Kitabı oku: «Arabidopsis – ein Leben ist nicht genug»
Gottfried Zurbrügg
ARABIDOPSIS –
EIN LEBEN IST NICHT GENUG
ROMAN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Alles hat seine Zeit
(aus der „Prediger“ – die Bibel)
Personen:
Prof. Dr. Dr. Edwin Scherrer, Genetiker und Ägyptologe, emeritierter Professor der Gentechnik an der Morgenstelle in Tübingen, jetzt Leiter des Botanischen Gartens in Karlsruhe
Frau Dr. Dagmar Scherrer, seine Frau
Anne Neidhardt, Doktorandin
Anneliese Ehlert, Sekretärin im alten Botanischen Institut Karlsruhe
Dr. Meyer, Mitarbeiter im Institut
Nubi, Geschäftsmann in Kairo, Jugendfreund von Prof. Scherrer
Ahmed, sein Sohn
Irmgard, Hausmädchen bei Scherrers
Sybille Walter, Journalistin der „Welt der Wissenschaft“
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat / Personen
Vorwort
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
Glossar
VORWORT
Arabidopsis, das klingt wie ein Zauberwort, aber es ist nur der lateinische Name einer kleinen Pflanze, die überall wächst. Ackerschmalwand ist ihr deutscher Name. Die Pflanze sieht einem Hungerblümchen oder einem Hirtentäschelkraut ähnlich, aber sie hat längliche Schoten. Ein Unkraut, das man ausreißt und fortwirft. Trotzdem hat diese unscheinbare Pflanze unser ganzes Leben verändert. Unglaublich, aber wahr!
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass diese Pflanze ein einfaches Genom hat, und haben schon lange alle Gene entschlüsselt. Sie ist ein Modell für pflanzliches Leben geworden. In allen genetischen Laboren stehen Arabidopsispflanzen. Sie gehören dazu wie die Mäuse, die seit Langem Grundlage für die Forschung sind.
Vor vielen Jahren war ich in der Lehrerfortbildung tätig. Ich habe Biologie und Chemie für das Lehramt studiert und mich stets für Neuerungen in der Forschung interessiert.
So kam ich vor dreißig Jahren auch nach Tübingen in das Botanische Institut und durfte als Gast an den Forschungen teilnehmen. Ich war Gast und nicht Wissenschaftler, deshalb habe ich die Forschungen auch ganz anders erlebt. Mich begeisterten die Tafeln vor den Laboren, auf denen die Forschungsergebnisse veröffentlicht wurden, um eine enge Zusammenarbeit im Institut zu ermöglichen. Die blauen Lampen auf den Fluren waren für mich geheimnisvoll und schön. Für die Forscher waren es Lampen mit einer optimierten Strahlung.
Die Gentechnik war damals neu und umstritten. Mit Misstrauen und Angst begegnete man der neuen Technik. Ging der Mensch nicht zu weit, wenn er in die Keimbahn eingriff und Lebewesen veränderte?
Die Forschungsrichtungen waren vorgegeben: Man wollte neue Lebensmittel schaffen, vielleicht auch tatsächlich den Hunger in der Welt besiegen, aber auch uralte Fragen der Menschheit beantworten. Was ist das Leben und was ist der Tod? Kann es ewiges Leben oder besser ewige Jugend geben?
Die Faszination der Forschung ist auch nach dreißig Jahren für mich nicht geringer geworden. Mit großem Interesse lese ich Forschungsberichte und informiere mich in Fachzeitschriften über den neuesten Stand.
Damals entwarf ich einen Roman und schrieb die Geschichte von Professor Scherrer, dem Genetiker und Ägyptologen.
Inzwischen habe ich viel erleben dürfen, aber mehr denn je fasziniert mich die Frage nach dem Leben. Was ist Leben?
Damals begeistere mich eine junge Biologin, die ihr Leben der Forschung verschrieben hatte, heute fühle ich mich dem alternden Professor verwandt, der in all den Jahren seinen Lebenshunger nicht verloren hat.
Der Roman wurde in den Jahren immer wieder überarbeitet. Ort und Titel wurden verändert, aber die Geschichte blieb: Menschen auf der Suche nach Unsterblichkeit.
In Ägypten wurden in der Antike die damaligen Weltwunder geschaffen, um dem Pharao Unsterblichkeit zu sichern.
Heute werden in der Forschung Milliarden eingesetzt, um dem gleichen Ziel näher zu kommen.
Aber kann man das? Geht nicht das Leben einen ganz anderen Weg? Die uralten Fragen sind geblieben und aktuell wie eh und je.
Aber lesen Sie selber!
Zell a. H., Jan. 2016
1. KAPITEL
Professor Scherrer bewohnte seit seiner Emeritierung von der Universität Tübingen mit seiner Frau eine schöne Villa am Turmberg in Durlach.
Vielleicht hatte er genug von den vielen Pflanzen, die in den Gewächshäusern wuchsen, oder genug von der Grundlagenforschung und den langen Verhandlungen mit den möglichen Sponsoren, wenn es um Fördermittel ging. Die Genetik war ein Teil seines Lebens gewesen, aber eben nur ein Teil. Die Ägyptologie hatte ihn ebenfalls seit jeher gefesselt, und es war mehr als ein Hobby geworden. Im Garten seiner Villa standen einige wunderschöne Nachbildungen berühmter ägyptischer Statuen, und die Nachbarn waren sich nicht sicher, ob es tatsächlich nur Nachbildungen waren. Professor Scherrer behandelte die Figuren mit besonderer Fürsorge, als wären sie seine Kinder, denn er und seine Frau hatten selber keine Kinder. Sein erklärter Liebling war die etwa eineinhalb Meter hohe Nachbildung einer berühmten Katzengöttinenstatue aus Kom Ombo. Sie stand neben dem Hauseingang und Scherrer verließ nie das Haus, ohne der Katze über den Kopf zu streichen, so wie man ein geliebtes Haustier streichelt. Er genoss die Berührung mit dem kühlen, glatten Stein.
Deshalb war er auch leicht irritiert, als er eines Morgens sein Haus verließ. Es war noch kühl und Wolken hingen am Turmberg. Aber der sonst stets kühle Stein fühlte sich warm an. Scherrer wandte sich um und schaute die Statue erstaunt an. Die Katzengöttin stand da wie immer. Die Augen waren lebensecht gearbeitet und ihr Blick sah in die Weite. Trotzdem hatte Scherrer an jenem Morgen das Gefühl, es würde ihm jemand nachschauen.
Er war jetzt sechzig Jahre alt und eigentlich wollte er sich seinen privaten Studien widmen, aber man hatte ihn gebeten, noch nicht ganz in den Ruhestand zu gehen, sondern sich der Neugestaltung des Botanischen Gartens der Universität Karlsruhe anzunehmen. Zögernd nahm Scherrer die neue Berufung an, besonders da ihm das alte Gebäude des Botanischen Institutes in der Kaiserstraße zugesagt wurde. „Sie werden volle Unterstützung bekommen, wenn Sie Ihre Forschungen im Bereich der Genetik privat fortsetzen wollen“, hieß es, und das war die Zugabe, die Scherrer nach Karlsruhe gehen ließ.
Scherrer hasste den Stadtverkehr, dessen Lärm bis zum Turmberg heraufbrandete. Zu seinem Institut war es nicht weit, deshalb nahm er stets die Straßenbahn Linie S5, die ihn zusammen mit Studenten und Angestellten bis zum Institut brachte. Auch die Enge in der Straßenbahn mochte er nicht, aber man kannte ihn und hielt ihm einen Sitzplatz an der Tür frei, damit er sie nicht ganz so sehr spüren musste. Scherrer genoss diese Sonderstellung, die er als Professor beanspruchen durfte. Er mochte es nicht, dass ständig irgendein Handy klingelte und sich die Leute mit anderen, die fernab waren, über private Dinge unterhielten. Deshalb merkte er nicht sofort, dass es sein Handy war, das sich an diesem Morgen aufdringlich meldete.
Anne Neidhardt, seine Assistentin, eine junge Frau mit braunem, dichtem Wuschelkopf, wohnte ebenfalls in Durlach, wo sie eine kleine, aber sehr feine Altbauwohnung bekommen hatte, und fuhr mit der gleichen Straßenbahn in das Institut. Sie stand in seiner Nähe und beugte sich zu Scherrer hinunter. „Herr Professor, Ihr Handy“, sagte sie leise.
Scherrer suchte in seinen Manteltaschen nach dem klingelnden Gerät. „Danke, Frau Neidhardt“, sagte er und lächelte. „Der Umgang damit ist noch etwas ungewohnt.“
Sybille Walter, Journalistin bei der bekannten Welt der Wissenschaften, amüsierte sich über die Szene, denn irgendwie passte das Handy nicht ganz zu dem älteren Herrn.
„Ja, bitte!“ Scherrer hielt das Handy ans Ohr, aber niemand meldete sich. Stattdessen erschienen auf dem Display Bilder einer Pflanze. Scherrer wollte das Handy schon wieder einstecken, als sein Blick auf das Display fiel. Der Bildschirm flackerte und meldete eine ganze Reihe von E-Mails als Schriftzüge auf dem Hintergrund der Arabidopsispflanze. Es war eine lange Liste von neuen Eigenschaften, die man dieser kleinen, unscheinbaren Pflanze gegeben hatte. Arabidopsis konnte nun Kunststoff herstellen, Minen anzeigen, neue Wirkstoffe produzieren und langwierige Tests verkürzen. Scherrer sah die Nachrichten gelangweilt durch. So viele Universitäten arbeiten mit der gleichen Pflanze, dachte er. Die Ackerschmalwand, Arabidopsis thaliana, war wohl auch die geeignete Pflanze dafür. Das enorm kleine Genom machte sie so wunderbar manipulierbar.
Plötzlich erschien eine Nachricht auf dem Display und unterbrach die Arbeit. Scherrer klickte sie weg, aber sofort war die Nachricht wieder da. Ärgerlich versuchte er das Handy auszuschalten. Anne Neidhardt und Sybille Walter verfolgten gespannt, wie Scherrer sich bemühte. Aber das Handy war nicht auszuschalten.
„Was ist die wichtigste Frage in Ihrem Leben?“
Eine Sekte?, dachte Scherrer amüsiert. Ausgerechnet bei mir? Vergeblich bemühte er sich, die Schrift zu löschen. „Drücken Sie auf Okay“, mahnte das Display. Weil alles andere vergeblich war, gab Scherrer nach. Sofort verschwand die Nachricht und Bilder erschienen. Ein Computerspiel?, fragte sich Scherrer interessiert. Aber die Bilder, die dort liefen, waren seine Bilder. Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen tauchten auf. Er und Nubi, sein ägyptischer Freund, gemeinsam in der Wüste, im Sandsturm, ein Sarkophag auf einem Jeep, eine wilde Verfolgungsjagd. Beduinen auf weißen Pferden jagten dem Auto nach, das in Höchstgeschwindigkeit durch die Wüste fuhr. Schüsse fielen. Zum Glück trafen sie nicht. Dann hüllte eine Staubwolke Verfolger und Verfolgte ein. Scherrer erinnerte sich. Das war die wildeste Jagd, die er je erlebt hatte. Und trotzdem hatten sie es geschafft, den Sarkophag aus der Wüste nach Tübingen zu bringen.
Das Gesicht der Göttin Hathor füllte den Bildschirm aus. Sie schien ihn anzusehen und ihm zuzuzwinkern. Dann verschwand Hathors Bildnis und der Eingang zu einem Grab erschien. Die Kamera lief den langen Gang hinunter, zeigte das Innere der leeren Grabkammer und leuchtete die Kammer aus. An den Wänden erkannte Scherrer Szenen aus dem ägyptischen Totenbuch. Die Seele des Pharao stand vor ihrem Richter. Auf der Waage lag das zitternde Herz des Menschen. Im Hintergrund wartete ein gieriges Krokodil auf das Urteil. „Möge dein Herz nicht schwerer sein als eine Feder“, murmelte Scherrer und sah gebannt weiter auf das Display.
Die Kamera wandte sich einer Scheintür zu und blieb stehen. Ganz groß zeigte sie das Bild der geheimnisvollen Tür, die in jedem ägyptischen Grab aufgemalt war. Aber alle bisherigen Forschungen hatten gezeigt, dass sich nichts dahinter befand. Es war nie eine reale Tür und doch war sie so realistisch gemalt und wohl auch gemeint. „Möchten Sie weiter, dann klicken Sie Okay“, meldete das Display.
Scherrer sah wie gebannt auf die Scheintür. Alle Fragen, die ihn unterschwellig beschäftigt hatten, waren plötzlich wieder da. Gab es einen anderen Weg als den Schritt durch diese geheimnisvolle Tür? Mit Bohrwerkzeugen konnte man der Lösung des Problems nicht näher kommen, das wusste Scherrer recht gut. Aber vielleicht kam man auf anderem Wege der Lösung näher. Deshalb hatte er damals den Sarkophag von den Beduinen gekauft und die wilde Verfolgungsjagd riskiert. Deshalb war er all die Jahre immer wieder in Ägypten gewesen und hatte Kunstgegenstände mitgenommen. Seine Sammlung war berühmt geworden, aber sie hatte auch keine Antwort gebracht. Seine brennende Frage: „Gibt es keine Möglichkeit, dem Tode zu entrinnen?“, hatte ihn nie losgelassen.
Nun sah er die Tür wieder vor sich und die Lösung schien so nahe. Wie magisch zog ihn das kleine Feld auf dem Bildschirm an. Er holte die Pfeilspitze auf das „Okay“ und drückte. Sofort verschwand alles vom Bildschirm und eine tiefschwarze Fläche sah ihn an.
„Herr Professor, wir müssen hier aussteigen“, sagte Anne Neidhardt und schüttelte ihren braunen Wuschelkopf.
Scherrer sah irritiert auf. Über dem Display hatte er die rumpelnde Straßenbahn und die Fahrgäste völlig vergessen. „Natürlich“, sagte er. „Natürlich! Vielen Dank, Frau Neidhardt.“
Er ging mit den anderen Fahrgästen zur Tür und stieg aus. Dabei wirkte er etwas benommen und Anne fragte sich, ob sie ihm noch einmal Hilfe anbieten sollte. Aber dann wollte sie nicht aufdringlich sein und reihte sich in den Strom der Studenten ein, die zur Universität gingen.
Sybille sah dem Herrn Professor aus dem Fenster der Straßenbahn nach. Immer noch ein faszinierender Mann, dachte sie. Ich möchte wissen, warum er hier in Karlsruhe ist, der ist doch einer von den ganz Großen.
Scherrer ging zu seinem Institut. Bis auf die seltsame Unterbrechung in der Straßenbahn begann der Tag wie gewohnt. Scherrer hatte es eilig, in sein Büro zu kommen. Hatte sich jemand in seinen Computer eingeloggt und war deshalb die Liste der E-Mails auf dem Handy erschienen? Scherrer war erleichtert, als er die grünen Türen zu seinem Institut aufschloss und alles wie gewohnt vorfand. Anneliese, seine Sekretärin, saß noch nicht an ihrem Platz, aber auch das war ihm heute Morgen recht, denn so konnte er gleich seinen Computer anschalten. Auf dem Computer erschien aber kein Bild. Die gleiche schwarze Fläche sah ihn an, die ihn auch schon in der Straßenbahn auf dem Display seines Handys so erschreckt hatte.
„Nichts?“, fragte sich Scherrer irritiert. „Oder kann ich nur nicht sehen, weil meine Augen an das Licht gewöhnt sind?“
„So ist es“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Erschreckt drehte sich Scherrer um: „Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Was tun Sie hier?“
„So viele Fragen auf einmal und doch nur eine einzige Frage“, sagte der Mann im weißen Kittel, der in seinem Büro stand. „Ich bin Ihr neuer Mitarbeiter!“
„Was tun Sie in meinem Büro?“
„Ich möchte mich vorstellen.“
„Aber ich habe niemanden angefordert. Sie wissen sicher auch, dass die Mittel sehr begrenzt sind.“
„Es war Zeit, zu kommen, deshalb konnte ich mich nicht anmelden, was mir sehr leidtut. Mein Name ist Meyer. Ein ganz gewöhnlicher Name und doch mit einer Besonderheit, „ey“. Etwas Besonderes muss unsere Bekanntschaft schon haben.“
„Was wollen Sie? Haben Sie nicht das Schild an der Tür gelesen?“
„Doch, Professor Dr. Dr. Scherrer. Das heißt: Dr. rer nat und Dr. phil mit dem Spezialgebiet Ägyptologie. Sprechstunde nur nach Voranmeldung.“
„Woher wissen Sie das?“, fragte Scherrer.
„Was?“
„Den Doktor der Ägyptologie.“
„Ihre Arbeiten über das Totenbuch der Ägypter sind bemerkenswert.“
„Aber sie sind in der Bibliothek und nicht allgemein zugänglich.“
„Es gibt Wege, sich zu informieren“, lachte Meyer. „Jetzt enttäuschen Sie mich, Herr Professor.“
Scherrer sah seinen Gesprächspartner ungehalten an. Das Gespräch lief nicht nach seinen Wünschen. „Was wollen Sie?“
„Ich bin Ihr neuer Mitarbeiter. Die Forschungen …“
„Was wissen Sie von unseren Forschungen? Wir hatten strengste Geheimhaltungsstufen in Tübingen“, unterbrach ihn Scherrer heftig.
Meyer sah ihn mit schwarzen, unergründlichen Augen an. „Ihre veröffentlichten Arbeiten habe ich gelesen, und ich sagte schon, dass es verschiedene Wege gibt, Informationen einzuholen. Es ist Zeit, dass ich mit Ihnen persönlich zusammenarbeite.“
„Sind Sie schon länger in der Gentechnik tätig?“, fragte Scherrer. „Nehmen Sie doch Platz!“
Meyer setzte sich in den Sessel vor dem Schreibtisch und sah Scherrer unverwandt an. Der durchdringende Blick seines neuen Mitarbeiters ließ ihn stiller werden. Ich kann mich gegen ihn nicht wehren. Ich brauche ihn, und weiß nicht warum, dachte Scherrer.
„Sie brauchen mich“, sagte Meyer und lächelte, „weil Sie ein Forschungsgebiet betreten, das neue Dimensionen erschließt.“
Was weiß er wirklich?, überlegte Scherrer.
Ein Kratzen im Hals rief einen Hustenanfall hervor, wie er ihn bisher noch nicht erlebt hatte. Keuchend versuchte er Luft zu bekommen. Krächzend rasselte der Atem. Todesangst befiel ihn. Das Büro begann sich zu drehen. Krampfhaft hielt sich Scherrer an seinem Schreibtisch fest. Meyer saß ihm ruhig gegenüber und sah zu. „Helfen Sie mir“, keuchte Scherrer, als er wieder ein wenig Luft bekam. „Dort, dort!“ Er zeigte auf die kleine Sprayflasche, die unerreichbar für ihn auf dem Schreibtisch stand. Gelassen stand Meyer auf, nahm das Spray, kam zu ihm, nahm seinen Kopf, beugte ihn nach hinten, öffnete mit geschicktem Griff den verkrampften Mund und sprühte die Flüssigkeit hinein. Sofort ließ der Husten nach. Scherrer holte tief Luft und atmete freier. Die Nebel verzogen sich. Er sah nach Meyer. „Danke, dass Sie mir geholfen haben. Sie kennen sich aber aus! Sind Sie auch Arzt?“
„Könnte man fast meinen“, bestätigte Meyer. „Ich habe neben dem genetischen Fach auch medizinische Seminare besucht. Wer sich mit dem Tod beschäftigt, muss viele Kenntnisse haben.“
„Sie beschäftigen sich mit dem Tod?“, fragte Scherrer.
„So wie Sie“, sagte Meyer. „Seit ich ihm begegnet bin, kommt er mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich fühle mich ihm nahe und ich glaube, dass wir mit der modernen Forschung die Möglichkeit haben, ihn zu entschlüsseln.“
„Glauben Sie?“, fragte Scherrer. „Glauben Sie wirklich?“
„Professor Scherrer“, sagte Meyer. „Erinnern Sie sich an Ihren Aufenthalt in Ägypten?“
Plötzlich war Scherrer wieder dort. Ein Sandsturm tobte mitten in der Wüste. Der Staub legte sich auf alles. Eine feine, gelbe Schicht überzog die Windschutzscheibe des Jeeps. Vergeblich versuchten die Scheibenwischer gegen den Staub anzukommen. Nubi, sein Freund und Geschäftsmann aus Luxor, kannte die Wüste wie kein Zweiter, aber in diesem Sturm war jede Orientierung unmöglich. Feiner gelber Staub legte sich auch auf den Sarkophag, der auf der Ladefläche des Kleinlasters stand, als wolle die Wüste ihr Eigentum zurückholen. Scherrer öffnete das Seitenfenster, um mit der Hand die Windschutzscheibe zu reinigen. Sofort breitete sich der Staub auch im Innenraum des Autos aus. Entsetzt drehte er die Scheibe hoch.
„Wir müssen anhalten, Scherrer“, sagte Nubi. „Wir haben keine Chance mehr weiterzukommen. Gebe Allah, dass der Sandsturm sich bald legt.“
„Was ist, wenn sie uns einholen?“, fragte Scherrer.
