Kitabı oku: «Kontakt und Widerstand»
Aus dem Amerikanischen übersetzt von
Reinhard Fuhr und Martina Gremmler-Fuhr
Zum Autor:
Gordon Wheeler, Ph.D., ist in seinen vielen Jahren klinisch-psychologischer Praxis auch systemischen Dynamiken und Organisationsfragen nachgegangen. Er war Schüler der Nachfolger von Perls und Goodman am Gestalt Institute of Cleveland sowie der Nachfolger von Lewin am National Training Laboratory (NTL). Unter Bezugnahme auf Lewins Arbeiten verwendet Wheeler das Gestalt-Modell, um innerpsychische, zwischenmenschliche und systemische Dynamiken für Interventionen zur Veränderung und zum Wandel zu integrieren. Er ist Mitglied des Lehrkörpers des Gestalt Institute of Cleveland, das er viele Jahre geleitet hat, und President des Esalen Institute, Big Sur, Kalifornien. Daneben ist er Herausgeber von Gestalt Institute of Cleveland Press und Autor zahlreicher Bücher.

© 1993, 2015 EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach
www.ehp-koeln.com
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Gestalt Reconsidered – A New approach to Contact and Resistance by Gordon Wheeler, Ph.D.«
© 1991 by Gestalt Institute of Cleveland Press by arrangement with Mark Paterson and Gardner Press, Inc.
Übersetzung aus dem Amerikanischen:
Reinhard Fuhr und Martina Gremmler-Fuhr
2. korrigierte Auflage 2015
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Umschlagentwurf: Robert de Zoete / Uwe Giese
– unter Verwendung eines Bildes von Doortje de Vries –
Satz: WB Birkhölzer
Gedruckt in der EU
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eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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eBook-ISBN 978-3-89797-597-2
pdf-ISBN 978-3-89797-598-9
print-ISBN 978-3-926176-50-9
Für Beverly
Figur und Grund
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1. Kapitel: Der Hintergrund in der Gestaltpsychologie
Gestalt und das Assoziationsmodell
Die Gestalt-Schule – frühe Arbeiten
Die Erweiterung des Modells von Wertheimer
Das Modell Lewins
Goldsteins hierarchisches Modell
Gestalt-Persönlichkeitstheorie
Ein Gestaltmodell der Veränderung
2. Kapitel: Das frühe Werk von Perls
3. Kapitel: Gestalttherapie: Das Modell von Goodman und Perls
4. Kapitel: Die Arbeit der Cleveland School
Der Zyklus des Erlebens
Das Gestaltexperiment
Die interpersonale Perspektive
Gruppendynamik
Arbeit mit Systemen
Die Erweiterung des Perlsschen Widerstandsmodells
5. Kapitel: Ein neues Verständnis von Widerstand
6. Kapitel: Die Struktur des Grundes: Zwei klinische Fälle
Der Fall von Josh oder Skylla und Charybdis
Der Fall Linda oder die Bürgerkriege
7. Kapitel: Die Struktur des Grundes (Fortsetzung): Zwei Systemfälle
Das System ohne Widerstand
Ein letzter Fall: Neue Überlegungen zum Verständnis von »Gestalt«
Abschluss
Literaturverzeichnis
Namensregister
Einführung
Eine Einführung gibt dem Autor, wie Erik H. Erikson bemerkte, die Möglichkeit, seine nachträglichen Gedanken an den Anfang zu stellen. Nach der Gestaltterminologie markiert er damit die Kontaktgrenze zwischen sich und dem Leser; es ist eine Grenze besonderer Art, die in spezieller Weise gefühlsmäßig besetzt und organisiert ist, bevor der Autor in das vor ihm liegende Material eintaucht. Auf der einen Seite ist da er, der gerade aus dem Gebiet zurückkehrt, das dem Leser noch mehr oder weniger verborgen ist, wobei der Autor sich in der Phase des Rückzugs oder der Reflexion nach seiner Reise befindet, und dabei wird er von den Gefühlen und Interessen beeinflusst, die zu dieser Phase des Kontaktzyklus gehören: etwa Befriedigung und eine zunehmende Aufregung bei dem Gedanken daran, dass er die Eindrücke der Reise nun mit einer anderen Person teilen wird, aber möglicherweise auch Traurigkeit und Verlustgefühle, Befürchtungen, wie andere diese Präsentation des Selbst wohl aufnehmen werden, Besitzansprüche und sogar eine vorweggenommene Verteidigungshaltung – also all jene Empfindungen und Gefühle, die mit dem einher gehen, was Paul Goodman uns den Widerstand des Egotismus zu nennen lehrte, jene Furcht vor dem Verlust oder der Beschädigung des Selbst, ein allerletzter Versuch, den entscheidenden Augenblick des Loslassens, der die Begegnung selbst ist, zurückzuhalten oder wenigstens zu kontrollieren.
Auf der anderen Seite gibt es da den Leser, der sich an einem völlig anderen Ort im Rhythmus des Engagements oder des Kontakts befindet, mit einem ganz anderen Spektrum wahrgenommener Gefühle, Bedürfnisse und Befürchtungen, die den Grund für die Figur des Kontakts in diesem Augenblick organisieren und die wiederum den Zugang zu dem umfassenderen Kontakt prägen, der vor ihm liegt. Aufmerksamkeit oder Ablenkung, Aufregung oder relative Gleichgültigkeit, Offenheit oder Vorsicht, Skepsis, Vertrauen, Einvernehmlichkeit mit einer Autorität, Abwehrhaltung gegenüber der zuvor erwähnten Begegnung seitens des Autors oder die Hingabe des Selbst an diese – sie alle sind in ihren möglichen Mischungen und Schattierungen an der dynamischen Organisation der Kontaktgrenze des Lesers beteiligt; und diese ist nicht, wie Goodman sagt, ein Punkt oder ein Ort, sondern vielmehr ein Prozess, der »Ausdruck einer bestimmten Beziehung«; und das ist gleichzusetzen mit Kontakt (Perls u.a. 1951, 269). Der wahrgenommene Zweck oder das empfundene Bedürfnis, um Kurt Lewin zu umschreiben (und dabei das Hauptargument des ersten Kapitels vorwegzunehmen), organisieren die Begegnung auf beiden Seiten – innerhalb der gegebenen Bedingungen und mit der Unterstützung oder der Begrenztheit der besonderen Fähigkeit jeder Person zu einer flexiblen Bandbreite von Haltungen oder Zugehensweisen, die für jene intendierten Ziele und Bedingungen angemessen sind (welche jeweils das besondere Thema der Psychotherapie sind).
Mit anderen Worten, ich habe mit einigen wenigen Strichen die Grundzüge wenigstens eines Kontaktmoments entworfen, der auf komplexe Weise organisiert und höchst politisch ist (in dem Sinn, dass er mit Beziehung oder Einfluss zu tun hat), der allerdings sehr weit entfernt von dem platonischen Ideal Perls’ und Goodmans von einer »klaren, leuchtenden Figur [ist], die frei fließend aus einem leeren Hintergrund mit Energie gespeist wird« (Perls u.a. 1951, 299; Hervorhebung G.W.). Und das Hauptereignis hat noch nicht einmal stattgefunden!
Unter den gegebenen Bedingungen für Kontakt, also den Zielen und Strukturen beider Seiten im Hintergrund, ist es daher nicht erstaunlich, wenn Autoren ihre Einführungen gewöhnlich dazu benutzen, um das Erreichen eines volleren Kontakts in der Zukunft, der in der Begegnung mit dem Haupttext besteht, vorzustrukturieren oder wenn möglich zu beeinflussen. Normalerweise geschieht dieser Versuch in Form einer Führung durch oder einer Übersicht über die Landschaft, die vor uns liegt, wobei verschiedene Sehenswürdigkeiten hervorgehoben und Klippen verkleinert oder umgangen werden. Dabei wird besonders darauf hingewiesen, wo der Leser am anderen Ende herauskommen sollte und welches der richtige Weg ist, um dorthin zu gelangen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es sollte jetzt klar sein, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Landkarte handelt, wie sie einem naiven Reisenden von einem wohlmeinenden, aber wenig engagierten Führer – falls es so etwas geben sollte! – in die Hand gedrückt werden könnte, sondern vielmehr um ein höchst parteiisches Dokument, eine Einladung, den Kontaktprozess selbst in einer ganz bestimmten Weise (und nicht in einer anderen), auf einer Landkarte, gemäß bestimmten, vorher vereinbarten Merkmalen des Grundes abzubilden. Und wieder sind wir nach ein paar Abschnitten bei einem der grundlegenden Eckpfeiler der philosophischen Kritik von Goodman und Perls an der »etablierten« Psychotherapie jener Zeit angelangt, nämlich der radikalen, positiven Neubewertung des leidenschaftlichen Begehrens als dem entscheidenden Weg zur Wahrheit und zu angemessenem Handeln – in scharfem Kontrast sowohl zu den klassischen Freudschen Ansichten als auch in gewisser Hinsicht zu den östlichen mystischen Überzeugungen von der Erleuchtung durch Objektivität, Sublimation oder Entrückung. Lassen Sie mich in gleicher Weise (in Vorwegnahme vieler nachfolgender Argumente) den Widerstand des Lesers als das eigentliche Zeichen für leidenschaftliches oder aktives Engagement im Kontaktprozess selbst anerkennen und wertschätzen und nicht als ein Blockieren oder Sabotieren dieses Prozesses.
So weit, so gut; aber es besteht mindestens noch ein weiteres Risiko für diese Art einer parteilichen Einführung: Im Verlauf der Kartierung des Geländes, das vor uns liegt, und bei dem Versuch, die verschiedenen Stadien der Reise so darzustellen, als folgten sie nahtlos und notwendigerweise nacheinander, kann es geschehen, dass die gesamte Argumentation des Buches einen strengeren logischen Charakter, eine linearere Erscheinungsform erhält, als dies bei der ursprünglichen Entwicklung der Fall war, die eher organisch war, sprunghaft vor- und zurückging und sich von einer zentralen Idee her zu den einzelnen Komponenten hin verzweigte – mit einem Wort: eher »Gestalt« war. In einem solchen Prozess kann es vorkommen, dass die zentralste These eines Buches, die grundlegendste Idee, die die einzelnen Teile durchdringt und organisiert, nirgends klar formuliert wird (wie die Neueinschätzung des Begehrens, die dem zweiten Band von Gestalttherapie zugrunde liegt, nicht direkt in dem Buch erörtert wird). Ich möchte daher die organisierende Grundidee formulieren, bevor ich mit der Landkarte für die einzelnen Kapitel beginne: dass nämlich das Kontaktmodell, das uns von Goodman und Perls überliefert und durch viele nachfolgende Autoren ausgearbeitet wurde, im theoretischen Sinn figurgebunden ist; dass die Analyse dieses Kontaktprozesses (oder der Bewusstheit oder der Erfahrung) unvollständig ist ohne direkte Berücksichtigung der Organisationsprinzipien oder Strukturen des Grundes, die in einigen Fällen über die Situationen und über die Zeit hin wirksam sind, und die die Figuren im Kontakt selbst beeinflussen und beschränken; dass Psychotherapie (oder jeder andere Veränderungen auslösende Prozess) immer eine Angelegenheit der Neuorganisation der Strukturen des Grundes über die Zeit hin ist und nicht nur der Kontakt-Figuren im Augenblick; dass diese Überbetonung der Figur für das Gestaltmodell, zumindest in theoretischer Hinsicht, ein Handicap bei der Bearbeitung einer Fülle klinischer und systemischer Prozesse war; dass das Modell von Goodman und Perls einige Verzerrungen und innere Widersprüche enthält, die die Entfaltung des vollen Potentials dieses Modells behinderten; und schließlich, dass die Revision dieser widersprüchlichen Annahmen die Formulierung eines Modells ermöglicht, das bestimmte neue Chancen eröffnet – nämlich die Neueinschätzung von »Widerständen« und die Möglichkeit, »klinische« und »organisatorische« Probleme zum ersten Mal mit denselben theoretischen Begriffen anzupacken. All dies sind Variationen der gleichen Grundidee, nämlich der Hinwendung der ungeteilten Aufmerksamkeit in der Gestaltanalyse auf das Problem der Strukturen des Grundes. Dies ins Blickfeld der Aufmerksamkeit zu rücken, ist der Zweck dieses Buches.
Um den Weg für diese Diskussion zu bereiten und dabei auf besondere, bisher nicht beschrittene theoretische Wege hinzuweisen, werde ich zunächst im ersten Kapitel an den Anfang dieses Jahrhunderts zurückgehen, um einiges von der faszinierenden und revolutionären Arbeit der ersten Generation akademischer Gestaltpsychologen in den Blick zu nehmen (zu nennen sind hier insbesondere Wertheimer, Koffka, Köhler und deren Nachfolger); ihre Arbeit war von so bedeutendem Einfluss, dass es unmöglich ist, sich heute irgendeine Psychologie vorzustellen, nicht einmal eine eindeutig »behavioristische«, die nicht grundlegend gestaltorientiert wäre. Von dort werde ich mich den Auswirkungen dieser Arbeit auf das zuwenden, womit sich die zweite Generation der »Gestaltschule«, besonders Lewin und Goldstein, beschäftigte – und zwar nicht deshalb, weil deren weitreichende Differenzierungen des ursprünglichen Wahrnehmungsmodells im Bereich der Persönlichkeit und des Verhaltens das Modell von Goodman und Perls direkt beeinflusst hätten, sondern weil dies seltsamerweise gerade nicht geschah. Die Gründe hierfür werden im zweiten und dritten Kapitel näher behandelt. Dabei werde ich bewusst eine Position einnehmen, die im Gegensatz zu denen von Henle (1978), Arnheim (1949) und (manchmal) von Perls selbst (vgl. z.B. 1969b) steht. Sie alle behaupteten, dass zwischen der eigentlichen Gestaltpsychologie und dem Modell der Gestalttherapie keine wichtigen oder überhaupt keine Zusammenhänge bestünden. Im Gegensatz dazu werde ich im ersten Kapitel (und auch in den folgenden Kapiteln) zu zeigen versuchen, dass es unmittelbare und bedeutsame Zusammenhänge gibt, auch wenn sie nicht immer vollständig entwickelt wurden. Perls selbst spürte diese Verbindung zwar zunächst, formulierte sie jedoch in seinem frühen gemeinsamen Werk mit seiner Frau Laura Perls Ich, Hunger und Aggression (Perls 1947), nicht sehr klar aus.
