Kitabı oku: «Geschichte der deutschen Literatur Band 4»

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Geschichte der deutschen Literatur
Band 1. Humanismus und Barock
Band 2. Aufklärung
Band 3. Goethezeit
Band 4. Vormärz und Realismus
Band 5. Moderne
Gottfried Willems
Geschichte der
deutschen Literatur
Band 4
Vormärz und Realismus
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2014
Gottfried Willems war Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und
Neueste deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
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Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in the EU
UTB-Band-Nr. 3874 | ISBN 978-3-8252-3874-2
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
1 Einleitung
1.1 Das 19. Jahrhundert in der Literaturgeschichte
1.2 Literaturgeschichte und Kulturgeschichte
1.3 Modernisierung im 19. Jahrhundert
1.4 Literatur und Modernisierung im 19. Jahrhundert
1.5 Literatur und Politik im 19. Jahrhundert
2 Modernisierungskrisen im Vormärz
2.1 Zeit- und Krisendiagnosen in Immermanns „Epigonen“
2.2 Klassikglaube und Epigonenbewußtsein
2.3 Die Ambivalenz der Individualisierung
2.4 Die Krise der Religion
2.4.1 Modernisierung und Säkularisation
2.4.2 Religionskritik in Immermanns „Epigonen“
2.4.3 Die Vorstellung vom „Himmel auf Erden“
3 Vormärz und „Weltschmerz“
3.1 Gutzkows „Wally, die Zweiflerin“
3.2 Nihilismus und Vitalismus bei Heine
3.2.1 „Weltschmerz“ bei Heine
3.2.2 „Ideen. Das Buch Le Grand“
3.3 Nihilismus und Ästhetizismus bei Platen
3.3.1 Platen und Heine
3.3.2 „Weltschmerz“ und „strenge Formkunst“
3.4 Nihilismus, Vitalismus und Humanität bei Büchner
3.4.1 „Dantons Tod“
3.4.2 „Lenz“
3.4.3 Das Kunstgespräch im „Lenz“
3.5 „Die Nihilisten“ von Gutzkow
4 Realismus und „Weltfrömmigkeit“
4.1 Humanität und Vitalismus bei Keller
4.2 Kellers „Das verlorene Lachen“
4.2.1 Aufbau und Handlung
4.2.2 Individuum und Gesellschaft
4.3 Realismus
4.3.1 Desillusionierung
4.3.2 Humor
4.3.3 Sinnlichkeit
4.3.4 Beschreibung
4.4 „Augenfest“ und „Weltfrömmigkeit“
5 Literatur und Nationalismus
5.1 Das Bild der Nationalbewegung bei Immermann
5.1.1 „Die Epigonen“
5.1.2 „Münchhausen“
5.2 Heine als Kritiker des Nationalismus
5.3 Die Vorstellungswelt des Nationalismus
5.3.1 Adam Müller
5.3.2 Johann Gottlieb Fichte
5.3.3 Ernst Moritz Arndt
5.3.4 Friedrich Ludwig Jahn
5.3.5 Joseph Görres
5.4 Lyrik der Befreiungskriege
6 Realismus der Gründerjahre
6.1 Die Gründerjahre im Licht des „Kommunistischen Manifests“
6.2 „Pfisters Mühle“ von Raabe
6.3 Die Frage nach der Zukunft von Poesie und Humanität
Anhang
Siglen
Literaturhinweise
Personenregister
Rückumschlag
1 Einleitung
1.1 Das 19. Jahrhundert in der Literaturgeschichte
„Langes“ oder „kurzes Jahrhundert“?
Wo beginnt das Jahrhundert? Mit der französischen Revolution, mit Napoleon oder mit dem Wiener Kongreß? Mit der Demokratie, dem Militärdespotismus oder der Diplomatie? (GS 2, 69)
So fragte man bereits im 19. Jahrhundert, fragte etwa schon Karl Gutzkow, einer der umtriebigsten und bestinformierten Autoren der ersten Jahrhunderthälfte, in seinen „Zeitdiagnosen“ von 1837. Wenn der Literarhistoriker heute vom 19. Jahrhundert spricht, dann denkt er dabei im allgemeinen noch nicht an die Zeit der Französischen Revolution von 1789 oder an die Ära des „Militärdespoten“ Napoleon – die Zeit von 1799 bis 1815 – und noch nicht einmal an die Jahre im Umfeld des Wiener Kongresses von 1814/15, mit dem die Epoche der Französischen Revolution und des Revolutionskaisers Napoleon an ihr Ende kommt; dies alles wird er noch der „Goethezeit“, der Epoche von Klassik und Romantik zurechnen. Er läßt das 19. Jahrhundert in der Regel erst um 1830, mit dem Ausgang der „Goethezeit“, beginnen, um es bereits um 1890, an der Schwelle zur ästhetischen Moderne, schon wieder enden zu lassen; so hat es sich jedenfalls in der Germanistik eingebürgert.
Die Literaturgeschichte verfährt hier anders als die politische Geschichte, die das 19. Jahrhundert meist als ein „langes Jahrhundert“ behandelt und von der Französischen Revolution von 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 dauern läßt. Denn die Französische Revolution hat das gesamte 19. Jahrhundert beschäftigt; an dem, was damals an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf den Weg gebracht worden war, hat es sich unausgesetzt abgearbeitet, einschließlich seiner Literatur. Und diese Auseinandersetzung kam erst mit der deutschen Revolution von 1918 zu einem vorläufigen Ende, [<<7] als Deutschland nach dem Debakel des Ersten Weltkriegs der Monarchie den Garaus machte und sich die Verfassung einer Republik gab, so wie es das revolutionäre Frankreich bereits 1792 getan hatte.
In der Literaturgeschichte hat sich eine andere Einteilung durchgesetzt. Hier hat es sich als günstig erwiesen, das 19. Jahrhundert als ein „kurzes Jahrhundert“ zu behandeln und sich bei der Frage nach den epochalen Zusammenhängen mit dem Zeitraum von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren zu begnügen. Die Literaturgeschichte ist zwar wie die gesamte Kulturgeschichte eng mit der politischen Geschichte verknüpft, doch verlaufen die Entwicklungen in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens keineswegs synchron; was sich in ihnen jeweils als Epoche abzeichnet, läßt sich nur selten zur Deckung bringen, im Grunde nie. Denn wie die Menschen leben, was sie denken und tun, was sie an Haltungen und Vorstellungen entwickeln und in ihrer Literatur ausarbeiten und reflektieren, ändert sich nicht mit einem politischen Ereignis, von einem Tag zum andern; solcher Wandel braucht stets einen längeren Atem.
Um 1830 endet für die Literaturgeschichte die Goethezeit, die Epoche von Spätaufklärung, Klassik und Romantik, und sie endet im Grunde ohne einen äußeren Anhaltspunkt in der politischen Geschichte, ohne Bezug auf ein markantes politisches Datum. Und um 1890 erlebt sie einen weiteren tiefen Einschnitt, wiederum ohne einen solchen Bezugspunkt – und gerade hier ist das Auseinanderklaffen von Ereignisgeschichte und kultureller Entwicklung besonders deutlich – insofern nun mit den Bewegungen des Naturalismus und des Symbolismus, mit Arno Holz und Gerhart Hauptmann, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke etwas durchaus Neues beginnt: die moderne Literatur im engeren und eigentlichen Sinne, die ästhetische Moderne mit ihrem programmatischen Modernismus und ihren immer neuen Avantgarden.
Vormärz, Realismus, Gründerzeit
Die Zeit von 1830 bis 1890 wird in der Regel wiederum in zwei Epochen unterteilt, in die Jahre vor und nach 1850. Der Abschnitt vor 1850 umfaßt die späteste Romantik, das Biedermeier und den Vormärz, wie er sein Profil wesentlich der literarisch-politischen Bewegung des „Jungen Deutschland“ verdankt. Vormärz: so nennt man die Jahrzehnte vor der Märzrevolution von 1848, vor den beiden Revolutionsjahren 1848 und 1849. Aus der Vormärzzeit haben sich vor allem die Namen von [<<8] Heinrich Heine (1797–1856) und Georg Büchner (1813–1837) im kulturellen Gedächtnis erhalten, und so soll ihr Werk hier denn auch mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden. Daneben sollen einige Arbeiten des Heine-Freunds Karl Leberecht Immermann (1796–1840) und des Büchner-Förderers Karl Ferdinand Gutzkow (1811–1878) mit herangezogen werden, als von Autoren, bei denen das Typische des Vormärz besonders deutlich zu greifen ist.
Und die Jahre nach 1850 gelten als Epoche des Realismus, oder, wie vielfach auch zu lesen ist, des „bürgerlichen Realismus“ oder „poetischen Realismus“. Hier ist in erster Linie an Adalbert Stifter (1805–1868), Friedrich Hebbel (1813–1863), Theodor Storm (1817–1888), Gottfried Keller (1819–1890), Theodor Fontane (1819–1898), Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) und Wilhelm Raabe (1831–1910) zu denken, aber auch an Autoren, die heute nicht mehr ganz so bekannt sind, etwa an Otto Ludwig (1813–1865), Gustav Freytag (1816–1895) und Friedrich Spielhagen (1829–1911).
Diese Aufteilung ist freilich nicht ohne Probleme, wie jede Einteilung in Epochen. So gehört zum Beispiel der konsequenteste und radikalste der Realisten, Büchner, bereits der Epoche des Vormärz an und nicht, wie man vermuten möchte, erst der des Realismus; Büchner ist ja schon 1837 im Alter von 23 Jahren gestorben. Mit Epochenbegriffen ist es nun einmal nicht anders: sie sind nicht zu entbehren, wo man sich ein Bild von der Literaturgeschichte machen will, aber wer zu rigide Begriffe von ihnen hat und sich zu starr an bestimmte Daten klammert, den können sie mit Blindheit schlagen.
Für die Zeit nach 1871 gebraucht man auch gerne den Begriff der Gründerzeit oder Gründerjahre. Damit sind die Jahrzehnte nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der Wieder- oder Neugründung des Deutschen Reichs durch Otto von Bismarck mit ihren vielen großen und kleinen Gründergestalten gemeint, wobei nicht nur an politische Größen, sondern auch an solche des Wirtschaftslebens zu denken ist, an die Gründer von Industriebetrieben, Handelshäusern und Banken. Denn es handelt sich um die Zeit eines gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwungs, um die Jahre, in denen die Industrialisierung in Deutschland in ihre entscheidende Phase eingetreten und zu einem flächendeckenden Phänomen geworden ist. Die Gründerzeit wird im allgemeinen noch der Epoche des Realismus [<<9] zugeschlagen, als deren zweite Phase; das Gros der Literatur, die dem „bürgerlichen“ oder „poetischen Realismus“ zugerechnet wird, ist ja auch erst hier entstanden.
1.2 Literaturgeschichte und Kulturgeschichte
Prinzipien der Darstellung
Damit ist der Zeitraum umrissen, dessen Literatur hier zum Gegenstand einer Einführung werden soll. Mit Einführung ist nun keineswegs gemeint – um noch einmal einige der Prinzipien in Erinnerung zu rufen, die im Vorwort zu Band 1 dieser Literaturgeschichte dargelegt worden sind – daß im folgenden auf eine besonders elementare Weise von der Literatur des 19. Jahrhunderts gehandelt werden soll; daß es nur um eine erste Orientierung und Basisinformationen für den Anfänger in der Wissenschaft gehen soll, etwa um einen Überblick über die wichtigsten Daten, Namen und Werke. Vielmehr soll versucht werden, möglichst viel von dem in den Blick zu bekommen, was diese Literatur „im Innersten bewegt“; was die Autoren und ihre Leser seinerzeit umgetrieben hat, was für sie die großen Themen, die entscheidenden Fragen und Probleme gewesen sind und was sie für deren Durchdringung und Bewältigung an formalen Lösungen gefunden haben. Der heutige Leser soll damit in die Lage versetzt werden, ein Verständnis, um nicht zu sagen: ein Gefühl für die Texte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln, ein Gespür für ihre spezifischen thematischen Obsessionen und formalen Mittel; denn dessen bedarf er vor allem, wenn er mit ihnen ins Gespräch kommen will.
Das kann aber nur gelingen, wenn auf jeden Anspruch der Vollständigkeit verzichtet und eine Auswahl, eine Entscheidung für eine überschaubare Zahl von Autoren und Werken getroffen wird; nur so wird eine Intensität der Auseinandersetzung möglich, die in der Tat ins Zentrum der Verstehensprobleme führt. Dabei kann freilich davon ausgegangen werden, daß das, was sich in solch exemplarischen Studien in Erfahrung bringen läßt, dazu verhilft, auch mit anderen Autoren und Werken besser zurechtzukommen. Denn was den einen Autor umgetrieben hat, hat im allgemeinen auch die anderen beschäftigt, wie die Zeitgenossen überhaupt. Das gilt jedenfalls für die Autoren, deren Werke ein breiteres Publikum erreicht haben und in den Kanon der [<<10] Literaturgeschichte eingegangen sind; wenn sie nicht den Nerv der Zeit getroffen hätten, hätten sie kaum einen solchen Erfolg haben können.
Den Leser erwartet hier also kein lexikalischer Aufmarsch von literaturhistorischen Daten und Fakten, keine auf Vollständigkeit angelegte Aneinanderreihung von Stichwortartikeln zu literarischen Bewegungen, Autoren und Werken. Er wird nicht über alle literarischen Erscheinungen, Strömungen und Gruppierungen informiert werden, mit denen sich die Literaturwissenschaft beim Blick auf das 19. Jahrhundert zu befassen pflegt und die sie unter diesem oder jenem Gesichtspunkt als bedeutsam einstuft. Wer Vollständigkeit sucht, der möge zu einem der vielen Handbücher greifen, die Entsprechendes bieten, zu Autoren-, Werk- und Begriffslexika. Hier soll es vor allem darum gehen, dem Leser einen Zugang zu dem zu eröffnen, was die Literatur des 19. Jahrhunderts „im Innersten bewegt“, ihm möglichst viel von dem mitzugeben, was es ihm erlaubt, ein Verständnis für ihre Texte zu entwickeln und auf eigene Rechnung in das Gespräch mit ihnen einzutreten.
Literatur- und Kulturgeschichte
Dem wird eine Einführung wie diese aber nur genügen können, wenn sie sich an etwas versucht, das man eine Kulturgeschichte der Literatur nennen könnte, oder auch eine Literaturgeschichte der Kultur, genauer: wenn sie beides in einem zu geben versucht, eine Geschichte der Kultur, wie sie sich in der Literatur bezeugt, und eine Geschichte der Literatur, wie sie sich an den kulturgeschichtlichen Gegebenheiten abarbeitet. Denn die Literatur bezieht ihre Stichworte, ihre Motive und Fragen sowie die Möglichkeiten zu deren Verhandlung weithin aus den geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnissen, in die sie eingelassen ist, und aus dem Repertoire von Vorstellungen, von Diskursen, die ihr die zeitgenössische Kultur zur Verfügung stellt. Insofern läßt sich Literaturgeschichte nur als Kulturgeschichte schreiben; ohne das Eingehen auf die weiteren kulturgeschichtlichen Zusammenhänge, in die die Autoren und ihre Werke eingebettet sind, würde die Auseinandersetzung mit ihnen zu einem windigen Unternehmen, bliebe sie notwendigerweise beliebig und oberflächlich.
Die anthropologische Dimension der Literatur
Dabei ist allerdings zu bedenken, daß die Literatur nicht völlig in der Kulturgeschichte und den historischen „Diskurskonstellationen“ aufgeht. Es bleibt immer ein Rest, jedenfalls bei den Werken von Bedeutung, und gerade dieser Rest ist für den Leser im allgemeinen [<<11] von besonderem Interesse. Nicht alle Fragen der Literatur sind gleichermaßen kulturgeschichtliche Fragen. Die Literaturgeschichte weiß von einer Fülle von Themen, die den geschichtlichen Wandel überdauern, von einem Grundbestand an Fragen, die mit dem Menschsein überhaupt zu tun haben, die von anthropologischer Bedeutung sind. Gerade diese hat die Literatur seit jeher mit Vorliebe aufgesucht, wie immer die geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse ausgesehen haben mögen, unter denen sie ihnen Ausdruck zu verleihen suchte.
Man denke nur an Themen wie Liebe und Tod, wie Begehren, Sehnsucht, Hoffnung, Erfüllung und Enttäuschung, wie Freundschaft und Rivalität, Macht und Ohnmacht, Glück und Unglück, Erfolg und Scheitern, Schuld und Unschuld. Was heißt es, Kind zu sein, heranzuwachsen, sich einen Platz im Leben zu suchen, sich mit anderen Menschen und mit einem gesellschaftlichen Umfeld ins Verhältnis zu setzen, Anerkennung zu gewinnen, Anerkennung zu verlieren, alt zu werden und sein Leben hinter sich zu haben? Was heißen Schicksal, Freiheit, Gerechtigkeit? Was ist der Mensch und was ist ihm die Welt? Die Reihe der Fragen, die die Literatur zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden gleichermaßen beschäftigt haben, ließe sich unschwer verlängern.
Der literarische Text als Dokument und Monument
Gerade um solcher und ähnlicher Fragen willen sind literarische Texte der Vergangenheit nicht nur für den Historiker interessant, zählen sie nicht nur als Dokumente, als historische Quellen für die Erkenntnis bestimmter kulturgeschichtlicher Verhältnisse und Entwicklungen, gewinnen sie vielfach darüber hinaus auch die Qualität von Monumenten, von Werken, die die Menschen über allen Wandel der Verhältnisse hinweg immer wieder neu anzusprechen und zu erreichen vermögen, kann es zum Beispiel für uns als Menschen des 21. Jahrhunderts interessant sein, uns Werke des 19. Jahrhunderts zu Gemüte zu führen. Solches Dauern-Können, solches Interessant-bleiben-Können verdankt die Literatur vor allem ihren ästhetischen Qualitäten; diese machen es ihr möglich, jene ewigen Probleme des Menschen so auszuarbeiten, daß ihre Werke über den Wechsel der Zeiten hinweg faszinierend und aufschlußreich bleiben.
Es ist freilich nicht allein der „monumentale“ Charakter, der uns die Literatur des 19. Jahrhunderts nahebringt; es sind durchaus auch die Züge, die sie zu einem Dokument der geschichtlichen Verhältnisse [<<12] und Prozesse machen. Denn diese markieren Stationen eines Wegs, auf dem wir heute noch immer begriffen sind. Sie bezeichnen nämlich Etappen in dem Prozeß, den die moderne Sozialwissenschaft Modernisierung nennt. Die geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse, die sich in der Literatur des 19. Jahrhunderts bezeugen und mit denen sie sich auseinandersetzt, ergeben sich wesentlich aus dem Projekt und den Problemen der Modernisierung, und diese sind heute im Prinzip noch dieselben wie im 19. Jahrhundert.
1.3 Modernisierung im 19. Jahrhundert
Der Glaube an den Fortschritt
Wenn man die geschichtlich-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Literatur des 19. Jahrhunderts entstanden ist, auf eine kurze Formel bringen wollte, so könnte man sagen: die Welt wird modern, sie wird nun ein für allemal, auf unumkehrbare Weise modern. Zwar nimmt sich das meiste von dem, was aus dem 19. Jahrhundert auf uns gekommen ist – Stadtlandschaften, Gebäude, Möbel und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Bilder und die Menschen und Dinge, die in ihnen dargestellt sind – in unseren Augen inzwischen reichlich altmodisch aus, trägt es für uns deutlich das Gepräge des Überholten. Doch wissen wir zugleich, daß es dem, was uns selbst zur Zeit gerade als modern gilt, nicht anders ergehen wird; daß man auch darauf binnen kurzem als auf etwas Veraltetes zurückblicken wird. In der modernen Welt ist es nun einmal nicht anders: jeder erlebt nur seine unmittelbare Gegenwart als modern und empfindet alles Frühere als Schnee von gestern. Vor allem an dieser Dynamik des ständigen Überholens und Überholtwerdens, genauer: an dem Bewußtsein von solcher Dynamik, an dem allgegenwärtigen Gefühl des Verfallenseins an die Geschichte erkennt man die Moderne.
Die Welt wird modern – das heißt zunächst, daß der Glaube unter den Menschen mehr und mehr an Boden gewinnt, die Gesellschaft bedürfe des Fortschritts, und daß dieser Glaube immer entschiedener ihr Handeln bestimmt; daß er sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Geltung verschafft, von der großen Politik und dem staatlichen Verwaltungshandeln bis hin zu den Lebensformen, die den Alltag der kleinen Leute bestimmen, von der Wirtschaft und [<<13] der Arbeitswelt bis hin zu den Bezirken der Kultur im engeren Sinne, bis hin zu Bildung und Erziehung, Religion, Wissenschaft, Kunst und Literatur. In Worten Gutzkows:
Modern ist es, die Welt anzuerkennen, wie sie geworden ist, aber das Recht zu bezweifeln, ob sie so bleiben darf, wie sie ist. (GS 2, 131)
Eben in diesem Sinne wird die Welt im 19. Jahrhundert modern. Der Begriff des Fortschritts wird zu einem Schlüsselwort in allen gesellschaftlichen Diskursen.
Eine Gesellschaft ist dann eine moderne, wenn in ihr der Glaube zu einer bestimmenden Macht geworden ist, daß sie sich ständig modernisieren müsse, daß sie nur dann etwas tauge und eine Zukunft habe, wenn sie jederzeit und überall am Fortschritt arbeite. Solcher Glaube lebt aus der Überzeugung, daß alles, was der Mensch tut und macht, von Veraltung bedroht sei und deshalb immer wieder durch Neues, Besseres ersetzt werden müsse. Der Glaube an den Modernisierungsbedarf aller menschlichen Dinge ist vor allem von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts auf den Weg gebracht worden. In der Französischen Revolution von 1789 ist dann sichtbar geworden, welche Dimensionen die Modernisierung annehmen kann und was ihre Chancen, aber auch ihre Gefahren sind. Und im 19. Jahrhundert ist die Welt schließlich in endlosen Kontroversen um das Wohl und Wehe des Fortschritts in einen Modernisierungswirbel hineingerissen worden, der sich bis heute ständig beschleunigt hat und sich offenbar immer nur weiter beschleunigen kann. So kann Gutzkow schon 1837 feststellen: „Alles ist Hebel für die Zukunft geworden (…)“ (GS 2, 119).
Fortschritt und Wissenschaft
Die wichtigste Quelle der Modernisierung ist die Wissenschaft, sind vor allem die modernen Naturwissenschaften; die Wissenschaft ist für die moderne Gesellschaft so etwas wie die zentrale Agentur des Fortschritts. Denn sie ist dank ihrer eigentümlichen Forschungslogik unausgesetzt damit beschäftigt aufzuzeigen, daß man die Dinge auch anders sehen und machen kann als bis dato üblich, und das heißt, daß sie ständig altgewohnte Vorstellungen und Praktiken für überholt erklärt und damit einen immer neuen Modernisierungsbedarf definiert. Modern ist, „(a)lles durch Rede und Schrift in Erörterung zu ziehen“ (GS 2, 146). In eben diesem Sinne ist die Wissenschaft im [<<14] 19. Jahrhundert zu einem unentbehrlichen Faktor, ja zu einem Eckpfeiler des gesellschaftlichen Lebens geworden.
Man kann das schon äußerlich daran erkennen, daß die Institutionen, die dem Erwerb und der Ausbreitung des wissenschaftlichen Wissens dienen, hier in völlig neue Dimensionen hineinwachsen, von den Universitäten bis hin zu den höheren Schulen und den anderen Einrichtungen von Forschung und Lehre. Das Wissen, mit dem sich die Gesellschaft organisiert und ihre Geschäfte betreibt, erfährt eine durchgreifende Akademisierung, ja die Gesellschaft selbst wird mehr und mehr akademisch. Immer mehr Menschen studieren, werden mit einer akademischen Ausbildung ausgestattet, um in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft mit dem neuesten Wissen der Wissenschaft für die Modernisierung tätig zu werden. Das heißt auch, daß man ohne akademische Diplome nun nicht mehr viel werden kann.
Industrielle Revolution
Der wichtigste Transformator für die Modernisierungsenergie, die durch die Wissenschaft erzeugt und freigesetzt wird, ist die Arbeitswelt, und hier wiederum besonders jener Bereich, in dem sich die Organisation der Arbeit vollzieht, die Ökonomie; diese gibt sich zu eben diesem Zweck die Form der modernen kapitalistischen Wirtschaft. So kann das von der Wissenschaft erarbeitete neue Wissen, können insbesondere die von ihr ermöglichten neuen technischen Produktionsverfahren in großem Stil umgesetzt werden. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der „industriellen Revolution“, des Übergangs zu der von der Wissenschaft ermöglichten technisch-industriellen Produktionsweise, ein Prozeß, der in der ersten Jahrhunderthälfte zunächst vor allem in England Fahrt aufgenommen hat – aus England kommen die Dampfmaschine, die Eisenbahn und viele andere Leittechniken der industriellen Revolution – um in der zweiten Jahrhunderthälfte und insbesondere in den Gründerjahren dann auch weite Teile Deutschlands zu erfassen.
Soziale Dynamik und „soziale Frage“
Die Industrialisierung erzeugt eine soziale Dynamik, die nach und nach von immer mehr Menschen Besitz ergreift. Alle Verhältnisse geraten in Bewegung, „Ruhe wird unmöglich“ (GS 2, 119). Modernisierung heißt wesentlich „Mobilmachung“, Mobilisierung der Massen. Immer mehr Menschen werden in Bewegung versetzt, werden aus ihrer gewohnten Umgebung, aus der Welt ihrer Herkunft herausgerissen, um an andere Orte und in andere soziale Zusammenhänge verpflanzt [<<15] zu werden; sie werden, wie man es seinerzeit empfunden hat, ihrer Wurzeln beraubt, erleiden eine „Entwurzelung“.
Dank der modernen Landwirtschaft mit ihrer reicheren Produktion von Lebensmitteln und dank der Segnungen der modernen wissenschaftlichen Medizin und Hygiene wächst die Bevölkerung. Dieses Wachstum ist freilich für viele und gerade für weite Teile der Landwirtschaft treibenden Landbevölkerung selbst zunächst mit Verarmung verbunden, da sich zugleich das gesamte Gefüge der Ökonomie im Sinne der kapitalistischen Geldwirtschaft verändert, und damit der Zugang zu den erwirtschafteten Gütern; es kommt zur Landflucht, wie sie die Menschen bald in die nahen Städte und bald in ferne Länder führt, etwa in die neuen amerikanischen Staaten auswandern läßt. Um die neuen Produktionsstätten, die Fabriken herum breiten sich die Städte immer weiter aus; es entsteht die moderne Großstadt. In ihr wächst ein Industrieproletariat heran, das wie die verarmte Landbevölkerung ständig um das Existenzminimum ringen muß. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Pauperismus oder, ins Politische gewendet, von der sozialen Frage.