Nubi drehte sich um, wickelte den Turban langsam vom Kopf und sah den jungen Wissenschaftler lächelnd an. „In dem Falle gnade uns Gott. Du kennst die Beduinen nicht.“
Scherrer versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber der feine Staub machte jede Sicht unmöglich. „Warum haben sie uns den Sarkophag verkauft, wenn sie uns nun verfolgen, um ihn uns wieder abzunehmen?“, fragte er.
Nubi nahm die Hände vom Lenkrad und bückte sich nach vorne, um eine Flasche Wasser aus dem Handschuhfach zu nehmen. Er hielt sie Scherrer hin. „Trink, mein Freund! Deine Lungen sind den Staub nicht gewöhnt. Er könnte dir schaden.“
Scherrer nahm die Flasche, öffnete sie und hielt sie hoch wie ein Weinglas. „Auf unsere Freundschaft. Möge sie ein Leben lang so ungetrübt wie dieses Wasser sein.“
Nubi lachte. „Du wählst einen guten Trinkspruch. Klares Wasser ist die größte Kostbarkeit in der Wüste. Unsere Freundschaft ist auch für mich eine Kostbarkeit, sonst hätte ich mich auf dieses Abenteuer nicht eingelassen.“
Scherrer genoss das klare Wasser und reichte seinem Freund die Flasche zurück. „Der Sturm wird unsere Spuren auch für den besten Fährtensucher verwischen.“
„Auch die Straße“, ergänzte Nubi. „Uns bleiben nur die Sterne, wenn der Sturm bis zur Nacht abflaut. Der Sirius wird dann unser Leitstern sein. Wenn wir Luxor erreichen, sind wir in Sicherheit. Der weitere Transport ist dann kein Problem.“
„Warum verfolgen uns die Beduinen?“, wiederholte Scherrer seine Frage. „Haben sie nicht ein gutes Geschäft gemacht?“
„Du kennst die Beduinen nicht“, sagte Nubi. „Sie sind Kinder der Wüste, aber auch Nachfahren der Pharaonen. Jedenfalls empfinden sie sich so. Wenn sie Geld sehen, verfallen sie ihm wie wir alle, aber wenn sie wieder allein mit der Wüste sind, dann hören sie tausendfach Vorwürfe. Der Sand, die Ruinen, die Zelte wispern: ‚Was habt ihr getan? Sie sind eure Feinde! Sie haben euch betrogen! Der Geist des Pharao wird euch verfolgen!‘ Dann erwachen wieder die Gefühle für das Land, für die Tradition. Dann wird der Fremde zum Grabräuber, den man verfolgt und tötet.“
„Sind sie nicht selber seit Jahrtausenden Grabräuber? Es gibt kaum eine Grabstätte, die nicht ausgeraubt wurde!“, regte sich Scherrer auf. „Diesen Widerspruch verstehe ich nicht!“
„Sie holen das Gold aus dem Wüstensand, weil es sie lockt, weil es ein einfaches Leben verspricht, mein Freund. Menschen sind so. Zwischen religiösen Ansprüchen und der Wirklichkeit liegen auch bei euch Welten, oder?“, sagte Nubi.
Scherrer nickte. „Das ist leider wahr. Aber der Sarkophag von Ammenemes VII wurde doch nie benutzt.“
„Nein, dieser Ammenemes ist unbekannt. Trotzdem glaube ich, dass der Sarkophag echt ist. Wenn ein Pharao den Thron bestieg, begannen die Arbeiter mit den Vorbereitungen für sein Grab. Unsterblichkeit zu erreichen, die ewige Vereinigung mit Isis als Osiris, das war das wichtigste Lebensziel für den Pharao. Nur, wenn er mit allen verfügbaren Mitteln daran arbeitete und arbeiten ließ, war es vielleicht möglich, die Unsterblichkeit zu erlangen.“
„Ewige Jugend und Unsterblichkeit“, sagte Scherrer, „der uralte Menschheitstraum.“
„Du verwechselst da etwas“, sagte Nubi. „Unsterblichkeit ist ein Platz bei den Göttern und bedeutet nicht ewige Jugend sondern eher ein Aussteigen aus dem ewigen Kreislauf von Geborenwerden und Sterben. Aber jetzt lass uns schlafen. Hörst du den Sturm? Wir können nichts tun, aber nachher brauchen wir die volle Konzentration. Also jetzt keine unnützen Diskussionen mehr!“
Nubi drehte den Sitz hinunter und schloss die Augen. Der treibende Sand schliff am Lack des Autos, der Wind heulte um die Karosserie ein eintöniges Lied. Scherrer gab der Müdigkeit nach.
Stunden später hörte das gleichmäßige Schleifen auf und plötzlich umgab sie atemlose Stille. Die Stille ließ sie erwachen.
„Wir müssen raus“, sagte Nubi. Er versuchte die Fahrertür zu öffnen. Der Wüstensand hatte eine hohe Barriere angehäuft. Nubi bekam die Tür gerade weit genug auf, um sich hinauszwängen zu können. Scherrer folgte ihm. Der Staub hatte sich gelegt, kein Windhauch wehte mehr. Rund um sie herum lag dicht der gelbe Sand. Der Jeep war weitgehend zugeweht, aber auch ihre Spuren. Von der Straße war nichts mehr zu sehen.
„Es wird Nacht“, sagte Scherrer. „Wie du es vorausgesehen hast. Die Sterne gehen auf.“
Nubi zeigte auf den hellsten Stern am Himmel. „Sieh dort den Sirius! Er wird uns sicher nach Hause leiten. Graben wir den Wagen aus!“
Gemeinsam schaufelten die Männer den gelben Sand zur Seite. Nubi startete den Wagen und war erleichtert, als er problemlos ansprang. Scherrer band die Sandleitern vom Dach, legte sie vor die Räder und der Jeep rollte über sie auf festeren Boden.
„Fahren wir los“, sagte Nubi. „Man wartet auf uns.“
Scherrer schaute aus dem Fenster und versuchte die Straße auszumachen. „Wonach orientierst du dich?“, fragte er den Freund.
„Nach dem Gefühl. In der Wüste musst du ein Gespür für den richtigen Weg haben. Das Ruckeln des Wagens, das Geräusch der Reifen, all das sagt dir, ob du auf festem Boden bist.“
„Allein wäre ich verloren“, erkannte Scherrer.
„Du bist kein Kind der Wüste“, sagte Nubi. „Du bist ein Träumer. Auf der Jagd nach einem ganz großen Traum. Du sehnst dich nach Unsterblichkeit. Wie kommst du nur auf solche Gedanken?“
Scherrer sah in die Dunkelheit hinaus. Die Sterne leuchteten so klar wie nie über Tübingen. „Vielleicht möchte ich nicht Unsterblichkeit, sondern eher den Augenblick festhalten“, sagte er.
„Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön?“, zitierte Nubi. „Faust?“, fragte er.
„Vielleicht auch Faust. Es ist die Sehnsucht nach dem Leben und nicht die Angst vor dem Tod. Du fährst auf den Sirius zu? Nennt man ihn nicht den ‚Schoß der Isis‘?“
„Genau dort ist der Platz der Götter“, sagte Nubi. „Du denkst auch daran? Vor ihr geht Osiris, das Sternbild des Orion. Er ist der Mann, hoch aufgerichtet das ‚Schwert des Orion‘.“
„Die Menschen früher dachten sehr konkret“, sagte Scherrer.
„Aus der Erfahrung, aus dem Überleben. In der Wüste kann niemand allein überleben. Nur die Gruppe, die Familie macht ein Leben möglich. Eine Aufgabe von Mann und Frau ist es, Kinder zu haben. Leben muss weitergegeben werden, gezeugt werden, nur so kann Leben weiterbestehen. Das ist das Geheimnis des Lebens und das Geheimnis der Götter.“
„Der Pharao strebte an, ein Osiris zu werden und mit Isis …“ Scherrer verstummte nachdenklich.
„Mit Isis Mann und Frau zu werden“, sagte Nubi. „Die Pyramiden sind auf dieses Sternbild ausgerichtet, um das möglich zu machen. Der ‚Schoß der Isis‘ ist das Ziel der Pyramiden. Isis ist auch unser Ziel. Die Frauen warten sicher schon ungeduldig auf uns.“
„Auf dich, Nubi“, sagte Scherrer.
„Die Tänzerin, die ich für den Abend eingeladen habe, wird auch dich erfreuen.“
„Du weißt, ich danke dir sehr, aber nicht hier“, sagte Scherrer ablehnend.
„Ihr lebt zu sehr im Kopf“, sagte Nubi. „Zum Leben gehört der ganze Körper. Ihr Europäer wollt ewige Jugend, aber ihr nehmt das Leben nicht wahr.“
„Als Wissenschaftler muss ich meinen Kopf anstrengen“, sagte Scherrer. „Nur damit wird die Welt gewonnen, nur mit strenger, wissenschaftlicher Arbeit können wir die Probleme unserer Zeit lösen.“
Nubi schaute auf die Sterne und lenkte den Wagen mit hoher Geschwindigkeit und Präzision durch die fahle Dünenlandschaft. „Habt ihr die Probleme lösen können? Warum wolltest du unbedingt einen Sarkophag kaufen? Denkst du nicht ganz anders, als du meinst?“
Scherrer lachte. „Vielleicht hast du recht. Ich bewundere, wie sicher du deinen Weg durch die Wüste findest. Mich faszinieren die Gedanken und das Wissen eurer Kultur.“
„Es ist nicht mehr unsere Kultur“, wehrte Nubi ab. „Wir verehren zwar die alten Ägypter, aber wir hatten sie vergessen. Es war Napoleon, der sie uns wieder schenkte und auch nahm. Wir lieben und hassen die Europäer dafür. Aber im Ernst, wofür wolltest du den Sarkophag? Nur für deine Sammlung?“
„Erwischt“, sagte Scherrer. „Er bedeutet mir mehr. Er ist Mahnung und Ansporn zugleich.“
„Woran arbeitest du eigentlich? Du sprachst von ganz neuen Erkenntnissen.“
„Zwei Wissenschaftler, Watson und Krick, haben das Geheimnis des Lebens in einem Nucleinsäuremolekül entdeckt.“
Nubi schwieg und gab Gas, um eine flache Düne hochzufahren. Jede geringste Abweichung von der Geraden würde den sicheren Tod bedeuten. Ruhig zog der Wagen hoch. Oben auf der Düne sah man am Horizont eine Kette schwacher Lichter. Nubi hielt den Wagen an.
„Schau, Scherrer, dort liegt Luxor. Wir sind bald zurück in der Welt. Die Wüste liegt hinter uns.“
Hell strahlten die Sterne im dunklen Blau des Wüstenhimmels.
„Du liebst die Wüste?“, fragte Scherrer.
„Die Beduinen sagen: Die Wüste liebt nur der, der sie nicht kennt. Wahrscheinlich haben sie recht“, antwortete Nubi.
„Du hast den Weg ins Leben zurückgefunden“, scherzte Scherrer.
Nubi sah seinen Freund nachdenklich an. „Wenn du den Sarkophag betrachtest, solltest du daran denken, dass Unsterblichkeit nicht ewige Jugend verspricht. Vergiss über deinen Forschungen nicht zu leben.“
„Versprochen“, sagte Scherrer und hielt seinem Freund die Hand hin.
„Sage bitte nichts in meinem Haus von dem Sarkophag. Ich weiß nicht, wie meine Leute darüber denken“, bat Nubi.
„Und du? Wie denkst du darüber?“, fragte Scherrer.
„Dieser Sarkophag wurde nie benutzt. Er wurde gemacht, um einem Menschen den Weg in die Unsterblichkeit zu ermöglichen. Vielleicht wirst du mit deiner Arbeit unsterblich, und ich habe meinen Teil daran.“
Nubi gab Gas und fuhr in rascher Fahrt auf Luxor zu. Scherrer lachte noch amüsiert, als sie das Tor in den Palmengarten erreichten, der das große Anwesen umgab. Die Palmen rauschten, als sie ausstiegen. Von der Wüste her wehte ein leichter Wind in die Oase. Scherrer sah fragend zum klaren Himmel hinauf.
„Es wird so bald keinen Sandsturm mehr geben“, sagte Nubi. „Komm, wir gehen hinein.“
Nach dem Essen saßen die Männer im Kreis zusammen und tranken süßen Pfefferminztee. Eine Tänzerin trat ein. Sie trug die üblichen weiten Hosen und einen Büstenhalter mit Münzen und Ketten. Hinter ihr kamen ein kleiner Mann mit Tamburin und zwei Flötenspieler herein. Sie setzten sich und der Mann begann einen betörenden Rhythmus zu schlagen. Ein Zittern ging durch den Körper der Frau. Rhythmisch begann sie mit dem Bauch zu schwingen. In wildem Takt klopften ihre Füße, ihre Hüften schwangen hin und her. Sie durcheilte den Kreis der Männer, zog einen Schleier hinter sich her, der die Gesichter streifte, war zum Haschen nah und doch unnahbar. Keiner der Männer regte auch nur eine Hand, um sie zu fangen. Hin und her sprang sie in wildem Tanz, blieb stehen, schüttelte die großen Brüste und schwang ihr Tuch über den Kopf. Plötzlich erlosch die Musik. Die Tänzerin ging von Mann zu Mann, schwang ihren Oberkörper zitternd hin und her, dass ihre Brüste bebten. Die Männer steckten ihr Geldscheine in den Büstenhalter. Auch vor Scherrer blieb sie stehen und musterte den jungen Europäer mit klugen Augen. Der nahm einen großen Geldschein und steckte ihn in den Büstenhalter. Die Frau zuckte zusammen, als seine Hände sie unabsichtlich berührten. Rasch schlang sie das Tuch um den Kopf, um sich zu verhüllen, aber ihre dunklen Augen blieben auf ihn gerichtet, Frage und Bitte zugleich. Ruhig ging sie weiter, durchschritt den Kreis und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. Ihr letzter Blick mit einem Augenaufschlag galt ihm.
„Herr Professor“, unterbrach Meyer. Die Bilder aus längst vergangenen Tagen verschwanden und Scherrer sah sich dem seltsamen Gast wieder gegenüber. „Seit Ihrem ersten Besuch in Ägypten träumen Sie davon, den Tod zu entschlüsseln, Herr Professor. Der Papyrus über Ihrem Schreibtisch ist mir wohlbekannt.“
„Sie haben sich aber genau mit meiner Person beschäftigt“, stellte Scherrer gereizt fest.
„Man sollte den kennen, mit dem man zusammenarbeiten möchte“, antwortete Meyer.
„Aber jetzt lassen Sie mich bitte allein“, bat Scherrer. „Auf dem Schreibtisch liegen viele Dinge, die ich erledigen muss. Geben Sie Ihre Bewerbung bei meiner Sekretärin ab.“ Meyer erhob sich und ging. An der Tür rief ihn Scherrer zurück. „Dr. Meyer, eigentlich würde ich einen Gärtner brauchen, aber ich bin gespannt, wie sich unsere Zusammenarbeit entwickeln wird. Lassen Sie sich einen vorläufigen Ausweis ausstellen. Haben Sie noch Fragen?“
„Nein!“ Meyer verneigte sich und verschwand.
Ohne Zögern wandte sich Scherrer seiner Arbeit zu. Habe ich die Tür gehen hören?, fragte er sich schon wieder in die Arbeit vertieft. Er sah kurz auf. Sein Büro lag wie immer um diese Zeit im Schein der Mittagssonne, die alles heller und freundlicher werden ließ. Der seltsame Gast war verschwunden. Ich muss es überhört haben, dachte Scherrer, ich bin überarbeitet. Ich sehe Dinge und Personen, die es nicht gibt.
Dann rief er seine Sekretärin an. Er sagte nicht einmal Guten Morgen, sondern gleich: „Anneliese, können Sie versuchen, über einen Dr. Meyer etwas herauszubekommen? Er ist Gentechniker und wahrscheinlich ein bekannter Mann. An welcher Universität er gearbeitet hat, ist mir unbekannt, aber als Doktor muss er veröffentlicht haben. Er wird Ihnen seinen vollständigen Namen genannt haben.“
„Hier war niemand“, erklärte sie. „Dr. Meyer sagten Sie? Ohne Vornamen und das Geburtsdatum werden wir unter diesem Namen zu viele Einträge finden, um ihn sicher ausmachen zu können.“
Dr. Meyer wurde ohne weitere Probleme ein enger Mitarbeiter von Scherrer im Botanischen Institut.
Auch Sybille Walter hatte es eilig, an ihren Computer zu kommen. Sie klickte eine der bekannten Suchmaschinen an und gab den Namen Scherrer ein. Interessiert las sie über seine langjährige Tätigkeit in Tübingen am genetischen Institut, über seine großen Erfolge, die plötzliche Emeritierung und die Berufung nach Karlsruhe. „Um den Botanischen Garten will er sich kümmern?“, las sie erstaunt. Aber der doch nicht! Da steckt sicher mehr dahinter. Eine Frau? Wäre ihm zuzutrauen. Der lässt sicher immer noch nichts anbrennen. In Durlach wohnt er? Sybille Walter fand Gefallen daran, Professor Scherrer auf die Spur zu kommen. Mit dem Spürsinn der Journalistin ahnte sie eine interessante Geschichte. Ganz unwillkürlich nahm sie den Spiegel aus ihrer Handtasche, sah hinein, korrigierte das Make-up und die Lage ihrer blonden Haare. Ihr Spiegelbild lächelte sie an. „Ein Abenteuer?“, schien es zu fragen. „Rein dienstlich!“, gab sie zurück. Ihr Nachbar am Nebentisch grinste. „Rein dienstlich!“, wiederholte sie in seine Richtung.
2. KAPITEL
Die Arbeit im Institut war einfach. Meist ging es darum, Pläne für den Botanischen Garten zu entwerfen. Scherrer hatte immer neue Wünsche. Am liebsten wollte er die ganze Welt auf engstem Raum zeigen. Da er sehr viel und weit gereist war, kannte er die Vegetation vieler Länder und bestand auf möglichst originalgetreuen Nachbildungen der Landschaften. Außerdem verfolgte Scherrer weiterhin mit großem Interesse die Forschungen in der Morgenstelle Tübingen, als sei er immer noch der Chef des Genetischen Institutes.
In der Mittagszeit pflegte er durch den Fasanengarten zu spazieren und hatte es sehr gern, wenn sich Anne Neidhardt, seine Doktorandin, die Zeit nahm, mit ihm die alten Bäume zu bewundern.
Anne erledigte alle Arbeiten zu seiner Zufriedenheit, aber sie merkte, dass sie in ihren eigenen Forschungen nicht recht weiterkam. Sie sah, wie man sich in Tübingen bemühte, neue Pflanzensorten zu züchten, aber sie erkannte auch, dass alle Institute an den gleichen Pflanzen forschten. Immer kamen neue Tomaten – oder Maissorten auf den Markt, aber an die wichtigen Pflanzen zur Versorgung der Menschheit wie Baumwolle oder Weizen wagte sich kaum jemand heran. In welche Richtung wollte sie ihre eigenen Forschungen ausrichten?
„Warten Sie ab! Sobald wie möglich werde ich Ihnen ermöglichen zu reisen und Sie werden die Welt sehen. Dann werden Sie helfen, den Hunger in der Welt zu besiegen. Noch arbeiten wir an einem Botanischen Garten, aber so lernen Sie die Pflanzen kennen, die in aller Welt wachsen, und dann werden Sie auch Ihr spezielles Forschungsbiet finden. Ich bin sicher, Sie werden das schaffen“, tröstete Scherrer Anne Neidhardt auf den gemeinsamen Spaziergängen.
„Natürlich möchte ich das gern“, antwortete Anne, „aber ich bin an dieses Botanische Institut gefesselt, das zwar sehr interessant ist und mir doch nicht das ermöglicht, was ich eigentlich möchte.“
Auf ihren Spaziergängen begegneten sie oft einer jungen Frau, die mit einer Aktentasche unter dem Arm immer eilig zum Schloss lief. Sie trug auffallend hohe Absätze und einen kurzen Rock, der ihre langen Beine zur Geltung brachte. Die langen blonden Haare fielen über ihre schönen Schultern. Zuerst eilte sie nur vorbei und Professor Scherrer sah ihr nach. Aber als sie ihr öfter begegneten, spürte Anne Neidhardt, dass das wohl kein Zufall war. Sie sah auch, dass Professor Scherrer von dem Anblick der jungen Frau sehr angetan war. Was will sie wohl?, fragte sich Anne. Aber dann waren ihre Gedanken wieder ganz bei ihrer Arbeit.
Dr. Meyer bemerkte, wie sehr Anne hin- und hergerissen war, und half ihr auf seine sonderbare Art.