Diesem frühen Werk der beiden Perls’ werde ich mich im zweiten Kapitel widmen. Aus der Perspektive des späteren Gestaltmodells ist dieses Buch bestenfalls »skizzenhaft« (um Perls’ eigenen Begriff zu verwenden): Die Gestaltideen, die er zu Beginn ankündigte, werden im größten Teil des Textes kaum entwickelt, und wenn sie schließlich kurz am Ende berührt werden, wird ihre Verbindung mit der Gestaltperspektive nicht deutlich gemacht. Eine Anmerkung ist hier auch auf die Gefahr hin angebracht, dass ich etwas betone, was unstrittig ist: nämlich dass es ohne Fritz Perls kein Gestalttherapie-Modell gäbe. Wie bereits oben erwähnt, war es Perls, der zuerst die Implikationen einer Gestaltsicht der Bewusstheit für einen neuen Zugang zur Persönlichkeit und zur Psychotherapie »roch« (diese Konsequenzen wurden, wie im ersten Kapitel ausgeführt wird, im frühen Werk von Lewin und Goldstein sehr deutlich, aber Perls kannte die Arbeit Lewins vielleicht nicht und verstand seinen eigenen Aussagen zufolge [1969b] Goldsteins Arbeit erst viele Jahre später). Fritz Perls war es auch, der zusammen mit seiner Frau die Forschungsgruppe zusammenbrachte, die das Gestalttherapie-Modell in New York in den Jahren unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg ausformulierte. Und zweifellos war es auch Perls, der Paul Goodman das Original einer Monographie gab, die zumindest der Ausgangspunkt war für Goodmans umfassendere theoretische Darstellung im Jahr 1951. Leser dieses zweiten Kapitels, die Perls persönlich kannten, merkten meist an, dass etwas Wesentliches dieses Mannes selbst – seine Präsenz, seine Hingabe an Lebendigkeit und Authentizität, seine eigene, besondere Art von Integrität oder Ganzheit – in dieser eher rein theoretischen Kritik nicht durchkomme. Nach den Worten von Ed Nevis stand Perls für eine »ganz neue Art, in der Welt zu sein«, die uns dazu veranlasst, auf das zu horchen und es wertzuschätzen, was wahrhaftig in uns ist, bevor wir uns einer vorzeitigen Resignation hinsichtlich dessen überlassen, was möglich oder praktisch oder sozial am ehesten akzeptabel ist. Vielleicht ist es unvermeidlich, dass für jene unter uns in den nachfolgenden Generationen, die nicht die Chance hatten, von Perls persönlich angeregt zu werden, im Laufe der Zeit etwas von der inspirativen Kraft aus dem Kontakt mit ihm verlorengeht. Wenn wir in den folgenden Kapiteln von Perls sprechen, dann meinen wir nicht Perls, den Menschen, sondern den Schriftsteller, oder noch spezifischer das geschriebene Wort, das er uns hinterließ, und das im Vergleich zu seinem tatsächlichen Einfluss auf die gegenwärtige Psychotherapie nicht sehr umfangreich ist.
Wenn ich mich dem dritten Kapitel zuwende, der Arbeit von Goodman (in etwas undurchschaubarer Zusammenarbeit mit Perls und anderen), werde ich bei einem umfassenden Modell der Gestalttherapie selbst angelangt sein – zumindest bei einer vollständigen theoretischen Grundlage für solch ein Modell – und bei einem Vorschlag, wie dieses Modell in seiner Anwendung aussehen könnte. (Es blieb in einem Ausmaß, das in der Gestaltliteratur nicht immer richtig eingeschätzt wird, anderen Autoren und Lehrern, insbesondere Laura Perls, Isadore From, Erv und Miriam Polster, Joseph Zinker und vielen anderen überlassen, die anspruchsvolle, theoretische und praktische Arbeit zu vollbringen, die erforderlich war, um diese Grundlage zu einer klinischen und pädagogischen Methodologie mit natürlich vielen Erweiterungen und Verfeinerungen zu entwickeln.) Aber wer ist der Autor dieser ursprünglichen Darstellung? Goodman beansprucht die Autorenschaft auf der Grundlage einer vorläufigen Monographie von Perls (Wysong 1985), und zumindest in der Öffentlichkeit wurde dieser Anspruch niemals in Frage gestellt (obwohl unter anderen Joel Latner behauptet, dass Perls’ ursprüngliches Manuskript etwas besser ausgearbeitet und näher an der endgültigen Version war, als es Goodman zugeben wollte; Latner, persönliche Mitteilung an E. Nevis, 1988). Wie dem auch sei, ein Vergleich der veröffentlichten Texte scheint hinlänglich zu belegen, dass die Urheberschaft von Gestalt Therapy, Bd. II, bei Goodman liegt – unabhängig davon, welches gemeinschaftliche Denken auch den Hintergrund dieser Urheberschaft gebildet haben mag. Die Figur, könnten wir sagen, ist Goodman, aber der Grund schließt sicherlich Perls, Laura Perls und auch andere mit ein. Überdies gibt es bestimmte eindeutige Diskrepanzen in der Akzentuierung, zumindest zwischen den Darstellungen dort und anderen Arbeiten, die unter dem Namen von Perls sowohl vor als auch nach Gestalt Therapy veröffentlicht wurden – die wiederum auf die Handschrift von Goodman in diesem Band hinweisen. Und schließlich gibt es sowohl Diskrepanzen als auch einige regelrechte Widersprüche zwischen Band I und Band II des Buches (von denen einige im Detail im dritten Kapitel erörtert werden); all dies unterstützt Goodmans Behauptung, dass er den zweiten Band »schrieb« und dass sich sein Anteil daran von dem unterscheidet, was er zum ersten Band beitrug. Wenn ich daher in diesem Kapitel und im ganzen Buch die Formulierung »Goodman sagte« oder Variationen davon verwende, meine ich damit, dass zumindest Goodman selbst sich die besondere Behauptung oder das in Frage stehende Argument zu eigen machte, da es aus seiner Feder stammte, ohne dass ich damit eine Vorentscheidung darüber treffen will, ob die Co-Autoren diese spezielle Ansicht teilten oder nicht oder welchen genauen Anteil sie bei ihrer Entstehung hatten.
Im vierten Kapitel werde ich einige der »Erweiterungen und Verfeinerungen« aufgreifen, die ich zuvor erwähnte, insbesondere solche, die ich der Cleveland School zuschreibe; diese stellt selbst einen sehr vielfältigen Ansatz dar, dem jedoch gewisse wiederkehrende Themen und Fragestellungen eigen sind. Wie ich zuvor erwähnte, ist eine Theorie nicht notwendigerweise auch eine Methode, obwohl sie eine solche enthalten kann und von einer jeden auf die jeweils andere geschlossen werden kann. Es ist eines (wie beispielsweise Goodman) zu behaupten, dass die neue Therapie sich der »inneren Struktur des gegenwärtigen Erlebens« (Perls u.a. 1951, 273) widmet, und etwas ganz anderes, wenn man in praktischen und theoretischen Details darlegt, wie genau dies auszusehen hat, welche Methode anzuwenden ist und was eine mögliche Sequenz von Interventionen durch den Therapeuten sein kann. Wieder waren es die Autoren der Cleveland School – einschließlich der Autorenpaare Nevis und Polster sowie Zinker und anderer – die die kreative Anstrengung auf sich nahmen, diese Methodologie auszuformulieren (eine Methodologie, die im wörtlichen Sinn die Dreh- oder Grenzpunkte und ihre Verbindungen aufzeigte). Was Goodman für Perls in dem Sinn war, dass er eine brillante, ursprüngliche Einsicht aufgriff und sie zu einer umfassenden und zusammenhängenden theoretischen Aussage ausformulierte, waren die Autoren von Cleveland während der letzten vier Jahrzehnte in gewisser Hinsicht in Beziehung zu Goodman. So die klassische Arbeit der Polsters, die hervorhoben, was im Gestalt-Sinn mit Kontakt und Widerständen gemeint ist; Zinkers höchst einsichtsvolle, sorgsame und eindrucksvolle Ausarbeitung des Gestalt-Experiments; oder die Erweiterungen des Modells durch die beiden Nevis’ für Anwendungen auf Systeme mit mehreren Personen.
In vielen ihrer Arbeiten und in ihrer Lehre haben die Autoren der Cleveland-Gruppe und andere (wie deren Lehrer Laura Perls und Isadore From) manchmal viele der gleichen Fragen gestellt und Zweifel hinsichtlich bestimmter Teile der überlieferten Theorie geäußert, die auch das zentrale Thema dieses Buches ausmachen. Wie es für das Stadium des Entwerfens einer Methodologie im Rahmen einer Theorieentwicklung angemessen ist, bestand deren Antwort in einigen Fällen darin, dass sie die Probleme in methodischen Begriffen anpackten. Daher tauchen Aspekte wie der Hintergrund einer Gruppe oder sozialen Einheit, das intensive Sich-Einlassen, die kreative Verwendung von »Widerständen«, Probleme des »Charakters« und der »Persönlichkeit« sowie die Verwendung der persönlichen Geschichte in der Psychotherapie häufig als Themen in diesen Schriften und in der Lehre auf. Was ich nun gern in einer späteren Phase bei einem erweiterten Zyklus der Theorieentwicklung hinzufügen würde, ist die Konzentration der Aufmerksamkeit unmittelbar auf diejenigen Bereiche des ursprünglichen Modells, die es schwierig erscheinen lassen, diese Fragestellungen in konsequenter und wirklich praktischer Weise aufzugreifen, und auf die vernachlässigten Erweiterungen der akademischen Gestaltpsychologie in jenen Bereichen, die diese Fragestellungen unterstützen könnten.
Im fünften Kapitel wende ich mich der Integration all dessen zu, was vorher ausgesagt wurde: der Verwendung der Modelle von Lewin und Goldstein bei der Entwicklung eines Konzepts für einen strukturierten Grund; den Konsequenzen dieser organisatorischen Zugehensweise auf die Bewusstseinstheorie des Wandels und die Induktion von Wandel; der daraus resultierenden Verlagerung des Akzents bei der Definition von Kontakt selbst; dem revidierten Verständnis der »Widerstände«, das sich aus dieser Verlagerung ergibt (theoretisch revidiert; in der Praxis, so behaupte ich, ist diese Revision schon lange wirksam); und dem integrierten Modell selbst, das meiner Meinung nach die ganze Bandbreite menschlicher und klinischer Probleme, die zuvor dargestellt wurden, in einer Weise erfassen kann, die folgerichtiger und flexibler ist und viel mehr dem entspricht, was »Gestalt« ist. Um es noch einmal zu wiederholen: Weit davon entfernt, eine Einstellung einnehmen zu wollen, die sich gegen den Geist Perls’ oder Goodmans richtet, sollen diese Argumente zu den grundlegenden Vorannahmen ihres Modells zurückführen, indem ich bestimmte unvollständige oder vernachlässigte Aspekte dieses Modells aufgreife, die heutzutage drängender und vordergründiger sind als damals. Da ich darauf bestehe, mit dem Grund zu beginnen und nicht mit der Figur, werde ich schließlich auf diesem Weg quasi als methodologischem Ertrag zu einem Modell gelangen, welches endlich intrapsychische und zwischenmenschliche oder systemische Probleme in der gleichen theoretischen Sprache behandeln kann – etwas, was vor allem den Klinikern seit den Zeiten Freuds nicht vergönnt war.
Und damit ist meine (keineswegs vorurteilsfreie) Vorausschau auf das Gebiet, das vor uns liegt, praktisch vollständig. (Ob die Argumente, die in diesen fünf Kapiteln vorgebracht werden, vollständig sind oder nicht, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen.) Im allgemeinen wurden Fallbeispiele und Veranschaulichungen mit Ausnahme von einigem illustrativen Material aus der frühen Gestaltforschung im ersten Kapitel in der Hoffnung herausgelassen, dadurch einen erzählerischen Rhythmus und die Klarheit einer anderen, eher theoretischen Art und Weise zu erreichen. Einerseits sollte jedes Kapitel für sich stehen können, und der Leser, der eher an dem einen Thema interessiert ist als an dem anderen, sollte in der Lage sein, jedes einzelne Kapitel – oder überhaupt alle Kapitel in beliebiger Reihenfolge – zu lesen und doch wenigstens die Essenz des übergreifenden Gedankenganges zu erfassen, der daher in jeder neuen Phase der Präsentation wiederholt wird. Andererseits versuche ich in jedem Kapitel, diese theoretische Erzählung anzusprechen und in der Richtung voranzutreiben, die oben skizziert wurde (und man beachte den Tonfall eindimensionaler Parteilichkeit, der sich an dieser Stelle meiner Fremdenführung wieder einschleicht). In der Hoffnung, dieses Ungleichgewicht von Theorie und Praxis wenigstens bis zu einem gewissen Grad auszugleichen, werden in den beiden letzten Kapiteln zwei Arten von Fällen präsentiert, zum einen aus dem »klinischen« Bereich und zum anderen aus dem sozialen oder institutionellen Bereich (wobei es angesichts der Neuformulierungen, die in den vorhergehenden Kapiteln entwickelt werden, möglich sein sollte, diese verschiedenen Problemebenen mit den gleichen Begriffen zu erfassen). Ich beanspruche nicht – um einen Punkt noch einmal aufzugreifen, der bereits erwähnt wurde und in den folgenden Kapiteln auch häufig wiederholt wird – der erste zu sein, der dies im Rahmen des Gestaltmodells versucht. Vielmehr geht meine Einschätzung dahin, dass die beste und kreativste Gestaltpraxis vieles von dem, was in dieser theoretischen Neuformulierung aufgegriffen wird, schon verwirklicht hat. Aber die »beste Praxis« nach dem Gestaltmodell, so behaupte ich, wird nicht überall von der Theorie unterstützt, sondern ist gezwungen, einige gewohnheitsmäßige Sprünge, unerklärbare Rückgriffe oder verwirrende Verbindungen vorzunehmen. Das ist ganz gut und schön, wenn man weiß, was man tut, aber es ist sehr schwer zu lehren! Daher besteht meine Hoffnung eigentlich darin, dass die Gestaltlehre am meisten durch dieses Buch beeinflusst werden kann, wobei es mein Ziel ist, jene kreative Praxis auf der Grundlage eines besser organisierten theoretischen Grundes zu unterstützen und zu vermitteln.
Und nun noch einmal ein (fast) letztes Wort über Goodman und Perls. Es ist üblich, dass diejenigen, die etwas neu bearbeiten, behaupten, sie würden zu den Grundlagen zurückkehren, die irgendwie im Laufe der Zeit verloren gegangen sind oder verzerrt wurden – oder dass sie auf einzigartige Weise auserkoren wären zu erklären, was die Meister wirklich meinten, besser als es die Meister selbst konnten. Heutzutage ist es auch üblich, die Tatsache hervorzuheben, dass vieles von der Arbeit Perls’, besonders in seinen späteren Jahren, eine Zurschaustellung gleichsam einer einzigen Ecke des Gestaltmodells, das er so mühevoll entwickelt hatte, war und dass diese Arbeit, wenn sie nicht schon selbst eine Karikatur dieses Modells war, sich doch dafür hergab, dies in den Händen anderer, weniger disziplinierter Show-Männer (und Show-Frauen) zu werden. Wie ein Hokusai, der seine Pinselführung mit zunehmendem Alter vereinfacht, verwendete Perls Abkürzungen und schnelle Striche, die schnell zu leblosen Klischees in den Händen einiger seiner Imitatoren wurden, die in ihnen nicht wohlbegründete Sprünge ins Zentrum der Sackgasse sahen, sondern eine Abkürzung, die die Notwendigkeit lebenslanger klinischer und kultureller Erfahrung umgehen könnte. Daher rührt die heute verbreitete Praxis, ein paar rituelle Blitzlichter auf Perls zu werfen, um sich mit der eigenen Position von einer bestimmten Art von »Gestalt«-Praxis, die in wohlverdienten Misskredit geraten ist, distanzieren zu können. Dies ist nicht die Absicht dieses Buches, noch ist es das hier dargestellte Bild von Perls selbst, was immer auch die Unterschiede in der theoretischen Akzentuierung, die in diesen Kapiteln entwickelt werden, sein mögen, und wie immer unangemessen die Darstellung von Perls, dem Kliniker, und Perls, dem Menschen, besonders im zweiten Kapitel, sein mag. Trotz der Widersprüche in seinem Leben und in seiner theoretischen Perspektive stand Perls immer in Figur und Grund für Authentizität, Lebendigkeit und Abenteuer (im wahren Sinne des Wortes, dass man das Selbst in der Begegnung riskiert). Das heißt nicht, dass er alle Argumentationen in diesem Buch unterstützt hätte. Hätte er aber, sagen wir, zehn oder fünfzehn Jahre länger gelebt, hätte er seine berühmte Ungeduld und seinen scharfen Blick sicherlich auf die verbreiteten klinischen Probleme dieser Tage gewandt, Probleme, die ich als Verzerrungen nicht nur der Figur, sondern auch des strukturierten Grundes charakterisiert habe: Vereinsamung, Konsumsucht, Ich-Bezogenheit und fehlendes commitment, sowohl in persönlicher als auch in politischer Hinsicht, und die damit zusammenhängenden Probleme des leidenschaftslosen Herzens, die sich uns so häufig in der klinischen (und nicht-klinischen) Population unserer Zeit stellen. Man denke sich – mit einigem Vergnügen – ein glückloses Opfer von heute auf dem heißen Stuhl unter der Peitsche des berüchtigten Zorns von Perls vor: »Mach, dass Du hier wegkommst! Ich kann mit Dir nicht arbeiten. Du lässt Dich wirklich auf gar nichts ein.«
Das gilt auch und sogar in noch stärkerem Maß für Paul Goodman. Heute, nachdem Goodmans literarische und politisch-philosophische Arbeit fast völlig in Vergessenheit geraten ist, ist es nur eine Frage der Zeit, wann er wieder für das, was er war und ist, anerkannt wird: nämlich als eine der einflussreichsten kritischen intellektuellen Stimmen in der Mitte unseres Jahrhunderts in Amerika und einer der vorbildlichsten Literaten. Es war – um einen Vorgriff auf den nachfolgenden Text zu wagen – ein unendlich großer Verlust für die Gestalttherapie und tragisch für unsere Zeit, dass Goodman nicht lange genug lebte, um seine brillante Eloquenz und sein umfassendes intellektuelles Wissen im Hinblick auf die verschiedenen Probleme (oder die verschiedenen Manifestationen des gleichen Problems) des Individuums in der Gesellschaft unserer Zeit zum Tragen zu bringen. Es gerät heute leicht in Vergessenheit, dass Goodman als prophetischer Kritiker zu seiner Zeit keineswegs eine einsame Stimme in der Wüste war. Im Gegenteil, er beeinflusste die gesamte Bandbreite der Befreiungsbewegungen der Fünfziger- und Sechziger-Jahre auf sehr umfassende und direkte Weise – einschließlich der Bewegung zur Befreiung der Psychotherapie von der schalen Begrenztheit Freudscher Ausbildungsinstitute (die heute teilweise wegen des konkurrierenden Einflusses des Gestaltmodells viel weniger schal sind). Er prägte schließlich die Gemüter einer ganzen Generation, die im Gegensatz zu den gesamten autoritären Kräften jener Tage ihre eigene innere Abscheu gegen einen obszönen Krieg wandte. Wenn Goodman zur Zeit der Entstehung dieses Buches noch gelebt hätte, wäre er lediglich so alt wie Präsident Reagan. Diesen Vergleich auch nur auszusprechen, heißt, das anzuprangern, was diese Gesellschaft in der Lage ist, ihren besten Männern und Frauen anzutun.
