Kitabı oku: «75 Geschichten aus dem Zettelkasten»
75 Geschichten
aus dem Zettelkasten

Gisela Matzke
75 GESCHICHTEN AUS DEM ZETTELKASTEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2012
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelzeichnung © chris - Fotolia.com
Foto Zettelkasten: Bernd-G. Hoffmeyer
Foto Portrait: Monica Bobu
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783954882694
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Aus meinem Leben
Ich rede zuviel (2010)…
Was man im Leben alles tut (2010)
50 Jahre Leben (1985)
Mit 50 hat man noch Träume (1990)
Mein Umzug in die August-Bebel-Straße (2007)
Das sturmsichere Haus und die unpassende Bockwurst (2009)
Mein Männerchor (1980)
Gefrorener Sekt im dunklen Berlin (1980)
Umfälle (2006)
Habseligkeiten (2007)
Weimar (2009)
Gedankensplitter (2009)
Weltkrieg und Nachkrieg
Kriegsende (1995)
Haarige Geschichten – Die halbe Dauerwelle (1995)
Mein Berufsleben
Nachrichten (1952)
Deutsche Sprache – schwere Sprache (1985)
Advent Advent – ein Lichtlein brennt (2010)
Pantomime im Radio (2010)
Palucca (2010)
Treff mit O.F. (2010)
Die Klavierspielerin (1985)
Susi (1985)
Eine schöne Geschichte (2009)
Es ist Feieroohmnd (1995)
Jetzt kommen die lustigen Tage (1996)
Violen (2004)
Aufgelesenes (1990)
2 Haflinger für mich (1983)
Erlebtes mit Herbert Roth
Das Rennsteiglied auf dem Rennsteig (1981)
Eine Woche unterwegs für eine Nacht (1981)
Der kleine Pfeil von Herbert (1981)
Hans in Not (1986)
„Mein“ Rennsteiglied (1980)
Kleine Weltgeschichten
Sechs Spiegel (1980 – 2000)
Nachträglich alles Gute (2009)
Kairo (1988)
Leningrad (2003)
Helsinki – das Jean-Sibelius-Denkmal (2004)
Epitaph auf Juri Gagarin (1980)
Was guckst du? (2006)
Kleine und große Weltpolitik
Mein Schwiegervater (2003)
Die Saat ist aufgegangen (1982)
Fragen stellen (2009)
Endlich in der Freiheit (2010)
Die bestgekleideten Männer (1991)
Eisenbahnergeschichten
Der Heizer hat verschlafen (1997)
Mein Bruder ist verschwunden (1997)
Pech am Brückenhof (1997)
Bimmelfort (1997)
Schwarzwaldtunnel (2004)
Pflanzen – Tiere – Menschen
Schwäne (1985)
April im Februar (1985)
Bäume (1981)
Regentag am See – Sommer 2002
Sinuskurven (1980)
Herbst (2003)
Hibiskus – Strauch vorm Winter (2002)
Erde riechen (2003)
Ein Kerl von einem Laubbaum (1981)
Hammel (1986)
Egon (1983)
Der Sänger und sein Bäcker (1980)
Tiere in unserem Garten – die nackte Schnecke (2008)
Letzte Rose (1982)
Wendezeit – Zeitenwende
Zwei Ost-West-Geschichten (2010)
Das letzte Loch nach Westen (1990)
Das Mikrofon vom 9. November (2010)
Drei Geschichten (1994)
Wendegeschichten (2008)
Die Architekten (1992)
Auch eine Wendegeschichte (1992)
Dream Boys in Merkers (1993)
Erfolg aus der Hosentasche (1990)
Gisas Zeilen-Shop (1990)
Ich bin Millionär … (1990)
Song Of The Joy (2000)
Zum Schluss: Der Zettelkasten (2012)
Statt Nachwort
Scabiosa caucasica (1998)
Die Jahreszahlen bezeichnen die Schreibejahre.
Aus meinem Leben
Ich rede zuviel …
Ich widme den Titel meinem viel redenden Sohn,
meinem lieben Lebensgefährten und
meiner längsten Schulfreundin U.
Ja, was tun, wenn man so was an den Kopf geworfen kriegt? Schreiben kann man nie zuviel, reden schon – das nervt gar manchen …
Also schreibe ich weiter, ohne übrigens aufzuhören mit reden, denn: damit habe ich schließlich mein Leben lang mein Geld verdient – und das sind 50 Jahre Beruf gewesen. Was anderes kann ich wohl nicht? Im Prinzip nein, oder doch?
- eine Ehe scheitern lassen
- ein Kind fast allein groß kriegen
- ein Haus erwerben
- einen Garten blühen lassen
- und und und …
Ein bisschen mehr als meine Großmutter Emma mir jemals zutraute, kann ich inzwischen schon.
