Kitabı oku: «Minna von Barnhelm», sayfa 2
9. Szene
(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.)
Bediente
Bst! Kamerad!
Just
Was gibt's?
Bediente
Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkömmt) gewohnt hat?
Just
Das dürfte ich leicht können. Was bringt Er ihm?
Bediente
Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine Herrschaft hört, daß er durch sie verdrängt worden. Meine Herrschaft weiß zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten.
Just
Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er.
Bediente
Was ist er? Wie nennt man ihn?
Tellheim Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehört. Es ist eine überflüssige Höflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.—Wie heißt Eure Herrschaft?—
Bediente
Wie sie heißt? Sie läßt sich gnädiges Fräulein heißen.
Tellheim
Und ihr Familienname?
Bediente Den habe ich noch nicht gehört, und darnach zu fragen, ist meine Sache nicht. Ich richte mich so ein, daß ich meistenteils alle sechs Wochen eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!—
Just
Bravo, Kamerad!
Bediente Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht, glaube ich, hier ihren Bräutigam.—
Tellheim Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen, aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur!
Bediente
Kamerad, das wäre kein Herr für mich!
10. Szene
(v. Tellheim. Just.)
Tellheim Mache, Just, mache, daß wir aus diesem Hause kommen! Die Höflichkeit der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts. Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir übrig ist, von der ich nie geglaubt hätte, einen solchen Gebrauch zu machen!– Versetze ihn! Laß dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die Rechnung des Wirts kann keine dreißig betragen. Bezahle ihn und räume meine Sachen—Ja, wohin?—Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen. Ich gehe, mache deine Sache gut.—
Just
Sorgen Sie nicht, Herr Major!—
Tellheim (kömmt wieder zurück). Vor allen Dingen, daß meine Pistolen, die hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden.
Just
Ich will nichts vergessen.
Tellheim (kömmt nochmals zurück). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit; hörst du, Just!—
11. Szene
(Just)
Just Der Pudel wird nicht zurückbleiben. Dafür laß ich den Pudel sorgen.– Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn in der Tasche, anstatt am Finger?—Guter Wirt, wir sind so kahl noch nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich versetzen, schönes Ringelchen! Ich weiß, er ärgert sich, daß du in seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!—Ah—
12. Szene
(Paul Werner. Just.)
Just
Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt!
Werner
Das verwünschte Dorf! Ich kann's unmöglich wieder gewohne werden.
Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major?
Just
Er muß dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab.
Werner Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich wäre schon vorige Woche bei euch gewesen, aber—
Just
Nun? was hat dich abgehalten?—
Werner
–Just—hast du von dem Prinzen Heraklius gehört?
Just
Heraklius? Ich wüßte nicht.
Werner
Kennst du den großen Helden im Morgenlande nicht?
Just
Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem Sterne herumlaufen.—
Werner Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die Bibel?—Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht, der Persien weggenommen und nächster Tage die Ottomanische Pforte einsprengen wird? Gott sei Dank, daß doch noch irgendwo in der Welt Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat war ich, Soldat muß ich wieder sein! Kurz—(indem er sich schüchtern umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach Persien, um unter Sr. Königlichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein paar Feldzüge wider den Türken zu machen.
Just
Du?
Werner Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleißig wider den Türken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und gute Christen wären. Freilich begreife ich wohl, daß ein Feldzug wider den Türken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den Franzosen; aber dafür muß er auch desto verdienstlicher sein, in diesem und in jenem Leben. Die Türken haben dir alle Säbels, mit Diamanten besetzt—
Just
Um mir von so einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schönes Schulzengerichte verlasen?—
Werner
Oh, das nehme ich mit!—Merkst du was?—Das Gütchen ist verkauft—
Just
Verkauft?
Werner St!—hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen; die bring ich dem Major—
Just
Und was soll der damit?
Werner Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver—, wie er will. Der Mann muß Geld haben, und es ist schlecht genug, daß man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wüßte schon, was ich täte, wenn ich an seiner Stelle wäre! Ich dächte: hol euch hier alle der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!—Blitz!—Der Prinz Heraklius muß ja wohl von dem Major Tellheim gehört haben, wenn er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt. Unsere Affäre bei den Katzenhäusern—
Just
Soll ich dir die erzählen?—
Werner Du mir?—Ich merke wohl, daß eine schöne Disposition über deinen Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Säue werfen.—Da nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir auch die aufheben. Ich muß jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel Roggen hereingeschickt; was ich daraus löse, kann er gleichfalls haben. —
Just
Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir mögen dein Geld nicht.
Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.—
Werner
So? Hat denn der Major noch Geld?
