Kitabı oku: «Geschichte der deutschen Literatur. Band 2»

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Geschichte der deutschen Literatur
Band 1. Humanismus und Barock
Band 2. Aufklärung
Band 3. Goethezeit
Band 4. Vormärz und Realismus
Band 5. Moderne
Gottfried Willems
Geschichte der deutschen Literatur
Band 2
Aufklärung
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2012
Gottfried Willems ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 3654 | ISBN 978-3-8252-3654-0
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
1 Einleitung
1.1 Das Studium des 18. Jahrhunderts als Zugang zur Moderne
1.2 Modernisierung im 18. Jahrhundert: Aufklärung
1.3 Literatur im 18. Jahrhundert
2 Eine Reise zu Voltaire und Rousseau Kulturgeschichtliche Voraussetzungen der literarischen Entwicklung
2.1 James Boswell und seine „Grand Tour“
2.1.1 Reisebeschreibung, Tagebuch, Brief und Konversation als Quellen der Kulturgeschichte
2.1.2 James Boswell als Autor der Aufklärung
2.1.3 Literatur und Individualisierung
2.1.4 Aufklärung im Alltag
2.2 Voltaire, Rousseau und die Entwicklung der Literatur im 18. Jahrhundert
2.2.1 Voltaire und der Weg zur Autonomie der Literatur
2.2.2 Rousseau und der neue Subjektivismus der Literatur
2.2.3 Literatur im Alltag
2.3 Boswell bei Rousseau und Voltaire
2.3.1 Boswell bei Rousseau
2.3.2 Boswell bei Voltaire
2.3.3 Boswells Gespräche mit Rousseau und Voltaire
3 Zentrale Impulse der Aufklärung Ideengeschichtliche Voraussetzungen der literarischen Entwicklung
3.1 Popes „Essay on Man“ und Voltaires „Philosophische Briefe“
3.1.1 Ein Profil der frühen Aufklärung: Alexander Pope
3.1.2 Themen und Formen des Aufklärungsdiskurses
3.1.3 Die Literatur zwischen Philosophie und Dichtung
3.1.4 Selbstbescheidung der Vernunft
3.1.5 Die Auseinandersetzung mit Humanismusund Konfessionalismus
3.1.6 Skeptischer Pragmatismus
3.2 Der „Philosoph auf dem Thron“: Friedrich II. von Preußen
3.3 Natur und Gesellschaft
3.3.1 „Naturzustand“ und „bürgerliche Gesellschaft“ bei Rousseau
3.3.2 „Naturzustand“ und „Goldenes Alter“
3.3.3 Das „Goldene Alter“ bei Voltaire und bei Goethe
4 Aufklärung in der deutschen Literatur Lessings „Nathan“ und Wielands „Musarion“
4.1 Lessing und Wieland als Aufklärer
4.2 Lessings „Nathan der Weise“
4.2.1 Die Ring-Parabel
4.2.2 Sympathie, Religion, Vernunft und Dichtung
4.2.3 Die Literatur der Aufklärung – eine Tugendpredigt?
4.3 Wielands „Musarion“
4.3.1 Die Eingangsszene
4.3.2 Zur Form der „Musarion“
4.3.3 Die Antike in der Literatur der Aufklärung
4.3.4 Humanistisches Bildungsgut bei Wieland
4.3.5 Zur Handlung der „Musarion“
4.3.6 Skeptischer Pragmatismus
4.3.7 Ironie und Psychologie
4.3.8 Menschlichkeit
5 Zur Entwicklung der Literatur im 18. Jahrhundert
5.1 Wandlungen im System der literarischen Gattungen
5.2 Annäherung von Tragödie und Komödie im „bürgerlichen Trauerspiel“ und im „rührenden Lustspiel“
5.3 Jenseits der Gattungsgrenzen: die Libretti da Pontes für Mozart
5.4 Das Beispiel „Così fan tutte“
Anhang
Siglen
Literaturhinweise
Personenregister
Rückumschlag
1 Einleitung
1.1 Das Studium des 18. Jahrhunderts als Zugang zur Moderne
Das 18. Jahrhundert als „Sattelzeit“
Das 18. Jahrhundert gilt als Zeit eines tiefgreifenden Wandels, als eine „Sattelzeit“, wie eine oft zitierte Wendung des Historikers Reinhart Koselleck lautet. Denn hier kam vieles von dem an sein Ende, was seit dem Mittelalter das Leben in Europa bestimmte, und zugleich nahmen die Verhältnisse Kontur an, unter denen wir heute leben. Hier wurden entscheidende Schritte in Richtung Moderne getan, hat sich das meiste von dem herangebildet, was wir mit dem Prädikat modern versehen und damit als charakteristisch für die heutige Welt kennzeichnen: die moderne Gesellschaft, der moderne Staat, die moderne Ökonomie, das moderne Leben, das moderne Denken, die moderne Öffentlichkeit, die moderne Wissenschaft und, last not least, das moderne literarisch-ästhetische Leben mit den entsprechenden Formen von Kunst und Literatur, Ästhetik, Literaturtheorie und Literaturkritik. All dies zeigt sich im 18. Jahrhundert zum ersten Mal in den uns vertrauten Formen.
So können wir hier die Moderne unter ihren Entstehungsbedingungen studieren, können wir uns hier vieles von dem, was unser heutiges Leben prägt, daraufhin ansehen, wie es ursprünglich gemeint war und wie es auf den Weg gebracht worden ist, nicht zuletzt um uns klarzumachen, was seither daraus geworden ist. In diesem Sinne kann man kaum irgendwo mehr über die moderne Welt erfahren als im Studium des 18. Jahrhunderts. Jedenfalls kann man hier mehr darüber lernen, als wenn man sich ausschließlich mit der Gegenwart beschäftigt. Denn die Gegenwart ist uns viel zu nahe, wir sind viel zu sehr in sie verstrickt, als daß wir sie auch nur annähernd überblicken und durchschauen könnten. Es fehlt uns die Distanz, die uns die Verhältnisse kenntlich werden läßt. Wir müssen eine solche Distanz erst herstellen, und dies
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können wir nur, indem wir das Gegenwärtige mit dem Vergangenen konfrontieren. Insofern können diejenigen, die sich ausschließlich mit der Literatur der Gegenwart beschäftigen, vielfach am wenigsten über sie Auskunft geben. Wer um die Geschichte einen Bogen macht, bleibt immer ein Idiot der Aktualität. Das macht zumal in der Wissenschaft wenig Sinn, denn für den Idiotismus der Aktualität hat die moderne Gesellschaft schon die Medien, den Journalismus und die Kritik; dafür braucht sie keine Wissenschaft.
Die Literatur des 18. Jahrhunderts im kulturellen Gedächtnis
Das 18. Jahrhundert als „Sattelzeit“, als die Zeit, in der sich die modernen Verhältnisse heranbilden, in der die moderne Welt Kontur annimmt. Was diese These besagt, kann man schon allein daran erkennen, daß einem heutigen Leser das Ende des 18. Jahrhunderts unendlich viel näher ist als sein Anfang. Im Prinzip gilt das natürlich für jede Epoche, aber es gilt beim 18. Jahrhundert doch in besonderem Maße. Die Literatur aus den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts hat sich sehr viel besser im kulturellen Gedächtnis erhalten als die aus seinen ersten Jahrzehnten. Die namhaften deutschen Autoren aus der ersten Jahrhunderthälfte, die zwischen 1680 und 1710 geborenen, sind fast alle vergessen, werden heute kaum mehr freiwillig, um des puren Lesevergnügens willen gelesen; die bedeutenden Autoren aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hingegen, die um 1730 geborenen, und zumal die aus der Zeit um die Wende zum 19. Jahrhundert, die nach 1750 geborenen, sind allgemein bekannt, sind im kulturellen Gedächtnis präsent.
Welcher Zeitgenosse hat wohl schon einmal etwas von Barthold Hinrich Brockes (1680 –1747), Johann Jakob Bodmer (1698 –1783), Johann Christoph Gottsched (1700 –1766) und dessen Frau Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713 –1762), der „Gottschedin“, von Friedrich von Hagedorn (1708 –1754) und Albrecht von Haller (1708 –1777) gehört? Da befinden wir uns noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und mit den Erfolgsautoren der Jahrhundertmitte, mit Christian Fürchtegott Gellert (1715 –1769), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 –1803) und Salomon Geßner (1730 –1788) wird die Sache noch kaum besser. Gotthold Ephraim Lessing (1729 –1781) hingegen, Christoph Martin Wieland (1733 –1813) und Georg Christoph Lichtenberg (1742 –1799) kennen die meisten, kennen sie zumindest vom Hörensagen, und noch mehr haben schon einmal etwas von Goethe (1749 –1832) und
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Schiller (1759 –1805), Hölderlin (1770 –1843), Novalis (1772 –1801) und Kleist (1777 –1811) gehört. Und den letzteren nähert man sich im allgemeinen schon in der Erwartung, daß man von dem, was sie schreiben, unmittelbar erreicht werden könnte, daß es uns Heutigen schon recht nahe wäre.
Literatur- und Kulturgeschichte, Kontextwissen und Literaturverständnis
So muß es in dieser Einführung in die Literatur des 18. Jahrhunderts zunächst darum gehen zu sichten, was es hier überhaupt an Literatur gibt und wie sie beschaffen ist, wer da alles geschrieben hat, für wen und warum, aus welchen Antrieben heraus, mit welchen Absichten und Zielen. Das kann freilich kaum gelingen, ohne zugleich nach dem literarischen Leben der Zeit zu fragen, als dem Raum, in dem sich der Austausch von Autoren und Lesern vollzogen hat, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, was die Basis des literarischen Lebens in der Gesellschaft war, welche Schichten und Gruppen es getragen haben, wie es in der Kultur der Zeit verankert war und in welchen Formen es sich unter diesen Voraussetzungen entfaltet hat. Daß hierbei die Autoren und Werke von besonderem Interesse sind, die die Menschen seinerzeit besonders intensiv beschäftigt haben und die von daher in den Kanon der literarischen Überlieferung, in das kulturelle Gedächtnis eingegangen sind, versteht sich von selbst.
Dem allem ist natürlich mit dem bloßen Sichten und Zusammentragen von Fakten noch nicht gedient. Worauf es bei einer Einführung wie dieser vor allem ankommt, das ist, dafür zu sorgen, daß die literarischen Texte des 18. Jahrhunderts dann auch wirklich zu einem heutigen Leser sprechen können; daß er die Texte verstehen kann, daß er sich erschließen kann, was sie uns Menschen von heute womöglich noch immer zu sagen haben. Denn alles Sammeln von Informationen über die Literatur des 18. Jahrhunderts macht ja nur insofern Sinn, als man mit ihr am Ende wirklich ins Gespräch kommt.
Das erfordert aber einiges an Vorarbeit. Denn natürlich ist uns diese Literatur nach den zwei-, dreihundert Jahren, die seither vergangen sind, in vielem fern gerückt, fern vielfach schon von der Sprache her, die sie spricht, und erst recht durch das, was sie an Vorstellungen kultiviert; durch das Wissen, mit dem sie arbeitet, durch die Sachen, die sie zur Sprache bringt, und durch die Begriffe und Wertvorstellungen, mit denen sie an diese Sachen herangeht. Es gilt also, sich auch in der Kultur dieser so fern gerückten Epoche umzusehen, zu fragen, wie die
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Menschen damals gelebt haben, was sie gewußt und gedacht haben, wie sie ihre Welt und sich selbst gesehen haben. Nur in dem Maße, in dem sich ein solches Wissen heranbildet, als kulturgeschichtliches Kontextwissen, das ihre Texte erschließt, nur in dem Maße, in dem es gelingt, die geschichtlichen Barrieren auszuräumen, die ihrem Verständnis im Wege stehen, wird ihre Literatur wirklich zu uns sprechen, und darauf muß es hier vor allem ankommen.
Das aber heißt, daß es im folgenden – anders als man es vielleicht von einer Einführung erwarten mag – nicht darum gehen wird, möglichst viele der Namen und Werke zu benennen, die in den Literaturgeschichten unter der Rubrik 18. Jahrhundert aufgeführt werden. Darüber kann man sich unschwer in den probaten Nachschlagewerken informieren, in Literaturgeschichten, Handbüchern, Fachlexika und Forschungsberichten. Vielmehr soll vor allem versucht werden, einen Zugang zu dem zu eröffnen, was die Literatur des 18. Jahrhunderts „im Innersten bewegt“, was in ihr an Fragen aufgegriffen und an Problemen ausgetragen wird.
Was hier auf den Leser zukommt, ist mithin so etwas wie eine kulturgeschichtlich fundierte Geschichte der Literatur des 18. Jahrhunderts. Es könnte aber genausogut eine literaturgeschichtlich fundierte Geschichte der Kultur des 18. Jahrhunderts heißen. Denn wie die Beschäftigung mit der Kultur des 18. Jahrhunderts die Literatur der Zeit aufschließen soll, so die Beschäftigung mit dieser Literatur die zeitgenössische Kultur. Beides, Textkenntnis und Kontextwissen, sind die zwei Seiten einer Medaille, beides kann nur zugleich in Angriff genommen werden. Indem wir uns in der Kultur des 18. Jahrhunderts umsehen, erschließt sich seine Literatur unserem Verständnis. Und indem wir uns mit dieser Literatur auseinandersetzen, wird sie für uns zu einem Fenster in die Welt des 18. Jahrhunderts.
Literatur als Zugang zu Identität und Alterität
Literatur ist für den lesenden Menschen ja immer beides zugleich: ein Spiegel und ein Fenster; ein Spiegel, in dem er sich selbst bespiegelt, und ein Fenster, durch das er andere und anderes zu sehen bekommt; ein Spiegel, in dem er seiner selbst, seines eigenen Lebens und seiner eigenen Welt ansichtig wird, und ein Fenster, durch das er nach anderen und anderem Ausschau hält, Einblick in das Leben anderer Menschen bekommt, Einblick in fremdes Leben, in fremde Welten. Mit wissenschaftlicher Ambition gesagt: lesend sind wir stets
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auf der Spur der eigenen Identität und auf dem Weg zur Alterität, beides in einem.
Das gilt übrigens für jede Form von historischen Studien, für jedes Interesse an früheren Zeiten. Warum beschäftigt sich der Historiker mit der Vergangenheit, warum der Literarhistoriker zum Beispiel mit der Welt des 18. Jahrhunderts? Vor allem aus zwei Gründen. Zum einen weil er wissen will, wie das geworden ist, was heute ist, wie sich die Verhältnisse herangebildet haben, unter denen wir heute leben – womit sich stets die Hoffnung verbindet, das, was heute ist, genauer sehen und besser verstehen zu können. Das ist das genetische Interesse an der Geschichte, das Interesse an der Genese der heutigen Verhältnisse. Und zum anderen will er, wenn er in die Geschichte zurückblickt, Verhältnisse kennenlernen, die anders sind als heute, will er die heutigen Verhältnisse, die uns so selbstverständlich, ja vielfach nur allzu selbstverständlich sind, mit anderen Verhältnissen kontrastieren und so auf Distanz stellen, will er sich ein Bewußtsein davon geben, daß alles auch ganz anders sein könnte als heute und schon einmal anders gewesen ist. Das ist das kontrastive Interesse an der Geschichte. Das genetische Interesse zielt auf Identität, das kontrastive Interesse auf Alterität. Und auch hier gilt, daß man beide Interessen nur in einem verfolgen kann.
Das 18. Jahrhundert ist nun sowohl für das genetische als auch für das kontrastive Interesse, sowohl für Identitäts- als auch für Alteritätsfragen besonders aufschlußreich, insofern es sich bei ihm um eine „Sattelzeit“ handelt, um die Zeit, in der sich die Genese der modernen Welt vollzogen hat. Die meisten der großen und kleinen Schritte, die damals in Richtung auf die modernen Verhältnisse zu unternommen worden sind, kristallisieren sich aber um einen einzigen Begriff: um den der Aufklärung. Das 18. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Aufklärung. Von dieser Aufklärung hat man sich also zunächst und vor allem Rechenschaft zu geben, wenn man in die Literatur der Zeit eindringen will. Und so sei als erstes versucht, sich hiervon einen Begriff zu machen, einen ersten Begriff, einen Vorbegriff, der sich dann bei der Auseinandersetzung mit den Zeugnissen des 18. Jahrhunderts zu bewähren und zu bestätigen hat.
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1.2 Modernisierung im 18. Jahrhundert: Aufklärung
Aufklärung als Modernisierung
Was man im Rückblick auf das 18. Jahrhundert Aufklärung genannt hat, war eine große geschichtliche Bewegung, die sich eine Reform aller menschlichen Dinge auf die Fahnen geschrieben hatte, eine Reform der gesamten Kultur von den Formen, in denen sich das menschliche Denken und Wissen organisiert, über die Strukturen, in denen der Einzelne lebt, arbeitet und sich mit anderen austauscht, bis hin zur Organisation der Gesellschaft als ganzer, und die damit in der Tat nach und nach alle Bezirke des menschlichen Lebens erreichte und durchdrang.
Vorangetrieben wurde sie von einer durchaus überschaubaren gesellschaftlichen Gruppe, die sich eben damals neu formierte und die man heute die Intellektuellen nennt. Sie selbst und ihre Zeitgenossen hatten für sie allerdings noch einen anderen Namen; sie sprachen von ihr als von den „Philosophen“. Wie ihre Vorgänger, die frühneuzeitlichen Zirkel gelehrter Humanisten, war die Gruppe der „Philosophen“ bereits bestens vernetzt, standen alle, die ihr angehörten, in einem Austausch, der so eng und intensiv war, wie ihn die Verkehrsformen der Zeit nur irgend zuließen. Anders als die Humanistenzirkel bestand sie freilich nicht nur aus der Elite der Gelehrsamkeit, aus Theologen, Philosophen, Philologen und anderen Vertretern einer gelehrten Bildung, sondern auch aus interessierten Laien, aus Literaten, Publizisten, Pädagogen, höheren Beamten und all den anderen „Standespersonen“, die sich die Bildung der Bevölkerung und die Entwicklung der Gesellschaft zur Aufgabe machten. Die Intellektuellen haben die Aufklärung gemacht, und die Aufklärung hat die Intellektuellen gemacht.
Diese „Philosophen“ haben nun eben nach und nach den Begriff der Moderne entwickelt, von dem aus sich unsere heutige Gesellschaft als moderne Gesellschaft definiert. Was aber heißt modern? Von Modernität sprechen wir immer dann, wenn etwas Altes, Herkömmliches, Überliefertes, Traditionelles, Altgewohntes durch etwas Neues ersetzt worden ist, wenn an ihm ein Akt der Modernisierung vorgenommen worden ist, in dem Bestreben, mit dem Anspruch, die Sache besser zu machen als vorher, einen Fortschritt zu erzielen. Das setzt natürlich voraus, daß man zuvor einen kritischen Blick auf das Alte, Herkömmliche, Überlieferte, Traditionelle, Altgewohnte geworfen
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hat, einen Blick, dem es sich eben als veraltet, überholt und überholungsbedürftig, als verbesserungsbedürftig darstellt. Nichts kann eine Gesellschaft wie die unsere deutlicher als eine moderne Gesellschaft kennzeichnen, als daß sie alles Alte immer schon unter den Generalverdacht stellt, veraltet zu sein und der Modernisierung zu bedürfen.
Entwicklung eines kritischen Verhältnisses zur Überlieferung
So weit, so modernisierungsfreudig, so fortgeschritten und fortschrittsversessen waren die Aufklärer des 18. Jahrhunderts freilich noch nicht. Aber sie haben nach und nach ein Klima geschaffen, in dem es zunächst überhaupt möglich und dann auch üblich wurde, sich kritisch mit Überlieferung und Tradition zu beschäftigen, und in dem so der Weg hin zu Neuem freigemacht wurde, in dem der Begriff modern insofern einen positiven Klang bekam. Aufklärung bedeutet im 18. Jahrhundert zunächst und vor allem: Entwicklung eines kritischen Verhältnisses zur Überlieferung, Emanzipation von der Autorität der Tradition. Das kann man schon äußerlich daran erkennen, daß das Wort „kritisch“ ein Lieblingswort aller Aufklärer gewesen ist.
Eines der wichtigsten Dokumente der frühen Aufklärung ist der „Dictionnaire historique et critique“ (1697), das Historisch-kritische Lexikon des Franzosen Pierre Bayle (1647 –1706), ein Werk, das im 18. Jahrhundert mehrfach ins Deutsche übersetzt worden ist – unter anderem von Gottsched, unter Beteiligung seiner Frau und des jungen Gellert – und das überall in Europa, oder jedenfalls doch in allen Ländern, die von der Aufklärung erreicht worden sind, zu einem Grundbuch der Bildung geworden ist, ein Werk, das sich im Bücherschrank eines jeden fand, der an der Aufklärungsbewegung teilhatte, bis hin zum Vater von Goethe. Da werden mit der Systematik eines Lexikons die Bestände der kulturgeschichtlichen Überlieferung zunächst historisch gesichtet und sodann kritisch auseinandergenommen: historisch-kritisches Lexikon. Solche Kritik will aufdecken, was an der Tradition bloß schlechte Gewohnheit, bloß Meinung, Aberglauben und Vorurteil ist. Der Aufklärer streitet mit seiner Kritik gegen das, was er Meinung, Aberglauben und Vorurteil nennt.
Es wurden damals übrigens auch Lehrbücher der Poesie geschrieben, denen der Name einer Critischen Dichtkunst gegeben wurde, unter anderem von Gottsched (1730) und Johann Jakob Breitinger (1740). Unter diesem Titel versuchten die Autoren eben mit all dem aufzuräumen, was für sie bloße Meinungen und Vorurteile in Sachen
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Literatur waren. Und dieser Kritizismus kulminierte in den großen Kritiken des Philosophen Immanuel Kant: „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788), „Kritik der Urteilskraft“ (1790). Da wird die Kritik ins Prinzipielle gewendet, nämlich auf die kritisierende Vernunft selbst bezogen, als Selbstkritik der kritisierenden Vernunft.
Glaubst du denn: von Mund zu Ohr
Sei ein redlicher Gewinst?
Überliefrung, o du Tor,
Ist auch wohl ein Hirngespinst!
Nun geht erst das Urteil an.
Dich vermag aus Glaubensketten
Der Verstand allein zu retten,
Dem du schon Verzicht getan. (HA 2, 48 –49)
So klingt das alles bei Goethe. Goethe ist ein in der Wolle gefärbter Aufklärer gewesen, und er ist es geblieben bis ins hohe Alter, und das heißt: bis weit ins 19. Jahrhundert hinein; es handelt sich bei den zitierten Versen nämlich um ein Gedicht aus einem seiner Alterswerke, dem lyrischen Zyklus „West-östlicher Divan“ von 1819. Überlieferung, so wird da gesagt, ist immer eine problematische Sache; worauf es ankommt, ist, nicht fraglos auf dem Weg der Anpassung in die Überlieferung einzurücken, sondern das eigene kritische Urteil zu bemühen, das Wagnis und die Arbeit des Selbst-Urteilens auf sich zu nehmen. sapere aude, wage zu wissen, lautet demgemäß ein immer wieder beschworenes Motto der Aufklärung; an seiner Stelle und in ähnlicher Funktion trifft man auch häufig auf ein Diktum von Horaz: nil admirari, nichts (unbesehen) bewundern.
