Kitabı oku: «Ordne dein Leben»
Über den Autor
Gordon MacDonald ist seit fünfzig Jahren Pastor und Autor. Er schreibt für das Leadership Journal und spricht weltweit auf Konferenzen. Ordne dein Leben ist sein bekanntestes Buch und ein zeitloser Klassiker.

„Wenn ein Mensch in sich keine Ordnung hat,
kann er auch keine Ordnung verbreiten.“
Ezra Pound
Inhalt
Anmerkung des Autors
Vorwort: Der Tag, an dem ich an meine Grenzen stieß
Kapitel 1: Das Aushöhlungssyndrom
Kapitel 2: Ein Blick von der Kommandobrücke
Kapitel 3: Im goldenen Käfig gefangen
Kapitel 4: Die tragische Geschichte eines erfolgreichen Verlierers
Kapitel 5: Als berufener Mensch leben
Kapitel 6: Hat jemand meine Zeit gesehen? Ich habe sie wohl verlegt!
Kapitel 7: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Kapitel 8: Der Bessere verliert
Kapitel 9: Der traurige Anblick eines ungelesenen Buches
Kapitel 10: Ordnung im Garten
Kapitel 11: Das, was wirklich trägt
Kapitel 12: Alles muss eingegeben werden
Kapitel 13: Mit den Augen des Himmels sehen
Kapitel 14: Freunde
Kapitel 15: Ruhe ist mehr als Freizeit (Sabbat)
Nachwort: Mut, Wertschätzung, Tiefe
Studienteil von Leslie H. Stobble
Anmerkungen
Anmerkung des Autors
Vor vielen Jahren schrieb ich ein Buch über das Innenleben von Christen und gab ihm den Titel Ordering Your Private World – Ordne dein Leben. Es wurde von vielen Menschen gelesen, die es für seine Offenheit und seine praktische Anwendbarkeit schätzten.
Der Aufhänger des Buches war die Erkenntnis, dass viele Christen dem Zustand ihrer Seele kaum Beachtung schenken. Das ist einer der Gründe, warum sie auf ihrem Glaubensweg Enttäuschungen erleben. In einer späteren Auflage des Buches erzählte ich von einem für mich unvergesslichen Tag, an dem ich mir eingestehen musste, wie seicht mein eigener Glaube war. Auf den ersten Seiten dieses Buchs werde ich die Geschichte noch einmal erzählen.
Johannes der Täufer hat mich dabei mit seinen Worten stark inspiriert. Und er wurde wiederum durch das Denken des alttestamentlichen Propheten Jesaja beeinflusst.
So erfüllte sich, was im Propheten Jesaja steht: „Er ist eine Stimme, die in der Wüste ruft: ,Schafft Raum für das Kommen des Herrn! Ebnet ihm den Weg! Die Täler sollen aufgeschüttet, die Berge und Hügel eingeebnet werden! Das Krumme soll gerade und das Raue glatt werden! Dann werden alle Menschen Gottes Heil sehen‘“ (Lukas 3,4–6).
Ich hörte Johannes (und Jesaja) zu mir sagen: „Wenn du Gottes Ordnung in deinem Leben erfahren willst, musst du auf der Herzens- oder Seelenebene beginnen – in diesem innersten Bereich des Menschen, den ich gern als verborgene Welt bezeichne.“
Ich wünschte, ich hätte beim Schreiben der ersten Fassung meines Buches deutlicher gemacht, dass es mir nicht um eine neue Art von geistlichem Leben ging. Stattdessen wollte ich, dass meine Leser sich fragen: „Wie ist es Generationen von Christen gelungen, ihren Glauben lebendig zu halten und unablässig auf die Stimme Gottes zu lauschen?“
Vor hundert Jahren brachte Oswald Chambers es so auf den Punkt:
Unsere Entscheidungen für oder gegen Gott fallen zuerst vor Gott in unserem Willen, nie da, wo andere es sehen. […] Wenn jemand etwas vor Gott geklärt und sich da zum Gehorsam entschieden hat, dann kann ihn nichts mehr beeinflussen. […] Zuerst muss ich die Sache in meinem Innersten, wo sich niemand einmischen kann, ganz allein mit Gott regeln. Dann kann ich weitergehen und weiß sicher, dass die Entscheidung für Gott gefallen ist.1
Hier bin ich also wieder, inzwischen ein älterer Mann, fünffacher Großvater, 78 Jahre alt. Noch heute ist es – jeden einzelnen Tag! – eine Herausforderung für mich, mein Leben zu ordnen. So möchte ich Ihnen hier ein überarbeitetes, persönlicheres, sogar ein Stück weit autobiografisches Buch vorlegen, das Ihnen einen Einblick in das geben wird, was ich in den vergangenen Jahren gelernt habe.
Gordon MacDonald
Concord, New Hampshire
Vorwort
Der Tag, an dem ich an meine Grenzen stieß
Ich habe den Mutterleib nicht von Natur aus ordentlich verlassen.
In meiner Kindheit räumte ich meine Spielsachen und Bücher nur selten auf. Und als ich älter wurde, ließ ich mein Fahrrad oft da liegen, wo mein Vater mit tödlicher Sicherheit mit dem Auto drüberfahren würde, wenn er zum Abendessen nach Hause kam.
Als ich dann ein Teenager war, standen die Leute, die mir einen Schülerjob gaben, meiner Arbeitsethik kritisch gegenüber. „Er ist nicht sehr gewissenhaft“, sagten sie über mich.
Ich enttäuschte Freundinnen, indem ich vergaß, einen Valentinsgruß, ein Geburtstagsgeschenk oder ein Anstecksträußchen zum Abschlussball zu kaufen.
Als ich dann in den Zwanzigern war, räumte ich selten meine Kleidung weg, verlegte ständig meine Autoschlüssel und den Geldbeutel und verließ das Badezimmer normalerweise nicht in dem Zustand, in dem ich es vorgefunden hatte.
Während meiner gesamten Schulzeit hindurch beklagten sich die Lehrer darüber, dass ich mit den Gedanken immer woanders war; ich sei ein Tagträumer und zerstreut. Einer schrieb in mein Zeugnis: „Gordon ist zwar körperlich im Klassenzimmer anwesend, aber seine Gedanken sind normalerweise irgendwo anders – das ist schade, denn er könnte mehr lernen, wenn sie ebenfalls hier wären.“
Irgendwann in meinen Teenagerjahren drängte mich ein frustrierter Jugendleiter in die Ecke und sagte mit zusammengebissenen Zähnen: „Wann wirst du endlich erwachsen?“ Er fügte noch ein paar Kommentare über mein vergeudetes Potenzial, meinen Mangel an Zuverlässigkeit und mein kindisches Verhalten hinzu und ließ mich dann stehen. Ich hatte es satt, dass die Leute ständig von meinem sogenannten Potenzial sprachen.
Ich glaube auch nicht, dass ich in geistlichen Dingen Ordnung gehalten habe. Mein gesamtes Leben drehte sich um die Kirche (Mein Vater war Pastor!), ich kannte alle biblischen Geschichten und hatte haufenweise Bibelverse auswendig gelernt. Regelmäßig gewann ich in der Sonntagsschule irgendwelche Auszeichnungen und Anstecker für hundertprozentige Anwesenheit. Aber nichts davon veränderte mein Verhalten oder führte dazu, dass sich mein Charakter weiterentwickelte, etwas, das man von einem ernsthaften Jesus-Nachfolger erwarten würde (ich ziehe diesen Begriff dem Wort „Christ“ vor). Nun war ich in diesen frühen Tagen meines Lebens auch kein schlechter Mensch. Um es mit den Worten des Verfassers der Offenbarung zusagen: Ich war weder heiß noch kalt … nur irgendwie lauwarm. Durchschnittlich. Mittelmäßig. Wenig überzeugend.
In den ersten 20 Jahren meines Lebens und noch länger lebte ich also sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Raum in einem allgemeinen Zustand der Unordnung.
Doch als ich langsam älter wurde, hatte mein verantwortungsloses Verhalten immer schwerwiegendere Folgen. Ich erkannte, dass meine Zukunftsaussichten nicht gerade vielversprechend wären, wenn ich mein Leben nicht besser in Ordnung hielte.
Eines Samstagmorgens – ich war damals 30 Jahre – geschah etwas, das mein Leben grundlegend veränderte. Ich habe oft darüber gesprochen und geschrieben, was an jenem Morgen geschah, weil ich damals aufgerüttelt – im wahrsten Sinne aufgerüttelt! – wurde. Ich entdeckte einen großen und verborgenen Teil von mir selbst, dem ich nie genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatte: meine Seele … oder das, was ich gern meine Innenwelt nenne.
Gail und ich hatten sieben Jahre zuvor geheiratet. Das Graduiertenkolleg lag hinter mir, und wir waren die Eltern von zwei Kindern. Ich war der noch ziemlich junge Pastor einer wunderbaren mittelgroßen Gemeinde, die im Wachstum begriffen war. Es kam mir so vor, als seien Gail und ich auf dem besten Weg, all unsere Träume zu erfüllen. Worüber wir in den ersten Jahren unseres gemeinsamen Lebens so begeistert gesprochen hatten, schien Wirklichkeit zu werden.
Bei meiner Arbeit hatte ich ein paar Monate lang viel (und ich meine wirklich viel!) zu tun. Nun gibt es eine Form von Geschäftigkeit, der ein Plan zugrunde liegt, bei der Prioritäten gesetzt werden und bei der man erkennen kann, welches Ziel erreicht werden soll. Diese Art von Geschäftigkeit ist sehr gut und befriedigend. Durch sie entwickelt man sich weiter und gewinnt an Erfahrung hinzu.
Aber es gibt auch eine Form von Geschäftigkeit (eigentlich eine destruktive Geschäftigkeit), die einen chaotischen Lebensstil widerspiegelt. Bei ihr geht es lediglich darum, die jeweils nächste, unmittelbar vor einem liegende Aufgabe anzugehen. Die nächste Aufgabe! Ganz gleich, ob diese wichtig ist oder nicht. Es steht einfach die nächste Aufgabe an, und man nimmt sie in Angriff, weil sie eben erledigt werden muss.
Ich war 30, und ich wurde von dieser zweiten Art der Geschäftigkeit hin- und hergeworfen wie von den Stromschnellen eines reißenden Flusses. Außer Kontrolle. Voller Angst davor zu kentern und mit dem Gefühl, ihr schutzlos ausgeliefert zu sein.
Seit Monaten brachte ich mich rund um die Uhr in die Gemeinde ein und tat alles, um den Menschen zu beweisen, dass ich als Leiter alles im Griff hatte. Es gab jede Menge öffentliche Reden, Beerdigungen, Hochzeiten, Ausschusssitzungen, Planungsgespräche und Problemlösungstreffen. Ein endloser Strom von Menschen, die alle etwas von mir wollten. Und um all diesen Anforderungen zu begegnen, sagte ich immer nur: „Ja, ja, ja … kein Problem … kein Problem … betrachten Sie es als erledigt … ich freue mich, Ihnen helfen zu können …“ Nein kam in meinem Vokabular nicht vor.
Und das Ergebnis all dieser Hektik?
Der unermüdliche Einsatz, meine trübe Stimmung und meine Unsicherheit darüber, ob ich einen guten Job machte, brachten mich fast um. Ich war geistlich, emotional, intellektuell und körperlich erschöpft. Erschöpft ist sicherlich das richtige Wort. Und das war ein überraschendes Gefühl, denn wie die meisten jungen Menschen nahm ich an, dass meine Kraft und meine Energie grenzenlos und unerschöpflich wären. Meine Gedanken rasten unablässig, und ich versuchte, allen einen Schritt voraus zu sein. Ich war emotional überempfindlich gegenüber Beschwerden und Kritik anderer Menschen. Körperlich war ich nicht mehr in Form und von einer ständigen inneren Unruhe getrieben. Vor allem aber war meine Seele – also zumindest der kleine Teil, der mir bewusst war – blockiert und vollgestopft, was mir natürlich auch alles andere als willkommen war. Jesus schien sehr weit weg zu sein. Ich konnte über ihn predigen und öffentlich zu ihm beten, aber das bedeutete nicht, dass ich seine Nähe spürte.
Ich muss hinzufügen, dass auch die Zeit für Gail, unsere Kinder und meine wenigen Freunde knapp bemessen war. Zurückblickend wird mir klar, dass ich ihnen nur die schlechte Version meiner selbst bot: müde, gereizt und überkritisch.
Nun war es, wie bereits erwähnt, Samstag. Ich eilte an diesem Tag die Treppe unseres Hauses hinunter und betrat die Küche. Gail bereitete dort gerade das Frühstück für die Familie vor.
„Ich muss das Frühstück ausfallen lassen“, sagte ich und schlüpfte in meinen Mantel. „Muss ins Büro. Ich bin mit den Vorbereitungen für die Predigt morgen noch nicht fertig. Oh, und ein paar Mitarbeiter wollen sich mit mir zum Mittagessen treffen, um über ein Problem zu sprechen, das sie haben. Also werde ich wahrscheinlich erst –“
„Tu, was du tun musst“, unterbrach Gail mich, „aber wenn du gehst, solltest du einmal darüber nachdenken, dass du in letzter Zeit kaum Zeit mit den Kindern verbracht hast. Wo wir gerade davon reden: du und ich auch nicht.“
Ich erstarrte und überlegte, was ich antworten sollte.
Aber bevor mir etwas einfiel, sprach Gail weiter: „Sag mal, Gordon: Willst du wirklich so leben? Möchtest du, dass die kommenden Jahre so verlaufen? Haben wir uns so unser Leben vorgestellt, als wir geheiratet haben?“
Gails Fragen erwischten mich kalt. Ich hätte sofort entgegnen sollen: „Nein! So will ich nicht leben.“ Aber dann hätte ich erklären müssen, warum ich genau das tat: auf diese Weise leben.
Stattdessen brach ich in Tränen aus. Und es flossen nicht nur ein paar Tränen, und sie flossen nicht nur kurz. Ich weinte mindestens vier Stunden lang … tiefe, heftige Schluchzer brachen aus den Abgründen meiner Seele empor.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich rasch abwandte, als ich hörte, dass die Kinder die Treppe hinunterkamen. Schlimm genug, dass Gail Zeugin meines Weinkrampfs war. Aber die Kinder mussten das nicht auch miterleben.
Ich stürzte ins Wohnzimmer, warf mich auf die Couch und weinte schließlich den ganzen Morgen ununterbrochen. Und gerade als ich dachte, der Tränenfluss würde enden, ging es wieder los. Es war beängstigend.
Eine solche Gefühlsexplosion hatte ich noch nie erlebt. Habe ich gerade einen Zusammenbruch? Ich erinnere mich noch, dass ich mich das fragte. Brauchte ich einen Arzt, sollte ich ins Krankenhaus fahren? Warum hatte mich niemand auf einen solchen Moment vorbereitet?
Ich hörte, wie Gail eine Nachbarin anrief und fragte, ob unsere Kinder den Morgen dort verbringen könnten. Dann kam sie zu mir. Sie umarmte mich und sagte immer wieder, wie sehr sie mich liebte. Und sie versicherte mir, dass Gott bei uns sei. Nur das. Es gab keine demütigenden Bemerkungen darüber, dass echte Männer nicht weinen, keinen Versuch, alles in Ordnung zu bringen, keine selbstgefällige Erinnerung daran, dass das alles meine Schuld sei – was es ja auch war. Sie stand mir einfach nur still zur Seite.