Sie meinte, dass so eine wie ich ohne Waden und Busen (mit 14!) und dann noch studieren — kriegt nie einen Mann. Nun ja, es ist mein vierter Versuch, hoffentlich bis ans Ende schön.
Aber ich merke schon, ich rede zuviel. Also dann, jetzt wird geschrieben.
Was man im Leben alles tut
Ich war eine fast stumme Schülerin im Unterricht – 12 Jahre lang und mit dem ewigen Vermerk beim Zeugnis „Gisela müsste sich mehr melden.“
Ich habe – vielleicht auch – einen Beruf gewählt, in dem ich, wie ich meinte, schreiben kann soviel wie möglich. Was daraus wurde, war entschieden, als ich im 4. Studienjahr ins Rundfunkstudio-Seminar ging. 21 Jahre Rundfunk, und 20 Jahre nebenher Fernsehen, vorher 3 Jahre Betriebsfunk, danach 10 Jahre Ansagerin eines Orchesters!
- Ich habe einen Oder-Eisbrecher gesteuert
- bin eine Woche für eine Musiksendung mit Herbert Roth und seiner Mannschaft unterwegs gewesen
- habe mit dem Handelsminister der DDR unser Skoda-Felicia-Cabrio angeschoben, mitten in Berlin „Unter den Linden“
- habe eine Strafe der Verkehrspolizei wegen dem Tenor Mario del Monaco eingefangen wegen frecher Bemerkungen
- bin im Englischen Hospital in Kairo mit einer Curare- Spritze lahm gelegt worden, weil aus meinem linken Mittelfinger ein langer spitzer Glassplitter entfernt werden musste
- bin im VIP-Room des Flughafens Helsinki mit meinem Sessel umgefallen, der so toll designet war, dass man sich nicht darin rühren durfte (im Beisein des Flughafenchefs der Finnair)
- habe 2 Eierbecher aus finnischem künstlerischen Pressglas von ihm bekommen, genauso wie eine Stunde zuvor Sammy Davis Junior, der Weltstar
- bin vom „Kronprinzen“ Werner Lamberz als Blondine sehr herzlich auf dem Kairoer Flughafen begrüßt worden und habe später über den kleinen Chef vom Fernsehen Adamek lachen müssen, der auf einem Stein stehend im Tal der Könige in Ägypten genau so groß wie Lamberz auf unserem Foto ist
- habe mit dem Oberbürgermeister von Helsinki als Reporterin der Partnerstadt Berlin Kaffee getrunken und seinen amerikanischen Straßenkreuzer-Gäste- Dienstwagen samt Fahrer in Livree nutzen dürfen
- habe 1961 dicht an der Sonnenallee in Berlin gewohnt, wo die Mauer auch zwischen Baumschulenweg und Neukölln gezogen wurde
- bin in 2 Anthologien und 3 Büchern mit meinen Geschichten vertreten
- kann nicht singen, nicht tanzen, aber Beton mischen, tapezieren, malern, Blumen zureden und schreiben …
50 Jahre Leben
Halbzeit.
Meine Halbzeit im Leben, denn ich will hundert werden. Ich liege auf meiner Kindheitswiese. Wolkenhoher Himmel. Gedankenflüge – Wohin? Mein Haus fährt. Oder schwimmt es? Ihr kennt die Gegenbewegung, wenn man in Zug sitzt und der Nachbarzug fährt ab. Mein Haus misst seine Fahrt an den eilenden Wolken. Ich sinne dieses mein halbes Leben in den eiligen Himmel. Halb gelebt ist es nicht, ich habe noch immer das Gefühl, das Wunder kommt noch …
Bin ich ungerecht, wenn ich mit 50 versuche, wieder Glück zu gewinnen? Doch wie? Doch wann? Doch mit wem?
Ich bin 50 Jahre jung. Ich will hundert werden.
Aber doch nicht allein!
Mit 50 hat man noch Träume
Meine beste Freundin ist 50 geworden, 50 Jahre jung, sportlich aktiv, wanderlustig, kunstbegeistert, gut aussehend. Was sie nicht mag, sind alte 25jährige wie ihre verheiratete Nichte, die vorm Fernseher zusehends altert – was nichts gegen das Fernsehen besagen soll. Aber nun hat man ihrs gegeben was 50 Jahre sind für eine Frau! Im Unterschied zu ihren Arbeitskollegen, zu deren 50. tolle Reden gehalten wurden, so in Richtung „Manneskraft, die gerade jetzt und überhaupt erst in vollster Blüte steht.“ Heiratet ein Mann wie mein netter Nachbar mit seinen 50 eine 20-jährige, und macht sie zur Mutter seines 3. Kindes (die beiden anderen hatte er mit einer Frau, die annähernd so alt ist wie er und ihm treu durch all die jungen Jahre die Wäsche wusch, bis sie zu alt war für ihn), so hört das Lob der Umwelt nicht auf: so ein Bursche, der Teufelsbraten, hat Schlag bei jungen Frauen, ein Kerl wie ein Baum, immer jung, voller neuer Ideen, dieser Mann!
