, dieses temperamentvolle Etwas später nicht mehr halten zu können, so kräftig zieht der Welpe an der Leine. Am Nachmittag machen wir dann wieder einen großen Spaziergang und zum Abend noch einen kurzen. Das kleine Rudel ist immer in Bewegung, mal auf sechs Beinen, mal auf acht. Paula braucht viel Bewegung, und nichts geht dem kleinen Wildfang über das Toben mit anderen Hunden, die uns im Dorf oder in der Feldmark begegnen. Zum Spielen kommt auch des Öfteren Berti, ein Golden-Retriever-Welpe aus der Nachbarschaft, zu Besuch, von dem ich später noch erzählen werde.
Natürlich fallen einige Bücher Paulas Kaugelüsten zum Opfer, und auch ein Schuh ist dabei, ebenso ein Kabel. Nicht so schlimm, denn der Stecker war in weiser Voraussicht gezogen. Wolfgangs Portemonnaie kann kurzfristig gerettet werden, als wir einmal übers Wochenende an die Nordsee fahren und fast ein Malheur passiert wäre. Von der kleinen Ferienwohnung läuft Paula samt Portemonnaie über die Terrasse in die anderen Gärten – wir eiligst hinterher und erwischen sie, bevor sie noch weiter weglaufen kann. Auch auf den Deich, als Paula sich ein Seemöwen-Aas aus dem Watt holt und voller Freude mit der tollen Beute im Fang durch die Gegend jagt, müssen wir noch einmal einschreiten. Zum Glück verliert sie recht schnell wieder das Interesse an ihrem Fund und trottet uns entgegen.
Die Entwicklungsphasen wechseln sich rasch ab, und schon nach vier Monaten ist der Welpenspeck verschwunden. Paula gewöhnt sich an unser Berufsleben und den damit verbundenen Rhythmus. Sie kennt es nicht anders. Beim Abschied am Morgen bleibt sie ganz ruhig, schaut durch die Scheibe in der Haustür, wenn wir den Schlüssel drehen, läuft dann zur vorderen Terrassentür und sieht zu, wie wir durch das Gartentor die Straße betreten. Es fällt uns unendlich schwer, sie allein zu lassen. Aber es geht nicht anders. Die Nachbarn erzählen, sie würde nur bellen, wenn jemand das Grundstück betritt, deshalb versetzen wir für den Postboten den Briefkasten. Er steht nun draußen neben der Gartenpforte. So braucht Paula nicht regelmäßig den Wachhund in sich bemühen. Bevor wir ins Auto steigen, winken wir ihr zu: »Wir kommen bald wieder.«
Ich bin tapfer – wären wohl ihre Worte gewesen.

Che bello cane
CHE BELLO CANE
Schon mit gepacktem Wagen fahre ich morgens noch kurz zur Arbeit, damit wir um 11 Uhr unsere erste große Reise mit Paula starten können. Unser Ziel: Italien, Italien im Frühling! Wir werden abends in Österreich zum Übernachten Station machen, wo genau, wissen wir noch nicht. So der Plan! Paula fährt gern Auto – mit etlichen Pausen zum Beine-Vertreten und für das Nötigste werden wir das wohl schaffen. Wir sorgen dafür, dass Paulas Magen nicht zu voll ist, damit ihr nicht schlecht wird. Ihre üppigste Mahlzeit nimmt sie sowieso am Abend zu sich. Von daher kann also nichts schiefgehen. Voller Vorfreude fahren wir los, Paula auf der Rückbank auf einem kuscheligen Schlafsack, der die nächsten vierzehn Tage als Hundekorb-Ersatz dienen wird.
Nach drei Stunden, etwas südlich von Würzburg, machen wir unsere erste Pause. Wir rollen vorbei an Tankstelle und Raststätte und halten bei den hinteren Parkplätzen, wo auch Büsche und Bäume sind. Paula braucht schließlich ein bisschen Grün! Ich nehme die Leine, die vor meinen Füßen liegt, steige aus und öffne die Hintertür, um Paula herauszulassen, die während der Fahrt ruhig vor sich hin gedöst hat. Das gleichmäßige Autobahnfahren ohne Kurven und ohne Geschwindigkeitsschwankungen schläfert nicht nur den Fahrer ein – auch junge Hunde können dabei offensichtlich gut schlafen. Ich greife nach dem Halsband und werde stutzig: Es ist kein Halsband da! Paula springt aus dem Wagen. Blitzschnell halte ich sie fest, indem ich sie umarme. Jetzt fällt es mir wieder ein: Nach dem morgendlichen Spaziergang war Paula sehr schmutzig, sodass Wolfgang sie noch vor der Abfahrt geduscht hat – alles für Italien natürlich! Ja, und das Halsband …? Nun, das blieb liegen. Auf dem Wannenrand. Alle Wetter – da liegt es gut! Mit dem einen Leinenende kann ich durch den vorgegebenen Ring eine Schlaufe bilden, die um Paulas Hals passt, eher noch etwas zu groß ist. Diese Schlaufe dient sonst als Haltegriff. Ein Provisorium, das uns nun bei unserem kleinen Spaziergang hilft. Durch die vielen fremden Eindrücke und vor lauter Aufregung dauert dieser nun doch etwas länger. Aber alles geht gut!
