Kitabı oku: «Der Schwan»

Yazı tipi:

Gudbergur Bergsson
Der Schwan

Roman

Aus dem Isländischen von Hubert Seelow

Saga

1.

Schon als der Omnibus losfuhr, fing das kleine Mädchen an, sich nach den Steinen und dem Meer zu sehnen, und die Sehnsucht wurde noch schmerzlicher, nachdem man dorthin gekommen war, wo das Gras wächst, die Vögel singen, der Fluß fließt und die Sonne auf Teichen und Mooren glitzert. Neben den Straßen waren Gräben mit Wasser, und an den Rändern wuchs hohes Gras. Wie sie am Fenster im Omnibus saß und die Wiesen vorbeiziehen sah, nahm sie sich vor, immer an das Meer zu denken, wenn sie diesen Sommer allein war. So dachte sie, und der Omnibus fuhr immer weiter vom Meer weg, und die Wolken schickten schnell fliegende Schatten über das Land. Die grauen Schatten zogen über das Gras, und es wurde mit einem Mal dunkelgrün, doch dann bekam es wieder seine richtige Farbe. In den Sonnenschein danach schlich sich ein klein wenig Trauer, die durch die Schatten, das Flachland und die Weite verstärkt wurde. Das war nicht die Weite des Meeres, sondern die der Erde, die ständig größer wurde, denn es kam immer neues Land, und der Omnibus würde es nie durchqueren können und ans Ziel gelangen, wegen der Berge, Moore und Flüsse. Er fuhr auf einer Straße, die in unzählige andere Straßen überging. Manche führten über hohe Brücken, und dann versuchte sie, einen Augenblick ins Wasser hinunterzuschauen, das in schnellem Wirbel dahinfloß und so tief wurde, daß sie Angst bekam und dachte, es reiße sie mit. Sie schloß die Augen, spürte das tiefe Wasser und machte sie schnell wieder auf, damit sie nicht in den Flüssen unter den Omnibusrädern und Brücken verschwand.

Die Kleine wußte, auf dem Land würde es einen weißen, reißenden Fluß geben, und sie versuchte unterwegs im Omnibus, ihn in ein Meer zu verwandeln. Das mißlang, weil das Meer endlos, weit und grün war, und sie sich den Fluß nur als langen, schmalen Wasserstreifen vorstellte. Er hatte so wenig Ähnlichkeit mit dem Meer, das keiner überqueren konnte. Den Fluß konnte man überqueren, auf einer Brücke und in einem Boot, und mit den Gedanken ohnehin, auch wenn er schließlich verschwindet. Das wußte sie, daß der Fluß am Ende aufhört, ein Fluß zu sein, und zum offenen Meer wird. Weil er aufhört zu fließen. Und dafür hohe Wellen hat, je nachdem, wie die Stürme blasen.

Als sie abfuhr, brachte ihre Mutter sie zum Busbahnhof und sagte:

Das ist das erste Mal, daß du von daheim von deinen Eltern weggehst und aufs Land fährst, versuche deshalb, dich dort wohlzufühlen. Sei höflich und benimm dich allen gegenüber gut, dann vergißt du, was du getan hast. Und wenn du wieder nach Hause kommst, haben es alle auch vergessen.

Dann nahm sie sie in den Arm und flüsterte:

Wir vergessen genauso gern, wie wir uns erinnern, Liebes.

Bevor ihr Vater zur Arbeit ging, hatte er am Morgen, als sie sich zum ersten Mal gleichzeitig anzogen, gesagt:

Wenn du tüchtig bist, behält dich der Bauer vielleicht den ganzen Winter über und zahlt dir Lohn.

Kaum hatte er das gesagt, da füllte sich ihr Mund und Hals mit weichen, trockenen Steinen, eigenartigen Kieseln, die sie nur mit großer Anstrengung hinunterschlucken konnte.

Danach sprachen sie ganz sachlich darüber, daß sie auf dem Land viel verständiger und reifer werden würde, die Luft dort sei viel gesünder als hier und die Leute seien sorglos und gut.

Auch wenn das vielleicht nicht ganz stimmt, ist es trotzdem richtig, daran zu glauben, sagte ihr Vater.

Auf seltsame Art und Weise und voll Freude begann sie, undeutlich Gras, Tiere, Berge und Menschen wahrzunehmen, die im Licht des Morgens leuchteten. Das war ein Gefühl, das sie zu vermeiden suchte wie das Weinen.

Die Kleine war froh und traurig zugleich. Das spürte sie im Omnibus, und sie atmete tief ein, während er an den Häusern vorbeifuhr. Danach flüsterte sie sich selbst zu, weil die Reise eine endlose Abschiedsstunde war:

Nie, nie. Der Omnibus fährt nie mehr an diesem Felsen vorbei, ich sehe nie mehr diesen braunen Vogel, der jetzt wegfliegt, ich werde nie mehr an diesem Berg entlangfahren. Ich sehe das nur einmal in meinem Leben, jetzt und nie wieder.

Ihre Augen bekamen das Gefühl, daß sie nach und nach sterben würde, während der Omnibus immer weiterfuhr auf der Straße.

Und falls ich je wieder nach Hause fahre, wenn ich groß bin, dann heißt mich dieser Vogel nicht willkommen. Er wird längst tot sein, ohne gewußt zu haben, daß ich einmal in einem Omnibus saß und ihn sah. Wahrscheinlich werde ich auch diesen Felsen, den Berg und sogar das Meer vergessen haben. Auf dem Weg nach Hause sehe ich nicht genau dasselbe, was ich auf dem Weg von daheim fort gesehen habe. Deshalb, weil der Omnibus in entgegengesetzter Richtung fährt zu der, wie er jetzt fährt, und ich sehe alles anders und glaube, der Felsen sei ein neuer Felsen, der Berg ein anderer Berg. Ich bin dann schon groß und alles ist viel kleiner und niedriger geworden als bei meiner Hinreise. Die Rückfahrt wird ganz anders als die Hinfahrt, obwohl die Straße dieselbe ist, die Straße, die von zu Hause weg und wieder nach Hause führt.

Und nun verabschiedete sie sich durch das Fenster hinaus von allem, was sie zum letzten Mal sah. Es kam ihr so vor, als verwelke sie und sterbe im Sonnenschein, während dunkle Wolken über das Land dahinsegelten. So fuhr sie von den Meereswogen zu grünen, gerundeten Anhöhen.

Als der Omnibus an den letzten Häusern vorbeigefahren war, wurden sie zu einer Erinnerung, an der sie sich festhielt, doch dann wurden sie von einem Nebel aufgesogen und sie konnte sie sich kaum mehr in Gedanken vorstellen. Es war, als ob die Häuser und die Leute in ihnen gestorben wären, als sie wegfuhr. Alles starb, je weiter man kam. Sogar das Haus daheim hing irgendwie in der Luft, wie ein blasses Trugbild, nachdem man aufs Land gelangt war.

Die Vögel, die über das Gras flogen, waren leicht und klein, nicht so wachsam wie die schweren Seevögel mit ihren breiten Flügeln. Sie flogen schnell vor dem Omnibus davon, waren eher nur Geräusche, ängstliche Schreie, als wirkliche Vögel. Sie waren ganz anders als die Möwen, die das Meer in den Schwungfedern hatten und es von dort zum Himmel hinaufschleuderten. Sie schlugen beim Flug auf ähnliche Weise mit den Flügeln, wie das Meer sich in langsamen Wellen hebt. Ihre Augen waren eine Uhr, die keine Zeit mißt. Doch die lebhaften kleinen Vögel dachten nicht. Sie waren wie kleine Steine, die ein unsichtbares Wesen oder ein Geist in blinder Wut aus der Erde herausgeschleudert hatte.