Ich erinnere mich noch erstaunlich gut an die Einzelheiten dieses Morgens. Mein Inneres war wie ein überfluteter Keller. Überflutet durch unverarbeitete Gefühle und das, was diese verursacht hatte. Und genau wie bei einem überfluteten Keller mussten sie „ausgepumpt“ werden. Dazu trug die Tränenflut bei.
Ich habe seither oft auf diesen Tag zurückgeblickt und mich gefragt, warum ich eigentlich weinen musste. Vielleicht wegen einiger Verletzungen und Sorgen, die bereits seit Generationen in meiner Familie vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden waren? Aber vielleicht weinte ich auch aus Trauer über Dinge, die ich als Junge erlebt und nie verarbeitet hatte? Oder waren die Tränen schlicht und ergreifend die Folge von wochenlangem Stress, der pausenlos auf mir gelastet hatte, ohne dass ich einmal seelisch und geistlich aufgetankt hatte? Oder spielten alle diese Dinge eine Rolle?
An diesem Samstag lernte ich auf die harte und angsteinflößende Tour, dass ich nicht so weiterleben konnte wie bisher und gleichzeitig ein geistlicher Leiter für andere Menschen sein konnte. Ich bezeichne diesen Morgen gern als den Tag, an dem ich an meine Grenzen stieß.
Ich wollte immer schon Pastor werden. Mein Vater war einer und mein Großvater praktisch auch. Die Berufung lag mir also gewissermaßen im Blut. Und schon in jungen Jahren strebte ich dieses Ziel mit großer Vorfreude an. Selbst als Junge sah ich mich bereits eines Tages auf der Kanzel stehen. In meinen Teeniejahren verschloss ich mich eine Zeit lang trotzig geistlichen Dingen. Doch selbst dabei war mir klar, dass der Moment kommen würde, an dem ich der Einladung Gottes folgen würde, das zu werden, wozu er mich erschaffen hatte: ein Pastor, ein geistlicher Hirte für andere Menschen.
Mein Vater verstand es zu lehren. Er brachte mir alles bei, was man wissen musste, um eine Gemeinde zu leiten. Schon seit meiner frühesten Kindheit fiel es mir leicht, Reden zu halten. Und ich besaß soziale Kompetenz. Ich kam gut mit Menschen klar, konnte schnell mitdenken und Probleme aus dem richtigen Blickwinkel betrachten. Von Natur aus war ich immer ein Mensch mit Ideen, voller Visionen, und ich verstand es, andere davon zu überzeugen, mir zu folgen.
Das alles sind natürliche Begabungen oder Talente, zumindest würde ich es so bezeichnen. Sie entwickeln sich im Laufe unseres Lebens durch unser Temperament, unsere Lebenserfahrungen und den Einfluss unserer Familie und enger Freunde. Ich besaß in einem beträchtlichen Maße genau die Begabungen, die ich brauchte, um im Pastorendienst einen Blitzstart hinzulegen.
Wenn ich Blitzstart sage, meine ich damit all die Dinge, die ehrgeizige und leicht zu beeindruckende junge Männer und Frauen schnell blenden (es aber nicht tun sollten!), egal, welche Berufung sie haben. Der Begriff Blitzstart gehört in die gleiche Kategorie wie sichtbarer Erfolg: riesige Zahlen, das große Geld, plötzliche Erfolge, schnelle Anerkennung und „Vitamin B“ (die richtigen Leute treffen bzw. kennen). Heute halte ich all das für eher unbedeutend, während ich früher versucht war, diese Dinge ziemlich ernst zu nehmen.
Das war also mein Blitzstart: Im Alter von 28 Jahren berief man mich direkt von der Universität als Pastor in eine Gemeinde mit einigen hundert Mitgliedern im Mittleren Westen. Und in den ersten Jahren lief alles, was ich machte, auch richtig gut. Nun, natürlich nicht alles. Aber zumindest schien es so.
Zusätzlich zu den natürlichen Begabungen, die ich schon erwähnt habe, gab es aber auch noch einige andere Ursachen für meinen rasanten Einstieg. Zum einen hatte ich eine bemerkenswert reife und einsichtige Ehefrau, die sich nach Kräften (sowohl geistlich als auch in anderer Hinsicht) für meinen Dienst engagierte und mich vor unzähligen Fehlentscheidungen bewahrte. Zum anderen hatte mein Vorgänger einige gravierende Fehler in der Leitung der Gemeinde begangen, sodass nun fast alles, was ich tat, von der Gemeinde mit Wohlwollen betrachtet wurde.
Menschlich gesehen sah meine Zukunft rosig aus. Und selbst diejenigen, die mich schon seit der Schulzeit kannten und sich manchmal gefragt hatten, ob jemals etwas aus mir werden würde, begannen zu glauben, dass ein ganz besonderer Weg vor mir lag. Wenn Pastorendienst bedeutete, dass man natürliche Begabungen besitzt, rechtzeitig Gelegenheiten ergreift und von denen unterstützt wird, die einen mögen, dann war ich auf dem richtigen Weg. Wir alle haben natürliche Begabungen; manche wahrscheinlich mehr als andere. Sie können einen jungen Mann bzw. eine junge Frau eine ganze Zeit lang tragen. Bei mir war das zweifellos der Fall.
Natürliche Begabungen wie persönliche Ausstrahlung, Klugheit, emotionale Stabilität und Organisationstalent können andere eine ganze Weile beeindrucken und motivieren. Unter Umständen hält man diese Eigenschaften fälschlicherweise für Zeichen von geistlicher Vitalität und Tiefgründigkeit. Leider sind viele Christen heutzutage aber nicht mehr in der Lage, zwischen einer Person mit echter geistlicher Tiefe und einer mit bloßem Talent zu unterscheiden. Wie Getreide und Unkraut im Gleichnis von Jesus kann man sie oft nur schwer auseinanderhalten. Was dazu führt, dass viele Menschen einer Täuschung aufsitzen. Sie glauben, einem geistlichen Riesen zu folgen, während sie in Wirklichkeit nur von einem Zwerg manipuliert werden.
Wir müssen uns bewusst sein, dass es Führungspersonen gibt, die allein auf der Grundlage natürlicher Begabungen gewaltige Organisationen (auch Gemeinden) gründen. Wer die richtigen Worte gebraucht, klug genug ist, um die richtigen Dinge zu tun, und einen Blick dafür hat, sich mit den richtigen Leuten zusammenzutun, kann viel erreichen, ohne dass irgendjemand merkt, dass er innerlich praktisch leer ist.
Als meine emotionale Überschwemmung schließlich nachließ, blieb ich für den Rest des Tages, wo ich war. Ich wollte verstehen, was geschehen war.
Ich erinnere mich noch, dass ich damals betete: „Jesus, gibt es etwas, das ich aus dieser Erfahrung lernen soll?“ Ich betete dieses Gebet mehrmals im Laufe des Nachmittags, und die Antwort war: Ja. Es gab tatsächlich eine Botschaft, die ich nicht ignorieren durfte, wenn mein Leben und meine Berufung nicht im Chaos enden sollten. Die Botschaft – stille Worte in meinem Herzen – kam plötzlich, klar und überzeugend, so wie die Textnachricht eines Freundes. Ich habe sie nie vergessen.
Jetzt weißt du, wie es ist, aus einer leeren Seele heraus zu leben.
Dieser eine Satz war die Botschaft!
Eine leere Seele. Was bedeutet es, eine leere Seele zu haben?
Meine Antwort auf diese Frage? Eine Seele – unser geistlicher Raum – ist leer, wenn man versucht, Dinge zu tun, für die sie die Grundlage bildet, aber wenige oder gar keine Anstrengungen unternimmt, dafür zu sorgen, dass diese Seele gefüllt ist. Das wäre so, als würde man versuchen, ein Rennauto mit leerem Benzintank zu fahren.
Die Vorstellung, dass meine Seele in einem gefährlichen Maße leer und unorganisiert sein könnte, wirbelte an jenem Nachmittag in meinem Kopf herum. Und zum ersten Mal begann ich zu begreifen, wie sehr ich diesen inneren Raum vernachlässigt hatte.
Die Wahrheit war, dass ich die frühen Jahre meines Erwachsenenlebens damit verbracht hatte, mich selbst in den Vordergrund zu spielen – die Menschen hatten einen Gordon zu sehen bekommen, der potenziell beeindruckend war. Ich verließ mich auf meine Talente: Ich konnte gut reden, versuchte, es allen recht zu machen und sie mit meinen Träumen und Visionen und meiner Begeisterungsfähigkeit zu bezaubern. Kurz gesagt, eine erstklassige, leistungsstarke Führungskraft zu sein.
Ich schäme mich zuzugeben, dass die Menschen in diesen ersten Jahren vor allem mehr diesen tollen Leiter sahen als den Mann, den Jesus aus mir machen wollte: tiefgründig, liebevoll, ruhig und sanft.
Letzten Endes kann man wohl sagen, dass ich an diesem Tag so etwas wie eine Lebenswende hatte. Ich beschloss, mein Leben umzukrempeln. Ich wollte alles daransetzen, mein Leben und meine Arbeit von nun an nicht mehr auf natürliche Begabung zu gründen, sondern auf Disziplin und einen Plan. Oder um es mit dem Titel des Buches auszudrücken: Ich wollte mein Leben ordnen.
In den folgenden Stunden versuchte ich nun, so gut ich konnte, Gott mitzuteilen, wie leid es mir tat, dass ich bisher nicht verstanden hatte, wie ich mein Leben führen und meine Begabungen einsetzen sollte. Das wollte ich ändern. Und wenn er meine geistliche Reise lenken und mir die Art von Disziplin zeigen würde, die für mich dran war, wollte ich so gut wie möglich auf ihn hören. Oder um es anders auszudrücken: Ich wollte eine Grunderneuerung meines Lebens.
Bitte glauben Sie nicht, dass sich alles sofort änderte. Das war nämlich nicht der Fall. Vor mir lag eine Menge harter Arbeit. Genau genommen lagen Jahre harter Arbeit vor mir. Ich sage „harte Arbeit“, weil es keine geringe Herausforderung ist, die eigene innere Welt und das, was andere von außen sehen können, neu zu ordnen.
Und eigentlich ist diese Aufgabe auch nie ganz erledigt. Mittlerweile habe ich begriffen, dass es Probleme gibt, die ich wahrscheinlich mit ins Grab nehmen werde.
Der erste Schritt in meinem Prozess der Lebenserneuerung bestand darin, dass ich ein spiralgebundenes Notizbuch zur Hand nahm. Darin wollte ich von nun an Tagebuch führen. Ich hatte schon früher ab und zu davon gehört, dass viele große Männer des Glaubens Tagebuch geführt und ihre Gedanken und Erlebnisse an spätere Generationen überliefert hatten. Außerdem stellte ich fest, dass auch einige zeitgenössische Autoren, die ich sehr schätzte, seit Jahren Tagebuch schrieben.
So listete ich in meinem Tagebuch auf, was dazu geführt hatte, dass meine Innenwelt leer war:
Mein Lebenstempo ist zu hoch.
Mir bieten sich zu viele Möglichkeiten, und ich kann einfach nicht Nein sagen.
Die Komplexität meiner Organisation wächst mir über den Kopf.
Ich vergleiche mich mit anderen Menschen … und habe immer das Gefühl, dabei den Kürzeren zu ziehen.
Ich rechne damit, dass Technologie und Talent meine Probleme lösen können, aber das stimmt nicht.
Ich neige dazu zu glauben, dass ich nur predigen muss, und schon haben die Menschen ihr Leben wieder im Griff.
Ich habe unterschätzt, wie stark der Gegenwind ist, den viele Christen heute in unserer Gesellschaft erleben.
Ich verbringe keine Zeit mit Anbetung und Gebet oder bewusst in der Gegenwart von Jesus.
Es fiel mir nicht leicht, diese und andere Einlassungen zu machen, weil sie auf meine mangelnde Ordnung hinwiesen. Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich von Natur aus nicht sehr organisiert bin. Ich hebe herumliegende Gegenstände nicht automatisch auf. Ich beende Aufgaben nicht unbedingt, bevor ich etwas anderes beginne. Ich habe kein Auge für Details. Es kann vorkommen, dass ich vergesse, Dinge zu erledigen, die ich zu tun versprochen habe. Ich lasse mich schnell ablenken. Ich bin ein Tagträumer (und habe eine blühende Fantasie). Ich bin sehr lebhaft und ausgelassen. Und außerdem laufe ich unheimlich schnell Gefahr, es immer allen recht machen zu wollen. Wie Sie sich wohl vorstellen können, gab es einiges an mir, was von Grund auf erneuert werden musste.
Mehr als einmal sind Leute auf mich zugekommen, die eine frühere Version von Ordne dein Leben gelesen hatten: „Es muss großartig sein, wenn es einem so leicht und natürlich von der Hand geht, das eigene Leben zu ordnen.“ Und jedes Mal waren sie völlig überrascht, wenn ich ihnen sagte: „Dieses Buch wurde nicht von jemandem geschrieben, der von Natur aus diszipliniert und ordentlich ist. Nein, es wurde von jemandem geschrieben, der von Natur aus das komplette Gegenteil ist, von jemandem, der sein Leben erst in Ordnung bringen musste, wenn er es jemals zu etwas bringen wollte.“
Die meiste Zeit ermutigte diese Aussage die Menschen.
Bevor ich dieses Vorwort abschließe, muss ich auf jeden Fall noch auf ein wesentliches Prinzip hinweisen: Wenn man das eigene Leben neu ordnen will, muss man damit in seinem Inneren beginnen, dann werden die Auswirkungen auch nach außen hin sichtbar werden – nicht umgekehrt. Wir würden uns alle gern irgendwelche technischen Spielereien anschaffen, in der Hoffnung, dass sie in unserem Leben für Struktur und Ordnung sorgen. Aber so funktioniert das nicht. Vergessen Sie diese Spielereien, und beginnen Sie in sich drin – mit Ihrer Innenwelt.
Die Ordnung, von der wir hier reden, beginnt damit, dass wir erst einmal in unserem Innersten gründlich aufräumen. Und mit unangenehmen, schwierigen Fragen anfangen, bei deren Beantwortung wir möglicherweise andere um Hilfe bitten müssen. Damit, dass wir uns mit Überzeugungen und Prinzipien auseinandersetzen müssen, die Gift für uns sind und uns kaputt machen. Damit, dass wir auf Gottes Stimme hören, der weitaus bessere Dinge für uns im Sinn hat.
Heute betrachte ich diesen Samstag in meinem dreißigsten Lebensjahr – den Tag, an dem ich an meine Grenzen stieß – als einen der wichtigsten Tage in meinem Leben. An diesem Tag heulten meine inneren Sirenen auf. An diesem Tag erkannte ich mit aller Deutlichkeit, worauf ich zusteuern würde, wenn sich in meinem Innenleben nichts änderte. An diesem Tag fing ich an, an meiner inneren (und in der Folge an meiner äußeren) Ordnung zu arbeiten. Und dieser Prozess dauert bis heute an.