Wir beschließen, gegen fünf Uhr nachmittags die Autobahn zu verlassen, um in einer Kleinstadt noch vor Geschäftsschluss ein Halsband für Paula zu kaufen. Außerdem suchen wir ein Quartier, was sich als einfache Sache herausstellt, denn wir finden gleich ein Hotel mit Schild »Hunde willkommen«. Im Zentrum gibt es ein Fachgeschäft und Paula bekommt auf Empfehlung des Verkäufers eine hübsche, zierliche Kette. Das sei für ihr langes Haar besser, befindet er. Später lese ich aber darüber etwas anderes. Doch wie dem auch sei: Die Kette wirkt auf ihrem schwarzbraunen Fell wie ein Diadem. So ausgerüstet setzen wir am nächsten Morgen unsere Fahrt fort. Ein Maulkorb liegt hinten auf der Ablage im Wagen, denn die Bestimmungen zur Einreise eines Hundes nach Italien verlangen diesen, ebenso wie diverse Impfungen, die Paula sowieso hat, die aber extra im Impfbuch bescheinigt werden mussten. An der Grenze kümmert sich niemand um uns, und wir fahren dem Frühling entgegen. Schon sind auf der Mittelleitplanke der Autobahn in der Höhe von Bolzano blühende Forsythiensträucher zu sehen, und an den Flussufern ist die Vegetation zart grün. Wir machen alle drei Stunden eine Pause, führen Paula sicher an der neuen Halskette durch das Gewusel auf den Parkplätzen der Autobahn an die Stellen, die für Hunde geeignet sind, um ihren Bedürfnissen nachzugehen. Paula ist ganz ruhig im Wagen, worüber wir sehr froh sind. Es ist, als ließe sie ihr Temperament mit Einstieg ins Auto draußen vor der Tür zurück. Weil wir am Tag zuvor nicht die geplante Strecke zurücklegen konnten, werden wir heute erst gegen Abend in unserem gemieteten Haus in der Nähe von Cortona in der Toskana nahe der Grenze zu Umbrien ankommen.
Die Wegbeschreibung, die uns der Vermieter unseres Ferienhauses zugeschickt hat, ist sehr detailliert. Es sind auch Hinweise auf die nächsten Einkaufsmöglichkeiten darin enthalten. Für uns ist es sehr hilfreich, sodass wir unser Abendbrot schon vor der letzten Wegstrecke einkaufen. Das erspart uns eine weitere Fahrt bei Dunkelheit. Wir betreten einen typisch italienischen Krämerladen – alles, was man unbedingt braucht, ist vorhanden und nach Selbstbedienungsart aus den Regalen zu nehmen. Aber es gibt auch einen Delikatessenstand mit den unglaublichsten Angeboten. »Si, prosciutto di parma, bene, ricotta, mozzarella di bufala … Grazie à Lei, ja, Parmaschinken, gut, Ricotta, Büffelmozzarella … danke Ihnen.« Wir bekommen alles, was Herz und Magen begehren, auch Tomaten und frische zu Sträußen gebundene Kräuter. Mit zwei großen Papiertüten verlassen wir den Supermercato – so heißt der kleine Laden natürlich. Der Fornaio, Bäcker – die Signora im Mercato beschreibt ausführlich, wo wir ihn finden können, und unterstreicht alles mit großer Gestik. »Si, centro metri a sinestra, allora venti metri a destra, ja hundert Meter nach links, dann zwanzig Meter nach rechts.« Wir wiederholen die Wegbeschreibung und ihre Augen leuchten. »Benissimo, wunderbar!« Die Backstube, die wir dann direkt betreten, ist in einer Gasse, so schmal, dass kein Auto sie befahren kann. Wer die Gasse findet, findet auch den Paneficio, den Bäckerladen, nur der Nase nach, und dafür braucht man kein Hund zu sein, so intensiv ist der Duft des frisch gebackenen Brotes. Der Paneficio hat im Allgemeinen morgens und abends geöffnet. Die Öffnungszeiten sind nicht an der Tür vermerkt. Im Besonderen hat er auch mal nicht geöffnet oder nur am Mittag. Dafür aber brauchen wir Spezialwissen und die paar Brocken Italienisch, die wir beherrschen, öffnen die Herzen. Also holt der Fornaio einen Zettel und schreibt seine unkonventionellen Öffnungszeiten in dieser Woche extra für uns auf. »Solamente settima questa, nur in dieser Woche.« – »Mille gracie, arrivederci, vielen Dank, auf Wiedersehen.« Mit warmem toskanischem Brot verlassen wir die Stube. Wir sind angekommen in Italien.
Gut gelaunt öffnen wir die Wagentür. Paula hebt freudig schnüffelnd die Nase. »Buongiorno, Paola, come stai? Guten Tag Paula, wie geht es dir?« Sie neigt ihren Kopf nach links. »Parlare italiano, italienisch sprechen!« Sie neigt ihren Kopf nach rechts mit fragendem Blick, etwas unsicher. »Keine Sorge, wir sind nur übermütig. Es ist alles gut!« Sie ist beruhigt. Dankbar lässt sie sich streicheln. Paula reagiert sehr sensibel auf unsere Stimmlage, sodass wir den Eindruck haben, dass sie alles wörtlich versteht.