Je weiter der Omnibus fuhr, desto klarer wurde, daß es keinen Weg zurück gab. Die Feuchtigkeit vom Meer war aus dem Luftstrom verschwunden, der durch das halboffene Fenster hereindrang. Hier und da sah man auf dem grünenden Land die ersten Zeichen für die Ankunft des Frühlings, und der Luftzug trug die nicht salzige, fremde Feuchtigkeit von sich erwärmender Erde mit sich. So weit das Auge reichte, herrschte die Ruhe des Landes, und nicht das einschläfernde, geheimnisvolle Seufzen, das vom Meer her dringt, wenn sich nach einem stürmischen Winter eine schwere Frühjahrsruhe über es breitet. Die Erde erwacht im Frühjahr zum Leben, und zur gleichen Zeit stirbt das Meer, oder es fällt in tiefen Schlaf. Es wird einem blauen, pulsierenden fließenden Tier ähnlich, das ruhig daliegt. Trotzdem hat es auch Augen und ist jederzeit bereit, fauchend auf den Strand loszugehen.

Das Mädchen sah das grünblaue Tier in Gedanken vor sich, wußte aber nicht, von welcher Art es sein mochte. Es war eine Mischung zwischen einem Ungeheuer und einem treuen Haustier, aus Wasser geformt und aus einem Traum geboren. Ein solches Tier konnte man leichter spüren als sehen.

Plötzlich fing sie an, innerlich vor sich hin zu heulen, ohne daß man es hören konnte. Sie heulte über alles, was sie sah. Sie heulte langgezogen, still, mit der Hand vor dem Mund, so daß man meinen konnte, sie singe, und sie betrachtete das Land, die Höfe und die Hauswiesen, die ganz bestimmten Leuten gehörten, und niemand anderem. Diese Leute wurden Bauern genannt. Doch das Meer gehörte allen gemeinsam, keiner konnte sich dort ansiedeln oder dort seine Haustiere weiden lassen. Das Meer konnte niemandem gehören, denn es strömt ununterbrochen zum Himmel hinauf und wieder zu sich selbst hinunter, auf unsichtbare Weise in Sonne und Regen.

Das Meer kann genausowenig jemandem gehören wie die Liebe des Menschen, so wie du keinem Mann gehören kannst, auch wenn er dich heiratet und du ihn, hatte ihr Vater gesagt.

Das Mädchen heulte still, während sie über das nachdachte, was sie wahrnahm, aber sie saß immer ruhig und gerade da, während der Omnibus unbarmherzig weiterfuhr.

Bisweilen hielt er an, Leute stiegen aus und andere kamen herein und fuhren ein Stück weit mit. Hunde kamen von den Höfen über Hänge und Hauswiesen herabgelaufen, entweder um zu bellen oder um die Aussteigenden zu begrüßen. Das Mädchen freute sich nicht darüber, die ungezügelte Freude der Hunde zu sehen. Sie wußte, daß sie keiner begrüßen würde, wenn sie endlich am Ziel war, nicht einmal ein Hund.

Es war leicht zu erkennen, daß der, den die Hunde begrüßten, wirklich daheim angekommen war. Er lächelte so, als ob er es an ihren Liebesbezeugungen spüre, schimpfte sie aber zum Schein aus.

Das Land war so anders als das Meer.

Die Kleine wußte, auch wenn sie auf der Stelle nach Hause zurückkehrte und zum Meer hinunterginge, würden keine Fische an den Strand geschwommen kommen, um aus Freude über ihre Rückkehr mit dem Schwanz zu schlagen. Keiner begrüßt den, der ans Meer tritt. Wer das tut, spürt nur in seiner eigenen Brust Freude darüber, wieder die nasse Meeresfläche anzutreffen, die zurückgeblieben war, als er wegging.

Das ist der Unterschied zwischen dem Meer und dem Land, dachte sie.

2.

Plötzlich spürte das kleine Mädchen in der Brust jene unendliche Härte, die immer nahe daran ist, sich in Wasser zu verwandeln. Doch man hält sie im Zaum, solange andere in der Nähe sind und es sehen. Man verbirgt die Veränderung, bis man allein ist und keiner sehen kann, wie man blind wird in seiner eigenen Tiefe und sich weit entfernt von sich selbst und anderen. Man lauscht und späht gleichzeitig herum. Eben deswegen saß sie während der ganzen Fahrt schweigend da und sammelte das, was sie später verdauen und sich im stillen von der Seele weinen wollte, und es schien ihr, als sei sie in einem Käfig auf Rädern unterwegs.

Ein Fahrgast, der vor der Kleinen saß, begann, lauthals vom Land, von der Sonne und von der Erde zu singen, während sie ihre Limonade trank. Sie sah mit eigenen Augen und hörte plötzlich mit den Ohren, was bisher nur in Gedichten und Geschichten existiert hatte, die sie in den Schulbüchern gelesen hatte. Sie war jetzt in der Gegend, von der die Gedichte handelten. Das, was sie sah, machte keinen schlechten Eindruck, wenn man durch das Fenster schaute, während gesungen wurde; hätte sie nur nie ans Ziel kommen und an einem fremden Ort etwas damit zu tun haben müssen.

Über sie legte sich eine dunkle Rauchwolke von dem feuerspeienden Berg, der unvermutet aus Kummer im Innern des Menschen ausbricht, der zum ersten Mal von zu Hause fortgeht. Und für den Rest der Fahrt lag sie unter dieser dunklen Wolke.

Der Omnibus hielt an, der Fahrer wandte sich um, sah sie gleichgültig an und sagte:

Hier mußt du aussteigen. Man ist schon da, um dich abzuholen.

Daraufhin schaute sie hinaus und sah zum ersten Mal den Bauern. Er wartete allein auf der Straße, und nirgends war ein Haus zu sehen, nur der Fahrweg hinter ihm, der zwischen zwei ziemlich flachen Hügeln verschwand.

Sobald sie aus dem Omnibus ausstieg, steif in den Beinen, konnte sie die Vögel hören, und irgendwie auch die langsam wachsenden Pflanzen. Ein Leben, das sie noch nie gehört hatte, tönte überall aus der Ferne der Gewässer und des begrünten Landes. Es schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, aus der Erde herauf und vom Himmel herab. Zwei verschiedene Klänge verschmolzen in ihren Ohren. Es war ganz anders als dann, wenn sie den Himmel und die Brandung auf den Klippen hörte. Jener Klang hatte mit Getöse alles übertönt, und gleichzeitig verstummte das Land. Das Meeresrauschen war so, wie es war, und der Strand war still in seinem Schweigen.

Der Fahrer war vor ihr hinausgesprungen und hatte eilends ihren Koffer aus der Gepäckluke gezerrt und an den Straßenrand gestellt. Alles, was er tat, geschah ruckartig. Er warf den Koffer dem Bauern vor die Füße. Noch bevor die Kleine guten Tag sagte, schaute sie ihm in die Augen, denn ihre Mutter hatte ihr das eingeschärft und gesagt:

Schau ihm gleich ins Gesicht, bevor du guten Tag sagst. Du hast keine Diebsaugen.

Der Koffer, hier, sagte der Fahrer, sprang schnell wieder in den Omnibus und fuhr ruckartig davon.

Der Bauer trug seine Arbeitskleidung. Das war ein blauer Drillichanzug, und die Jacke war viel verschossener als die Hose. Ihr Rücken war schon fast weiß. Die Sonne hatte die Farbe ausgebleicht, während er sich bei der Arbeit bückte. Jetzt fragte er:

Kannst du deinen Koffer selber heben?

Ja, antwortete sie. Aber nicht sehr weit tragen.