Säkularisation und „Querelle des Anciens et des Modernes“
Aufklärung als Entwicklung eines kritischen Verhältnisses zur Überlieferung, als Emanzipation von der Autorität der Tradition. Wenn wir verstehen wollen, was das im 18. Jahrhundert konkret bedeutet hat, dann müssen wir uns vergegenwärtigen, was seinerzeit die wichtigsten Mächte der Tradition waren, die gegenüber den Menschen ihre Autorität zur Geltung brachten, autoritativ in das Leben der Menschen hineinwirkten, und auf welche Weise, mit welchen Mitteln sie das
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taten. Es handelt sich dabei vor allem um zwei große Überlieferungskomplexe: das Erbe des Christentums, wie es die Basis für die Autorität der verschiedenen Kirchen und Theologien war, und das Erbe der Antike, wie es vom frühneuzeitlichen Humanismus in allen Belangen des kulturellen Lebens autoritativ zur Geltung gebracht worden war.
Die frühe Neuzeit, das 16. und 17. Jahrhundert, hatten ja die Reformation und die Renaissance gesehen, und das heißt: sie hatten zum einen im Streit der Konfessionen einen neuen Schub an Religiosität erlebt, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrang; und zum andern hatten sie erlebt, daß der Humanismus die Quellen des antiken Erbes neu erschlossen und die Kultur der Antike, die Philosophie und Wissenschaft, Kunst und Literatur der alten Griechen und Römer zur Basis aller Bildung und Kultur, zum Maß aller Dinge gemacht hatte. Beides wurde nun im Zuge der Aufklärung zum Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung. So ist das 18. Jahrhundert, was die Religion anbelangt, zur Zeit einer fortschreitenden Säkularisation geworden und, was das Erbe der Antike anbelangt, zur Zeit eines Streits um die Vorbildlichkeit der antiken Kultur, der „Querelle des Anciens et des Modernes“, eines Dauerdisputs zwischen denen, die die antiken Vorbilder für unübertrefflich hielten, und denen, die demgegenüber das Eigenrecht und die besonderen Qualitäten des Modernen zur Geltung zu bringen suchten.1
Undogmatische Religiosität, freier Umgang mit dem Erbe der Antike
Säkularisation, „Querelle des Anciens et des Modernes“ – das heißt allerdings nicht, daß die Aufklärer nun gar nichts mehr mit Religion und Antike zu tun haben wollten. Das Gegenteil ist richtig. Was die Religion anbelangt, so verstanden sich die meisten Aufklärer durchaus noch als religiöse Menschen, glaubten sie noch an einen Gott oder an etwas Göttliches, schon allein deshalb, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß man Moral, Ethik, ja das Soziale überhaupt, das schiedlich-friedliche Zusammenleben der Menschen, anders als religiös begründen könnte. Allerdings taten sie das vielfach dann nicht
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mehr in den überkommenen kirchlichen, theologisch-dogmatischen Formen; sie machten sich ihre eigenen undogmatischen Gottesbegriffe, ihre eigenen undogmatischen Vorstellungen von einem Leben in Gott und einem ethisch begründeten sozialen Leben, sei es als Deisten, Theisten, Pantheisten oder Panentheisten. Nur wenige gingen auch darüber noch hinaus und versuchten es mit dem Atheismus, etwa mit materialistischen Positionen; immerhin hat das 18. Jahrhundert auch den Frühmaterialismus gesehen.
Und was das Erbe der Antike anbelangt, so sind die Aufklärer allesamt zunächst einmal klassische Humanisten gewesen, mehr oder weniger gelehrte Kenner der Antike. Es gibt kaum einen Autor im 18. Jahrhundert, der nicht die Dichter der alten Griechen und Römer von Homer bis Vergil, von Sophokles bis Seneca und von Pindar bis Horaz gründlich kannte und dem deren Werke bei der Arbeit nicht ständig als Vorbilder oder Gegenbilder vor Augen standen. So ist es ja noch am Ende des Jahrhunderts, bei Goethe und Schiller, oder bei Hölderlin. Aber man begriff diese Vorbilder, diese Muster immer weniger als verbindliche Autoritäten. Auch wenn man vieles an ihren Werken immer noch bewunderte, ging man doch immer freier mit ihnen um, benutzte man sie mehr und mehr als Gegenbilder, denen man etwas anderes, etwas spezifisch Modernes gegenüberstellen wollte, und mancherorts hat man sich auch vollständig von ihnen zu lösen versucht.
Also eine fortschreitende Säkularisation, eine permanente „Querelle des Anciens et des Modernes“, aber keineswegs so, daß man das christliche und das antike Erbe gänzlich aus dem Blick hätte entfernen wollen. Man wollte sich nicht von diesen Überlieferungen, sondern nur von ihrer Autorität lösen, von den autoritativen, bindenden Ansprüchen, die damit in der frühen Neuzeit verknüpft waren. Zu einer programmatischen Absage nicht nur an die autoritativen Ansprüche von Tradition, sondern an die Tradition selbst und an das Tradierte überhaupt kommt es erst am Ende des 19. Jahrhunderts, an der Schwelle zur Moderne im engeren Sinne, bei den ersten programmatischen Avantgardisten; derlei findet sich im 18. Jahrhundert noch kaum.
Kritik an der „Schrift“
Was die Aufklärer dementsprechend vor allem kritisieren, ist die Form, in der das christliche Erbe und das antike Erbe ihre Autorität zur Geltung bringen, sind Buchgelehrsamkeit und Schriftgläubigkeit.
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Die christliche Religion fußt ja auf einem Buch, auf der Bibel, der „Heiligen Schrift“; diese soll alles Wesentliche und Wahre enthalten, so daß hier eine Schriftkenntnis und Schriftgläubigkeit, die von Schriftgelehrten verwaltet wird, zur Basis des religiösen Lebens geworden ist. Hinzu treten in der christlichen Tradition weitere altehrwürdige Bücher, vor allem die Schriften der Kirchenväter, die „Patristik“. In eben dieser Haltung haben sich die frühmodernen Humanisten, die ja zunächst einmal Christen und insofern Kinder einer schriftgläubigen Kultur waren, dann auch dem Erbe der Antike genähert. Der Antike wollten sie vor allem in den Schriften begegnen, die sich von ihr erhalten hatten, und diese Schriften hatten für sie einen ähnlichen Stellenwert, eine ähnliche Autorität wie die Bibel und die Kirchenväter, so daß sie die Kultur der Antike, die Wissenschaft und die Kunst, um nicht zu sagen: den Geist der Antike als Buchgelehrte, als Schriftgelehrte, als Philologen in den Formen der Schriftkenntnis und der Schriftgläubigkeit meinten haben zu können.
Dagegen machen die Aufklärer Front, so sehr sie selbst als Intellektuelle auch mit Büchern leben, selbst immerzu mit Lesen und Schreiben beschäftigt sind. Was die Aufklärer des 18. Jahrhunderts von den christlichen Theologen und den Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts vor allem trennt, ist ihre Absage an Buchgelehrsamkeit und Schriftgläubigkeit. Bücher sind für sie nur Hilfsmittel; worauf es ihnen vor allem ankommt, ist das, was im wirklichen Leben geschieht, oder, wie sie selbst lieber sagen, was in der „lebendigen Natur“ vor sich geht, was „natürlich“ ist. In dem berühmtesten Werk von Lessing, dem „dramatischen Gedicht“ „Nathan der Weise“, von dem hier noch ausführlich die Rede sein soll, heißt es einmal von Nathan, daß er „die kalte Buchgelehrsamkeit“ nicht liebe, „die sich mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt“ (LN V, 382 –385); das ist typisch. Demgemäß suchen die Aufklärer Gott weniger in der Bibel als in der „lebendigen Natur“ und suchen sie Wissenschaft und Kunst weniger in den Schriften der Alten als in eben dieser Natur.
Die Kritik an der Buchgelehrsamkeit und am Buchgelehrten ist gerade für die Literatur ein dankbares Feld gewesen. Es gibt kaum ein Werk von Bedeutung im 18. Jahrhundert, das nicht an irgendeiner Stelle zur Gelehrtensatire wird und sich über die Verstiegenheit
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und Weltfremdheit des bloßen Buchgelehrten lustig macht.2 Damit setzt man sich von der Literatur der frühen Neuzeit ab, die, jedenfalls soweit sie vom Humanismus geprägt war, eine gelehrte Dichtung, eine Gelehrtendichtung war, ja deren literarische Texte oftmals mit Fußnoten und Quellenbelegen versehen sind wie eine wissenschaftliche Abhandlung. Auch wenn die Aufklärer von ihrem Bildungsgang her gelehrte Humanisten sind, wollen sie doch keine Gelehrtendichtung mehr fabrizieren, wollen sie anders schreiben, „natürlicher“ schreiben, und das machen sie eben mit den Mitteln der Gelehrtensatire deutlich. Wie die Humanisten einen Kampf gegen die Unbildung geführt haben, so kämpfen die Aufklärer nun gegen die Überbildung.
Abkehr vom Rationalismus,„Naturalismus“
Damit ist ein weiteres wichtiges Stichwort gefallen: Natur. Keinen Begriff haben die Aufklärer häufiger im Mund geführt als den der Natur. Er ist für sie wichtiger als der Begriff, der von den Nachgeborenen bis heute vor allem mit ihren Bestrebungen verknüpft wird, als der Begriff der Vernunft. Von den ersten Kritikern der Aufklärung bis in die heutige Wissenschaft hinein, bis hin zur modernen Literaturgeschichtsschreibung hat sich ja die Vorstellung festgesetzt, die Aufklärung habe eine Art Kult der Vernunft, der „ratio“ veranstaltet, sie habe einem selbstherrlichen Rationalismus, einem „Logozentrismus“ gehuldigt, sie habe sich der Vernunft geradezu im Sinne einer „Totalitätsobsession“ verschrieben gehabt. Die Aufklärer hätten geglaubt, daß die menschliche ratio alles erklären und alles regeln, alles in den Griff bekommen könne, von der Natur über die Gesellschaft bis hin zum Leben des Einzelnen.
Unterwerfung der Natur, Unterwerfung der natürlichen Triebe des Menschen unter die ratio, ein rational kontrolliertes Leben, ein rational veranstalteter Fortschritt, und in diesem Sinne Vervollkommnung des Einzelnen wie der Gesellschaft, „Perfektibilität“, Fortschritts- und Geschichtsoptimismus – das sind bis heute beliebte Stichworte, wo es um die Aufklärung geht.3 Von der ratio her habe man am Glück der Menschheit arbeiten wollen, an allen Abgründen des Menschen
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und allen Abgründen der Geschichte vorbei. So kann man es etwa in der „Dialektik der Aufklärung“ (1947) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno lesen, und bei ihnen hat sich gerade die Germanistik in den letzten Jahrzehnten immer wieder über das 18. Jahrhundert belehren wollen.
Aber Adorno und Horkheimer haben nur wenig vom 18. Jahrhundert verstanden; sie sprechen, wo sie die Aufklärung in den Blick nehmen, im Grunde von der positivistischen Wissenschaftskultur des 19. Jahrhunderts. Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts waren weniger Rationalisten als vielmehr „Naturalisten“. Wenn sie denn überhaupt einen Kult betrieben haben, dann war das ein Kult der Natur und kein Kult der Vernunft. Wo immer sie zur Sache kommen, wo immer sie auf das zu sprechen kommen, was für sie das Wesentliche ist, da erscheint in ihren Texten an zentraler Stelle der Begriff der Natur, und auch wo es nicht um Wesentliches geht, bei allem und jedem heißt es bei ihnen: Natur, Natur, Natur!4 So haben sie sich zum Beispiel in der Theologie um natürliche Gottesbegriffe bemüht, in der Philosophie um die allgemeine Menschennatur und um eine natürliche Ethik, in der Wissenschaft um die Naturerkenntnis, im staatlichen Leben um die Geltung des Naturrechts, und in der Kunst und Literatur um das Prinzip der Naturnachahmung, der imitatio naturae, der mimesis. Die Dichtung sollte nun weniger Kunst sein – Kunst im Sinne von Künstlichkeit – als vielmehr etwas Natürliches, sie sollte irgendwie „Naturpoesie“ sein.
Und die Natur steht für die Aufklärer eben über der menschlichen Vernunft, sie übersteigt für sie immer schon die Möglichkeiten der Vernunft. In diesem Sinne haben sie durch das ganze 18. Jahrhundert hindurch an einer Kritik der Vernunft gearbeitet, wie sie Kant dann gegen Ende des Jahrhunderts in seinen großen Kritiken zusammenfaßt, haben sie sich überall darum bemüht, der Vernunft ihre Grenzen aufzuzeigen, zumal dort, wo sie sich zu großen „Systemen“ versteigt, die das Ganze der Welt erklären wollen.5 „The most ingenious way of
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becoming foolish, is by a system“, heißt es schon bei dem frühen Aufklärer Shaftesbury,6 und noch Goethe warnt davor, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Natur „zu einer systematischen Form“ zu treiben (HA 13, 20). Die Natur soll der Vernunft zwar zugänglich sein, insofern sie nach Gesetzen funktioniert, die der Verstand einsehen kann, aber sie soll zugleich über alles hinausreichen, was die Vernunft sich jemals wird denken können. So daß für den Menschen der richtige Weg nur sein kann, der Natur zu folgen, auf sie zu hören, sich an sie anzuschließen, sich mit seinem Leben und Denken in sie einzupassen: vivere secundum naturam; in Worten eines anderen frühen Aufklärers, Alexander Pope: „Take Nature’s path, and mad Opinion’s leave“ (PE IV, 29), in Worten des deutschen Autors Wieland: „Laßt uns (…) der Natur folgen; einer Führerin, die uns unmöglich irre führen kann“.7 Wer sich die Natur allen Ernstes würde unterwerfen, sie theoretisch und praktisch würde beherrschen wollen, der würde unweigerlich bei Krampf und Gewalt enden. Das ist Aufklärung.
Aufklärung als Verbindung von „Kritizismus“ und „Naturalismus“
Wir haben also nun ein zweites Lieblingswort der Aufklärer neben dem Wörtchen „kritisch“, das Prädikat „natürlich“, und eine zweite Maxime neben der, die in den Dikta „sapere aude“ und „nil admirari“ zum Ausdruck kommt, die Maxime „vivere secundum naturam“. Es ist ein sicheres Indiz dafür, daß man einen Text der Aufklärung vor sich hat, wenn man auf die Kombination der beiden Prädikate „kritisch“ und „natürlich“ trifft, nicht weniger sicher, als wenn man auf Begriffsoppositionen wie Natur versus Meinung, Natur versus Vorurteil oder Natur versus Aberglauben trifft.
Die Aufklärer sind zunächst einmal kritische Menschen; sie nehmen das, was ihnen überliefert ist, nicht einfach unkritisch hin, wollen die Überlieferung kritisch durchleuchten. Die Basis ihrer Kritik, das Fundament, von dem aus sie das Überlieferte ins Auge fassen, um es gegebenenfalls als schlechte Gewohnheit, als bloße Meinung, als Vorurteil und Aberglauben abzuqualifizieren, ist vor allem das, was sie Natur
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nennen; sie stellen sich auf den Boden der Natur. Was aber heißt: auf dem Boden der Natur? Es heißt: auf dem Boden der Erfahrung. Natur ist, was man erfahren kann, was man sinnlich wahrnehmen, sehen, hören, riechen, schmecken, ertasten, erfühlen, erleben kann, und dann mit seinem Verstand verarbeiten und mit seinem Gedächtnis festhalten; Erfahrung ist, was man sich in der Auseinandersetzung mit der Natur erwirbt. Kritik an der Überlieferung heißt hier mithin, das Überlieferte auf den Prüfstand der Erfahrung stellen, und das wiederum heißt: auf den Prüfstand der Natur; und dabei kann es sich dann eben als wahr oder falsch erweisen. Die erste, wichtigste Quelle des Wissens ist für die Aufklärer anders als für die Humanisten nicht mehr das, was in altehrwürdigen Büchern steht, sondern die Erfahrung.
Individualisierung und Geniekult
Mit diesen Begriffen von Natur und Erfahrung ist ein weiterer Begriff eng verknüpft, der der Emanzipation. Mit Emanzipation ist hier der Weg des einzelnen Menschen, des Individuums weg von der Bindung an Autoritäten, Traditionen und Konventionen hin zu einem offenen Raum gemeint, in dem er ein Leben nach eigener Wahl, ein selbständiges, selbstbestimmtes Leben führen kann. Zu einer Erfahrung gehört ja immer ein Mensch, der sie macht, ein Individuum als Subjekt dieser Erfahrung, ein Ich, dem die betreffende Erfahrung zuteil wird. Da muß ein Subjekt sein, das wahrnimmt, sieht, hört, fühlt, erlebt, das sich etwas dabei denkt, das das Wahrgenommene und Bedachte als richtig und wichtig, wahr und sinnvoll bewertet, das es in seinem Gedächtnis abspeichert und gegenüber anderen für es eintritt – ohne Subjekt keine Erfahrung. In dem Maße nun, in dem die Erfahrung wichtiger wird als die Überlieferung, wenn nicht gar zum Maß aller Dinge, vollzieht sich zugleich eine Aufwertung des Individuums als des unentbehrlichen Trägers des Erfahrungmachens, und damit eine Aufwertung alles Individuellen. Mit der Abkehr von der Autorität der Überlieferung im Setzen auf die Natur und die Erfahrung geht die Emanzipation des Individuums Hand in Hand. So ist das 18. Jahrhundert auch das Jahrhundert gewesen, in dem der moderne Individualismus erstmals sein Haupt erhoben hat. In Worten Wielands: die „Natur (…) will, daß ein jeder Mensch seine eigene Person spiele“.8
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Ein zentraler Schauplatz für die Erkundung der neuen Bedeutung des Individuums ist das Nachdenken über das Genie gewesen. Durch das ganze 18. Jahrhundert hindurch hat man sich immer wieder mit dem Begriff des „Originalgenies“ auseinandergesetzt, so sehr, daß eine bestimmte Phase der literarischen Entwicklung in Deutschland, die Phase des „Sturm und Drang“, auch „Geniezeit“ genannt werden konnte.9 Aber der Begriff des Genies ist hier nicht nur ein Thema der Kunst; letztlich bezeichnet er einen entscheidenden Zugang zu dem neuen Bild vom Menschen, das die Aufklärung entworfen hat, zu ihrer Anthropologie. Das Genie ist das große Paradigma des neuen Individualismus. An ihm wird studiert, welche Dimensionen die Eigenart und die Bedeutung des Individuums annehmen kann; das zeigt eben der Bestandteil Original im Begriff des Originalgenies. Die Taten des Genies lassen erkennen, in welchem Maße sich die Erfahrungen, in denen dem Menschen seine Welt aufgeht, der Individualität und Subjektivität dessen verdanken, der da Erfahrungen macht und von ihnen Zeugnis ablegt.
Naturrecht vs. Ständegesellschaft
Die Emanzipation des Individuums hat natürlich immer auch eine politisch-gesellschaftliche Seite. Das macht uns darauf aufmerksam, daß sich die Aufklärung bei ihrer kritischen Prüfung der Tradition im Rückgang auf Erfahrung und Natur noch mit einer dritten großen Macht der Überlieferung neben dem Erbe des Christentums und dem Erbe der Antike beschäftigt hat: mit der Gesellschaftsordnung, und das heißt seinerzeit: mit einer feudal-ständischen Ordnung. Denn die Gesellschaft war im 18. Jahrhundert noch immer eine Ständegesellschaft, wie sie letztlich auf das mittelalterliche Feudalwesen zurückgeht, eine Gesellschaft mit einem Fürsten, einem Monarchen an der Spitze und mit den Ständen des hohen und niederen Adels, des hohen und niederen Klerus, des patrizischen Stadtbürgertums, der Handwerker und der Bauern darunter, mit Ständen, die jeweils besondere Rechte, besondere Privilegien genossen, deren Mitglieder also nicht gleich waren vor dem Gesetz und demgemäß im staatlich-politischen Leben unterschiedliche Rollen zu spielen, unterschiedliche Funktionen wahrzunehmen hatten. Diese Ordnung und diese Privilegien rechtfertigten sich ebenfalls mit
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der Autorität der Überlieferung. Die Ordnung sollte legitim sein, weil sie eine altehrwürdige und alterprobte Ordnung war, die Privilegien sollten legitim sein, weil sie ererbte Rechte waren.
Auch hier stellten die Aufklärer die kritische Frage: ist diese traditionelle Ordnung, sind diese überkommenen Privilegien, so alt sie auch immer sein mögen, natürlich? Will sagen: entsprechen sie der Natur des Menschen? Also auch hier haben die Aufklärer nach der Natur gefragt, nämlich nach den natürlichen Rechten des Menschen, nach dem „Naturrecht“, den „Menschenrechten“, danach, wie Gesellschaft wohl von Natur aus gemeint sei, nach dem, was sie den „Naturzustand“ nannten. Sind die Menschen nicht von Natur aus frei und gleich? Und wie müßte eine Gesellschaft aussehen, die solcher Freiheit und Gleichheit gerecht würde? Derartige Überlegungen haben dann die Entwicklungen in Gang gebracht, die am Ende des Jahrhunderts zur Französischen Revolution geführt haben, und damit zu unserer modernen Staats- und Gesellschaftsordnung.
Kritik an der Ständeordnung kam übrigens nicht nur aus jenen bürgerlichen Kreisen, die sich als unterprivilegiert verstehen konnten, wie die Aufklärung überhaupt nicht bloß eine Sache des Bürgertums oder überhaupt eine bürgerliche Sache gewesen ist. Das ist leider noch immer in den meisten Literaturgeschichten zu lesen, wo es um das 18. Jahrhundert geht. Aber es ist nicht richtig. Die Aufklärung war eine Sache, zu der sich Zirkel gebildeter Adliger und Bürger zusammenfanden.10 Da wurde keineswegs in erster Linie das Selbstbewußtsein eines Standes, das Selbstbewußtsein des Bürgertums, kultiviert, sondern es ging um ein Zusammenfinden jenseits der Standesgrenzen. Die Aufklärung läßt sich noch nicht einmal auf jene Schicht festlegen, die Lessing den „Mittelstand“ nennt,11 also den niederen Adel und das gehobene Bürgertum. Könige wie Friedrich II. von Preußen und Lords wie Shaftesbury haben daran ebenso ihren Anteil gehabt wie Handwerkersöhne vom Schlage Rousseaus. Davon wird noch zu reden sein.
