Kitabı oku: «Liebe im Versteck der Seele»
Gudbergur Bergsson
Liebe im Versteck der Seele
SAGA Egmont
Liebe im Versteck der Seele
Aus dem Isländischem von Hans Brückner nach
Sú kvalda ást sem hugarfylgsnin geyma
Copyright © 2000, 2017 Gudbergur Bergsson og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711586297
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Dieses Buch ist Gott gewidmet
Jedes Ereignis in dieser Geschichte ist auf irgendeine Weise real, und alles, was hier niedergeschrieben steht, hat sich irgendwann in mehrfacher Bedeutung ereignet. Wenn daher jemand meint, er erkenne sich in diesem Werk wieder, so ist dies mehr als nur richtig, der Autor hat ihn zweifellos als Vorbild benutzt. Nun ist es nicht unwahrscheinlich, daß das Vorbild meint, es habe ein ausschließliches Recht an sich selbst, und sich dazu veranlaßt sieht, einen Prozeß anzustrengen, und ihn dafür verurteilen lassen will, aber dann soll es bedenken, daß Worte, die gesagt oder geschrieben worden sind, selbst wenn es nur einmal gewesen ist, niemals zurückgenommen werden, und schon gar nicht durch ein Gerichtsurteil oder den Buchstaben des Gesetzes.
Tagebücher
16. Oktober 1993
… Es hat mich eine ziemliche Zeit gekostet, ein geeignetes Zimmer zu finden, in dem wir uns treffen konnten, ohne daß es auffiel, denn es mußte in einem Keller sein, so daß man direkt von der Straße aus hineingehen konnte. Es mußte so aussehen, als käme man zufällig auf dem Gehsteig daher, und dann konnte man einfach auf dem Absatz kehrtmachen und verschwinden, als ob einen die Erde verschluckt hätte. Niemand sonst durfte dort wohnen, die Leute in Kellern haben kein Verständnis, sondern nur Neugier für die Situation derer übrig, die unter den gleichen Umständen wohnen wie sie selbst, und sie verachten sie innerlich, weil sie es im Leben nicht zu etwas gebracht und ein Haus erworben haben. Solche Leute haben die Angewohnheit, auf jedes Geräusch zu hören, doch sie lassen andere nicht dafür bezahlen, wenn sie über irgendeine Unstimmigkeit stolpern, Diebstahl oder Schwarzbrennerei, Prostitution, Ehebruch oder Schmuggelei. Das hat nichts mit Toleranz zu tun, sondern sie denken, daß sie, wenn sie nur das geringste Zeichen von Verachtung oder Einmischung zeigen, Gefahr liefen, ganz andere Sachen nicht mitzukriegen, etwas viel Übleres, denn bei solch armen Schluckern kann es noch viel schlimmer kommen. In dieser Hinsicht sind sie verständnisvoller als gesunde und anständige Leute. Man könnte glauben, Kellerbewohner seien die letzten Nachfahren der Höhlenbewohner, die Kontakt mit guten und schlechten Erdgeistern hatten, bevor wir zivilisiert wurden und einen sogenannten Menschengeist bekamen. Es sind nicht nur schlechte äußere Umstände, die einen in ein düsteres Loch treiben, um dort zu hausen, es trifft auch eine ganz spezielle Sorte Menschen mit den Wohnungen, die entweder in Kellern oder zu ebener Erde liegen.
Ich kannte das aus eigener Erfahrung und habe in meiner Schulzeit damit Bekanntschaft gemacht, als ich als Fremder in die Stadt kam. Da wohnte ich in Kellern zur Miete, nicht nur, weil ich wenig Geld zur Verfügung hatte und die Miete billig war, sondern auch, weil ich fast noch ein Erdbewohner im wahrsten Sinne des Wortes war. Seitdem hatte ich immer Sympathie für Kellerleute empfunden, und ich sah mich als ihnen in der Seele verwandt an, obwohl ich mich langsam, aber stetig in der Gesellschaft hochgearbeitet habe, die ich in meinem Herzen verachte, besonders die Ornamente auf ihrer leicht gekräuselten Oberfläche. Dennoch habe ich das gegründet, was man ein trautes Heim nennt, mit großen, hellen und stilvollen Räumen, vier Schlafzimmern und einer perfekt eingerichteten Küche. Das stimmt nicht ganz – keiner kommt im Leben nur aus eigener Kraft voran –, in meinem Fall sind es die Kontakte zu einem Jugendfreund und seinem Wohlstand oder seinem unglücklichen Schicksal, die mein finanzielles Wohlergehen oder Unheil bewirkt haben. So ist alles zu einem Ganzen verflochten, und daher kann es im Leben der Menschen gemeinsam zugrunde gehen.
Als ich nach einem geeigneten Ort suchte, hatte ich das Gefühl, daß ich beinahe jedes Kellerloch in der Stadt besichtigt und mir keines gefallen hätte. Zuletzt beschloß ich, eine Anzeige wegen einem geräumigen Abstellraum in einem Keller aufzugeben, in der Vorstellung, daß sich doch irgendwo eine alte wohlhabende Witwe verbergen müsse, die nicht mehr gut sah und die beschlossen hatte, das frühere Spielzimmer der Kinder neben der Waschküche, das lange leergestanden hatte, zu vermieten. Anscheinend war mein Bewußtsein zu jener guten Frau geschweift, die seinerzeit an mich vermietet hatte: eine halbblinde Witwe, desinteressiert an ihrem eigenen Aussehen, die nach altem Essen roch, aber eine warme Art hatte und verständnisvoll war, wie solche Frauen eben sein können. Aufgrund sinnloser Prüfungen in der Ehe, des Unglücks ihrer Kinder und der Blindheit der Augen sind sie über Vorurteile erhaben und lieben das Leben aus Gleichgültigkeit, aber nicht, weil sie selbst etwas davon verlangen, ganz im Gegenteil, sie haben schon lange aufgehört, sich etwas vom Dasein zu erwarten, und möchten, daß die, die jünger sind, dieses Leben genießen, das seinem Wesen nach nichts ist, wenn man vom Wesen von etwas sprechen kann, das an und für sich nichts ist, aber zur eigenen Erfüllung unendlich viel von anderen annehmen und so für den Menschen wünschenswert werden kann.
Nachdem ich zweimal in den Zeitungen annonciert hatte, bekam ich ein schriftliches Angebot. Als ich in das Haus kam, sah mich die alte Frau belustigt und mißtrauisch an und schien nicht ganz zu glauben oder erfreut darüber zu sein, daß ich eine Abstellkammer suchte; sie fragte:
Brauchst du nicht viel eher eine kleine Wohnung für deine Zwecke? Jetzt ist es leicht, eine zu kriegen. Das macht die schlechte Zeit, die in unserem Verständnis keine schlechte Zeit ist, weil wir die schlechte Zeit gekannt haben, und hoffentlich bist du nicht wie der junge Mann, dem ich einmal letztes Jahr vermietet habe.
Wie war er? fragte ich, um etwas zu dieser gutmütigen Frau zu sagen, die mir im selben Moment, als ich sie vor mir stehen sah, prima gefallen hatte, etwas beleibt und ständig unbewußt mit den Daumen den Rock an den Seiten glattstreichend.
Nein, ich rede dummes Zeug, sagte sie und schien sich zu besinnen. Das war nicht jetzt, sondern zu der Zeit, als es fast keine Möglichkeit gab, eine Wohnung zu bekommen, selbst wenn man eine Menge Geld dafür bot. Er nahm das Zimmer hier im Keller, doch sein Zuhause stellte er sich auf seine ganz eigene Weise vor, die etwas speziell war, weil er die Küche im einen Stadtteil mietete, das Schlafzimmer in einem anderen, und den Gang bekam er im Zentrum.
Sie machte eine Pause, um Atem zu holen, denn sie war kurzatmig.
Kannst du dir ein solches Arrangement vorstellen? fragte sie.
Ja, antwortete ich und versuchte aus dem Labyrinth, das dieser Mensch offensichtlich konstruiert hatte, schlau zu werden, und ich war davon überzeugt, daß seine Bauweise etwas Besonderes bedeutete, sogar für mein Leben und für mich selbst.
Ich hingegen war etwas befremdet, fuhr die Frau fort, und fragte wegen dieser Lebensweise nach, und da sagte er: »Ich puzzle mir das Zuhause auf isländische Art und Weise zusammen; alles ist zu einem unlösbaren Knoten geworden, aber es ist an seinem Platz, und obwohl kein einziges Stück halbwegs zum andern paßt, so hält es vielleicht trotzdem irgendwie zusammen.« So war seine Situation. Alles war vorhanden, aber nichts paßte zusammen, weil jedes Teil ganz für sich war.
Die alte Frau lachte das tiefe Lachen der Kettenraucherin, und es endete mit einem komischen Knurren und dem Verlangen nach Tabak, den sie sich vorenthalten hatte, solange sie sprach. Sie war erheitert, nicht von dem, was sie sagte, sondern wahrscheinlich von einer ähnlichen Erinnerung aus ihrem eigenen Leben innerhalb dieser vier Wände, die sie mir vermietete.
Hoffentlich hat er trotzdem selbst irgendwie zu seiner fragmentarischen Lebensweise gepaßt, sagte ich und versuchte, mich gut, doch nicht zu gut auszudrücken.
Da antwortete sie und sagte geheimnisvoll:
Man darf nie etwas buchstäblich nehmen. Manche Leute leben ohne Zusammenhalt, und ihr Leben paßt sich daran an. Doch das kann ein ausgezeichnetes Leben sein. Und damit du es weißt, ich fand dabei die Methode des jungen Mannes gut, wie er die Zeit, die vergeht, mit der Zeit verband, die in unserem Zusammenleben mit anderen gewöhnlich zum Stehen gekommen ist und in Scherben in einer Küche liegt, vielleicht in einem Schlafzimmer, in einem Bad, in einem Gang oder an den unmöglichsten Orten.
Ja, sagte ich. Die Ehe war vielleicht etwas ausgeleiert und ohne Zusammenhalt.
Das kann man wohl sagen, stimmte sie zu. Er betrog natürlich seine Frau und gab zu, daß das Schwierigste gewesen sei, dem Alten, der ihm den Gang vermietete, klarzumachen, daß er einen Gang mieten wolle, der nicht zu einer Wohnung führe. »In was für einem vernünftigen Haus sind die Gänge so?« rief der Alte wütend, wie ratlose alte Leute es tun. Der junge Mann erklärte ihm daher, daß das Heim, das er gegründet hatte, in Trümmern lag, und es deshalb logisch wäre, daß er eine Wohnung mietete, die in Stücken über die ganze Stadt verstreut war. Da beruhigte sich der Alte und begriff den Stand der Dinge, und der Junge bekam den Gang, aber ich sagte: »Die Frauen, die dir das Schlafzimmer vermieten wollten, haben dieselben gewichtigen Argumente nicht verstanden, mein Lieber.« Darauf antwortete er: »Es ist ihr gutes Recht, nur das zu verstehen, was ihnen gerade paßt.«
Und was hast du gesagt? fragte ich.
Ich sagte nur: »Ach so, und wo soll dann deine Frau bei einer so seltsamen Lebensweise bleiben, soll sie dich kreuz und quer durch die ganze Stadt verfolgen?«
Nein, antwortete er, wir haben Trennung von Tisch und Bett, doch wir wohnen zusammen, jeder auf seine Weise, so daß sich die Mietverhältnisse danach zu richten haben. Wenn ich im Bad in dem einen Stadtteil bin, ist sie in der Küche im anderen und dann im Schlafzimmer, während ich in dem Zimmer bin, das du mir hier im Keller vermieten würdest. Andererseits begegnen wir uns mit unseren Herzen in der Stadtmitte in dem Gang, der zu keiner Wohnung führt, falls wir uns überhaupt begegnen, aus Furcht vor dem Alten, der an uns vermietet und den Gang benutzt, um dort herumzulaufen, furchtbar wütend darüber, wie schlecht man wieder das Erste Programm im Radio empfängt.
Sie seufzte geistesabwesend, rührte sich etwas und sagte:
Daran kannst du sehen, daß dieses Zimmer in mancher Beziehung viel Glück bringt. Ständig kamen Leute zu ihm.
Hoffentlich wird es bei mir genauso sein, aber nicht in derselben Beziehung, sagte ich.
Im selben Moment öffnete sie die Tür zum Zimmer und führte mich in ein kleines Bad mit Klo, und dann öffnete sie eine andere Tür, die zu einer Küchenzeile führte, und sie fügte mit einem leisen Schnalzen hinzu:
Du bekommst beide Türen dazu. Hier kannst du tun und lassen, was du willst. Ich bin sowieso schon halbblind, so daß ich nichts sehe, und dann bin ich auch noch mehr als taub, so daß ich nichts höre außer dem, was man mir direkt in die Ohren schwatzt.
Zum Beweis dafür sah sie mich an und sperrte die leeren Augen auf, ohne zu sehen oder sich über irgend etwas zu vergewissern, und schnalzte ein paarmal mit den Lippen und fügte hinzu:
In einem gewissen Alter wollen alle Männer das Leben genießen, und oft ist es höchste Zeit für sie; du bist in diesem Alter. Mein Mann dagegen war viel zu normal und anständig, daß er in seinen Sehnsüchten und Phantasien weiter gekommen wäre, als das Kabuff hier einzurichten, um es ganz für sich zu haben, wenn er miese Laune hatte und beleidigt war. Er hatte sein ganz privates Mieselaune-Zimmer, bis zu seinem Tod, ich aber setzte da nie einen Fuß hinein und vermiete es an andere Leute, die einen ähnlichen Zufluchtsort brauchen. Was wolltest du noch mal damit machen?
Ich sagte, daß ich daran gedacht hätte, es zum Schreiben oder zum Meditieren zu benutzen.
Ja, das ist eine gescheite und moderne Beschäftigung, sagte sie. Jetzt sehe ich, daß du eine Menge Kraftpunkte hast.
Übrigens bin ich Lehrer, sagte ich.
Sie sagte »Ja«, und ich dachte, daß sie noch hinzufügen wollte: »Das ist gescheit, weil die Lehrer eine Unzahl Kraftpunkte haben«, doch sie wurde plötzlich geistesabwesend und schien das Interesse ebenso verloren zu haben wie jemand, der sicher zu sein meint, daß er den anderen kein Wort mehr zu glauben braucht, alles ist unwahr, und er weiß es besser.