Sie hatten vergessen, sich richtig mit Handschlag zu begrüßen, oder taten es irgendwie flüchtig, indem sie beide gleichzeitig den Handgriff des Koffers berührten.

Du bist stark, sagte er und holte eine Schnur aus der Tasche und band sie um den Koffer, obwohl der ein stabiles Schloß hatte. Dann nahm er ihn mühelos und mit Schwung auf den Rücken und zog ihn noch weiter auf die Schultern hinauf.

Ach, er ist nicht schwer, sagte er und lächelte, als freue er sich darüber, eine Last auf dem Rücken tragen zu dürfen.

Der Koffer war nicht schwer, trotzdem sah der Bauer immer vor sich auf die Erde. Während er ging, war es, als ob er jeden seiner Schritte mitverfolgte, sorgfältig beobachtete, wie er einen Fuß vor den anderen setzte, damit er auf dem ebenen Weg nicht stolperte. Er stellte sich nicht vor, war aber offensichtlich der Bauer auf dem Hof.

Geh mir nach, sagte er. Es ist nicht weit bis zum Haus und nichts fürs Auto. Wir gehen einfach zu Fuß.

Sie ging nicht hinter ihm, sondern ein klein wenig voraus, ein bißchen seitwärts von ihm, und wandte sich manchmal um. Da feuchtete er gerade mit der Zunge seine Lippen an, er feuchtete oft seine trockenen Lippen an, doch er schwieg und wurde nicht langsamer. In der Senke zwischen den Hügeln sah sie, daß der Hof nicht weit entfernt vor ihnen lag, an einem flachen Hang oder auf einer Anhöhe, und auf einmal herrschte um sie herum Totenstille. Der gleichmäßige, schwerfällige und unbeirrte Schritt des Bauern auf dem Weg verstärkte die Stille. Auch der Sonnenschein wurde stärker, und das Licht flutete durch das Schweigen. Als sie zwischen den Hügeln auf die Ebene hinauskamen, glaubte die Kleine, sie müsse in der Weite ersticken. Sie bekam Angst. Die Natur war so schrecklich groß, und sie selbst ganz winzig. Und sie wagte kaum, sich zu bewegen, obwohl sie frei und ohne Gefährdung durch den Verkehr umherlaufen konnte. Trotzdem lief sie nicht. Sie wußte, daß sie in die Weite hinaus gekommen war, zu anderen, die sie durch Pflichten daran hinderten, sich frei zu bewegen, und sie ließ den Bauern an sich vorbeigehen und ging hinterher.

Es kam ihnen ein Mann auf dem Weg entgegen. Der Bauer blieb stehen und stand gebückt mit dem Koffer auf dem Rücken da, während sie sich unterhielten. Obwohl er sich mit dem Mann unterhielt, war es, als spreche er mit niemandem, mit seinen Zehen oder mit der Erde. Das Mädchen verstand nicht, worüber sie redeten, außer, daß sie von irgendwelchem Vieh sprachen. Der Bauer schwitzte nicht unter der Last, aber er kratzte sich oft am Kinn, indem er es an der Kofferecke rieb, die über die Schulter vorstand. Dabei verzog er das Gesicht.

Sie sah sich um, während die Männer miteinander sprachen. Neben dem Weg war ein ziemlich tiefer Graben, und unten in ihm Wasser mit einer schillernden, bräunlichen Schicht auf der Oberfläche. Die Erde an den Rändern war beinahe rot. Als sie sich genauer umschaute, sah sie, daß die Weite nicht ununterbrochen war, sondern von Gräben durchzogen. Dennoch war es kein Ozean von Mooren und Gewässern, sondern es konnte sich nicht entscheiden, ob es Meer oder Land sein wollte. Es war unsicheres Überschwemmungsland. Nur der Weg war sicher unter ihren Füßen und führte durch die Sümpfe. Als sie länger in alle Richtungen blickte, ging ihr auf, wie bedrohlich die Weite sein konnte, obwohl sie an den Bergen in der Ferne endete. Sie behinderte nicht die Augen und den Blick, doch für die Füße war sie unwegsam.

Bei diesem Gedanken wurde sie von dem Gefühl gepackt, daß sie sich emporhebe oder in schwindelnde Höhen hinaufschwebe und binnen kurzem nach unten stürzen werde, und dann würde die Erde sie verschlingen. Es wurde ihr ein wenig übel und sie streifte sicherheitshalber mit den Schuhsohlen über den Weg, der wie ein schmaler Strich von der Landstraße zu den Höfen der Gegend führte. Da verabschiedeten sich die Bauern gerade, und der eine sagte:

Vielleicht schaust du für mich nach dem Vieh.

Dann fragte er ganz plötzlich:

Ist das das Mädchen, das du bekommst?

Ja, sagte der mit dem Koffer.

Sie gingen ihres Wegs, ohne weitere Worte zu wechseln. Da sprang plötzlich ein Hund aus einem Graben herauf und begleitete die Kleine und den Bauern. Ehe sie sich’s versah, waren überall Hunde. Einer schien sogar unter einem Stein hervorzukriechen. Sie liefen dem Mann mit dem Koffer nach. Der, der aus dem Graben heraufgekommen war, war naß, schmutzig und außer Atem und tat, als gehöre ihm der Bauer, der mit ihm zu sprechen begann und ihn gutmütig zurechtwies. Der Hund ließ die Zunge hängen vor Freude über die Schelte.

Das kleine Mädchen empfand Widerwillen. In Gedanken rümpfte es die Nase über die zottigen Tiere. Und nun fingen die Schafe, die am Weg weideten, an, eines nach dem andern den Kopf zu heben und zu schauen, wie der Bauer an ihnen vorbeispazierte. Er rief ihnen etwas zu, und sie fingen gleich an zu blöken und zu scheißen, und der Hund schüttelte den Kopf vor Freude.

Das sind die gesunden und harmlosen Freuden des Landlebens, dachte sie, doch selbst die scheuen Vögel machten ihr keine Freude. Sie flogen aus den Grashökkern am Wegrand auf, die gelbgrün von dichtem, verdorrtem und sprießendem Gras waren, und erschreckten sie.

Plötzlich streckte der Hund die Schnauze vor in den Wind, der ihm über das Fell strich und es nach hinten kämmte. Er schnupperte in die Weite und schloß die Augen.

Na, sagte der Bauer und feuchtete seine Lippen an.

Das schien der Hund zu verstehen, und er begann, heftig zu bellen. Die Kleine wünschte sich, daß der Weg endlos wäre, daß sie ihn nie verlassen müßte, um in ein Haus hineinzugehen, daß er nirgends endete und ihre Reise nur eine Zeichnung auf einem Block wäre: sie, der Bauer, die Hunde, die Sonne, die Schafe, der Hof und die Gegend darum herum. Wenn es so wäre, würde sie die Zeichnung sofort ausradieren. Aber sie kamen den Häusern immer näher. Schon bald war nichts mehr übrig vom Weg, und eine Frau mit kalter, feuchter Hand begrüßte sie.

Guten Tag, sagte sie. Bist du das neue Mädchen?

Der Bauer stellte den Koffer auf die Erde und sperrte den Mund auf, obwohl er nicht außer Atem war. Das Mädchen glaubte, er würde die Mütze abnehmen und sich am Kopf kratzen, doch er stöhnte nur und bat um Kaffee.

Äh, sagte er und fügte noch einige Laute hinzu.

Warum hast du sie nicht mit dem Auto abgeholt? fragte die Frau und führte das kleine Mädchen in ein Zimmer mit zwei Betten. Sie zeigte auf eines von ihnen und sagte:

Das ist dein Bett.