Zugleich werden einige wenige über der Industrialisierung extrem reich, und das müssen sie auch, denn zur Finanzierung der industriellen Massenproduktion bedarf es gewaltiger Mittel, bedarf es neuer Formen der „Akkumulation von Kapital“ (Karl Marx). Es bildet sich eine neue Schicht der Gesellschaft, die Bourgeoisie, gekennzeichnet durch neue Typen von Besitzbürgertum wie den Kapitalisten, den „Entrepreneur“ – den Unternehmer –, den Industriekapitän, den Finanzjongleur und den Börsenspekulanten, Typen, die bald schon eine große gesellschaftliche Bedeutung erlangen und dementsprechend auch in die Literatur einwandern.
Der Kontrast könnte nicht größer sein: hier die neuen Superreichen – da die verarmte Landbevölkerung und das kaum weniger arme Industrieproletariat. „Durch alle unsere Verhältnisse“, konstatiert Gutzkow, „zieht sich der gewaltige sociale Riß, diese klaffende Wunde des Jahrhunderts“ (GS 2, 169). So hat die Dynamik der Modernisierung im 19. Jahrhundert unausgesetzt sozialen Sprengstoff produziert; die Kollateralschäden des Fortschritts werden unübersehbar.
Progressiv vs. konservativ
Darauf konnte und kann man auf unterschiedliche Weise reagieren. Zwei typische Wege zeichnen sich bereits zu Beginn des [<<16] 19. Jahrhunderts deutlich ab. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die die negativen Folgen des Fortschritts durch ein Noch-Mehr an Fortschritt, durch einen besseren, tiefergreifenden, fortschrittlicheren Fortschritt überwinden wollen – der Weg der Progressiven, der sich alles in allem durchgesetzt hat und bis heute in den meisten praktischen Belangen den Kurs der Gesellschaft bestimmt. Und da sind auf der anderen Seite diejenigen, die den Fortschritt an die Kette legen, im Rückgriff auf die Tradition begrenzen, zähmen, domestizieren wollen, die ihn in altbewährte Strukturen einfangen und so eine gewisse Stabilität in den Wandel bringen wollen – der Weg der Konservativen.
Solche konservativen Gedanken haben das 19. Jahrhundert nicht weniger bewegt als der Fortschritt, weshalb man von ihm auch als von einer Zeit der „defensiven Modernisierung“ (Hans-Ulrich Wehler) gesprochen hat. Sie haben sich vor allem an den Mobilisierungseffekten der Modernisierung entzündet, an der immer weiter um sich greifenden, immer totaler werdenden Mobilmachung von Natur und Gesellschaft, über der sich die Welt in einen einzigen gewaltigen Verschiebebahnhof für Menschen und Dinge zu verwandeln schien – an eben dem, was man „Entwurzelung“ nannte. Und so ist das 19. Jahrhundert nicht nur ein Jahrhundert der Begeisterung für den Fortschritt geworden, sondern zugleich auch das Jahrhundert des Historismus, einer immer intensiveren Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe, insbesondere mit überkommenen Modellen einer weniger mobilen, stabiler scheinenden Gesellschaftsordnung.
Nicht jeder vermag bekanntlich bei der Modernisierung gleich gut mitzuhalten. Früher oder später kommt auch der flexibelste Mensch in seinem Leben an einen Punkt, wo ihm der ständige Wandel der Lebensverhältnisse, die permanente Transformation des Wissens, der Anforderungen der Gesellschaft, der sozialen Beziehungen, der Arbeitswelt und des Alltags über den Kopf wachsen und er nicht mehr mitgehen kann und will – die anthropologische Grenze der Modernisierung. Denn zur Grundausstattung des Menschen gehört nicht nur die Neugier; er ist nicht nur „rerum novarum cupidus“, auf Neues begierig, und insofern auf Erneuerung hin angelegt. Er ist auch ein Gewohnheitstier; Gewohnheit ist, wie schon Aristoteles wußte, seine zweite Natur. Und dieses Gewohnheitstier im Menschen beginnt sich zu wehren, wenn es sich durch die Modernisierung überfordert fühlt, beginnt [<<17] zumindest von der „guten alten Zeit“ zu träumen, als von einer Zeit, in der noch weniger Bewegung in der Welt gewesen wäre, in der die Welt überhaupt noch in Ordnung gewesen wäre und man sich leichter in solche Ordnung hätte finden können.
Historismus
Und so hat das 19. Jahrhundert wie die Zukunftsvisionen des Fortschrittsglaubens, so auch den Blick zurück in die Geschichte kultiviert,1 in der Hoffnung, der Gegenwart als einem „System der Unordnung“ (GS 2, 71) entkommen und in einer besseren, weniger unruhigen, weniger konfliktgeladenen und bedrohlichen Welt ankommen zu können. Das Interesse richtete sich vor allem auf Modelle einer stabileren gesellschaftlichen Ordnung, auf Modelle, deren Wiederbelebung dazu verhelfen sollte, dem Fortschritt Zügel anzulegen und ihn auf Menschenmaß zu bringen, ihn nämlich auf das Maß an Veränderung zu reduzieren, das das Gewohnheitstier im Menschen allenfalls noch würde verkraften können. Das ist das zentrale Motiv des Historismus.
Dieser Historismus wurde zu einer Quelle immer neuer Projekte und Moden, wie er überhaupt seinerzeit die tollsten Blüten trieb. Das 19. Jahrhundert liebte das historische Kostüm. Wenn Borsig in Berlin eine neue Fabrik für Lokomotiven baute oder wenn in einer der ständig wachsenden Städte ein neuer Bahnhof errichtet wurde, dann gab man diesen Gebäuden eine Fassade, die bei einem gotischen Dom, einem Palazzo der Renaissance oder einem Lustschloß des Rokoko abgeguckt war. Die Werke des Fortschritts wurden historisch maskiert, damit sie noch irgendwie nach etwas Menschlichem, dem Menschen Gemäßen aussähen. Am deutlichsten zeigt sich dieses eigentümlich zwiespältige Verhältnis zum Fortschritt in der Architektur und der Bildenden Kunst. Da finden sich nebeneinander sämtliche Stile des alten Europa wieder, Romanik und Gotik, Renaissance und Barock, Rokoko und Klassizismus, und womöglich nicht nur nebeneinander, sondern an ein und demselben Objekt. Man denke nur an Gebäude wie den Reichstag in Berlin oder die alten Hauptbahnhöfe der großen Städte. Ein früher Vertreter dieses Historismus war der preußische Staatsbaumeister [<<18] Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), ein Architekt, der sich sowohl auf die neuesten, fortschrittlichsten Bautechniken verstand als auch die Kunst beherrschte, einem Gebäude jedes gewünschte historische Kostüm anzumessen.
1.4 Literatur und Modernisierung im 19. Jahrhundert
Die Welt wird modern. Die Modernisierung nimmt Fahrt auf und entfaltet eine Dynamik, die nach und nach das gesamte Leben verändert. Hier macht sie es leichter, da erschwert sie es, die einen läßt sie Karriere machen, die anderen stürzt sie ins Elend. So versetzt sie die Menschen bald in Begeisterung und bald in Angst und Schrecken. Und so arbeitet man sich unausgesetzt an ihren Folgen ab, sei es daß man sich im Sinne des Progressismus darum bemüht, den Fortschritt immer fortschrittlicher zu machen, oder daß man ihn im Sinne des Konservatismus mit Mitteln des Historismus einzuhegen und zu zähmen versucht. Damit haben wir nun einen ersten großen Komplex von Fragen vor uns, der die Literatur des 19. Jahrhunderts „im Innersten bewegt“. Demgemäß finden sich in ihr auch die beiden Grundhaltungen zur Modernisierung wieder, und zwar, vereinfacht gesprochen, der Progressismus als Realismus und der Konservatismus als Romantizismus.
Romantizismus
Die Ausbildung des Denkens, das die Probleme der Modernisierung im Sinne von Konservatismus und Historismus angeht, ist eng mit der Geschichte der romantischen Bewegung verknüpft. Ein Grundimpuls der Romantik2 ist die Vorstellung, daß die moderne Welt im Grunde nicht zum Ansehen sei, daß sie in ihrem Mangel an Schönheit, in ihrer monströsen Häßlichkeit nur schwer zu ertragen sei und daß Kunst und Literatur dem modernen Menschen vor allem dann etwas würden geben können, wenn sie ihn anderes schauen ließen als diese moderne Welt, wenn sie ihn wenigstens in der Phantasie Verhältnisse erblicken [<<19] ließen, die nicht vom Wirbel der Modernisierung erfaßt wären und bei deren Schönheit er sich beruhigen und wieder zu sich kommen könnte.
Solche Verhältnisse will der Romantizismus vor allem in zwei Bereichen entdecken: in der Natur, genauer: in der von der Modernisierungsdynamik noch nicht erfaßten, der „unberührten“, „freien Natur“; und in der Geschichte, wie sie den modernen Menschen mit den wohlgeordneten Verhältnissen einer „guten alten Zeit“, mit vormodernen, traditionalen Gesellschaften bekanntmacht. Bei letzterem denkt der romantisch Gestimmte vor allem an das Mittelalter, als an eine Zeit, in der das gesellschaftliche Leben noch in eine stabile Ordnung eingegossen gewesen wäre, mit Kaiser und Reich, Gott und Vaterland, und in der die Menschen noch keine Kapitalisten, Karrieristen und Intellektualisten gewesen wären, sondern schlicht, fromm und tugendhaft. So etwa hat Novalis das Mittelalter in seiner Rede über „Die Christenheit oder Europa“ (1799) dargestellt.
Realismus
Demgegenüber läßt sich die Bewegung des „bürgerlichen“ oder „poetischen Realismus“3 als ein Versuch von Kunst und Literatur verstehen, mit der modernen Welt ihren Frieden zu machen, wie immer sie im einzelnen aussehen und zu bewerten sein möge. Die Modernisierung ließ sich ja doch nicht aufhalten, der Fortschritt nicht wieder einfangen; er ließ sich allenfalls kritisch begleiten, und vielleicht mitgestalten und über solcher Mitgestaltung zum Guten wenden. Hier sollte also nicht mehr versucht werden, den Blick gegen die modernen Verhältnisse abzuschirmen und zu Natur und Geschichte hinüberzulenken. Vielmehr sollte ihn die Kunst nun dahin bringen, auf der Gegenwart, auf den „zivilisatorischen Realitäten“ (Gottfried Benn) der Moderne zu verweilen, ja sich den neuen Lebensformen – der modernen Arbeitswelt und Ökonomie, dem modernen Leben, den Großstädten, den sozialen Problemen in Stadt und Land, den Problemen einer modernen Bildung – überhaupt zu stellen, sich ihnen in jenen Formen gesteigerter Aufmerksamkeit und Bewußtheit zuzuwenden, die die Sache der Kunst ist. [<<20]
Zu einer solchen Ausrichtung der Literatur auf die moderne Welt kam es zuerst in Frankreich und in England, als den beiden avanciertesten Ländern in Europa.4 Für Frankreich ist hier vor allem Honoré Balzac (1799–1850) zu nennen, für England vor allem Charles Dickens (1812–1870), von denen der eine um 1830, der andere um 1840 zu einem neuartigen Realismus fand, jeder auf seine Weise. Bei Balzac zieht die Literatur erstmals ohne Wenn und Aber in die moderne Großstadt ein, um sich deren Boulevards und Plätze zu erobern und ihre verschiedenen Lebensbereiche zu erkunden, von den Palästen der alten und neuen Reichen bis hin zu den Elendsquartieren der alten und neuen Armen, ja um die gesamte moderne Gesellschaft von oben nach unten und von unten nach oben zu durchmessen. Sie begibt sich in die Zentren der Macht, an die Börse und in die Unterwelt, in die Fabriken und auf das verarmte Land; sie läßt den Minister, die Marquise und den Großkapitalisten ebenso ihre Auftritte haben wie den Kleinkrämer, den Bauern und den Arbeiter. Die deutsche Literatur vermag dem nur mit einer gewissen Verzögerung zu folgen, vor allem weil es in Deutschland erst später als in England und Frankreich zu jenen Formen von Modernisierung kam, die die Literatur des Realismus in den Blick nahm; weil die neuen Realitäten hier noch nicht Gestalt angenommen hatten oder jedenfalls noch nicht mit der gleichen Deutlichkeit sichtbar geworden waren wie dort.
Übergangs- und Zwischenformen
Geht man näher auf die Literatur des 19. Jahrhunderts ein, zeigt sich freilich, daß sich der romantische und der realistische Grundimpuls kaum je in Reinkultur und keineswegs in einem deutlichen Nacheinander Geltung verschafft haben, daß sie vielmehr nebeneinander zur Wirkung gelangt sind und dabei die verschiedensten Verbindungen eingegangen sind. Und wie sollte es anders sein, da Literatur, wenn sie denn wirklich Kunst ist, wenn sie einmal ein gewisses gedankliches und ästhetisches Niveau erreicht hat, nie einseitig ist; was ihre Zeitgenossen an Einseitigkeiten kultivieren, wird von ihr aufgegriffen und in Gebilden verarbeitet, die die unterschiedlichsten Motive in ein spannungsreiches Beziehungsleben einstellen. So hat der Romantizismus durchaus progressive Züge anzunehmen vermocht, wie sich der [<<21] Realismus auch konservativ hat gebärden können. Daraus sind eine Reihe von Übergangs- und Zwischenformen entstanden, die ein Gutteil, wenn nicht das Gros der Literatur des 19. Jahrhunderts ausmachen.
Biedermeier
Zu diesen Übergangs- und Zwischenformen zählen mitunter ganze kulturelle Bewegungen, denen man wie dem Biedermeier oder der „jungdeutschen“ Literatur des Vormärz den Status einer epochalen Tendenz zugesprochen hat. Der Biedermeier5 der Zeit von 1820 bis 1850 zieht seinen Kopf ein, damit er ihm im scharfen Wind der Modernisierung nicht davonfliegt, und verdrückt sich in die geschichtsfernen Zonen seines unmittelbaren Lebensumfelds. Dieser seiner Lebenswelt wendet er sich aber nicht nur zu, um sie im Sinne der Romantik zu „poetisieren“; er faßt sie auch mit einem geschärften Realitätssinn ins Auge, der auf den Realismus der zweiten Jahrhunderthälfte vorausweist. Man denke nur an Autoren wie Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), Eduard Mörike (1804–1875) und Adalbert Stifter (1805–1868), wie sie, jeder auf seine Weise, den Abschied von der Romantik und Übergang zum Realismus markieren.
Vormärz
Etwas Ähnliches findet sich bei den Autoren des Vormärz,6 beim „Jungen Deutschland“7 und bei Heinrich Heine. Wenn sie auch mit einem unerbittlichen Realismus die Probleme der Gesellschaft ihrer Zeit analysieren und einen Fortschritt einklagen, der diesen Namen verdient hätte, so bleiben sie doch „mit dem Herzen“ und mit ihren Ansprüchen der Poesie der Romantik verhaftet. Es ist das blutende Herz des Romantikers, wie es Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zur Darstellung bringt (HS 7, 592–595), was sie zu Kritikern der Verhältnisse macht.
Historischer Roman
Und auch einige der beliebtesten Gattungen leben gleichermaßen aus romantischen und realistischen Impulsen heraus, so zum Beispiel der Historische Roman seit Walter Scott (1771–1832) und die [<<22] Dorfgeschichte seit Berthold Auerbach (1812–1882). Im Historischen Roman8 huldigt der Realismus, der doch eigentlich seinen Frieden mit der Gegenwart machen und die moderne Welt zur Darstellung bringen will, dem Historismus, indem er sich ältere Zeiten zum Schauplatz wählt. Während aber die Romantik bewußt ein poetisch unscharfes Bild von den älteren Zeiten gepflegt hat, ein Bild, das sich in seiner poetischen Unschärfe leichter idealisieren und zur „guten alten Zeit“, zum „Goldenen Alter“ stilisieren ließe – man denke nur an Novalis und seinen Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802) – geht der Historische Roman des Realismus den geschichtlichen Verhältnissen mit der faktenbesessen-antiquarischen Attitüde des Historikers nach, bemüht er sich darum, ein möglichst getreues, detailgenaues Bild von der Vergangenheit zu zeichnen – aber eben ein Bild der Vergangenheit und nicht der Gegenwart. In diesem Sinne haben die meisten der großen Realisten auch historische Romane und Erzählungen geschrieben; einer von ihnen, Conrad Ferdinand Meyer, hat überhaupt nur Historisches verfaßt.
Dorfgeschichte
Und in der Dorfgeschichte,9 wie sie mit Auerbachs „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ von 1843 in Mode kam, sucht der Realist in der Landschaft der Gegenwart Lebensformen auf, die noch nicht von der Modernisierung erfaßt und umgekrempelt worden sind, „grüne Stellen“ (Friedrich Theodor Vischer),10 die weithin noch durch die Nähe zur Natur und durch traditionale Lebensformen geprägt sind. Da will er des Menschen auf eine Weise ansichtig werden, die ihm in der modernen Großstadt nicht mehr möglich scheint, und er widmet sich diesem im Grunde romantischen Unternehmen durchaus mit dem geschärften Blick des Realisten, ja vielfach mit einer fast schon wissenschaftlich zu nennenden ethnologisch-volkskundlichen Akribie. Dabei muß er sich freilich darüber hinwegsetzen, daß das Landleben inzwischen weithin dem Pauperismus anheimgefallen ist und die Landflucht eingesetzt hat, der Zug der Menschen in die Städte, [<<23] die ihnen ein besseres Leben verheißen. Am Dorfeingang rennen sich sozusagen der moderne Intellektuelle, der die Lebensformen des flachen Landes sucht, und die Landbevölkerung, die vor ihnen davonläuft, wechselseitig über den Haufen.
Auf solche Weise gehen der romantische und der realistische Grundimpuls in der Literatur des 19. Jahrhunderts die unterschiedlichsten Verbindungen ein. Dessen unbeschadet sind sie aber zunächst einmal zu unterscheiden, als literarische Möglichkeiten, die aus zwei grundverschiedenen Einstellungen zur Moderne heraus erwachsen, aus dem Fortschrittszweifel und dem Fortschrittsglauben, aus der konservativen und der progressiven Haltung. Diese Haltungen zeigen sich natürlich auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, und sie lassen sich dort oft sehr viel deutlicher greifen als in der Literatur. Das gilt zumal für das politische Leben, dessen Diskurse anders als die literarische Rede zu plakativer Eindeutigkeit neigen. So haben die Begriffe des Progressiven und des Konservativen denn auch hier ihre scharfen Konturen erhalten.
1.5 Literatur und Politik im 19. Jahrhundert
Politisierung der Kultur
Während des gesamten 19. Jahrhunderts ist das gesellschaftliche Leben durch den Kampf zwischen den Kräften des Fortschritts – Demokratiebewegung, Liberalismus, Sozialismus – und den Mächten der Vergangenheit – Monarchie, Adel, Kirche – geprägt, ein Kampf, der sich letztlich in einem Wechselspiel von Revolutionen und Restaurationsversuchen niedergeschlagen hat. Darum verhandeln die Historiker das 19. Jahrhundert oder vielmehr seine erste Hälfte auch gerne unter der Überschrift „Revolution und Restauration“.11
Zunächst ist freilich festzuhalten, daß das 19. Jahrhundert überhaupt ein Jahrhundert fortschreitender Politisierung gewesen ist, der Politisierung sowohl immer größerer Teile der Bevölkerung als auch immer weiterer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, einschließlich [<<24] der Literatur. Politik ist nun nicht mehr allein die Sache einer winzigen Elite, des Adels, der „Standespersonen“, der politischen Beamten; sie wird mehr und mehr zu jedermanns Sache. Ein jeder fühlt sich nun „immer mitten in der Agitation der politischen Leidenschaften inne leben“ (GS 2, 71).
Das ist vor allem ein Werk der Presse, die im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Es entstehen immer neue „Journale“, immer neue Tageszeitungen, wie sie bis heute nicht aus dem politischen Leben wegzudenken sind, und sie werden von immer mehr Menschen gelesen. Die moderne Öffentlichkeit nimmt nun endgültig eine Form an, wie wir sie kennen. Der Journalist betritt die Bühne der Geschichte, um sie nicht wieder zu verlassen, und er avanciert rasch zu einer Leitfigur des modernen Lebens. Auch viele Autoren von Literatur haben zumindest zeitweise als Journalisten gearbeitet, denn von der Literatur allein konnten die meisten von ihnen im 19. Jahrhundert noch immer nicht leben. Vor allem die Autoren des Vormärz haben sich als Journalisten versucht – man denke nur an Heine und Gutzkow – aber auch unter den Realisten haben viele noch ihr Brot mit Arbeiten für die Presse verdient, so etwa Fontane.
Politisierung und Modernisierung
Der tiefere Grund für die fortschreitende Politisierung der Menschen und des gesellschaftlichen Lebens ist natürlich die Modernisierung. Schon an der Schwelle zum 19. Jahrhundert hat einer ihrer engagierten Vorkämpfer, einer der größten Mobilmacher, den die Menschheit bis dahin gesehen hatte, der französische Kaiser Napoleon, den Ausspruch getan: „Die Politik ist das Schicksal“, und so ist es auch überall gekommen, wo sich die Modernisierungsmaschine in Gang gesetzt hat. Der Fortschritt, die unausgesetzte Mobilisierung von Menschen und Dingen, natürlichen und kulturellen Ressourcen, der große Verschiebebahnhof der Moderne verlangt nach Organisation und Steuerung, und er verlangt nach ihnen in einem Maße, das alles in den Schatten stellt, was die Menschheit zuvor an Organisations- und Steuerungsbedarf erlebt hat. Die Folgen zeigen sich zum einen im Anschwellen der Verwaltungsapparate – das 19. Jahrhundert ist auch die Zeit eines exponentiellen Wachstums der Bürokratie – und zum andern eben in der Politisierung. Denn Politik ist ja nichts anderes als die Gesamtheit der Diskurse, mit denen eine Gesellschaft die Prozesse zu steuern versucht, in denen sie sich organisiert. [<<25]
Was es mit alledem auf sich hat, hatte sich in der Zeit der Revolution von 1789 mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gezeigt. Da trat mit einem Schlag das ganze Panorama der modernen Politik vor die staunenden Augen der Welt: das große Forum des Parlaments, das Drama der Wahlen, die Parteipolitik, die kritische Begleitmusik der Presse, die professionelle Bearbeitung der Öffentlichkeit, die Typen des Berufspolitikers, des Politingenieurs und des politischen Journalisten. Politik wurde hier für alle sichtbar zum parteipolitischen Kampf zwischen Modernisierern und Modernisierungsgegnern, zwischen Erneuerern und Bewahrern, und hier wiederum zwischen radikalen und moderaten Erneuerern – Revolutionären und Reformern – und zwischen moderaten und radikalen Bewahrern – Konservativen und Reaktionären. Hier entstanden übrigens auch die Begriffe von „linker“ und „rechter“ Politik, abgeleitet von der Sitzordnung der Französischen Nationalversammlung.
Das Wechselspiel von Revolution und Restauration
Seinen deutlichsten Ausdruck fand der politische Kampf um den Fortschritt aber eben im Wechselspiel der Revolutionen und der Restaurationsversuche. So bezeichnen Revolutionen die wichtigsten Daten im politischen Leben des 19. Jahrhunderts. Die erste in der langen Reihe ist die Französische Revolution von 1789, eine Revolution, die auch für Deutschland die größten Folgen gehabt hat, obwohl es hier nur in einem einzigen Fall zur Gründung einer Republik gekommen ist, in Mainz, und im übrigen allenfalls zu Reformen wie zur Abwicklung des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ und zu den inneren Reformen in Preußen und einigen anderen deutschen Fürstenstaaten. Die Epoche der Französischen Revolution ging mit dem Wiener Kongreß von 1814/15 zu Ende, der eine Wiederherstellung der alten Mächte Monarchie, Adel und Kirche brachte, die sogenannte Restauration von Thron und Altar. Auf dem Boden des Alten Reichs ließ er die Verhältnisse entstehen, die ihre Kritiker nach dem führenden Staatsmann Österreichs, dem Fürsten Clemens von Metternich (1773–1859), das System Metternich nannten.
Das Ziel Metternichs und seiner Mitstreiter war es, den Geist, der 1789 aus der Flasche gefahren war, wieder in die Flasche zurückzupraktizieren, und sie scheuten dabei kein Mittel der Gewalt. Spätestens seit den Karlsbader Beschlüssen der deutschen Fürsten von 1819 gab es überall in Deutschland das, was man Demagogenverfolgung nannte, [<<26] gab es eine staatliche Zensur, ein ausgedehntes Spitzelwesen und die ganze Palette repressiver polizeilicher Maßnahmen, wenn sich auch nicht alle Fürstenstaaten mit der gleichen Intensität daran beteiligten. Davon war auch die Literatur betroffen, denn gerade die Literaten hörten nicht auf, die Ziele der Französischen Revolution – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – und die Ziele der sogenannten Befreiungskriege von 1813/15 – „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ – zu bereden, zu besingen und überhaupt in jeder erdenklichen Form präsent zu halten.
Aber der Geist des Fortschritts ließ sich nicht wieder in die Flasche zurückzwingen. Auch politisch war er weiter am Werk, nicht nur in der Literatur, so zum Beispiel in der Verfassungsbewegung, also im Ringen darum, daß sich die Fürstenstaaten Verfassungen gäben, die gewählte Parlamente vorsähen. Die Wahlen, an die man dabei dachte, waren allerdings noch keine „freien, gleichen und geheimen Wahlen“, wie wir sie kennen; nur ein kleiner Kreis wohlhabender Bürger sollte an ihnen teilnehmen können, insofern das Wahlrecht an einen „Zensus“, an Besitz und Einkommen geknüpft blieb.
Bereits 1830 kam es zu einer zweiten Revolution, der sogenannten Juli-Revolution, die freilich nur in ihrem Ursprungsland Frankreich zu einer Veränderung der politischen Verhältnisse führte; in Deutschland blieb die Unruhe überschaubar. Dafür war die Reaktion der Machthaber um so heftiger; die Zügel der „Demagogenverfolgung“, der Zensur und Repression wurden weiter angezogen, so daß viele namhafte Literaten wie Heinrich Heine und Ludwig Börne (1786–1837) nach Paris ins Exil gingen. Denn in Frankreich hatte die Juli-Revolution in der Tat ein Mehr an Freiheit gebracht, eine Stärkung des Parlaments unter dem neuen König, dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe, und vor allem ein Mehr an Pressefreiheit.