Im Benehmen der alten Frau war eher der Stil einer vergangenen Zeit als der Formbruch und die Gekünsteltheit der heutigen Zeit, die durch ihr ständiges Hin und Her jede Art von Zeit tilgt. Später sollte sich noch heraussteilen, daß sie niemals, weder zu Zeiten noch zu Unzeiten, im Keller herumschnüffelte, obwohl sie natürlich manchmal herunterkam, um in irgendwelche Schachteln zu schauen. So wird es auf der Erde bleiben, solange es Schachteln mit Krimskrams und alte Leute gibt. Ich sollte noch erfahren, wie gut es sein kann, sich zu lieben, während alte Frauen gerade auf der anderen Seite der Wand des Genießens nach altem Kram schauen oder darin herumsuchen, es ist, als ob man liebenswürdig gegen die weibliche Natur sündigte und sich gegen die Autoritäten auflehnte. Die alten Frauen wissen undeutlich, was auf der anderen Seite der Trennwand los ist, sie bekommen es durch den Instinkt mit und freuen sich, daß man sich endlich den Pflichten verweigert. Deshalb ist es wunderbar, mit Unterstützung der alten Weiber in solche gleichermaßen seltenen und schwierigen Situationen zu kommen.
Ich spürte, daß sie am liebsten wollte, daß ich meine Frau in einen tiefen Brunnen hinunterwarf, und sie mir und meinem Kumpan beim Liebesspiel am Brunnenrand zusehen durfte, während ich mich über den Brunnen beugte und so tat, als ob ich sie aus dem Wasser retten würde. Ich dachte bei mir: »Die Alte hätte gerne, daß meine Frau glaubt, meine Schreie wären Angstschreie, weil sie im kalten Wasser ist, daß ich Angst habe, sie würde aufgeben zu strampeln und ertrinken, doch die Alte amüsiert sich, und trotz ihrer Blindheit und Taubheit sieht und hört sie, daß die Schreie durch etwas anderes ausgelöst werden. Ich ertränke die Sorgen, während ich die Ehefrau ertränke. Das amüsiert die Alte. Doch ich bin kein Mörder, außer vielleicht ein theoretischer Mörder, sondern ein Mensch, der seine Pflichten nach festen Regeln erfüllt, obwohl ich sie umgehe und mich im Sonnensystem der Sittlichkeit nicht ganz auf der rechten Bahn halten kann.«
Gesegnet sei die Natur, die ihr Sonnensystem vergißt, sagt die Alte zum Schluß.
Wenn ich der armen Alten, die an mich vermietet, über den Weg laufe, tut sie, als ob sie mich nicht sieht, und erwidert nichts, wenn ich sie grüße. Andererseits nimmt sie am Letzten jeden Monats die Miete entgegen, entschieden, aber uninteressiert. Ich habe jedesmal Angst davor und denke, daß sie mir die Leviten liest oder mir kündigt, was sie nie tut. Trotzdem schlägt mein Herz heftig, wenn ich anklopfe und sie anscheinend schon gespannt auf die Bezahlung gewartet hat, doch sie öffnet die Tür nie mehr als gerade nötig, so daß sie einen Arm durch den Spalt stecken und das Geld entgegennehmen kann. Dann reicht sie mir die Quittung, die sie bereithält, und schlägt unter beträchtlichem Lärm die Tür zu.
Dann hallt der Knall im Takt des Herzschlags und eines fürchterlichen Schuldgefühls wider, doch das Verwunderlichste und Schlimmste dabei ist, daß trotz des Knalls – oder vielleicht gerade deswegen – in mir ein fast unwiderstehliches Verlangen erwacht, der Alten die Wahrheit zu sagen und um Trost oder Verständnis zu betteln, obwohl ich weiß, daß es in solchen Dingen nicht möglich ist, von anderen Trost oder Verständnis zu bekommen. Jeder Mensch muß mit seinen Gefühlen leben, das Leben leben, das er sich gewählt hat, und den Attacken, die eher von innen her gegen ihn und seine Zweifel erfolgen als von der Umgebung, zum Opfer fallen, falls es so kommen sollte, oder ihnen standhalten, denn es gibt kaum etwas so Schwächliches, daß es nicht die Attacken von etwas anderem als sich selbst abwehrt.
Zunächst war am auffälligsten, wie schrecklich die Stille im Haus war. Als ich versuchte herauszufinden, ob die Alte mich ausspionierte, und ich still dasaß und kaum zu atmen wagte, dachte ich, das Haus würde unter der Last der Stille zusammenbrechen und über mir einstürzen, bersten, nur um die Stille im Haus und die Unruhe in meiner Brust zu zerreißen. Ich konnte kaum atmen vor erstickender Ruhe und dachte:
Was wohl die Alte gerade oben bei sich treibt? Womit kann sich eine einsame alte Frau den ganzen Tag lang im Erdgeschoß und unter dem Dach so ganz allein beschäftigen?
Je länger ich dort zur Miete wohnte, desto mehr hatte ich Angst davor, daß sie sterben könnte, und ich dachte, daß sie vielleicht mausetot oben bei sich auf dem Fußboden lag, während wir in dem Zimmer unter ihrem Schlafzimmer gerade zugange waren. Aufgrund einer Art primitiver Furcht aus der Urzeit glaubt man, daß die Liebe mit Schicksalsschlägen, Schrecken oder dem Tod verbunden sein muß, oder zumindest mit schlimmen Nachrichten. Ich weiß, daß das ein Aberglaube ist, und ich erkenne ihn an mir selbst, doch es ist egal, wie sehr ich auch versuche, Verstand und Vernunft walten zu lassen, ich weiß, daß die Liebe mit dem Tod verbunden ist und daß wir (wahrscheinlich ich) früher oder später das Leben opfern müssen, vielleicht nicht für sie, sondern wegen ihr.
Natürlich bin ich darauf gefaßt, daß einer von uns oder wir beide Aids bekommen müssen, die Krankheit paßt wie die Faust aufs Auge des Aberglaubens, daß die Leidenschaft und die Liebe untrennbar mit einer Tragödie verbunden sind. Seitdem man die Krankheit zum ersten Mal diagnostiziert hat, war sie in den Augen des Christenmenschen die Strafe dafür, daß eine bestimmte verdorbene und gottlose Sorte Menschen die Liebe und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Intimität machte, die ihrem eigenen Zweck diente, die Liebe war Genießen und die Nähe an und für sich. Diese besondere Sorte im voraus verurteilter Menschen befreite sich mit ihrem Verhalten aus den Fesseln des gängigen Denkens und suchte eine Abreaktion und Befriedigung nur im Fleisch um des Fleisches willen, und obendrein beim eigenen Geschlecht.
Die Krankheit, das lodernde Schwert, kam deshalb in die Welt, geschickt von Gott, der einen speziellen Strafvirus erschuf, um den Körper des Verdorbenen mit einem schrecklichen Tod zu belegen, weil er die Liebe nicht auf gesunde Art in einer Ehe nach christlichen Regeln genoß, die Vermehrung der Menschen aus dem Mutterleib im Sinn und die Bevölkerung der Erde. Die Seuche entstand, weil Jemand wider das Heiligtum der Frau gelästert hatte, welches der Ursprung des Lebens ist, und dieser selbe jemand begehrte wohl niedrigere und dunklere Schluchten oder Öffnungen am Körper, wo kein Licht aus der Dunkelheit geboren wird und der Samen ausgesetzt wird, bevor durch Zeugung die Kinder entstehen, wie bei primitiven Leuten.
Dennoch mußte es an den Tag kommen, daß das Leben mechanisch und seelenlos ist, die Krankheit war nicht das Resultat des Wunschdenkens des Glaubens im Herzen christlicher Männer und Frauen, sondern sie war immun gegen Trauer und drang in alle Öffnungen und in jede Art von Blut ein, vornehm oder niedrig, blau oder rot, sie nahm ihren Weg, nichts verpflichtet außer ihren eigenen Gesetzen, und sie war nicht als Strafe für Verbrechen gegen die Gebote Gottes und seine Zeugungslöcher gekommen. Sie war allein gegen alle, auf dieselbe Art wie jeder andere Tod auch.
Ich habe Kinder gezeugt, aber nichtsdestoweniger erwachte in mir das komische Verlangen danach, an dem teuflischen Virus zu sterben. Es ist es durchaus wert, daß man auf eine besondere Weise für die Wahrheit von Seele und Körper stirbt. Es verschafft einem ein Gefühl der Versöhnung, heute wie damals, zur Zeit der großen Erleuchtung, als überzeugte Menschen für eine Idee sterben wollten, sterben für ihre Ansichten, das Leben für den Glauben lassen oder etwas anderes, das dem Menschen nahesteht, wie zum Bespiel sich für den Vater zu opfern, Mutter, Frau oder Kinder, Gott oder die Gesellschaft: für die ganze Welt, auf dieselbe Weise wie der Erlöser es getan hat; die Kunst, ihm nachzufolgen, ist zu den Tugenden gezählt worden. Doch Aidskranke werden kaum von irgend jemand zu den Heiligen gerechnet, sich zu lieben und deshalb an einer realen und fürchterlichen Krankheit zu sterben hat nichts mit Philosophie oder Ökonomie oder Göttern zu tun, sondern mit einem unklaren und unberechenbaren Verlangen, von dem christliche Menschen behaupten, daß es pervers sei, denn es stirbt an sich selbst, sowie es befriedigt worden ist.
Damals wußte ich noch nicht, daß es einmal ans Licht käme, daß nach wissenschaftlichen Untersuchungen alle Menschen, gute oder schlechte, gerechte oder ungerechte, ebenso wehrlos und anfällig für diese Krankheit sind wie auch für andere, weil Krankheiten kaum einen Unterschied zwischen den Menschen machen, sie haben keine Moral, Vernunft oder Logik wie gebildete Menschen, und sie haben keinen Gott, und sie bekennen sich zu keinem Gesetz und keiner wahren Religion.
So dachte ich in dem Zimmer.
Als ich einen Telefonanschluß bekommen hatte und fand, daß nun alles fertig und bereit sei, daß mein Gefährte anrufen könnte, wann immer er wollte, da rief er vor ein paar Wochen an und sagte:
Jetzt komme ich dir nicht mehr nahe, bis du einen Aidstest gemacht hast und ein Attest vom Arzt vorzeigen kannst, daß du nicht infiziert bist.
Ich betrachtete das als Beleidigung, meinen Überlegungen zum Trotz und dem Bedürfnis nach heiligen Martyrien, und ich fühlte mich, als ob mir jemand eine Ohrfeige verpaßt hätte, und ich sagte:
Soweit gehe ich dir zuliebe nicht; das tue ich nie, lieber krepiere ich.
Na, das war’s dann wohl und tschüß, sagte er.
Also ging ich zur Untersuchung und wedelte mit dem Attest in seinem Gesicht herum. Er strahlte vor Zufriedenheit und wurde ganz stolz.
Tja, was man sich nicht alles traut, quietschte er vor Vergnügen. Was steht im Attest?
Daß ich serenpositiv bin, antwortete ich.
Was bedeutet das?
Ich habe positives Blut, antwortete ich.
Du bist immer positiv mir gegenüber gewesen, sagte er vergnügt.
Ja, sagte ich. Ich habe ein positives Leben gelebt.
In meinem ist auch alles positiv, sagte er und wurde noch vergnügter.
Gut, sagte ich.
Ja, was man sich nicht alles traut, quietschte er wieder.
Ich war es, der sich getraut hat, sagte ich mit Nachdruck. Und ich traue mich auch für meine Wesensart und meine Krankheit zu sterben.
Spar dir bloß deine Heldendarstellungen, sagte er kurz und drohend. Ich war es, der die Idee hatte, weil ich dachte, daß ich Aids von du weißt schon bekommen und dich angesteckt hätte.
Manchmal betrachtete er das Attest und war so begeistert, daß er vergaß, weshalb er gekommen war.
Was würde passieren, wenn etwas anderes dastehen würde und du mit Aids infiziert wärst? fragte er und antwortete sich sofort selbst: Natürlich würde meine Frau alles herauskriegen, und ich wäre ebenfalls dem Tod geweiht.
Man ist nicht nur hierin dem Tod geweiht, sondern in allem, seit wir geboren sind, sagte ich kalt und barsch.
Er hörte dieser Wahrheit nicht einmal zu und wiederholte ständig dieselben Worte:
Verdammt, wie kalt man sein kann; ich habe es gewagt, dich hinzuschicken!
Was würde passieren, wenn ich Aids hätte und es von dir bekommen hätte? fragte ich und versuchte, die Fassung zu bewahren.
Ich müßte Selbstmord begehen, bevor es alle mitbekommen haben, wie dein Jugendfreund es gemacht hat. Der war kaltschnäuzig.
Wie denn? fragte ich, und mir gefiel diese Art von Gespräch nicht.
Das ist ja wohl klar, daß es am mutigsten überhaupt ist, wenn man sich umbringt, antwortete er.
Ich verstand nicht, was daran mutig sein sollte, sich das Leben zu nehmen, bis er sagte:
Sich selber umzubringen ist mutiger, als andere umzubringen, weil man so gleichzeitig die ganze Welt für sich umbringt.
Warum? fragte ich und sah ihn an, wich dabei aber irgendwie aus, gefühlsmäßig betrachtet.
Natürlich deshalb, weil man dann den Schmerz selbst spürt, antwortete er, verwundert über meine Einfalt. Wenn man einen anderen umbringt, spürt keiner den Schmerz, außer dem, der umgebracht wird.
Ich hatte nie an unser ständiges Spiel gedacht und an das Vergnügen, das darin besteht, den Schmerz herauszufordern.
Einmal, als mein Gefährte kam und begeistert mit dem Aidstest dasaß, schien ihm ein Licht aufzugehen, und er sagte halb verwundert:
Das Kondom ist dann also für die Menschheit die größte Hoffnung auf Leben geworden!
Er fing an, schallend über seine Entdeckung zu lachen.
Ja, es ist Lebensspender und Mörder zugleich, sagte ich kurz.
Nein, das gibt es nicht, das widerspricht sich, protestierte er. Wie soll das gehen?
Der, der ihn überzieht, bleibt am Leben, das, was reingeht, stirbt und wird nie ein Mensch, sagte ich.
Ach so siehst du das, sagte er erstaunt und fügte hinzu:
Ich habe mir nie den Kopf darüber zerbrochen, wie es war, als ich tot war, bevor ich geboren wurde, aber meine Frau sagt oft:
Wenn jemand für die Menschheit gestorben ist, dann nicht Jesus Christus, sondern die Ratten, die benutzt werden, um in den Labors Medikamente auszuprobieren, damit wir Kranke geheilt werden können. Die sterben ganz sicher für die Menschheit. Und es ist eigentlich viel interessanter und rätselhafter, wie es war, tot zu sein, bevor man zur Welt kam, als zu wissen, wohin man geht, wenn man sie wieder verläßt.