„Frau Neidhardt“, begrüßte er sie eines Morgens vor dem Institut. „Bevor Sie an Ihre Arbeit gehen, möchte ich Ihnen eine kleine Pflanze zeigen. Professor Scherrer weiß Bescheid. Wenn Sie möchten, dann kommen Sie mit zum Forschungszentrum für Umwelt. Es ist nicht weit. Wir müssen nur den Adenauer Ring hinuntergehen.“
„Ich weiß“, sagte Anne ungehalten. „Aber die Arbeit wartet. Gerade heute habe ich mir so viel vorgenommen.“
„Wir können leider nicht mehr warten“, sagte Meyer und sah sie eindringlich mit seinen schwarzen Augen an. „Die Pflanze stirbt ab, und dann kann ich Sie Ihnen nicht mehr zeigen.“
„Ich bringe eben meinen Rucksack hinein“, sagte Anne, nun doch interessiert, „dann komme ich mit Ihnen. Ich bin gespannt, was Sie für mich entdeckt haben.“
Sie mochte Dr. Meyer nicht, denn er schien ihr nicht ehrlich. Natürlich setzte er sich für den Botanischen Garten ein wie kein Zweiter und seine globalen Pflanzenkenntnisse waren wirklich ungewöhnlich. Besonders die Vegetation Nordafrikas beherrschte er wie niemand sonst. Das brachte ihm auch bei der Universitätsleitung manches Lob ein, aber er schien auch andere Ziele zu verfolgen, über die er nie sprach.
Nachdenklich öffnete sie die blaue Tür zum Institut, bewunderte wie fast jeden Morgen kurz die feine Stuckarbeit an der Backsteinfassade, sprang schnell die Stufen zum ersten Stock hoch, lief den langen Gang entlang bis zu ihrem Zimmer und war kurz darauf zurück. „Ich bin wieder da“, sagte sie, ein wenig außer Atem und schüttelte ihren braunen Wuschelkopf.
„Dann können wir losgehen.“
Dr. Meyer schritt kräftig aus und Anne hatte Mühe mitzukommen. Zwar machte ihr Joggen nichts aus, aber Meyer hatte einen ungewöhnlichen Rhythmus und sie hatte Schwierigkeiten, sich seinem Schritt anzupassen.
Am Botanischen Garten hielt Meyer an und zeigte auf die Gewächshäuser. „Die Scheiben sind trüb geworden. Es wird schwer sein, die Gewächshäuser wieder in Ordnung zu bekommen. Die langen Baumaßnahmen schaden den Pflanzen. Wir werden auch da weiterhin investieren müssen, aber das wissen Sie ja aus den vielen Anträgen, die ich stelle. Wir brauchen einen Sponsor, eine Firma, die unsere kleinen Forschungsarbeiten so unterstützt, dass wir die großen Aufgaben bewältigen können.“
„In der Führung eines Botanischen Gartens sehen Sie eine große Aufgabe?“, fragte Anne erstaunt. „Sie wissen doch auch, dass die systematische Botanik aus dem Blickzentrum der Forschung herausgefallen ist. Alle Forscher beschäftigen sich nur noch mit Genen.“
„Es ist nicht gut, dem allgemeinen Strom nachzuschwimmen“, sagte Meyer. „Wenn man wirklich bahnbrechende Erkenntnisse finden möchte, muss man ungewöhnliche Wege gehen.“
„Sie denken an Heinrich Hertz, der hier in Karlsruhe gearbeitet hat, und seine Entdeckung der elektromagnetischen Wellen?“
„Wie kommen Sie gerade darauf?“, fragte Meyer. „Ja, zum Beispiel an ihn. Niemand hielt elektromagnetische Wellen für möglich und heute arbeitet alle Welt mit seiner Entdeckung.“
„Gehen wir also auch ungewöhnliche Wege“, sagte Anne und lächelte. „Also, was wollten Sie mir zeigen?“
„Kommen Sie“, sagte Meyer. „Wir haben es nicht mehr weit.“
Bald hatten sie den Eingang zum Umweltzentrum erreicht.
„Wir gehen unter dem gelben Verbindungsbau hindurch“, schlug Meyer vor. „Dort ist die Wiese, die ich Ihnen zeigen möchte.“
Anne schaute bewundernd in die Runde. „Der Innenhof ist aber schön gestaltet“, meinte sie. „Ein runder Pavillon mit einer Pflanzenkrone zum Treffen in der Mittagspause ist doch etwas Schönes. Wenn es wirklich warm wird, dann ist dieser Platz sicher gut besucht.“
Meyer sah zum Himmel, wo graue Wolken entlangzogen. „Das späte Frühjahr hilft uns“, sagte er. „Sonst wäre die Pflanze, die ich Ihnen zeigen möchte, sicher schon verblüht.“
Anne folgte ihm neugierig. Sie gingen unter dem Verbindungsbau hindurch und standen dann an einer Wiese voller Habichtskräuter.
„Sehen Sie“, sagte Meyer, „die Wiese kann man kaum noch erkennen. Die Beschattung durch die hohen Bäume bringt für die Habichtskräuter den größten Vorteil. Die Wiese ist einschürig, das heißt, sie wird nur einmal im Jahr gemäht. Es ist ein seltener Magerrasen, denn natürlich wird sie nicht gedüngt. Aber nun kommen Sie. Die Pflanze, die ich Ihnen zeigen möchte, ist sehr klein.“
Er wandte sich nach Anne um. Sie war an einer der vierkantigen Säulen stehen geblieben, die überall in der Wiese standen. Auf den Säulen lagen Nachbildungen menschlicher Gehirne aus Stein. „Das sieht komisch aus“, meinte Anne. „So viele Gehirne und alle denken isoliert für sich allein. Es wirkt irgendwie unheimlich.“
„Das Gehirn ist nach der altägyptischen Vorstellung nicht das Wichtigste im menschlichen Körper“, sagte Meyer nachdenklich und zog die schwarzen Augenbrauen zusammen.
„‚Denklandschaft‘ hat der Künstler sein Kunstwerk genannt“, las Anne auf einem Schild vor.
„Wenn es danach ginge, müssten hier Herzen auf den Säulen liegen“, sagte Meyer, „denn nach der altägyptischen Heilkunst ist ja das Herz das Zentrum des Denkens und Fühlens und das Gehirn dient nur zu Kühlung des Blutes.“
Er schaute zu ihr hinüber, als erwarte er ein abschätziges Lächeln, aber Anne sagte ganz ruhig: „Dr. Meyer, wenn man mit Professor Scherrer zusammenarbeitet, dann lernt man auch die altägyptische Kultur kennen. Sie wissen doch um seine Vorliebe.“
„Lassen Sie die Gehirne ruhig weiterdenken“, sagte Meyer und schaute forschend zu Boden. „Hier ist Ihre Pflanze!“
Anne ging zu ihm und sah erstaunt auf eine kleine Pflanze, die deutlich zurückgesetzt hatte. Zwischen braunen Blättern ragte eine kleine Ähre nach oben, die Schötchen trug. Zwischen all den Habichtskräutern war sie kaum zu sehen.
„Das ist Ihre Pflanze“, sagte Meyer.
„Meine Pflanze?“, wunderte sich Anne. „Warum ist das meine Pflanze?“
„Vom Gefühl her weiß ich, dass diese Pflanze für Sie eine ganz besondere Bedeutung hat. Gestern war sie noch ganz grün und begann zu fruchten. Schade, dass sie heute abgestorben ist.“
„Vom Gefühl her“, lachte Anne, „und das sagen Sie hier zwischen all den Gehirnen.“
„Das Gehirn ist nicht das Wichtigste, sagten Sie selbst“, antwortete Meyer lächelnd. „Kennen Sie die Pflanze?“
„Sie kennen sie nicht?“, fragte Anne erstaunt.
„Doch“, sagte Meyer. „Ich kenne sie schon seit langer Zeit und habe sie überall gesucht. Mein Gefühl sagt mir, dass ich sie jetzt endlich gefunden habe.“
„Dann nehmen wir den Schatz mit“, schlug Anne vor. „Es ist Arabidopsis, die Ackerschmalwand. Sie hat größte Bedeutung für die Wissenschaft bekommen. Alle botanisch genetischen Institute arbeiten mit ihr, weil sie ein einfaches Genom hat und sich so gut verändern lässt.“
„Ich weiß“, sagte Meyer. „Aber dieses Exemplar hat für Sie eine ganz besondere Bedeutung. Nehmen Sie die Pflanze mit.“
„Soll ich sie herausziehen?“, fragte Anne. Sie bückte sich und zog das Pflänzchen aus dem Boden. Braun und welk lagen die Blätter in ihrer Hand und unscheinbar war auch die kleine Ähre mit den noch nicht ganz reifen Schoten.
„Sie ist abgestorben“, sagte Meyer.
„Aber Dr. Meyer, Sie sind ja richtig traurig“, wunderte sich Anne.
„So viele Jahre habe ich diese Pflanze gesucht“, sagte Meyer. „Nun ist sie an dem Tag verwelkt, an dem ich sie in Ihre Hände geben wollte.“
„Arabidopsis hat einen ganz festen Lebensrhythmus“, sagte Anne. „Das weiß ich von meinen Forschungen in Tübingen. Bei Scherrer musste man seine Diplomarbeit über Tomaten oder über Arabidopsis schreiben. Wir haben intensiv an der kleinen Pflanze geforscht. Angelika Richter und ich, wir hatten ein eigenes Labor. Es war eine schöne Zeit. Ich werde die Pflanze untersuchen und dann werden wir herausfinden, warum sie für mich so eine Bedeutung haben soll.“ Sie sah auf. Dr. Meyer strahlte sie an, wie Sie ihn noch nie hatten lächeln sehen. Ein bisschen verwundert sagte sie: „Jetzt müssen wir aber zum Institut zurück. Professor Scherrer wird uns schon vermissen.“
Anne nahm die Arabidopsis mit in ihr Labor und legte die welken Blätter unter das Mikroskop. Die Zellen in den Blättern waren fast alle abgestorben, nur wenige waren grün geblieben und schienen noch zu leben. Die haben den Befehl des Todes nicht bekommen, dachte Anne und sah vom Mikroskop auf. Sie hatte das Gefühl, nicht allein im Labor zu sein. Es war, als hätte ihr jemand dieses Wort vom Befehl des Todes zugeflüstert. Ja, sie kannte die Apoptose, den Zelltod, den eigenartigen Befehl, der von Zelle zu Zelle weitergegeben wurde und zum Absterben ganzer Gewebe führte.
Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster. Im Spiegelbild glaubte sie eine Katze zu sehen. Keine Hauskatze, eher eine menschliche Gestalt mit dem Kopf einer Katze oder einer Löwin. Irritiert schaltete sie das Licht im Labor mit dem Schalter unter dem Tisch an und das seltsame Spiegelbild verschwand.
„Ein eigenartiger Tag“, sagte Anne vor sich hin. „Erst Meyer und seine Gedanken und nun meine Fragen … Arabidopsis wächst innerhalb von neunzig Tagen, kommt zur Fruchtreife und stirbt sehr schnell ab. Warum hat sich Meyer so gewundert? Sollte Arabidopsis ein Todesgen haben, das wie eine innere Uhr den Befehl zum Absterben von Zelle zu Zelle weitergibt? Was wäre, wenn die wenigen verbliebenen Zellen kein Todesgen hatten und deshalb den Befehl nicht verstehen konnten? Würden sie dann weiterleben? Sollten diese Zellen unsterblich sein? Würden sie sich immer weiter vermehren?“
Anne unterbrach das Selbstgespräch. Ich muss mit Professor Scherrer darüber reden, dachte sie und stellte das Mikroskop zur Seite. Dann sah sie sich im Labor um. Wir haben die nötigen Geräte, um die Zellen aus dem Zellverband zu lösen, dachte sie. Das Verfahren kenne ich von Angelika. Sie hat damals Kartoffelzellen isoliert und gereinigt. Das ließe sich auch hier mit den Arabidopsiszellen machen. Dann müsste man versuchen einen Kallus zu ziehen. Auch das war mit der Ausstattung hier möglich. Das gut eingerichtete Labor verfügte über Zentrifugen und Brutschränke mit Beleuchtung.
„Also, an die Arbeit“, sagte Anne laut. „An die Arbeit“, klang es wie ein Echo zurück. Das große schöne Gebäude ist so leer, dachte Anne, dass sogar meine eigene Sprache wie ein Echo klingt.
3. KAPITEL
Auf dem Schreibtisch häuften sich die Papiere. Scherrer nahm einen Brief auf, um ihn gleich wieder zur Seite zu legen. Das Telefon läutete. Scherrer sah den Apparat wie einen persönlichen Feind an, aber dann nahm er langsam ab. „Ja, bitte?“, fragte er in den Hörer.
„Ein Gespräch aus Luxor, Herr Professor. Dr. Nubi!“
„Danke, Anneliese, stellen Sie durch!“
Es rauschte einen Moment im Hörer, dann kam klar und deutlich die dunkle Stimme seines Freundes Nubi. „Edwin, bist du es?“
„Ja“, sagte Scherrer. „Welch eine Überraschung! Ich sitze hier am Schreibtisch und denke über neue Projekte nach. Dein Brief ist angekommen. Danke für deine Unterstützung.“
„Du hast lange nichts mehr von dir hören lassen, Edwin. Ich denke oft an die alten Zeiten und unsere interessanten Gespräche über die Unsterblichkeit. Du bist der Unsterblichkeit nun doch viel näher gekommen.“
„Wie meinst du das?“, fragte Scherrer irritiert.
„Man hört und liest viel von deinen Forschungen in der Gentechnik.“
„Ich hoffe, nur Gutes.“
„Leider nicht nur“, sagte Nubi. „Auch viel Kritisches. In den arabischen Ländern steht man den Experimenten der westlichen Welt sehr abwartend gegenüber. Die neuen Techniken greifen tief in das Geschehen am Lebendigen ein. Das weißt du selbst. Aber ich rufe aus einem anderen Grunde an. Wie du weißt, habe ich erreichen können, dass hier Versuchsfelder angelegt werden dürfen. Hättest du die Möglichkeit, dafür nach Ägypten zu kommen? Deine Anwesenheit würde dem Projekt mehr Bedeutung geben. Aber nicht nur deshalb! Ich würde mich freuen, wenn wir unsere alte Freundschaft auffrischen könnten. Es gibt auch neue sehr interessante Ausgrabungen. Kürzlich wurde das Grab eines Arztes entdeckt. Nein, nicht Imhoteb, ein bisher unbekannter Arzt. Trotzdem sehr interessant! An den Wänden sind viele Zeichnungen der alten Heilpflanzen. Das würde dich doch sicher interessieren. Du bist lange nicht mehr in Ägypten gewesen. Wirst du kommen?“
„Ich denke schon“, sagte Scherrer zögernd.
„Mein Freund“, sagte Nubi. „Ich habe das Gefühl, du könntest einen Urlaub von deinen Mikroskopen und Brutschränken gebrauchen. Hast du den Sarkophag und die Katzenstatue noch?“
Scherrer nickte, als könne sein Freund ihn sehen. „Und all die anderen Kunstschätze auch. Sie stehen in meinem Arbeitszimmer und inspirieren mich. Ich habe unsere Fahrt durch die Wüste nie vergessen. Auch unsere Gespräche nicht. Unsterblichkeit ist nicht gleichbedeutend mit ewiger Jugend! Weißt du noch, wie wir darüber diskutierten? Nun sind wir alt geworden. Dreißig Jahre ist es her. Das ist eine lange Zeit.“
„Die du gut genutzt hast, Edwin. Deine Forschungsjahre in Tübingen waren doch sehr erfolgreich.“
„Du hast sie besser genutzt, Nubi. Du hast einen Sohn, der inzwischen erwachsen ist. Der Schoß der Isis, weißt du noch?“
„Jeder hat seine Träume ein bisschen verwirklichen können. Dafür sollten wir dankbar sein“, sagte Nubi. „Gib mir Bescheid, wann du kommen kannst. Ist noch etwas? Du wirkst so nachdenklich!“
„Ich sehe gerade, dass meine Assistentin mit mir sprechen möchte. Ich melde mich bei dir, sobald ich mehr weiß.“
„Warte nicht zu lange mit deiner Antwort“, sagte Nubi. „Die Zeit vergeht. Wir werden älter und sind leider nicht unsterblich.“
Bei seiner Sekretärin wartete eine aufgeregte Anne Neidhardt darauf, endlich zum Herrn Professor vorgelassen zu werden.
„Frau Neidhardt“, begrüßte Scherrer Anne. „Haben Sie die Pflanze gesehen, die Dr. Meyer Ihnen so gern zeigen wollte? Der Mann war ganz aufgeregt.“
„Ja“, antwortete Anne. „Ich habe mich über sein Verhalten doch etwas gewundert. Die Pflanze wuchs am Forschungszentrum Umwelt.“
„Dr. Meyer sagte so etwas. Was für eine Pflanze ist das nun? Eine Bereicherung für den Botanischen Garten?“ Scherrer sah sie über die goldene Halbbrille amüsiert an. Er wirkte wie vor Jahren in Tübingen. Seine Haare waren grau geworden, aber noch immer hatte er seine Locken sorgfältig gelegt. Anne schüttelte ihren braunen Wuschelkopf. „Bitte setzen Sie sich doch“, schlug Scherrer vor. „Auch Sie wirken angespannt. Gibt es etwas Neues?“
Anne setzte sich, dann platzte sie heraus: „Eine Arabidopsis, sie wuchs in einem Magerrasen voller Habichtskräuter.“
„Arabidopsis? Die kennen wir doch hinreichend aus Tübingen. Deshalb machte Dr. Meyer so ein Aufheben?“
„Er sagte, es sei meine Pflanze“, erzählte Anne. „Ich habe sie mitgenommen, denn sie war bereits abgestorben.“
„Ja, Arabidopsis hat einen festgelegten Lebensrhythmus“, bestätigte Scherrer. „Das macht sie für die Forschung so interessant. Sie wächst sehr schnell und hat ein kleines Genom. Aber wem erzähle ich das? Sie wissen es selber. Das ganze Institut war doch voll mit diesen Pflanzen.“
„Deshalb ist uns auch bisher an dem Lebensrhythmus nichts Besonderes aufgefallen“, sagte Anne. „Könnte es sein, dass Arabidopsis ein Todesgen hat, das nach neunzig Tagen wirksam wird und den Zelltod, ich meine die Apoptose, von Zelle zu Zelle befiehlt? Normalerweise sterben bei einer Pflanze nur wenige Teile ab, aber hier endet das Leben der ganzen Pflanze ziemlich abrupt.“
Erstaunt bemerkte Anne, wie Scherrer blass wurde. „Ein Todesgen?“, fragte er mit belegter Stimme. „Das wäre möglich. Bei dem kleinen Genom dürfte es wohl nur ein Gen sein, das wie eine innere Uhr alles in Gang setzt. Andere Lebewesen, wie auch der Mensch, haben viele Todesgene, die den Tod bewirken.“ Er starrte auf die Wand, als sähe er einen Geist. Anne räusperte sich, um Scherrer wieder auf sich aufmerksam zu machen. „Haben Sie noch mehr herausgefunden?“, fragte Scherrer und sah sie wieder an. „Verzeihen Sie. Gerade eben habe ich mit meinem Freund Nubi aus Ägypten telefoniert, da sind meine Gedanken noch ganz woanders.“ Er lächelte entschuldigend.
„Ja, mir ist noch mehr aufgefallen“, fuhr Anne fort. „Einige Zellen in den Blättern leben noch. Sie haben den Befehl zur Apoptose entweder nicht bekommen oder ihn ignoriert. Ich möchte diese Zellen isolieren.“
„Zu welchem Zweck?“
„Um herauszufinden, warum sie nicht starben“, erklärte Anne. „Pflanzenzellen sind ja potentiell unsterblich. Vielleicht hat die Arabidopsis ein Todesgen.“
„Unsterblich?“, fragte Scherrer und sah sie nachdenklich an. „Darüber habe ich gerade mit meinem Freund gesprochen. Die Ägypter träumten von Unsterblichkeit. Mein Freund meinte, ich sei diesem Traum in meinem Forscherleben näher gekommen, was ich verneint habe. Nun kommen Sie und erzählen mir etwas von unsterblichen Zellen, die kein Todesgen haben.“
„Kann ich diese besonderen Zellen zur Kalluszüchtung vorbereiten?“, fragte Anne. „Ich würde gerne wieder forschen.“
„Natürlich“, antwortete Scherrer. „Forschen Sie! Ich bin froh, dass Sie nach Karlsruhe mitgekommen sind. Ich möchte selber wieder forschen. Meine Aufgabe mit dem Botanischen Garten lässt mir die Zeit dazu. Darf ich ganz spontan einen Vorschlag machen? Da Sie die Unsterblichkeit ansprechen, möchte ich Ihnen die Schwerpunkte in meinem Forscherleben erklären. Außerdem hätten wir dann auch Zeit, Ihre Arbeit zu besprechen. Ich habe das Gefühl, dass Sie auf etwas ganz Besonderes gestoßen sind. Darf ich Sie zu einem Gespräch in mein Haus einladen?“ Scherrer öffnete seinen Terminkalender. „Am Donnerstagabend hätte ich Zeit. Könnten Sie den Termin wahrnehmen?“ Dabei sah er sie fast bittend an.