Aber ich bin abgeschweift, wollte ja von meiner besten Freundin erzählen. Also – dass sie 50 geworden ist, hätte kaum diese Zeilen gefüllt, wie viele ihres Jahrgangs werden das schließlich auch! Doch bei ihr hat sich nun gar manches geändert. Warum? Weil sie kein Geheimnis daraus machte, dass sie ein halbes Jahrhundert auf ihren gebräunten schmalen Schultern und auf ihrem gepflegten aschblondem Haar hat! Und alle, die bisher nicht mit Lob für ihr Aussehen geizten, ihr den Hof machten, ja ihr sogar nach pfiffen wie einem jungen flotten Mädchen weil sie, naja, mit ihren 40 wie 30 aussah – alle die sind jetzt sauer. Denn: Diese ehrliche Trine, wollte sagen meine beste Freundin, hat in ihrer Ehrlichkeit aller Welt ihr echtes Alter verraten!
Sie bedankte sich ehrlichen Herzens und voller Stolz und Freude über ihre, trotz Leid und Scheidung, ungebrochene Schöpferkraft, ihren herrlichen Lebensmut und ihre Lust auf alles, was das Leben lebenswert macht, in einer Zeitungsannonce bei denen, die ihr gratuliert hatten zum 50. Und seitdem wird sie von denen, die es nicht gewusst hatten, wie ihre bislang nette Verkäuferin, schief angesehen. So unter dem Blickwinkel – sieh mal die alte Schachtel, so alt wie ich und traut sich noch in ein leuchtend rotes Kleid!
„Die enge Hose und auch noch weiß, na, so jung sind Sie ja wohl auch nicht mehr, meine Gute“ – das sagte ihr spitz eine dicke, pardon, vollschlampige 30-Jährige glatt ins gepflegte Gesicht.
Und die Männer, die sie so umschwärmt hatten, als sie noch „38“ war? „Shoking“, sagten diese, als ein fast 55-Jähriger sie just am Tage ihres Geburtstages zur Frau nahm. Immerhin hatte er die Anzeige in der Zeitung mit der Wirklichkeit verglichen und sich Hals über Kopf in sie verliebt, in diese „attraktive, sportliche, unternehmungslustige Frau, FSA, 50 Jahre jung“. So was, sagten Männer zu ihm, so eine alte Frau heiratet man doch nicht.
Und sie, meine beste Freundin, träumt, wenn sie ein Star wäre, dass man hinter vorgehaltener Hand tuscheln könnte, „sie soll uralt sein, an die 50, aber man sieht ihrs noch gar nicht an, nicht wahr, aufregend, die Frau, hm, mit der … Aber, aber, was denn, mit so einer Alten?
Mein Umzug in die August-Bebel-Straße
Ich habe „mein“ Haus gefunden. Lange gesucht, fast ein Jahr. Ein altes Haus in der August-Bebel-Straße. Ich erzähle es meinem Vater.
Er: „Den haben sie immer umgedreht.“
Ich: „Wen?“
Er: „Den Bebel, im Auerhahn.“
„Wo?“
„In der alten Kneipe in unsrer Straße.“
„Umgedreht – wie denn?“
„Na, an der blau gestrichenen Wand…“
Also, die Geschichte dazu geht so: Sozialdemokratische Versammlung anno 1913 in Ruhla. Jungs, mein Vater einer von ihnen, 6 Jahre jung, Jahrgang 1907, auf Horchposten draußen vor der Kneipe, sein Vater saß mit drin. Der „Schandarm“ kam – ein Zeichen von draußen nach drinnen – das Bild wurde umgedreht.
Ich: „Was war auf der Rückseite?“
„Na, nichts, der Rahmen… Der Gendarm mit Pickelhaube und Seitensäbel. Der Wirt hat ihm ein Glas Schnaps angeboten. Immer. Erst hat er sich geziert, dann getrunken… Noch eins. Beim zweiten Schnaps tat er immer die Pickelhaube ab und setzte sich neben der Theke unter die Treppe. Nach dem 3.: Haube auf, Säbel an, weg war er…“
PS: Anlass für diese Geschichte war das Geschehen anno 1913 in einer Kleinstadt, die nach dem 1. Weltkrieg „Klein-Moskau“ oder „Rotes Ruhla“ genannt wurde.
Das sturmsichere Haus und die unpassende Bockwurst
Im Kindergarten war gerade Zeichenstunde, als die Sturmwarnung kam – mitten am Tag und dazu die Nachricht, dass die Kleinen in Kürze von den Eltern abgeholt und nach Hause gebracht werden.