Just
Nein.
Werner
Hat er sich wo welches geborgt?
Just
Nein.
Werner
Und wovon lebt ihr denn?
Just Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und ziehen weiter.—Höre nur, Paul; dem Wirte hier müssen wir einen Possen spielen.
Werner
Hat er dem Major was in den Weg gelegt?—Ich bin dabei!—
Just Wie wär's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie kömmt, aufpaßten und ihn brav durchprügelten?—
Werner
Des Abends?—aufpaßten?—ihre zwei, einem?—Das ist nichts.—
Just
Oder wenn wir ihm das Haus über dem Kopf ansteckten?—
Werner Sengen und brennen?—Kerl, man hört's, daß du Packknecht gewesen bist und nicht Soldat—pfui!
Just Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar verdammt häßlich—
Werner Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn?
Just
Komm nur, du sollst dein Wunder hören!
Werner
So ist der Teufel wohl hier gar los?
Just
Jawohl; komm nur!
Werner
Desto besser! Nach Persien also, nach Persien!
2. Akt
1. Szene
(Die Szene ist in dem Zimmer des Fräuleins.) (Minna von Barnhelm. Franziska.)
Fräulein (im Negligé, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr früh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden.
Franziska Wer kann denn in den verzweifelten großen Städten schlafen? Die Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals— das hört nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger wäre als zur Ruhe. —Eine Tasse Tee, gnädiges Fräulein?—
Fräulein
Der Tee schmeckt mir nicht.—
Franziska
Ich will von unserer Schokolade machen lassen.
Fräulein
Laß machen, für dich!
Franziska Für mich? Ich wollte ebensogern für mich allein plaudern als für mich allein trinken.—Freilich wird uns die Zeit so lang werden.—Wir werden vor langer Weile uns putzen müssen und das Kleid versuchen, in welchem wir den ersten Sturm geben wollen.
Fräulein
Was redest du von Stürmen, da ich bloß herkomme, die Haltung der Kapitulation zu fordern?
Franziska Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment darüber machen lassen; er muß auch nicht die feinste Lebensart haben; sonst hätte er wohl um die Ehre können bitten lassen, uns seine Aufwartung machen zu dürfen.—
Fräulein Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich ließ ihm das Kompliment auch bloß machen, um Gelegenheit zu haben, mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.—Franziska, mein Herz sagt es mir, daß meine Reise glücklich sein wird, daß ich ihn finden werde.—
Franziska Das Herz, gnädiges Fräulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul ebenso geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen.
Fräulein Ha! ha! Mit deinen Mäulern unterm Schlosse! Die Mode wäre mir eben recht!
Franziska
Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das Herz darüber springen lassen!
Fräulein
Was? Bist du so zurückhaltend?—
Franziska Nein, gnädiges Fräulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öftrer von der, die uns fehlt.
Fräulein
Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.—
Franziska
Gemacht? Macht man das, was einem so einfällt?—
Fräulein Und weißt du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie hat viel Beziehung auf meinen Tellheim.
Franziska
Was hätte bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn?
Fräulein Freund und Feind sagen, daß er der tapferste Mann von der Welt ist. Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hören? Er hat das rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, die er nie auf die Zunge bringt.
Franziska
Von was für Tugenden spricht er denn?
Fräulein
Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.
Franziska
Das wollte ich nur hören.
Fräulein
Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Ökonomie.
Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender.
Franziska Noch eins, gnädiges Fräulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue und Beständigkeit gegen Sie erwähnen hören. Wie, wenn der Herr auch ein Flattergeist wäre?
Fräulein
Du Unglückliche!—Aber meinest du das im Ernste, Franziska?
Franziska
Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben?
Fräulein
Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben.
Franziska Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur das Böse wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerrüttet auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat. Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!—Und wie lange haben wir schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig Neuigkeiten gibt.—Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand schreibt; denn niemand hat was zu schreiben.
Fräulein
"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich nähere mich der Erfüllung meiner Wünsche." Aber daß er mir dieses nur einmal, nur ein einziges
Mal geschrieben—
Franziska Daß er uns zwingt, dieser Erfüllung der Wünsche selbst entgegenzueilen: finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!—Wenn indes der Mann doch Wünsche erfüllt hätte, und wir erführen hier—
Fräulein (ängstlich und hitzig). Daß er tot wäre?
Franziska
Für Sie, gnädiges Fräulein, in den Armen einer andern.—
Fräulein Du Quälgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!—Doch schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.—Sein Regiment ward nach dem Frieden zerrissen. Wer weiß, in welche Verwirrung von Rechnungen und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiß, zu welchem andern Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiß, welche Umstände—Es pocht jemand.