Und nun ein allerletztes Wort über die geschlechtsspezifische Sprache in diesem Buch. Die Menschen haben, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, eindeutig das eine oder andere Geschlecht. Die englische Sprache versorgt das weibliche Genus mit einer Reihe eigener Pronomen, während das männliche Genus sowohl für das männliche Geschlecht als auch für das Kollektiv und manchmal für unpersönliche Fälle steht. Wem dies letztlich am meisten zum Nachteil dient, ist unklar, wie bei so vielen Dingen der Genus-Politik. Die Schwerfälligkeit der Wiederholung von »er oder sie«, »sein oder ihr« usw. wird bereits in dieser Einführung deutlich. Die Verwendung von sie und ihre für das unpersönliche man ist auch verwirrend und inakzeptabel. Mit Entschuldigungen an alle Seiten und in der Hoffnung auf bessere Zeiten für die Sprache und für die Kultur folgt dieser Text der unbefriedigenden traditionellen Praxis in der Verwendung von er, sein und seinem, um sowohl den maskulinen als auch den generellen Fall auszudrücken.
Wie jedes andere Buch ist auch dieses Buch eine Unterhaltung oder die eine Seite einer Unterhaltung, die im Geist des Lesers fortgesetzt wird und die dann, wenn der Autor Glück hat, in irgendeiner Form der Erwiderung vervollständigt werden kann. Aber dieses Gespräch ist aus vielen vergangenen Gesprächen erwachsen, die den Grund für diese Figur beeinflusst und organisiert haben. Mein Dank gilt den folgenden Gesprächspartnern – Lehrern, Studenten, Kollegen und Freunden – für ihre kreative Zustimmung oder ihren Widerspruch, ihre Herausforderung und Unterstützung, die alle die gegenwärtige Kontaktfigur durchdrungen haben: Anne Alonso, Norm Berkowitz, Rennie Fantz, Isadore From, Murray Horwitz, Michel Katzeff, Frank Kelly, Carolyn Lukensmeyer, Bert Moore, Ed Nevis, Sonia Nevis, Bernie O’Brien, Patricia Papernow, Erv Polster, Jean-Marie Robine, dem verstorbenen Bill Warner, Joseph Zinker und Walter Grossmann, Mentor und lebendiges Modell des Goodmanschen Ideals eines leidenschaftlichen Intellektuellen und eines vollendeten Menschen; und am meisten von allen gilt mein Dank meiner professionellen Geprächs- und Lebenspartnerin Beverly Reifman.
Gordon Wheeler
1. Kapitel
Der Hintergrund in der Gestaltpsychologie
Gestalt und das Assoziationsmodell
Der Legende zufolge wurde die Gestaltpsychologie im Jahre 1910 irgendwo zwischen Hannover und Frankfurt in einem Eisenbahnzug erfunden (das genaue Datum und die Stunde könnten zweifellos rekonstruiert werden), als der Psychologe Max Wertheimer über das optische Verhalten der Leitungen und Masten des Telegrafensystems nachsann, das parallel zum Schienenstrang verlief (Wertheimer 1964). Je nachdem, ob der Zug schneller oder langsamer fuhr, erschienen die Masten zunächst als das, was sie waren (das heißt einzelne Masten in einer Reihe), dann als ein einziger Mast, der in einer Wellenbewegung vor- und zurücktrat, und dann wieder als ein einziger Mast, der an einem bestimmten Punkt außerhalb des Fensters zu gefrieren schien, während die Drähte selbst das Aussehen eines feststehenden Drahtes annahmen, der auf und ab wippte. Immer noch der Legende nach verließ Wertheimer in Frankfurt den Zug, ging in ein Spielwarengeschäft und kaufte ein Kinder-Stroboskop, um diese bekannten, aber merkwürdigen Effekte besser untersuchen zu können, da sie von der vorherrschenden Reflex-Lehre oder Assoziationspsychologie überhaupt nicht gut erklärt werden konnten. Das Ergebnis war zwei Jahre später der Text: »Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegungen« (Wertheimer 1912), in dem er das Konzept eines »Phi«-Phänomens oder eines integrativen Prinzips darlegte, durch das der Organismus einzelne serielle Sinneseindrücke in eine einheitliche Wahrnehmung oder kontinuierliche Bewegung übersetzt; und so wurde die Gestalt-Schule geboren.
In Wirklichkeit verlief die Entwicklung natürlich viel allmählicher, mit einigem Auf und Ab, wie es bei theoretischen Durchbrüchen immer der Fall ist – sie war viel atomistischer oder »assoziativer« im Gegensatz zu diesem sehr gestaltmäßigen Mythos eines einzigen Augenblicks Newtonscher Einsicht. Das Problem atomisierter versus kontinuierlicher Wahrnehmung geht mindestens bis zu Zeno im fünften Jahrhundert vor Christus zurück, mit dessen berühmtem Paradox von der Schildkröte und dem Hasen (da sich die Schildkröte immer weiter vorwärts bewegt, wie langsam auch immer, während der Zeit, die der Hase braucht, um dahin zu gelangen, wo die Schildkröte vorher war, kann er die Schildkröte rein logisch gesehen scheinbar nie überholen). Die Schwierigkeit besteht hier in der scheinbaren Unvereinbarkeit von fragmentierten und kontinuierlichen Prozessen, ganz gleich wie klein die Fragmente sind, in die man das betreffende Wahrnehmungsphänomen zergliedert (wie das Assoziationsmodell es vorhatte). In der Mathematik wurde dieses Problem theoretisch erst nach ein paar tausend Jahren durch die Erfindung der Differentialrechnung durch Newton und Leibniz gelöst – also durch die Mathematik kontinuierlicher Funktionen. In der Psychologie geht die Verwendung des Begriffs »Gestalt« selbst – für diese und andere Probleme des assoziativen Ansatzes – auf v. Ehrenfels im Jahr 1890 zurück (es war auch v. Ehrenfels, der die Begriffe »Figur« und »Grund« in die Wahrnehmungspsychologie einführte, s. Koffka 1935). Mach selbst, der gewöhnlich als Begründer der modernen Psychologie angesehen wird, war nicht nur mit den »reinen assoziativen« oder Reiz-Reaktions-Mustern in seiner Forschung beschäftigt, sondern auch mit der umfassenderen Frage, wie es kommt, dass die Dinge uns so erscheinen, wie sie es tun (Petermann 1932, 3). In ähnlicher Weise widmeten sich Schumann (1900), Müller (1923), Krüger (1913, 1915) und besonders Martius (1912) alle der Qualität der »Ganzheit« in der Wahrnehmung und kritisierten auf verschiedene Weise die »atomistische« Theorie, die besagt, dass Wahrnehmung nur die Summe einer Reihe einzelner Stimuli sei, von denen jeder vermutlich eine bestimmte Gehirnzelle oder mehrere Zellen aktivieren würde – und verwendeten solche vereinheitlichenden Begriffe wie »Produktion«, »Kohärenz-Theorie«, »Komplexqualität« und sogar »Gestaltqualität«. Exner schrieb 1894 (im gleichen Jahr also, in dem Freud zum ersten Mal die »Abwehrmechanismen«, eine weitere »ganze Konfiguration« der Funktionsweise erwähnte, mit der ich mich eingehend in den nächsten Kapiteln befassen werde) folgendes: »Der ganze Eindruck, der durch ein Bild erzeugt wird, das über die Retina blitzt, wird durch die Erregung unzähliger und funktional unterschiedlicher Fasern ausgelöst. Dass wir trotzdem einen einheitlichen Eindruck gewinnen, in welchem die getrennten Sinneswahrnehmungen unbemerkt bleiben, ist in dem begründet, was ich das Prinzip zentraler Konfluenz nennen würde« (Exner 1894, 201). Exners »zentrale Konfluenz« kommt dem Phi-Phänomen von Wertheimer zwanzig Jahre später sicherlich sehr nahe.
Nach den Vorstellungen der »Wundt-Schule« oder der reinen Assoziationstheorie, die zur Jahrhundertwende vorherrschte, sollte Wahrnehmung folgendermaßen vor sich gehen: Ein bestimmter, unterscheidbarer Reiz in der Umgebung – sagen wir eine bestimmte Frequenz und Intensität von Licht, die von einem bestimmten Objekt ausgesandt wird und mit physikalischen Geräten messbar ist – trifft in einem bestimmten Winkel und mit einer bestimmten Energie auf die Retina. Dies löst Schritt für Schritt eine weitere neurologische Sequenz aus, die wiederum zu der Stimulierung einer bestimmten Gehirnzelle oder einem Muster von Zellen führt, welche dann entweder das geistige Bild »produzieren« oder irgendwie selbst dieses Bild »sind« (das Modell ist an dieser entscheidenden Stelle ein wenig unklar; siehe die Diskussion bei Koffka 1935; auch Köhler 1947). Die Theorie ist also in zweierlei Hinsicht »reduktionistisch«: Das heißt, das geistige Ereignis kann ganz exakt auf physische Ereignisse »außerhalb« reduziert werden und vice versa. Theoretisch zumindest sollte es also eine Eins-zu-Eins-Entsprechung zwischen äußerem Objekt und innerem Bild geben (oder zumindest zwischen innerem Bild und dem, was die Assoziationspsychologen den »unmittelbaren Reiz« nannten, in diesem Fall also das tatsächliche Maß und die Qualität des Lichtes, das auf die Oberfläche der Retina traf – da das »Ding an sich« als Reiz unter den unterschiedlichen Bedingungen des Lichts, der Distanz, der Luftqualität, der Bewegung usw. variieren kann).
Auf die Frage, wie eine endliche Zahl von Zellen der Netzhaut solch ein erstaunlich großes Spektrum von geistigen Bildern hervorbringen kann, ist die Antwort der Assoziationstheoretiker: durch eine Neukombination und Permutation unabhängiger Elemente, d.h. Zellen. Ein Bild zur Veranschaulichung könnte etwa das Telefonnetz einer großen Stadt sein, bei dem die Neukombination von lediglich zehn einfachen Reizelementen in einheitlich variierenden kleinen Ketten von jeweils sieben Elementen verantwortlich ist für alle Telefonverbindungen, sagen wir, von New York City mit ihren vielen Millionen verschiedener Möglichkeiten, ganz abgesehen von den möglichen funktionalen Erweiterungen, Konferenzschaltungen, Ruf-Weiterschaltungen, Wartepositionen, ja sogar Vermittlungshilfen und anderen Möglichkeiten, um die Ketten selbst neu miteinander zu verbinden. Wenn man drei weitere Elemente hinzunimmt, kann man ganz Nord-Amerika erfassen; noch einmal etwa fünf weitere Elemente, und man hat die ganze Welt versorgt. Auf diese Weise ist es möglich, wie die Assoziationstheoretiker behaupten, Konstrukte und komplexe Erinnerungen, sogar abstrakte Ideen und Problemlösungsmuster aus einer begrenzten Zahl einfacher einheitlicher und voneinander unterscheidbarer »Bausteine« durch komplexe Neukombinationen aufzubauen, ohne vage und tautologische »Geister in der Maschine« einführen zu müssen, die erklären, wie die Elemente sich organisieren.
Bei solchen Annahmen ist es natürlich, dass sich viele Laborforschungen nach diesem Paradigma auf die Phrenologie konzentrierten: Das heißt, wo genau im Gehirn könnten die Pfade und speziellen Zellen gefunden werden, in denen die einzelnen Sinneseindrücke »aufbewahrt« wurden, und wie wurden diese Zellen nach dem Reiz-Reaktions-Muster mit anderen kombiniert (vgl. die Diskussion dieser Art von Metaphorik als Forschungsorientierung in der Assoziationstheorie bei Goldstein 1939, 1940; auch bei Koffka 1935, bes. Kap. III). Viel von dieser Arbeit wurde, wie Goldstein hervorhob (1939) dann auch gar nicht in vivo durchgeführt, sondern beschäftigte sich mit Reaktionsmustern des Nervengewebes in vitro oder mit den Nervenreaktionen hirntoter Tiere, deren Gehirne entrindet worden waren und die tatsächlich die Art reiner »reizgebundener« Reaktionsmuster des assoziativen Modells demonstrierten, ganz ähnlich, wie sie Goldstein später bei bestimmten hirngeschädigten Kriegsveteranen im vorderen Hirnlappen finden sollte. Auf diese Weise tendierte das Arbeitsparadigma, wie immer in der Wissenschaft, dazu, den Forschungsansatz zu steuern – ein Phänomen, das übrigens durch die Gestaltspsychologie am besten erklärt werden kann. Die zugrundeliegenden Annahmen des Modells, die oft nicht überprüft werden, bestimmen auf fragwürdige Weise die Bedingungen und Vorgehensweisen der Forschung und die Art von Fragen, die gestellt werden – und daher auch die Befunde, die dann das Modell bestätigen. Dass die Gestaltforschung selbst dieser Art von ungeprüften Annahmen gegenüber nicht immun war, wird in der folgenden Erörterung deutlich werden.
