Kitabı oku: «Die Erfindung der Rassen»

Yazı tipi:

Guido Barbujani

Die Erfindung der Rassen

Wissenschaft gegen Rassismus

Aus dem Italienischen von Edmund Jacoby


FÜR ALEXIS ASTRINAKIS, DEN GROSSEN GRIECHEN

INHALT

VORWORT ZUR DEUTSCHSPRACHIGEN AUSGABE

1. Kapitel GRENZZIEHUNGEN

Worin wir uns fragen, ob es Menschenrassen gibt und was sie sein sollen

2. Kapitel MENSCHENARTEN

Worin nachgewiesen wird, dass es nur eine einzige lebende menschliche Spezies gibt, wir aber Bekanntschaft mit verschiedenen ausgestorbenen Menschenarten machen

3. Kapitel VON DER SCHÖPFUNG ZUM HUMANGENOMPROJEKT

Worin wir im Schweinsgalopp durch die Geschichte der Evolutionsbiologie und Genetik eilen

4. Kapitel WOVON WIR REDEN, WENN WIR VON RASSEN REDEN

Worin wir überlegen, was eine Rasse sein soll

5. Kapitel MENSCHENKATALOGE

Worin wir feststellen, dass es nicht nur einen Katalog der Menschenrassen gibt, sondern viele, sogar sehr viele

6. Kapitel WAS UNS DIE GENE SAGEN

Worin festgestellt wird, dass es in den Genen keine Rassen gibt

7. Kapitel MODELLE

Worin von drei Theorien zur Evolution der Menschheit die Rede ist

8. Kapitel WAS DIE GENE UNS NOCH SAGEN

Worin endlich die DNA die Bühne betritt

9. Kapitel WARUM WIR UNS NUR ALS AFRIKANER BEZEICHNEN KÖNNEN

Worin wir uns davon überzeugen, dass Afrika kein Kontinent ist wie alle anderen, und alte Knochen dabei helfen, alte Vorurteile zu widerlegen

10. Kapitel EINER STAND SCHMIERE

Worin wir Zeugen mehrerer Versuche werden, die Rassenidee wiederzubeleben

11. Kapitel »ABER WENN DIE NEGER SO WÄREN WIE ICH, WÜRDE MAN SIE DOCH WEISSE NENNEN«

Worin wir uns mit dem gesunden Menschenverstand auseinandersetzen müssen

12. Kapitel WIR SIND ALLE VERWANDT UND ALLE VERSCHIEDEN

Worin wir uns für die nächsten Folgen verabreden

DANKSAGUNG

KLEINES GLOSSAR

VORWORT
ZUR DEUTSCHSPRACHIGEN AUSGABE

Als 2006 die erste Ausgabe dieses Buches herauskam, war das Humangenomprojekt gerade abgeschlossen – was mit großem Pomp gefeiert wurde: Pressekonferenz im Weißen Haus, eröffnet von Präsident Bill Clinton, der britische Premierminister Tony Blair über Satellit zugeschaltet, und die Botschafter des Vereinigten Königreichs, Japans, Deutschlands und Frankreichs in Fleisch und Blut zugegen. Nach dreizehn Jahren Arbeit und 2,7 Milliarden ausgegebenen US-Dollars hatte ein Konsortium von 2800 Wissenschaftlern es geschafft, zum ersten Mal ein Genom, das heißt, die gesamte DNA eines Menschen, auszulesen. Genau genommen kein komplettes Genom, sondern nur 92 %. Doch auch so war das ein so gewaltiger Schritt nach vorne, dass jemand in der ersten Begeisterung mit der Erfindung des Rads verglich. »Früher dachten wir, unser Schicksal stehe in den Sternen. Jetzt wissen wir, dass unser Schicksal zum großen Teil in den Genen liegt«, erklärte etwas übertrieben – wie er das manchmal macht – der Medizinnobelpreisträger James Watson. Doch gut. Jetzt lag der Text, in dem laut Watson das Schicksal geschrieben steht, offen vor aller Augen und war gelesen worden.

Kurz, als Die Erfindung der Rassen erschien, kannten wir nur ein einziges menschliches Genom, inkomplett und mit einer ganzen Reihe von Fehlern, die mit den Jahren korrigiert werden sollten. Vor allem war es aber nur ein einziges, doch erst, wenn wir viele Menschen miteinander vergleichen, können wir versuchen zu verstehen, welche DNA-Fehler Diabetes, Krebs, Bluthochdruck, Parkinson, Alzheimer und so weiter verursachen. In den zwölf Jahren seitdem hat es einen verblüffenden technischen Fortschritt gegeben. Heute gibt es mehrere Tausend ausgelesene (der Terminus technicus ist »sequenzierte«) Genome, und viele davon sind veröffentlicht, zugänglich für jeden, der sie für wissenschaftliche Zwecke nutzen möchte. Die Zahl der Fehler beim Auslesen ist sehr zurückgegangen, die Kosten noch stärker: Es geht nicht mehr um Milliarden, sondern um weniger als eintausend Euro, und es sind nicht Heerscharen von Wissenschaftlern dabei am Werk, sondern inzwischen genügt ein einziger Techniker; und wenn man ein paar Wochen auf die Resultate warten muss, liegt dies nicht an der enormen Zahl nötiger chemischer Reaktionen und bioinformatischer Analysen, sondern daran, dass die gewaltigen Maschinerien, die die DNA auslesen, rund um die Uhr ausgelastet sind, sodass man schon ein wenig Schlange stehen muss. Kaum jemand hat vorausgesehen, wie schnell es gelingen würde, diese astromischen Zahlen von Daten zu produzieren.

Diese Wissensexplosion hat die Wissenschaft, mit der ich mich beschäftige, die Genetik, verändert. Für mehr als ein Jahrhundert mussten sich die Genetiker mit ganz wenigen Daten begnügen und haben, angefangen mit Gregor Mendel, ausgeklügelte Methoden und Kalküle entwickelt, um überhaupt etwas zu verstehen. Und plötzlich finden wir uns inmitten einer Orgie von DNA-Sequenzen wieder und haben gar nicht die Zeit, sie gründlich zu untersuchen, weil jede Woche neue publik werden. Ich habe ausgerechnet, dass in einer einzigen Ausgabe der Zeitschrift Nature Genetics, der von März 2015, das isländische Team von Kári Stefánsson mehr genetische Daten publiziert hat als die Wissenschaftlergemeinde der ganzen Welt von Mendel bis zum Juni 2000. Das ist etwas über den Daumen gepeilt, doch wenn ich mich geirrt habe, dann nur um ein Weniges.

Heute versuchen wir Genetiker, uns in diesem Überfluss von Informationen zu orientieren, doch dieser ist auch ein Labyrinth, in dem wir hin- und hergerissen sind zwischen dem erregenden Gefühl, uns in einer Ausnahmesituation zu befinden (wegen der neuen Fragen, auf die wir versuchen können, Antworten zu geben), und einem Gefühl der Übersättigung (weil wir nicht die Zeit haben, alles Neue zu verdauen). Es ist noch zu früh, eine Bilanz zu ziehen. Ich würde aber sagen, dass einerseits Watsons Voraussagen sich nicht bewahrheitet haben: Heute kennen wir zwar seine gesamte DNA (ja, Watsons Genom, das 2008 sequenziert worden ist), doch wir sind nicht in der Lage, daraus auf sein Gewicht und seine Größe zu schließen, ganz zu schweigen von viel komplizierteren Dingen wie seinem Blutdruck, seinem Infarktrisiko oder – was das Komplizierteste ist – seine Intelligenz (für die es im Übrigen keine befriedigende Definition gibt).

Aber ich möchte andererseits auch nicht zu pessimistisch erscheinen. Genome lesen zu können, erst eines und dann viele weitere, ist und bleibt eine unverzichtbare Methode, um viele grundlegende Fragen der Biologie beantworten zu können. Zweifellos haben wir die Schwierigkeiten unterschätzt, und der eine oder die andere hat sich vorgemacht, die Interpretation der Daten könne leicht sein; doch jetzt wissen wir wenigstens, dass Genome allein nicht genügen und dass wir ordentlich nachdenken müssen, um etwas zu verstehen. Wir sind auf dem rechten Weg, aber wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter uns.

Im Augenblick also verfügen wir über eine gigantische Fotografie – vielleicht wäre Mosaik die richtige Metapher – der genetischen Differenzen, die jeden von uns gegenüber seinen Mitmenschen zu einem anderen machen. Auch wenn es noch nicht die spektakulären Fortschritte in der Diagnose und der Verhütung von Krankheiten gibt, die sich manch einer erhofft hat, können wir viele andere Dinge mit einer Genauigkeit untersuchen, die vor zwölf Jahren noch unvorstellbar war: wie die Körperzellen funktionieren, wie sehr wir uns genetisch voneinander unterscheiden und durch welche Ereignisse diese Differenzen sich akkumuliert haben.

Vor Kurzem kam die Nachricht, dass man im Leipziger Max-Planck-Institut die DNA von Neandertalern in Nervenstammzellen einpflanzt, um herauszufinden, inwiefern die Entwicklung und das Funktionieren des Neandertaler-Gehirns von dem unseren abwich (The Guardian, 11.5.2018). Für jemanden, der sich mit der Evolution beschäftigt, war das Manna vom Himmel und für einen, der Bücher über die menschliche Diversität schreibt, eine eindeutige Aufforderung, up to date zu bleiben.

Das heißt, mit zwölf Jahren Abstand haben sich mehrere Teile dieses Buchs als veraltet erwiesen oder mussten entstaubt werden. Anfangs war ich etwas besorgt; nicht nur wegen der enormen Menge von Material, aus dem es auszuwählen galt und das sich oft nur schwer darstellen lässt, weil es technisch kompliziert ist. Vor allem aber war mir nicht klar, wie weit sich die Grundstruktur des Buchs erhalten ließe, die mir aus irgendeinem Grunde noch immer gut gefiel. Doch je weiter ich vorankam, desto deutlicher wurde mir, dass all diese Fortschritte nichts Wesentliches verändert hatten.

Im Großen und Ganzen können wir nur mit größerer Präzision vieles bestätigen, das wir bereits verstanden hatten. Es sind noch wichtige neue und zuweilen verblüffende Einzelheiten aufgetaucht (wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Europäer bis vor 7000 Jahren dunkelhäutig waren? Davon ist auf Seite 161 die Rede), und diese Einzelheiten haben sich in das Bild eingefügt, das in seinen Grundlinien jedoch dasselbe geblieben ist. Um es kurzzumachen: Es ist immer offensichtlicher geworden, dass der Begriff »Rasse« unnütz und schädlich ist, wenn wir die biologischen Grundlagen unserer Unterschiede verstehen wollen, denn die Menschheit besteht nicht aus biologisch unterschiedlichen Gruppen, wie wir sie bei anderen Arten als Rassen bezeichnen.

Erst als wir mit den unsinnigen Versuchen von Klassifikation nach Rassen aufgehört haben, konnten wir unsere Forschung auf das konzentrieren, was wirklich zählt – die Unterschiede zwischen Individuen und Populationen. Dabei setzen Letztere sich aus vielen Menschen mit unterschiedlicher DNA zusammen, die von immer wieder anderen Vorfahren auf uns gekommen ist.

Heute können wir in der DNA die Spuren der Wanderungen und des Austauschs nachverfolgen, die unser Genom im Laufe der Jahrtausende immer wieder neu gemischt haben und ihm das bunte Harlekinkostüm verliehen haben, das wir heute vor Augen haben. Ich musste keine der Kernaussagen des Buches ändern, wenngleich ich gemerkt habe, dass ich bei bestimmten Themen allzu sehr vereinfacht hatte (ich habe jetzt versucht, Abhilfe zu schaffen). Im Übrigen konnten wir vor zwölf Jahren vielfach nur Vermutungen anstellen, während wir heute präzise Nachweise führen können (was zu tun ich mich bemüht habe).

Doch als die erste Fassung dieses Buchs erschien, hoffte ich noch in frommer Einfalt, dass die Idee der Rasse in den kommenden Jahren in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung immer unwichtiger würde. Ich behaupte nicht, dass ich rationale Gründe dafür hatte, doch ich hielt es für selbstverständlich. Ich habe mich geirrt, und heute muss ich mich fragen, warum, was der Grund für das ist, woran mich immer wieder mal jemand mit skeptischem Grinsen erinnert: Wieso gibt es eigentlich einen so großen Unterschied zwischen dem, was du über Rasse sagst, und dem, was die Leute glauben?

Mir fällt dazu eine ganze Reihe an Antworten ein, was vielleicht bedeutet, dass ich noch keine wirklich gute gefunden habe. Zum Teil ist das ein altes Problem: Wenn die Dinge komplizierter sind, als wir sie uns vorstellen, und das sind sie häufig, ist es nicht einfach, die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung anzuerkennen. Das ist eine Erfahrungstatsache für einen Genetiker ebenso sehr wie für jemanden, der vor Wunderdiäten oder Schreckensmythen über Impfungen zu warnen versucht. Es braucht Zeit: Althergebrachte Gemeinplätze zu ändern geht weder einfach noch schnell. Im 17. Jahrhundert war es nicht leicht, die Vorstellung durchzusetzen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. »Ich war den ganzen Tag am selben Ort; heute Morgen war die Sonne dort und jetzt ist sie hier, also hat sie sich bewegt«, schien dem gesunden Menschenverstand zu entsprechen. »Sie hat schwarze Haut, ich weiße, also gibt es Rassen«, zeugt ebenso von gesundem Menschenverstand und ist ebenso falsch. Und deshalb brauchen wir eine Weile, bis wir die Tatsache verdaut haben, dass unsere biologischen Unterschiede nur Übergänge auf einer Palette sind, deren Farben unwahrnehmbar miteinander verschwimmen.

Aber da ist noch etwas anderes. Viele Experten haben den Eindruck, dass die politische und gesellschaftliche Diskussion dahin tendiert, ihre ganz eigenen Wege zu gehen, wobei die Realität nur bis zu einem bestimmten Punkt zählt. Fake News, absichtlich in die Welt gesetzte Lügen, mit denen Gegner in Schwierigkeiten gebracht werden sollen oder die als Vorwand für brutale Aktionen benutzt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. So ist es schon oft gewesen. Der europäische Rassismus hat eine jahrhundertealte windungsreiche Geschichte, doch er erreicht seinen Höhepunkt in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Schon 1924 prangert Adolf Hitler die »Rassenschande« an, die die Stationierung von »Negerhorden« im Rheinland durch die Franzosen nach sich gezogen habe (gemeint waren die berühmten »Rheinlandbastarde«) und fordert »Lebensraum« in Osteuropa auf Kosten der für ihn biologisch minderwertigen Slawen. Im Juli 1933 trat das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« in Kraft, und im September 1935 die Nürnberger Rassegesetze, die die »Reinheit des deutschen Bluts« schützen sollten. 1938 wurden auch in Italien unter dem Slogan »Es ist Zeit, dass die Italiener sich offen als Rassisten bekennen« Gesetze erlassen, die die sogenannten italienischen Bürger jüdischer Rasse ihrer bürgerlichen Rechte beraubten, und mit ihnen zehn Millionen Libyer, Somalier, Eritreer und Abessinier, die unter italienischer Kolonialherrschaft standen. In beiden Fällen war es nicht leicht zu definieren, wer nun genau Jude war und wer nicht, und so wurden, um die politischen Entscheidungen mit allen verfügbaren Argumenten zu unterstützen, die berühmtesten Wissenschaftler der Zeit aktiviert: Anthropologen und Anatomen, Genetiker und Psychologen. Anscheinend fürchteten die Regierungen, dass ohne eine überzeugende wissenschaftliche Rechtfertigung die Menschen in Italien oder Deutschland sogar in den 30er Jahren, der Zeit des Aufstiegs und Triumphs des Faschismus, über die neuen Rassendiskriminierungen die Nase rümpfen könnten. Heute dagegen ist der rassistische Diskurs völlig losgelöst von allem, was sich Wissenschaft nennt. Die Politik der Diskriminierung wird mit Parolen (»Ausländer raus«, »Italiener zuerst/Americans first«, »Bevölkerungsaustausch«, »Umvolkung«, »Herren im eigenen Haus«) beschworen, die keinerlei Rechtfertigung brauchen, erst recht keine wissenschaftliche. Der letzte Schleier ist gefallen, man erklärt sich freimütig zum Rassisten und basta.

Vielleicht hat das, jedenfalls zum Teil, damit zu tun, dass der Zusammenhang zwischen Rasse und Rassismus weniger eng ist als der gemeinsame Wortstamm vermuten lässt. »Rasse« ist der Zerrspiegel, in dem Generationen von Naturwissenschaftlern, Anthropologen und Genetikern die Unterschiede zwischen den Menschen betrachtet haben, bis sich herausgestellt hat, dass diese in diesem Zerrspiegel nicht richtig wiedergegeben werden können. Rassismus dagegen hat mit unseren Rechten zu tun und mit der Behauptung, dass aus der Herkunft, der Hautfarbe oder dem Pass unterschiedliche Rechte erwachsen. Es ist zwar richtig, dass rassistische Politik sich oft auf Rassentheorien gestützt hat, aber das muss nicht so sein, und in der Tat ist das heute immer weniger der Fall. Man muss nicht an die Existenz menschlicher Rassen glauben, um für eine diskriminierende und fremdenfeindliche Politik zu sein. Du hast kein Recht, dies und das zu tun, weil du Schwarzer, weil du Immigrant oder weil du Muslim bist, sind drei gleichwertige Behauptungen, aber nur die erste ist genau genommen rassistisch. Also lassen wir die Wissenschaftler nur über ihre Genome oder ihre prähistorischen Wanderungen debattieren. Um zu entscheiden, wer das Recht hat, sich als Bürger eines europäischen Staates zu fühlen, und dieselben Rechte wie die anderen Bürger hat, die dort geboren sind, spielt das keine Rolle.