Das dritte große Revolutionsjahr ist das Jahr 1848, das Jahr der März-Revolution. Wiederum ging die Revolution von Frankreich aus, aber sie erfaßte nun auch weite Teile Deutschlands, und sie brachte endlich die von den Liberalen ersehnten Wahlen. Das Parlament, das aus ihnen hervorging, das berühmte Parlament in der Frankfurter Paulskirche, hat sich aber nicht auf Dauer etablieren können und seine Macht bald wieder verloren. Frankreich wurde zunächst zum zweiten Mal eine Republik, um sich 1852 erneut in ein Kaiserreich [<<27] zu verwandeln, mit einem Neffen Napoleons, Napoleon III., an der Spitze. Dieses wurde 1871, nach dem verlorenen Krieg gegen Deutschland, zum Schauplatz einer vierten Revolution und überdies auch des Aufstands der Pariser Kommune, einer Revolution in der Revolution, bei der man erstmals mit dem Kommunismus Ernst zu machen suchte. Deutschland hingegen mußte bis 1918 auf die nächste Revolution warten.
Deutschland und Europa
Der Blick auf das Wechselspiel von Revolution und Restauration zeigt, daß man, wenn man von der politischen Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert spricht, immer auch an Frankreich denken muß. Denn das politisch bewegte Deutschland schaute auf Frankreich, so wie das ökonomisch interessierte nach England, dem Land der industriellen Revolution und des Kapitalismus. Das künstlerische Deutschland zog übrigens weithin noch immer eine andere Orientierung als die nach Westen vor; es blickte – wie all die Jahrhunderte zuvor seit den Zeiten der Renaissance – nach dem Süden, nach Italien, dem Land, auf dessen „klassischem Boden“ (Goethe) man die Antike und deren künstlerisches Erbe studieren konnte. Italienreisen blieben auch im 19. Jahrhundert noch ein fester Programmpunkt in der Ausbildung des Künstlers.
Allerdings kamen nun immer mehr Reisen nach Frankreich und England hinzu, freiwillige Reisen ebensowohl wie politisch erzwungene, und das waren eben keine Reisen zur Antike mehr, sondern Reisen in die Moderne. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Durchbruch der ästhetischen Moderne im engeren Sinne, wird Paris schließlich vollends zur Hauptstadt der Kunst und löst damit Rom als Ziel von Künstlerreisen ab. Naturalisten wie Michael Georg Conrad (1846–1927) und Symbolisten wie Stefan George (1868–1933) machen ihre entscheidenden künstlerischen Erfahrungen nicht mehr in Italien, sondern in Paris. Das gilt es festzuhalten, denn auch darin kann man etwas von der Entwicklung von Kunst und Literatur im 19. Jahrhundert greifen; Künstlerreisen haben ja eine eigene Logik und Aussagekraft.
Bürgertum vs. Adel
Zurück zur Politik. Wenn das 19. Jahrhundert nacheinander so viele Revolutionen erlebt hat, so lag das vor allem daran, daß auf jede Revolution ein offener oder schleichender Restaurationsversuch folgte, der die revolutionären Kräfte erneut herausforderte. Restauration hieß hier vor allem, die Monarchie, das „Gottesgnadentum“ des [<<28] Souveräns zu stärken und die Position des Adels als der politisch-gesellschaftlichen Elite zu sichern. Solche Restauration der „legitimen“, durch Erbschaft zur politischen Führung berechtigten Mächte gelang jedoch nur noch in Grenzen. Denn die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung war längst auf das Bürgertum übergegangen. Im Zuge der industriellen Revolution errang es sich vollends die ökonomische Macht, und die wollte es nun auch in politische Macht ausgemünzt sehen, schon allein um die Rahmenbedingungen seines Wirtschaftens mitbestimmen zu können. Das Prinzip der Monarchie wurde durch den Verfassungsgedanken ausgehöhlt, die Fürstenstaaten wurden konstitutionelle Monarchien mit gewählten Parlamenten. Und der Adel, dieses Relikt des mittelalterlichen Feudalwesens, dessen existentielle Basis der Landbesitz und die Gutswirtschaft waren, geriet nicht nur ökonomisch gegenüber dem potenteren Bürgertum ins Hintertreffen.
Schon der Wiener Kongreß hatte mit dem Gedanken, die „legitimen“ Mächte zurückzubringen, nicht wirklich Ernst gemacht. Von den an die dreihundert staatlichen Gebilden des Alten Reichs blieben gerade einmal 37 übrig, die anderen wurden „mediatisiert“, von größeren Nachbarstaaten geschluckt. Viele fürstliche Familien waren also auf Dauer entmachtet und saßen nun frustriert und scheeläugig auf den Schlössern herum, die ihnen geblieben waren; und je weniger sie noch zu sagen hatten, desto mehr bestanden sie auf ihren Privilegien und desto verbissener kultivierten sie ihre Prätentionen. Aber auch so und gerade so blieb der Adel ein gesellschaftlich bedeutsamer Faktor; nach wie vor wurde er bei Hofe, beim Militär und im Staatsdienst bevorzugt und beanspruchte er überall im gesellschaftlichen Leben besondere Beachtung. So stellt sich die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zwar nicht mehr als eine Ständegesellschaft dar wie noch im 18. Jahrhundert, wohl aber als eine Dreiklassengesellschaft, wie sie Karl Marx seinerzeit analysiert und beschrieben hat, bestehend aus den Klassen des Adels, des Bürgertums und des großen Rests, der Bauern, Tagelöhner, Handwerker und Industriearbeiter.
Einen guten Einblick in diese Verhältnisse gewähren die Romane von Karl Immermann. Zugleich erhellt aus ihnen, in welchem Maße und auf welche Weise sie die zeitgenössische Literatur beschäftigt haben. Deshalb sollen sie hier als Leitfaden für eine erste Annäherung an die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts dienen. [<<29]
1 Friedrich Jaeger, Jörn Rüsen: Geschichte des Historismus. München 1992. – Annette Wittkau: Historismus. Göttingen 1992. – Moritz Baßler u. a. (Hrsg.): Historismus und literarische Moderne. Tübingen 1996.
2 Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. Stuttgart 1998. – Detlef Kramer: Romantik. Stuttgart Weimar 2001. – Ernst Müller: Romantisch/Romantik. In: Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 5. Stuttgart 2003, S. 315–344.
3 Hugo Aust: Realismus. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart Weimar 2006. – Bernd Balzer: Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Darmstadt 2006. – Christian Begemann (Hrsg.): Realismus. Epochen – Autoren – Werke. Darmstadt 2007.
4 Reinhard Lauer (Hrsg.): Europäischer Realismus. Wiesbaden 1980.
5 Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. 3 Bde. Stuttgart 1971–1980.
6 Peter Stein: Epochenproblem Vormärz. 1815–1848. Stuttgart 1974. – Walter Jaeschke (Hrsg.): Philosophie und Literatur im Vormärz. 2 Bde. Hamburg 1995. – Martina Lauster u. a. (Hrsg.): Vormärzliteratur in europäischer Perspektive. 3 Bde. Bielefeld 1996–2000.
7 Helmut Koopmann: Das Junge Deutschland. Eine Einführung. Darmstadt 1993.
8 Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart Weimar 1994.
9 Jürgen Hein: Dorfgeschichte. Stuttgart 1976. – Uwe Baur: Dorfgeschichte. München 1978.
10 Friedrich Theodor Vischer: Ästhetik. 3 Teile. Reutlingen Stuttgart 1846–1857. Teil 3, S. 1305.
11 Dieter Langewiesche: Europa zwischen Restauration und Revolution. 1815–1849. München 2007.
2 Modernisierungskrisen im Vormärz
2.1 Zeit- und Krisendiagnosen in Immermanns „Epigonen“
Immermann als Chronist des Vormärz
Karl Leberecht Immermann12 ist heute weithin vergessen. Wer sich mit der Literatur des Vormärz beschäftigt, wird jedoch bald auf seinen Namen stoßen, denn hier gehörte er zu den zentralen Figuren des literarischen Lebens. 1796 in Magdeburg geboren, lebte er seit 1827 als Richter in preußischen Diensten in Düsseldorf, wo er 1840 auch verstarb. Das Schreiben war für ihn also nur eine Nebenbeschäftigung. Das hat ihn freilich nicht daran gehindert, eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit zu entfalten, die ihn mit vielen literarischen Größen seiner Zeit in Verbindung brachte, so etwa noch mit dem alten Goethe, vor allem aber mit den Literaten im Umkreis des Jungen Deutschland, mit Karl Gutzkow, der seinerseits der wichtigste Förderer von Georg Büchner war, mit Heinrich Laube (1806–1884), Ferdinand Freiligrath (1810–1976) und Christian Dietrich Grabbe (1801–1836). Eine Zeitlang arbeitete er eng mit Heine zusammen, der ja in Düsseldorf beheimatet war; so haben beide in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung wechselseitig ihre Manuskripte durchgesehen.
Immermann hat neben einer Reihe von Trauer- und Lustspielen, einem Komischen Epos, Gedichten und Memoiren vor allem zwei große Romane hinterlassen, „Die Epigonen“ (1836) und „Münchhausen“ (1838/39), die durchaus einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätten. Wenn sie vielleicht auch nicht jedem [<<31] ästhetischen Anspruch genügen, so sind sie doch besonders aufschlußreich für die Verhältnisse und die literarischen Interessen der Zeit. Beide versuchen sie sich an einer umfassenden Bestandsaufnahme der Epoche, und sie nehmen darüber geradezu den Charakter von Kompendien der sozial-, wirtschafts-, kultur- und literaturgeschichtlichen Entwicklungen an. So können sie hier genutzt werden, um einen Zugang zu den Lebensverhältnissen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu den Vorstellungen zu gewinnen, mit denen sie die Menschen zu verarbeiten suchten. Autoren aus der zweiten Reihe machen derlei dem Leser mit ihren Werken oftmals leichter als die großen „Originalgenies“, die in den Olymp der Kunst eingegangen sind. Das Zeittypische wird bei ihnen vielfach deutlicher als bei diesen, wo es bald hinter der originellen Verarbeitung verschwindet und bald über dem Ringen um zeitlose Wahrheit, um die „monumentalen“ Qualitäten der Kunst in den Hintergrund tritt.
Grundzüge von Immermanns Zeitdiagnose
Immermann begreift seine Zeit als eine „Übergangsperiode“ (IW 3, 416). Das Alte ist nicht mehr zu halten, und worauf es mit dem Neuen hinauswill, vermag noch niemand zu sagen. Aber mit dem Gedanken des „Übergangs“ hat sich Immermann getäuscht, wie so viele seiner Zeitgenossen. Denn von einem „Übergang“ zu reden meint ja doch, daß das Neue das Alte irgendwann abgelöst und sich stabilisiert, eine feste, dauerhafte Form angenommen haben wird. Die moderne Welt kennt jedoch nur einen Wandel, der nicht wieder zum Stillstand kommt. Modern sein heißt, in einen Prozeß eingetreten zu sein, in dem jede Neuerung früher oder später durch eine weitere abgelöst wird. Die Modernisierung kennt, wenn sie denn einmal in Gang gekommen ist, kein Halten, sie weiß nur von einem Immer-weiter-Müssen.
In seinen Romanen versucht Immermann, sich Rechenschaft davon zu geben, was der Wandel der Verhältnisse mit dem Menschen, mit seinem Kopf und seinem Herzen macht. Er sieht sich und seine Zeitgenossen von einem „öden Wanken und Schwanken“ ergriffen, das er eine „moralische Seekrankheit“ nennt (IW 3, 135). Auf hoher See ist alles in Bewegung, da gibt es nichts Festes, so daß sich nach und nach ein Gefühl existentieller Unsicherheit breitmacht. Von diesem durch den Modernisierungswirbel ausgelösten existentiellen Schwindelgefühl handelt im Grunde die gesamte Literatur des Vormärz. [<<32]
Immermann und die Dorfgeschichte
Mit seinem „Münchhausen“13 ist Immermann übrigens auch zu einem Wegbereiter der Dorfgeschichte geworden. Nebeneinander werden von ihm hier zwei Welten zur Darstellung gebracht, von denen die eine dann eben ein Muster für die Dorfgeschichte abgegeben hat. Da ist auf der einen Seite die Welt des titelgebenden Herrn von Münchhausen, eine Welt, in der alles, was modern ist oder als modern gilt und was zumal das Leben des modernen Intellektuellen ausmacht, in gedrängter, zugespitzter Form zur Darstellung gebracht wird, um mit den Mitteln der Satire auf Herz und Nieren geprüft zu werden. Und da ist als deren idyllisches Gegenbild die Welt des „Oberhofs“, eines alten westfälischen Bauernguts, wo die Menschen noch in den überkommenen Formen, auf vormodern-traditionale Weise leben; diese wird von Immermann keineswegs satirisch, vielmehr mit großem Ernst und Respekt zur Darstellung gebracht.
Die Oberhof-Kapitel des Romans sind bald schon ohne die Münchhausen-Passagen separat zum Druck gebracht worden und in dieser Gestalt zu einem der populärsten Bücher des 19. Jahrhunderts geworden – ein postumer Erfolg, der viel über den Geschmack des breiten Publikums in der zweiten Jahrhunderthälfte sagt. Von Immermanns grundkritischen Zeitdiagnosen wollte es bald nichts mehr wissen; die Idylle hingegen war ihm willkommen. Daß durch die Auslösung der Oberhof-Kapitel die Struktur des Münchhausen-Romans und damit das gesamte Projekt Immermanns zerstört wurde, scheint kaum jemanden unter seinen Lesern gestört zu haben, so kunstbeflissen sie sich auch gaben.
Immermanns „Epigonen“
Hier soll zunächst von den „Epigonen“14 die Rede sein, auch weil der Begriff des Epigonentums für die Literatur des 19. Jahrhunderts [<<33] zentrale Bedeutung hat. „Die Epigonen“ sind ein Entwicklungs- und Bildungsroman in der Nachfolge von Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, des großen Musters aller Entwicklungs- und Bildungsromane, die die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Der Held, ein junger Mann von ungewisser Herkunft mit Namen Hermann – ein Name mindestens so deutsch wie Wilhelm, wenn nicht noch ein wenig deutscher – ist in der Welt des frühen 19. Jahrhunderts unterwegs auf den Spuren des Geheimnisses seiner Herkunft und auf der gattungstypischen Suche nach einem „Platz im Leben“.
Dabei bewegt er sich unausgesetzt zwischen dem Lebensraum des alten Adels und dem der neureichen Bourgeoisie hin und her, zwischen Schlössern und Fabriken, Landgütern und städtischen Zirkeln und nicht nur zwischen den Klassen und ihren unterschiedlichen Milieus, sondern zwischen dem Alten und dem Neuen überhaupt sowie zwischen den verschiedenen Haltungen, in denen deren Gegeneinander verarbeitet wird, zwischen Fortschrittsglauben und Historismus, Romantizismus und Realismus. Gegen Ende des Romans wird sich das Rätsel der Herkunft schließlich lösen, wird sich symbolischerweise herausstellen, daß Hermann das uneheliche Kind eines Adligen und einer Bürgerlichen ist – kein Wunder also, wenn er sich weder in dem einen noch in dem anderen Lebensraum zu Hause fühlt.
Zwischen Adel und Bourgeoisie
Da gibt es auf der einen Seite eine weitverzweigte Adelssippe, die Familie eines Herzogs, dessen kleiner Fürstenstaat wie so viele andere in der „Franzosenzeit“ „mediatisiert“, von einem größeren geschluckt worden ist und der diesen Absturz, dieses Herausfallen aus der Macht nicht verwinden kann. So läßt er denn auf seinem Schloß Ritterspiele aufführen, mit denen er an die große Vergangenheit seines Hauses erinnert, was Hermann allerdings nur noch mit Gefühlen der Peinlichkeit quittieren kann. Hier zeigt sich bereits, daß die romantische Ritterherrlichkeit in den Augen Immermanns durchaus nicht so naiv und unschuldig ist, wie sie sich gibt; daß sie alles andere als die Ausgeburt eines rein poetischen und poetisch reinen Sinnes ist. Wie Heine acht Jahre später in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ sucht sie Immermann hier bereits als Ideologie zur Legitimation der Ansprüche des Adels zu entlarven, der sich ja vom mittelalterlichen Rittertum herleitet und von ihm aus die „Legitimität“ seiner Privilegien behauptet. Und [<<34] da gibt es auf der anderen Seite einen bürgerlichen Onkel Hermanns, den „Oheim“, einen neureichen Unternehmer, einen „Entrepreneur“ neuen Stils, der Fabriken baut, Kapital aufhäuft und dem überschuldeten Adel seine Schlösser und Ländereien abkauft.
Hermann wollen beide Welten nicht gefallen. Den Adel kann er nur noch als eine „Ruine“ (IW 3, 158) begreifen, in der die Gespenster der Vergangenheit umgehen. Da findet er nichts Überzeugendes, Lebensfähiges mehr, nurmehr noch eine hochproblematische Mischung von Überlebtem und von Prätentionen, die durch nichts gerechtfertigt scheinen. Aber die neue Welt der Industrie und des Kommerzes gefällt ihm auch nicht viel besser. Er beobachtet mit großer Aufmerksamkeit, wie die Industrialisierung und der Kapitalismus die Natur und die alte Kulturlandschaft zerstören, wie sie die Menschen „entwurzeln“, der Scholle entfremden, in eine mörderische Arbeitswelt hineinstoßen und über solcher verzehrenden Arbeit auch noch verelenden lassen. Nichts von dem, was sich an „Kollateralschäden“ des Fortschritts zeigt, entgeht seinem Blick, und er träumt davon, als Erbe des „Oheims“ die Fabriken wieder zu schließen und die Menschen aus den Industriestädten auf das Land zurückzubringen, zurück in gesündere, stabilere, menschlichere Verhältnisse.
Die Landschaft der Industrialisierung
Der eigentümlich aufgebrochene, durch schroffe Gegensätze geprägte, konfliktschwangere Handlungsraum, in dem sich Hermann bewegt, wird von Immermann bei Gelegenheit in die folgende Szenerie gefaßt; es handelt sich dabei um eine der frühesten Darstellungen der durch die Industrialisierung veränderten Landschaft, die sich in der deutschen Literatur finden.15
Abermals sah Hermann das tiefe, gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die weißen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft; Lastwagen und Packenträger begegneten ihm und verkündigten durch ihre Menge die Nähe des rührigsten Gewerbes. Ein Teil des Grüns war durch bleichende Garne und Zeuche (Zeuge) dem Auge entzogen; das Flüßchen, welches mehrere Werke trieb, mußte [<<35] sich zwischen einer Bretter- und Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen diesen Zeichen bürgerlichen Fleißes erhoben sich auf dem höchsten Hügel der Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Türme des Klosters. Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken. Auch die geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft (der Franzosen zur Zeit Napoleons) zu billigem Preise erworben. Lange Gebäude, mit einförmigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe; der Wald, welcher die Hügel bedeckte, war fleißig gelichtet.
Gräfin Theophilie kam ihm entgegen, in einem Buche lesend. – „Was führt Sie her?“ fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte, so trug er sich ihr zum Begleiter an. Sie gingen über angenehme Busch- und Wiesenplätze. Die Bleichen und Betriebsamkeitsstätten vermied sie; nach anderen Gegenden strebte sie mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbänke oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel.
Sie stiegen den Berg hinauf und standen nach einer kurzen Wendung vor dem Seitenflügel des Schlosses. „Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt und die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt, so kommen Sie immerhin noch ein wenig zu mir“, sagte sie.
Als er sich oben nach kurzem Gespräch von ihr beurlauben wollte, hielt sie ihn angelegentlich zurück und rief: „Sie sehen ein, wie wohl es mir tut, mit jemand mich zu unterhalten, auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben steht, oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften!“ (…)
Sie ging hinaus, um einige Bestellungen für das Abendessen zu geben, welches er mit ihr einnehmen sollte, und er benutzte diese Pause, sich in ihrem Zimmer umzuschauen. Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln (Ahnentafeln, Stammbäume) der ersten Familien des Landes hing an den Wänden umher; zwischen denselben sah man viele vornehme Gesichter in Miniaturporträts. Als er den Inhalt eines kleinen Bücherschranks musterte, erblickte er sämtliche Jahrgänge des „Gothaer Historisch-Genealogischen Kalenders“ (eines Kompendiums der adligen Familien) in Reihe und Glied aufgestellt, damals einundsechzig an der Zahl, welche in solcher Vollständigkeit sich wohl schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mögen. [<<36]
„Das ist mein Zirkel“, sagte sie lächelnd, als sie ihn in die Betrachtung dieser Dinge versenkt fand. „Die Stammbäume habe ich selbst gezeichnet und mich dabei im Gedächtnis der Personen erfreut, die ich gekannt, und wenn ich die Blätter der Kalender aufschlage, so blühen mir bei jeder Familie Geschichten entgegen. Die Gegenwart kann mir nicht gefallen, Zukunft hat ein armes Fräulein bei Jahren nicht mehr; da suche ich denn an der Vergangenheit, in der das Leben etwas wert war, meine Tage zu fristen.“ (IW 4, 7–9)
Die Gräfin ist auf dem Schloß ihrer Väter nur noch geduldet, denn es gehört inzwischen einem neureichen Fabrikanten, eben dem „Oheim“, dem Onkel Hermanns. Der hat es dem Vorbesitzer, dem Vater der Gräfin, in der Franzosenzeit abgekauft. Der alte Graf hatte sich wie viele seiner Standesgenossen zur Aufrechterhaltung seiner aufwendigen adligen Lebensführung mehr und mehr verschuldet, hatte am Ende die Zinsen nicht mehr zahlen können und sich von seinem Besitz trennen müssen – seinerzeit ein gar nicht so seltener Vorgang.
Großbürgerliches Selbstbewußtsein
Die Einstellung des „Oheims“, der auf solche Weise von der Mißwirtschaft des Adels profitiert, das neue bürgerliche oder vielmehr großbürgerliche, bourgeoise Selbstbewußtsein äußert sich in einem Gespräch mit Hermann wie folgt:
„Auch ist es endlich einmal Zeit, daß eine beßre Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet einem, wenn man sieht, wie sie (die Adligen) mit dem Ihrigen wirtschaften. So erfuhr ich im Vorüberfahren, daß der Herzog einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde, aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen läßt. Weil sie nie etwas zu erringen brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.
Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein Ende. Du weißt es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht drückte, peinigte, verdrängte, wie es sein Gift in das Innerste unserer Häuser spritzte! Ja, mir kann groß zu Mute werden, wenn ich an manches, was vorgefallen ist, mich erinnere und nun bedenke, daß ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um …“
Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde länger, seine Gebärde hatte etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht und fuhr [<<37] in gleichgültigem Tone fort: „Es ist noch nicht so gar lange her, daß wir nur mit dem Beisatze Bürgerkanaille genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute (Leute der Mittelklasse) haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für unsre Kränkungen und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen, wie die Sündflut oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, daß man an tausend Ecken und Orten mittelbarer- oder auch unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnädigen Öhme und Basen zurückzuführen. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben, die alten Feudaltürme und Burgverließe zu sprengen.“ (IW 3, 296–297)
Die Frage nach der Zukunft des Schönen
Hermann und sein Freund Wilhelmi sehen den Adel im Grunde nicht viel anders als der Oheim.
„(…) der Adel ist (…) eine Ruine“, sagte Hermann. „Ich muß immer lächeln, wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe. Was macht den Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmäßige. Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände.“ (…)
Wilhelmi lachte bitter. – „Sie Neuling Sie in der Welt, trotz aller Reisen und Bekanntschaften!“ spottete er. „Ja freilich ist der Adel im Kern verwest; aber das Gehäuse steht noch aufrecht, und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen. Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus. Andre Menschen sind selbstsüchtig aus Not, böser Gewöhnung, angeeigneter Maxime. Der Edelmann ist es von Natur, er muß es sein; mit der Muttermilch saugt er, wie etwas sich von selbst Verstehendes, die Überzeugung ein, daß er da sei um seiner selbst willen und daß er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe.“ (IW 3, 158–159)
Aber diese bürgerliche Perspektive auf den Adel ist bei den beiden Freunden nicht alles. Anders als der „Oheim“ sehen sie auch, daß mit der adligen Lebensweise eine ästhetische Kultur verlorengeht, um die es schade ist; daß der Fortschritt auch hier negative Folgen hat. Das deutet sich etwa in einer Szene wie der folgenden an: [<<38]
Teils Wilhelmi, teils der Herzog hatten ihn (Hermann) im Schloß und in den Umgebungen, die nicht leicht ansprechender gefunden werden konnten, umhergeführt. Überall stieg ihm das Bild eines würdigen, still-prächtigen Daseins entgegen, welches auf den Erwerb verzichtet, weil es in seiner Fülle genug hat. Und wie in einer schönen Landschaft ein klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklärt wiedergibt, so erhielt dieses Bild adligen Lebens zuletzt sein seelenvolles Auge in der Anmut der Herzogin. (…)
Bei ihr angemeldet, war er nach einem Gartenkabinette beschieden worden. Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wände dieses Zimmers, weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen herab sahen die Büsten der großen Dichter. Heitre und doch ernsthafte italiänische Landschaften füllten die Zwischenräume aus; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bände. Der Advokat schlug einige derselben auf und fand (Goethes) „Hermann und Dorothea“, „Tasso“, „Iphigenia“, Homer, die Gesänge unsres Schiller. (…)
Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer trüber, je länger er diese gewölbten Marmorstirnen, diese Prospekte (Ausblicke) auf Felsen und Palmen, Himmel und Meer betrachtete oder in die glühenden Georginenbeete der holden Fürstin schaute. (…)
Schon erblickte er hier, wo das Schöne gute Menschen beseligt hatte, ein ödes rechnendes Comtoir (Kontor, Büro); schon sah er dort draußen, quer über die armen Blumen, über den samtnen Rasen einen Weg für Karren und Schleifen zu irgend einer trostlosen Fabrikhütte führen. Er kam sich selbst hassenswürdig und niedrig vor, daß er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte. (IW 3, 109–110)
Die Industrialisierung zerstört die Schönheit, macht mit der Lebensform des Adels einer Kultur den Garaus, die sich überall zur Heimstatt des Schönen zu gestalten suchte – eine Entwicklung, die Hermann nur mit Gefühlen des Trübsinns quittieren kann.