Wir bringen das letzte Stück des Weges hinter uns und kommen dank der guten Beschreibung unseres Vermieters sogar noch bei Helligkeit an. Als wir an einem der folgenden Tage den anderen Weg nehmen, der so einladend aussieht, wird uns klar, warum wir vor diesem gewarnt wurden. Auf diesem Weg wären wir nicht vor Einbruch der Dunkelheit angekommen, womöglich hätten wir uns gar in einem der Schlaglöcher festgefahren …
Es erwartet uns ein toskanisches Feldsteinhaus, am Hang gebaut, umrahmt von Lorbeerbüschen, blühendem Rosmarin und Tamarisken, die ebenfalls in Blüte stehen. Zwei Zypressen stehen in ihrer dunklen Silhouette etwas abseits … Alles ist genauso, wie wir es uns erträumt haben. Ich neige ja ohnehin zur Aufgeregtheit, doch nun bin ich vollends aus dem Häuschen. Gemeinsam mit Paula renne ich von einer Ecke zur anderen, nicht wissend, was ich zuerst sehen will. Am liebsten alles auf einmal! Doch Paula ist schneller, schon bellt sie vor dem Nachbarhaus, das höher gelegen und etwa 100 m entfernt ist. Hier gibt es ja keine Zäune. »Nein, Paula! Sitz!« Jetzt bin ich bei ihr und nehme sie an die Leine. Alles gehört ihr und sie muss es bewachen. »Scusi, signore, Entschuldigung.« Der Nachbar kommt aus dem hinteren Teil seines Gartens, einem Stückchen Land, das wunderschön bepflanzt und vorbildlich gepflegt ist. Der Nachbar scheint also immer hier zu leben. Er lächelt – und da mein Italienisch nicht reicht, kommt er mir gleich mit Englisch zur Hilfe. Nein, er habe nichts gegen Hunde. Und im gleichen Moment erfahre ich alles: Er und seine Frau seien nach dem Berufsleben aus Rom hierhergekommen, nun seien schon drei Jahre vergangen. Er liebe die Gartenarbeit. Und schon zeigt er mir voller Stolz seine große Orangerie auf der Südseite des Hauses. Nein, hier könnten die Zitrusgewächse im Winter leider auch nicht draußen bleiben, die Fröste seien in manchen Nächten zu stark. Paula sitzt ruhig neben mir und hört aufmerksam zu. In einer halben Stunde sei er bei uns, um uns die Bedienung der älteren Heizungsanlage in unserem Haus zu zeigen. Das sei nötig, er habe bei allen Feriengästen des Hauses helfen müssen. »Ciao, grazie à Lei – a presto, ciao, danke – bis gleich.« Ich berichte Wolfgang alles, als ich mit Paula zum Ferienhaus zurückkehre. Er hat schon angefangen, das Gepäck auf die vordere Terrasse, die über eine schöne Steintreppe zu erreichen ist, zu stellen. »Wir haben Glück mit dem hundefreundlichen Nachbarn.« Das Haus haben wir sowieso nur mieten können, da wir versprochen haben, immer eine Decke auf die weißen Sofas im Wohnraum zu legen, damit sich dort keine Hundehaare verfangen können. Nun sind wir gespannt, was uns außer weißen Sofas innen noch so alles erwartet.
Wir betreten das Haus über die erste Etage. Die Tür öffnet sich in ein Wohnzimmer, das sich fast über die ganze Ebene hin erstreckt. Ein offener Kamin zieht unseren Blick auf sich. Von ihm aus geht rechts und links eine Kammer ab. Auf dieser Ebene ist auch das Bad. Der Fußboden ist mit Cotto-Fliesen belegt. Zwischen den sichtbaren Balken der Decke befindet sich auch Cotto. Neben der Eingangstür steht noch der alte Spülstein, in Mauernischen sind Holzbohlen wie Regale eingezogen. Alles ist original erhalten. Der Vermieter hat das Haus Anfang der 70er-Jahre erworben und traditionell restauriert. Die Heizung stammt auch aus der Zeit, daher das Hilfsangebot des Nachbarn, von dem wir auch Kaminholz beziehen können. Kaminfeuer ist wichtig um diese Jahreszeit, denn die milden Außentemperaturen dringen nicht durch die dicken Steinmauern ins Haus. Eine Etage höher befinden sich die Schlafzimmer. Im Untergeschoss, der früheren Cantina, haben heute der Speisesaal für große Familienfeiern und die Küche mit Ausgang ins Freie ihren Platz gefunden. Wir beeilen uns und richten nur das Nötigste her, während Paula draußen nach dem Rechten sieht und alles weiter erkundet. Jetzt kennt sie den Nachbarn, ihre Neugier ist gestillt, so bleibt sie in Hausnähe, denn sie muss uns ja mit einem Auge bewachen. Unsere kalte Abendmahlzeit wollen wir unbedingt auf der Terrasse einnehmen. Es ist mild, jedoch behalten wir die Winterjacken an und legen Wolldecken auf die Stühle, denn nach Sonnenuntergang wird es empfindlich kühl – der erste Abend des Jahres im Freien, und das mit einem Ausblick in ein grünes Tal, an dessen halbkreisförmigem Berghang unser Haus auf halber Höhe liegt. Die Westsonne ist schon hinter dem Berg verschwunden, sodass es richtig war, die Jacken überzuziehen. Von innen wärmt ein sanfter Rotwein aus der Region. Wir stoßen an auf Bella Italia und auf Paula, die diese lange Reise so entspannt bewältigt hat. Wir haben eine Reisehündin! Diese läuft vor unseren Augen mal hierhin, mal dorthin, und als sie genug hat, kommt sie die Stufen zur Terrasse hoch, legt sich vor unsere Füße und stößt einen tiefen Grunzer aus. Unsere Paula hat das neue Terrain ausgiebigst erkundet und kann sich jetzt ausruhen.
In den nächsten Tagen machen wir Wanderungen vom Haus aus sowie Ausflüge zu den berühmten Orten Siena, Montepulciano und Assisi und in schöne unbekannte Städtchen. Diese Gegend hier ist bergiger als das sanfte Hügelland der klassischen Toskana. Vom Haus aus kommen wir über einen Trampelpfad, der ziemlich steil ansteigt, auf eine Schotterpiste, die sich auf halber Höhe ganz um das Tal zieht. An jeder Biegung ein neuer Ausblick! Hin und wieder überqueren wir eine kleine Schlucht mit Wasserlauf, der durch eine große Röhre unter der Piste durch geführt wird. Ein paar Sprünge abwärts über Felsbrocken und Paula kann trinken – jedenfalls jetzt noch. Denn im Sommer gibt es hier kein Wasser mehr. Wir stoßen auf die eine oder andere Ruine und schwärmen davon, sie zu kaufen und wieder aufzubauen. »Diese Aussicht und die Zufahrt ist auch passabel. Das wär᾿s doch!« In der Mittagszeit ist es bei strahlendem Sonnenschein schon sehr warm, und wir sehen, dass Paula ein Stück läuft, sich im Schatten eines Baumes oder Strauches niederlässt, dann wieder aufsteht und zum nächsten Schatten eilt, immerfort. Wir haben nicht damit gerechnet, dass ihr diese Aprilsonne schon so stark zu schaffen macht. Nun, dann machen wir jetzt eine kleine Siesta. Zunächst Wasser und einen Hundekeks für Paula, für uns Vesperbrote und Mineralwasser – alles im Schatten mit Ausblick in die Landschaft.