Man kann dagegen sein und wieder eine Verbindung zwischen den Ideen der Wissenschaft und der politischen und sozialen Praxis herstellen wollen. In der Tat ist es das, was dieses und andere Bücher versuchen. Doch ein Buch ist keine große Sache, und die Welt verändert sich schnell. Neue Technologien und die Globalisierung haben dem Norden unserer Erde größeren Reichtum beschert, allerdings bei hohen sozialen Kosten und einer monströsen Ungleichverteilung.

Populistische Politiker haben es verstanden, den Protest der verarmten oder verängstigten Gesellschaftsschichten für sich zu nutzen, indem sie ihn entweder nach unten lenkten, gegen die Immigranten, die angeblich den Einheimischen Arbeitsstellen, Wohnungen und Unterstützung wegnehmen, oder nach oben, gegen die Eliten, die in dieser simplen Weltsicht schuld daran sind, dass der Wandel nicht gut gemanagt wurde. Wie kann ich den sogenannten Experten in Washington, Brüssel, Berlin oder Rom vertrauen, wenn sie doch nicht verhindern konnten, dass meine Bank pleite gegangen ist, dass meine Tochter, die doch das Abitur hat, in einem Callcenter arbeiten muss oder mein Mann durch einen Roboter ersetzt worden ist?

Und wenn ich dieser Politikerkaste misstraue, wie soll ich da den Wissenschaftlern vertrauen, die niemand gewählt hat und die also eine noch üblere Kaste sind?

Wieder einen Raum für eine konstruktive Diskussion zu schaffen, bei der auch Wissen und Kompetenz eine Rolle spielen dürfen, mit dem Ziel, allseits akzeptierte Lösungen zu finden und nicht bloß einen Konsens durchzuboxen – das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.

Ein Buch ist keine große Sache und kann nicht viel bewirken. Und doch schien es mir nach zwölf Jahren der Mühe wert, dieses Buch auf den neuesten Stand des Wissens zu bringen, aus demselben Grund, aus dem wir uns jeden Abend die Zähne putzen: Es reicht nicht, um Karies zu vermeiden, aber es ist besser als nichts.

Die Ideen der sogenannten populistischen Bewegungen verfangen zweifellos bei vielen Bürgern in der halben Welt, aber sie haben auch eine entscheidende Schwäche: Es kann so aussehen, als funktionierten die Ideen; das tun sie aber nur in winzigen Bereichen, denn sie konzentrieren sich ganz auf unmittelbar gegenwärtige Probleme, für die sie angeblich einfache und äußerst kurzatmige Lösungen anbieten. Und da in ihnen nur von Einzelheiten die Rede ist, von Mauern, die errichtet werden sollen, von Aufenthaltsgenehmigungen, die nicht gewährt werden sollen, so als ginge es darum, eine kleine alte heile Welt zu schützen, die sich aufzulösen droht und die es vielleicht nie gegeben hat, weigern sie sich, die Dinge in einer etwas größeren Perspektive zu betrachten. Es ist so, als würden sie wieder zu Kindern: Sie leben in der Gegenwart, um die größeren Sachen kümmern sich die Erwachsenen. Aber vergessen wir nicht: Auch Kinder haben viel zu leiden. Jede Erkältung, jede Trennung von einer geliebten Person ist ein Trauma, weil das Leben in der Gegenwart nicht das Bewusstsein ermöglicht, dass alles sich ändern kann, dass das Fieber vergeht, dass die geliebte Person wiederkommt.

Ich bin davon überzeugt, dass die kurzsichtige Debatte darüber, wie sich der Strom der Immigration aufhalten lässt – der nach jeder seriösen Analyse noch über viele Jahre zunehmen wird –, uns zu Gefangenen der Gegenwart macht, zu Kindern. Und uns damit dazu verdammt, wie die Kinder zu leiden, weil wir die Komplexität der Erscheinungen aus dem Blick verlieren. Stattdessen sollten wir versuchen, erwachsen zu sein. Und hier heißt erwachsen sein, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu betrachten und zu verstehen, dass wir Menschen wandern, nicht heute oder gestern, sondern schon immer; zu verstehen, woher wir kommen und wie groß die Unterschiede zwischen uns sind, natürlich auch, weil viele Menschen diese Unterschiede in übertriebener oder verzerrter Form wahrnehmen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch denen, die es lesen, dabei hilft, die eine oder andere hier oder da aufgeschnappte oberflächliche oder falsche Vorstellung loszuwerden und sich mit ein paar Vorurteilen weniger in der Welt umzusehen.

Guido Barbujani, im November 2020

1. KAPITEL
GRENZZIEHUNGEN

Worin wir uns fragen, ob es Menschenrassen gibt und was sie sein sollen

Immer neue Grenzen werden gezogen, stellen wir fest. Laut Wikipedia gab es im Februar 2018 siebenunddreißig Grenzkonflikte, die jeweils im Vorjahr mehr als hundert Todesopfer forderten. Das Verzeichnis geht von A wie Afghanistan über J wie Jemen bis Z wie Zimbabwe und umfasst auch die unzähligen Fälle, in denen es zwar nicht zu Begegnungen zwischen Streitkräften kommt, in denen aber Konflikte zwischen Menschen verschiedener ethnischer Gruppen das tägliche Leben bestimmen: die Rechte der Bürger und ihren Zugang zu natürlichen Ressourcen, zu Bildung und zur Gesundheitsversorgung. Fremdenhass und Rassismus, Phänomene, die wir noch vor wenigen Jahren als Überreste von Unterentwicklung wahrgenommen hatten, die bald verschwinden würden, sind zu globalen Problemen geworden, und keine Gegend der Welt ist dagegen immun.

Der Südtiroler Friedensaktivist Alexander Langer hat einmal gesagt, wir müssten die Grenzen, wenn wir sie nicht ganz abschaffen können, wenigstens durchlässig machen. Doch stattdessen wurden in den letzten 20 Jahren vor allem immer neue Grenzen erfunden, oft willkürliche und stets bestreitbare, die um neue Identitäten gezogen werden, die sich dadurch wiederum verhärten – was dann dazu führt, dass dasselbe auf der anderen Seite der Grenze geschieht. All dies sei, so sagt man uns, durch die untrennbare Verbindung von Blut und Boden gerechtfertigt, zwischen einem Territorium und denjenigen, die es seit je besiedelt haben und deshalb seine einzigen legitimen Bewohner seien. Wir sind, so sagen dieselben Leute, grundsätzlich, und zwar biologisch, verschieden, und wir können unsere Identität, die in unserem Blut (wie es früher hieß) oder in unserer DNA* (wie man heute sagt) wurzelt, nur verteidigen, wenn wir auch unser Territorium gegen die Invasionen von Trägern einer anderen Identität verteidigen.

Der Konflikt zwischen Identitäten ist kein gewöhnlicher politischer Konflikt. Er betrifft nicht, was jemand macht oder machen will, sondern wer jemand ist oder zu sein meint. Und deshalb ist er unlösbar. Zwischen politischen Gegnern gibt es immer die Möglichkeit zu vermitteln und zu verhandeln, in der Anthropologie oder der Biologie gibt es sie nicht. Wenn Gruppen unterschiedlicher Identität es nicht schaffen, miteinander zu leben, gibt es nur die Möglichkeit, sie zu trennen und zu hoffen, dass der Waffenstillstand hält. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist eine Vervielfachung von Grenzen und damit einhergehenden Spannungen – nicht nur zwischen den Staaten, sondern auch entlang weniger genauer Trennlinien durch Staaten, Regionen und sogar Stadtviertel, in denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur oder unterschiedlichen Einkommens misstrauisch beäugen oder ostentativ ignorieren.

Und was passiert mit denjenigen, die gezwungen sind, außerhalb der eigenen Grenzen zu leben oder dies sogar freiwillig gewählt haben? Das haben wir alle vor Augen. Von Europa bis Afrika, von Asien bis Süd- und Nordamerika verfestigt sich immer mehr die Vorstellung, dass nicht jeder Mensch überall dieselben Rechte hat. Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache, ihrer Religion oder ihres Passes zu diskriminieren, verbreitet sich immer mehr und wird immer weniger als Skandal empfunden.

Es ist ein alter Gemeinplatz, dass Wissenschaftler sich nicht gern mit dem unmittelbar Lebenswichtigen befassen, sondern sich lieber in ihren schönen Laboratorien mit langwierigen Forschungen beschäftigen. Vielleicht stimmt das auch, doch dann haben wir es in unserem Fall mit einer Ausnahme zu tun. Mit den biologischen Grundlagen der Diversität* der Menschen oder, wie man einmal zu sagen pflegte und heute wieder zu sagen beginnt, mit der Natur und der Existenz menschlicher Rassen, haben sich, oftmals sogar leidenschaftlich, die größten Geister der Biologie befasst, von Linné und Darwin bis hin zu vielen Zeitgenossen (die leider selten das Niveau ihrer Vorgänger erreichen). Das Konzept der Rasse* wurde das gesamte 18. und 19. Jahrhundert hindurch diskutiert, bis es im 20. Jahrhundert dann zu dramatischen und schwerwiegenden Konsequenzen führte. Aus naheliegenden Gründen pausierte die Diskussion in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, allerdings nicht überall: Man denke nur an die Bürgerrechtskämpfe in den Vereinigten Staaten während der fünfziger und sechziger Jahre. Dann, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, kommt der Begriff »Rasse« wieder in Mode. Genetische und anthropologische Studien werden dazu veröffentlicht, und die Wissenschaft beginnt sich über die Bedeutung des Rassenkonzepts zu streiten. Einerseits gelingt es keiner dieser Untersuchungen zu beweisen, dass es in unserer Spezies* deutlich unterscheidbare Rassen gibt wie etwa bei Hunden und Pferden (was, wie wir sehen werden, keine guten Beispiele sind) oder bei Schimpansen (das passt schon besser). Dass unsere Identität, wie immer wir sie definieren mögen, etwas mit unseren Genen* zu tun hat, hat noch niemand nachweisen können. Andererseits gehört das Wort »Rasse« zur Sprache (und zum Denken) vieler Menschen, und wenn dies auch nicht heißt, dass der Begriff sinnvoll ist, so ist er doch einfach verständlich, und das macht es schwierig, ihn durch andere zu ersetzen, die die Vielfalt der Menschheit besser und richtiger beschreiben.

In Wirklichkeit reicht die wissenschaftliche Diskussion über die Rasse weit über die Biologie hinaus und beschäftigt die Sozialpolitik sowie die Politik überhaupt. 2017 forderte Patrizia Prestipino, Mitglied der Führung des Partito Democratico, der sozialdemokratischen Regierungspartei in Italien, Maßnahmen für die Verteidigung der »italienischen« Rasse; im Januar 2018 fand diese Forderung ihr verstärktes Echo in den Worten des Mitte-links-Kandidaten für die Präsidentschaft der Region Lombardei, Attilio Fontana, der die von den vielen Immigranten und ihrer exzessiven Fertilität* bedrohte Bevölkerung von der italienischen auf die weiße Rasse erweiterte.

In Interviews mit der Presse erklären namhafte US-Genetiker, gleich ob Spezialisten oder nicht, dass es nötig sei, die Rasse im Auge zu behalten, damit kein Geld für nutzlose Medikamente vergeudet wird oder für Schulprojekte, die unsinnige Hilfen für diejenigen anbieten, die durch ihre Gene dazu verdammt sind, es eh nicht zu schaffen. Sie führen den Alkoholismus und die Kreislauferkrankungen der Ureinwohner in den großen Städten Australiens und Nordamerikas auf Erbfaktoren zurück und machen damit ein soziales Problem zu einem medizinischen.

Das Buch The Bell Curve, in dem eins zu eins die Ideen von Cesare Lombroso, dem berühmten Kriminologen aus dem 19. Jahrhundert, nachgebetet werden und das zu dem Ergebnis kommt, dass die technologischen Innovationen auf der Welt stets das Verdienst der Weißen mit ihrer überlegenen Intelligenz sind und gewesen sind, war ein Bestseller in der halben Welt und hat enthusiastische Kommentare auf der Website von Amazon bekommen. Im März 2005 ist an prominenter Stelle in der New York Times ein Artikel von Armand Marie Leroi (ein Experte für Nematoden, also Fadenwürmer, von dem keine Forschungen zum Menschen bekannt sind) zum Thema »Rasse« erschienen. Ohne irgendwelche Daten beizubringen behauptet er, dass ja für jeden evident sei, dass es Menschenrassen gibt, dass aber einige Wissenschaftler sich aus politischen Gründen weigerten, dies zuzugeben, und dass wir nur Vorteile davon hätten, wenn wir unsere Rassenunterschiede zugäben: medizinische, soziale und ästhetische (jawohl, ästhetische).

Und weiter: Nicholas Wade, lange Zeit verantwortlich für die Wissenschaftsseiten der New York Times, ist der Ansicht (was von interessierter Seite in Abrede gestellt wird), die Genetiker hätten bewiesen, dass die Unterschiede in der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung unter den Völkern der Erde auf ihre unterschiedlichen Gene zurückgehen. Es müsste doch etwas in den Genen geben – etwas, das genauer zu benennen Wade sich sehr wohl hütet, weil er es so genau auch nicht weiß –, das Afrikaner dazu bringt, Stammesverhalten an den Tag zu legen, Juden dazu, glänzend mit dem Kapitalismus zurechtzukommen, und die Europäer dazu, das Recht zu achten, oder es die Himalayabewohner schaffen lässt, in großen Höhen bei geringem Sauerstoffgehalt der Luft ihre Lager aufzuschlagen.

Bei all diesen Beispielen handelt es sich im besten Falle um unbewiesene Hypothesen, doch zumeist um ausgemachten Blödsinn, der gleichwohl als unbestreitbares Faktum dargestellt und verbreitet wird. Es sind gerade mal gut 65 Jahre vergangen, seit die Schwarzen in Montgomery in Alabama am ersten Dezember 1955 beschlossen, die Autobusse zu boykottieren, weil sie sich im Bus nicht dorthin setzen durften, wo sie wollten, und etwa dreißig Jahre seit dem Fall des südafrikanischen Apartheidsystems. Es scheint, als seien seitdem Jahrhunderte vergangen. Bei uns in Italien allerdings haben, um nur ein Beispiel zu nennen, Parlamentarier der Lega Nord 2003 vorgeschlagen, getrennte Eisenbahnwagen für Schwarze und Weiße auf der Strecke von Verona zum Brenner vorzusehen.

Man könnte den Eindruck haben, dass das Durcheinander von neuen Ängsten, alten Gemeinplätzen und schwerverständlichen wissenschaftlichen Daten uns nicht daran hindert, munter über die Natur, die Ursachen und die Folgen der Verschiedenheit unter den Menschen zu diskutieren. Doch so ist es eigentlich nicht. Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass tief verwurzelte Phänomene wie Fremdenhass und Rassismus mit einem Schlag verschwänden, wenn wir nur besser über unsere Unterschiede untereinander und unter unseresgleichen nachdächten.

Doch wenigstens zwei wichtige Fragen können und müssen in streng wissenschaftlicher Weise gestellt werden, wobei (vorübergehend) ihre politischen Implikationen beiseitegelassen werden können. Erstens glauben, wie gesagt, manche, dass unsere Spezies ein Mosaik von biologisch gut unterscheidbaren Gruppen ist, deren ethnische Identität uralt ist und in unseren Genen wurzelt. Und zweitens glauben sie, dass aus diesen biologischen und letztlich rassischen Unterschieden notwendig unterschiedliche Lebensstile und verschiedene Niveaus von Intelligenz und Moral resultieren. Anders gesagt: Es gibt klare Grenzen zwischen Menschengruppen, und die sowohl biologischen als auch kulturellen Grenzen, durch die unser im Wesentlichen unveränderliches Aussehen und Verhalten bestimmt ist, sind bereits in unserer DNA eingeschrieben. Es bleibt uns demnach nichts anderes übrig, als entsprechend zu handeln und die Verteidigung unserer Grenzen zu verstärken. Das sind alte, sogar uralte Vorstellungen, doch sie haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Lebendigkeit bewiesen.

In diesem Buch werde ich dagegen festhalten, dass, soviel wir wissen, der Begriff Rasse für keine in der DNA unserer Spezies erkennbare biologische Realität steht und dass es deshalb auch nichts Angeborenes und Unveränderbares in den ethnischen oder kulturellen Identitäten gibt, die wir heute kennen. Dahingehend sind die Auffassungen der Wissenschaft ganz klar.