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Aufklärung und Öffentlichkeit
Ein letzter Punkt. Wenn wir fragen: was ist der Ort, an dem die Aufklärer, die „Philosophen“ dieses ihr kritisches Geschäft betreiben? dann treffen wir auf eine neue Einrichtung, mit der sich recht eigentlich die moderne Öffentlichkeit etabliert hat, nämlich auf ein Zeitschriftenwesen, das es vorher so noch nicht gab. Wichtig sind natürlich weiterhin die Kommunikationsräume, die sich der frühmoderne Humanismus geschaffen hat, etwa die gebildeten Freundeszirkel in den Städten, an den Fürstenhöfen und an den Universitäten. Und da hat es natürlich auch schon so etwas wie eine Öffentlichkeit gegeben, die offenen Räume des Markts und der Kirche, des Hofs, der Aula, des Theaters. Aber hier hat Öffentlichkeit immer nur die umfassen können, die körperlich anwesend waren; das, was man ein „Präsenzpublikum“ nennt. Weiter, hin zu einem über Raum und Zeit zerstreuten „dispersen Massenpublikum“ hat hier allenfalls schon das Buchwesen gereicht, aber das ist natürlich, was die Umschlagsgeschwindigkeit von Informationen anbelangt, vergleichweise schwerfällig.
Im 18. Jahrhundert nun entsteht, vor allem dank der Aktivitäten der Aufklärer und ausdrücklich zum Zweck der Ausbreitung aufklärerischer Gedanken, ein neuartiges Zeitschriftenwesen. Das beginnt mit den sogenannten „Moralischen Wochenschriften“ in England, dem Land, wo die Aufklärung zunächst Fahrt aufgenommen hat. Das berühmteste Beispiel ist der „Spectator“ (1711 –1712, 1714) von Joseph Addison und Richard Steele. Dieses Vorbild wird dann bald auf dem Kontinent nachgeahmt, auch im deutschen Sprachraum, so von Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger in Zürich, wo sie ihre „Discourse der Mahlern“ (1721 –1723) herausgeben, und dann in Hamburg, in Leipzig und anderswo.12 Gegen die Mitte des Jahrhunderts gibt es sogar schon eine ganze Reihe von Zeitschriften – allerdings keine Wochenschriften – die sich bevorzugt mit Kunst und Literatur befassen, freilich immer im Rahmen der breiten Themenpalette der Aufklärung. Sie heißen etwa „Briefe, die neueste Literatur betreffend“, oder „Allgemeine Bibliothek der schönen Wissenschaften und Künste“. Lessing hat eine zeitlang als Redakteur solcher Zeitschriften gearbeitet.
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Wieland gab nach dem Vorbild der führenden französischen Zeitschrift, des „Mercure de France“, eine eigene Zeitschrift heraus, die zu einer Art Zentralorgan der deutschen Spätaufklärung wurde und eine zeitlang fast alle Gebildeten in Deutschland erreichte, den „Teutschen Merkur“ (1773 –1810). Zeitschriften wie diese bilden neben dem Buchwesen die wichtigste Plattform der Aufklärung. In ihnen wird über alles diskutiert, was ein aufgeklärtes Publikum interessiert, unter reger Anteilnahme dieses Publikums. Nicht zuletzt wird hier auch über Fragen der Pressefreiheit gestritten, denn es gibt seinerzeit natürlich weithin noch immer eine Zensur, die der Diskussionsfreude bald engere und bald weitere Grenzen setzt.
1.3 Literatur im 18. Jahrhundert
Fließende Grenzen zwischen Belletristik und Sachbuch
Eine Einführung in die Literatur des 18. Jahrhunderts fragt natürlich in erster Linie nach literarischen Texten. Aber was heißt im 18. Jahrhundert überhaupt Literatur? Der heutige Leser muß sich darauf einstellen, daß die Grenzen zwischen dem, was er aus heutiger Sicht als Literatur bezeichnen mag, und anderen Bereichen der Kultur wie Philosophie, Wissenschaft, Historie und politische Publizistik seinerzeit noch nicht so scharf ausgeprägt waren wie heute. Da wirkt lange Zeit noch die alte Einheit von Wissenschaft und Kunst, von akademischer Gelehrsamkeit und künstlerischer Kreativität, rhetorischem und literarischem Schreiben nach, wie sie der frühmoderne Humanismus pflegte. Die scharfe Grenzziehung zwischen Belletristik und Sachbuch, ästhetischem und non-ästhetischem Schrifttum, fiktionaler und non-fiktionaler Literatur, wie sie bei uns heute üblich ist, ist ein Werk erst des späten 18. Jahrhunderts selbst gewesen, ist hier erst allmählich entwickelt, begründet und durchgesetzt worden.
Daß literarische und non-literarische Formen im 18. Jahrhundert noch sehr viel näher beieinander sind, sieht man schon äußerlich an dem Gesamtwerk vieler Autoren; es gibt noch nicht jene rigide Arbeitsteilung zwischen Theoretikern und Praktikern, jene hohe Spezialisierung der Autoren für bestimmte Fächer, Gattungen und Schreibpraktiken, die für uns heute selbstverständlich ist. So hat zum Beispiel der Franzose Voltaire, eines der Leitfossile der europäischen
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Aufklärung, nicht nur Tragödien, Versepen, Romane, Erzählungen und Oden geschrieben; er war zugleich auch einer der einflußreichsten Philosophen, Historiker, Kritiker und wissenschaftlichen und politischen Publizisten seiner Zeit. Und das sieht man seinen Werken auch an. Die Unterschiede zwischen dem dichterischen, philosophischen, wissenschaftlichen und journalistischen Schreiben sind bei ihm nur graduelle und keine kategorischen.
Und so ist es auch bei den meisten deutschen Aufklärern gewesen, und mit Abstrichen selbst noch bei Goethe und Schiller. Schiller hat ja außer literarischen auch philosophische und historische Werke geschaffen, und Goethe hat auch als Naturphilosoph und Naturwissenschaftler gearbeitet. Diese Praxis des Schreibens kommt erst in der nächsten Generation von Autoren an ihr Ende, der Generation von Hölderlin und Kleist; wenn sie denn Dichter sind, dann sind sie vielfach nichts als Dichter. Aber da befinden wir uns schon an der Grenze zum 19. Jahrhundert. Heute ist ein Autor im Normalfall ausschließlich Verfasser von Literatur oder Kritiker oder Wissenschaftler oder politischer Journalist und hat allenfalls ausnahmsweise einmal einen Gastauftritt in der Domäne des anderen. Auch das Schreiben und Publizieren unterliegt inzwischen weithin jener Arbeitsteilung, jener Spezialisierung, die ein wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft ist.
Es gibt im 18. Jahrhundert noch ganze Gattungen, die diese Situation der fließenden Grenzen bezeugen, so z. B. das Lehrgedicht. Im Lehrgedicht werden Resultate der theoretischen Arbeit, etwa der Philosophie und der Wissenschaft, in dichterischer Form, in einer poetischen Sprache und in Versform niedergelegt. Hinzu kommt, daß die Gattungstrias Epik – Lyrik – Drama als Inbegriff des Kernbereichs der Belletristik seinerzeit noch nicht so ausgeprägt war wie heute; auch die Etablierung dieser Trias ist ein Werk erst des 18. Jahrhunderts gewesen, und zwar des späten 18. Jahrhunderts.13 Und schließlich sind die Übergänge zu pragmatischen Textsorten wie Brief, Tagebuch, Autobi-
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ographie, Reisebericht noch durchaus fließend. So ist z. B. der Autor der berühmtesten und einflußreichsten Romane der Jahrhundertmitte, der Engländer Samuel Richardson (1689 –1761), über das Anlegen eines „Briefstellers“, einer Anleitung zum Schreiben von Briefen mit Hilfe einer Kollektion von Musterbriefen, zum Schriftsteller geworden, und seine Romane sind dann eben Briefromane geworden. Und daß so viele Romane der Epoche Reiseromane sind, ihre Helden auf der Reise zeigen, hängt auch mit der zeitgenössischen Kultur des Reisens und des Reiseberichts zusammen. Man muß also mit einem sehr weiten und offenen Literaturbegriff an das 18. Jahrhundert herangehen, wenn man die Verhältnisse nicht verfälschen will.
Fließende Grenzen zwischen den Sprachräumen
Und auch eine andere Grenze ist bei der Literatur des 18. Jahrhunderts nicht so scharf ausgeprägt wie in anderen Epochen, die Grenze zwischen den Sprachräumen. Die Aufklärung ist keine rein deutsche Angelegenheit gewesen, sondern eine Bewegung, die weite Teile Europas erfaßte. Entfaltet hat sie sich zunächst vor allem in England und Schottland, sodann in Frankreich, und von England und Frankreich her kam sie schließlich auch nach Deutschland. Der Aufklärungsdiskurs ist ein Phänomen, das sich über die Grenzen der verschiedenen Sprachräume hinweg im Austausch unterschiedlicher Kulturräume entwickelt hat. Wenn man dem gerecht werden will, muß man komparatistisch arbeiten, darf man sich nicht nur mit deutscher Literatur beschäftigen, muß man über diese deutsche Literatur hinaus zumindest auch die englische und die französische Literatur mit in den Blick nehmen.
Denn es gibt keinen deutschen Vertreter einer aufgeklärt-aufklärerischen Literatur, der sich nicht zumindest mit englischer und französischer Literatur beschäftigt hätte, mit Locke, Shaftesbury, Pope und Hume, mit Bayle, Voltaire, Montesquieu, Diderot und Rousseau, keinen, dessen Werk man demzufolge sachgerecht analysieren könnte, ohne die englischen und französischen Einflüsse mit zu bedenken. Bis heute ist es ein Krebsschaden der deutschen Literaturgeschichtsschreibung, daß sie den Einfluß des Auslands im 19. Jahrhundert zunächst im Sinne des Gedankens der Nationalliteratur nach Kräften wegdisputiert hat und sich dann nicht konsequent genug um die Korrektur des einmal gezeichneten Bildes vom Entwicklungsgang der deutschen Literatur bemüht hat, nicht wirklich aus den einmal gelegten Geleisen der
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Literaturgeschichtsschreibung herausgefunden hat. Hier soll mit dem germanistischen Idiotismus der deutschen Nabelschau nach Kräften Schluß gemacht werden. Demgemäß wird im folgenden auch immer wieder von englischen und französischen Autoren gehandelt werden, eben von all dem, was man braucht, um die Aufklärung als ganzes in den Blick zu bekommen und die deutschen Entwicklungen auf angemessene Weise nachzuzeichnen.
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1 Hans Robert Jauß: Ästhetische Normen und geschichtliche Reflexion in der Querelle des Anciens et des Modernes. In: Charles Perrault: Parallèle des anciens et des modernes (…). München 1964, S. 8 –64. – Peter K. Kapitza: Ein bürgerlicher Krieg in der gelehrten Welt. Zur Geschichte der Querelle des Anciens et des Modernes in Deutschland. München 1981.
2 Beispiele bei Alexander Kosenina: Der gelehrte Narr. Gelehrtensatire seit der Aufklärung. Göttingen 2003.
3 Diese Vorstellungen bestimmen z. B. noch die Darstellung der Epoche in Hansers Sozialgeschichte der Literatur und bei Gerhard Kaiser (s. Literaturhinweise).
4 Zur „zentralen Rolle des Naturbegriffs“ s. Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus. München 1986, S. 342 –356.
5 Roy Porter: Kleine Geschichte der Aufklärung. Berlin 1991, S. 9 –11. – Kondylis: Aufklärung (Anm. 4), S. 298 –309.
6 Shaftesbury: Characteristics of Men, Manners, Opinions, Times. Bd. 1. London 1735, S. 290.
7 Wieland: Der goldne Spiegel oder Die Könige von Scheschian. Erster Theil. In: ders.: Sämmtliche Werke. Bd. 6. Leipzig 1794. ND Hamburg 1984, S. 72.
8 Ebenda, S. 142.
9 Jochen Schmidt: Die Geschichte des Geniegedankens 1750 –1945. 2 Bde. Darmstadt 1985.
10 Porter: Aufklärung (Anm. 5), S. 56 –66.
11 Lessing: Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele. In: ders., Werke. Hrsg. v. Herbert G. Göpfert. Bd. 4. München 1973, S. 12 –58, hier S. 13.
12 Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften. Stuttgart 1971.
13 Stefan Trappen: Gattungspoetik. Studien zur Poetik des 16. bis 18. Jahrhunderts und zur Geschichte der triadischen Gattungslehre. Heidelberg 2001, S. 198 –269.
2 Eine Reise zu Voltaire und Rousseau Kulturgeschichtliche Voraussetzungen der literarischen Entwicklung
2.1 James Boswell und seine „Grand Tour“
Nachdem wir uns erste Begriffe von der Aufklärung und ihrer Literatur erarbeitet haben, können wir es wohl wagen, uns mit einem großen Sprung mitten in die Welt des 18. Jahrhunderts hineinzuversetzen, mitten unter die, die die Aufklärung gemacht haben und denen sich das verdankt, was an Literatur aus jenen Jahren auf uns gekommen ist, mitten unter die Intellektuellen der Zeit, die „Philosophen“. Wir gehen in das Jahr 1764 zurück, in die Blütezeit der Aufklärung in Europa, und heften uns an die Sohlen eines jungen Mannes, eines Schotten mit Namen James Boswell, der seinerseits gerade dabei ist, diese Welt für sich zu entdecken, der nämlich eine der großen Bildungsreisen absolviert, wie sie damals in seinen gesellschaftlichen Kreisen üblich waren, eine sogenannte „Grand Tour“. Es handelt sich um einen jungen Mann mit den typischen Interessen derer, die an der Aufklärungsbewegung teilhaben – er selbst sagt von sich und seiner Reise, er sei „als Philosoph unterwegs“,14 und das heißt nichts anderes, als daß er als aufgeklärter Mensch in die Welt blickt – um einen Menschen überdies, der mit Vorliebe literarische Interessen verfolgt, so daß ihn seine Reise nacheinander zu den beiden berühmtesten Autoren der Zeit gebracht hat, zu Voltaire und Rousseau. Wir machen uns seine „Grand Tour“ also für unsere eigene Entdeckungsreise in die Welt des 18. Jahrhunderts zunutze.
Das können wir, weil James Boswell ein großer Schreiber von Tagebüchern und Briefen gewesen ist, wie so viele in seiner Zeit und in der
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Schicht von Gebildeten, der er angehörte, einer, der alles, was ihm auf seiner Reise widerfuhr, mit großer Genauigkeit festgehalten hat, vor allem seine Begegnungen mit Menschen, bis hin zu den Gesprächen, die er mit ihnen geführt hat – so daß sich seine Beobachtungen und Erlebnisse gut nachvollziehen lassen, einschließlich seiner Begegnungen mit Voltaire und Rousseau.
Damit sind nun einige Aspekte der Alltagskultur berührt, denen bei der Beschäftigung mit der Literatur des 18. Jahrhunderts und insbesondere bei der Frage nach deren kulturgeschichtlichen Voraussetzungen seit jeher große Bedeutung beigemessen worden ist und die deshalb sogleich etwas genauer unter die Lupe genommen werden sollen: das Reisen, das Schreiben von Briefen und Tagebüchern und die Praktiken der Konversation. Aus dem Jahrhundert der Aufklärung hat sich – anders als aus früherer Zeit – eine große Zahl von Reiseberichten, Briefwechseln, Tagebüchern und Gesprächsnotizen erhalten. In ihnen lassen sich die Formen des kulturellen Lebens, aus denen die Literatur erwachsen ist, besonders gut greifen. So bezeichnen sie für uns nicht nur eine Quelle der Kulturgeschichte unter anderen, sondern geradezu den soziokulturellen Humus – oder jedenfalls doch ein Gutteil davon – aus dem seinerzeit die Pflanze der Literatur erwachsen ist, eben den Bereich der soziokulturellen Aktivität, der Einblick in die Art und Weise gewährt, wie die Alltagskultur und das literarische Leben zusammenhängen.
2.1.1 Reisebeschreibung, Tagebuch, Brief und Konversation als Quellen der Kulturgeschichte
Erneuerung und Aufstieg des Romans im 18. Jahrhundert
Eine der wichtigsten literaturgeschichtlichen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts ist der Aufstieg des Romans, beginnend mit seiner Erneuerung in der Mitte des Jahrhunderts und endend mit seiner Apotheose als eigentliche und wahre Form der modernen Poesie durch die Literaturtheorie der Jenaer Frühromantik, durch die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg, der sich als Autor den Namen Novalis gab. Der Roman wird in dieser Zeit von einer zwar populären, aber weithin als problematisch bewerteten Erscheinung am Rande dessen, was als Dichtung gilt, zu eben der Gattung, in der sich die Essenz der Poesie verkörpern soll. Noch
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Schiller hat den „Romanschreiber“ einen bloßen „Halbbruder“ des Dichters genannt;15 das entspricht einer langen Tradition, in der der Roman als moralisch und ästhetisch problematisch angesehen worden ist. Die Brüder Schlegel und Novalis hingegen wollen in den neunziger Jahren im Roman die Form aller Formen erblicken, den Inbegriff einer modernen, „romantischen“ Poesie.
Die Erneuerung des Romans seit der Jahrhundertmitte hat sich aber vor allem in den Formen des Reiseromans, Briefromans, Tagebuchromans und Gesprächsromans vollzogen. Um sogleich einige Beispiele zu nennen, sei für den Reiseroman auf „Candide“ (1759) von Voltaire, „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“ (1769 –1773) von Johann Timotheus Hermes und „Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich“ (1791 –1805) von Moritz August von Thümmel verwiesen, für den Briefroman auf „Pamela“ (1740) und „Clarissa“ (1747 –1748) von Samuel Richardson sowie „Julie ou La Nouvelle Héloïse“ (1761) von Jean-Jacques Rousseau, für den Tagebuchroman auf Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) – was äußerlich zwar ein Briefroman ist, sich bei näherem Zusehen aber als ein verkappter Tagebuchroman entpuppt, da überwiegend nur einer, Werther, Briefe schreibt – und für den Gesprächsroman auf zwei romanartige Gebilde von Denis Diderot, die von Schiller und Goethe ins Deutsche übersetzt worden sind: „Jacques le fataliste“ (entstanden 1773 –1775, dt. Teilübers. 1785) und „Le neveu de Rameau“ (entstanden 1762 –1774, dt. Übers. 1805).
Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ vom Ende des Jahrhunderts läßt sich formal als Vereinigung all dieser neuen Möglichkeiten des Romans begreifen. Als Basis der Handlung haben wir hier die Struktur der Reise – Wilhelm ist fast während des ganzen Romans auf Reisen – es gibt ausgedehnte Brief- und Tagebuch-Passagen und darüber hinaus auch viele lange Gespräche. Überdies sind eine ganze Reihe von lyrischen Gedichten in ihn eingelegt. So ist es kein Wunder, daß gerade Goethes „Wilhelm Meister“ für die Frühromantiker das große Beispiel für ihre Vorstellung vom Roman als Inbegriff einer
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modernen, „romantischen Poesie“ geworden ist, die Verkörperung dessen, was Friedrich Schlegel eine „progressive Universalpoesie“ nennt, die „alle getrennte Gattungen der Poesie wieder (…) vereinig(t)“.16
Kulturgeschichtliche Voraussetzungen
Hinter den neuen formalen Möglichkeiten des Romans als Reise-, Brief-, Tagebuch- und Gesprächsroman steht nun eben als reale kulturgeschichtliche Folie eine rege Kultur des Reisens, des Brief- und Tagebuchschreibens und des Konversierens, die ihrerseits auch schon in gewissem Maße literarische Züge annimmt, die nämlich die pragmatischen, vor- oder halbliterarischen, jedenfalls non-fiktionalen Formen der Reisebeschreibung, des in Buchform präsentierten Briefwechsels und Tagebuchs sowie der philosophisch-ästhetischen Gesprächsliteratur zeitigt. Die berühmteste Reisebeschreibung17 der Zeit stammt aus der Feder des Engländers Lawrence Sterne (1713 –1768) und trägt den Titel „A Sentimental Journey through France and Italy“ (1768); sie hat einer ganzen Unterströmung innerhalb Aufklärungsbewegung ihren Namen gegeben, dem Sentimentalismus; zu deutsch: Empfindsamkeit. Für den Brief18 seien hier nur die „Freundschaftlichen Briefe“ (1746) des vor allem als Lyriker bekannt gewordenen Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 –1803) genannt. Das meistbeachtete Tagebuch 19 in deutscher Sprache ist das „Geheime Tagebuch“ (1772/1773) des Goethe-Freunds Johann Kaspar Lavater (1741 –1801). Und was die Gesprächsliteratur 20 anbelangt, so haben etwa viele Beiträge in den Zeitschriften des
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18. Jahrhunderts die Form eines Gesprächs. Die Theorie zu dieser Form findet sich früh im Jahrhundert bereits bei Shaftesbury, in dessen „philosophischer Rhapsodie“ „Die Moralisten“, mit dem Untertitel „Eine Wiedergabe gewisser Unterhaltungen über Natur und Moral“ (1709).
Neue Formen fiktionaler Literatur erwachsen bekanntlich gar nicht so selten aus pragmatischen, non-fiktionalen Textsorten; so auch hier. Der Reiseroman läßt sich als fiktive Reisebeschreibung begreifen, der Briefroman als fiktiver Briefwechsel, usw. In diesem Sinne sind die Kultur des Reisens, des Briefeschreibens und Tagebuchführens sowie die zeitgenössische Konversationskultur in der Tat als kulturgeschichtlicher Humus der Literatur einzustufen. Hierzu gehört übrigens auch die damals neue Form der Autobiographie,21 die vor allem für den Entwicklungs- und Bildungsroman als fiktive Biographie Bedeutung erlangt. Insgesamt haben wir hier also drei Ebenen zu unterscheiden: erstens die soziokulturelle Praxis des Reisens, Brief- und Tagebuchschreibens und der Konversation, zweitens deren Literarisierung in den non-fiktionalen Formen der Reisebeschreibung, des Tagebuchs und Briefwechsels in Buchform und der Konversations-Schule, und drittens deren Fiktionalisierung in Reiseroman, Briefroman, Tagebuchroman und dialogischer Literatur.
2.1.2 James Boswell als Autor der Aufklärung
Unser Reisender nun lebt und webt mit seinem ganzen Herzblut in dieser Welt vor- und halbliterarischer Formen, als passionierter Reiseberichterstatter, als Brief- und Tagebuchschreiber, als Protokollant von Gesprächen und als Biograph. Es ist ein junger Schotte, der in Deutschland nie besonders bekannt geworden ist, den aber in Großbritannien jeder Gebildete als Verfasser einer Biographie kennt, die in keinem gut sortierten Bücherschrank fehlen darf, der Biographie des Aufklärers Dr. Samuel Johnson.