Die Folgen der Industrialisierung
Noch bedrängender werden die zwiespältigen Erfahrungen, die Hermann auf seiner Reise macht, als er die moderne kapitalistische Wirtschaft des Oheims näher kennenlernt. Das Bild, das Immermann von dieser Wirtschaft zeichnet, vermittelt einen guten Eindruck davon, in welchen Formen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung auf dem flachen Land vollzog und wie sich die [<<39] Lebensverhältnisse der Bevölkerung darüber veränderten. Immermann mag dabei an die Regionen um Wupper und Ruhr gedacht haben, die besonders früh von der Industrialisierung erfaßt worden waren und die man von Düsseldorf aus gut im Blick hatte.
In den folgenden Tagen durchstreifte er (Hermann) mit einem erfahrenen Führer, welchen der Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend und besah die Fabriken. Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Tätigkeiten hatten sich hier im Umkreise weniger Stunden abgelagert. Man mußte wirklich über den Geist des Mannes erstaunen, der in verhältnismäßig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und Sägenschmiede, Glasbläser, Töpfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden.
Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, daß nichts leichter gewesen sei. Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb besonders bei den jüngeren Leuten rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden. (…)
Mußte Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr ersprießlich finden, und sah er auf allen Maschinenstätten, in jedem Lager und Speicher die größte Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier recht klar, welch ein großes Ding das Geld und ein diese Weltkraft bewegender verständiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, daß ihn alle die nützlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung einsammelte, erfreut hätten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleißes, gegen die Verdrängung lebendiger Mittel durch tote, und er konnte dieses Gefühls nicht Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so große Achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben mußte.
Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch [<<40] dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ. (…)
Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich, so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehörte alles tätig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen; aber jene Örtlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, während er hier vergeblich danach rang, den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm, wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag.
Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. (IW 4, 21–23)
Diese Erfahrungen mit dem Übergang zur technisch-industriellen Produktionsweise, zu Formen der Arbeit, die auf der „mathematischen Berechnung menschlicher Kraft“ und der „Verdrängung lebendiger Mittel durch tote“ beruhen und die demgemäß für Schönheit keinen Platz mehr lassen, ja die Verhältnisse heraufführen, die durch und durch unmenschlich scheinen, suchen Hermann und Wilhelmi in langen Gesprächen in jenen weiteren Entwicklungszusammenhang einzuordnen, der hier mit Begriffen wie Modernisierung, Mobilisierung und Entwurzelung umschrieben worden ist – freilich immer unter der Voraussetzung, daß es sich dabei um Erscheinungen einer bloßen „Übergangsperiode“ handeln würde. [<<41]
Romantischer Historismus
In der folgenden Szene entzündet sich ein solcher Versuch an einer der Aktivitäten, wie sie typisch für den Historismus sind, an dem Sammeln von Antiquitäten. Wilhelmi ist ein Liebhaber von Altertümern und hat unter anderem das Statut einer Bauhütte aus dem Mittelalter an sich gebracht, eine jener Zunftordnungen, in denen nicht nur das Arbeitsleben, sondern die gesamte Lebensführung der Zunftgenossen aufs genaueste und strengste geregelt war. Es war noch gar nicht so lange her, daß die Zünfte, die alten Zwangsgenossenschaften der Handwerker, der Geschichte anheimgefallen waren; erst in der Revolutionsepoche waren sie weithin aufgehoben worden, im Namen einer Gewerbefreiheit, die es jedermann erlauben sollte, an jedem Ort jedes beliebige Gewerbe zu betreiben.
Gewöhnlich brachte Hermann, wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war, noch einige Stunden bei Wilhelmi zu. Dieser war ein erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten; er besaß die seltensten Sachen und Pergamente. In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei, woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des Mittelalters verbreitete. Alles war darin bestimmt: wie der Gesell dienen soll, wie jeder verpflichtet sei, sein Zeichen zu führen, wie Hader, Schimpf und Unzucht in der Hütte (Bauhütte) zu meiden, wie, wenn einer der Bauleute mit einer anrüchigen Person notwendig sprechen müsse, er sich mit ihr über Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe, und was dergleichen Vorschriften mehr waren, welche alle auf die strengste, sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten. (…)
„Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit!“ rief Hermann. „Man verwundert sich weniger über jene Riesengebäude (die mittelalterlichen Kathedralen), wenn man dergleichen Urkunden durchliest. Und noch klarer begreift man, daß sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind, und daß alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen. Aber was hilft es, Unwiederbringliches zu beklagen? Wir müssen doch vorwärts! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren.“
„Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden, wenn wir künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen“, sagte Wilhelmi. „Jetzt, wo jeder baut, wie er Lust hat, sind wir nahe an den Stand der Nomaden zurückgeführt. Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen Gewerbefreiheit, die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört! Aber [<<42] diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die frühere darin bestand, daß niemand oder wenige etwas wußten, so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der andre überwältigt (bewältigt). Das ist eben das traurige Gefühl, was man gar nicht los wird, daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält, wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte, was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist.“ (IW 3, 157–158)
Hermann und Wilhelmi sind von der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts überzeugt – „Wir müssen doch vorwärts! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren“ – und huldigen doch zugleich dem romantischen Interesse an „allem Alten und Veralteten“, wohl wissend, daß dessen „Restauration“ auf intellektuell redliche Weise kaum noch möglich wäre. Zugleich bekunden sie ihr Unbehagen gegenüber der Mobilität der Moderne, wie sie die Menschen vollends zu „entwurzeln“ und erneut zu „Nomaden“ zu machen scheint, gegenüber dem Individualismus, der damit einhergeht und der dem Raum zu geben scheint, wozu ein jeder „Lust hat“, sowie gegenüber der Halbbildung, die ihnen in der modernen „Wissensgesellschaft“ an die Stelle wahrer Bildung zu treten scheint.
Der „flexible Mensch“
Wie auf das Mittelalter, so blicken sie auch mit Interesse auf die jüngst vergangenen Zeiten, insbesondere auf die Epoche der Empfindsamkeit – die Zeit von Lessing und Wieland – zurück, und auch hier entdecken sie Lebensformen, die sie nur ungern im Zuge der Modernisierung verschwinden sehen.
„Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen Zeiten betrachte, so muß ich sagen, daß diese schwärmerischen Freundschaften auf Leben und Tod, diese leidenschaftlich-platonischen Liebesverhältnisse, diese begnügten Familienglückseligkeiten, wie sie damals gang und gäbe waren, jetzt fast aufgehört haben. Das Gemüt hat die Fähigkeit verloren, sich in so traulicher Enge zu regen; alle Kräfte und Sinne der Menschen streben weiteren und höheren Zwecken zu. Das wäre recht schön, wenn wir nur schon ein Vaterland oder große öffentliche Einrichtungen hätten. Aber alle diese erhabnen Tröstungen zeigen sich bei näherer Betrachtung denn doch meistens als Schein, höchstens als ziemlich schwache Versuche. [<<43] Und so darbt unser Herz über den Mangel eines Freundes, einer Geliebten, eines Hauses sich zu Tode, und wenn es sich auf einem anderen Altare opfern möchte, so fehlt eben dieser.“ (…)
„Ja, wir leben in einer Übergangsperiode“, sagte Wilhelmi. „Das ist ein trivial gewordenes Wort, welches alle Schulknaben jetzt nachplappern. Schwieriger ist es, die ganze Bedeutung desselben zu fühlen, sympathisch nachzuempfinden, wie viele Menschen an einem solchen Übergange zu Grunde gehn. Wohl befinden sich in der Gegenwart eigentlich nur die oberflächlichen Naturen, welche von Schatten und Klängen genährt werden, während jede tiefer gehöhlte Brust ein heimliches Verzagen erfüllt. Auf alle Weise sucht man sich zu helfen; man wechselt die Religion oder ergibt sich dem Pietismus; kurz, die innere Unruhe will Halt und Bestand gewinnen und löst in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich noch die letzten Stützen vom Boden.“
„Wunderbare Gedanken und Träume beherrschen die Menschen“, sagte Hermann. „Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die Vorstellungen und Dinge weit auseinander, und der Wahn hat eine furchtbare Macht gewonnen.“ (…)
„Wiederum sind auch die außerordentlichsten Glücksfälle gedenkbar“, versetzte Wilhelmi. „Eigentum und Besitz haben ihre schwere tellurische Natur aufgegeben; sie streichen, gasartig verflüchtigt, durch die Lüfte, und niemand von uns weiß, ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens kommen werde. Kurz, Freund, es kann an deiner und es kann an meiner Stirn mit unsichtbarer Schrift das Wort Millionär geschrieben stehn, so wenig Anschein die Sache auch jetzt für sich haben mag.“ (IW 3, 415–417)
Die „Übergangsperiode“ versetzt den Menschen auf eine Weise in Bewegung, die ihn daran hindert, tieferreichende emotionale Bindungen auszubilden und zu pflegen; er soll nach dem Urteil Immermanns hier schon zu dem werden, was der moderne Soziologe Richard Sennett im Blick auf die Verhältnisse am Ende des 20. Jahrhunderts den „flexiblen Menschen“ genannt hat.16 Zugleich lösen sich die religiös-weltanschaulichen Bindungen; eine „innere Unruhe“ macht sich breit, über der noch der letzte „Halt“ verlorengeht. An ihre Stelle tritt die Verheißung [<<44] des ökonomischen Erfolgs; da im Zeichen des neuen Kapitalismus „Eigentum und Besitz“ ihren „tellurischen“ Charakter – ihre Bindung an Grund und Boden – verloren haben und nicht weniger mobil geworden sind als alles andere, scheint nun jedem die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär offenzustehen.
Epigonentum als Leben aus zweiter Hand
„Wir können nicht leugnen, daß über unsre Häupter eine gefährliche Weltepoche hereingebrochen ist. Unglücks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt; der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besondre Leid unselig zu fühlen. Ein ödes Wanken und Schwanken, ein lächerliches Sichernststellen und Zerstreutsein, ein Haschen, man weiß nicht, wonach, eine Furcht vor Schrecknissen, die um so unheimlicher sind, als sie keine Gestalt haben! Es ist, als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem übergewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide, deren Ende kaum abzusehen ist.
Man muß noch zum Teil einer andern Periode angehört haben, um den Gegensatz der beiden Zeiten, deren jüngste die (Französische) Revolution (von 1789) in ihrem Anfangspunkte bezeichnet, ganz empfinden zu können. Unsre Tagesschwätzer sehen mit großer Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands, wie er gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte und noch eine Reihe von Jahren nachwirkte, herab. Er kommt ihnen schal und dürftig vor; aber sie irren sich. Freilich wußten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt; die Kreise, in denen sie sich bewegten, waren kleiner, aber man war mehr in seinem Kreise zu Hause; man trieb die Sache um der Sache willen, und, daß ich bei der Schutzrede für die Beschränkung mit einem recht beschränkten Sprüchlein argumentiere: der Schuster blieb bei seinem Leisten. Jetzt ist jedem Schuster der Leisten zu gering, woher es auch rührt, daß kein Schuh mehr uns bequem sitzen will.
Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen wie mit geborgtem Gelde: wer mit fremdem Gute [<<45] leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer. Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Götter gegen jeden Dummkopf ist eine ganz eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs, zur Lüge gemacht, man hat seine Jungfräulichkeit entehrt. Für den windigsten Schein, für die hohlsten Meinungen, für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe die geistreichsten, gehaltvollsten, kräftigsten Redensarten. Das alte schlichte Überzeugung ist deshalb aus der Mode gekommen, und man beliebt, von Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit; denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn, von denen man redet und womit beschäftigt zu sein man vorgibt.“ (…)
„Ich muß Ihnen gestehn, daß mich die Betrachtung der allgemeinen Schwätzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat. Wenn ich rings um mich nichts als das lose, lockre Plaudern vernahm, wenn ich Kunstvereine mit pomphafter Ankündigung von Leuten stiften sah, die kalt an den Werken des Raffael vorübergehn würden, zeigte man ihnen diese, ohne den Namen des Meisters zu nennen; wenn ich hörte, da habe wieder einmal einer, vom innern Drange getrieben, das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt, von dem ich recht wohl wußte, daß es mit dem religiösen Bedürfnisse bei ihm betrübt stand, daß er nur ein leichter, nachgiebiger Weltcharakter war; wenn die Schneeflocken des politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstäubten, von denen ich voraussehen konnte, sie würden nicht der kleinsten Aufopfrung für ein Gemeinwesen fähig sein: dann, mein junger Freund, hatte ich Momente, in denen ich mir hätte das Leben nehmen können! Ich betastete mich und fragte: Bist du nicht auch ein Schemen, der Nachhall eines andern selbständigen Geistes? Ich grub in die letzten Tiefen meiner Seele und suchte nach der Affektation (Affektiertheit), die, das wußte ich wohl, in irgend einem verborgnen Winkel bei mir ebenfalls lauern mußte. Ich sah ja alles verfälscht, vom armseligen Journalisten und seinem Handlanger an, die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur ihr trostloses Leben fristen und ihre winzige Persönlichkeit bemerkbar machen wollen, bis hinauf zum Fürsten, dem ein faselnder Minister allerhand unregentenhafte Kostbarkeiten in den Mund legt. Sollte ich denn allein eine Ausnahme machen?“
„Sie sind eine!“ rief Hermann begeistert, Wilhelmin feurig die Hand drückend. „Wir leben in einer erbärmlichen Welt, und man möchte mit Feuer und Schwert darein wüten!“ (IW 3, 135–137) [<<46]
Immermanns Krisendiagnose
In solchen Szenen entwirft Immermann in den „Epigonen“ ein weitgespanntes, aspektreiches Panorama der Prozesse, die wir heute unter den Begriff der Modernisierung zusammenfassen. Was er dabei an Phänomenen des sozialen Wandels benennt, ist für ihn durchweg krisenhafter Natur, gilt ihm als Ausdruck einer einzigen großen Krise, die alle Bereiche des menschlichen Lebens erfaßt hat. Sie betrifft in seiner Sicht nicht nur die politisch-gesellschaftliche Sphäre, äußert sich nicht nur in den Kämpfen zwischen den Kräften des Fortschritts und den Mächten der Beharrung, zwischen der neureichen Bourgeoisie und dem alten Adel, den Vorkämpfern der Revolution und den Zwingherrn der Restauration, den Progressiven und den Konservativen. Sie reicht für ihn bis in das seelisch-geistige Leben des Individuums hinein, um es in seinen Vorstellungen von der Welt und von sich selbst zu verunsichern und in seinen Beziehungen zu den anderen Individuen und zur Gesellschaft insgesamt zu verstören, um seine Welt- und Selbstverhältnisse in all ihren Dimensionen von Grund auf zu erschüttern, bis dahin, daß es auch sich selbst nur noch als einen „Schemen“ erleben kann. Und sie prägt und bestimmt damit nach seiner Auffassung auch die Entwicklung von Kunst und Literatur: „Alle diese Übel hat die Kunst mitgelitten“ (IW 4, 52).
Im folgenden soll Immermanns Zeitdiagnose unter drei Aspekten vertieft werden, die für die Literatur von besonderer Bedeutung sind. Der erste Aspekt ist das Bewußtsein, ein Epigone zu sein, der Gedanke, sich als Mensch des 19. Jahrhunderts nurmehr als Nachfahre einer gerade vergangenen „großen Bewegung im Reiche des Geistes“, als „Nachhall eines andern selbständigen Geistes“ begreifen zu können, eben jenes Moment, das von Immermann bereits im Titel seines Romans als zentral herausgestellt wird. Sodann soll näher untersucht werden, was man die Ambivalenz der Individualisierung nennen könnte. So wie Immermann den Prozeß der Modernisierung darstellt, eröffnet dieser dem Einzelnen zwar immer größere Spielräume für seine Selbstverwirklichung, gibt er ihm mehr und mehr die Möglichkeit zu leben, „wie er Lust hat“, setzt er ihn damit zugleich aber den Gefahren eines neuen „Nomadentums“ aus, den Gefahren der Entwurzelung, der äußeren Bindungs- und inneren Haltlosigkeit.
Und schließlich soll dem weiter nachgegangen werden, was Immermann „moralische Seekrankheit“ nennt. Die „Restauration von Thron [<<47] und Altar“ – so Immermanns Diagnose – hat den Prozeß der Säkularisation nicht aufhalten können, hat nicht verhindern können, daß sich die alten religiösen Bindungen weiter lockerten und eine eigentümliche Beweglichkeit in allen Fragen der Weltanschauung und der Ethik aufkam, die ein permanentes Wechselspiel mehr oder weniger beliebiger „Ansichten“ an die Stelle fester „Überzeugungen“ treten ließ. Näherhin will Immermann eine ständig wachsende Skepsis gegenüber dem beobachten, was in der abendländischen Tradition „Geist“ und „Seele“ genannt wird, und damit gegenüber allem, was die Zeitgenossen und die Erben von Goethe und Schiller in die Formel vom „Wahren, Guten und Schönen“ zu fassen pflegten, ein Prozeß, den er als Weg vom Idealismus zu Materialismus und Nihilismus begreift und den die Philosophiegeschichte im Rückblick als Weg „von Hegel zu Nietzsche“ beschrieben hat.17
2.2 Klassikglaube und Epigonenbewußtsein
„Wir sind Epigonen.“ Wenn Immermann den Begriff des Epigonen18 in den Mittelpunkt seiner Zeitdiagnose rückt, so benennt er damit ein Moment, das in der Tat als ein Schlüssel zum Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts gelten kann. Das Bewußtsein, ein Epigone, ein Nachgeborener von Zeiten zu sein, die in allen Bereichen der Kultur Erstklassiges geleistet und Vorbilder von unübertrefflicher Vollkommenheit aufgestellt hätten, und der Zweifel daran, mit den eigenen Leistungen dem Niveau dieser Vorbilder entsprechen zu können, findet sich bei fast allen kreativen Köpfen des 19. Jahrhunderts. Er findet sich auch und gerade bei den Autoren, auf deren Werke wir heute als auf die Spitzenleistungen seiner Literatur zurückblicken. Hiervon ist allenfalls Georg Büchner auszunehmen, der zu wenig mit der Kunst der Vergangenheit und zu sehr mit den Fragen der Gegenwart beschäftigt [<<48] war, um sich lange bei dem Gedanken aufzuhalten, er sei womöglich ein Epigone.
Das Verhältnis des 19. Jahrhunderts zur Kunst
Das 19. Jahrhundert war zwar ein kunstgläubiges Jahrhundert, aber es hat an die Kunst, die es selbst hervorbrachte, nicht recht glauben können. Die Kunst stand im Zenit ihres gesellschaftlichen Ansehens. Die Eliten der Gesellschaft, insbesondere weite Teile des Bildungsbürgertums huldigten dem, was die Romantik und die idealistische Ästhetik „Kunstreligion“19 genannt hatten, verbrachten so viel Zeit wie möglich mit Bildender Kunst, Musik und Literatur, und das ersetzte ihnen vielfach das Leben in den Formen einer an die alten christlichen Kirchen gebundenen Religiosität. Der Wunsch nach „Erhebung“ über die Malessen und Quisquilien des Alltags, nach Selbstvergewisserung, Bildung und Orientierung, nach Auskunft in den letzten Fragen des Menschenlebens, das Verlangen nach „Glauben, Hoffnung und Liebe“ suchte man nun nicht mehr so sehr in der Religion als vielmehr in der Kunst zu stillen.
So war denn jeder, der es sich leisten konnte, bestrebt, seinen Lebensraum – seine Wohnung, sein Anwesen, seine Stadt – so reich wie möglich mit Werken der Bildenden Kunst und des Kunstgewerbes auszustatten. Man trieb Hausmusik, versammelte sich zu Chorgesang, pflegte literarische Zirkel, legte – so wie die Herzogin in Immermanns „Epigonen“ – in den Gesellschaftsräumen seines Hauses Bücher aus und machte sie zum Gegenstand kultivierter Konversation, unterhielt einen ausgedehnten, ästhetisch ambitionierten Briefverkehr, schrieb Tagebücher und Gedichte und nutzte jede Gelegenheit, um ein Theater, eine Oper oder ein Konzert zu besuchen. In manchen Kreisen gewöhnte man sich daran, jeden Abend ins Theater oder in die Oper zu gehen, so wie in früheren Zeiten jeden Morgen in die Messe. Es wurde üblich, schon seine Kinder, zumal seine Töchter, durch Zeichen- und Klavierlehrer in die Anfangsgründe der Malerei und des Musizierens einführen und damit eine Art ästhetischer Konfirmation durchmachen zu lassen. Und so wurden nun überall Theater-, [<<49] Opern- und Konzerthäuser, Museen, Bibliotheken, Kunstakademien und Konservatorien errichtet, Bauten, für deren repräsentative Ausgestaltung kein Aufwand groß genug schien. Keine Zeit hat der Kunst so viele Tempel gebaut wie das 19. Jahrhundert.
Ausrichtung auf das „klassische Erbe“
Dieser Kult der Kunst hat sich aber eben weniger an der Kunst der Gegenwart als an der der Vergangenheit entzündet, suchte sich vor allem auf die große Kunst früherer Zeiten zu gründen, auf das, was man als das klassische Erbe der Nation begriff. Bei der Literatur war das in erster Linie das Erbe der jüngstvergangenen „Goetheschen Kunstperiode“ (Heine), einer Epoche, die im Laufe des 19. Jahrhunderts immer entschiedener zur Deutschen Klassik stilisiert wurde. Schon in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts war der Gedanke aufgekommen, die deutsche Literatur sei mit dem Auftreten von Autoren wie Goethe und Schiller in eine „Blütezeit“, ein „Goldenes Alter“ eingetreten, ihre Entwicklung habe mit ihnen eine Phase „klassischer Vollendung“ erreicht, die sich kaum noch übertreffen ließe und die sich mit dem „Goldenen Alter“ jeder anderen Nationalliteratur messen könne. Diese Vorstellung hatte sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts weiter befestigt, und sie wurde für viele vollends zur Gewißheit, als der letzte lebende Protagonist und Inbegriff der „großen Bewegung im Reiche des Geistes“, als Goethe 1832 starb.20
Denn beim Tod Goethes ging eine Welle der Betroffenheit durch die Nation, über der sich jeder, der am kulturellen Leben teilhatte, dessen bewußt wurde, daß eine große Zeit unwiderruflich vorbei war und daß diese womöglich das Beste umfaßte, was die deutsche Literatur bis dahin gesehen hatte. Aus dem Wunsch, nichts von dem, was da an geistigen Schätzen zusammengekommen war, wieder zu verlieren und sich ein möglichst umfassendes Bild von ihnen zu machen, erwuchsen erste Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur, Werke, die sich wie die „Romantische Schule“ von Heine schon ein Jahr nach Goethes Tod an einem Überblick über die „Goethesche Kunstperiode“ versuchten oder diese wie die „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der [<<50] Deutschen“ von Georg Gottfried Gervinus (1805–1871), die ebenfalls seit 1833 entstand und in fünf Bänden von 1835 bis 1842 erschien, sogar als triumphales Schlußtableau in ein Gesamtbild der Geschichte der deutschen Literatur einzustellen suchten, das eigens zu diesem Zweck entworfen wurde.
Damit waren die Weichen für eine Erinnerungskultur gestellt, die das Erbe der Goethezeit unter das Vorzeichen des Klassischen rückte und mit den entsprechenden Verheißungen und normativen Ansprüchen im kulturellen Leben präsent hielt. Gemäß der Tendenz des 19. Jahrhunderts zur Akademisierung allen gesellschaftlichen Wissens wurde dieser Erinnerungskultur bald schon ein wissenschaftliches Rückgrat eingezogen. Das Ergebnis war eine neue akademische Disziplin, die Neugermanistik, die Wissenschaft von der Neueren Deutschen Literatur, die es denn auch lange Zeit als ihre erste und vornehmste Aufgabe begriff, den Nachgeborenen das Erbe der „Deutschen Klassik“ nahezubringen.
Eine ähnliche Bedeutung wie Goethes Tod für die Literatur hatte der Tod Ludwig van Beethovens (1770–1827) für die Musik und der Tod Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) für die Philosophie. Mit Beethoven war nach Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) und Joseph Haydn (1732–1809) die letzte Größe der Wiener Klassik, mit Hegel nach Immanuel Kant (1724–1804) und Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) der letzte bedeutende Kopf der klassischen deutschen Philosophie gestorben, genauer gesagt: der vorletzte, denn der jüngste der Großen, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854), lebte noch; dieser schien sich allerdings bereits überlebt zu haben, spielte in den aktuellen philosophischen Debatten kaum noch eine Rolle, jedenfalls keine, die sich mit der Hegels messen konnte. Gerade daß drei so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Goethe, Beethoven und Hegel, die jede auf einem anderen Feld der Kultur über viele Jahrzehnte hindurch eine führende Stellung innegehabt hatten und da jeweils zur Leitfigur einer „Blütezeit“ geworden waren, hintereinander weg von der Bühne des kulturellen Lebens abgetreten waren, überzeugte die Zeitgenossen von dem Gedanken, am Ende einer Epoche angelangt zu sein.
Klassikglaube und Epigonenbewußtsein
Die alte Zeit war vorbei, eine große Zeit, wie jeder zu wissen meinte, eine Zeit schier unfaßbarer Produktivität, die in fast allen Bereichen [<<51] des kulturellen Lebens Großartiges geleistet und der Entwicklung neue, zukunftsweisende Impulse gegeben hatte, die eine kaum zu überblickende Menge von hochbedeutsamen „klassischen“ Werken hervorgebracht hatte; nun konnte Neues kommen und mußte Neues kommen. Und da stellte sich eben heraus, daß es mit dem Neuen schwierig wurde, nachdem man sich von der jüngsten Vergangenheit einmal eine so hohe Meinung gebildet hatte.
Zunächst mochte man es freilich als komfortabel empfinden, eine große Zeit hinter sich zu wissen und mit ihren Schätzen wirtschaften zu können. Für jedes kulturelle Bedürfnis schien sich hier zu finden, was ihm Befriedigung verschaffen konnte, für jedes Anliegen ein autoritatives Sprachrohr, für jedes Vorhaben ein Vorbild und für jedes Problem eine Lösung. Die Wege schienen gebahnt; man schien auf einem festen Fundament zu stehen und sich dem Gefühl sicheren Besitzes hingeben zu dürfen. Auf die Dauer konnte jedoch nicht verborgen bleiben, daß man sich selbst, eben indem man die jüngste Vergangenheit in den Rang einer Klassik erhoben hatte, die undankbare Rolle eines Nachgeborenen zugewiesen hatte, ja daß man – wie bei Immermann zu sehen – damit die eigene Existenz geradezu durch das Nachgeborensein definiert hatte. Das Bewußtsein, ein Epigone zu sein, war der Preis, der für den Glauben an eine Klassik zu entrichten war, die sich durch Erbschaft in Besitz nehmen ließe. Und zu solchem Epigonenbewußtsein gehörte nun einmal die Allgegenwart der bangen Frage, ob die eigenen Leistungen vor dem Maß der klassischen Vorbilder bestehen und es an innovativer Kraft mit ihnen aufnehmen könnten.