Kapitel 1
Das Aushöhlungssyndrom
Als die Bewohner eines Apartmenthauses in Florida aufwachten, erwartete sie vor ihren Fenstern ein erschreckender Anblick: Der Boden vor ihrem Gebäude war buchstäblich eingebrochen; zurückgeblieben war ein riesiger Krater. In diesen sich ständig erweiternden Abgrund stürzten Autos, Straßenbelag, Bürgersteige, Gartenmöbel. Und offensichtlich war das Gebäude selbst als Nächstes an der Reihe.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass solche Aushöhlungen zum Beispiel dann entstehen, wenn unterirdische Strömungen während Dürrezeiten versiegen und so dem Boden seinen darunterliegenden Halt entziehen. Plötzlich wird alles zum Einsturz gebracht, und man bekommt eine erschreckende Ahnung davon, dass man auf nichts bauen kann – nicht einmal auf den Boden, auf dem man steht.
Es gibt eine beachtliche Anzahl von Menschen, deren Leben an eine solche Aushöhlung wie die in Florida erinnert. Vermutlich kommt es vielen von uns hin und wieder so vor, als würden wir uns auf dem wegsackenden Rand eines Kraters befinden. Wir empfinden eine lähmende Müdigkeit, erleben Scheitern oder Versagen oder machen die bittere Erfahrung, dass wir Ziele oder Absichten nicht realisieren können, und merken, wie etwas in uns nachgibt. So als ob wir kurz vor einem Zusammenbruch stünden, der unsere gesamte Welt in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen droht. Manchmal scheinen wir auch nur wenig tun zu können, um einen solchen Zusammenbruch zu verhindern. Was machen wir nur falsch?
Wenn wir einmal länger darüber nachdenken, werden wir die Existenz eines inneren Raumes – unserer Innenwelt – entdecken, den wir vorher nicht wahrgenommen hatten. Ich hoffe, dass Folgendes deutlich werden wird: Wenn wir unser Innenleben vernachlässigen, wird es dem Gewicht der Ereignisse und Spannungen nicht auf Dauer standhalten können, die sich zwangsläufig einstellen.
Manche Menschen sind überrascht und verstört, wenn sie zu dieser Selbsterkenntnis gelangen. Plötzlich entdecken sie, dass sie den Großteil ihrer Zeit und Energie auf ihr sichtbares Leben, auf die Oberfläche, verwendet haben. Sie haben viele gute und vielleicht sogar außerordentliche Errungenschaften angehäuft, wie beispielsweise akademische Grade, berufliche Erfahrungen, einflussreiche Beziehungen, körperliche Kraft oder Schönheit.
Daran ist auch per se nichts Schlechtes. Aber oft entdecken wir beinahe zu spät, dass unsere verborgene Welt geschwächt oder aus den Fugen geraten ist. Und dieser Punkt schafft beste Voraussetzungen für das „Aushöhlungssyndrom“.
Wir müssen lernen, dass wir in zwei völlig verschiedenartigen Welten leben. Der Umgang mit unserer äußeren, öffentlichen Welt ist dabei einfacher, denn sie ist leichter messbar, sichtbar, ausbaufähig. Unsere äußere Welt besteht aus Arbeit, Besitztümern, Sport und Spaß und vielen Bekanntschaften, die unser soziales Netzwerk bilden. Diesen Teil unserer Existenz kann man am leichtesten mit Begriffen wie Erfolg, Popularität, Besitz und Schönheit klassifizieren. Unsere innere Welt dagegen ist eher geistiger Natur. In seinem Zentrum werden Maßstäbe und Werte festgelegt, hier können Überlegungen in der Stille reifen. Es ist ein Ort der Anbetung und des Bekennens, ein einsamer Raum, in den die moralische und geistliche Verschmutzung der Zeit nicht eindringen darf.
Den meisten unter uns wird beigebracht, wie wir aus unserem äußerlichen Leben etwas machen. Natürlich wird es immer den Kollegen geben, der sich von anderen nichts sagen lässt, den unorganisierten Heimwerker oder die Person, die so unreif ist, dass sie allen in ihrem Umfeld zur Last fällt. Aber die meisten von uns haben gelernt, Anweisungen entgegenzunehmen, Arbeitspläne aufzustellen und Anordnungen zu erteilen. Wenn es um Arbeit und Beziehungen geht, wissen wir, welche Struktur uns am meisten liegt, wie wir hier am besten vorgehen. Wir treffen Entscheidungen hinsichtlich Unterhaltung und Freizeit. Wir besitzen die Fähigkeit, Freunde zu finden und Beziehungen zu pflegen.
Die sichtbaren Bereiche unseres Lebens stellen unendlich viele Anforderungen an unsere Zeit, unsere Loyalitäten, unsere Finanzen und unsere Energie. Und weil unsere äußerliche Welt so sichtbar, so real ist, müssen wir darum kämpfen, all ihren Verführungen und Anforderungen aus dem Weg zu gehen. Sie schreit geradezu nach unserer Aufmerksamkeit und danach, dass wir aktiv werden.
Aber es gibt in jedem von uns eben auch die verborgene Welt. Eine Welt, die möglicherweise so unendlich groß ist, wie es unsere äußere Welt zu sein scheint. Aber sehr häufig bleibt die verborgene Welt – wie die Tiefen des Ozeans – unerforscht, voller Überraschungen, Emotionen und Träume.
In einer der letzten Staffeln der beliebten TV-Serie Survivor sprach Gerry, eine der Finalistinnen, über den Druck, der auf ihr lastete, als sie sich darum bemühte, nicht durch das Publikumsvoting von der Insel und somit aus dem Spiel zu fliegen. Auf die Frage, ob sie auf der Jagd nach dem Preisgeld irgendwelche neuen Seiten an sich entdeckt habe, die sie selbst überraschten, antwortete sie: „Soll ich ehrlich sein? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, dass es so hart werden würde. Ich wachte morgens auf und fragte mich dann den ganzen Tag über, wer ich eigentlich sei. Durch Frustration, Hunger und … Stress kamen manchmal Dinge aus meinem Mund, die ich am liebsten gleich wieder zurückgenommen hätte, denn unter normalen Umständen hätte ich solche Dinge niemals gesagt (oder getan) … Also, ja, ich war teilweise sehr überrascht über mich selbst.“
Gerry beschreibt zwar das Leben in einer künstlichen (TV-)Welt; dennoch sind ihre Worte auch die von jemandem, der auf der Überholspur unterwegs ist. Und sobald das Leben etwas turbulenter wird, ist sie verwundert, Charakterzüge an sich zu entdecken, die sie doch eigentlich nie besitzen wollte.
In einer realen Welt, die der von Gerry ähnelt, erliegt man leicht der Versuchung, die Existenz einer eigenen verborgenen Welt zu ignorieren, denn diese macht nicht allzu lautstark auf sich aufmerksam, wenn man ihr keine Beachtung schenkt. Tatsächlich kann sie über lange Zeit ignoriert werden, bevor sie sogartig einbricht.
Der irische Schriftsteller und Dramatiker Oscar Wilde widmete seiner verborgenen Welt nur spärliche Aufmerksamkeit. William Barclay zitiert Wildes Bekenntnis:
Die Götter hatten mir fast alles geschenkt. Ich aber ließ mich in lange Perioden sinnlosen Leichtsinns locken … Der Höhenflüge müde geworden, ließ ich mich absichtlich in die Tiefen gleiten, auf der Suche nach neuen Empfindungen. Was mir in der gedanklichen Sphäre das Paradoxe bedeutete, wurde mir in der leidenschaftlichen Sphäre die Perversion. Das Leben anderer kümmerte mich immer weniger. Ich ließ kein Vergnügen aus und lebte in den Tag hinein. Dabei vergaß ich, dass jede kleine Handlung im Alltag den Charakter formt oder zerstört; was man einmal im verborgenen Raum getan hat, wird man eines Tages laut von den Dächern schreien müssen. Ich war nicht länger Herr über mich selbst. Ich war nicht mehr Kapitän meiner Seele, doch ich merkte es nicht. Ich erlaubte dem Vergnügen, über mich zu herrschen. Ich endete in fürchterlicher Schmach und Schande.1
Wenn Wilde schreibt: „Ich war nicht mehr Kapitän meiner Seele“, so schildert er eine Person, deren verborgene Welt in die Brüche gegangen ist und deren Leben in sich zusammenstürzt. Auch wenn seine Worte ein großes persönliches Drama beschreiben, könnten doch viele Menschen Ähnliches von sich sagen – diejenigen, die wie er ihre verborgene Welt ignoriert haben.
Ich glaube, dass die Innenwelt des einzelnen Menschen eines der großen Schlachtfelder unserer Zeit ist. Dort findet ein Kampf statt, der insbesondere von denen ausgefochten werden muss, die sich Christen nennen. Unter ihnen sind Menschen, die hart arbeiten, die zu Hause, bei der Arbeit und in der Kirchengemeinde enorme Verantwortung auf ihre Schultern laden. Es sind gute Menschen, aber sie sind sehr, sehr müde! Und so befinden sie sich häufig am Rande eines erosionsartigen Einbruchs. Warum? Aus folgendem Grund: Obwohl ihre Aktivitäten nichts mit denen von Oscar Wilde gemein haben, orientieren sie sich, genauso wie er, viel zu sehr nach außen und ignorieren die persönliche Seite, bis es beinahe zu spät ist.
Wayne Muller schreibt:
Je beschäftigter wir sind, desto bedeutender kommen wir uns selbst und, wie wir glauben, auch den anderen vor. Für unsere Freunde und unsere Familie nicht mehr da zu sein, keine Zeit mehr zu haben, um einen Sonnenuntergang zu genießen (oder nicht einmal mehr zu realisieren, dass die Sonne bereits untergegangen ist), eine Verpflichtung nach der anderen abzuarbeiten, ohne sich die Zeit zu nehmen, ein einziges Mal tief durchzuatmen – das alles ist für uns der Inbegriff eines erfolgreichen Lebens.2
Die Wertmaßstäbe der westlichen Welt haben dazu beigetragen, dass wir uns dessen gar nicht bewusst sind. Wir glauben ganz naiv, dass die Menschen, die sich für alle sichtbar am meisten engagieren, auch das geistlichste Seelenleben hätten. Wir denken: Je größer die Gemeinde, desto größer der himmlische Segen. Je mehr Bibelkenntnis ein Mensch besitzt, desto näher müsse er wohl Gott sein.
Deshalb ist die Versuchung groß, unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit auf unser äußerliches Leben zu richten, was aber auf Kosten unseres Innenlebens geht. Mehr Dienstbereiche, mehr Veranstaltungen, mehr Lernerfahrungen, mehr Beziehungen, mehr Geschäftigkeit – bis all das, was an der Oberfläche unseres Lebens ist, ein solches Gewicht bekommt, dass die ganze Sache in sich zusammenzustürzen droht. Erschöpfung, Enttäuschung, Versagen, Niederlagen sind dann die erschreckenden Konsequenzen. Die vernachlässigte verborgene Welt kann dem Druck des Gewichts nicht länger standhalten.
Ich unterhielt mich einmal mit einem Mann, der bereits seit einigen Jahren Christ war. Im Laufe unseres Gespräches stellte ich ihm eine der typischen Fragen, die Christen einander eigentlich stellen sollten, bei denen man sich aber immer etwas dumm vorkommt.
Ich sagte: „Erzählen Sie mir doch mal, wie es Ihnen geistlich so geht.“
Und er antwortete: „Das ist eine interessante Frage! Was kann man da wohl antworten? Ach, mir geht’s, glaub ich, ganz gut. Ich würde gern sagen, dass ich die Beziehung zu Gott immer weiter vertiefe oder dass ich das Gefühl habe, ihm immer näher zu sein. Aber die Wahrheit ist, dass ich keinen Meter weiterkomme.“
Er vermittelte den Eindruck, als wollte er dieser Sache nachgehen, also hakte ich nach: „Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit dafür, Ihr Innenleben zu ordnen?“
Fragend blickte er mich an. Hätte ich ihn gefragt: „Wie steht es mit Ihrer Stillen Zeit?“, hätte er problemlos antworten können. Das wäre messbar gewesen, er hätte mit Begriffen wie Tage, Stunden und Minuten, Methoden und Techniken antworten können. Aber ich hatte ihn nach der Ordnung seiner Innenwelt gefragt. Das Schlüsselwort war Ordnung, ein Begriff, bei dem nach Qualität, nicht nach Quantität gefragt wird. Als er das merkte, wurde ihm unbehaglich zumute.
„Wie kann man je sein Innenleben in Ordnung bringen?“, fragte er. „Bei mir hat sich bereits so viel Arbeit angehäuft, dass ich bis zum Jahresende zu tun habe. In dieser Woche ist jeder Abend verplant. Meine Frau drängt mich dauernd, ich solle eine Woche Urlaub nehmen. Das Haus muss gestrichen werden. Also, wie man’s auch dreht und wendet, es bleibt mir nicht gerade viel Zeit, um über die Ordnung meines Innenlebens nachzudenken.“
Er hielt einen Moment inne und fragte dann: „Was heißt eigentlich ‚Innenleben‘?“
Damit waren wir am Kern angekommen. Hier stand ein Jesus-Nachfolger vor mir, der sich seit Jahren in christlichen Kreisen bewegt hatte; der den Ruf hatte, Christ zu sein, weil er christliche Dinge tat, der aber nicht wusste, dass es außerhalb all dieser gut gemeinten Betriebsamkeit noch etwas Beständiges, Verlässliches geben muss. Dass er sich für zu beschäftigt hielt, um sein Innenleben zu pflegen, und unsicher war, was „Innenleben“ eigentlich bedeutete, zeigte mir bereits, dass er den zentralen Punkt eines Lebens in Verbundenheit mit Gott verfehlt hatte. Nun hatten wir eine Menge Gesprächsstoff.
Kaum jemand hatte mehr mit dem Druck der Öffentlichkeit zu kämpfen als Anne Morrow Lindbergh, die Frau des berühmten Fliegers. Sie war dennoch sehr darauf bedacht, ihr Innenleben zu pflegen, und schrieb darüber einige aufschlussreiche Dinge in ihrem Buch Muscheln in meiner Hand.
Als Erstes möchte ich … mit mir selbst im Reinen sein. Ich wünsche mir eine Aufrichtigkeit, eine Reinheit in meinen Absichten und einen inneren Kern in meinem Leben, der mich dazu befähigt, all meine Verpflichtungen und Aktivitäten so gut wie möglich zu meistern. Und ich möchte den größtmöglichen Teil meiner Zeit „in Gnade“ verbringen, um es einmal in der Sprache der Heiligen auszudrücken. Ich benutze diesen Begriff nicht im streng theologischen Sinne. Mit Gnade meine ich innere, vor allem geistige Harmonie, aus der dann äußere Harmonie resultieren kann. Vielleicht suche ich dasselbe, was Sokrates im Phaidros erflehte: „Gebt mir schön zu werden im Innern und lasst, was ich außen besitze, dem Innern befreundet sein.“ Ich sehne mich nach einem Zustand innerer geistlicher Gnade, von dem aus ich handeln und geben kann, wie es von Gott her für mich vorgesehen war.3
Auf dem Schreibtisch von Fred Mitchell, ein Leiter der Weltmission, stand folgender Spruch: „Hüte dich vor der geistigen Dürre eines geschäftigen Lebens.“ Auch er war sich bewusst, dass Zusammenbruch das Ergebnis eines missachteten Innenlebens sein konnte.