Man fährt natürlich mit dem Körper ins Grab, doch die Seele fliegt zu Gott, sage ich dann, sagte er.
In welchem Grab waren wir vor der Geburt begraben und bei welchem Gott? fragt sie zurück.
Und was sagst du, wenn sie das sagt? fragte ich.
Ich versuche mir weder die Zukunft noch die Vergangenheit vorzustellen, wo wir waren oder sein werden, ich will nur, was mir zusteht, antwortete er.
Mir gefiel nicht, wie er mich ansah.
Nach solchen Gesprächen kriege ich immer, was mir zusteht, sagte er triumphierend. Auch wenn wir manchmal bis spät in die Nacht herumdiskutieren oder bis einen der Geist völlig verlassen hat; dann kommt statt dessen nur das Verlangen.
Wo der Geist aufhört, beginnt die Leidenschaft, sagte ich.
Erstes Tagebuch
13/10 1988
Ich war nachmittags zur festgesetzten Zeit im Bett, weil er vorhatte, sich zwischen eins und zwei »blicken zu lassen«. Ich hatte ein Bad genommen, damit ich sauber war und er mich eine Weile mit heiliger Unsauberkeit beschmutzen konnte, mich mit Leidenschaft verunreinigen, mich in seiner Gischt wälzen, meine Liebe mit dem verwöhnen, was von seiner Seite sicher nur Lust ist, doch bei mir so etwas wie gequälte und klare Liebe.
Ich finde, daß der Körper besser zum Liebesakt taugt, wenn er nicht frischgewaschen dazukommt, sondern nachdem er seine Salze auf der Haut wieder bekommen hat und nicht mehr unnatürlich sauber nach Seife oder Parfüm riecht. Das gilt zumindest für Männer. Es ist etwas anderes, wenn ich mit meiner Frau schlafe: Sie ist am besten, wenn sie direkt aus einem gerade angenehm warmen Bad kommt. Ich muß eine kalte Dusche nehmen oder nackt auf dem Fußboden herumlaufen, bevor ich ihr nahekommen darf, denn wie sagt sie immer:
Klare Gegensätze, hierin wie in anderen Dingen, sind am besten.
Ich habe nie die neue Frau meines Freundes gesehen, doch wahrscheinlich ist sie übertrieben reinlich, denn er geht sorgfältig mit seinen Sekreten um, fast auf weibliche Art und Weise, obwohl er ansonsten natürlich rauh im Umgang mit dem Fleisch ist. In bezug auf die äußere Sauberkeit muß ich ihm mit genügend Bädern und Waschen entgegenkommen. Am Telefon sagt er immer, wenn er sein Kommen ankündigt:
Du mußt gebadet haben und fertig sein, wenn ich mich blicken lasse.
Ich möchte, daß der Körper bei der Liebe seinen natürlichen Geruch behält. Ich mag ihn am liebsten, wenn er gerade von der Arbeit gekommen ist und nach Anstrengung duftet und etwas müde ist und bei der Liebe Erholung suchen muß.
Ich hatte zu Mittag gegessen und den Körper darauf vorbereitet, daß wir gegenseitig unser Fleisch verschlingen konnten, unter Schweigen, das von vereinzelten, dürftigen Worten unterbrochen wird, die immer die gleichen sind und dennoch inmitten aller Heftigkeit genauso wirkungsvoll wie zu Beginn, hinterher jedoch problematisch werden und in Gedanken kurios klingen, so daß man sich fast schämt und sich darüber wundert, daß so leere und banale Worte am richtigen Ort und zur richtigen Zeit wahr scheinen und einem Freude bereiten können.
Gerade als ich fertig war, rief er wieder an und sagte mit tiefer, heiserer und ängstlicher Stimme, daß er mich nicht treffen könne. Seine Frau war unten in der Waschküche und konnte ihn jeden Moment überraschen, so daß er so schnell wie möglich zum Telefon gegriffen hatte, und das Gespräch wurde kurz und abrupt.
Irgendwie habe ich das Gefühl, daß seine Frau abends ziemlich oft im Keller ist, um zu waschen und das Bett und alles um sich herum sauberzuhalten. Währenddessen schleicht er zum Telefon, um anzurufen und mir vor Einbruch der Nacht erregende Worte zu sagen. Wenn ich versuche, ihn damit zu ärgern, daß er damit wohl die Potenz steigern muß, dann widerspricht er und sagt:
Er steht mir immer einwandfrei bei der Frau, und ich brauche keine besonderen Tricks.
Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, daß er sich mit mir erregt und die Leidenschaftlichkeit auf die Frau überträgt, wenn sie endlich aus dem Keller gekommen ist, mit wolkenlosen Gedanken und strahlend weißer Wäsche, und seine Zudringlichkeit nicht begreift.
Es kommt mir vor, als müßte ich abends kaum in den Keller gehen, damit du in Hochstimmung bist, wenn ich wieder raufkomme, sagt sie erschöpft, doch im selben Moment ist sie sich ihrer Macht über ihn bewußt, und es macht ihr Spaß, widerstrebend nachzugeben.
Ich vermisse dich so, sagt er mit der Heiserkeit im Hals, die Männer oft bekommen, wenn sie in dieser Stimmung sind.
Nur, wenn ich schnell mal in den Keller gehe? fragt sie und fügt hinzu: Das ist eigenartig.
Er erzählt mir das oft, nicht direkt im Vertrauen, sondern in unschuldiger Verwunderung darüber, daß er sich genötigt fühlt, etwas zu sagen, wenn wir fertig sind; er möchte sofort verschwinden. Wenn ich die Inbrunst in seinen Worten höre, denke ich, daß er mir ein besonderes Vertrauen zeigt, das einer aufrichtigen Haltung entsprungen sein muß. Ich frage unwillkürlich, um meinen Wunsch bestätigt zu bekommen: »Warum bist du mit mir zusammen, wenn deine Frau nur mal kurz mit der dreckigen Wäsche runtergehen muß, damit du hinterher nicht ohne sie im Bett sein kannst?« Ich hoffe, daß er etwas sagt, das auf wärmere Gefühle mir gegenüber hinweist, aber meistens sagt er entweder: »Ich habe keine Gewalt über mich, weil irgendwas in mir drin sitzt«, oder: »Ich treffe mich mit dir, um der Frau eine Pause zu gönnen. Und willst du deiner damit nicht auch eine gönnen?«
Ist das, was wir tun, nur dazu da, um den Ehefrauen eine Pause zu gönnen? frage ich.
Natürlich, antwortet er und sieht mich an, beleidigt, daß ich etwas anderes denken kann. Das ist das Gute daran, daß man in der Ehe betrügt. Verheiratete Frauen und Mütter halten nicht viel Belastung durch ihre Männer aus.
Mir wird ganz sonderbar zumute, ich bin etwas durcheinander und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll angesichts einer ebenso kindischen wie auch natürlichen Einstellung dem gegenüber, was zwischen uns ist, und seiner Ansichten darüber, was Rücksicht auf Mütter sei, doch ich nehme mich zusammen, wappne mich gegen seine festverwurzelten Ansichten über die Sünde und welcher Art das Recht des Körpers in bezug auf sie sein kann, und sage mit einem Sarkasmus, der eher in meinen Gedanken als in Worten oder auf meinen Lippen ist:
Was mich betrifft, so gönne ich nicht der Frau eine Pause, sondern ich mag dich einfach.
Da wirft er mir schweigend und beunruhigt einen Blick zu, und ich glaube, daß er denkt: »Ach so, bist du dann nachts bei deiner Frau, um mir tagsüber eine Pause zu gönnen? Ich dachte, sie hat Urlaub.« Er ist offensichtlich zufrieden mit dem Gedanken, ja sogar selbstzufrieden über seinen Anteil an meiner Potenz, doch er sagt ganz einfach:
Die Frauen müssen auch ihren Anteil kriegen.
Als er vor kurzem anrief, wollten sie gerade zusammen in die Innenstadt fahren. Sie mußte für ihn etwas zum Anziehen kaufen, denn er sagt oft: »Die Frau wählt alles für mich aus; auch die Socken.«
Das Schiff fährt morgen nach Amerika, flüsterte er am Telefon. Wir sehen uns erst in drei Wochen wieder.
Blut und Saft gerannen plötzlich in meinem Körper. Ich bekam Kopfschmerzen, und mir war nach jenem typischen schmerzlichen Weinen zumute, von dem ich mir vorstelle, daß alte Menschen es stets in ihrem Dasein empfinden, jenes trockene Weinen, das der Trauer über ein schwindendes Leben in einem rasch verfallenden Körper entspringt, der eine immer kürzere Zukunft vor sich hat, wenn die Lebenszeit vorbei ist. Wenn einem das widerfahren ist, kann nicht einmal die Trauer von Dauer sein; in einem alten Körper ist schon alles geschehen außer dem eigenen Ende. Das Leben ist vorbei und weit weg. Deshalb ist all das, was alte Leute verpassen, nur ein Teil von keiner Zukunft. Wenn man ein vernünftiger alter Mensch ist, dann macht man sich klar, daß man auch die Zukunft verlieren und diesen Verlust dem hinzufügen kann, was man im Leben verloren hat. Ich fühlte mich ungefähr genauso, da ich die Mitte des Lebens erreicht habe und die Potenz schwindet, doch zum Trost dachte ich mir, daß ich ihn nicht immer zum Gefährten gehabt habe und trotzdem lebte, und ich habe ihn immer noch nicht ganz sicher, aber ich lebe dennoch weiter.
Das Alter bringt eine besondere Art von Freude mit sich, die von Trauer begleitet wird; sie ist von der Art, daß man nicht länger Angst vor dem Leben hat, je kürzer es wird. Diese Art von Liebe ist auch eine Art von Mut: Sie ist völlig anders als die Liebe, die ich natürlich und aufrichtig gegenüber meiner Frau empfand, als sie noch eine eheliche Liebe war und hieß. Wenn man durch eine andere Art von Liebesbanden gebunden wird, beginnt man unwillkürlich ein Leben zu leben, das nicht offen oder auf reale Weise gelebt wird, es wird zu einer Art Phantasie und Dichtung, die man schlecht beschreiben kann.
Vielleicht ist das eine mögliche Erklärung dafür, daß ich mich in meinem Alter mit einem gleichaltrigen und verheirateten Mann in etwas gestürzt habe, dem ich nicht einmal im Traum erlaubt hätte, sich in mein Begehren zu schleichen, als ich noch jung war und noch dazu ein Frauenheld.
Die längste Zeit meines Lebens, beziehungsweise seit ich verheiratet bin, war ich sehr auf meinen guten Ruf bedacht und duldete keinen einzigen Makel auf meinem Leben. Jetzt aber lebe ich hauptsächlich für diesen Makel, der wahrscheinlich ein Muttermal gewesen ist, das erst jetzt zum Vorschein kommt, wie rein und weiß auch immer mein Körper oder meine Seele sonst gewesen sein mögen, bevor es in meinem Umgang mit der Welt, der Frau und den Kindern, doch besonders mit meiner jüngsten Tochter sichtbar wurde. Wie jemand, der hinreichend streng im lutherischen Glauben erzogen und dessen Ideen verpflichtet ist, so hatte ich die Absicht gehabt, das Leben ebenso rein, makellos und nackt zu verlassen, wie ich es bei meiner Geburt in die Welt bekommen hatte. Jetzt habe ich beschlossen, es eines anderen Glaubens wegen tot zurückzulassen.
Also treffe ich ihn dieses Mal nicht, bevor er in See sticht. Nach dem Telefongespräch zu urteilen, hat er sich entschieden, das Ganze fortzusetzen, wenn er nach zwei, drei Wochen oder noch längerer Zeit wiederkommt; wer weiß, wann die Schiffe die Nebel auf dem Meer verlassen und den Hafen ansteuern, selbst wenn sie nach einem Fahrplan segeln?
Er hatte kaum aufgelegt, als unsere Bekannte Sigga anrief. Manchmal kommen die Anrufe für mich alle auf einmal. Oft vergehen mehrere Tage, ohne daß jemand anruft. Dann beginnen Freunde und Bekannte plötzlich anzurufen, und das passierte jetzt. Sigga schien zu spüren, daß mich etwas bedrückte, oder das Ungestüm, mit dem ich den Hörer abnahm, und die Enttäuschung, als ich hörte, daß sie es war, kamen ihr merkwürdig vor. Tatsächlich dachte ich, daß mein Gefährte seine Meinung geändert oder seine Frau plötzlich den Plan umgeworfen hätte, nachdem sie im Schrank gewühlt und gesehen hatte, daß sie in der untersten Schublade mehr als genug Socken und Unterhosen für ihn hatte, und ihn dann gebeten hätte, das Auto zu wachsen, während sie aufräumte, das ist bei Ehepaaren normal, und er würde vom Autowaschplatz anrufen, um zu sagen, daß er käme, doch es müsse schnell gehen. Als ich hörte, daß Sigga am Telefon war und nicht er, hatte ich meine Erregung nicht gleich unter Kontrolle. Jemand, der auf dieselbe Art liebt wie ich, muß Selbstkontrolle haben, am besten darf er seine Gefühle nicht anders zeigen als in kryptischen Zeichen, oder er muß sie im Umgang mit anderen Leuten so entstellen, daß sie nie richtig darauf achten oder ihnen direkt eine Bedeutung beimessen. Das Gesagte muß das normale Verständnis eher verwirren als ihm etwas deutlich machen. So ist die Ausdrucksweise des Clowns, der einen gleichzeitig bezaubert und abstößt.
Als Sigga anfing, neugierige Fragen nach meinem Gemütszustand zu stellen, und versuchte, die Wahrheit aus mir herauszulocken, machte ich sie glauben, ich sei etwas erregt, nachdem ich nach dem Essen mit der Frau im Bett gewesen war. Da räusperte sie sich auf übertriebene und langgezogene Weise, um damit gewisse Andeutungen zu machen und auf gutmütige Art komisch zu sein. Natürlich machte es ihr nichts aus, daß ich durcheinander und erregt war, sie hatte mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun und wollte mit jemandem darüber und über sich reden – wie leid sie es wäre, die Kontoführung in der Bank zu machen, und die Theater fände sie, gelinde gesagt, furchtbar, weder ertrüge sie die Lebensweise der Isländer noch das Konsumverhalten der Leute, die sich trotzdem ständig beschwerten, oder die isländische Kultur, falls man das überhaupt als Kultur bezeichnen könne, und sie würde aus dem Land fliehen, wenn sie im Lotto gewänne.