Das Problem jedoch mit dieser Art eines »Netzwerk«- oder »Schaltkreis«-Modells als Erklärungsmetapher in der Assoziationstheorie ist, dass man sich das Gehirn nicht so vorstellen darf, dass es nur das Telefonnetz enthält mit seinen vielen tausend Kilometern Kabel und den verschiedenen Schaltfunktionen, sondern dass man in gewisser Hinsicht auch alle Telefonkunden mitdenken muss; nicht nur die Schaltungen, sondern die Botschaften, die durch diese Drähte gehen, die Gespräche, Bilder, Prozesse, Interaktionen, all diese sind auch irgendwie »im« Gehirn, und zwar scheinbar in einer organisierten und steuerbaren Weise. An diesem Punkt bricht die Assoziationsmetapher zusammen, und man ist geneigt zu fragen, wie man von solch einer vereinfachten und offensichtlich naiven Auffassung des geistigen Lebens jemals erwarten konnte, dass sie brauchbare und vollständige Erklärungen hervorbringen könnte für komplexe abstrakte, geistige Funktionen, die weit abseits von irgendwelchen »unmittelbaren Reizen« auf einer qualitativ anderen Ebene stattzufinden scheinen.
In aller Fairness muss gesagt werden, dass das ursprüngliche Modell selbst, trotz einiger überzogener Forderungen neuerer Behavioristen, wahrscheinlich niemals solche Ansprüche erhob. Die Assoziationstheorie war, ursprünglich zumindest, vor allem der Versuch, mit einigem tautologischen oder »mentalistischen« Ballast aufzuräumen, den die Psychologie von der Philosophie her mitgeschleppt hatte, deren Zweig sie bis noch vor einem Jahrhundert immer war (vor allem mit ihren aristotelischen Konstrukten, die Bewegungen der Motilität zuschrieben, Zweck der Zweckhaftigkeit, Willen der Intentionalität usw.). In ihrem Versuch, von der endlosen Erzeugung von Zirkelschlüssen wegzukommen, waren sich die Assoziationstheoretiker (wie die vorigen Zitate zeigen) selbst einiger der Begrenzungen ihrer eigenen Theorie sehr wohl bewusst (s.a. Mandler & Mandler 1964) und brachten ständig eigene Konstrukte zweiter und dritter Ordnung hervor wie z.B. Lernen, Erfahrung, Interpretation, selektive Aufmerksamkeit und Emotionalität, um die offensichtlichen Transformationen von Sinnesdaten nach ihrem »Eintritt« in das Nervensystem zu erklären (Koffka 1935). Wenn sich das Modell dennoch so lange halten konnte (vgl. Petermann 1933, der wahrscheinlich den letzten Versuch unternahm, es systematisch zu verteidigen), dann geschah dies wahrscheinlich aus vorwiegend zwei Gründen. Der erste liegt in der schlichten Tatsache, dass Empfindung, Wahrnehmung und Denken offensichtlich auf irgendeine Weise mit der Welt »realer« externer Reize verbunden sein müssen, weil sonst schwer einzusehen ist, wie der Organismus jemals erfolgreich mit der Umgebung, wenn auch auf unvollkommene Weise, interagieren können sollte. Und der zweite Grund besteht in den wissenschaftlich-philosophischen Verbindungen zwischen dem Assoziationsmodell und der Newtonschen Physik, die solch eine einfache und befriedigende Reduktion der komplexen Erscheinungswelt auf einige wenige grundlegende Kräfte und Partikel ganz nach dem Paradigma der Assoziationstheorie anbot. Wenn man nach dem Newtonschen Modell zumindest theoretisch jemals damit fertig würde, die genaue Position und Geschwindigkeit auch des letzten einzelnen Partikels des Elementarstoffs im Universum zu katalogisieren – dann wüsste man folglich wenigstens potentiell nicht nur alles, was irgendwo zu einer bestimmten Zeit im Universum geschieht, sondern auch alles, was jemals geschah und geschehen wird. Praktisch gesprochen würde man natürlich niemals alle Koordinaten auflisten können. Jedenfalls gäbe es aber kein theoretisches Hindernis gegenüber totalem Wissen, nur eines der Zeit und der Ressourcen. Kurz gesagt, die Geheimnisse des Universums wären aufgeschlüsselt, und der Mensch würde sich hinsichtlich der physischen Welt schnell auf eine Position der Allwissenheit zubewegen. Wenn die geistige Welt dann auch noch erobert werden könnte, wäre diese Position wahrlich gottähnlich.
Die verführerische Kraft dieses Eroberungs- und Steuerungsmodells ist offensichtlich; selbst heute noch können wir es als einen berauschenden, wenn auch verlorenen Traum nachempfinden. Verloren, weil die Physik selbst, die die frühen Psychologen (und auch einige nicht so frühe) als ihren Prüfstein und ihren Führer nahmen, bereits damals ironischerweise fast hinweggeschwemmt wurde, und zwar zunächst durch die allgemeine Relativitätstheorie nach der Jahrhundertwende und dann in noch niederschmetternderer Weise in den zwanziger Jahren durch Heisenbergs Unschärferelation, die beide für sich den Nachweis beanspruchten, dass solch ein absolutes Wissen seiner eigenen Natur zufolge unerreichbar sei.
Trotzdem und ungeachtet der Ungereimtheiten des Assoziationsmodells, auf das die Gestalt-Schule so heftig reagieren sollte, war es dennoch dieses Paradigma, das für die ungeheure Produktivität der behavioristischen Schule in all ihren vielfältigen Verzweigungen einschließlich der Anwendungen auf Psychotherapie in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts unmittelbar verantwortlich war. Ein starker Irrtum (wie Aquin sagte und wie Paul Goodman ihn in seinen Arbeiten, die ich in den folgenden Kapiteln erörtern werde, gern zitierte) ist immer besser als eine schwache Wahrheit; und nirgends ist dies offensichtlicher als in der wissenschaftlichen Forschung. Die Gestalt-Schule beanspruchte dagegen jene dritte Möglichkeit, nämlich eine starke Wahrheit erfasst zu haben, deren Konsequenzen ich im folgenden erörtern werde.
Die Gestalt-Schule – frühe Arbeiten
Wertheimers ursprünglicher Aufsatz von 1912 wich rückblickend betrachtet trotz alledem nicht allzu sehr von den Prinzipien der Assoziationstheorie ab. Zwar identifizierte er einen spezifischen »einheitlichen Prozess« – das Phi-Phänomen –, durch den die einzelnen Reize innerhalb des Subjekts in ein kontinuierliches Bild übersetzt wurden; und in dieser Hinsicht kann man sagen, dass er sich von der reinen »reizgebundenen« Position wegbewegt hatte. Aber diese »einheitlichen Prozesse« wurden selbst »in besonderer Weise auf der Grundlage einer einzigen Erregung konstruiert« (Wertheimer 1912). Dies ist mit anderen Worten wieder Exners zentrale Konfluenz, eine Art Verschmelzung (oder ein »Kurzschließen«, wie Wertheimer es ausdrückte) von einzelnen Erregungen des Rezeptors. Das heißt, die Betonung und die Steuerung in der Wahrnehmung wird immer noch den externen Reizen und ihren entsprechenden Eins-zu-Eins-Erregungen zugesprochen, die dann auf einem bestimmten Energieniveau »einen Sprung machen« und sich sozusagen in dem Kreislauf des Empfänger-Subjekts selbst vermischen. Dies ist wiederum wie bei vielen der einfacheren Modelle der Assoziationstheorie eine Sichtweise, die in vieler Hinsicht dem Alltagsverständnis entspricht: Das, was ich sehe, ist offensichtlich auf bestimmte und recht abhängige Weise mit dem verknüpft, was »da draußen« gesehen werden kann. Wie sonst könnte meine Welt so praktisch funktionieren, wie sie es tut? Beispielsweise steuere ich hauptsächlich mit meinen Augen; ich falle selten hin und fahre auch nicht gegen einen Baum. Mein Nervensystem »nimmt« daher das »auf« und verarbeitet es, was mehr oder weniger »dort« ist – wie die Assoziationstheoretiker behaupten. Die Frage ist nicht, ob dies geschieht, sondern wie es geschieht. In dieser Hinsicht hatte Wertheimer 1912 noch keinen sehr großen Schritt über die anerkannte Erklärung der Assoziationstheoretiker hinaus getan.
Aber es gab da einen kleinen Unterschied, und um diesen kleinen Unterschied hinsichtlich einer etwas komplexeren Rolle des Subjekts herum – wenigstens was die Erklärung der Wahrnehmungsprozesse gegenüber dem vorherrschenden Modell betraf – entwickelten sich rasch eine neue Denkrichtung und ein neuer Arbeitszusammenhang. Die jungen Psychologen Wolfgang Köhler und Kurt Koffka vereinten ihre Kräfte mit denen Wertheimers zunächst in Frankfurt und später in Berlin und begannen bald zusammen mit ihren Studenten und Schülern, eine Reihe von Schriften herauszubringen sowie Experimente und Argumente zu entwickeln, die alle das Ziel hatten, die viel größere Aktivität des »passiven« wahrnehmenden Subjekts hervorzuheben, als dies zuvor angenommen wurde, und die Unterordnung all dieser Aktivitäten unter bestimmte allgemeine Prinzipien der Organisation zu skizzieren. Sie gingen über die ursprüngliche Behandlung der Wahrnehmung kontinuierlicher Bewegung und des Phi-Phänomens hinaus und verlagerten ihren Fokus auf die allgemeinere Frage der Konfiguration selbst: Das heißt, wie kommt es, dass wir überhaupt »Dinge« in eigenständiger und abgrenzbarer Weise sehen, wie wir es normalerweise tun, aus der visuellen Kakophonie von Lichtreizen, die auf uns im Augenblick des Öffnens unserer Augen eindringen? Wie kommen wir, besonders in ungewöhnlichen (und daher, nahm man an, veranschaulichenden) Fällen wie zum Beispiel optischen Illusionen, Einschätzen der Größe und des Abstands oder begrenzter Sichtbarkeit und Skizzenhaftigkeit zu Gesamteindrücken von Dingen aus diesem Beschuss »ursprünglicher« Reize? In einer außerordentlich fruchtbaren, paradigmatischen Veränderung war die Antwort Wertheimers, dass eben dies nicht geschieht. Es sind gar nicht, so argumentierte er, die »ursprünglichen« Reize, die von den Wahrnehmungsorganen »aufgenommen« werden, sondern vielmehr die ganzen Konfigurationen. Im Hinblick auf den wahrnehmenden Organismus heißt das, dass das »sinnvolle Ganze« der Reiz ist (Wertheimer 1959). Von daher kommt das berühmte Gestalt-Diktum (Koffka 1935), dass das Ganze den Teilen vorausgeht. Diese ganzen Konfigurationen oder »Figuren« (um Ehrenfels’ Terminologie zu benutzen, die von der Gestalt-Schule übernommen wurde) können dann in untergeordnete Teile aufgegliedert oder analysiert werden; aber diese Teile haben selbst die gleichen Merkmale der Figur vor einem Grund – das heißt der ganzen Konfiguration: Wäre dem nicht so, könnten wir sie nicht »sehen«; das ist es, was »sehen« bedeutet. Wenn die ganze Konfiguration bruchstückhaft oder unterbrochen oder sonst irgendwie unvollständig ist, neigt das Subjekt dazu, dennoch das Ganze zu sehen (Köhler 1922; Wertheimer 1925) oder etwas zu unternehmen, um die fehlenden Teile zu ergänzen, oder es erfährt eine messbare Spannung und subjektive Frustration. Auf diese Weise sind wir »verdrahtet« (um eine spätere kybernetische Metapher zu verwenden); unter normalen Umständen rufen isolierte »ursprüngliche« Reize bei den Subjekten organisierte Reaktionen hervor, die über dem Niveau des »reinen Reflexes« oder Zuckens liegen (Goldstein 1940); »höhere«, besser organisierte Reaktionen können auch nicht aus den elementaren Zuckungen, die nach dem berühmten Bild des Assoziationsmodells aufgefädelt wären wie »Perlen auf einem Faden«, »aufgebaut« werden (Koffka 1935). Organisation, organisierte Figur, ist der ursprüngliche »Baustein« der Wahrnehmung und der Reaktion des Subjekts auf den Wahrnehmungsreiz. Daher sollte sich die Aufmerksamkeit der Forschung auf diese organisierte Figur – ihre Analyse, ihre Merkmale, ihre Gestalt, Struktur und Auflösung – richten.
An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass es in dieser frühen Phase der Gestalttheorie noch etwas unklar bleibt, ob die »organisierten Ganzheiten«, über die wir sprechen, »in« der Natur oder »in« dem Wahrnehmungsorganismus, also in der Struktur des Nervensystems selbst (oder vielleicht, wie wir heute eher sagen würden, in der Wechselbeziehung dieser beiden) gefunden werden. Mit anderen Worten – um die Richtung der nachfolgenden Gestaltforschung vorwegzunehmen (z.B. Lewin 1926) –, ist es das eigene Interesse des Subjekts oder irgend ein anderer subjektiver Drang, der bestimmte Formen, bestimmte Figur-Grund-Zergliederungen aus einem Feld organisiert, das für sich genommen fast unendlich formbar ist? Oder sind die Wahrnehmungsstrukturen, die Gestalten (im Original deutsch; Anm. d. Übers.), über die wir hier sprechen, bereits in der Umgebung vorgegeben?
Hinsichtlich dieser Frage blieb Wertheimer selbst für den Rest seines Lebens mehr oder weniger unschlüssig (Wertheimer 1961; Köhler 1959). In dieser frühen Phase seiner eigenen Forschung neigte Wertheimer mit seinen Kollegen sicherlich dazu, den Akzent bei dieser Interaktion auf die Seite der Umwelt zu legen. Ein großer Teil der Forschungsenergie wurde daher in die Bemühung investiert, die verschiedenen Merkmale und Eigenschaften der Gestalt oder des Figur-Grund-Prozesses abzugrenzen. In diesem Prozess brachte vor allem Wertheimer eine scheinbar endlose Reihe von »Gesetzen« über das »Verhalten« der Wahrnehmungsgestalten hervor. Die Gesetze der Nähe, der Gleichheit, der Geschlossenheit sowie die Prinzipien der Klarheit, Bestimmtheit, Einheit, Begrenztheit und Trennung, ja sogar abstrakte Kategorisierung selbst (was jedoch kein Erklärungsprinzip nach der Sichtweise der alten »mentalistischen« Konstrukte, wie ich sie oben erörterte, zu sein scheint) – all diese wurden zu unterschiedlichen Zeiten postuliert, und es wurden Versuche unternommen, sie in dem Bemühen zu messen (Köhler 1920, Koffka 1930), zu quantifizierbaren und voraussagbaren Regeln zu gelangen, wann eine gegebene Serie »ursprünglicher« Reize in der Umgebung zu einer Wahrnehmungsgestalt »zusammenfließt« und wann nicht. All diese Prinzipien in Wertheimers Modell (Köhler 1920, Petermann 1932) wurden dem Gesetz der Prägnanz untergeordnet, welches schlicht beinhaltete, dass die Wahrnehmung zu einer organisierten Form hin tendiert und dass die Organisation so »gut (d.h. einfach, kohärent) [ist], wie es unter den gegebenen vorherrschenden Umweltbedingungen möglich« ist (Koffka 1935, 110). Mit anderen Worten: die Ökonomie der Organisation, die bestmögliche Bedeutung oder Information in der einfachsten strukturellen Form. Die Übersetzung solcher Abstraktionen in objektive, quantifizierbare Maßeinheiten würde selbstverständlich eine schwierige, wenn nicht unlösbare Aufgabe darstellen.