Rassen haben wir erfunden und sie jahrhundertelang für gegeben erachtet, doch inzwischen wissen wir genug, um sie abzuschaffen. Heute wissen wir, dass wir »alle verwandt und doch verschieden« sind, wie eine gelungene Parole des französischen Genetikers André Langaney lautet, und es bedarf keiner weiteren Untersuchungen mehr, um uns davon zu überzeugen. Den Fakt, dass wir alle (ausgenommen zum Teil eineiige Zwillinge) genetisch verschieden sind, bezweifelt, glaube ich, niemand: Dafür müssen wir nur um uns blicken.

Über das »alle miteinander verwandt« müssen wir allerdings noch einmal nachdenken. Wir sind heute siebeneinhalb Milliarden Menschen auf der Erde, doch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts waren wir erst weniger als eine Milliarde, und vor 2000 Jahren mehr oder weniger 150 Millionen. Und bekanntlich hat jede und jeder von uns zwei Eltern, vier Großeltern und acht Urgroßeltern. Nur selten lernt jemand seine Urureltern kennen, doch wir wissen, dass wir sechzehn davon hatten, und so geht es weiter zurück, indem wir jede Generation mit zwei multiplizieren. Das bedeutet, dass jeder von uns vor zehn Generationen – sagen wir, bei der Geburt von Mozart – über tausend (genau: 1024) Vorfahren hatte, von denen wiederum 250 Jahre früher, zur Zeit der Entdeckungen von Kolumbus, jeder tausend Vorfahren hatte. Jede und jeder von uns stammt von einer Million Vorfahren ab, die zu der Zeit von Kolumbus gelebt haben, von einer Million Millionen Vorfahren aus dem Jahr 1000 und einigen Milliarden Milliarden zur Zeit Jesu. Aber wie soll das möglich sein? Tatsächlich ist das nicht wirklich möglich: So viele Menschen hat es auf der Erde nie gegeben. In Wirklichkeit handelt es sich um eine abstrakte Überlegung: Das alles sind unsere virtuellen Vorfahren und nicht etwa Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben. Ehen zwischen Blutsverwandten reduzieren die Zahl der Vorfahren; wenn Cousins und Cousinen heiraten, haben ihre Kinder nur sechs statt acht Urgroßeltern. Also: Damit unsere sich im Endlosen verlierende Genealogie in den Grenzen der historischen Weltbevölkerung bleibt, müssen wir annehmen, dass viele der Verbindungen, aus denen wir über die Jahrtausende hervorgegangen sind, solche zwischen Verwandten waren, die, meist ohne dies zu wissen, von gemeinsamen Vorfahren abstammten. Doch die Tatsache, dass jede und jeder von uns theoretisch eine unüberschaubare Anzahl von Vorfahren hat, allein im letzten Jahrtausend, bedeutet, dass viele meiner Vorfahren auch die Vorfahren derer sind, die dieses Buch gerade lesen. Anders kann man das nicht sehen. Douglas Rohde vom Massachusetts Institute of Technology hat ausgerechnet, dass im Durchschnitt zwei von uns allen einen gemeinsamen Vorfahren haben müssen, der vor wenig mehr als 3000 Jahren gelebt hat. »Im Durchschnitt« bedeutet, dass manche von uns diese gemeinsamen Vorfahren vor längerer Zeit gehabt haben mögen, andere wiederum vor kürzerer Zeit. Doch wir können uns darauf verlassen, dass jede uns unbekannte Person unsere mehr oder weniger nahe Verwandte oder unser Verwandter ist. Dafür müssen wir nur ein wenig in der Zeit zurückgehen.

Wenn wir so in der Zeit zurückgehen, finden wir den fossilen und genetischen Nachweis dafür, dass die große Menschheitsfamilie von einer kleinen, vielleicht ein paar Tausende Individuen umfassenden Gruppe abstammt, die vor 100 000 Jahren in Afrika lebte. Viele Einzelheiten ihrer Geschichte sind uns unbekannt, doch die 100 000 Jahre bedeuten, dass wir eine ziemlich junge Art sind: Leben auf der Erde gibt es seit fast vier Milliarden Jahren. Und wir sind sehr mobil: In diesen 100 000 Jahren haben wir von Afrika aus den gesamten Planeten besiedelt, und dann haben wir uns fortwährend von hier nach dort bewegt. Wir sind auch eine fruchtbare Art, denn wir sind im selben Zeitraum auf die heutigen über sieben Milliarden Angehörige gewachsen.

Und darüber hinaus sind wir eine sehr hybride* Spezies, deren Populationen*, auch wenn sie über lange Zeiträume isoliert waren, sich doch begegnet sind und sich immer wieder vermischt haben, in einem Prozess, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: In Sizilien gab es, bevor die Griechen kamen, Sikuler und Sikaner. Ihnen folgten die Römer, die Byzantiner, die Araber, die Normannen, die Anjou, die Aragonesen, die Piemontesen und so weiter. Alle haben ihr Erbe hinterlassen, und als die Sizilianer nach Amerika auswanderten, haben sie das vielfältige Erbe ihrer Vorfahren mitgenommen, das sich nun langsam aber sicher mit dem von Vorfahren aus Irland, Guinea oder Mexiko vermischt …

Die menschliche Biodiversität*, die Summe der von uns allen – den Angehörigen der menschlichen Spezies – ererbten Unterschiede, ist vor allem die Folge dieser Phänomene: unserer Mobilität, unserer Fruchtbarkeit und einer ausgeprägten Tendenz, uns miteinander zu vermischen. Bei einer so vermischten und vereinheitlichten Spezies müssen wir uns nicht wundern, wenn wir heute überall, wenn auch mit unterschiedlicher Häufigkeit, dieselben Genvarianten* vorfinden: von der Wiege der Menschheit in Afrika bis nach Sibirien, von Ozeanien bis Europa. Wir wissen, dass wir, wenn wir weit genug in unserer Genealogie zurückgehen, herausfinden werden, dass unsere Ahnen alle aus Afrika stammen; wir wissen auch, dass unsere Gene im Wesentlichen bestimmen, wie wir aussehen und wie intelligent wir sind. Wir wissen aber keineswegs, ob und in welchem Maß die kulturellen Unterschiede zwischen Populationen aus genetischen Unterschieden resultieren könnten, die in Wahrheit meist äußerst gering sind, wie zum Beispiel die zwischen Serben und Kroaten, Tutsi und Hutu, Flamen und Wallonen, Katalanen und Kastiliern.

Wie wir dies erklären und was es bedeutet, möchten wir in den folgenden Kapiteln erläutern. Wir werden eine Geschichte erzählen, die ihre epischen und zuweilen fabelhaften Aspekte hat, denn sie ist im Grunde die Geschichte davon, wie die Menschheit es geschafft hat, indem sie in der Zeit zurückgegangen ist, ihre entferntesten Vorfahren ausfindig zu machen und ihr Schicksal über tausende Generationen hinweg zu rekonstruieren. In dieser Geschichte entgeht die Heldin, die Menschheit, wie in einem spannenden Abenteuerfilm nur um Haaresbreite der Katastrophe, aber entgeht ihr am Ende dennoch dank ihrer Zähigkeit, bislang jedenfalls, so wahr es uns gibt.

Wir können diese Geschichte rekonstruieren, weil sie eine Spur in unseren Zellen* hinterlassen hat. Bereits lange vor der Erfindung der Schrift, vor den ältesten archäologischen Zeugnissen, hat unsere DNA die Ereignisse aufgezeichnet, mit denen wir uns entwickelt haben. Genauso wie bei allen anderen Tieren und den Pflanzen, die auf der Erde leben. Die allmähliche Unterscheidung von den Menschenaffen, die ersten Wanderungen* der Menschheit, die demographischen Krisen, die Ausbreitung über fünf Kontinente und deren Besiedlung haben Zeichen hinterlassen, die Genetiker und Anthropologen zu entziffern gelernt haben. Darüber werden wir ausführlich berichten.

Im Unterschied zu den meisten Abenteuerfilmen ist allerdings nicht ausgemacht, ob diese Geschichte ein gutes Ende hat. Dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein; jedenfalls gibt es keinen Grund, sich darüber keine Sorgen zu machen, angesichts der Entwicklung des Klimas und der Demographie auf unserem Planeten. Schließlich haben Millionen Arten die Erde einst besiedelt, die längst ausgestorben sind. Und was ist an uns so besonders, dass wir behaupten könnten, bei uns sei das anders? Andererseits jedoch steht nirgends geschrieben, was mit den Genen und der Kultur geschieht, die unsere Vorfahren uns hinterlassen haben; dies hängt also auch von uns selbst ab. Kurz, die Partie ist noch nicht zu Ende gespielt. Und so ist es der Mühe wert, uns mit der Geschichte unserer Anfänge, unserer Verschiedenheit und unserer Entwicklung zu befassen: Denn es ist besser, unsere Zukunft mit einigen Kenntnissen über unsere Vergangenheit anzugehen, Kenntnissen davon, wie wir geworden sind, was wir sind.

Die Website https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_andauernden_Kriege_und_Konflikte zählt die aktuellen bewaffneten Konflikte in der Welt auf und klassifiziert sie (auf makabre Weise) nach der Zahl der Opfer.

Die UNO bietet einen guten Online-Kurs zu vielen aktuellen Themen an, United Nations Cyberschoolbus (http://cyberschoolbus.un.org/); Zwei Lektionen darin handeln von ethnischer und rassistischer Diskriminierung.

Über den Alkoholmissbrauch bei Ureinwohnern in den australischen Städten finden sich viele Informationen unter http://www.healthinfonet.ecu.edu.au/frames.htm.

Offenbar ist: C. Murray, R.J. Herrnsteins Bestseller, The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life (1994) nie ins Deutsche übersetzt worden, hat allerdings in Deutschland Nachahmer gefunden, wie wir im 6. Kapitel sehen werden.

Nicholas Wade hat parallel zur Veröffentlichung seines Buchs A Troublesome Inheritance: Genes, Race and Human History, New York 2014, einen Artikel für das Time Magazine verfasst: What Science Says About Race and Genetics (9. Mai 2014), der sich auf dieser Website findet: http://time.com/author/nicholas-wade/.

Eine Antwort von 139 Genetikern, den Autor dieses Buchs inbegriffen, ist in der New York Times am 10. August 2014 erschienen (http://cehg.stanford.edu/letter-from-population-geneticists/). Dort heißt es: »Wade vermischt eine unvollständige und ungenaue Beschreibung unserer Forschungen mit der Behauptung, die natürliche Auslese habe möglicherweise zwischen den Bevölkerungen der Welt zu Unterschieden des Intelligenzquotienten, der politischen Institutionen und der wirtschaftlichen Entwicklung geführt. Wir weisen die Behauptung von Wade zurück, dass unsere Forschungsergebnisse seine Ideen in irgendeiner Weise stützen. Das ist nicht wahr.«

Der Artikel von Armand Marie Leroi ist in der New York Times am 14. März 2005 erschienen: http://raceandgenomics.ssrc.org/Leroi/.

Über die Ausstellung Tous parents, tous différents kann man nähere Angaben finden unter http://anthro.unige.ch/tptd/fr/. Leider ist das Buch von A. Langanay mit demselben Titel, Paris 1992, nicht mehr erhältlich.

Auf der Website: http://desip.igc.org/populationmaps.html finden sich schöne Karten, die das Wachstum der Menschheit im Lauf der Jahrhunderte darstellen.

Die Grundformel, nach der der Moment berechnet werden kann, von dem an die Menschheit einen einzigen Vorfahren hat, findet sich in: D.L.T. Rohde, S. Olson, J.Y. Chank, »Modelling the Recent Common Ancestry of All Living Humans«, in: Nature 431, 2004, S. 562-566.

Wie wenig menschliche Gesellschaften in der Lage sind, ihre Zukunft zu planen und Katastrophen zu vermeiden, ist interessant (und sehr beunruhigend) nachzulesen bei Jared Diamond, Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt 2005.

Mit einem * versehene Begriffe werden im Glossar am Ende des Buches erläutert.

2. KAPITEL
MENSCHENARTEN

Worin nachgewiesen wird, dass es nur eine einzige lebende menschliche Spezies gibt, wir aber Bekanntschaft mit verschiedenen ausgestorbenen Menschenarten machen

Stimmt es eigentlich, dass wir alle zu ein und derselben Menschenart gehören? Heute sind wir da sicher, aber so war es nicht immer. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auch die These, dass wir uns auf verschiedene Spezies aufteilen, nach den sogenannten polygenetischen Theorien. In diesem Kontext entstand die Bezeichnung »Buschmänner«: Die europäischen Kolonisten in Südafrika unterschieden »Männer« – richtige Menschen – von »Buschmännern«, die ihnen zufolge einer eigenen Spezies angehörten. Dahinter steckte eine Überlegung – wenn wir das denn eine Überlegung nennen wollen –, die auf einer Reihe von Analogien fußte. So, wie die Beobachtung der Natur zu dem Schluss führte, dass der Mensch allen anderen Kreaturen überlegen ist, so führte die Beobachtung der Menschheit für die Weißen, die die Überlegung anstellten, zu dem Schluss, dass es eine unbestreitbare Überlegenheit der Weißen über alle anderen gibt. Von hier zu der Vorstellung, dass unterschiedlichen Rassen unterschiedliche Grade der Unterlegenheit gegenüber den Weißen entsprechen, ist es nur ein kleiner Schritt.

Der nächste Schritt ist dann die Idee, dass Rassen, die besonders wertlos sind, keine Rassen, sondern ganz andere Arten sind, die von Anfang an fix und fertig so geschaffen waren, wie wir sie kennen. Demnach hat der Mensch nicht nur keinerlei Verwandtschaft mit dem Affen, sondern der weiße Mensch ist auch nicht mit dem schwarzen Menschen verwandt.

Die Menschheit von oben betrachtet

Es ist eine Frage der Perspektive. Festzustellen, ob zwei Individuen derselben Spezies angehören, ist leicht, und hätten sie es unter Beweis stellen wollen, wäre dies auch den Verteidigern des Polygenismus* leichtgefallen. Zwei Fliegen gehören zur selben Art, wenn sie bei Kreuzung Fliegen hervorbringen, die sich ihrerseits reproduzieren können. Pferd und Esel gehören dagegen unterschiedlichen Arten an, weil aus ihrer Kreuzung nur reproduktionsunfähige Nachkommen entstehen, Maultiere und Maulesel. Was Menschen betrifft, war es eigentlich nicht nötig, das entscheidende Experiment anzustellen, nämlich zu beobachten, dass aus ihrer Verbindung fruchtbare Kinder hervorgingen. Das erste Schiff mit afrikanischen Sklaven erreichte Nordamerika im Jahr 1619, und die Zeugung von Nachkommen gemischten Bluts aus der Verbindung von Sklavinnen und Herren (und seltener von Sklaven und Herrinnen) muss bereits wenig später begonnen haben, denn wie sonst hätte es schon 1776, in der Epoche der Amerikanischen Revolution, eine Diskussion darüber gegeben, welche Rechte den zahlreichen Menschen zugebilligt werden sollten, die nicht mit Sicherheit als Schwarze oder Weiße eingeordnet werden konnten.

Am Ende wurde beschlossen, das Problem mit Gesetzen zu lösen, die die Kinder aus gemischten Verbindungen der unterlegenen Rasse zuordneten und jeden als »schwarz« definierten, der nur einen Tropfen schwarzen Bluts hatte (»one-drop rule«): »Die Kreuzung eines Weißen mit einem Indianer ist ein Indianer; die Kreuzung eines Weißen mit einem Neger ist ein Neger; die Kreuzung eines Weißen mit einem Inder ist ein Inder; und die Kreuzung einer der drei europäischen Rassen mit einem Juden ist ein Jude.« Doch das ist eine andere Geschichte.

Hier geht es erst einmal darum, dass es während zweier Jahrhunderte, des achtzehnten und des neunzehnten, für viele Wissenschaftler, die sich mit der Vielfalt der Menschheit beschäftigten, noch bevor sie sich der Tragweite ihres Themas bewusst waren, ein kategorischer Imperativ war, keinen Vorwand dafür zu liefern, dass sich jemand erhob, der unten zu bleiben hatte. Von der Vermischung der Rassen wurden Folgen befürchtet, die von bloßer Verrohung bis zur gründlichen Degeneration der menschlichen Spezies reichten. Auch ein Verteidiger des Monogenismus, also des gemeinsamen Ursprungs der Menschheit, wie Arthur de Gobineau, notierte bei seinem Projekt, die Naturgesetze zu bestimmen, die in der Gesellschaft herrschen, die Bevölkerung Asiens und Afrikas sei eine »recht traurige Ansammlung, mit deren Hässlichkeit wir uns abfinden müssen«, während die Europäer die Vorbilder der Venus, des Apoll und des Herkules Farnese waren. Unsere klassische Schönheit dürfe nicht von wissenschaftlichen Theorien und dergleichen Geschwätz infrage gestellt werden.