In einer winzigen Pause gelang es mir, auf ähnliche Weise, wie es gerade Mode ist, zu fragen:
Ja, aber wohin soll man denn gehen, wenn nirgendwo etwas passiert, außer in Dingen, die den Devisenhandel und den Markt angehen, und da ist die Lage kritisch, und alles liegt völlig darnieder?
Das sagst du aus gutem Grund, sagte sie. Das ist eine gute Frage, denn die Politik lief bis jetzt darauf hinaus, daß es nirgends auf der Welt etwas anderes gibt als die Gleichberechtigung der Mittelmäßigkeit.
Im selben Moment mußte ich aus irgendeinem Grund an meine Mutter denken, in der Weise, daß ich mich als breiten und langen Strich empfand, der in das unendliche Weltall gezogen ist. Ich weiß nicht, warum mir das in den Sinn kam, oder was eine so lächerliche Vorstellung mit meiner Mutter zu tun hatte, außer daß sie seinerzeit das eintönige Leben draußen auf dem Land gründlich satt hatte und ständig damit drohte, sich von Papa scheiden zu lassen und nach Reykjavik zu ziehen, bis er es in die Tat umsetzte, sich scheiden ließ, eine andere Frau fand und dort hinzog, und sie blieb allein im Haus zurück, damit sie nicht am gleichen Ort wohnen mußte wie er. Ich erzählte das Sigga und nahm Mama als gutes Beispiel für die Entschlußfreudigkeit der Frauen, und jetzt sei sie heilfroh, daß sie Papa dazu gezwungen hatte, einen Entschluß zu fassen, und ihn mit einer anderen Frau in die Stadt verjagt hatte, sie selbst war jetzt frank und frei und viel näher am Flughafen in Keflavik dran als er und konnte ins Flugzeug steigen, wann immer es ihr einfiel, und mit ihrer Rente in die Welt hinaus fliegen.
Sag mal, Sigga, glaubst du, daß mich meine Mutter nur geboren hat, damit ich jemand einen großen Strich durch die Rechnung mache, und daß der vielleicht im Weltraum ist? fragte ich.
Ich weiß nicht, was mit dir los ist, man kann heute mit dir nicht vernünftig reden, sagte Sigga und legte auf.
Kurz darauf klopfte die Frau von der Wohnung gegenüber an, um nach meiner Frau zu fragen, und als ich antwortete, daß sie Ferien im Norden mache, sagte sie, daß die Sprechanlage in unserem Treppenhaus im Block anscheinend kaputt sei, ein Bekannter von ihr wäre gekommen und hätte geläutet, doch man hätte es nicht gehört. Ich erschrak, doch die Frau sagte, daß es nicht so schlimm wäre, man könnte ja immer noch das Telefon benutzen und seinen Besuch zu einer bestimmten Zeit ankündigen, was nur höflich wäre und europäische Sitte, und dann würde man hinuntergehen und an der Eingangstür auf den Gast warten, wenn die Klingel kaputt wäre.
Ich pflichtete ihr aus vollem Herzen bei, und da fügte sie hinzu:
Diese gute Sitte kann man hierzulande nur einführen, indem man die Gegensprechanlagen in allen Häusern mindestens ein Jahr lang kaputt bleiben läßt.
Ich bekam einen Schreck, da ich es nicht mitbekommen hätte, wenn mein Freund vorbeigekommen wäre. Während ich mich mit der Frau unterhielt, rief J. an, so daß ich einer weiteren Diskussion über Gegensprechanlagen entkam. Als ich abnahm, fing er an, davon zu erzählen, daß er sich seit der Beerdigung von M. vor zehn Jahren immer noch nicht erholt hätte, sie hätte in ihm zum ersten Mal Erinnerungen aus seiner Jugendzeit geweckt, und er dachte, daß er bald mehr Verwandte und Freunde im Grab hätte als im Leben.
Das war eine ziemliche Lebenserfahrung, sagte er.
Beerdigungen neigen dazu, Erinnerungen zu wecken und die Leute zu denkenden Wesen zu machen, zumindest in Büchern, antwortete ich.
Das ist mir passiert, wo ich doch keine besonderen Talente habe, und ich bin nicht so bemerkenswert, daß ich als Vorlage in einem Roman taugen würde, sagte er. Ich sah das Blut der Fische daheim auf dem Kai vor mir, wie es in der Kälte zu feinen Kristallen gefror, und mitten in der Leichenrede des Pfarrers kam mir der Gedanke, daß mit meinem eigenen Blut etwas Ähnliches passiert sei. Die Erinnerung ist merkwürdig.
Ja, das kann man wohl sagen, sagte ich und hatte schon keine Lust mehr zuzuhören, doch er redete in einem fort, mit poetischen Schilderungen, wie ihn in der Kirche ein strenger Frost aus der vergangenen Jugendzeit befallen hätte.
Ich hörte nur mit einem Ohr desinteressiert hin, denn es ist jetzt der neueste Schrei hierzulande, daß alle so tun, als seien sie gläubig, und sagen, daß man sich in der Ungewißheit und dem Chaos zur Jahrhundertwende an Gott anlehnen müsse.
Gott ist heute das Größte! fügen sie hinzu und tun so, als ob diese Erkenntnis auf ihrem eigenen Mist gewachsen ist.
Vor der Beerdigung dachte ich, daß in meiner Jugend immer Regen war oder Tauwetter und Glatteis auf den Pfützen im fahlgelben Moor, aber so ändert Gott unsere Erinnerung an das Wetter und die Farben, sagte er.
Während ich versuchte zuzuhören, ergriff mich eine Niedergeschlagenheit, die ich mit der Unendlichkeit verbinde und von der ich glaube, daß sie in der absoluten Leere an einem unbekannten Ort im Weltall entstanden ist. Es ist nicht das Weltall der Sterne und Planeten, sondern die Weite des Universums, die, so habe ich das Gefühl, in jedem Menschen ist, da die Trauer zweifellos aus der Weite der Seele kommt. Sie stammt nicht von einem bekannten oder bestimmten Ort, sondern schleicht sich an uns heran aus der Erfahrung des Daseins, aus dem unendlichen Bereich des Gedankenlebens: Sie entspringt zugleich allem und nichts, auf dieselbe Weise wie die Angst. Ich hielt den Hörer etwas vom Ohr weg – das mache ich oft, wenn die Leute anrufen und lange reden –, so daß ich aus der Distanz nur den Klang der Worte hörte.
All das entsprang nur der Sehnsucht nach dem, der mit dem Schiff wegfuhr. Das wußte ich. Wahrscheinlich sehnte ich mich nach Trauer. »Du bist versessen auf Traurigkeit wie die Kinder auf Schokolade«, hat meine Frau einmal gesagt.
Als ich das Haus verließ und den Laugavegur hinunterging, um das schlechte Gefühl abzuschütteln, das überall in mir war, fiel mein Blick auf eine Gruppe von Leuten, die um irgend etwas in einer Hofeinfahrt herum zu stehen schienen. Gleichsam von dem Bedürfnis nach Trauer geleitet, stieg ich auf einen Absatz und sah eine ältere Frau an der Treppe liegen, eine andere, jüngere, war damit beschäftigt, sie zuzudecken. Während ich zusah, wie sie sich hinabbeugte und die ältere Frau streichelte, fragte ich mich, warum man sterbende Menschen oder Leichen immer zudeckt. Es scheint ganz egal zu sein, wo man sich aus dem Leben verabschiedet, innerhalb kürzester Zeit erscheint eine Decke aus dem Nichts oder aus Humanität, die sich auf diese Weise bemerkbar macht, wenn sie nicht mehr nötig ist. Denn was nützen eine Wolldecke und Gutherzigkeit angesichts des Todes? Welche Decke kann einen Körper wärmen, der in den Zustand seiner Erkaltung übergeht?
Die Frau, die auf dem Rücken dalag, das eine Bein leicht untergeschoben, war schon älter, sie war sorgfältig geschminkt, die Lippen waren bemalt und halbgeöffnet. Man sah die ebenmäßigen Zähne der Prothese, die in dieser Situation so unnatürlich waren wie die rote, leuchtende Schminke im Gesicht. Die halbgeschlossenen Augen schienen gebrochen, oder die Hornhaut war von einem trockenen Film überzogen, das linke Auge hatte sich in die Augenhöhle gedreht, als ob es im Augenblick des Todes nirgendwohin gerichtet wäre, um in der letzten Sinnlosigkeit des Lebens völlig blind auf nichts blicken oder starren zu können.
Da begann ich darüber nachzudenken, was im Leben es sein kann, das am meisten stirbt, wenn wir sterben, und ich stellte mir vor, daß es nicht der Körper als Ganzes war, sondern der Mund und die Augen. Sogleich begriff ich, daß der Zweck des Lebens höchstwahrscheinlich darin besteht, daß man andere sehen und mit ihnen reden kann: entweder mit sich selbst, mit Tieren oder mit anderen Menschen. Darüber zerbrach ich mir auf meinem erhöhten Platz den Kopf und betrachtete die Frauen, die aus allen Richtungen herbeiströmten, um ihre sterbende Geschlechtsgenossin zu streicheln, sie streichelten sie sanft, aber bestimmt, offenbar, um zu versuchen, sie wieder ins Leben zu prügeln, es mit Schlägen zu Gehorsam zu bringen und zur Rückkehr zu bewegen, so wie Mütter es mit unartigen Kindern machen, die sich nicht um ihre Regeln kümmern, und versuchen, sie zum Gehorsam zu prügeln. Ich sagte zu mir selbst: »Es ist egal, ob die Frau gestreichelt, ausgelacht oder beweint wird, einerlei, was man probiert, sie ist tot und unempfindlich gegen alles. Das Leben ist erbarmungslos und unbändig, und nur seine Gesetze können dem Körper den Tod aufzwingen.«
Kurz darauf war das heulende Herzauto am Schauplatz erschienen, die Männer, die darin saßen, stürzten heraus und hatten mit solchen Fällen offensichtlich Routine; sie sahen gleich, wie die Sache stand, und nahmen ihr Funksprechgerät zur Hand, einer hob fachmännisch mit zwei Fingern beide Augenlider der Frau an, die Augen bewegten sich dabei nicht heftig, verwundert und pulsierend vor Leben, beinahe spöttisch frohlockend, wie wenn die Lider eines Menschen, der tot scheint, aber nur in Ohnmacht gefallen ist, angehoben werden, sondern sie waren so leblos wie die Augenlider. Dann packten sie den Körper auf eine Bahre, schoben sie hinten in das Auto hinein, schlossen die Türen und fuhren weg. Die Gruppe der Frauen zerstreute sich, und danach war es so, als ob auf der Straße nichts geschehen sei. Zu meiner Erleichterung war meine Deprimiertheit weg, und ich rief meine Frau an und sagte:
Komm doch in den Sonnenschein hier im Süden, laß dir nicht länger im Norden auf die Brüste regnen.
Brauchst du nicht mehr Muße, um deine Angelegenheiten zu Ende zu bringen? fragte sie.
Nein, antwortete ich. Ohne dich bin ich am Ende.
14/11
Ich wartete den ganzen Morgen rastlos, daß mein Gefährte anrufen und sagen würde, daß er kurz von Bord verschwinden könnte oder eine Entschuldigung gefunden hätte, um die Arbeit einen Moment zu verlassen, doch der Wunsch und seine Kraft sind weit davon entfernt, einen solchen Einfluß zu haben, daß er in Erfüllung geht. Mittags hatte ich alle Hoffnung aufgegeben, ich ließ von meinem Wunsch ab und begleitete das Schiff in Gedanken aus dem Hafen hinaus. Ich sah seine Frau vor mir, wie sie sich von ihm verabschiedete. Sie tat es auf dieselbe Weise, wie einfache Leute sich voneinander verabschieden, auf eine neutrale und distanzierte Art, als ob sie ihre Gefühle nicht auf eine Weise zeigen könnten, daß sie den erreichen, an den sie eigentlich gerichtet sind, und deshalb dem eine Bürde scheinen, für den sie sich regen, und aus Verlegenheit verlöschen.
Ich sah ihn deutlich vor mir, ein bißchen wie ein Schaf, wie er sich über die Reling beugte, mit viel zu großen Arbeitshandschuhen an den Händen, erleichtert, daß er nach kurzer Zeit aus dem Blickfeld der Frau entschwinden würde, die ebensowenig wußte, was sie neben dem Auto auf dem Kai mit sich anfangen sollte, ob sie winken oder etwas rufen sollte; ihr fiel nichts ein, und es war nicht mehr möglich, ihn wegen irgend etwas fortzuschikken oder mit ihm über die ewigen Probleme der Kinder zu reden, die niemals auf eigenen Füßen stehen konnten und sich ständig Geld von den Eltern leihen mußten, die wiederum gezwungen waren, bei der Bank einen Kredit mit hohen Zinsen aufzunehmen, um dem ohnmächtigen Gejammer zu entkommen. Er legte den Zeigefinger auf ein Nasenloch und blies aus dem anderen, um irgend etwas zu machen, bevor er sich ganz vergaß und in die Arbeit und Anstrengung versank, zufrieden, daß er nun seinen Körper mehr spürte als seine Gefühle, denn auf einem Schiff gibt es viel zu tun, nicht nur ständig etwas anzustreichen und den Rost von der Brücke zu klopfen, da gibt es keine Zeit, um an Kleinigkeiten an Land zu denken, Probleme und Sentimentalitäten. Ich hatte ihn einmal gefragt:
Sitzt die Liebe bei dir mehr im Kopf oder da …?
Er zeigte sofort auf »da« und fragte verwundert:
Wo soll sie denn sonst sitzen?
Vielleicht erfinde ich das bloß, vielleicht ist das schon lange zur Gewohnheit geworden, daß er bei jedem Wetter hinaus ins Ungewisse fährt, daß er mit der Unsicherheit lebt und nie selbst über seine Zeit verfügen kann, daß es nicht möglich ist, mit Sicherheit zu wissen, wann er heimkommt und wann er den Hafen wieder verläßt, daß das ganze Leben in der Kunst besteht, mit verschieden großen Ungewißheiten und Risiken im Dasein und in der Arbeit bei niedrigem Lohn leben zu können, hart zu schuften, schlimme Unwetter, starken Seegang zu erleben, nur wenig Liebe an Land zu erfahren, wo ihn ständig irgendwelche Zahlungen und ewige Besorgungen per Auto erwarten.