Im Rückblick muss man sagen, dass diese ganze Forschungsrichtung, die uns heute als auf seltsame Weise von einem assoziationistischen oder sogar »mentalistischen« Geist durchzogen erscheinen mag, im großen und ganzen eine Sackgasse war. Trotz des farbigen Spektrums interessanter und sogar überraschender Wahrnehmungsprobleme, die heute normalerweise mit dem Namen Gestalt verbunden werden, gelang es Wertheimer und seinen Kollegen niemals, jenes Ziel quantifizierbarer Ergebnisse zu erreichen, von dem sie hofften, dass es ihre Psychologie auf das Niveau der »harten« Wissenschaften heben würde (Köhler 1947; Petermann 1932). Der Grund für diesen Fehlschlag lag in der tautologischen Natur der verschiedenen »Gesetze« und Aussagen selbst. Nehmen wir beispielsweise das übergreifende Gesetz der Prägnanz, von dem sich die anderen Gesetze ableiten lassen sollten. Indem die Gestalt-Schule behauptete, dass Wahrnehmungen organisierte Konfigurationen sind, nahm sie eine Verallgemeinerung von Daten vor, die zu einem großen Teil zumindest qualitativ verifizierbar waren. Indem sie von dieser Aussage auf das »Gesetz« schlossen, dass diese Konfigurationen »so gut wären, wie es die Umweltbedingungen erlaubten«, wurde implizit das Versprechen der Messbarkeit hinzugefügt. Aber was ist »gut«, und welches sind diese »vorherrschenden Bedingungen«? In der Praxis erwies es sich als unmöglich, diese Konzepte experimentell zu überprüfen, (außer was die Ergebnisse selbst betraf, d.h. die besondere Auflösung in Figur und Grund, die tatsächlich erreicht wurde). D.h., die abhängige Variable (»gute Gestalt«), die sich dem »Gesetz« zufolge mit der unabhängigen Variable (»vorherrschende Bedingungen«) verändern sollte, konnte nur in den Begriffen jener Bedingungen definiert werden und vice versa. Von der Absicht her sollte sich »gut« auf einen Zustand minimaler Energie beziehen (Köhler 1920; 1922) – in Analogie natürlich zu jenen bevorzugten Zuständen physikalischer Systeme, auf die die frühen Gestalttheoretiker ihr eigenes Modell zu gründen hofften. Diese »minimale Energie« konnte jedoch als Ergebnis nur vermutet, nicht gemessen werden – ganz ähnlich wie die »vorherrschenden Bedingungen« auch. Von diesen nahm man an, sie seien von der Art, dass sie genau jene bestimmten Figur-Grund-Auflösungen hervorbrachten, die tatsächlich von dem Subjekt erzeugt wurden, und nicht von anderen Faktoren.
Rückblickend können wir uns auch fragen, warum Wertheimer dazu neigte, die eine »vorherrschende Bedingung« aus seinen Überlegungen auszuklammern – das eigene Interesse, die Motivation oder das Bedürfnis des Subjekts –, die am ehesten messbar gewesen wäre, und warum er keinen definitorischen Weg aus den tautologischen Problemen, die mit dem Wort gut gegeben waren, anbot. (Das heißt, wenn »gut« wenigstens mit irgendeinem Ergebnis oder einer Bedürfnisbefriedigung des Subjekts in Beziehung hätte gesetzt werden können, dann wäre es unabhängig von den anderen experimentellen Variablen definierbar gewesen und hätte der Validierung der »Gesetze« besser dienen können.) Die naheliegende Antwort wäre, dass solch eine Berücksichtigung des innneren Zustandes des Subjektes der frühen Gestalt-Schule als »vitalistisch« erschienen wäre (Wertheimer 1925) – das heißt, man hätte vage und subjektive »innere Zustände« als erklärende Konstrukte im alten Sinne des Assoziationsmodells eingeführt. Tatsächlich zählten Interesse und selektive Aufmerksamkeit zu denjenigen Prinzipien, die die Assoziationstheoretiker anführten (Köhler 1925; Müller 1923), um die Organisation der ursprünglichen Empfindungen innerhalb des wahrnehmenden Subjekts zu erklären. Außerdem kommen, wie Goldstein später zeigen sollte (1939), Fragen des Interesses und der Bedürfnisse nicht so leicht oder nicht notwendigerweise unter Laborbedingungen für visuelle Wahrnehmung zum Tragen, bei denen Menschen (oder gelegentlich auch Tiere) einfach aufgefordert werden, über das zu berichten oder darauf zu reagieren, was sie sehen, im allgemeinen anhand von täuschenden oder mehrdeutigen Reizen, die keine besondere persönliche Bedeutung für die Versuchspersonen selbst haben.
Dass der Akt oder der Prozess der Wahrnehmung sowie der Prozess der Auflösung der Wahrnehmung selbst von eigenständigem Interesse oder von einer Notwendigkeit für das Subjekt seien, stellte eine der entscheidenden Entdeckungen der Gestalt-Schule dar. Aber gerade deshalb fürchteten sich die Gestalt-Forscher der ersten Generation zweifellos davor, dass der reine zu untersuchende Prozess verzerrt oder verwischt worden wäre, statt geklärt zu werden, wenn man zu viele andere »Lebensnotwendigkeiten« zugelassen hätte, die über den faszinierenden und unvermeidbaren Tanz der Figur-Grund-Auflösung selbst hinausgegangen wären. Dies war schließlich ihr eigener, spezieller theoretischer Beitrag. Mit anderen Worten, wir haben hier wieder einen Fall, bei dem die Annahmen des Modells die Wahl des experimentellen Materials und die Bedingungen bestimmen – wobei die Ergebnisse dann dazu neigen, die ursprünglichen, teilweise ungeprüften Annahmen in ihren eigenen Begriffen zu bestätigen. Es erwies sich jedoch (im Gegensatz zu den reinen Behavioristen) niemals als möglich, eine besonders interessante oder nützliche Theorie der Persönlichkeit, der umfassenderen menschlichen Funktionsweisen, zu konstruieren, ohne auf die Berücksichtigung der Bedürfnisse oder Intentionen des betroffenen Subjekts selbst zurückzugreifen. Es ist daher nicht überraschend, dass genau in diesem vernachlässigten Bereich – selektive Aufmerksamkeit, Interesse und Bedürfnis – die nachfolgenden und äußerst fruchtbaren Erweiterungen des sich entwickelnden Gestaltmodells vorgenommen wurden; Erweiterungen, die Wertheimer selbst niemals ganz begriff, die aber für unsere weitere Diskussion der Erweiterung des Wahrnehmungsmodells der Gestalt für die Bereiche der Persönlichkeitstheorie und der Psychotherapie von entscheidender Bedeutung sein werden.
Die Erweiterung des Modells von Wertheimer
Zwischenzeitlich wurden im Rahmen der allgemeinen Gestaltbewegung beachtliche Anstrengungen unternommen, die immer noch vorherrschende Assoziationstheorie oder Wundt-Schule zu untergraben (Petermann 1932). Nehmen wir beispielsweise die scheinbar einfache Frage der subjektiven Wahrnehmung von Farben. Falls es jemals einen Bereich hätte geben können, in dem die reine Assoziationstheorie eine vollständige Erklärung hätte anbieten können, wäre es dieser gewesen. Das heißt, dass Farbe, weiße Beleuchtung vorausgesetzt, eine Qualität hätte sein müssen, die »rein« im Reizobjekt, falls es so etwas gibt, hätte vorhanden sein müssen. Außerdem ist die Lichtfrequenz leicht durch ein Spektrometer messbar. Im Falle von Weiß und Schwarz sollte die Reflexion oder Absorption des Lichtes durch das Reizobjekt gleichfalls objektiv messbar sein. Mit anderen Worten, wir »wissen« durch das Maß an Licht, das davon zurückgestrahlt wird und die Retina berührt, dass ein weißes Objekt weiß ist – und das gleiche gilt für das schwarze Objekt.
Eine ganze Reihe von Experimenten durch Katz, Gelb und andere zeigte jedoch, dass dies keineswegs der Fall ist – oder zumindest längst nicht so eindeutig, wie es das Assoziationsmodell vorherzusagen schien (Katz 1911; Gelb & Goldstein 1920; erörtert in Koffka 1935). Betrachten wir beispielsweise die Reihe, die als »Experimente mit dem weißen Tischtuch« bekannt ist (Koffka 1935, 110ff, 240ff). Den Versuchspersonen wurden zwei verschiedene Szenen gezeigt, entweder nebeneinander oder in Reihe. In dem einen Experiment erscheinen ein weißes Tischtuch und verschiedene andere Objekte darauf und drum herum. Im anderen ist die Szene die gleiche, nur dass das weiße Tischtuch durch ein schwarzes ersetzt wurde. Die Beleuchtung der beiden Szenen wird dann so verändert, dass das Maß an Licht, das von dem schwarzen Tischtuch abgestrahlt wird, tatsächlich größer ist als das Maß, das das weiße Tischuch abstrahlt. Mit anderen Worten: Eine Szene ist hell erleuchtet, die andere nur schwach beleuchtet. Und doch hatten, was gar nicht überraschte, die Versuchspersonen absolut keine Schwierigkeit zu erkennen, dass das weiße Tischtuch wirklich weiß und das schwarze schwarz war, und dies trotz der Tatsache, dass das schwarze Tischtuch tatsächlich dem »unmittelbaren Reiz« zufolge »weißer« war als das weiße und umgekehrt. Soviel zur direkten Entsprechung grundlegender, unmittelbarer Reize zu ihren zusammengesetzten Wahrnehmungseffekten. Aber was geht hier vor? Wie gelingt es der Versuchsperson, dieses »korrekte« Urteil in offenkundiger Zurückweisung der vorgegebenen Reiz-Bedingungen zu fällen? Offensichtlich ist da eine Art von Selektion und Organisation von Zeichen des »ganzen Feldes« am Werk, durch die die Versuchsperson zu einem relativierenden Urteil von Weiße gelangt, das auf den Beleuchtungsunterschieden verschiedener anderer »Bezugsreize« innerhalb der gleichen Szene gründet. In Koffkas damaligen Begriffen (1935, 250) konstruiert und nutzt die Versuchsperson eine »Gestalt«, die einen »Farbgradienten« einschließt, um das Wahrnehmungs-Urteil zu fällen – eine Interpretation, die sicherlich innerhalb des »Geistes der Gestalt« liegt, mit einer Betonung auf der Organisation der Wahrnehmung, die aber gleichzeitig den Begriff »Gestalt« in ganz anderer Weise verwendet, als es bis dahin üblich war – und eine Interpretation, die der aktiven, selektiven Rolle der Versuchsperson sehr viel mehr Bedeutung beimisst, als es zur damaligen Zeit nach dem Modell Wertheimers möglich gewesen wäre.
Und tatsächlich ist diese Art von kleinem oder auch wieder gar nicht so kleinem Sprung ohne jegliche Erklärung charakteristisch für das erste Jahrzehnt der Gestaltforschung. Es ist also keineswegs klar, dass das ursprüngliche Phi-Phänomen – die Integration getrennter »Empfindungen« in einem einheitlichen Wahrnehmungserlebnis – das gleiche ist wie die Auf lösung statischer visueller Reize im optischen Feld; der ursprüngliche Phi-Faktor scheint übrigens auch nicht aus Wertheimers frühen Experimenten mit dem Stroboskop zu folgen, die sich auf den Eindruck von Bewegung bei Reizen bezogen, die tatsächlich getrennt und stationär waren, während das Phi-Phänomen sich auf den gegenteiligen Fall zu beziehen schien. Die selektive Verwendung von verstreuten Zeichen im Feld wie bei den Tischtuch-Experimenten zur Erreichung eines besonderen Wahrnehmungs-Urteils ist offensichtlich auch nicht der gleiche Prozess wie derjenige, durch den die Figur sich aus einem stationären Grund in einem visuellen oder auditiven Feld »heraushebt«. In all diesen Fällen spielt sicherlich irgendeine Form oder ein Akt der Organisation mit. Nicht so klar ist, ob die Form in allen Fällen die gleiche ist, oder ob die Begriffe »Figur« und »Grund« in sinnvoller Weise für sie alle stehen können. Dieser Punkt wird in den folgenden Kapiteln noch bedeutsamer werden, wenn wir die Erweiterung dieser Konzepte auf die Persönlichkeitstheorie und Psychotherapie erörtern. Damals jedenfalls blieben Sprünge dieser Art bei den Versuchen der frühen Gestalttheoretiker, die Konsequenzen des neuen Paradigmas zu erweitern, unbemerkt – und übrigens auch auf Seiten der Kritiker bei den entsprechenden Versuchen, das neue Modell völlig vom Tisch zu wischen (vgl. Goldstein 1939 und Petermann 1932, mit Überblicken über die spätere Kritik dieser frühen Arbeit).
Nicht etwa, dass die Assoziationstheoretiker keine Antworten auf Fragen wie diese nach der Wahrnehmungsorganisation und dem Urteil gehabt hätten. Wie bereits oben angedeutet ist die Antwort, allgemein gesagt, Erfahrung (oder wie wir wahrscheinlich heute sagen würden, Lernen – vgl. beispielsweise Koffka 1915; und Köhler 1925). Zweifellos, so lautete die Antwort der Assoziationstheoretiker, zeigen Menschen alle diese interessanten und komplexen Prozesse; zweifellos neigen sie dazu, Bilder in Figur und Grund aufzuteilen, kontinuierliche Bewegung da zu sehen, wo keine ist, und vice versa, trickreiche optische Illusionen zu lösen und sogar komplexe Urteile über Farbe, Größe, Identität usw. zu fällen. Aber all dies sind gelernte Prozesse – oder betreffen den Komplex sekundärer Erweiterungen erlernter Prozesse (die wahrscheinlich immer noch durch reine Assoziation zusammenhängender Reize und Rezeptoren aufgebaut werden) –, und auf diese Weise widerlegen sie in keiner Weise die grundlegende Position der Assoziationstheorie, dass nämlich die Wahrnehmungs-/Kognitionserfahrung letztlich Stück für Stück auf einheitliche äußere Reize reduzierbar ist. Deshalb wurde es sehr wichtig für Gestalttheoretiker zu versuchen, Experi mente zu entwickeln, mit denen sie nachweisen konnten, dass einige komplexe Prozesse wenigstens »vorstrukturiert« oder im Organismus »enthalten« oder angeboren, und nicht lediglich das Resultat von Lernen (d.h. nicht vollständig auf äußere Reize reduzierbar) wären. Insbesondere Köhler war fasziniert von diesem Problem, das keineswegs leicht auf empirische Weise lösbar ist. Trotzdem kam er der Sache wenigstens in einer Reihe von Experimenten ganz nahe. Sie waren einfallsreich und so erschöpfend und typisch »Gestalt«, dass es sich lohnt, sie hier noch einmal genau anzuschauen; und sie waren für die allgemeine Psychologie in jener Zeit so verblüffend, dass sie mehrmals wiederholt werden mussten, bis die Ergebnisse allgemein akzeptiert wurden (Koffka 1935).
Das Problem war folgendes: Wir alle wissen, dass Dinge, die weiter weg sind, kleiner erscheinen – das heißt, sie präsentieren ein kleineres Bild auf der Retina – als die gleichen oder ähnliche Dinge in der Nähe. Dennoch haben wir wegen einer Reihe von Schlüsseln aus der Umgebung oder von innen (einschließlich beispielsweise Schärfe und Parallaxe) im großen und ganzen wenige oder gar keine Schwierigkeiten zu unterscheiden, welche Dinge in Wirklichkeit größer und welche lediglich näher sind und sogar in welchem Maße dies der Fall ist (ein Gestaltproblem des vierten Typs, wie er oben skizziert wurde). Überdies wird diese Fähigkeit, zu korrekten Urteilen über die relative Größe in Beziehung zu relativer Distanz zu gelangen, von vielen »niederen« Tieren geteilt – sogar von Vögeln, trotz des Fehlens des bifokalen Blicks als wesentliche Unterstützung für diese Aufgabe. Das kann man leicht zeigen, indem man Hühner darauf trainiert, beispielsweise zunächst auf die größere von zwei Scheiben zu picken und dann die größeren Scheiben in beträchtlich größerer Distanz von den Vögeln in Beziehung zu den kleineren legt (das heißt, man sorgt dafür, dass die kleineren Scheiben ein wesentlich größeres Netzhautbild hervorbringen). Im allgemeinen müssen die kleineren Scheiben einer Größe auf der Netzhaut entsprechen, die zwanzig- bis dreißigmal größer ist als die größere Scheibe, bevor die Hühner sich zu irren beginnen und in systematischer Weise die falsche Scheibe bevorzugen (Koffka 1935, 85 ff.).