Doch das Experiment der Rassenkreuzung wurde fortgesetzt: nicht im Labor, sondern in den Metropolen der Welt, wo Menschen verschiedenster Herkunft aufeinandertrafen, gemischte Familien bildeten und sich problemlos fortpflanzten. Mehr noch: In einer sehr sorgfältigen Studie zu den Ehen in Hawaii, wo Polynesier mit Europäern und Menschen aus China, Japan und manchen anderen Herkunftsländern zusammenleben, hat sich herausgestellt, dass es bei den Kindern »gemischtrassiger« Herkunft keineswegs einen Rückgang, sondern sogar eine leichte Zunahme der Fruchtbarkeit gab. Wir sind also eine einzige Spezies, da gibt es keinen Zweifel. Dennoch verschwanden die polygenetischen Vorstellungen nicht so schnell. Als sich die Wissenschaft von den biologischen Eigenschaften des Menschen, der biologischen Anthropologie, schon längst ausgetüftelter statistischer Methoden bediente, war das polygenetische Denken in den Vereinigten Staaten noch immer stark. Hier hatte sich die evolutionstheoretische Idee einer Verwandtschaft zwischen Menschen und Affen immer noch leichter durchgesetzt als der Gedanke, dass die Menschen, gleich ob weiß oder schwarz, einfach nur Menschen sind. Manche Leute sahen das so: In Afrika gibt es Schimpansen und Gorillas, also sind die Afrikaner mit Schimpansen und Gorillas verwandt; in Asien gibt es Orang-Utans, also sind die Asiaten Verwandte der Orang-Utans; in Europa … nein, in Europa gibt es keine Menschenaffen. Was daraus folgt: Offenbar gibt es für Europäer keine solche Verwandtschaft. Die anderen stammen vom Affen ab, wir nicht.

Abbildung 1 ist eine berühmte Illustration aus einem amerikanischen polygenetischen Text von 1868, Indigenous Races of the Earth von Nott und Gliddon. Links sehen wir die Köpfe des Apoll vom Belvedere, eines Schwarzen und eines Schimpansen, rechts daneben die entsprechenden Schädel, von denen der erste als »griechisch« etikettiert wird. Dass das Haupt des Apoll vom Belvedere ein Schädelskelett enthält, ist erstaunlich; leider haben die Urheber der Zeichnung nicht erklärt, wie sie – ohne es zu röntgen – zu ihrer Entdeckung gelangt sind. Ihnen geht es aber um etwas anderes, nämlich zu zeigen, dass der Schwarze und der Schimpanse einander mehr ähneln als beide dem Apoll, und nicht etwa aus dem einleuchtenden Grund, das erstere beide Lebewesen sind und der andere eine Statue, sondern wegen der Ähnlichkeit ihrer Schädelknochen. Um diesen Schluss noch weiter nahezulegen, haben Nott und Gliddon die Schädelform der beiden etwas verändert und den des Schwarzen nach hinten gedreht, damit der Kiefer optisch weiter vortrat. Kein menschlicher Schädel hat jemals eine solche Form gehabt.

Die Abbildung, von der wir sprechen, ist ein bekanntes Beispiel für Pseudowissenschaft, doch es ist gut, diese obskuren Darstellungen nicht zu vergessen. Wir alle, der Schreiber dieser Zeilen inbegriffen, tragen mit uns unser Päckchen von alten Vorstellungen und Vorurteilen, die unser Urteil verzerren können, vor allem, wenn wir sie uns nicht bewusst machen.

Nott und Gliddon waren zwei Schwindler, aber das heißt nicht, dass die Alternativen zum Polygenismus viel aufgeklärter gewesen wären. In der Bibel heißt es, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, und das war ein Problem für die Vertreter des Polygenismus. Sie versuchten, es zu lösen, indem sie sich vorstellten, es habe mehrere Adams gegeben, doch das führte nicht sehr weit und brachte sie in Konflikt mit strengeren Auslegungen der Bibel. Aber auch die Anhänger der alternativen Hypothese, des Monogenismus, hatten eine harte Nuss zu knacken: Irgendwie mussten sie erklären, wie es gekommen war, dass von denselben Stammeltern – Adam und Eva – Rassen abstammten, die soviel minderwertiger waren als die weiße. Das Problem wurde gewöhnlich mit der Annahme gelöst, dass die Menschheit degeneriert sei, besonders die Schwarzen, doch auch, in nicht geringem Maße, die Gelben. Blumenbach, auf den wir noch zurückkommen werden, vermutete eine zweiseitige Degeneration, deren Extreme die Afrikaner und die Mongolen darstellten, mit den wundersamerweise nicht betroffenen Europäern in der Mitte. Die Ursache dieser Generation wurde im Klima gesucht, was am Ende auch einen vorsichtigen Optimismus rechtfertigte: Stephen Jay Gould berichtet davon, wie Samuel Stanhope Smith, Präsident dessen, was dermaleinst die Princeton University werden sollte, prophezeite, die Schwarzen würden, dem harten Klima von New Jersey ausgesetzt, früher oder später weiß werden.

Abbildung 1 Eine Illustration aus J.C. Nott und G.R. Gliddon, Indigenous Races of the Earth, Philadelphia 1868

Was uns die Fossilien sagen

Immerhin, wenigstens hierüber bestehen heute keine Zweifel mehr, gibt es auf Terra nur eine einzige Menschenart. Aber das ist nicht immer schon so gewesen. Fossile Funde berichten uns von einer Vielfalt ausgestorbener Menschenarten. Wir sind so daran gewöhnt, zur einzigen Menschenspezies zu gehören, dass wir darüber nicht länger nachdenken – doch dass es so gekommen ist, ist die Ausnahme in der Evolutionsgeschichte, und nicht die Regel. Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass vor etwa 50 Millionen Jahren immerhin vier oder fünf unterschiedliche Menschenarten unterwegs waren.

Doch der Reihe nach: Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass der Begriff der Spezies zwangsläufig vage wird, wenn wir von unvollständigen Fossilien sprechen, die zudem über das riesige Gebiet des alten Kontinents, was hier Afrika und Eurasien bedeutet, verstreut sind und einen Zeitraum von einigen Millionen Jahren umfassen. In vielen Fällen stehen den Paläontologen nur winzige Knochenreste, zuweilen nur einzelne Zähne, zur Verfügung. Deshalb sind die Bezeichnungen für diese Funde einigermaßen willkürlich und können sich auch (was in der Tat öfter geschieht) bei der Entdeckung neuer Fossilien ändern. Und nicht immer ist es einfach zu sagen, ob ein neuer Fund eine neue Spezies darstellt oder eher die Variante einer bekannten Art. Einige Bestimmungen sind jedoch weithin akzeptiert; ich habe sie in Tabelle 1 zusammengestellt.


Tabelle 1 Die wichtigsten als Fossilien dokumentierten Menschenarten. Weitere Arten werden vermutet, und die Daten sind aufgrund der unklaren Definition der Arten und der Zuordnung einzelner Fossilien zu verschiedenen Arten nicht immer eindeutig. Besonders schwierig ist die Einordnung des Neandertalers: Wenn wir ihn als Homo neanderthalensis bezeichnen, bedeutet das, dass wir ihn als eine eigene Art betrachten; wenn wir ihn aber Homo sapiens neanderthalensis nennen, heißt das, dass wir in ihm eine Unterart des Homo sapiens sehen; in diesem Falle wären wir selbst Homo sapiens sapiens. Ich habe wegen ihrer Kürze die erstere Bezeichnung gewählt, fühle mich aber nicht berufen zu sagen, welche der beiden Thesen richtig ist.

Die ältesten Fossilien, die wir irgendwie in unsere Genealogie einordnen können und die zu verschiedenen Arten von Australopithecus gehören, darunter die berühmte Lucy, finden sich konzentriert in einem Gürtel, der parallel zur Ostküste Afrikas verläuft, von Äthiopien bis Südafrika. Diese Fossilien gehören zu schwanzlosen Wesen, die sich auf den hinteren Gliedmaßen fortbewegten und deren Gebiss bereits menschliche Eigenschaften aufwies. Sie lebten vor etwa 4 bis 2 Millionen Jahren. Ich erspare meinen Lesern hier die komplizierte und für mich zu keinem Ergebnis führende Diskussion darüber, was ein menschliches Wesen ist und für welchen Zeitpunkt man diesen Begriff zuerst benutzen kann. Da gibt es unterschiedliche Definitionen.

Je nach Geschmack können wir anfangen, von Menschen zu reden, sobald der Schwanz verschwindet, oder wenn aus den Skeletten ersichtlich ist, dass wir es endgültig aufgegeben haben, auf allen Vieren zu laufen, oder von dem Zeitpunkt an, als sich bei den Skeletten bearbeitete Steine befinden, oder wann wir offenkundig in der Lage waren, das Feuer zu bewahren und zu entzünden. Für andere wiederum ist es die Sprache, die die Grenze zwischen Menschen und Nicht-Menschen bezeichnet: ein ziemlich schlechtes Kriterium, scheint mir, weil wir einfach nicht feststellen können, ob und wie unsere fernen Vorfahren gesprochen haben. Kurz, wir verfügen nicht über die notwendigen Daten, um eine Theorie gegenüber anderen zu bevorzugen.

Jedenfalls stammen selbst die ältesten Reste, die übereinstimmend der Gattung zu geordnet werden, der wir angehören, der Gattung Homo, sämtlich aus Afrika und lassen sich auf einen Zeitraum von vor etwa 1,5 bis 2 Millionen Jahren datieren. Der älteste Vertreter der Gattung Homo, Homo habilis, ist in Ostafrika nachgewiesen, für die Zeit von kurz vor 2 Millionen Jahren bis etwa 1,5 Millionen Jahren. Wenn wir einem Homo habilis zufällig heute begegneten, fänden wir es in vielfacher Hinsicht schwer, in ihm einen Menschen zu erkennen. Er war etwa 1,30 m groß, wog wahrscheinlich unter 40 Kilo, hatte ein sehr breites Gesicht und eine sehr niedrige Stirn, ein im Verhältnis zu uns viel breiteres Becken und schmale Schultern. Doch Homo habilis machte etwas, das kein Schimpanse kann.

Schimpansen haben begrenzte geistige Fähigkeiten: Sie sind nicht in der Lage, ihre Aktivitäten so weitgehend zu planen, dass sie Werkzeuge benutzen, um Werkzeuge herzustellen. In Experimenten hat man ihnen eine Banane angeboten, die immer höher über ihnen aufgehängt wurde. Wenn sie die Banane nicht mehr mit Sprüngen erreichen können, auf dem Boden aber ein Stock liegt, nehmen die Schimpansen den Stock und schlagen damit gegen die Banane, bis sie hinunterfällt. Und wenn es keinen Stock gibt, sondern nur einen starken Ast, an dem noch zu viel Laub ist, um ihn so, wie er ist, zu gebrauchen, begreifen die Schimpansen, dass sie den Ast von seinen Zweigen säubern müssen, damit sie ihn benutzen können, um gegen die Banane zu schlagen. Dann wird es aber schwieriger: Im folgenden Experiment sind die Zweige zu groß, als dass sie mit den Händen abgebrochen werden könnten, doch auf dem Boden liegt ein Stein, den die Schimpansen zu Hilfe nehmen könnten. Und siehe da: Das ist für sie zu kompliziert. Der Stein ist gut sichtbar, doch die Affen begreifen nicht, wie sie ihn benutzen könnten. Im besten Falle nehmen sie ihn auf dem Höhepunkt ihrer Frustration, nachdem sie vergeblich versucht haben, die Zweige mit den Händen abzureißen, und werfen damit auf die Banane. Ihr Denken reicht nicht weit genug; offenbar ist es zu kompliziert für sie, ein Werkzeug (einen handhabbaren Stock) mithilfe eines anderen Werkzeugs (dem Stein) herzustellen.

Homo habilis dagegen stellte steinerne Schneiden her, indem er mit anderen Steinen gegen Steine schlug. Es gibt nur wenige Fossilien von Homo habilis, weshalb wir glauben, dass diese Menschengruppe nicht weit verbreitet war. Vor Kurzem hat man allerdings in Georgien, im Kaukasus, die Reste von ähnlichen Kreaturen gefunden, ebenso von kleinem Körperwuchs und auf vor 1,8 Millionen Jahren datierbar. In Tabelle 1 ist dieser Mensch als Homo georgicus aufgeführt. Also gab es schon in einem sehr frühen Stadium der Menschheitsgeschichte, als wir noch sehr klein waren und unser Gehirn nur ein geringes Volumen besaß, einige, die sich bereits weit von der afrikanischen Urheimat entfernt hatten. Doch es sind erst die Erben von Homo habilis, die als Erste die halbe Welt besiedelt haben.

Vor etwa 2 Millionen Jahren wird es auf der Erde kühler und trockener. Im Norden Afrikas entstehen Wüsten, und die Wälder der von Homo bewohnten Zonen gehen zurück. In den Regionen am Rand der Wälder wurden die Überreste von Homo ergas- ter gefunden und damit die ältesten Skelette, die denen moderner Menschen gleichen. Das Becken von Homo ergaster ist kleiner geworden, was ihm erlaubt, leichter auf zwei Beinen zu laufen. Diese Veränderung hat zwei wichtige Folgen: Einerseits dehnen sich die Lungen nach oben aus, wodurch die Schultern breiter werden und der Brustkorb seine moderne Form annimmt. Andererseits erschwert ein so enges Becken die Geburt, und dies wird noch schwieriger dadurch, dass ergaster nicht nur größer ist als seine Vorgänger, sondern auch einen verhältnismäßig größeren Schädel hat. Diese Problematik hatte etwas zur Folge, das die Evolution des Menschen besonders stark beeinflusst haben muss. Kleine Schimpansen werden mit einem gut ausgebildeten Schädel geboren, in dem sich bereits ein entwickeltes Gehirn befindet. Weibliche ergaster dagegen bringen unreife Junge zur Welt, die nicht ohne den Schutz ihrer Eltern überleben könnten. Von nun an bildet sich ein dauerhaftes Verhältnis zwischen Kindern und Eltern heraus. Es entstehen emotionale Bindungen, die die Gruppe stärken und den Austausch großer Mengen von Informationen erlauben. Das Gebären unfertigen Nachwuchses, das ein Nachteil hätte sein können im Verhältnis zu anderen Spezies, deren Junge praktisch schon von Geburt an selbstständig sind, erweist sich als großartiger Faktor der Evolution, weil es enge familiäre Bindungen erzwingt und so die Grundlagen schafft für die intensive Weitergabe kultureller Errungenschaften, die typisch ist für unsere Spezies.

Die Phase, in der die modernen anatomischen Charakteristiken des Menschen zuerst auftreten, ist recht komplex, und nicht alle Paläontologen sind sich darüber einig, welche Schädel welcher Spezies zuzuordnen sind. Vor allem sind die Grenzen zwischen Homo ergaster, wie wir ihn genannt haben, und Homo erectus fließend, sodass manchen Experten zufolge ergaster die afrikanische Varietät von erectus und keine eigene Art ist. (In Tabelle 1 ist festgehalten, dass in der Tat viele anatomische Besonderheiten beider sich überschneiden.) Wir wollen hier nicht weiter ins Detail gehen: So wie viele Paläontologen werden wir als Homo erectus nur die in Asien, insbesondere auf Java und in China, gefundenen Individuen bezeichnen (die auch als Java- oder Peking-Mensch bekannt sind). Was uns hier interessiert, ist die Tatsache, dass sich vor nur geringfügig weniger als 2 Millionen Jahren eine Menschenart bereits bis nach Ostasien ausgebreitet hat. Homo erectus oder einem seiner Vorfahren hat man die erste große Ausbreitung der Menschheit zugeschrieben. Wir wissen nur wenig darüber, wie die Urmenschen, die Afrika verlassen haben, das schafften, denn nicht überall auf dem Weg von Äthiopien zum Kaukasus und nach China hat man Gebeine gefunden. Ian Tattersall glaubt, erectus habe sich kaum von Homo ergaster unterschieden. Vielleicht hat er Afrika nicht nur über den Sinai und Palästina verlassen, sondern ist auch direkt vom Horn von Afrika nach Arabien gewandert, da beide Landschaften damals noch nicht vom Meer getrennt waren. Die Technologien, über die erectus verfügte, waren nicht besonders ausgefeilt, aber es ist erwiesen, dass er das Feuer bewahren und möglicherweise auch entzünden konnte.

Und Europa? Die ältesten hier gefundenen Fossilien werden auf vor etwa 800 000 Jahren datiert. Sie werden als Homo antecessor klassifiziert, ähneln Homo ergaster, kommen aus Spanien und stellen vermutlich eine aus Nordafrika stammende Gruppe dar, die in der Gegend von Gibraltar übergesetzt, doch ausgestorben ist, ohne sich weiter auf der iberischen Halbinsel auszubreiten. Wenn dem so ist, waren andere die ersten wahren Europäer: Diejenigen, die seit etwa 780 000 Jahren Fossilien in Griechenland, Frankreich, Deutschland und England hinterlassen haben, auch in Ceprano bei Rom. Sie waren über den Vorderen Orient aus Afrika gekommen und hatten einiges (manche Forscher sagen: viel) mit dem asiatischen erectus gemein und werden als Homo heidelbergensis klassifiziert. Diese Menschengruppen oder eine davon sind die Vorfahren eines der bekanntesten Urmenschen: des Neandertalers*.