Um uns herum surrt und summt es, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge; die Macchia mit Ginster, Thymian, Salbei und Zistrose lockt sie alle an. Ich wünsche mir, hier einmal die Klatschmohnblüte sehen zu können. Wir ruhen uns aus und Paula schläft fest. Ihre Augäpfel bewegen sich unter ihren Lidern. Welche Traumbilder mag sie wohl sehen? Jagt sie ein Kaninchen? Stellt sie gerade einen Einbrecher? Oder träumt sie nur von den Hummeln, Bienen und Schmetterlingen, die uns umgeben? Man kann es nicht wissen. Und so träumen wir gemeinsam vor uns hin, jeder auf seine Art, in seiner Weise, um Kraft für den Rückweg zu sammeln. Dieser ist weniger anstrengend als der Hinweg, denn es geht stetig und leicht bergab. Paula nimmt nur noch ab und zu einen Schattenplatz ein. Plötzlich sehen wir hinter einer Kurve eine große Schlange auf dem Weg. »Paula!!« Zwei Rufe erschallen wie aus einem Mund. Sie bleibt sofort stehen. Es ist eine Aspisviper, ca. 80 cm lang, erkennbar am dunkelbraun-schwarzen Schläfenband am äußeren Auge, das erfahren wir später von unserem Nachbarn. Sie ist tagaktiv und giftig, und jetzt im April/Mai ist Paarungszeit. Gemeinsam, aus sicherer Entfernung, beobachten wir die Schlange, die sich nach einer Weile in das Steingeröll zurückzieht. Mit einer gewissen Erleichterung haben wir bald den Abstieg zum Haus über den Trampelpfad erreicht. Paula läuft vorweg und wartet unten in dem kleinen Bachlauf auf uns, in dem sie vorsichtig zwischen den Steinen im kühlen Nass auf und ab geht und Wasser schlürft.
Wenn wir mit unserer Hündin in einem kleineren, wenig touristischen Städtchen durch die Straßen gehen, wird uns sehr viel Aufmerksamkeit zuteil. Weniger dadurch, dass Paula ziemlich ausdauernd an der Leine zerrt, weil sie durch die vielen fremden Eindrücke und Gerüche sehr aufgeregt ist und das Kommando »Fuß« in ein Ohr hinein geht und zum anderen hinaus, sondern allein durch ihr Aussehen. Ob in Castellione di Lago am Traminischen See, ob in Arrezzo oder Cortona – die Szenen ähneln sich. Wir parken, nachdem wir über viele Serpentinen in die Höhe gefahren sind, an der Stadtmauer von Cortona. Die Dächer des Städtchens werden, wie es scheint, himmelhoch vom Glockenturm der Santa Margherita überragt. Ein grandioser Ausblick in die Tiefebene bietet sich uns. Schweift der Blick zum Horizont, erscheint dort das sanfte Hügelland der Toskana. Um die Piazza zu erreichen, gehen wir durch ein Stadttor, dann eine der kleinen mit Sandstein gepflasterten Gassen entlang, die alle dorthin führen. Der große Uhrturm des Rathauses beherrscht den Platz, der über flache Stufen zugänglich ist. Die kleinen Gassen haben noch ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt. Es gibt eine Gasse für Handwerker, denen man heute durch die offenen, halbrunden Tore bei der Arbeit zuschauen kann, eine andere für die Kaufmannsläden, die in üppiger Pracht ihre Waren vor den Türen im Freien zur Schau stellen, eine weitere für die Figaros und Parfümerien … Zusätzlich ist fast täglich Markt. Auch Obst und Gemüse wird angeboten: wunderbare Orangen, die natürlich nicht der EU-Norm genügen, aber ungewachst sind und noch mit grünem Laub versehen, so süß und saftig, dass wir ganz klebrige Finger beim Schälen bekommen. Dann sind da Löwenzahn, Rucola und andere Blätter, die für Salat geeignet sind, deren Namen ich aber nicht kenne. Hier sitzen die Produzenten aus der Umgebung mit ihren Kisten, die in den kleinen, dreirädrigen Piaggio-Rollern transportiert werden. Zwischendurch ist auch ein Korb mit lebenden Hühnern oder Kaninchen zu sehen. Die Käse- und Fleischstände haben ein bekanntes Aussehen, wahrscheinlich wegen der Kühlung. Wir probieren unterschiedliche toskanische Crostinis und einen frischen Ricotta. Da es kleine Happen sind, darf Paula von den würzigen Crostinis auch etwas naschen. Aber viel Ruhe haben wir nicht! Immer sind wir umringt von einer Traube Italiener, sie lächeln uns an und zeigen auf Paula: »Che bello cane, che bello cane, welch schöner Hund!« Paula steht oder sitzt dann ganz aufmerksam neben uns, macht sich noch ein Stückchen größer, neigt den Kopf und bewegt die Ohren, als verstehe sie alles. Ganz stolz sieht sie aus. Sie strahlt! »Paula, du verstehst ja Italienisch.« Ein Lefzenlächeln.
Die Sprache der Herzen ist überall die gleiche.