Natürlich könnte dieser Befund, so interessant er für sich genommen auch sein mag, immer noch das Ergebnis von Lernen sein (und damit, zumindest möglicherweise, das Ergebnis eines rein assoziativen Prozesses, wenigstens in dem Maße, in dem man sich irgendein komplexes, erlerntes Verhalten überhaupt in dieser seriellen Weise aufgebaut vorstellen kann). Was Köhler tat, war, drei Monate alte Küken, die ihren Käfig niemals verlassen hatten, darauf zu trainieren, dass sie nur auf größere Scheiben pickten, und dann konfrontierte er sie mit der experimentellen Situation unter Umständen, bei denen man sich kaum vorstellen konnte, dass ihnen ein ähnliches Problem jemals zuvor begegnet war. Gemäß seiner Vorhersage und nun sogar ohne irgendwelche offensichtliche Gelegenheit vorherigen Lernens, zeigten die Küken keinerlei systematische Schwierigkeit beim »Wissen«, dass kleinere Bilder unter bestimmten Bedingungen größere Objekte in größerer Entfernung »bedeuteten« und vice versa. Überdies hielt dieser Befund bis zu Größenrelationen von zwanzig- bis dreißigmal an, vergleichbar jenen für »erfahrene« erwachsene Hühner (Köhler 1915). Entweder ging hier irgendein »angeborener« Organisationsprozess vor sich, oder aber die Fähigkeit der jungen Küken, dieses extrem komplexe Urteilsverhalten auf der Basis scheinbar vernachlässigbarer Erfahrung zu lernen, war so mächtig, dass es auf eine enorm starke Disposition für diese besondere Art des Lernens hinwies – was in etwa auf dasselbe hinausläuft, soweit es die Frage nach der Natur/Erziehung oder der »Vorverdrahtung« betrifft.
In dem Maß, in dem sich die Gestalt auf der Seite der Natur dieser Dichotomie einreihte – wobei der Assoziationismus notwendigerweise auf dem Erziehungspol lag –, hatte die Gestalt die Auseinandersetzung »gewonnen«. Im Rückblick soll hier angemerkt werden, dass sich das Gestaltmodell selbst im Verlauf der Auseinandersetzung und durch die Forschungsergebnisse etwas weiter in Richtung auf den »inneren« Pol einer etwas anderen Dichotomie hinbewegt hatte – das heißt die relative Betonung der »inneren« versus »äußeren« Faktoren in der Gestaltbildung – und damit weg von Wertheimers Forderung nach unabhängigen, objektiven, quantifizierbaren und messbaren Kriterien der »guten Gestalt« in der Umgebung, sofern ein Forscher sie erhalten könnte. Die nächsten Beiträge zur Erweiterung des Gestaltmodells, nämlich die von Kurt Lewin, brachten es noch weiter auf diesem Pfad voran und damit weiter in die Bereiche der Persönlichkeitstheorie und der psychotherapeutischen Anwendung entlang den Entwicklungslinien, die ich hier nachzeichne.
Das Modell Lewins
Lewins Beitrag bestand rückblickend betrachtet darin, dass er das Gestaltmodell aus der Laborsituation herausnahm und auf die viel komplexeren Bereiche des Alltagslebens anwendete. Diese Entwicklung kündigte sich bereits in einem sehr eindrücklichen frühen Text mit dem Titel »Kriegslandschaft« an, den der Autor schrieb, während er noch Dienst an der deutschen Westfront tat (Lewin 1917). Lewins Argumentationsrichtung war folgende: Wenn wir nicht gerade experimentelle Psychologen (oder Versuchspersonen in einem Labor) sind, verschwenden wir nicht viel Zeit unserer Problemlösungsenergie darauf, dass wir einfach still dasitzen und Urteile über Wahrnehmungsszenen bilden, die zweideutig oder sonstwie sind. Viel üblicher und viel instruktiver ist die Situation, bei der wir ein vorgegebenes Feld betreten oder in der wir bereits innerhalb einer bestimmten Umgebung in Bewegung sind, wobei Teile dieser Umgebung auch in Beziehung zu uns oder zueinander in Bewegung sein können. Unsere Aufgabe besteht dann darin, Wahrnehmungsurteile und andere Urteile zu nutzen, um das Feld zu bewältigen oder/und uns durch es hindurch zu bewegen, und dabei versuchen wir, bestimmte Ziele zu erreichen und ungünstige Ergebnisse zu vermeiden.
Nehmen wir beispielsweise die Bewegung einer Person innerhalb der Kriegszone, mit der sich Lewin tatsächlich beim Schreiben dieses Artikels beschäftigte (Marrow 1969). Ganz offensichtlich wird dieses Feld, die ganze Umgebung, von der Person für viel mehr herangezogen und genutzt, denn nicht nur als passiver und neutraler »Grund« für die Bildung von Wahrnehmungs-»Figuren«. Das Feld wird auch nicht nur als Quelle für Zeichen und Schlüssel für komplexe Wahrnehmungsurteile über Größe, Farbe, Identität usw. genutzt, obwohl all diese Prozesse natürlich ständig jederzeit ablaufen. Sondern über all das hinaus oder dem zugrundeliegend wird das ganze Feld oder der Grund vor der Organisation bestimmter Figuren organisiert – und zwar in diesem Fall gemäß der vorherrschenden Bedingung des Krieges. Das heißt, das wahrnehmende (und sich bewegende) Subjekt muss das Feld in eine Art mentale/verhaltensmäßige Landkarte auflösen, indem es (hoffentlich) die wichtigen Punkte für Sicherheit, Gefahr, Schutz, Auswege usw. im Hinblick auf seine eigenen Ziele im Feld hervorhebt. Im Rahmen unserer Gestaltterminologie ist diese Landkarte, diese Konfiguration selbst eine Art Figur, eine organisierte Wahrnehmung oder Gestalt – aber sicherlich eine Figur, die neu und viel komplexer organisiert ist, auf die und in Bezug auf die andere Figuren projiziert und ausgewertet werden. Nicht nur ein einzelnes begrenztes »Objekt« oder Bild (dessen Gestaltmerkmale mit den Reizen à la Wertheimer gegeben sein mögen), das aus einem neutralen Grund ohne gegenwärtige Bedeutung heraustritt, sondern vielmehr eine strukturierte Reihe solcher »Subfiguren« in lebendiger und sich verändernder Beziehung zueinander, zum »Grund« um sie herum und vor allem zu dem Subjekt selbst, während dieses sich bewegt oder unter ihnen wählt. Außerdem ist es diese Figur, diese Gestalt oder Landkarte und nicht irgendein undifferenziertes Feld, das dann im Laufe der Zeit als Grund für verschiedene aufeinanderfolgende Figuren dient – und das wiederum durch sie verändert werden kann, während sie auftauchen oder im Feld ausgewählt werden. Das heißt, die Wahrnehmungsgestalten in den »realen Lebenssituationen« tauchen nicht auf, verschwinden und folgen einander in linearer (oder »assoziativer«) Abfolge wie in der Laborsituation, sondern sie dauern an, koexistieren miteinander und interagieren in einer dynamischen und sich wechselweise strukturierenden Art.
Nehmen wir beispielsweise die Figur eines Heuschobers innerhalb oder gegenüber der Gestalt oder Landkarte der »Kriegslandschaft«. Je nach den momentanen Zielen des Subjekts – Überleben, Eroberung, Flucht, Wiedererkennen, Nahrungssuche, Rast usw. – kann der gleiche Heuschober als Bedrohung oder Schutz, als Deckung oder Hindernis wahrgenommen werden. Und noch darüber hinaus: Sein Wert und sogar seine Identität werden auf unterschiedliche Weise wahrgenommen, je nach dem, wo und wie es in Beziehung zu anderen wahrgenommenen Objekten auf der »Landkarte« liegt – Sichtlinien, Kampflinien, Distanz und Zugang usw. Wenn der Heuschober auf diese Weise wahrgenommen und lokalisiert wird (und der Definition zufolge evaluiert/kategorisiert wird), wird er zu einem Teil des veränderten und organisierten Grundes oder der Landkarte, und neue Figuren können dann in Beziehung dazu auftauchen. Wenn die Person zur Kampftruppe gehört, kann das ganze Feld oder die Landkarte zielorientiert – oder in Lewins späterem Ausdruck vektoriell (Lewin 1951) – in Beziehung zu den gegenläufigen Vektoren des Schlachtfeldes mit sich verändernden Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen organisiert werden. Wenn die Person nicht zu den Kämpfenden gehört oder ein Deserteur oder ein Soldat auf Urlaub oder verliebt ist und seinen Weg durch das Kriegsgebiet zu einem Rendezvous sucht, wird die ganze Landkarte des Feldes entsprechend nach deren besonderen Interessen und Zielen reorganisiert werden.
Mit anderen Worten und um Lewins späteren, eleganten Ausdruck zu verwenden: Das Bedürfnis organisiert das Feld (1926). Alles, was im Feld wahrgenommen wird, stuft das Subjekt entweder als bedeutsam oder bedeutungslos ein, je nach den eigenen Bedürfnissen, und lädt es dann auf oder misst ihm einen positiven oder negativen Wert bei, je nachdem, ob das Wahrgenommene als potentielle Hilfe oder als Hindernis bei der Befriedi gung dieser Bedürfnisse wahrgenommen wird. Darüber hinaus werden untergeordnete Ziele und Figuren in Beziehung zu Zielen und anderen Figuren »höherer Ordnung« organisiert – wobei die »höchste« oder umfassendste Gestalt die Karte selbst oder die »Topologie« des aufgelösten Feldes ist (Lewin 1935). Aufgelöst wiederum entsprechend dem übergreifenden Ziel des Subjekts oder den Zielen im Feld.
Das Kriegsbeispiel ist natürlich in mancher Hinsicht ungewöhnlich, aber eine ganz ähnliche Analyse kann auf alltäglichere Situationen angewandt werden. Nehmen wir den Fall eines Studenten, der neu an ein College kommt. Seine Ziele mögen wenig definiert oder vielfältig sein, aber nehmen wir an, er hat ein klares Ziel, ein klares wahrgenommenes Bedürfnis, nämlich in vier Jahren mit einem annähernd guten Zeugnis abzuschließen, so dass er auf einem bestimmten Vergleichsniveau an einer Graduierten-Schule akzeptiert werden kann. Seine »Landkarte« des Campus, die sich teilweise aus diesem Ziel ergibt, wird sich sehr von der »Landkarte« eines anderen Studenten unterscheiden, dessen Ziele mehr auf Beziehungen oder eine Freundin ausgerichtet sind – oder die eher politisch, künstlerisch oder kriminell oder einfach wissenschaftlich usw. sind. Man kann sagen, dass jeder dieser Studenten innerhalb bestimmter Grenzen, die auf seine jeweilige »Landkarte« durch Merkmale und Beschränkungen der »objektiven« Umgebung eingezeichnet werden, in eine ganz andere »Schule« geht. Darüber hinaus hat jedes Subjekt, wie Goldstein in seinem nachfolgenden Werk behauptete (1940), vor allem jedoch auch das höherrangige Problem der Beziehung eines Bedürfnisses zu einem anderen, eines als wichtig wahrgenommenen Umweltmerkmals zu einem anderen sowie das Problem, dass sich die Aufforderungsqualitäten1 der in Wechselbeziehung miteinander stehenden Bedürfnisse und Merkmale im Laufe der Zeit verändern.
Obwohl all dies möglicherweise messbar ist, entspricht es jedoch einem starken Subjektivismus und ist daher genau von jenem Typ, den vor allem Wertheimer vermeiden wollte, als er das Gestaltmodell konstruierte und erweiterte (1925; s.a. Sherrill 1986). Wenn jeder Mensch aus den gleichen Elementen eine andere Gestalt oder »Landkarte« konstruiert, dann lässt man die Forderung danach hinter sich, jene verlässlichen messbaren Kriterien der Gestaltbildung in der Natur zu finden (um Wertheimers eigene Begriffe zu verwenden, 1922; 1925) – und damit auch die Hoffnung auf eine Psychologie, die vollständig auf Physik reduzierbar ist. Trotzdem scheint die Erweiterung des ursprünglichen Modells in Richtung auf die komplexe Interaktion zwischen Bedürfnissen und Feld im Rückblick eine natürliche Folge jener immer komplexer werdenden Forschungsfragen des Urteils, der Wahl und der Problemlösung (Koffka 1935), die bereits zuvor eine Tendenz hatten, das Modell von seiner früheren Betonung der externen Kriterien der Umwelt oder des Reizes wegzuverlagern. Gleichzeitig kann das neue Modell Lewins genutzt werden, um ein neues Licht auf einige der früheren Arbeiten unter dem Gestaltparadigma zu werfen. Nehmen wir beispielsweise Köhlers Arbeiten über die relative Größe und Distanz von Scheiben, bei denen er Hühner und Affen als Versuchstiere benutzte (1927). Entsprechend Lewins Vorstellungen können wir zu der ebenso einfachen wie entscheidenden Einschätzung gelangen, dass die Experimente mit den Hühnern, die ich zuvor ausführlich beschrieben habe, keinen Sinn ergeben, wenn man nicht in Betracht zieht, dass man mit einem hungrigen Huhn beginnt – denn ein sattes Huhn wird das unmittelbare Wahrnehmungsfeld nicht in größere oder kleinere Scheiben, die näher oder weiter weg sind, auflösen. Um noch einmal Lewins Behauptung zu wiederholen: Das Bedürfnis organisiert das Feld. Eine Betrachtung des Verhaltens müsste also einer vollständigen Gestaltperspektive zufolge das Wissen um die vorrangigen Bedürfnisse einschließen – oder, weniger subjektiv ausgedrückt, die vorexperimentellen Bedingungen (in diesem Fall den Hunger, der herbeigeführt wurde). Ein verschrecktes Huhn wird die Situation ganz anders organisieren und das Verhalten, an dem Köhler interessiert war, so oder so nicht zeigen können. Ähnlich ein sattes, durstiges oder brütendes Huhn usw.
Der Unterschied in der Betonung liegt hier nicht so sehr auf einem theoretischen Widerspruch, sondern auf einer Verlagerung der Diskussion von Fähigkeiten zu Verhalten – eine Unterscheidung, die später wichtig sein wird, wenn wir erläutern, dass das Modell der Gestaltpsychotherapie, wie es von Perls und Goodman entwickelt wurde, sich zu sehr auf Ausdrucksfähigkeit und zu wenig auf die tatsächliche Organisation des Feldes, im Leben des Menschen und seinem Verhalten, konzentriert. Schlicht gesagt ist Köhler am ersten dieser beiden Konzepte und Lewin am zweiten interessiert. Offensichtlich machen die Fähigkeiten eines Menschen (einschließlich der entscheidenden, aber theoretisch vernachlässigten Fähigkeit, diese Fähigkeiten zu organisieren) sein gesamtes Verhalten aus; genauso offensichtlich ist jedoch, dass nicht alle Fähigkeiten eines Menschen in einem gegebenen Augenblick – oder überhaupt – ihren Ausdruck im Verhalten oder in den Auflösungen der Wahrnehmung finden. Es ist also die alte Gestalt-versus-Assoziationismus-Frage auf einer höheren Ebene, die jetzt in den ver schiedenen Zweigen der Gestaltbewegung diskutiert wird: Nämlich, kann man annehmen, dass das komplexe Verhalten (und die Wahrnehmung) des Menschen lediglich aus elementaren Wahrnehmungsfähigkeiten irgendwie »aufgebaut« wird, oder müssen wir nicht von der Organisation bestimmter Fähigkeiten, bestimmter Figur-Grund-Auflösungen in Strukturen höherer Ordnung sprechen? Das ist der Kern der Argumentation, die Goldstein gegen das Assoziationsmodell erhob – und auch gegen einen großen Teil der frühen Gestaltarbeit (Goldstein 1940).