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James Boswell
Der Name unseres Reisenden ist James Boswell.22 Er ist 1740 geboren, bei Antritt der Reise 1764 also 24 Jahre alt. Er stammt aus altem schottischem Adel, ist der älteste Sohn und Erbe des Laird of Auchinleck, eines Clan-Chefs, Gutsbesitzers und Landrichters. Und das sei sogleich festgehalten: er ist ein Mann von altem Adel; daran wird zu erinnern sein, wo von seinem Umgang mit bürgerlichen Literaten wie Voltaire und solchen kleinbürgerlicher Abkunft wie Rousseau die Rede ist. Der Vater hat Boswell zur Juristerei bestimmt, aber es zieht ihn zur Literatur, und das heißt: nach London, in das Zentrum der englischen Literatur. Und so liegt er eine Weile mit seinem Vater im Clinch. Dabei ist dann als Kompromiß herausgekommen, daß er seinem alten Herrn um den Preis der Fortsetzung seiner juristischen Studien die Finanzierung einer „Grand Tour“ abgehandelt hat, eben die große Bildungsreise, auf die wir ihn ein Stück des Wegs begleiten wollen.
Boswells „Grand Tour“
Boswells Reise ist wie jede „Grand Tour“ eine Reise nach Italien – warum gerade Italien? Dahinter steht noch der alte humanistische Bildungsgedanke. Sich bilden heißt, die Antike studieren. Wo aber könnte man die Antike besser studieren als in Italien, als auf dem „klassischen Boden“ Italiens, von dem Goethe in seinen „Römischen Elegien“ (1795) spricht, der selbst in den Jahren 1786 –1788 auch eine Italienische Reise absolviert hat, wenngleich anders, als es der Tradition entsprach, erst in vorgerücktem Alter. Denn die „Grand Tour“ machte man eigentlich mit Anfang der zwanziger Jahre, nach dem Studium, und nicht erst mit 37 Jahren wie Goethe. In Italien, etwa in Rom, konnte und kann man der Hinterlassenschaft der Antike unmittelbar begegnen.23 Die „Grand Tour“ von Boswell dauerte fast drei Jahre, von 1764 bis 1766, und sie führte ihn von den Niederlanden aus zunächst durch Deutschland und die Schweiz, sodann eben nach Italien, und von da über Korsika und Frankreich zurück nach England. Das war das Übliche, sowohl was die Route als auch was die
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Dauer der Reise anbelangt. Auch in Deutschland hat es sich Boswell übrigens nicht nehmen lassen, die seinerzeit berühmtesten Autoren aufzusuchen; so hat er in Leipzig sowohl bei Gottsched als auch bei Gellert vorgesprochen.24
Boswells Weg zur Literatur
Boswell hat dann nach seiner Rückkehr eine zeitlang in Schottland als Rechtsanwalt und Landrichter gearbeitet und sich auch als Politiker versucht. Wohlgemerkt: er hat als Rechtsanwalt gearbeitet; als Abkömmling eines altadligen Geschlechts hat er diesen Beruf ausgeübt, der doch als ein typisch bürgerlicher Beruf gilt. Das ist seinerzeit in England durchaus nichts Ungewöhnliches mehr gewesen. Also so, wie man sich das mancherorts vorstellt mit dem Gegensatz von Adel und Bürgertum, ist es offenbar im 18. Jahrhundert schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht überall. Schließlich ist Boswell aber doch zur Literatur zurückgekehrt und hat bis zu seinem Tod 1795 in London ein der Kunst und Wissenschaft gewidmetes Leben geführt.
Literarischen Ruhm hat sich Boswell vor allem mit drei Büchern erworben, mit Büchern, die keine Literatur im engeren Sinne sind, keine Belletristik, sondern das, was wir heute ein Sachbuch nennen würden, Bücher freilich mit großen literarischen Qualitäten. Sie seien hier kurz vorgestellt, auch wenn sich damit der Zeitpunkt, an dem wir neben Boswell in seiner Reisekutsche Platz nehmen, noch ein wenig hinauszögert. Aber wir erhalten hier Gelegenheit, den Horizont eines aufgeklärten Literaten in der Jahrhundertmitte, in der Hochblüte der Aufklärung kennenzulernen, und zwar den Horizont eines Mannes, der keiner der großen Heroen der Aufklärung ist wie Voltaire und Rousseau, sondern nur einer ihrer kleinen Soldaten. Auch so, ja gerade so kann man sich mit den zentralen Anliegen der Aufklärung vertraut machen.
„Ein Bericht über Korsika“
Das erste Buch von Boswell ist ein unmittelbarer Ertrag seiner Grand Tour, basierend auf seinem Tagebuch, das Journal einer Reise durch Korsika, „An Account of Corsica“, 1769 erschienen. Warum Korsika ? In jenen Jahren gab es ein großes Interesse der aufgeklärten Welt an der kleinen Insel im Mittelmeer, denn die Korsen waren in einen Kampf um ihre Unabhängigkeit begriffen, damals schon, und dieser
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Kampf war seinerzeit europaweit von großem publizistischem Interesse. Korsika war Jahrhunderte lang eine Kolonie der Republik Genua gewesen und versuchte nun unter der Führung von Pasquale Paoli, die Herrschaft Genuas abzuschütteln. Paoli hat übrigens Rousseau gebeten, eine Verfassung für Korsika auszuarbeiten, der er mit seinem „Entwurf einer Verfassung für Korsika“ (1765) auch nachkam. Das alles endete damit, daß Genua Korsika an Frankreich verkaufte und Frankreich die Insel in Besitz nahm. Einen gewissen Rückhalt fanden die Korsen mit ihrem Streben nach Unabhängigkeit in England, wegen der See-Interessen Englands im Mittelmeer, und in diesem Zusammenhang ist wohl der Erfolg von Boswells Buch in England zu sehen.
Korsika ist ein erstes großes Beispiel, sozusagen das Modell dafür, daß der Kampf kleiner Völker für ihre Unabhängigkeit zu einem Thema wird, bei dem sich der moderne Intellektuelle zu engagierter Stellungnahme aufgefordert fühlt und publizistisch tätig wird. Nach Korsika kamen dann in den siebziger Jahren die englischen Kolonien in Amerika, der Unabhängigkeitskrieg der USA, kam im frühen 19. Jahrhundert Griechenland in seinem Kampf gegen die Türken, und so ging es immer weiter bis hin zu Vietnam und Nicaragua in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.
Damit derlei zu einem großen Thema für den modernen Intellektuellen und engagierten Literaten werden kann, müssen offenbar folgende Voraussetzungen erfüllt sein: es muß sich um den Kampf eines kleinen Volks gegen einen übermächtigen Gegner handeln, der als Großmacht ökonomische Interessen verfolgt und der sich insofern gut für moralische Empörung eignet, wenn nicht gar für eine Stilisierung zum Bösen. Und es muß sich um einen Krieg in einer weit entfernten Weltgegend handeln, so daß sich die Unabhängigkeitsbestrebungen zum Freiheitskampf schlechthin stilisieren lassen, zu einem Kampf, in den sich alles hineinprojizieren läßt, was man an gesellschaftlichen und politischen Wunschvorstellungen hegt, unbehindert durch die Nahsicht der wirklichen Verhältnisse. Dafür ist Korsika ein erstes großes Beispiel, und dahin gehört Boswell mit seinem Korsika-Buch und gehört der Erfolg seines Buchs in der aufgeklärten Welt. Wie Boswell haben sich die modernen Intellektuellen und Literaten seither immer wieder dazu aufgerufen gefühlt, sich für Befreiungskriege in fernen Weltgegenden zu engagieren.
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„Ancient Poetry“, Präromantik
Das zweite Buch von Boswell, das seinerzeit nicht weniger berühmt geworden ist, ist „The Journal of a Tour to the Hebrides with Samuel Johnson“, 1785 publiziert. Die Hebriden sind Inseln im Nordmeer, nordwestlich vor der Küste von Schottland gelegen. Auch dieses Buch traf wieder einen Nerv der Zeit, wenngleich einen anderen als das Buch über Korsika. In den fünfziger, sechziger Jahren war es auf den Britischen Inseln Mode geworden, sich für sogenannte Ancient Poetry zu interessieren, für alte Sagen, Balladen und Lieder, deren Entstehung in die Zeit vor dem Humanismus, wenn nicht gar vor dem Christentum zurückreichte und die seinerzeit vom ungebildeten oder unverbildeten „Volk“ immer noch erzählt und gesungen wurden. Man spricht im Zusammenhang mit dieser Bewegung auch von Präromantik, denn das Interesse an literarischen Altertümern, die nicht aus dem Süden Europas, aus der antiken Welt stammen, sondern aus dem Norden und die sich in der Volkskultur erhalten haben, ist später dann vor allem von der Romantik kultiviert worden.
Das romantische Interesse an den Altertümern des Nordens ist also mitten in der Epoche der Aufklärung entstanden, und auch aus genuin aufklärerischen Impulsen heraus. Es verdankt sich dem Ausgehen der Aufklärung auf die Natur und alles, was sich als natürlich begreifen läßt, hier dem Ausgehen auf eine natürliche Dichtung, auf „Naturpoesie“. Denn eben dafür hat man jene volksläufigen Altertümer gehalten, übrigens auch noch zu Zeiten der Romantik. Das wichtigste Dokument dieses Interesses sind die „Reliques of Ancient Poetry“ (1765) von Thomas Percy (1729 –1811), ein Werk, auf das dann in der deutschen Szene Johann Gottfried Herder (1744 –1803) seit 1774 mit einer eigenen Sammlung von Volksballaden und Volksliedern geantwortet hat, einer Sammlung, die sich übrigens nicht scheut, auch aus Percy zu schöpfen. Das sind die berühmten „Stimmen der Völker“; dieser Titel ist allerdings erst 1778 hinzugekommen. Auch und gerade für Herder sind solche „Stimmen der Völker“, sind solche „Lieder des Volks“ „Naturpoesie“, „natürliche“ Dichtung.25
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Ein weiteres wichtiges Dokument dieses präromantischen Interesses an den Altertümern des Nordens, das in ganz Europa Furore gemacht hat, sind „The Works of Ossian“ – kurz: der „Ossian“ – von James Macpherson (1736 –1796), wie die Sammlung von Percy 1765 erschienen. Macpherson hat im schottischen Hochland und auf den Hebriden Sagen gesammelt und dann in einer von ihm erarbeiteten Form als Werke eines sagenhaften Sängers, eben des Sängers Ossian, publiziert. Dieser „Ossian“ wurde seinerzeit enthusiastisch aufgenommen; unter anderem hat Goethe im „Werther“ seitenweise aus ihm zitiert (HA 6, 108 –114). Herder hat den Sänger Ossian geradezu als einen Homer des Nordens gefeiert,26 was nicht sonderlich schwer war, da Macpherson stilistisch stark von Homer beeinflußt ist. Alt-Schottland, die Highlands und die Hebriden wurden so zu einer Art nordischem Pendant zur griechisch-römischen Antike, zum Ort einer eigentümlich nordischen Archaik, zum Schauplatz einer Romantik des urtümlich Nordischen. Das hat Wirkungen gehabt bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, bis zu Fontane, der selbst noch Schottland bereist und Balladen in schottischem Stil geschrieben hat.
Reisen und Literatur
Dahin also ist Boswell mit Dr. Johnson aufgebrochen, und von dieser Reise in den wilden, ursprünglich-natürlichen Norden, dem genauen Gegenstück zu seiner Reise in den Süden, nach Italien als Inbegriff der Bildungswelt des Humanismus, handelt sein zweites Buch. Die kurze Einleitung, die dem Ganzen vorangestellt ist, ist höchst aufschlußreich. Sie beginnt wie folgt:
Martins Buch über die Hebriden hatte uns seinerzeit auf den Gedanken gebracht, wir könnten auf jenen Inseln eine uns völlig fremde Lebensweise beobachten. Das einfache Leben in der wilden Natur, wie es sonst nur in fernen Ländern oder Zeiten vorkommt, hier aber in greifbare Nähe gerückt war, schien uns ein würdiger Gegenstand der Wißbegier.27
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Als etwas durchaus Typisches sei zunächst festgehalten, daß es sich hier um ein Reisen handelt, das eng mit der Welt der Literatur verknüpft ist. Es ist ein Buch, was die Idee zur Reise eingibt, und das Resultat der Reise ist auch wieder ein Buch. Man reist, weil man gelesen hat und weil man schreiben will, zumal wenn man wie Boswell der Überzeugung ist: „Es hat keinen Sinn, mehr zu erleben, als man aufzeichnen kann (…)“ (BB 15). Das gilt natürlich genauso für die Italienreisenden der Zeit, und es gilt für sie sogar in besonderem Maße. Gerade von Italien hat man ja im Zuge seiner humanistischen Bildung immerzu gelesen, wie die Beschreibungen von Italienreisen selbst auch wieder auf dieses humanistische Interesse rechnen können. Das bezeugt etwa noch Goethes „Italienische Reise“ (1816 –1817) mit großer Deutlichkeit. Diese Art des Reisens ist ein besonders charakteristisches Beispiel für die Art von literarisch vermittelter Welterfahrung einerseits und von erfahrungvermittelter Literatur andererseits, wie sie die Aufklärer, die „Philosophen“ als hommes de lettres kennzeichnen.
Die Suche nach dem „einfachen Leben in der wilden Natur“
Das Motiv von Boswells Reise nach den Hebriden ist, wie er schreibt, das Interesse an dem „einfachen Leben in der wilden Natur“. Das bezeichnet nun in der Tat ein zentrales Interesse der Aufklärer, ein Interesse, auf das man überall in der Literatur des 18. Jahrhunderts treffen kann und das seinerzeit etwas durchaus Neues gewesen ist. Reisen nach Italien sind Reisen zur Kunst, Reisen nach dem Norden sind Reisen zur Natur. Im 17., im 16. Jahrhundert, in den Zeiten des frühmodernen Humanismus, war die Einstellung zu dem „einfachen Leben in der wilden Natur“ noch eine ganz andere. Da war es in erster Linie der Morast, aus dem man herauswollte, aus dem man sich mit Hilfe von Kunst und Wissenschaft herausarbeiten wollte. Hier im 18. Jahrhundert wird es, wie es bei Boswell heißt, zu einem „würdigen Gegenstand der Wißbegier“ – ein besonders handfestes Beispiel für die Umorientierung von der Buchgelehrsamkeit auf die Natur.
Wir verbinden das Interesse am „einfachen Leben in der wilden Natur“, den „retour à la nature“, das Zurück zur Natur heute vor allem mit dem Namen von Rousseau. Aber dieses Interesse ist schon vor Rousseau am Werk, und es bezeugt sich allenthalben in den Schriften der Aufklärung. Hier sei nur an das wichtigste frühe Beispiel der deutschen Literatur erinnert, das Lehrgedicht „Die Alpen“ von Albrecht von Haller aus dem Jahr 1729; damals hatte Rousseau
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überhaupt noch nicht publiziert. Bei Haller richtet sich das Interesse am „einfachen Leben in der wilden Natur“ erstmals auf die Schweizer Bergwelt; Haller ist ja von Hause aus Schweizer gewesen. Später findet sich dann auch ein entsprechendes Kapitel in Rousseaus Roman „Julie oder Die neue Héloïse“, eine Reise des Helden in das Wallis, das strukturell als Gegenbild zu dem überfeinerten, verdorbenen, „entfremdeten“ Leben in der großen Stadt Paris gesetzt wird.28 In jenen Jahren begann man erstmals, freiwillig, zu Bildungs- und Erholungszwecken die Alpen zu bereisen, und es entstand jenes Bild der Schweiz, das noch heute dem Schweiz-Tourismus zugrunde liegt. Zu dieser neuen Mode der Reisen in die Schweiz gehört etwa auch eine Reise des jungen Goethe 1775, und gehört noch die entsprechende Reise von Kleist, der 1801 auf den Spuren Rousseaus aus Paris an die Aare flieht. Und literarisch ist das neue Bild der Schweiz dann z. B. in Schillers „Wilhelm Tell“ fruchtbar geworden: das „einfache Leben in der wilden Natur“ als Basis für die Erkundung des Geists der Freiheit. Die Reise in die Schweiz, ein Seitenstück zur Reise von Boswell und Dr. Johnson nach den Hebriden, und beides Gegenstücke zu der bis dahin üblichen Italienreise.
Die Suche nach der Natur in „fernen Zeiten“
Boswells kurze Einleitung zu seinem Bericht von der Reise nach den Hebriden gibt zu erkennen, daß das aufklärerische Interesse am „einfachen Leben in der wilden Natur“ vor allem drei Felder findet, auf denen es sich ausleben kann. Das erste Feld: „ferne Zeiten“, will sagen: frühe Zeiten, frühgeschichtliche Verhältnisse als Zeugnisse eines ursprünglich-natürlichen Lebens. In diesem Sinne hat man sich seinerzeit vor allem folgenden Bereichen des kulturellen Erbes mit neuem Interesse zugewandt: 1. dem Alten Testament der Bibel, als Zeugnis für das Leben der sogenannten „Patriarchen“, der Noah, Abraham, Isaak, Joseph; eine zeitlang war das ein beliebter Gegenstand für Dramen und Epen, kultiviert vor allem von Bodmer und seiner Schule; 2. Homer: wenn schon Antike, dann die älteste Antike, die früheste Zeit der alten Griechen, und die findet man eben bei Homer, in der „Ilias“ und der
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„Odyssee“; 3. dem Ossian, als Zeugnis altnordischen Lebens; hier denke man an das Echo bei Herder und Goethe; und 4. in Deutschland dann auch der Frühzeit der Germanen, der Zeit Hermanns, des Cheruskers, jenes Arminius, der den Römern die Schlacht im Teutoburger Wald geliefert hat; dafür finden sich Beispiele bei Klopstock. All diesen Feldern des Interesses an „fernen Zeiten“ kann man dann bei Herder gemeinsam begegnen, der in der deutschen Tradition besonders viel für das präromantische Interesse und das Interesse an der Geschichte überhaupt getan hat. Die Welt der alttestamentarischen Patriarchen, die Welt Homers, die Welt Ossians und die Welt Hermanns gehören für Herder als Zeugnisse früher, ursprünglich-natürlicher Verhältnisse des menschlichen Lebens zusammen.
Die Suche nach der Natur in „fernen Ländern“
Das zweite Feld, auf dem das aufklärerische Interesse am „einfachen Leben in der wilden Natur“ auf seine Kosten kommt, sind „ferne Länder“, nämlich die weite Welt des Kolonialismus außerhalb von Europa: Amerika, die Karibik, Afrika, Asien, die Südsee, und hier besonders Tahiti, wie es dem europäischen Leser in den siebziger Jahren durch die Reisebeschreibungen von Louis-Antoine de Bougainville (1729 –1811), dem Namenspatron der exotischen Bougainvillea, und James Cook (1728 –1779) nahegebracht worden war – noch heute ein beliebtes Ziel für zivilisationsmüde „Aussteiger“. Das bekannteste Beispiel dafür, wie dieses Interesse zu Literatur wird, ist der Roman „Die Abenteuer des Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe (1660 –1731) aus dem Jahr 1719. Da wird das „einfache Leben in der wilden Natur“ in der Südsee angesiedelt. Aus diesem Interesse an „fernen Ländern“ ist aber nicht nur der literarische Exotismus, sondern auch die moderne Ethnologie, die moderne „Völkerkunde“ erwachsen, als ein neuer Zugang zur Anthropologie.
Die Suche nach der Natur „in greifbarer Nähe“
Und das dritte Feld ist eben jenes „einfache Leben in der wilden Natur“, das man, wie es bei Boswell heißt, „in greifbarer Nähe“ findet, bezeichnen die Inseln eines altertümlich-naturnahen Lebens innerhalb der Grenzen von Europa. Ihm gegenüber formiert sich ein Interesse, das über die entsprechende Literatur hinaus die „Volkskunde“ als eine Art europäische Binnen-Ethnologie hervorgebracht hat. Und mit diesem „volkskundlichen“ Interesse blickt man nun eben auf die Hebriden, oder auf die Alpenregionen der Schweiz oder, um ein deutsches Beispiel zu nennen, auf Westfalen mit seinen patriarchalischen
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Lebensformen. Für Westfalen ist etwa Justus Möser (1720 –1794) mit seinen „Patriotischen Phantasien“ zu nennen, ein vierbändiges Werk, das 1774 –1778 erschienen ist und einen nicht unerheblichen Einfluß auf die deutsche Literatur gehabt hat.
Motive und Grenzen des Interesses an der „wilden Natur“
Zu einem „würdigen Interesse der Wißbegier“ werden diese Inseln eines altertümlich-einfachen Lebens in und mit der Natur natürlich zunächst nur in den Augen derer, die in ihm, wie Boswell formuliert, „eine uns völlig fremde Lebensweise“ erblicken, die nämlich selbst fern von der „wilden Natur“ leben; die ein keineswegs „einfaches“ Leben, sondern in städtischem oder höfischem Ambiente das komplizierte, zivilisatorisch verfeinerte, überdrehte und abgehobene Leben eines modernen Intellektuellen führen. Aus dem Kontrast zu einem als überbildet begriffenen Leben heraus wird das „einfache Leben in der wilden Natur“ für sie interessant.
Die sich von daher für das naturnahe Leben interessieren, behaupten nun keineswegs alle gleichermaßen, das einfache Leben sei das bessere Leben, so wie das Rousseau gelegentlich, aber nicht immer getan hat. Sie finden zunächst einmal nur, daß es da etwas zu lernen gäbe darüber, wie der Mensch von Natur aus sei; das aber heißt keineswegs immer schon, daß sie in dem einfachen Leben das Modell eines besseren Lebens erblicken würden. So ist es jedenfalls bei Boswell und Dr. Johnson. Zumal Dr. Johnson erweist sich als ein moderner Großstadtmensch, der das Herumziehen in der schottischen Wildnis vor allem als unbequem und gefährlich erlebt. Überhaupt steht er dem präromantischen Interesse eher skeptisch gegenüber; so hat er z. B. den „Ossian“ von Anfang an für eine Fälschung des Herrn Macpherson gehalten, nicht ganz zu Unrecht, wie wir heute wissen. Für Dr. Johnson ist das „einfache Leben in der wilden Natur“ vor allem primitiv, nämlich beschwerlich und langweilig. So hat Boswell denn auch immer wieder von Johnsons Heimweh nach London und dessen städtischen Annehmlichkeiten zu berichten, oder davon, daß sich Dr. Johnson, sobald ein schottischer Gutshof erreicht ist, als erstes in das vertraute Ambiente der Bibliothek zurückzieht, um dort den Bücherbestand zu sichten. Dabei stößt er übrigens selbst in den entlegensten Regionen immer wieder auf die neusten Highlights des aufgeklärten Schrifttums – ein Indiz dafür, wie rasch die neuen Ideen verbreitet wurden und wie weit sie dabei gelangten.
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Daß das „einfache Leben in der wilden Natur“ nicht unbedingt das Wahre sein könnte, klingt schon in Boswells Einleitung vorsichtig an.