Idealisierung und Harmonisierung der Goethezeit
Diese Frage verlor nun keineswegs mit den ersten Erfolgen der neuen Generation an Bedeutung, wurde vielmehr im Laufe des 19. Jahrhunderts immer dringlicher, insofern die große Zeit mit der wachsenden Distanz immer größer und ihr Erbe immer klassischer wurde. Hatte man in den dreißiger Jahren noch eine Vorstellung davon, daß Männer wie Goethe, Beethoven und Hegel zu ihrer Zeit durchaus umstritten waren, daß gar nicht so wenige ihrer Werke zunächst auf Widerstand gestoßen und beim breiten Publikum durchgefallen waren, daß die Goethezeit überhaupt eine Zeit widersprüchlicher Bestrebungen gewesen war, die sich in endlosen Kontroversen aneinander gerieben hatten – so hatten etwa die Romantiker eine Dauerfehde mit Goethe und seinem Kreis ausgetragen, hatten sie zuletzt noch versucht, das [<<52] Erbe des Sturm und Drang und selbst des Goethefreunds Schiller gegen Goethe in Stellung zu bringen, und waren viele der späten Werke Goethes, zum Beispiel der „West-östliche Divan“ (1819), der zweite Teil des „Wilhelm Meister“, die „Wanderjahre“ (1821), und der zweite Teil des „Faust“ (1833), sowohl bei der Literaturkritik als auch beim breiten Publikum auf Unverständnis, wenn nicht auf offene Ablehnung und Spott getroffen – so war all das bis zur Jahrhundertmitte weithin vergessen. Der Lärm der Schlachten war verklungen, die Kontrahenten rückten im Blick aus der Ferne immer näher zusammen, und ihre in so unterschiedliche Richtungen weisenden Aktivitäten wurden mehr und mehr im Sinne eines in sich geschlossenen Gesamtbilds der Epoche harmonisiert, so als hätten seinerzeit alle an einem Strang gezogen, alle das gleiche große Projekt verfolgt.
Das gilt vor allem für die Bestrebungen von Weimarer Klassik und Romantik. Selbst wer um deren jahrzehntelangen Streit noch wußte wie die Vertreter der allmählich sich formierenden Neugermanistik, ging davon aus, daß man hier wie dort letztlich ein und dasselbe große Ziel vor Augen gehabt hätte, das Ziel einer spezifisch deutschen, alle Möglichkeiten des Ästhetischen ausschöpfenden quasireligiösen Kunst, und war allenfalls bereit zuzugeben, daß man jeweils auf verschiedenen Wegen in das eine Himmelreich der Kunst- und Nationalreligion gelangt wäre – kein Wunder, wenn die Konturen der beiden literarischen Bewegungen mehr und mehr verschwammen, zumal beim breiten Publikum! So meinte man zum Beispiel, die romantische Dichtung nun von jenem pantheistischen Naturgefühl her verstehen zu können, das Goethe und die Spätaufklärung kultiviert hatten und das gerade die Romantik im Namen des Übernatürlichen hatte überwinden wollen, ja dieses Naturgefühl wurde nun überhaupt zum Inbegriff des Romantischen. Und so sah man überall bei Goethe eben die Kunst- und Nationalreligion am Werk, die das Spezifikum der Romantik gewesen war und die Goethe immer abgelehnt hatte, mit dem Ergebnis, daß Goethe schließlich als deren Inbegriff dastand.
Folgen für die Kunst des 19. Jahrhunderts
Mit dieser Harmonisierung der Kultur der Goethezeit tat man freilich sich selbst ebensowenig einen Gefallen wie dem Verständnis von Klassik und Romantik, denn damit machte man sich allererst wirklich zu Epigonen. Indem man der Epoche ihre innere Widersprüchlichkeit nahm, ihre Kontroversen einebnete und all das nach Kräften aus dem [<<53] Blick entfernte, was auch sie in all den Kämpfen an Schiefem und Unfertigem, Halbheiten und Mißerfolgen gesehen hatte, hob man sie auf einen Sockel, auf dem man nun in der Tat nicht mehr an sie heranreichte, beraubte man sich der Möglichkeit, sich auf produktive Weise mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen, nämlich ihr Unausgetragenes aufzugreifen und auf eigene Rechnung, mit eigenen Mitteln zu bearbeiten.
Wo man sich vollends diesem Klassik-Kult ergab, blieb im Grunde nur noch der Weg, das in den klassischen Mustern Niedergelegte zu wiederholen, es zu variieren und zu kombinieren. Daß die Texte, die auf dieser Basis entstanden, hinter den Vorbildern zurückblieben, daß sie nach all den Harmonisierungsbemühungen im Vergleich zu diesen blaß und spannungsarm ausfielen, kann nicht verwundern. Literarhistorisch interessant sind an ihnen oftmals nur die unfreiwilligen Risse und Brüche, an denen kenntlich wird, daß hier zusammenwachsen sollte, was nicht zusammengehörte.
„Epigonenlyrik“
Das alles läßt sich wohl nirgendwo besser studieren als am Werk des Autors, der in der zweiten Jahrhunderthälfte zum beliebtesten deutschen Lyriker wurde und in dem man schon bald nach seinem Tod den Inbegriff dessen erblickte, was nun ausdrücklich „Epigonenlyrik“ oder auch „Professorenlyrik“ genannt wurde, am Werk von Emanuel Geibel (1815–1884).21 Obwohl die meisten seiner Gedichte im Gestus des Goetheschen Erlebnisgedichts daherkommen, also so tun, als seien sie spontan dem ureigensten Erleben des Autors entsprungen, verdanken sie sich letztlich vor allem der gelehrten Lektüre, dem versierten Arbeiten aus einem Fundus. Dieser Fundus umfaßt sämtliche Möglichkeiten der klassischen und romantischen deutschen Lyrik vom jungen Goethe bis zum alten Eichendorff, ja selbst noch solche aus vorklassischen Zeiten, wie sie etwa im protestantischen Kirchenlied konserviert sind. Fast für jedes Motiv, jede sprachliche Wendung, jedes Bild und jedes formale Mittel läßt sich bei Geibel ein Vorbild nachweisen.
Von diesen Vorbildern unterscheidet sein Gedicht vor allem eines: der selbstsichere, selbstgewisse Ton; die tiefe existentielle Unruhe, der so viele große Gedichte ihre Wirkung verdanken, ist in ihnen wie [<<54] weggeblasen. Solche Selbstsicherheit erwächst offensichtlich zunächst aus dem Bewußtsein, mit lyrischen Schätzen zu wirtschaften, die ihre Bedeutung schon längst und auf allgemein anerkannte Weise unter Beweis gestellt hätten, und sodann aus dem Zutrauen, deren Qualitäten im eigenen Gedicht zusammenführen, ja eine Art Quintessenz aller Möglichkeiten der deutschen Lyrik geben zu können.
Morgenwanderung
Wer recht in Freuden wandern will,
Der geh’ der Sonn’ entgegen;
Da ist der Wald so kirchenstill,
Kein Lüftchen will sich regen;
Noch sind nicht die Lerchen wach,
Nur im hohen Gras der Bach
Singt leise den Morgensegen.
Die ganze Welt ist wie ein Buch,
Darin uns aufgeschrieben
In bunten Zeilen manch ein Spruch,
Wie Gott uns treu geblieben;
Wald und Blumen nah’ und fern
Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.
Da zieht die Andacht wie ein Hauch
Durch alle Sinnen leise,
Da pocht ans Herz die Liebe auch
In ihrer stillen Weise,
Pocht und pocht, bis sich’s erschließt,
Und die Lippe überfließt
Vor lautem, jubelndem Preise.
Und plötzlich läßt die Nachtigall
Im Busch ihr Lied erklingen,
In Berg und Tal erwacht ihr Schall
Und will sich aufwärts schwingen, [<<55]
Und der Morgenröte Schein
Stimmt in lichter Glut mit ein:
„Laß uns dem Herrn lobsingen!“22
Bei aller Virtuosität im Formalen, insbesondere in den Fragen der Metrik, kann Geibels Gedicht nicht verbergen, daß ein Kombinieren von lyrischen Modellen, über dem sich deren Konturen auflösen, noch kein Zusammenführen und Vereinigen ist; daß ein Erlebnisgedicht im Stil Goethes eher an Kraft und Plausibilität verliert, wenn es wie hier immer wieder ins Romantisch-Stimmungslyrische, Aufklärerisch-Gedankenlyrische oder Kirchenliedhafte changiert oder wenn sich das Reden von den „ew’gen Dreien Gott, Natur und Liebe“ bald pantheistisch, bald kunstreligiös, bald nationalreligiös und bald religiös im überkommenen kirchlich-christlichen Verständnis gebärdet, handelt es sich dabei doch jeweils um Optionen, die im Grunde einander ausschließen.
Trotzdem oder vielmehr gerade so sind Geibels Gedichte aber zu einem großen Erfolg geworden; so erreichten die „Gedichte“ von 1840 bis 1905 130 Auflagen. Das Publikum konnte mit ihnen seinen kunst- und nationalreligiösen Neigungen frönen, konnte sich in ihnen dem Geist der Großen nahefühlen, ohne sich der Radikalität des Fragens aussetzen und in die beunruhigenden Auseinandersetzungen hineinbegeben zu müssen, aus denen deren Werke hervorgegangen waren und die diese selbst ihren Lesern zugemutet hatten. Dank des Klassikglaubens sind bei Geibel alle Kämpfe von Anfang an bereits gewonnen, ist alles „Wahre, Gute, Schöne“ immer schon zu sicherem Besitz geworden – „Erhebung“ light.
Bildende Kunst
Bei der Bildenden Kunst liegen die Verhältnisse übrigens etwas anders als bei der Literatur, der Musik und der Philosophie. Hier war das 19. Jahrhundert keineswegs auf die Goethezeit fixiert. Das heißt freilich nicht, daß man nicht auch hier seine klassischen Vorbilder gehabt und mit ihnen einen Kult getrieben hätte, der geeignet war, das Epigonenbewußtsein zu nähren. In der Malerei zum Beispiel [<<56] hatte man gleich zwei Epochen vor Auge, ohne deren Vorbild man nicht meinte auskommen zu können, die italienische Renaissance, die Zeit Raffaels (1483–1520), dessen Name auch in Immermanns „Epigonen“ als Inbegriff großer Kunst figuriert, und das „Goldene Alter“ der Niederländer, die Zeit von Rubens (1577–1640) und Rembrandt (1606–1669). Diese beiden Epochen der Kunstgeschichte waren in der Kultur des 19. Jahrhunderts so präsent, daß sie geradezu zu Namensgebern für allgemeine Stilbegriffe wurden. So wurde der Begriff des „Italienischen“ auch in der Literatur zu einem Synonym für einen Darstellungsstil, der die Gegenstände idealisiert und verschönert, und der des „Niederländischen“ zu einem Synonym für alle Formen eines Realismus, der das Häßliche nicht scheut.
Der Widerspruch von Epigonenbewußtsein und Fortschrittsglauben
Aus heutiger Sicht ist kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr das 19. Jahrhundert vom Epigonenbewußtsein angefochten war, in welchem Maße es sich dem Klassikglauben hingab und an seiner eigenen Kunst zweifelte. Was die erste Garde seiner Autoren, was ein Heine oder Büchner, Stifter, Keller oder Fontane schrieb, bleibt ja doch keineswegs an Originalität und innovativer Kraft hinter den Werken von Klassik und Romantik zurück, läßt wohl überhaupt kaum etwas von dem vermissen, was man von großer Literatur erwarten mag. Und dennoch haben selbst Autoren dieses Kalibers sich immer wieder gefragt, ob sie mit ihrer eigenen Kunst vor den Klassikern bestehen könnten, mit unabsehbaren Folgen für ihr Schreiben, wenn auch anderen als bei Geibel. Im übrigen hat natürlich die Goethezeit schon ihre Geibels gehabt und nicht nur Goethes und Schillers hervorgebracht; epigonale Dichtung ist keineswegs ein Sonderproblem des 19. Jahrhunderts.
Die Frage, die sich uns heute vor allem stellt, ist, wie das Epigonenbewußtsein mit dem Fortschrittsglauben zusammengegangen sein mag, den das 19. Jahrhundert in so vielen anderen Bereichen der Kultur an den Tag legte. In Sachen Kunst blickte man seinerzeit immer nur zurück, huldigten nicht allein die Konservativen und die Reaktionäre, sondern selbst die entschiedensten Fortschrittler dem Historismus. Daß hier ein Problem lag, ein Problem nicht nur für das literarisch-ästhetische Leben, sondern für das Selbstverständnis der Gesellschaft insgesamt als einer Gesellschaft, die sich als modern begriff, haben die führenden Köpfe der Zeit von Anfang an gesehen, und es hat sie unausgesetzt beschäftigt. Vor allem die philosophische [<<57] Ästhetik hat sich mit großem Einsatz darum bemüht, die Vorstellung von einem allgemeinen geschichtlich-gesellschaftlichen Fortschritt mit einem Denken in den Kategorien von Klassik und Epigonentum zusammenzubringen, ja man sagt wohl nicht zuviel, wenn man behauptet, daß sie hierin eine ihrer vornehmsten Aufgaben erkannte.
Die These vom Ende der Kunst
Hegel war es, der in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ (1817–1829, aus Vorlesungsmitschriften 1835–1838 in Buchform herausgegeben) mit der These vom Ende der Kunst der Diskussion das entscheidende Stichwort geliefert hatte: „Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft“23 – ein Satz, der wie ein Menetekel über dem Kunstkult des 19. Jahrhunderts schwebt.24 Und Hegel hatte auch bereits die meisten der Argumente zusammengetragen, mit denen man sich an die Bearbeitung des Problems machte. Diese gehen zum Teil noch auf die „Querelle des Anciens et des Modernes“ zurück, in der die Aufklärer des 18. Jahrhunderts die Vorzüge und Nachteile der neuzeitlichen Kunst und Literatur im Vergleich mit dem Erbe der klassischen Antike herausgearbeitet hatten, und sodann vor allem auf die Theorie der Entfremdung, die Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) in das Selbstbild der Moderne eingebracht und die Friedrich Schiller (1759–1805) in seinen Abhandlungen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) und „Über naive und sentimentalische Dichtung“ (1795/96) zu einer Grundlage der Theorie der modernen Kunst gemacht hatte.
Auf dieser Basis suchte die Ästhetik des 19. Jahrhunderts in immer neuen Anläufen zu zeigen, daß und warum die Kunst der Gegenwart keine Werke von klassischer Vollendung mehr zuwege bringen könne. Im Rahmen weitgespannter geschichtsphilosophischer Theorien wurde dargelegt, daß die Entwicklung der Menschheit an einem Punkt angelangt sei, an dem die Kunst weder einen Stoff, ein „Objekt“ mehr vorfände, noch über die „subjektiven“ Mittel mehr verfügte, die es [<<58] ihr erlauben würden, Bilder von wahrer Schönheit und von schöner Wahrheit zu schaffen.
Was den Stoff, das „Objekt“ anbelangt, so sollte der Fortschritt von „Kunst und Wissenschaft“ zu Lebensformen geführt haben, die zu weit von der Natur und dem „Naturschönen“ entfernt, zu künstlich, technisch, bürokratisch, zu kompliziert und unübersichtlich wären, um noch in eine künstlerische Darstellung eingeholt zu werden, die nicht immer wieder dem unpoetisch-prosaischen Grundcharakter der Verhältnisse Tribut zollen und ins Dröge verfallen müßte. Und was die „subjektiven“ Mittel, die Möglichkeiten der Kunst betrifft, einen solch widerspenstigen Stoff zu bewältigen, so sollte es um sie auch nicht viel besser bestellt sein. Denn gehörte das „Subjekt“, gehörte das Bewußtsein des Künstlers nicht ebenfalls diesen vertrackten Verhältnissen an, war es nicht immer schon von einer entsprechend hochgetriebenen, durch- und überreflektierten Bildung durchdrungen, so daß es nur noch mit Vorstellungen hantieren konnte, die für die Kunst bald zu abstrakt und bald zu speziell, bald zu theorielastig und bald zu einzelkrämerisch waren? Mochte die Kunst der Gegenwart dank des Fortschritts auch mehr und anderes wissen können als die der Vergangenheit – das machte ihre Werke allenfalls wahrer, aber keineswegs schöner. „Jeder Fortschritt der Cultur (ist heute) ein Rückschritt der Schönheit“ (Friedrich Theodor Vischer).25
Mit dieser Diagnose stellte die Ästhetik des 19. Jahrhunderts dem Fortschritt nun aber ein mehr als zwiespältiges Zeugnis aus. Die Verhältnisse sollten dem Menschen im Zuge der Modernisierung auf eine Weise über den Kopf gewachsen sein, die es ihm nicht mehr erlaubte, sich mit Hilfe seiner ästhetischen Vermögen als Person, als Individuum und Subjekt zu ihnen ins Verhältnis zu setzen, jedenfalls nicht in einer Form, die ihn vollends befriedigen könnte. Denn was heißt hier Schönheit? Es heißt, mit Eindrücken, mit Gegenständen oder der Darstellung von Gegenständen konfrontiert zu sein, die gefallen können, und zwar ganz und gar gefallen, an denen rein gar nichts auszusetzen ist und die insofern dazu angetan sind, ein Gefühl der Befriedigung, ja des Glücks zu verschaffen. Es heißt letztlich eine [<<59] Erfahrung zu machen, durch die man sich zumindest zeitweise im Einklang mit der Welt und mit sich selbst fühlen kann.
Eben solche Erfahrungen, solche „Schönheit“ sollte die Kunst nun nicht mehr vermitteln können, sie sollte keine Mittel und Wege mehr finden können, um der Überforderung durch eine immer komplizierter und unübersichtlicher werdende Welt Herr zu werden. Sie sollte allenfalls noch dem Gefühl der „Zerrissenheit“, des „Weltschmerzes“, dem „unglücklichen Bewußtsein“ (Hegel)26 Ausdruck verleihen können, das solche Überforderung mit sich brachte. Die Lage der Kunst so einzuschätzen, hieß aber nichts anderes, als die Frage zu stellen, ob der Prozeß der Modernisierung, soviel er auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens an Fortschritt gebracht haben mochte, die Menschen letztlich wirklich glücklicher machen würde. So wird von der Ästhetik aus deutlich, daß das Epigonenbewußtsein noch mehr und anderes war als nur der Preis, der für das Postulat einer Klassik und den Glauben an diese Klassik zu zahlen war, daß es auch so etwas wie der Selbstzweifel, um nicht zu sagen: das schlechte Gewissen des Fortschritts war.
Abrechnung mit den Epigonen an der Schwelle zur Moderne
Es dauerte lange, dauerte im Grunde bis in die späten achtziger Jahre, bis Kunst und Literatur aus dem Bann des Epigonenbewußtseins heraustraten. Erste Angriffe gab es allerdings schon in den siebziger Jahren. Hier sind vor allem Friedrich Nietzsche (1844–1900) und seine „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ (1873–1876) zu nennen, und hier wiederum besonders die Abhandlung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Da versucht sich Nietzsche an einer Generalabrechnung mit dem Historismus, insbesondere mit der Akademisierung der Bildung, die sich unter seinem Vorzeichen vollzogen hatte. In ihr will er die wichtigste Ursache für den Kleinmut der zeitgenössischen Kunst und Kultur erblicken. Und so fordert er die Jugend auf, rückhaltlos mit ihnen zu brechen, nicht mehr mit schülerhafter Ängstlichkeit auf die Klassiker zurückzuschauen, sondern den Blick nach vorne, in die Zukunft zu richten und dabei auf nichts anderes zu setzen als auf sich selbst und auf das Leben, das jeder immer schon in sich hat. Wenn die Jugend nur erst zu einem [<<60] solchen Wagnis bereit wäre, würde auch eine große, selbstbewußte neue Kunst nicht ausbleiben.
In einem Punkt gibt Nietzsche allerdings der Ästhetik Hegelscher Prägung indirekt Recht: er rechnet nicht mehr mit einer Kunst, die zugleich schön und wahr sein würde; Schönheit und Wahrheit würden in Zukunft getrennte Wege gehen müssen. Und so hat es die Jugend, die sich von Nietzsche zu einem Neuaufbruch in Kunst und Literatur inspirieren ließ, hat es die Generation der Symbolisten und Naturalisten, die in den achtziger Jahren die Bühne betrat, in der Tat auch gehalten. Während die Symbolisten ganz auf Schönheit ausgingen und nicht anstanden, sich dabei über all das hinwegzusetzen, was die moderne Welt um sie herum an Wahrheit ausbrütete, setzten die Naturalisten ganz auf Wahrheit, auch und gerade dann, wenn sie häßlich war.
Was immer Symbolisten und Naturalisten aber auch trennen mochte – darin waren sie sich einig, daß mit dem Epigonenbewußtsein ein für allemal Schluß sein sollte. So tritt der Naturalist Arno Holz (1863–1929) 1886 in der Einleitung zu seinen „Liedern eines Modernen“ mit der hochgemuten Erklärung vor sein Publikum, er wolle „unter allen Epigonen (…) der allerletzte“ sein,27 und so setzt sich der Symbolist Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) 1891 in einem Sonett mit dem Titel „Epigonen“ von den Vorgängern mit den Worten ab: „Und richtend wird es euch entgegendröhnen: / Verfluchte Schar von Gegenwartsverächtern!“28 „Ihr möchtet wohl was Klassisches gern“, heißt es nun, „Allein vom Scheitel bis zum Fuße / Bin ich modern, modern, modern!“ (Otto Julius Bierbaum).29
Epigonenbewußtsein und Individualisierung
Damit sind wir am Ende des 19. Jahrhunderts, an der Schwelle zur Moderne im engeren und eigentlichen Sinne angelangt. Wenn wir von hier aus den Blick zu Immermann und dem Roman zurücklenken, mit dem er dem Epigonendiskurs das Stichwort gab, so können wir noch einen weiteren Grund für das Epigonenbewußtsein in Erfahrung [<<61] bringen, ein Moment, das für dessen Ausbildung womöglich eine noch größere Bedeutung hatte als der Historismus mit seiner Fixierung auf Klassiken und seinem latenten Zweifel am Fortschritt: die Individualisierung, wie sie überall mit der Modernisierung einhergeht, die Emanzipation des Individuums und die damit verbundene Aufwertung alles Individuellen, Persönlichen, Subjektiven.
Zunächst fällt auf, daß Immermanns Protagonisten dort, wo sie gegen ihre Umwelt und gegen sich selbst den Verdacht des Epigonentums erheben, gar nicht in erster Linie an die Kunst denken, an jenen Bereich der Kultur, in dem der Epigonendiskurs dann vor allem Platz gegriffen hat, daß sie vielmehr alle möglichen Aspekte des zeitgenössischen Lebens ins Visier nehmen, also auf das moderne Leben insgesamt zielen. Und sodann wird deutlich, welchen Maßstab sie anlegen, wenn sie sich und ihren Zeitgenossen attestieren, nurmehr ein Leben aus zweiter Hand zu führen, nur noch als „Nachhall eines andern selbständigen Geistes“ zu agieren und mit „entwendetem Tiefsinn“, „geraubtem Scharfblick“ und „geborgten Ideen“ zu wirtschaften, mit „Ideen“, die sie sich weder gründlich angeeignet noch vollends verstanden hätten und mit denen sie sich auch nicht wirklich identifizierten, so daß sich niemand mehr „in seinem Kreise zu Hause“ fühle. Es ist das Maß des authentischen Selbstseins, der Grundwert der Individualisierung; denn ein solches Leben aus zweiter Hand kann ja erst dort zu einem existentiellen Problem werden, wo das authentische Selbstsein die Qualität eines obersten Werts gewonnen hat.
Daß die Nachfolger Immermanns die Diagnose der epigonalen Existenz anders als Immermann selbst vor allem auf Kunst und Literatur bezogen haben, läßt sich freilich unschwer verstehen, wenn man sich die Geschichte der Individualisierung seit dem 18. Jahrhundert in Erinnerung ruft. Da zeigt sich nämlich, daß die Entfaltung des modernen Individualismus und die Entwicklung von Kunst und Literatur auf dem Weg in die Moderne von Anfang an aufs engste verknüpft waren. Kunst und Literatur waren der Raum, in dem sich die Gesellschaft der Individualisierung bewußt wurde, in dem sie sich erste Begriffe von ihr bildete und ihre Möglichkeiten und Grenzen erkundete. Und zugleich gestalteten sich Kunst und Literatur auf eine Weise um, durch die sie sich mehr und mehr zum Sprachrohr des Individuums machten, bemühten sie sich zunehmend um Formen, die es [<<62] ihnen erlauben würden, dem Leben des Einzelnen nachzugehen und die je eigene, besondere Perspektive dieses Einzelnen auf die Welt zur Darstellung zu bringen.
Der deutlichste Ausdruck dieses Wandels war die Forderung der Originalität. Das Kunstwerk sollte nun zunächst und vor allem originell sein; in seinen Themen und Formen sollte sich die je eigene, besondere Kreativität seines Autors, sollte sich eine durch und durch individualisierte Autorschaft bezeugen. Originalität galt als das Siegel des authentischen Selbstseins, und an solcher Authentizität war nun alles gelegen.
Dabei ist es übrigens bis heute weithin geblieben, trotz alles dessen, was die Wissenschaft dagegen meinte vorbringen zu müssen; auch heute noch will die Literatur ihren Beitrag zum kulturellen Leben wesentlich darin erkennen, daß sie mit originellen Inhalten und formalen Lösungen der Stimme des Einzelnen im alles beherrschenden Getöse der anonymen gesellschaftlichen Diskurse Gehör verschafft. Kein Wunder also, wenn Immermanns Leser bei der Rede vom Epigonentum vor allem an den Bereich der Kultur dachten, der auf dem Weg in die Moderne mehr und mehr zum Sachwalter des Individuums und seines Verlangens nach authentischem Selbstsein geworden war, an Kunst und Literatur.