Die ursprüngliche Gestaltgeneration war andererseits überhaupt nicht glücklich über diese Erweiterungen ihres eigenen »objektiven« Modells für das »wirkliche Leben«, die subjektiven Bereiche in den Arbeiten Lewins und später auch Goldsteins, auch wenn sie diese Arbeiten selbst bewunderten (Koffka 1935, 345f). Nichtsdestoweniger muss eine vollständige Theorie der Persönlichkeit wie auch jedes Modell der Psychotherapie, das von solch einer Theorie abgeleitet wird, in der Lage sein, sich mit »wirklichem« Verhalten in diesem Sinne zu beschäftigen und nicht nur mit den verschiedenen Fähigkeiten oder dem »Laborverhalten«, die die »Bausteine« komplexerer und anspruchsvollerer Verhaltensmuster sein können oder auch nicht. Zumindest müsste gezeigt werden, dass, wenn die Theorie an dieser Stelle reduktionistisch sein soll, die Reduktion notwendig aus vollständigen Persönlichkeitstheorien folgt (eine rein immanente Kritik der frühen Freudschen Triebtheorie könnte tatsächlich um nur diesen Punkt herum vorgenommen werden). Dieser Punkt wird in den folgenden Kapiteln immer wieder aufgegriffen werden, wenn die Argumentation entwickelt wird, dass das Modell der Psychotherapie von Goodman und Perls, wie oben behauptet, zu einseitig auf eben diese frühe Laborforschung der Gestalt gegründet war und viel zu wenig auf Lewins und Goldsteins eher holistische Erweiterungen.
Schließlich bringt das Modell Lewins noch mindestens zwei weitere Konsequenzen mit sich, die wichtige Erweiterungen des eingeschränkteren Zugangs der »Labor-Gestalt« waren und die direkte Folgen bei der Anwendung des Modells auf Psychotherapie haben werden. Die erste dieser Konsequenzen hat mit der Tatsache zu tun, dass das Wertheimersche Gestalt-Modell wie das frühe Freudsche Modell (und zweifellos aus denselben Gründen der Fixierung auf die Naturwissenschaften) im wesentlichen ein Spannungsreduktions-Modell war. Als solches unterliegt es wegen seines tautologischen Denkens der gleichen Art von Kritik, wie sie für die »Gesetze« von Wertheimer ausgeführt wurde (s.a. Guntrip 1971 über die theoretischen Probleme des Spannungsreduktions-Modells). Die Spannungsreduktion ist nicht nur schwer zu definieren und zu messen, außer auf zirkuläre Weise (der Endzustand muss per Definition als Zustand geringerer Spannung angenommen werden), sondern es ergibt sich das zusätzliche Problem, dass lebende Organismen offensichtlich – zumindest zeitweise – Anstrengungen unternehmen, um Spannungsniveaus zu erhöhen, nicht zu vermindern (Goldstein 1940). Indem Lewin die Spannungsreduktion durch Bedürfnisbefriedigung ersetzt, beseitigt er zumindest die empirischen Widersprüche, wenn nicht gar die Probleme des Zirkelschlusses in der früheren Gestaltarbeit.
Eine zweite Schlussfolgerung der Arbeiten Lewins hängt mit der Problemlösung zusammen. Mit seiner Sichtweise des »Kartierens und Manövrierens« kommt Lewin tatsächlich der Behauptung nahe, dass das, was wir uns normalerweise als Problemlösung vorstellen, kein Sonderfall des Denkens ist, sondern das Paradigma jeder kognitiven Aktivität einschließlich der Wahrnehmung selbst. Wir haben bereits gesehen, wie die Gestalttheoretiker mit beträchtlichem Erfolg zu demonstrieren versuchten, dass scheinbar einfache Prozesse wie das Sehen von Form oder das Urteilen über Farben tatsächlich sehr differenzierte Auflösungen von komplizierten Reiz-»Problemen« durch den Menschen sind, auf die es offensichtlich eine Vielzahl unterschiedlicher »Antworten« gibt (tatsächlich sollten die frühen Arbeiten mit zweideutigen Reizen, welche die »Gestalt-Eigenschaften« in den Reizen selbst nachweisen wollten, eher diese subjektive Bandbreite veranschaulichen). Aber dies ist fast eine vollständige Definition des Problemlösens – und sie wird sogar noch nützlicher, wenn wir mit Lewin die Überzeugung hinzufügen, dass die »Lösungen« nicht alle gleich sind und dass die Kriterien für »richtige« und »falsche« Antworten von den verschiedenen Bedürfniszuständen des Menschen selbst herrühren (natürlich immer in Wechselbeziehung mit den Bedingungen des Umfeldes). Wenn wir dies wieder in Wertheimers eigene Begriffe zurückübersetzen, könnten wir sagen, dass Problemlösung als grundlegende Tendenz des wahrnehmenden Subjekts das Prägnanz-Gesetz in Aktion sei – nur dass die Bedürfnisbefriedigung jetzt das fehlende Kriterium für jenen schwierigen Begriff »gut« in der früheren Formulierung liefert. Eine neue Generation von Gestaltforschung, die auf dieser Perspektive aufbaute, konzentrierte sich von da an auf das Studium des Problemlösens selbst mit einem Schwerpunkt auf dem damit verbundenen Konzept der Einsicht, das für die psychotherapeutische Arbeit so wesentlich ist (Koffka 1935; Köhler 1940, 1947), sowie auf dem »Aufforderungscharakter« unterbrochener oder anderweitig unerledigter Probleme und Aufgaben (Zeigarnik 1927; Ovsiankina 1976). Diese beiden Forschungsthemen wurden in der psychotherapeutischen Präsentation des Gestaltmodells von Goodman und Perls, wie ich im dritten Kapitel erläutern werde, sehr bedeutsam.
Goldsteins hierarchisches Modell
Der Beitrag des Neurologen Kurt Goldstein war eine letzte Erweiterung des Gestaltmodells im Sinne der Entwicklung zu einer Persönlichkeits- und Psychotherapietheorie (Goldsteins Assistent war für kurze Zeit der Psychiater Friederich [später Fritz] Perls, dessen eigenen Beitrag ich im zweiten Kapitel erörtern werde). Goldstein war wie Lewin und Perls im Ersten Weltkrieg an der deutschen Front, und viel von der nachfolgenden Forschung wurde an hirnverletzten Veteranen und anderen Kriegsgeschädigten durchgeführt. Viele dieser »Stirnlappen«-Fälle, wie Goldstein sie später beschrieb, hatten nicht das Problem der Fähigkeit oder Unfähigkeit, auf diesen oder jenen Reiz nach der Art des Assoziationsmodells zu reagieren, sondern in vielen Fällen bestand ihr Problem in der Unfähigkeit, nicht auf bestimmte Reize zu reagieren (wie z.B. eine Metapher, eine offensichtliche Lüge oder eine sarkastische Bemerkung), die eine normale Person uminterpretieren oder zurückweisen oder einfach ignorieren würde (s.a. Sachs 1986). Das heißt, die hirngeschädigten Fälle, jedenfalls einige von ihnen, waren reizgebunden – genau wie man es, behauptete Goldstein, für Versuchspersonen nach dem alten Assoziations- oder Reaktionsmodell angenommen hatte. Sie konnten ihre eigenen Reaktionen nicht verlässlich auf bedeutungsvolle, zweckvolle, interaktive Weise im Feld organisieren. Das führte Goldstein zu seiner bemerkenswerten Formulierung, dass Verhalten bei normalen Personen immer organisiert ist und immer den ganzen Organismus einbezieht. Diese vorherrschenden Verhaltensmerkmale tauchen, wie Goldstein sie sah, nicht sehr deutlich in Experimenten an Gewebeproben oder bei anästhesierten Labortieren auf oder bei solchen, an denen eine Lobotomie durchgeführt wurde, und auch nicht bei statischen Wahrnehmungsexperimenten an Gestalt- oder bei Stirnlappen-Patienten. Bei tatsächlichen Lebensprozessen (und einer charakteristischen Gestaltformulierung zufolge) ist es nichtsdestoweniger die Organisation des Verhaltens, die die Teile steuert, und nicht andersherum (1939; 1940).
Goldstein verwendete die gleiche Argumentation und die gleiche Forschung, um dann alle Trieb- oder Spannungsreduktionstheorien besonders zu kritisieren, die nur diese »Teile« des Verhaltens isoliert betrachteten, ohne den ganzen Organismus, die organisierte Sequenz auf immer höheren Ebenen, dem die »einzelnen Verhaltensweisen« untergeordnet sind, einzubeziehen. Allgemein gesagt heißt das, wenn ein gegebenes Verhalten ausgesetzt, neu organisiert oder anderweitig im Dienst der Organisation für ein größeres Ziel untergeordnet werden kann, dann ergibt es keinen Sinn, von einem »Trieb« oder »Instinkt« für dieses Verhalten zu sprechen – zumindest nicht im üblichen Sinn eines Verhaltensmusters, das einem besonderen inneren oder äußeren Schlüssel folgt sowie immer die gleiche Reihenfolge bei der Präsentation dieser Schlüssel aufweist (s.a. Hilgard & Bower, 1966, bezüglich einer verwandten Kritik der »Instinkttheorie« für das menschliche Verhalten). Spannungsreduktion selbst ist auch, so argumentierte Goldstein, überhaupt kein sinnvoller »Trieb« und auch kein Ziel des Organismus, außer in Zuständen der Deprivation, die selbst pathologisch sind. Der einzige »Trieb« oder Instinkt, von dem man sinnvoller Weise im menschlichen Verhalten sprechen kann, ist der Trieb, mit der Umgebung selbst zu interagieren, die Fähigkeiten des subjektiven Systems einzusetzen – und diese Interaktion in Mustern zu ordnen, wobei eine Verhaltenssequenz von einer anderen abhängt (man vergleiche hier Winnicotts Behauptung, der einzige Instinkt sei derjenige nach sozialem Kontakt; zitiert bei Guntrip 1971).
Diesen Trieb nannte Goldstein den Trieb zur »Selbstaktualisierung«, wobei alle anderen Pseudo-Triebe und Verhaltensweisen des Organismus diesem in einer interaktiven und hierarchischen Weise bei- oder untergeordnet werden (1939, 197 ff.). Maslow übernahm dieses Modell später direkt und ausdrücklich von Goldstein (Maslow 1954), zusammen mit Goldsteins ergänzender Kategorisierung der Motivation in »Defizit-Bedürfnisse« und »Wachstums-Bedürfnisse«. Sowohl die psychodynamischen als auch die assoziationistischen Modelle waren Goldstein zufolge entstanden, indem man lediglich von den »Defizit-Bedürfnissen« oder deprivierten, reflexhaften Zuständen des Organismus ausgehend generalisierte, ohne die übergreifende, organisierende Funktion des Organismus als Ganzes oder das »Selbst« in Rechnung zu stellen, das für Goldstein die bedeutungsvolle »Gestalt« oder der organisierte Grund des Verhaltens war (1939, 369 ff.). Beide Modelle vernachlässigen also vor allem den Aspekt der Organisation, der das Verhalten im Normalfall steuert, sofern es sich nicht um extreme Zustände der Deprivation handelt.
Gestalt-Persönlichkeitstheorie
Mit den Arbeiten von Lewin und Goldstein sind wir nun zu einer kohärenten, anspruchsvollen, allgemeinen »Feld-Theorie« der Persönlichkeit gelangt, die zumindest für kognitive, affektive, beziehungsmäßige – und psychotherapeutische – Bereiche klare Konsequenzen hat. Dies ist nicht etwa deshalb einer besonderen Hervorhebung wert, weil das spätere Modell der Gestalttherapie sich direkt auf diese Persönlichkeitstheorie bezog, sondern weil es das seltsamerweise nicht tat. Überdies gibt es einige spätere Autoren, die behaupten, es sei Fritz Perls gewesen, der das ursprüngliche Wahrnehmungsmodell der Gestalt von der Figur-Grund-Auflösung zum ersten Mal auf affektive Bereiche, die Persönlichkeitstheorie und sogar die Psychotherapie erweitert habe (vgl. z.B. Fantz 1975 und Barlow 1981); und auch Perls selbst vermittelt seinen Lesern zumindest diesen Eindruck (1969b; 1973). Dies trifft jedoch keinesfalls zu. Eine rasche Überprüfung der Titel der Arbeiten sollte genügen, um das zu veranschaulichen: so zum Beispiel Köhlers The Place of Value in a World of Facts, 1938; Koffkas Kapitel über »Ich, Emotion, Gedächtnis und Wille«, 1935; Lewins Dynamic Theory of Personality, 1935; Goldsteins Human Nature in the Light of Psychopathology, 1940; und sogar Wertheimers Some Problems in the Theory of Ethics, 1935; oder besonders Goldsteins The Organismic Approach to Psychotherapy, 1974.
Jedes System hat, wie Erikson bemerkte, seine Utopie; in gleicher Weise hat jede Persönlichkeitstheorie ihr Ideal und ihre Kriterien für Gesundheit oder Dysfunktion. Diese Kriterien dienen dazu, einen psychotherapeutischen Ansatz, der auf diesem Modell gründet, abzuleiten. Dieser Ansatz kann immer noch Raum für die Erfindung von Methoden lassen, die der Theorie angemessen sind; aber selbst hierbei ist die Wahl der Methodologie zumindest beträchtlich eingeschränkt durch die theoretischen Annahmen über Gesundheit und Dysfunktion. Die folgenden Kapitel werden zeigen, dass das gestalttherapeutische Goodman/Perls-Modell seine eigene theoretische Grundlage und Entwicklung in unnötiger Weise verkürzte, indem es einige Teile des späteren Gestaltmodells der Persönlichkeit verzerrte und andere ignorierte – mit vorhersehbaren Ergebnissen in Form einiger der charakteristischen Auswüchse, die mit dieser therapeutischen Schule verknüpft werden. Die Anwendungen der Modelle von Lewin und Goldstein werden zusammen mit den späteren Revisionen, die insbesondere im Bereich der Theorie über den Widerstand folgten, als Korrektiv für einige dieser Probleme angeboten.
Ein Gestaltmodell der Veränderung
Schließlich gibt es im Gestaltmodell, besonders in dessen Erweiterungen durch Lewin und Goldstein, eine implizite, wenn auch nicht richtig ausformulierte Theorie der Veränderung und des Auslösens von Veränderung, die gleichermaßen ein Potential in ihrer Anwendung auf Psychotherapie und auf andere veränderungsorientierte Interventionsabsichten birgt. Dies rührt von der Gestalt-Ansicht über das Handeln selbst und über die Beziehung des Handelns zur Kognition und zum Affekt, einem Problem, das die frühe Gestalt-Schule, insbesondere Wertheimer, sehr beschäftigte (siehe die Erörterung in Koffka, 1935, besonders die Kapitel VIII und IX). Das Problem hat, wie Wertheimer es anging, mit der Körper-Geist-Dichotomie zu tun, die einen philosophischen Ursprung hat, der zumindest bis zu Platon zurückreicht. Das heißt entweder »Geist« und »Körper« (oder die materielle Welt) sind irgendwie vom gleichen »Stoff« – oder sie sind es nicht. Wenn sie es nicht sind, wie kommt es dann, dass sie aufeinander »einwirken«, und zwar in beiden Richtungen, wobei der »Geist« scheinbar Entscheidungen fällt, die zu physischen Handlungen führen, und entsprechend die physische Welt einen Einfluss auf geistige Zustände, Haltungen, Gefühle, Entscheidungen usw. hat? Wenn sie andererseits vom gleichen »Stoff« sind, welches ist dann diese gemeinsame oder sich entsprechende Substanz oder Energie? Wo finden wir diese, und welches sind ihre Eigenschaften, vor allem ihre offensichtliche Fähigkeit, so verschiedene Erscheinungsformen wie »Körper« und »Geist« überhaupt anzunehmen? Wegen seiner Versuche, die Gestalt-Eigenschaften in der Natur zu quantifizieren, kam Wertheimer leider ebenso wie andere vor ihm mit diesem Problem nicht sehr weit. Das gilt auch für Köhlers Annahme von einem »Isomorphismus« zwischen »Geist« (und Gehirn) und »Natur«, was letztlich nicht mehr ist als eine erweiterte Fragestellung, da die einfache Behauptung einer strukturellen Parallele zwischen den beiden getrennten Bereichen, die schon für sich genommen fragwürdig ist, deren Interaktion auch nicht erklären könnte (vgl. Koffka 1935; Petermann 1932, Kap. III).