Anne überlegte kurz. Doch, das wäre möglich. Der Professor schien ihre Pläne sehr ernst zu nehmen. „Ja“, antwortete sie mit fester Stimme, „ich komme gern.“
„19.00 Uhr?“, fragte Scherrer. „Ich würde mich sehr freuen.“
„Kann ich ab jetzt meine Zeit für die Forschung am Todesgen verwenden?“
„Forschen Sie, so viel Sie wollen“, sagte Scherrer. „Dr. Meyer und ich kommen mit der Arbeit am Botanischen Garten gut genug voran. Forschen Sie! Ihre Forschungen sind mir sehr wichtig. Ja, sie erfüllen sogar einen Traum von mir. Aber das erkläre ich Ihnen am Donnerstag.“
Sehr nachdenklich ging Anne in ihr Labor zurück und begann damit, die Zellen zu isolieren und für die Kalluszüchtung vorzubereiten.
Als Professor Scherrer und Dr. Meyer abends das Gebäude verließen, brannte in Annes Labor noch Licht. „Gute Nacht, Herr Professor“, sagte Meyer. „Unsere Frau Neidhardt arbeitet noch.“
„Ich danke Ihnen“, antwortete Scherrer und reichte ihm die Hand. „Sie haben uns sehr geholfen.“
Meyer ergriff die Hand des Professors. Scherrer spürte die Kälte der Hand und zuckte zusammen. Schnell ließ er Meyers Hand los und ging rasch hinüber zur Haltestelle der Straßenbahn.
Minuten später fuhr er mit der Bahn nach Durlach. Ich habe gar nicht gesehen, wo Meyer geblieben ist, dachte Scherrer. Er war plötzlich verschwunden.
Als Scherrer durch seinen Garten ging, war er froh, dass das Haus hell erleuchtet war. Diesmal zögerte er, die Katzenfigur anzufassen, denn es war ihm, als schaue ihn ein sehr lebendiges Tier an. Aber das beruhte nur auf seiner Einbildung und der ausgezeichneten Arbeit des ägyptischen Bildhauers.
In den nächsten Tagen sah Scherrer Anne nur kurz, wenn er in ihr Labor schaute. Sie war morgens schon an der Arbeit, wenn er kam, und abends noch an der Arbeit, wenn er das Institut verließ. Scherrer nutzte die Zeit in seinem Büro, um sich über den neuesten Stand der Forschung mit Arabidopsis zu informieren.
Auch Sybille Walter informierte sich über Arabidopsis. Ich muss Bescheid wissen, wenn ich mit dem Herrn Professor ins Gespräch kommen will, dachte sie. Wenn er weiterforscht, dann ganz sicher nur mit dieser Pflanze. Ein Kribbeln auf der Haut verriet ihr, dass sie auf der richtigen Spur war.
4. KAPITEL
Scherrer wohnte in einer der Villen in der Turmstraße in Karlsruhe-Durlach. Von der Straße aus sah man das Haus nicht, sondern nur den großen Garten, besonders im Sommer, wenn die Ligusterhecke hochgewachsen war. Aber von seinem Arbeitsraum hatte man einen wunderbaren Blick über Durlach bis in die Rheinebene. Als Scherrer an diesem Tag nach Hause kam, sah er, dass seine Frau zu Hause war. Er war ganz erleichtert. Auf Dagmar konnte er sich verlassen. Als junger Mann hatte er um sie geworben. Selber noch Doktorand am Botanischen Institut warb er um die reiche Tochter des bekannten Fabrikanten. Sie hatten sich im Botanischen Garten kennengelernt. Als er seinen Doktor mit summa cum laude erworben hatte, war er der willkommene Schwiegersohn. Dagmar hatte dann später die Firma ihres Vaters übernommen, nachdem der alte Herr nach kurzer Krankheit gestorben war. So hatte jeder seinen Bereich. Man lebte zusammen, aber doch ging jeder seine eigenen Wege. Dagmar hatte ihm durch ihre Beziehungen die Wege geebnet, die er brauchte, um den Direktorposten des Institutes in Tübingen zu bekommen. Aber seine Forschungen blieben seine ganz eigene Welt. Nie betrat sie die Labore, nie fragte sie nach seiner Arbeit, und nur ganz selten rief sie einmal im Institut an. So war es auch in Karlsruhe geblieben.
Dagmar erwartete ihn im Wohnzimmer. Scherrer begrüßte sie mit einem Kuss auf die Stirn, wie er es immer tat.
„Du bist heute früh da“, sagte Dagmar lächelnd und sah ihn mit ihren blauen Augen liebevoll an.
„Ich hatte einfach Freude daran, nach Hause zu kommen“, sagte Scherrer.
„Schade“, sagte Dagmar, „dass ich ausgerechnet jetzt noch einmal fortmuss. Wir haben eine Delegation bei uns. Da wird erwartet, dass man für die abendliche Unterhaltung sorgt. Wie wäre es, wenn du mitkämst?“
Scherrer sah seine Frau an. Sie war eine Frau, mit der man Karriere machen konnte, und sah immer noch gut aus. Ihre blonden Haare waren nicht mehr so strahlend wie früher, und der Farbe hatte sie ein wenig nachgeholfen, aber sie hatte die gleiche schlanke Figur wie damals, als sie sich kennenlernten.
„Leider kommt noch meine Assistentin“, sagte Scherrer und lächelte bedauernd. „Sie hat ein interessantes Thema für ihre Doktorarbeit gefunden. Es geht um Todesgene.“
„Todesgene?“, fragte Dagmar, als habe sie etwas Unangenehmes angefasst. „Was ihr alles fertigbringt! Du kommst also nicht mit?“
„Leider geht es nicht“, sagte Scherrer und versuchte so auszusehen, als täte es ihm leid.
„Dann ist es ja auch nicht schlimm, wenn es heute Abend sehr spät werden sollte“, sagte Dagmar und beobachtete ihn dabei genau.
Scherrer ließ sich seine Erleichterung nicht anmerken.
Anne klemmte die Mappe mit ihren Unterlagen unwillkürlich fester unter den Arm. Hier in der Turmstraße wohnte der Professor also. Was würde sie erwarten? Es war sicher kein Zufall, dass er sie zu sich nach Hause bestellt hatte. Ein gutes Essen? Leise Musik? Abgedunkelte Beleuchtung? Diskrete Hausangestellte? Nach dem, was man sich in Tübingen erzählt hatte, musste er ein Meister der Verführung sein. Nein, das wollte sie auf keinen Fall!
Als sie das Gartentor öffnete, holte sie tief Luft und schritt zügig den Weg zum Haus hoch. Das Haus lag am Hang mit einem schönen Blick auf Karlsruhe. Vom großen Fenster aus konnte man sicher auch die Universität sehen. Stand da nicht ein Schatten am Fenster? Beobachtete Scherrer sie? Anne hütete sich, genauer hinzusehen, um ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Auf dem Gartenweg kam ihr eine junge Frau entgegen. Sittsam gekleidet in schwarzem Kleid und mit einer Rüsche im dunklen Haar. Das Hausmädchen, dachte Anne. Die Zeiten haben sich nicht geändert.
„Sie sind Frau Neidhardt?“, fragte das Mädchen. „Darf ich Sie hineinführen? Der Professor erwartet Sie bereits.“
Anne folgte dem Mädchen zum Eingang. Eine schwarze Katzengöttin schien sie anzulächeln. Irritiert schaute Anne genauer hin. Es war wohl nur das Licht, das den Gesichtszügen der Statue aus schwarzem Granit Leben eingehaucht hatte.
Das Mädchen öffnete die schwere Tür und ließ sie ein. Dunkel, aber nicht unfreundlich wirkte der Flur. In gedämpfter Beleuchtung standen ägyptische Statuen rechts und links vom dicken, roten Teppich. Lautlos kam ihr Scherrer entgegen. Er hatte den dunklen Anzug, den er stets im Institut trug, gegen einen leichten, hellen getauscht und ging federnd über den weichen Teppich. Wie ein Tiger, der zum Sprung bereit ist, dachte Anne. Sie sah zu ihm auf und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich hoffe, ich bin pünktlich“, sagte sie lächelnd.
„Aber natürlich“, sagte Scherrer und nahm ihre Hand mit kräftigem, aber nicht zu festem Händedruck. „Ich habe Sie schon erwartet, weil ich mich auf das interessante Gespräch mit Ihnen freue. Darf ich Sie in mein Arbeitszimmer führen?“
Galant nahm er ihren Arm und führte sie in einen großen Raum im Erdgeschoss. Man kann durch das Fenster bis zum Institut sehen, dachte Anne. Vielleicht hat er danach geschaut und gar nicht nach mir. Scherrer sah ihren Blick und sagte: „So vergesse ich meine eigentliche Aufgabe auch nicht, wenn ich zu Hause bin.“
Anne lächelte höflich und sah sich rasch im Raum um. Die Einrichtung war elegant, aber nicht protzig. Ledersessel luden zum Verweilen ein, eine Bücherwand bis an die Decke war gut gefüllt mit kostbaren Folianten, indirekte Beleuchtung gab dem Raum ein angenehmes, unaufdringliches Licht. In einer Ecke lag ein aufgeschlagenes Buch unter einer kunstvollen Stehlampe. „Dort ist mein Lieblingsplatz“, sagte Scherrer. Er beobachtet mich ganz genau, dachte Anne.
„Bitte setzen Sie sich doch“, sagte Scherrer und bot ihr einen Platz auf der breiten Ledercouch an. Anne setzte sich und legte ihre Mappe auf den Marmortisch vor sich. Wie selbstverständlich nahm Scherrer ihre Unterlagen und legte sie zur Seite. „Darf ich Ihnen einen Sherry zum Empfang anbieten?“, fragte er. Anne nickte. „Unsere Köchin hat einen kleinen Imbiss für uns gerichtet. Das ist Ihnen doch recht?“, fragte er weiter, ohne eine andere Antwort als eine Bestätigung zu erwarten.
Anne zögerte einen Augenblick, bis sie mit einem strahlenden Lächeln nickte. Natürlich, genau das hatte sie erwartet. Aber sie würde mit der Situation schon fertig werden.
„Ich hoffe, unser Treffen kommt Ihnen nicht ungelegen?“, fragte Scherrer.
„Wenn es Ihnen keine Umstände macht“, sagte Anne leise.
Scherrer lachte markig. „Nein, so haben wir mehr Zeit!“ Er ging zu einer ägyptischen Büste und öffnete den Königskopf. „Amenophis der Dritte“, sagte er dabei. „Ein englischer Sammler hat eine Bar aus dem Kopf gemacht. Eigentlich ein Verbrechen.“
Sie ist so ganz anders als im Institut, dachte er und sah aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber. Dass mir das nicht eher aufgefallen ist. Sie ist hübsch und charmant. Die weißen Kittel im Labor verdecken die Persönlichkeit. Ein Hauch von Wehmut kam auf. So war es eben. Wissenschaft und Leben, wie schwer ließ sich das vereinbaren! Lächelnd entnahm er der Bar eine Flasche Sherry und zwei Gläser und kehrte zurück. Gekonnt schenkte er ein und setzte sich neben sie. Dann hob er sein Glas und sah ihr tief in die Augen. „Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit!“
Anne hob ihr Glas. Scherrers Blick ging ihr durch und durch. Irritiert nippte sie am Sherry.
„Trinken Sie ruhig. Es ist bester, alter Sherry aus Irland. Ein Freund lässt mir regelmäßig Sendungen zukommen, die ich nur zu ganz besonderen Anlässen anbiete“, sagte Scherrer.
Anne überhörte geflissentlich die Schmeichelei. „Ihre ägyptischen Sammlungen sind wunderschön“, sagte sie. „Draußen habe ich die Katzengöttin bewundert. Ich habe eine solche Statue auf Abbildungen gesehen. Ich glaube, sie kommt aus Kom Ombo.“
„Oh“, sagte Scherrer, „Sie kennen sich in Ägypten aus?“
„Nein, ich bin noch nie dort gewesen, aber ich bewundere das große Wissen und die Kunst der Ägypter. Die Steinmetze verstehen es, die Dinge so natürlich wiederzugeben, als würden sie leben.“
„Wie schön Sie das sagen: Natürlich! So sehe ich das auch. Meterhohe Statuen, große Schriftzeichen in riesigen Säulen und doch trifft das Wort natürlich zu.“
„Waren Sie schon oft in Ägypten?“, fragte Anne. „Wie gern würde ich das Land einmal kennenlernen, das solche Statuen wie die Katzengöttin am Eingang hervorgebracht hat. Komisch, als ich vorhin an ihr vorbeiging, meinte ich einen Augenblick lang, sie schaue mich an.“
„So“, sagte Scherrer, plötzlich seltsam abwesend, „ich kenne das Gefühl. Eigenartig, in der letzten Zeit ist das schon öfter geschehen. Die Figuren haben mich ein Leben lang begleitet, aber nun scheinen sie mir etwas sagen zu wollen. Mit meinem Freund Nubi, einem ägyptischen Geschäftsmann, habe ich viele Ausgrabungen unternommen und einige Gegenstände mitnehmen dürfen. Sie scheinen für diese Kunst empfänglich zu sein.“ Als habe er gemerkt, dass er einen Augenblick geistig abwesend gewesen war, fügte er hinzu: „Entschuldigen Sie, ich war unaufmerksam. Möchten Sie noch von dem Sherry?“
Er lächelte sie an und war wieder ganz der Professor. Will er mich betrunken machen?, dachte Anne ein bisschen enttäuscht. Sie schüttelte den Kopf und ihre braunen Locken fielen ihr ins Gesicht. „Vielleicht später.“
Scherrer sah ihr junges Gesicht und ihre vollen Lippen und ein unbändiges Verlangen stieg in ihm auf, diese Lippen zu küssen. „Dann darf ich Ihnen meine größte Kostbarkeit zeigen?“, fragte er und erhob sich.
Neugierig stand auch Anne auf. In dem Augenblick klopfte es an der Tür. „Herein“, rief Scherrer ungehalten. Das Hausmädchen erschien mit einem silbernen Tablett, auf dem Teller mit duftenden Pastetchen standen.
„Ist es jetzt recht?“, fragte sie, als sie die Teller auf den Tisch stellte. „Sie haben es so bestellt.“
„Ist gut“, sagte Scherrer, „vielen Dank, Irmgard.“ Er wartete, bis Anne sich wieder gesetzt hatte. Die Zeit ist schlecht gewählt, ärgerte er sich, während er aus dem Königskopf eine Flasche Wein holte. Aber er fing sich rasch, entkorkte die Flasche und sagte: „Ein zarter Rosé-Wein von den Tübinger Hängen. Ich hoffe, Sie mögen so etwas.“
Anne nickte überrascht und ließ ihn einschenken. Scherrer hob das Glas, um mit ihr anzustoßen, da begann er zu husten. Er versuchte noch, sein Glas auf den Tisch zu stellen, doch der Husten ließ es nicht mehr zu. Schnell nahm Anne ihm das Glas ab, aber Wein tropfte auf den Tisch. Scherrer nickte dankend und bemühte sich, Luft zu bekommen. „Bitte!“, keuchte er und deutete auf den Tisch mit der Leselampe. Anne sah eine kleine Spraydose, sprang auf und holte sie. Scherrer rang um Luft, nahm das Spray und sprühte es in den Rachen. Das Medikament entfaltete rasch seine Wirkung und Scherrer konnte nach und nach wieder ruhiger atmen. „Entschuldigen Sie“, sagte er immer noch atemlos, „es ist mir furchtbar peinlich, aber der Husten lässt mich einfach nicht mehr los.“
„Waren Sie schon beim Arzt?“, fragte Anne besorgt.
„Mein Hausarzt hat mir das Spray gegeben“, antwortete Scherrer, der sich sichtlich besser fühlte, „damit bekomme ich so einen Anfall gut unter Kontrolle.“
Was man sieht, dachte Anne. Männer! Bestimmt war er nicht beim Arzt. Aber das war nicht ihr Problem.
Scherrer griff hinter die Lehne des Sofas und läutete. Sofort erschien das Hausmädchen. „Irmgard, würden Sie bitte den Tisch abwischen?“, sagte Scherrer und zu Anne: „Aber setzen Sie sich doch. Der kleine Zwischenfall sollte uns den Abend nicht verderben.“
Irmgard nahm die Teller zur Seite, wischte mit einem Tuch den Tisch ab und stellte die Teller wieder hin. Dann verließ sie diskret den Raum. Anne setzte sich vorsichtig und Scherrer wartete, bis sie die Gabel nahm, um die Pastetchen zu probieren.
„Es gibt wenige Frauen, die ägyptische Kunst wirklich verstehen“, sagte Scherrer. „Auch wenige Männer“, fügte er lächelnd hinzu. „Sehen Sie“, dabei zeigte er auf seine große Bücherwand, „die Hälfte meiner Literatur beschäftigt sich mit Gentechnik und die andere Hälfte mit Kunst, Mystik, Philosophie und eben auch Ägypten. Eigentlich zwei widersprüchliche Fachgebiete, und doch habe ich das Gefühl, sie würden zusammengehören.“
Anne probierte die Pastetchen. Sie waren ausgezeichnet.
„Viele meiner Kollegen sind der Meinung“, fuhr Scherrer fort, „dass moderne Gentechnik und Ägypten überhaupt nicht zusammenpassen würden, und belächeln mein Hobby. Aber ich glaube, dass die alten Ägypter wesentlich mehr wussten oder ahnten, als wir bisher entschlüsselt haben.“
„Das denke ich auch“, bestätigte Anne und nahm einen Schluck Wein. „Ich bewundere den Papyrus über Ihrem Schreibtisch im Büro. Die Szenen sind so lebendig, als wären sie erlebt und nicht erdacht.“
„Dann freue ich mich darauf, Ihnen meine größte Kostbarkeit zu zeigen“, sagte Scherrer begeistert. „Aber erst wollen wir essen.“ Er selber griff herzhaft zu und genoss die Pasteten.
Nach dem Essen griff er hinter die Lehne und läutete. Geduldig wartete er, bis Irmgard abgeräumt hatte und Gebäck auftrug. Sie stellte neue Weingläser hin. Scherer stand auf und entnahm dem König eine neue Flasche. Als Irmgard gegangen war, sagte er: „Kommen Sie. Ich bin neugierig, was Sie dazu sagen.“
Anne stand auf und sah verstohlen auf die Uhr. Fast zwei Stunden war sie schon in der Wohnung und es versprach, eine lange Nacht zu werden. Scherrer stellte die Weinflasche auf den Tisch und ging in eine Ecke des Raumes, die geheimnisvoll im Dunkeln lag. Neugierig folgte ihm Anne. Er beugte sich zu einem Gegenstand hinunter, der auf dem Boden lag. Der Husten begann wieder. Eine Mahnung daran, dass Krankheit und Tod immer nahe sind, dachte er. Hoffnung liegt nur in der Unsterblichkeit. Ob sie das verstehen wird?
Vorsichtig hob er den Sarkophag und hielt ihn ins Licht. Erschrocken zuckte Anne zurück, als ihr ein ägyptischer König in die Augen sah. Augen und Mund wirkten so lebendig, als wolle er im nächsten Augenblick etwas sagen.
„Habe ich Sie erschreckt?“, fragte Scherrer amüsiert. „Das wollte ich nicht. Es ist ein Sarkophag, der für ein Königsgrab gedacht war. Er wurde nie benutzt, deshalb durfte ich ihn auch mitnehmen. Zeigen möchte ich Ihnen aber das hier. Kommen Sie bitte.“
Anne trat näher, ihr Gesicht war jetzt ganz nah neben dem seinen. Sie spürte den feinen Duft seines Rasierwassers. Er war ganz auf die Schriftzeichen konzentriert.
„Können Sie es sehen?“, flüsterte er, als verrate er ein großes Geheimnis.
Anne schaute genau hin. „Es sind Abbildungen aus dem Totenbuch“, antwortete sie.
„Genau“, bestätigte Scherrer, dicht neben ihr. Gleich wird er mich küssen, dachte Anne, aber Scherrer war ganz in die Bilder und Zeichen vertieft. „Es ist mehr“, flüsterte er. „Ich glaube, in diesen Symbolen ist das Geheimnis des Todes verborgen. Wenn wir sie erst einmal lesen können, sind wir dem größten Geheimnis der Menschheit einen Schritt näher. Als ich diesen Sarkophag aus Ägypten mitnehmen wollte, ist mir etwas Eigenartiges passiert.“
Scherrer schwieg. Seine Gedanken waren wieder bei jenem seltsamen Tag in Luxor.
Der Zoll war die eigentliche Klippe, nicht die Wüste. Das wurde ihm klar, als ihn die Sprechanlage ausrief. „Dr. Scherrer zum Zoll, Dr. Scherrer aus Tübingen zum Zoll!“
Verhaftung?, dachte Scherrer und sah sich um. Die Reisenden warteten auf ihre Abfertigung, als sei das nichts Besonderes. Noch blinkten nicht die Lichter, die das Einchecken anzeigten. Niemand beachtete ihn. Nebeneinander standen oder saßen Menschen aus allen Nationen, aber sie nahmen keine Notiz voneinander. Suche ich etwa Hilfe?, dachte Scherrer. Suche ich ein Gesicht, an dem ich mich festhalten kann?