2.3 Die Ambivalenz der Individualisierung
Daß die Literatur in erster Linie ein Sprachrohr des Individuums sei, daß sie mehr als jede andere Form kultureller Aktivität die Möglichkeit eröffne, das besondere Lebensgefühl und die je eigenen Erfahrungen, Ansichten und Probleme eines einzelnen Menschen zur Geltung zu bringen, und daß ein literarisches Kunstwerk demgemäß zunächst und vor allem ein authentischer Ausdruck von Individualität, eben „originell“ und keinesfalls „epigonal“ zu sein habe, ist eine Erwartung, die auf dem Weg in die Moderne mehr und mehr den Zugang zur Literatur bestimmt hat und die schließlich ins Zentrum der literarischen Kommunikation gerückt ist – wohlgemerkt: erst in der Moderne; es handelt sich um eine Vorstellung, die so erst seit dem 18. Jahrhundert mit der Literatur verknüpft wird. [<<63]
Das Individuum in der Literatur der Frühen Neuzeit
Davon kann man sich unschwer überzeugen, wenn man auf die vormoderne Literatur, etwa auf die Literatur der Frühen Neuzeit zurückblickt. Da zeigt sich, wie spät die Literatur erst zu einem Medium der Individualisierung geworden ist und daß sie zuvor vor allem die Aufgabe hatte, den Besitz einer Gesellschaft an Wahrem-Gutem-Schönem zu sichern, wie er sich wesentlich der Überlieferung verdankt, und dieses kollektive Gut dem Einzelnen nahezubringen.
Wenn es denn eine Zeit gab, in der die Autoren allen Grund gehabt hätten, gegen sich selbst den Verdacht des Epigonentums zu hegen, dann war es die Zeit des Humanismus und des Barock. Denn die Literatur hatte sich hier ganz der „imitatio veterum“, der „Nachahmung der Alten“ verschrieben. Die Autoren orientierten sich an Vorbildern der klassischen Antike und suchten in ihren Werken soviel wie möglich von dem Wissen und den ästhetischen Qualitäten ihrer antiken „Muster“ wiederzubringen. Und dennoch findet sich bei ihnen keine Spur von den Selbstzweifeln, mit denen das Epigonenbewußtsein die Autoren des 19. Jahrhunderts plagte – im Gegenteil: man konnte einem Autor keinen größeren Gefallen tun, als ihn einen zweiten Homer oder Vergil, einen zweiten Pindar oder Horaz, Euripides oder Seneca zu nennen.
Es fehlte hier eben noch der Maßstab des authentischen Selbstseins; man wußte noch nichts von Individualisierung. Natürlich waren die Menschen auch damals schon Individuen, aber sie lebten in einer Kultur, die nicht auf das Individuelle, sondern auf das Typische, auf kollektive Standards, und das heißt: auf Traditionen und Konventionen fokussiert war. Denn es war die Kultur einer Gesellschaft, die als eine Ständegesellschaft im Kern noch immer eine traditionale Gesellschaft war, die sich jedenfalls trotz alles dessen, was sie bereits an Modernisierungsschritten erlebte, noch immer als eine traditionale Gesellschaft begriff.
In einer solchen Gesellschaft ist das Leben des Einzelnen durch die Überlieferung vorgezeichnet; man lebt in dem Glauben und der Sitte der Väter. Wie sich der Lebensweg des Einzelnen gestaltet, ist in seinen Möglichkeiten durch seine Herkunft, durch den Stand vorherbestimmt, in den er hineingeboren ist. Wer von adligen Eltern abstammt, wird in der Regel das typische Leben eines Adligen führen, der Sohn eines Kaufmanns wird auch wieder ein Kaufmann werden, [<<64] der Sohn eines Handwerkers ein Handwerker, der eines Bauern ein Bauer oder ein Knecht, und jeder von ihnen wird sich dabei mit aller Selbstverständlichkeit an den Üblichkeiten seines Stands orientieren. Was wir heute Selbstverwirklichung nennen, ist hier weithin auf den Versuch begrenzt, die Möglichkeiten seines Stands auszuschöpfen und dabei dessen Standards gerecht zu werden. Ein individuelles Profil ergibt sich vor allem aus dem Grad, in dem das dem Einzelnen gelingt.
Die Literatur hat nun keineswegs dagegen Einspruch erhoben, wie man von heutigen Vorstellungen von Kunst aus annehmen möchte, hat es keineswegs als ihre ureigenste Aufgabe begriffen, im Namen des Individuums an dem Gefüge von Traditionen und Konventionen Kritik zu üben, das die Basis der Ständegesellschaft war – im Gegenteil: sie hat alles dafür getan, um dieses Gefüge zu sichern, erblickte sie in ihm doch einen Ausdruck der gottgegebenen Weltordnung, so wie es die zeitgenössische Theologie und Wissenschaft lehrten. Wie sie selbst aus der „Nachahmung der Alten“, aus dem Fundus der Überlieferung lebte, so wollte sie es ihren Lesern ermöglichen, ihr Leben am Leitfaden altehrwürdiger Traditionen und Konventionen zu gestalten. Demgemäß hat sie die Figuren, die sie zur Darstellung brachte, im allgemeinen vor der Folie durch die Tradition geheiligter idealtypischer Bilder der Stände entwickelt, hat sie sich überall darum bemüht, ihren Lesern an Tugendexempeln die konventionellen „Tugenden“ dieser Stände vorzurücken, und die individuelle Abweichung von solchen „Tugenden“ als „Laster“ gegeißelt.
Aufklärung und Individualisierung
Das änderte sich erst im 18. Jahrhundert, in der Zeit, in der die Modernisierung und mit ihr die meisten der politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Entwicklungen Fahrt aufnahmen, die Immermann in seinen „Epigonen“ auf einem ersten Höhepunkt zeigt, und in der sich zugleich und in engem Zusammenhang damit eine Aufklärung formierte, die ihre vornehmste Aufgabe darin sah, dem Menschen die Emanzipation von der Autorität der Überlieferung zu ermöglichen. Die Modernisierung brauchte die Individualisierung, sie brauchte das „individualisierte Ich“ (Fritz Mauthner), das sich aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung in Bewegung setzte, das mit neuen Ideen und originellen Vorhaben aus dem Gefüge der Traditionen und Konventionen ausbrach und damit eben die Dynamik in die Welt brachte, von der sie lebte. Kein Wunder also, wenn im [<<65] Zuge der Modernisierung die Spielräume für die Selbstverwirklichung, für das Zimmern eines Lebensgebäudes, das ganz auf die Bedürfnisse und Vorstellungen eines bestimmten Individuums zugeschnitten wäre, immer größer wurden.
In ebendiesem Sinne veränderte sich nun auch die Literatur. Sie verschrieb sich mehr und mehr der Individualisierung, und es dauerte nicht lange, bis sie sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hatte und zur zentralen Plattform des Individualisierungsdiskurses geworden war. Das gelang ihr vor allem durch die Art und Weise, wie sie die antike Vorstellung vom Genie, von genialer Autorschaft zu neuerlicher Geltung brachte. Im Nachdenken über die „original composition“ (Edward Young) von Kunstwerken, über das „Originalgenie“ und seine „Originalwerke“ wurde erkundet, bis zu welchen Graden von Besonderheit, ja Absonderlichkeit sich die Individualisierung treiben ließe und wie gerade solche Besonderheit zur Quelle von Kreativität, zur Basis kultureller Produktivität zu werden vermöchte.30
Als typisch kann hier das Werk des Engländers Laurence Sterne (1713–1768) gelten, der mit verschiedenen Arbeiten, insbesondere mit dem Roman „The Life and Opinions of Tristram Shandy“ (1760–1767), den Inbegriff exzentrischer Individualität, den Spleen, also das genaue Gegenteil konventioneller ständischer „Tugend“, zu literarischen Ehren brachte. Solche Vorstöße in das Terrain individueller Besonderheit waren einer Gesellschaft mehr als willkommen, die sich anschickte, den Weg der Modernisierung einzuschlagen, wurden jedenfalls überall dort begrüßt, wo man sich der Modernisierung verschrieb, und das hat nicht wenig zu dem Aufstieg von Kunst und Literatur zu höchster gesellschaftlicher Wertschätzung beigetragen, der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzog.
Rousseaus Philosophie der Selbstverwirklichung
Einen ersten Höhepunkt des Individualisierungsdiskurses bezeichnet das Werk von Jean-Jacques Rousseau. Rousseau verstand es, die verschiedenen Ansätze, die in den Diskussionen des 18. Jahrhunderts erprobt worden waren, auf eine Weise zusammenzuführen und zuzuspitzen, die ihnen die größtmögliche Wirkung verschaffte, eine [<<66] Wirkung, die bis heute angehalten hat. Wo immer seither die Sache des Individuums verhandelt wird, da ist auch Rousseaus Philosophie der Selbstverwirklichung nicht weit.
Rousseau war einer der ersten, die die neuen Begriffe von Individualität geradezu in den Mittelpunkt der Anthropologie rückten, die Vorstellung vom Menschen ganz auf den Begriff des Individuums gründeten. Für ihn ist der Mensch zunächst und vor allem ein Individuum und erst in zweiter Linie ein „zoon politikon“, ein soziales Wesen. Als Individuum kam er aus der Hand der Natur, um sich in der Frühphase der Menschheitsgeschichte, in den glücklichen Zeiten des Naturzustands ganz dem Leben eines Einzelgängers hinzugeben.
Erst der Prozeß der Zivilisation brachte ihn dann in dauerhafte soziale Zusammenhänge. Dafür hatte er freilich einen hohen Preis zu entrichten, den Preis einer immer engeren und festeren Einbindung in jenes Gefüge von Institutionen, Traditionen und Konventionen, in dem sich eine bürgerliche Gesellschaft konstituiert, einer Domestikation im Namen einer Unzahl von Regeln, Dogmen und Normen, die ihm mehr und mehr die Luft zum Atmen nahmen. Am Ende, in der Gegenwart Rousseaus, sollte er sich schließlich unter Verhältnissen wiederfinden, unter denen die Spielräume der Selbstverwirklichung auf ein Minimum geschrumpft wären, die kein authentisches Selbstsein mehr zuließen, Verhältnisse, zu deren Kennzeichnung Rousseau den Begriff der Entfremdung prägte. Dieses Bild steht zwar in Widerspruch zu allem, was wir über den Weg von der traditionalen zur modernen Gesellschaft wissen, doch kam es eben dem neuen Willen zum authentischen Selbstsein entgegen.
Mit dem Begriff der Entfremdung schuf Rousseau einen Kampfbegriff, der sich bald schon als eine besonders effektive Waffe im Dienst der Individualisierung bewähren sollte. Wo immer jemand auf dem Weg der Selbstverwirklichung an Grenzen stieß, da mußte er die Ursache nun nicht mehr bei sich selbst suchen, konnte er seine Mißerfolge mit Hilfe des Begriffs der „Entfremdung“ Fehlentwicklungen der Gesellschaft anlasten und Veränderungen einklagen, die ihm neue, weitere Spielräume eröffnen würden.
Goethe als „Befreier“ des Individuums
Auch in der deutschen Literatur hat die Individualisierung ihre entschiedenen Vorkämpfer gehabt. An erster Stelle ist hier Goethe zu nennen. Es gibt von Goethe einen späten Text, eine letzte Äußerung zu [<<67] poetologischen Fragen, die man geradezu sein literarisches Testament nennen könnte, den Aufsatz „Noch ein Wort für junge Dichter“ (1832), und da spricht er beim Rückblick auf sein Leben als Autor nicht etwa von seinem Beitrag zur Ausbildung einer klassischen deutschen Literatur, sondern einzig von seinem Einstehen für die Individualisierung. Ja die Rubrizierung als Klassiker wird von ihm hier wie auch früher schon ausdrücklich zurückgewiesen, weil sich die Vorstellung von klassischen Vorbildern für ihn nicht mit den Zielen der Individualisierung verträgt.
Denn was ist ein Klassiker? Es ist, mit dem Philosophen Kant zu reden, ein „Genie“, das „der Kunst die Regel gibt“,31 dessen Werke mithin für die, die nach ihm kommen, eine normative Bedeutung erlangen, in Worten Goethes: ein „Meister (…), unter dessen Anleitung wir uns in einer Kunst fortwährend üben und welcher uns (…) stufenweise die Grundsätze mitteilt, nach welchen handelnd wir das ersehnte Ziel am sichersten erreichen“.
In solchem Sinne war ich Meister von niemand. Wenn ich aber aussprechen soll, was ich den Deutschen überhaupt, insbesondere den jungen Dichtern geworden bin, so darf ich mich wohl ihren Befreier nennen; denn sie sind an mir gewahr geworden, daß, wie der Mensch von innen heraus leben, der Künstler von innen heraus wirken müsse, indem er, gebärde er sich wie er will, immer nur sein Individuum zutage fördern wird. (…) jeder (muß nur) sich selbst kennen lernen, weil hier kein fremder, äußerer Maßstab (z. B. ein klassisches Vorbild) zu Hülfe zu nehmen ist. (…) Zu (…) den jungen Dichtern sprech’ ich (…): Ihr habt jetzt eigentlich keine Norm, die müßt ihr euch selbst geben; fragt euch nur bei jedem Gedicht, ob es ein (selbst) Erlebtes enthalte und ob dieses Erlebte euch gefördert habe. (HA 12, 360–361)
Goethe hatte alles Recht, sich in diesem Sinne einen „Befreier“ zu nennen. Bereits bei seinen ersten Auftritten auf der Bühne der Literatur hatte er sich auf den Spuren seines Vorgängers und Vorbilds Rousseau für die Belange des Individuums stark gemacht, und er hatte dabei [<<68] Töne angeschlagen, wie sie bis dahin in der deutschen Literatur noch nicht zu hören gewesen waren. So wagte er sich in der frühen Rede „Zum Shakespeares-Tag“ (1771) mit Worten vor, die man geradezu eine Unabhängigkeitserklärung des Individuums nennen könnte:
Ich! Der ich mir alles bin, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft jeder, der sich fühlt, und macht große Schritte durch dieses Leben (…). Auf die Reise, meine Herren! (HA 12, 224)
Und in der Hymne „Prometheus“ (1774) läßt er ein lyrisches Ich auftreten, das den Göttern als den obersten Autoritäten der Gesellschaft, als Inbegriff ihrer Traditionen und Konventionen, Dogmen und Normen mit den Worten den Kredit aufkündigt:
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz? (HA 1, 45)
Mit diesen und ähnlich markanten programmatischen Interventionen wurde Goethe zum Stichwortgeber und Wortführer einer Generation von Autoren, die die Sache des Individuums zu ihrem ureigensten Anliegen machte – ein Aufbruch zu neuen Ufern, der die Literatur nach und nach von Grund auf veränderte. Und auch einige der folgenreichsten literarischen Vorstöße in das neue Terrain gehen auf Goethe zurück. So hat er etwa mit den Sesenheimer Liedern und dem Wilhelm-Meister-Roman die lange Erfolgsgeschichte der beiden Gattungen begründet, die in besonderem Maße der Individualisierung Raum gaben, die des Erlebnisgedichts und des Entwicklungs- und Bildungsromans, zweier Gattungen, die seinerzeit durchaus neu, die jedenfalls ohne antikes Vorbild waren und die bald schon in den Mittelpunkt der literarischen Produktion rücken sollten. Im Erlebnisgedicht geht es um den authentischen Ausdruck von individuellem Erleben, und zwar so, daß die erlebnishafte Zuwendung zur Welt zugleich als ein Innewerden des Selbstseins begreiflich wird, als erlebnishafte Selbstvergewisserung eines durch und durch „individualisierten Ichs“. Und der Entwicklungs- und Bildungsroman dient nichts anderem als dem Versuch, das Drama der Selbstverwirklichung durchzuspielen und zu durchdenken. [<<69]
Die Gefahren der Individualisierung
Bei allem Engagement für die Sache des Individuums hat sich Goethe aber anders als Rousseau nie mit dem Propagieren der Individualisierung begnügt. Gerade weil ihm das Schicksal des Individuums ein besonderes Anliegen war, hat er nicht nur nach den Möglichkeiten, sondern auch nach den Grenzen der Individualisierung gefragt, hat er wie von ihren Chancen, so auch von ihren Gefahren gehandelt. Spätestens seit „Götz von Berlichingen“ (1773) und „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) hat er seinem Leser immer wieder vor Augen geführt, daß ein Individuum, das sich von den dogmatischen und normativen Fesseln der Gesellschaft freispricht und für autonom erklärt, über dem Versuch, sich ganz auf die eigenen Füße zu stellen, unweigerlich Gefahr laufe, die Fühlung mit der Wirklichkeit zu verlieren, aus allen natürlichen und sozialen Zusammenhängen herauszufallen und damit eben die Mit- und Gegenspieler, die Kontakt- und Reibungsflächen einzubüßen, ohne die so etwas wie Selbstverwirklichung nicht zu haben ist, mit dem Ergebnis, daß es ganz auf sich selbst zurückgeworfen werde, sich mehr und mehr in sich selbst verschließe und verrenne, um schließlich in der Weltlosigkeit seiner Isolation vollends nach innen, in sich selbst hinein abstürzen und in zwanghafter Beschäftigung mit sich selbst gleichsam in sich selbst zu verbrennen. Allein aus sich heraus – so Goethes Überzeugung – vermag niemand sich selbst zu gewinnen. Was als Selbstverwirklichung beginnt, ist immer in der Gefahr, als „Selbstentwirklichung“ zu enden – die Ambivalenz der Individualisierung.
In dieser Sicht der Dinge hat Goethe sich beim Blick auf die Generation von Autoren, die nach ihm kamen – die Generation von Jean Paul (1763–1825), Friedrich Hölderlin (1770–1843) und Heinrich von Kleist (1777–1811) – immer wieder bestätigt gefühlt. Denn das waren Autoren, für die die ersten Schritte in Richtung Individualisierung, die die Generation Goethes getan hatte, bereits eine pure Selbstverständlichkeit waren und die nun alles unternahmen, um ihnen weitere, noch radikalere Schritte folgen zu lassen. Goethe sah in ihren Arbeiten einen Subjektivismus sich Bahn brechen, der nichts von den Gefahren der Individualisierung wissen wollte, und so hat er alles versucht, um diese Autoren und ihre Leser wieder „aus sich heraus zu bringen“ und an das „Objekt“, die Realität, an die Natur und die real existierende [<<70] Gesellschaft zu verweisen, einschließlich des zivilisatorischen Erbes, der Institutionen, Traditionen und Konventionen, die die geschichtlich-gesellschaftliche Welt ausmachen.
Subjektivismus im Vormärz
So kam es, daß eine nächste Generation von Autoren, die Generation des Vormärz, Goethe gar nicht mehr mit dem Projekt der Individualisierung in Verbindung brachte, an dem er doch, wie „Noch ein Wort an die jungen Dichter“ zeigt, bis zuletzt mit großer Entschiedenheit festgehalten hatte, und daß sie eben um dieser Individualisierung willen – in Worten von Heine – eine „Insurrektion gegen Goethe“ startete. Was „neue frische Geister“ als „die schöne objektive Welt“ begriffen, die Goethe „durch Wort und Beispiel gestiftet“ habe, das „zivilisierte Goethentum“, sollte „über den Haufen (geworfen)“ werden, um „an dessen Stelle das Reich der wildesten Subjektivität (zu) begründen“; so Heine in einer Rezension von 1828 (HS 1, 455). Die Individualisierung sollte über Goethe hinaus und immer weiter vorangetrieben werden, und die Literatur sollte dabei weiterhin als ihre Speerspitze fungieren.
„Kein Mensch will noch etwas befolgen, was er von seinen Ältern ererbt hat“, konstatiert auch Karl Gutzkow in seinen „Zeitdiagnosen“ von 1837, „ jeder strebt darnach, sich seine eigenen Grundsätze zu bilden“ (GS 2, 161).
Hat auch die moderne Welt nichts, das dem Individuum einen Theil seiner moralischen Zurechnung tragen hilft (…)? Oder ist Alles schon individuell geworden, (…) alles persönliches Risiko und eigene Verantwortung vor dem Throne Gottes? Ich glaube, das Letztre. Ich glaube, daß wir immer mehr für uns einstehen müssen und nur in uns selbst einen Anhaltspunkt finden dürfen. (…) Warum sind die Institutionen, die die alten Tage uns überlieferten, so schwankend und hinfällig? Aus keinem andern Grunde, als weil sie nichts mehr für uns thun, (…) weil sie keinen (…) schützenden Mantel (mehr) über unsre Blößen ausbreiten, sondern Alles uns selbst überlassen, die wir denn freilich so anfangen müssen, sie für gleichgültig und nutzlos zu halten. (GS 2, 133–134)
Subjektivismus und „Weltschmerz“
Das „Reich der wildesten Subjektivität“, in das die Vormärzdichter ihre Leser führen, ist freilich ganz dazu angetan, Goethes Befürchtungen im Blick auf die problematischen Seiten der Individualisierung nachträglich [<<71] ins Recht zu setzen. In ihm nimmt nämlich ein Individuum Gestalt an, das keineswegs, wie man nach Heines hochgemuter Ankündigung annehmen möchte, in vollen Zügen das Glück der Autonomie genießt, das vielmehr völlig von dem beherrscht ist, was man seinerzeit „Weltschmerz“ oder „Zerrissenheit“ nennt und was bei Hegel „unglückliches Bewußtsein“, bei Heine „der große Weltriß“ (HS 3, 405) heißt.
„Weltschmerz“: damit meint man eine Lebensstimmung, die aus dem Gefühl erwächst, daß „Subjekt“ und „Objekt“ nicht mehr zusammenfinden und schon gar nicht mehr harmonisch ineinander aufgehen würden. Das „Subjekt“ soll sich so sehr in sich selbst vertieft, in die künstlichen Welten einer überreflektierten und überbildeten Kultur eingesponnen und dabei so weit vom „Objekt“, von den Realitäten der Natur und der Gesellschaft entfernt haben, daß es sich bei keiner Gelegenheit mehr im Einklang mit der Natur erleben könnte und daß es auch das Gefüge von Institutionen, Traditionen und Konventionen, in dem ihm die Gesellschaft begegnet, nur mehr noch als etwas ihm ganz und gar Fremdes, als Ausdruck von Entfremdung im Sinne Rousseaus erfahren würde.
Die klassischen Formulierungen für diesen „Weltschmerz“ finden sich übrigens auch schon bei Goethe, vor allem in den Eingangsszenen des „Faust“. Da heißt es etwa:
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Inneres erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen;
Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt. (HA 3, 53)
Weite Teile der Vormärzliteratur lesen sich wie endlose Variationen solcher und ähnlicher Passagen aus den Eingangsmonologen „Fausts“ – ein Befund, der mehr über die Eigenart und Bedeutung von Goethes Werk aussagt als das meiste von dem, was ihm die Klassik-Doktrin zugeschrieben hat.
Die Ambivalenz der Individualisierung
Mit ihrer „wilden Subjektivität“ und ihrer weltschmerzlichen „Zerrissenheit“ gibt sich die Literatur im Vormärz eine Form, in der die Ambivalenzen der Individualisierung besonders deutlich zum [<<72] Vorschein kommen. Wenn der Mensch auf dem Weg in die Moderne mehr und mehr aus der Bindung an die Mächte des Herkommens, an den Glauben und die Sitte der Väter und eine festgefügte traditionale Gesellschaft wie die Ständegesellschaft entlassen und auf seine eigenen zwei Füße gestellt wird, dann heißt dies nicht nur – so zeigt sich nun überall –, daß er sich in freier Selbstbestimmung ein ganz auf seine individuellen Bedürfnisse und Vorstellungen abgestimmtes Lebensgebäude zusammenzimmern kann. Es heißt auch, daß ihm gar nichts anderes mehr übrigbleibt, als es mit einem solchen individualisierten Lebensentwurf zu versuchen, ob ihm das gefällt oder nicht und ob er dem gewachsen ist oder nicht; daß er sich immer weniger darauf verlassen kann, von den Traditionen und Konventionen eines Kollektivs – einer Familie, eines Stands, einer dörflichen oder städtischen Gemeinschaft, einer Landsmannschaft, einer kirchlichen Gemeinschaft – durch das Leben getragen zu werden.
Und das wiederum bedeutet, daß es für ihn in den Sternen steht, ob er sich jemals in einem Lebensumfeld wiederfinden wird, dem er sich wahrhaft zugehörig fühlen kann, von dem er sagen kann: das ist meine Welt, das sind meine Menschen, hier bin ich „in meinem Kreise zu Hause“, zumal ja auch die Dinge und die Menschen um ihn herum zunehmend von der Dynamik der Moderne erfaßt und durcheinandergewirbelt werden. Mit einem Wort: es wird unübersehbar, daß der Weg in die Autonomie ein Weg ist, auf dem sich dem Individuum keineswegs nur neue Perspektiven der Selbstverwirklichung eröffnen, auf dem es zugleich Gefahr läuft, aus allen äußeren Bindungen herauszufallen und innerlich jeden Halt zu verlieren.
Der Prozeß der Individualisierung
Von alledem hat sich Immermann in einem Brief Rechenschaft zu geben versucht, in dem er sich gegen frühe Kritik an seinen „Epigonen“ zur Wehr setzt. Im Mittelpunkt des Briefs steht der Versuch, den Prozeß der Individualisierung dadurch begreiflich zu machen, daß er auf ein Dreistufenmodell der Weltgeschichte projiziert wird, auf die Abfolge Altertum – Mittelalter – Moderne. Dabei geht Immermann wie die meisten seiner Zeitgenossen davon aus, daß die Individualisierung bereits im christlichen Mittelalter begonnen habe; er versteht also nur die Gesellschaft der Antike als eine traditionale Gesellschaft. Demgegenüber gilt es festzuhalten, daß auch die christliche Ständegesellschaft der Frühen Neuzeit noch das Gepräge einer traditionalen [<<73] Gesellschaft trägt und daß sich die Individualisierung erst von ihr aus und gerade in der Gegenwendung gegen sie in Gang gesetzt hat.
Das Alterthum hatte seine geschlossenen Grenzen (…). Das Individuum, wollte es überhaupt existiren(,) fiel zusammen mit dem Staat, dem Volksglauben, der Sitte (…).
(…)
Mit dem Christenthum tritt die Persönlichkeit, das Individuum in seinen eigentlichen weitgreifenden Berechtigungen ein, der Mensch ist nur für sich da, der beste Theil seiner Existenz beginnt erst mit der Loslösung seines Selbst von dem allgemeinen irdischen Substrate; das Gemeinsame war eigentlich nur die Kirche – ein Staatenleben gab es kaum; der Feudalismus, das einzig politische Institut, spiegelte das besonderste Verhältniß ab.