Die Erosion in Florida ist ein physisches Bild für ein geistliches Problem, mit dem viele Christen in der westlichen Welt fertigwerden müssen. Je höher die Anforderungen des Lebens in den kommenden Jahren sein werden, desto mehr Menschen werden innerlich ausgehöhlt sein – es sei denn, sie schauen nach innen und fragen sich: „Gibt es denn unterhalb dieses äußerlichen Lärmens und Treibens in meinem Leben noch eine verborgene Innenwelt? Einen Bereich, der erforscht und bewahrt werden muss? Kann es mir gelingen, genug Widerstandskraft zu entwickeln und dem Druck der Oberfläche standzuhalten?“
Als John Quincy Adams, der sechste Präsident der Vereinigten Staaten, in Washington vom Heimweh nach seiner in Massachusetts lebenden Familie überwältigt wurde, schrieb er einen Brief an jedes seiner Kinder. Diese waren voll mit Ratschlägen und Ermutigungen. Seiner Tochter schrieb er etwa darüber, ob sie heiraten und welche Art von Mann sie erwählen solle. An seinen Worten kann man ablesen, welches Gewicht er einer geordneten Innenwelt beimaß:
Tochter! Heirate einen Mann, der ehrlich ist, und achte darauf, dass er ehrlich bleibt. Es ist unwichtig, ob er reich ist, Hauptsache, er ist unabhängig. Achte mehr auf die Ehrbarkeit und den moralischen Charakter des Mannes als auf alle anderen Umstände. Denke an keine andere Größe als an die der Seele, an keinen anderen Reichtum als an den des Herzens.4
Kapitel 2
Ein Blick von der Kommandobrücke
Ein guter Freund von mir war früher Offizier an Bord eines Atom-U-Bootes der US-Flotte. Er erzählte mir einmal von einem Erlebnis während eines Manövers im Mittelmeer. Da viele Schiffe an dem Einsatz teilnahmen, war das U-Boot gezwungen, zahlreiche heftige Ausweichmanöver zu fahren, um Kollisionen zu vermeiden.
In Abwesenheit des Kapitäns war mein Freund Offizier vom Dienst und musste sämtliche Befehle für die Positionsänderungen des U-Bootes erteilen. Da der Kurs abrupt und ungewöhnlich oft gewechselt wurde, erschien der Kapitän, der sich in seiner Kajüte aufgehalten hatte, irgendwann plötzlich auf der Kommandobrücke und fragte: „Ist alles in Ordnung?“
„Ja, Sir!“, lautete die Antwort meines Freundes. Der Kapitän schaute sich noch einmal kurz um und bewegte sich dann wieder auf das Schott zu, um die Kommandobrücke zu verlassen. Dabei meinte er: „Ja, ich habe auch den Eindruck, dass alles in Ordnung ist.“ Diese Worte und sein schnelles Verschwinden machten dem Offizier sein uneingeschränktes Vertrauen klar.
Dieser einfache Wortwechsel zwischen einem U-Boot-Kapitän und einem seiner verlässlichen Offiziere lieferte mir ein hilfreiches Bild für die Ordnung meiner Innenwelt. Dem U-Boot drohte die Gefahr einer Kollision, und zwar von allen Seiten. Das genügte, um die Aufmerksamkeit eines jeden wachsamen Kapitäns auf sich zu ziehen. Doch die Gefahr lag außerhalb des Bootes. Im Inneren des U-Bootes gab es währenddessen einen ruhigen Ort, von dem die Kontrolle über das Schicksal des Schiffes ausging. Dorthin zog es instinktiv den Kapitän.
In diesem Kommandozentrum gab es nicht die Spur von Panik, sondern nur eine Reihe ruhiger und überlegter Handlungen, ausgeführt von einer gut geschulten U-Boot-Besatzung, die ihre Arbeit tat. Entsprechend war, als der Kapitän auf der Kommandobrücke erschien, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung sei, eben auch alles in Ordnung. „Alles okay?“, fragte er. Und nachdem man ihm versichert hatte, dass alles gut lief, blickte er sich um und bestätigte: „Ja, ich habe auch den Eindruck, dass alles in Ordnung ist.“ Er hatte die zuständige Stelle aufgesucht und dort die richtige Antwort erhalten.
Auf diese Art und Weise lenkt der Kapitän sein U-Boot bzw. die Besatzung. Die notwendigen Maßnahmen waren bereits tausendmal durchgeführt worden, wenn keine Gefahr bestand. Als nun in einer prekären Situation rasch reagiert werden musste, gab es für den Kapitän keinen Grund zur Panik. Er konnte von der Mannschaft auf der Kommandobrücke eine fehlerlose Leistung erwarten. Wenn dort alles seinen geregelten Gang geht, ist das U-Boot, ungeachtet der äußeren Umstände, sicher. „Ja, ich habe auch den Eindruck, dass alles in Ordnung ist“, sagt der Kapitän.
Aber es gab auch Fälle, in denen solche Übungsmanöver vernachlässigt oder überhaupt nicht geprobt wurden. Dann kann es zu einer Katastrophe kommen. Schiffe kollidieren oder gehen unter, und der Schaden ist immens.
Das Gleiche gilt für den einzelnen Menschen, wenn auf der „Kommandobrücke“ der Seele Durcheinander herrscht. Die dortigen Unfälle beschreibt man dann mit Begriffen wie zum Beispiel Burn-out, Zusammenbruch oder In-die-Luft-Gehen.
Ein Mensch kann Fehler machen oder auch einmal versagen. Schließlich lernen wir die wichtigsten Lektionen des Lebens unter solchen Umständen, und auch unser Charakter wird in diesen Augenblicken geformt. Aber es ist schrecklich, den Verfall eines Menschen mit ansehen zu müssen, der in Stresssituationen kein Fundament hat, das ihm inneren Halt geben kann.
Das Wall Street Journal gab in den Achtzigerjahren eine Reihe von Artikeln unter der Überschrift Managerkrise heraus, darunter auch die Geschichte von Jerald H. Maxwell, einem Jungunternehmer, der ein erfolgreiches Hightechunternehmen geleitet hatte. Eine Zeit lang galt er als Führungs- und Finanzgenie. Doch damit war es schlagartig vorbei, als es bei ihm zu einem dieser sogartigen Einbrüche kam. Die Aktien des Unternehmens brachen ein, und der Vorstand war zu drastischen Maßnahmen gezwungen:
Dieser Tag hat sich tief in Jerald H. Maxwells Gedächtnis eingegraben. Auch seine Familie wird ihn niemals vergessen. Für sie ist es der Tag, an dem Jerald begann, in seinem Zimmer zu weinen, an dem sein gesundes Selbstvertrauen sich verflüchtigt hatte und seine Depression begann, der Tag, an dem seine Welt – und die ihre – zusammenbrach.
Maxwell war entlassen worden! Alles war zu Ende, und er kam mit der Situation nicht zurecht. Der Artikel fährt fort:
Zum ersten Mal in seinem Leben war Maxwell ein Versager, und das ließ ihn zusammenbrechen. Das Gefühl der Niederlage führte zu einem emotionalen Zusammenbruch, zermürbte die Beziehung zwischen Maxwell und seiner Frau und den vier Söhnen und brachte ihn an den Rand der Verzweiflung … „Als alles auseinanderbrach, ging es ihnen so schlecht, dass ich mich schämte“, erinnert sich Maxwell. Er hält inne, seufzt und fährt fort: „In der Bibel steht, du musst nur bitten, und du wirst empfangen. Ich bat oft um den Tod.“1
Die meisten von uns haben sich nie den Tod gewünscht so wie Maxwell. Aber viele haben den Druck ihres Umfelds gespürt, der irgendwann so stark wurde, dass wir uns fragten, ob der Tod nicht doch eine Alternative sein könnte. In solchen Momenten stellen wir unseren Vorrat an inneren Reserven infrage – ob wir es schaffen, uns weiter durchzukämpfen, oder ob es an der Zeit ist, alles hinzuschmeißen und die Flucht zu ergreifen. Wir sind plötzlich nicht mehr sicher, ob wir noch genügend geistliche, psychische oder physische Kraft haben, um unser gegenwärtiges Lebenstempo beizubehalten.
Ich habe mich schon an dem gleichen Punkt wiedergefunden wie Maxwell in seiner dunkelsten Stunde. Unsere Geschichten unterscheiden sich natürlich voneinander, unsere Gefühle jedoch nicht. Für ein paar Stunden, vielleicht auch für ein paar Tage (bei manchen ist es auch viel länger) ist man wie betäubt. Alle Entschlossenheit ist verschwunden. Das eigene Selbstvertrauen verflüchtigt sich. Es scheint kein Morgen zu geben.
In Momenten wie denen, die Maxwell durchzustehen hatte und wie auch ich sie einmal erfahren musste, ist man dazu gezwungen, seinen Blick bis auf den Grund seiner Seele zu richten. Gibt es dort irgendetwas? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob man in besseren Zeiten dort einen Vorrat angelegt hat oder nicht.
Doch zurück zu unserem U-Boot. Denken Sie noch einmal darüber nach, was der Kapitän tat. Als es erste Anzeichen für Unruhe gab, begab er sich auf die Kommandobrücke, um herauszufinden, ob alles in Ordnung sei. Er wusste, dass er nur dort die Antwort finden würde. Er war sich bewusst: „Wenn dort alles in Ordnung ist, kann ich mich voller Vertrauen in meine Kajüte zurückziehen. Das Schiff wird mit den stürmischen Umständen fertigwerden, wenn auf der Kommandobrücke alles in Ordnung ist!“
Ich möchte Ihnen noch eine weitere Geschichte erzählen, die mit Wasser zu tun hat: Einer meiner biblischen Lieblingsberichte schildert einen Nachmittag, an dem die Jünger auf dem See Genezareth in einen Sturm gerieten. Schon bald waren sie völlig außer sich vor Angst. Diese Männer fischten seit Jahren auf dem See, sie besaßen ihre eigene Ausrüstung, und es war bestimmt nicht ihr erster Sturm. Aber aus irgendeinem Grund waren sie diesmal nicht in der Lage, mit der Situation fertigzuwerden. Jesus dagegen schlief seelenruhig im Heck des Bootes. Sie eilten zu ihm, wütend darüber, dass es ihm scheinbar gleichgültig war, dass ihr Leben auf dem Spiel stand. Allerdings sollten wir immerhin anerkennen, dass sie wussten, an wen sie sich in dieser Situation zu wenden hatten.
Als Jesus dann den Sturm gestillt hatte, stellte er eine Frage, die für ihr persönliches Wachstum und ihre Entwicklung zu geistlichen Leitern von zentraler Bedeutung war: „Warum habt ihr Angst? Ist euer Glaube denn so klein?“ Um in meinem Bild von dem U-Boot zu bleiben: „Warum ist die Kommandobrücke eurer Innenwelt nicht in einem besseren Zustand?“
Warum begeben sich so viele Menschen bei Spannungen und Druck nicht auf die Kommandobrücke ihres Lebens? Warum versuchen sie stattdessen, noch schneller zu rennen, noch heftiger zu protestieren, noch mehr Besitztümer anzuhäufen, noch mehr Termine zu machen, noch mehr Fachkenntnisse zu erwerben? Wir leben in einer Zeit, in der man offensichtlich instinktiv allem anderen mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem eigenen Seelenleben – dem einzigen Platz, an dem wir die nötige Kraft finden können, um jedem Sturm die Stirn zu bieten oder ihn sogar zu überwinden.
Bei den Verfassern der biblischen Bücher war dies anders. Sie suchten die „Kommandobrücke“ auf, wenn ein Sturm heraufzog. Sie wussten und lehrten, dass die Entwicklung und Pflege unseres Seelenlebens höchste Priorität haben muss. Das ist sicher einer der Gründe dafür, warum ihre Werke die Jahrhunderte und Kulturen überdauert haben. Denn das, was sie schrieben, hatten sie von dem Schöpfer empfangen, der uns so erschaffen hat, dass wir die äußere Welt am effektivsten aus unserer inneren Welt heraus meistern können. Bestsellerautor Stephen Covey bezeichnet dies in seinem Buch Die sieben Wege zur Effektivität als den „Von-innen-nach-außen-Ansatz“.
Der Verfasser der Sprichwörter fasste das Prinzip des Seelenlebens in folgende Worte:
Vor allem aber behüte dein Herz, denn dein Herz beeinflusst dein ganzes Leben (Sprüche 4,23).
Mit diesem einfachen Satz vermittelt uns der Verfasser der Aussage eine bemerkenswerte Einsicht. Was ich „Kommandobrücke“ nenne, nennt er das „Herz“. Er vergleicht es mit einer Quelle, aus der die Energie, das Verstehen und die Kraft fließen können, die nicht den äußeren Unruhen unterliegen, sondern diese beeinflussen können. Behüte dein Herz, macht er deutlich, und es wird zu einer Quelle des Lebens werden, von der du und andere trinken können.
Aber was bedeutet denn nun „behüte dein Herz!“? Einerseits geht es dem Verfasser offensichtlich darum, dass das Herz vor äußeren Einflüssen geschützt wird, die seine Unversehrtheit bedrohen könnten. Andererseits geht es um die Kraft und die Entwicklung des Herzens, damit es fähig ist, das Leben besser in Ordnung zu halten.
Aber der Verfasser der Sprüche denkt über diese beiden Gedanken noch hinaus. Er möchte, dass der Leser eines versteht: Die Bewahrung oder das Behüten des Herzens, das ich als die „Kommandobrücke“ der menschlichen Erfahrung bezeichne, ist eine bewusste und disziplinierte Entscheidung, die eine Frau oder ein Mann treffen muss. Verstehen Sie, was ich meine? Wir müssen uns bewusst dafür entscheiden, unser Herz zu schützen. Treffen Sie diese Entscheidung! Wir können nicht davon ausgehen, dass unser Herz heil und kräftig ist; es muss ständig beschützt und gepflegt werden.
Erinnern wir uns noch einmal daran, was der Kapitän des U-Bootes tat, als er spürte, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging: Er eilte, ohne zu zögern, auf die Kommandobrücke. Warum? Weil er wusste, dass dies der Ort war, an dem alle Fähigkeiten mobilisiert werden konnten, um der Gefahr die Stirn zu bieten. Er hätte das Kommando über das tollste U-Boot der Flotte haben können. Ein U-Boot mit besonders schönem Außenanstrich, eines, das besonders schnell fährt und von einer sympathischen Crew bemannt wird. Hätte jedoch auf der Kommandobrücke Durcheinander geherrscht, dann wäre alles andere an Bord – der schöne Anstrich, die Schnelligkeit und die nette Mannschaft – völlig unbedeutend gewesen.
Im Neuen Testament macht Paulus eine ähnliche Beobachtung, als er Christen auffordert: „Deshalb orientiert euch nicht am Verhalten und an den Gewohnheiten dieser [äußeren] Welt, sondern lasst euch von Gott durch Veränderung eurer Denkweise in neue Menschen verwandeln“ (Römer 12,2). Damit meint er unser Innenleben, unsere Seele. Eine andere englische Bibelübersetzung gibt diese Worte treffend wieder; dort heißt es: „Lass nicht zu, dass dich die Welt in ihre Form presst.“
Der Apostel spricht hier eine zeitlose Wahrheit aus. Er will, dass die Empfänger seines Briefes die richtige Entscheidung treffen. Wollen wir unser Innenleben so in Ordnung bringen, dass es auf das Außenleben Einfluss ausübt? Oder wollen wir unsere Innenwelt vernachlässigen und so der Außenwelt erlauben, uns zu formen? Diese Entscheidung müssen wir täglich fällen.