Ich erinnere mich jetzt daran, als ich am Nachmittag desselben Tages in das Lehrmittelzimmer im ersten Stock ging, wie klar das Blau über den Sunden war, und ich wußte, daß in diesem Moment, als ich zum Fenster hinaussah, der Eindruck mehr von meinem seelischen Zustand, meinen Gefühlen und meiner Sehnsucht herrührte als vom Meer selbst. Tags darauf ging ich wieder ins Lehrmittelzimmer hinauf, frühmorgens in der Dunkelheit des Winters, bevor es Tag wurde, und blickte unausgeschlafen aufs Meer hinaus und zu den Bergen, aus der unnatürlichen Helligkeit des elektrischen Lichts in die Dämmerung, die trüber war, als die wilde Helligkeit tatsächlich ist, da der Uhr zufolge der Tag bereits angebrochen sein mußte. Ich sah hinaus in die Dunkelheit unterhalb des Hauses, auf die Kiste oder den kleinen Container, der dort auf der Seite lag und auf dem Sjoskip h.f. stand. Ich tat das, um meines Freundes zu gedenken und ihm auf diese Weise nahe zu sein, indem ich einen konkreten, sichtbaren Gegenstand betrachtete, der mit seiner Arbeit und seiner Reederei zu tun hatte. Obwohl ich den Container nicht berühren konnte und ihn in der Morgendämmerung nur undeutlich sah, leistete er mir in gewisser Hinsicht Gesellschaft, während ich die Regale absuchte und das Material für den Unterricht zusammenstellte.
Keiner von meinen Schülern konnte wissen oder ahnen, daß ich oft nicht in das Lehrmittelzimmer im ersten Stock hinaufging, um Unterrichtsmaterial für sie zusammenzusuchen, oder auf die Toilette, um mich zu erleichtern, sondern um mein Gemüt zu beschweren und die Trauer zu verstärken, indem ich eine Weile aus dem Fenster den Container der Reederei betrachtete. Auf diese Weise segelte ich immer weiter und tiefer hinein in die Qual, die Liebe weckt.
Wenn ich wieder ins Klassenzimmer zurückkehre, rötet sich manchmal der Gipfel des Berges. Der Schein ist schwach, aber voller Hoffnung auf einen klaren Tag oder voller Sehnsucht nach einem neuen Tag. Dann, wenn ich begonnen habe, eine andere Klasse weiter oben im Schulgebäude zu unterrichten, erscheinen die Sunde in den großen Fenstern des Raumes, hell und klar, je weiter die Helligkeit den Himmel öffnet. Das Licht ist langsam, doch die Morgendämmerung dringt entschieden aus der Nacht.
Auf einmal war ich während des Unterrichts völlig in Gedanken verloren oder folgte den Schiffen und ihren Fahrten über die Sunde in den Hafen, doch nie zuvor hatte ich ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt, ich entdeckte die Aussicht zugleich mit der Schönheit, vor allem, wenn man an dem Ort aus dem Fenster blickte, den ich früher bloß als für einen einzigen Zweck notwendig angesehen hatte, nämlich daß sich der Körper dort erleichtern konnte, und ich hatte mich beeilt, hinunter zu meinen Schülern oder Kollegen zu kommen, um über Politik herumzudiskutieren und so zu tun, als ob man von allem zwischen Himmel und Erde eine Ahnung hätte. Jetzt wurde er zu einem Platz für Träumereien, die mehr mit der Jugendzeit zu tun hatten, der Pubertät, als mit dem mittleren Alter eines verheirateten Mannes in seinem Heim oder den reifen Gefühlen eines Vaters dreier Kinder. Aber was zeugt von größerer Reife, als einem voll ausgewachsenen Körper und Charakter zu gestatten, aus dem Ei der Gewohnheit schlüpfen zu dürfen?
Unten im Klassenzimmer sitzen meine Schüler, froh darüber, daß ich kurz verschwunden bin, so daß sie einen Moment miteinander schwatzen und sich mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigen können. Währenddessen ergehe ich mich in Klarheit. Einmal als ich wieder in die Klasse zurückkehrte, sprach ein Mädchen gerade von ihrer Traurigkeit darüber, daß ihr Freund auf See war. Es war in der Zeichenstunde. Ich hatte sie zuvor nie besonders beachtet, doch ich begriff, daß wir etwas gemeinsam hatten, während ich schwieg und zuhörte, wie sie offen von ihrem Kummer erzählte, da ihre Liebe und die Trauer, die ihr entsprang, natürliche Reaktionen eines Bedürfnisses waren, das darin besteht, daß man mit einer Meereswelle zusammenfließen möchte, die über einen strömt, doch dann taucht der, der die Klippe ist, rein und unversehrt am Strand auf, wie ein freies und unabhängiges Individuum.
Nachdem ich dem leichten Gezwitscher des Mädchens bis zu Ende zugehört hatte, fragte ich eher aus Neugier denn aus Sympathie:
Ist er Seemann?
Auf einmal schien sie erleichtert. Sie sah mich mit dankbaren Augen an, froh darüber, daß ich an ihren Herzensangelegenheiten Anteil nahm, anstatt sie zum Schweigen zu bringen und zu versuchen, Seele und Hände der Schüler durch Kenntnis und Beherrschung der technischen Zeichnung zu bereichern. Im Nu hatte ich mich von einem langweiligen Zeichenlehrer in ein lebendiges menschliches Wesen verwandelt, und sie antwortete mit etwas gekünstelter Traurigkeit:
Nein, mein Freund ist auf einem Trawler und kommt erst in drei Tagen wieder an Land. Das ist eine schrecklich lange Zeit, eine ganze Ewigkeit. Du weißt einfach nicht, wie das ist.
Was sind drei Tage im Vergleich mit einem langen Leben? dachte ich, doch ich sagte:
Wenn man jung ist, werden drei Tage Trennung von dem, den man liebt, zu einer unendlich langen Zeit, doch das Warten wird durch die Freude beim Wiedersehen vielfach vergolten. Andererseits geht es uns mit zunehmendem Alter immer mehr so, daß man dankbar dafür ist, daß der, den man einmal geliebt hat, für einige Tage fortgeht, so daß man sich von ihm und seiner ständigen, erdrückenden Nähe erholen kann; das kommt daher, daß man in der Hoffnung lebt, jemand käme unverhofft in unser Leben, während er fort ist, ja sogar mehr als nur einer. Wenn man dieses Glück nicht hat, besteht immer noch die Möglichkeit, zu glauben, daß der, der fortgegangen ist, am Ende seiner Abwesenheit die Erneuerung mitbringen werde.
Das Mädchen lächelte freundlich, wie jemand, der zu verstehen vorgibt, was er aufgrund seiner Jugend oder mangels Lebenserfahrung nicht versteht, oder sie tat es vielleicht aus Toleranz gegenüber einem Lehrer, der fast nur unverständliches Zeug redet. Junge Leute verstehen nur das, was konkret ist oder ihnen als völlig simples Beispiel dargeboten wird, als Erklärung von etwas anderem, Komplizierterem; doch falls der Unterricht geklappt hat, begreift der Schüler in den Worten des Lehrers etwas, was ihm vielleicht später einmal im Leben klar wird. Ein normaler Schüler versteht im Spiel der Jugend die unumstößliche Tatsache nicht, daß ein kompliziertes Beispiel eine komplizierte Erklärung erfordert, die am besten unverständlich sein soll, um ein nachhaltiges Verlangen zu wecken, verstehen zu wollen.
Wir sahen einander in die Augen, und ich dachte:
Ob du wohl Verständnis und Toleranz zeigen würdest oder dich weigern, als Schülerin meine Nähe zu dulden, wenn du wüßtest, was keiner wissen darf? Würdest du dann dasselbe sagen, was ich zu dir gesagt habe?
In den nächsten Tagen begann das Mädchen mir unerwartetes Verständnis zu zeigen und zu fragen, wie es meiner Frau ging. Als ich ihr halb im Spaß, halb im Ernst antwortete: »Ach, ihr geht es ganz gut«, da lächelte sie, weil ich ihr eine zweideutige Antwort gab und meine Probleme verbergen wollte, und sie nickte sogar, zum Zeichen dafür, daß auch sie sich im Lebenskampf wacker schlagen und nie über die Liebe klagen wolle, ich hätte sie gelehrt, ihre Probleme zu ertragen. Zum ersten Mal in meiner Berufskarriere hörte ich von einem Außenstehenden, daß ich ein prima Lehrer sei, einer der wenigen an der Schule, der seine Schüler und die Jugend verstand; das kam daher, daß ich es selbst irgendwie schwer im Privatleben hatte, auch wenn ich es nicht zeigte. Der Schülerrat machte dem Rektor den Vorschlag, mich zum Freistundenbetreuer zu machen und jedem, Eltern wie Jugendlichen, wenn sie Mittwoch abends ohne besonderen Grund geradewegs von der Straße hereinkamen, mit Rat und Tat zu helfen, ich käme so gut mit den Schülern zurecht, doch ich lehnte diese Ehre dankend ab.
Du möchtest abends natürlich daheim bei deiner Frau sein, das verstehe ich, sagte der Rektor.
Ja, sagte ich. Unsere Jüngste ist zur Zeit nicht ganz gesund.
Das war dem Mädchen unzweifelhaft zu Ohren gekommen, denn es fing an, taktvoll und voll unangenehmen und sentimentalen Mitgefühls zu fragen, wie es meiner Tochter ginge. Als ich es dabei beließ, mit einem neutralen Lächeln zu antworten, erfuhr ich, daß meine Tochter an einer unheilbaren Krankheit litt, und innerhalb von zwei Wochen hatte sich die Klasse in den meisten Fächern erheblich verbessert, das Pflichtbewußtsein war eine Anstrengung der Schüler, um mir ihre Sympathie zu erweisen und mir durch ordentliche Noten in den mündlichen Prüfungen Mut zu machen. Dann wurde alles wieder wie früher und sogar noch schlechter, und da begann ich nervös zu werden und war auf der Hut, ich horchte, ob nicht irgendwelche seltsamen Geschichten über mich in Umlauf wären. Als ich nichts hörte, was darauf hinwies, war ich erleichtert und sagte spöttisch zu mir selbst, daß man meinen könnte, Reykjavik sei eine Millionenstadt geworden, wo kein Mensch die nicht zu bewältigende Aufgabe lösen kann, tatsächlich das Privatleben jedes einzelnen Menschen auszuspionieren, und jeder ist dem andern scheißegal, nur er selbst zählt, ausgenommen bei den Kommunal- und Parlamentswahlen alle vier Jahre, und in der Zwischenzeit kultivierten die Einwohner ihr Mitleid mit ständigen Spenden für die Notleidenden in der Wohlstandsgesellschaft, die die Rezession durch ein schwindendes Bruttosozialprodukt zersetzte.
Ich hatte nicht aus eigenem Antrieb nach der neuen Reise des Körpers auf den unergründlichen Wegen der Liebe gesucht, sondern es war der Tod eines alten Freundes und Schulkameraden, der mir unerwartet Flügel verlieh. Als er seinen Lebensfaden abschnitt, übernahm ich das, was von ihm immer noch da war und was er verlassen hatte: Ich übernahm seinen Geliebten. Es war ganz, als wäre ich durch seinen Tod gestärkt worden; eine schreckliche Lebenslust ergriff mich und zügelloser Optimismus, gepaart mit Freude und Hunger nach Sättigung. So kann des einen Tod des andern Brot werden oder das Manna in der Wüste des Lebens. Der, der ins Brot beißt, bittet die Allmacht darum, es ihm täglich zu geben, doch zugleich ruft er etwas in sich selbst an und befiehlt ihm zu weichen, damit er weiter in den Fesseln der Gewohnheit am Tisch sitzen darf, wo er Tag für Tag dasselbe Mischbrot aus der Hand seiner Frau und des Bäckers ißt.
19/11
In der letzten Zeichenstunde malte eines von den ältesten Mädchen etwas auf ein Blatt, das sie mir und den anderen mit merkwürdigem Eifer zeigte und sagte:
Mein Gott, ist das nicht ein Selbstporträt?
Wenn das der Fall war, dann schien sie sich als himmelblaue Frau zu sehen. Sie bestand fast nur aus einer riesengroßen Nase, nicht unähnlich einer Tülle, die verkehrt herum an einer grotesk künstlerischen Kaffeekanne saß. Nachdem sie das Bild lange mit einer Mischung aus Eingebung und Zweifel in ihrer Miene betrachtet hatte und niemand eine Antwort gab oder eine Bemerkung machte, wie originell es sei, fragte sie naiv und mit der Affektiertheit dessen, der nichts von einem Künstler in sich hat:
Findet ihr es nicht sonderbar und gleichzeitig zum Heulen, daß alle Bilder, die man macht, vom kreativen Aspekt her irgendwie über einen selbst sind; und was können sie anderes sein als ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit?
Sie könnten zum Beispiel einfach etwas sein, das völlig absurd und furchtbar unästhetisch ist, antwortete ein anderes Mädchen kurz.
Aber was ist das in mir, das mich zu einer einzigen Adlernase macht? fragte das erste mit derselben Eindringlichkeit und ließ sich ebensowenig beeindrucken wie ein Dummkopf.
Ich beließ es dabei, ein paarmal zu nicken und gewichtig dreinzuschauen, und dachte: »Ja, vielleicht ist die Tülle deine starke Seite, die bei dir die Nase ist, weil du eine moderne Frau bist; sie reicht bis zum Mund, und das wird hoffentlich so bleiben, wenn du ins Leben hinausgehst, um der Gesellschaft zu begegnen.«
Daher sagte ich, daß ich nicht verstehen könne, daß in dem Werk etwas anderes enthalten wäre als der Ausdruck ihrer Stimmung in Farben, und die Form selbst könnte ja vielleicht die starke Seite an ihrer Nase darstellen. Bei dieser Analyse streckte sie ihre Zunge heraus und wurde ganz froh und sah zweifellos eine große Zukunft in himmelblauer Elfenfrauenentfernung vor sich.