Der Bauer maß den Koffer mit den Augen und schob ihn dann unter das eine Bett. Die Kleine erschrak. Es konnte keinen Zweifel mehr daran geben, sie war jetzt auf dem Land. Ihre Mutter hatte gesagt, daß dort die Koffer immer unter den Betten aufbewahrt würden, und wenn sie hervorgezogen würden, seien Staubflocken darauf vom Unterbett. »So war das, als ich auf dem Land arbeitete, und es ist sicher immer noch so. Auf dem Land ändert sich so etwas nie.«

Der Nachmittag verging ganz langsam, und die Kleine saß meist auf dem Bett. Sie versuchte, leise zu atmen, um die Stille nicht zu verscheuchen. Der Bauer und die Frau schienen gestorben zu sein. Sie regten sich nicht. Die Zeit verging, ohne daß irgendein Lebenszeichen zu hören war. Sie schlich vorsichtig zum Fenster und sah, daß der Hund schlief und die Schnauze auf eine seiner Pfoten gelegt hatte. Die Zeit verging so langsam, daß sie stillzustehen schien. Das Mädchen sah auf der Uhr, daß die Zeit verging, und die Sonne wanderte an den Fenstern auf zwei Seiten des Hauses vorbei. Es kam kein richtiger Abend, aber trotzdem war er da. Da erschien plötzlich die Frau und fragte erstaunt:

Sitzt du hier und gehst nicht hinaus? Du hast doch frei heute.

Die Kleine seufzte, froh darüber, vom Bett aufstehen und sich ungehindert bewegen zu können.

Nach dem Abendessen wurde der Abend zu einem riesengroßen, feuerroten Rachen am westlichen Himmel. Die Kleine schlenderte in der Abenddämmerung um den Hof herum, wie eine appetitlose Zunge, die keine Lust hatte, die Umgebung zu schmecken. Die Frau sah sie forschend an, als sie entdeckte, daß sie wieder auf dem Bett saß.

Du darfst nicht an der Bettdecke kleben bleiben, dann bist du keine große Hilfe bei der Arbeit, und ich versohle dir den Hintern, sagte sie zum Spaß.

Die Kleine blickte zum Fenster. Sie sah die Abendstille draußen und hörte, daß sich das Motorengeräusch eines Autos entfernte. Der Mann und die Frau fuhren irgendwohin und ließen sie allein zurück. Sie dachte, ohne zu denken: Diese Umgebung kann mir gestohlen bleiben.

Dann fing sie an, sich auszuziehen, und schwebte im Halbschlaf eine Zeitlang in der Luft. Als sie von dem Flug zurückkehrte, bevor sie einschlief, beschloß sie, vom Haus daheim zu träumen. Sie nahm sich vor, in Zukunft im Schlaf in der Nacht dort zu bleiben, auch wenn sie im Wachen am Tag arbeiten mußte, vielleicht ihr ganzes Leben lang.

Doch sie träumte etwas ganz anderes, als das, was sie sich vorgenommen hatte. Durch die Tür eines großen Hauses, das voller Garnrollen war, wälzte sich ein komisches Gefäß herein, nachdem sich etwas Unverständliches ereignet hatte, als sie einen Mann traf, den sie noch nie gesehen hatte. Dann geschah nichts mehr im Schlaf in dieser Nacht.

3.

Als die Kleine aufwachte, gab das Licht keine bestimmte Zeit zu erkennen. Es war weder Morgen, noch Abend, noch mitten am Tag. Und sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand, ob es in der Gegenwart war, am gestrigen Tag, am heutigen Tag oder in irgendeiner anderen Zeit, die sie nicht kannte. Das Licht war fremd, es stammte aus einer anderen Welt als der, die sie gewohnt war, und aus ihm heraus trat eine Frau und schlüpfte durch eine Türöffnung auf ihrer Brust.

Sie kam bald zu sich, und alles schrumpfte in sie selbst hinein zusammen. Sie wußte, wo sie war, und spürte zugleich den Geruch von nasser Erde, Tieren und einem fremden Haus. Es war ganz früh am Morgen, lange bevor sie immer daheim aufwachte. Deshalb kannte sie das Licht nicht. Die Frau hatte sie aus dem Schlaf aufgeschreckt. Nach der anfänglichen Verwunderung, der Verwirrung und der Zeitlosigkeit des Lichts erwachte die Erbarmungslosigkeit, die von morgens bis abends auf allem lasten sollte.

Gleich am ersten Tag wurde sie sich selbst fremd. Es war nicht sie, die sich an diesem Ort aufhielt. Zum ersten Mal merkte sie, wie einfach es in Wirklichkeit war, Kummer und Schmerz in ihrem Innern zu verstecken, ohne daß es jemand merkte. Die Leute schauten zwar, aber sie schauten nicht, um zu sehen, deshalb wurde ihr klar, daß allein zu sein bedeutete, unter Fremden zu sein und so sein zu wollen.

Sie bekam nicht gleich, nachdem sie aufgestanden war und gefrühstückt hatte, eine besondere Arbeit zugewiesen, aber man hatte ein Auge auf sie. Sie durfte nicht hinausgehen und mußte in der Küche warten, bis sie gebraucht wurde. Sie saß dort auf einer hölzernen Bank und schwieg.

Sogar das Frühstück hatte anders geschmeckt, als es zu Hause schmeckte. Alles war anders: das Licht, der Geschmack, der Geruch, was man sah und fühlte. Die weiße Milch tat einem in den Augen weh. Der Quark verströmte eine unangenehme Kälte. Das Metall des Löffels war härter als das der Löffel daheim, er hatte einen feindseligen Geschmack von giftigem Metall. Alles um sie herum war reine Kälte, Klarheit des Schweigens, und doch war in beidem auch Qualm und Rauch. Die Frau hatte gesagt:

Du mußt tüchtig frühstücken, dann geht es dir gut.

Im Haus roch es nach Hunden, alles hatte einen starken Geruch von Tieren, auch die Frau und der Mann. Das Mädchen erinnerte sich daran, daß ihre Mutter gesagt hatte: »Auf dem Land riecht alles nach Hundearsch.«

Alles war sauber und ordentlich im Haus, aber wenn sie den seltsamen Geruch einatmete, erstickte sie beinahe, deshalb schlich sie mit weit aufgerissenem Mund auf den Gang hinaus zur Haustür, als wolle sie die Umgebung in sich aufsaugen. Sie hielt die frische Luft eine Weile in ihren Lungen und hustete sie dann wieder heraus.

Irgendwie hatte sie sich jedoch auf diese Weise an das Land angepaßt. »Vier Monate«, dachte sie. »Nicht länger.« Dann ging sie wieder in die Küche zurück, setzte sich auf die Bank und wartete auf etwas, wußte aber nicht, was das sein mochte. Sie wartete nur.

Wenig später kam ein Junge vom nächsten Hof hereingestürmt, und als er sie sah, sagte er atemlos:

Komm heraus zum Spielen bei dem guten Wetter.

Er war sauber und adrett gekleidet. Sein Gesicht war wie Schlagsahne, nur die Wangen hatten die Farbe von Erdbeeren. Er versuchte, überall sein Lächeln anzubringen, während er vor sich hin gluckste, wie es kleine, dicke Jungen tun, anstatt offen zu lachen. Das war ein Zeichen absoluten Wohlbehagens, und er zappelte hin und her mit seinem hellen, festen Speck.

Sie ist nicht hierhergekommen, um zu spielen, sagte die Frau schnell. Sie muß arbeiten.

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, befahl sie ihr, den Abfall hinauszutragen. Das Glucksen des Jungen hörte plötzlich auf, während er die Kleine enttäuscht ansah, und das Lächeln verschwand. Er schien nichts zu verstehen, und sie ging schweigend im Bogen an ihm vorbei. Er wurde wieder eifrig und zappelig, wich aber dennoch zurück. Das Mädchen spürte, daß ein himmelweiter Unterschied zwischen ihnen war, als die Frau ihn ziemlich scharf und höhnisch fragte:

Wird für dich nicht Geld bezahlt?