Das ist ein verblüffender Gedanke, der ein grundsätzliches biblisches Prinzip widerspiegelt. Und das ist die Art von Einsicht, die der gekündigte Manager, von dem im Wall Street Journal berichtet wurde, ignoriert hatte. Der Beweis: sein Zusammenbruch, als die äußere Welt Druck auf ihn ausübte. Er hatte keine inneren Kraftreserven, keine Ordnung in der verborgenen Welt seines Innenlebens.
Unter den bekannteren Missionaren der letzten gut hundert Jahre findet sich ein großer Name: Mary Slessor. Mary Slessor war eine junge, ledige Frau, die Schottland um die Wende zum 20. Jahrhundert herum verließ, um in einen Teil Afrikas zu gehen, der von Krankheit und unbeschreiblichen Gefahren beherrscht wurde. Aber sie war unbeugsam und reiste dort weiter, wo schwächere Männer und Frauen zusammenbrachen, davonrannten und nie wieder zurückkehrten. Nach besonders großen Strapazen zog sie sich einmal für die Nacht in eine provisorische Hütte im Dschungel zurück. Später schrieb sie Folgendes darüber:
Ich stellte eigentlich keine allzu hohen Ansprüche mehr an mein Bett, aber während ich so auf einem Stapel dreckiger Bretter lag, die mit schmutzigen Maishülsen bedeckt waren, umgeben von unzähligen Ratten und Insekten, drei Frauen und einem drei Tage alten Baby neben mir und mehr als einem Dutzend Schafe und Ziegen draußen, wunderte ich mich nicht mehr darüber, dass ich kaum schlafen konnte. In meinem Herzen hatte ich jedoch eine durchaus gemütliche und ruhige Nacht.2
Um diese Art des Denkens geht es, wenn wir uns mit der Frage nach der Ordnung unserer Innenwelt befassen. Ob man es jetzt in der Schiffssprache „Kommandobrücke“ oder in der Sprache der Bibel „Herz“ nennt – es geht letztlich um dasselbe: Es muss einen Ort geben, an dem alles in Ordnung ist, einen Platz, von dem die Kraft ausgeht, die mit Unruhen fertig wird und die sich nicht von äußeren Umständen einschüchtern lässt. Diesen Ort kann es nur in unserem Innenleben geben.
Auch wenn Ralph Waldo Emerson wohl nicht unbedingt eine christliche Aussage machen wollte, so finde ich seine folgenden Worte dennoch sehr herausfordernd: „In der Gemeinschaft ist es leicht, nach fremden Vorstellungen zu leben. In der Einsamkeit ist es leicht, nach eigenen Vorstellungen zu leben – aber bewundernswert ist nur der, der sich in der Gemeinschaft die Unabhängigkeit bewahrt.“ Und damit ist meines Erachtens das Herz gemeint.
Wir wissen, dass wir diesen wesentlichen Grundsatz verinnerlicht haben, wenn wir an den Punkt kommen, an dem die Entwicklung und die Pflege eines starken Innenlebens zur wichtigsten Aufgabe unserer Existenz geworden sind. Wenn der äußere Druck größer wird und die Spannungen ansteigen, können wir uns dann die Frage stellen: „Ist alles in Ordnung?“ Und wenn wir entdecken, dass dem so ist, können wir von Herzen antworten: „Ja, ich habe auch den Eindruck, dass alles in Ordnung ist.“
Kapitel 3
Im goldenen Käfig gefangen
In meinen ersten Jahren als Leiter wusste ich die Arbeit eines Vorstands oder der Gemeindeältesten nicht wirklich zu schätzen. Eigentlich war ich der Auffassung, dass eine Vorstandssitzung für mich als Führungskraft wie ein Hindernislauf war: Die Vorstandsmitglieder verfolgten nur ein Ziel: mir das Leben schwerzumachen; und ich verfolgte ebenfalls nur ein Ziel: sie davon zu überzeugen, dass jede meiner Ideen richtig war und ihre absolute Zustimmung verdiente.
Wer seine Rolle als Führungskraft mit einer solchen Unkenntnis organisatorischer Strukturen und Aufgaben angeht, wird höchstwahrscheinlich wenig Freude daran haben. Und dann lernte ich eines Abends in einer einzigen Sitzung etwas über mich und die Organisation, für die ich arbeitete, was alles veränderte.
Der Ältestenrat unserer Kirchengemeinde war zusammengekommen, um sich meine abschließende Präsentation eines wichtigen Vorschlags unserer Mitarbeiter anzuhören. Die Zustimmung des Gremiums würde eine deutliche finanzielle Aufstockung mit sich bringen sowie ein oder zwei neue Mitarbeiter und eine Verschiebung der gemeindlichen Prioritäten.
Eine Stunde oder länger umriss ich den Vorschlag mithilfe von Unterlagen, Tabellen und Kritzeleien auf dem Whiteboard. Ich setzte meinen ganzen Charme ein und warf wahrscheinlich allen Einfluss in die Waagschale, den ich hatte. Nachdem ich geendet hatte, gab es Fragen. Jede Menge Fragen. Zu viele Fragen, um genau zu sein. Bei einigen Fragen fühlte ich mich in die Defensive getrieben, andere untergruben mein Selbstvertrauen. Einige Fragen kamen mir feindselig vor. Wo blieben denn die Fragen, die mein Anliegen unterstützten?
Schließlich kam der Zeitpunkt, an dem sie über meinen Vorschlag abstimmten – und der Vorstand stimmte mit Nein. Können Sie sich das vorstellen? Der Vorstand stimmte mit Nein! Auf meinen Antrag. Stimmte mit Nein. Gegen mich. Dann wandten sie sich anderen Angelegenheiten zu.
Ich war wütend. Ich hatte verloren. Ich fühlte mich abgelehnt. Ich war bereit, nach Hause zu gehen und meine Koffer zu packen.
Ohne darüber nachzudenken, welchen Eindruck das auf die anderen machte, schob ich meinen Stuhl vom Tisch zurück und starrte auf den Boden. Den Rest des Abends ließ ich still und unbeteiligt über mich ergehen, und als der Vorsitzende die Sitzung beschloss, versuchte ich, als Erster den Raum zu verlassen. Ich hätte es geschafft, wenn es da nicht einen Mann gegeben hätte, der in den kommenden Jahren einer meiner besten Freunde werden würde.
Al erreichte die Tür vor mir. Da er wesentlich größer war als ich, schob er mich mit Leichtigkeit in eine Ecke, wo niemand hören konnte, was er mir zu sagen hatte.
„Dein Auftritt bei diesem Treffen heute Abend war nicht gerade berauschend“, meinte Al. „Du hast dein Glück versucht, aber es ist schiefgegangen. Sie haben deinen Antrag abgelehnt, und ich für meinen Teil denke, du hast dieses Nein verdient. Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, und wenn du ehrlich bist, dann wusstest du das ganz genau.
Nun“, fuhr Al fort, „wenn du willst, dass sie zu allem Ja und Amen sagen, na schön. Aber dann musst du auch ganz allein die Folgen tragen, wenn etwas nicht klappt. Du wirst dir eine Menge Kummer ersparen, wenn du erkennst, dass dieser Vorstand dich doch nur dabei unterstützen will, erfolgreich zu sein. Und das bedeutet eben manchmal, Nein zu sagen.“
Was Al mir an jenem Abend zu verstehen gab, ist etwas, das jeder Mensch hören muss, der auch nur ein kleines bisschen „Getriebensein“ in sich trägt. Er war einsichtsvoll (und mutig) genug, um mich zu tadeln – und dieser Tadel würde sich positiv auf den Rest meiner Zeit als Leiter auswirken. Al machte mir deutlich, dass ich lernen müsste, ein Nein zu schätzen. Dass ich dankbar dafür sein müsste, wenn mir jemand, der mehr Erfahrung und Durchblick besaß, die Wahrheit sagte.
Al bewahrte mich dadurch vor dem Zwang, immer gewinnen zu müssen, und vor einer Mentalität, die der Auffassung ist, dass es wichtiger ist, den eigenen Willen durchzusetzen, als gute Entscheidungen zu treffen oder, besser noch, sich mit Gottes Absichten vertraut zu machen.
Viele getriebene Menschen tun sehr gute Dinge. Getriebene Menschen sind nicht unbedingt schlechte Menschen, auch wenn ihre Getriebenheit bedauernswerte Folgen haben kann. Tatsächlich leisten getriebene Menschen oft einen großen Beitrag: Sie gründen Organisationen; sie schaffen Arbeitsplätze und eröffnen anderen tolle Möglichkeiten; sie sind oft sehr intelligent und entwickeln neue Vorgehensweisen, die vielen anderen Menschen zugutekommen. Nichtsdestotrotz sind sie letztlich getrieben, und so sorgt man sich darum, wie sie ihr Tempo halten können, ohne sich schlussendlich selbst zu gefährden.
Auf dem Nachhauseweg ging mir auf, dass ich getrieben genug war, um Gefahr zu laufen, eine toxische Führungspersönlichkeit zu werden. In den kommenden Tagen und Wochen machte ich meine Hausaufgaben und beschäftigte mich mit den Symptomen des Getriebenseins, die ich bei anderen und leider auch bei mir selbst festgestellt hatte.
Folgendes habe ich damals gelernt:
1. Ein getriebener Mensch findet häufig nur dann (zeitweilige) Befriedigung, wenn er sein Ziel erreicht. „Schau dir an, was ich alles mache. Ich muss etwas ganz Besonderes sein! Verstehst du es denn nicht? Ich bin etwas Besonderes!“ Im Laufe ihres Reifeprozesses entdeckt eine getriebene Person, dass sie sich nur dann gut fühlt und nur dann mit ihrem Leben zufrieden ist, wenn sie eine beeindruckende Liste von Errungenschaften vorzuweisen hat. Dieses Verhalten kann das Ergebnis von prägenden Einflüssen im frühen Kindesalter sein. Vielleicht hat der Betreffende nur dann die Bestätigung und Annahme von seinen Eltern oder einer anderen maßgeblichen Person erhalten, wenn er irgendetwas fertiggestellt hatte. Womöglich gab es erst dann ein Lob, wenn diese Aufgabe abgeschlossen war. Daher hat der Betreffende gelernt, dass er nur dann Liebe und Anerkennung bekommt, wenn er seine Ziele erreicht.
Dummerweise ist die Liste an Errungenschaften aber nie lang genug, wenn man eine getriebene Persönlichkeit ist. Sie muss länger und immer länger werden, beeindruckender und immer beeindruckender. Denn die getriebene Person ist der irrigen Auffassung: „Bestimmt werden mich andere (und auch mein Vater) mögen, wenn sie sehen, wie viel ich erreicht habe.“
Ich stand am Eingang zur Sporthalle, in der unsere Enkelin gerade Hallenfußball spielte. In diesem Augenblick kam ein kleiner Junge von etwa neun Jahren aus der Tür geschossen und entdeckte seinen Vater. „Papa, ich habe ein Tor geschossen!“, rief er begeistert. „Ja“, antwortete der Vater, „aber dafür hast du zwei weitere Torchancen verpatzt.“
Seit diesem Erlebnis frage ich mich, ob der Junge nicht von seinem Vater darauf getrimmt wird, das Leben und den Wert eines Menschen an seinen Leistungen zu messen. „Du hast zwar ein Tor geschossen, aber du hättest mehr leisten können.“ Auf diese Weise wurde eine nachhaltige Botschaft in die Seele des Jungen eingebrannt – und zwar durch eine wichtige Autoritätsperson.
In solchen Fällen entwickelt man manchmal ein Erfolgsdenken und die Auffassung: Wenn die Ausführung einer Aufgabe gute Gefühle und die Anerkennung anderer zur Folge hat, dann führt wohl der Abschluss von mehreren solcher Aufgaben auch zu mehr guten Gefühlen und mehr Anerkennung. Wenn aber ein erreichtes Ergebnis (wie in unserem Fall das erzielte Tor) nicht genug ist, dann sorgen vielleicht drei weitere Erfolgserlebnisse für das, was wir am nötigsten brauchen: Anerkennung.
Also macht sich der getriebene Mensch darüber Gedanken, wie er mehr und immer mehr Anerkennung erlangen kann. Bald wird er zwei oder drei Dinge auf einmal tun, weil ihm das noch mehr von diesem zweifelhaften Vergnügen einbringt. Er wird einer dieser Menschen, die ein Buch nach dem anderen verschlingen und an Fortbildungen teilnehmen, wo er lernt, wie er seine Zeit effektiver nutzen kann. Wozu? Damit er umso effektiver Aufgaben erledigen kann, die ihm wiederum größere Befriedigung verschaffen.
Damit gehört er in die Kategorie der Menschen, die das Leben nur durch die Ergebnisbrille betrachtet. Das führt jedoch dazu, dass er wenig Verständnis für den Prozess hat, der ja erst zum Resultat führt.
2. Ein getriebener Mensch stellt seine Errungenschaften zur Schau. Titel, akademische Grade, die Größe eines Hauses, ein Chefbüro, ein standesgemäßer Partner, eine Einladung in die VIP-Loge beim Champions-League-Finale, ein Promi, dessen Name man beiläufig erwähnen kann: All dies sind die Werkzeuge einer getriebenen Person. Sie erwecken den Neid und die Bewunderung anderer. Ganz Allgemein stellt man fest, dass solche Menschen sich Gedanken machen um ihren eigenen Bekanntheitsgrad. Wer, fragt sich die getriebene Person, weiß, was ich tue? Wie kann ich mich besser mit den „Großen“ meiner Welt vernetzen? Diese Fragen beschäftigen den Getriebenen oft.
3. Ein getriebener Mensch verspürt meistens den unkontrollierten Drang, noch größer zu werden. Getriebene Menschen wollen an etwas teilhaben, das ständig wächst und erfolgreicher wird. Sie sind unablässig auf der Suche nach den größten und besten Angeboten. Sie nehmen sich selten Zeit, um bisherige Erfolgserlebnisse zu würdigen.
4. Getriebene Menschen kümmern sich meist wenig um moralische Integrität. Sie sind oft so mit ihrem Erfolg und den von ihnen erreichten Zielen beschäftigt, dass ihnen wenig Zeit bleibt, innezuhalten und sich die Frage zu stellen, ob ihr Innenleben noch mit ihren äußeren Prozessen Schritt halten kann. In der Regel ist das nicht der Fall. Und es kommt hier zu einer wachsenden Diskrepanz, zu einem Zusammenbruch dessen, was Stephen Covey einmal als prinzipienorientiertes Leben bezeichnet hat.1 Solche Menschen werden oft zunehmend betrügerisch; sie betrügen nicht nur andere, sondern auch sich selbst. In dem Versuch, ohne Rücksicht auf Verluste voranzukommen, machen sie sich wegen ihrer Motive etwas vor; sie schließen Kompromisse in Bezug auf Werte und Moral. Der schnelle Weg zum Erfolg wird zum Lebensstil. Weil das Ziel so wichtig scheint, sinken ihre ethischen Maßstäbe auf ein armseliges Niveau herab. Getriebene Menschen werden erschreckend pragmatisch.