In diesem Augenblick ist es nicht unwahrscheinlich, daß auch ich gerade ein Bild von mir mit Worten male und daß die starke Seite der Nase der Wörter aus einem ähnlichen Material ist wie das, was vielleicht in der Stimmung der Wunderwelt des Mädchens war. Diese einfältige und lehrerhafte Mutmaßung verwirrt mich ein bißchen, doch ich habe meine sarkastischen Gedanken weder im Griff, noch kann ich sie zügeln. Nach meinem Verhalten in der letzten Zeit zu urteilen, habe ich offensichtlich keine so starke Seite an der Nase, wie man sie braucht, um sie mit dem Mund verbinden zu können, wie wenn Worte und Wut bei einem ganzen Menschen Zusammengehen. Wenn meine Frau recht hat, dann ist es keinem außer den modernen Frauen gegeben, wahre Worte und Wut miteinander zu verbinden und die starke Seite der Nase alles bestimmen zu lassen, was wir uns vornehmen.
21/11
Heute, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, legte ich mich auf ihn und roch den Duft von dem, was wir getan hatten. Hinterher hatte er die Arme ausgestreckt, wie er es häufig macht, und man könnte meinen, auf diese Weise empfinge er staunend und befriedigt den Himmel. Ich legte beide Arme auf die seinen, und wir spreizten die aufeinandergelegten Handflächen; wir sind etwa gleich groß, und unser Körperbau ist nicht unähnlich, so daß wir im wörtlichen Sinne zusammenpassen. Als ich mein Gesicht langsam in seinem Hals vergrub, spürte ich die Wärme und den Duft des Wohlgefühls, der beim Lieben entsteht, der liebliche Wohlgeruch der Liebe selbst. Sein Fleisch war überall, sowohl konkret als abstrakt. So lagen wir lange, wie Wesen, die bereitwillig und aus freien Stücken aufeinandergenagelt worden waren, um an einem gemeinsamen Kreuz sterben zu können. Ich lag wie im Traum da und nahm wahr, wie unsere Körper langsam zusammenflossen, so wie ein Regenwurm langsam in die feuchte Erde kriecht, ich spürte, wie Fleisch in anderes Fleisch hineinwuchs, und wir klebten zusammen durch den einen Leim, der alles leimen kann und nun außerhalb unserer Körper war, der zuvor jedoch innerhalb gewesen war. In dieser Stellung zeigt sich in gewisser Weise jenes Gefühl und Verlangen, daß wir ineinander sterben wollten.
Dann dachte ich auf einmal:
Nein, das ist nur Wunschdenken.
Auf diese Weise aufeinander gekreuzigt, schlummerten wir, oder vielleicht habe ich das nur geträumt. Ich glaube, daß die Träume der Menschen eine Erkundung der Leere der Tiefe sein müssen, daß der Traum auf Umwegen durch das Labyrinth der einen Gewißheit gehen muß, welche das vergängliche Dasein des Körpers ist. Nur er existiert mit Sicherheit, solange wir unser Leben fristen, und in diesem Moment habe ich kein anderes Bekenntnis als dieses:
Falls mich irgend jemand mit schönen Worten aufforderte, vom Kreuz herabzusteigen und wieder in die Gesellschaft anderer Menschen einzutreten, damit niemals ein Speer in mein gepeinigtes Fleisch und in meinen Unterleib gesteckt wird und kein Blut oder Wasser dort herausrinnt zum Zeichen der inneren Flut, und mir wäre das Himmelreich verheißen mit unzähligen Wohnstätten, Sicherheit bei meinem Vater und immerwährende Mahlzeiten in seinem Haus, und ich dürfte in alle Ewigkeit unter dem liebevollen Schutzmantel meiner Mutter wohnen und auf diese Weise im Schoße der heiligen Familie enden, so würde ich eher wählen, gekreuzigt an meinem Freund zu hängen, auch wenn die Welt das für eine Todsünde hielte und mich steinigte und verstieße, weil ich lieber in seinen Staub hineinsterben wollte, als das Leben in Versöhnung mit dem zu leben, was ich vor ungefähr fünfzehn Jahren heiratete und womit ich das erste Kind vor fünfundzwanzig Jahren hatte, als etwa Zwanzigjähriger.
1/12
Heute behauptete er, daß er nie etwas vor seiner Frau verheimliche, außer das mit uns. Das sagte er mir am Telefon, als er allein zu Hause mit Grippe dalag und mir mitteilte, daß er nicht kommen könne.
Außerdem habe ich Herpes, sagte er zu seiner Entschuldigung.
Als er sagte, daß er nicht kommen könne, und ich ihm verraten hatte, daß ich mich danach sehnte, krank bei ihm zu liegen, spürte ich zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß es mir in verschiedener Hinsicht besser gefiel, mit ihm in Gedanken zusammen zu sein als in Wirklichkeit. Zu begehren ist oft besser als das andere – zu bekommen.
Es verschafft einem Befriedigung und Wohlbefinden, allein zu sein und auf den zu warten, den man liebt, aber von dem man weiß, daß er nicht kommt. Als ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Ergebnis, daß das daher kommt, daß der, der abwesend ist, in Wirklichkeit stets nach unserem Willen bei uns ist, doch mit seiner Anwesenheit stößt er sich an dem meisten in unserem Verhalten, und am Ende verscheucht er sich ein für alle Mal selbst durch seine ständige Nähe.
Und was ist dann das, was kam?
Wenn jemand an einem bestimmten Mann oder einer Frau festklebt, dringt so wenig Phantasie in sein tägliches Leben, daß das, was vorher besonders und begehrenswert war, alltäglich wird, die Nähe vertreibt die Sehnsucht, und bei uns sitzt jemand, der nur in seiner egoistischen Gestalt einen Willen hat, der sich einem aufdrängt und das beste in den Gefühlen ausrottet. Wenn also die Nähe des Geliebten den Liebenden seiner Phantasie beraubt, dann werden langersehnte Begegnungen zu heftigen, aber toten Vorgängen, und dann entsteht das Bedürfnis, ihnen zu entkommen. Dann möchte man am liebsten Haus und Kindern entfliehen und in die Freiheit entkommen, die destruktiv ist, weil man nicht gewohnt ist, ungebunden zu sein, und weder von der Freiheit noch von der Freude eine Ahnung hat.
Statt Enttäuschung überkam mich eine eigenartigere und größere Ruhe, als ich sie bisher erfahren hatte. Doch der Friede hat auch eine quälende Seite, nämlich das Gefühl von Leere. Nichts ist frei von seinen Gegensätzen, außer dem Orgasmus, und daher ist er die vollkommene Einsamkeit und nur sie selbst, in dem kurzen Augenblick, der ihn zunichte macht.
Ich verließ das Arbeitszimmer und war ein guter Ehemann und Vater. Am Abend sagte die Frau, daß ich manchmal so zärtlich sein könne, daß sie für mich sterben könnte.
Läge es nicht näher, zu behaupten, Liebste, daß wir in der letzten Zeit unsere Ehe ein bißchen wie eine Lotterie betrieben haben? fragte ich.
Doch, freilich, gab sie zögernd zu und begriff nicht ganz, worauf ich hinauswollte, doch sie hatte sich bald wieder gefaßt und sagte fröhlich:
Dann habe ich heute abend wohl den Hauptgewinn gezogen?
Als ich sie das sagen hörte und wußte, wie sie sich selbst täuschte und ich sie, wurde ich bedrückt von ihrer Einfalt und von dem, worauf ich mich eingelassen hatte, und wollte sie über die Wahrheit aufklären. Doch am traurigsten wurde ich wegen mir selbst, daß ich sie nicht mehr liebte, und ich wünschte mir zutiefst, sie zu lieben, nur weil ich sie nicht liebte. Eine Zeitlang glaubte ich, sicher zu sein, daß eine solche Liebe im Wesen des Menschen existieren müßte, aufrichtige Liebe, die aus dem Fehlen von Liebe entsprungen wäre, aber als ich daran dachte, daß sie im Alltag ihren Anteil bekam, selbst wenn er nicht aus Liebe gegeben wäre, und sie damit zufrieden war, wandte sich mein Denken von dieser Geringfügigkeit ab, die nur das Gewissen betrifft. Ich wurde müde und ging schlafen wie sie; ohne Zweifel schnarchten wir vereint wie wahre christliche Eheleute, doch jeder ganz für sich, während wir im Schlaf einander den Rücken zukehrten.
9/12
Irgendwie bin ich durchsäuert von Qual und will mich von dem Genuß der Qualen befreien. Ich gehe nicht aus dem Haus, aus Furcht, er könnte anrufen, gerade wenn ich weggegangen bin, oder ins Zimmer kommen und mich nicht dort antreffen. Vielleicht will ich in der Arrestzelle der Liebe sitzen. Obwohl ich weiß, daß er aus Gründen der Vorsicht nur ab und zu anruft, läutet jedesmal, wenn ich kurz weggehe, in meiner Vorstellung unablässig das Telefon, und er sagt, obwohl niemand den Hörer abnimmt und antwortet, daß er jetzt vorbeischauen könne, aber da bin ich natürlich nicht da.
Er ist überall in meinem Leben, doch ich habe Angst, daß ich ihn nicht festhalten kann, so daß es am besten wäre, sich von allem zu befreien und es zugleich zu bekommen, indem ich sterbe. Der Tod ist gewiß, aber dennoch keine Lösung, das weiß ich, denn wenn der Körper stirbt, wird er weder gequält noch von der Qual befreit. Er ist nichts, vom Aspekt des menschlichen Bewußtseins her betrachtet. Nichtsdestoweniger denke ich mir den Tod traditionell als Erlösung von allem Übel. Immer wieder schließe ich mich diesem alten Glauben an und schwöre ihm genauso schnell wieder ab. In Gedanken schleiche ich den langen Tunnel des Selbstmordes entlang, und dabei fährt die Qual hoch, vor Freude über das Unausgesprochene, mit dem ich lebe und das keiner kennt außer vielleicht in geringem Maße ich, und hoffentlich die Qual selbst, da bei uns beiden, ihr und mir, eher das Unbewußte als das volle Bewußtsein bestimmt. Manchmal kommt es mir vor, als würden wir einander im Traum begegnen, in einer Verkleidung aus Gefühlen, die sich außerhalb von uns befinden, weit weg von uns selbst. Ich lege mich schlafen und beginne sofort, Träume im tiefen Meer zu fischen, und ich weiß nicht, ob mein Gefährte seine Gedanken in der gleichen Weise darauf richtet wie ich, doch wir scheinen uns bei einer Huldigung, Anbetung oder in einem Tempel, an einer heiligen Stätte zu begegnen, im düstersten Winkel des Übernatürlichen. Eine solche Erfahrung scheint von der Art zu sein, daß oberhalb der Erde niemand sie sich ganz zunutze machen kann, sondern nur in einer dunklen Erdbehausung tief im Unterirdischen, wo im Garten der Dunkelheit zarte Gewächse aus Schatten gedeihen. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, daß Menschen, die sich in die Gewalt einer solchen Liebe begeben, ein größeres Bedürfnis nach Selbstmord haben als andere. Sie nehmen sich das irdische Leben, um hinunter in ihr eigentliches Reich zu kommen, welches unter den Wurzeln des Lebens und der Vegetation wartet. Oder ist das Wesen des Selbstmords, wo auch immer im Schöpfungswerk er begangen wird, einer Liebe entsprungen, die sich in allem verbirgt, was sich bewegt, ob in einem selbst, in den Ideen der Menschheit oder der Botschaft der Religionen von ewigem Leben und Harmonie in der Liebe, die nach dem Tod von einer einzigen Art ist, und weshalb man ruhig fragen darf:
Findet sich die Liebe nur in der Liebe selbst wieder, die sich selbst verzehrt, und war sie ursprünglich eingeschlechtlich, auf dieselbe Art und Weise, wie das Leben aus einer einzigen Zelle entstand, die sich in alles Lebendige aufspaltete, das seither stets auf der Suche nach seinem Ursprung ist, indem es sich tötet?
Wir treffen uns und sind oft zusammen in einem Körper, ohne es im Geiste zu sein. Doch es kann sein, daß das Geistige etwas Körperliches ist und wir es bloß noch nicht kennen. Wir kennen einander nur auf diesem einen Gebiet, das ein kleiner Teil ist und nicht verwandt mit den anderen Teilen unseres täglichen Lebens und unserer Handlungen. Deshalb warte ich gespannt auf diesen Lichtblick in meinem Leben, wie nach Art des Jägers oder des neugierigen Menschen, der erwartungsvoll an der Tür zu dem wenig Gekannten in seinem Charakter lauscht und fragt: Begnügt man sich damit, mit einem anderen im Körperlichen verbunden zu sein, wenn dieses für sich allein steht? Kann uns die Berührung langfristig genügen, oder daß wir uns herumwälzen und ein Säugling sind, ohne Sprache oder andere Ausdrucksmöglichkeiten als die, welche im Betasten des Fleisches bestehen, obwohl wir wissen, daß es uns aus der heißen Leidenschaft des Schoßes in die Kälte der Menschen und die Kälte der Umgebung gebären muß?
Das meiste oder alles, was ich über meinen Gefährten weiß, ist etwas, das ich mir eingebildet oder zurechtgelegt habe. Vielleicht ist diese Art des Umgangs mit anderen am besten: schweigende körperliche Nähe zum eigenen Phantasiegebilde. Wir lernen uns vor allem kennen, wenn er anruft und ziemlich offenherzig spricht, da wir uns nicht in die Augen schauen, und das macht uns mutiger, während seine Frau gerade zum Kiosk gegangen ist oder hinunter in die Waschküche. Aus irgendeinem Grund glaube ich, daß sie dort viel öfter nur in seinen Worten ist als tatsächlich bei der Waschmaschine und am Trockner. Es ist mir schon in den Sinn gekommen, daß er nur eine imaginäre Frau hat, die er benutzt, um sich meiner oder einer denkbaren Aufdringlichkeit meinerseits zu wehren. Auf diese Weise könnte die Frau sein Phantasiegebilde sein, ähnlich wie er in meinen Tagträumen vorkommt. Nichts davon weiß ich mit Sicherheit. Vielleicht denkt er dasselbe von mir, daß Frau und Kinder Phantasiegebilde sind oder ein Mittel, um mich zu wehren, falls es ihm einfallen sollte, aufdringlich zu werden, weil er meine Schwäche spürt, harte Bedingungen zu stellen, Geld von mir zu verlangen oder ständig auf Bekanntschaft oder Freundschaft zu borgen oder etwas in der Art, wie Männer es bei anderen Männern anstellen, dann aber ganz andere Methoden anwenden, um Frauen ins Bett zu kriegen.
