Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 26

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XII

Zwischen diesen Unsicherheiten schritt die Schwangerschaft fort und zeigte, was Wirklichkeit ist.

Es kam der beladene Gang, der Tonka eines stützenden Armes bedürftig erscheinen ließ, der schwere Leib, der geheimnisvoll warm war, die Art des sich Niedersetzens, mit offenen Beinen, unbeholfen und rührend häßlich; alle Wandlungen des wunderbaren Vorgangs kamen, der, ohne zu zögern, den Mädchenkörper umformte zur Samenkapsel, alle Abmessungen veränderte, die Hüften breit machte und hinunterrückte, den Knien die scharfe Form nahm, den Hals kräftiger, die Brüste zum Euter machte, die Haut des Bauches mit feinen roten und blauen Adern durchzog, so daß man darüber erschrak, wie nah der Außenwelt das Blut kreiste, als ob das den Tod bedeuten könnte. Nichts als Unform war durch neue Form ebenso gewaltsam wie duldend zusammengehalten, und das gestörte menschliche Maß spiegelte sich auch im Ausdruck der Augen wider; sie blickten etwas blöd, sie hafteten lange auf den Gegenständen und lösten sich nur schwerfällig von ihnen los. Auch an ihm hafteten Tonkas Augen oft lange. Sie besorgte wieder seine kleinen Angelegenheiten und diente ihm mühevoll, als wollte sie ihm noch zuletzt beweisen, daß sie nur für ihn lebte; nicht ein Funke Scham über ihre Häßlichkeit und Entstellung war in ihren Augen, nur der Wunsch, mit ihren plumpen Bewegungen recht viel für ihn zu tun.

Sie waren jetzt beinahe wieder so oft beisammen wie früher. Sie sprachen nicht viel, aber sie blieben einer in des andern Nähe, denn die Schwangerschaft rückte vor wie ein Zeiger, und sie waren hilflos davor. Sie hätten sich aussprechen sollen, aber nur die Zeit ging vorwärts. Der Schattenmensch, das Unwirkliche in ihm rang manchmal nach Worten, eine Erkenntnis wollte aufsteigen, daß man alles nach ganz andern Werten messen müßte; aber sie war, wie alles Erkennen ist, zweideutig, unsicher. Und die Zeit lief, die Zeit lief davon, die Zeit verlor sich; die Uhr an der Wand war dem Leben näher als die Gedanken. Es war ein kleinbürgerliches Zimmer, in dem nichts von Großem geschah, darin sie saßen, die Wanduhr war eine runde Küchenuhr und zeigte eine Küchenzeit, und seine Mutter beschoß ihn mit Briefen, darin alles bewiesen stand; sie sandte kein Geld, sondern gab es für die Meinung von Ärzten aus, die ihm den Kopf zurechtsetzen sollten: er verstand es recht gut und nahm es nicht mehr übel. Einmal schickte sie sogar eine neue ärztliche Erklärung, aus der nun wirklich hervorging, daß Tonka ihm damals doch untreu gewesen sein mußte; aber statt Alarm in ihm zu schlagen, erregte sie nur eine fast angenehme Überraschung, er dachte, als ob es gar nicht ihn berührte, darüber nach, wie das damals wohl zugegangen sein mochte, und fühlte bloß: die arme Tonka, die dann an den Folgen einer einzigen flüchtigen Verwirrung so litt …! Ja, er mußte sich manchmal in acht nehmen; daß er nicht plötzlich ganz lustig sagte: Tonka, gib acht, jetzt ist mir endlich eingefallen, was wir vergessen haben – mit wem du mir damals untreu warst! So verrann alles. Nichts Neues kam. Es blieb nur die Uhr. Und die alte Vertrautheit.