5. Getriebene Menschen strotzen nicht gerade vor sozialer Kompetenz – außer, wenn es darum geht, andere zu manipulieren und einzuschüchtern. Sie fallen nicht gerade dadurch auf, dass sie ein Umfeld bieten, in dem man gern arbeitet. Programme, Projekte und Prozesse sind ihnen wichtiger als Menschen. Da sie so ziel- und zweckorientiert sind, nehmen sie ihre Mitmenschen kaum wahr, es sei denn, diese könnten ihnen bei der Erreichung eines ihrer Ziele nützlich sein. Scheint das nicht der Fall zu sein, werden sie oft als Hindernisse oder Konkurrenten bei der Erfüllung einer Aufgabe betrachtet.
Im Kielwasser von getriebenen Menschen bleiben andere oft auf der Strecke. Wo man den Getriebenen für seine scheinbar großen Führungsqualitäten lobt, wächst bald immer mehr Frustration und Feindschaft, denn jeder erkennt, dass sich der Getriebene wenig um das Wohlbefinden und die Weiterentwicklung des Menschen schert. Jedermann sieht: Der Betreffende hat eine nicht verhandelbare Agenda, und diese ist wichtiger als alles andere. Kollegen und Mitarbeitende im Umfeld des getriebenen Menschen ziehen sich allmählich zurück, einer nach dem anderen, erschöpft, ausgebeutet und desillusioniert. Von einem solchen Menschen sagen wir dann gern: „Es ist schrecklich, mit ihm zusammenzuarbeiten, aber er hat viel Erfolg.“
Und das ist der wunde Punkt: Er hat Erfolg – zerstört dabei aber unter Umständen Menschenleben. Und das ist nicht gerade eine schöne Vorstellung. Aber das Merkwürdige ist, und das lässt sich nicht ignorieren: In beinahe jeder großen Organisation findet man solche Menschen, gleichgültig, ob es sich dabei um ein konfessionelles oder säkulares Unternehmen handelt. Und obwohl sie den Samen der Zerstörung von Menschen und Beziehungen in sich tragen, gelten sie häufig als unverzichtbar.
Vor vielen Jahren stand ich einmal im Eingangsbereich unserer Gemeinde und unterhielt mich mit einem unserer leitenden Mitarbeiter, als Marilyn das Gebäude betrat. Marilyn litt unter einer psychischen Erkrankung und stand unter starken Medikamenten. In ihrem benommenen Zustand erschien sie vielen als Belastung, weil sie nur langsam sprach und immer wieder Themen anschnitt, die für vielbeschäftigte Personen nicht wichtig sind – und da muss ich mich zu meiner Schande mit einbeziehen.
„Hallo, Marilyn, wie geht es dir?“, rief ich, als ich Marilyn sah. Dann wandte ich mich aber sofort wieder der Unterhaltung mit besagtem Mitarbeiter zu, in der Hoffnung, sie würde merken, dass ich gerade beschäftigt war und nicht gestört werden durfte.
Das war aber nicht der Fall. Plötzlich merkte ich, dass Marilyn näher kam und sich schließlich genau zwischen mich und meinen Gesprächspartner drängte. Sie sah zu mir hinauf – sie war sehr klein – und sagte mit ihrer langsamen, von Medikamenten verzerrten, ausdruckslosen Stimme: „Pastor Mac, Sie haben gesagt: ‚Hallo, Marilyn, wie geht es dir?‘, aber in Wirklichkeit wollen Sie das gar nicht wissen. Sie sind zu beschäftigt, um jemandem wie mir Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bin einfach nicht wichtig genug.“
Und Marilyn hatte recht! Vielleicht erging es ja noch mehr Leuten so wie Marilyn, aber sie hatten nicht den Mut, es so offen zu sagen. Ihre Medikamente setzten die sozialen „Hemmstoffe“ außer Kraft, die Menschen sonst davon abhalten, einfach das zu sagen, was sie gerade denken; und daher sagte sie genau das, was ihr auf dem Herzen lag. Ich konnte mich lediglich bei ihr entschuldigen und darüber nachdenken, dass mir diese Erfahrung wieder einmal bewiesen hatte, dass ich getrieben war und eine Jesus-Nachfolgerin verletzt hatte.
6. Getriebene Menschen neigen dazu, Positionskämpfe auszutragen. Sie müssen immer gewinnen. Ein getriebener Mensch muss vor anderen gut dastehen. Je stärker er getrieben ist, desto größer muss sein Erfolg ausfallen. Dieser liefert nämlich dem getriebenen Menschen den unerlässlichen Beweis dafür, dass er im Recht ist, dass er wertvoll und wichtig ist. So sind andere für ihn Konkurrenten oder Feinde, die besiegt, vielleicht sogar gedemütigt werden müssen.
Ich erinnere mich an einen Mann, mit dem ich als Junge von Zeit zu Zeit Brettspiele spielte. Diesem Mann war es nicht nur wichtig zu gewinnen – er wollte haushoch gewinnen! Wenn wir Monopoly spielten, legte er alles daran, mich in den Bankrott zu treiben. Anschließend lieh er mir Geld (natürlich mussten die Regeln dafür abgewandelt werden!), sodass das Spiel weitergehen und er mich ein zweites Mal besiegen konnte. Wenn wir Scrabble spielten, baute er dank seines überlegenen Wortschatzes innerhalb kürzester Zeit einen riesigen Punktevorsprung aus und ließ mich weiterkämpfen, obwohl ich schon längst die Lust und das Interesse verloren hatte. Bis heute versuche ich tunlichst, jedes Brettspiel zu meiden (sehr zum Leidwesen meiner Familie), aber diese Demütigungen, die inzwischen schon Jahre zurückliegen, hallen immer noch in mir nach. So etwas lösen getriebene Menschen bei anderen aus.
7. Ein getriebener Mensch ist oft so mit Wut erfüllt, dass er ausrastet, sobald er bei anderen Widerstand oder mangelnde Loyalität festzustellen glaubt. Zu solchen Ausbrüchen kann es zum Beispiel dann kommen, wenn jemand eine andere Meinung hat, einen Alternativvorschlag zur Lösung eines Problems macht oder auch nur die leiseste Kritik äußert.
Wut muss sich nicht zwingend in körperlicher Gewalt äußern, kann aber Formen verbaler Gewalt annehmen: zum Beispiel Fluchen oder demütigende Beschimpfungen. Der Zorn kann sich aber auch durch rachsüchtiges Verhalten zeigen: Leute werden entlassen, werden in Gegenwart anderer Mitarbeiter schlechtgemacht, oder es werden ihnen Dinge vorenthalten, die sie erwartet haben, wie Zuneigung, Geld oder einfach nur Kameradschaft.
Ehrlich gesagt, hätte ich die folgende Geschichte nicht von jemandem gehört, dem ich vertraue – ich hätte sie nicht geglaubt. Er erzählte mir, wie er gemeinsam mit einigen Mitarbeitern in einem Großraumbüro saß, als eine der leitenden Angestellten, die bereits seit 15 Jahren für die Firma tätig war, eine Woche Urlaub erbat, um sich um ihr krankes Kind kümmern zu können. Großer Fehler! Der Vorgesetzte schlug ihre diese Bitte ab. Sie fing an zu weinen und bat ihn, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Als er sich umwandte und ihre Tränen bemerkte, stieß er wütend hervor: „Packen Sie Ihre Sachen, und hauen Sie ab. Ich brauche Sie sowieso nicht.“ Nachdem sie den Raum verlassen hatte, wandte er sich den erschrockenen Kollegen zu und sagte: „Damit das klar ist: Sie sind alle nur aus dem einen Grund hier: um dem Unternehmen Geld einzubringen. Und wenn Ihnen das nicht passt, dann verschwinden Sie!“
Tragischerweise nehmen viele gute Menschen im Umfeld eines Getriebenen solche Wutausbrüche ohne Zögern in Kauf, obwohl es sie sehr schmerzt. Doch sie sind bereit, diese hinzunehmen, weil der Vorgesetzte oder Leiter einfach gut in dem ist, was er tut. Manchmal werden die Wut und ihre schrecklichen Folgen auch deshalb in Kauf genommen, weil niemand den Mut besitzt oder fähig ist, dem getriebenen Menschen die Stirn zu bieten.
Kürzlich erzählte mir jemand, der im Vorstand einer bedeutenden christlichen Organisation saß, von Auseinandersetzungen mit dem Geschäftsführer, die von Wutausbrüchen und Schimpfkanonaden begleitet wurden. Als ich mich erkundigte, warum die Vorstandsmitglieder ein derartiges Benehmen hinnahmen, das er häufig an den Tag legte und wofür er sich nie entschuldigte, entgegnete er: „Ich glaube, wir waren so beeindruckt von der Art und Weise, wie Gott ihn in seinem öffentlichen Dienst zu gebrauchen schien, dass wir ihm nicht widersprechen wollten. Ich denke, wir meinten, wir könnten es uns nicht leisten, ihn zu verlieren.“
8. Getriebene Menschen prahlen damit, wie viel sie um die Ohren haben. Sie haben vergessen, wie man sich amüsiert und abschaltet und halten geistliche Aktivitäten für Zeitverschwendung. Sie sind meist zu beschäftigt, um normale Beziehungen mit Partner, Familie, Freunden oder sogar mit sich selbst aufrechtzuerhalten – von einer Beziehung zu Gott ganz zu schweigen. Da getriebene Menschen selten das Gefühl haben, genug getan zu haben, ergreifen sie jede Gelegenheit, um an noch mehr Treffen teilzunehmen, noch mehr Fachliteratur zu lesen, noch mehr Projekte ins Leben zu rufen. Sie leben und arbeiten nach dem Motto: Geschäftigkeit ist ein Zeichen für Erfolg und persönliche Wichtigkeit. Daher wollen sie andere mit ihrem vollen Terminkalender beeindrucken. Womöglich baden sie dabei gleichzeitig in Selbstmitleid, stöhnen unter dem Joch ihrer angeblich so großen Verantwortung und fragen sich mit lauter Stimme, ob ihnen nicht jemand ihre Last abnehmen könnte. Aber versuchen Sie doch einmal, ihnen einen Ausweg vorzuschlagen!
Das Schlimmste, was diesen Menschen passieren könnte, wäre in der Tat, wenn ihnen wirklich jemand einen Ausweg zeigte. Wenn sie auf einmal viel weniger zu tun hätten, wüssten sie nämlich nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Geschäftigkeit wird für getriebene Menschen zur Gewohnheit, zum Lebensstil und prägt ihr gesamtes Denken. Es macht ihnen fast Freude, sich zu beschweren und um Mitleid zu heischen. Ansonsten würden sie sich vermutlich schlecht fühlen. Aber erzählen Sie das einmal einem getriebenen Menschen – das würde ihn wütend machen.
Das sind also die Merkmale eines getriebenen Menschen – nicht gerade ein erfreuliches Bild. Was mich bei der Betrachtung dieses Bildes oft stört, ist, dass vieles in unserer Welt von getriebenen Menschen gesteuert wird. Wir haben ein System geschaffen, das auf diese Art Menschen zugeschnitten ist. Und da, wo sie im Geschäftsleben, in Kirchengemeinden und Familien am Werk sind, bleibt häufig persönliche Entwicklung von Menschen auf der Strecke, weil Leistung, Errungenschaften und Gewinnmaximierung wichtiger sind.
Getriebene Pastoren haben Scharen von haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verheizt, weil sie Organisationen und Gemeinden vorstehen wollten, die die größten, besten und bekanntesten sind. Es gibt auch Geschäftsleute, die behaupten, sie seien Christen, und die in Gemeinden den Ruf genießen, fromme Menschen zu sein. Doch im Geschäftsleben handeln sie skrupellos, schubsen Mitarbeiter herum und saugen ihnen auch das letzte bisschen Energie aus, um selbst den Erfolg einzuheimsen oder sich zu profilieren.
Die Erkenntnis, dass ich im Grunde ein Getriebener bin, war eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe fast jede dieser Eigenheiten, die ich hier aufgelistet habe, schon einmal an mir entdeckt. Dieses Getriebensein hat mich im Laufe der Jahre auch in einige Lebenskrisen gestürzt. Und jedes Mal musste ich neu mit der Erkenntnis klarkommen, dass irgendeine heimtückische Kraft tief in mir Dinge erreichen und fertigbringen wollte, und zwar aus Gründen, die nichts damit zu tun hatten, dass ich Jesus gehorsam sein oder Gott Ehre machen wollte.
Ich musste lernen, mich täglich mit diesem Problem des Getriebenseins auseinanderzusetzen. Ich musste meine Frau und diejenigen, die mir am nächsten stehen, fragen, ob sie irgendwelche Anzeichen von unkontrollierter Getriebenheit an mir entdeckten. Ich musste mich regelmäßig selbst überprüfen, um sicherzugehen, dass meine Pläne, meine Art der Führung und meine Ziele stärker an meiner Berufung und weniger an meinem Getriebensein ausgerichtet waren. Ich musste lernen, auf Gott zu hören, und darauf achten, dass ich seine Absichten verfolgte und nicht meine. Wenn ich die Möglichkeit ignorierte, dass die Getriebenheit das Steuer in meinem Leben übernahm, hätte das gravierende Konsequenzen für mich.
Kürzlich erzählte ein guter Freund von mir einem Geschäftsmann von Jesus. Kurz nachdem er die Entscheidung getroffen hatte, Jesus nachzufolgen, schrieb dieser meinem Freund, der ihn zum Glauben geführt hatte, einen langen Brief. Er beschrieb darin einige der Kämpfe, die er aufgrund seiner Getriebenheit auszufechten hatte. Ich bat darum, den Brief teilweise veröffentlichen zu dürfen, weil er ein so anschauliches Bild eines Menschen zeichnet, der getrieben ist. Er schrieb:
Vor einigen Jahren hatte sich in meinem Leben große Frustration breitgemacht. Obwohl ich eine wunderbare Frau und drei tolle Söhne hatte, ging es mit meiner Karriere bergab. Ich besaß nur wenige Freunde. Mein ältester Sohn geriet in Schwierigkeiten – seine schulischen Leistungen wurden immer schlechter. Ich litt an Depressionen, meine Familie war oft unglücklich; zwischenmenschliche Spannungen waren bei uns an der Tagesordnung. Während dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, für eine Weile nach Übersee zu gehen, wo ich für ein ausländisches Unternehmen tätig sein würde. Diese Position war in finanzieller und karrieretechnischer Hinsicht so vorteilhaft, dass ich ihr Priorität einräumte und alle anderen Werte über Bord warf. Ich tat viele schlechte Dinge (das heißt Sünden), um Erfolg zu haben und beruflich weiterzukommen. Ich rechtfertigte das damit, dass es nur positive Auswirkungen für meine Familie hätte (höheres Einkommen usw.), belog mich und meine Familie und machte vieles verkehrt.
Natürlich war mein Verhalten für meine Frau unerträglich, und so kehrte sie mit den Kindern in die USA zurück. Trotz alledem erkannte ich nicht, dass ich die Schuld an diesen Problemen trug. Mein Erfolg, mein Einkommen, meine Karriere – alles ging steil nach oben. Ich war in einem goldenen Käfig gefangen …
Obwohl mir äußerlich viel Positives zuteilwurde, verlor ich innerlich alles. Meine Fähigkeit, logisch zu denken und vernünftige Entscheidungen zu treffen, war beeinträchtigt. Ich wägte ständig Alternativen und Möglichkeiten ab und suchte mir dann die heraus, die den größten Erfolg versprachen und meine Karriere vorantrieben. Innerlich spürte ich, dass etwas vollkommen verkehrt lief. Ich ging zwar in eine Kirchengemeinde, aber die Predigten konnten mein Herz nicht erreichen. Ich war zu sehr in meiner eigenen Welt gefangen.