„Sind Sie Dr. Scherrer aus Tübingen?“, fragte eine junge Stimme hinter ihm. Erstaunt drehte sich Scherrer um. Da stand eine schlanke, junge Frau in blauer Dienstuniform. Irgendetwas irritierte ihn. Vielleicht der mandelförmige Augenschnitt, das breite Gesicht oder dass sie die Haare unter einem Kopftuch verborgen trug und nicht das blaue Schiffchen im Haar hatte wie ihre Kolleginnen. „Ich bringe Sie zum Zoll“, sagte sie. „Es gibt Schwierigkeiten.“
„Kennen wir uns?“, fragte Scherrer. Sie lächelte höflich über die plumpe Anmache. „Ich meine das nicht so“, stotterte Scherrer und ärgerte sich über sich selbst. „Ihr Gesicht.“
„Was ist damit?“ Jetzt sah ihn die junge Frau erstaunt an. „Es kommt mir so bekannt vor, als hätte ich Sie schon einmal gesehen“, antwortete Scherrer. „So ein Gesicht vergisst man nicht.“
„Soll das ein Kompliment sein?“, fragte die junge Frau und fuhr leise fort: „Man wird auf uns aufmerksam. Ich will Ihnen helfen. Stellen Sie keine weiteren Fragen. Überlassen Sie alles mir. Jetzt folgen Sie ganz unauffällig.“
Sie wandte sich ab und ging mit raschen Schritten durch die Halle voraus. Viele Blicke folgten ihr. Scherrer sah sich um und beeilte sich, ihr zu folgen. Kein Aufsehen, dachte er, aber das ist doch Hathor, die Göttin! Das flache Gesicht mit den mandelförmigen Augen. Das kann nicht sein! Trägt sie ein Kopftuch, damit man ihre Ohren nicht sieht? Ich war zu lange in Ägypten und seine Götter verfolgen mich nun.
Als habe sie seine Gedanken erraten, drehte sich die junge Frau um. „Wir haben gemeinsame Interessen. Das haben Sie gespürt und deshalb glauben Sie, mich zu kennen“, sagte sie. „Gehen Sie neben mir, dann fallen Sie weniger auf.“
Scherrer hielt sie am Arm zurück. „Was sind das für gemeinsame Interessen, die Sie da ansprechen? Was geht hier vor?“
Die junge Frau sah mit einem spöttischen Blick auf Scherrers Hand. Sofort ließ er den Arm los. „Vertrauen Sie mir einfach“, sagte sie. „Sie haben sich darauf eingelassen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie haben diesen Weg begonnen. Verlässt Sie schon jetzt der Mut?“
„Welchen Weg meinen Sie?“, fragte Scherrer.
„Ihre Suche nach der Unsterblichkeit“, antwortete die Frau lächelnd. „War nicht das der Grund, weshalb Sie ins Tal der Könige fuhren? Soll ich weitersprechen oder vertrauen Sie mir?“
„Sind Sie Hathor, die Göttin?“, fragte Scherrer.
Sie lachte ihn an. „Sie träumen, junger Mann. Aber welche Frau kann widerstehen, wenn sie für eine Göttin gehalten wird. Können wir weitergehen?“
Scherrer nickte verstört. „Entschuldigen Sie“, sagte er, „meine Nerven … dieses Land …“
„Ist voller Geheimnisse“, ergänzte die junge Frau. „In jedem Tourismusführer können Sie das nachlesen. Wundern Sie sich nicht. Vertrauen Sie mir einfach!“ Sie wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten zum Zoll.
Selten habe ich mich so blamiert, dachte Scherrer. Was ist los? Warum bringe ich Vergangenheit und Gegenwart durcheinander? Aber sie hat die gleiche Figur und die gleiche Art zu gehen wie auf den Bildern an den Tempeln.
Der Zoll brachte ihn rasch in die Gegenwart zurück. Natürlich hatte man den Sarkophag beschlagnahmt und war gerade dabei, die Hüllen zu entfernen. Die junge Frau redete energisch auf die Zollbeamten ein, aber die ließen sich nicht beeindrucken.
„Sie müssen selber sagen, wer Sie sind und was Sie wollen“, sagte sie zu Scherrer.
„Ich bin ein Wissenschaftler aus Deutschland“, stellte sich Scherrer vor. „Dr. Dr. Scherrer, Botanisches Institut der Universität Tübingen.“
„Ein Botaniker?“, fragte der Zollbeamte, ein streng aussehender Mann im mittleren Alter mit einem gewaltigen Schnurrbart. „Wieso versuchen Sie einen Sarkophag außer Landes zu schmuggeln? Sie wissen doch, dass jegliche Ausfuhr von Altertümern verboten ist!“
„Das ist kein altertümlicher Sarkophag, sondern eine Nachbildung“, erklärte Scherrer. „Warten Sie. Ich habe die notwendigen Papiere bei mir.“ Er nahm aus der Brusttasche seines Maßanzuges einige Dokumente heraus. „Bitte sehr!“
Der Beamte studierte sie sorgfältig. „Wenn alles stimmt, müsste hier ein Firmenstempel sein“, sagte er und deutete auf eine Stelle an dem langen fest eingeschnürten Paket. „Öffnet bitte sorgfältig an genau dieser Stelle!“, wies er seinen Mitarbeiter an und sah triumphierend zu Scherrer hinüber. Natürlich werden sie nichts finden, dachte Scherrer und wandte sich ab. Da traf sein Blick den Blick der jungen Frau. Siegesgewiss lächelte sie ihm zu. Sie ist nicht von dieser Welt, dachte Scherrer. Ich kenne sie.
„Es ist alles in Ordnung“, sagte der Zollbeamte. „Wir haben das Siegel gefunden. Entschuldigen Sie!“
Scherrer sah sich um. Mit einer Verbeugung gab ihm der Beamte die Papiere zurück. Die anderen waren eifrig dabei, die Verpackung wieder sorgfältig zu verschließen.
„Wir können gar nicht genau genug kontrollieren“, sagte der Beamte entschuldigend.
„Wo ist die junge Frau?“, fragte Scherrer. „Die Frau, die eben mit mir sprach?“
„Hier ist niemand gewesen“, sagte der Beamte. „Sie kamen allein.“
„Aber Sie haben doch …“, setzte Scherrer an.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Beamte.
„Ja“, sagte Scherrer, „Ägypten ist ein geheimnisvolles Land.“
„So ist es“, bestätigte der Beamte.
Scherrer sah noch zu, wie sie den Sarkophag auf das Gepäckband legten, und beeilte sich, zu seinem Gate zu kommen.
„Professor Scherrer?“, fragte Anne verwundert.
Scherrer zuckte zusammen und legte den Sarkophag ins Dunkel zurück. „Meine Gedanken waren ganz woanders“, entschuldigte er sich. „Das habe ich bemerkt“, sagte Anne. „Sie haben auf den Sarkophag gestarrt und den Namen Hathor geflüstert. Das ist doch die ägyptische Göttin mit den Mandelaugen, oder?“
„Sie kennen sich aber gut aus“, lobte Scherrer. „Als ich damals den Sarkophag durch den Zoll am Flughafen in Luxor bringen wollte, gab es dort eine Beamtin, die aussah wie Hathor selbst. Sie hat mir geholfen, die antike Kostbarkeit durch den Zoll zu bekommen. Sie wissen doch, dass die Ausfuhr von Altertümern streng verboten ist. Als ich dann endlich im Flugzeug saß, hatte ich das Gefühl, eine der Stewardessen sähe ihr auch sehr ähnlich. Sie sprachen vorhin die Katzengöttin an. Die Plastiken sind so lebendig, dass sich die Grenzen zwischen der Zeit der alten Ägypter und unserer Zeit verwischen. Es muss Verbindungen geben zwischen dem Wissen der Ägypter um Unsterblichkeit und Tod und der modernen Wissenschaft.“
„Zum Beispiel die Todesgene“, meinte Anne. Als habe das Wort die geheimnisvolle Stimmung zerrissen, trat Scherrer vom Sarkophag zurück und bat Anne zum Sofa. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte Anne.
„Nein“, antwortete Scherrer, „Sie haben mich in die Gegenwart zurückgeholt.“ Wie recht sie hat, schoss es ihm durch den Kopf. Ich rede von Hoffnungen und Träumen, dabei bin ich Wissenschaftler, und wir haben Möglichkeiten, solche Übereinstimmungen zu prüfen.
Anne ging zu ihrem Platz zurück und nahm die Unterlagen zu sich. Scherrer nahm es amüsiert zur Kenntnis. „Sie haben eine wunderbare Überleitung zu Ihrem Thema gefunden“, sagte er lächelnd. „Geht es bei Ihrer Arbeit auch um das Geheimnis des Todes?“
Anne wartete, bis er sich gesetzt hatte. Das erneute Glas Wein lehnte sie dankend ab. „So kann man es ausdrücken“, begann sie. „Dr. Meyer und ich haben vor einigen Tagen die Arabidopsispflanze geholt.“
„Ihre Pflanze“, lachte Scherrer.
„Sie starb plötzlich ab“, fuhr Anne fort.
„Aber das ist doch normal“, sagte Scherrer, „jede Pflanze tut das. Es gibt kein ewiges Leben.“
„Vielleicht doch“, wandte Anne ein. „Ich kam auf die Idee, dass ein besonderes Todesgen das Absterben bedingen muss, eine Art innere Uhr, die das Sterben zu einem festgesetzten Zeitpunkt einleitet, bei Arabidopsis nach 90 Tagen direkt nach der Fruchtreife.“
Vielleicht doch? Wie ein Bote aus einer anderen Welt hat sie das gesagt, dachte Scherrer. „Und diese Uhr müsste man anhalten können, meinen Sie?“, fragte er mit belegter Stimme.
„Vielleicht“, antwortete Anne, „aber ich habe etwas anderes im Blick.“ Gespannt sah Scherrer sie an. „Man müsste solche Gene übertragen können. Man müsste die innere Uhr von Arabidopsis in eine andere Pflanze, etwa Baumwolle, einpflanzen.“
Scherrer pfiff durch die Zähne. „Die Baumwolle würde dann nach 90 Tagen absterben, meinen Sie? Das könnte aber zu früh sein.“
„Oder nach der Reife der meisten Kapseln. Vielleicht könnte man auch ein aggressives Todesgen mit einem einfachen Starter aktivieren. Dann wären die chemischen Entlaubungsgifte unnötig.“
Scherrer dachte kurz nach. „Aber verdient die chemische Industrie nicht gerade damit Millionen?“
„Zum Schaden der Menschen, des Bodens, der Umwelt und der Kinder, welche die Kleidung tragen müssen“, warf Anne engagiert ein.
„Man könnte eine Baumwolle mit idealer Lebensdauer entwickeln. Dazu könnte man statt der Entlaubungsgifte den passenden Starter für ein mögliches Todesgen patentieren lassen. Sie haben da eine gute Idee. Wie wollen Sie vorgehen?“, fragte Scherrer.
„Ich möchte zunächst selber verstehen, was in der Zelle abläuft. Ist es tatsächlich ein Todesgen, das dort arbeitet, dann könnte man in Tübingen das Gen vermehren und es später eventuell einmal auf eine andere Pflanze übertragen. Das Verfahren ist nicht neu, aber aufwendig. Die Züchtung der neuen Baumwollsorten könnte hier in unseren Gewächshäusern stattfinden.“
„Könnte man die innere Uhr auch anhalten?“, fragte Scherrer. „Was meinen Sie? Welche Konsequenzen hätte das auf einen Organismus?“ Er blickte durch Anne hindurch, als sähe er einen Schatten an der Wand.
Anne erschrak. Ihr war, als spüre sie einen kalten Hauch. „Es ist schon spät“, sagte Anne, „ich möchte gehen. Wäre das Thema für eine Doktorarbeit angemessen?“
„Man müsste die Uhr anhalten können“, flüsterte Scherrer ganz abwesend. Dann musste er husten und ganz in Gedanken sprühte er sich das Medikament in den Rachen. Er schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Ein unheimliches Gefühl ergriff Anne und sie stand auf. „Entschuldigen Sie“, bat Scherrer, wieder so ganz der galante Professor, und erhob sich ebenfalls. „Sie haben so interessante Gedanken vorgestellt, dass ich mich ablenken ließ. Morgen können wir im Institut weiter darüber sprechen.“
Mit raschem Griff läutete er nach Irmgard. Sie erschien sofort.
„Frau Neidhardt möchte gehen“, sagte er. „Hatten Sie einen Mantel oder eine Jacke bei sich?“
Anne schüttelte den Kopf. Sie fror, denn Scherrer war immer noch ganz in Gedanken. „Bis morgen“, verabschiedete sie sich und reichte ihm die Hand. Sein Händedruck war schlaff und abwesend.
Sie folgte Irmgard durch das Haus. Als sie an der Katzengöttin vorbeiging, war ihr, als sei das Lächeln auf dem steinernen Gesicht tiefer geworden. Auf dem Weg durch den Garten drehte sie sich noch einmal um. Der Mond schien für einen Augenblick durch die Wolken und sein Licht fiel auf Scherrer, der am Fenster stand. Gespenstisch wirkte sein Umriss im Mondlicht. Er hob grüßend die Hand und Anne lief eilig fort.
Scherrer saß noch länger in seinem Arbeitsraum und dachte an früher. Wie einfach war es doch damals gewesen. Viele Studentinnen und Doktorandinnen hatten ihn besucht und manche von ihnen waren die ganze Nacht geblieben. In seine Erinnerungen mischte sich das Bild einer jungen Frau, die ihm seit einiger Zeit häufiger im Park begegnete. Er sah ihre schlanke Figur vor sich, ihre wiegenden Hüften und wie ihr langes Haar bei jedem Schritt ihre Schultern berührte. War es Zufall, dass sie ihm jetzt so oft im Park begegnete?
5. KAPITEL
Scherrer bat am nächsten Morgen zu einer Besprechung in sein Büro. Meyer war auch anwesend. „Haben Sie gut geschlafen?“, begrüßte Scherrer Anne. „Ich habe Sie heute Morgen in der Bahn nicht gesehen.“
Anne lächelte. „Ja, Herr Professor, ich habe gut geschlafen und dabei von den ägyptischen Gottheiten geträumt. Dann bin ich besonders früh aufgestanden und gleich ins Labor gefahren. Die Forschungen lassen mich nicht los.“
„Das kann ich verstehen“, sagte Scherrer. „Es ist auch zu interessant, was Sie vermuten. Ich habe mich im Internet kundig gemacht. Noch niemand hat Arabidopsis auf ein Todesgen untersucht. Wir betreten Neuland.“ Der Stolz war ihm anzuhören.
„Sie vermuten ein Todesgen in Arabidopsis?“, fragte Meyer. „Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich so um meine Pflanze gekümmert haben, Frau Neidhardt.“
Anne nickte in seine Richtung. „Sie waren ganz enttäuscht, Herr Meyer, als ich die Pflanze dann in der Hand hielt und über den festgelegten Lebenszyklus nachdachte. Da kam mir die Idee eines möglichen Todesgens.“
Meyer sah sie mit seinen durchdringenden schwarzen Augen an, und Anne konnte sich eines unheimlichen Eindrucks nicht erwehren. „Haben Sie noch lebende Zellen vorgefunden? Sie wissen doch, dass Pflanzenzellen potentiell unsterblich sind“, fragte er.
„Eigenartig, dass Sie mich das fragen“, antwortete Anne. „Erstens sind wir noch nicht sicher, dass wirklich von Zelle zu Zelle der Befehl zum Tode gegeben wird, zweitens habe ich tatsächlich bei der Untersuchung winzige Zellbereiche gefunden, die nicht abgestorben waren. Ich habe die Zellen für eine Kalluszüchtung vorbereitet. Aber ob es unsterbliche Zellen sind, können wir natürlich noch nicht sagen.“
Meyer nickte nachdenklich.
Scherrer hustete. Wie am Vorabend wurde der Hustenreiz stärker und stärker und löste sich endlich in einem krampfartigen Husten. Er sprang auf und wankte zu seinem Schreibtisch hinüber, das Taschentuch vor den Mund gepresst. Anne sah entsetzt, wie er sich vergeblich bemühte, Atem zu holen. „Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte sie.
Scherrer schüttelte trotz des schweren Anfalls den Kopf und keuchte ein „Nein!“ heraus. Als er endlich wieder Luft bekam, atmete er tief durch. Nach wenigen Minuten hatte er sich gefangen und nahm erneut am Tisch Platz. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, sagte er. „Seit einiger Zeit plagt mich dieser Husten. Nachher werde ich zum Arzt gehen.“
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Anne.
„So weit ja“, nickte ihr Scherrer zu. „Bitte beginnen Sie mit Ihren Ausführungen.“
„Ich möchte zunächst den Mechanismus des Todes in der Pflanze kennenlernen. Zu diesem Zweck möchte ich eine große Anzahl Arabidopsispflanzen unterschiedlichen Alters bestellen. Ich denke, Tübingen wird uns bei der Beschaffung behilflich sein können.“
Anne sah Scherrer fragend an, aber Meyer antwortete: „Ich habe mich schon darum gekümmert. Wir werden die Lieferung im Laufe dieses Tages oder spätestens morgen bekommen.“
„Sie sind aber schnell“, warf Scherrer ärgerlich ein.
„Herr Professor, Sie wissen, dass wir nicht mehr viel Zeit haben“, sagte Meyer.
„Danke, Dr. Meyer, aber Sie hätten mich über die Bestellung informieren müssen“, erklärte Scherrer.
„Ich vermute“, fuhr Anne fort, „dass der Gehalt an Katalase für den Zelltod verantwortlich ist.“
„Ähnliche Forschungsergebnisse sind im Internet veröffentlicht“, bestätigte Scherrer.
„Die Berichte darüber liegen mir vor“, bestätigte Anne.
Meyer nickte anerkennend. „Erst wenn der Mechanismus klar ist, können wir versuchen das Todesgen zu finden.“
6. KAPITEL
Sybille Walter ließ nicht locker. Eines Tages betrat sie das Botanische Institut voller Herzklopfen. Anneliese Ehlert, die Sekretärin, saß im Empfang und schaute kurz auf, als Sybille Walter hereinkam. Sie sah gleich, dass sie eine Journalistin vor sich hatte.
„Sie wünschen?“
„Ich bin Journalistin bei der Welt der Wissenschaften“, stellte sich Sybille Walter vor und nannte ihren Namen. „Ich möchte einen Artikel über Herrn Professor Scherrer schreiben. Er ist weltbekannt und arbeitet jetzt in Karlsruhe. Unsere Leser interessiert, ob er weitere neue Forschungen plant. Ein Genetiker, der sich um einen Botanischen Garten bemüht, das klingt nach einer spannenden Geschichte.“
Anneliese war von der jungen Frau recht angetan. Ihr gefiel die frische Art, mit der Sybille gleich auf das Thema zu sprechen kam. „Sie möchten einen Termin bei Professor Scherrer? Das wird nicht einfach sein. Sie wissen, er ist ein Emeriti und entsprechend zurückhaltend.“
„Können Sie mir weiterhelfen?“, fragte Sybille. „Hier im Institut wird doch sicher auch an Arabidopsis geforscht.“
Überrascht schaute Anneliese Sybille an. War bereits etwas durchgedrungen?
Sybille sah ihr Erstaunen und freute sich, dass sie recht behalten sollte. Hier ging es um mehr als nur den Botanischen Garten.
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Anneliese.
„Internet“, antwortete Sybille. „Sie wissen doch, dass heutzutage kaum etwas geheim bleiben kann.“
„Dann wissen Sie es ja bereits“, bestätigte Anneliese. „Wir haben hier im Botanischen Institut den Auftrag, uns um den Botanischen Garten zu kümmern. Aber unsere Doktorandin, Frau Neidhardt …“
„Die junge Frau mit dem braunen Wuschelkopf?“, fragte Sybille.
„Sie kennen sie?“
„Aus der Straßenbahn. Man begegnet sich ja fast jeden Morgen“, beschwichtigte Sybille.
„Ja, die hat eine interessante Pflanze beim Umweltzentrum gefunden.“
„Jetzt sagen Sie nur, Arabidopsis?“, meinte Sybille.
„Ach, das wissen Sie auch schon?“, fragte Anneliese enttäuscht.
„Das ist die Pflanze, mit der alle Genetiker in der Botanik arbeiten“, sagte Sybille.
„Unser Doktor Meyer hat ihr die Pflanze gezeigt“, erzählte Anneliese, die sich freute, einmal etwas berichten zu können. „Eigentlich würden wir mehr Personal brauchen. Frau Neidhardt und Dr. Meyer arbeiten an den Geräten. Scherrer kümmerte sich um die Pflanzen und die Protokollierung der Vorgänge. Ich muss auch die Pflänzchen gießen, kontrollieren, hegen und pflegen, denn alles, was nur irgend geeignet war, wurde zum Brutschrank und zum Pflanzenschrank. Unser Botanisches Institut wurde in den letzten Wochen wieder ganz zum Forschungslabor. Meinetwegen könnte es so weitergehen. Den Professor habe ich selten so eifrig bei der Arbeit gesehen.“
„Ich glaube nicht, dass Sie darüber sprechen sollten“, unterbrach jemand den Redefluss mit schneidender Stimme. „Was hier im Institut geschieht, geht niemanden etwas an. Professor Scherrer arbeitet nur in eigener Sache. Wer sind Sie?“
Sybille drehte sich überrascht um. Vor ihr stand ein junger Mann mit eindeutig arabischen Gesichtszügen. Seine dunkle Haut verriet den Ägypter. Sybille ließ sich weder von den dunklen, strengen Augen noch von dem harschen Tonfall aus der Ruhe bringen. Sie fuhr mit der Hand durch ihr blondes Haar und freute sich, als sie sah, dass der junge Mann ihre Geste sehr wohl verstand. „Ich bin Sybille Walter von der Welt der Wissenschaften. Meine Zeitschrift berichtet auch über die Universität und die Institute hier in Karlsruhe. Wir haben mit Interesse wahrgenommen, dass hier ein berühmter Genetiker im Botanischen Institut arbeitet. Wundert es Sie wirklich, dass wir da Fragen haben?“ Sie sah ihn sehr selbstbewusst an und lächelte.