Martins Buch über die Hebriden hatte uns seinerzeit auf den Gedanken gebracht, wir könnten auf jenen Inseln eine uns völlig fremde Lebensweise beobachten. Das einfache Leben in der wilden Natur, wie es sonst nur in fernen Ländern oder Zeiten vorkommt, hier aber in greifbare Nähe gerückt war, schien uns ein würdiger Gegenstand der Wißbegier. Allerdings war dabei mit Mühsal und Beschwer zu rechnen, vielleicht sogar mit einiger Gefahr; doch wollte uns bedünken, man mache sich im allgemeinen eine übertriebene Vorstellung davon. Als ich 1764 in Ferney unser Vorhaben in einem Gespräch mit Voltaire erwähnte, schaute er mich an, als hätte ich von einer Reise nach dem Nordpol gesprochen, und fragte: „Sie bestehen doch nicht darauf, daß ich mitkomme?“ Ich verneinte. „Dann mögen Sie meinetwegen hinreisen.“ 29
So ist es im 18. Jahrhundert weithin: das Interesse an einem „natürlichen“ Leben und das an einem kultivierten, zivilisatorisch verfeinerten Leben, das Interesse an der Natur und das an Kunst und Bildung schließen einander keineswegs aus. Man fährt mit der gleichen Neugier nach den Hebriden, in die Schweiz oder nach Westfalen wie nach Italien. Denn das, worum es den meisten Aufklärern geht, ist eine Verbindung von beidem; man sucht nach einer natürlichen Bildung, einer natürlichen Kunst, einer natürlichen Kultur und Zivilisation.
„The Life of Samuel Johnson“
Soviel zum zweiten Buch von Boswell, und damit zu seinem dritten und bekanntesten Werk. Das ist nun eben die Biographie jenes Dr. Johnson, „The Life of Samuel Johnson“ (1791 –1799), eine Arbeit, die einen neuen Typus von Biographie begründet hat, wie er so erst in der Zeit der Aufklärung mit ihrem neuartigen Individualismus, im 18. Jahrhundert als entscheidender Phase der Individualisierung möglich geworden ist. Da geht es nicht mehr nur um das Leben, die Taten und Werke der dargestellten Persönlichkeit wie in der älteren Tradition der Biographie, sondern auch und mehr noch um deren Charakter und ihre persönlichen Ansichten, um ihre Meinungen und
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ihr Weltbild, und zwar geht es gerade um das Individuell-Eigentümliche dieses Charakters und um die charakteristische Perspektive dieses einmaligen Individuums auf die Welt. Mit einem Wort: es geht um Begriffe von Individualität.
Dr. Johnson ist ein besonders dankbares Objekt für dieses Interesse. Er ist ein Original, eine ziemlich schrullige, kauzige Persönlichkeit mit vielen interessanten Eigenheiten. Er ist äußerst gebildet und belesen und hat über alles und jedes seine besonderen Ansichten, und die interessieren Boswell denn auch weniger um ihres Wahrheitsgehalts willen denn vielmehr als Ausdruck seiner Persönlichkeit. In diesem Sinne gibt Boswell vor allem anekdotische Vorkommnisse und Gespräche wieder, in denen sich die individuelle Welt des Dr. Johnson bezeugt. Besonders interessiert ihn das alltägliche Leben dieses Individuums, es geht ihm weniger um ungewöhnliche Begebenheiten, besondere Taten, Taten womöglich von historischer Bedeutung, oder um die besondere geistige Leistung seines Helden – und davon wäre ja auch einiges zu sagen; Johnson hat z. B. ein englisches Wörterbuch geschaffen, das als bahnbrechend gilt, und er hat maßgeblich zur Wiederentdeckung Shakespeares beigetragen – aber Boswell interessiert sich vor allem für den Alltag und die Gewohnheiten dieser originellen Persönlichkeit, dieses Original-Individuums.
Auch das ist etwas Neues im 18. Jahrhundert gewesen, und zwar etwas völlig Neues, dieses Interesse am alltäglichen Leben, an den kleinen Dingen, den „petites choses de la vie“, wie die Franzosen sagen, und es hat unabsehbare Folgen für die Literatur gehabt. Um hier sogleich ein programmatisches Zeugnis für dieses neue Interesse zu nennen, sei auf Denis Diderot und seine „Eloge de Richardson“ (1762) hingewiesen, eine Lobrede auf den Romanautor Samuel Richardson, an dessen Romanen Diderot eben gerade das Interesse an den alltäglichen Dingen preist.30 Dieses Interesse hat sich zunächst vor allem in den Gattungen des empfindsamen Romans und des Bürgerlichen Trauerspiels entfaltet, zwei Gattungen, die überhaupt viel miteina
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nder zu tun haben, und letztendlich hat es zu einer Veränderung des gesamten Darstellungsstils der Literatur geführt. Wichtig ist hier neben den Romanen von Samuel Richardson vor allem noch der Roman „The Life and Opinions of Tristram Shandy“ (1760 –1767) von Lawrence Sterne, Leben und Meinungen des Tristram Shandy, eines der kühnsten und einflußreichsten Bücher des 18. Jahrhunderts, in gewisser Weise übrigens das fiktionale Modell für eine non-fiktionale Biographie wie die des Dr. Johnson von Boswell.
In Boswells Biographie des Dr. Johnson dokumentiert sich mithin ein neues Interesse am Menschen als Individuum und ein neues Interesse an den Besonderheiten des alltäglichen Lebens. Damit hat sie einen neuen Typ von Biographie begründet und sich einen Platz in der Weltliteratur erobert.
Studium des Menschen statt rationalistischer Systemphilosophie
Wir haben uns hier die drei Bücher von Boswell näher angesehen, weil sich in ihnen auf exemplarische Weise zentrale Interessen eines aufgeklärt-aufklärerischen Autors in der Mitte des 18. Jahrhunderts bezeugen. In dem Lehrgedicht „An Essay on Man“ (1733) von Alexander Pope – einem Werk, das bald schon ins Deutsche übersetzt worden ist und seinen Weg kreuz und quer durch das aufgeklärte Europa gemacht hat, um schließlich zu so etwas wie einem Brevier aller aufgeklärten Geister zu werden – findet sich ein Vers, der vielfach als Motto der Aufklärung des 18. Jahrhunderts herumgereicht worden ist: „The proper study of Mankind is Man“ (PE II, 2). Will sagen: der eigentliche Gegenstand, mit dem sich die Menschheit befassen soll, ist der Mensch. Damit ist zweierlei gesagt: 1. wenn man die Welt verstehen will, dann muß man sich vor allem darum bemühen, den Menschen zu verstehen; und 2. hier, beim Studium des Menschen, kann der Mensch auch wirklich zu Ergebnissen kommen, müssen seine Anstrengungen nicht bloße Spekulationen, bloße Hirngespinste bleiben.
Darin liegt zunächst eine Abwehr bestimmter Formen von Theologie und Metaphysik. Gott, das Göttliche kann man letztlich nicht ergründen, kann man nicht wirklich denken, mit dem Menschenverstand begreifen; man kann es höchstens ahnen. Und auch das Ganze der Welt, das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, den Kosmos der Natur wird der Mensch mit seinem Menschenverstand nicht wirklich ergründen können, er wird für ihn immer ein Geheimnis bleiben. „Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist“, heißt es
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in dem Lehrgedicht „Die Falschheit menschlicher Tugenden“ (1730) von Albrecht von Haller.31 Deshalb besser keine Theologie in altem Stil und auch keine Metaphysik, die das Ganze der Welt in einem großen System erspekulieren will – dabei kommt doch nichts Rechtes heraus, jedenfalls nichts Zuverlässiges.
Auch hier zeigt sich einmal mehr: Aufklärung ist im 18. Jahrhundert durchaus nicht das, wofür es bis heute vielfach gehalten wird, ist keineswegs der Ausdruck eines Rationalismus, der das Ganze der Welt systematisch in den Griff bekommen will. Wenn man die Bemühungen der Aufklärung auf einen Begriff bringen will, dann kann das nicht der eines totalitär-systematischen Rationalismus sein. Weit eher bietet sich ein Begriff an, der das genaue Gegenteil davon bezeichnet: der des skeptischen Pragmatismus. Große philosophische Systeme im Sinne des Rationalismus haben wir vor allem im Vorfeld und in der Frühphase der Aufklärung, von Descartes über Spinoza bis zu Leibniz, und dann wieder am Ende des 18. Jahrhunderts, von Fichte bis Hegel. Die Aufklärung selbst hingegen hat, wie bereits eingangs festgestellt, an solchen Systemen im allgemeinen Kritik geübt: „The most ingenious way of becoming foolish, is by a system“ (Shaftesbury). Durch das ganze 18. Jahrhundert hindurch werden Descartes und Leibniz und selbst noch Newton mit seinem physikalischen Weltsystem als Systematiker kritisiert, so viel man ihnen auch im Einzelnen verdanken mag. Immer wieder wird von ihnen gesagt, sie hätten etwas versucht, woran der Mensch letztlich immer würde scheitern müssen. Zu wirklichen Ergebnissen soll der Mensch nur kommen können, wenn er sich mit dem Objekt befaßt, für den sein Verstand geschaffen ist, mit dem Menschen: „The proper study of Mankind is Man“.
Das Studium des Menschen
Dieses Studium des Menschen entwickelt sich nun in der Aufklärung vor allem am Leitfaden von drei Fragen, deren erste, wenn man so will, auf die Vergangenheit, deren zweite auf die Gegenwart und deren dritte auf die Zukunft der Menschheit zielt: Wie ist der Mensch in der Vergangenheit gewesen? Wie kann man ihn unmittelbar in der
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Gegenwart erleben? Und wie wird er in Zukunft sein, was wird er noch alles aus sich machen?
Die erste Frage ist die nach dem Ursprung des Menschen, nach dem ursprünglichen Menschen: in welcher Gestalt kam der Mensch aus der Hand der Natur? Diese Frage führt den Aufklärer zum einen in historische Frühzeiten, die nah am Ursprung zu sein scheinen, also zu den Patriarchen der Bibel, zu Homer, zum Ossian und in die germanische Frühzeit im Umfeld des Arminius, und zum andern zu den Inseln eines natürlich-ursprünglichen Lebens im weiten Ozean der Zivilisation: zu den „Naturvölkern“ in den Kolonien, nach Tahiti und in die Karibik, sowie zu den altertümlichen Formen des Volkslebens in Europa, in denen sich noch etwas vom Ursprung erhalten zu haben scheint, in die Schweiz, nach den Hebriden, nach Westfalen. Die zweite Frage – wie erlebe ich den Menschen konkret in der Gegenwart, in welcher Form bekomme ich da das Menschliche zu fassen? – führt zum Blick auf das Individuum: unmittelbar vor mir habe ich immer nur den Einzelnen in seiner individuellen Besonderheit, z. B. in Gestalt eines Dr. Johnson. Und die dritte Frage, die nach der Zukunft des Menschen, genauer: die Frage, was der Mensch aus sich machen kann, was ihm bei seinem Versuch, sich in der Welt und mit sich selbst auf eine ihm gemäße Weise einzurichten, alles möglich sein mag, begründet das Interesse an Entwicklungen wie dem Kampf der Korsen um ihre Freiheit.
Den Menschen zu studieren, heißt mithin 1. nach dem zu fragen, was er von seinem Ursprung her mitbringt, es heißt 2. nach seiner je besonderen Ausprägung als Individuum und 3. nach seiner Freiheit zu fragen, nach seiner Fähigkeit, in soziokulturellen Kontexten etwas aus sich und seinen Anlagen zu machen; und dies alles als Frage nach dem, was daran jeweils als natürlich gelten kann, nach dem natürlichen Ursprung, der natürlichen Individualität – denn es soll ja doch die „Natur“ sein, die „will, daß ein jeder Mensch seine eigene Person spiele“ (Wieland) – und der natürlichen Freiheit. Man muß sich mit aller Entschiedenheit klarmachen, daß diese drei Fragen für den Aufklärer nur drei verschiedene Dimensionen ein und desselben Interesses sind, der Frage nach der „allgemeinen Menschennatur“. Boswell ist dafür ein gutes Beispiel, denn es sind eben diese drei Fragen, die ihn umtreiben und die ihn alle drei immer zugleich beschäftigen.
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Der innere Zusammenhang des Interesses an Ursprung und Freiheit
Es ist also gerade nicht so, wie in deutschen Literaturgeschichten noch immer zu lesen ist, vor allem da, wo man der These von der Überwindung der Aufklärung durch den Sturm und Drang huldigt, also wo man die Epoche der Aufklärung mit der Bewegung des Sturm und Drang enden läßt und dafür einen angeblichen Gegensatz zwischen Aufklärung und Sturm und Drang verantwortlich macht. Da wird unterstellt, die Aufklärer seien nur an Gegenwart und Zukunft interessiert gewesen, nämlich an Freiheit und Fortschritt; sie hätten sich ganz und gar einem Fortschrittsoptimismus verschrieben gehabt, dem Gedanken, die geschichtliche Entwicklung mit Hilfe der ratio in den Griff zu bekommen und die Verhältnisse im Sinne des Prinzips der „Perfektibilität“ umzugestalten; sie hätten nichts im Kopf gehabt, als was wir heute Modernisierung nennen. Und dann sei der Sturm und Drang gekommen und habe demgegenüber einen neuen Sinn für das Ursprünglich-Natürliche, für Geschichte und Volkskultur entwickelt.
Aber so liegen die Verhältnisse nicht. Das Interesse an Freiheit und Fortschritt und das Interesse am Ursprünglich-Natürlichen sind Interessen der Aufklärung von Anfang an, und beide gehören für sie untrennbar zusammen. Nur von seiner Beschäftigung mit dem Ursprünglich-Natürlichen her erkennt der Aufklärer, in welchem Maße die Verhältnisse, unter denen er in der Gegenwart lebt, „entfremdete“ Verhältnisse sind und der Aufklärung bedürfen. Und es ist eben die Erkenntnis der „Entfremdung“, was ihn nach Fortschritt verlangen läßt, und zwar nach einem Fortschritt, der das Ursprünglich-Natürliche wieder zur Geltung bringen würde. Die Aufklärungsbewegung ist erst da und genau da am Ende, wo das Interesse am Ursprünglich-Natürlichen und das am Fortschritt auseinanderfallen, wo man sich hier mit den Mitteln der Romantik in das Ursprünglich-Natürliche vertieft, ohne noch an Fortschritt zu denken, und da mit den Mitteln von Wissenschaft und Technik an einem Fortschritt zu arbeiten beginnt, der von keiner Rückbindung an Ursprünglich-Natürliches mehr weiß. Damit ist dann freilich schon die Schwelle zum 19. Jahrhundert überschritten.
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2.1.3 Literatur und Individualisierung
„The proper study of Mankind is Man“. Aufklären heißt den Menschen studieren, heißt ein Studium betreiben, das sich wesentlich auf die drei Felder des Ursprungs, der Freiheit und der Individualität des Menschen erstreckt. Zumal das dritte Feld, das Interesse am Individuum, hat für die Entwicklung der Literatur eine Bedeutung erlangt, die kaum überschätzt werden kann. Es hat nicht nur einen neuen Typus von Biographie hervorgebracht, für den Boswells Biographie des Dr. Johnson steht, es hat auch einen neuen Typus von Autobiographie geschaffen, ja es hat nach und nach alle Gattungen der Literatur, alle Schreibweisen und Formen erfaßt und von Grund auf verwandelt.
Das Studium des Menschen in der Selbsterfahrung
Das wichtigste Beispiel für den neuen Typus der Autobiographie sind die „Confessions“, die Bekenntnisse von Rousseau, 1765 –1770 entstanden, allerdings erst seit 1782, nach dem Tod des Autors, erschienen.32 Dem folgen dann Werke wie „Dichtung und Wahrheit“ (1811 –1833) von Goethe. In solchen Arbeiten bezeugt sich, daß der Mensch den Menschen nicht mehr nur an einem Gegenüber, an einem anderen, sondern auch an sich selbst studieren und kennenlernen will und daß sich dem Studium des Menschen in Selbsterfahrung und Selbstbeobachtung noch ganz andere, letztlich unentbehrliche Möglichkeiten der Erkenntnis eröffnen.
Auch das ist seinerzeit ein neues Gebiet des Interesses gewesen, und erst von ihm aus hat der Prozeß der Individualisierung sein eigentümliches Profil gewonnen. Die Plattform, auf der man sich in Sachen Selbsterfahrung vor allem geübt hat, sind zwei pragmatische Textsorten, die hier schon berührt worden sind: Tagebuch und Brief. Diese beiden Textsorten sind natürlich sehr viel älter, aber auch sie haben sich im 18. Jahrhundert von Grund auf verändert. Das Tagebuch ist nun nicht mehr so sehr ein Diarium, das praktischen Zwecken dient und in dem vor allem Faktisches festgehalten wird, der Brief nicht mehr so sehr ein Medium, in dem man sich über praktische oder theoretische Belange austauscht. Beide Textsorten werden vielmehr zu einem Ort der Selbsterfahrung als Individuum, der Selbstvergewisserung und
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Selbstdarstellung als Subjekt und Person. In großem Stil geschieht das alles nun eben in den Autobiographien vom Schlage der „Confessions“ von Rousseau.
Literatur als Ausdruck von Erleben
Was sich im Tagebuch, im Brief und in der Autobiographie des 18. Jahrhunderts zeigt, ist ein Moment, das schließlich die ganze Literatur der Zeit erfaßt und verwandelt hat und das letztlich dazu geführt hat, daß aus der alten humanistischen Kunstübung die moderne Literatur geworden ist. Die Literatur wird zu einem Ort für das Studium des Menschen als Individuum im Medium der Selbsterfahrung. Es entwickeln sich ganz neue Formen, die dem Raum geben, so zum Beispiel die „Erlebnislyrik“, eine Lyrik, die das Selbsterlebte und in ihm das Erleben des Selbst zum Ausdruck bringen will,33 und der „Entwicklungs- und Bildungsroman“, zu verstehen als fiktive Biographie oder Autobiographie, je nachdem, ob ein solcher Roman in der Er- oder der Ich-Form abgefaßt ist.34 Das ist wohl überhaupt das Wichtigste, was im 18. Jahrhundert, im Jahrhundert der Aufklärung, mit der Literatur geschehen ist: daß sie hier mehr und mehr zu einer Plattform der Individualisierung geworden ist. Die Literatur wird im Laufe des Jahrhunderts immer individueller, immer subjektiver und persönlicher, um sich schließlich zu dem zu gestalten, was sie auch für uns heute noch immer wesentlich ist: zu einem Ort, an dem wir uns dem Studium des Menschen im Medium der Selbsterfahrung als Individuum widmen.
Das bedeutet, daß die literarische Rede nun immer entschiedener beim subjektiven Erleben des Einzelnen ansetzt, bei dem, was ihm aktuell in der Gegenwart an persönlicher Erfahrung zuteil wird, und daß sie immer weniger von dem kollektiven Wissen ausgeht, wie es ihr Bücher vermitteln, wie es insbesondere in den gelehrten Schriften der Überlieferung niedergelegt ist; daß sie sich zum Beispiel immer weniger auf mythologische und historische Stoffe verläßt. Sie konzentriert sich mehr und mehr darauf, dem Selbsterlebten
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Ausdruck zu verleihen, es möglichst unmittelbar und authentisch zur Sprache zu bringen, und dabei geht es ihr nicht allein um das, was jeweils erlebt wird, sondern immer auch um das Selbst, das da erlebt, um das Subjekt des Erlebens, um die Entfaltung von Selbstgefühl und Selbstbewußtsein in der Selbsterfahrung, der Selbstbeobachtung und dem Selbstdenken. Literatur will nun in erster Linie als Ausdruck verstanden sein. Markante Beispiele dafür sind eben die neue Erlebnislyrik und der neue Brief-, Tagebuch-, Gesprächs- und Reiseroman, bis hin zum Entwicklungs- und Bildungsroman à la Wilhelm Meister.
Die Introspektion als Zugang zur „allgemeinen Menschennatur“
Das Studium des Menschen, der „allgemeinen Menschennatur“ hat hier also nicht mehr nur die Form eines Studiums des Menschen von außen, als eines Objekts der Beobachtung, sondern auch die Form eines Studiums von innen, der Introspektion als Subjekt. Was der Mensch ist, soll man nicht nur dadurch kennenlernen können, daß man andere Menschen beobachtet, daß man sie z. B. in Zeugnissen eines ursprünglich-naturnahen Lebens, oder in der Situation eines Freiheitskampfs, oder als originelle Individuen aufsucht – jene drei bevorzugten Felder des aufgeklärten „Study of Man“, die sich in den Büchern von James Boswell über die Hebriden, Korsika und Dr. Johnson bezeugen. Man soll die „allgemeine Menschennatur“ auch an sich selbst kennenlernen können, in der Selbsterfahrung. Denn jeder einzelne Mensch, jedes Individuum trägt das in sich, was den Menschen zum Menschen macht, und zwar trägt er es vollständig in sich, insofern er ein ganzer Mensch ist.
Individualisierung bei Rousseau
Natürlich ist solches Studium des Menschen im Medium der Selbsterfahrung als Individuum nicht nur eine Sache der Literatur gewesen. Wie wir schon gesehen haben, fand es auch außerhalb der Literatur statt, in den pragmatischen Textsorten des Briefs und des Tagebuchs, in neuen Formen der Konversation, und in großem Stil in der neuen Form der Memoirenliteratur, der Autobiographie. So hat sich die neue Sprache der Selbsterfahrung in einem Prozeß herangebildet, in dem sich literarische und non-literarische Formen ständig wechselseitig befruchtet haben. Bezeichnenderweise findet sich die klassische Formulierung des neuen Individualismus und Subjektivismus, wie er nun mehr und mehr die Literatur beseelt, in einer Autobiographie, nämlich in der Einleitung zu den „Confessions“ von Rousseau. Da heißt es:
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Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig und allein ich. Ich fühle mein Herz – und ich kenne die Menschen. Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die ich bisher sah, und ich wage zu glauben, daß ich auch nicht gemacht bin wie irgendeiner von allen, die leben. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich doch wenigstens anders.35
Was ich hier in Angriff nehme, sagt Rousseau, ist etwas völlig Neues, etwas, das nicht von der Autorität der Tradition gedeckt ist, sondern durchaus neu, innovativ, modern. Ich will „einen Menschen in der Wahrheit der Natur zeigen“, mich selbst. Das heißt: ich will sagen, was der Mensch ist, was er von Natur aus ist, indem ich die Selbsterfahrung eines Individuums zur Darstellung bringe, und zwar des Individuums, das ich am besten kenne, meiner selbst: „Ich fühle mein Herz – und ich kenne die Menschen“. Das Wichtige daran soll nun aber nicht sein, daß dieses Ich besser ist als andere, sondern lediglich, daß es „anders“ ist, daß es sich bei ihm um ein besonderes, einmaliges Individuum handelt. Bei dem Thema Individualität geht es gerade nicht um Besonderheit im Sinne von Größe und Tugend, um die besonderen Fähigkeiten und Leistungen eines großen Mannes, sondern allein um jene Subjektivität und Eigentümlichkeit, die jedem Subjekt und Individuum zukommt, auch dem unscheinbarsten. In diesem Sinne will Rousseau in seiner Autobiographie die „allgemeine Menschennatur“ anhand der Selbsterfahrung eines Individuums erkunden.