(…)
Was ist nun das Charakteristische der modernen Zeit? Das Individuum hat sich mit seinen Ansprüchen bis zur eigensinnigsten, ja krankhaftesten Spitze heraufgetrieben, aber eben darum ist (es) auch über den Punct der Befriedigung in sich selbst schon hinweg. Alle Menschen empfinden jetzt ein Bedürfniß nach allgemein gültigen Unterlagen des Daseyns, nach organischen, objectiven Lebensformen, ohne gleichwohl zur Ergreifung derselben schon geschi(c)kt zu seyn; weil es dabey immer auf eine starke Entäusserung des Egoistischen Individuellen ankommt. Eine Kirche gibt es kaum noch, der Feudalismus hat ganz aufgehört, u(nd) etwas Analoges, wie der Staat des Alterthums, erblicken wir nur erst in der Zukunft in dämmernden Umrissen. Dieser noch nicht geschlichtete Zwiespalt giebt allen Charakteren der Gegenwart etwas Halbes u(nd) Doppeltes zugleich, allen Ereignissen etwas Zweideutiges (…).32
Während sich Immermann in den „Epigonen“ noch darauf beschränkt, die „Zweideutigkeit der Zeit“ zum Vorschein zu bringen, unternimmt er in seinem nächsten Roman, dem „Münchhausen“, dann auch einen Versuch, dem „Bedürfnis nach allgemeingültigen Unterlagen des Daseins“ entgegenzukommen und mit der Welt des Oberhofs [<<74] ein Bild von den ersehnten „organischen, objektiven Lebensformen“ zu zeichnen.
2.4 Die Krise der Religion
Wie wir gesehen haben, schenkt Immermann den Schattenseiten der Individualisierung, den Gefahren der äußeren Bindungs- und inneren Haltlosigkeit, in seinen „Epigonen“ besondere Aufmerksamkeit. Wie das „individualisierte Ich“ in der „nomadischen“ Form der Existenz, in die es die Dynamik der Moderne versetzt habe, äußerlich mehr und mehr den „Mangel eines Freunds, einer Geliebten, eines Hauses“ zu verkraften habe, so innerlich ein „ödes Wanken und Schwanken“, eine „moralische Seekrankheit“, die statt gefestigter „Überzeugungen“ nur noch wechselnde „Ansichten“ zulassen würde. Als besonders markanten Ausdruck solcher „inneren Unruhe“ führt Immermann an: „man wechselt die Religion oder ergibt sich dem Pietismus“, man hat, angeblich „von einem inneren Drange getrieben“, „wieder einmal das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt“, obwohl „es mit dem religiösen Bedürfnis betrübt (steht)“ und man eigentlich „ein leichter, nachgiebiger Weltcharakter (ist)“.
Damit gibt Immermann zu erkennen, daß das „individualisierte Ich“ in der Welt des Vormärz auch in der Religion vielfach keinen Halt mehr findet, da selbst diese inzwischen von der Mobilität der Moderne ereilt worden und der allgemeinen weltanschaulichen Unruhe anheimgefallen ist. Der Prozeß der Säkularisation, der im 17. Jahrhundert begann und im 18. Jahrhundert unter der Ägide der Aufklärung Fahrt aufnahm, geht nach Immermanns Zeugnis im 19. Jahrhundert unvermindert weiter. Er geht weiter trotz des religiösen Roll back der Romantik, ihres Salto rückwärts in die Glaubenswelt des Mittelalters, und trotz der „Restauration von Thron und Altar“, mit der die alten Mächte einen Schlußpunkt hinter das Zeitalter der Französischen Revolution setzen wollten, und er treibt die Religion in eine immer tiefere Krise hinein: „eine Kirche gibt es kaum noch“. [<<75]
2.4.1 Modernisierung und Säkularisation
Säkularisation und Konfessionsstreit
Unter Säkularisation33 versteht man bekanntlich den Prozeß, in dem sich die Gesellschaften Europas von den Dogmen, Normen und Lebensformen der christlichen Religion lösten. Diese Säkularisation ist nicht etwa, wie ihre Kritiker im 18. und 19. Jahrhundert behaupteten, aus einem Nachlassen des „religiösen Bedürfnisses“, einer zunehmenden Gleichgültigkeit in Glaubensfragen erwachsen – im Gegenteil: an ihrer Wiege stand gerade ein besonders energischer Versuch, mit dem „religiösen Bedürfnis“ Ernst zu machen, stand nämlich jene Erneuerung des religiösen Lebens, die sich im 16. Jahrhundert im Widerspiel von Reformation und Gegenreformation vollzog. Denn sie brachte eine Pluralität von Konfessionen, und mit ihr den Konfessionsstreit, den Dauerkonflikt zwischen Katholiken, Lutheranern und Calvinisten, zwischen Orthodoxie und Pietismus, und dieser erfaßte in eben dem Maße sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in dem man sich um dessen Fundierung in den Dogmen und Normen der christlichen Lehre bemühte, von der großen Politik bis zum Alltag der kleinen Leute. Daß der Konfessionsstreit Dimensionen anzunehmen vermochte, in denen er geradezu die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens zerstörte, wurde spätestens im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) offenbar.
So suchte man denn seither die Bereiche, die für das schiedlich-friedliche Zusammenleben der Menschen von zentraler Bedeutung waren, mehr und mehr aus dem Konfessionsstreit herauszunehmen und auf ein neues Fundament zu stellen, und das konnte natürlich kein religiöses mehr, konnte nur noch ein säkulares sein. Eine solche Grundlage wollte man nun vor allem in der Natur erkennen, als dem Inbegriff alles dessen, was ohne Zutun des Menschen in der [<<76] Welt ist und in seinem Dasein und Sosein nicht von dem Glaubens- und Meinungsleben des Menschen abhängt. Dieses Fundament zu sichern und zu exponieren wurde zur Aufgabe neuer, säkularer Formen von „Wissenschaft und Kunst“, wie sie der Humanismus auf den Weg gebracht und die Aufklärung kultiviert hatte: der modernen Naturwissenschaft, der Anthropologie und der Medizin als der Wissenschaften von der „allgemeinen Menschennatur“, der Naturrechtslehre und nicht zuletzt auch einer Kunst, die sich selbst als „Nachahmung der Natur“ verstand. Ja man versuchte sich nun sogar an natürlichen Begriffen von Religion, fragte nach einem „natürlichen Gottesbegriff“ als einem Begriff, der frei von den Dogmen und Normen der christlichen Theologie – der Theologie gleich welcher konfessioneller Couleur – wäre.
Die Wissenschaft als Motor der Säkularisation
Zum wichtigsten Rückhalt und Motor der Säkularisation wurde die moderne Wissenschaft, wie sie mit ihrem „doute méthodique“ (Descartes), ihrem methodischen Zweifel, und ihren empirischen Methoden der Überlieferung zu Leibe rückte und nach und nach sämtliche Bestandstücke der christlichen Tradition einer kritischen Prüfung unterzog. Da sie immer wieder zeigen konnte, daß Vorstellungen der überlieferten Glaubenswelt einer solchen Prüfung nicht standhielten, solche, die das Bild der Erde, des Sonnensystems und des Kosmos betrafen, nicht weniger als solche, die sich auf die Natur des Menschen und auf den Aufbau und die Entwicklung der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt bezogen, geriet schließlich das gesamte Gebäude der christlichen Lehre in ein schiefes Licht. Die Elite der Gebildeten, die mit der neuen, aufgeklärten „Wissenschaft und Kunst“ lebte, rückte mehr und mehr von der christlichen Religion und dem kirchlichen Leben ab; nur die bildungsfernen Schichten, die freilich nach wie vor den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, hielten der alten Religion die Treue – eine Entwicklung, die am Ende des 18. Jahrhunderts auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen war.
Als typisch für die Einstellung der gebildeten Welt in jener Phase der Entwicklung mag hier einmal mehr Goethe stehen, der gesagt hat:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion. (HA 1, 367) [<<77]
Was der Ungebildete in der Religion sucht, das findet der Gebildete in „Wissenschaft und Kunst“. Goethe hat sich überhaupt bereits ein recht distanziertes Verhältnis zum Christentum geleistet. So stand er nicht an, immer wieder erkennen zu lassen, daß ihm das Kreuz, das zentrale Symbol des Christentums, zuwider sei, so hat er die christliche Religion bei Gelegenheit „eines Gassenvolkes Windesbraut“ (HA 1, 286) und seine Bildwelt einen „apokalyptischen Wahnsinn“34 genannt, ja es findet sich bei ihm sogar der Vers „Freyen Menschen geziemet es nicht, Christ (…) zu seyn“.35 Freilich hat er sich als ein Mann in exponierter politischer Position – er war ja Mitglied der Weimarer Regierung – gehütet, derlei allzu offensiv in die Öffentlichkeit zu tragen; der Ärger war vorhersehbar.
Romantische Kritik an der Säkularisation
Bei diesem distanzierten Verhältnis der gebildeten Schichten zur Religion ist es allerdings nicht lange geblieben. Es waren gerade die Kinder der Aufklärung, die Intellektuellen, und hier wiederum gerade die jungen unter ihnen, für die die Aufklärung bereits ein fester Bestandteil der Väterwelt war, die sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erneut für religiöse Fragen zu interessieren begannen. Dieses Interesse verdankte sich vor allem dem kritischen Blick auf das, was die Politik inzwischen an Säkularisation veranstaltet hatte. Denn das revolutionäre Frankreich hatte mit der Säkularisation in jeder Hinsicht Ernst zu machen versucht und nicht nur die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt und die Kirchen enteignet, sondern diesen auch einen kuriosen Staatskult der Vernunft entgegengestellt; und Deutschland hatte unter der Herrschaft Napoleons erleben müssen, daß die geistlichen Fürstentümer aufgelöst und von weltlichen geschluckt, die Klöster aufgehoben und die Kirchengüter von den Fürstenstaaten eingezogen wurden. Die Kirchen waren inzwischen so geschwächt, daß die Bedrängnisse des Konfessionsstreits kaum noch eine Rolle spielten. An deren Stelle waren die Probleme getreten, die die Epoche der Revolution mit ihren gewaltsamen Modernisierungsschüben über die Menschen gebracht hatte. [<<78]
Und da hieß es nun eben, gerade in den Turbulenzen der Moderne bedürfe der Mensch der Religion; nur sie könne in dem permanenten Streit der Parteien und Interessen den Zusammenhalt der Gesellschaft garantieren und nur sie dem Einzelnen in einem Umfeld Halt geben, in dem alles in Bewegung geraten und von Auflösung bedroht sei. In Deutschland wurde diese neuerliche Hinwendung zur Religion vor allem von der Romantik vorangetrieben. Novalis verfaßte 1799 die bereits erwähnte Rede über „Die Christenheit oder Europa“, in der er den verunsicherten Zeitgenossen die christliche Gesellschaft des Mittelalters als Modell für eine bessere Zukunft andiente. Im selben Jahr veröffentlichte Friedrich Schleiermacher (1768–1834), ein protestantischer Theologe, der den Frühromantikern nahestand, Reden „Über die Religion“, die eine Erneuerung der protestantischen Theologie aus dem Geist der Romantik, nämlich eine „Herzreligion“, einen neuen Kult der Innerlichkeit zum Ziel hatten. Wie der Untertitel seiner Schrift – „Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ – anzeigt, dachte er bei seinen Bemühungen vor allem an jene Intellektuellen, die wie Goethe im Zuge der Aufklärung auf Distanz zum Christentum gegangen waren.
Auch außerhalb der Zirkel deutscher Romantiker wollten nun manche aufgeklärte Intellektuelle so wie Novalis wieder einen „heiligen Sinn“ in sich entdecken. Hier sei nur der französische Autor François René de Chateaubriand (1768–1848) genannt, der 1802 mit einem monumentalen Werk hervortrat, in dem er „Le Génie du Christianisme“ und „la Beauté de la Religion Chrétienne“, den Genius des Christentums und die Schönheiten der christlichen Religion feierte. Wie der Protestant Schleiermacher wollte auch der Katholik Chateaubriand das Christentum vom religiösen Gefühl her neu begründen; bei ihm ging es allerdings weniger um einen Kult der Innerlichkeit als um das ästhetisch Faszinierende des kirchlichen Ritus und um das poetisch Wunderbare der religiösen Überlieferung. Die katholische Kirche dankte ihm sein Engagement, indem sie sein Werk wegen theologischer Unkorrektheit auf den Index verbotener Bücher setzte.
Einige der deutschen Romantiker, die ja überwiegend Nord- und Mitteldeutsche und als solche protestantischer Herkunft waren, gingen noch einen Schritt weiter als Novalis und vollzogen gleich ganz die Rückkehr in den Schoß der katholischen Kirche, wo sie sich dem [<<79] mittelalterlichen Christentum am nächsten fühlen konnten. An erster Stelle ist hier Friedrich Schlegel (1772–1829) zu nennen, der Wortführer der Jenaer Frühromantik, der 1808 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit gemeinsam mit seiner Frau Dorothea im Kölner Dom zum Katholizismus übertrat. Die Konversion erlaubte es ihm, im folgenden Jahr in die Dienste des katholischen Kaiserhofs zu Wien zu treten und zur Edelfeder einer Kriegspropaganda zu werden, die die Französische Revolution und ihren Erben Napoleon im Sinne einer „Restauration von Thron und Altar“ bekämpfte. Viele Romantiker gingen einen ähnlichen Weg wie Schlegel, aber nicht alle. So haben sich zwei der produktivsten Köpfe der Romantik, Ludwig Tieck (1773–1853) und E. T. A. Hoffmann (1776–1822), nicht an dem religiösen Roll back beteiligt; ihre Religion war und blieb die romantische „Kunstreligion“.
„Restauration von Thron und Altar“
Mit dem Wiener Kongreß wurde die Erneuerung der Religion, wie sie die Romantiker zunächst als persönliches Anliegen und ganz auf eigene Rechnung betrieben hatten, schließlich zu einem offiziellen Projekt der großen Politik. Die alten Monarchien schlossen sich, soweit sie das Fegefeuer der Revolutionszeit und der Herrschaft Napoleons überlebt hatten, zu einer „Heiligen Allianz“ zusammen, die sich auf die Werte des christlichen Abendlands berief, und betrieben mit der „Restauration des Throns“ zugleich auch die des „Altars“. Von der Förderung des religiösen Lebens und der Stützung der geschwächten Kirchen erhofften sie sich eine Stabilisierung der eigenen Machtposition, nach dem Motto: wer regelmäßig in die Kirche geht, lernt dort den Respekt vor höheren Mächten und damit auch den Respekt vor der weltlichen Obrigkeit; wer ins Gebet vertieft ist, macht keine Revolution. Die Kirchen haben sich dem nicht verweigert, erkannten sie darin doch eine Chance, nach den Anfechtungen von Aufklärung und Revolution wieder auf die Füße zu kommen; ohnehin waren sie seit jeher aufs engste mit den oberen Etagen der Ständegesellschaft verbandelt.
Erneuerung der Religionskritik im Vormärz
Auf die Dauer hat der Religion ihre Inanspruchnahme für die Ziele der Restauration aber wohl mehr geschadet als genutzt. Die Generation, die auf die der Romantiker folgte, die Generation des Vormärz, erfuhr Religion als eine Macht, die immer schon mit den Kräften der Reaktion im Bunde wäre, ja sie konnte sie gar nicht anders erleben, so daß sich ihr Aufbegehren gegen diese Reaktion wie von selbst auch [<<80] auf die Religion ausweitete. Damit ging die Religionskritik in eine neue Runde. Kritik hieß nun nicht mehr nur, Lehrstücke der christlichen Tradition auf den Prüfstand der modernen Wissenschaft zu stellen wie zu Zeiten der Aufklärung; es wurde nun auch verstärkt nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion gefragt, nach den sozialpolitischen Funktionen der Institution Kirche und den sozialpsychologischen Wirkungen des religiösen Lebens. Dabei machten sich unter den Intellektuellen Vorstellungen wie die breit, die Karl Marx in das Wort vom „Opium des Volkes“ faßte: Religion als ein Rauschmittel, das es dem „Volk“ ermöglicht, sich über die elenden Lebensbedingungen hinwegzuphantasieren, denen es in der Realität ausgesetzt ist, das es freilich zugleich davon abhält, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.
Die Mittel für eine solche soziologische und psychologische Analyse des Phänomens Religion besorgte sich die Generation des Vormärz vor allem bei der Philosophie Hegels, die inzwischen die akademische Szene beherrschte. So wurde die Religionskritik nun eine Sache der sogenannten Linkshegelianer, also derer, die versuchten, die Instrumente der Hegelschen Philosophie für eine „linke“, eine ganz auf Fortschritt getrimmte Gesellschaftspolitik zu nutzen. Die wichtigsten Namen sind hier die von Arnold Ruge (1802–1880), Ludwig Feuerbach (1804–1872), David Friedrich Strauß (1808–1874) und Bruno Bauer (1809–1882) und sodann die zweier Nachzügler im Reich des Linkshegelianismus: Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895).
Von der „Christusreligion“ zur „Humanitätsreligion“
Eine große Wirkung hatten zunächst vor allem zwei Schriften, die aus diesem Kreis hervorgingen: „Das Leben Jesu“ (1835/36) von David Friedrich Strauß und „Das Wesen des Christentums“ (1841) von Ludwig Feuerbach, zwei Werke, die auf heftigen Widerspruch von Seiten der Kirchen und ihrer staatlichen Protektoren trafen, die dank ihrer skandalumwitterten Aura aber bald schon zu regelrechten Bestsellern wurden und die auch in der Literatur ihre Spuren hinterließen, etwa im Werk des Realisten Gottfried Keller. Wie sehr sie einen Nerv der Zeit trafen, mag man aus den Vorgängen um die Berufung von Strauß nach Zürich, den sogenannten „Straußschen Händeln“, ersehen. Zürich war im 19. Jahrhundert ein Hort des Liberalismus in Europa, eine Insel im Meer der Reaktion, auf die sich viele politische Verfolgte flüchteten. [<<81] Als Strauß, der nach dem Erscheinen des „Leben Jesu“ seine Stelle am Tübinger Stift verloren hatte, 1839 in Zürich eine Professur erhalten sollte, kam es in der Schweiz geradezu zu einem Bürgerkrieg, einem Aufstand von Bauern aus den katholischen Kantonen gegen das liberale Zürich; Strauß mußte seinen Ruf zurückgeben.
Strauß und Feuerbach36 verfolgen beide das gleiche Programm, das einer „Fortbildung der Christusreligion zur Humanitätsreligion“. In diesem Sinne nimmt sich Strauß die biblische Geschichte von Jesus vor, um sie „kritisch zu betrachten“, um sie nämlich einer Entmythologisierung zu unterziehen. Er will in ihr keinen historischen Bericht mehr erblicken, wie es der christlichen Tradition entspricht, sondern eine mythologische Dichtung; er trennt also den historischen Jesus von dem Bild ab, das die Autoren der Bibel von ihm gezeichnet haben, einem Bild, das für ihn nurmehr noch den Status eines Symbols hat. Dabei bedient er sich der avanciertesten Formen von Quellenkritik, wie sie von der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft kultiviert worden sind, wendet er mithin Methoden, die für die Auswertung historischer Dokumente entwickelt worden sind, auf die „Heilige Schrift“ an – für viele gläubige Christen seinerzeit noch immer ein Sakrileg.
Straußens Ziel ist es nicht so sehr aufzuzeigen, wo der Mythos den Boden des Historisch-Faktischen verläßt, als vielmehr ihn als Dichtung, als kulturelle Leistung eigenen Rechts und eigenen Ranges zu würdigen. Letztlich verfährt er mit der biblischen Geschichte genauso wie die Aufklärer des 18. Jahrhunderts mit den Götter- und Heldengeschichten der alten Griechen; auch da ging es nicht allein darum zu demonstrieren, wo sich der Mythos von der historischen Wahrheit und dem natürlich Möglichen entfernt, sondern immer auch darum begreiflich zu machen, daß er seine eigene Wahrheit habe, eine Wahrheit, die eben nicht in der Weise der Historiographie und der anderen Wissenschaften, sondern mit dichterischen Mitteln entfaltet werde, die nämlich in symbolischer Form Einblick in die „allgemeine Menschennatur“ gewähre und die insofern als eine höchst bedeutsame Quelle [<<82] der Anthropologie zu gelten habe. In ebendiesem Sinne interpretiert Strauß den Jesus der Bibel als ein Symbol der „Idee der Menschheit“, als Idealbild alles dessen, was den Menschen ausmacht, als Vergegenwärtigung der „Humanität“ in einem Bild, das sich anschauen läßt und den Menschen so mit sich selbst und seinen besten Möglichkeiten bekanntmachen kann.
Ähnlich wie Strauß mit der biblischen Geschichte verfährt Feuerbach mit der christlichen Theologie. Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, und er tat es, um sich ein Bild von sich selbst zu machen, um sich eine „Idee“ von der „Humanität“ zu geben, die ihm in seinem Streben nach Selbstverwirklichung zur Orientierung dienen könnte. „Das göttliche Wesen ist nichts andres als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, gereinigt, befreit von den Schranken des individuellen Menschen, verobjektiviert, d. h. angeschaut und verehrt als ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum menschliche Bestimmungen“.37 In seinen Gottesbildern stellt sich der Mensch vor Augen, was seine besten Seiten, seine wahrhaft „humanen“ Züge sind: das Streben nach Wahrheit, die Kraft, das Gute zu tun, und die Fähigkeit, Schönes zu schaffen. Dank des Fortschritts von Wissenschaft und Kunst ist er in der Moderne aber inzwischen dahin gelangt, daß er dem auch ohne den Umweg über die alten Religionen und ihre Mythen und Symbole nachkommen kann, daß er die „Christusreligion“ hinter sich lassen und sich mit einer säkularen „Humanitätsreligion“ begnügen kann, die bei der Feier des Wahren, Guten und Schönen ohne mythologische Maskerade auskommt.
Materialismus und Religion
Was Strauß und Feuerbach Religion nennen, ist in der Tat nicht mehr das, was orthodoxe Christen darunter verstehen, aber es ist doch immer noch mehr und anderes als nur „Opium des Volkes“; es ist für sie auch eine kultur- und gesellschaftsbildende Kraft, die es zu würdigen gilt. Insofern fällt die Religionskritik bei ihnen noch vergleichsweise moderat aus. Neben und nach ihnen haben sich freilich [<<83] andere zu Wort gemeldet, die am Christentum, seinen Kirchen und Priestern kein gutes Haar mehr lassen wollten. Radikalere Töne finden sich vor allem bei denen, die sich unter dem Einfluß der modernen Naturwissenschaften eine materialistische Weltanschauung zulegten.
Unter Materialismus38 versteht man bekanntlich ein Denken, das einzig in der Welt der Körper, in dem, was sich mit den Sinnen wahrnehmen und mit den Händen anfassen und bearbeiten läßt, etwas Substantielles erkennen will, etwas, was sich immer gleichbleibt und worauf sich setzen läßt. Das aber heißt nichts anderes, als daß dem Bewußtseinsleben, dem, was in der europäischen Tradition „Seele“ und „Geist“ heißt, daß den Prozessen des Seelenlebens und der Welt der Ideen eigene Formen der Subsistenz und Kohärenz abgesprochen werden; daß nun alles, was im Bewußtsein vorgeht, auf irgendetwas Materielles zurückgeführt werden soll, so etwa Gefühle auf physiologische Vorgänge und Ideen auf Instinkte oder auf materielle Interessen.
Daß ein solcher Materialismus einer Religion, die von der Unsterblichkeit der Seele und der Herrschaft des Geistes über den Körper handelt, nichts mehr abgewinnen kann, liegt auf der Hand. Da wird der Seele eine Substantialität und Kohärenz zugesprochen, die noch die der Materie übertreffen soll, da macht man sich vor, man könne den Lauf der Dinge mit der Kraft des Geistes unter Kontrolle halten – für einen konsequenten Materialisten sind das nur noch Hirngespinste; er kann daran nichts mehr finden, was als ein irgendwie relevanter Beitrag zur kulturellen Entwicklung zu würdigen wäre.
2.4.2 Religionskritik in Immermanns „Epigonen“
Das Bild eines Materialisten
Einem solchen Materialisten begegnen wir nun auch in den „Epigonen“ von Immermann, und es will wohl etwas besagen, daß gerade er in der Welt des Romans die Rolle des großen Religionskritikers zugewiesen bekommt. Es handelt sich bei ihm natürlich um einen Vertreter der Naturwissenschaften, genauer gesagt, um einen Arzt, aber eben um einen, der sich ganz dem modernen naturwissenschaftlichen Denken verschrieben hat. [<<84]
Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert, die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen worden; er teilte sich gern und ausführlich mit. Aber freilich hatten diese Studien die gewöhnliche Folge gehabt. Dem Eingeweihten war das animalische Leben die Hauptsache geworden. Von Natur zweiflerisch gesinnt, hatte er durch ein wundes Verhältnis, welches ihn heimlich peinigte (eine unglückliche Liebe), einen noch schärferen Blick für den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen. Alles Geistige und Gemütvolle fand an ihm einen entschiednen Verneiner, der die ätzendsten Einwürfe im ruhigsten Tone vortrug.
Jene trostlose Meinung, daß der Mensch sich nur durch eine Art von höherem Instinkt über das Tier erhebe, trat hier in reiner ausgeprägter Gestalt auf. Der Arzt war unerschöpflich in Beispielen, welche beweisen sollten, daß alles ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum Verbrechen geführt habe, daß der Kreis, in welchem sich die Geschlechter umherdrehn, ein überaus kleiner sei, und daß nur die unermüdliche Einbildung der Selbstgefälligkeit ihn zu einem großen erweitre oder seine Peripherie in die beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit (Perfektibilität) verwandle.