Dr. Meyer lenkte höflich ein. „Sie sollten sich einen Termin geben lassen, statt unsere geschätzte Sekretärin auszufragen“, sagte er und wandte sich an Anneliese.
„Hat Professor Scherrer in der nächsten Zeit einen Termin für ein Gespräch frei?“
Anneliese schüttelte den Kopf. „Leider nein. Ich wies Frau Walter schon darauf hin, dass Professor Scherrer Emeriti ist und ausschließlich private Forschungen betreibt.“
Dr. Meyer lächelte zufrieden. „Sie sehen, Sie sind umsonst gekommen“, sagte er. „Da wir aber das Interesse der Öffentlichkeit an unserem Institut zu schätzen wissen, wird sich Professor Scherrer voraussichtlich bei Ihnen melden.“ Damit wandte er sich ab und ging.
„Gehen Sie bitte auch“, bat Anneliese. „Mit unserem Doktor ist nicht zu spaßen.“
„Nur noch eine Frage. Wer ist das?“, bat Sybille.
„Dr. Meyer, ein bekannter Genetiker aus Ägypten“, flüsterte Anneliese.
Nachdenklich verließ Sybille das Institut. Viel Arbeit, zu wenig Personal und ein bekannter Genetiker aus Ägypten? Da bahnte sich doch eine interessante Geschichte an.
An ihrem Schreibtisch forschte sie im Computer nach einem Dr. Meyer, der in Karlsruhe arbeiten sollte. Sie fand viele Wissenschaftler mit diesem Namen und Titel, aber Dr. Meyer vom Botanischen Institut fand sie nicht.
Professor Scherrer selber ergriff die Initiative und ging einen Schritt weiter.
Bei jedem Hustenanfall schwang in Scherrers Gedanken die Ahnung einer schweren Krankheit mit. Er fühlte es und hoffte gleichzeitig, dass alles nur eine Erkältung sei. Seine schlanken Hände wählten die Telefonnummer seines besten Freundes Robert Neumann. Jahrelang hatten sie sich nicht gesehen, aber er kannte noch immer die Nummer der kleinen Praxis in Remchingen auswendig. Robert hatte seine Praxis nie erweitert, er war keiner von den Großen geworden. „Mir reicht das, was ich habe und was ich tun kann“, hatte er bei ihrem letzten Treffen gesagt, als Scherrer die Pläne für den Bau des genetischen Institutes auf der Morgenstelle in Tübingen in Angriff nahm. „Ich möchte wirklich etwas bewegen“, hatte er selbst damals gesagt. Jetzt hatte das alles einen bitteren Beigeschmack bekommen. Er hatte wirklich viel erreicht, aber die Uhr war trotz allem unerbittlich weitergelaufen.
„Praxis Dr. Neumann“, meldete sich eine junge Stimme.
„Hier Scherrer! Ist Dr. Neumann zu erreichen? Ich bin sein Schulfreund.“
„Ich stelle durch!“
Scherrer hörte eine ungläubige Stimme, die nachfragte, ob wirklich sein Schulfreund Professor Scherrer angerufen habe. Das war Roberts Stimme. „Ja, Dr. Neumann.“
„Robert?“
Für einen Augenblick war es still in der Leitung, dann kam die vorsichtige Rückfrage: „Edwin?“
„Ja, Robert, ich bin es.“
„Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesprochen.“
„Sprich das Wort Ewigkeit nicht aus, Robert. Ich brauche deine Hilfe.“
„So schlimm?“
„Ich glaube ja. Vor Wochen hat mich ein leichter Husten erwischt, aber er hörte nicht auf. Jetzt kann ich kaum mehr durchatmen und muss bei jeder kleinen Aufregung bis zum Erbrechen husten“, schilderte Scherrer seine Beschwerden. „Bei jedem Hustenanfall bekomme ich Angst, Todesangst, verstehst du?“ Er wunderte sich selber, wie leicht ihm die Worte über die Lippen kamen, obwohl er immer wieder unterbrechen musste, um sich zu räuspern.
Als er endete, war es still am Telefon.
„Robert?“
„Du musst herkommen, oder noch besser, du meldest dich gleich in einer Spezialklinik zum Röntgen an. So kann ich nichts sagen.“
„Robert! Es geht um etwas anderes.“
„Um was?“
„Ich“, Scherrer stockte. „Ich möchte noch ein Mal so richtig leben und brauche ein Medikament, was heute Nacht den Husten unterdrückt, dann gehe ich in die Klinik. Noch ein Mal, verstehst du, Robert?“
„Ich verstehe, ich kenne dich ja!“ Ein leises Lachen war am anderen Ende des Telefons zu hören. „Du sollst haben, was du brauchst. Kannst du einen Boten vorbeischicken? Aber morgen musst du dich tatsächlich in Behandlung begeben! Alles hat einmal ein Ende.“
„Alles?“
„Fast alles, unsere Freundschaft nicht.“
Bevor Scherrer „Danke“ sagen konnte, war aufgelegt.
Der Professor bat seine Sekretärin, einen Tisch im Schlossgartenrestaurant zu bestellen, rief selber bei der Welt der Wissenschaften an und ließ zu Sybille durchstellen.
„Frau Walter? Hier Scherrer, Professor Scherrer. Sie waren gestern in unserem Institut und haben Sich für unsere Arbeit interessiert. Ja, Frau Ehlert, meine Sekretärin, hat mich informiert. Ich glaube, wir kennen uns aus dem Fasanengarten? Ist das richtig? Dann würde ich Sie für heute Abend in das Schlossrestaurant einladen. Man spricht doch viel besser bei einem Glas Wein als in einem kalten Institut, meinen Sie nicht? Passt Ihnen heute Abend 18.00 Uhr? Seien Sie pünktlich!“
7. KAPITEL
Sybille Walter fuhr gleich nach dem Telefongespräch nach Hause, um sich für den Abend vorzubereiten. „Ich bin einer ganz großen Sache auf der Spur“, hatte sie ihrem Chef gesagt und gleich frei bekommen.
Erst vor dem Spiegel fand sie sich wieder. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie sich an die Autofahrt gar nicht mehr erinnern konnte. Wie war sie wohl gefahren? Den Gedanken an mögliche Strafzettel schob sie einfach von sich. Jetzt war etwas anderes wichtiger.
„Wie sehe ich aus?“, fragte sie ihr Spiegelbild.
„Willst du so zum Herrn Professor?“, fragte das zurück.
„Natürlich nicht! Aber wer weiß?“ Sie trug nur Spitzenhöschen und einen weißen Spitzen-BH. Prüfend ließ sie den Blick über die Figur gleiten. Sie konnte zufrieden sein: der Busen nicht zu groß, der Bauch flach. Prüfend legte sie die Hand dorthin. Ja, sie musste mit dem Essen aufpassen. Der Po wohl gerundet, alles war so, wie sie es mochte. Sie spürte eine kribbelnde Erregung, als sie sich so im Spiegel betrachtete.
„Wollen der Herr Graf den Tanz mit mir wagen?“, trällerte sie frei nach Mozart vor dem Kleiderschrank. Sie würde den schwarzen Hosenanzug anziehen, der ihre Figur so sehr betonte, und die durchsichtige, schwarze Bluse, die doch alles bedeckte. Darunter?
„Nichts“, sagte ihr Spiegelbild. „Du kannst dir das leisten.“
„Lass das!“, sagte sie und schloss die Schranktür. „Ich bin als Journalistin dort.“ Und wenn sie zunächst die Jacke anbehielte? Warum nicht? Sie öffnete erneut den Schrank und nahm entschlossen die Kleidung heraus.
Ihr Spiegelbild in der Schranktür grinste sie an. „Du wagst eine ganze Menge!“
„Aber gern!“, gab sie zurück.
Dagmar Scherrer fuhr mit ihrem Wagen langsam den Ring entlang nach Durlach. Der Tag war gut gelaufen. Die Verhandlungen hatten den gewünschten Erfolg gezeigt. Sie freute sich auf den Abend und kontrollierte ihr Aussehen im Rückspiegel. Das Make-up saß nach dem langen Tag noch tadellos. Auch die langen blonden Haare hielten in der hochgesteckten Frisur. Ob ihr Mann schon zu Hause sein würde? Heute lagen keine besonderen Konferenzen an. Jedenfalls hatte er nichts dergleichen gesagt. Sie bog in die Straße ein und sah zum Haus hoch. Aus dem Arbeitsraum ihres Mannes leuchtete schwach die Abendbeleuchtung. Er war also nicht da. Für einen Augenblick spürte sie die Enttäuschung wie einen Stich durchs Herz. Aber hatte sie wirklich erwartet, dass er schon zurück wäre? Mechanisch fuhr sie den Wagen in die Garage und ging zum Haus hoch. Irmgard kam ihr entgegen. „Ist mein Mann da?“, fragte sie und wusste schon die Antwort.
„Nein, er hat eine Nachricht gesandt, dass er spät kommen wird. In der Badischen Weinstube findet eine Konferenz für Journalisten statt. Es geht um …“
„Danke“, unterbrach Dagmar Scherrer. „Ich weiß.“ Sie ließ offen, was sie wusste.
„Möchten Sie zu Abend essen?“, fragte Irmgard besorgt. „Wo darf ich servieren?“
„Danke, ich werde warten.“
Irmgard knickste und zog sich zurück.
Als Dagmar Scherrer das Haus betrat, fiel ihr das Gesicht der Katzengöttin auf. Jeden Abend war sie an dieser Statue vorbeigegangen, aber heute hatte sie den Eindruck, die gemeißelten Augen würden sie aus dem schwarzen Granit anschauen. Erstaunt legte sie den Mantel ab und ging in das Arbeitszimmer ihres Mannes. Durch das große Fenster sah man die Silhouette von Karlsruhe gegen den Abendhimmel. Sie blieb am Fenster stehen, bis die Schatten nicht mehr zu sehen waren und überall in der Stadt die Lichter angingen.
„Unsere Zeit war schön, Edwin, und ich danke dir. Jetzt gehen wir beide ganz unterschiedliche Wege“, sagte sie leise. Sie lauschte dem Klang ihrer Worte nach und vermisste die Trauer darin. „Jeder geht schon lange seinen eigenen Weg. Hoffentlich ist deiner ein guter Weg.“
„Brauchen Sie noch etwas?“, fragte Irmgard, die zur Tür hereinschaute.
„Nein, danke, Irmgard. Ich möchte nicht mehr gestört werden.“
Sie setzte sich in den großen Sessel und zündete eine Zigarette an. Es wurde dunkel im Zimmer. Die Skulpturen verschwammen zu Schatten, und nur die Glut der Zigarette leuchtete wie ein roter Stern.
Sybille hastete am Schloss vorbei durch den alten Botanischen Garten. Das Halbrund der Badischen Weinstube war nur wenig beleuchtet. Es war noch zu kühl, um draußen zu sitzen. Rasch stieg sie die Stufen hoch. An der Tür kam ihr Scherrer bereits entgegen.
„Wie schön, dass Sie kommen konnten.“ Scherrer lächelte überlegen. „Ich habe gedacht, dass Sie ein privates Gespräch vorziehen würden. Ich hoffe, es ist Ihnen recht so.“ Seine blauen Augen sahen sie auffordernd an.
Sybille nickte. „Sie hätten aber nicht so viele Umstände machen sollen“, sagte sie verlegen.
„Umstände?“ Er lachte mit angenehmer, tiefer Stimme. „Aber ich bitte Sie. Kommen Sie. Ich habe einen Tisch bei meinem guten Freund Natan bestellt. So hat man einen schönen Blick auf den Garten. Möchten Sie ablegen?“
Natürlich, sie hatte ja noch die Jacke an. Einen kurzen Augenblick zögerte sie, dann lächelte sie und sagte: „Danke, gerne, Herr Professor.“
Gewandt half er ihr aus der Jacke. Einen kleinen Augenblick bedauerte sie, dass sie nicht wenigstens einen BH unter der fast durchsichtigen, schwarzen Bluse trug. Aber dann sah sie die Überraschung in seinen blauen Augen aufblitzen. Man kann nur etwas sehen, aber noch nicht alles, dachte sie. Appetit machen darf man. Wäre ein Tisch bei Don Juan nicht ehrlicher gewesen, Herr Professor?
„Zum Wohl!“ Sie stießen mit Sherry an.
Dann kamen die Köstlichkeiten des Hauses auf den Tisch: Schnecken und Krustentiere. Professor, willst du mich prüfen? Aber das ist kein Problem, dachte Sybille amüsiert. Geschickt ließ sie sich die Gerichte schmecken. Schwieriger war es, den unterschiedlichen Weinen standzuhalten, die zu den Gängen serviert wurden. Ihm schien das nichts auszumachen. Er plauderte nebenbei über Journalismus und Gentechnik. Was er gesagt hat, ist wichtig, dachte Sybille, aber ich kann doch jetzt keinen Block herausnehmen und mitschreiben. So stellte sie interessierte Zwischenfragen und merkte, wie es für sie immer schwieriger wurde, dem Gespräch zu folgen. Plötzlich lachte sie laut. „Ich glaube, ich habe einen Schwips. Professor, Sie haben mich betrunken gemacht, weil Sie mich verführen wollen. Ich hätte auch so mit Ihnen geschlafen!“
„Schade, wir waren so gut ins Gespräch gekommen!“, bedauerte Scherrer.
Hatte sie alles verdorben? In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken und fanden weder Anfang noch Ende.
„Ich bringe Sie heim“, schlug Scherrer vor, als sei er um sie besorgt. Er stand auf, wartete, bis auch sie aufgestanden war, half ihr in die Jacke, nahm sie sorgsam am Arm und führte sie aus dem Restaurant, nachdem er dem Kellner rasch seine Karte gegeben hatte. Alles war so leicht, so schwebend.
„Professor, ich möchte Sie auf der Stelle küssen“, gestand Sybille. „Ich habe mich gleich in Sie verliebt, als ich Sie das erste Mal sah!“ Mit diesen Worten fiel sie ihm einfach um den Hals.
„Bitte rufen Sie uns ein Taxi“, forderte Scherrer den Kellner auf, der ihnen gefolgt war.
Als es da war, führte er Sybille zum Wagen und stieg mit ein. Sybille war wach genug, ihre Adresse zu nennen und auch noch die Haustür aufzuschließen. Aber dann fiel sie in seine Arme und schlief fast. Scherrer brachte sie in das Schlafzimmer ihrer kleinen Wohnung.
Der Mond schien ins Zimmer, als Scherrer sie verließ. An der Tür blieb er stehen und sah zurück auf die schlanke Frau im Bett. „Ich danke dir, Sybille“, flüsterte er. Sybille drehte sich, als habe sie etwas gehört, und schob die Decke zur Seite. Aber dann lag sie still auf dem Rücken und der Mond streute sein fahles Licht über sie. Ihr weißer Körper verschwamm mit dem Weiß des Bettlakens, nur ihr schwarzes Dreieck hob sich deutlich im Dunkel ab. Scherrer stutze einen Augenblick. „So ist das gemeint“, sagte er leise. „Ihr Ägypter habt gut beobachtet. Der Schoß der Isis! Die Gestalt der Göttin verschwimmt mit dem dunklen Blau des Himmels, aber ihr Schoß ist deutlich zu sehen.“
Ein plötzlicher Hustenanfall nahm ihm den Atem. Er versuchte ihn zu unterdrücken. Alles begann sich um ihn zu drehen, auch die weiße Frau auf dem Bett. Die Farben verkehrten sich ins Gegenteil: Das Laken und die Frau wurden schwarz, und weiß leuchtete ihr Dreieck im wilden Wirbel, bis nur noch ein leuchtender Punkt zu sehen war. Das ist das Ende, dachte Scherrer merkwürdig unberührt und hielt sich an der Tür fest. Werde ich die Götter sehen oder wird sich gleich ein schwarzer Wirbel auftun und mich herabziehen? Aber dann bekam er wieder Luft. Der Krampf in seinem Hals löste sich und er richtete sich auf.
Leise ging er zu Sybille und deckte sie zu. Dann hauchte er einen Kuss auf ihre Stirn und ging zur Tür. Geräuschlos öffnete er, sah sich noch einmal um und verschwand. Sirius! Wie nah war ich den Sternen, wie nah dem Paradies, dachte Scherrer, als er zur Haltestelle ging.
Der Morgen wurde dunkelblau, als Scherrer in die erste Bahn stieg. Er sah noch einmal zurück zu den Fenstern. Nein, dachte er, Leben will ich. Das Leben suche ich und nicht den Tod. Er unterdrückte den Husten, der wieder aufkommen wollte. „Deine Medikamente, Robert, haben genau so lange gehalten, wie ich es brauchte“, stellte er fest, als die Bahn anfuhr.
An der Haltestelle Durlacher Tor zögerte er. Sollte er aussteigen und gleich ins Labor gehen? Aber es zog ihn nach Hause, in sein Arbeitszimmer, zurück in die Höhle, ausgestattet mit Büchern und Wissen. Ja, meine Höhle, dachte Scherrer. Dort kann ich verwundbar sein, denn mein Wissen schützt mich.
Erst in Durlach stieg er aus und bog in die Straße zu seinem Haus ein. Danke, Robert, für das Spiel des Lebens, dachte er, es war so einfach, Sybille zu verführen. Unwillkürlich musste er lachen. Wer weiß, was sie sich vorgestellt hat. Sie war eine Puppe in meinen Armen. Oder war ich der Vampir in den ihren?, fragte er sich. Habe ich Lebenskraft in mich aufgenommen, als ich neben ihr lag und ihre jugendliche Wärme spürte? War es das, was ich gesucht habe? Die Lust eines alternden David, der nicht mehr warm wurde und dem man Abigail als Gefährtin gab? So berichtet es die Bibel. Die Menschen wussten sehr viel um das Geheimnis des Lebens. War sie meine Abigail?
„Ich war der Handelnde“, sagte er laut. „Ich war der, der ihr Leben gab. Ich war der, der die Fäden in der Hand hielt. Sie hat es genossen. Sie wird nichts bereuen.“
Er ging die Straße entlang. Ich fahre doch bald wieder los, dachte er, nach Remchingen zu Robert. Es war ihm, als hätte das jemand anders gesagt. „Ja“, sagte er laut. „Ich bin stark genug, auch den Weg zu gehen. Ich habe so viel geschafft. Ich kann noch leben.“
„Noch“, klang es zurück, „noch blühen die Bäume, auch in diesem April, noch erwacht das Leben.“
Scherrer sah zu seinem Haus hoch. Glühte da eine Zigarette in seinem Arbeitszimmer? Ein kleiner roter Punkt schien durch die große dunkle Scheibe. „Wartet Dagmar auf mich?“, fragte er sich. „Ich möchte ihr jetzt nicht begegnen.“
Er blieb auf der Straße stehen. Der rote Punkt verschwand. Sie hat auf mich gewartet. Sie wartet immer noch darauf, dass ich nach Hause komme. Aber mein Weg führt mich weit fort. Ich kehre nicht zu ihr zurück, nur in mein Haus.
Langsam ging er weiter. Der Morgen kam früh herauf. Die Schatten der Nacht wichen dem Licht eines neuen Tages. Neben der Haustür stand wie immer die Katzengöttin, die er einst aus Ägypten mitgebracht hatte. Scherrer legte seine Hand auf den Katzenkopf aus Granit. Das waren noch Abenteuer. Die Welt war so weit und alles schien erreichbar, dachte Scherrer. Wir hatten die Zukunft vor uns. Alle Wege waren offen. Wir glaubten, die Welt erobern zu können. Aber nun hat sie uns eingeholt.
Wieder fühlte sich der Katzenkopf eigenartig warm an. Scherrer registrierte es unbewusst und ließ ihn los, um den Schlüssel aus der Hosentasche zu nehmen. Nachdenklich schloss er auf, hielt einen Augenblick inne und lauschte. Wie ein Dieb betrete ich mein eigenes Haus, dachte er. Was habe ich wem gestohlen? Ihr die Jugend? Und die Zeit? Mir ein Stück eigenes Leben? Er lachte leise vor sich hin. Ich wollte noch einmal leben. Habe ich das?
Es war alles ganz ruhig im Haus. Niemand schien seine Ankunft zu bemerken. Lautlos ging Scherrer über die dicken Teppiche in sein Arbeitszimmer. Leichter Zigarettenrauch hing in der Luft. Dagmar hat auf mich gewartet, dachte Scherrer. Sie hat zwar darauf gewartet, dass ich wiederkomme, aber sie hat den Augenblick der Begegnung nicht gewollt. Es reicht ihr, dass ich im Hause bin. Schwer ließ er sich in die weichen Polster fallen. Eine unbekannte Müdigkeit überkam ihn. Man kann nur ein Stück Leben genießen, dachte er, immer nur ein ganz kleines Stück.