Nach einem schrecklichen Familienstreit beschloss ich, meine Denkweise zu ändern, und zog mich neun Tage lang in ein Hotelzimmer zurück, um herauszufinden, was ich tun sollte. Je mehr ich nachdachte, desto schwieriger wurde alles für mich. Ich begann zu begreifen, wie tot ich innerlich in Wirklichkeit war, wie viel Dunkelheit in meinem Leben herrschte. Und das Schlimmste von allem: Ich sah keinen Ausweg. Ich sah nur eine Lösung: die Flucht zu ergreifen, alle Brücken hinter mir abzubrechen und an einem anderen Ort neu anzufangen.
Diese brutal ehrliche Geschichte eines Mannes, der am Boden war, fand glücklicherweise einen positiven Ausgang. Denn kurz nach dieser neuntägigen Erfahrung begegnete er Gott. Er machte die Bekanntschaft von Gottes Liebe und erlebte am eigenen Leib, dass dieser sein Leben völlig umkrempeln konnte. So wurde aus einem getriebenen Mann das, was wir im nächsten Kapitel einen berufenen Menschen nennen. Er konnte seinem goldenen Käfig entfliehen.
In der Bibel gibt es wohl kaum ein besseres Beispiel für einen getriebenen Menschen als Saul, den ersten König von Israel. Im Gegensatz zu der obigen Geschichte, die einen glücklichen Ausgang hatte, hatte seine einen sehr tragischen, denn Saul konnte seinem goldenen Käfig nie entfliehen. Sein Leben wurde zunehmend stressiger und belastender, worunter er dann schließlich auch zusammenbrach.
Die Art und Weise, wie Saul uns eingangs in der Bibel vorgestellt wird, stellt bereits eine Warnung dar, dass dieser Mann wegen einiger Schwächen bald die Kontrolle über sich selbst verlieren würde, es sei denn, er würde sich mit seiner Innenwelt auseinandersetzen und gewisse Dinge ändern:
Kisch war ein reicher Mann aus dem Stamm Benjamin. Er war der Sohn von Abiël und Enkel von Zeror, Urenkel Bechorats und Ururenkel Afiachs. Sein Sohn Saul war ein stattlicher junger Mann, der am besten aussehende Mann in ganz Israel – er war einen Kopf größer als alle anderen im Volk (1. Samuel 9,1–2).
Saul wies zu Beginn seines Lebens in der Öffentlichkeit drei unverdiente Merkmale auf, die entweder von Vorteil sein oder sein Verhängnis werden konnten. Diese Entwicklung lag allein in seiner Hand. Und die Grundlage für Sauls Entscheidungen war die tägliche Ordnung seines Innenlebens.
Welche drei Eigenschaften waren dies? Erstens Wohlstand, zweitens eine attraktive Erscheinung und drittens ein stattlicher, wohlgeformter Körper. Das alles waren Äußerlichkeiten. Um es mit anderen Worten zu sagen: Wenn man Saul zum ersten Mal traf, dann vermittelte dieser den Eindruck eines Mannes, der besser war als andere. Alle drei Charakteristika zogen die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich und brachten ihm rasch viele Vorteile ein. (Jedes Mal, wenn ich an Sauls natürliche Gaben denke, erinnert mich das an den Vorsitzenden einer Bank, der mir vor einigen Jahren sagte: „MacDonald, Sie könnten beruflich weit kommen, wenn Sie nur fünfzehn Zentimeter größer wären.“) Und vor allem verliehen sie Saul eine Art natürlicher Ausstrahlung, was ihm einige frühe Erfolge verschaffte, ohne dass er dafür weise oder besonders geistlich sein musste. Er war einfach ein Aufsteiger.
Wenn wir die Geschichte von Saul in der Bibel weiterverfolgen, lernen wir noch einige andere Dinge über ihn, die entweder zu seinem Erfolg oder zu seinem letztlichen Scheitern beigetragen haben. So wird uns beispielsweise berichtet, dass er sich gut auszudrücken wusste. Sobald ihm die Gelegenheit geboten wurde, vor einer Menge zu sprechen, ergriff er das Wort. Das waren allesamt gute Voraussetzungen, dass dieser Mensch seine Macht festigen und Anerkennung erlangen konnte, ohne sich jemals mit seinem Innenleben beschäftigt zu haben. Und gerade darin lag die Gefahr.
Als Saul König von Israel wurde, genoss er den plötzlichen Erfolg zu sehr. Offenbar verlor er aus den Augen, dass auch ihm Grenzen gesetzt waren. Er nahm sich wenig Zeit, um darüber nachzudenken, dass auch er auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen war, wie er eine Verbindung zu Gott aufbauen konnte oder auch wie er die Verantwortung gegenüber den Menschen wahrnehmen sollte, über die er herrschte. Anzeichen von Getriebenheit stellten sich zunehmend ein.
Saul wurde ein vielbeschäftigter Mann; er sah Welten, die er glaubte, erobern zu müssen. Als ihm eine Schlacht gegen die Philister bevorstand, Israels großem Feind zu jener Zeit, und er in Gilgal auf den Propheten Samuel wartete, der die nötigen Opfer darbringen sollte, wurde er zunehmend ungeduldig und nervös, weil der heilige Mann nicht pünktlich erschien. Saul merkte, dass sein Zeitplan durcheinandergeriet; er musste doch weiter, musste loslegen. Und was tat er? Er brachte das Opfer einfach selbst.
Das führte zu einem äußerst schwerwiegenden Bruch seines Bundes mit Gott. Opfer darzubringen war Aufgabe eines Propheten wie Samuel, nicht die eines Königs wie Saul. Aber Saul hatte das aus den Augen verloren, weil er sich zu wichtig nahm.
Von da an ging es mit ihm bergab. „So aber wird deine Herrschaft nicht von Dauer sein, denn der Herr hat sich einen Mann nach seinem Herzen ausgesucht“ (1. Samuel 13,14). So enden die meisten getriebenen Menschen.
Da Gott ihm seinen Segen und seinen Beistand entzogen hatte, trat Sauls Getriebensein immer deutlicher zum Vorschein. Bald verwandte er all seine Energie darauf, seinen Thron zu verteidigen; er konkurrierte mit dem jungen David, der das Herz der Menschen in Israel erobert hatte.
In der Bibel finden wir einige Beispiele für Sauls heftige Wutausbrüche, die ihn bald zur Raserei trieben, bald in lähmendes Selbstmitleid versetzten. An seinem Lebensende hatte er die Kontrolle über sich selbst verloren und vermutete hinter jedem Busch einen Feind. Und warum? Weil Saul von Anfang an ein Getriebener war, der niemals darauf geachtet hatte, Ordnung in seine Innenwelt zu bringen.
Saul bekam sein Getriebensein niemals in den Griff. Wenn er einer der zwölf Jünger gewesen wäre, die Jesus erwählte, hätte er diese Rolle nicht lange innegehabt. Seine eigenen Zwänge waren viel zu stark ausgeprägt. Das, was ihn dazu getrieben hatte, nach Macht zu streben und sie nicht mehr loszulassen, was ihn dazu motiviert hatte, sich gegen seine treuesten Anhänger zu stellen, und das, was ihn dazu gebracht hatte, eine ganze Reihe unkluger Entscheidungen zu fällen, bescherte ihm schließlich einen erniedrigenden Tod. Er ist das typische Beispiel für einen getriebenen Menschen.
Wenn wir uns in dem einen oder anderen Wesenszug von Saul wiedererkennen, müssen wir an unserer Innenwelt arbeiten. Denn wenn wir so getrieben sind, werden wir nicht in der Lage sein, Gottes Stimme zu vernehmen, wenn er uns beruft. Der Lärm und der Schmerz, die der Stress in unserem Leben verursachen, werden zu laut und zu groß sein.
Leider gibt es in unserer Gesellschaft viel zu viele Sauls, Männer und Frauen, die in goldenen Käfigen gefangen sind, dazu getrieben, Macht anzuhäufen, nach Anerkennung zu streben und etwas zu erreichen. Auch in unseren Kirchen wimmelt es von diesen getriebenen Menschen. Viele Gemeinden sind nur noch ausgetrocknete Brunnen. Anstatt Quellen Leben spendender Kraft zu sein, die Menschen dabei helfen, geistlich zu wachsen und mit Gott unterwegs zu sein, werden sie zu Stressquellen. Die verborgene Welt eines getriebenen Menschen ist in Unordnung geraten. Sein Käfig mag aus reinem Gold bestehen, aber das ändert nichts daran, dass er in einer Falle steckt; es befindet sich nichts darin, was bleibenden Wert hätte.
Kapitel 4
Die tragische Geschichte eines erfolgreichen Verlierers
Auf dem Schreibtisch in meinem Büro steht das Modell eines Schoners, eines Segelschiffs aus dem 19. Jahrhundert. Das Schiff wurde vor fast 40 Jahren von einem polnischen Matrosen aus einem einzigen massiven Holzblock geschnitzt.
Der Mann, der mir das Boot gab, wollte mit mir über sein zerbrochenes Leben reden. Sein Gesundheitszustand war schlecht, seine Familie war wütend auf ihn, er hatte keine Freunde, es gab nichts in seinem Leben, das er einfach nur deshalb getan hätte, um ein bisschen Spaß zu haben.
Warum suchte er mich auf?
Er hatte etwas gelesen, das ich geschrieben hatte. Er dachte, ich hätte das Geheimnis eines guten Lebens entschlüsselt, und könne ihm helfen. Und aus einem Impuls heraus rief er mich an. Einige Wochen lang telefonierten wir regelmäßig miteinander. Nach einem dieser Gespräche erwähnte er ein Modellboot, das er besaß, und meinte, meine Büroeinrichtung könne noch einen Hauch „Neuengland“ gebrauchen.
Ich bin nicht unbedingt der Bootstyp, trotzdem muss ich wohl Interesse signalisiert haben, denn er brachte das Boot zu unserem nächsten Treffen mit. Es gefiel mir, und seitdem gehört es mir. (Eines Nachts träumte ich, dass ich das Schiff zu einer dieser Antiquitäten-Shows im Fernsehen mitbrachte, und der Experte für Modellboote sagte, mein Schiff wäre das Eigentum eines russischen Zaren gewesen, und es wäre 540.000 Dollar wert.)
Das Schiff steht jetzt an einer gut sichtbaren Stelle in meinem Büro. Oft frage ich mich, wie es dem Schenker wohl inzwischen ergangen ist. Wir haben den Kontakt zueinander vor Jahren verloren.
Warum brach sein Leben damals auseinander? In unseren Gesprächen wurde deutlich, dass der Mann ein regelrechter Workaholic war. Sein Unternehmen war seine Religion, seine Geliebte, seine Daseinsberechtigung.
Ich erinnere mich noch daran, dass er mir die Details seines arbeitswütigen Lebens erzählte: Er verbrachte an sieben Tagen in der Woche zehn bis zwölf Stunden in seinem Büro. Wenn er nach Hause kam (oft spät abends), telefonierte er mit Kunden, während er sich ein kaltes Abendessen einverleibte. Wenn er Zeit hatte, ein wenig fernzusehen, blickte er gelegentlich auf den Bildschirm, während er die Tabellen in seinen Akten durchblätterte. (Laptops gab es damals noch nicht.)
Er machte keine Ferien, verbrachte keine romantischen Wochenenden mit seiner Frau in einem Gästehaus in Vermont, hatte keine Männerfreundschaften, geschweige denn, dass er in eine Gemeinde ging.
Es war ein sehr aufschlussreicher Moment in unseren Gesprächen, als ich ihn fragte, warum ein Mann so leben wollte, wie er lebte. Was war geschehen, dass seine Arbeit zu einem solchen Götzen geworden war?
„Arbeit war schon immer mein Götze“, gestand er. „Sie war das Einzige, was ich je getan habe, wodurch mein Vater mit mir zufrieden war. Und selbst das kam nicht sehr oft vor.“
„Ihr Vater?“, hakte ich nach. „Wie war er denn so?“
„Ich habe ihn verachtet“, antwortete er. „Und daran hat sich bis heute nichts verändert.“
Als ich wissen wollte, woher diese starken Gefühle rührten, sagte er so etwas wie: „Mein Vater glaubte, dass das Einzige, was sich im Leben lohnte, die Arbeit sei. Er mied meine Mutter, er hatte keine Freunde. Urlaub, Freizeitvergnügungen oder Hobbys waren für ihn Zeitverschwendung. Was blieb also übrig? Arbeit! Und so hat er auch mich erzogen: genauso viel und so hart zu arbeiten, wie er selbst. Er war fast nie zufrieden mit dem, was ich tat. Das hörte ich nicht nur ein Mal, das hörte ich tausend Mal.
Er schaute sich das an, das ich gerade erledigt hatte – die Garage ausräumen, das Auto waschen, den Rasen mähen –, und dann zeigte er mir die Stellen, an denen ich nicht gründlich genug gearbeitet hatte. ‚Weißt du, Junge,‘ sagte er, ‚du bist ein Verlierer, und du wirst immer ein Verlierer sein.‘“
Der Mann erzählte weiter: „Sie werden es kaum glauben, aber ich höre die Stimme dieses Mistkerls an jedem einzelnen Tag meines Lebens. ‚Du weißt, dass du ein Verlierer bist, mein Junge, und du wirst immer ein Verlierer sein.‘“
Es war Zeit, ihn zu unterbrechen.
„Also, lassen Sie mich noch einmal auf den Punkt bringen, was Sie gerade gesagt haben“, entgegnete ich. „Wenn Sie jemals in Versuchung kommen, früher Feierabend zu machen – wenn Sie den Drang verspüren, zu einem Spiel der ,Red Sox‘ zu gehen, wenn Sie es wagen, sich zum Abendessen hinzusetzen oder fernzusehen, wenn Sie auf den Gedanken kommen, Sie sollten sich ein Fußballspiel Ihrer Kinder ansehen oder mit Ihrer Frau ausgehen, dann hören Sie die Stimme Ihres Vaters im Hinterkopf: ‚Nein, nein, nein – du bist ein Verlierer‘“?
„Ja, genau. Sie haben es verstanden. Genau das passiert dann.“
Aber wenn er ehrlich war, dann wollte er seinen Vater endlich sagen hören: „Mein Sohn, du bist kein Verlierer. Ich habe mich geirrt.“
Was die Angelegenheit noch bizarrer machte, war, dass der unliebsame Vater seit mehreren Jahren tot war. Doch der Sohn, der sich jetzt in der Mitte seines Lebens befand, rackerte sich weiter ab, um dessen imaginäre Anerkennung zu erlangen. Was früher ein Ziel war, wurde zu einer Lebensgewohnheit, zu einer Sucht, die er längst nicht mehr durchbrechen konnte.