Viel ist über die Neandertaler geschrieben worden, nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von Schriftstellern, die sie mal als gewalttätige Horden dargestellt haben, mal als sanfte und friedfertige Wesen, die sich nicht gegen ihre aggressiveren Widersacher zu verteidigen wussten – uns zum Beispiel. Sicher ist, dass die Neandertaler bis vor 30 000 oder 40 000 Jahren in Europa und Westasien die typischen Vertreter der Gattung Homo waren, bis sie nach der Ankunft anatomisch moderner Menschen in Europa ziemlich plötzlich verschwanden. In den etwa 300 000 Jahren ihrer Existenz unterlag das Klima in Europa und Westasien einem periodischen Wechsel: Eiszeiten, während derer sich die Eiskappen der Pole ausbreiteten und die Temperaturen sanken, um in den Zwischeneiszeiten wieder zu steigen. Im Verhältnis zu ihren schlankeren Vorfahren, den heidelbergensis, verfügten die Neandertaler über eine robustere Natur, die an kaltes Klima gut angepasst war, dank kurzer Beine und breiter Nasen. Sie hatten auch eine große Hirnschale, die Platz bot für ebenso große Gehirne wie der moderne Menschenschädel, manchmal sogar für etwas größere. Welche Gedanken diese Gehirne beherbergten und wie sie sich die Welt vorstellten, ist schwer zu sagen. Einige Jahre lang dachten die Anthropologen, dass Neandertaler nicht hätten sprechen können, doch diese Vorstellung ist widerlegt worden durch die genauere Untersuchung ihres Zungenbeins, eines Knochens, durch dessen Öffnung man auf die Form des Kehlkopfs schließen kann, und das sich nicht von unserem unterscheidet. Noch nicht wirklich geklärt ist die Frage, ob die Neandertaler ihre Toten beisetzten. Bei einigen Skeletten hat man Muschelschalen und Blütenpollen gefunden, was an eine Art Totenkult denken lässt: Grabbeigaben von Blumen oder als wertvoll betrachteten Objekten. Doch es ist in vielen Fällen schwer zu sagen, ob ein Leichnam wirklich begraben wurde oder ob sich nicht ganz einfach Gestein und Abfälle über ihm angehäuft haben.

Manche Forscher sind der Ansicht, dass es solche entwickelteren kulturellen Zeugnisse nur bei Neandertaler-Populationen gegeben habe, die bereits in Kontakt mit Gruppen jener anatomisch moderner Menschen standen, die in Europa als Cro-Magnon-Menschen* bezeichnet werden, nach dem Ort in Frankreich, wo zuerst ihre Gebeine identifiziert worden sind. Diese Vermutung gilt jedoch als weitgehend widerlegt.

Wer Italien für die Heimat von Eleganz und Stil hält, wird sich nicht wundern zu lesen, dass die italienischen Neandertaler ihren Körper schmückten: An Fossilien von Vögeln, die man in der Grotte von Fumane im Veneto gefunden hat, hat man Spuren beobachtet, die darauf hinweisen, dass Federn absichtsvoll entfernt wurden. Auch hat man in einer Reihe von Neandertaler-Fundorten Pigmentspuren gefunden. Und dann kam im Februar 2018 die Nachricht, dass die ältesten bildlichen Darstellungen nicht von uns, sondern von Neandertaler-Künstlern stammen. Es handelt sich um treppenförmige Zeichen, das Negativprofil einer Hand, Ansammlungen kleiner Kreise und andere schwer entzifferbare geometrische Figuren, die man in der Grotte von La Pasiega in Spanien gefunden hat. Man nimmt an, dass sie vor 64 000 Jahren gemalt worden sind, also zu einer Zeit, als es hier noch keine Menschen wie uns gab. An dieser Datierung – solche Datierungen sind immer schwierig und können irrtümlich sein – sind allerdings Zweifel laut geworden; wir werden sehen.

Wie dem auch sei, es gibt zunehmend Anhaltspunkte dafür, dass die Neandertaler, die Ernst Haeckel im 19. Jahrhundert noch Homo stupidus, also »dummer Mensch« nennen wollte, sehr wohl zu symbolischen Handlungen in der Lage waren und demnach über komplexes Denken verfügten. Vielleicht bedeutet das nicht, dass sie dieselben intellektuellen Fähigkeiten hatten wie wir (was vor allem, weitgehend ungehört, ein Paläontologe verkündet, der die Ehre der Neandertaler hochhält, nämlich João Zilhão vom ICREA-Institut in Barcelona), doch mit Sicherheit befreit sie das von dem schlechten Ruf, den sie lange hatten. Alles in allem ist es wahrscheinlich, dass die Neandertaler auch Dinge von den Cro-Magnon abgeguckt haben, aber es wäre irrig, alles komplexere Verhalten, dessen Spuren wir in den Neandertaler-Fundorten finden, auf diese Kontakte zurückzuführen. Gesichert ist, dass die anatomisch modernen Menschen vor etwa 45 000 Jahren in Europa ankommen und dass sie über den Vorderen Orient hierher gelangt sind. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit gibt es nur noch sie, während die Neandertaler verschwinden. Anatomisch moderne Menschen haben sich schnell über die ganze Welt verbreitet: Für Ostasien ist ihre Anwesenheit seit 65 000 Jahren bezeugt, für Australien seit 45 000 Jahren, für Nord- und Südamerika ein wenig später und als Letztes für die Inseln Ozeaniens. Wir werden darauf noch zurückkommen.

Die Fossilien erzählen uns also, dass verschiedene Menschenarten aufeinander gefolgt sind, dass sich im Laufe der Zeit das Gehirnvolumen vergrößert hat und parallel dazu sich ihre intellektuellen Fähigkeiten erweitert haben, wie auch ihre Werkzeuge bezeugen, die immer raffinierter werden, während die soziale Organisation immer komplexer wird. Doch die Evolution der Menschheit folgt keiner geraden Linie. Es hat verschiedene Auswanderungswellen aus Afrika gegeben, und es gibt Fossilien von Menschenarten, die sich in mancherlei Hinsicht von uns unterscheiden und sich fast überall in der Alten Welt finden – Menschenarten, die sich entwickelt haben und dann anscheinend ohne Nachfahren verschwunden sind. Wir haben kein erschöpfendes Bild von all dem und werden es vielleicht auch nie haben, denn die Funde, die uns zur Verfügung stehen, sind zu wenige, auch wenn mit der Zeit immer neue auftauchen. Jedenfalls können wir diesen komplizierten Prozess nur in seinen großen Linien rekonstruieren. Doch es steht fest, dass die Erde vor etwa 100 000 Jahren von untereinander unterschiedlichen Menschenarten besiedelt war. In Afrika und im Vorderen Orient finden sich Skelette wie unsere, die wir unserer Art, Homo sapiens, zuordnen können. In Europa und Teilen Westasiens lebten Neandertaler, in Asien der Homo erectus. Vor 18 000 Jahren gab es – das ist erst kürzlich entdeckt worden – auf der Insel Flores in Indonesien Menschen von kleiner Statur, die Flores-Menschen oder Homo floresiensis genannt werden. Die jüngste Entdeckung stammt aus Sibirien, aus der Denisova-Grotte, in der auch Gebeine von Neandertalern gefunden wurden. Im trocken-kalten Klima Sibiriens bleibt DNA vergleichsweise lange erhalten: So hat man aus einem winzigen Knochenfragment vom dritten Glied eines kleinen Fingers ausgezeichnet erhaltene DNA erhalten. Dadurch konnte festgestellt werden, dass dieser Finger weder einer von uns (die DNA sagt uns auch, dass es sich um den Finger einer Frau handelte) noch einer Neandertalerin gehörte. Der Denisova-Mensch* ist die älteste Menschenart, die nicht aufgrund ihrer Anatomie, sondern genetisch bestimmt worden ist. (Es ist auch schwer vorstellbar, wie dies anatomisch anhand eines Handknöchelchens und vielleicht einiger Zähne möglich gewesen wäre.) Manche glauben, dass es sich bei den Denisova-Menschen um eine westliche Gruppe von Homo erectus handelt. Dies lässt sich derzeit jedoch nicht erhärten, da wir vom Denisova-Menschen zwar die DNA, aber kein Skelett haben, während wir von Homo erectus einigermaßen komplette Skelette besitzen, aber keine DNA, weil die sich in dem warmen Klima, in dem er lebte, nicht erhalten hat.

Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, hat die Evolution uns eine ganze Reihe moralischer Probleme erspart: Es wäre nämlich nicht einfach zu entscheiden, ob eine uns ähnliche aber doch von uns unterschiedene Menschenart dieselben Rechte haben sollte wie wir oder ob für sie nur die Bestimmungen des Tierschutzes gelten sollten. Heute dagegen kann niemand ehrlicherweise einen von uns für den Angehörigen einer anderen Art halten. Das Problem heute besteht darin zu verstehen, wie verschieden wir untereinander sind und was diese Unterschiede bedeuten. Diese Frage ist so alt wie die Menschheit, wie wir im folgenden Kapitel erfahren werden.

Der Satz in Anführungszeichen, der die »one-drop rule« kommentiert, stammt aus: M. Grant, Passing of the Great Race or The Racial Basis of European History, Neuauflage Manchester 1970. Dies ist ein Text von 1916, in dem es um Vorkehrungen gegen die drohende Auslöschung der weißen Amerikaner durch die Einwanderung geht. Es ist bemerkenswert, dass dieselbe Sorge genau ein Jahrhundert später Italien und Deutschland und das übrige Europa umtreibt. Aber das ist wohl der Lauf der Welt.

Über die Vorurteile, deren Produzenten und Opfer zugleich wir alle sind, lesen wir bei C. Fine, A Mind of its Own: How your Brain Distorts and Deceives, Thriplow 2006.

Die deutsche Übersetzung von Arthur de Gobineaus zuerst zwischen 1853 und 1855 auf Französisch erschienenen Buchs Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen ist 1912 in Stuttgart erschienen.

The Mismeasure of Man (New York 1981) von Stephen Jay Gould, ist auf Deutsch unter dem Titel Der falsch vermessene Mensch, Basel u. a. 1983, erschienen. Ich habe die Anekdote über Samuel Stanhope Smith auf S. 39 der amerikanischen Ausgabe gefunden.

Die Studie über die Fruchtbarkeit der hawaiianischen Ehen findet sich in: C.S. Chung, M.P. Mi, N.E. Morton, Genetics of Interracial Crosses in Hawaii, 1967.

Für einige Anekdoten habe ich mich bei einem Artikel von Brent Staples bedient: »Why race isn’t as black and white as we think«, der am 31. Oktober 2005 in der New York Times erschienen ist.

In Extinct Humans von Ian Tattersall und Jeffrey Schwartz, New Haven, 2001, fndet sich eine ausführliche und gut illustrierte Beschreibung der verschiedenen durch Fossilien dokumentierten Menschenarten. Für eine andere Sichtweise verweise ich auf das 14. Kapitel von J.H. Relethford, The human species, 6th edition, Boston 2005.

Artikel über die allerersten künstlerischen Ausdrucksformen der Neandertaler sind: D.L. Hoffmann et al., »U-Th dating of carbonate crusts reveals Neandertal origin of Iberian cave art«, in: Science 2018, S. 359: 912-915, sowie D.L. Hoffmann et al.: »Symbolic use of marine shells and mineral pigments by Iberian Neandertals 115.000 years ago«, in: ScienceAdvances 4, 2018, S. eaar5255.

Diese Forschungsergebnisse sind von praktisch allen Medien aufgenommen worden, etwa: http://www.bbc.com/news/science-environment-43115488. Darüber, wie die Neandertaler sich mit Adlerfedern geschmückt haben, schreiben: M. Peresani, I. Fiore, M. Gala, M. Romandini, A. Tagliacozzo, »Late Neandertals and the intentional removal of feathers as evidenced from bird bone taphonomy at Fumane Cave 44 ky B.P., Italy«, in: Proceedings of the National Academy of Science USA 108, 2011, S. 3888-3893.

Eine großartige Website, auf der sich viele Informationen über die ausgestorbenen Menschenarten finden, Bilder von Schädeln und Rekonstruktionen, ist die der BBC: http://www.bbc.co.uk/sn/preistoric_life/human/human_evolution/. Eine andere ausgezeichnete Website ist die von Nova, dem wissenschaftlichen Programm des öffentlichen Fernsehprogramms der USA (http://www.pbs.org/wgbh/nova/neanderthals/). Dort können wir die Schädel von Neandertalern und Cro-Magnon-Menschen miteinander vergleichen und einiges über die DNA dieser Urmenschen erfahren.

An der Rekonstruktion des Aussehens ausgestorbener Menschenarten arbeiten mit den wissenschaftlichen Methoden der Polizei drei großartige Künstler: Adrie und Alfons Kennis sowie Élisabeth Daynès. Ein Besuch ihrer Website (http://www.kenniskennis.com/site/Home/ und http://www.daynes.com/en/gallery-reconstructions-paleoanthropology.html) ist eine Erfahrung, die man nicht missen möchte, und ich übertreibe da nicht.

Über den Flores-Menschen gibt es einen ausgezeichneten Wikipedia-Eintrag. Wer damit noch nicht zufrieden ist und etwas Spezielleres sucht, sei verwiesen auf: M. Miraz.n Lahr, R. Foley, »Human evolution writ small«, in: Nature 431, 2005, S. 1043-1044.

Auch zum Denisova-Menschen gibt es einen ausgezeichneten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel. Und für Spezialisten gibt es den Artikel: D. Reich et al., »Genetic history of an archaic hominin group from Denisova Cave in Siberia«, in: Nature 468, 2010, S. 1053-1060.

Das Beispiel für die begrenzten kognitiven Fähigkeiten von Schimpansen habe ich dem Buch von Danilo Mainardi, L’animale culturale (Mailand 1975) entnommen.

Zu den moralischen Problemen, die sich ergäben, wenn wir gleichzeitig mit anderen Menschenarten lebten, empfehle ich sehr: L. Slobodkin, Complexity and Simplicity in Games of the Intellect, Cambridge, Mass., 1992, worin wirklich von allem die Rede ist, und deshalb auch von diesem Thema.

Schon immer haben die Neandertaler die Phantasie der Drehbuchschreiber von Filmen angeregt. Unter den literarischen Texten empfehle ich: H.G. Wells, »The grisly folk« (in: Complete Short Stories, P London 2001).Von dem Finnen Björn Kurtén, der Paläontologe war, bevor er Romane schrieb, gibt es den schönen Roman Der Tanz des Tigers, München 1986, von William Golding gibt es Die Erben, Frankfurt a.M. 1964, und von Alberto Oliverio Neanderthal, Mailand 1993.

Was das Kino betrifft, gibt es The Neanderthal Man von E.A. Dupont (die Ankündigung wirbt mit dem Slogan »Halb Mensch, halb Bestie«). Der Schwarz-Weiß-Film von 1953 ist außerordentlich kitschig und daher sehr unterhaltend. Die Szene, in der sich der Wissenschaftler vor den Augen seiner entsetzten Katze das Serum spritzt und sich in einen sehr stark behaarten Neandertaler verwandelt, hat sich zweifellos die Strafe einer Fortsetzung auf YouTube verdient: https://www.youtube.com/watch?v=Eop8a_ZvFls.

3. KAPITEL
VON DER SCHÖPFUNG ZUM HUMANGENOMPROJEKT

Worin wir im Schweinsgalopp durch die Geschichte der Evolutionsbiologie und Genetik eilen

Die ältesten Mythen

Die Untersuchung menschlicher Fossilien beginnt erst im 19. Jahrhundert mit der Entdeckung der ersten Schädel einer Menschenart, des Neandertalers, in Gibraltar, im belgischen Engis und dann auch im Neandertal bei Düsseldorf, von dem er seinen Namen hat. Doch die Frage »Wer sind wir und woher kommen wir?« ist so alt wie die Menschheit.

Beginnen wir also mit dem Anfang. Am Anfang ist die Schöpfung. Jahrhundert über Jahrhundert sehen die Menschen um sich und stellen fest, dass die Erde von einer Unzahl unterschiedlicher Arten und von unzähligen Individuen jeder Art bevölkert ist; und sie fragen sich, woher sie kommen und was überhaupt der Ursprung des Lebens ist. Aber es ist nicht einfach, gute Antworten zu finden. Gewiss, es gibt Demokrit, Lukrez, Aristoteles und andere, die versuchen, das Universum auf materialistische Weise zu erklären.

Es sind brillante Köpfe, doch verfügen sie über nur wenige Kenntnisse – sie kommen nicht weit. Deshalb sind durch die Jahrtausende für alle, oder beinahe alle, Menschen das Universum und die Organismen, die es besiedeln, das Ergebnis eines göttlichen Schöpfungsakts: Die Natur lässt sich nicht ohne übernatürliche Ursachen erklären. Und der Mensch hat in der Natur eine sehr privilegierte Stellung.

Am Ende des 17. Jahrhunderts beginnen Botaniker und Zoologen, die Verwandtschaften und Unterschiede zwischen Lebewesen genauer zu beschreiben.