Und auch ohne daß sie sich ausgesprochen hatten, brachte sie die Augenblicke des Nacheinanderverlangens der Körper wieder. Sie kamen, so wie alte Bekannte auch nach langer Abwesenheit ohne viel Umstände ins Zimmer treten. Die Fenster jenseits des engen Hofes lagen blind im Schatten, die Menschen waren zur Arbeit gegangen, wie ein Brunnen dunkelte unten der Hof, die Sonne schien wie durch Bleischeiben in die Wohnung, sie hob jeden Gegenstand heraus und ließ ihn tot aufleuchten. Und da lag zum Beispiel auch einmal ein kleiner alter Kalender so aufgeschlagen, als hätte Tonka eben in ihm geblättert, und in der weiten, weißen Ebene eines Blattes stand, wie eine Pyramide der Erinnerung zu einem Tag gesetzt, ein kleines rotes Rufzeichen. Alle andern Blätter waren mit Eintragungen des alltäglichen Lebens, mit Preisen, Besorgungen gefüllt, und nur dieses war leer bis auf das Zeichen. Keinen Augenblick zweifelte er daran, daß dies die Erinnerung an jenen Tag bedeutete, dessen Vorfälle Tonka verbarg, die Zeit mochte ungefähr stimmen, und die Gewißheit schoß wie ein Blutsprudel in den Kopf. Aber die Gewißheit lag ja in nichts als eben in dieser plötzlichen Heftigkeit, und im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder in ein Nichts zurückgezogen; wollte man diesem Rufzeichen glauben, so mochte man ebensogut dem Wunder glauben, und das Vernichtende war doch gerade, daß man keins von beiden tat. Es ging da ein erschrockenes Aufblicken von einem zum andern. Tonka hatte wohl das Blatt in seiner Hand bemerkt. Die Gegenstände in dem seltsamen Zimmerlicht sahen jetzt wie Mumien ihrer selbst aus. Die Körper wurden kalt, die Fingerspitzen vereisten, und die Eingeweide hielten wie ein heißer Knäuel alle Lebenswärme fest. Der Arzt hatte wohl gewarnt, Tonka bedürfe äußerster Schonung, sollte ihr nicht ein Unglück zustoßen; aber gerade den Ärzten durfte man ja in diesem Augenblick nicht trauen. Und auch nach der andern Seite blieben alle Anstrengungen vergeblich; vielleicht war Tonkas Kraft zu gering, sie blieb ein halbgeborener Mythos.

»Komm zu mir,« bat Tonka, und sie teilten Leid und Wärme mit traurigem Gewährenlassen.

XIII

Tonka war ins Spital gekommen; die böse Wendung war eingetreten. Er durfte sie besuchen; stundenweise. So hatte sich die Zeit verloren.

An dem Tage, wo sie aus dem Hause fortgekommen war, hatte er sich den Bart abnehmen lassen. Nun war er wieder mehr er selbst.

Aber dann erfuhr er, daß sie am gleichen Tag ungeduldig, kopflos, um es los zu sein, was sie aus Sparsamkeit so lange aufgespart hatte, bis sie nun Angst litt, es nicht mehr tun zu dürfen – rasch sich einen Backenzahn hatte reißen lassen, als letzte Handlung der Freiheit, bevor sie ins Spital fuhr. Ihre Wangen mußten nun traurig eingefallen sein, weil sie sich niemals helfen lassen wollte. Da wurden wieder die Träume stärker.

Ein Traum kehrte in vielen Formen wieder. Ein blondes, unscheinbares Mädchen mit blasser Haut erzählte ihm, daß seine neue, irgendeine erfundene Geliebte ihm durchgegangen sei, und wieder von Neugierde erfaßt, warf er hin: »Und glauben Sie, daß Tonka besser war?« Er schüttelte den Kopf und machte ein recht zweifelndes Gesicht, um das Mädchen damit zu einer ebenso kräftigen Beteuerung von Tonkas Tugenden zu reizen, er kostete schon den Wohlgeschmack der Erleichterung, welche ihm ihre Entschiedenheit bringen würde; aber statt dessen sah er langsam ein Lächeln auf dem Gesicht vor ihm entstehen, sah es mit fürchterlicher Langsamkeit sich ausbreiten, und dann sagte das Mädchen: »Ach, die hat ja so furchtbar gelogen. So war sie ganz nett, aber man konnte ihr kein Wort glauben. Sie wollte immer eine große Lebedame werden.« Die größere Qual dieses Traumes war nicht das wie ein Messerschnitt ansetzende Lächeln, sondern daß er sich gegen die platte Ereiferung des Endes nie wehren konnte, weil sie in der Ohnmacht des Schlafes wie ihm aus der Seele gesprochen war.