Der kleine, dicke Junge gab es zu und bekam traurige Augen. Die Grübchen und die Erdbeeren auf seinen Wangen wurden blaß.

Die Kleine hatte noch nie zuvor einen Unterschied zwischen sich und anderen Kindern verspürt. Nun wußte sie, daß es diesen Unterschied gab und daß sie nur sie selbst war, nicht so wie andere Kinder, nur sie allein und selbst. Dadurch wurden ihre Eltern auch zu Leuten, die ihr fremd waren, und dasselbe galt für ihre Geschwister, ihren Großvater und ihre Großmutter. Die schnellen und schonungslosen Worte der Frau hatten die Familie von ihr losgerissen, während sie den Abfalleimer durch den Gang nach draußen schleppte. Wenn sie nichts Schweres in den Händen gehabt hätte, wäre sie sicher umgefallen, hätte dabei den Abfall über sich ausgeschüttet und zu weinen begonnen, gänzlich verlassen, doch der Eimer war so schwer, daß die Mühe und Konzentration, die es brauchte, damit nichts herausfiel, dafür sorgten, daß Geist und Körper im Gleichgewicht blieben. Sie verzog das Gesicht, damit man nicht sehen konnte, wie ihr zumute war.

Wirf den Abfall den Hühnern am Gemüsegarten hin! rief ihr die Frau nach. Sie können sich etwas herauspicken.

Der Junge wurde wieder zappelig, lief voraus und sagte:

Ich weiß, wo man den Abfall hinwerfen muß, ich zeig es dir.

Sie warf den Abfall den Hühnern hin, die sich gleich darüber hermachten. Der Junge war währenddessen mäuschenstill. Doch plötzlich sagte er:

Es lohnt sich, so zu sein, wie du bist, und nicht wie ich.

Sie schaute ihn fragend an, und er fügte hinzu:

Vielleicht bekommst du im Herbst Geld, weil für dich nicht bezahlt wird. Ich weiß, daß ich nichts bekomme.

Sie sah ihn an.

Du verdienst etwas, sagte der Junge. Weil du arbeiten mußt.

Sie sah ihn immer noch an.

Deine Eltern verdienen an dir, fügte er eifrig hinzu. Papa und Mama zahlen drauf bei mir. Das ist der zweite Sommer, in dem sie bei mir draufzahlen.

Sie schaute weg und hatte Mitleid mit dem Jungen und seinen Eltern.

Siehst du nicht den Unterschied zwischen uns? fragte er und fügte hinzu: Bist du stumm?

Die Hühner gackerten um sie herum. Die Kleine wollte den Mund aufmachen, einen Laut von sich geben, wußte aber nicht, was sie sagen sollte. Sie räusperte sich nur. Als der Junge davonlief, versuchte sie, ihr Schweigen mit Worten zu durchbrechen.

Sicher kann ich sprechen, sagte sie.

Ihre Stimme war natürlich und leise. Wegen der unerwarteten Freude, die sie überkam, begann sie, mit den Hühnern um die Wette zu gackern. Manchmal gackerten sie im Chor. Sie lachte. Es war beinahe so, als sei in ihr ein Tier, das gackern, muhen, blöken und wiehern konnte, als sei ihr dies angeboren. Da hielt sie sich die Hand vor den Mund.

Es ist ein kleines Huhn zu uns gekommen, sagte die Frau fröhlich, als sie mit dem leeren Eimer hereinkam. Du wirst dich rasch an das Leben auf dem Land gewöhnen. Die Tiere helfen Kindern.

Sie war freundlich geworden.

Die Kleine schloß kurz die Augen, um sich ein Bild ins Bewußtsein zu rufen, das sich von der Herzlichkeit der Frau unterschied. Es war das ihrer Mutter. Sie war beim Wäschewaschen. Aus der Öffnung der Waschmaschine kam dichter Dampf, in dem sie verschwand. Dort verwahrte sie ihre Mutter, machte dann die Augen auf und lächelte. Von nun an würde sie immer so tun als ob und den ganzen Sommer lang schauspielern, damit sie spielen konnte wie der Junge, aber auf ihre Art, auf andere Weise als er. Es war Ende Mai. Sie war aufs Land geschickt worden, auf einen guten Hof zu Leuten, die aus der Welt schaffen sollten, was sie getan hatte. Und sie mußte für ihren Unterhalt arbeiten.

Während sie vor der lächelnden Frau stand, schickte sie aus dem Kopf rasch ein unsichtbares Gift durch das ganze Haus. Sie vergiftete die Zimmer, die Leute, die Tiere, die Pflanzen und die Luft, lächelte aber trotzdem und fragte:

Was soll ich als nächstes tun?

4.

Gleich am Tag darauf wurde die Kleine hinaus ins Moor geschickt, um ein Pferd zu holen, von dem der Hausherr sagte, es sei torfig. Sie wußte nicht, was das bedeutete, vermutete jedoch, daß torfig irgendeine Farbe war. Sie fragte aber nicht, weil sie fürchtete, man würde sie für dumm halten.

Dann machte sie sich zweifelnd auf den Weg und ging langsam, das Zaumzeug auf der Schulter, über die Hauswiese hinunter. Es war das erste Mal, daß sie den Hof verließ, und sie freute sich darauf, allein sein zu können; sie hoffte, daß die Antwort draußen in der freien Natur leichter zu ihr finden würde als in der Nähe des Hauses, und daß ihr, falls es eine Farbe war, aufginge, wie sie aussah.

Torfig; was ist das? dachte sie, bereit, die Antwort aufzunehmen.

Die Herde weidete unendlich weit draußen im Moor. Von so weit weg im hellen Sonnenschein gesehen, waren die Pferde unwirklich, in einer anderen Welt der wundersam schönen Vorahnung in ihrem Körper, und sie glänzten in der schillernden Ferne. Bisweilen schien es, als steige die Herde auf von der Erde, als wehe die Luft sie in einem kräftigen, welligen Silberstrom hin und her und mache sie teilweise oder fast ganz unsichtbar. Mit einem Mal schwebten Pferde ohne Beine oder ohne Köpfe durch die wellige Stille. Strahlender Sonnenschein im Gras und am ganzen Himmel. Es war, als hätte man eilends feuchte Hitze aus einem blauen Gewölbe ausgeschüttet.

Kaum war sie durch das Tor der Hauswiese auf das höckerige Moor hinausgetreten, da begann unter ihren Füßen alles zu schwanken und zu schaukeln. Das war kein sicherer Boden, sondern ein festes Gelee, das sich ganz leicht bewegte. Die Füße verschwanden halb in einer rötlichen Brühe, und sie bemerkte, daß diese nach altem, verrostetem Eisen roch. Das braune Moorwasser schwappte gurgelnd über die Gummistiefel herauf. Die Erde jaulte auf unter ihren Füßen, der Schlamm spritzte mit feindseligem Knurren unter den Schuhsohlen weg, und der Morast schien sie verschlingen zu wollen, tat es aber nicht; die Füße blieben immer in einer bestimmten Tiefe stehen. Und die Angst nahm ab, je weiter sie auf dieser seltsamen Mischung von Luft, Schlamm und Wasser vorankam. Bald begann sie, Spaß zu haben an dieser Komödie, wenn die Füße von einer unbekannten Kraft nach unten gesogen wurden, und sie sie dann mit ihrer eigenen Kraft und ihrem eigenen Willen wieder heraufzog. Die Erde gab nach und röchelte, wenn sie über den Matsch siegte. Platsch, platsch-platsch, sagte das Moor bei jedem Schritt.