Individualisierung bei Boswell
Das ist nun in der Tat im 18. Jahrhundert etwas Neues, aber es ist zu dem Zeitpunkt, an dem Rousseau seine „Confessions“ schreibt, schon längst nichts Besonderes mehr; es ist eben eine Grundtendenz in der Kultur der Epoche. Dafür ist gerade Boswells Tagebuch ein guter Beleg. Denn da findet sich zum Beispiel unter dem Datum des 29.12.1764 eine Eintragung, in der vor und unabhängig von den „Confessions“ im Prinzip das Gleiche steht wie bei Rousseau.
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Ich muß hier einmal innehalten und als unbeteiligter Betrachter über mich selbst schlüssig werden.
So und nicht anders liest sich ein Tagebuch, in dem ein Individuum, indem es das Selbsterlebte festhält, zugleich Selbstbeobachtung und Selbstreflexion betreibt. Und nun folgt ein Satz, den man die Quintessenz allen Tagebuchschreibens nennen könnte:
Was für ein eigenartiges Wesen bin ich doch!
Anders gesagt: ich stelle fest, daß ich ein Individuum bin. Worin manifestiert sich nun solche Individualität?
Aus diesem meinem Tagebuch läßt sich ersehen, wie vielseitig mein Innenleben ist. Werde ich denn nicht überall gut aufgenommen? Wird mir nicht vornehmlich von den bedeutendsten Geistern Beachtung geschenkt? Und warum? Ich verfüge weder über ein tiefgründiges Wissen noch über ein sicheres Urteil noch über ständigen Frohsinn. Dafür habe ich eine edle Seele, die immer wieder durchbricht, einiges Wissen, Einfälle aller Art, einen persönlichen Ton, und ich glaube wirklich, eine bemerkenswerte Kenntnis des menschlichen Herzens. (BB 141 –143)
Hier läßt sich mit aller wünschenswerten Klarheit greifen, wie das Menschenbild in der Aufklärung durch die Betonung der individuellen, persönlichen Eigenart eine neue Kontur erhält. Der Akzent fällt nun auf die Seele, die Psyche, das Herz; wichtig ist es, ein „vielseitiges Innenleben“ zu haben und ein „Kenner des menschlichen Herzens“ zu sein. Das wird wichtiger als das, was zuvor, in Zeiten des frühmodernen Humanismus, als das Wichtigste galt: „tiefgründiges Wissen“, „sicheres Urteil“ und „ständiger Frohsinn“, in mittelalterlichen Begriffen: „hoher muot“, eine typisch höfische Tugend; in humanistischen Begriffen: Gleichmut, Seelenruhe, „Ataraxie“. Wissen, Urteil und Gleichmut sind Momente, die die Menschen aneinander angleichen, die die Individualität einebnen. Gerade auf die Individualität soll es aber nun ankommen. Und zwar soll sie in der Besonderheit und Vielseitigkeit der Seele, des Herzens, des Innenlebens gründen, wie sie in „Einfällen aller Art“ und „einem persönlichen Ton“ zum
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Ausdruck kommen. Den letzten Pfiff gibt dieser individuellen Seele dann noch ein gewisser pikanter „Hang zum Trübsinn“, die Melancholie als Brüten über sich selbst.
Individualität vs.Größe und Tugend
Und wie manifestiert sich die individuelle Seele mit ihrem „vielseitigen Innenleben“ und ihrer „Kenntnis des menschlichen Herzens“, ihrem „persönlichen Ton“ und ihren „Einfällen aller Art“ gegenüber anderen Individuen?
Diese (meine Kenntnis des menschlichen Herzens) ist so verschieden von bloßer Menschenkenntnis wie die Kenntnisse eines Blumenliebhabers, der über das Walten der Natur Bescheid weiß, von denen eines solchen, der nur künstliche Blumen liebt. Der erstere erkennt zwar künstliche Blumen als solche, kann aber nicht angeben, ob sie aus Stoff, Porzellan oder Kupfer sind. Genauso erkenne ich den Mann von Welt als künstlich, ohne ihn im einzelnen näher bestimmen zu können. Was den Menschen als solchen angeht, da kenne ich mich wohl so ziemlich aus. Dazu verfüge ich über gewandte Umgangsformen, die für mich einnehmen. Ich vermag mich auf jeden einigermaßen erträglichen Menschen abzustimmen, daß er sich so ungezwungen gibt wie einem zweiten Selbst gegenüber und mich, solange ich da bin, gar nicht als fremd empfinden kann. Vielleicht sind meine Talente geeignet, mir mehr Glück zu verschaffen als solche höherer Art. Wenn mein Hang zum Trübsinn nicht wäre, könnte ich als regelrechter Lebenskünstler gelten. (BB 143)
Boswell formuliert damit offensichtlich schon den gleichen Gedanken, der dann auch im Mittelpunkt der Einleitung zu Rousseaus „Confessions“ steht. Wo die Bedeutung der Individualität zum Vorschein gebracht werden soll, da kommt es nicht darauf an, daß das eine Individuum besser oder größer ist als das andere, sondern lediglich darauf, daß es anders ist. „Talente höherer Art“ interessieren dann weniger als das, was es zu einem „eigenartigen Wesen“ macht und es dazu befähigt, sich als ein solches „eigenartiges Wesen“ auf andere in ihrer Eigenart, in ihrem Anderssein einzulassen; was es ein Individuum unter Individuen sein läßt. Boswell geht sogar schon so weit zu fragen, ob es nicht gerade diese Ausstattung sei, die einen Menschen „glücklich“ und zum „Lebenskünstler“ machen könne; ob sie dafür nicht wichtiger sei als die herausragenden Fähigkeiten eines Überfliegers.
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Mit anderen Worten: die altehrwürdigen Konzepte von Größe und Tugend werden überschätzt.
Individualisierung bei Goethe
Eben für diesen Gedanken hat der alte Goethe eine klassische Formulierung gefunden, wiederum in dem Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“, der hier schon einmal konsultiert worden ist. Denn da heißt es:
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn, zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe, was man ist. (HA 2, 71)
Worauf es ankommt, das ist, seiner Persönlichkeit, seiner Individualität gemäß leben zu können, und nicht, ob man ein „Überwinder“, ein Genie oder ein großer Held ist.
Das neue Interesse an der Mittellage
Boswell formuliert diesen Gedanken in seinen Briefen so:
Unvollkommen, wie ich bin, betrachte ich mich doch als einen trefflichen Menschen in der Welt, wie sie ist. (BB 67)
Hier zeigt sich eine völlig neue Form von Selbstbewußtsein, der die Kultur und die Literatur des 18. Jahrhunderts eben dadurch Raum zu geben suchen, daß sie die Individualität betonen. Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl wollen sich nicht mehr so sehr mit einer herausragenden Stellung in der Gesellschaft, mit der Zugehörigkeit zu einem Stand oder mit exzeptionellen Fähigkeiten und Leistungen, mit Genialität und Größe begründen, als sie sich vielmehr in Form eines einfachen Stehens zu sich selbst realisieren wollen, als wie unvollkommen man sich letztlich immer begreifen mag – die Welt ist ja auch reichlich unvollkommen.
Hier tritt jenes kulturgeschichtliche Wurzelgeflecht in den Blick, von dem her sich noch eine weitere wichtige Tendenz der Literatur des 18. Jahrhunderts begründet: ein neuartiges Interesse an dem, was
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man die Mittellage nennen könnte. Die Literatur blickt nun nicht mehr so sehr auf die menschlichen Extreme, auf den großen Tugendhelden oder die absolute Lasterhaftigkeit, sondern sie versucht sich an Menschen wie du und ich, an Figuren, die Lessing mit Aristoteles als mittlere Helden kennzeichnet.36 Sie sucht weniger die Spitzen oder die Abgründe der Gesellschaft als vielmehr das, was bei Lessing „Mittelstand“ heißt. Sie orientiert sich nicht mehr so sehr an Extremen, an utopischen Idealen oder katastrophalen Zuständen, sondern an dem, was sie, wiederum mit Bezug auf Aristoteles, die „Mittelstraße“ (Wieland),37 den goldenen Mittelweg nennt. Und sie siedelt sich nicht dort an, wo der scharfe Wind der großen Geschichte weht, sondern in der Alltagswelt. Das alles kann man z. B. an der Entwicklung vom heroischen zum bürgerlichen Trauerspiel verfolgen, oder an der Entwicklung vom Staatsroman zum empfindsamen Roman. An die Stelle der „Staatsaktion“ tritt die Geschichte von Menschen wie du und ich. Was die Literatur hier an Neuerungen versucht, ist vor allem durch die kulturgeschichtliche Entwicklung hin zu den neuen Formen von Individualismus gedeckt.
Nachdem auch diese zentralen Fragen der Aufklärung und ihrer Literatur berührt worden sind, soll nun endlich Boswell selbst mit seinem Reisetagebuch zu Wort kommen und uns in die Welt des 18. Jahrhunderts führen, mit dem Ziel der Begegnung mit Voltaire und Rousseau.
2.1.4 Aufklärung im Alltag
Der Weg zu Voltaire und Rousseau führt Boswell zunächst nach Basel. Um diese beiden Protagonisten einer aufgeklärt-aufklärerischen Literatur sehen zu können, mußte er sich in die Westschweiz begeben, denn dort hielten beide sich damals, im Jahr 1764, auf; dorthin hatte sich der eine wie der andere vor mancherlei Verfolgung zurückgezogen.
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Boswell reist zusammen mit einem Diener, Jakob, einem ortskundigen Schweizer, sowie einem Mietkutscher.
Reisen im 18. Jahrhundert
Ein Reisender wie Boswell hatte seinerzeit verschiedene Möglichkeiten zu reisen. Die billigste Variante nach der Fußwanderung war die Reise mit der Postkutsche; es gab damals schon einen regelmäßigen Linienverkehr zwischen allen wichtigen Zentren Europas. Wesentlich teurer war es, mit einer eigenen Kutsche zu reisen, und womöglich mit einem eigenen Reisemarschall oder Hofmeister.38 Boswell folgt auch hier dem goldenen Mittelweg und reist auf mittlerem Niveau, lediglich mit einem Lohndiener und indem er sich für bestimmte Abschnitte des Wegs jeweils eine Kutsche mietet. Der Kutscher, der ihn nach Basel bringt, hat übrigens versucht, ihn übers Ohr zu hauen, und, wie Boswell beim Einsteigen empört vermerkt, die Kutsche auch noch an einen zweiten Reisenden vermietet, um die doppelte Taxe zu kassieren (BB 29). Gute alte Zeit! Aber Boswell weiß sich zu wehren.
Die erste Station in der Schweiz ist also Basel. Was macht ein Reisender wie Boswell in einer fremden Stadt? Als erstes sucht er sich natürlich ein Hotel, nicht anders als wir heute (BB 30). Dann allerdings tut er etwas, das heute nicht mehr üblich ist: er macht in Häusern seine Aufwartung, an die er empfohlen ist, gibt dort Empfehlungsschreiben ab, die er von früheren Stationen her mitbringt. Die gesellschaftliche Schicht, in der wir uns mit Boswell bewegen, unterhielt seinerzeit schon ein dichtes Netz von Bekanntschafts- und Freundschaftsbeziehungen kreuz und quer durch Europa, mit Hilfe von Korrespondenzen und wechselseitigen Besuchen. Das gilt zumal für die Aufklärer, die „Philosophen“, die allesamt auf solche Weise schon aufs engste vernetzt waren. Jeder von ihnen hatte Bekannte, die ihrerseits jemanden kannten, der da wohnte, wo er hinreiste, und die gaben ihm Empfehlungsschreiben mit, mit denen er sich dann vor Ort einführen konnte.
Das war natürlich für einen Reisenden äußerst praktisch; da hatte er in der fremden Stadt gleich ein, zwei Menschen, die ihm weiterhalfen. Und da ihn diese dann auch zu ihren eigenen Bekannten brachten, öffneten sich ihm bald alle Türen. Und auch für die Gastgeber waren solche Besuche höchst erfreulich; man hatte Abwechslung
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und hörte mal was Neues. Gäste zu haben und Gast zu sein, Gastfreundschaft zu praktizieren war seinerzeit überhaupt ein wichtiger Teil dessen, was man heute Freizeitgestaltung nennt. Und das war nicht nur unterhaltsam, sondern auch nützlich, konnte man so doch Beziehungen knüpfen, die in allen Belangen des Lebens von Vorteil waren. Die Gastgeber in der fremden Stadt gaben dem Reisenden womöglich selbst auch wieder Empfehlungsschreiben mit, die dann auf den nächsten Stationen der Reise hilfreich waren. So bringt Boswell z. B. von seinem Besuch in Leipzig ein Empfehlungsschreiben von Gottsched an den Stadtschultheißen von Basel, einen Herrn Wolleb, mit (BB 31); der Stadtschultheiß war der Chef der städtischen Justiz. Eine durchaus angenehme Form des Reisens; man war nirgends völlig fremd, wo immer man hinkam, wurde man von Gastfreundschaft aufgefangen.
Aufklärung unter Handwerkern
Der Reisegefährte, mit dem Boswell wegen der Geschäftstüchtigkeit seines Mietkutschers die Kutsche teilen muß, ist ein gewisser Boily; von dem weiß er zu berichten:
Es war ein artiger junger Mann, ein Kupferstecher, der sich drei Jahre in Holland aufgehalten hatte, recht manierlich für einen Franzosen. Die Fahrt (…) verlief angenehm. (…) Wir waren recht aufgeräumt. Boily (…) zog einen treffenden Vergleich zwischen seinen Landsleuten und den Engländern. „Die Engländer fühlen sich über alle Völker erhaben und schauen mit Verachtung auf sie herab. Die Franzosen verachten andere nicht, obwohl sie sich sicher allen anderen Völkern ebenso überlegen fühlen.“ Er brachte mir ein Lied bei. Ein Materialist ist er auch. Er machte kaum einen Unterschied zwischen Herr und Diener und wußte nicht, wann sprechen und wann den Schnabel halten. (BB 29 –30)
Also einem solchen Menschen hat man seinerzeit schon auf Reisen begegnen können: einem materialistischen Kupferstecher mit Auslandserfahrung, einem Handwerker mithin, keinem Mitglied der gebildeten Stände, der weit herumgekommen ist, sich als ein Materialist gibt und keinen Unterschied machen will zwischen Herr und Diener. Die Wendung ins Materialistische, der sogenannte Frühmaterialismus, war seinerzeit die allerneuste Entwicklung in der Philosophie der Aufklärung, kultiviert vor allem in Paris im Kreis der
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Enzyklopädisten, der Herausgeber und Beiträger eines vielbändigen Werks mit dem Titel „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arts et des métiers“ (1751 –1780), in dem auf der Linie des Dictionnaire von Bayle in lexikalischer Form das gesamte Wissen der Zeit in aufklärerischem Sinne gesichtet und zusammengetragen wurde – das Urbild aller modernen Enzyklopädien. Im Sinne des Frühmaterialismus haben sich hier vor allem Julien Offroy de La Mettrie (1709 –1751) mit seinem berühmt-berüchtigten Buch „L´homme machine“ (1748), der Mensch als Maschine, und Autoren wie Paul Henry Thiry d’Holbach (1723 –1789) und Claude Adrien Helvétius (1715 –1771) hervorgetan. Die Lehren dieses Frühmaterialismus waren damals also schon bis zu den Kupferstechern durchgedrungen.
Die Frage nach dem Status der menschlichen Seele
Boswell hat von ihnen übrigens keine gute Meinung; er schreibt:
Boily (…) legt sich des Nachts schlafen und steht des Morgens wieder auf, in der festen Überzeugung, seine Seele sei etwas Stoffliches. Was für ein Armutszeugnis! (BB 35)
Wir werden der Frage, die hier anklingt, der Frage nach dem Status und der Beschaffenheit der menschlichen Seele, bei Boswell immer wieder begegnen. Sie ist so etwas wie der rote Faden seines Reisetagebuchs; insbesondere kommt ihr in den Gesprächen mit Voltaire und Rousseau große Bedeutung zu. Es handelt sich dabei um eine Frage, die nicht nur Boswell persönlich beschäftigt, sondern viele seiner Zeitgenossen ungemein bewegt hat – ein neuralgischer Punkt in den Diskussionen des 18. Jahrhunderts.
Der Begriff der Seele ist in den Diskursen der Aufklärung gleichsam unterwegs von der Metaphysik zur Psychologie. Die Frage lautet: ist die Seele wirklich der unsterbliche Teil des Menschen, wie es die christliche Tradition lehrt? Ist sie eine Art von zweiter Substanz neben der Materie, die letztlich unabhängig vom Körper ist, die ihn überleben und womöglich in alle Ewigkeit dauern kann? Oder ist sie Teil der menschlichen Natur, auf unauflösliche Weise mit dem Körper verknüpft, und als ein solcher Teil der Natur genauso der Erfahrung, der Beobachtung, Analyse und Manipulation zugänglich wie der Körper, genauso geeignet, den Gegenstand einer Erfahrungswissenschaft abzugeben wie er, eben jener Wissenschaft, die man dann Psychologie,
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„Erfahrungsseelenkunde“ nennen wird? 39 Und wenn die Seele so eng mit dem Körper verknüpft ist, wird sie dann womöglich auch mit ihm zusammen vergehen? Bei Boswell kann man sehen, daß diese Fragen seinerzeit keineswegs nur ein esoterisches Thema für Gebildete gewesen sind, sondern auch Kupferstecher schon haben beschäftigen können.
Das Interesse am Individuum im Alltag
In Basel angekommen, stiegen wir in den „Drei Königen“ ab, einem schön gelegenen Gasthof am Rheinufer. Imhof, der Wirt, ist ein sonderbarer Kauz. Er rühmte sein Basel bis in die Puppen; es verdiene, gründlich besichtigt zu werden, sagte er, damit ich meinen Aufenthalt bei ihm ausdehne. Er begleitete uns auf einen Rundgang, wobei er sich des langen und breiten über alles ausließ, was er sah. Wir speisten an der allgemeinen Mittagstafel, wo er sich über die große Zahl der Gäste verbreitete und die berühmten Gelehrten, die schon in seinem Haus gewohnt hatten. „Voltaire war hier“, erzählte er uns. „Er ging gleich zu Bett. Ich fragte den Diener, ob sein Herr etwas zu essen wünsche. ,Ich weiß nicht. Kommt drauf an. Vielleicht; vielleicht auch nicht.‘ Nun, ich ließ eine gute Suppe bereiten und ein Huhn herrichten. Ich bringe ihm die Suppe. Er nimmt sie. Er weist sie zurück. Dann nimmt er sie doch. ,Eine ausgezeichnete Suppe!‘ Ein Gast war eingetroffen, und ich gab ihm die Hälfte des Huhns. Die andere Hälfte bringe ich Voltaire. Er nimmt sie. Er weist sie zurück. Dann nimmt er sie doch. ,Das Huhn ist ausgezeichnet!‘ Es ärgert ihn, daß er nicht ein ganzes bekommen hat. ,Ein halbes Huhn ist gar kein Huhn!‘ Kurz, er war mit meinem Haus zufrieden.“ Das wäre ein Muster eloquentiae Imhoffianae. Ich hatte meinen Spaß an ihm und kam zu dem Schluß, er sei entweder eine grundehrliche Haut oder ein Erzgauner. (BB 30)
Hier zeigt sich zum einen wieder Boswells Interesse am Individuum, an Originalcharakteren, im vorliegenden Fall eben an einem „sonderbaren Kauz“ von Wirt. Boswell hat Charaktere gesammelt wie andere
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Leute Briefmarken. An anderer Stelle nennt er sich selbst auch stolz einen „Physiognomiker“ (BB 96). Die Physiognomik war damals groß in Mode, so wie heute etwa Bücher über Körpersprache und manch andere Form von Nachhilfeunterricht für menschliche Trampeltiere. Physiognomik: unter diesem Titel ging es darum, aus der äußeren Gestalt des Menschen, der Form des Kopfs, den Gesichtszügen, auf den Charakter zu schließen, also aus dem Äußeren auf das Innere, aus dem Körperlichen auf das Seelische. Ein bekannter Vertreter solcher Physiognomie war Johann Kaspar Lavater, der hier schon einmal als Verfasser eines berühmten Tagebuchs genannt worden ist; von ihm stammen auch „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ (1775 –1778), die seinerzeit nicht weniger Aufmerksamkeit erregten.
Über den Begriff des Charakters wird hier noch ausführlich zu reden sein, denn er hat in der Literatur des 18. Jahrhunderts auf besondere Weise Karriere gemacht. Ein markantes Beispiel für das neue Interesse am Charakter sind die „Anmerkungen übers Theater“ (1774) von Reinhold Michael Lenz (1751 –1792); da wird die Darstellung von Charakteren zur wichtigsten Aufgabe des Dramas erklärt. Auch hier ist wieder zu bemerken: hinter derartigen Entwicklungen in der Literatur stehen außerliterarische Interessen, die das soziokulturelle Leben insgesamt prägen.
„Philosophen“ als Gegenstand des öffentlichen Interesses
Und zum andern zeigt die Stelle in Boswells Reisetagebuch, wie groß die Anteilnahme war, die man seinerzeit den Heroen der Aufklärung entgegengebracht hat, allen voran Voltaire und Rousseau. Sie sind auch mit ihrer Person ein Gegenstand des öffentlichen Interesses, man nimmt Anteil an ihrem Schicksal, man erzählt sich Anekdoten und Witze von ihnen, so wie heute von den „VIPs“, von „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“. Auch darin manifestiert sich der Einfluß, den sich die neue Schicht der Intellektuellen erobert hat, die ja bewußt über das neue Instrument der Öffentlichkeit zu wirken versucht. Männer wie Voltaire und Rousseau sind Größen des öffentlichen Interesses wie sonst nur Könige und Kriegsherren. Je näher Boswell dem Wohnsitz Voltaires kommt, desto größer wird die Dichte an Voltaire-Anekdoten.
Das Interesse an ihm ist übrigens keineswegs auf die gebildeten Stände beschränkt.
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Ich hörte von einem Steinmetz hier, der für Voltaire gearbeitet hatte. Auch der größte Dummkopf wird sich an irgendeinen Ausspruch eines bedeutsamen Mannes erinnern, den zu sehen er Gelegenheit hatte. Dieser Steinmetz erzählte mir von einem Karrengaul in Ferney, bei dessen Anblick Voltaire immer gesagt habe: „Armer Klepper, du bist fast so dürr wie ich.“ Bei einem solchen Mann hat jede Kleinigkeit ihren Wert. (BB 45)
Zurück nach Basel!