Dazu bekam ich frei vom Chef und erfuhr von der Kindergärtnerin, dass mein Söhnchen seine Zeichnung von einem Haus sehr eigenwillig gefertigt hat. Ein Hochhaus sollte gemalt werden, mit vielen Fenstern. Und was hat er gemacht, als diese Sturmmeldung kam? Alle schönen hellen Fenster von oben bis unten am Hochhaus hat er schwarz angemalt, wie ein Trauerflor am Haus sah das aus. Auf die etwas entgeisterte Frage von Mutter und Betreuerin, was das soll, hatte der kleine Schlaumeier eine total logische Antwort: „Da kann doch der Sturm nicht reinkommen, ich hab die Fenster alle zugemacht“.
Schön und gut, aber was hat das sturmsichere Haus mit der unpassenden Bockwurst zu tun? Die Hausgeschichte erzählte ich unserer Buchhändlerin. Die meinte lachend, dass sie auch so eine Geschichte mit ihrem Sohn erlebt hat:
Er – in der ersten Schulklasse – sollte wie alle Schüler mitten im Sommer eine Bockwurst malen; so stands wohl im Lehrplan. Er aber, ein süßer schwarzhäutiger Bengel, malte eine Waffeltüte mit buntem Eis! Kriegte eine 5 von der Lehrerin, aber keine Strafpredigt von der Mutter, denn seine Begründung war eindeutig: „Ich male doch im heißen Sommer keine heiße Wurst…“
Mein Männerchor
„Männer, die Bässe sind das Fundament. Ob die Tenöre darauf ein Hochhaus bauen oder aber nur im ersten Stockwerk stehen bleiben, liegt ganz an euch!“
Ist das eine freundliche Aufforderung zum Gesang, die unser Chorleiter gibt! Unser – mein Männerchor und ich, ein Männerchor mit 6Ojähriger Tradition, ohne Nachwuchssorgen, und ich – Zufallsansager zunächst und seit 4 Jahren Gast bei Proben und regelmäßigen Konzerten.
Unser Chorkonzert als Kurkonzert, einmal im Monat. Die Singestunden sind freiwillig. Freitags, auch für mich, denn wie sollte ich Sangeslust an „Waldeslu-u-ust“ verspüren, wenn nicht leibhaftig? Wer da sagt, freitags schmecke das Bier beim Wirt besonders und deshalb auch die Proben dort, der liegt schon vorm ersten Glas schief. Wirt klingt übrigens viel zu anonym, Adam heißt er, heißt sein Sohn, heißen dessen Kinder und die beiden Frauen in der Küche. Beide Tenöre. Strahlend – die Stimmen und die Gesichter aller Männer. Ich stelle sie auf der Bühne vor: Gastwirt und Landwirt, Wasserwerker und Pumpenwerker – wie Rudi, der seit mehr als 25 Jahren Vorstand ist, Gestalt und Charakter handfest, wortfest im Dialekt der Rhönheimat, Walzwerker und Elektriker, Maler und LKW-Kapitäne, Schneider und Steinmetz, Polsterer und der Lokführer, der Mundharmonika in seinen Schienenpausen spielt. Fast alle Meister ihres Faches und des Gesanges nach Feierabend. Ich stelle den Kräftigen vor, der Schäfer heißt und Kaltwalzwerker ist, und den Schmalen mit Vollbart, der Schäfer ist in dem Dorf, aus dem so gut wie alle stammen. Den lasse ich immer raten vom Publikum – wie sieht ein Rhönschäfer aus: romantisch, rotwangig, freundlich – schwer zu erraten, weil alle meine Männer so ausschauen. Viele tragen Bart, einige Vollbart, die Alten glatt rasiert. Und der Schäfermeister mit Bart – er verheimlicht nicht seinen Tipp zum Einschlafen unseren Kurgästen: ein Schäfer zählt nie Schafe – er würde glatt einschlafen dabei – er zählt die Beine seiner Schäfchen und teilt durch 4! Punkt! Schluss! Applaus für meinen Männerchor.
PS:
Der Männerchor ist jetzt 93, dirigiert von einer Frau, hat inzwischen auch Nachwuchssorgen, singt aber noch immer gut.
Gefrorener Sekt im dunklen Berlin
Eiswinter 1978/79
Erbsensuppe aus der Gulaschkanone im Oberhofer
Nobelhotel „Panorama“
Das war eine Jahreswende! Auch bei mir wurden Erinnerungen wach. Sie beginnen schon im Eisenacher Bahnhof. Mit einem Salzunger, der damals in Berlin tätig war, fuhr ich nach dem Weihnachts-Oratorium in der Georgenkirche zurück nach meinem damaligen Wohnsitz Berlin. Den kalten D-Zug hatten wir erwartet, die Mäntel ließen wir an. Eine Flasche Wein, aus Frust geöffnet, ging im Abteil reihum, wärmte aber keinen!