Trotzdem wirft das Gestaltmodell ein brauchbares neues Licht auf das Kognition/Aktion-Problem, ohne die jahrhundertealte Debatte zu lösen, und es beantwortete im Laufe der Zeit einige Fragen, die vom psychodynamischen Modell übrig blieben und die zu beantworten der psychoanalytischen Theorie manche Schwierigkeiten bereitete. Nehmen wir Lewins »Feld«, wobei ein sich bewegendes Subjekt die verschiedenen wahrgenommenen Hindernisse und Möglichkeiten auf seinem Weg zu irgendeinem subjektiven Ziel mit Hilfe einer Gestalt-»Landkarte« in Beziehung setzt und das die bestmögliche Annahme einer optimalen Auflösung der zwei Bereiche – der »inneren« Welt der Bedürfnisse (und Möglichkeiten) und der »äußeren« Welt der Möglichkeiten (und Anforderungen) darstellt. Dieser interaktiven Sichtweise zufolge ist jede Handlung des Subjekts zumindest teilweise eine Reaktion auf wahrgenommene Bedingungen im Feld, die im Licht der eigenen Einschätzung dieser Merkmale in Beziehung zu den eigenen Zielen gesehen wird. Ein Zugang, eine Vermeidung, eine Transaktion, ein Widerstand, ein Versuch der Beeinflussung oder eine Modifikation des Umfeldes – jede einzelne mögliche Handlung ist eine Anpassung des Subjekts in Beziehung zu seinen eigenen wahrgenommenen Bedürfnissen und Zielen und zu der »Landkarte«, die es konstruiert hat und ständig weiter konstruiert. Wenn man diese Landkarte irgendwie verändert, erhält man ganz eindeutig eine entsprechend andere Anpassung, einen anderen Handlungsverlauf seitens des Subjekts. Das heißt, vom Modell her gesehen ist der wirkungsvollste Punkt für Verhaltensbeeinflussung die Karte selbst. Verhalten – sei es durch Zwang oder etwas sanftere Manipulation – zu beeinflussen zu versuchen, würde bedeuten, dass man eine Menge mehr Widerstand auf seiten des Subjekts hervorbringt, das natürlicherweise nicht auf irgendwelche wahrgenommenen Landminen treten oder irgendwelche lohnenswerte Stationen auf dem Wege, die auch auf dieser Landkarte (richtigerweise oder nicht) auftreten, überspringen möchte. Und je bedeutsamer das entsprechende Verhalten ist, desto mehr Widerstand können wir vom Subjekt erwarten. Wir könnten also ganz entsprechend der Kritik Goldsteins an den frühen Arbeiten über Reflex und Wahrnehmung im Labor erwarten, dass ein »rein verhaltensmäßiger« Ansatz, Veränderung auszulösen, positive und nachhaltige Ergebnisse zeigt – da in gewisser Weise im Labor nichts auf dem Spiel steht. Aber unter komplexeren und herausfordernderen, vielleicht sogar bedrohlichen Bedingungen des »realen Lebens« würden diese Konditionierungseffekte wahrscheinlich missachtet werden, wenn man nicht die Risiken, Einsätze und Belohnungen auf der topologischen Karte des Subjekts selbst berücksichtigte, das heißt sein eigenes Verständnis des Feldes, wie es wahrgenommen und eingeschätzt wird und in welchem das konditionierte Verhalten angenommenerweise gezeigt werden sollte. Wenn Goldstein also richtig liegt, dann müsste die Organisation des Verhaltens der Person und ihrer Welt wenigstens in vielen Fällen die Trainingseffekte eines rein behavioristischen Ansatzes überlagern. (Natürlich gibt es so etwas wie einen »rein verhaltenstheoretischen Ansatz« nicht, wie die Gestalttheorie selbst nachweisen kann. Das heißt, es gibt keine Möglichkeit sicherzugehen, dass die Person im Prozess der »direkten« Beeinflussung durch zufällige Verstärkung nicht auch gleichzeitig ihre eigene »Landkarte« im Licht dieser neuen Erfahrungen neu organisiert. Im Gegenteil, dieser Ansicht nach muss genau dies geschehen.)
Wenn wir die gleiche Angelegenheit in einer nicht an Lewin orientierten Sprache (aber immer noch in Gestaltbegriffen) formulieren, könnten wir sagen: Die Person tendiert per Definition immer zu einem optimalen dynamischen Gleichgewicht im Umfeld (ganz gleich, ob dies Spannungsreduktion oder Spannungsanstieg bedeutet). Das ist nur eine andere Art und Weise zu sagen, dass sie dazu neigt, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Dieses Gleichgewicht, das das »bestmögliche unter vorherrschenden Bedingungen« ist, hängt ab von der dynamischen Beziehung (oder der Wahrnehmung der Person von dieser dynamischen Beziehung) zwischen den eigenen Bedürfnissen und ihrer Auflösung des Feldes durch die Wahrnehmung – das heißt ihrer »Gestalt«. Diese »Gestalt« ist wiederum eine »organisierte Konfiguration der Bewusstheit« (Koffka 1935). Handlung im Feld ist also, wie oben dargestellt, eine Reaktion oder eine Anpassungsleistung zur Korrektur eines Ungleichgewichts zwischen den wahrgenommenen Bedürfnissen und den wahrgenommenen Bedingungen im Feld/der Gestalt/der strukturierten Bewusstheit. Versucht man also, diese Bewusstheit zu verändern, dann verändert man die daraus folgende Handlung, da die Handlung letztlich eine Reaktion auf diese Bewusstheit ist. Der effektivste »Druckpunkt« für die Einleitung von Veränderung in der Psychotherapie oder sonstwo scheint also nicht die Handlung, nicht das betreffende Verhalten selbst, sondern die Bewusstheit zu sein. (Selbst »strukturelle« oder direktive Therapien erkennen diesen entscheidenden Punkt an, da ihre Intention darin besteht, dass das angeleitete neue Verhalten den wahrgenommenen Wert oder die erwarteten Konsequenzen solchen Verhaltens ändern sollte – und das heißt, man ändert den Grund oder die »Landkarte der Bewusstheit«. Offensichtlich wäre eine Verhaltensänderung, die diesen Effekt auf die Organisation oder die »Verkartung« nicht hat, eine einmalige Angelegenheit.
Bewusstheit ist geradezu per Definition niemals vollständig; in gewisser Hinsicht ist es das, worum sich das Gestaltmodell dreht. Zunächst einmal hat eine Selektion stattgefunden, wobei mögliche wichtige Elemente oder Merkmale des Feldes ausgelassen oder nicht in den Vordergrund gebracht wurden. Zweitens hat der Prozess oder Akt der Organisation durch die Per son selbst die relativen »Werte« verschiedener Merkmale verändert – auch derjenigen, die bewusst wahrgenommen wurden. Diese »Elemente« zu verändern, indem man die Aufmerksamkeit auf vernachlässigte Bereiche lenkt, neue Informationen zum Tragen bringt, die »Valenz« verschiedener Elemente des Bildes neu einschätzt oder die Beziehungen zueinander verändert, bedeutet, dass man die Bewusstheit, die konfigurale Auflösung selbst verändert und dabei wiederum die Möglichkeit eines veränderten Verhaltens in Anpassung zu dieser veränderten subjektiven Realität eröffnet.
Einiges des oben Gesagten mag selbstverständlich erscheinen, aber trotzdem ist es weit entfernt von den verschiedenen gewaltsamen, ermahnenden oder vorschreibenden Ansätzen, die wahrscheinlich die meisten Anstrengungen für die Einleitung von Veränderungen während unserer gesamten Geschichte kennzeichnen – und damit zweifellos auch weit entfernt von großen Bereichen der psychoanalytischen Praxis, wenn nicht sogar der Theorie während ihrer gesamten historischen Entwicklung (vgl. Bergler 1956, der repräsentative Beispiele für das Konzept der »Interpretation als stumpfes Instrument« bringt, das zumindest in einigen psychoanalytischen Zentren zur Zeit von Goodman und Perls weit verbreitet war). Bei der Erörterung einiger Auslassungen und Verzerrungen im von Goodman und Perls 1951 ausformulierten Modell in den folgenden Kapiteln muss man sich des psychotherapeutischen Klimas, auf das sie dabei reagierten, bewusst sein.
Gleichzeitig trägt dieses »vernünftige« Modell einiges dazu bei, die Psychoanalyse für sich selbst und auch für uns zu erklären. Das heißt, Freuds Methodologie der Psychotherapie gründet sehr stark auf Interpretationen, also auf der Reorganisation der festen Strukturen des Denkens und Fühlens in der Person und der Kontaktaufnahme mit andere Menschen (und keineswegs auf der Assoziationspsychologie, wie Perls später behauptete. Perls missverstand offensichtlich den Begriff »freie Assoziation«, der natürlich im Freudschen Modell überhaupt nicht als frei verstanden wird, sondern als dynamisch, nicht nur assoziativ verbunden mit den fraglichen Problemstrukturen, den »zu rigiden« Gestalten des geistigen Lebens des Patienten). Aber die Freudianer hatten selbst einige Schwierigkeiten, genau zu erklären, wie sich Interpretationen auf das Leben eines Patienten auswirkten. Die Gestaltantwort lautet: Jede Wahrnehmung, jede »Sicht der Dinge«, ist eine Interpretation des Feldes mit verschiedenen, begleitenden Anpassungen (Handlungen), die der subjektiven Logik dieser Interpretation folgen. Die Interpretation des Therapeuten (oder, genauer gesagt, die Neuinterpretation) organisiert das Feld neu – oder »zerstört« (in Gestaltbegriffen) zumindest das bestehende Bild, sofern die Interpretation vom Patienten mitgetragen wird, und macht eine Neuentscheidung und neue daraus folgende Handlungen sowohl möglich als auch notwendig. So können beispielsweise Situationen, die vorher vom Patienten als bedrohlich angesehen wurden, jetzt als möglicherweise neutral oder sogar anziehend eingeschätzt werden, was in den Begriffen Lewins einer Neuorganisation der Valenzen mit offensichtlichen Konsequenzen für die Handlung entspricht. Und dies gilt auch für andere, ähnliche Beispiele, die alle sowohl in der Psychotherapie als auch im täglichen Leben ganz übliche Phänomene darstellen.
Aber das Modell der Veränderung, das wir hier aus dem Wahrnehmungsmodell der Gestalt beziehen, kann noch weiter reichen. Da es zur eigentlichen Natur des wahrnehmenden Organismus gehört zu interpretieren – das heißt Teile zusammenzufügen, Teile im Feld in ein organisiertes Ganzes aufzulösen –, ist die Versorgung mit fertigen Interpretationen durch den Therapeuten (oder andere Lehrer) vielleicht gar nicht nötig bzw. sie könnte sogar kontraproduktiv sein, je nachdem welche Art von Wandel angestrebt wird. Bloße Konzentration der Aufmerksamkeit der Person, besonders auf einige Teile des Feldes, die typischerweise außerhalb der Bewusstheit blieben, erzeugt per Definition eine Neuorganisation des Feldes und zumindest das Potential für entsprechende Verhaltensänderungen der einen oder anderen Art. Der letzte Satz ist bedeutsam, denn es scheint wahrscheinlicher, dass Verhaltensänderung, die auf diese Weise zustande kommt, stärker vom Klienten gesteuert wird als bei einigen anderen, präskriptiveren Methoden; aus der Sichtweise des Therapeuten ist das Veränderungsmodell der Gestalt weniger normativ. Im Gegensatz dazu kann die Steuerung der Person bei einem in direkterer Weise überzeugenden oder handlungsorientierten Ansatz sich erwartungsgemäß mehr auf den Widerstand gegenüber den besonderen gewünschten Veränderungen richten, besonders gegenüber dem Therapeuten oder gegenüber dem gesamten Prozess. Natürlich kann der Therapeut bei einem »Bewusstheitskonzept« die Richtung oder die Thematik des Wandels immer noch auf verschiedene Weise beeinflussen (vor allem, indem er die besonderen unbewussten Gebiete bestimmt oder mitbestimmt, auf die die Aufmerksamkeit gerichtet werden soll). Dennoch können wir erwarten, dass die daraus folgenden Verhaltensreaktionen aber nicht notwendig in größerem Maß als bei den anderen Modellen unvorhersehbar sind.
Dieser Ansatz für das Auslösen von Veränderungen wurde – immer noch ohne Anerkennung seiner theoretischen Wurzeln besonders im Modell von Lewin – etwas unangemessen bekannt als die »paradoxe Theorie der Veränderung« (Beisser 1970). Unlogisch auch, weil es hier wirklich kein Paradox gibt wie zum Beispiel bei der »paradoxen Intervention«, die in der Familientherapie genutzt wird, wobei man darauf hofft, dass die Person das genaue Gegenteil von dem tun wird, was der Therapeut ausdrücklich anordnet. Bei unserem Modell hier ist bei in der Konzentration auf die Bewusstheit selbst kein Paradox als Methode der Handlungsbeeinflussung beteiligt, denn man geht davon aus, dass die Handlung aus der Bewusstheit entspringt und daher am unmittelbarsten durch die Bewusstheit beeinflusst werden kann. Trotzdem sind die Konsequenzen für die psychotherapeutische Praxis offensichtlich und weitreichend. Die Rolle der Bewusstheit per se wird nicht nur erhöht und die der Interpretation entsprechend verringert, sondern der spezielle Prozess, auf den sich die Aufmerksamkeit und Analyse konzentriert, unterscheidet sich von denjenigen, die man mit traditionellen psychotherapeutischen Modellen assoziiert. Wenn es also die Natur des Organismus ist, seine Bedürfnisse dadurch zu befriedigen und zu koordinieren, dass er bedeutungsvolle Konfigurationen, Gestalten im Feld, auflöst, dann erzeugt jede Dysfunktion in diesem Prozess eindeutig andere Dysfunktionen in anderen Lebensprozessen. Der Psychotherapeut richtet seine Aufmerksamkeit also auf die Struktur der Erfahrung (um Goodmans Begriff aus dem Jahr 1951 zu verwenden) als Schlüssel zur Gesundheit und zur Dysfunktion – und damit zur Heilung.
Wieder wird es im allgemeinen Perls zugeschrieben (und er schreibt es sich selbst ebenfalls zu; 1969b), diese Anwendung des Gestaltmodells, diesen Ansatz für den psychotherapeutischen Prozess entwickelt zu haben. Die Quellen stimmen jedoch darin überein (From 1978; Davidove 1985; Glasgow 1971), dass diese Anwendung zumindest zum großen Teil der Beitrag von Paul Goodman war, dessen Arbeit ich im einzelnen im dritten Kapitel untersuchen werde. Perls’ Interessen und seine Bewusstheit waren tatsächlich auf etwas ganz anderes gerichtet. Diesen Interessen, die besonders in dem einzigen längeren theoretischen Text ausgedrückt sind, den Perls zu seinen Lebzeiten geschrieben hat, wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zu.
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