Franziska
Herein!
2. Szene
(Der Wirt. Die Vorigen.)
Wirt (den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnädige Herrschaft?—
Franziska
Unser Herr Wirt?—Nur vollends herein.
Wirt (mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnädiges Fräulein, Ihnen einen untertänigen guten Morgen zu wünschen—(zur Franziska) und auch Ihr, mein schönes Kind—
Franziska
Ein höflicher Mann!
Fräulein
Wir bedanken uns.
Franziska
Und wünschen Ihm auch einen guten Morgen.
Wirt Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht unter meinem schlechten Dache geruhet?—
Franziska Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten hätten besser sein können.
Wirt
Was höre ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, daß die gar zu große Ermüdung von der Reise—
Fräulein
Es kann sein.
Wirt
Gewiß, gewiß! denn sonst—Indes sollte etwas nicht vollkommen nach Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu befehlen.
Franziska Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht blöde; und am wenigsten muß man im Gasthofe blöde sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern hätten.
Wirt Hiernächst komme ich zugleich—(indem er die Feder hinter dem Ohr hervorzieht).
Franziska
Nun?—
Wirt
Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer Polizei.
Fräulein
Nicht im geringsten, Herr Wirt—
Wirt
Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, Heimat, Charakter, hiesige Geschäfte, vermutliche Dauer des Aufenthalts und so weiter gehörigen Orts schriftlich einzureichen.
Fräulein
Sehr wohl.
Wirt Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen—(indem er an einen Tisch tritt und sich fertig macht zu schreiben).
Fräulein
Sehr gern—Ich heiße—
Wirt
Einen kleinen Augenblick Geduld!—(Er schreibt.) "Dato, den 22.
August a.c. allhier zum Könige von Spanien angelangt"—Nun Dero Namen, gnädiges Fräulein?
Fräulein
Das Fräulein von Barnhelm.
Wirt (schreibt). "von Barnhelm"—Kommend? woher, gnädiges Fräulein?
Fräulein
Von meinen Gütern aus Sachsen.
Wirt (schreibt). "Gütern aus Sachsen"—Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen, gnädiges Fräulein? aus Sachsen?
Franziska
Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Sünde, aus
Sachsen zu sein?
Wirt Eine Sünde? Behüte! das wäre ja eine ganz neue Sünde!—Aus Sachsen also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!—Aber wo mir recht ist, gnädiges Fräulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere—wie soll ich es nennen?—Distrikte, Provinzen.—Unsere Polizei ist sehr exakt, gnädiges Fräulein.—
Fräulein
Ich verstehe: von meinen Gütern aus Thüringen also.
Wirt
Aus Thüringen! Ja, das ist besser, gnädiges Fräulein, das ist genauer.
–(Schreibt und liest.) "Das Fräulein von Barnhelm, kommend von ihren Gütern aus Thüringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"—
Franziska
Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein?
Wirt
Ja, mein schönes Kind.—
Franziska Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.—Ich höre, die Polizei ist sehr exakt; es möchte ein Mißverständnis geben, welches mir bei meinem Aufgebote einmal Händel machen könnte. Denn ich bin wirklich noch Jungfer und heiße Franziska; mit dem Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thüringen. Mein Vater war Müller auf einem von den Gütern des gnädigen Fräuleins. Es heißt Klein-Rammsdorf. Die Mühle hat jetzt mein Bruder. Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnädigen Fräulein erzogen. Wir sind von einem Alter, künftige Lichtmess einundzwanzig Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnädige Fräulein gelernt hat. Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt.
Wirt
Gut, mein schönes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken.
–Aber nunmehr, gnädiges Fräulein, Dero Verrichtungen allhier?—
Fräulein
Meine Verrichtungen?
Wirt
Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Königs Majestät?
Fräulein
O nein!
Wirt
Oder bei unsern hohen Justizkollegiis?
Fräulein
Auch nicht.
Wirt
Oder—
Fräulein
Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier.
Wirt
Ganz wohl, gnädiges Fräulein, aber wie nennen sich diese eigne Angelegenheiten?
Fräulein
Sie nennen sich—Franziska, ich glaube, wir werden vernommen.
Franziska
Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines
Frauenzimmers zu wissen verlangen?
Wirt Allerdings, mein schönes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; und besonders Geheimnisse.
Franziska
Ja nun, gnädiges Fräulein; was ist zu tun?—So hören Sie nur, Herr Wirt—aber daß es ja unter uns und der Polizei bleibt!—
Fräulein
Was wird ihm die Närrin sagen?