Es sollte schlimm kommen, denn die folgenden Tage in der Hauptstadt waren nur noch duster. Von wegen übrigens die Begründung, aller Strom sei für die DDR-Hauptstadt – strahlend hell schien Westberlin herüber. Von unserem Johannisthaler Haus sahen wir neidisch nach dem nahen unerreichbaren Britz.
Mal war der Strom zu Hause weg auf unbestimmte Zeit, die Straßenbeleuchtung sogar auf dem Alexander-Platz und Unter den Linden war längst abgeschaltet, die S-und U-Bahnen fuhren auch nur noch „auf Zuruf“, wenn der Strom mal wiederkam. Mein bisher fester Glaube an das groß propagierte verlässliche RGW-Verbundnetz von Polen und der Sowjetunion zur DDR blieb damals auf der Strecke.
Also die Silvesternacht: Gegen Abend fiel in unserer Siedlung Johannisthal nicht nur der Strom aus, auch die Gasheizung wurde zentral stark gedrosselt. Im Haus war sie nur noch lauwarm. Den Sekt für Null Uhr stellten wir innen an die Terrassentür, die aus einfachem Glas war, die Wände waren ja sowieso ungedämmt – und das bei unter 2o Grad Minus. Mitternacht im Rollkragen. Der Sekt zur Hälfte in der Flasche gefroren!!
In den nächsten Tagen wollte ich dann von Berlin nach Salzungen und von da dienstlich zum Töpferhof Römhild. Was für ein Abenteuer! Auf dem Fernbahnhof Schönefeld warteten hunderte Menschen stundenlang ohne jegliche Information auf irgendeinen Zug gen Süden oder Norden. Irgendwann kam ich bis Erfurt und hatte Glück mit einer Übernachtung in einem kleinen Bahnhofsstraßenhotel. Nach wenigen Stunden ging auf dem Erfurter Hauptbahnhof das gleiche „Glücksspiel“ weiter. Irgendwann kam ich nach zwei Tagen in Bad Salzungen an und hatte dann von Meiningen bis Römhild per Bus noch die tollsten Nachwehen der Eistage: riesige Eisbrocken an den Bäumen am Werraufer und ein total lahm gelegter Töpferhof in Römhild, der ja tagelang ohne Strom „erfroren“ war wie alle vormals bewunderten großen Grünpflanzen des Chefs.
Übrigens: mein Ex-Ehemann Manfred feierte den Jahreswechsel im Interhotel „Panorama“ in Oberhof so: In dünner Festkleidung die Frauen, in auch nicht gerade dicken Anzügen die Männer. Als das Licht ausging und die Heizung nachließ, sollte das immer hoch gepriesene Notstrom-Aggregat aushelfen. Aber – Fehlmeldung total. Nichts ging mehr. Die Silvestergäste mussten die Nottreppen, die damals außen am Hotel ungeschützt hochgingen, benutzen. Am nächsten Tag gabs im noblen Interhotel Erbsensuppe aus der Gulaschkanone.
Echt bauernmarktreif!
Umfälle
In dieser ersten Septemberwoche hatte ich zweimal einen Unfall. Besser gesagt, es waren zwei „Umfälle“ in des Wortes wahrstem „Un-Sinn“ …
Beim ersten mal stürzte ich über eine flache Stufe im Hof und fiel nach vorne um – mit einem unmöglichen Schrei, weil meine linke Hand und das linke Knie sofort irre schmerzten. Ich wurde aufgehoben mit den schönen Worten: „Schrei doch nicht so, was soll denn die Nachbarschaft denken …“
Kaum zwei Tage von meinen Prellungen – mehr war es Gott sei dank nicht – genesen, setzte ich mich leichtsinnigerweise auf einen Stehstuhl, so einen, wie sie in orthopädischen Kliniken stehen. Übrigens auch einer in meiner Küche, angeschafft nach einer Knie-OP für längere Küchenarbeiten. Auf diesem passierte mir nichts. Ein etwas primitiverer in einer Künstlerwerkstatt war mein Verhängnis, weil ich darauf nicht richtig stehend saß, sondern wackelte und schaukelte beim heftigen Disput.
Es machte nur „Plopp“ oder so und ich fiel mit dem Stehstuhl einfach um, das heißt, er fiel auf den Betonboden und ich auf ihn, den Stahlrahmen.
Wie ein gefällter Baum kam ich mir vor, nicht einmal mehr Zeit zum Schreien hatte ich bei der Schnelligkeit …
Übrigens: blaue Flecken hatte ich bei beiden „Umfällen“ nicht, krumm und lahm war mir schon zumute. Einen Trost erhielt ich auch beim zweiten Mal: „Mit dem ist schon mal eine umgefallen, die Pfarrersfrau aus Sch…“ Naja, das tröstete mich enorm, sie ist lang und rappeldürr.
Habseligkeiten
(Wort des Jahres 2006 oder 2007)
… und ich packte meine Habseligkeiten und ging meiner Wege … Auch wenn Ihr’s nicht glaubt, so war es wirklich! Ich hatte „Einen“ kennen gelernt, der mir gefiel. Ich hinterließ einen tief gekränkten „Ehemaligmann“, ein schönes Haus mit Garten, Pool und Auto und die große Stadt. Ich behielt meinen Sohn, meine Bücher, meine Zimmerpflanzen, die irdenen Töpfe und alle meine Kinkerlitzchen. Nur ein paar Habseligkeiten waren das, denn Möbel und Teppiche und Gardinen blieben dort, wo ich viele Jahre gut und gern gelebt hatte. Und, um in einem aktuellen Liedtext zu bleiben, erzähle ich auch, dass ich meinte, mit der neuen Liebe hätte ich „mit Wenig aber viel mehr“ „die Schätze der Welt“, die „goldenen Dinge“ – all das war mir eine Nebensache der Welt geworden. Träume hatte ich von einem zweiten Leben auf meinem Weg, das sicher noch schöner sein würde als alles Vorhergehende …
Aber dann: Mit meinen Habseligkeiten zog ich nach wenigen Jahren wieder aus.
Und nun, da ich über meine damaligen Habseligkeiten ein wenig weinerlich nachsinne, erreichen mich unbegreifliche Nachrichten aus einer Urlaubswelt, die in Sekunden unterging. Nicht mal mehr ihre Habseligkeiten konnten Hunderttausende retten, nichts haben sie mehr, nichts, und selig?
Wo waren da die Götter? Gott, Buddha, Allah? Wo?
Weimar
Ich war bei Goethen, nach 50 Jahren wieder. 1949 lag er, der verehrte Geheimrat, noch neben Friedrich Schiller, seinem Freund in Weimar. Nun, 2009, war ich wieder dort in der begehbaren Grabhöhle, der berühmten Fürstengruft. Diesmal war von Schiller keine Rede mehr, der Sarg neben Goethe ist leer! Mir gefiel, dass wir es durch Schriftinformation wissen dürfen, denn Schillers Knochen sind nicht mehr – endgültig – aufzufinden.
Ein bisschen nachdenklich gingen wir zwei Schulfreundinnen weiter über den Friedhof, Gottesacker, Ruheplatz, mit seinen Uraltbäumen am heißen Augustvormittag schönen Schatten spendend. Ein Grabstein ließ mich stutzen und Freude kam auf: Armin Müller – Malerpoet.
Darunter einer, der vor wenigen Jahren starb, für mich unbekannt als Person, doch bekannt und von weitem verehrt – Poet war er in Weimar, nicht unumstritten, als Maler mochte ich ihn und eben als Maler-Poeten darum, als ich sein Buch in die Hände bekam. Hier also fand ich ihn wieder, berührt und fast zu Tränen gerührt – den Malerpoeten mitten im Grünen.
Und daneben, weit genug entfernt und dennoch dazugehörig als Künstler – ein Grabstein liegend, ein Cello eingemeißelt, ein Name. Und genauso wie vorher mein Erschrecken, war nun die Schulfreundin dran: der, den kannten wir, mein Vater hat ihn mal beschäftigt… Wie das? Als Apotheker? Den Cellisten? Ein Brief, ein in der Erinnerung fast peinlicher Bettelbrief voller Verzweiflung kam nach dem Krieg nach Ruhla, der Cellist hatte sich erinnert an eine Hausmusik beim Apotheker und fragte an, ob man ihn mal wieder gebrauchen könne? … Viel mehr über ihn erfuhr ich nicht an diesem wundersamen Grab mit Cello in der Nähe des Malerpoeten.
Einsam beide auf einem Gottesacker voller großer Namen.
Gedankensplitter
Fingerhüte im dunklen Fichtenwald – als wenn der Wald lächelt;
Mutti im kalten Mai – als ein Glühwürmchen leuchtete; das hat sicher sein Laternchen stehengelassen und ist weg, sich wärmen.
40. Jahrestag des gemeinsamen Speiseplanes in der US-Armee. Von Grönland bis Korea – an jedem Tag im Jahr einheitliches Essen – „wahre“ Größe!
Vormittags gegen 9 Uhr, ich treffe Manfred, der als Eisenbahn-Rangierer von der Nachtschicht kommt. Bislang sahen wir uns nur abends vor der Biertheke seiner Frau Hilde im Ratskeller. Verwunderte Frage, wohin ich gehe? Ich: Zur Probe. Er: Was probt ihr denn? Ich: Musik fürs Konzert heute Abend. Er: Was? Das müsst ihr proben? Bei mir muss das auf Anhieb klappen!!!
Ein paar von mir für mich neue Wortschöpfungen:
Außer-Haus-Freund (ein Schelm, wer an einen Hausfreund denkt)
Reinsehgarten (am Burgsee unserer Stadt, jeder kann über den Zaun rein sehen)
Raussehgarten (bei Matzkes mit hoher Hecke zur Straße, nur vom Wohnzimmer aus einzusehen, wer zu uns kommt, kann auch zum schönen, kleinen Garten raus sehen)
Alleinigkeit ( na ja, o was wie Alleinsein, aber noch schlimmer, oder besser?)
Ich war ganz unten schon unter der Erde.
Nur ein Grashalm hielt mich noch, mein Sohn.
Verwirrt die Gedanken – verirrt die Gefühle.
Zu zweit suchen wir nun das Lachen, die Liebe, Leben…
Zum Weiterleben ist es nicht zu spät…
Weltkrieg und Nachkrieg
Kriegsende
In Ruhla war der Krieg am 8. April 1945 zu Ende, kurz nach dem Osterfest, das meine Mutter mit uns 3 Kindern (l0, 8 und 1 einviertel Jahr) eigentlich auf der Ruhlaer Skihütte feiern wollte, aber nicht tat, weil man nicht genau wusste, wie lange es noch bis zum Ende dauert.
Also: Am 8. April war Schluss. Doch noch am 1. April (es war kein Scherz) wurde ich mit dem „Befehl Nr.1“ aufgefordert – wie alle meine gleichaltrigen Schulkameraden – mich beim Jungmädchenbund anzumelden. Wir hörten schon seit Tagen, immer näher kommend, die Kriegsgeräusche aus westlicher Himmelsrichtung.
Bei Fulda sollten die Amerikaner schon stehen, der Geschützlärm nahm Tag für Tag zu. „Geh ins Gasthaus zum Hirsch“ riet meine Mutti, „melde Dich an, der Krieg ist ja bald zu Ende.“ Am 7. April gingen wir in den stabilen Keller meiner Tante in der Nachbarschaft, weil uns gesagt wurde, die Amis stehen zwischen Bad Salzungen und Ruhla oben auf der Glasbach. Es ging auch ein Gerücht im Keller, wo viele Nachbarn zusammen waren, dass sich Ruhla nicht kampflos ergeben wird. Eine Hitlerjugend-Führerschule auf dem Reuter will die Stadt „verteidigen“. Zwei oder dreimal schossen die Amerikaner in die Ruhl, trafen zwei Häuser in der Innenstadt. Die Frau vom Friseur Bauer, die Frau vom Zahnarzt Belger und ein Kind wurden tödlich getroffen. Gegen Morgen hingen überall weiße Betttücher aus den Fenstern. Wir hatten den Keller verlassen und sahen zum ersten Mal die „Amis“. Ich weiß noch, wie erstaunt mein Bruder, damals 8 Jahre und ich waren, als ein Riese mit schwarzer Hautfarbe, einem Helm und einem Umhang vor uns stand. Am meisten wunderten wir uns über sein wunderschönes Lächeln und darüber, dass er so leise auf dem Pflaster lief. Von den zurückflutenden deutschen Soldaten und von unserem Soldatenvater (Monate vorher auf Urlaub) kannten wir ja nur die eisenbeschlagenen Stiefel.
Am 28. April, meinem l0. Geburtstag, gingen meine Mutti, mein Bruder Jürgen und ich von Ruhla nach Eisenach – ca. 15 km, weil es hieß – Gerüchte waren immer da – dort gibt es auf einen bestimmten Lebensmittelkartenabschnitt Brot, das es darauf in Ruhla nicht gab. In Farnroda gab es auf wieder einen anderen Abschnitt überraschenderweise Wurst und irgendwo anders auch noch Butter, die wir auf dem Hinweg also mitnahmen. Vor dieser notgedrungenen „Wanderung“ hatte meine Mutti einen „Kaffeekuchen“ für meinen Geburtstag gebacken, der die Wegzehrung war, großer Genuss damals – viele Frauen buken ihn. Was drin war, weiß ich nicht mehr. Der lange Weg, die Schlangen beim Einkaufen auf dem Jakobsplan in Eisenach und die müden Beine von uns Kindern hatten es spät, beinahe zu spät werden lassen – ein Lastauto mit Arbeitern des Elektrizitätswerkes nahm uns mit nach Ruhla, weil die abendliche Sperrstunde schon bedrohlich rangerückt war.
Wir waren übrigens drei Kinder’ der „Kleine“ war im Dezember 1943 geboren. Zweimal war bei uns eine Art Haussuchung, sicher nach Männern oder Fotoapparaten (unseren hatten wir in Ölpapier hinter dem Haus vergraben). Das erste Mal kamen zwei Amerikaner, freundlich, nett, freuten sich über das Kind im Bettchen. Das nächste mal (im Sommer 45) waren es zwei sowjetische Soldaten, jung, die sich ebenso über das Bettchen beugten und sich freuten. Meine Mutti sagte damals sinngemäß so etwas wie: „Warum machen die alle eigentlich Krieg, sind doch alles Menschen…“ Unser Vati war in der Zeit von Ostpreußen nach Dänemark in englische Kriegsgefangenschaft geraten und kam recht bald zu uns nach Hause. Bei der „Ruhlaer Bimmel“, unserer Eisenbahn, fing er als Heizer an, um sich seinen Jugendtraum, Lokführer zu werden, endlich erfüllen zu können. Durch die schlechte Ernährung hatte er aber bald keine Kraft mehr zu diesem schweren Beruf.
PS: Als ich etwas mehr als 45 Jahre nach dem Kriegsende mal in Vertretung der Kaderleiterin des Kurorchesters Bad Salzungen zu einer Schulung geschickt wurde, hörte ich dort immer von den „Befreiern der Roten Armee“ in Bad Salzungen. Auf meine Frage, wieso denn im April 45 die Amis, die in Ruhla den Krieg beendet hatten, von Bad Salzungen über Bad Liebenstein nach Ruhla gekommen waren, herrschte großes Schweigen und ich wurde seitdem nicht mehr zu einer Schulung geschickt.
Haarige Geschichten – Die halbe Dauerwelle
Eine Stromsperre war schuld, dass meine Mutter mit halber Dauerwelle über den Berg musste … Klingt ein bisschen undurchsichtig?
Ich erzähle die Geschichte gleich von vorn. Also: Im Krieg, damit ist immer der Hitlersche Weltkrieg gemeint, im Krieg lernte mein Vater einen Mann aus Etterwinden kennen, der im zivilen Leben Friseur dortselbst war. Nach dem Krieg – und aus der englischen Gefangenschaft gesund wieder heimgekehrt, wollte Werner, dass seine Hanni endlich mal wieder dauergewellte Haare tragen sollte. Sein Friseurfreund wollte ihm und ihr die Welle schenken.
Es wurde also eine Aktion gestartet: Mutti mit meinem Bruder und mir sowie einem Handtuch für die Haarwäsche ging auf Wanderschaft von Ruhla über den Rennsteig die steile Gollert hinunter durch Wiesen und Felder nach Etterwinden. Ein Abenteuer für uns Kinder, die wir gerne wanderten.
Beim Friseur gings dann zur Sache, Muttis Haare wurden gewaschen, eingerollt in ungezählte dünne Holzdinger, mit irgendetwas ziemlich Stinkendem eingeschmiert und an elektrische Leitungen angeschlossen, die aus einer großen Metallkugel kamen, unter die unsere Mutter dann gesetzt wurde. Und das dauerte und dauerte, die Locken in den Rollen mussten ja regelrecht gekocht werden.
Aber dann die „Katastrophe“ – der Strom war weg! Der Friseur ließ, er hatte selber kein Telefon, von irgendwem im Dorf beim Elektrizitätswerk in Eisenach anrufen. Die Auskunft: Stromsperre wie öfter am späten Nachmittag, um am Abend wieder genügend für die Leute zu Hause zu haben. Eben Nachkriegsnöte. Und so die Auskunft: Er kommt ganz sicher in den nächsten Stunden nicht wieder! Ach du liebes Härchen! Muttis Haarpracht wurde ausgewickelt, in einen Turban eingewickelt und der Heimweg über den Berg und den Rennsteig in die Ruhl wurde angetreten. Unterwegs waren eine enttäuschte Mutter und ihre zwei müden kleinen Kinder mit Glück im Unglück – wir trafen keinen anderen „Wanderer“, der sicher nach dem Warum gefragt hätte …
Der Etterwinder Friseur konnte nur eine Bitte an seinen Ruhlaer Kollegen mitgeben: Muttis, sowie der Strom abends wieder angestellt wurde, halbe Dauerwelle ganz fertig zu machen.
Das muss wohl auch geklappt haben – jedenfalls weiß ich keine neue Katastrophenmeldung aus der Zeit, und die preisfrei gewellten Haare hielten auch ohne auszufallen.
Mein Berufsleben
Nachrichten
Das Neueste. Er las es jeden Tag vor. Es war sein Beruf.
Er war Nachrichtensprecher. Beim Rundfunk. Von jeder Stunde gehörten seiner Stimme fünf Minuten. Bis auf einen Tag, an dem er auffiel. Seiner Chefin, die den 5-Minuten-Dienst immer hörte, auf gute Aussprache hin hörte. Sie war Sprecherzieherin der schönen Stimme, die las und las und las – soviel Nachrichten an einem Tag! Sie stutzte beim Hören, er stutzte beim Lesen – das kannte er doch schon … Er hatte fast 10 Minuten gelesen, immer wieder die gelesenen Blätter unter die nächsten gelegt, alles doppelt gesagt. Aufgefallen war es keinem – doch, ihr, der Sprecherzieherin.
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