Und manche, wie John Locke oder Gottfried Wilhelm Leibniz, glauben an ein Kontinuum, das unbelebte Gestalten mit den einfachsten Lebensformen verbindet, diese mit komplexeren und diese wiederum – möglicherweise – mit noch unbekannten Lebensformen mit größeren intellektuellen und sinnlichen Fähigkeiten als den unseren. Das ist die Anima mundi, die Weltseele, die große Kette der Wesen. Damit befinden wir uns erst am Eingang zum Zeitalter der Wissenschaft, doch man gewöhnt sich bereits an den Gedanken, dass die unterschiedlichen Arten – wir selbst eingeschlossen – miteinander verwandt sind, allerdings auf eine alles andere als klare Weise.

Unterdessen kommen die ersten Fossilien ans Licht: die von Mammuts, Höhlenbären und Säbelzahntigern. Diese Entdeckungen führen zu neuen Fragen: Gewiss, diese ähneln den Tieren von heute, aber nur ein wenig, nicht ganz und gar. Wie und warum sind sie verschwunden? Und was haben sie mit den Tieren von heute zu tun, denen sie doch sehr gleichen? Im Jahre 1785 stellt James Hutton der Versammlung der Royal Society in Edinburgh seine Einheitstheorie vor: Dieselben Phänomene, die in der Vergangenheit die fossile Biodiversität hervorgebracht haben – hätte er geschrieben, wenn er über unser wissenschaftliches Wörterbuch verfügt hätte – sind in der Gegenwart noch immer aktiv und erklären die heutige Biodiversität. Anders gesagt: Das Auftreten und Verschwinden der fossilen Lebewesen gehorcht denselben Kräften (besser konnte Hutton das nicht definieren), die auch noch auf die heutigen Arten einwirken und immer neue Unterschiede produzieren.

Hutton hatte keine sehr genauen Vorstellungen und konnte sie auch nicht haben. Doch sein Beitrag ist fundamental, weil er auf eine Untersuchungsmethode verweist: Wir können nicht in der Zeit reisen, um zu erfahren, was den ausgestorbenen Arten zugestoßen ist, aber wir können etwas über sie erfahren, indem wir beobachten, wie die heutigen Spezies variieren und was diese Variationen verursacht. Der nächste Schritt ist das Verdienst von Georges Buffon, der im Zeitalter der Aufklärung entdeckte, dass Gesteinsschichten ein unterschiedliches Alter haben und damit die Grundlage für die Altersbestimmung der Fossilien legte, die sich in ihnen befinden. Buffon gelangt zu dem Schluss, dass die Erde mindestens 100 000 Jahre alt sein muss (heute wissen wir, dass es etwa 5 Milliarden Jahre sind) und lässt sich auch durch die empörten Reaktionen nicht davon abbringen, das könne doch nur eine Übertreibung sein, weil die Bibel von 6000 Jahren spricht. Und er entwickelt den Gedanken einer fortwährenden Veränderung der Lebewesen im Laufe der Zeit. So schreibt er: »Es ist vielleicht nicht unmöglich, dass […] alle Tiere der Neuen Welt einst dieselben wie die der Alten waren und von ihnen abstammen; man könnte sagen, dass sie, nachdem sie durch gewaltige Meere oder unwirtliche Landmassen voneinander getrennt worden sind, mit der Zeit den Wirkungen eines […] Klimas ausgesetzt waren und nach einer gewissen Periode durch diesen Einfluss sich verändert haben.«

Die Arten verändern sich

Der Gedanke der Veränderung ist fundamental. Bis zu Hutton und Buffon hatte noch niemand in Zweifel gezogen, dass alle Kreaturen der Welt gleichzeitig so aufgetaucht sind, wie wir sie um uns erblicken und wie sie in den Grabungen der Paläontologen ans Licht kommen. Im Extremfall konnten sie aussterben, aber alle waren seit der Schöpfung da. Doch nun beginnt man zu denken, dass es anders gewesen sein könnte, dass es im Laufe der Jahrhunderte, im Wechsel von der Alten zur Neuen Welt, wie Buffon sagt, zu Veränderungen gekommen ist. Im Unterschied zu Hutton ist Buffon Anhänger einer Katastrophentheorie: Er stellt sich vor, dass dereinst andere Kräfte am Werk waren als die, die wir heute kennen, und zwar extreme Kräfte: weltweite Fluten, mehr als nur eine einzige Sintflut. Trotz der Begrenztheit seiner Theorie legt Buffon die Grundlagen für etwas Neues, denn wenige Jahre später taucht die Rede von einer Evolution auf.

Einen letzten grundlegenden Schritt voran bringt uns Jean-Baptiste Lamarck, dessen trauriges Schicksal es sein wird, dass in den Schulbüchern stets an ihn als jemand erinnert wird, der unrecht hatte, während Darwin recht hatte. In Wahrheit sind die Dinge etwas weniger offensichtlich. Darwin hatte zweifellos mehr recht als Lamarck, doch Lamarck war sein wichtiger Vorläufer, auch wenn er einigen Irrtümern erlegen ist. In der Tat glaubte Lamarck wie übrigens auch Buffon, dass Leben fortwährend aus lebloser Materie entsteht – aus schmutziger Wäsche im Keller entstehen Mäuse und dergleichen. Er irrte sich, denn das Leben, so wie wir es kennen, ist vor mehreren Jahrmilliarden entstanden, die schmutzige Wäsche bringt nichts hervor, und die Mäuse hat ihre Mama im Keller zurückgelassen. Doch Lamarck war der Erste, der den Gedanken äußerte, dass ähnliche Organismen auf gemeinsame Vorfahren zurückgehen, sich aber verändert haben, und dass es die Umwelt ist, die den Wandel von einfachen zu immer komplexeren Formen vorantreibt. Und hierin hatte er einfach recht, Darwin hat das auch immer anerkannt. Lamarck war allerdings über die Art und Weise im Irrtum, wie die Umwelt die Evolution vorantreibt: Er glaubte, die Organismen änderten sich im Laufe ihres Lebens, um sich an die Umweltbedingungen anzupassen, indem sie kräftiger, größer oder schneller würden, und gäben diese erworbenen Eigenschaften dann an ihre Nachkommen weiter. Dies wird die Theorie des Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Organen genannt. Lamarck hat sie gar nicht erfunden (zuvor hatte schon Darwins Großvater Erasmus davon gesprochen), und sie funktioniert nicht. Das typische Beispiel dafür ist der Hals der Giraffe, der sich infolge der Anstrengung irgendwelcher Giraffen-Vorfahren, die höheren Blätter an den Bäumen zu erreichen, verlängert haben soll, was dann dauerhaft weitervererbt worden sei. Es ist allgemein bekannt, dass es so nicht war, während nur wenige wissen, dass Lamarck hier eigentlich nur eine Idee von Erasmus Darwin aufgenommen hat. Alles in allem hätte es Charles Darwin ohne den so schlecht beleumundeten Lamarck, ohne dessen Studien, die in Wahrheit gar nicht nur seine waren, und ohne seine Giraffen viel schwerer gehabt.

Darwins Evolution

Vor Darwin kam dann noch Thomas Robert Malthus mit seinem Kampf ums Überleben oder »Kampf ums Dasein«, wie es im Deutschen meist heißt. Bevölkerungen haben, so Malthus, mehr oder weniger konstante Größen, doch in jeder Generation werden weit mehr Individuen geboren als nötig wäre, um ihre Eltern zu ersetzen. Deshalb sind viele von ihnen dazu verdammt unterzugehen, bevor sie sich reproduzieren konnten. Auf diese Weise wählt die Natur einige Glückliche aus der viel größeren Zahl der Individuen aus, die sich in einem heftigen Wettbewerb befinden. Für Darwin blieb das ein bestechender Gedanke. Während seiner Reisen sammelte er eine beeindruckende Zahl von Beobachtungen zu vielen Tier- und Pflanzenarten. Auch stellte er fest, dass die Nahrungsressourcen knapp sind und deshalb die Populationen nicht dadurch wachsen, dass mehr Individuen geboren werden, sondern dadurch, dass mehr Individuen es schaffen, bis zu dem Alter zu überleben, in dem sie sich reproduzieren können. Aus seiner Malthus-Lektüre schloss Darwin, dass die Evolution vor allem von der Mortalität* abhängt, was am offensichtlichsten wird bei traumatischen Ereignissen wie Hungersnöten und Epidemien. Von sich aus fügt Darwin dem hinzu, dass diese Mortalität sich nicht zufällig in einer Spezies verteilt, weil nicht alle Individuen mit den gleichen Voraussetzungen in den Wettbewerb eintreten. Es gibt Individuen mit Eigenschaften, die sie unter den gegebenen Umweltbedingungen begünstigen und die dadurch bessere Überlebenschancen und mehr Nachkommen haben werden. Diese Nachkommen haben dieselben Eigenschaften wie ihre Eltern, und so verbreiten sich diese Eigenschaften innerhalb der Spezies. Das ist die natürliche Selektion*.

Diese vergleicht Darwin mit etwas scheinbar ganz anderem, das er künstliche Selektion* nennt. Aufgrund der natürlichen Variabilität* gibt es bei Haustieren manche Hunde oder Pferde mit besonderen Eigenschaften; sie sind zum Beispiel schneller oder kräftiger. Die Züchter kreuzen unter ihnen nur diese Individuen, lassen die anderen beiseite, und nach wenigen Generationen sind diese Eigenschaften deutlich verstärkt. Dasselbe geschieht auch in der Landwirtschaft bei der Selektion von Pflanzenvarietäten, die widerstandsfähiger gegen Parasiten oder reicher an Zucker sind. Die natürliche Selektion, schließt Darwin, bewirkt in längeren Zeiträumen dasselbe, was die Züchter mit ihrem kontrollierten Kreuzen in kurzer Zeit erreichen: Durch die zunehmende Aussonderung oder die reduzierte Fortpflanzungsmöglichkeit der weniger Angepassten ändern sich mit der Zeit die Eigenschaften der Arten, und sie passen sich besser an ihren Lebensraum an.

Die Anpassung an die Umwelt* ist eines der beiden Schlüsselkonzepte der Evolution. Zu dem anderen Grundkonzept, den Veränderungen bei der Abstammung von denselben Eltern, war, wie wir gesehen haben, bereits Lamarck gelangt, und Darwin fasst es in einem berühmten Brief an den Naturforscher Leonard Jenyns wie folgt zusammen: »Der allgemeine Schluss, zu dem ich nach und nach, ausgehend von der entgegengesetzten Überzeugung, gelangt bin, ist der, dass Arten veränderlich sind und ähnliche Arten sämtlich von gemeinsamen Vorfahren abstammen.« Es besteht kein Zweifel daran, dass auch mehr als anderthalb Jahrhunderte nach der Veröffentlichung von Darwins Hauptwerk Die Entstehung der Arten im Jahre 1859 die Darwinsche Evolutionstheorie die Grundlage der modernen Biologie darstellt und der wichtigste Beitrag der Biologie zur Kultur der Welt ist (»nichts hat in der Biologie ohne die Evolution einen Sinn«, formulierte Theodosius Dobzhansky, einer der großen Genetiker des 20. Jahrhunderts). Wir möchten noch einmal Darwin zitieren, um dies zusammenzufassen:

Es fesselt uns außerordentlich, ein Hügelgewirr, das mit vielen Pflanzen vieler Arten bekleidet ist, wo die Vögel in den Büschen singen, mannigfache Kerbtiere herumschwirren und Würmer durch die feuchte Erde kriechen, zu betrachten und darüber nachzudenken, daß diese kunstvoll gebauten Formen, die so verschieden voneinander sind und auf so verwickelte Weise voneinander abhängen, alle durch Gesetze hervorgebracht worden sind, die um uns her wirken. Diese Gesetze sind, im weitesten Sinne genommen, das Wachstum mit der Zeugung, die Vererbung, die sich aus der Zeugung beinahe von selbst ergiebt, die Veränderlichkeit durch die unmittelbare und mittelbare Wirkung der Lebensbedingungen und den Gebrauch und Nichtgebrauch, ein Prozentsatz der Vermehrung, der so hoch ist, daß er zum Kampf ums Dasein und infolgedessen zur Naturauslese führt, die das Auseinandergehen der Merkmale und das Aussterben der weniger vervollkommneten Formen im Gefolge hat. So folgt das höchste Ergebnis, das wir uns denken können, die Hervorbringung der höheren Tiere, unmittelbar aus dem Kampf in der Natur, aus Hungersnot und Tod. Es liegt Erhabenheit in dieser Annahme, daß das Leben mit seinen verschiedenen Kräften vom Schöpfer ursprünglich nur einigen oder einer Form eingehaucht sei, und daß, während dieser Planet nach den festen Gesetzen der Schwerkraft sich gedreht hat, aus einem so einfachen Anfang unendlich viele Formen von hoher Schönheit und Wunderbarkeit sich entwickelt haben und noch entwickeln.

Natürlich wusste Darwin nicht alles. Vor allem wusste er nichts von der Genetik – und konnte es auch nicht wissen. Wenn er von Variabilität spricht, spricht er vage, lamarckianisch, von Gebrauch und Nichtgebrauch, was bedeutet, dass ihm ein grundlegender Aspekt der Vererbung entgangen war (aber auch, wie wenig dogmatisch sein Denken war). Die Regeln der Weitergabe des Erbguts, die Vererbungsgesetze, hat Gregor Mendel in Mähren fast zur selben Zeit entdeckt, doch Darwin wusste nichts davon. Es gibt zahlreiche – vermutlich falsche – Geschichten von Manuskripten, die Mendel an Darwin geschickt haben soll und die nach seinem Tode ungeöffnet aufgefunden wurden. Tatsächlich bekam Darwin im Jahr um die tausend Briefe und schrieb ebenso viele, und vielleicht hat er nicht alles, was ihm zugesandt wurde, gelesen. Wenn Mendel wirklich, wie es heißt, Darwin seinen Artikel geschickt und dieser ihn nicht gelesen hat, war dies für beide bedauerlich: für Darwin, dem bis zu seinem Tod eine zentrale Klammer seiner Theorie fehlte, nämlich das genaue Verständnis davon, nach welchen Regeln Erbeigenschaften über Generationen weitergegeben werden, und für Mendel, dessen Entdeckungen unbemerkt blieben, bis Anfang des 20. Jahrhunderts drei verschiedene Forscher sie gleichzeitig wiederentdeckten.

Die Verbindung der Darwinschen Evolutionstheorie mit der modernen Genetik nennen wir heute Synthetische Theorie oder Neodarwinismus*. Trotz einiger anfänglich ablehnenden und abwehrenden Reaktionen (berühmt ist vor allem die des Dubliner Naturforschers Samuel Haughton, demzufolge alles Neue bei Darwin falsch, und alles Richtige alt war) hatten Darwins Gedanken einen schnellen und umfassenden Erfolg. Allerdings wird auch heute noch weiter gegen den Evolutionismus polemisiert. In Der Ursprung der Arten kommt der Mensch nur selten vor, doch die Vorstellung, unsere Spezies sei nach denselben Naturgesetzen entstanden, die auch zur Evolution aller anderen Arten geführt haben, ist offenbar schwer verdaulich, und sie war es gleich von Anfang an. Auch heute noch versuchen alle möglichen fundamentalistischen Sekten, die Idee der Evolution in Büchern und Websites zu diskreditieren. Dabei handelt es sich vor allem um protestantische Gruppen in den USA, aber auch die islamische Welt meint es damit ziemlich ernst. Bei den Katholiken haben sich gewisse Kreise in der Polemik gegen einige von Johannes Paul II. verfasste kluge und ausgeglichene Textseiten zu einer antidarwinistischen Kampagne zusammengetan, die ihren bisherigen Höhepunkt in einem einflussreichen Artikel fand, den der Wiener Kardinal Christoph Schönborn in der New York Times unterbringen konnte – einem äußerst arroganten Artikel, in dem er behauptet, dass diejenigen, die in der biologischen Welt nicht das göttliche Design sähen, ihre Intelligenz abgegeben hätten und schlechte Wissenschaftler seien. Trotz solcher Ausfälle lässt sich nicht leugnen, dass der Neodarwinismus ein voller Erfolg war. Niemand, und wohl nicht einmal der Wiener Bischof, wundert sich darüber, dass die Apotheken Jahr für Jahr einen anderen Grippeimpfstoff anbieten; doch die Mechanismen, nach denen das Influenza- Virus* sich entwickelt und die uns zwingen, immer neue Impfstoffe zu entwickeln, sind genau die, die Darwin – der allerdings noch nichts von Viren wusste – beschrieben hat. Kurz, Evolution hat es immer schon gegeben, und sie wirkt noch immer weiter; dank Darwin und seinen Vorläufern haben wir begriffen, wie sie funktioniert, und heute gibt es keine nichtdarwinistische Biologie mehr. Die antievolutionistischen Polemiken, die erstaunlicherweise – wenngleich glücklicherweise nur vorübergehend – in den Lehrplänen der Oberschulen etwa in Italien ihren Niederschlag gefunden haben, kommen aus der Ecke des extremen religiösen Fundamentalismus, und sie haben nichts mit der Wissenschaft zu tun, auch wenn sie versuchen, ihrem dogmatischen Anspruch ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen.