Interesse an Kunstwerken
Ich vertiefte mich in Rousseaus „Glaubensbekenntnis eines Savoyarden“, dessen Klarheit, Einfachheit und Frömmigkeit mich angenehm berührte. Dann sah ich mir den berühmten Totentanz an, der als ein Werk Holbeins galt, da dieser aus Basel stammte; in Wirklichkeit hieß der Maler aber Jean Klauber. Allerdings ist von der ursprünglichen Arbeit nicht mehr viel vorhanden. Ich erstand ein Heft mit Angaben über Bilder und Beschriftung. Man hat den Totentanz in einer überdachten Galerie untergebracht, mit einem Geländer davor. Von Zeit zu Zeit wird es von Lausbuben beworfen und beschädigt. (BB 31)
Boswell besichtigt also die berühmten Kunstwerke vor Ort. Als Gebildeter hatte man damals im allgemeinen eine gewisse Kenntnis der großen Kunstwerke in Europa. Man kannte sie vor allem durch Kupferstiche. Es war üblich, bedeutende Gemälde und Plastiken und die Ansicht berühmter Bauwerke und städtischer Ensembles „abzukupfern“, in Kupferstichen festzuhalten, und diese Stiche wurden dann durch ganz Europa vertrieben. Wer es sich leisten konnte, legte sich eine Sammlung solcher Stiche zu, sei es um sie für sich allein zu betrachten oder um sie bei Gelegenheit seinen Gästen vorzulegen und mit ihnen gemeinsam zu diskutieren. Goethe zum Beispiel hat eine große Sammlung von Kupferstichen besessen, die bis heute erhalten ist. Wenn man als ein solcher „Kenner und Liebhaber“ auf Reisen an einen Ort kam, der ein bekanntes Kunstwerk wie den Basler Totentanz beherbergte, dann hat man es sich natürlich im Original ansehen wollen.
Wir erfahren hier bei Boswell auch, in welchem Maße seinerzeit die Kunstkritik schon in Blüte stand und daß sie damals schon die gleichen Fragen beschäftigten wie heute: wer ist der Autor, wem ist das Kunstwerk zuzuschreiben? Und ist das Ganze wirklich echt? Es
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waren seinerzeit schon so viele Reisende unterwegs, die nach Informationen über ein Kunstwerk wie den Basler Totentanz verlangten, daß es sich offenbar lohnte, einen entsprechenden Führer zu drucken.
Interesse an Anakreon, Anakreontik
Nach dem Totentanz besichtigt Boswell noch das Zeughaus der Stadt, wo alte Waffen ausgestellt sind (BB 31), eine private Gemäldesammlung, das Rathaus, das Münster und schließlich auch die Universitätsbibliothek (BB 33 –34). Hier läßt er sich alte Bücher und Stiche vorlegen; besonders nachdrücklich erkundigt er sich – wie an anderen Orten und in anderen Bibliotheken auch – nach Handschriften von Anakreon; die interessieren ihn besonders.
Anakreon: ein altgriechischer Lyriker des 6. Jahrhunderts v. Chr., der in der Mitte des 18. Jahrhunderts groß in Mode gekommen war. Man liebte Gedichte im Stil Anakreons; aus ihrer Nachahmung ist die sogenannte Anakreontik erwachsen, eine Sonderentwicklung der Lyrik, die ein Gutteil dessen ausmacht, was man später im Rückblick das literarische Rokoko genannt hat. Die Dichtung Anakreons kreist um die Themen Wein, Weib und Gesang; so auch die Anakreontik. In heiterer, unbeschwerter Stimmung werden das Leben und die Liebe, ein Leben in der Natur, Lebensfreude und Genuß gefeiert, im Geist der Philosophie Epikurs, die seinerzeit ebenfalls in Mode gekommen war, nachdem sie bis weit ins 17. Jahrhundert hinein von der christlichen Theologie im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt worden war. Epikur hat eine Philosophie formuliert, die als Antwort auf die Grundfrage der griechischen Philosophie, die Frage nach einem glücklichen, gelingenden Dasein, ein Leben nach dem Lustprinzip anempfiehlt, den sogenannten „Hedonismus“. Genauer gesagt, empfiehlt Epikur nur ein maßvolles Genießen; maßvoll soll es sein, damit man sich nicht ruiniert und möglichst lange genießen kann. In Deutschland hat vor allem der Hamburger Autor Friedrich v. Hagedorn eine anakreontische Dichtung in epikuräischer Haltung in Schwung gebracht;40 dem sind dann andere Autoren gefolgt, so z. B. Gleim, der Autor der „Freundschaftlichen Briefe“, Johann Peter Uz (1720 –1796) und Johann Nikolaus Götz (1721 –1781), bis hin zu Lessing und zum jungen
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Goethe, dem Leipziger Goethe. Diesem zeitgenössischen Interesse an Anakreon entspricht es, daß sich Boswell in allen Bibliotheken nach Handschriften und Drucken seiner Werke erkundigt.
Politische Aufklärung im Alltag
Bei diesen Bibliotheksbesuchen macht Boswell eine Beobachtung, die noch ein anderes charakteristisches Interesse der Zeit in den Blick rückt. Damit man sein Zeugnis recht einschätzen kann, muß man sich zunächst klarmachen, daß England zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den meisten Belangen des gesellschaftlich-kulturellen Lebens das fortschrittlichste Land in Europa war; nicht umsonst hat die Bewegung der Aufklärung von hier ihren Ausgang genommen. Was die politischen Verhältnisse anbelangt, so hat sich das gehobene Bürgertum in England schon im 17. Jahrhundert eine starke Stellung erobert gehabt, vor allem in Gestalt des Parlaments. Das war ein Prozeß, der mit zwei großen Revolutionen verbunden war, deren eine 1649 schon einen König, Karl I., den Kopf gekostet hatte. Während sich in Kontinentaleuropa die politische Entwicklung in Richtung Absolutismus bewegt hatte – das große Muster war hier Ludwig XIV. von Frankreich, „le roi soleil“, der Sonnenkönig, dem der Satz zugeschrieben wird „l’état, c’est moi“, der Staat bin ich – hatten sich die Verhältnisse in England in Richtung Parlamentarismus, Verfassungsstaat und Gewaltenteilung entwickelt. Damit wurde England zu einem Modell für das aufgeklärte Europa,41 propagiert unter anderem von Voltaire, zum Beispiel in dessen „Englischen Briefen“ von 1733.
Und nun also Boswell:
Ich muß hier einschalten, daß mir in dieser wie auch in allen größeren Bibliotheken, die ich gesehen habe, eine Schenkung von Büchern gezeigt worden ist, die von einem gewissen namenlosen englischen Sonderling stammt, der offenbar ein ausgepichter Freigeist ist, hat er doch seine Sendungen zusammengestellt aus Miltons Prosawerken (die er wohl seinen Dichtungen vorzieht), Tolands Milton-Biographie, Algernon Sidneys Werken und noch mehreren solchen Kosthappen britisch-republikanischen Schrifttums. Die Bücher sind in rotes Saffianleder gebunden und verziert
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mit Jakobinermütze, Heugabeln, Dolchen und anderen Instrumenten des Volkszorns, alles in Prägedruck, hübsch vergoldet. Mich wundert nur, daß er nicht auch noch Schafott, Richtblock und Beil mit draufgenommen hat. Er hätte ein ganzes Bücherbrett mit der Darstellung des Mordes an Karl dem Ersten ausschmücken können. (…) Falls Sidney, Milton und Toland die gute Sache nicht wirksam genug vertreten sollten, hat er noch eigene Fußnoten beigefügt und Zitate von seinesgleichen. (BB 41 –42)
Da gibt es also offenbar einen reichen Engländer, der die politische Aufklärung zu fördern sucht, indem er die Bibliotheken des Kontinents mit republikanischem Schrifttum aus Großbritannien beschenkt. Auch das ist Aufklärung gewesen. Und gerade die Schweiz scheint für solches Schrifttum besonders empfänglich gewesen zu sein. Denn da kann Boswell beobachten:
Die Schweizer sind auf Frankreich nicht mehr gut zu sprechen. Das Volk wird gelehrt, die große Monarchie zu verachten, so daß es nichts Ungewöhnliches ist, wenn „ein Bauer auf seinem klotzigen Berg sagt, der König könne ihn am Arsch lecken“. (BB 37)
Aufklärung und Aberglauben
Ein letztes Beispiel dafür, wie ein Mensch, der „als Philosoph unterwegs“ ist, in die Welt blickt und wie er das, was er da zu sehen bekommt, verarbeitet.
Die Uhren von Basel gehen ungefähr eine Stunde vor, verglichen mit allen anderen Uhren im Land, ja verglichen mit der Sonne selber, nach der sie gerichtet werden. Wenn also ein Fremder um die Mittagszeit von Basel abreist, kann er meilenweit fahren, und wenn er dann nach der Uhr sieht, ist es immer noch Mittag. Verschiedene Gründe werden für diese Eigenheit der Basler Uhren angeführt. Die einen behaupten, es habe einst eine Verschwörung unter den Bürgern gegeben, die zu einer bestimmten Stunde losschlagen wollten, und die Obrigkeit, davon in Kenntnis gesetzt, habe die Uhr eine Stunde vorgestellt, so daß die Aufrührer sich teils zu früh, teils zu spät einfanden und eine heillose Verwirrung entstand. Andere meinen, bei einer Belagerung hätten einst Mißvergnügte zu einer vereinbarten Zeit dem Feind die Tore aufmachen wollen, und nur durch ein Wunder sei die Stadt gerettet worden, indem die Uhr plötzlich eine Stunde vorging. Ein
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solcher Aberglaube ist höchst natürlich. Es erhöht das Selbstgefühl, an ein Eingreifen der Vorsehung zu glauben. Kein geringerer als der berühmte Mathematiker Bernoulli hat sich mit dieser Frage befaßt. Er vermutete, man habe die Uhr des Münsters nach einer ungenauen Sonnenuhr gerichtet und die anderen Uhren seien gefolgt; aber diese Erklärung befriedigt nicht, denn wenn auch die eine Sonnenuhr fehlerhaft gewesen wäre, hätten doch die andern den Fehler berichtigt. Wolleb meinte, höchstwahrscheinlich sei die Uhr während des Basler Konzils vorgestellt worden, damit die kirchlichen Würdenträger eine Stunde früher zusammenkommen konnten, wohl um auf diese Art eine Stunde früher bei ihren Weibern zu sein. Da das Konzil zehn Jahre dauerte, habe sich die abweichende Uhrzeit eingebürgert. Ich fragte, ob denn dieser Mißstand nicht abgestellt werde. Ein gewichtiger Patrizier gab gewichtig zur Antwort, es sei noch kein Jahr her, daß die Frage im Rat behandelt worden sei, und ein Teil der Ratsherren habe gefunden, die Uhr dürfe nicht geändert werden, da der Stadt sonst Unheil drohe. Ist es die Möglichkeit, daß in einem so aufgeklärten Zeitalter sich noch solch finsterer Wahn erhält? (BB 31 –32)
Es ist höchst aufschlußreich, auf welche Weise sich ein aufgeklärter Kopf wie Boswell hier mit dem Phänomen des Aberglaubens auseinandersetzt. Bei der Kritik an abergläubischen Vorstellungen kommt es nicht nur darauf an, den Gegenstand des Aberglaubens rational, mit wissenschaftlichen Mitteln zu erklären, ihn auf „natürliche“ Ursachen zurückzuführen und damit aus der Welt zu schaffen. Es gilt auch zu verstehen, wie es überhaupt zu ihm hat kommen können, und das heißt: seine Entstehung psychologisch aufzuklären, aus der „allgemeinen Menschennatur“ herzuleiten, was hier im Rekurs auf den Trieb der Eigenliebe geschieht: „Ein solcher Aberglaube ist höchst natürlich. Es erhöht das Selbstgefühl, an ein Eingreifen der Vorsehung zu glauben“. Auf die gleiche Weise sucht etwa auch Nathan in den ersten beiden Szenen von Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“ dem Aberglauben seiner Tochter Recha, dem Glauben an ihre Rettung durch einen Engel, beizukommen.
Damit nähert sich Boswell dem Höhepunkt seiner Reise durch die Schweiz, den Besuchen bei Voltaire und Rousseau.
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2.2 Voltaire, Rousseau und die Entwicklung der Literatur im 18. Jahrhundert
Voltaire und Rousseau als Protagonisten und Kontrahenten der Aufklärung
Boswell hat sich mit dem Gedanken, bei seiner „Grand Tour“ auch Voltaire und Rousseau aufzusuchen, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Denn die beiden Autoren sind 1764, als Boswell sich zu ihnen aufmacht, die am meisten gelesenen zeitgenössischen Schriftsteller in Europa. Es sind die Helden der Aufklärungsbewegung, die großen Stars, an deren Arbeit und Schicksal eine europaweite Öffentlichkeit Anteil nimmt.
Freilich begegnet man der Aufklärung in ihnen auf verschiedene Weise. Denn es sind zwei durchaus unterschiedliche Autoren, verschieden nach Herkunft, Naturell, Temperament, Bildungs- und Lebensgang, und von daher dann auch in dem verschieden, was sie denken und schreiben. Diese Unterschiede haben sie schließlich in öffentliche Kontroversen hineingetrieben, mit allerlei bösen Polemiken, denen ein Widerhall in Europa gewiß war. Gerade als Boswell zu ihnen aufbricht, nähert sich der Konflikt seinem Höhepunkt, so daß er seine Müh und Not hat, sich zwischen den beiden zurechtzufinden. Es war das Schicksal von Voltaire und Rousseau, daß eben die Stärken des einen die Schwächen des anderen waren, so daß sie schließlich dahin gekommen sind, einander wechselseitig ihre Mängel vorzurechnen und diese vor die Öffentlichkeit zu zerren. Mit dem Phänomen des modernen Intellektuellen erblickt eben zugleich auch das Intellektuellengezänk das Licht der Welt.
So stehen Voltaire und Rousseau in unseren Augen für zwei verschiedene Möglichkeiten von Aufklärung ein, auch für zwei verschiedene Entwicklungsphasen der Aufklärung, denn Rousseau gehört ja schon einer anderen, jüngeren Generation an als Voltaire, einer Generation, der vieles schon selbstverständlich geworden ist, wofür ein Voltaire noch hat kämpfen müssen. Immerhin, wenn man die beiden Autoren zusammennimmt, bekommt man ein recht umfassendes Bild von den Bestrebungen der Aufklärung in der Mitte des 18. Jahrhunderts.
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2.2.1 Voltaire und der Weg zur Autonomie der Literatur
Voltaire als Muster des „freien Schriftstellers“
Voltaire 42 war 1764 schon längst eine Institution geworden. Er ist 1694 geboren, war damals also schon 70 Jahre alt, hatte bereits seit 50 Jahren publiziert – und zwar ununterbrochen publiziert – publizierte immer noch und würde weiter publizieren bis zu seinem Tod 1778. Die Geschichte Voltaires war seinerzeit bereits Legende, und in gewisser Weise ist sie es bis heute. Voltaire figuriert im kulturellen Gedächtnis als der Aufklärungsschriftsteller schlechthin, und damit zugleich als Prototyp des modernen Intellektuellen, vor allem aus zwei Gründen.
Zum einen hat Voltaire ein Werk geschaffen, das fast die gesamte Themenpalette der Aufklärung abdeckt. Was immer das aufgeklärte Europa interessierte – Voltaire hatte schon etwas dazu gesagt. Und zum andern ist Voltaire das erste große, weithin sichtbare Beispiel für die autonome Schriftstellerexistenz, für den sowohl institutionell unabhängigen als auch weltanschaulich autarken modernen Autor, wie er sich durch nichts als diese seine Autarkie legitimiert, allein durch sie für sein Publikum interessant und glaubwürdig zu werden sucht. Voltaire ist zwar keineswegs der erste gewesen, der vom Schreiben hat leben können, aber er ist das erste große Beispiel dafür, daß man durch den Erfolg und Ertrag des Schreibens unabhängig werden kann. Er ist zumindest derjenige Autor, an dem das neue Phänomen der unabhängigen Schriftstellerexistenz erstmals öffentlich wahrgenommen und diskutiert und so einem breiteren Publikum bewußt geworden ist.
Was man an Voltaire sah, war, daß da einer schreiben und veröffentlichen konnte, was immer er für wichtig und richtig hielt, wenn vielfach auch nur mit List und Tücke. Denn es gab ja weithin noch immer eine Zensur, die irgendwie umgangen werden mußte; und es gab allerlei geistliche und weltliche Autoritäten, die schnell beleidigt waren und dann zu Mitteln der Repression griffen. Eben um ihnen ein- für allemal zu entgehen, hatte sich Voltaire in der Schweiz angesiedelt. Und so konnte man nun an ihm beobachten: was einem Autor den Erfolg beim Publikum bringt, ist, daß er schreibt, was ihm persönlich wichtig ist und was er persönlich für richtig hält, weil ihn allein dies
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bei seinen Lesern glaubwürdig macht. Der Erfolg beim Lesepublikum wiederum verschafft ihm Unabhängigkeit, gibt ihm die Möglichkeit zu schreiben, was er will. Unabhängigkeit durch öffentliche Wirkung, öffentliche Wirkung durch Unabhängigkeit – eben dieser Regelkreis setzt sich erstmals in einer weithin sichtbaren Weise mit dem Phänomen Voltaire in Bewegung
Autorschaft in der frühen Neuzeit: institutionelle und dogmatische Bindungen
Sicherlich haben auch vor Voltaire schon einige Autoren vom Schreiben leben können. In Deutschland etwa gab es schon im 17. Jahrhundert im Umkreis der großen Nürnberger Buchdrucker einige Autoren von populärem Lesefutter, die vom Schreiben, von den Honoraren für ihre Publikationen lebten – mehr schlecht als recht, denn reich konnte man dabei nicht werden. Das Gros der Autoren, auch der bekannten Autoren, hatte aber einen Beruf als Basis der materiellen Existenz, ein kirchliches Amt, ein Amt bei Hofe, ein städtisches Amt oder eine Professur an einer Universität oder einem Gymnasium, und schrieb nur nebenher. Wer besonders großes Glück hatte, bekam irgendwann eine fürstliche Pension, eine Art Ehren-Gehalt, das ihn finanziell unabhängig machte. Das gilt weithin auch noch für das 18. Jahrhundert, bis hin zu Goethe, der zwar durchaus schon vom Schreiben hätte leben können, der es aber vorzog, seine Existenz durch ein Amt am Weimarer Hof abzusichern.
Natürlich bedeutete die berufliche Bindung an eine Institution – an die Kirche, den Hof, an bestimmte Stände, die Stadt, die Universität – daß man nicht völlig frei war in dem, was man schrieb, daß man auf die weltanschaulichen, ideologischen Grundlagen dieser Institutionen Rücksicht nehmen mußte. Die institutionelle Bindung ging mit einer normativ-dogmatischen Bindung einher. Das war allerdings solange kein Problem, als die Autoren keinen Anstoß an den betreffenden Dogmen und Normen nahmen, als sie selbst kirchlich fromm waren, selbst an die Prinzipien der Monarchie und der ständischen Ordnung glaubten, selbst der universitären Gelehrsamkeit verpflichtet waren, und das galt bis ins 18. Jahrhundert hinein für die meisten von ihnen.
Nun finden sich zwar schon im 16. und 17. Jahrhundert einige spektakuläre Beispiele dafür, daß einzelne Wissenschaftler und Literaten durch ihre Schriften in Konflikt mit den geistlichen und weltlichen Autoritäten gerieten, prominente Fälle wie die von Galileo Galilei und Torquato Tasso, deren Gedächtnis nicht zuletzt durch die Dramen von
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Brecht und Goethe bewahrt worden ist. Aber diese Konflikte endeten im allgemeinen damit, daß die Autoren zu Kreuze krochen und widerriefen, sich den Autoritäten unterwarfen. Auch wenn sie den einen oder anderen potenten Fürsprecher haben mochten, konnten sie sich mit ihrem eigenen Standpunkt letztlich doch nicht behaupten – warum? Weil eine Öffentlichkeit fehlte, wie wir sie kennen, die ihnen den Rücken hätte stärken können.
Autorschaft im Jahrhundert der Aufklärung
Konflikte mit den Autoritäten, wie Galilei und Tasso sie provozierten, waren in der frühen Neuzeit allerdings Einzelfälle. Erst im 18. Jahrhundert werden solche Konflikte zum Problem ganzer Generationen von Schriftstellern, erst jetzt, in der Zeit der Aufklärung und infolge der Aufklärung, wo das Denken und Schreiben gleichbedeutend wird mit der Emanzipation von der Autorität der Tradition, mit der Überprüfung jedweden überlieferten Dogmas, jedweder altehrwürdigen Norm in der Erfahrung. Hier wird die Emanzipation von den Institutionen der Kirche, des Hofs, der Stände, der Universität zu einer unabdingbaren Voraussetzung für die Autorschaft; um die normativ-dogmatische Bindung abschütteln zu können, muß man die institutionelle Bindung loswerden. Hier erst haben deshalb die Autoren begonnen, den Weg in eine autonome Schriftstellerexistenz zu suchen, und einige wenige haben ihn dann in der Tat auch gefunden, allen voran Voltaire.
Allerdings wurde ein solcher Weg auch hier nur möglich, weil das Buch- und Zeitschriftenwesen nun erst die Formen annahm, die wir als moderne Öffentlichkeit bezeichnen. Die Voraussetzung dafür war, daß im 18. Jahrhundert immer mehr Menschen, immer breitere Schichten der Gesellschaft lesen konnten und über die Mittel verfügten, um sich Bücher und Zeitschriften zu leisten. Das 18. Jahrhundert ist die Zeit einer sich ständig beschleunigenden Alphabetisierung der Massen. Für Frankreich will man herausgefunden haben, daß um 1700 allenfalls ein Viertel, um 1800 hingegen schon die Hälfte der erwachsenen Männer lesen konnte43 – eine Verdoppelung des Anteils der Leserschaft an der
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Bevölkerung. In Deutschland dürfte es ähnlich gewesen sein. Der Hintergrund war hier die Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch die aufgeklärten Fürstenstaaten.