So stapfte sie weiter durch die Nässe und geriet bald außer Atem, denn sie war den schwammigen Boden nicht gewohnt.

Die Pferde schienen immer gleich weit weg zu sein, so sehr sie sich auch zu beeilen suchte. Das ein klein wenig gewellte Flachland schien den Weg mit jedem Schritt länger werden zu lassen. Die heiße Luft zitterte. Trotzdem konnte man durch sie hindurchsehen, sie war rein, unschuldig und klar. Zu Füßen des Mädchens surrten Schwärme von Fliegen über den Pflanzen herum.

Da hatte sie plötzlich die Herde erreicht, doch nun waren es die Pferde, die auf den Wellen der Luft langsam vor ihr zurückwichen. Sie hörten nicht auf zu grasen, sondern schielten zu ihr herüber, so daß die weißen Augäpfel leuchteten, und wedelten ihr und den Fliegen verächtlich mit dem Schwanz zu. Sie spürte, daß sie sie ärgern wollten und schlechte Laune hatten, weil sie nichts von Pferden verstand und nicht einmal ihre Farben kannte. Sie fand, daß sie in Wirklichkeit alle gleich aussahen oder alle Farben des Regenbogens hatten, außer blau. Ein Pferd von dieser Farbe hatte sie nur einmal auf einem Bild gesehen.

Eines der Pferde wich nicht zurück. Es blieb ruhig stehen, schien zu warten, und sie ging ziemlich zögernd zu ihm hin. Da sah es auf, hob den Kopf in die Höhe und spitzte die Ohren, das Maul feucht vom grünen Gras, sah sie wie ein heiliges Wesen an und stand unbeweglich da, während sie ihm das Zaumzeug anlegte, so wie es der Bauer getan hatte, als er ihr zeigte, wie man aufzäumt; er tat, als wolle er es ihr anlegen, und sagte mit aufreizendem Lachen:

So würdest du von einem guten Bauern aufgezäumt, wenn du eine Zuchtstute wärst.

Der Zaum legte sich mühelos dem Kopf des Pferdes an, wie durch ein Zauberkunststück, und die Trense fand spielend leicht ihren Weg in sein Maul, ohne den geringsten Widerstand. Einen Augenblick lang schienen ihre Hände Flügel zu bekommen, als sie die Trense in das Maul schob, das voll war von einer warmen, schäumenden, grasgrünen Masse. Es ging großartig, das Pferd glich einem braven Kind, das mithilft, wenn man es anzieht. Sie führte es am Zügel hinter sich her zum Haus.

Als sie zum Hof kam, wartete der Bauer und fragte, warum sie das Pferd nicht reite.

Muß man Pferde nicht immer am Zügel führen? fragte sie.

Er lachte, und sie glaubte, er wolle sie das Pferd zurückbringen lassen, denn sicher hatte sie eines von der falschen Farbe geholt. Doch er tat es nicht, und sie versuchte, sich die Farbe zu merken, damit sie wußte, wie ein torfiges Pferd aussah. »Die torfige Farbe ist so«, wiederholte sie einige Male vor sich hin. »Es ist keine bestimmte Farbe, aber es ist trotzdem die Farbe eines bestimmten Pferdes: Es ist ein bräunliches Grau.« Sie freute sich darüber, wie einfach es gewesen war, ein torfiges Pferd zu finden und zu holen. »Vielleicht ist es am einfachsten, Pferde zu holen, die diese Farbe haben«, dachte sie. Sie schienen sich das Zaumzeug irgendwie selber anzulegen.

Der Bauer sagte, es sei das beste, sie aufsitzen zu lassen, um zu sehen, ob sie reiten könne, und er hob sie ohne Umschweife aufs Pferd.

Jetzt wollen wir mal sehen, sagte er mit spöttischer Miene.

Was muß ich jetzt tun?

Sie saß unsicher und zitternd auf dem Pferd und war in einer bisher nicht gekannten Entfernung von allem, luftig, ein wenig ängstlich und schwindlig, freute sich aber insgeheim trotzdem und war stolz auf diesen Sieg. Einen Augenblick lang glaubte sie, ihr Magen wolle durch den Mund hinausströmen wie ein aufgeblasener lila Luftballon. Irgendwo in ihr drin mußte ein heftig zappelnder Fisch sein, denn im Bauch spürte sie die Schwanzschläge eines Fisches, der schnarrende Laute von sich gab: er schien nicht zu wissen, an welchem Ende er aus ihr hinaushuschen sollte.

Plötzlich, ohne daß sie wußte warum, schlug sie mit den Füßen fest und heftig gegen die Seite des Pferdes, das einen Satz über die Böschung hinunter machte und sie abwarf. Während des Sturzes wirbelte etwas in Bruchstücken von ihr weg, die Häuser am Strand, das Meer und ihre Spielkameraden, ihr wurde schwarz vor den Augen und sie fiel ins Gras, in die Welt der Tiere hinein. Schließlich rollte sie nicht mehr willenlos im kühlen Gras weiter, sondern lag auf dem Rücken und sah zum Himmel hinauf. Wie in Trance hatte sie plötzlich die Vorstellung, daß sie gerade eben gestorben sei und zum ersten Mal in eine blaßblaue Ewigkeit mit ein paar Wolken hinaufschaue, doch im selben Augenblick zog der Bauer sie aus diesem friedlichen Gefühl heraus auf die Beine.

Jetzt weißt du, daß die Tiere empfindlich sind, sagte er. Du mußt ein Gespür für sie bekommen.

Sie war unverletzt und konnte aufrecht stehen. Sogar das Genick war in Ordnung, denn der Bauer sagte:

Nein, du hast dir nicht das Genick gebrochen. Man bricht sich nicht immer das Genick, wenn man vom Pferd fällt. Manchmal kommt es allerdings vor. Aber du bist jung und hast weiche Knochen.

Und der Kopf sitzt noch fest!

Die Frau war sehr nett und empfing sie so freundlich, als sei sie vom Pferd in das Leben auf dem Hof hineingefallen und habe durch ihren Sturz die volle Anerkennung bekommen. Am Abend, als sie ins Bett ging, verschwand nicht alles um sie herum in einem Nebel. Es war jetzt anders als in der ersten Nacht, als sie noch nie zuvor in einer unbekannten Umgebung eingeschlafen war.

Die Schmerzen in ihrem Körper waren unbequem, aber nicht unangenehm. Kaum hatte sie sich müde auf das Kissen gelegt, da wurde sie eins mit dem Atem von jemandem, der noch nicht da war, aber am Tag darauf kommen sollte und sicher am nächsten Abend in dem anderen Bett schlafen würde. Sie hatte den Mann und die Frau davon sprechen hören. Darüber dachte sie nach, und sie wußte nicht, wann der Schlaf sie eins werden ließ mit der Stille draußen vor dem Fenster, der Kühle, dem Gras, dem sanften Wind.