DIE ERSTE LÄUFIGKEIT
Auf der Rückfahrt unserer Italienreise bahnt sich etwas an. Um den Urlaub ausklingen zu lassen, bleiben wir noch drei Tage in Ligurien in Küstennähe. Ein junges Paar aus Mailand, beide aus sozialen Berufen, hatte sich entschlossen, einen alten Hof mit Olivenbaumbestand und Olivenmühle zu kaufen und ihn in eine Azienda agricultura (einen landwirtschaftlichen Gastronomiebetrieb) umzubauen. Sie vermieten vier Zimmer und bieten die Übernachtung an mit Frühstück und einem Drei-Gänge-Menü am Abend, für das die eigenen Produkte sowie Produkte aus der Region verarbeitet werden. Ihr Vorhaben ist ihnen sehr gut gelungen, und wir verleben angenehme Tage dort. Bei den Mahlzeiten bringen wir Paula ins Auto, da der einem Wintergarten ähnliche Speiseraum sehr klein ist und unsere große Kleine gar nicht unter die zierlichen Bistrotische passt. In fremden Zimmern wollen wir sie nicht lassen, denn sie würde fortwährend gegen die Klinke der Tür springen, um diese zu öffnen. Allein sein geht nur zu Hause oder im Auto! Die anderen Gäste sind italienische Paare, deutlich jünger als wir und sehr schick. Wir vermuten, dass sie aus Mailand kommen. Ein anschließendes Gespräch bestätigt uns unsere Vermutung. Ja, sie sind Wochenendgäste, genießen eine kleine Erholung auf dem Lande. Bei einem Spaziergang kommt es zu einer heiteren Begebenheit, als wir rufen: »Paula, hierher, hier … Paula!« Denn statt unserer Hündin kommt eine elegante Italienerin, die uns fragend anschaut. Wir sind irritiert, lächeln einander an. »Paula!« Endlich reißt sie sich vom Schnüffeln los und kommt angestürmt. Die Augen der Italienerin blitzen auf. »Mi chiamo Paola, ich heiße Paula«, erklärt sie und reicht uns die Hand. Einem Schwall italienischer Wörter, deren Inhalt wir nur erahnen können, glauben wir zu entnehmen, dass sie sich gerufen fühlte und erstaunt war, als dann niemand da war, den sie kannte. Stattdessen stieß sie auf ein deutsches Ehepaar mit seinem Hund. Nun denn, ob Paula oder Paola: Italiener würden ihren Tieren keine Menschennamen geben. Paola streichelt Paula, dann geht jeder seines Wegs.
Am Tag der Abreise ist Paula völlig aufgekratzt. Sie schleicht auch gar nicht um das Auto herum, was sie bei Aufbruchstimmung sonst immer macht. Sie will noch hierhin und dorthin und strahlt eine große Unruhe aus. Da sie ihre Antibiotika-Spritzen, die sie wegen eines Zeckenbefalls bekommen muss, gut verträgt, schließen wir einen Zusammenhang mit den Zeckenbissen aus. »Ob sie schon läufig wird?« Diese Frage drängt sich auf, denn sie wird bald neun Monate alt. Man gut, dass wir am nächsten Tag wieder zu Hause sind.
Kurze Zeit später ist es dann tatsächlich so weit. Die ersten Blutspuren tauchen auf und eine völlig ausgewechselte Paula, unruhig und fahrig, hält uns beschäftigt. Sie will immer aus dem Haus, am Dorfrand bleibt sie stehen, will keinen Schritt weitergehen, nur die Umgebung taxieren, ob nicht ein Rüde in Sicht ist. Diese verfolgen uns im gleichmäßigen Abstand auf den Spaziergängen, bei denen Paula an der Leine bleibt, sich aber immer nach hinten umschaut und kaum vorwärtsgeht. Einer der Rüden ist besonders hartnäckig. Er läuft mit durch den Wald und wieder zurück. Vielleicht sein bisher längster Spaziergang? Wir fahren mit dem Auto zu anderen Feldwegen, weiter entfernt von unserem Dorf. So haben wir mehr Ruhe, denn Paulas Zustand hat sich dort noch nicht »herumgesprochen«. Aber sie bleibt an der Leine. Doch nun geht die Komödie zu Hause weiter: Die Rüden springen über unseren Gartenzaun und stehen vor der Terrassentür. Selbst einen Methusalem aus unserem Dorf, der sich sonst nur noch mühsam durch die Straßen schleppt, treffen wir plötzlich auf unserer Terrasse an. Die Lust versetzt Berge, in diesem Fall Zäune. Paulas Blutung dauert länger an, als ich erwartet habe. Danach kommt die Zeit möglicher Empfängnis – alles nicht so genau einzuordnen, die Zeiten können sich überschneiden. Wir passen weiterhin gut auf unsere Kleine auf. Als kein Rüde mehr zu sehen ist, wissen wir, dass die anstrengende Zeit vorbei ist. Paula darf wieder allein in den Garten, und wir nehmen unsere alten Gewohnheiten wieder auf. Am Dorfrand lasse ich sie von der Leine. »Paula, jetzt darfst du wieder frei toben.« Ihre Augen blitzen auf.
Darauf habe ich doch schon so lange gewartet.
Anmerkung: Auf Anraten unserer Tierärztin, die Paula während der Welpenzeit betreut hat, haben wir beschlossen, dass Paula nach der ersten Läufigkeit kastriert werden soll. So geschieht es auch. Paula hat weder Gewichtsprobleme bekommen, noch war eine Wesensveränderung spürbar.
SCHWIMMEN LERNEN
Frau Messner, eine Nachbarin, ruft an. Ob wir Lust hätten, mit zum Hundesee zu kommen? Wie ich erfahre, ist der Hundesee ein Kiesteich östlich von unserem Dorf, gut eine halbe Stunde Autofahrt entfernt.