Die Uhr an der Wand tickte gleichmäßig. Scherrer nahm es im Halbschlaf wahr. Die Zeit anhalten, dachte er, das will ich. Ich will ja nur die Zeit anhalten. Ich will kein ewiges Leben. Ich weiß, dass ewige Jugend nicht möglich ist. Ich will die Zeit anhalten, diese verdammte Zeit anhalten! Der Schlaf hielt ihn schon zu sehr gefangen, als dass er sich noch hätte erheben können.
„Die Zeit ermöglicht uns Bewegung“, sagte jemand neben ihm. Er spürte die Nähe einer jungen Frau neben sich. Sie war schlank und sehr schön. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen. Es kommt nicht auf das Gesicht an, dachte er. Ein Freund aus Jugendtagen fiel ihm ein, der die Gesichter der jungen Frauen immer mit einem Tuch bedeckte, wenn er mit ihnen schlief. „Es kommt nicht auf die Gesichter an. Der Körper ist wichtig. Nur der Körper.“
„Wir brauchen den Körper“, sagte die junge Frau neben ihm. „Nur, wenn es einen Körper gibt, der zu uns gehört, können wir Gestalt annehmen. Nur dann können wir uns frei bewegen. Der Körper muss ewig sein.“
Der Gedanke der alten Ägypter, dachte Scherrer, die Seele kann sich frei bewegen, wenn sie eine Heimat hat, in die sie zurückkehren kann. Wenn sie ein Haus hat, ist das Ka frei. Hat sie es nicht, dann ist sie heimatlos und verweht im Winde.
„Ist das so falsch?“, fragte die Gestalt neben ihm. „Empfindest du es nicht genauso? Hier ist dein Körper. Nicht du, dein Arbeitsraum, deine Bücher, deine Sammlungen. Sie gehören alle zu dir. Auch du kehrst zurück, um wieder dich selbst zu finden. Du brauchst dein Haus, um deinem Ka die Freiheit geben zu können.“
Meine Bücher, meine Forschungen, meine Sehnsucht. Nicht dem ewigen Wandel unterworfen zu sein, dachte Scherrer. Träume ich? Verschwimmen Tag und Traum? Ich muss Anneliese anrufen. Sie muss den Brief an die Welt der Wissenschaften weiterschicken.
„Du musst gar nichts“, sagte die Frau neben ihm. Wie Dagmar, dachte Scherrer, sie würde dasselbe sagen: „Du musst gar nichts.“
Er wollte aufstehen, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Er wollte fortlaufen, aber er kam nicht voran. Natürlich, Serotonin lähmt die Glieder, dachte er. So entstehen Albträume.
„Das ist kein Traum“, sagte die Gestalt neben ihm. „Du fühlst meine Haut. Du fühlst meine Wärme. Es ist nicht die Wärme der jungen Frau von heute Nacht. Wir sind älter. Wir bestehen durch alle Zeiten.“
Nur nicht fragen, wer sie ist, dachte Scherrer. Ich will es nicht wissen. Er wagte auch nicht, den Kopf zu drehen.
„Du würdest es auch nicht verstehen, Scherrer“, sagte sie. „Du bist Wissenschaftler. Du hast deine Skulpturen gesammelt, weil es dir Freude machte, Gegenstände in der Hand zu halten, denen andere Leben eingehaucht hatten. Du hast das Leben gespürt, aber du hattest selber genug Leben, um nur die Kälte des Steins zu fühlen. Nun hast du gemerkt, dass der Stein warm ist.“
Scherrer verspürte keine Lust, zu diskutieren, und überließ sich dem Schlaf. Die Gegenstände um ihn herum begannen zu leben. Die Katzenstatue vom Eingang seines Hauses, die Göttin Bastet, ging durch den Raum. Er sah die schlanke Figur, den angedeuteten Rock tief auf der Hüfte, aber den Kopf nur von hinten. Es kommt auf den Kopf nicht an, dachte er lächelnd im Schlaf. Es geht um den Körper, nur um den Körper. Geschmeidig schlich Bastet durch den Raum und berührte die kleine Göttin Selekit, die aus ihrem Schlaf erwachte. Ihre goldenen Flügel erhielten schwarz-weiße Federn. Die Flügel begannen zu schlagen, aber Scherrers Augen wurden abgelenkt. Die Kanopen auf dem Bücherregal erwachten. Wieder war es Bastet, die ihnen mit der Hand über den Kopf strich. So wie ich es vorhin getan habe, dachte Scherrer, als ich den Stein zum Leben erweckte. War ihm der Stein nicht warm vorgekommen?
Zu spät! Scherrer sank tiefer in den Schlaf. Er sah noch, wie sich die Köpfe der Kanopen bewegten, und hörte, wie die Katze sagte: „Wir haben kein Recht, uns in die Welt der Menschen einzumischen. Die Götter und die Menschen leben in unterschiedlichen Zeiträumen. Wir können sie nicht verstehen, und sie verstehen uns nicht.“
Er hätte zu gern gewusst, was die Kanopen antworteten, aber er hörte sie nicht mehr. Wohlige Dunkelheit umgab ihn.
Er erwachte, wie es ihm schien, kurze Zeit später. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der Morgen erhellte schon den Raum. Alles war an Ort und Stelle. Die kleine Selekit breitete ihre goldenen Flügel aus wie immer. Goldene Flügel, nicht die Farben der Geierflügel, die er im Traum gesehen hatte. Er streckte sich. Seine Glieder schmerzten von der ungewohnten Lage. Die Uhr schlug sechs. Die Zeit anhalten, dachte Scherrer. Mein erster und mein letzter Gedanke. Wenn man das könnte! Ich will keine Ewigkeit. Ich will kein Leben, das hin und her pendelt zwischen der Wirklichkeit und dem Traum. Ich will nicht durch eine Scheintür zwischen den Welten hin und her wandern. Sei es nun eine bemalte Scheintür in einem Grab oder der Bildschirm an meinem Computer, der schwarz wird und trotzdem etwas zeigt, was ich nicht sehen kann. Ich will die Welt der Götter nicht, aber ich will auch nicht im Tod versinken, im Nichts. Ich will nicht vergehen! Die Zeit anhalten! War da nicht Anne Neidhardt mit dem geheimnisvollen Todesgen in der Arabidopsis? Hatte sie eine innere Uhr gefunden? Eine unsterbliche Pflanze? Ob es das gab? Potentiell war das möglich, den Pflanzen möglich. Auch Tiere und Menschen hatten innere Uhren. Wie war das, wenn man die Uhr anhielt? Ob das ginge? Leben ohne Tod. „Der Tod ist das Geheimnis des Lebens, denn nur mit ihm ist so viel Leben möglich“, sagte einst Goethe, der Denker, der ungewöhnliche Naturwissenschaftler, der Mann, der andere Wege ging. Ob ich auch andere Wege gehen werde?
Der unerbittliche Husten stellte sich wieder ein. „Das ist das Leben“, sagte Scherrer, „ein ständiger Kampf gegen den Tod, den wir nur verlieren können.“ Er sagte es wie eine Frage, aber die Bücher und Statuen gaben keine Antwort, die er nicht schon Hunderte Male gelesen hatte. Er kannte das ägyptische Totenbuch. Die Reise durch die Zwischenwelt, vorbei an den Gottheiten, die das Herz wogen. „Was habe ich in die Waagschale zu legen?“ Diese Frage stand plötzlich im Raum. Habe ich stets nur genommen? Habe ich immer nur genossen oder auch gegeben? „Ich habe gesucht“, sagte Scherrer, „und ich suche noch immer nach einer Antwort.“ Ob das zählen würde? Er wusste es nicht.
Zaghaft klopfte es an der Tür. „Herein“, rief Scherrer. Das musste das Hausmädchen sein. Dagmar würde nicht anklopfen. Es war das Mädchen. „Möchte der Herr frühstücken?“, fragte Irmgard.
Er wollte fragen, woher sie wusste, wo er zu finden war. Aber das Hauspersonal hatte auch so seine Geheimnisse. „Ist meine Frau schon auf?“, fragte er und wusste gleichzeitig, dass er sie nicht sehen wollte.
„Die gnädige Frau erwartet Sie um 8.00 Uhr im Esszimmer. Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte sie.
„Ja, gerne“, antwortete Scherrer, „ein Kaffee wäre schön. Bitte stellen Sie ihn hier ins Arbeitszimmer. Ich habe noch zu tun und möchte mich eben frisch machen.“
Mit keiner Miene zeigte das Hausmädchen, dass sie sich wunderte. Gutes Personal ist viel wert, dachte Scherrer unwillkürlich und ging aus dem Raum, um sich im Bad fertig zu machen.
Im Bad lagen saubere Wäsche zum Wechseln, ein frisches Hemd und auf dem Bügel hinter der Tür hing ein anderer Anzug. Ein Gruß von Dagmar, meiner Frau, dachte Scherrer in einem Anflug von Zärtlichkeit. Sie kennt mich seit vielen Jahren. Einen Augenblick überkam ihn ein melancholisches Gefühl von Einsamkeit. Wir haben uns verloren. Vielleicht schon vor langer Zeit.
Er schaute in den Spiegel und erschrak vor seinem eigenen Spiegelbild. Die sonst so gepflegten Locken hingen wirr in seine Stirn. Er hatte es gar nicht bemerkt. Die Augen waren ein bisschen blutunterlaufen. Die Lider hingen schlaff herunter. Der Mund war schmal und zusammengekniffen. Ein Gesicht nach einer Nacht voller Unruhe und wenig Schlaf.
Scherrer zog sich langsam aus und duschte ausgiebig. Dann rasierte er sich sorgfältig. Ganz in Gedanken griff er zu dem Schalter unter dem Waschbecken und drückte ihn. „Morgendlicher Befund“, sagte seine Stimme vom Tonband. „Augen klar, Zahnfleisch gut durchblutet, Zunge ohne Belag.“ Lächelnd sah er sich an, griff erneut nach dem Schalter und stellte das Tonband ab. Eine endlose Reihe von Tagen, an denen alles immer gleich war.
„Gesund und ohne Befund“, sagte er. „Ich habe geglaubt, es müsse immer so sein.“
Langsam kleidete er sich an. Ein Kratzen im Hals mahnte ihn erneut an den längst fälligen Arztbesuch. Scherrer nahm ein Papiertuch aus dem Spender und hielt es vor den Mund Ein neuer Husten schüttelte ihn. Als der Anfall endlich vorbei war, war das Taschentuch leicht gerötet. Scherrer sah die Blutspuren betroffen an und warf das Tuch in den Mülleimer. Er kämmte seine grauen Haare, kniff den Sitz der Locken mit zwei Fingern nach und zog sich sorgfältig an. Bevor er hinunterging, kontrollierte er den Sitz der Krawatte und des Anzugs. Er war zufrieden. Die heiße Dusche hatte die Spuren der Nacht beseitigt. Scherrer griff nach einem Becher, ließ Wasser einlaufen, gab einige Tropfen Mundwasser hinzu und gurgelte mit dem Wasser, um den Blutgeschmack im Munde zu beseitigen. Vorsichtig spuckte er aus, um seinen Anzug auf keinen Fall zu beschmutzen. Dann warf er sich einen letzten Blick zu, freute sich daran, dass sein Mund wieder überlegen lächelte, und begab sich zurück in seinen Arbeitsraum.
Der Kaffee stand bereit. Scherrer trank einen Schluck und spürte, wie das heiße Getränk in den Magen rann, wie sich die Wärme in seinem Körper ausbreitete. Dann ging er an seinen Schreibtisch, stellte den Computer an und wartete geduldig, bis das Programm hochgefahren war. Flink eilten seine Finger über die Tasten und schienen sie kaum zu berühren.
„Interview mit Professor Scherrer“, schrieb er und stellte die wichtigsten Gedanken des Gesprächs mit Sybille zusammen.
Dann nahm er das Telefon, wählte die Nummer seines Büros und bat seine Sekretärin um einen Gefallen. „Ich überspiele Ihnen einen Text über das Internet“, erklärte er, „bitte drucken Sie ihn aus und schicken ihn per Boten in die Redaktion der Welt der Wissenschaften.“
„Selbstverständlich“, sagte Anneliese. „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“
„Auf meinem Schreibtisch liegt ein Umschlag für Frau Sybille Walter. Bitte legen Sie ihn zu dem Bericht.“
Sie ging in sein Büro und fand dort schnell, was er meinte. „Ich habe ihn gefunden, Herr Professor“, sagte sie. „Wann werden Sie heute hier sein? Es liegen einige Termine an.“
„Ich komme später“, sagte er. „Der lästige Husten. Ich muss endlich zum Arzt. Sie wissen doch …“
„In Ordnung, Herr Professor“, sagte Anneliese und dachte: Männer und Arzt!
Scherrer lehnte sich entspannt zurück, als es an der Tür klopfte. „Ja, bitte“, rief er.
Irmgard öffnete und sagte: „Die gnädige Frau lässt bitten!“
„Danke“, sagte Scherrer und erhob sich. „Ich bin gleich bei ihr.“
Dagmar Scherrer saß mit dem Rücken zur Tür. Das war ihr Platz, aber heute hatte Scherrer das Gefühl, als säße sie absichtlich so, um ihm noch einen winzigen Moment Zeit zu geben, und er war ihr dankbar dafür. Er sah ihren schlanken Rücken, die gerade Haltung, mit der sie am Tisch saß, die stets korrekten, hochgesteckten, blonden Haare. Ja, sie war seine Frau, die seine Karriere sehr gefördert hatte, die es verstand, auf Empfängen die richtigen Leute im rechten Ton anzusprechen. Sie hörte ihn und drehte sich zu ihm um. „Danke, dass du dir Zeit nimmst. Sicher hast du sehr viel zu tun“, sagte sie. Es war eine Feststellung, aber sie legte ihm damit auch alle Worte zur Entschuldigung hin.
„Ich habe die Nacht im Arbeitszimmer verbracht“, sagte er und beugte sich zu ihr hinunter, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. „Es ist sehr spät geworden und die Gedanken haben mich dann nicht mehr losgelassen.“
„Setz dich“, sagte Dagmar. „Möchtest du auch etwas frühstücken?“
Scherrer nickte und nahm ihr gegenüber Platz. Irmgard schenkte ihm Kaffee ein, aber Dagmar bat sie mit einer Handbewegung, sich zurückzuziehen. Jetzt kommt es, dachte Scherrer, aber Dagmar lächelte ihn an.
„Waren es neue Erkenntnisse zu den Experimenten, die dich nicht schlafen ließen?“, fragte sie.
Scherrer griff ihre Worte gerne auf. „Es geht um sehr viel. Endlich nehme ich wieder an der Forschung teil.“ Aber dann merkte er, dass Dagmar gar nicht zuhörte. Erneut versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. „Wir arbeiten im Institut ganz wunderbar zusammen“, erzählte er.
„Ich weiß“, bestätigte Dagmar abwesend. „Aber darum geht es nicht. Wovor hast du eigentlich Angst?“, fragte sie ihn direkt und sah ihm forschend in die Augen.
Scherrer zuckte zusammen. Eine solche Frage hatte er nicht erwartet. „Angst?“, fragte er und seine Stimme klang heiser.
„Edwin“, sagte Dagmar leise, „wir sind seit so vielen Jahren verheiratet. Du bist oft spät heimgekommen oder die Nacht über fortgeblieben, aber noch niemals hast du angezogen im Arbeitsraum übernachtet. Irgendetwas muss dich ungeheuer beschäftigt haben. Hast du kein Vertrauen zu mir?“ Liebevoll sah sie ihn mit ihren blauen Augen an.
Scherrer dachte nach. Was kann, was will ich ihr sagen?, fragte er sich. Was weiß sie? Sybille? Rasch verwarf er den Gedanken. Nein, Dagmar ging es nicht um Eifersucht wegen eines kleinen Abenteuers, es ging ihr um ihn, um ihn ganz persönlich.
„Wir haben im Institut eine neue Forschung begonnen“, sagte er. Dagmar schaute ihn konzentriert an. „Es geht um Todesgene.“
„Ja“, sagte Dagmar, als er zögerte. „Gene, die den Tod auslösen. Ist das richtig?“
„Korrekt“, antwortete Scherrer und fühlte sich wieder auf sicherem Boden. „Wir haben bei Arabidopsis ein Todesgen festgestellt. Beziehungsweise, Frau Neidhardt vermutet es. Als sie hier war, hat sie mir genau erklärt, was sie sucht. Wenn sie es gefunden hat, möchte sie das Gen auf Baumwolle übertragen und so die gefährlichen Spritzmittel überflüssig machen.“
„Das ist ihre Forschung“, stellte Dagmar fest. „Was ist deine?“
„Meine?“, fragte Scherrer. „Meine Aufgabe ist es, die Mittel dafür durch Sponsoren bereitzustellen.“
„Es geht um dich“, sagte Dagmar. „Um dich und uns! Ist der Husten so schlimm? Hast du Angst, dass mehr dahinter steckt?“
Scherrer sah sie unsicher an. „Ich gehe nicht gern zum Arzt“, gestand er.
„Welcher Mann kann damit schon umgehen?“, fragte Dagmar. „Konsultierst du einen Spezialisten?“
„Zunächst Robert in Remchingen.“
„Ich kenne ihn“, sagte Dagmar. „Er ist seit Jahren mein Hausarzt.“
„Dein Hausarzt?“, fragte Scherrer, und plötzlich klang Besorgnis in seiner Stimme.
Dagmar lachte. „Nein, mir fehlt nichts. Jetzt nicht. Aber hin und wieder braucht man auch einen Arzt und sei es nur zu Vorsorgeuntersuchungen. Viele Dinge erkennt man nicht selber, auch wenn man sich gut beobachtet.“
„Du meinst das Tonband?“, fragte Scherrer und ärgerte sich über seine heisere Stimme.
„Das ist deine Sache“, antwortete Dagmar und trank einen Schluck Kaffee. „Hast du Zeit?“
„Ich habe Zeit“, antwortete Scherrer. „Danke für das offene Gespräch. Wir haben seit Jahren nicht mehr so miteinander gesprochen.“
„Leider“, sagte Dagmar. „Ich möchte nur wissen, wie es weitergeht.“
Scherrer stand auf und trat hinter sie. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und sagte. „Dagmar, ich weiß es wirklich nicht.“
„Das Todesgen interessiert dich nicht nur wegen der Arabidopsis, richtig?“, fragte Dagmar.
„Ja“, bestätigte Scherrer.
„Du hast die Ägyptologie auch betrieben, weil dich das Problem der Unsterblichkeit reizt?“, fragte sie weiter.
„Ja, Überlegungen dazu beschäftigen mich seit vielen Jahren. Weniger die Suche nach der Unsterblichkeit, auch nicht die Frage nach einem Leben nach dem Tode. Ich möchte die Uhr anhalten können, die alles Leben vorantreibt!“, sagte Scherrer.
„Und dann?“, fragte Dagmar. „Dann ist Zeit nicht mehr, Vergänglichkeit nicht mehr. Dann gibt es auch keine Bewegung und kein Leben. Was ist dann?“
„Das fragte sie mich gestern auch“, sagte Scherrer.
„Wer?“, erkundigte sich Dagmar. „Die Kleine aus der Redaktion?“
Scherrer zuckte zusammen. Sie wusste also Bescheid. „Nein, eine ägyptische Göttin im Traum“, erklärte er. „Es war ein eigenartiger Traum zwischen Wachen und tiefem Schlaf.“
„Ihr arbeitet in einem Grenzgebiet“, mahnte Dagmar, „da verschwimmen die Grenzen zwischen Forschung und Mystik. Ihr habt euch weit vorgewagt.“
„Aber es geht doch nur um unsere Forschung“, meinte Scherrer, ließ sie los und ging zu seinem Platz zurück. Er setzte sich, nahm einen Toast und bestrich ihn mit Butter.
„Nein, Edwin!“, erwiderte Dagmar ernst. „Und das weißt du auch. Dir geht es um Leben und Tod, um Zeit und Ewigkeit. Wirst du mir Bescheid geben, wenn du gefunden hast, was du suchst?“
„Wie meinst du das?“, fragte Scherrer und ließ das Messer sinken, mit dem er gerade seinen Tost bestrich.
„Du weißt, was ich meine“, sagte Dagmar. „Wir haben keine Kinder. Wir beide sind ganz allein. Ich möchte nur wissen, wann du mich verlässt.“
„Ich suche nur einen Arzt auf“, sagte Scherrer und legte Messer und Toast zur Seite.
„Du hast Post aus Ägypten“, wechselte Dagmar das Thema und wies auf einen Brief, der neben seinem Teller lag.
Scherrer nahm den Brief und öffnete ihn. Interessiert las er ihn durch. „Eine Einladung zu einer besonderen Ausstellung. Das Grab eines ägyptischen Heilers wurde gefunden. Man lädt mich zur Öffnung des Grabes ein. Nubi sprach bereits am Telefon mit mir darüber.“
„Es beginnt“, sagte Dagmar.