Nun, da er eine Weile nicht mehr zur See fährt und angefangen hat, an Land zu arbeiten – um mal etwas Neues zu probieren –, und wir eigentlich mehr und bessere Gelegenheiten haben müßten, um uns zu treffen, kommt er auf einmal mit Ausflüchten, und unser Kontakt verlagert sich auf das Telefon. Die Frau schickt ihn ständig hierhin und dorthin, er bezahlt andauernd Rechnungen, kümmert sich um seine Schwiegermutter, erledigt Sachen für die Kinder, oder es geschieht plötzlich etwas Unvorhergesehenes, der Lack am Auto hat einen Kratzer, so daß er mich nicht treffen kann. Obwohl er so beschäftigt ist, kann er aus irgendeinem Grund stundenlang am Telefon hängen, und er kommt mit der Erklärung an, daß die Frau kurz zum Kiosk oder hinunter in die Abstellkammer gegangen ist, so daß er mir in der Zwischenzeit unanständiges Zeug sagen kann. Es ist, als ob diese langen Gespräche voller Intimität keine Auswirkungen auf seine Telefonrechnung hätten.
Das nächste Mal kommst du damit an, daß du die Telefonrechnung bezahlen mußt und deshalb nicht kommen kannst, sage ich.
Mach dir keine Sorgen, antwortet er, um keine Ausrede verlegen. Ich lasse sie über die Visakarte abbuchen.
Ich weiß nicht immer, von wo aus er anruft, manchmal scheint er zu Besuch bei seiner tauben Tante oder Mutter zu sein (vielleicht liegt die Taubheit bei ihm in der Familie), sie sind schon in Rente, wohnen allein in ihren Häusern und haben deshalb einen kostenlosen Anschluß, den er benutzt, während seine Frau gerade im Keller ist und für die beiden wäscht. Einmal fragte ich ihn, wozu taube Mütter ein Telefon bräuchten.
Das gibt einem Sicherheit, antwortete er. Mama kann anrufen, falls jemand etwas für sie erledigen soll.
Aber sie kann nicht hören, wenn es läutet, sagte ich.
Nein, sagte er. Um so besser für sie. Das Telefon kann manchmal eine Plage sein, und dann ist es gut, wenn man taub ist.
In unserer Telefonbeziehung sind die Gespräche eher körperliche Nähe in Worten als Unterhaltungen im herkömmlichen Sinne, ohne daß er deshalb mein Vertrauter würde, obwohl ich ihn durch mein Verhalten in seiner Aufrichtigkeit bestärke und sein Vertrauen zu gewinnen suche und hoffe, daß er ein bißchen von sich selbst erzählt. Ich versuche, es aus ihm herauszulocken, indem ich mich anstrenge, ihn davon zu überzeugen, daß er mein einziger Vertrauter sei. Deshalb werden die Gespräche zu ständigen Ausflüchten, die sich bei ihm dadurch zeigen, daß er ausweicht und versucht, Verwirrung zu stiften, falls etwas einmal in aller Aufrichtigkeit gesagt worden ist, von dem er nicht will, daß es sich herumspricht. Ich lasse mich dennoch nicht irre machen, noch nicht. Ich habe ihm vorgeschlagen, daß es, wenn es ihm Schwierigkeiten bereite, mich zu treffen oder er es nicht könne, am besten sei, unsere Bekanntschaft in reine Freundschaft umzuwandeln. Doch das will er nicht.
Manchmal brauche ich ein Treffen mit dir, wenn mir gerade danach ist, und man kann nie wissen, wann das ist, sagt er und faßt zögernd mit Daumen und Zeigefinger an einen Nasenflügel, wie wenn er hin und her gerissen wäre und glaubt, er müßte zu mir, der so viel weiß, obwohl ich vielleicht keine Ahnung von praktischen Dingen habe, eigentlich etwas anderes sagen.
Ich spüre einen prophetischen Geist, von dem ich glaube, daß er etwas mit Mystik zu tun hat, und er redet mir ein, sein Bedürfnis nach mir würde über dem Körper und dessen höheren Bedürfnissen stehen.
Auf Grund des Telefonkontaktes wünsche ich mir nun, daß er keine feste Arbeit an Land bekommt und nicht immer wieder etwas anderes machen kann, so daß er einfach dazu gezwungen wäre, wieder zur See zu fahren, wo er sich mit der salzigen Kraft auflädt, die er mit an Land bringt und brüderlich zwischen seiner Frau und mir teilt. Und auf dem Weg zwischen uns beiden würde er sich mit neuer Kraft aufladen. So wird alles aufs neue rein und klar, die Konturen werden deutlicher, die Treffen werden seltener, aber um so intensiver. Die Beziehung teilt sich in bestimmte Perioden von Nähe und Distanz auf, die wir nicht selbst organisieren, sondern die zufälligen Fahrtrouten von Sjoskip h.f. zwischen Island und dem europäischen Festland und einzelne Male nach Amerika und sogar Afrika.
Ich bin kein gläubiger Mensch im üblichen Sinn, da ich auch kein Heuchler bin, aber es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte zu Gott gebetet, er möge Sjoskip h.f. nicht bankrott gehen lassen, damit die Fahrtrouten der Schiffe und seine Besuche bei mir nicht in Mitleidenschaft gezogen würden.
Je länger er an Land arbeitet und alle möglichen Gelegenheitsjobs annimmt, desto mehr sehne ich mich nach Abwesenheit, Trauer und danach, das Aufprallen der Nähe zu spüren, die anhält, während wir Befriedigung suchen, und dann verwandelt sich die Nähe langsam aufs neue in Distanz, wie wenn Meer und Land sich bei Flut begegnen und bei Ebbe wieder voneinander entfernen, ohne daß Erde und Meer jemals völlig voneinander geschieden werden; auf diese Weise bekäme ich Ruhe vor der Suche nach dem, was man zum Glück nie ganz bekommt, für dieses Mal ist es vorbei, doch es kommt wieder.
Plötzlich sagte er:
Am Donnerstag kann ich nicht wieder vorbeikommen.
Ich lag mit dem Rücken gegen seinen linken Arm, den er nicht um mich gelegt hatte, da sein Körper neutral geworden war.
Der Körper eines gewöhnlichen Mannes, der nicht viel von Liebe versteht, aber um so mehr Bedarf an ihren Wirkungen hat, kann sich quälend weit entfernen oder neutral werden, geschlechtslos möchte ich fast sagen, und einem leeren Sack gleichen, nachdem er Verkehr mit einem anderen Körper gehabt hat.
Ich bin total fertig, sagt er, und es überkommt ihn das, was ich bei einem Kind, das gerade der Brust entwöhnt ist, den Wiegezustand nenne.
Ich habe diesen Zustand der Betäubung beim Schlafen mit Frauen empfunden, wie ich dadurch, daß ich mich hinterher selbst spürte und wiedergewann, dem Geist abspenstig wurde, der mich in ihnen zunichte gemacht hat. Es ist für mich normal, in der Liebe alles zu geben, und das schätzen die Frauen, doch sie begreifen nicht, daß der, der während des Akts alles gibt, was er hat, hinterher nichts mehr besitzt. Ich habe sie in die Unterwelt des Mannes gebracht und gleichzeitig in die höhere Welt der Frau, und wenn der Zusammenfall dieser beiden Welten geschehen ist und ich genug bekommen und gegeben habe, dann müssen sie festen Halt in der Verpflichtung gegenüber sich selbst suchen. Das verstehen sie nicht und wollen deshalb das Zwielichtgefühl und das Vergessen genießen oder Sicherheit haben und sogar eine Ehe eingehen. Doch ein Mann geht nicht mit einer Frau ins Bett, um zu heiraten, sondern er will den Mann in sich loswerden. Einmal sagte eine Frau zu mir, und das ziemlich herablassend, weil ich ihr weder ewige Liebe noch lebenslange Treue schenken wollte:
Willst du nicht einfach nur deinen Nuckel kriegen und Heia machen, wenn du brav in Mamas Topf gemacht hast?
Ich war jung und begriff den Sarkasmus nicht, doch sie erklärte mir die Natur der Sache, da sie glaubte, viel Erfahrung mit Männern zu haben und haargenau zu wissen, wie sie gestrickt waren.
Mit dem Körper der Frau ist das anders. Mit ihm kommt man oft nach dem Geschlechtsverkehr in besseren Kontakt als währenddessen. Nach dem Geschlechtsverkehr kann ein befriedigter Mann unterwürfig und sanft wie ein Hund sein, oder vielmehr still und gehorsam, es überkommt ihn himmlische Ruhe, doch die Frau wird selbstsicher und befehlend und geht sich waschen; ohne Zweifel kann sie triumphieren, weil sie einen Orgasmus bekommen hat, doch die Tatsache, daß sie einen anderen befriedigt hat, betrachtet sie als lächerliches Opfer ihrerseits, und sie muß schnell die Opfergabe abwaschen.
Der Körper meines Gefährten wurde nicht ganz wie ein Kartoffelsack, in den eine Frau nach ein paar Kartoffeln für den Kochtopf gegriffen hat und der danach wieder von selbst in die Speisekammer zurückkriecht, sondern er war auf der Hut vor meiner Nähe, und ich spürte, daß er auf etwas in meinem Charakter horchte, was bei mir ein schlechtes Gefühl bewirkt. Ich glaube, daß er denkt: »Ich will, daß dieser verheiratete Typ mir so hörig wird wie ein schwarzes, schleimiges und krötiges Schwulenaas.«
Obwohl ich mich darauf verstehe, ihn zu ersehnen, weiß ich, daß ich, wenn es darauf ankäme, nicht wüßte, was ich tun soll, wenn er mein wäre. Ich weiß, daß er mit dem Wunsch und seiner Erfüllung, die nie lange währen darf, verwandt ist. Aus Erfahrung müßte er wissen, daß ich nicht will, daß er länger bei mir bleibt. Andernfalls müßte er mehr auf dem Herzen haben als das, was im Blut liegt, etwas, das erwähnenswert ist und mit seiner Arbeit zu tun hat oder was er bei seinen üblichen Aktivitäten erlebt hat. Wenn er mit dem Herz allein und dem Kreislauf des Körpers kommt, genügt es, wenn er bleibt, solange wir einander zur Ader lassen. Dann muß er gehen. Er ist dennoch nicht der typische Mann, der kurz zu Besuch kommt, in einem Redeschwall das bißchen, was er dabei hat, eilig aus sich hervorpreßt und dann eine Plage wird, wenn er wiederkommt. So ist der Einweggast. Die meisten sind sich darüber im klaren, daß sie kaum länger als anderthalb Besuche halten, und trauen sich keine weiteren zu, deshalb hängen sie jeden Abend daheim vor dem Fernseher herum. Dadurch ist selbst langweiligen und beschränkten Leuten ihre Begrenztheit klargeworden, und sie wissen, daß sie nichts anderes verdient haben, als auf den Bildschirm zu glotzen. Doch weil mein Gefährte sparsam mit Worten umgeht und selten kommt, hält die Erwartung bei mir an, und hoffentlich bin ich für ihn ebenfalls ein kleines Abenteuer in einem eintönigen Leben, in dem dies fast die einzige Abwechslung ist.
Findest du das Leben hier nicht lahm und langweilig genug, um mit unserem Vergnügen hier weiter zu machen? fragte er einmal, nachdem ich gewollt hatte, daß seinetwegen Schluß damit wäre.
Wir treffen uns, weil ich keine Lust habe, mir noch mehr Schundromane und Krimis reinzuziehen, sagte er.
Die Erfahrung wird noch zeigen, wozu unser Abenteuer sich verwandelt, wenn es zu einem alltäglichen Ereignis wird.
Natürlich wird es unerträglich und ein endloses Gerangel mit der normalen Realität!
Ich drehte mich um, um mich dicht an ihn zu legen und den warmen Geruch seines Körpers zu finden, einen Geruch, der mich jedesmal, wenn ich das mit ihm mache, mit Helligkeit umgibt, und sich der Duft von einem müden, aber gesunden Körper wie Ruhe über mir ausbreitet.
Als ich eine Zeitlang so gelegen hatte, sah ich in sein Gesicht und fragte ihn:
Warum kannst du nicht am Donnerstag kommen; du brauchst wohl kaum zwei Tage, um neue Kräfte zu sammeln?
Ich darf die Frau nicht so vernachlässigen, antwortete er. Das ist nur gut, wenn man es im Wechsel betreibt.
Er lächelte geistesabwesend ein Lächeln, das weder entschuldigend war noch mit Schuldgefühl gemischt. Ich habe nie etwas in seinem Wesen bemerkt, das dem geglichen hätte. Nichts in ihm schien von Reue zu zeugen. Da gibt es auch keine Leidenschaft, nichts, was auf Schmerz oder Leidenschaftlichkeit deutet. Er kommt nur, um das zu kriegen, was er will, wenn der Trieb sich bemerkbar macht und er sich abreagieren kann, ohne Umschweife und aus freiem Willen, in unterschiedlicher Form, fleischlich oder abstrakt, ohne daß jemand davon etwas weiß. Ich sagte zu ihm und versuchte dabei weder Großzügigkeit noch Verständnis zu zeigen:
Wir können damit Schluß machen, wenn du willst.
Nein, sagte er.
Warum nicht? fragte ich und hoffte, er würde eine Andeutung machen, daß ich ihm etwas bedeutete, doch er sagte gleichgültig:
Ich weiß es genausowenig wie du.
In der Leere war nichts, das erkennen ließ, weshalb er sich nicht entschloß, damit Schluß zu machen und sich an die Frau zu halten. Noch weniger schien es mit Liebe zu tun zu haben, wenn er weitermachte. Obwohl ich das Gefühl habe, noch nie von einem lebenden menschlichen Wesen auf eine vergleichbar geheimnisvolle und bedingungslose Weise geliebt worden zu sein, weder von meinen Eltern, Geschwistern, meiner Frau, meinen Söhnen noch von meiner jüngsten Tochter, die noch daheim wohnt und noch nicht von der Welt verdorben ist, doch vielleicht um so mehr durch mich.
Wahrscheinlich ist das Gefühl nur etwas, das ich mir wünsche, doch egal, ob es sich so verhält, ob Wirklichkeit, Einbildung, Lüge oder Wahrheit, es führt mich in lieblichere Gefilde, als etwas anderes es jemals, so weit mein Gedächtnis in die Vergangenheit zurückreicht, getan hat.