Frau Messner hat zwei Hunde, Andi und Berti, beide Golden Retriever mit Stammbaum, die schulbuchmäßig aufgezogen werden, denn meine Nachbarin möchte eine Hundezucht aufbauen. Berti ist genau wie Paula acht Monate alt.
Als wir Paula gerade bei uns aufgenommen hatten, kam Frau Messner sofort zu uns mit ihrem Berti, damit die Kleinen miteinander spielen konnten. Sie kugelten sich, lagen unter- und übereinander, tapsten umeinander herum, fielen hin, gnibbelten sich in Schnauze und Ohren. Es bereitete so viel Freude, ihnen zuzuschauen. Frau Messner empfahl mir auch ein anderes Futter als das, welches Paulas Züchter benutzte. Trocken-Premiumfutter für Welpen wäre das beste, meinte sie. Ich befolgte ihren Rat, wusste ja selbst noch nicht alles von den Dingen, die ein Hund so braucht. Wir mussten beide lernen – ich auf meine Art und Paula auf ihre.
Ein Hupen auf der Straße! Ich schnappe das Handtuch und die Leine, Paula steht schon am Gartentor und bellt vor Freude. Im Geländewagen von Frau Messner sitzen die Hunde hinten, vorschriftsmäßig durch ein Gitter vom Fahrgastraum getrennt. Schnell steigen auch wir ins Auto, und schon folgen wir den anderen. Der Kiesteich – so stellt sich heraus – ist ein Paradies für die Vierbeiner und ihre Besitzer, ein Geheimtipp, da er von menschlichen Schwimmern höchstwahrscheinlich wegen der Hunde nicht aufgesucht wird. Das warme Frühsommerwetter hat viele Hundefreunde hergelockt, sodass die Parkmöglichkeiten schon knapp sind. Ein kleiner Fußmarsch, begleitet von unseren tobenden Tieren, schon sind wir am Strand. Ja, so kann man das Fleckchen nennen, eine kleine feinsandige Stelle, umsäumt von Ginster- und Weidenbüschen. Einige Hunde schwimmen auf geworfene Stöckchen zu, einige spielen miteinander, rennen hintereinander her. Sofort werden die drei Neuen gebührend begrüßt und beschnüffelt. Paula wird von einem schwarzen Riesenschnauzer in Beschlag genommen. Doch er will nicht spielen, er will sie besteigen. Paula setzt sich in den Sand. Er ist weiter zudringlich. Paula steht auf, will sich durch Bewegung befreien, doch er lässt sich nicht abschütteln. Sie setzt sich wieder in den Sand. Aber Paula hat keine Chance, denn der Schnauzer steigt immer wieder auf. Plötzlich hat Paulas Friedfertigkeit ein Ende, sie dreht sich um, bleckt die Zähne und verbellt ihn knurrend mit massiver Drohgebärde. So habe ich sie noch nie gesehen. Das soll meine sanftmütige, immer gut gelaunte Paula sein? Aber immerhin – die Geste zeigt Wirkung. Der Schnauzer nimmt Abstand und nach einem kurzen Moment des Zögerns trollt er sich. Ich umarme Paula. »Das hast du gut gemacht, mein tapferes Mädchen.« Sie wedelt und stupst mich an. Ihr Selbstbewusstsein ist wieder etwas größer geworden.
Ich ermutige sie ins Wasser zu gehen – vor Regenpfützen weicht sie ja immer aus, sie mag sich keine nassen Pfoten holen. Für mich eigentlich eine feine Sache, hat mich diese Eigenart doch schon vor manch zusätzlichem Schmutz im Haus bewahrt. Also bleibt sie auch hier erst mal vor dem Wasser stehen und beobachtet die anderen Hunde, wie sie sich schwimmend und planschend bewegen. Doch der Durst verführt zum Kosten. Paula tapst ins Wasser. Nun sind die Vorderpfoten schon mal nass. Mit Stöckchen-Werfen kann ich sie noch nicht überlisten. Daran zeigt sie erst in späteren Jahren Interesse. Ein nasser Hund kommt auf sie zu und schüttelt sich. Es ist Berti, der als Retriever Wasser über alles liebt. Spielend überzeugt er sie, es einmal mit der köstlichen Kühle zu versuchen und – Paula schwimmt! Sie paddelt mit den Vorderläufen, die Schnauze zur Hälfte im Wasser, ein kleines Stück hinaus, dann wieder zurück, kommt an Ufer, schüttelt das Fell aus, springt wieder hinein, wirkt zunehmend stolzer und begeisterter. Noch einmal, noch einmal … Als sie befindet, dass es genug ist, kommt sie zu mir, schüttelt sich und schenkt mir einige Tropfen vom Nass. Danach wälzt sie sich grunzend im Sand und schüttelt sich gleich erneut.
Hier fahren wir jetzt immer hin!
DIE BULT
In Hannover gibt es ein anderes Hundeparadies: das Gelände der alten Pferderennbahn, die Bult. Es ist auch ein Paradies für die Begleiter der Hunde, daher kommen sie vielfach aus dem Umland, denn die Hunde können ungestört frei laufen, toben und spielen. Keiner ist da, der meckert und schimpft. Keiner, der sich aufregt. Keiner ist unbegründet ängstlich … Nur manchmal gibt es jemanden, der seine Hundephobie überwinden möchte, doch der kommt freiwillig. Auch viel später, als wir schon auf unserem Hof leben, besuchen wir, wenn wir in Hannover sind, die Bult, solange es Paulas Gesundheit zulässt. Und natürlich lernen wir das Gelände durch Frau Messmer mit Andi und Berti kennen.