„Was beginnt?“
„Ihr seid dabei, Türen zu öffnen, die besser geschlossen blieben. Irgendwie sind wir beide in das Geschehen mit einbezogen. Aber ich weiß nicht wie und warum. Gestern habe ich in deinem Arbeitszimmer auf dich gewartet.“
„Entschuldige, dass ich dich warten ließ“, bat Scherrer und trank einen Schluck Kaffee. „Ich habe den Rauch deiner Zigarette gerochen.“ Er verschwieg, dass er vom Garten aus gesehen hatte, wie lange sie gewartet hatte.
Dagmar lächelte ihn an. „Als ich gestern auf dich wartete, hatte ich das Gefühl, nicht die Einzige zu sein. Auch andere tun das. Es wundert mich nicht, dass du gerade jetzt nach Ägypten eingeladen wurdest. Wirst du fliegen?“
„Ich will das Ergebnis des Arztbesuches abwarten“, antwortete Scherrer.
Schweigend aßen beide ihren Toast und vermieden es dabei, sich anzusehen.
„Du wirst fliegen“, unterbrach Dagmar das Schweigen und fügte hinzu: „Ich weiß es.“
8. KAPITEL
Sybille wachte erst auf, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Aber wo war sie? Wie war sie in ihr Schlafzimmer gekommen? Was war geschehen? Sie lag in ihrem Bett, sorgfältig zugedeckt.
Sie sprang aus dem Bett. „Bin ich das?“, fragte sie sich unwillkürlich, als der große Spiegel an der Wand eine schöne, junge, unbekleidete Frau zeigte. Es hat sich nichts verändert und ich weiß nicht, was geschehen ist. Hatte sie ihn geliebt? War sie gut im Bett? Wie war er nun als Liebhaber? Sie wollte ihn doch auf die Probe stellen. Er sollte zeigen, wer er war, wenn er sich auf ein Bettabenteuer einlassen wollte. Aber er hatte genossen, sich entzogen und die Fäden in der Hand behalten. Sie konnte sich noch daran erinnern, dass sie ihn geküsst hatte, aber dann … Dann war alles ein Traum, der ein wunderbares Gefühl hinterlassen hatte, aber nicht mehr.
„Alle Achtung, Professor, du bist ein Meister“, sagte sie, „und du, Sybille, warst eingebildet genug, zu glauben, ihm gewachsen zu sein. Hoffentlich hast du ihm wenigstens gefallen.“
Sie prüfte ihre Figur vor dem Spiegel. Am besten würde sie nichts essen. Das Telefon läutete. Sie nahm ab und hörte die Stimme ihres Chefs. „Frau Walter, wie weit sind Sie mit Scherrers Interview? Gab es neue Erkenntnisse, eventuell eine Sensation?“
Sybille sah den Hörer an, als sei er eine giftige Schlange, und legte einfach auf. Dann ging sie unter die Dusche und als die warmen Wasserstrahlen an ihrem Körper hinunterrannen, fühlte sie eine zärtliche Berührung, aber nicht mehr, keine Einzelheiten … nur die zarte Berührung. Sie stellte die Dusche auf kalt und die Kälte rief sie in den Tag zurück. Rasch kleidete sie sich an und fuhr ins Büro.
Dort erwartete man sie bereits. „Eben war ein Bote vom Institut hier. Sie haben Ihre Unterlagen liegen lassen“, sagte die Sekretärin und gab ihr einen dicken Briefumschlag.
Beim Öffnen fiel ein kleiner Zettel heraus. „Vielen Dank für einen schönen Abend und eine einmalige Nacht!“ Keine Unterschrift, aber mit der Hand fein gestochen geschrieben. Natürlich war die Nacht einmalig. Es würde keine Wiederholung geben, das hatte sie von Anfang an gewusst. Es war auch nicht als Beziehung gemeint, und trotzdem tat es weh, das so zu lesen.
Sie nahm die Blätter heraus. „Interview Professor Scherrer durch Sybille Walter“ stand in dicker Überschrift über dem Computerausdruck. Mit wachsendem Staunen las sie das Protokoll der Gespräche, die sie geführt hatten. Alle Fragen und Themen waren bereits fertig ausgearbeitet! Wie hatte der Professor das gemacht? Mit einem Tonband, das er seiner Sekretärin gab? Sogar ein Bild war beigelegt: Scherrer in seinem Arbeitszimmer. Ein sehr privates Bild, das noch nie veröffentlicht worden war. Sie drehte es um. „Für Sybille Walter“ stand dort in seiner schönen Handschrift.
„So nicht, Professor Scherrer, so nicht!“, sagte Sybille ärgerlich zu sich und setzte sich an ihren Schreibtisch. „Sie sind ein Zauberer und ein großer Mann, aber ich werde meinen eigenen Weg gehen!“
Zuerst wollte sie alles zerreißen, doch dann gab sie die Seiten über den Scanner in den Computer ein und arbeitete den ganzen Tag an Sätzen und Formulierungen. Am Abend überspielte sie das Ergebnis auf den Redaktionscomputer. Es mochte nun gut sein oder nicht. Das war alles, was sie konnte. Langsam gingen die Lichter an, als sie auf die Straße trat. Ziellos wanderte sie durch die Stadt und stand plötzlich vor dem alten Botanischen Institut.
Halt, Sybille, das darf dir nicht passieren! Sie fuhr wie aus einem Traum auf. Aber ich vermisse ihn, gestand sie sich.
„Das wird jetzt immer so sein“, sagte eine leise Stimme in ihr. „Der Preis war nicht die eine Nacht, der Preis war ein Stück von deinem Leben, das du nie vergessen wirst. Jetzt tut es weh, aber der Schmerz wird leiser, nur vergessen wirst du ihn nie.“
Sie wandte sich ab, bestieg die Bahn und fuhr zu ihrer Wohnung. Über ihre Wangen liefen Tränen. Scherrer stand oben am Fenster des Institutes und schaute in die Nacht. Er hatte darauf gewartet, dass sie kommen würde, vielleicht auch damit, dass sie ihm eine Szene machen würde. Vielleicht hatte er das sogar gehofft. So sah er, wie sie in die Bahn stieg und aus seinem Leben davonfuhr.
„Wir werden uns nicht wiedersehen, Sybille, und wenn doch, dann wird alles anders sein. Ich danke dir.“ Seine Worte prallten an den Fenstern ab. Sein Institut war seine Welt, aber auch sein Gefängnis. Hier wurde Großes gedacht und vollbracht, aber gegen Alter und Tod gab es noch kein Mittel, und er spürte, wie sehr er sich gerade danach sehnte. „Dafür würde ich jeden Preis zahlen“, flüsterte er in die Nacht. „Auch den Preis des Verzichtes auf das Leben, wie ich es bisher geführt habe, der Verzicht auf Liebe inbegriffen.“ Er fröstelte und trat vom Fenster zurück. Die Arbeit wartete.
9. KAPITEL
An der Wand hingen die Genkarten von Arabidopsis. Die bisherigen Ergebnisse der Forschung waren eingezeichnet. Im Lichtkegel des Mikroskops lagen einige grüne Arabidopsiszellen. Noch war ihnen nichts anzusehen. Anne befestigte die Videokamera auf dem Mikroskop und stellte sie genau ein. „Das wird kein spannender Film“, sagte sie zu Dr. Meyer, „aber ich möchte wissen, wie sich die Zellen ändern, wenn sie die Todesbotschaft bekommen.
„Im Schnelldurchlauf erkennen wir vielleicht etwas“, sagte Meyer. „Ich habe im Internet einen Hinweis auf Alterungsenzyme gefunden und sie besorgt. Es sollen Stoffe sein, die Zellen ganz unspezifisch altern lassen. Ob das die Botenstoffe sind, die den Tod der Pflanzen einleiten?“
„Ich werde einige Gewebeabschnitte damit behandeln und dann wissen wir mehr“, sagte Anne und bestrich Gewebeproben mit der neuen Flüssigkeit, kontrollierte noch einmal die gesamte Versuchsanordnung und ließ die Kamera anlaufen. „So muss es klappen. In drei Stunden wechseln wir die Kassette.“ Sie ging an ihren Arbeitsplatz zurück. „Die Beobachtung wird noch nicht ausreichen. Wir müssen wissen, was sich in der Zelle ändert“, sagte sie. „In zerkleinertem Zellgewebe müssten sich auch chemische Änderungen nachweisen lassen. Was meinen Sie, Dr. Meyer? Änderungen im pH-Wert oder in der Sauerstoffkonzentration? Das könnten Hinweise auf die chemischen Prozesse in der Zelle sein. Erst wenn wir das verstanden haben, können wir die vermuteten Gene suchen.“
Sie wartete Meyers Bestätigung nicht ab, sondern nahm von den vielen Arabidopsispflanzen, die auf der Fensterbank standen, gezielt Blätter, die bereits deutlich abstarben. Ein kleiner Mixer zerrieb die Pflanzen zu einem grünen Brei. Anne verteilte das Mus auf zwei kleine Kolben. In den einen hängte sie eine pH-Messanlage, in den zweiten eine Elektrode zur Sauerstoffmessung. Beide Geräte schaltete sie an ihren Computer.
„Wie weit sind Sie, Dr. Meyer?“, fragte sie, während sie auf dem Bildschirm die Funktion und die Speicherung überprüfte.
Meyer sah von seiner Arbeit auf. „Noch ist makroskopisch nichts zu sehen“, sagte er. „Ich bereite gerade Feinschnitte vor, in denen man vielleicht schon etwas erkennen kann.“
Mit dem Mikrotom schnitt er feine Streifen von Blättern und legte sie unter das Mikroskop. Die Blattzellen waren deutlich zu erkennen. In der Epidermis färbten sich einige Zellen braun. „Frau Neidhardt, kommen Sie doch bitte mal“, rief Meyer erfreut, „ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Die Epidermis verfärbt sich. In diese Bereiche ist das Enzym zuerst eingedrungen.“
„Moment“, sagte Anne, „hier bei mir tut sich auch etwas.“ Auf dem Computer begannen Zahlenreihen zu laufen. „Der pH-Wert der Lösung ändert sich rapide! Parallel dazu verändert sich auch der Sauerstoffgehalt der Probe.“ Staunend verfolgte Anne die Anzeige auf ihrem Bildschirm. „Ich dachte, die Sauerstoffkonzentration in den Zellen würde abnehmen und damit zu einem Erstickungstod führen“, sagte sie, „aber die Konzentration nimmt zu! Wie ist das zu erklären?“
Meyer verfolgte mit ihr die Zahlenreihen auf dem Bildschirm. „Erstaunlich“, sagte er. „Jetzt sinkt die Sauerstoffkonzentration, wie wir es erwartet haben, wieder ab!“
„Wir müssen das Experiment mehrfach wiederholen“, sagte Anne, „aus einem Versuch kann man noch keine Theorie ableiten. Wir wissen nicht, welche besonderen Versuchsbedingungen vorlagen.“
Aber es blieb dabei. Auch der fünfzigste Ansatz zeigte vergleichbare Werte. Die Sauerstoffkonzentration stieg beim Absterben in den Zellen rapide an und fiel erst nach einiger Zeit, wie sie es erwartet hatten. Anne versuchte, die Ergebnisse zu verstehen.
„Ich stelle die Daten mal als Kurve dar“, sagte sie. Auf dem Bildschirm erschien eine rote Linie in einem Koordinatensystem. In dieser Darstellung wurde der Verlauf deutlicher. Zuerst stieg der Sauerstoffgehalt plötzlich an, hielt sich eine Zeit auf hohem Niveau und erst dann sank der Sauerstoffgehalt wie erwartet rapide ab.
„Ich glaube, ich verstehe den Vorgang“, meinte Meyer nachdenklich. „So viel freier Sauerstoff muss in der Zelle alles zerstören. Das verträgt keine Zelle.“
„Wenn das so vorgesehen ist“, sagte Anne und stützte den Kopf auf beide Hände. „Was ist der Tod anders? Das geordnete Gefüge der Zelle wird zerstört und sie kann nicht mehr arbeiten. Leben verläuft in geordneten Vorgängen, Nicht-Leben bedeutet chemische Prozesse, wie sie überall in der Natur ablaufen. Sie ähneln den Lebensprozessen, laufen aber unkontrolliert ab.“
„Da haben wir wahrscheinlich schon des Rätsels Lösung“, sagte Meyer. „Die Änderung des pH-Wertes geht in gleiche Richtung. Die Zellflüssigkeit hat einen pH-Wert, bei dem die Enzyme ideal arbeiten können, aber er kann auch nur durch komplexe Vorgänge so gehalten werden. Um das zu erreichen, sind Steuerungen notwendig. So etwas leisten nicht einmal Pufferlösungen. Wenn das vermutete Todesgen nun eben diese Steuerung abschaltet?“
„Dann laufen normale chemische Prozesse ab. Die Abbauprodukte in der Zelle werden nicht mehr entfernt und sie zerstören die Zelle.“
„Wie in einer chemischen Fabrik, in welcher der Zentralcomputer ausfällt. Dann wird die Wärme nicht mehr abgeführt und die Abfallprodukte können nicht entsorgt werden. Eine solche Fabrik muss sich früher oder später selbst zerstören.“
„Damit haben wir eine Theorie aufgestellt“, sagte Anne. „Wir fanden bei früheren Versuchen heraus, dass die Katalase den freien Sauerstoff aufarbeitet. Die Änderung der Katalasekonzentration müsste auch nachweisbar sein.“
„Überprüfen wir das“, schlug Meyer vor.
Die Ergebnisse waren eindeutig. Die Konzentration der Katalase fiel in der Lösung plötzlich stark ab, um kurze Zeit darauf wieder auf einen annähernd normalen Wert anzusteigen.
„Nun haben wir den Mechanismus verstanden, mit dem das Todesgen die Zelle zum Absterben bringt“, sagte Anne. „Wie ein Terrorist schaltet sie kurzzeitig die Katalaseproduktion auf null. Damit wird der Sauerstoff frei und kann sein Zerstörungswerk beginnen. Die nun ablaufenden chemischen Prozesse zerstören die Zelle.“
„Tod vollzieht sich sowohl in einem Augenblick als auch in einem Prozess“, sagte Meyer. „Jemand legt den Schalter kurz um und dann ist es geschehen. Wir müssen nun das Gen suchen, das wie dieser vermutete Schalter wirkt.“
An der Wand hingen die Genkarten von Arabidopsis. Lange Streifen mit schwarz-weißem Muster, eng beschrieben mit schwarzen und weißen Feldern. An vielen Bereichen waren Klammern mit Bezeichnungen: Gene für die Blattfarbe, Blattgröße, die Behaarung der Blätter, die Ausprägung der Wurzeln, Blütenfarbe …
„So viele Bereiche kennen wir schon“, sagte Anne und betrachtete die Genkarten. „Aber wo versteckt sich das Todesgen?“
„Morgen ist auch noch ein Tag“, meinte Meyer.
Die Tür ging und Anne war allein. Die Sonne sank über der hohen Häuserfront der Kaiserstraße. Anne ergriff eine seltsame Traurigkeit. Wofür arbeite ich eigentlich?, dachte sie. Was suche ich? Ein Todesgen? Oder Erfüllung? Ist nicht alles so sinnlos? Deutlich hob sich die St. Bernhardkirche vom hellen Hintergrund des Himmels ab. Die Gedanken erdrückten Anne. Sie setzte sich ans Fenster und sah einfach hinaus. Überall gingen die Lichter an. Die Straßenbahnen ratterten vorbei, der Lärm des Verkehrs brandete zu ihr hoch. Die Turmuhr von St. Bernhard begann zu schlagen und dann fiel das Geläut der anderen Kirchen ein. Anne blieb am Fenster sitzen und überließ sich ihren Gedanken.
„Sie sind noch an der Arbeit?“, fragte jemand.
Erschrocken drehte sich Anne um. Scherrer stand in der Tür. Er trug noch seinen weißen Labormantel. Sie stand verwirrt auf.
„Frau Neidhardt“, sagte Scherrer. „Ich mache nur meinen abendlichen Kontrollrundgang. Aber da Sie noch hier sind, darf ich sicher neugierig sein. Wie weit sind Sie mit den Forschungen gekommen?“
„Ach, Herr Professor, Sie wissen doch, wie mühsam das ist“, sagte Anne. „Hier habe ich die Genkarten aufgehängt und alles eingetragen, was wir bisher gefunden haben. Es sind Bereiche dabei, die etwas mit einer inneren Uhr zu tun haben. In diesen Abschnitten suche ich das Todesgen.“
Scherrer hüstelte. Er ging an die Karten und sah sich die Eintragungen an. „Das sind die Bereiche, welche die Lebenszeiten bestimmen?“, fragte er.
„Ja“, bestätigte Anne. „Das sind die Gene, welche für die Blatt- und Blütenentwicklung verantwortlich sind. Diese hier sind für die Fruchtbildung zuständig.“ Anne zeigte auf die entsprechenden schwarzen Bereiche in den Genkarten.
„Ich glaube, Sie sind auf der richtigen Spur“, sagte Scherrer. „Hier habe ich einen besonderen Schatz für Sie.“ Seine blauen Augen leuchteten vor Stolz. „Natürlich arbeiten nicht nur wir an Arabidopsis. Amerikanische Institute forschen genauso an dieser Pflanze und sind uns in vielen Bereichen voraus.“ Anne nickte zustimmend. „Heute kam ein Bericht.“ Scherrer zog mehrere Seiten eines Computerausdrucks aus seinem Kittel. „In dieser Arbeit geht es um das Problem, welche Steuerungsmechanismen die Schoten von Raps öffnen. Selbst das ist genetisch festgelegt.“
„Dieser Vorgang ist ganz eng mit dem Absterben der Pflanze verbunden“, sagte Anne aufgeregt. „Wo liegt der genetische Bereich?“
„Geduld, Geduld“, mahnte Scherrer. „Hier steht es: Die vorzeitige Öffnung der Schoten beim Raps führt zu 20 % Ernteverlusten. Zur genetischen Regulation der Fruchtöffnung liegen erste Befunde vor. Es wurden nun zwei Gene identifiziert, die für die Öffnung der Schoten verantwortlich sind. Die Wirkung der Gene ist redundant, eine Mutation in nur einem führt also nicht zu einem veränderten Phänotyp. Solche Redundanzen findet man nicht selten bei Genen, die wichtige Entwicklungsvorgänge kontrollieren; hierdurch wird der richtige Ablauf des Vorgangs besonders gesichert. Wenn beide Gene mutiert sind, unterbleibt die Verholzung der Fruchtblattwandung und es wird kein Trenngewebe ausgebildet, sodass sich die Schote nicht öffnen kann. Durch Ausschaltung der SHP-Gene könnte eine vorzeitige Schotenöffnung vermieden werden. Dies könnte rasch über transgene Pflanzen oder langsamer durch klassische Züchtung erreicht werden.“
Scherrer ließ das Blatt sinken. „Denken Sie an die großen Kulturpflanzen“, sagte er leise, „an Mais, Baumwolle, Raps, Weizen, an die Pflanzen, welche die Menschen ernähren und kleiden.“ Anne sah ihn verwundert an. Scherrer spürte ihren Blick. „Ich dachte an ein Gespräch mit einem Kollegen“, erklärte er. „Man wies mich darauf hin, dass wir an den wichtigen Pflanzen arbeiten sollen.“
„Aber das tun wir doch“, meinte Anne. „Sehen Sie, so weit sind wir auch. In diesen Bereichen sind die MADs-box-Gene. Hier müssen auch die neu identifizierten Gene liegen. Waren auch Genkarten im Internet veröffentlicht?“
„Natürlich“, erklärte Scherrer. „Ich habe Ihnen alles mitgebracht. Schauen Sie es morgen durch. Die gleichen Abzüge liegen bei mir im Labor. Wenn Sie Ergebnisse oder neue Interpretationen haben, kommen Sie zu mir. Die Ausschaltung der Gene erscheint mir interessant und auch die Doppelfunktion gerade bei Entwicklungsgenen. Wir müssen also die jeweiligen Genbereiche auf den homologen Chromosomen suchen. Die Todesgene müssen auf beiden Genen in gleicher Weise vorhanden sein, denn Gene sind redundant. Sie werden nur dann wirksam, wenn sie auf beiden Chromosen vorhanden sind. So kann immer eins wirksam werden. Das ist nicht neu, aber bei diesen Genen ist gerade die Redundanz so entscheidend. Vielleicht könnte auch eine Veränderung an nur einem Gen die Aus- und Anschaltung der Todesgene möglich machen.“
Scherrer musste erneut in ein weißes Taschentuch husten. „Haben Sie einmal mit Dr. Meyer darüber gesprochen? Er scheint mir in diesen Bereichen besonders kompetent zu sein“, fragte er, als er wieder Luft bekam.
„Noch nicht“, erwiderte Anne viel abweisender, als sie es wollte, „aber danke für den Internetausdruck. Das wird uns erheblich weiterbringen.“
Scherrer gab ihr die Blätter und wünschte „Gute Nacht“. Sie ging mit ihm zur Tür und sah ihm nach, wie er durch die langen Gänge des Institutes ging. Unwirklich blau leuchteten rechts und links die Pflanzenkästen.
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