Franziska
Wir kommen, dem Könige einen Offizier wegzukapern—
Wirt
Wie? was? Mein Kind! mein Kind!—
Franziska
Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins.
Fräulein Franziska, bist du toll?—Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten. —
Wirt Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei—
Fräulein Wissen Sie was, Herr Wirt?—Ich weiß mich in dieser Sache nicht zu nehmen. Ich dächte, Sie ließen die ganze Schreiberei bis auf die Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglückte zwei Meilen von hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, daß mich dieser Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich mußte also voran. Wenn er vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das längste.
Wirt
Nun ja, gnädiges Fräulein, so wollen wir ihn erwarten.
Fräulein Er wird auf Ihre Fragen besser antworten können. Er wird wissen, wem und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschäften anzeigen muß und was er davon verschweigen darf.
Wirt Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Mädchen (die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen, daß es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft traktiere—
Fräulein
Und die Zimmer für ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt?
Wirt
Völlig, gnädiges Fräulein, völlig; bis auf das eine—
Franziska Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben müssen?
Wirt Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnädiges Fräulein, sind wohl sehr mitleidig.—
Fräulein Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber hätten Sie uns nicht einnehmen sollen.
Wirt
Wieso, gnädiges Fräulein, wieso?
Fräulein
Ich höre, daß der Offizier, welcher durch uns verdrängt worden—
Wirt
Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnädiges Fräulein.—
Fräulein
Wenn schon!—
Wirt
Mit dem es zu Ende geht.—
Fräulein
Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein.
Wirt
Ich sage Ihnen ja, daß er abgedankt ist.
Fräulein
Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen.
Wirt
O gewiß, er kennt sie, er kennt sie alle.—
Fräulein
So kann er sie nicht alle belohnen.
Wirt Sie wären alle belohnt, wenn sie darnach gelebt hätten. Aber so lebten die Herren während des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben würde; als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein würde. Jetzt liegen alle Wirtshäuser und Gasthöfe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch Geldeswert, und zwei, drei Monate hätte ich ihn freilich noch ruhig können sitzen lassen. Doch besser ist besser.—Apropos, gnädiges Fräulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?—
Fräulein
Nicht sonderlich.
Wirt Was sollten Ihro Gnaden nicht?—Ich muß Ihnen einen Ring zeigen, einen kostbaren Ring. Zwar gnädiges Fräulein haben da auch einen sehr schönen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muß ich mich wundern, daß er dem meinigen so ähnlich ist.—Oh! sehen Sie doch, sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem Fräulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein wiegt über fünf Karat.
Fräulein (ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring—
Wirt
Ist seine fünfzehnhundert Taler unter Brüdern wert.
Fräulein
Franziska!—Sieh doch!—
Wirt Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen darauf zu leihen.
Fräulein
Erkennst du ihn nicht, Franziska?
Franziska
Der nämliche!—Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?—
Wirt
Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran?
Franziska
Wir kein Recht an diesem Ringe?—Inwärts auf dem Kasten muß des Fräuleins verzogener Name stehn.—Weisen Sie doch, Fräulein.
Fräulein
Er ist's er ist's!—Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt?
Wirt Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.—Gnädiges Fräulein, gnädiges Fräulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglück bringen wollen? Was weiß ich, wo sich der Ring eigentlich herschreibt? Während des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft, mit und ohne Vorbewußt des Herrn, verändert. Und Krieg war Krieg. Es werden mehr Ringe aus Sachsen über die Grenze gegangen sein.—Geben Sie mir ihn wieder, gnädiges Fräulein, geben Sie mir ihn wieder!
Franziska
Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn?
Wirt Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst guten Manne—
Fräulein
Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem Eigentümer haben.—Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es selbst, oder wenigstens muß er ihn kennen.
Wirt
Wer denn? wen denn, gnädiges Fräulein?
Franziska
Hören Sie denn nicht? unsern Major.
Wirt Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat, und von dem ich ihn habe.
Fräulein
Major von Tellheim.
Wirt
Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn?
Fräulein Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen schuldig?—Franziska, die Schatulle her! Schließ auf! (Indem sie Franziska auf den Tisch setzet und öffnet.) Was ist er Ihnen schuldig? Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner. Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein!
Wirt
Was höre ich?
Fräulein
Wo ist er? wo ist er?
Wirt
Noch vor einer Stunde war er hier.
Fräulein Häßlicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so grausam sein?
Wirt
Ihro Gnaden verzeihen—
Fräulein
Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle.
Wirt Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, daß er ihn aufsuchen soll?
Fräulein Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; für diesen Dienst allein will ich es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.—
Franziska
Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stößt ihn heraus.)