Bevor dieses Spielparadies erreicht wird, verlässt man am Bismarckbahnhof die Hauptstraße und biegt in eine kleine Sackgasse ein, die zu Kleingärten führt. Dort kann man parken. Manchmal muss man aber auch schon an der Hauptstraße den Wagen stehen lassen, denn es ist kein freier Platz zu finden, besonders zur Zeit des Leinenzwangs. Schon beim Einbiegen in diese Sackgasse erhebt sich immer ein Geheul hinter mir im Auto. Die Vorfreude ist so groß! Haben wir dann einen Parkplatz gefunden, lasse ich Paula sofort, ohne sie anzuleinen, aus dem Wagen, denn aus allen Ecken tauchen Hunde mit ihren Chauffeuren auf! Hunde verstehen sich immer bedeutend besser ohne Leine. Auch Reiter auf ihren Pferden kreuzen hier die Wege. Diese sind so souverän, dass sie sofort ihr Pferd wenden und auf den Hund zugehen, falls dieser es gewagt hat, sich an des Pferdes Fersen zu heften. Auf dem Parkplatz lernen wir zunächst die Rückkehrer mit ihren Hunden kennen, dann folgen wir dem Weg durch ein kurzes Waldstück. Hier ist Aufpassen nötig: Radfahrer! Danach öffnet sich der Wald, und wir schauen auf das Gelände der Bult, ursprünglich eine kleine bewachsene Erhebung über dem Wasserspiegel eines Moores. Sie wirkt heute wie eine englische Parklandschaft, zur Hälfte umgeben von Wald, sanft hügelig mit so manchem Kaninchenbau. Sträucher, Baumgruppen und Solitäre, vereinzelt auch Sitzbänke sind hier zu finden, und das ganze Gelände ist mit kleinen und größeren Trampelpfaden durchzogen, die von durcheinander wuselnden Hunden in bunt gemischter Vielfalt in Besitz genommen sind. Sie ziehen mit ihren Besitzern ihre Bahnen rechts oder links herum, in kleinen oder großen Gruppen, zu zweit, zu dritt oder manchmal auch allein. So kommt es zu immer neuen Begegnungen und Begrüßungen. Von großer Anteilnahme bis zu völligem Desinteresse ist alles dabei. Die Hunde wissen sofort, ob ihnen ihr Gegenüber behagt, und mancher Besitzer wechselt nach der Begegnung seine Laufrichtung und sie gehen noch ein Stück gemeinsam, weil die Hunde Gefallen aneinander gefunden haben. Bei diesen Runden erlebe ich, dass Paula bestimmte Hunderassen wie West Highland Terrier (Westis) und Bobtails nicht mag – höchstwahrscheinlich begründet durch die Erfahrungen in unserem Dorf –, dass sie vor Doggen einen mächtigen Respekt hat, Hovawarts schon von Weitem erkennt und mit Münsterländern besonders gerne spielt. Einmal treffen wir auf ein älteres Ehepaar mit einem Golden Retriever, das sich ausführlich nach Paula erkundigt. Ja, sie hätten schon zweimal eine schwarzmarkene Hovawarthündin gehabt – tolle Hunde, aber anstrengend. So hätten sie sich jetzt im Alter für einen Retriever entschieden, der sei doch bedeutend leichter zu handhaben.
Als ich das erste Mal allein mit Paula zur Bult fahre, kommt ein junger Münsterländer in Paulas Alter, zehn Monate, wie aus dem Nichts auf uns zugeschossen, und schon sind die beiden in ein übermütiges Spiel verwickelt, jagen sich gegenseitig, werfen einander auf den Rücken, gnibbeln sich in die Lefzen … Die beiden werden schnell unzertrennbar und der Kleine geht mit uns mit. Kein Besitzer ist weit und breit zu sehen. Das geht eine lange Weile so, dann kommt Herrchen auf dem Fahrrad daher. Er habe gerade seine Gartenlaube repariert, und da Felix schon unruhig wurde, seien sie kurz mal hergekommen, und kaum hätten sie das Gelände erreicht, sei Felix schon weg gewesen. Nun gehen wir gemeinsam die nächste Runde. Felix, der Glückliche, ist durch Paula noch beglückter. Er liebt sie und sie liebt ihn – es ist nicht zu übersehen. Die Zeit vergeht und die Heimfahrt steht bevor. Wir werden zum Parkplatz begleitet, denn Felix hätte sich nicht von Paula trennen lassen ohne Leine, die ihr Besitzer an diesem Tag in der Laube vergessen hatte. Er wäre zu uns ins Auto gestiegen, hätte sein Herrchen uns nicht gefunden. Wir sagen »Auf Wiedersehen« – unter Abschiedstränen, gäbe es sie bei Hunden – und setzen uns ins Auto, mit dem Versprechen, so lange mit der Abfahrt zu warten, bis ich sicher sei, dass Felix nicht mehr zu uns zurückkehrt. So verharren wir wieder eine lange Weile, währenddessen Paula schon mal Wasser trinkt, das ich mitgenommen habe, nachdem sie sich die Anstrengung des Spiels abgehechelt hat. Auf Felix treffen wir häufiger, wenn wir zur Bult fahren. Jetzt ist die Leine immer dabei. Und so heißt es in Zukunft oft: »Wollen wir schauen, ob Felix da ist?« Leuchtende Augen sind die Antwort und Paula flitzt zur Haustür.