Wenn er an Tonkas Bett saß, war er daher oft stumm. Er wäre gern so großmütig gewesen wie in früheren seiner Träume. Er hätte sich vielleicht auch aufschwingen können, wenn er etwas von der Kraft Tonka zugewandt hätte, mit der er an seiner Erfindung arbeitete. Die Ärzte hatten ja nie eine Krankheit an ihm finden können, und so umschlang die Möglichkeit eines geheimnisvollen Zusammenhangs ihn mit Tonka: er brauchte ihr nur zu glauben, so wurde er krank. Aber, vielleicht, sagte er sich, in einer andern Zeit wäre das möglich gewesen – er gefiel sich schon in solchen rückblickenden Gedanken –, in einer andern Zeit wäre Tonka vielleicht ein berühmtes Mädchen geworden, das zu freien, Fürsten sich nicht für zu gut gehalten hätten; aber heute?! Man müßte wohl einmal weitläufig darüber nachdenken. – So saß er an ihrem Bett, war lieb und gut zu ihr, aber er sprach nie das Wort aus: ich glaube dir. Obgleich er längst an sie glaubte. Denn er glaubte ihr bloß so, daß er nicht länger ungläubig und böse gegen sie sein konnte, aber nicht so, daß er für alle Folgen daraus auch vor seinem Verstand einstehen wollte. Es hielt ihn heil und an der Erde fest, daß er das nicht tat.

Die Bilder des Spitals quälten ihn. Ärzte, Untersuchungen, Disziplin: sie war ergriffen von der Welt und auf den Tisch geschnallt. Aber das erschien ihm fast schon als ein Mangel an ihr; sie mochte wohl etwas Tieferes sein, unter dem, was mit ihr in der Welt geschah, aber dann müßte auch alles anders sein in der Welt, damit man dafür kämpfen könnte. Er gab schon etwas nach, sie war ihm wenige Tage nach der Trennung bereits etwas fern geworden dadurch, daß er die Fremdheit ihres allzu einfachen Lebens, die er ein wenig wohl immer mitempfunden hatte, nicht mehr täglich reparieren konnte.

Und weil er an Tonkas Spitalsbett oft wenig sprach, schrieb er ihr Briefe, in denen er vieles sagte, was er sonst verschwieg, er schrieb ihr fast so ernst wie einer großen Geliebten; bloß vor dem Satz: ich glaube an dich! machten auch diese Briefe halt. Tonka antwortete nicht, er war ganz verdutzt. Da erst fiel ihm ein, daß er die Briefe nie abgeschickt hatte; sie waren ja nicht – mit Sicherheit seine Meinung, sondern eben ein Zustand, der sich nicht anders helfen kann als mit Schreiben. Da merkte er, wie gut er es immer noch hatte, der sich ausdrücken konnte, und Tonka konnte es nicht. Und in diesem Augenblick erkannte er sie ganz klar. Eine mitten an einem Sommertag allein niederfallende Schneeflocke war sie. Aber im nächsten Augenblick war dies gar keine Erklärung, und vielleicht war sie auch nur einfach ein gutes Mädchen, die Zeit ging zu schnell, und eines Tages überraschte ihn fürchterlich die Mitteilung, daß es nicht mehr lange mit ihr dauern würde. Er machte sich bittere Vorwürfe wegen seines Leichtsinns, der sie nicht genug geschont hatte, aber da er sie Tonka nicht verbarg, erzählte sie ihm einen Traum, den sie in einer der letzten Nächte gehabt hatte; denn auch sie träumte.