Im Schlaf war es fast so, als ob sie wach liege oder der Schlaf eine andere Art von Wachen sei, viel erfreulicher als das Wachen, bei dem man am Tag wacht und sich abmüht. Der unangenehme Aasgeruch der Hunde war verschwunden. Sie fuhr nicht erschrocken auf, weil Fliegen, die nicht schlafen konnten, im Halbdunkel durch das Zimmer flogen und sich mit kitzelnden Füßen auf ihrem Gesicht niederließen. Mit ihren ständigen Angriffen hatten sie ihr die Nacht kürzer und länger erscheinen lassen. Sie rochen nach Hund und Jauche. Jetzt ließ die Müdigkeit keine Fliegen mehr vorhanden sein. Der Körper des Mädchens schmolz im Schlaf und floß über die Erde, das Moor und die Berge, bis die Müdigkeit ihn verließ, und dabei nahm er wieder feste Form an und erhielt seine normale Größe. Dann träumte sie, daß aus ihrem ganzen Körper ein Traum herauswachse. Sie tastete rasch mit den Fingern nach ihm und spürte, daß sie überall große Büschel langer Haare hatte, selbst auf den Augen und den Fingern. Dann wuchs das Haar so schnell, daß es sie ganz verhüllte, und sie wurde zu einem winzigen Etwas im Innern des Haarhaufens und dachte verzweifelt: »Ich komme nie hier heraus.«

So erwachte sie jäh an einem neuen Tag. Doch sie war kein bißchen müde und tastete sich vorsichtig überall ab, um nach den Haaren zu suchen. Da merkte sie im morgendlichen Licht, daß sie sicher sein konnte, daß sie wachte und nicht mehr träumte.

5.

Die Vögel hatten sie mit Verwunderung und Angst erfüllt, denn die Erde schien einen Weg für sie zu bahnen, indem sie die Vögel plötzlich vor ihren Füßen in die Luft hinaufwarf, damit sie nicht darüberstolperte. Unvermutet und völlig überraschend schossen sie vor ihr in die Höhe, braun, klagende Steine mit aufgeregtem Flügelschlag. Sie versuchte, diesem weichen Steinregen auszuweichen. Auch nachdem sie sich daran gewöhnt hatte, daß die Vögel aus ihren Verstecken aufflatterten, erschrak sie und bekam Herzklopfen, hatte aber trotzdem ihren Spaß daran und begann, nach ihnen Ausschau zu halten. Sie hatten jedoch genau dieselbe Farbe wie die Erde, und das Mädchen entdeckte sie nie, bevor sie aufflogen. Das schmerzliche Klagen des geflügelten Steinhagels erweckte in ihr Freude, Gier und das Verlangen, die Nester zu finden, das Geheimnis der Vögel zu entdekken; aber sie fand sie nie.

Die Vögel auf dem Land schienen ihre Nester nicht Jahr für Jahr an bestimmten Stellen zu bauen, wie die Vögel daheim. Dort waren sie immer an den gleichen Stellen, entweder in Bäumen oder in Mauerlöchern. Auf dem Land gab es unzählige Verstecke, und das Gras wuchs über die Nester und verbarg sie. Hier war alles irgendwie geheimnisvoll und schweigend.

Als sie über die Weide ging, überkam sie das widerwärtige, kitzelnde Gefühl, daß unter dem gelben, abgestorbenen Gras vom Vorjahr, durch das neues Gras auf den Höckern hindurchwuchs, überall junge Vögelchen seien, so daß sie manchmal kaum wagte, mit dem Fuß aufzutreten, und am ganzen Körper ein Prickeln spürte und sich sündig fühlte, weil sie unter den Schuhsohlen vielleicht Vogeleier zerdrückte oder kleine, halb gefiederte Vögelchen zerquetschte. Dennoch gewöhnte sie sich auch daran, daß die Füße genauso in das abgestorbene Gras einsanken wie in das Moor, und daß sie möglicherweise Eier oder junge Vögel zu Brei zertrat.

Auf dem Land schien die Erde genauso unsicher unter den Füßen zu sein, wie es natürlich war, daß man auf ihr lebte und starb.

Innerhalb kurzer Zeit hatte sie sich auf verschiedene unerwartete Begebenheiten einstellen müssen. Sie war erst spät richtig eingeschlafen, weil sie beim Schlafen andersherum lag als im Bett daheim. Deshalb schien der Körper nicht mehr zu wissen, in welcher Richtung er in den Schlaf hinübergleiten sollte, und wegen der veränderten Richtung der Träume drehten sich die Gedanken ruhelos im Kreis.

Das erste, was sie tat, als sie am ersten Tag hinauskam, war deshalb gewesen, daß sie versucht hatte, sich genau darüber klarzuwerden, in welche Richtung sie schauen und sich drehen mußte, wenn sie an daheim dachte, damit die Gedanken auch ganz sicher dort ankamen. Das war in Richtung Südwesten. Doch sie konnte nicht bis dorthin sehen, nur ein Stück weit, weil ganz in der Nähe, auf der anderen Seite des Flusses, ein hoher Berg war, der sich gegen die Gedanken erhob und ihr die Sicht versperrte.

Der Berg war sicher höher, als er aussah, und sein oberer Teil versteckte sich meist unter einem weißgrauen Wolkenhut. Als sie danach fragte, gab man ihr zögernd Antwort, sagte ihr aber, daß oben auf ihm ein großer See sei, wie auf vielen Bergen in dieser Gegend, und sie seien durch Gänge, in denen unterirdische Flüsse strömten, miteinander verbunden, und die Volkssage berichtete, daß der Wassermann von einem Berg zum andern gelangte und in der Tiefe der Seen wohnte und manchmal gesehen wurde, wie er in Gestalt eines Schwans in der vollkommenen und lähmenden Hochgebirgsstille auf der spiegelglatten Wasseroberfläche schwamm.

Bei den Leuten in der Gegend war es Brauch gewesen, einmal im Sommer, Anfang August, zum Berg zu reiten; sie hofften, den Schwan zu sehen, wie er, mit Wasserpflanzen und Algen bedeckt, aus der Tiefe an die Oberfläche kam und dabei vom Wesen und der Zukunft dessen sang, der ihn erblickte. Nun hatte keiner mehr Lust dazu, auf den Berg zu klettern und etwas in den See zu werfen, am besten eine Blume oder einen Stein von daheim, um das weiße, aber teuflische Geheimnis aus ihm heraufzubeschwören, damit es sagte, was es über andere wußte.

Dieser Aberglaube ist ausgestorben, sagte die Frau. Es macht den Kindern Spaß, im Spätsommer auszureiten, und sei es nur, um sich draußen in der Natur richtig Angst zu machen.

Bei diesen Worten machte es in der Brust der Kleinen einen Ruck, und sie fing gleich an, auf den Tag des Ausritts zu warten. Sie wußte, daß die Angst großen Genuß bereiten kann, vor allem, wenn sie schon beinahe vorüber ist, mit ihren gewaltigen, klebrigen Schwingen, die sich vom starren Körper lösen. Das ist eine herrliche Wiedergeburt. Und deshalb hatte es ihr solchen Spaß gemacht zu stehlen, vor allem in Geschäften, Herzklopfen zu bekommen und sich dann allein mit dem Gestohlenen zu verstecken, aber nie völlig sicher zu sein. Das war, wie wenn man sich einen Weltkrieg und fürchterlichen Tod vorstellte, während man bequem im Bett lag. Sie hatte ihre Eltern nie so lieb, wie wenn sie im Fernsehen Gruselfilme gesehen hatte und wenn in den Nachrichten halbnackte und weinende Menschen von Entsetzen gepackt durch die brennenden, nassen Straßen zerstörter Städte liefen.

Aber vielleicht richtete sich die Liebe oder das Gernhaben nicht auf etwas Bestimmtes.

Sie beschloß, schnell gut reiten zu lernen, damit sie zusammen mit den Kindern ausreiten konnte, und sie wartete voller Ungeduld auf den Tag, an dem der Ausflug zum Berg gemacht werden sollte. Meist färbten sich die Wolken über ihm am Abend rot. In ihrer Vorstellung breiteten sich die Wolken bei Sonnenuntergang über die Welt. Eine Trauer, die etwas von der Unendlichkeit an sich hatte, ergriff sie, bevor der Friede der Nacht einkehrte, und selbst die Hunde schienen sich davon bedroht zu fühlen. Die Stille und Schönheit der Erde machte ihnen angst, denn sie stießen hin und wieder ein furchtsames Bellen aus und knurrten ohne besonderen Grund. Das Hundegebell am Abend war ein Lied der Angst an jene Nacht, die unschuldig, nachdenklich, durchsichtig, in helle Schleier gehüllt zu kommen schien.