Um die Bedeutung der Genetik zu begreifen, ist es sinnvoll, noch einmal auf die Giraffen zurückzukommen. Wir können Experimente anstellen, um festzustellen, ob »Gebrauch oder Nichtgebrauch« sich vererben, wie Lamarck behauptete. Diese Experimente zeigen, dass dem nicht so ist, und wir müssen sie auch nicht an Giraffen anstellen, die ziemlich platzraubend sind und viel fressen. Es reicht auch, auf Mäuse zurückzugreifen, ihnen den Schwanz abzuschneiden und sie sich reproduzieren zu lassen. Auch nach zwanzig Generationen, werden die Mäuse weiter mit einem Schwanz geboren, auch wenn er ihnen zu nichts nützt. In gewissem Sinne, sagt Steve Jones, führen die Juden schon seit Jahrtausenden ein solches Experiment durch, in dem sie die Beschneidung der Söhne durchführen, was jedoch noch nie zur Geburt bereits beschnittener Kinder geführt hat.

Wie der Hals der Giraffe wachsen konnte, hat Darwin intuitiv erfasst, und neuere genetische und molekularbiologische Untersuchungen haben dies bestätigt. Eigentlich, sagt Darwin, gibt es Variabilität schon immer, und sie entsteht nicht durch Gebrauch oder Nichtgebrauch eines bestimmten Organs. Indem sie sich bemühen, an die obersten Zweige der Bäume zu gelangen, können Giraffen allenfalls ihren eigenen Hals lang machen, aber nicht den ihrer Nachkommen verlängern. Die Variabilität ist schon vorher da: Giraffen werden mit unterschiedlich langen Hälsen geboren, heute genauso wie in der Vergangenheit. Und diese Variabilität wird vererbt: Giraffen mit einem langen Hals bringen gewöhnlich Giraffen mit langen Hälsen hervor, die mit verhältnismäßig kurzen Hälsen Nachkommen mit kurzen Hälsen. Erstere haben einen leichten Vorteil, weil sie, wenn alle Blätter an den niedrigen Ästen bereits abgefressen sind, auch an die gelangen, die etwas höher wachsen. Diesen Giraffen steht also dank ihrer ererbten Eigenschaft – dem langen Hals – eine Umweltressource in größerem Maße zur Verfügung als anderen. Die Umwelt, erklärt uns Darwin, schafft keine Variabilität, doch sie wählt die Eigenschaften aus, die zu einem gegebenen Zeitpunkt für die Individuen günstiger sind. Wenn nur die an die Umwelt besser angepassten Giraffen – das heißt, die mit dem durchschnittlich längeren Hals – sich reproduzieren können und wenn die Giraffen mit den kürzeren Hälsen im Überlebenskampf verlieren, werden die Giraffen mit jeder neuen Generation etwas vorteilhaftere Hälse haben, während die weniger angepassten Hälse allmählich verschwinden. Dies ist nichts mehr und nichts weniger als die natürliche Selektion.

Gegenüber der Lamarckschen Theorie hat die Darwins freilich einen Nachteil: Die Vererbung erworbener Eigenschaften ist immerhin eine – wenn auch falsche – Erklärung sowohl für den Ursprung der Variabilität als auch für die gelungene Anpassung an die Umwelt. In Darwins Theorie, die die Anpassung korrekt erklärt, bleibt der Ursprung der Variabilität im Dunkeln. Darüber sollte jemand anderes, nämlich der Augustinermönch Gregor Mendel, forschen, und die Bedeutung seiner Entdeckung hat wenigstens nach seinem Tod Anerkennung gefunden.

Mendels Vererbungslehre

Die von Mendel entdeckten genetischen Gesetze beschreiben, wie Vererbung funktioniert. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gelang dann auch der Nachweis, dass das Molekül*, das diese Regeln enthält, die DNA ist. Es findet sich viel verschiedene Materie in unseren Zellen, viele Typen von Molekülen: kleine und große Moleküle wie Zucker und Fette, Proteine – und die Nukleinsäuren, also RNA und DNA. Eines dieser Moleküle muss die Erbinformation enthalten, aber Mendel konnte es nicht kennen. Erst Avery, McLeod und McCarthy konnten nachweisen, dass die Erbeigenschaften des Lungenentzündungsbakteriums in der DNA der Zellen enthalten sind: Bakterien* mit unterschiedlicher DNA vererben bei den Mäusen, in die sie injiziert werden, ihren Nachkommen auch verschiedene Formen von Lungenentzündung. Im Laufe weniger Jahre bestätigten weitere Experimente, dass die DNA nicht nur für das biologische Erbe dieser besonderen Bakterien, sondern für das aller Lebewesen verantwortlich ist.

Doch woher kommt nun die genetische Variabilität, wenn die Umwelt nur aus ihr auswählen kann und dabei einen Teil des Erbes eliminiert? Müsste sie sich nach Jahrmilliarden natürlicher Selektion nicht vollkommen erschöpft haben? Lamarck hat keine Antwort darauf gefunden, Darwin hat sie nur in großen Linien erahnt, und Mendel hat sie auch nicht gewusst. Erst seit dem 20. Jahrhundert wissen wir, dass die Antwort in der Art und Weise besteht, wie sich die DNA vor jeder Zellteilung* repliziert, wobei aus einer Zelle mit einer bestimmten DNA zwei Zellen mit einem identischen DNA-Inhalt entstehen. Dasselbe geschieht in den Reproduktionsorganen bei der Entstehung von Eizellen und Spermatozoen, aus deren Verschmelzung die befruchtete Eizelle hervorgeht, und aus der wiederum ein neues Individuum. 1956 schließlich entdecken Watson und Crick, dass die DNA die Form einer Doppelhelix hat, und beschreiben den Mechanismus ihrer Replikation*. Jedes Mal, wenn eine Zelle sich reproduziert – sei es eine gewöhnliche Zelle unseres Körpers oder eine dieser hochspezialisierten Zellen, die das Leben eines neuen Organismus begründen –, wird ihre DNA sorgfältig kopiert; deshalb ist die DNA eines Kindes die exakte Kopie der halben mütterlichen und der halben väterlichen DNA.

Genau genommen ist es eine mehr oder weniger exakte Kopie. In Wirklichkeit ist der Kopiermechanismus der DNA zwar sehr genau, aber nicht unfehlbar. Immer wieder einmal kommt es in einer Region der DNA – in welcher, lässt sich nicht vorhersehen – zu einem kleinen Fehler. Diese Fehler nennen wir Mutationen*. Nach der Mutation ist ein winziger Abschnitt der DNA anders; einige Individuen werden ihn von ihren Eltern so vererbt bekommen, andere wiederum werden eine unveränderte DNA als Erbe empfangen: Es entstehen Unterschiede, die wir genetischen Polymorphismus oder eben Variabilität nennen. Die verschiedenen Varianten desselben Gens, die wir Allele* nennen, sind in unterschiedlicher Häufigkeit in den verschiedenen Populationen vorhanden: Sie sind das Material, mit dem die Evolution arbeitet.

Die natürliche Selektion oder einfach der Zufall führen zum Verschwinden mancher Allele, doch die Mutation schafft immer neue, und deshalb erschöpft sich die Variabilität nie.

Aber sind Mutationen nun gut oder schlecht? Das kommt darauf an. Viele Mutationen bewirken weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes, weil ein großer Teil unserer DNA, drei Viertel dessen, was wir zusammengenommen als unser Genom* bezeichnen, einfach in den Zellen vorhanden ist, ohne etwas zu tun. Darauf werden wir noch zurückkommen. Zunächst einmal halten wir aber fest, dass bei den Menschen wie bei den anderen Säugetieren das übrige Viertel von größter Relevanz ist, weil es die Anleitungen zur Produktion der Eiweiße enthält und somit alle unsere Erbeigenschaften bestimmt. Mutationen verändern zufällig die in der DNA enthaltene Botschaft; das dadurch verändert produzierte Protein kann fehlerhaft sein und Ursache einer Erbkrankheit werden. Mukoviszidose, Muskeldystrophie und weitere noch komplexere Krankheiten, darunter viele Krebsarten, sind die Folgen von Mutationen, die irgendeine Funktion des Organismus stören. In anderen Fällen sind die Folgen gering.

Es gibt Menschen mit den Blutgruppen A, B, 0 und AB, und ihnen geht es meistens gut. Die unterschiedlichen Blutgruppen werden in unterschiedlichen Kombinationen durch drei Allele determiniert, die wir IA, IB und I0 nennen; so haben beispielsweise die Blutgruppe AB Menschen, die von einem Elternteil das Allel IA und vom anderen IB geerbt haben, während die Blutgruppe 0 diejenigen haben, deren beide Elternteile bereits diese Blutgruppe hatten. Jedes dieser drei Allele ist das Ergebnis von Mutationen, die sich vor vielen tausend Jahren ereignet haben; sie sind in unserer Spezies erhalten geblieben und haben sich von Kindern zu Kindeskindern und so weiter vererbt, weil sie nicht weiter schaden.

Und schließlich gibt es noch einen Anteil von Mutationen, die ihren Trägern einen Vorteil bringen und sich deshalb tendenziell durch natürliche Selektion ausbreiten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Mendelschen Gesetze wiederentdeckt wurden, lag es nicht auf der Hand, sie mit der Idee der Evolution zusammenzubringen. Die Mendelsche Genetik beschreibt die Vererbung als Ergebnis der Weitergabe einzelner Einheiten, der Gene, von denen jedes für eine bestimmte biologische Funktion zuständig ist: Die Gene bestimmen, ob wir die Blutgruppe A, B, 0 oder AB haben; jeder von uns hat Allele für eine normale Blutgerinnung oder ist hämophil, also Bluter, und so weiter. Die Evolutionsforscher untersuchten vor allem die Anatomie der Organismen, in der die Eigenschaften kontinuierlich variieren, in denen also die Veränderung innerhalb eines Zeitintervalls einen bestimmten Wert erreichen kann: Der Flügel eines Vogels kann 8 cm, 8,1 cm, 8,2 cm etc. lang sein. Wie ist es möglich, dass diese kontinuierliche Variabilität von der Weitergabe von Genen abhängt, die diskontinuierlich wirkt? Es war nicht einfach, die Antwort auf diese Frage zu finden. Es waren schließlich die großen Theoretiker des 20. Jahrhunderts, denen das gelungen ist; wir können diese Antwort so zusammenfassen: Die kontinuierliche Variabilität resultiert aus dem Zusammenspiel zahlreicher Gene, deren Ausdruck durch die Umwelt beeinflusst wird. Auch heute begreifen wir noch nicht alle Aspekte dieser Interaktionen, und es wird noch mancher Arbeit bedürfen, um sie gründlich zu verstehen. Doch immerhin konnte Theodosius Dobzhansky 1937 ein Buch in den Druck geben, das den Titel Genetics and the Origin of Species trug, ein Buch, das Generationen von Biologen in großem Maße beeinflusst hat. Seitdem, seit der sogenannten modernen Synthese, sind Genetik und Evolution nicht mehr voneinander zu trennen.

Der genetische Code

Um 1960 legten die Studien von Gobind Khorana und Marshall Nirenberg den genetischen Code* offen. Wir können uns die DNA wie eine lange Kette vorstellen, in der sich in einer Fülle von Variationen eine nach der anderen vier Komponenten – das sind in diesem Falle Basen* – wiederholen, die wir mit den Buchstaben A, C, G und T bezeichnen (Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin). Variabilität oder Polymorphismus bedeuten, dass jemand in einem bestimmten Abschnitt* der DNA ein T und jemand anderes ein C hat, weil es sich um zwei verschiedene Allele handelt, das mit T und das mit C. Wenn wir die Genome der beiden Menschen miteinander vergleichen, finden wir durchschnittlich Unterschiede von einer Base pro tausend, während die anderen 999 identisch sind.

Ich weiß nicht, ob er selbst als Erster die Idee hatte, doch jedenfalls ist Francis Crick der Erste, der definiert hat, was er selbstironisch (Wissenschaft kennt keine Dogmen) das »Zentraldogma« der Biologie nennen wollte: Die DNA produziert die Proteine und nicht umgekehrt. Doch wie stellt sie das an? Das ist kein banales Problem. Auch die Proteine sind, wie die DNA, lange Ketten, die allerdings aus 20 verschiedenen Komponenten bestehen, den Aminosäuren*, während es in der DNA nur vier unterschiedliche Basen gibt. Um 20 verschiedene Dinge, nämlich die 20 Aminosäuren, mit einem Alphabet aus vier Buchstaben – den vier Basen der DNA – bezeichnen zu können, begriffen Khorana und Nirenberg, reichen Wörter, die aus nur einem Buchstaben bestehen (das wären maximal 4) nicht aus, auch nicht aus zwei Buchstaben gebildete (das wären maximal 16); vielmehr brauchen wir wenigstens drei Buchstaben. In einer langen Versuchsreihe gelang es ihnen zu entdecken, welche Aminosäuren von jeder der 64 möglichen Kombinationen der drei DNA-Basen dargestellt werden. Ihre Untersuchungen haben gezeigt, wie die in der DNA enthaltenen und über Generationen weitergegebenen Erbinformationen im Inneren der Zellen umgesetzt werden, um Proteine zu erzeugen, deren Aminosäuren-Sequenz* in der Basen-Sequenz der DNA hinterlegt ist. Das Auftreten einer Mutation verändert die DNA-Sequenz, schafft ein neues Allel und wirkt sich auf die entsprechende Proteinsequenz aus, indem es sie ebenfalls verändert. Die DNA-Sequenz enthält also die Befehle, dank denen nach einem komplett entschlüsselten und im Wesentlichen bei allen Lebewesen identischen Code die Proteine Gestalt annehmen, aus denen sich unsere Zellen zusammensetzen und die bestimmen, wie wir aussehen. Diese Befehle interagieren auf eine alles andere als simple Weise mit der Umwelt, von der wir Sauerstoff, unsere Nahrung, Anregungen und Kultur beziehen. Was wir sind, sind wir zum Teil, weil wir unsere eigene DNA haben (und nicht die von jemand anderem), zum Teil aber auch durch die Umwelt, in der diese DNA ihre Proteine produziert hat und weiter produziert, das heißt, in der sie sich ausdrückt.

In den letzten Jahrzehnten hat es eine explosionsartige Entwicklung von Techniken und von Wissen in der Genetik gegeben. Die Sequenz der DNA zu lesen war zunächst eine teure, komplizierte und langwierige Angelegenheit; heute ist sie schnell, preiswert und effizient. Von 1990 an hat ein vor allem amerikanisches und britisches Konsortium von Universitäten und privaten Forschungseinrichtungen damit begonnen, die komplette Sequenz des menschlichen Genoms auszulesen, und im Juni 2000 verkündeten der amerikanische Präsident Bill Clinton und der britische Premierminister Tony Blair in einer gemeinsamen Pressekonferenz (etwas vorschnell – es gab noch Fehler in der ersten veröffentlichten Sequenz) die Vollendung des Projekts. In einer jahrelangen Anstrengung wurden Milliarden DNA-Basen gelesen, so viele, wie die DNA einer unserer Körperzellen enthält. In einer solchen Folge von A, C, G und T sind die Informationen enthalten, die das genetische Projekt eines jeden von uns enthalten. Dazu gibt es allerdings noch viel zu tun. Statt einer einzigen haben wir heute Abertausende vollständige Sequenzen, von denen viele öffentlich gemacht worden sind, also im Netz den Wissenschaftlern zur Verfügung stehen. Wir haben sie gelesen, wir verstehen ihre einzelnen Wörter – das heißt, die Gene – und das ist bereits ein guter Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Methoden, um Krankheiten zu diagnostizieren, sie zu heilen und ihnen vorzubeugen. Doch noch begreifen wir nicht die Syntax des Genoms, also wie unsere Gene sich untereinander absprechen, wie sie angeregt und wieder abgeschaltet werden, und wie sie Botschaften aus der Außenwelt verarbeiten. Bevor wir diese Syntax verstanden haben, werden wir leider auch nicht verstehen, was die genetischen Grundlagen für unsere wichtigsten Unterschiede sind, zum Beispiel warum jemand unter hohem Blutdruck leidet und jemand anderes nicht, warum unter denselben Umständen jemand an Krebs erkrankt und jemand anderes nicht, warum unsere intellektuellen Fähigkeiten mit dem Alter nachlassen und warum dies bei den einen früher beginnt als bei den anderen. Darauf kommen wir im 8. Kapitel noch einmal zu sprechen.

Inzwischen haben sich auch unsere Fähigkeiten vervielfacht, die DNA-Sequenz zu interpretieren, das heißt, zu bestimmen, in welchen DNA-Abschnitten welche Proteine codiert sind. Bei der Analyse des menschlichen Genoms und dessen anderer Spezies, vom Huhn bis zum Reis, von der Fruchtfliege bis zum Schimpansen, wurde überraschenderweise entdeckt, dass ein Gutteil der DNA (drei Viertel, haben wir vorhin gesagt) eigentlich nichts codiert. Der Mensch besitzt sehr viele Gene, etwa 22000, und jedes produziert zumindest ein eigenes Protein (viele produzieren sogar zahlreiche, aber das spielt hier keine Rolle). Aber alle diese aktiven Gene nehmen nur ungefähr ein Viertel des Genoms ein, und wir wissen nicht genau, wozu die übrigen drei Viertel da sind, auch wenn es dazu viele Hypothesen und einige gute Daten gibt. Es ist oft darüber diskutiert worden, und es wird auch weiter darüber diskutiert, warum die Evolution in den Zellen der komplexeren Organismen so viel DNA übriggelassen hat, die keine Eiweiße produziert und auf den ersten Blick zu nichts nütze ist. Manche nehmen an, dass diese DNA dort stehengeblieben ist, weil sie nicht schadet und es deshalb keinen Grund für die Evolution gibt, sie zu beseitigen; andere wieder glauben, dass sie, da sie nun einmal da sind, vielleicht doch die eine oder andere Funktion haben, möglicherweise sogar Funktionen, die wir noch nicht verstehen.