Ich hab im Schlaf gewußt, sagte sie, daß ich bald sterben werde, und, ich kann’s gar nicht verstehen, ich war sehr froh. Eine Tüte Kirschen hab ich in der Hand gehabt; da hab ich mir gedacht: Ach was, die ißt du vorher schnell noch auf! …

Und am nächsten Tage durfte er Tonka nicht mehr sehen.

XIV

Da sagte er sich: Vielleicht war Tonka gar nicht so gut, wie ich mir eingebildet habe; aber gerade daran zeigte sich das geheimnisvolle Wesen ihrer Güte, das vielleicht auch einem Hund hätte zukommen können.

Ein trocken wie ein Sturm fegendes Leid ergriff ihn. Ich darf dir nicht mehr schreiben, ich darf dich nicht mehr sehn, heulte es um alle Ecken seiner Festigkeit. Aber ich werde wie der liebe Gott bei dir sein, tröstete er sich, ohne sich etwas dabei denken zu können. Und oft hätte er gern bloß geschrien: Hilf mir, hilf du mir! Hier knie ich vor dir! Er sagte sich traurig vor: Denk dir, ein Mensch geht mit einem Hund ganz allein im Sternengebirge, im Sternenmeer! – und Tränen quälten ihn, die so groß wurden wie die Himmelskugel und nicht aus seinen Augen herauskonnten.

Er spann wachend nun Tonkas Träume.

Einmal, träumte er vor sich hin, wenn alle Hoffnung Tonkas geschwunden ist, wird er plötzlich wieder eintreten und da sein. In seinem weitkarierten braunen englischen Reisemantel. Und wenn er ihn aufmacht, wird ohne Kleider darunter seine weiße, schmale Gestalt sein, mit einer dünnen goldenen Kette und klingelnden Anhängseln daran. Und alles wird wie ein Tag gewesen sein, sie war dessen ganz sicher. So sehnte er sich nach Tonka, wie sie sich nach ihm gesehnt hatte. Oh, sie war nie begehrlich! Kein Mann lockte sie; es ist ihr lieber, wenn ihr einer den Hof macht, ein wenig ungeschickt weltschmerzlich auf die Gebrechlichkeit solcher Beziehungen hinweisen zu können. Und wenn sie abends aus dem Geschäft kommt, ist sie ganz ausgefüllt von seinen lärmenden, lustigen, ärgerlichen Erlebnissen; ihre Ohren sind voll, ihre Zunge spricht innerlich noch weiter; da ist kein kleinstes Plätzchen für einen fremden Mann. Aber sie fühlt, wohin das nicht reicht in ihr, dort ist sie überdies groß, edel und gut; kein Geschäftsmädel ist sie dort, sondern ebenbürtig und verdient ein großes Schicksal. Darum glaubte sie auch, trotz allen Unterschieds, ein Recht auf ihn zu haben; von dem, was er trieb, verstand sie nichts, das ging sie nicht an, sondern weil er im Grunde gut war, gehörte er ihr; denn auch sie war gut, und irgendwo mußte doch der Palast der Güte stehen, wo sie vereint leben sollten und sich niemals trennen.

Aber was war diese Güte? Kein Tun. Kein Sein. Ein Schimmer, wenn sich der Reisemantel öffnet. Und die Zeit ging zu schnell. Er hielt sich noch an der Erde fest und hatte den Gedanken: ich glaube an dich noch nicht mit Überzeugung ausgesprochen, er sagte noch: und wenn alles auch so wäre, wer könnte es denn wissen – da war Tonka tot.

XV

Er hatte der Wärterin Geld geschenkt und sie hatte ihm alles erzählt. Tonka hatte ihn grüßen lassen.

Da fiel ihm nebenbei ein wie ein Gedicht, zu dem man den Kopf wiegt, das war gar nicht Tonka, mit der er gelebt hatte, sondern es hatte ihn etwas gerufen.

Er wiederholte sich diesen Satz, er stand mit dem Satz auf der Straße. Die Welt lag um ihn. Wohl war ihm bewußt, daß er geändert worden war und noch ein anderer werden würde, aber das war er doch selbst und es war nicht eigentlich Tonkas Verdienst. Die Spannung der letzten Wochen, die Spannung seiner Erfindung, versteht es sich recht, hatte sich gelöst, er war fertig. Er stand im Licht und sie lag unter der Erde, aber alles in allem fühlte er das Behagen des Lichts. Bloß wie er da um sich sah, blickte er plötzlich einem der vielen Kinder ringsum in das zufällig weinende Gesicht; es war prall von der Sonne beschienen und krümmte sich wie ein gräßlicher Wurm nach allen Seiten: da schrie die Erinnerung in ihm auf: Tonka! Tonka! Er fühlte sie von der Erde bis zum Kopf und ihr ganzes Leben. Alles, was er niemals gewußt hatte, stand in diesem Augenblick vor ihm, die Binde der Blindheit schien von seinen Augen gesunken zu sein; einen Augenblick lang, denn im nächsten schien ihm bloß schnell etwas eingefallen zu sein. Und vieles fiel ihm seither ein, das ihn etwas besser machte als andere, weil auf seinem glänzenden Leben ein kleiner warmer Schatten lag.

Das half Tonka nichts mehr. Aber ihm half es. Wenn auch das menschliche Leben zu schnell fließt, als daß man jede seiner Stimmen recht hören und die Antwort auf sie finden könnte.

ende

Nachlass zu Lebzeiten

[Humanitas Verlag, Zürich 1936]

Vorbemerkung

Warum Nachlass? Warum zu Lebzeiten?

Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die grosse Geschenke sind; aber in der Regel haben die Nachlässe eine verdächtige Aehnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. Die Beliebtheit, deren sie sich trotzdem erfreuen, mag dann davon kommen, dass die Lesewelt eine verzeihliche Schwäche für einen Dichter hat, der sie zum letztenmal in Anspruch nimmt. Wie immer das aber auch sei und was immer sich von der Frage vermuten liesse, wann ein Nachlass von Wert sei, und wann bloss einer vom Werte: ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, dass ich das nicht mehr tun kann. Und das verlässlichste Mittel dazu ist es, dass man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.

Aber kann man denn überhaupt noch von Lebzeiten sprechen? Hat sich der Dichter deutscher Nation nicht schon längst überlebt? Es sieht so aus, und genau genommen, hat es, so weit ich zurückzudenken vermag, immer so ausgesehn, und ist bloss seit einiger Zeit in einen entscheidenden Abschnitt getreten. Das Zeitalter, das den Massschuh aus fertigen Teilen hervorgebracht hat, und den fertigen Anzug in individueller Anpassung, scheint auch den aus fertigen Innen- und Aussenteilen zusammengesetzten Dichter hervorbringen zu wollen. Schon lebt der Dichter nach eigenem Mass beinahe allerorten in einer tiefen Abgeschiedenheit vom Leben, und hat doch nicht mit den Toten die Kunst gemeinsam, dass sie kein Haus brauchen und kein Essen und Trinken. So günstig sind die Lebzeiten den Nachlässen. Auf die Benennung dieses Büchleins und seine Entstehung ist das nicht ohne Einfluss geblieben.

Umso sorgfältiger müsste man natürlich mit seinen letzten Worten, auch wenn sie nur vorgespiegelt sind, umgehn. Inmitten einer donnernden und ächzenden Welt bloss kleine Geschichten und Betrachtungen herauszugeben; von Nebensachen zu reden, wo es so viele Hauptsachen gibt; seinen Aerger an Erscheinungen zu haben, die weit vom Schuss zurückliegen: ohne Zweifel, es mag manchem als Schwäche erscheinen, und ich will gern gestehn, dass auch mir der Entschluss zur Herausgabe allerhand Sorgen bereitet hat. Aber erstens hat immer schon ein gewisser Grössenunterschied zwischen dem Gewicht dichterischer Aeusserungen und dem Gewicht der unberührt von ihnen durch den Weltraum rasenden zweitausendsiebenhundert Millionen Kubikmeter Erde bestanden und musste irgendwie in Kauf genommen werden. Zweitens darf ich mich vielleicht auf meine Hauptarbeiten berufen, denen es an den zusammenziehenden Kräften, die man hier vermissen könnte, am wenigsten fehlen dürfte; die weiterzuführen, aber gerade eine solche Zwischenveröffentlichung verlangte. Und schliesslich: als mir dieses Buch vorgeschlagen wurde und die Teilchen, aus denen es zusammengesetzt werden sollte, wieder vor mir lagen, glaubte ich zu bemerken, dass sie doch eigentlich zeitbeständiger gewesen seien, als ich befürchtet hatte.

Diese kleinen Arbeiten sind fast alle in den Jahren zwischen 1920 und 29 entstanden und zum erstenmal veröffentlicht worden; aber ein Teil von denen, die im Inhaltsverzeichnis »Bilder« heissen, geht auf ältere Vormerkungen zurück. So das »Fliegenpapier«, das unter dem Titel »Römischer Sommer« schon 1913 in einer Zeitschrift erschienen ist; und auch die »Affeninsel« stammt aus dieser Zeit, was ich erwähne, weil man diese beiden sonst leicht für erfundene Umschreibungen späterer Zustände halten könnte. In Wahrheit sind sie eher ein Vorausblick gewesen, getan in ein Fliegenpapier und in ein Zusammenleben von Affen; aber jederman werden solche Weissagungen gelingen, der an kleinen Zügen, wo es sich unachtsam darbietet, das menschliche Leben beobachtet und sich den »wartenden« Gefühlen überlässt, die bis zu einer Stunde, die sie aufrührt, scheinbar »nichts zu sagen haben« und sich harmlos in dem ausdrücken, was wir tun und womit wir uns umgeben.

Etwas Aehnliches, doch vorwiegend in umgekehrter Anwendung, lässt sich wahrscheinlich auch zugunsten der »Unfreundlichen Betrachtungen« und der »Geschichten, die keine sind« anführen. Sie tragen die Zeit ihrer Entstehung sichtbar an sich, und was an ihnen Spottrede ist, gilt zum Teil gewesenen Zuständen. Auch in der Form zeigen sie diesen Ursprung; denn sie sind für Zeitungen geschrieben worden, mit ihrem unaufmerksamen, ungleichen, dämmeriggrossen Leserkreis, und hätten ohne Frage anders ausgesehn, wenn ich sie, so wie meine Bücher, für mich allein und für meine Freunde geschrieben hätte. Gerade hier war also die Frage zu beantworten, ob es erlaubt sei, die Veröffentlichung zu wiederholen. Jede Umänderung hätte dazu genötigt, alles neu zu entwerfen, und ich musste mich ihrer ganz enthalten, ausser dass ich da und dort etwas, das unter den Umständen seines Entstehens nicht nach Wunsch geraten war, im Sinn seiner eigenen Absichten nachbesserte. So ist nun wirklich zuweilen von Schatten, von einem Leben die Rede, das nicht mehr ist, und dazu in einer Art des begrenzten Aergernisnehmens, das auf abschliessende Vollständigkeit keinen Anspruch erhebt. Ich habe den Mut, den ich trotzdem in die Zeitbeständigkeit dieser kleinen Satiren setze, schliesslich aus einem Satz von Goethe geschöpft, der zu diesem Zweck sinngemäss verändert werden kann, ohne an Wahrheit einzubüssen; er lautet dann: »in dem Einen, was schlecht gethan wird, sieht man das Gleichniss von allem, was schlecht gethan wird.« Dieser Satz lässt Hoffnung, dass die Kritik kleiner Fehler auch in Zeiten, wo schon viel grössere gemacht werden, ihren Wert nicht verliert.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
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