Viele von uns könnten ebenfalls solche Geschichten erzählen, und wir verbringen unser gesamtes Leben damit, unseren Anklägern das Gegenteil zu beweisen. Wir versuchen es wieder und immer wieder, in der Hoffnung, dass eines Tages ein Vater oder eine Mutter oder eine Person, die uns wichtig ist, gesteht: „Weißt du, ich habe dir das nie gesagt, aber ich war immer schrecklich stolz auf das, was du erreicht hast. Wahrscheinlich habe ich dich zu sehr gedrängt. Das tut mir leid.“
Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, die mir ihre Version dieser Geschichte erzählt haben. Und ich habe ein besonders offenes Ohr für diese Geschichten, weil ich in einer Familie großgeworden bin, in dem der Vater ähnlich unangenehm war. Früher hörte ich selbst regelmäßig die Worte meines Vaters.
Eine Weile litt ich als junger Erwachsener an migräneartigen Kopfschmerzen. Schließlich wurde ich an einen Arzt überwiesen, der sich darauf spezialisiert hatte. Er untersuchte mich und bat mich anschließend zum Gespräch.
„Ich habe schon viele Männer und etwas weniger Frauen mit Kopfschmerzen behandelt, wie Sie sie haben“, sagte er mir. „Sie kommen zu mir und denken, dass sie bloß ein Schmerzmittel brauchen, und sind enttäuscht, wenn ich ihnen sage, dass ich ihnen zwar ein starkes Medikament verschreiben kann – aber nur als kurzfristige Maßnahme und nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.“
Ich fragte ihn, was ich tun sollte, und er entgegnete: „Nun, ich könnte mich ja irren, aber ich denke, dass Sie in der Vergangenheit einige Schwierigkeiten mit einer Autoritätsperson hatten – Ihrem Vater oder vielleicht Ihrer Mutter oder einer anderen wichtigen Person in Ihrem Leben. Vielleicht haben sie Ihnen gesagt, dass Sie ihre Erwartungen nicht erfüllen, dass Sie dieses oder jenes besser machen müssten. Also haben Sie angefangen, alles Mögliche zu tun, um sich ihre Zustimmung zu verdienen. Die Sache ist die: Weil Sie nicht bekommen, was Sie wollen, tragen Sie wahrscheinlich tief in sich eine Menge Wut mit sich herum. Wut und Kopfschmerzen gehen bei vielen Menschen Hand in Hand. Vielleicht sind Sie einer davon. Könnte das stimmen?“
Ich hatte noch nie darüber nachgedacht.
„Die schlechte Nachricht ist, dass es unwahrscheinlich ist, dass Sie diese Zustimmung jemals erhalten werden. Vor allem, wenn derjenige, der die Schuld daran trägt, bereits gestorben ist. Aber selbst wenn er noch lebt, stehen die Chancen schlecht, dass er Ihnen jemals die Anerkennung geben wird, die Sie sich wünschen. Also vergessen Sie es. Es wird nicht passieren.“
Er fuhr fort: „Aber ich habe eine bessere Idee. Warum bemühen Sie sich nicht darum, demjenigen zu vergeben, der Sie enttäuscht hat? Lassen Sie diese Erwartungen hinter sich. Das ist höchstwahrscheinlich das beste Rezept für Ihre Kopfschmerzprobleme. Und das kostengünstigste.“
Als ich nach Hause kam, erkundigte Gail sich, was der Arzt gesagt hatte.
„Er meinte, ich müsste meinem Vater verzeihen.“
„Kostet uns dieser Rat Geld?“, fragte Gail.
„Wahrscheinlich schon“, meinte ich.
In den folgenden Monaten versuchte ich, mich selbst genau zu beobachten. Ich kam zu dem Schluss, dass an dem Ratschlag des Arztes vielleicht etwas dran sein könnte. Ich erkannte, wie oft ein Teil von mir sich vorstellte, dass mein Vater an meiner Seite stand und mir sagte, wie sehr er sich über die Dinge freute, die ich erreicht hatte. Und mir wurde klar, dass der Arzt wirklich recht gehabt hatte: Das würde nie passieren. Wie konnte mein Vater sich über mich freuen, wenn er sich nicht über sich selbst freuen konnte?
Eines Tages erinnerte ich mich an Eric Liddells Worte an seine Schwester in dem Film Die Stunde des Siegers: „Gott hat mich auch schnell gemacht. Er wollte, dass ich zu seiner Freude laufe.“ Diese Worte beschrieben das, wonach ich mich sehnte, und das, was der Mann, der mir das Modellschiff geschenkt hatte, so sehr wollte: Wir wollen, dass unsere Väter sich über uns freuen.
Aus dieser Einsicht heraus bekam das Wort getrieben für mich eine neue Bedeutung. Ich war ein Mann, der getrieben war, das Wohlwollen seines Vaters zu erlangen. Doch das war noch nicht alles. Dieses Verlangen bildete die Grundlage für mein Bedürfnis, die Zustimmung aller zu erlangen, die Autorität über mich hatten: Vorgesetzte, Vorstandsmitglieder, mächtige, erfolgreiche und anspruchsvolle Menschen.
Ich begann daraufhin mit dem, was ich eine tägliche Liturgie der Vergebung nennen würde. Jeden Morgen kniete ich nieder und betete. Irgendwie dachte ich, dass das Niederknien dem, was ich zu tun versuchte, mehr Ernsthaftigkeit verleihen würde. In diesen Momenten stellte ich mir vor, dass ich mich Jesus im Beisein meines Vaters näherte. Ich würde Jesus erklären, dass ich mich an diesem Tag dafür entschied, meinen Groll gegen meinen Vater abzulegen, und dass ich mir wünschte, unsere Beziehung wäre stärker von einem friedlichen Miteinander geprägt.
Wenn ich auf das zurückblicke, was ich damals tat, wird mir klar, dass das Geheimnis darin bestand, dass ich meinem Vater täglich aufs Neue vergeben musste. Manchmal sogar mehrmals täglich. Ein einmaliges: „Okay, Papa, ich vergebe dir“, hätte niemals ausgereicht. Ich musste meinem Vater sechs Monate lang Tag für Tag immer wieder vergeben. Und diesen Prozess muss ich bis heute oftmals wiederholen.
Aber das ist noch nicht alles – und vielleicht kommt Ihnen das Ganze zu simpel und leichtgläubig vor: Ich hatte nie, nie wieder Kopfschmerzen.
Ich möchte ganz klar sagen, dass ich meine Erfahrung nicht mit dem Hintergedanken beschreibe, jeder sollte dasselbe tun. Dies ist meine Geschichte. Das war der Weg, den Gott mit mir gegangen ist.
Wichtig ist hier, dass man sich der Verhaltensmuster des Getriebenseins bewusst wird. Es ähnelt einer Sucht und bedarf deshalb einer längerfristigen Perspektive.
Als ich erst einmal dafür sensibilisiert war, dass ich getrieben war, fiel mir dieser Wesenszug nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei vielen, vielen anderen in meinem Umfeld auf. Ich fragte mich, ob es sich bei Führungspersönlichkeiten in unterschiedlichen Lebensbereichen (Berufstätigen, Gelehrten, Sportlern, Politikern, Geschäftsleuten und natürlich religiösen Leitern) immer um Menschen handelt, die getrieben sind. Getrieben, gute Dinge zu tun (meistens jedenfalls), aber oft aus einer nicht gerade guten Motivation heraus. So wie ich.
Warum sind Menschen getrieben?
Warum scheinen so viele Menschen getrieben zu sein? Der Bekannte, der mir das Schiff gab, ist ein extremes Beispiel für einen der vielen Gründe. Er ist einer der Menschen, die in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Lob Seltenheitswert hatte. Wenn Anerkennung und Bestätigung fehlen, ist es nur normal, dass die sich nach Anerkennung sehnende Person den Schluss zieht, dass mehr Arbeit, mehr Statussymbole oder mehr weltlicher Ruhm den Vater, der nie ein Lob über die Lippen brachte, schließlich dazu bringen werde zu sagen: „Sohn (Tochter), du bist doch kein Versager. Ich bin unglaublich stolz darauf, dein Vater zu sein.“
Viele Menschen in leitenden Positionen haben diese Erfahrung gemacht und sind mit dieser Verunsicherung aufgewachsen. Manche Führungspersonen scheinen wirklich gütig zu sein, gute Taten zu vollbringen und selbstlos zu handeln. In Wirklichkeit kann es aber sein, dass sie von der Hoffnung getrieben werden, die Anerkennung und Bestätigung einer für sie wichtigen Person aus ihrer Vergangenheit zu erlangen. Gelingt ihnen das nicht, versuchen sie, diesen unstillbaren Hunger nach Beifallsbekundigungen, Wohlstand oder Macht anderweitig zu befriedigen. Aber das gelingt ihnen nur allzu selten. Der Grund ist einfach: Sie beschränken sich auf Äußerlichkeiten; ihr Innenleben bleibt leer und unbefriedigt. Und dort liegt die wahre Verletzung.
Ein anderer Grund für das Getriebensein ist die frühzeitige Erfahrung von bitterer Entbehrung oder Schande. In seinem Buch Im Angesicht des Leidens1 weist Paul Tournier darauf hin, dass während der vergangenen Jahrhunderte eine erstaunliche Anzahl an Personen in hohen politischen Ämtern Waisen gewesen seien. Da sie ohne elterliche Liebe und emotionale Nähe aufgewachsen waren, suchten sie vermutlich einen Ausgleich, und zwar in der Anerkennung von Menschen. Hinter ihrem ausgeprägten Machtstreben verbarg sich vermutlich der einfache Wunsch nach Zuneigung. Doch anstatt diese fehlende Zuneigung durch das Ordnen ihres Innenlebens auszugleichen, schlugen sie den Weg der Äußerlichkeiten ein.
Getriebene Menschen können auch aus Familien stammen, in denen ein Gefühl großer Scham oder Peinlichkeit vorgeherrscht hat. Meine Bibliothek enthält ein bemerkenswert freimütiges Buch: The Man Who Could Do No Wrong von Charles Blair. Darin beschreibt er seine eigene Kindheit in Oklahoma während der Wirtschaftskrise. Schmerzlich erinnert er sich darin noch daran, dass es täglich seine Aufgabe war, die von der Regierung ausgegebene kostenlose Milchration von der örtlichen Feuerwache nach Hause zu bringen. Wenn er die Milchkanne die Straße hinuntertrug, musste er Hohn und Spott gleichaltriger Jungen über sich ergehen lassen. Diese Erfahrung war für ihn so qualvoll, dass er sich schwor, es würde einmal der Tag kommen, an dem er nie wieder eine symbolische „Milchkanne“ tragen würde, mit der für ihn ein Gefühl der Wertlosigkeit verbunden war.
Blair erzählt darüber hinaus die Geschichte eines unvergesslichen Spaziergangs: Er ging eines Tages in Begleitung eines Mädchens von der Schule nach Hause, für das er starke Gefühle hegte. Plötzlich tauchte ein Junge mit einem glänzenden neuen Fahrrad neben ihnen auf und bot dem Mädchen eine Mitfahrgelegenheit an. Ohne zu zögern, sprang sie auf den Gepäckträger und ließ Blair zurück, während sie mit dem anderen Jungen davonfuhr. Aufgrund dieser erniedrigenden Erfahrung beschloss Blair, dass er eines Tages etwas besitzen würde, das symbolisch diesem glänzenden Fahrrad entsprach, und dass er das nötige Kleingeld haben würde, um Eindruck zu machen und den notwendigen Respekt und die Loyalität anderer einzufordern.
Und dieser Entschluss brannte sich regelrecht in sein Leben ein. Er trieb ihn an – und brachte ihn nach eigenen Angaben irgendwann zu Fall. Im Laufe seines Lebens musste er einfach das schönste Auto besitzen, die schönste und größte Kirche leiten und die modischste Männerbekleidung tragen. Alle diese Dinge bewiesen, dass er die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen hatte. Er war nicht wertlos, er war nicht arm. Er hatte es allen bewiesen. Seht selbst!
Charles Blair lief vor etwas davon. Und das bedeutete, dass er auf etwas zulaufen musste. Obwohl sein Tatendrang in alle möglichen beeindruckenden geistlichen Motive gekleidet war und sein Dienst bemerkenswerte Auswirkungen hatte, trieben ihn doch letzten Endes nur die unbewältigten Verletzungen seiner Kindheit an. Da diese Verletzungen in seiner Innenwelt für Unruhe sorgten, ließen sie ihn nicht los. Sie beeinflussten seine Entscheidungen und Werte und machten ihn blind für das, was in einem entscheidenden Moment seines Lebens geschehen war. Das Ergebnis war eine schwere Katastrophe. Versagen, Blamage und öffentliche Demütigung.
Aber ich muss auch hinzufügen, dass er sich wieder davon erholte. Das schenkt allen getriebenen Männern oder Frauen Hoffnung. Charles Blair, der Mann, der früher getrieben war, der vor der Schande davonlief, wurde nun ein berufener Mann und genoss die Bewunderung seiner Freunde. Ich halte sein Buch für eines der bedeutendsten, das ich je gelesen habe. Es sollte eine Pflichtlektüre für jeden Mann und jede Frau sein, die eine Führungsposition innehat.
Außerdem gibt es noch die Menschen, die in einer Umgebung aufgewachsen sind, in der Getriebensein der herrschende Lebensstil war. In seinem Buch Wealth Addiction (Wohlstandssucht) beleuchtet Philip Slater den Hintergrund einiger zeitgenössischer Milliardäre. In beinahe jeder Darstellung gibt es Hinweise darauf, dass diese Milliardäre sich in ihrer Kindheit einen Spaß daraus gemacht hatten, Dinge anzuhäufen und Menschen zu beherrschen. Bei ihren Spielen ging es fast nie einfach nur um Spaß oder irgendwelche Übungen. Sie kannten nur eines: wie man gewinnt und Besitz anhäuft. Sie machten dabei lediglich das nach, was sie ihre Eltern tun sahen, und nahmen an, dass dies eben zum Leben dazugehört. Und so entwickelten sie frühzeitig den Drang, reich und mächtig zu werden.
Für solche Menschen hat ein geordnetes Innenleben keine Bedeutung. Ihre Aufmerksamkeit ist auf die Außenwelt gerichtet, die Öffentlichkeit, wo Dinge gemessen, bewundert und benutzt werden.
Natürlich stammen getriebene Menschen auch aus anderen familiären Verhältnissen, und ich habe nur einige wenige Beispiele angeführt. Aber eines ist allen gemeinsam: Getriebene Menschen werden niemals die Ruhe einer geordneten inneren Welt erleben. Ihre Hauptziele liegen außerhalb von ihnen selbst und sind allesamt materiell und messbar. Nichts sonst erscheint ihnen real; nichts sonst hat einen Sinn. Was man besitzt, muss man festhalten, so wie Saul es tat, dem Macht wichtiger war als die Freundschaft mit David.
Wohlgemerkt: Wenn wir von getriebenen Menschen sprechen, dann ist damit nicht nur der Geschäftsmann gemeint, der in einem harten Wettbewerb mit seinen Konkurrenten steht, oder der Profisportler. Getriebensein bedeutet viel mehr, als nur arbeitswütig zu sein. Wenn wir einmal in uns hineinschauen, entdecken wahrscheinlich viele von uns: Ich bin ja auch getrieben! Getrieben, ein besserer Jesus-Nachfolger zu sein, eine dramatische, tief geistliche Erfahrung zu machen oder ein Leiter zu sein, dem es eher darauf ankommt, auf Menschen Macht auszuüben, als ihnen zu dienen. Eine Hausfrau kann getrieben sein und ebenso ein Student. Jeder von uns kann so ein getriebener Mensch sein.
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