Hermann hatte sich (…) selbst für einen frühreifen Propheten des Nihilismus gehalten. Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der Sonne erbleicht, so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer einer echten Gesinnung. Er bestritt den Arzt mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen, und führte die Sache der Begeisterung so gut er konnte. (IW 3, 128–129)
Das Studium der Naturwissenschaften und die damit verbundene Fokussierung auf das „animalische Leben“ haben aus dem Arzt nicht nur einen „Materialisten“, sondern geradezu einen „Propheten des Nihilismus“ gemacht, nämlich einen „entschiedenen Verneiner“ „alles Geistigen und Gemütvollen“, „allen ideellen Strebens“ und der „Sache der Begeisterung“, also einen, der das Eigenleben und die Eigenbedeutung der „Seele“ und des „Geistes“ prinzipiell in Frage stellt, und damit zugleich jede Form von „Idealismus“ und „Romantik“. Wenn der Erzähler dies die „gewöhnliche Folge“ eines solchen Studiums nennt, so läßt er erkennen, daß der Arzt in der Welt des Vormärz längst kein Einzelfall mehr ist, daß das Welt- und Menschenbild, das an der Figur [<<85] des Arztes festgemacht wird, hier bereits eine gar nicht so kleine Zahl von Anhängern hat, daß sich unter den Gebildeten ein Antiidealismus und eine Antiromantik auszubreiten beginnen.
Die Frage nach dem Status von „Seele“ und „Geist“
Dieser Arzt nun wird mit einem katholischen Geistlichen, einem Domherrn, ins Gespräch gebracht, den er mit seiner ärztlichen Kunst zu versorgen hat. Da die Gesundheit des Domherrn aufs äußerste angegriffen ist, kommt die Rede bald auf ein zentrales Bestandstück der christlichen Lehre: auf die Vorstellung von einem Leben nach dem Tode. Damit ist eine Frage aufgerufen, die nicht nur einen Kernpunkt der Theologie, sondern zugleich auch eine Schlüsselfrage der Anthropologie bezeichnet, eben die Frage nach dem ontologischen Status der „Seele“ und des „Geistes“, nach dem Ort des menschlichen Bewußtseins in der Welt, eine Frage, die sich überall dort noch einmal neu und mit besonderer Dringlichkeit stellte, wo man sich anschickte, den Boden der Religion zu verlassen und sich am Leitfaden der modernen Wissenschaft in ein säkulares Welt- und Menschenbild hineinzubegeben.
Solange sich eine Mehrzahl von Menschen gläubig im Raum einer Religion bewegt, für die die Seele unsterblich ist, steht die Bedeutung alles Seelischen und Geistigen außer Zweifel, läßt sich mit größter Selbstverständlichkeit von dem inneren Reich der Vorstellungsbildung und von der Welt der Ideen handeln. Mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele entfällt das metaphysische Widerlager für einen solchen fraglosen Umgang mit dem Bewußtseinsleben und es wird für viele zum Problem, an der Vorstellung von einem Eigenleben, einer Eigenbedeutung und Eigenlogik des Seelisch-Geistigen festzuhalten, zumal die moderne Wissenschaft ihren ganzen Ehrgeiz dareinsetzt aufzuzeigen, wo überall Seelisch-Geistiges von physikalischen, chemischen und biologischen Gegebenheiten abhängig sei – jener latente Materialismus und Nihilismus der modernen Wissenschaft, den Immermann in der Figur des Arztes zum Vorschein bringen will.
So ist denn der Weg in die säkulare Moderne auch durch den permanenten Kampf zwischen denen, die das Bewußtsein im Namen der Wissenschaft zum bloßen Schein erklären, und denen geprägt, die ihm immer noch eine eigene Form des Seins zuerkennen wollen, wenn vielleicht auch mit anderen Mitteln als denen der Religion, ein Kampf, der natürlich für Kunst und Literatur von größter Bedeutung ist, da er mit dem Bewußtseinsleben das Fundament all ihrer Aktivitäten betrifft, [<<86] und der heute etwa im Blick auf die Prätentionen und Insinuationen der Gen- und Hirnforschung ausgetragen wird. Schon die Autoren der Goethezeit haben mit der Herausforderung durch den latenten Materialismus und Nihilismus der modernen Wissenschaft gerungen – man denke nur an Goethes „Faust“ – und erst recht hat er die Autoren des Vormärz bewegt, hatten sie doch nun eine Religionskritik zu verarbeiten, die weiter und tiefer reichte als alles bislang Dagewesene.
An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über seine Gesundheitsumstände zu trösten, ließ jedoch ein entscheidendes Wort über die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen, wobei er ihn bedenklich ansah. Dieser Blick konnte den andern wenig vergnügen, und seine Stimmung wurde nicht gebessert, als der Arzt ein treffendes Bild der Auflösung (des Körpers) entwarf, worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten, so daß man froh sein mußte, wenn dieses widerliche Gären endlich im grauen Staube sich beruhigte.
Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte „Possen! Wer an Fortdauer (der Seele) glaubt, läßt sich durch dergleichen nicht schrecken.“
Der Arzt versetzte hierauf, daß der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten, wovon nur das eine den Vorzug habe, daß man wisse, wo es liege, während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse. Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen und sich entfernen, womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war. Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhüllter Ängstlichkeit zurück und rief: „Ihr seid Materialist, Doktor, ich weiß das; aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen, daß seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts. Sprecht eure Zweifel nur aus; es ist mir nichts unerträglicher als dieses Halten hinter dem Berge.“
„Man hat“, sagte der Arzt, „auch lange von den vier Elementen gesprochen, und nun wissen wir denn doch, daß diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn, welche erst zusammengefügt das bilden, was wir Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Und wer weiß, wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen, scheint mir leicht. Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden. Dabei wurde nur vergessen, daß derselbe Mensch unter verschiednen [<<87] Umständen oft als ein ganz andrer erscheint, daß Grundsätze, Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen, und daß daher in dem Dinge, welchem wir so gerne eine vornehme Selbständigkeit beilegen möchten, manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen wirksam sind, die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und nachgewiesen hat.“
„Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaßen in Verstand, Vernunft und Urteilskraft zerlegen?“ fragte der Domherr, froh, seinen Gegner zum Absurden geführt zu haben.
Der Arzt versetzte: „Wie die Auflösung des Seelischen von statten gehe, weiß ich nicht; ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun. Sind Sie derselbe noch, der Sie als Kind und Jüngling waren? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste? Wechselten nicht Liebe und Neigung in ihnen? Wollen Sie noch, was Sie wollten? Können Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen, wo Ihre Seele anders als zeitlich, räumlich, hinfällig, leiblich dachte und fühlte? Welchen Teil, welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also für jene Ewigkeit retten?“ (IW 3, 254–256)
Die Frage nach der Kontinuität der Person
Immermann läßt seinen Arzt hier eine Frage aufwerfen, die für die Literatur auf ihrem Weg in die Moderne noch große Bedeutung erlangen wird: die Frage nach der Konsistenz und Kontinuität der Person. Schreiben heißt wesentlich Menschen darstellen, Bilder von Menschen zeichnen, Figuren entwerfen. Die gängige Methode solcher literarischen Menschenbildnerei war und ist die Ausstattung der Figuren mit einem Charakter, mit einem fixen Kostüm von Eigenschaften – aber heißt das wirklich den Menschen zur Darstellung bringen? Ist der Mensch nicht gerade darin Mensch, daß er immer wieder ein anderer ist und damit jedem Versuch einer Charakterisierung immer schon voraus, ist er nicht wesentlich ein „Mann ohne Eigenschaften“ (Robert Musil), wie der Titel eines berühmten Klassikers der Moderne lautet? Und wie kann die Literatur dem gerecht werden, die doch auf die Sprache angewiesen ist und demgemäß vom Menschen nur in der Weise des Fixierens sprachlicher Aussagen handeln kann?
Bei Immermann ist die Frage nach der Konsistenz und Kontinuität der Person noch keine Frage an die Literatur selbst und ihre Verfahren zur Darstellung des Menschen, wird sie zunächst einmal nur [<<88] im Dialog der Figuren dem Unsterblichkeitsglauben als Stolperstein in den Weg geworfen. Aber sie tritt damit doch schon in den Horizont der Literatur, und es ist kein Zufall, daß dies gerade hier geschieht, wo zentrale Fragen des Menschenbilds wie die nach dem Status der „Seele“ und des „Geistes“ im Licht der fortschreitenden Verwissenschaftlichung der Welt erörtert werden.
Die Vorstellung vom „Himmel auf Erden“
Immermanns Arzt begnügt sich freilich nicht damit, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mit Argumenten wie dem geschilderten zu bestreiten. Er will die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode keineswegs mit Stumpf und Stiel ausgerissen, will sie lediglich in andere Bahnen als die des christlichen Glaubens gelenkt, nämlich von der Transzendenz auf die Immanenz, vom Jenseits des Christentums auf das Diesseits umdirigiert wissen. Der Mensch soll seinen „Himmel“ nicht mehr in irgendwelchen „Hinterwelten“, sondern „auf Erden“, in dem „gegenwärtigen irdischen Leben selbst“ suchen. Da soll er dann erkennen können, daß ihm schon hier sehr viel mehr an Leben zuteil werde als nur das, was er in seiner kurzen Lebensspanne auf Rechnung seiner individuellen „Seele“ erfahre, daß er nämlich als Mensch unter Menschen an dem Leben der gesamten Menschheit partizipiere, und dies gleich in doppelter Hinsicht: als Glied sowohl in der natürlichen als auch in der geschichtlich-kulturellen Reproduktion der Gattung. In dem einzelnen Menschen lebt die Geschichte der ganzen Menschheit fort, wie er selbst in seinen Kindern fortlebt.
Leben in und mit der Geschichte
Das mag nun immer noch ein Materialismus heißen, aber es ist durchaus kein Nihilismus mehr. Der Materialismus, für den die Figur des Arztes steht, ist offenbar einer, der sich mit seiner Kritik an der Macht und Herrlichkeit des Geistes keineswegs im Nihilismus ankommen sehen will, der sich vielmehr der Hoffnung hingibt, aus sich selbst heraus Perspektiven entwickeln zu können, die eine echte Alternative zu den Verheißungen der Religion darstellen würden. Dabei werden Vorstellungen erprobt, die so gar nicht zu dem Rationalismus passen wollen, mit dem der alte Unsterblichkeitsglaube kritisiert worden ist. So spricht der Arzt bei der Ausführung des Gedankens vom Leben in und mit der Geschichte etwa von Wiedergängerei und Seelenwanderung, ersteres ein Lieblingsmotiv der romantischen Dichtung, letzteres eine Vorstellung indischer Religionen, die seinerzeit auch von dem Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860) erwogen worden ist. [<<89] Immerhin räumt er ein, daß es sich dabei um Vorstellungen handele, von denen sich nur schwer sprechen lasse und die überhaupt eine höchst persönliche Angelegenheit seien.
Aufwertung der Sexualität
Anders die Passagen, in denen er auf das Weiterleben in der natürlichen Reproduktion zu sprechen kommt; da äußert er sich mit der größten Bestimmtheit, und er spart nicht mit Worten, die das „Geschäft“ der Zeugung im wunderbarsten Licht erstrahlen lassen. Damit zielt er natürlich auf das schwierige Verhältnis des Christentums zur Leiblichkeit des Menschen, auf jenes fundamentale Mißtrauen gegenüber der menschlichen Sexualität, das in der zölibatären Lebensweise katholischer Priester und im Keuschheitsgelübde katholischer Mönche und Nonnen zum Ausdruck kommt. Immermann läßt damit einen Diskurs wieder aufleben, den bereits die Aufklärung des 18. Jahrhunderts angesponnen hatte und der über dem religiösen Roll back der Romantik abzureißen drohte, den der Erkundung und Neubewertung der menschlichen Triebnatur als etwas Natürliches, als integraler Bestandteil der „allgemeinen Menschennatur“, der als solcher zunächst einmal zu würdigen und nicht immer schon verdächtig zu machen sei.
„Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen, und gewiß hat mancher nach dieser Götterspeise, wie Tantalus, ein Gelüsten empfunden; gleichwohl, hat sie jemand gekostet? Mußte nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnügen? Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben. Ein lügenhaftes, schwärmendes Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia, während die wahre, innige und viel tröstlichere Befriedigung überall uns nahegestellt worden ist, ohne daß unsre blöden Sinne sie wahrnehmen.“
„Und die wäre?“ fragte der Domherr.
„Das gegenwärtige irdische Leben selbst“, versetzte der Arzt. „Auch ich sage in meinem Sinne: Der Mensch ist ewiger Dauer. Aber ich setze hinzu: Der Himmel ist auf Erden, und mit dem Tode ist es nicht aus, sondern es beginnt aufs neue. Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton, bildet und wirkt ihn aus, und wenn es ihn abgenutzt hat, sucht es sich frischen Stoff. Wir sind alle Revenants (Wiedergänger), und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel in der Zeit gesetzt.“
„Das ist eine schlechte Fortdauer“, seufzte der Domherr. „Was hilft es mir zu vermuten, ich habe schon irgendwo einmal gesteckt, wenn ich nicht weiß, wo und in welcher Haut ich steckte!“ [<<90]
„Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern ließe? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt: er heißt Geschichte. Diese in allen so lebendig zu machen, daß jeder sich auf Jahrtausende zurück wiederfinden kann, ist eigentlich die geheimnisvoll verhüllte Aufgabe der Gegenwart. Wir reifen einer Periode entgegen, worin die Menschen ebensosehr Bürger der Vergangenheit sein werden, als sie eine Zeitlang in der durch das Christentum angewiesenen Richtung Anwärter der Zukunft waren. Das ist der heilig zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen unsrer Zeit, welche eben dieses, von ihrer bewußten Absicht ganz verschiedne Resultat hervorzubringen bestimmt sind. Hin und wieder ist dieser Unsterblichkeitsglaube oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden; es gibt Vorboten der neuen Epoche. So glaube ich von mir sagen zu können, daß ich mit Bestimmtheit sehe, wo ich da und dort schon aufgetaucht bin.“
„Ist es möglich?“ rief der Domherr. „Entdecken Sie mir…“
„Diese Kunde gehört nur mir“, erwiderte der Arzt. „Allein ich glaube, daß jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen könnte.“
„Und wie?“
„Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen. Auch wird nur der eine höhere Seelenerfahrung recht besitzen, der sie selbsttätig sich hervorbringt. Um aber auf Ihre Angst und Not, die ich mit Bedauern wahrnehme, zurückzukommen – es gibt ein sehr einfaches Mittel, sie zu heben, Sie von aller Unruhe über die Dinge jenseits des Grabes zu heilen und Ihnen dieses so zu zeigen, wie es ist, nämlich als einen unschuldigen, harmlosen Hügel Erde.“
„Nun? dieses Mittel?“
„Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn! Wenn wir uns einigermaßen an die Natur halten wollen – und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste – so müssen wir erkennen, daß mit jener wunderbaren Funktion, worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert, auch der ganze Mensch im natürlichen und im höheren Sinne fortgesetzt wird. Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr lüsternes Unkraut gewoben; sie ist für den wahren Priester des Universums etwas so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskörper, die Reise des Lichts, der Drang der Voltaischen Säule. Hier ist uns auf die liebreichste Weise das Mittel in die Hand gegeben, alle kranken Schrecken abzuschütteln, und ich habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert, welche aus dem Geschäfte, zu [<<91] welchem ich Sie aufmuntern möchte, einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten. Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer, daß Personen, welche die Zeit nach ihnen verkörpert vor sich sahn, aufhörten, dieselbe zu fürchten (…). Es ist keine Redensart, es ist eine Wahrheit, daß die Eltern in den Kindern fortleben. So aber geht es; der Mensch sucht über den Sternen, was zu seinen Füßen liegt (…).“ (IW 3, 256–259)
Es zeigt sich, daß der Domherr gegen solche Vorstellungen keineswegs immun ist. Weist er sie anfangs noch empört zurück, mit einer nervösen Unruhe freilich, die seinem Christentum kein gutes Zeugnis ausstellt, so bricht sein Widerstand gegen sie bald völlig zusammen, um einem ebenso überstürzten wie naiven Versuch gläubiger Aneignung Platz zu machen. Bereits am nächsten Morgen weiß er dem Arzt von einem Traum zu berichten, in dem er sich selbst als Wiedergänger eines Ahnherrn gesehen haben will, und zwar eines Ahnherrn auf Freiersfüßen, und er will dies als ein Zeichen begreifen, um bei seinen Oberen um die „Erlassung der Zölibatspflicht“ einzukommen und sich selbst ebenfalls auf Brautschau zu begeben. Die Bereitwilligkeit und Geschwindigkeit, mit der Immermann den Kirchenmann auf die Linie des Arztes einschwenken läßt, machen einmal mehr deutlich, wie es nach seinem Urteil um die Glaubenswelt des Christentums bestellt ist.
2.4.3 Die Vorstellung vom „Himmel auf Erden“
„Der Himmel ist auf Erden“. Mit diesem Gedanken stehen Immermann und sein Arzt seinerzeit keineswegs alleine da. Gerade im Vormärz wird er mehr und mehr zum Fluchtpunkt der Perspektiven, die sich im Zuge der Säkularisation und der Verwissenschaftlichung der Welt eröffnen, die sich überhaupt mit dem Weg in die Moderne verbinden. Wer von dem Glauben Abschied nimmt, daß sich das Dasein des Menschen erst im Jenseits ganz erfülle, der kann nur noch im Diesseits auf Erfüllung ausgehen, der wird sich ein Bild vom Leben „auf Erden“ machen wollen, das es ihm erlaubt, die Erwartungen, die der Christ in seine Vorstellung vom „Himmel“ investiert, auf das irdische Dasein zu übertragen. Und er wird sich dazu um so mehr berechtigt fühlen, als er sich davon überzeugen kann, daß es sich bei ihnen um Erwartungen handele, die allesamt gleichermaßen aus dem Leben [<<92] „auf Erden“, aus irdischen Bedürfnissen und Nöten entsprungen seien und deren Erfüllung deshalb auch nur im Kontext des Lebens „auf Erden“ Sinn mache.
Pantheismus, Humanitätsreligion, Kunstreligion
Bei der Ausgestaltung der Vorstellung vom „Himmel auf Erden“ setzten die Autoren des Vormärz vor allem auf drei Bereiche, die bereits in einer früheren Phase der Säkularisation, in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt waren und die darüber ein Ansehen gewonnen hatten, dessen sie sich in der christlichen Welt der Frühen Neuzeit noch nicht hatten erfreuen können: auf die „lebendige Natur“, auf die „allgemeine Menschennatur“, die „Humanität“, und auf die Kunst. Die Art und Weise, wie diese Komplexe von den Aufklärern zu weltanschaulichen Auffangstationen der säkularisatorischen Tendenzen der Moderne ausgebaut worden waren, hatte ihnen eine Aura, eine quasi-religiöse Bedeutung zuwachsen lassen, die es den Autoren des Vormärz leicht machte, ihre Vorstellungen von einem „Himmel auf Erden“ auf sie zu gründen.
Denn die „lebendige Natur“ war hier zum Kultobjekt des Pantheismus geworden, die „allgemeine Menschennatur“ zum Kultobjekt der Humanitätsreligion und die Kunst zum Kultobjekt der Kunstreligion. Dem Pantheismus39 des 18. Jahrhunderts galt die „lebendige Natur“ als „göttlich“, weil sie es dem Menschen erlaubte, sich in ihr zumindest zeitweise in einem „Himmel auf Erden“ zu fühlen, sich nämlich in einem vollkommenen Einklang mit der Welt und mit sich selbst zu erleben. Die Humanitätsreligion wollte in der „allgemeinen Menschennatur“ etwas „Göttliches“ erblicken, weil sie die Wunder der selbstlosen Wahrheitssuche und der Erkenntnis, des selbstlosen Einstehens für das Wahre und Gute und das Wunder der Kreativität, der schöpferischen kulturellen Produktivität, weil sie das Wahre-Gute-Schöne aus sich hervorbrachte. Und die Kunstreligion nannte die Kunst „göttlich“, weil sie ebensowohl in der Lage war, die Schönheit der Welt zum Vorschein zu bringen und sie damit als Ort eines glüc [<<94] klichen Lebens zu erweisen, wie sie über die Mittel verfügte, auf eigene Rechnung Bilder des Schönen zu schaffen, Bilder, die es erlaubten, sich über allfällige Abgründe des Sinnentzugs zu „erheben“ und sich zumindest in der Phantasie in ein erfülltes Dasein hineinzuversetzen. Daran ließ sich anknüpfen.
Vitalismus
Immermanns Arzt bezieht sich bei seiner Rede vom „Himmel auf Erden“ freilich auf keinen dieser drei Bereiche, auch nicht auf den der „lebendigen Natur“. Er spricht lediglich von dem „gegenwärtigen irdischen Leben“. Damit zielt er zwar einerseits auch auf das natürliche, das „animalische Leben“, wie es unter anderem die Glückspotentiale des Sexuallebens, „jene wunderbare Funktion“ bereithält, „worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert“; andererseits meint er damit zugleich das Leben in und mit der Geschichte, die lebendige Teilhabe an den Segnungen der Kultur. Dieser zwiegesichtige, eigentümlich zwischen Natur und Kultur changierende Lebensbegriff wird in den weltanschaulichen Debatten des 19. Jahrhunderts bald schon Karriere machen, wird zur Basis einer „Lebensreligion“ und „Lebensphilosophie“, eines „Vitalismus“ werden, der nach und nach an die Stelle des Pantheismus tritt.40
Der Pantheismus gerät nämlich im 19. Jahrhundert in eben dem Maße in Bedrängnis, in dem die Natur zur Beute der modernen Naturwissenschaft und Technik wird. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, sich mit dem Wissen des Naturwissenschaftlers und den Interessen des Technikers in der Natur umzutun, wer sich ihr zunächst und vor allem als einem Objekt der Analyse, des Messens, Rechnens und der technischen Manipulation nähert, den kann es irgendwann nicht mehr überzeugen, wenn sie ihm als eine Stätte quasireligiöser Einheits- und Harmonieerlebnisse angedient wird. Nichts anderes zeigt Immermann an der Figur des Arztes. So hat sich der Pantheismus bald nur noch in einer Epigonenlyrik halten können, wie sie Geibel kultiviert hat, [<<94] um an der Schwelle zur ästhetischen Moderne, in der Zeit der großen Wirkung Nietzsches, schließlich vollends einem Vitalismus zu weichen, der ohne einen pantheistischen Naturbegriff auskommt.
Da heißt es dann: „Der Sinn des Lebens ist das Leben“. Will sagen: wer sich ganz dem „gegenwärtigen irdischen Leben“ hingibt, wer es in all seinen Möglichkeiten wahrnimmt, in all seinen Höhen und Tiefen durchmißt und mit größtmöglicher Intensität durchlebt und durchdenkt, für den erübrigt sich die Frage nach einem „Sinn des Lebens“, der braucht sich von einem „lügenhaften, schwärmenden Etwas“ im Menschen nichts mehr in Sachen Sinn vormachen zu lassen. Damit nimmt die Vorstellung vom „Himmel auf Erden“ eine Form an, in der sie sich noch der letzten Reste des Christenhimmels entledigt hat.
Vom Himmel der Religion zum Himmel der Utopie
Das bekannteste Beispiel für die Gestaltung der Idee des „Himmels auf Erden“, das die Literatur des Vormärz hervorgebracht hat, stammt aus der Feder von Heine: das Eingangsgedicht von „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844), überschrieben „Caput I“, lateinisch für „erstes Kapitel“; die einzelnen Gedichte des Zyklus haben ja keine besonderen Titel. Heine setzt in ihm vor allem auf die Humanitätsreligion, wie er sich in dem gesamten Zyklus darum bemüht, seinem Leser die entsprechenden Vorstellungen nahezubringen. Schon in dem Vorwort, das den Gedichten vorangestellt ist, bekennt er sich zu einer Position, die er einen „Patriotismus“ der „Humanität“ nennt. Dabei weist er der „Humanität“ ausdrücklich eine quasi-religiöse Bedeutung zu, spricht er von ihr nämlich als von dem „Gott, der auf Erden im Menschen wohnt“ (HS 7, 575).
Zugleich arbeitet er die politischen Aspekte der Religionskritik heraus, der die Humanitätsreligion – wie bei den Linkshegelianern besonders deutlich zu sehen – ihre Entstehung verdankt. Der „Himmel“ des Christentums wird für ihn vor dem Hintergrund der sozialen Frage und des Bündnisses der Kirchen mit den Mächten der Reaktion zu einem „letzten Schlupfwinkel“ der „Dienstbarkeit“, zu einem ultimativen ideologischen Mittel der Unterdrückung, mit dem Linkshegelianer Marx zu reden: zu „Opium des Volkes“. Es gilt, den „Himmel“ vom Jenseits ins Diesseits umzusiedeln und damit den „Gott, der auf Erden im Menschen wohnt“, „aus seiner Erniedrigung (zu) retten“, will sagen: dem „freien Menschentum“ seine „Würde“ zurückzugeben (HS 7, 574–575). In diesem Sinne wird im Eingangsgedicht von [<<95] „Deutschland. Ein Wintermärchen“ aus dem Himmel der Religion der Himmel der politischen Utopie.41
Ausgangspunkt ist die Begegnung mit einem „Harfenmädchen“, einer Straßensängerin, wie wir ihr heute noch in einer Fußgängerzone oder Kneipe begegnen mögen. Solche Straßensänger pflegten ihr Publikum seinerzeit mit Volksballaden und Moritaten, mit Geschichten von Liebesglück und Liebesleid, Mord und Totschlag zu unterhalten und sich dabei auf einer schlichten Version der Harfe zu begleiten; deshalb heißt zum Beispiel auch der Straßensänger in Goethes „Wilhelm Meister“ „der Harfner“.
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.
Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ewgen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenn die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser; [<<96]
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Myrten und Rosen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir Euch besuchen
Dort oben, und wir essen mit Euch
Die seligsten Torten und Kuchen.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen. (HS 7, 577–578) [<<97]
12 Benno v. Wiese: Karl Immermann. Sein Werk und sein Leben. Bad Homburg 1969. – Peter Hasubek: Karl Leberecht Immermann. Ein Dichter zwischen Romantik und Realismus. Köln Weimar Wien 1996. – Markus Fauser: Intertextualität als Poetik des Epigonalen. Immermann-Studien. München 1999.
13 Siegfried Kohlhammer: Resignation und Revolte. Karl Immermanns Roman „Münchhausen“. Stuttgart 1973. – Günther J. Holst: Das Bild des Menschen in den Romanen Karl Immermanns. Meisenheim 1976. – Günter Oesterle: Arabeske und Zeitgeist. Karl Immermanns Roman „Münchhausen“. In: Martina Lauster (Hrsg.): Deutschland und der europäische Zeitgeist. Bielefeld 1994, S. 215–239.
14 Markus Schwering: Epochenwandel im spätromantischen Roman. Köln Wien 1985. – Waltraud Maierhofer: Wilhelm Meisters Wanderjahre und der Roman des Nebeneinander. Bielefeld 1990.
15 Heinrich Schauerte: Die Fabrik im Roman des Vormärz. Köln 1983.
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