Ja, Felix – mein Freund …

Paula und Nasho
NASHO, BICKU, QUIETSCHI
Neuerdings treibe ich mich nicht nur in den Tierhandlungen herum, um die verschiedenen Leckerlis zu kaufen, wobei ich lerne, dass die am strengsten riechenden zu Hause auf besonderes Wohlwollen stoßen, nein, man sieht mich auch in den Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser, die mich in besonderes Verzücken versetzen. Ich schleppe Spielzeug mit nach Hause, bissfestes aus dem Tierladen, weiches aus dem Kaufhaus. So kaufe ich eine Figur aus Entenhausen, es ist wohl Donald im Matrosenanzug, der anfangs herrlich quiekt, wenn Paula ihn »bebeißt«. Doch seine Stimme versagt ziemlich bald, und danach verliert sie ihr Interesse. Aber er ist aus sehr stabilem Material, denn er lebt heute noch, nach über zwanzig Jahren. Dann ist da ein kleines Nashorn, Nasho genannt, grau, ca. 15 cm lang, außen mit Plüsch von sehr guter Qualität überzogen, das schon vom Welpen bekaut, besabbelt und hin- und hergetragen wurde. Nasho liegt immer irgendwo im Haus, sei es im Korb, sei es auf oder unter dem Sofa oder in anderen Winkeln. Nur einmal in fast fünfzehn Jahren hat Nasho die Waschmaschine kennengelernt, danach wurde es sträflich für einige Wochen vernachlässigt. Wird Nasho mit ins Freie genommen, muss es nie befürchten, dass die Hundeschnauze, nachdem sie eine passende Mulde erschnüffelt hat, Sand und Erde zusammenschiebt, um das dort platzierte Objekt – meistens ein Knochen, aber auch Donald oder andere Gummitiere – mit dem angehäuften Material zu bedecken. Nasho wird nie verbuddelt, sondern immer wieder ins Haus getragen. Spürt Paula, dass ein Spieltier aus Plüsch schonender behandelt werden muss?

Mit dem Spielzeug ziehen auch diverse Koseworte in unser Haus ein. »Mein Spatz, Spätzchen, Mauseschwanz, Augenstern, Dackel, Süße, Moppelpoppel …« Und zu den bekannten Namen kommen auch neue Wortschöpfungen: Gehen wir spazieren, lobe ich Paula, wenn sie nach einem Abstecher zurückkommt: »Da bist du ja!« Wenn ich mich verstecke und sie mich freudig findet: »Da bist du ja.« Immer mit besonderer Betonung. »Da bist du ja«, heißt es auch, wenn sie mit Wolfgang wieder nach Hause kommt. Daraus entwickelt sich über die Zeit ein »da bischu ja« und »da bicku ja«, endgültig dann »Bicku«, und Paula hört auf diesen neuen Namen. »Bicku komm«, »Bicku hier«, »mein Bicku, wie geht es dir?« Auch das Wort Spazierengehen wird allmählich ersetzt. »Wollen wir jetzt bickeln gehen?«, heißt es nun. Paula hüpft und wedelt. Es ist, als hätte es nie etwas anderes gegeben und wir halten diesem Namen die Treue.
An ihrem Spielzeug hängt Paula sehr. So wird auch Nasho nach fünf Jahren mit anderen Sachen in den großen Hundeumzugskarton gelegt, um in die neue Heimat ein Stück Beständigkeit hinüberzutragen. Ja, und das Lieblingsspielzeug geht natürlich immer mit auf Reisen, sowohl Nasho als auch Quietschi.
Quietschi ist ein gelber Igel aus äußerst robustem Kunststoff, mit einer äußerst robusten Stimme, die eben immer quietscht, bei jedem Biss, und das Quietschen nie aufgibt. Bestimmt Prädikat sehr gut bei Stiftung Warentest, sehr zum Leidwesen meines Mannes. Eines Tages verschwand Quietschi, als seien Zauberkräfte am Werk gewesen, und Paula fand ihn auch schnüffelnd nicht wieder. Bei Knochen oder Ähnlichem hatte sie ja schon immer den Verdacht, dass Diebe an ihnen interessiert sein könnten. So hatte sie, fast noch im Welpenalter, auf dem Sofa hinter einem Kissen ein Stück Ochsenziemer versteckt, weil sie wohl gesättigt war und Vorratswirtschaft betrieb. Beim Nachmittagstee setzten wir uns auf das Sofa, um Zeitung zu lesen. Paula beobachtete uns sehr misstrauisch und ging unruhig vor dem Sofa auf und ab. »Was hast du denn?« Mit einem großen Seufzer ließ sie sich auf den Boden fallen, uns weiter beobachtend. Da die Zeitung nicht viel Neues zu bieten hatte und andere Aufgaben auf uns warteten, verließen wir bald unseren Platz. Kaum hatten wir uns erhoben, schlich Paula zum Sofa, schaute, sich äußerst gleichgültig gebend, hinter das Kissen und nahm das Ochsenziemerstückchen möglichst unauffällig mit. So landete es im Garten, gut mit Erde bedeckt, um dann nach einiger Zeit wieder hervorgeholt zu werden, ziemlich aufgeweicht und labbrig, aber doch wohl noch schmackhaft. Und genauso taucht eines Tages auch Quietschi wieder auf. Paula schleppt ihn ausdauernd mit sich herum, wie Nasho. Es gibt aber eine klare Unterscheidung: Nasho ist mehr für drinnen, Quietschi mehr für draußen, was seine Stimme erträglicher werden lässt. Also ist es keine Frage: Auch Quietschi kommt später in den Umzugskarton.
Die neue Umgebung und die damit verbundene Aufregung, der große Garten, die anderen Tiere, das Älterwerden? War das der Grund? Jedenfalls hat Paula ihren Quietschi irgendwann vergraben und vergessen. Doch nach etlichen Jahren, als sie selbst schon im hohen Alter war, entdeckt sie ihn wieder, erdverkrustet. Sie juchzt vor Freude, wedelt, fiept, trägt ihn im Maul, stolziert weiter juchzend mit ihm zu uns herüber, lässt ihn fallen, hebt ihn wieder auf und … beißt zu. Er quietscht! Dann lässt sie ihn wieder fallen und schaut uns an.
Quietschi wie früher – ganz der Alte.

Zärtlicher Austausch
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