Zu dieser Jahreszeit ähnelte die Nacht einem unendlichen Gedanken an gar nichts. Sie war eine völlig leere, sinnlose Erinnerung, meilenweit entfernt von dem, worüber in der Helligkeit des Tages Einigkeit bestanden hatte und was das wichtigste war: daß jedes Ding an seinem Ort einen Sinn hatte. Sie war nur ein Gedanke an sich und reichte nicht über ihre eigenen Grenzen hinaus, schließlich war sie ja auch die nächtliche Helligkeit über der ganzen Welt. Und die Nacht dachte ihren völlig leeren, durchsichtigen Gedanken über sich selbst bis zum Morgen, wenn die Sonne aus den Sumpfwiesen im Osten aufging und allmählich die Gewässer von der festen Erde hob und sie aus ihrer Erdgebundenheit löste. Der Gedanke der Nacht verschwand, und dann war es an der Zeit, das Grübeln und Sinnieren hinter sich zu lassen und sich an die schwere Arbeit zu machen.

Die Kleine trieb die Kühe im Morgenlicht vor sich her, durch einen goldenen, grünen Schwarm von winzigen Fliegen, die sinnlos und harmlos über dem Gras tanzten. Sie gähnte, während sie um sie herum summten, die Schwänze wedelten gleichmäßig hin und her, um dem auszuweichen, was die Kühe fallen ließen; und in einem Zustand wohliger Schläfrigkeit, in dem sie um ein Haar kraftlos zu einem neuen Schlaf zwischen den Grashöckern niedergesunken wäre, zerbrach sie sich den tauben Kopf darüber, weshalb die Kuhfladen aussahen wie kleine, braune, runde Felsplatten aus neuer Lava. Der Geruch ähnelte auch dem, den manchmal von der Sonne erwärmte Steine zwischen verfaultem Seetang ausströmten.

Jeder Ort hat seinen besonderen Geruch, auch wenn es immer derselbe Geruch ist. Die Kühe ließen sich Zeit für ihren Weg auf die Weide, und sie ließ sich ebenfalls Zeit und stellte sich absonderliche Dinge vor und fand, daß Kühe keine Haare haben sollten, sondern dicke Wolle.

Bei dieser Trödelei kam sie auf den Gedanken zu untersuchen, was für ein Traum in der Traumranunkel steckte. Um das herauszufinden, pflückte sie einige von ihnen und wartete ungeduldig auf die Nacht. Kurz vor dem Schlafengehen versteckte sie sich, um die Blumen zu kauen, und ging danach gleich zu Bett, um unter der Decke auf den Traum zu warten. Einen Augenblick lang hatte sie einen angenehmen Traum von nichts, der aus einem feinmaschigen Netz geknüpft war. Dann verschwand er und kam nicht mehr zurück, so eifrig sie auch danach in Senken im Gras liegen und Traumranunkeln kauen und schlucken mochte, weil sie hoffte, so den Traum wieder zurückholen zu können.

Aber wenn sie auf die Blumen um sich herum schaute, bereiteten auch diese ihr einen ähnlichen Genuß wie der Schlaf. Sie wußte nur, wie einige hießen. Allmählich lernte sie die Namen der häufigsten, und durch dieses Wissen wurden in ihren Augen die namenlosen Blumen am schönsten. Wenn sie namenlose, schöne Blumen fand, merkte sie sich die Stelle, damit sie wieder dorthin gehen und die Blumen ansehen konnte, doch tags darauf fand sie sie nicht mehr. Entweder lebten die Blumen nur einen Tag lang, oder sie konnten über Nacht ihr Aussehen verändern und sich so vor ihr verstecken, damit sie sie nicht pflücken konnte. Da fühlte sie, wie undeutlich, vielfältig und versteckt alles in der Natur ist.

Der Knecht, der zur Heuernte kam, schien nichts wahrzunehmen außer der Arbeit, obwohl er schon seit einigen Sommern immer wiederkam, und sie machte es in gewisser Weise auch so und hörte ihm zu, wie er vertraut mit dem Mann und der Frau sprach. Er sah manchmal schweigend mit ihnen fern. Im Fernsehen waren ständig Städte, die zusammenstürzten, und Kinder, die durch die Ruinen liefen. Sie beneidete diese Kinder, die so viele Ruinen mit unzähligen Löchern und wahrscheinlich geheimnisvollen Höhlen hatten, in denen sie spielen und sich verstecken konnten, und wo es sicher richtige Tote und Leichen und Gespenster gab.

Du sollst dieses schreckliche Zeug nicht ansehen, das ist nichts für Kinder, sagte die Bäuerin. Du solltest lieber etwas Schönes in einem guten Kinderbuch lesen.

Sie hatte überhaupt keine Lust zu lesen. Wenn sie nicht sehen durfte, was im Fernsehen gezeigt wurde, stellte sie sich alles noch viel grauenhafter vor, als es war: Kinder, denen die Adern aus dem Körper heraushingen, und das Blut spritzte ununterbrochen aus ihnen heraus auf die brennenden Häuser. Alles roch nach brennendem Blut. Sie lag wie gelähmt auf ihrem Bett und dachte an die Feuerwehrkinder mit all den Blutschläuchen, aus denen es spritzte, bis der Mann und die Frau wieder nach Hause kamen, wenn sie am Abend nach der Arbeit mit dem Knecht auf anderen Höfen Besuche machten. Dann ging sie schweigend zu Bett und schlief ruhig ein in der nächtlichen Helligkeit.

Gleichwohl versuchte sie, ein Buch zu lesen, wenn der Fernseher nicht eingeschaltet war, aber die Ereignisse darin gingen im gedruckten Text so langsam vonstatten, daß sie vor der Fülle schneller Gedanken, die ihr selbst durch den Kopf schossen, kapitulierte. Wenn sie versuchte, die Geschichte zu beschleunigen und mitzuhelfen, sie interessant zu machen, indem sie Wörter übersprang, dann fehlte der Zusammenhang und die Geschichte wurde unverständlich; doch das war häufig am besten. Und wenn sie in Gedanken den Ereignissen vorauseilte, waren sie viel weniger interessant als das, was sie sich vorgestellt hatte, wenn sie dann schließlich nach viel Mühe, unzähligen Worten und langweiligen Sätzen eintraten.

Das Buch, das sie zu lesen versuchte, hieß Die Glücksinsel, und es beschäftigte sie sehr, auch wenn ihre Gedanken manchmal abschweiften und die Handlung nach ihrem Gutdünken abänderten. Die Bäuerin fragte sie bisweilen, was sie jetzt gelesen habe, und wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen antwortete, sagte die Frau verwundert:

Ja, aber das steht gar nicht in dem Buch. Ich habe es selber auch gelesen.

Die Kleine wurde ganz verwirrt davon, daß sie sich an etwas ganz anderes erinnerte, als sie gelesen hatte. Schließlich legte sie das Buch beiseite, überzeugt davon, daß sie nicht auf die richtige Art und Weise lesen konnte. Sie wollte nicht einmal lernen, wie man richtig las, nachdem die Frau ihr von der eigentlichen Handlung des Buchs erzählt hatte. Sie würde vielleicht ein Buch in der Hand halten, um der Bäuerin einen Gefallen zu tun, und den Blick starr auf die Zeilen richten, oder auch zum Schein an ihnen entlang gleiten lassen, aber sie würde nie etwas lesen.

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05 mayıs 2025
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