Und was das Geld anbelangt, und damit die Möglichkeit, sich Bücher und Zeitschriften zu kaufen, so ist das 18. Jahrhundert die Zeit eines kontinuierlichen wirtschaftlichen Wachstums und einer kontinuierlichen Intensivierung der Geldwirtschaft gewesen. In Frankreich z. B. soll die landwirtschaftliche Produktion im 18. Jahrhundert um 50 % zugenommen haben, die Produktion der verarbeitenden Gewerbe um 100 % und das Handelsvolumen gar um 400 %,44 was nichts anderes bedeutet, als daß die Menschen nun Geld in die Finger bekamen, Geld, das sie eben auch für Bücher und Zeitschriften ausgeben konnten. So daß der Buch- und Zeitschriftenmarkt nun in eine Dimension hineinwachsen konnte, die es Autoren ermöglichte, vom Absatz ihrer Schriften zu leben, ökonomisch von institutionellen Bindungen unabhängig zu werden.45
Voltaire entdeckt Öffentlichkeit und Buchmarkt
Voltaire ist einer der ersten gewesen, der sich diese Zusammenhänge systematisch klarmachte, der erkannte, daß das literarische Leben damit auf eine neue Grundlage gestellt wurde, und der daraus für sich die Konsequenzen zog. So gibt es z. B. in den „Englischen Briefen“ ein Kapitel – den 23. Brief, überschrieben „Von der Hochachtung, welche man den Gelehrten schuldig ist“ – in dem er die soziale, ökonomische und politische Stellung von Wissenschaftlern und Literaten ausführlich reflektiert. Was Voltaires zeitgenössischer deutscher Übersetzer mit dem Begriff „Hochachtung“ auf eine etwas altmodisch und unbeholfen wirkende Weise umschreibt, würden wir wohl öffentliche Aufmerksamkeit nennen und als Zeichen der allmählich sich formierenden modernen Öffentlichkeit bewerten; die Sache ist so neu, daß Voltaire und seinen Übersetzern noch die adäquaten Begriffe fehlen.
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Man trifft weder in England noch in irgendeinem anderen Lande so für die schönen Künste zuträgliche Einrichtungen an wie in Frankreich. Man hat fast überall Universitäten, nur in Frankreich findet man diese nützlichen Ermunterungen zur Sternenkunde, zu allen Teilen der Mathematik, zu allen Teilen der Medizin, zu den Untersuchungen der Altertümer, zur Mal- und Bildhauerkunst und zur Baukunst. Ludwig der Vierzehnte hat durch alle diese Stiftungen sein Andenken verewigt, und diese Unsterblichkeit kostete ihn jährlich keine zweihunderttausend Franken.
Ich gestehe, dieses ist eines von denjenigen Dingen, welche in mir die größte Verwunderung hervorrufen, daß nämlich das Parlament in England, welches beschlossen hat, demjenigen, der die unmögliche Entdeckung, die geographischen Längen zu messen, zustande bringt, zwanzigtausend Guineen zu versprechen, niemals darauf verfallen ist, Ludwig den Vierzehnten in seiner Freigebigkeit gegenüber den Künsten nachzuahmen. Dennoch finden die Verdienste bei den Engländern andere und für die Nation rühmlichere Belohnungen, so die Hochachtung, welche das Volk für die natürlichen Talente hat, so daß ein Mensch, der sich Verdienste erwirbt, daselbst auch immer sein Glück macht. Herr Addison hätte in Frankreich das Mitglied einer Akademie werden und durch das Vorsprechen einiger Frauenpersonen ein jährliches Gehalt von tausendzweihundert Livres erhalten können; er hätte aber auch sehr leicht unter dem Vorwand, in seinem Trauerspiel „Cato“ einige Anzüglichkeiten wider den Türhüter eines angesehenen Mannes mit einfließen gelassen zu haben, in die Bastille gesetzt werden können. In England war er Staatssekretär. (…) Wenn die Religion des Herrn Pope es nicht erlaubt, eine gebührende Stellung einzunehmen, so verwehrt sie ihm auch nicht, daß ihm seine schöne Übersetzung des Homer zweihunderttausend Livres eingetragen hat. In Frankreich habe ich lange Zeit den Verfasser des „Rhadamist“ fast Hungers sterben sehen (…). Was aber in England die Männer der schönen Wissenschaften am meisten befördert, ist die Hochachtung, die man vor ihnen hat: das Bildnis des Ersten Ministers befindet sich über dem Kamin seines Kabinetts, aber das des Herrn Pope habe ich wohl in zwanzig Häusern gesehen. (VB 110 –112)
Zweihunderttausend Livres für eine Übersetzung Homers – ein Voltaire ließ sich das nicht zweimal sagen; er wußte, was er zu tun hatte, und er ist als Autor ein reicher Mann geworden, Besitzer mehrerer Landgüter, unter anderem des Landguts Ferney am Genfer See, wo ihn
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Boswell besuchte, und Inhaber einer Fabrik für Schweizer Uhren, die ihre Produkte bis nach Rußland vertrieb. Voltaire ist auch einer der ersten gewesen, die sich für das Urheberrecht eingesetzt und so etwas wie Urheberrechtsprozesse geführt haben. Natürlich gab es seinerzeit noch kein modernes Urheberrecht, die Werke der Autoren waren noch nicht gegen unberechtigte Nachdrucke, sogenannte „Raubdrucke“ geschützt, bei denen für sie kein Honorar abfiel. Dagegen hat sich Voltaire als einer der ersten zu wehren versucht, nicht ganz ohne Erfolg. Wenn man vom Schreiben leben will, sind Raubdrucke, für die man nichts bekommt, eine existentielle Gefahr.
Die Kritiker Voltaires – und Voltaire hatte viele Kritiker, oft genug bösartige Kritiker, vor allem aus kirchlichen Kreisen, die ihm alles mögliche andichteten und aus ihm geradezu eine Art Teufel machten – haben ihn deshalb als geldgierig und geizig verunglimpft. Was Boswell zu berichten hat, ist etwas ganz anderes; da erlebt man einen äußerst großzügigen Gastgeber, der auf seinem Landgut ein ganzes Sortiment von Sozialfällen mit durchfüttert – von geiziger Enge keine Spur. Man muß sehen, daß Voltaire die Erfahrung gemacht hatte, daß es ohne finanzielle Unabhängigkeit auch mit der geistigen Unabhängigkeit, mit der Fähigkeit zu schreiben, was man will und für richtig hält, nicht weit her war; deshalb mußte ihm der Schutz geistigen Eigentums ein Anliegen sein.
Autonomie durch Kapitalismus
Am Beispiel Voltaires wird deutlich, daß jene Autonomie, ohne die die moderne Kunst nicht zu denken ist, die institutionelle und dogmatische Autonomie, ein Kind des modernen kapitalistischen Wirtschaftens ist wie so manches andere auch in der Moderne. Es ist der Kapitalismus, der den Autoren mit dem modernen Buchmarkt die Möglichkeit zu einem Schreiben gibt, das sich von den geistlichen und weltlichen Autoritäten löst und sich nicht mehr von vorgegebenen Dogmen und Normen, sondern allein von der ureigensten Wahrheitssuche des Autors her legitimiert; das ist es ja, was mit Autonomie gemeint ist. Und ohne solche Autonomie hätte es keine Aufklärung geben können, wie sie die eigene Erfahrung zu einer Quelle der Wahrheit macht.
Die Anfänge Voltaires
Voltaire als Prototyp des modernen, institutionell autarken und weltanschaulich autonomen Schriftstellers. In diesem Sinne ist der Weg Voltaires schon zu seinen Lebzeiten Legende geworden. Denn der Weg in die autarke Schriftstellerexistenz war für ihn wie für alle
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seine zeitgenössischen Kollegen ein beschwerlicher Weg, ein Weg voller Hindernisse und Gefahren. Daß er die Widerstände hat meistern können, und wie er sie gemeistert hat, hat ihn für seine Zeitgenossen zu einer Art Helden der Aufklärung, ihrer Literatur und des kulturellen Lebens überhaupt gemacht.
Es war ein Weg der Emanzipation von eben den Autoritäten und Institutionen, die zuvor die Kultur zugleich getragen und an sich gebunden hatten, von der Kirche, den Höfen, den ständischen Autoritäten und den Universitäten. Die ersten Jahre des Schriftstellers Voltaire sind zunächst geprägt von der engen Bindung an den französischen Königshof und an adlige Mäzene. Allerdings haben diese Bindungen sehr schnell und dann immer wieder zu Konflikten geführt die erst an ihr Ende kamen, als Voltaire sich ökonomisch völlig auf eigene Füße gestellt hatte. Ganz am Anfang gibt es sogar eine Bindung an die Kirche; Voltaire hat nämlich seine Schulbildung in einem Pariser Jesuiten-Gymnasium erhalten. Er stammte ja aus Paris; er war der Sohn eines Pariser Notars, also von gutbürgerlicher Abkunft. Er hieß eigentlich François-Marie Arouet, Voltaire ist sein literarisches Pseudonym, sein Künstlername.
Die ersten Schritte als Autor sind nun eben durch geistliche und adlige Mäzene ermöglicht worden, durch den Großprior von Frankreich und den Herzog von Sully. Das waren allerdings schon recht aufgeklärte Herren. Es gibt ja damals in Frankreich den Typus des aufgeklärten Prälaten und des aufgeklärten großen Herrn. Deren Aufgeklärtheit hatte freilich vielfach dort ihre Grenze, wo die Grundlagen ihrer gesellschaftlichen Stellung in den Blick kamen; das hat Voltaire immer wieder schmerzlich erfahren müssen.
Ein Profil der Frühaufklärung
Einer dieser aufgeklärten Geistlichen wird übrigens von Boswell ausführlich porträtiert, der Abbé de Saint-Pierre (1658 –1743), ein Wegbereiter des modernen Menschenrechts-Diskurses und als solcher wichtig auch für Rousseau als Denker des Naturrechts. Das Bild, das Boswell von ihm zeichnet, mag hier als ein typisches Profil der Frühaufklärung stehen. Für Boswell ist es vor allem ein weiteres kostbares Stück in seiner Sammlung von Originalcharakteren.
(Rousseau) gab mir eine Beschreibung des Abbé de Saint-Pierre: „Ein Mann, der Gutes tat, weil er nun einmal Gutes tun wollte – nicht aus
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Schwärmerei. Man könnte sagen, er sei leidenschaftlich vernünftig gewesen. Zu einer Besprechung kam er immer wohlversehen mit Notizen und pflegte zu sagen: ,Für dieses werde ich Hohn und für das Spott ernten.‘ Es war ihm ganz einerlei. Alles, bis zur lächerlichsten Lappalie, mußte bei ihm durchdacht sein. So trug er zum Beispiel seine Uhr an einem Rockknopf aufgehängt, weil das bequemer sei. Da ihm die Ehe verschlossen war, hielt er sich Buhlweiber und machte keinen Hehl daraus. Er hatte mehrere Söhne, die nur einen streng nützlichen Beruf ergreifen durften: so gestattete er es keinem, Perückenmacher zu werden. ,Solange nämlich die Natur uns mit Haar versorgt‘, meinte er, ,bleibt die Perückenmacherei etwas höchst Unsicheres‘. An die Meinung der Leute kehrte er sich gar nicht, er behauptete, sie seien doch nur übergroß geratene Kinder. Nachdem er einen Besuch bei einer Dame lang ausgedehnt hatte, sagte er zu ihr: ,Gnädige Frau, ich sehe, ich falle Ihnen beschwerlich, aber das ist für mich unwesentlich: Ich finde Sie unterhaltsam.‘ Eine der Kreaturen Ludwigs XIV. veranlaßte, daß er aus der Akademie ausgestoßen wurde, einer Rede wegen, die er dort gehalten hatte. Trotzdem war er ständig bei dem Mann auf Besuch. ,Er hat nur seinen eigenen Vorteil wahrgenommen‘, meinte er, ,das kann ich ihm nicht verübeln. Ich finde ihn unterhaltsam. Er hat keinen Grund, mir etwas nachzutragen. Ich hätte ihm etwas nachzutragen, aber ich bin nicht nachträgerisch.‘ Kurz, er machte dem betreffenden Mitglied der Akademie weiterhin seine Besuche, bis dieser dem ein Ende setzte, weil es ihm peinlich war, einen Mann bei sich begrüßen zu müssen, den er geschädigt hatte. Er war ein kluger Kopf, schrieb aber schlecht: langatmig und unklar, wenn er gleich den Beweis für seine Behauptungen nie schuldig blieb. Er ging seinen eigenen Weg und verschaffte sich Ansehen.“ (BB 60 –61)
Voltaire als „Hofkünstler“
Zurück zu Voltaire! Seine ersten Jahre als Autor sind, wie angedeutet, durch eine enge Bindung an den französischen Königshof und zu einigen großen adligen Mäzenen gekennzeichnet; er beginnt mithin als eine Art „Hofkünstler“, wie ihn der Kunsthistoriker Martin Warnke beschrieben hat.46 Demgemäß ist er wie so viele andere Künstler der
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Zeit ein Spielball zwischen den verschiedenen Kräften bei Hofe, ist er einem ständigen Wechselbad von Förderung und Unterdrückung ausgesetzt. Wegen einiger satirischer Gedichte, die selbst den Regenten Philipp von Orléans nicht verschonen (solange der König Ludwig XV. minderjährig war, wurde Frankreich von dessen Vormund, eben jenem Herzog von Orléans, regiert), wird er 1716 zunächst aus Paris verbannt und 1717 in der Bastille eingesperrt, aber das Drama, mit dessen Abfassung er sich in der Gefangenschaft die Zeit vertreibt, dem „Oedipe“ (Ödipus), wird dann doch bei Hofe zur Aufführung gebracht, wird da sogar zu einem großen Erfolg, mit dem Ergebnis, daß Voltaire aus der Haft entlassen und rehabilitiert wird.
Nach der Aufführung des „Ödipus“ soll er zu dem Regenten gesagt haben: „Monseigneur, ich bin ungemein dankbar, daß Eure königliche Hoheit für meine Kost sorgen. Aber ich flehe Eure königliche Hoheit an, sich um mein Logis nicht mehr bekümmern zu wollen“ (VB 120 –121). Das ist eben die Art von geistreich-subversivem Witz, die mit dem Namen Voltaires verbunden wird. Man muß sich die Situation klarmachen: Voltaire steht vor dem Fürsten, der ihn wieder ins Gefängnis bringen kann, es geht um Kopf und Kragen, und da stellt er nun mit einem solchen witzigen Einfall seine Geistesgegenwart unter Beweis. Ein geistreicher Witz, der einerseits der höfischen Form Genüge tut – denn bei Hofe kann man nicht einfach sagen: mein lieber Philipp, wenn Du Dir schon mit meinen Dramen eine angenehme Zeit machst, dann laß mich wenigstens frei herumlaufen; jede Adresse an den Monarchen muß in irgendeiner Form Ergebenheit zum Ausdruck bringen, und dem trägt Voltaire Rechnung, indem er von Dankbarkeit spricht – ein Witzwort, das andererseits aber eben mit den höfischen Gesten des dankbaren Untertanen auf geistreiche Weise sein Spiel treibt und das insofern, mit einer solchen Demonstration geistiger Überlegenheit inmitten einer Zwangslage, durchaus etwas Subversives hat, nach dem Motto: Du magst zwar die Macht haben, aber ich habe den Geist, und der läßt sich nicht so leicht kleinkriegen.
Voltaire im Konflikt mit den Standesgrenzen
Voltaire erreicht zunächst sein Ziel, er kommt frei, aber nach einer Phase großer Erfolge bei Hofe – so wird ein Drama Voltaires 1725 bei der Hochzeit Ludwigs XV. zur Aufführung gebracht, mit einem Erfolg, der ihm eine königliche Pension einbringt – kommt es erneut
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zum Konflikt. Wiederum hat der Konflikt die Gestalt einer berühmten Anekdote angenommen, wie sich das bei einer Vita gehört, die Legende geworden ist. Eines Abends wird Voltaire in der Pariser Oper von einem Sproß der altadligen Familie Rohan vor allen Leuten mit der Frage provoziert, wie er wirklich heiße, de Voltaire oder Arouet, will sagen: sind Sie nicht von bürgerlicher Abkunft? Wie können Sie es dann wagen, unter dem Namen de Voltaire zu publizieren? Darauf entgegnet Voltaire: „Mein Name beginnt mit mir, der Ihre endet mit Ihnen“ (VB 121). Das heißt: Sie sind ja bloß der Erbe eines großen Namens, und zwar einer von der unwürdigen Sorte, ich hingegen bin in der Lage, mir mit meinen persönlichen Leistungen selbst einen Namen zu machen.
Das ist nun eine der Geschichten, bei denen in der Tat einmal die Konfliktpotentiale greifbar werden, die sich im 18. Jahrhundert im Verhältnis zwischen den Ständen zusammenbrauen. Adliges Selbstbewußtsein prallt auf bürgerliches Selbstbewußtsein; ein Selbstbewußtsein, das sich auf die Herkunft, auf das blaue Blut, also auf die Autorität der Tradition gründet, gerät mit einem Selbstbewußtsein aneinander, das sich mit persönlicher Leistung und innovativer Kraft rechtfertigt.
Und die Geschichte geht weiter. Der Chevalier von Rohan ist beleidigt und läßt Voltaire vor dem Haus seines Gönners, des Herzogs von Sully, auflauern und verprügeln. Und nun kommt die Stunde der Wahrheit: Voltaire beschwert sich bei Sully, aber der will durchaus nichts für ihn tun – die Solidarität des Adels geht über das mäzenatische Verhältnis zu Voltaire. Voltaire rast, er will sich mit dem Chevalier duellieren, aber ein Rohan lehnt es natürlich ab, sich mit einem Arouet zu schlagen. Am Ende landet Voltaire wieder in der Bastille, und nach der Entlassung geht er nach England ins Exil (VB 121 –122).
Die literarische Frucht dieses Exils sind die schon mehrfach berührten „Lettres philosophiques ou Lettres anglaises (1734), die „Philosophischen Briefe“ oder „Englischen Briefe“, in denen er die französischen Verhältnisse von den englischen Verhältnissen aus kritisiert. Damit geht der Konflikt in eine neue Runde. Die „Briefe“ werden von der Zensur verboten, und das bedeutet: sie werden in aller Öffentlichkeit vom Henker von Paris verbrannt. Voltaire, der inzwischen wieder in Frankreich ist, entzieht sich dem damit verbundenen Haftbefehl erneut durch Flucht. Und so geht es nun immer weiter. 1745 bekommt
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Voltaire wieder ein Amt bei Hofe, er wird Historiograph des Königs, 1747 muß er schon wieder fliehen.
Die Höfe und ihre Künstler
Für uns heute ist es gar nicht so leicht, eine Haltung wie die des französischen Hofs nachzuvollziehen, der einen Voltaire abwechselnd heranzieht und verjagt, fördert und verstößt. Wie ist das zu erklären? Wahrscheinlich damit, daß die Höfe Männer wie Voltaire nicht ganz für voll genommen, Konflikte wie die mit Voltaire nicht wirklich ernstgenommen haben. Wenn er sich benahm, war er willkommen, weil er den Hof unterhielt und schmückte, wenn nicht, wurde er geduckt, wurde an ihm demonstriert, wie man Unbotmäßigkeit zu traktieren wußte. Im Grunde behandelten die Höfe Künstler im 18. Jahrhundert noch immer als Domestiken.
Ein gutes Beispiel dafür ist Joseph Haydn, der Komponist der Wiener Klassik, der Hofkapellmeister beim Fürsten Esterhazy in Ungarn war. Haydn soll die meiste Zeit seines Lebens in der Livree der Bedienten der Esterhazy herumgelaufen sein. Bekannt ist auch die Geschichte, wie der junge Mozart von einem Beamten des Salzburger Hofs, bei dem er eine zeitlang in Diensten stand, mit einem Fußtritt vor die Tür befördert wurde, als er mal wieder nicht so wollte, wie es von ihm erwartet wurde. An der Tafel rangierte er als Hoforganist zwischen Kammerdienern und Köchen.47 Natürlich war man sich bei Hofe des Werts solcher Männer durchaus bewußt. Aber man hielt sie sich so wie teure Rennpferde, an denen man seinen Spaß hat und mit denen man Eindruck schinden kann. Man ging schon pfleglich mit ihnen um, aber natürlich nicht von gleich zu gleich.
Im Fall von Voltaire war das freilich eine krasse und fatale Fehleinschätzung. Denn letztlich hat kaum jemand mehr für die Unterhöhlung der Fundamente des Ancien régime getan als Voltaire. Er war der Ausgangs- und Bezugspunkt für viele der kritischen Köpfe, die geistig an der Wiege der Französischen Revolution standen. Eine solche Entwicklung konnte man sich offenbar damals bei Hofe durchaus nicht vorstellen, obwohl in England schon einmal ein König, Karl I., auf dem Schafott geendet war. Und so hat man Voltaire eben in der geschilderten Weise behandelt.
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Voltaire und Friedrich II.
Mit Friedrich II. von Preußen ist es Voltaire übrigens nicht viel besser gegangen als mit dem französischen Hof. Friedrich war ein großer Verehrer Voltaires und hat ihn 1750, nach einem der vielen Konflikte in Frankreich, zu sich nach Berlin bzw. nach Potsdam geholt. Aber auch das ging auf die Dauer nicht gut. In die Berliner Querelen war übrigens auch der junge Lessing verstrickt. Lessing hat Manuskripte Voltaires ins Deutsche übersetzt, und Voltaire hat ihn verdächtigt, er wolle hinter seinem Rücken Geld damit machen – also wieder das Urheberrechts-Problem. Das preußische Abenteuer endete 1753 für Voltaire damit, daß er von Agenten Friedrichs in Frankfurt am Main festgesetzt wurde.
Voltaire in Ferney
All diesen Problemen ist Voltaire erst entkommen, als er sich 1758 das Gut Ferney in der Schweiz kaufen kann. Da ist er endlich sein eigener Herr, kann schreiben und publizieren, was er für richtig hält, ohne daß ihm jemand dazwischenfährt, und kann überhaupt machen, was er will. Er hat dann immer wieder von außen publizistisch in die öffentlichen Angelegenheiten Frankreichs eingegriffen, mit großer Wirkung. Gedruckt wurden seine Schriften meistens in Holland, und dann nach Frankreich eingeschmuggelt, was bei dem damaligen Grenzregime nicht allzu schwierig war.
Deutsche Autoren auf der Suche nach Autonomie
So viel zum Weg Voltaires in die autarke Existenz des modernen Schriftstellers, wie er schon für die Zeitgenossen zur Legende wurde, und als Legende zum Vorbild für die aufgeklärten Autoren in Europa. In ihm erblickte man das Modell für das, was man heute einen freien Schriftsteller nennt. Auch in Deutschland haben viele versucht, einen solchen Weg zu gehen, aber meist ohne Erfolg; die Verhältnisse waren noch nicht danach. So hat sich z. B. Lessing als freier Autor auf die Dauer nicht halten können und ist am Ende wieder in fürstliche Dienste getreten, als Bibliothekar des Herzogs Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel, mit dem Ergebnis, daß auch er neuerliche Einschränkungen beim Publizieren hinnehmen mußte. Und so ähnlich erging es den meisten. Bodmer, Breitinger, Gottsched, Haller, Gellert lebten von ihren Professorengehältern, waren institutionell also an Universitäten und Gymnasien gebunden. Wieland war erst Chef der Stadtverwaltung seiner Heimatstadt Biberach, dann kurze Zeit Professor in Erfurt, dann Prinzenerzieher in Weimar, und erst danach war er dank einer fürstlichen Pension und der Einkünfte aus der Zeitschrift
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