Bei diesem Gedanken versenkte ich mein Gesicht in die Neutralität, die von seinem Körper ausströmt, und mich befiel die Vorstellung, ich hätte den Rausch des Gedichtes empfunden, das ich nie verfassen würde, weil ich dessen Motiv nicht aus meinem Geist entkommen lassen wollte. Ein solches Licht im Geist ist besser als jenes, das eine Lampe verstrahlt, und es erleuchtet viel mehr Bereiche als ein anderer Lichtschein. Ich fand es eigenartig, aber natürlich, zu glauben, daß ein Gedicht aufhört, ein Lichtschein zu sein, sobald man es verfaßt hat. Diesen Verdacht hegte ich oder entschied so, während ich mein Gesicht in seinem Duft verbarg, obwohl ich nie andere Gedichte lese als die in den Lesebüchern, die ich unterrichten muß.
Auf einmal fragte ich in Fortsetzung dieses unerwarteten Gedankens, der mir gekommen war:
Magst du Gedichte?
Dadurch schien er aus seiner Ruhe zu erwachen und machte große Augen. Dann sagte er:
Nein, wieso?
Nichts, antwortete ich. Dann sind wir uns in einer Sache gleich.
Das glaube ich nicht, sagte er zögernd. Ich bin anders als du.
Worin?
Ich würde nie deine Hemden tragen, sagte er in sachlichem Ton.
Warum nicht?
Die Frau würde mir nie solche Hemden kaufen.
Ich suche sie nicht selbst aus, sagte ich, teils um ihn nachzuahmen, teils um mich über ihn lustig zu machen. Meine Frau kauft alles für mich; auch die Socken. Willst du sie sehen?
Nein, antwortete er. Ich habe genug davon auf dem Fußboden gesehen.
Und die Hemden?
Das kann keine besondere Hausfrau sein, die solche Hemden für ihren Mann aussucht, sagte er und versuchte, noch überzeugender zu wirken.
Warum nicht? fragte ich, und es machte mir immer mehr Spaß, seine Reaktionen anzuhören.
Solche Hemden sind, mit einem Wort gesagt, idiotisch, sagte er erregt. Im übrigen kümmern mich deine Hemden überhaupt nicht. Glaubst du etwa, ich hätte nicht gemerkt, daß du sie jedesmal ausgezogen hast, wenn ich komme, und dich schämst, dich einem darin zu zeigen, und sie nie anziehst, bevor ich gegangen bin?
Ich war kurz davor, loszulachen, doch ich unterdrückte mein Gelächter aus Furcht, es könnte ihn verletzen, daß ich Ansichten lustig fand, die in heiligem Zorn vorgebracht wurden. Was konnte so schlimm an Hemden sein, die völlig normal und meistens blaßblau gestreift waren? Seine Hemden waren dagegen uni, entweder grün oder braun. Vielleicht sind das die einzig richtigen Farben für Männerhemden. Ich fragte, um die Sache klarzustellen:
Wie müssen richtige Hemden sein?
Natürlich uni bei Männern, antwortete er, verwundert darüber, daß ich das nicht wußte. Die Frau möchte, daß ich diese Sorte unter dem Jackett anhabe.
Seine Erregtheit machte mich nervös, und ich schwieg.
Keinem vernünftigen Mann kommt es in den Sinn, in einem gestreiften Hemd zu einer Beerdigung, einem Leichenschmaus oder zu einer Konfirmationsfeier zu gehen, fügte er hinzu.
Auf gestreiften Hemden sieht man die Flecken nicht so sehr, und verheiratete Männer wissen, daß es für ihre Frauen ziemlich wichtig ist, daß Farbe und Stoff von Männerkleidung den Schmutz gut abweisen, sagte ich zu meiner Verteidigung und zum Schutz der Hemden.
Wieso das denn? fragte er wütend und warf mir einen finsteren Blick zu, während er sich an den Nasenflügel faßte.
Wenn man eine Karamelkartoffel verliert oder sich einen Kaffeefleck macht, dann sieht man es auf dem Stoff nicht so; man kann in demselben gestreiften Hemd zu fünf Feiern gehen, ohne es zu waschen, sagte ich.
So einen Schwachsinn höre ich mir nicht an; welche Soße sieht man auf einem dunkelbraunen Hemd, und habt ihr denn keine Waschmaschine? fragte er, sprang auf und ging.
Heute rief er an, und ich konnte ihm anhören, daß er unbedingt kommen wollte, doch mit einem Mal ritt mich ganz unerwartet der Teufel, und ich sagte, daß ich aus dem Haus gehen müsse, obwohl es nicht wahr war. Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen oder glaubte, wenn ich ihm nicht erlaubte, mich zu besuchen, wenn er das Bedürfnis hatte, würde ich ihn ein für allemal verlieren. Er begann die Worte zu zerdehnen, wie er es macht, wenn er seinen Willen haben muß, und sie wurden in seinem Mund zu kleinen Kartoffeln, die langsam mit einer Gabel zerdrückt werden, deren kleine Zinken sie kaum bewältigen; trotz des Zögerns oder gerade deshalb liegen Vorwurf und Frechheit im Ton seiner Stimme, die am Ende mein besseres Wissen und meine Zweifel besiegt; seine simple und heftige Gewißheit bricht meinen Widerstand, obwohl sie keine Überzeugung ist, sondern natürliche Gier, ähnlich dem Verlangen nach Essen, wenn man Hunger bekommt. Ich genieße es, meinen Intellekt zu beugen, während er die Wörter zerquetscht, vielleicht, weil ich ein Neuintellektueller bin. Das bedeutet, daß es in meiner Familie keine Tradition für höhere Denkungsart gibt, und ich habe den Verdacht, daß ich mich an meinem Verstand dafür räche, daß er nicht an jemand anderen gegangen ist, der ihn eher verdient hätte. In gewisser Weise verachte ich ihn und behandle ihn schlecht im Umgang mit meinem Gefährten, der wie die Faust aufs Auge des Ursprungs paßt, den ich betrogen habe und dem ich auf dem Weg der Bildung entkommen bin, ich habe mir einen Ort in der Gesellschaft gesucht, an dem ich mich in meinem Herzen nicht zu Hause fühle und wohin ich durch die Frau und die Hilfe ihrer Verwandten gekommen bin.
Aaaaah, sagt er langsam, wenn er glaubt, daß er nicht bekommt, was er verlangt.
Er zieht die Wörter in die Länge, um mir genügend Gelegenheit zu geben, meine Meinung zu ändern, ohne mich zu schämen.
Dieses Mal änderte ich meine Meinung nicht, denn irgendein Teufel war in mich gefahren, selbst wenn er an diesem Nachmittag die Worte dreimal zerdehnte, ohne Zweifel fassungslos darüber, daß es ihm nicht gelang, sich langsam, aber sicher einen Weg durch meine solide Verteidigung zu bahnen. Doch plötzlich hatte er das Interesse verloren und sagte kurzangebunden:
Tja.
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als ich Lust hatte, nachzugeben und zu sagen: »Also gut, dann komm, du Kerl«, und dann würde ich zu hören bekommen, wie gerührt er wäre, daß ich ihn als Freund nie enttäuschte, wenn es so um ihn und sein Verlangen stand. Doch er legte schweigend auf, und wahrscheinlich trieb mich das schlechte Gewissen dazu, das aufzuschreiben, was hier geschrieben steht. Auf diese Weise kann ich mit ihm den Worten nach zusammensein und mich mit ihm versöhnen, denn ich kann die Ereignisse und ihre Natur analysieren, wenn ich mit meinem Intellekt allein bin, doch ich werde verwirrt und wehrlos, wenn ich mit den lästigen und primitiven Trieben meines Gefährten konfrontiert werde.
Als ich anfing zu schreiben, wurde es sofort besser, mit ihm in Worten zusammenzusein als in Taten. Wörter geben einem nichts anderes als das, was man den Staub des Trommelwirbels nennen könnte. Sie verschaffen uns nicht die Trommel selbst, ihren Umfang, den Körper, und auch nicht die Hand, die auf das gespannte Fell schlägt, denn die Wörter sind Zeichen für das bißchen Etwas, an dem man sich erwärmt, wenn das, woraus sie entsprungen sind, fehlt. Sie erwärmen den Geist, doch sie sind kaum etwas anderes als Schmerzensgeld dafür, daß man die Sache und die Welt nicht in Händen hält. Zum Glück ist das nicht möglich. Wenn wir ohne Umschweife alles in die Hände bekämen, würde die Sprache in unserem Mund verlorengehen und wir würden statt dessen brüllen, unendlich langgezogen, und auf die gleiche Weise fluchen wie die Tiere, vor allem wie der Bulle.
Mit Worten ist das meiste zwar möglich, aber noch nicht erlangt.
Ich fuhr heim zu meiner Frau und sagte aufgeräumt und froh zu ihr:
Die Worte.
Die Worte und die Blume.
Und der Frühling.
Also, das ist ja unglaublich, daß du mal guter Laune bist, wenn du nach Hause kommst, sagte sie. Soll das eine Art Gedicht sein? Als Hausfrau und Gattin möchte ich aber trotzdem, daß du den Abfall für mich rausbringst.
Ich werde den Abfall rausbringen und sogar mich selbst für dich aus dem Weg räumen und in die Mülltonne werfen, sagte ich froh und brachte den Müllbeutel hinaus.
Mit einer mir sonderbar erscheinenden Freude schaute ich in den Garten, der gegenüber von unserem Wohnblock ist, und betrachtete die Sonne. Sie schien auf ein paar Plastikspielsachen, die ein Kind im Gras zurückgelassen hatte. Niemand war draußen. Ich sah keinen Menschen auf der Straße und sagte zu mir selbst:
Warum sind die Leute bei diesem schönen Wetter nicht draußen.
Ich setzte mich unter die Hauswand, um dem guten Wetter Solidarität zu zeigen, doch mir wurde schnell langweilig, und ich schlich wieder in das Arbeitszimmer, wie ein Dieb in der Nacht, und wartete dort voller Spannung, doch niemand rief an, und ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Es war warm drinnen, und ich nahm einen roten Buntstift aus der Bleistiftschachtel und zeichnete einen kleinen, runden, roten Fleck auf die Wand, nur um irgend etwas zu tun.
Danach glaubte ich, ich würde mir niemals darüber klarwerden wollen, wann ich mit ihm körperlich zusammen war und wann gedanklich. Das vermischt sich leicht, wie das meiste in der Erfahrung der Menschen, wenn die Zeit vergeht; denn ist nicht auch das Gefühl nur ein unsichtbares und sich ständig veränderndes Material, das man mit seinem Interesse berühren kann?
Aus diesem und auch anderen Gründen wuchs ständig das Verlangen, anzurufen und ihn zu bitten, zu kommen, damit er durch Präsenz und auf greifbare Weise real würde. Ich wollte nicht, daß er wie Rauch ist, der aus der Asche des zuvor flügge Gewesenen aufgestiegen war. Er durfte weder ein saurer noch ein süßer Wunsch sein, keine Schwäche, die in einem unaufhörlichen Monolog aus Worten erwachsen ist, nicht die Auferstehung der Neigungen, die ich geerbt, aber unterdrückt habe, nicht Rache für den Betrug an meiner Herkunft, nicht poetische Metapher in einem Tagebuch, sondern ein normaler Mann, mit festem Fleisch, dem das Alter zusetzt, um ihn zu Fall zu bringen, und der attraktive Vergänglichkeit ist. Ich sagte zu mir selbst:
Zum Glück bist du ein Mann, der nur etwas zum Anfassen zu bieten hat, an Gedanken habe ich von mir selbst genug.
Doch ich wußte, daß ich niemals anrufen durfte, egal, was in Fleisch und Kopf passierte, wie sehr ich mich auch danach sehnte, ihn bei sich daheim im Kreise der Familie den Hörer abnehmen zu lassen, so daß ich fragen könnte: »Wer ist dran?«, und er würde übellaunig, weil man ihn im trauten Schoße der Familie störte, antworten: »Ja, ich bin’s.« So würde ich mir Gewißheit über etwas verschaffen, zum Beispiel darüber, daß er an einem bestimmten Ort in der Welt wohnt, obwohl ich nicht weiß, wie die Straße heißt. Falls eine unbekannte Stimme antwortete, wäre ich genauso schlau wie vorher und würde nur sagen: »Entschuldigung, ich habe mich verwählt.«
Ich hatte versprochen, ihn nie zu grüßen, falls ich ihm zufällig auf der Straße oder bei einer öffentlichen Veranstaltung begegnete, ich habe das akzeptiert, indem ich mich selbst mit logischer Beweisführung fragte:
Ist Liebe nicht vielmehr die Fähigkeit, leichtfüßig in einem tiefen Schatten und in Unsicherheit herumzustreifen, als die Eigenart, sich unbedingt Klarheit über etwas verschaffen zu wollen oder ein Heer unter der Fahne der Gewißheit aufzustellen?
Und ich antwortete entsprechend dieser Logik:
In der Liebe verschafft man sich nie über irgend etwas Gewißheit. Kann meine Liebe also eine Ausnahme sein?
Nein, nein, antwortete ich und machte es mir im Schatten meines Gefährten bequem.
Die Grenzen, die den Begegnungen gesetzt waren, hatten ihre Vorzüge, die unüberbrückbare Kluft zwischen uns; da wir so eingeschlossen ineinander waren, war es für mich ungefährlich, ihm meine Privatangelegenheiten anzuvertrauen. Ohne Angst konnte ich ihm von mir selber und den chaotischen Zuständen erzählen, unter denen ich gelebt habe, ohne jemandem davon zu erzählen. Außerdem konnte ich ohne Gefahr bei der einen oder anderen Sache lügen, erfinden, so tun als ob, meiner Person etwas hinzufügen und zurechtbiegen, ganz wie es mir paßte oder es nach den jeweiligen Umständen am günstigsten war. Ich wußte, er war ebenso wie ich ein Gefangener seiner Taten und konnte bei keinem Menschen etwas ausplaudern, wie die Männer es tun, triumphierend über das Vertrauen, oder sagen, er hätte mich auf ähnliche Weise erobert wie eine Frau; das habe ich auch schon getan, um nachzuwürzen, wenn etwas nicht so gut gewesen war, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte, und es keine Gelegenheit gegeben hatte, an Ort und Stelle zu würzen. Falls er so etwas im Sinn gehabt hätte, dann hätte er sich damit zu erkennen gegeben, die Maske fallen lassen und bewiesen, daß er keineswegs besser ist. Deshalb war es jedesmal, wenn er kam und wir unserem Verlangen Genüge getan hatten, daß er gebeugt dasaß, wie ein Gefangener in der Zelle, und mir eine angemessene Zeit lang zuhörte.
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