Für unser Buch ist interessant, dass die nichtcodierende DNA* nicht der natürlichen Selektion unterliegt. Die Mutationen, die sie betreffen, verändern keinerlei Protein, bewirken also weder Gutes noch Schlechtes, und werden deshalb problemlos an die Nachkommen weitergegeben. Dadurch, also dank dieser Mutationen, bleibt in unserer DNA die Spur ältester Ereignisse erhalten, die wir heute zu identifizieren lernen. Wenn zum Beispiel eine bestimmte Mutation vor 20 000 Jahren stattgefunden und zur Bildung eines neuen Allels bei einem Menschen geführt hat, der in Asien lebte und dessen Nachkommen sich über die Beringstraße nach Nordamerika und von dort aus weiter nach Südamerika ausgebreitet haben, werden wir dieses Allel bei einigen Asiaten und bei vielen indigenen Amerikanern finden, im Norden wie im Süden. Ausgehend von der Verteilung dieser Allele auf die geographischen Regionen, in denen sie heute vorkommen, und davon, wie weit sie dort verbreitet sind, ist es uns gelungen, die wichtigsten Wanderungen zu rekonstruieren, die zur Verbreitung unserer Spezies (und vieler anderer) auf dem Planeten geführt haben. Deshalb werden wir im Folgenden dieses Buchs diesen Allelen und den Mutationen, die zu ihnen geführt haben – Mutationen, die wir neutral nennen, weil sie weder gute noch schlechte Folgen haben – große Aufmerksamkeit widmen.

DNA, Umwelt und menschliche Diversität

Jetzt aber wollen wir uns mit der menschlichen Diversität befassen. Da wir inzwischen verstanden haben, dass es für jedes Gen viele Allele geben kann, können wir sagen, dass die genetische Vielfalt der Menschen das Produkt aller dieser Allele ist. Doch um besser zu verstehen, was dies bedeutet, müssen wir noch einmal einen Schritt zurück tun zu den von Mendel entdeckten Vererbungsgesetzen. Die Gene, deren Funktionsweise Mendel verstanden hatte und die Avery und seine Mitarbeiter:innen in der DNA lokalisiert haben, sind in jedem von uns gegenwärtig, in jeder einzelnen unserer Zellen, und zwar in zwei Kopien, einer mütterlichen und einer väterlichen Ursprungs. Da nun alle unsere Zellen von der befruchteten Eizelle abstammen, enthalten sie sämtlich dieselbe DNA, die sehr getreu kopiert worden ist, wenn wir einmal von gelegentlichen Mutationen absehen.

Unser Genom, die Gesamtheit unserer DNA, enthält mehr als 6 Milliarden Basen, also über 3 Milliarden von jedem der beiden Elternteile. Um möglichen Verwirrungen vorzubeugen, nennen wir dasjenige Genom diploid*, das in einer doppelten Kopie vorliegt, also das der meisten Zellen, und haploid das, das nur in einer einfachen Kopie in den Eizellen und den Spermatozoen vor der Befruchtung vorhanden ist. In den Zellen der höher entwickelten Organismen gibt es nicht nur eine DNA-Kette, sondern eine ganze Anzahl davon, die wir als Chromosomen* bezeichnen. Wir Menschen haben 46 davon, 23 mütterlichen und 23 väterlichen Ursprungs, und auch hier können wir deshalb von einem haploiden Chromosomensatz (den 23 Chromosomen einer nichtbe-fruchteten Eizelle oder einer Spermatozoe) und einem diploiden Chromosomensatz reden (den 46 Chromosomen einer befruchteten Eizelle und allen weiteren aus dieser hervorgegangenen Zellen, aus denen unser Organismus besteht). Unsere 22 000 Gene verteilen sich auf 23 Chromosomen, die wir von unserer Mutter, und 23, die wir von unserem Vater geerbt haben; daher besitzen wir von jedem Gen zwei Ausfertigungen: eine mütterliche und eine väterliche. Aber Achtung, einige Chromosomen sind besonders wichtig. Zwei davon, das X- und das Y-Chromosom, werden Geschlechtschromosomen* genannt, weil sie unser jeweiliges Geschlecht bestimmen. Frauen haben zwei X-Chromosomen und geben eins davon an jedes ihrer Kinder weiter, gleich ob sie Mädchen oder Jungen sind. Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom und können daher ihren Nachkommen das eine oder das andere vererben: Wenn es ein X ist, wird das Kind ein Mädchen, wenn es ein Y ist, ein Junge. Folglich hängt das Geschlecht eines Kindes, das auf die Welt kommt, allein vom Vater und nicht von der Mutter ab. Das erinnert uns doch an die Frauen, die von ihren Männern, etwa dem Schah von Persien, verstoßen wurden, weil sie ihrem Gemahl nicht den heißersehnten männlichen Erben schenkten! Nein, Blödsinn: Schuld ist, wenn man überhaupt von Schuld reden kann, der Ehemann, auch wenn er der Schah von Persien ist.

Insgesamt hängt die menschliche Vielfalt, die Summe der Unterschiede unter den Mitgliedern unserer Spezies, nur teilweise von den genetischen Unterschieden ab. Teilweise geht sie auch auf Faktoren zurück, die wir in Ermangelung eines besseren Worts Umwelteinflüsse oder kulturelle Einflüsse nennen können: darauf, was wir essen oder gegessen haben, wie viel wir unseren Körper bewegen oder bewegt haben, wie warm es ist oder wie warm es war, als wir klein waren.

Es ist nicht immer einfach zu unterscheiden zwischen dem, was auf unsere Gene zurückgeht, und dem, was Umwelt und Kultur bewirken. In vielen Fällen ist Letzteres sogar offensichtlicher als Ersteres. Wir kleiden uns auf verschiedene Weise, tragen die Haare lang oder kurz und laufen in Schuhen oder mit nackten Füßen herum. Ein Typ ohne Schuhe im Bus springt mehr ins Auge als der Träger einer genetischen Anomalie, doch es reicht, wenn er Schuhe anzieht, damit er wieder gleich ist wie alle anderen. Entsprechend geht es einer Frau ohne Kopftuch in Teheran. Es ist klar, dass solche Unterschiede die Art und Weise beeinflussen, wie wir uns verhalten; sie haben aber nichts mit unserer Biologie zu tun, und wir dürfen sie nicht in Betracht ziehen, wenn wir von Rassen sprechen.

Tatsache ist allerdings, dass die Umwelt auch auf eine subtilere Weise mit den Genen interagiert. Denken wir etwa an unser Gewicht. Natürlich hat das etwas mit unseren Genen zu tun: Schlanke Eltern haben im Allgemeinen schlanke Kinder, und dicke Eltern haben mit größerer Wahrscheinlichkeit dicke Kinder. Aber wie viele meiner 80 Kilo sind in den Genen eingeschrieben, die ich von Mutter und Vater geerbt habe, und wie viele stammen von den vielen Spaghetti der letzten zwanzig Jahre? Und wie viel von meiner Intelligenz – um auf ein höchst kontroverses Thema zu kommen, auf das wir noch einmal zurückkommen werden – habe ich einfach, weil sie seit meiner Geburt in meinen Genen angelegt war und zuvor in den Genen von Mutter und Vater, und wie viel davon habe ich durch Lernen und Üben entwickelt?

Darüber lässt sich endlos streiten, und darüber hat man auch endlos gestritten. Ich finde, dass eine Antwort darauf unmöglich ist, weil die Frage so falsch gestellt ist. Wir sind ebenso wenig die Summe der Einflüsse von Natur und Umwelt wie irgendein anderes Lebewesen. Die Wirkung der Gene von denen der Umwelt zu unterscheiden ist nur in wenigen Fällen leicht und im Allgemeinen schwierig. Unsere Blutgruppe ist A, B, AB oder 0, ganz unabhängig davon, wie unser Speiseplan war oder wie viel wir gelernt haben: Diese Eigenschaft hängt ausschließlich davon ab, wie sich die Allele eines unserer Gene in der Eizelle zusammengefügt haben, von der wir kommen. Hautfarbe, Statur, Gewicht, Einfühlungsvermögen und Intelligenz (was immer das Wort bedeuten mag) sind dagegen nicht das Produkt eines einzelnen Gens, sondern vieler, und werden vor allem durch die Sonneneinstrahlung, durch das, was wir essen, und das, was wir lesen, beeinflusst, davon, mit welchen Menschen wir uns treffen und wie viel Sport wir treiben.

Wir müssen also ein anderes Verständnis von unseren Genen entwickeln: als Erbfaktoren, die die Grenzen dessen darstellen, was wir sein können. Diese Grenzen sind ziemlich weit gefasst; wo wir uns innerhalb ihrer ansiedeln, hängt von den unterschiedlichen Umständen ab, unter denen wir aufgewachsen sind und leben. Wir haben nicht alle dieselben Grenzen und wir werden nicht alle, auch wenn wir eifrig üben, den Nobelpreis oder die Tour de France gewinnen; bei guter Ernährung werden wir allerdings gewöhnlich größer – das können wir beobachten, wenn wir uns mit unseren Großeltern vergleichen. Doch niemand von uns wird drei Meter groß werden, weil das Gene erfordern würde, die wir nicht besitzen (die Giraffen, wie wir gesehen haben, dagegen sehr wohl). Ebenso haben manche Menschen genetische Voraussetzungen dafür, länger zu leben als andere, zum Beispiel, weil ihr Kreislauf weniger darunter leidet, wenn sie zu viele fette Speisen verzehren. Wenn wir aber darauf achten, was wir essen, und uns genug bewegen, verlängert sich die mittlere Lebenserwartung, und wir hoffen, sie noch weiter zu verlängern; doch gibt es, im Unterschied zu dem, was man neuerdings hört, biologische Grenzen der Langlebigkeit, und Unsterblichkeit ist ganz klar außer unserer Reichweite.

Wenn wir ein anderes Beispiel nehmen, können wir mit Übung und Training zuerst 50 Kilometer, dann sogar 100 Kilometer mit dem Rad zurücklegen, und manche, wie die Radprofis, schaffen sogar mehrere hundert Kilometer am Tag, doch unsere Maschinerie von Muskeln, Knochen und Gelenken, die in unseren Genen codiert ist, erlaubt uns nicht, mehr als durchschnittlich 90 Kilometer täglich zu radeln. Auf dem (von der monströsen Masse des Blödsinns, der dazu publiziert wird, bedrohten) Gebiet der Intelligenz sind unsere Fähigkeiten, zu rechnen und zu denken, groß, aber nicht unbegrenzt; mit etwas Übung können wir sie erweitern, mehr im Gedächtnis behalten und schneller kalkulieren – doch das geht nur bis zu einem gewissen Punkt. Mit etwas Übung können wir zwar schneller laufen oder tolle Punktzahlen bei Intelligenztests erreichen, doch es wird uns nie gelingen, unsere Zellen dazu zu bewegen, Chlorophyll herzustellen oder Penicillin zu produzieren, wenn wir es brauchen. Wir haben angeborene Grenzen; unsere menschlichen Gene ermöglichen vieles, aber so etwas nicht.

Wir sind, was wir sind, weil die Gene, die aus einer langen Reihe von Vorfahren auf uns gekommen sind – zuletzt von Mutter und Vater – sich auch in der Umwelt ausgedrückt haben, in der wir aufgewachsen sind und in der wir leben.

Um zu verstehen, ob es Rassen gibt – das heißt, deutliche genetische Unterschiede zwischen Menschengruppen – müssen wir den Einfluss der Umwelt beiseitelassen. Deshalb sollten wir nicht von Eigenschaften wie unserem Gewicht ausgehen, unserer Sprintgeschwindigkeit oder, was noch schlechter wäre, unseren intellektuellen Fähigkeiten, weil Gewicht, Schnelligkeit und die Fähigkeit, psychologische Tests zu bestehen, auf eine noch immer schwer verständliche Weise zwar auch von unseren Genen, aber ebenso auch von der Umwelt bestimmt sind, sowie von der Art, wie Umwelteinflüsse und unsere Gene miteinander verwoben sind. Um allmählich zu verstehen, ob und inwiefern die Unterschiede zwischen uns und den anderen um uns herum in den Genen festgeschrieben sind, müssen wir Gene befragen, deren Wirkung wir gut kennen. Und bevor wir damit beginnen, müssen wir uns einmal gründlich darüber verständigen, was wir unter Rasse verstehen.

Viele der in diesem Kapitel und den folgenden zitierten wissenschaftlichen Artikel kann man von den Websites der Zeitschriften, in denen sie erschienen sind, gratis herunterladen. Natürlich sind sie auf Englisch.

Eine ausgezeichnete Suchmaschine, mit der sich Artikel finden lassen, wenn man einen Schlüsselbegriff oder einen Autorennamen eingibt, ist: Medline: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed. Ein Großteil der Artikel des Autors lassen sich von der Website www.guidobarbujani.it. herunterladen.

Als Geschichte des biologischen und evolutionstheoretischen Denkens zu empfehlen ist: E. Mayr, Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt: Vielfalt, Evolution und Vererbung, Berlin 1984.

Über die große Kette der Wesen informiert sehr gut der gleichnamige Wikipedia-Artikel.

Das Darwin-Zitat in Anführungszeichen ist der letzte Absatz von Der Ursprung der Arten in der im Projekt Gutenberg abrufbaren Übersetzung von Richard Böhme.

Die Bemerkungen von Haughton berichtet Darwin selbst in seiner Autobiographie: Charles Darwin, Mein Leben, zuletzt Frankfurt 2008

Zur Geschichte der Evolutionstheorie kann man etwa das 1. Kapitel lesen von: Mark Ridley, Evoluton, Neuausgabe, New York 1993. Ich persönlich empfehle wärmstens: Telmo Pievani, La teoria dell’evoluzione, Bologna 2006.

Denjenigen, die sich besonders für die Evolution des Giraffenhalses interessieren, empfehle ich: S. Gould, »The tallest tale«, in: Natural History 105, 1996, S. 18-27, auch wenn Carla Castellacci, der ich dafür danke, mich auf einen Artikel hingewiesen hat von: R.E. Simmons, L. Scheepers (1996), »Winning by a neck: Sexual selection in the evolution of Giraffe«, in: American Naturalist, 148, 1996, S. 772-786, der eine ganz andere Evolutionsgeschichte vorschlägt.

Die Botschaft von Johannes Paul II. an die Accademia Pontificia delle Scienze vom 22. Oktober 1996 findet sich auf dieser Website: http://fbertoldi.free.fr/culturanuova/accademia/GP2_evoluzione.php. Sie wurde wiederveröffentlicht in Quarterly Review of Biology 72 von Dezember 1997, S. 381-406, zusammen mit den Kommentaren von vier Wissenschaftlern (allzu kritisch kommt mir der von Richard Dawkins vor), und wurde noch einmal aufgenommen von Stephen Jay Gould, in einem Essay mit dem Titel »Non overlapping magisteria«, in Natural History 106, 1997, S. 16-22.

Der Brief des Wiener Erzbischofs Christoph Schönborn über die Evolution ist in der New York Times vom 7. Juli 2005 erschienen.

Die Beobachtung von Steve Jones darüber, dass tausende Jahre der Beschneidung nicht zur Evolution erworbener Eigenschaften geführt haben, habe ich gefunden in Adam Rutherfords wunderbarem Buch Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat: Was unsere Gene über uns verraten, Reinbek 2018, in dem es um viele interessante Dinge geht, wie etwa die Gene der ersten Europäer und das Humangenomprojekt.

Die Möglichkeit, das menschliche Leben unbegrenzt zu verlängern, wird von Edoardo Boncinelli und Galeazzo Sciarretta diskutiert, in: Verso l’immortalità: la scienza e il sogno di vincere il tempo, Mailand 2005. Für eine entgegengesetzte und gut belegte Ansicht lohnt sich der sehr wissenschaftliche und sehr klare Artikel von John Maynard Smith et al., »The evolution of non-infectious and degenerative disease«, in: Evolution of Health and Disease, hg. von Stephen Stearns, Oxford 1999, S. 267-272.

Es gibt zahlreiche gute Einführungen in die Genetik, aber es lohnt sich nur, sie zu kaufen, wenn man Lust hat, sie wirklich zu studieren. Ein guter, wenn auch nicht mehr ganz junger Text über die menschliche Diversität ist immer noch: Richard Lewontin, Human Diversity, Boston 1987. Doch es lohnt sich, sich auch mit dem bereits erwähnten Buch von Jay Gould zu befassen: Der falsch vermessene Mensch, Frankfurt 1988, in dem es um Versuche geht, dem Rassismus einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Dasselbe gilt für Uomini per caso von Olga Rickards und Gianfranco Biondi, Rom 2001, und Luca Cavalli-Sforza, Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation, München 1999.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
17 eylül 2025
Hacim:
327 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9783964281043
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar